.5 Renaissance und Humanismus
1.5.1 Allgemeines
Unter Renaissance versteht man die Wiederbelebung (Wiedergeburt der Antike) der antiken Kultur am Übergang vom MA zur Neuzeit (1350-1600) und unter Humanismus die literarische und wissen- schaftliche Ausprägung der Renaissance. 'Roma renascens', Wiederkehr des Goldenen Zeitalters schon als Topos bei Vergil. Im christlichen Mittelalter mit dem Auferstehungsgedanken verbunden. Damit einher geht der Begriff der literarischen Wiedergeburt. Dante Alighieri (1265-1321) wird von Guido da Pisa 1325/28 in einem Kommentar zur "Divina Commedia" als Wiedererwecker der toten Poesie gefeiert. So auch von Giovanni Boccaccio(1313-1375), der aber Francesco Petrarca (1304-1374) als Initiator des literar. Aufschwungs feiert. (Parallele in der Kunst: nach Boccaccio hat der Maler Giotto di Bondone (1266-1337) die "begrabene Kunst wieder als Licht gebracht"). Benvenuto Campesani aus Vicenza verfasst Anf. 14. Jh. ein Epigramm auf die Entdeckung einer Catull - Hs.: "Versus ... de resurrectione Catulli poete Veronensis". Cola di Rienzo(1313-1354) verkündet 1347 die Wiedererrichtung der "Romana civitas", röm. Republik. Die Renaissance und der Humanismus entstehen um 1350 In Italien, besonders in den Stadtstaaten und breiten sich nach West- und Mitteleuropa aus.
1.5.1.1 Renaissance
Renaissance als Epoche umfaßt den Zeitraum zwischen ca. 1350 bis Anfang des 16.Jahrhunderts. Sie stellt den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit dar. Entstanden aus den Städten des italienischen Nordens, ab ca. 1420 auch in den Städten nördlich der Alpen, seit ca. 1450 auch in Frankreich und Spanien verbreitet. Dort existieren sie in verschieden starken und nationalen Ausprägungen. Die Epoche klingt im Laufe des 16. Jahrhunderts aus.
Kennzeichend sind:
* Rückbesinnung und Anknüpfung an das Gedankengut der griechisch-römischen Antike. Wiederbelebung (Wiederentdeckung) von Kunst und Kultur der Antike. Die Antike wird zum idealisierten Vorbild.
* Loslösung aus der mittelalterlichen Gebundenheit der kirchlichen und feudalen Ordnung.
* Anstreben eines neuen Menschseins, das man durch Bildung zu erreichen glaubt - und zwar über die antike Literatur. Damit entstand ein neues Bildungsideal: nicht mehr Hinnehmen von Autorität, sondern freie Aufnahme des Bildungsgutes, soweit es sich der eigenen Individualität einfügte. Die autonome Persönlichkeit ist Bildungsziel, ihre Entwicklung wird in den Mittelpunkt gestellt.
* Neue Bildungsschichten: neben Klerus und Adel das patrizische Bürgertum.
* Entstehung einer vom städtischen Bürgertum getragenen Kultur, die hauptsächlich im Bereich der Kunst und Architektur (Klarheit und Einfachheit der Formen) ihren Niederschlag findet.
* liberalere Auslegung und weltliche Ausrichtung der christlichen Lehre.
* Buch und Text sind die Werkzeuge. Bibliophilie, Gelehrtenbibliotheken sind Charakteristikum der Zeit
1.5.1.2 Humanismus
Während sich "Renaissance" auf die Gesamtkultur des Zeitraumes bezieht, betont der seit etwa 1810 gebrauchte Begriff "Humanismus" die geistig-wissenschaftliche Seite dieser Epoche wie die literarische Bildung, den literarisch-philologischen Aspekt der Sprachpflege und die moralisch-sittlichen Grundlagen.
"Humanismus" ist dabei zugleich Bildungsbegriff, Bildungsideal und Bildungsweg: der Bildungsbegriff vollzieht sich in der Begegnung des Menschen mit den großen Kunstwerken der Antike, vor allem den sprachlichen Kunstwerken. Für die Unmittelbarkeit der Begegnung ist die Kenntnis der antiken Sprachen Voraussetzung. Der Begriff bezieht sich auch auf die "Humanisten" des 14. - 16. Jahrhunderts, Gelehrte und Studenten der humanistischen Lehrfächer, der "Studia humanitatis".
1.5.1.3 Kennzeichen von Humanismus und Renaissance
Individualismus. Diesseitigkeit
Es ist allgemein das Bemühen um 'Humanität', eine der Menschenwürde und freien Persönlichkeitsentfaltung entsprechende Gestaltung des Lebens und der Gesellschaft durch Bildung und Erziehung und die dafür notwendigen Lebens- und Umweltbedingungen selbst.
Neues Wissens-, (Wissenschafts-) u. Bildungsideal:
Wiedergewinnung, Verbreitung und Auswertung antiker Quellen. Das neue humanistische Wissenschaftsideal heißt 'zurück zu den Quellen' (im Ggs. zur Scholastik des Mittelalters). Studium der griech. und lat. bzw. röm. Originalquellen der Antike (Cicero) als wissenschaftliche Methode. Begeisterung für Form und Inhalt lateinischer und griechischer Texte, die man anhand der wiederentdeckten Schriften erschließt. Das 'Reinigen' und Erklären dieser Texte entwickelt sich zu strenger Philologie. Der philologische Eifer macht selbst nicht vor der Textkritik an der Bibel halt.
Humanistenschrift.
'Littera antiqua' als historischer Irrtum der Humanisten, die in der späten karolingischen Minuskel des 10./11. Jhs. zuerst die Schrift der Antike zu sehen glaubten. Ausbreitung der Schrift und Übernahme in die > Druckschrift: Antiqua. Humanistische Buchdrucker. In Venedig Nikolaus Jenson, Aldus Manutius (Antiquakursive, Aldinen). In Basel Johann Amerbach und Johann Froben. In Paris Henri Estienne (Henricus Stephanus)
Renaissance-Buchkunst. Renaissance-Einband (Enfluß aus dem Orient in Material u. Technik)
1.5.2 Vertreter des Humanismus
Planmässige Suche nach Klassiker-Hss. Rekonstruktion und Studium antiker Texte im Original (griech. Kodizes oder lateinische Übersetzungen aus dem arabischen). Schon Boccaccio fand die "Annalen" des Tacitus um 1370 in Montecassino.
> Berühmtester Handschriftenjäger (u.a. auch in dt. Klöstern) Gian Francesco Poggion Bracciolini (1380-1459), Poet, Literat und Gelehrter, zuerst Skriptor, dann Sekretär der Kurie unter acht Päpsten; schließlich Kanzler in Florenz; Entdecker von Handschriften zuerst in Montecassino, dann in der Schweiz, in Frankreich und Deutschland. Seit seiter Jugend Kopist, um sich die Notariatsstudien in Florenz zu verdienen. Geschätzt von Coluccio Salutati und in dessen Kreis aufgenommen, wo er Niccolò Niccoli kennenlernte, unter dessen Leitung Poggio zahlreiche Arbeiten ausführte (darunter die Handschrift BML S.Marco 635). Mit ihm zusammen ist er der Begründer der neuen humanistischen Schrift, der "Littera antiquae formae". Teilnahme am Konzil von Konstanz (1414-18). Von dort Bibliotheksreisen nach Cluny (Reden Ciceros), St. Gallen, Reichenau, Weingarten. (Argonautica des Valerius Flaccus, ein vollst. Quintilian u.a., "aus dem Gefängnis der Barbaren" befreit.). [Berühmt sein Brief v. 15.12.1416 an Guarino Guarini von Verona (1374-1460), in dem er über die St. Galler Abenteuer berichtet und den erbärmlichen Zustand der Hss. beklagt.
Coluccio Salutati (1331-1406), aus Stignano (Pistoia), Humanist, Schüler Petrarcas, entdeckte die Briefe Ciceros Ad Familiares. Bemerkenswert: seine Epistolae. (Enciclopedia Garzanti, 1962).
Leonardo Bruni Aretino (1370/74-1444), aus Arezzo, Humanist und Politiker, Autor der 12 Bücher Historiarum Florentini Populi.
Guarino Guarini da Verona (1374-1460), Prinzenerzieher im Hause Este (Lionello d'Este), Hochschullehrer.
Basileios (Johannes?) Bessarion(1403-1472), Kardinal und Titularpatriarch von Konstantinopel, seit 1439 Kardinal. Auf dem Baseler Konzil als Vertreter der Unionspartei der griech. Bischöfe. Haupt der griech. Humanisten in Italien, Gründer einer der Lehre Platos gewidmeten Akademie. Von zentraler Bedeutung für die Textüberlieferung der griech. Autoren. Beschäftigte zeitweise vor dem Fall Konstantinopels 7 Kopisten, um Texte zu retten. In Beziehung zum deutschen und italienischen Buchdruck und wiss. Editionsunternehmen. Vermacht 1468 seine bedeutende Büchersammlung (482 griechische und 264 lateinische Kodizes) der Republik Venedig (Grundstock der Marciana, siehe unten 4.3.3.4).
Enea Silvio Piccolomini (1404-64), Sekretär des Bischofs v. Sorrent am Konzil von Basel (1431-49), päpstl. Beauftragter für die Kirchenreformen in Deutschland. Sieht 1454 auf dem Reichstag in Frankfurt Probebogen der 42-zeiligen Bibel eines 'vir mirabilis' (Gutenberg). Papst Pius II. (ab 1458).
Auch mit seiner Hilfe Rettung griechischer Kodizes aus Byzanz vor und nach 1453. Der Ruhm gebührt (ausser in besonderem Maße Bessarion):
> Giovanni Aurispa (1369-1459), kauft 1405-1413 und 1421-1423 in großer Zahl Handschriften in Griechenland auf und schafft sie nach Italien.
> Georgios Gemisthos Plethon (1355-1440) bringt Platons Philosophie ins Abendland (bis dahin nur Aristoteles bekannt). Lehrer von Bessarion.
> Konstantinos Laskaris (1434-1501). Lehrt Griechisch in Mailand, Neapel und Messina (Lehrstuhl durch Bessarion vermittelt) und überläßt der Stadt 76 Bände. Seine Grammatik war das erste in Italien gedruckte griechische Buch.
> Expeditionen von Venedig aus im Auftrag von Lorenzo de' Medici und Franz I. von Frankreich:
Andreas Janos Laskaris (ca. 1445-1535)
Handschriftenhandel: Zentren in Venedig und Florenz.
> Vespasiano da Bisticci (1421-1498), Buchhändler in Florenz
> Giovanni Aurispa (1369-1459) s.o.