Agamemnon und Orestes


 

Agamemnons Schicksal

Troja lag in Schutt und Asche, die Griechen beluden ihre Schiffe mit allen Schätzen der eroberten Stadt und sie verließen die fremde Küste.

Auch König Agamemnon segelte heimwärts. Zehn Jahre hatte er seine Heimat Mykene nicht mehr gesehen und freute sich auf die Heimkehr, ohne zu ahnen, daß dort der Tod schon auf ihn lauerte.

Aigisthos, Agamemnons Vetter, hatte schon lange auf eine günstige Gelegenheit gewartet, sich selbst auf den Thron zu setzen, er zog nicht in den Trojanischen Krieg, sondern blieb in Mykene. In Abwesenheit des Königs wollte er ihm den Thron nehmen. Er warb um die Gunst der Königin Klytämnestra, bis diese sich in ihn verliebte und ihm ihre Hilfe zusagte. Sie hatte Agamemnon nicht verziehen, daß er ihre Tochter lphigenie geopfert hatte.

Aigisthos stellte am Ufer Wachen auf und befahl ihnen, ein Feuer zu entzünden, wenn Agamemnons Schiff am Horizon auftaucht, das in Mykene gesehen wird und er dann wüßte, daß Agamemnos zurückkäme.

Als das Schiff in Sichtweite war, entzündeten die Wachen das Feuer. Aigisthos in Mykene erkannte, daß der entscheidende Augenblick gekommen war. Klytämnestra schmückte den Palast für einen festlichen Empfang und ließ den Weg zum Schloß mit roten Teppichen zu bedecken. Auf diesen sollte der siegreiche Agamemnon sein Haus betreten.
Die Nachricht von der Heimkehr des Königs verbreitete sich schnell. Die Leute rannten vor dem Palast zusammen, um Agamemnon zu sehen. Von einer großen Menschenmenge begeistert begrüßt, fuhr der König in seinen Palast.
Klytämnestra kam ihm entgegen und hieß ihn lächelnd mit geheuchelter Freude willkommen.

Sie hatte dem König ein Bad eingelassen und als Agamemnon, erfreut über die Fürsorge seiner Frau seine Rüstung ablegte, wurde er von Aigisthos und Klytämnestra getötet. Da der Todesschrei des Königs bis vor den Palast zu hören war, geriet die Menschenmenge davor in Aufruhr und wollte den Palast stürmen. Doch Aigisthos war darauf sehr wohl vorbereitet. Die Wächter drängten die erboste Menge aus dem Schloß und sicherten somit Aigisthos die Macht. Gewaltsam hatte sich Aigisthos des Throns bemächtigt und heiratete Klytämnestra.

 

 

Orestes und Elektra

Agamemnon hatte einen Sohn und zwei Töchter hinterlassen. Die ältere Tochter Elektra fürchtete für das Leben ihres kleinen Bruders Orestes und schickte ihn deshalb heimlich zu einem verwandten König, der ihn aufzog. Die jüngere Schwester war sanfteren Gemüts als Elektra und gehorchte der Mutter ohne Widerrede. Elektra jedoch erinnerte im Palast alles an das Schicksal ihres Vaters, und sie sah mit Grauen Aigisthos in den Kleidern Agamemnons. Sie wurde nicht müde, der Mutter die Übeltat vorzuhalten. Und die Mutter behandelte sie wie eine Sklavin. Niemand hätte geglaubt, daß das abgemagerte, ärmlich gekleidete Mädchen die Tochter des Königs Agamemnon war. So diente sie im Palast als Magd. Sieben Jahre lang litt Elektra. In Leid und Kummer gab ihr nur der Gedanke an den Bruder Kraft. Sie glaubte, Orestes werde eines Tages den Tod des Vaters rächen. Und so vergingen Tage, Monate und Jahre, und Elektra verlor langsam alle Hoffnung.

Doch als sie am meisten an der Rückkehr des Bruders zweifelte, kam durch das Stadttor von Mykene ein alter Mann, den man noch nie in der Stadt gesehen hatte. Mit ihm aber gingen zwei unbekannte Jünglinge. Obwohl der Staub einer weiten Reise ihre Sandalen bedeckte, suchten sie nirgends Rast, sondern gingen geradewegs zum Königspalast. Vor dem Schloß hielten sie an.

Der Greis wandte sich an einen der Jünglinge und sprach: "Höre, Orestes, was ich, dein Ziehvater, dir sage. Du kennst deine Vaterstadt nicht mehr, und deine Vaterstadt kennt dich nicht mehr. Und dennoch stehst du vor dem Haus deines ruhmreichen Vaters, des Königs Agamemnon. Jetzt sitzt darin der freche Aigisthos, ein Feigling mit blutbefleckten Händen. Der Augenblick der Rache naht. Du gehe mit Pylades, das Andenken deines Vaters zu ehren, und ich will in den Palast gehen. Ich will euch den Weg zur Königin ebnen, wie wir besprochen haben."

Orestes und Pylades, sein treuer Freund von Kindheit an, gehorchten dem Ziehvater und gingen zunächst zu Agamemnons Grab.

Der alte Ziehvater traf im Palast auf Klytämnestra. Sie schalt gerade mit Elektra, doch als der Fremde erschien, verstummte sie. "Ich suche den Herrscher", sagte dieser, "ich bringe ihm eine gute Nachricht."

"König Aigisthos ist nicht im Schloß", antwortete Klytämnestra, "doch wenn du ihm gute Nachricht bringst, wird es auch für mich eine gute Nachricht sein. Ich bin seine Frau."

"Ich wüßte keine angenehmere Nachricht für dich", lächelte der Ziehvater, "Orestes ist tot."

Als Elektra dies hörte, stieß sie einen verzweifelten Schrei aus und begann zu weinen. So viele Jahre hatte sie auf den Bruder gewartet und mußte nun hören, er sei tot. Wer sollte nun den Vater rächen?

Klytämnestra konnte kaum ein erleichtertes Aufatmen unterdrücken. Sieben Jahre hatte die Angst sie bedrückt, Orestes könnte den Mord an seinem Vater rächen. Noch in der letzten Nacht hatte ihr geträumt, sie sei für ihre gemeine Missetat bestraft worden. Vor Angst war sie aufgewacht, in Schweiß gebadet. Doch sie hatte sich grundlos geängstigt. Orestes war tot.

"Erzähle, erzähle", drängte sie gierig, "wie starb der arme Orestes, der einzige Sohn unseres Geschlechts?"

"So oft war er Sieger in Wettkämpfen und festlichen Spielen. Das letzte Rennen hat ihm Verderben gebracht. Zuerst dachten wir, er würde auch diesmal siegen. War Orestes nicht ein Meister im Lenken zweirädriger Wagen? Die Wagen ratterten über die Rennbahn, die Räder wirbelten Staub auf und die schnaubenden Pferde waren schaumbedeckt. Wie die übrigen Rennteilnehmer umfuhr auch Orestes die Zielstange und raste wieder zurück. Da scheuten die Pferde eines Wettkämpfers und stießen mit dem nachfolgenden Gespann zusammen. Die nächsten konnten nicht mehr anhalten, und so prallten mehrere Wagen in vollem Schwung aufeinander, bis auf der Rennbahn Wagentrümmer, Fahrer und Tiere ein schreckliches, unentwirrbares Knäuel bildeten. Einzig Orestes konnte ausweichen und trieb seine Pferde an, um ein letztesmal die Zielstange zu umfahren. Die Pferde flogen pfeilschnell dahin, doch der Wagen streifte die Stange, die Achse brach, und Orestes wurde vom Wagen geschleudert. Dabei verfing er sich in den Riemen, und das dahinjagende Gespann schleifte ihn durch die Rennbahn, bis Pferdeknechte es anhielten und ihn freimachten. Orestes aber lag in seinem Blut, von den eigenen Pferden zu Tode geschleift."

Nach diesen Worten lief Elektra aus dem Saal, um irgendwo allein weinen zu können.

Klytämnestra strahlte vor Freude. Sie lud den guten Boten zu Tisch und befahl, ihm Speise und Trank zu bringen. Der Ziehvater nahm die Einladung an: "Gern will ich auf den König warten und vor ihm den Bericht wiederholen. Es wird nicht lang dauern, bis zwei junge Männer die Urne mit Orestes Asche herbringen."

Die Königin forderte den Gast auf, sich von den vollen Schüsseln zu nehmen, und stellte Fragen über Fragen. Mit jedem Wort des Fremden wuchs ihr Gefühl der Sicherheit und Ruhe.

Inzwischen erwog Elektra in einem versteckten Winkel des Palastes, ob sie nicht auch sterben sollte, nun der Bruder tot war.

Vielleicht hätte sie selbst die Rache vollzogen, doch sie zweifelte, ob ihre schwache Hand das Schwert würde heben können. In diesen traurigen Überlegungen wurde sie von ihrer jüngeren Schwester überrascht. Sie kam zu ihr lachend wie ein glücklicher Sonnenstrahl.

"Elektra", rief sie, "ich war bei Vaters Grab, und was glaubst du, jemand hat es bekränzt! Und auf dem Grab lag eine abgeschnittene Haarlocke. Sie hatte die gleiche Farbe wie dein Haar. Niemand anderer als Orestes kann sie dort hingelegt haben. Wer sonst würde eine Locke opfern? Ich bin so froh, Schwesterlein. Gewiß sehen wir noch heute den Bruder wieder, und dein Leiden hat ein Ende."

Voll Verwirrung lauschte Elektra den Worten der Schwester. Wem sollte sie glauben, ihr oder dem Fremden? Wer könnte eine Locke aufs Grab ihres Vaters gelegt haben? Die neubelebte Hoffnung gab ihr Kraft. War Orestes in der Stadt, dann nahte der Augenblick der Vergeltung. Darum wollte Elektra die Schwester nicht mit der Nachricht des fremden Boten schrecken. Aufgeregt eilte sie aus dem Palast, um nach Orestes Ausschau zu halten.

Und gerade in diesem Augenblick kam Orestes mit Pylades daher. Elektra sah die beiden jungen Männer, doch nach der langen Trennung erkannte sie den Bruder nicht.

Auch Orestes erkannte die Schwester in den zerlumpten Kleidern nicht und sprach zu ihr wie zu einer Magd: "Geh und führe uns zur Königin. Melde ihr daß wir die Urne mit Orestes Asche bringen."

Da erst bemerkte Elektra das Gefäß, das Orestes in der Hand hielt, und Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Zärtlich umarmte sie die Urne, als wäre es ihr lebendiger Bruder und hub an zu klagen: "So ist es also wahr. Der Bruder ist zurückgekehrt, doch er ist stumm, hat sich in Asche verwandelt. Warum bin nicht ich an seiner Statt gestorben ? Der starke Orestes ist tot, und die schwache Elektra lebt. Das wird eine Freude sein im Palast ! Die Mörder können ruhig schlafen, während ich vor Gram ersticke."

Da erkannte Orestes die Schwester und konnte sich angesichts ihres Grames nicht länger verstellen.
Von Mitleid übermann, flüsterte er ihr zu: "Umarme nicht dir Urne, darin ist nicht Orestes Asche."
"Nein?" fragt Elektra, überrascht zu Orestes aufblickend. "Wo ist er denn begraben?"
"Nirgends, denn die Lebenden pflegt man nicht zu begraben."
"Orestes lebt?" Ungläubig musterte Elektra den Fremdling.

Und Orestes zeigte ihr seine Hand mit dem Ring, den er von ihr bekommen hatte, als sie ihn heimlich weggebracht hatte. Aufmerksam sah Elektra dem Bruder ins Antlitz und erkannte ihn. Von wilder Freude erfasst, schrie sie laut: "Orestes lebt, lebt !"

Der vorsichtige Ziehvater hörte im Palast das Schreien und lief hinaus.
Elektras Schreie beschleunigten die Ausführung des Planes. "Schnell, Orestes, dein Augenblick ist da!" rief er dem Orestes zu. Dieser zog das Schwert und stürzte in den Palast.
Elektra folgte ihm auf den Fersen.

Klytämnestra stand im Saal wie aus Marmor gehauen.
Sie hatte den Schrei gehört, und als Orestes mit dem Schwert erschien und hinter ihm Elektra, begriff sie, daß ihr Sohn gekommen war, um den Vater zu rächen.

Als Orestes seiner Mutter gegenüberstand, zögerte er einen Augenblick. Doch der Ziehvater und Elektra fachten seinen wilden Haß und das Verlangen, den Vater zu rächen, neuerlich an. Orestes erhob das Schwert und tötete Klytämnestra.

Noch stand Orestes mit dem Schwert in der Hand, wie betäubt von der schrecklichen Tat, da stürzte Aigisthos herein. Er hatte draußen von den Dienern die freudige Nachricht gehört, Orestes sei tot, und hatte es eilig, sie aus dem Munde des Boten bestätigt zu hören. Statt des toten Orestes sah er die tote Klytämnestra, und einen Augenblick später stürzte er, vom Schwert des Orestes durchbohrt, neben ihr zu Boden.

Kaum hatte das Volk von Mykene vernommen, daß Orestes zurückgekehrt war und Agamemnons Tod gerächt hatte, strömte es in Scharen vor den Palast. Die Menschen wollten den Sohn des Heldenkönigs begrüßen. Aus dem Tor des Palastes taumelte ein Mann. Er nahm die Menschenmassen im Hof nicht wahr, schwenkte mit den Armen und wehrte unsichtbare Schreckbilder ab. Der torkelnde Mann war Orestes. Kaum hatte er das Rachewerk vollbracht, wurde er von den Erinnyen, den Rachegöttinnen, angefallen, die jeden Blutverbrecher verfolgen. Die geflügelten Erinnyen in wallenden schwarzen Gewändern und mit Ottern im Haar umkreisten sein Haupt, sangen ihm ein schreckliches Lied vom Muttermord, und aus ihren Augen troff Blut.

Beim Anblick des unglücklichen Orestes verstummte das Volk vor Grauen. Die Erinnyen hetzten ihn aus dem Palast und verfolgten ihn auf Schritt und Tritt. Er floh aus Mykene und irrte durchs Land, durch die Welt. Überall begleitete ihn das schreckliche Lied der Erinnyen und erfüllte ihn mit Verzweiflung.

Sein treuer Freund Pylades begleitete ihn auf dem Leidensweg. Zusammen gingen sie nach Delphi. Sie fragten das Orakel um Rat, wie Orests Qualen erleichtert, wie die grausamen Erinnyen vertrieben werden könnten.

Das Orakel aber sprach: "Geh nach Tauris und bringe von dort das Bild der Artemis, das vom Himmel gefallen ist."

Orestes folgte dem Orakel und brach mit Pylades nach dem fernen Land auf. In Tauris herrschte ein böser König. Alle Fremden, die in seinem Land ergriffen wurden, ließ er der Göttin Artemis opfern. Orestes und Pylades wußten das, darum versteckten sie sich tagsüber und durchwanderten das fremde Königreich nur bei Nacht. Im Schutz des nächtlichen Dunkels wollten sie das Bild forttragen. Glücklich schlichen sie sich bis an den Tempel heran, doch durch ein unvorsichtiges Geräusch weckten sie die Wachen. Sie wurden gefaßt und gefesselt und am nächsten Morgen dem König vorgeführt. Unbarmherzig befahl der König, die Eindringlinge der Artemis zu opfern.

Sofort wurden sie in Fesseln zum Opferaltar gebracht. Man zwang sie, niederzuknien und den Nacken zu entblößen, und die Priesterin der Artemis trat mit einem scharfen Schwert hinzu. In diesem Augenblick erinnerte Orestes sich seiner Schwester Iphigenie, die einst auch der Artemis geopfert worden war. Er nahm Abschied vom Leben mit ihrem Namen auf den Lippen: "Iphigenie!"

Die Priesterin hörte den Namen und ließ das Schwert sinken. Sie wandte sich an den König: "König, ein böses Zeichen gebietet mir, das Opfer aufzuschieben. Die Wachen mögen einstweilen die Fremdlinge ins Gefängnis bringen. Morgen wird Artemis dein Opfer gewiß annehmen."

Ungern gab der König nach, doch wollte er sich der Göttin, die zu ihm durch den Mund der Priesterin sprach, nicht widersetzen. Orestes und Pylades erhoben sich vom Altar. Die Priesterin der Artemis trat zu ihnen und fragte Orestes leise: "Woher kennst du den Namen?"

"Iphigenie war meine Schwester", sagte Orestes, "sie ist ebenso gestorben, wie wir morgen sterben werden."

Die Priesterin unterdrückte das Verlangen, Orestes zu umarmen, und flüsterte erregt: "Ich bin deine Schwester Iphigenie. Die Göttin hat mich damals in einer Wolke vorn Altar hierher entführt, und seither diene ich ihr als Priesterin. Fürchte nichts, Bruder, ich werde euch retten."

In der folgenden Nacht leuchteten die Sterne drei Flüchtlingen auf den Weg. Orestes, Pylades und Iphigenie flohen aus Tauris und trugen das Bild der Artemis mit sich, auf daß Orestes Seele Ruhe fände.

Doch lange noch klang das traurige Lied der Erinnyen dem Orestes in den Ohren, lange noch sangen sie ihm von seiner Tat. Bis endlich Pallas Athene sich des unglücklichen Orestes erbarmte und selbst beschloß, die Strafe zu beenden. Die Erinnyen flogen fort, und Orestes bestieg den Thron von Mykene.

Das Lied der Erinnyen erklang nicht mehr, aber wer, der es einmal gehört hat, kann es je ganz vergessen?

 

Hosted by www.Geocities.ws

1