Paris und die Weissagung
In, Kleinasien, unweit des Hellespont, stand in alten Zeiten die Stadt Troja. Hinter mächtigen Stadtmauern herrschte König Priamos mit seiner Königin Hekuba. Eines Nachts hatte die Königin einen seltsamen Traum. Ihr träumte, sie habe ein Kindlein geboren. Als sie es auf der Arm nehmen wollte, verwandelte es sich in eine brennende Fackel.
Das Feuer der Fackel sprang auf die Königsburg über, von der Burg auf die umliegenden Häuser, und bald stand die ganze Stadt in hellen Flammen.
Entsetzt erwachte die Königin und erzählte ihren Traum dem König. Noch im Morgengrauen ließ der König die Seher zusammenrufen, um den Traum der Königin zu deuten. Ungern sagten die Seher dem König die böse Botschaft, die der Unglückstraum in sich barg. Die Königin werde einen Sohn gebären, der der ganzen Stadt Verderben bringen sollte. Wolle der König sein eigenes Leben, das Leben seiner Gattin und Kinder, das Leben der Bürger und die Stadt Troja retten, so möge er das Neugeborene in den öden Bergen aussetzen lassen. Besser, das Kind sterbe, als daß so viele unschuldige, ehrliche Menschen ums Leben kämen.
Einige Zeit darauf gebar die Königin einen Sohn. Weinend nahm sie Abschied von dem Kind, und betrübt gab König Priamos es seinen Dienern, auf daß sie es ins Gebirge brächten. Die Diener dauerte der hübsche Knabe, doch sie fürchteten sich, den Befehl des Königs zu mißachten, denn sie kannten die Weissagung. Sie setzten das Kind im Gebirge aus und liefen rasch in die Stadt zurück. Sie wollten das Kind nicht weinen und schreien hören.
Das verlassene Kind mußte nicht lange weinen. Eine Bärin fand es, beschnüffelte es und leckte es ab, nahm vorsichtig die Decke, in die es gewickelt war, zwischen die Zähne und trug es in die Höhle zu ihren Jungen. So wuchs der Knabe unter den Bären auf, die Bärin ernährte ihn, und die Jungen spielten mit ihm. Der Knabe wurde stark, lernte laufen und auf Bäume klettern, nur das Sprechen konnte er von den Bären nicht erlernen.
Eines Tages suchte in jener Gegend ein Hirte ein verlaufenes Schaf und gewahrte in einem Schlag den spielenden Knaben. Er nahm ihn in seine Hütte, und von da an lebte der Knabe mit den Hirten. Er half ihnen die Herden hüten und lernte schließlich auch sprechen. Er wuchs und wurde zu einem starken, großen Jüngling und erhielt den Namen Paris. Er kannte keine Furcht. Er schützte die Herden vor wilden Tieren und Räubern, und alle Hirten hatten ihn gern.
Der goldene Apfel
Paris saß inmitten seiner Herde, blies die Flöte und paßte auf, daß kein Schaf sich in den Wald verirrte. Einmal hob er eben die Flöte zum Mund, als vor ihm plötzlich drei schöne Göttinnen erschienen. Hera, die Gattin des Göttervaters Zeus, Athene, die Göttin der Weisheit und Beschützerin der Starken und Klugen, und Aphrodite, die Göttin der Schönheit und Liebe. Beim Anblick der Göttinnen erstarrte Paris vor Staunen.
Göttin Hera reichte ihm einen goldenen Apfel und sprach: "Paris, schlichte unseren Streit. Wir streiten um den goldenen Apfel. Die Schönste von uns soll ihn haben. Schau uns gut an und sage, welcher von uns der Apfel gebührt. Gibst du ihn mir, so wirst du zum Herrscher über ganz Asien, zum mächtigsten König der ganzen Welt werden."
Athene lächelte und sagte: "Wenn ich den Apfel bekomme, will ich dich zum ruhmreichsten Heerführer aller Zeiten machen. Du wirst jeden Krieg gewinnen, und die feindlichen Städte werden dir ihre Tore öffnen, sowie du dich mit deinem Heer nur näherst."
Aphrodite sprach mit süßer Stimme: "Gibst du den Apfel mir, so verspreche ich dir eine Frau, so schön, wie die Welt sie noch nie gesehen hat."
Paris überlegte einen Augenblick und reichte sodann den Apfel der Göttin Aphrodite. Damit erzürnte er die Göttinnen Hera und Athene und entschied über sein Schicksal und das der Stadt Troja.
Die schöne Helena
In der Stadt bereitete man gerade ein Fest und große Wettkämpfe vor. Die Hirten schickten Paris in die Stadt, um einen Stier zum Fest zu bringen. Zum erstenmal im Leben sah Paris eine so mächtige Stadt. Ganz benommen ging er durch die Straßen und bestaunte die hohen steinernen Tempel und Häuser. Am besten gefiel ihm der Kampfplatz. Und weil er jung, stark und mutig war, meldete auch er sich zu den Wettkämpfen. Er hielt sich so gut, daß er im Kampf auch seine Brüder besiegte, sogar den tapfersten von ihnen, Hektor.
König Priamos ließ den Sieger zu sich rufen und fragte ihn nach seiner Herkunft. Paris erzählte dem König sein Schicksal, und der König erkannte, daß der fremde Jüngling sein eigener Sohn war. Gerührt umarmte Priamos den Paris und nahm ihn, der Weissagung nicht achtend, in sein Schloß au£ Der wiedergefundene Sohn kehrte zu Mutter und Geschwistern zurück.
Göttin Aphrodite hatte Paris nicht vergessen. Sie erschien ihm bald und sprach: "Ich komme, Paris, mein Versprechen zu erfüllen. Du hast als Belohnung die schönste aller Frauen gewählt, und ich will dir zu ihr verhelfen. Die schönste von allen ist Helena, die Frau des Königs von Sparta, Menelaos. Ihr Vater, Zeus, hat ihr überirdische Schönheit verliehen. Zaudere nicht und geh daran, ein Schiff zu bauen. Ich werde dich nicht im Stich lassen."
Paris gehorchte dem Wink der Göttin und begann, ein Schiff zu bauen. Er machte sich zur Reise nach Sparta bereit. Traurig beobachtete Vater Priamos Paris' Vorbereitungen zu einer weiten Reise. Die Seher erschraken und sahen in Paris' Reise den Beginn des Verderbens, das über alle hereinbrechen würde. Vergeblich versuchten König und Königin, Geschwister und Seher, Paris von seiner Absicht abzubringen. Ohne Unterlaß baute er an seinem Schiff und Göttin Aphrodite half ihm dabei.
Endlich berührte der Kiel des Schiffes das Wasser, und der rote Bug durchschnitt die Wellen. Allen Warnungen und Weissagungen zum Trotz fuhr Paris mit seinen Seeleuten aus. Aphrodite sorgte für günstigen Wind, und das Schiff flog mit geschwellten Segeln wie auf Flügeln dahin.
Menelaos, der König von Sparta, nahm den Gast aus dem fernen Troja freundlich auf und bewirtete ihn. Er ahnte nicht, daß Paris in seinen Palast gekommen war, um Böses zu säen, dessen Ernte der Tod auf fernem Schlachtfeld sein würde. Aphrodite führte dem Paris Menelaos' Frau Helena in den Weg und weckte Liebe in ihrem Herzen. Paris gefiel ihr, und sie gefiel dem Paris. Er mißachtete die Gesetze der Gastfreundschaft, die auch den Göttern heilig sind, und entführte Helena nachts auf sein Schiff.
Den Seeleuten schlug das Herz höher, als sie sie sahen. Ihnen war, als sei der Silbermond vom Himmel auf ihr Schiff herabgestiegen und führe mit ihnen zum Morgenstrand der Nacht. So hell strahlte ihre weiße Schönheit. Das Schiff durchfurchte das nächtliche Dunkel, und Göttin Aphrodite geleitete es zur trojanischen Küste.
Die Fahrt nach Troja
Sowie König Menelaos des Paris Verbrechen entdeckte, zog er eilends nach Mykene. Dort herrschte sein Bruder, König Agamemnon. Menelaos und Agamemnon berieten, wie der ungetreue Gast zu bestrafen sei. Noch am gleichen Tag eilten Boten in alle Himmelsrichtungen, um die Helden Griechenlands zum Kriegszug gegen Troja aufzurufen. Das ganze Land hallte wider vom Klirren der Waffen, man prüfte die Schärfe der Schwerter, spannte die Sehnen der Bogen und setzte die Helme auf, in den Häfen fraßen sich die Äxte in duftendes Holz, neue Schiffe wurden gebaut, Ruder gezimmert und Segel gespannt. Die Griechen verließen ihre Heimstätten, Frauen und Kinder, Mütter und Väter, und zogen nach Aulis, wo Heer und Flotte sich sammelten.
Nur der König von Ithaka, Odysseus, wollte sich von seiner Frau Penelope und seinem Söhnchen Telemachos nicht trennen. Er war kein mächtiger König, aber allseits geachtet wegen seiner Tapferkeit, Weisheit und Schlauheit. Darum wollten die Boten nicht ohne ihn abziehen. Sie suchten ihn im Palast und im Garten, fanden ihn aber nicht. Sie trafen ihn auf dem Feld, wo er Wahnsinn mimte. Er hatte einen Ochsen mit einem Pferd vor den Pflug gespannt, pflügte mit dem ungleichen Gespann und säte Salz statt Korn. Ratlos standen die Boten vor dem klugen König, der sie mit stets gleichem Lächeln ansah und auf ihre Fragen verwirrte Antworten gab. Fast wären sie unverrichteter Dinge abgezogen, hätte nicht einer von ihnen eine List gebraucht. Er legte den kleinen Telemachos vor Odysseus' Gespann. Dieser hielt den Pflug an und führte sein Söhnchen weg. Damit verriet er, daß er nicht den Verstand verloren hatte. So mußte er mit den übrigen in den Krieg ziehen.
In den Krieg zog auch Achilles, der tapferste Held des ganzen Aufgebots. Er galt als unverwundbar. Als er geboren wurde, fragte seine Mutter, die Meernixe Thetis, was ihr Sohn für ein Schicksal haben werde. Die Schicksalsgöttinnen sagten ihr, Achilles würde ein ruhmreicher Held werden, jedoch in jungen Jahren fallen. Um ihn vor den Pfeilen und Schwertern der Feinde zu schützen, tauchte Thetis ihn in das Zauberwasser des Unterweltflusses Styx. Das wundertätige Wasser machte Achilles am ganzen Körper unverwundbar, nur nicht an der Ferse, an der ihn die Mutter hielt. Achilles wurde, wie so mancher andere griechische Held, von einem weisen und starken Kentauren unterrichtet und ausgebildet. In prächtiger Rüstung, einem jungen Gotte gleich, zog der tapfere Achilles in den Krieg. Ihn begleitete sein liebster Freund, der treue Patroklos.
In Aulis versammelten sich zwölfhundert griechische Schiffe. Oberbefehlshaber der Flotte war König Agamemnon. Vor der Abfahrt opferten die Helden unter einer großen Platane den unsterblichen Göttern. Da sandte Zeus ihnen ein Zeichen. Eine große Schlange kam zum Baum gekrochen, wand sich den Stamm empor und erwürgte acht Vogeljunge und ihre Mutter, die auf einem Zweig ihr Nest hatten; sodann wurde die Schlange zu Stein. Die Seher legten den Vorfall so aus, daß der Krieg neun Jahre dauern und im zehnten Jahr Troja fallen würde.
Iphigenie
Die Flotte stand bereit, und die Griechen warteten nur noch auf günstigen Wind. Die Segel hingen schlaff herab, kein Blatt rührte sich an den Bäumen. Die Göttin Artemis zürnte dem König Agamemnon, weil er ihre Lieblingshirschkuh erlegt hatte, und hielt das Heer im Hafen fest. Als die Windstille nicht enden wollte, rieten die Seher dem Agamemnon, den Zorn der Göttin durch ein Opfer zu besänftigen. "Opfere deine Tochter Iphigenie", befahlen sie.
Agamemnon zögerte, diese grausame Forderung zu erfüllen, doch um den Feldzug nicht scheitern zu lassen, entschloß er sich schließlich doch zu dem schweren Opfer. Er sandte einen Brief nach Hause, in dem er Iphigenie zu sich ins Lager bat. Kaum hatte er den Brief abgeschickt, schauderte ihm, und er schrieb sogleich einen zweiten, Iphigenie solle nicht kommen. König Menelaos sah, wie ein weiterer Bote aus Agamemnons Zelt hinauseilte, und vermutete, der Befehlshaber könnte seinen Entschluß geändert haben. Aus Angst, Agamemnon könnte sich von dem Feldzug lossagen, folgte Menelaos eilends dem Boten und nahm ihm das Schreiben ab. So erhielt Iphigenie nur den ersten Brief und reiste gehorsam zu ihrem Vater. Verzweifelt begrüßte Agamemnon sie im Lager, und die Priester machten alles zum Opfer bereit. Schon holten sie Iphigenie und führten sie zum Altar, während Agamemnon sein Antlitz verdeckte. Doch da hüllte der Altar sich in Nebel, und ein Windstoß entführte Iphigenie weit fort, nach Tauris. Dort wurde sie Priesterin der Artemis. Die besänftigte Göttin hatte anstelle des Mädchens eine Hirschkuh auf den Altar gelegt.
Der Krieg um Troja beginnt
Ein günstiger Wind kam auf, kräuselte das Meer und schwellte die Segel. Die Schiffe der Griechen liefen aus.
Eines Tages erblickten die trojanischen Wachen von der Stadtmauer aus die Maste und Segel der feindlichen Flotte. Die trojanischen Krieger griffen zu den Waffen und stürzten aus der Stadt hinaus, um die Küste zu verteidigen. Ihr Anführer war König Priamos' ältester Sohn, Hektor.
Die Griechen wußten, daß derjenige von ihnen, der als erster trojanischen Boden betrat, sterben mußte ein Orakel hatte dies vorhergesagt. Kaum erreichte das erste Schiff die Küste, sprang ein junger griechischer Held an Land und wählte freiwillig den Tod. Das ganze Griechenheer folgte ihm, und Hektor zog sich mit seinen Trojanern zurück. Achilles sprang mit solcher Heftigkeit vom Schiff, daß unter seinen Fersen die Erde aufbrach und eine Quelle hervorsprudelte. Der unverwundbare Held stürzte sich so kraftvoll in den Kampf, daß die Trojaner entsetzt vor seinen Streichen und dem Strahlen seiner Rüstung hinter die Stadtmauer flüchteten.
Die Griechen zogen ihre Kriegsschiffe ans Land, errichteten ein Lager und umgaben es mit einem Wall. Achilles ließ sich rund um sein Zelt eine Schutzwehr aus mächtigen, in die Erde gerammten Pfählen bauen. Das Tor in der Schutzwehr war mit einem riesigen Balken verriegelt, den drei starke Männer nur mit Mühe bewegen konnten. Nur Achilles konnte ihn allein heben und das Tor öffnen.
Jeden Tag begaben sich die Griechen auf Streifzüge in die Umgebung Trojas und kehrten mit reicher Beute ins Lager zurück. Die Stadt Troja aber trotzte allen griechischen Angriffen.
Achilles
Neun Kriegsjahre lang schwankte der Sieg zwischen Trojanern und Griechen, neun Jahre lang weinten in Troja die Witwen um ihre Gefallenen, und der Boden Asiens trank griechisches Blut in Fülle. Im zehnten Jahr brach zwischen Achilles und Agamemnon ein heftiger Streit um Kriegsbeute aus. Agamemnon machte sich seine Stellung als Oberbefehlshaber zunutze., um den Streit zu gewinnen. Er zwang Achilles, einen Teil seiner Beute herauszugeben. Verbittert lehnte der Held es ab, weiter zu kämpfen. Er ging zum Meer und klagte seiner Mutter, der Meernixe, das Unrecht, das ihm widerfahren war. Die Mutter wußte schon davon, kam aus den rauschenden Wellen hervor und tröstete den Sohn. Achilles bat die Mutter, beim Göttervater Zeus für die Niederlage von Agamemnons Heer zu bitten. Die liebende Mutter konnte ihrem Sohn nichts abschlagen. Sie wandte sich an Zeus, und die Griechen begannen zu verlieren. Achilles saß untätig im Zelt, sein Schwert und sein Speer rasteten. Die Trojaner aber wurden kühner und kühner. Eines Tages brachen sie ins Lager der Griechen ein und schickten sich an, deren Schiffe zu verbrennen. Aber nicht einmal der Gestank des brennenden Holzes lockte Achilles aus dem Zelt.
Im Augenblick der höchsten Gefahr kam zu Achilles sein Freund Patroklos gelaufen. Er bat und beschwor ihn, wenn er schon selbst nicht kämpfen wolle, ihm wenigstens seine Rüstung zu leihen. Die Trojaner würden glauben, der tapfere Achilles komme, und gewiß in die Stadt zurückfliehen. Achilles gab nach und lieh dem Freund seine prächtige Rüstung. Dabei riet er ihm: "Laß dich nicht ins Kampfgetümmel ziehen, mein Freund, und verfolge die Trojaner nicht. Zeig dich ihnen nur, das genügt. Sobald die Trojaner aus dem Lager abziehen, komm sofort wieder zurück. Den Kampf vor Troja überlasse den anderen. Ich leihe dir die Rüstung nur, damit sie uns die Schiffe nicht verbrennen."
Eilends legte Patroklos Achilles schimmernden Panzer an, setzte den Helm mit dem Roßschweif auf und wählte zwei Speere aus. Den Speer des Achilles ließ er stehen, den konnte niemand schwingen als Achilles selbst. Schließlich ergriff er den Schild und rückte an der Spitze von Achills Kriegern gegen die Trojaner aus. Diese zitterten bei seinem Anblick wie Gras im Wind. Sie sahen Achills Rüstung und glaubten, Achilles habe sich mit Agamemnon ausgesöhnt und stürze sich nun in die Schlacht. Die Reihen der Trojaner wurden dünn, die Krieger wandten sich zur Flucht und rissen das ganze Heer mit sich. Die Griechen, von Patroklos geführt, verfolgten sie, Schild an Schild.. Helm an Helm, wie eine wandelnde Mauer jagten sie den Feind vor sich her. Im Rausch des Erfolges bahnte Patroklos sich tapfer den Weg zum trojanischen Heerführer Hektor. Er dachte nicht an Achills Rat und wagte sich mitten in den Haufen der Feinde auf dem freien Feld vor der Stadt. Da traf ihn ein feindlicher Speer.
Hektor sah, daß Patroklos verwundet war, schlug sich zu ihm durch und versetzte ihm den Todesstreich. Um die Leiche des Patroklos entbrannte ein Kampf Die Griechen behielten schließlich die Oberhand und trugen Patroklos ins Lager zurück; doch Hektor erbeutete Achills Rüstung.
Als Achilles in seinem Zelt vom Tod seines treuen Freundes erfuhr, verfiel er in tiefe Trauer. Er bestreute sein Haupt mit Staub und sein Klagen erscholl weithin bis zum Meeresstrand. Auch Achills Mutter hörte sein Wehklagen. Sie verließ ihre feuchte Wohnstatt und besuchte ihren unglücklichen Sohn. Sie fand Achilles voll flammender Begier, den Tod des Freundes zu rächen.
Traurig schaute sie ihn an und sagte: "Tötest du Hektor, wird auch dich bald der Tod ereilen."
"Lieber will ich sterben" rief Achilles aus "als den Mörder meines Freundes am Leben lassen!"
Achills Mutter brachte ihm von Hephaistos eine neue, noch schönere Rüstung als Ersatz für die verlorene. Achilles schloß Frieden mit Agamemnon und warf sich in seiner neuen Rüstung wie ein Löwe auf die Trojaner. Er vernichtete alle Feinde in seiner Reichweite und suchte unter den feindlichen Kriegern Hektor. Er erblickte ihn, wie er das Schwert schwang, und stürzte auf ihn zu. Und der tapfere Hektor wurde beim Anblick Achills und dessen himmlischer Rüstung von Angst gepackt. Er machte kehrt und ergriff die Flucht. Dreimal rund um die Stadtmauer verfolgte Achilles Hektor und durchbohrte ihn schließlich mit dem Speer. Voll Grimm band er Hektors Leiche an seinen Wagen und schleifte ihn zur Schmach rund um die Stadt, vor den Augen der Trojaner, die auf der Mauer standen.
In der Nacht kam der alte König Priamos ins griechische Lager zu Achilles und bat ihn, ihm Hektors Leiche herauszugeben. Das Flehen des alten Vaters rührte Achilles, er dachte an die Heimat und überließ Hektors Leiche dem trojanischen König, auf daß er seinen Sohn mit allen Ehren begrabe.
Bald nach Hektors Tod fiel auch Achilles. Paris traf ihn mit dem Pfeil an der Ferse, der einzigen Stelle, wo Achilles nicht unverwundbar war. Große Trauer ergriff das griechische Lager, und selbst die Meerestiefen rauschten vor Schmerz. Die Meernymphen stiegen aus den Fluten und beweinten den ruhmreichen Helden. Die Musen sangen ihm Grabgesänge. Siebzehn Tage lang dauerte das Weinen und Wehklagen. Am achtzehnten Tag zündeten die Krieger für Achilles einen Scheiterhaufen an, und die Flammen, genährt mit edlen Salben und Opfertieren, schlugen eine ganze Woche zum Himmel.
Das trojanische Pferd
Um die Rüstung Achills bewarben sich zwei Helden, Odysseus und Ajax. Von Rechts wegen sollte Ajax die Rüstung erhalten, doch Agamemnon und Menelaos sprachen sie Odysseus zu. Ajax fand sich mit der ungerechten Entscheidung nicht ab und in seinem Zorn beschloß er, die griechischen Führer und Odysseus zu ermorden. Mitten in der Nacht kam er, das Schwert in der Hand, aus dem Zelt und suchte seine Feinde. Die Göttin Athene beschützte jedoch die Griechen. Sie schlug den Helden mit Wahnsinn. Von irrsinniger Wut verblendet, hielt Ajax eine Schafherde für seine Feinde und begann mit ihr wie mit einem Heer zu kämpfen. Er nahm sogar einige Schafe gefangen und fesselte sie. Im Morgengrauen sah er, was er getan hatte und kam zu sich. Vor Scham über seine Tat nahm er sich das Leben. Mit Ajax verloren die Griechen einen weiteren großen Helden.
Odysseus gelang es, einen trojanischen Seher gefangenzunehmen. Er zwang ihn, ihm zu weissagen wie die Griechen Troja erobern könnten. Da hörte er, daß es notwendig sei, noch zwei andere griechische Helden herbeizurufen: Achills Sohn Neoptolemos und den berühmten Philoktetos, dem Herakles seinen Bogen und seine todbringenden Pfeile vermacht hatte.
Odysseus sandte ein Schiff aus, das die Helden vor Troja brachte. Philoktetos tötete den Paris, Troja aber ergab sich nicht.
Als Kraft und Waffen der Helden nichts fruchteten, griff Odysseus zur List. Er verkleidete sich als Bettler, schlich sich in die Stadt und durchforschte sie gründlich Er traf auch mit Menelaos' Gattin Helena zusammen, die sehnlichst in die Heimat zurückzukehren wünschte. Wieder im griechischen Lager, befahl Odysseus, ein riesiges hölzernes Pferd zu bauen. Im hohlen Bauch des Pferdes verbarg sich Odysseus mit den größten griechischen Helden. Die anderen brannten das Lager nieder, bestiegen die Schiffe und segelten fort, als hätten sie die Belagerung abgebrochen. Sie fuhren jedoch nicht weit, sondern hielten sich auf einer nahen Insel versteckt.
Mit Freuden beobachteten die Trojaner den Abzug des Griechenheeres. Von Mund zu Mund flog die frohe Botschaft vom Ende des langen Krieges. Die Tore Trojas öffneten sich, und die Bewohner strömten hinaus an den Strand. Staunend standen sie um das riesige Holzpferd herum. In den Uferfelsen entdeckten sie einen Griechen den der listenreiche Odysseus dort zurückgelassen hatte.
Der Grieche fiel auf die Knie und rief: "Tötet mich nicht, gute Leute! Nur um Haaresbreite bin ich den Griechen entronnen. Sie wollten mich opfern wie Iphigenie, um gut in die Heimat zurückzukommen. Dieses hölzerne Pferd haben sie auf Befehl der Götter hier aufgestellt, als Geschenk für die Stadt Troja."
Die Trojaner glaubten dem Griechen. Nur der trojanische Priester Laokoon ahnte, daß das Pferd der Stadt Verderben bringen werde, und warnte: "Glaubt nicht den Griechen, glaubt nicht den Danaern! Werft das Danaergeschenk ins Meer oder verbrennt es! Zieht das Pferd nicht in die Stadt!"
Da tauchten aus dem Meer zwei ungeheure Schlangen auf und krochen auf ihn zu. Mit ihren schlüpfrigen Leibern wanden sie sich um den Priester und seine beiden Söhne und erwürgten sie. Das Schicksal hatte der Stadt den Untergang bestimmt.
Die Trojaner sahen in Laokoons Tod ein Gottesgericht und zogen bedenkenlos das hölzerne Pferd in die Stadt. Festmahl und Feiern beschlossen den Tag, und bald lag die Stadt in friedlichem Schlummer. In der Stille der Nacht stieg Helena auf die Stadtmauer und gab den Griechen am Meer mit einer brennenden Fackel das vereinbarte Zeichen zur Rückkehr. Aus dem Bauch des hölzernen Pferdes stiegen die Helden und öffneten die Stadttore dem Heer, das die Schiffe wieder an der Küste Trojas verankert hatte.
Der Untergang Trojas
Waffengeklirr, Geschrei und Flammenschein weckten die schlafenden Trojaner. Noch schlaftrunken griffen sie nach den Waffen. Der Kampf tobte in jedem Haus. Die Stadt brannte an allen Ecken und Enden, und im grellen Licht der Brände kämpften die Trojaner ihre letzte, verlorene Schlacht. Es fielen König Priamos und fast alle aus dem Königsgeschlecht. Helena wurde von Menelaos aufs Schiff gebracht. Die Stadt versank in Asche, und die Asche mischte sich mit dem Blut von Trojanem und Griechen.
So endete der trojanische Krieg und brachte niemand Gutes. Die Trojaner lagen tot unter den Trümmern ihrer Häuser, und ihre Frauen und Kinder wurden von den Siegern in die Sklaverei verschleppt. Doch zu früh jubelten die Griechen über den Fall Trojas. Nur wenige von jenen, die dem Tod entronnen waren, erreichten ihr fernes Vaterland. Die stürmischen Wogen verschlangen die Kriegsbeute, Gold und Silber, samt Schiffen und Seeleuten. Wer nach langer Irrfahrt die Heimat erreichte, fand statt seiner Lieben oft nur ein Grab. Wie Fremdlinge kamen die Helden nach Hause zurück, der Sohn erkannte nicht das Gesicht des heimgekehrten Vaters, die Frau suchte vergeblich im Antlitz des Greises die teuren Züge ihres Mannes. Der Krieg war zu Ende, doch das Übel, das er geboren hatte, wirkte weiter.