Das
Abendgedicht
von
Andreas Gryphius
ist ein
Sonett in
Alexandrinern.
Die Anordnung des Reimes (abba, abba, ccd, eed) gliedert die 14 Zeilen in zwei
Quartette und Terzette, die deutlich voneinander abgehoben sind. Zweigliedrig
wie die Form ist auch der Inhalt des Gedichtes. Die Strophen 1 und 2
vergegenwärtigen die Vergänglichkeit des Irdischen, in den Strophen 3 und 4
wendet sich der Sprechende im Gebet dem Ewigen zu.
In der ersten Strophe wird von Tag und Nacht gesprochen,
und zwar in einer Weise, als wäre von zwei sich bekriegenden Heeren die Rede.
Das auf ‚Tag‘ bezogene Prädikat 'hin sein' in der 1. Halbzeile bedeutet mehr als
'vorüber sein': nämlich auch 'hinüber sein', d. h. 'vernichtet sein'. Die Nacht
ist dem Tag überlegen. Gleich einem siegreichen Feldherrn führt sie
fahnenschwingend die Sterne (ihre Soldaten) auf (V. 1 und 2). "Menschen, Tier
und Vögel" (V. 2 und 3) - sie sind dem Tage zugeordnet - weichen vor der Nacht
zurück. Mit ihr breitet sich nicht erquickende Stille über der Welt aus, sondern
"trauernde Einsamkeit" (V. 4). Der Tag wird von der Nacht ausgelöscht, wie das
Leben vom Tod. Einen Hinweis darauf, dass Tag und Nacht in dem Sonett als
Sinnbilder verstanden werden, gibt der Ausruf am Schluss des 1. Quartetts: "Wie
ist die Zeit vertan!" Die Verse des 2. Quartetts drücken es noch deutlicher aus.
Im Abend erlebt Mensch seine eigene Vergänglichkeit (V. 6 und 7). Trotz dieses
irdischen Strebens und Tuns, seines Einsatzes in der Welt, der das Leben zu
einer "Rennebahn" (V. 8), zu einem "Laufplatz" (V. 9) macht, entflieht er doch
nicht seinem Ende. Im Wettlauf des Lebens entscheidet der Tod. Auf seine
Unabwendbarkeit weist schon die paradoxe Bildvorstellung des fünften Verses hin.
Der Vergänglichkeit preisgegeben, sieht sich der Mensch auf Gottes Gnade
angewiesen. Um sie betet er (V. 9 - 14).
Die Gegenüberstellung von Leben und Tod, versinnbildlicht in Tag und Nacht,
kehrt auch in den beiden Terzetten wieder. Im ersten betet der Mensch um
Beistand für das Leben: Gott möge ihn nicht 'gleiten', d. h. 'ausgleiten' (=
'hinfallen'), 'entgleiten' (= 'aus den Händen fallen') lassen. Weh und Wohl der
Welt ("Ach" und "Angst", "Pracht" und "Lust") erscheinen dem Betenden
gleichermaßen als verlockendes Blendwerk, wovor ihn der "helle Glanz" Gottes
bewahren soll (V. 11). Im zweiten Terzett betet der Mensch um Erlösung der Seele
vom Tode. Es führt zum Anfang des Gedichtes zurück. Die hereinbrechende
Dunkelheit erinnert den Erlebenden an den Abend (= das Ende) seines eigenen
Daseins. Der Symbolgehalt der im ersten Quartett gestalteten Nacht offenbart
sich vollends. Sie kontrastiert nicht nur dem Tag, sondern versinnbildlicht
zugleich die dem Tode verfallene Welt, die deswegen der abschließende Vers das
"Tal der Finsternis“ nennt.