Alfred Kubin-Die Andere Seite
1).
Phantastischer Roman von Alfred Kubin, erschienen 1909. - In seinem einzigen und lange Zeit vergessenen Roman beschreibt der Zeichner Kubin in beklemmender Präzision die Phantasmagorie eines Untergangs. Geschildert werden die Erlebnisse eines fiktiven Erzählers, Zeichner wie Kubin, der von einem früheren Schulfreund namens Patera - der Name verweist auf die lateinische Bezeichnung für »Vater« - eingeladen wird, ein von ihm geschaffenes Traumreich zu besuchen, das irgendwo im Innern Asiens liegt. Der Erzähler verbringt drei grauenhafte Jahre dort, bis das Traumreich zerstört ist; als einer der wenigen Überlebenden kann er sich zurück in die Realität retten und erwacht in einer Heilanstalt. Kubins Werk, in der Forschung wiederholt mit den Werken E. A. Poes verglichen, entwickelt das Phantastisch-Irreale aus der konkreten Gegebenheit, wobei in der Schwebe bleibt, wieweit nicht die gesamte Erzählung einer Wahnvorstellung des Erzählers entspringt. Zentrum des »Traumreiches« ist die Stadt Perle, deren Plan dem Roman beigefügt ist und in der Sonne, Mond und Sterne nie zu sehen sind, vielmehr alles in ein gleichförmiges Grau getaucht ist. Jedes der Häuser, die ursprünglich alle in Europa standen, ist früher einmal Schauplatz eines Mordes oder anderen Verbrechens gewesen. Bewohner kann nur werden, wer »durch Geburt oder ein späteres Schicksal dazu prädestiniert ist«, nämlich zu jener eigentümlichen Form von zugleich geschärfter und verworrener Einbildungskraft und Wirklichkeitserfassung, die den »Träumer« kennzeichnet. Jede Art von fortschrittlicher Gesinnung - vor allen Dingen wissenschaftlicher - ist streng verpönt. Herr des Traumreichs ist Patera, unerreichbar und unzugänglich in seinem Palast und doch in ständig sich wandelnden Erscheinungsformen immer und überall gegenwärtig. Das Leben verläuft zunächst wie in allen anderen Staaten, allerdings ohne anhaltende materielle Not, schlägt aber immer wieder ganz unverhofft ins Absurde um. Die Wendung tritt ein, als Herkules Bell, ein reicher Amerikaner, in Perle ankommt. Er revoltiert gegen die Macht Pateras und fordert in einer Proklamation zum Sturz des Herrschers auf. Er hatte ein Reich feenhafter Pracht erwartet, findet aber nur ein Land, in dem Unvernunft und Massenhypnose herrschen. Der Kampf, der nun zwischen Patera und Bell ausbricht, führt unter Blitz und Donner zum apokalyptischen Untergang des Reiches. Tiere aller Art fallen über Perle her. Die Häuser zerbröckeln und verwesen. Mord und Selbstmord, Raub, sexuelle Orgien, die in mörderischen Vernichtungskämpfen enden, furchtbares Umsichgreifen von Nerven- und Geisteskrankheiten werden bald alltägliche Ereignisse. Die Uhren bleiben stehen, der Tempel versinkt, eine Revolution bricht aus. Ein Strom von »Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern« ergießt sich über die Stadt, die schließlich vom Sumpf verschluckt wird. Patera stirbt, der Amerikaner hat gesiegt. Aber auch dieses Ende bleibt in der Schwebe, die Identität beider Der Figuren löst sich auf. Erzähler muß beim zweiten und letzten Zusammentreffen mit Patera erleben, daß dieser nicht nur jene mannigfaltigen Verwandlungen demonstriert, die bei ihm üblich sind, sondern daß er am Ende plötzlich die Gestalt des Amerikaners annimmt. Hat Patera oder Bell das Traumreich zerstört? Im Epilog spricht Kubin von den zwei Grundkräften des Daseins, der Todessehnsucht und dem Lebenswillen. Der Kampf zwischen diesen beiden Prinzipien hat das Traumreich vernichtet, ohne daß es gelänge, Patera oder Bell einer dieser Kräfte eindeutig zuzuordnen. Die vielschichtige Symbolik des Werks wurde erst in jüngster Zeit Gegenstand eingehender Interpretation. Vorbild für die Stadt Perle ist offensichtlich Breughels Bild vom Turmbau zu Babel (H. Lippuner), der Retter Bell erhält satanische Züge, seine Intervention im Namen der Freiheit und Selbstbestimmung führt das Chaos erst eigentlich herbei, von Kubin in surrealen Bildern gefeiert. »Man kann das auch so sehen: Patera-Bell ist ein Künstlergott. Er ist das erweiterte, ins Kosmische projizierte Ich des introvertierten, einsamen, objektlosen Ästheten. Er wird ja als Gott der Einbildungskraft beschrieben, die allein, ohne Hilfe eines anderen (außer einem Spiegel), die Welt erschafft . . . Der Weltuntergang ist in die ästhetizistische Weltkonstruktion immer schon eingebaut« (H. Schumacher). Kubin schuf damit einen der großen phantastischen Romane der deutschen Literatur. KLL Redaktion Kindlers Literatur Lexikon
2).
In seiner Art als
phantastischer Roman heutzutage sicherlich nicht mehr einzigartig, seinerzeit
aber äußerst einflußreich und wegweisend, zeigt
der einzige Roman des österreichischen Zeichners alle Merkmale eines utopischen
Entwurfes, der die en nuce dargestellte Gesellschaft als
ausgeklammerte auch noch im Scheitern reizvoll erscheinen läßt.
Die Reise des Protagonisten in die von der Welt abgeschiedene Traumstadt
"Perle", deren Infrastruktur dem Leser in bester Fantasy-Manier genau vorgeführt
wird, birgt nicht nur das unterhaltsame Moment des Kulturschocks, sondern führt
zugleich vor Augen, wie ein System ohne Mittelpunkt kollabiert.
Die reizvolle Imagination eines zentralistisch und diktatorischorganisierten
Gemeinwesens, dem ein eigener Kult eingeschrieben ist, der die grundgelegte
Macht- und Ohnmachstruktur perpetuiert, läuft aus in eine verstörte
Deperspektivierung, die auch erzählerisch genau in ein
Panoptikum philosophischer, gesellschaftspolitischer und religiöser Details
aufgelöst wird.
Doch zugleich ist die Reise zu verstehen als die des Protagonisten zu sich
selbst: Sein übermächtiges Ego, "Patera", dem zuletzt jeder Grund
abhanden kommt, lädt ein, schützt, eröffnet, zerstört und geht unter. Die
Sehnsucht nach einer starken, festen Kraft, die das Leben einheitlich und
geschlossen organisiert, endet im Zusammenbruch, in der Ruine dessen, was der
Erzähler selbst ständig ironisch reflektiert: der menschlichen Natur. Zerbrochen
in Trümmern steht zuletzt der Traum einer wenn nicht besseren, so doch zumindest
ganz anderen Welt, die den Schein einer Alternative anbieten sollte.
Doch das Zerr-Bild unserer Welt erweist sich als unhaltbar, auch in seinen
technisch kalkulierten Details nicht mehr beherrschbar. Die Frage
nach "Richtig" und "Falsch" stellt sich am Ende nicht mehr. Stattdessen bleibt
das "Phänomen Patera" ungelöst: Die Kraft, die eine Welt
erschafft (das "Ich"), ist objektiv nicht mehr greifbar und verständlich. Der
Leser sucht in der Geschichte nach Anhaltspunkten, findet Ereignissequenzen,
eine spannende Detektivgeschichte gar - wird aber auf der Suche nach sich selbst
nicht fündig.
Die ist das abschließende Credo dieses lesenswerten Buches: Ich komme mir selbst
nicht auf die Spur.