Das falsche
Gewicht von
Joseph Roth
"Es war einmal im Bezirk Zlotogrod ein Eichmeister, der hieß Anselm Eibenschütz. Seine Aufgabe bestand darin, die Maße und die Gewichte der Kaufleute im ganzen Bezirk zu prüfen. In bestimmten Zeiträumen geht Eibenschütz also von einem Laden zum andren und untersucht die Ellen und die Waagen und die Gewichte." Mit diesem märchenhaften Anfang und dem ruhig dahinfließenden Erzählton beginnt Joseph Roths Erzählung "Das falsche Gewicht", die nun auch als Hörbuch erschienen ist.
Erzählt wird die Geschichte des Anselm Eibenschütz, der auf Wunsch seiner Frau nach zwölfjährigem pflichtgetreuem Militärdienst die Armee verläßt und als Eichmeister in ein Städtchen in Galizien an der österreichisch-russischen Grenze der habsburgischen Monarchie kommt. Mit der schlichten Moral des Soldaten und einer tief verwurzelten Ehrfurcht vor dem Gesetz tritt Eibenschütz an, Recht und Ordnung durchzusetzen. Aber das Grenzgebiet ist eine düstere, eine "giftige Gegend", in der die Gesetze des Staates keine Gültigkeit mehr zu haben scheinen: "Denn die Leute in dieser Gegend betrachteten alle jene, welche die Forderungen an Recht, Gesetz, Gerechtigkeit und Staat unerbittlich vertraten, als geborene Feinde. Sie wogen in der Hand und sie maßen mit dem Aug. Es war keine günstige Gegend für einen staatlichen Eichmeister."
Eibenschütz steht als Vertreter der staatlichen Ordnung vor einer Aufgabe, die er nicht bewältigen kann, gerade weil er im Gegensatz zu seinem Vorgänger "nicht alt, nicht schwächlich, nicht trunksüchtig war, sondern im Gegenteil, stattlich, kräftig und redlich; vor allem: allzu redlich." Und dieses Aufeinanderprallen von Recht, Gesetz und Redlichkeit auf der einen Seite und dem von Not und Armut, aber auch von moralischer Indifferenz und Gewinnsucht geprägten Wesen der Zlotogroder Menschen auf der anderen Seite läßt den Eichmeister Eibenschütz das `rechte` Maß, die `richtige Gewichtung` nicht finden. Es wird ihm unmöglich, sein Denken und Handeln nach Maßen einzurichten, er verfällt zusehends, wird selbst zu einer zwielichtigen Gestalt, wie die Menschen, die ihn umgeben.
Da ist einmal
sein Schreiber Nowak, der zwar Redlichkeit vortäuscht, aber die Arbeit des
Eichmeisters desavouiert, seine Frau Regina, die Eibenschütz mit Nowak
hintergeht und ein Kind von ihm erwartet und die Figur des Leibusch Jadlowker,
der die verrufene Grenzschenke im Dorf Szwaby besitzt und der das Urbild
menschlichen Lasters ist und die pure Anarchie verkörpert. Über Jadlowker lernt
Eibenschütz die schöne Zigeunerin Euphemia kennen, deren Zauber er sofort
verfallen ist und ihn zur völligen Unterwerfung und willenlosen Hingabe an sie
führt: "Ach er war in einer gar schlimmen Lage, der Eichmeister Eibenschütz.
Weh, sehr weh tat ihm sein eigenes Schicksal. Das Gesetz einzuhalten, war er
entschlossen. Redlich war er, redlich und sein Herz war gütig und streng
zugleich. Was sollte er machen mit der Güte und Strenge zugleich? Zu gleicher
Zeit läutete in seinen Ohren das goldene Läuten der kleinen Ohrringe der Frau
Euphemia."
Um mit Euphemia Liebe und Glückseligkeit zu genießen, vernachlässigt Eibenschütz
seinen Dienst als Prüfer. Der steigende Alkoholgenuß läßt den Eichmeister Gesetz
und Gewissen zugunsten einer irrealen Wahnwelt Platz tauschen. Mit der
willkürlichen Festnahme des Leibusch Jadlowker durch den Eichmeister sind die
Grenzen zwischen Ordnung und Anarchie bereits verschwommen und gipfeln
schließlich in der Maßnahme gegen den Laden der Familie Singer. Diese haben
einen so armseligen Laden, "daß er sich sogar von den sehr armseligen dieser
Gegend unterschied. So arme Leute gab es in der Gegend nicht, die bei Blume
Singer eingekauft hätten. Und dennoch konnten sie immerhin noch leben - so hilft
Gott den Armen. Ein klein wenig Herz schenkt Er den Reichen, deshalb kommt von
Zeit zu Zeit einer von ihnen und kauft irgend etwas, was er nicht braucht und
was er auf der Straße fortschütten wird." Aber der Rahm im Laden ist sauer, die
Rosinen verschimmelt und die Gewichte falsch, weshalb der Eichmeister zur
Amtshandlung schreitet und die Existenz der Familie Singer ruiniert - denn
Gesetz ist Gesetz.
Die Staatsmacht hat ein letztes Mal die Gewichte geprüft und die Stärke ihrer Gesetze und ihrer Redlichkeit vorgeführt, indem sie den schwächsten Teil der Gesellschaft vernichtete. Dieses starre Festhalten an den Grundsätzen der Ordnung und die Maßlosigkeit des unbedingt geltenden Gesetzes erzeugt sogar beim Unterweltfürsten Jadlowker tiefe Verachtung. Er lauert Eibenschütz vor der Schenke auf und erschlägt ihn. Der Sterbende Eichmeister aber steht plötzlich selbst einem "großen Eichmeister" gegenüber, "dem größten aller Eichmeister", der nun über ihn zu richten hat.
In der abschließenden (zugegeben rätselhaften) Parabel bleibt zwar offen, worin die Richtigkeit und Falschheit von Gewichten und Maßen besteht - im Grunde wird in der Vision des Eichmeisters die ständig in der Handlung präsente Gleichgültigkeit zwischen Recht und Unrecht und Gut und Böse noch verstärkt -, wird Eibenschütz aber seine Unfähigkeit vor Augen geführt, außerhalb der Gesetzesgrenzen der Staatsmacht, die Zeichen des Lebens deuten zu können: "Die meisten sterben dahin, ohne von sich auch nur ein Körnchen Wahrheit erfahren zu haben. Vielleicht erfahren sie es in der anderen Welt. Manchen ist es aber vergönnt, noch in diesem Leben zu erkennen, was sie eigentlich sind. Sie erkennen es gewöhnlich sehr plötzlich, und sie erschrecken gewaltig. Zu dieser Art Menschen gehörte der Eichmeister Eibenschütz."
Joseph Roths
Erzählung "Das falsche Gewicht" ist eine von vielen Editionen aus der Reihe
Romane und Erzählungen des Verlags und Studios für Hörbuchproduktionen. Mit Hans
Eckardt wurde ein Sprecher gewählt, dessen einfühlsame, lebendige und suggestive
Professionalität bereits in über 100 Hörbuchproduktionen zum Ausdruck kommt. 270
Minuten zieht Eckhardt die Hörer in seinen Bann und vermittelt mit dem
ungekürzten Text der Erzählung eindrucksvoll die wunderbare Sprache Joseph Roths
aus einer lang vergangenen Zeit.
Das Hörbuch bietet mit seinen märchenhaften Zügen, mit dem Gleichnischarakter
und den Symptomen der Auflösung und des Niedergangs der mythisierten Ordnung des
Vielvölkerstaates eine Vielzahl an Rezeptionsmöglichkeiten und ist vielleicht
gerade deswegen eine schöne Alternative zu Großmutters Erzählungen vor dem
Kaminfeuer an langen Winterabenden.