I. Inhaltsangabe
II. Analyse
1. Bezug zur Schriftstellerin
2. Kritik am Adel
3. Parallelen zum Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ von J. W.
Goethe
4. Sophie und die Männer
III. Charakteristik der Hauptfiguren
1. Sophie von Sternheim (Fräulein von Sternheim / Madam Leidens)
2. Lord Seymour
3. Lord Derby
IV. Stellungnahme
Ein scheinbar vollkommenes Mädel bzw. eine hilfsbereite
Frau erntet lange Zeit nicht, was sie verdient; sie muss etliche Enttäuschungen
und Tiefschläge ertragen (z. B. Ehebetrug) und leidet besonders unter der
Oberflächlichkeit und dem Egoismus des Adels.
Der - von C. M. Wieland herausgegebene - Roman „Geschichte des Fräuleins von
Sternheim“ von Sophie von La Roche, der diese auch ergreifende Story
thematisiert, ist in zwei Buchteile unterteilt.
Der 1. Teil beginnt mit der Geschichte der Eltern dieses Fräuleins. Ihr
Vater ist ein Oberst, der wegen seiner Verdienste in den Adelsstand erhoben
wird. Zudem ist er mit dem Baron von P. befreundet, der eine ruhige, die
Einsamkeit liebende und melancholische Schwester namens Sophie hat, in die sich
Oberst Sternheim verliebt. Er traut sich jedoch nicht dies zuzugeben, da er
nicht in den Adel geboren wurde. Deswegen denkt er, dass Sophie ihn niemals
lieben würde. Sie liebt ihn aber doch und kann problemlos mit seinem Stand
umgehen. Nachdem der Baron die Mutter überzeugt hat, dass Sternheim ein guter
Mensch ist, sind alle über die baldige Hochzeit erfreut, bis auf die Schwester
Charlotte.
Sophie und Sternheim heiraten jedoch trotzdem und beginnen, ein eher
mittelständiges Leben zu führen. Da Sophie und ihr Ehemann das Leid anderer
nicht sehen können, beginnen sie ein Armenhaus zu bauen, in das hilfsbedürftige
Menschen einziehen und dort arbeiten können, so dass sie wieder einen
hoffnungsvolleren Blick in die Zukunft haben. Kurz nach der Gründung wird Sophie
schwanger und gebärt ein Mädchen, welches auch den Namen Sophie tragen soll.
Neun Jahre später sterben ihre Mutter und auch der Baron, der die kleine Sophie
als Haupterbin eingesetzt hat.
Als Sophie älter wird, beschließt sie das positive Bild ihrer Mutter
weiterzuführen. Sie wird innerlich und äußerlich zu einem vollkommenen Menschen;
mit neunzehn erschüttert sie der Tod ihres Vaters jedoch sehr. Im Hause des
Pfarrers, welcher sie zu trösten versucht, schließt sie Freundschaft mit Emilia,
an die sie ihre späteren Briefe sendet, so dass diese zu ihrer engsten
Vertrauten und Freundin wird. Sophie kann leider nicht beim Pfarrer bleiben,
sondern muss zu ihrer Tante Charlotte und derem Mann nach D. ziehen, wo sie sich
allerdings nicht wohl fühlt, da sie dort ein Leben nach den Vorstellungen des
Adels führen muss. Sie muss ihr Aussehen und ihre Kleidung ändern und mit dem
Verhalten der Menschen kommt sie auch nicht zurecht. Sie wird zwar immer mit
Adeligen in Kontakt gebracht und von diesen mit Komplimenten überschüttet, aber
sie kann und will sich nicht mit ihnen anfreunden. Ihre einzige Freundin dort
ist die Hofdame Fräulein C.
Durch sie lernt Sophie den englischen Gesandten Lord Seymour kennen, von dem
sie sofort begeistert ist, aber glaubt, dass dieser in Fräulein C. verliebt ist.
Auf einem Fest lobt Seymour Sophies Einstellung, da ihm diese berichtet, dass
sie nicht verstehen könne, warum der Adel Geld verschwendet, während außerhalb
Elend herrscht. Sophie bittet daraufhin ihre Tante um eine Arbeitserlaubnis,
welche sie auch bekommt.
Am nächsten Morgen macht Seymour Sophie mit seinem Vetter Lord Derby
bekannt, den Sophie als klug und gebildet einschätzt. Nach dieser Bekanntschaft
macht sie sich mit ihrer Tante auf eine Reise, bei der sie viele (teilweise auch
nette) Adelige kennenlernt.
Währenddessen schreibt Seymour einen Brief an seinen Freund Doktor T., dass
er sich in das Fräulein von Sternheim verliebt habe, ihr dies aber nicht zeigen
dürfe, da sie einen bestimmten Fürsten heiraten solle. Außerdem habe er erkannt,
dass auch Derby Interesse an ihr habe. Sophie jedoch möchte den Fürsten
überhaupt nicht heiraten. Sie ist zu diesem Zeitpunkt sehr unzufrieden und
unglücklich, da sich Seymours Verhalten ihr gegenüber verändert hat und die
Freundschaft zu Fräulein C. auch anders geworden ist. Sie sehnt sich sehr nach
dem Landleben.
In dem folgenden Brief von Lord Derby an seinen Freund in Paris berichtet
er, dass er tatsächlich Gefühle für das Fräulein von Sternheim habe und nur er
derjenige sei, der es wert sei, von ihr geliebt zu werden. Er wolle mit allen
Mitteln ihr Ehemann werden. Kurz darauf stirbt Sophies Pflegevater (der
Pfarrer). Emilias Schwester (Rosina) versucht sie zu trösten und möchte ihre
Kammerjungfer sein, was sie daraufhin auch wird.
Zu diesem Zeitpunkt lebt Sophie schon seit drei Monaten bei ihren Verwandten
und beneidet Emilia um ihr bürgerliches Leben. Ihr einziger Lichtblick sind die
guten Taten, die sie sich vorgenommen hat, und zwar für die hilfsbedürftigen und
armen Menschen. Sie ist stolz, dass sie nicht wie die anderen Adeligen ist, die
dieses Elend ignorieren. Kurze Zeit später sieht sie eine arme Frau, der sie
wirklich hilft, was Sophie endlich einen Sinn für ihren Aufenthalt bei ihrer
Tante Charlotte gibt.
Inzwischen hat sich Derby immer mehr auf die Idee fixiert, dass Sophie seine
Frau werden soll. Ihm ist fast alles egal, er will sie nur besitzen. Als Derby
Sophie mit der armen Frau gesehen hat, sieht er eine Möglichkeit sich
einschleimen, indem er scheinbar der Frau und ihrer Familie auch hilft, obwohl
er Sophies Verhalten nicht verstehen kann. Derby glaubt, dass Sophie langsam
Gefühle für ihn entwickelt.
Sophie lernt etwas später einen Mann kennen, der sie lehrt, das Leben so zu
lieben, wie es ist. Sie nimmt sich diesen Rat an und beschließt noch mehr mehr
Gutes zu tun. Auf einem Fest des Fürsten, der sie heiraten will, macht sie ihr
Vorhaben wahr und gibt einem Pfarrer unbemerkt Geld für die Armen. Der Fürst hat
sie dabei „erwischt“ und betritt später mit ihr vergnügt den Festsaal. Bei den
Gästen wird dadurch der Eindruck erweckt, dass Sophie nun vielleicht doch
Gefühle für ihn hat. Seymour ist danach tief enttäuscht und verletzt, da er nur
das „heimliche Verschwinden“ und die Fröhlichkeit mit dem Fürsten bemerkt hat,
so dass er sich stark von Sophie zurückziehen möchte. Derby wittert dadurch die
Chance, seinen Konkurrenten Seymour endgültig auszuschalten, indem er es nicht
zulassen wird, dass sich dieses Missverständnis aufklärt. Sein Plan geht auf, da
auch Sophie von Seymours Verhalten enttäuscht ist, denn sie ist sich natürlich
keiner Schuld bewusst. Sie ist schließlich nicht die Mätresse des Fürsten
geworden.
Ihre Enttäuschung über Lord Seymour wächst immer mehr, aber auch ihr Ansehen
in der Gesellschaft, da sie (zusammen mit dem Fürsten) einer weiteren Familie
hilft. Sie unterstützt diese jedoch nicht nur finanziell, sondern gibt der
Mutter der Familie Ratschläge, wie sie ihre Kinder erziehen soll, so dass sie
später die Vorraussetzungen für den Erhalt einer guten Arbeitsstelle erfüllen.
Nach dem Fest bei dem Fürsten beginnt Sophie - wohl auch wegen des
deutlichen Rückzugs des schwer enttäuschten Lord Seymours - Lord Derby mehr zu
schätzen, der ihr kurze Zeit später ein Liebesgeständnis macht. Sie ist darüber
sehr überrascht und weiß nicht, ob er der richtige Mann zum Heiraten ist. Zur
weiteren Verwirrung macht der Fürst dem Fräulein von Sternheim, also Sophie,
auch einen Heiratsantrag. Die Familie ist davon ganz begeistert, doch Sophie
kann die scheinbar starken Gefühle des Fürsten nicht ertragen und möchte am
liebsten zurück auf das Land.
Dies kann sie aber leider nicht, also zieht sie sich an einen geheimen Ort
zurück, was Derby jedoch von einem Dienstmädchen erfährt, so dass er sich somit
ganz alleine um sie kümmern kann. Daraufhin nimmt sie den Heiratsantrag dieses
scheinbar guten Freundes an: Lord Derby und das Fräulein von Sternheim werden
heimlich von Derbys Freund John vermählt, der eigentlich gar kein Priester ist,
was Sophie jedoch nicht weiß. Derby ist froh über die Hochzeit, aber
gleichzeitig macht er sich auch über Sophies Dummheit lustig. Als Ehepaar reisen
sie nun getrennt (Sophie, Rosina und John zuerst) nach England, womit der 1.
Buchteil endet.
Der 2. Teil beginnt mit einem Brief von Seymour, in dem er schreibt, dass er
nun wirklich wisse, was auf dem Fest von dem Fürsten passiert sei und dass er
Sophie suchen wolle, da er spüre, dass sie einen Mann geheiratet habe, mit
diesem verschwunden sei und nun unglücklich sei, was auch tatsächlich stimmt. Er
bemerkt jedoch schnell, dass er Sophie nicht finden wird und verzweifelt
daraufhin.
Sophie ist währenddessen sehr unglücklich und enttäuscht von Derby, da sie
z.B., wenn er dabei ist, Mädchen nicht sehen darf, die sie zu Kammerjungfern
erzieht, obwohl diese Mädchen ihr wenigstens etwas Glück schenken. Derby ist
jedoch genauso unglücklich wie seine Frau und er merkt, dass seine Gefühle
schnell schwinden. Er spürt, dass Sophie nicht zufrieden ist und dass sie
Seymour noch immer liebt. Kurze Zeit später verlässt Derby Sophie tatsächlich.
Er teilt es ihr zuvor in einem Brief mit, in dem er auch all seine Intrigen
aufdeckt. Sophie ist davon tief getroffen, sieht keinen Sinn mehr in ihrem Leben
und reist mit Rosina zu Emilia, bei der sie die Bekanntschaft von Madam Hills
macht.
Madam Hills möchte mit Madam Leidens (so nennt Sophie sich seit der
Enttäuschung) fortziehen und eine wohltätige Schule eröffnen, in der diese nun
arme Mädchen unterrichten soll. Sophie willigt ein und kommt langsam wieder auf
andere Gedanken, da sie viel Zeit mit der Schule verbringt. Madam Hills ist sehr
froh darüber, dass sie Sophie getroffen hat und bezeichnet sie aufgrund ihrer
Begeisterung als „ihre Tochter“, die ganz auf die Hilfe für die Mädchen
konzentriert ist.
In einem folgenden Brief berichtet Lord Seymour von einem Hof, an dem
Engländer unerwünscht seien. Er ist verwundert und lässt sich den Grund
erklären, wobei sich herausstellt, dass er auf dem Hof angekommen ist, auf dem
Sophie und Derby ihre gemeinsame Zeit verbracht haben (kurzes Glück und lange
Enttäuschung). Nach diesen Neuigkeiten will Seymour sich an Derby rächen und
versuchen Sophie zu finden, obwohl alle annehmen, dass sie schon längst tot ist.
Madam Hills unternimmt währenddessen eine Reise mit Sophie, bei der sie die
Bekanntschaft von Lady Summers macht. Sie möchte mit ihr für ein Jahr nach
England gehen und dort eine weitere Schule errichten. Rosina begleitet sie
jedoch nicht.
In England blüht Sophie erneut auf und schließt Freundschaft mit der
Pfarrerstochter Emma. Außerdem lernt sie den ruhigen Lord Rich (Seymours Bruder)
kennen, in den Emma verliebt ist. Dieser ist jedoch in Sophie verliebt, die aber
nur freundschaftliche Gefühle für ihn hat, obwohl sie sich immer einen Mann wie
Rich als Ehemann gewünscht habe. Summers würde es sehr begrüßen, wenn Sophie und
Rich heiraten würden.
Kurze Zeit später aber muss Sophie erfahren, dass Lord Derby, der sich nun
Lord N. nennt, eine Nichte von Lady Summers geheiratet hat, was für ihn jedoch
nur eine Nutzehe ist. Da der damals angebliche Priester John Sophie bei Lady
Summers erkannt hat, lässt Derby sie entführen und bringt sie zu einer Familie
nach Schottland, wo sie mindestens drei Monate bleiben muss. Im Hause Summers
sind alle über das plötzliche Verschwinden erstaunt und Lord Rich denkt, dass
sie wegen ihm gegangen sei.
Währenddessen schreibt Sophie ein Tagebuch, in dem sie ihr Leid beschreibt.
Langsam jedoch freundet sie sich mit der Familie und deren Ziehtochter (Derbys
Tochter) an, so dass sie hofft, bald frei zu sein. Dazu kommt es aber nicht, da
Derby, der krank geworden ist, sie zurückhaben möchte, was Sophie jedoch nicht
will, woraufhin sie in den Kerker kommt. Die Familie lässt sie aber heimlich
frei. Sie macht die Bekanntschaft der Lady Douglaß, der sie all ihre
Demütigungen erzählt.
In der Zwischenzeit hat der kranke und reumütige Derby Seymour und Rich
alles erzählt, die sich schnell auf den Weg machen, um Sophie zu beerdigen, da
sie in dem Kerker wohl nicht überleben konnte. Die Familie, bei der sie war,
berichtet aber, dass sie Sophie heimlich freigelassen habe.
Nachdem die Brüder auch Derby, der kurze Zeit später stirbt, darüber
informiert haben, reisen sie zu Sophie. Diese und Seymour gestehen sich endlich
ein, dass sie sich lieben und wollen heiraten, jedoch hat Seymour Bedenken, da
er weiß, dass Rich Sophie auch liebt, doch dieser meint, dass er damit umgehen
kann. Er bittet sie, seine Schwester zu werden. Sophie und Lord Seymour heiraten
dann schließlich, bekommen zwei Kinder und beschließen weiterhin Gutes für die
Armen zu tun (Schule und Krankenhaus bauen).
Mit diesen Vorsätzen endet das gesamte Buch.
1. Bezug zur Schriftstellerin
Beim Lesen ist sofort auffällig, dass die weiblichen Personen, von denen das
Buch handelt, Sophie heißen (wie die Schriftstellerin!).
Zuerst wird die Sophie, welche die Mutter der eigentlichen Hauptperson
Sophie ist, beschrieben. Sie ist keine typische Adelige, denn sie ist um das
Wohlergehen anderer, besonders armer und hilfsbedürftiger Menschen, bemüht, was
viele andere Adelsständige nicht interessiert. Dazu kommt noch, dass sie einen
Mann heiratet, der nicht in den Adel geboren wurde. Mit ihm bekommt sie eine
Tochter namens Sophie.
Diese Sophie verliert ihre Mutter schon mit neun Jahren und kennt sie fast
nur aus (positiven) Erzählungen. Sie nimmt sich ein Beispiel an ihrer Mutter und
möchte auch Gutes für Arme und Hilfsbedürftige tun. Zum Adel kann und will sie
keine nähere Bindung aufbauen, da sie nicht verstehen kann, dass diese das Leid
anderer ignorieren, obwohl sie die Möglichkeit zu helfen hätten.
Alles in allem sind diese beiden Frauen scheinbar vollkommene Geschöpfe, die
von jedem verehrt und sehr geschätzt werden.
Da sie beide den Namen ihrer „Schöpferin“ (Sophie von La Roche) tragen, kann
man darauf schließen, dass sie zwei Charaktere geschaffen hat, die so sind, wie
sie gerne wäre, bzw. denen sie ihre „Neigungen und Denkart schenkte“ (aus:
„Briefe über Mannheim“). La Roche schreibt selber, dass die Person der Sophie
(der Tochter) ihr „Liebling“ in ihrem Roman sei und sie diese Sophie deswegen
mit ihren Eigenschaften ausgestattet habe („Briefe über Mannheim“). Bei der
Rolle der Sophie als Mutter hat La Roche vor allem ihre eigene Mutter als
Beispiel gehabt. Jedoch wurde La Roche beim Schreiben ihres Romans nicht nur von
sich und ihrer Mutter beeinflusst, sondern auch von einem Pfarrer (und seiner
Frau), der die Rolle der Emilia „verkörpert“.
Dieses Paar stand La Roche mit Ratschlägen und Hilfe zur Seite, als diese
sich für einige Zeit von ihren zwei Töchtern trennen musste, da sie in Straßburg
erzogen wurden. La Roche kam mit diesen Umständen schlecht zurecht, doch sie
hatte ja den Pfarrer und seine Frau, auf die sie sich immer verlassen konnte.
Aus diesen paar Zeilen lässt sich schon genau das Bild der Person Emilia
erkennen, die für die Romanheldin auch immer eine Stütze ist, auf die sie zählen
kann.
Insgesamt hat La Roche zu vielen Personen ihres Romans eine nähere Bindung,
aber eben besonders zu Sophie. In der Romanfigur Sophie hat La Roche vielleicht
sogar etwas Trost dafür gefunden, dass sie zeitweise ohne ihre Töchter leben
musste, da sie in „ihrer“ Sophie nicht nur ihre Gedanken und Neigungen
darstellen konnte, sondern sich auch eine Figur geschaffen hatte, die sie als
Verfasserin nach ihren Wünschen erziehen konnte. Dies gibt sie in dem
Erinnerungswerk „Briefe über Mannheim“ (1791) auch zu.
Alles in allem ist der Roman „Geschichte des Fräulein von Sternheim“ ein
doch sehr privates Buch von Sophie von La Roche, denn sie gibt dort sehr viel
von sich preis, obwohl sie diesen Eindruck zuerst überhaupt nicht erweckt.
2. Kritik am Adel
Ein wichtiger Behandlungsgegenstand des Romans ist die Kritik am Adel.
Der hier gezeichnete Adel feiert immer ausgelassene Feste und unternimmt
schöne Reisen, kümmert sich aber nicht um die Menschen, die dringend Hilfe nötig
hätten, obwohl diese Adeligen alle Möglichkeiten dazu hätten. Sie machen lieber
die Augen zu.
Sophie erkennt dies schnell und möchte vermeiden, dass sie irgendwelche
solcher Eigenschaften übernimmt, so dass sie nicht näher mit den Adligen in
Kontakt tritt bzw. treten möchte. Kurz nach dem ersten Zusammentreffen mit ihnen
schreibt sie, dass sie eine „Gesellschaft unmenschlicher Personen“ getroffen
habe. Es ist unfassbar für Sophie, dass es tatsächlich Menschen gibt, für die
das Wohlergehen anderer uninteressant ist. Sie erzählt Lord Seymour von ihrer
Erschütterung, aber dieser versucht den Adel noch in Schutz zu nehmen, da viele
überhaupt nicht über die „wahren Zustände ihrer Untertanen“ Bescheid wüssten,
und bittet Sophie, nicht in Gegenwart der Adeligen über ihre Erschütterung zu
sprechen. Sophie kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass die Adelsständigen
wirklich nichts von den grausamen Zuständen wissen, aber sie versucht Seymour
seine Äußerungen zu glauben.
Sophie stellt bei weiteren Treffen fest, dass die Adeligen sich
untereinander nicht verstehen, sondern sich dies nur immer vormachen, da sie
sich stetig gegenseitig mit ihren Besitzen überbieten wollen. Nur beim Spielen
sind sie gleicher Meinung (daran hat sogar Sophie Spaß). Ihr fällt auf, dass der
Adel nur mit solchen unwichtigen Kleinigkeiten beschäftigt ist, und ist froh,
dass sie nicht so ist, sondern eine Erziehung genossen hat, die ihr die
wichtigen Aufgaben des Lebens gezeigt hat.
Sophie ist sehr bemüht, dass die adeligen Menschen endlich erkennen, dass
sie viel bewirken könnten, wenn sie mit offenen Augen durch die Welt gehen
würden; aber sie merkt schnell, dass der Adel ein Stand ist, der nichts mit
anderen bzw. bürgerlichen Menschen zu tun haben möchte. Dieses Problem wird
nicht erst in den Briefen von Sophie deutlich, sondern schon bei der Liebe von
ihrer Mutter zu ihrem Vater, denn auch ihre Familie (besonders Schwester
Charlotte) war zuerst nicht sehr froh über diese Liebe und auch spätere
(eigentlich nicht standesgemäße) Hochzeit. Zwischen der Schwester und der
Familie ist es sogar zu einem kurzzeitigen Bruch gekommen.
Alles in allem wird der Adel die meiste Zeit von La Roche bzw. Sophie in
einem schlechten Licht präsentiert. Als Leser ist man auch ganz erschüttert,
dass der Adel wirklich so „blind“ ist und solche ignoranten Einstellungen
vertritt. Da Sophie zum größten Teil eine eher bürgerliche Erziehung genossen
hat und dadurch ziemlich bodenständig ist, kann man den Kontrast zwischen schon
dekadentem Adel und dem aufstrebendem Bürgertum erkennen.
Vielleicht wollte La Roche Adelige, die zum Teil bestimmt auch das Buch
gelesen haben, zum Nachdenken bringen und ihnen zeigen, dass sie endlich etwas
für die hilfsbedürftigen Untertanen tun sollen bzw. müssen, da diese ohne sie
bzw. ihr Geld kaum eine Chance auf eine hoffnungsvolle Zukunft haben.
Außerdem zeigt La Roche schon zu Beginn des Romans, dass es möglich ist,
dass Adelige (Baron von P.) auch mit Bürgerlichen (Oberst Sternheim) eine enge
Freundschaft führen können. Es ist vielleicht ein versteckter Hinweis für die
lesenden Adeligen, dass sie dies doch auch einfach mal versuchen sollten.
3. Parallelen zum Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ von J.W. Goethe
Zwischen den Romanen „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ von La Roche
und „Die Leiden des jungen Werther“ von Goethe lassen sich vier offensichtliche
Parallelen feststellen:
a. Briefe an Freund bzw. Freundin
b. Liebe zur Natur
c. Kritik am Adel
d. Wunsch / Sehnsucht nach dem Tod
a. Briefe an Freund bzw. Freundin
Der äußere Aufbau der beiden Romane besteht jeweils zum größten Teil aus
Briefen, die an den besten Freund (Werther: Wilhelm) oder an die beste Freundin
(Sophie: Emilia) adressiert sind. Im Falle des Werkes von Goethe werden
ausschließlich Briefe an Wilhelm geschrieben, aber La Roche bezieht noch andere
„Briefwechsel“ mit ein. Dadurch verfolgt der Leser den Romanablauf nicht nur aus
einer Sicht. Insgesamt aber spielen Wilhelm und Emilia in beiden Büchern jeweils
die Rolle der engsten Vertrauten. Sophie und Werther schreiben ihren Freunden
stets, ob es ihnen gut geht, was sie für Gefühle haben, und sie berichten von
den Dingen, die sie täglich erleben.
In der „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ und in den „Leiden des
jungen Werther“ sind jeweils keine Antwortbriefe der Vertrauten zu finden. Man
kann zwar in beiden Büchern die Antworten dieser aus den Briefen der
Protagonisten erschließen, aber ein eigener Brief von ihnen ist nie zu finden.
Wilhelm und Emilia dürfen also nur die „Kummerkästen“ ihrer Freunde spielen.
Im Falle des Briefromans von Goethe könnte man sogar sagen, dass Wilhelm
vielleicht überhaupt nicht wirklich existiert, sondern die Briefe an ihn nur
eine Art von Tagebuch sind, da man nie etwas Genaueres über Wilhelm erfährt. Bei
Emilia kann man sich jedoch sicherer sein, dass sie wirklich existiert, denn sie
wird als Person intensiver mit in das Buch eingebunden. Als Leser erfährt man
viel über ihr eigenes Leben und Sophie fährt sogar zu ihr, als es ihr wegen der
Enttäuschung mit Lord Derby sehr schlecht geht und sie Hilfe braucht. Als
Werther wegen Lotte so verzweifelt war und Abstand von ihr gewinnen wollte,
hätte er eigentlich auch seinen Freund Wilhelm besuchen können. Er hat dies aber
nicht getan ...
Alles in allem sind Emilia und Wilhelm sehr wichtige Personen im Leben von
Sophie und Werther. Wenn sie ihre Freunde nicht zur Seite hätten, würden sie
bestimmt teilweise noch verzweifelter sein.
b. Liebe zur Natur
Sophie und Werther, beide empfindenden Hauptpersonen, sind beide sehr mit
der Natur verbunden. Die Natur macht sie (meistens) glücklich.
Während Sophie bei ihrer adeligen Tante leben muss, sehnt sie sich die ganze
Zeit nach dem Landleben, denn dort hat sie keinerlei Verpflichtungen und fühlt
sich frei. Sie ist sehr gläubig und kann in der Natur die Schöpfung Gottes
sehen.
Werther zeigt auch diese Gedanken und Gefühle auf, denn die Natur macht auch
ihn glücklich, obwohl es bei ihm eher stimmungsabhängig ist. Wenn es Werther
nicht gut geht, dann kann er auch an der Natur nichts Positives entdecken (z. B.
Brief vom 18. August); ist er aber glücklich, lobt er auch die Natur in den
höchsten Tönen (z. B. Brief vom 10. Mai).
Sophie jedoch macht die Natur immer glücklich, denn sie verbindet mit ihr
auch Erinnerungen an ihre Kindheit, als sie noch mit ihren Eltern ein
glückliches (und bürgerliches) Leben geführt hat und nicht bei ihrer Tante in
einer adeligen Gesellschaft leben musste.
Insgesamt aber ruft die Natur bei beiden Charakteren starke Gefühle hervor.
Sie spielt in beider Leben eine tragende Rolle, da beide sie auch immer in
Beziehung mit Gott als Schöpfer setzen können.
c. Kritik am Adel
Die beiden Hauptfiguren aus den Romanen „Geschichte des Fräuleins von
Sternheim“ und „Die Leiden des jungen Werther“ stehen dem Adel nicht sehr
positiv gegenüber.
Sie machen keine guten Erfahrungen mit Adelsständigen und sind doch sehr
entsetzt über die Einstellungen, die Adelige den Menschen aus anderen Ständen
gegenüber haben. Manche Textstellen, die von den Erfahrungen berichten, welche
Werther und Sophie mit Adeligen machen müssen, sind in beiden Büchern sogar
recht identisch.
Sophie und Werther stellen beide fest, dass Adelige sehr oberflächlich sind
und sich gegenseitig mit ihren Besitztümern immer übertrumpfen müssen. Wenn
solche miteinander reden, erzählen sie sich immer von ihrem Reichtum und ihren
„wichtigen“ Aufgaben (nämlich: einen noch höheren Rang zu erreichen), um dem
Gesprächspartner zu zeigen, dass er nicht so bedeutend ist. Außerdem merken
beide, dass adelige Menschen kein Interesse daran haben, ob es anderen Menschen
gut geht, sondern sie nur sich sehen und auch am liebsten immer unter sich
bleiben. Werther muss dies sogar am eigenen Leibe erfahren, denn er wird (zwar
höflich, aber doch) von einem Fest verwiesen, da seine Anwesenheit bei Hofe
unangenehm war. Sophie kann in diesem Bereich ja keine eigenen Erfahrungen
sammeln, da sie selber zu dieser Gesellschaft gehört und somit nicht von einem
Fest verwiesen werden kann. Sie beeindruckt die Adeligen sogar mit ihren guten
Taten für die armen und hilfsbedürftigen Menschen und erlangt so ein hohes
Ansehen in der adeligen Gesellschaft. Es beschließt aber (trotz der guten
Eindrücke) kein Adeliger, Sophie bei ihren Hilfsmaßnahmen für die Armen zu
unterstützen bzw. selber die Initiative für ein eigenes Projekt zu ergreifen.
Zudem stellen Werther und Sophie beide fest, dass sich Adelige nur beim
Spielen einig sind.
Wenn man die Aussagen von Sophie und Werther in Bezug auf den Adel
vergleicht, muss man feststellen, dass sie wirklich eine identische (schlechte)
Meinung von dieser Gesellschaft haben. Sie hätten bestimmt viel Freude, wenn sie
ihre Eindrücke austauschen würden ...
d. Wunsch / Sehnsucht nach dem Tod
Werther und Sophie sind zu einem bestimmten Zeitpunkt beide der Meinung,
dass sie nur noch sterben wollen, da dies die einzige Erlösung ihrer Qualen zu
sein scheint.
Sophie jedoch möchte sich nicht umbringen, sondern sie hofft, dass Gott sie
zu sich holt. Vermutlich hätte Sophie sich keinesfalls selbst getötet, sondern
wäre öfters froh gewesen, eines „natürlichen“ Todes sterben zu können. Werther
aber bringt sich schließlich selber um, da er sein Leid nicht mehr ertragen
kann.
In dem Roman „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ kann man sehen, dass
nach Regen immer wieder die Sonne scheint und man nicht zu schnell aufgeben
sollte, sondern die schweren Zeiten mit viel Kraft durchstehen sollte. Sophie
hätte vielleicht ein Vorbild für Werther sein können, so dass er seinem Leben
kein Ende gesetzt hätte.
Insgesamt jedoch ist der Tod bei beiden Protagonisten eine bestimmte Zeit
lang ein Begleiter ihres Lebens, über den sie oft nachdenken und den sie sich
auch oft wünschen. Sie sind beide an den Tiefpunkten ihres Lebens angekommen.
Der Unterschied ist aber, dass Sophie diese schwere Lebensprüfung bewältigt und
Werther eben nicht.
4. Sophie und die Männer
Auffällig bzw. merkwürdig in dem ganzen Roman „Geschichte des Fräuleins von
Sternheim“ ist, dass sich jeder Mann, der eine größere Rolle spielt (Lord
Seymour, Lord Derby, Lord Rich ...) in Sophie verliebt und diese heiraten will.
Es beginnt mit Lord Seymour, der sich schnell in Sophie verliebt, dies aber
unterdrückt, da er denkt, dass Sophie den Fürsten heiraten wird (der sie
vermutlich nur als Mätresse will) und er somit keine Chance mehr bei ihr hat. Er
ahnt nicht, dass sie ihn auch liebt.
Es folgt Lord Derby, der solch intensive Gefühle für eine Frau eigentlich
nicht kennt. Er will Sophie um jeden Preis besitzen und ist von sich selber ganz
überrascht, als er sich dabei ertappt, wie er für Sophie schwärmt.
Danach folgt längere Zeit kein Mann mehr, aber der erste (Lord Rich), den
Sophie nach ihrer Enttäuschung kennenlernt, verliebt sich auch in sie und würde
sie gerne heiraten.
Alles in allem zieht Sophie die Männer sofort in ihre Fänge. Daran kann man
auch schon wieder erkennen, was für ein toller Mensch Sophie ist, denn die
Männer würden sich sonst schließlich nicht in sie verlieben.
Durch diese Beliebtheit bei den Männern wird deutlich, dass La Roche eine
fantastische igurenzeichnung hat, denn sie sagt nicht immer plump, dass Sophie
toll ist, sondern sie verpackt es ganz geschickt in einzelne Auffälligkeiten
(wie humanistisches Engagement und Verbreiten guter Laune bzw. positiver
Stimmung).
1. Sophie von Sternheim (Fräulein von Sternheim / Madam
Leidens)
... ist die Hauptfigur des Romans „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“.
Sie ist ein „vollkommener“ Mensch, der alle positiven Eigenschaften in sich
trägt. Am meisten ist an ihr zu schätzen, dass sie sich für die armen und
hilfsbedürftigen Menschen immer wieder einsetzt. Ihre Aufopferung geht sogar so
weit, dass sie am Ende fast sterben muss, da durch ihre Hilfe Missverständnisse
entstanden sind, die (etwa beim Fest des Fürsten) nicht aufgeklärt wurden.
Sophie ist ein sehr freundlicher Mensch, was auch alle sofort merken, denen
sie begegnet. Sie wird immer schnell in die Herzen der Menschen geschlossen. Sie
hat keinerlei Probleme Kontakte zu knüpfen und wird immer gern gesehen.
Außerdem ist sie ein sehr familiärer Mensch, denn sie vermisst die
Herzlichkeit ihrer Eltern sehr, genau wie das idyllische Leben, welches sie mit
ihnen gelebt hat. Sie sehnt sich sehr danach, was auch ihre Bescheidenheit
ausdrückt, denn sie hätte ja die Möglichkeit, ein sehr prunkvolles Leben ohne
Geldsorgen oder Existenzängste im Adel zu verbringen, aber dieses Leben macht
sie nur unglücklich. Sie lebt lieber ein bürgerliches Leben und teilt ihr Geld
mit Menschen, die es sehr nötig haben.
Sophie kann sich nicht verstellen und zeigt der adeligen Gesellschaft immer,
dass sie deren Einstellung nicht teilt. Sie ist überhaupt ein Mensch, der keinem
etwas vormacht und ihn belügt bzw. hintergeht. Sophie ist also immer ehrlich,
was als eine sehr positive Eigenschaft immer wieder hervorgehoben wird.
Der einzige kleine negative Punkt ist vielleicht, dass Sophie sehr leicht zu
verletzen ist. Sie kann mit Enttäuschungen schlecht umgehen und möchte sich mit
diesen auch nicht auseinandersetzen, sondern ergreift dann lieber die Flucht.
Vielleicht tut sie dies aber auch, damit die anderen Menschen nicht sehen, dass
sie nicht immer eine starke Persönlichkeit sein kann, sondern auch kleine
Schwächen und wunde Punkte hat.
2. Lord Seymour
... ist ein Mann, dem die Gefühle anderer Menschen wichtiger sind als seine
eigenen. Er lässt sein Glück zurückstehen, damit andere Personen, die sich in
seiner Umwelt befinden, glücklich und zufrieden werden können.
Diese Eigenschaft wird sehr oft an seiner Liebe zu Sophie deutlich, denn er
geht erst davon aus, dass sie freiwillig und gerne den Fürsten, der um ihre Hand
anhält, heiraten möchte. Da Seymour diesen Eindruck hat, möchte er von Anfang an
nicht, dass Sophie etwas von seiner Liebe erfärt. Es kommt ihm überhaupt nicht
in den Sinn, dass Sophie den Fürsten keinesfalls will, da sie sich auch in
Seymour verliebt hat. Dieser akzeptiert kampflos sein Unglück.
Man könnte sein tatenloses Zusehen aber auch so deuten, dass er keinen
Ehrgeiz (und vielleicht sogar kein Selbstbewusstsein) hat. Wenn man verliebt
ist, würde man normalerweise (fast) alles tun, um diese Gefühle auch bei dem
betreffenden Menschen zu erwecken bzw. würde man wissen wollen, ob dieser Mensch
vielleicht auch so fühlt (vermutlich vor mehr als 200 Jahren - nicht anders als
heute). Seymour bemüht sich aber nicht weiter um die Liebe von Sophie, sondern
zieht sich sofort von ihr zurück, da er glaubt, dass sie auf jeden Fall den
Fürsten heiraten will. Wenn er Sophie gezeigt hätte, dass er sehr tiefe Gefühle
für sie hat, wären ihr bestimmt einige Enttäuschungen erspart geblieben ...
Außerdem ist Lord Seymour ein Mensch, der sehr leicht zu verletzen ist. Nach
dem Missverständnis auf einem Ball des Fürsten möchte Seymour nichts mehr von
Sophie wissen und beleidigt sie sogar. Er tut dies aber nicht offensichtlich,
sondern hinter einer Maske versteckt. Er denkt, dass Sophie ihn belogen hat, da
sie ihm eigentlich offenbart hatte, dass sie nichts vom Fürsten wolle; aber auf
dem Ball erweckt sie bei Seymour den gegenteiligen Eindruck, da sie sehr
vergnügt mit dem Fürsten ist und (angeblich) heimlich mit ihm in das Pfarrhaus
gewesen ist. Seymour geht aber nicht zu Sophie und fragt sie offen, ob sie den
Fürsten nun doch heiraten wolle, sondern zieht sich beleidigt und ohne ein Wort
von ihr zurück. Dies zeigt, dass Seymour vielleicht etwas stur und dickköpfig
ist.
Insgesamt würde Seymour aber alles für Sophie tun, denn als er später von
den fiesen Intrigen Derbys hört, möchte er sie rächen. Er liebt Sophie von
ganzem Herzen und kann nicht ertragen, wenn man sie verletzt.
Er ist also ein positiv gezeichneter Mann, den wohl nicht nur Sophie gerne
an ihrer Seite hat, da auch andere sich bei ihm bestimmt geborgen und beschützt
fühlen könnten.
3. Lord Derby
... ist der „Bösewicht“ des Romans „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“.
In dem Buch wird diese Position auch klar dargestellt, denn er wird als
„ruchloser“ Mann beschrieben, der „viel Arglist und Verstand“ habe.
In seinem ersten Brief an seinen Freund in Paris wird schon deutlich, dass
Lord Derby sehr von sich überzeugt ist und letztendlich die Menschen in seiner
Umgebung nicht ernst nimmt, denn er sieht weder den Fürsten noch Lord Seymour
als wirklichen Konkurrenten im „Kampf“ um Sophie an, da schließlich nur er
selbst es wert zu sein scheint, die Liebe von Sophie zu empfangen. Derby ist
sich natürlich auch sicher, dass er diese Liebe früher oder später erhalten
wird.
Ihm gelingt es zwar tatsächlich, dass Sophie ihn heiratet, aber er hat dies
nur mit vielen hinterhältigen Tricks erreicht, die teilweise schon sehr
unglaublich klingen (z.B. die Vortäuschung, dass sein Freund John Priester ist).
Lord Derby schämt sich jedoch nicht für seine Taten, sondern berichtet seinem
Freund in Paris immer stolz von diesen. Man kann also wirklich ganz klar
erkennen, dass Derby ein Mann ist, den die Gefühle anderer Menschen nicht
interessieren, sondern für ihn nur zählt, dass ER glücklich ist, egal ob dies
die Folge einer Intrige ist oder nicht.
Man muss aber auch zugeben, dass Lord Derby ein sehr intelligenter Mann ist,
da seine fiesen Pläne, die schon sehr klug und raffiniert aufgebaut sind, immer
perfekt aufgehen, ohne dass irgendjemand Verdacht schöpft, dass irgendwer bzw.
Derby seine Hände mit im Spiel hatte. Er intrigiert fast das ganze Buch über,
aber nie fällt jemandem auf, dass die sehr viele Missverständnisse, die in der
Gesellschaft passieren, vielleicht sogar geplant sind bzw. absichtlich
geschehen. Derby fädelt seine Intrigen also wirklich sehr intelligent ein ...
Am Ende der Geschichte wandelt sich der Charakter von Lord Derby aber sehr,
denn als er im Sterben liegt, zeigt er plötzlich Reue für die Taten, die er
Jahre zuvor begangen hat. Er bereut es, dass er Sophie und seine 2. Ehefrau, die
er nicht aus Liebe, sondern nur wegen ihres Geldes und ihrer adeligen Position
geheiratet hat, belogen und hintergangen hat. Sophie hat er ja sogar richtig
gequält und hätte ihren Tod akzeptiert, damit sie seine Lügen nicht aufdecken
konnte.
Offensichtlich erkennt Derby erst im Sterbebett, dass wahre Gefühle und
Ehrlichkeit im Leben am wichtigsten sind, denn am Ende seines Lebens sieht er,
dass er durch sein Verhalten in früheren Zeiten nun ganz alleine auf der Welt
ist und es niemanden interessiert, ob er tot oder lebendig ist. Lord Derby würde
sein Leben nun bestimmt gerne ändern, aber zu diesem Zeitpunkt ist es zu spät.
Ich denke, dass die Rolle der Sophie in diesem Buch
etwas zu übertrieben dargestellt wurde. Denn Sophie ist ein Mensch, den es so
wohl nicht gibt und auch nicht geben kann. Sie vereint nämlich alle positiven
Eigenschaften in sich und ist somit ein Vorbild für jedermann. Sie ist schon in
sehr jungen Jahren schon sehr viel gebildeter, als andere Menschen überhaupt
jemals sein werden.
In ihr ist die Absicht zur Verbesserung einer ganzen Gesellschaft vorhanden
und für diese Vorstellungen, den anderen Adeligen den Umgang mit
hilfsbedürftigen Menschen zu zeigen, tut sie sehr viel. Ihre guten Taten stürzen
sie jedoch selber in den Abgrund, denn durch das Missverständnis auf dem Fest
des Fürsten (es geht um die gute Tat eben nicht einer Mätresse) werden ihr diese
zum Verhängnis.
Sophie ist also ein umwerfender Mensch, der sich für andere aufopfert, aber
sie erntet dafür keinen Dank, sondern muss an den überraschend negativen Folgen
fast sterben. Durch diesen unfairen Handlungsablauf bekommt der Leser eine immer
stärkere Bindung zu einem Menschen, der schon fast ein ähnliches Schicksal wie
Jesus erleidet. Dieser hat in seinem doch recht kurzen Leben immer versucht, den
Armen zu helfen; doch letztendlich erntete er dafür auch keinen Dank, sondern
musste viele Qualen erleiden. Zwischen ihm und Sophie lassen sich also gewisse
Parallelen erkennen, die dazu führen, dass Sophie in dem Roman auch etwas
Göttliches bekommt.
La Roche schafft eine Sophie, die zum Ende des Buches immer übertriebener
dargestellt wird. Manchmal kann man beim Lesen wirklich nur mit dem Kopf
schütteln, denn manche Darstellungen von Sophie wirken einfach zu unrealistisch
und erscheinen sogar schon richtig künstlich.
Außerdem ist das Buch sehr unregelmäßig aufgebaut. In dem ersten Buch
passiert nicht ganz so viel und manche Handlungen werden bei der Darstellung in
die Länge gezogen (z.B. das Fest des Fürsten mit dem folgenreichen
Missverständnis), aber im zweiten Buch überschlagen sich die Ereignisse
teilweise und alles wird plötzlich sehr schnell zusammengefasst. Es scheint, als
ob La Roche zu Beginn des zweiten Buches gemerkt hätte, dass ihre Darlegung zu
lang und langweilig wird, wenn sie weiterhin so ausführlich schreibt. Vielleicht
hätte sie besser einige Stellen im ersten Buch kürzen sollen, anstatt sich die
(wichtigen) Handlungen im zweiten Buch zu überschlagen.
An La Roche ist aber positiv hervorzuheben, dass sie einen wunderbaren
Schreibstil hat. Man versteht gut, was sie sagen möchte, und hat doch immer den
Eindruck, dass sie dies auf eine sehr unauffällige Art und Weise tut. Sie
schreibt zwar teilweise sehr übertrieben (siehe Charakteristik Sophies), aber
sie gibt auch unbemerkt Hinweise (z. B. Sophie und die Männer). Außerdem schafft
sie es, dass der Leser richtig mitfühlt, denn innerlich regt man sich immer über
Lord Derby auf, da er einfach gut als böse dargestellt ist. Das Schicksal von
Lord Seymour macht einen als Leser traurig, gerade weil man weiß, dass Sophie
ihn auch liebt. Ich denke auch, dass der Schreibstil bzw. der Roman von La Roche
ein gutes Beispiel für die „Empfindsamkeit“ ist, da sie Gefühle wirklich gut
ausdrücken und dem Leser vermitteln kann. Wenn man ihren Roman liest, fühlt man
einfach richtig mit. Ihre Scheibmethode ähnelt bei der Darstellung von Gefühlen
sehr der Ausdrucksweise Goethes, denn bei seinem Briefroman „Die Leiden des
jungen Werther“ muss man als Leser auch richtig mitfühlen. Diese Fähigkeit
zeichnet beide sehr aus.
Alles in allem ist das Buch zwar schreibtechnisch gelungen, aber ansonsten
doch langwierig und deshalb etwas langweilig, was vielleicht auch an der Länge
des ersten Teiles des Buches liegen kann. Ich denke nicht, dass ich es
uneingeschränkt weiterempfehlen würde, da man sich irgendwann wirklich
durchkämpfen muss.
Quellen:
„Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ von Sophie von La Roche, Reclam
Kindlers Literatur Lexikon