Hokkaido - das andere Japan
Denkt man an Japan, so fallen einem spontan zwei Welten ein. Zum einen das traditionelle Japan, verkörpert durch Tempel, Schreine, Zen und wunderschöne Gärten; zum anderen die geballte Industrienation mit roboterisierten Autofabriken, Nintendo und den überfüllten U-Bahnen Tokyo's. Sowohl das eine als auch das andere Bild kann dieses Land nur unzulänglich beschreiben und so soll die folgende Beschreibung auch nur eine weitere Facette im Kaleidoskop dieses Landes beleuchten. Die Rede ist von Hokkaido, der nördlichsten der 4 Hauptinseln Japans. Hier leben ca. 5% der Bewohner Japans, also knapp 6 Millionen Menschen, auf 20% der Fläche des Landes. Das hat eine "Menschenleere" zur Folge, die man auf Honshu nur in entlegensten Bergregionen geniessen kann. Diese Weite des Landes erreicht natürlich bei weitem nicht die Dimension, die man zum Beispiel in Alaska findet, aber für Japanische Verhältnisse ist Hokkaido eine Traumlandschaft mit Wäldern, Berger, vielen Seen und heissen Quellen.
Fährt man zum Beispiel nur 10 km aus Sapporo, mit 1,8 Millionen Einwohnern die grösste Stadt Hokkaidos, heraus, so kann man Schilder am Strassenrand finden, die vor Bären warnen.
Geschichtliches
Diese dünne Besiedelung ist auf die erst späte organisierte Erschliessung der Insel nach der Meiji Restauration (1864) zurückzuführen. Hokkaido war das letzte Refugium der Ainu, der Ureinwohner Japans, die durch die einwandernden modernen Japaner, aus Korea kommend, immer weiter nach Norden verdrängt wurden. Von daher hat sich hier ein letzter Rest der Ainu Kultur erhalten, der aber immer mehr zur Touristenatraktion vermarktet wird. Am deutlichsten schlägt sich das Ainu Erbe in Ortsnamen wieder. Namen von Städten wie Sapporo, Kutchan, Wakkanai, Noboribetsu oder von Bergen und Regionen wie Annupuri oder Shakotan haben deutlich Ainuursprung. Dabei kann es einem Japaner aus Honshu durchaus passieren, die Namen solcher Orte nicht lesen oder schreiben zu k�nnen. Das rührt daher, da� in Japan seit dem 8. Jahrhundert chinesische Schriftzeichen (Kanji) verwendet werden, die verschiedene Aussprachemöglichkeiten haben. Nun hatte die japanische Verwaltung damals bestimmt, da� auch in Hokkaido jeder Ort mit diesen Kanji zu schreiben sei. Es wurden also jedem Ort die Kanji zugeordnet, die dem ursprünglichen Namen am nächsten kamen. So hei�en die zwei Zeichen aus denen der Name "Sapporo" zusammengesetzt ist eigentlich Satsu und Horro, also müsste Sapporo in Wirklichkeit "Satsuhorro" heissen. Nun ist Sapporo eine sehr bekannte Stadt in Japan, da� eine solche Verwechselung nicht vorkommt, aber kleinere Orte fallen der Verwechselung der Kanji schon einmal zum Opfer.
Wirtschaft
Industrie ist in diesem dünn besiedelten Gebiet Japans kaum zu finden. Die Haupteinnahmequellen sind Fischerei, Landwirtschaft und Tourismus. Es gibt ergiebige Fischgründe vor Hokkaido, auch in der Nähe der von der ehemaligen Sovietunion anektierten Inseln nordöstlich Hokkaido's, was auch immer wieder zu Zusammenstössen mit der russischen Flotte führt. Dabei ist das Wort Zusammenstoss durchaus wortwörtlich zu nehmen und nicht selten werden japanische Fischer, die in russischen Hoheitsgewässern fischen, gefangengenommen oder kommen bei den Zwischenfällen ums Leben. Es gibt ganz vorzügliche Krabben- und Tintenfischgründe rund um Hokkaido und im Herbst sind viele Flüsse bis in die Städte hinein schwarz vor Lachsen. Die Landwirtschaft besteht aus verhältnism�ssig wenig Reisanbau, dagegen aber aus viel Ackerwirtschaft und Viehzucht. Durch ausgedehnte Weiden und Kartoffel- und Weizenfelder in der hügeligen Landschaft, die sonst in Japan wegen des ausgedehnten Reisanbaus, der waagerechte Felder benötigt, nicht mehr vorliegt, bekommt die Insel einen sehr europäisches Aussehen.
Klima
Auch das Klima trägt dazu bei schnell zu vergessen, da� man sich in Japan befindet. Der Winter ist lang und hart und dauert von Anfang Dezember bis Ende März. In der Mitte Hokkaido's werden dabei bis zu -40�C gemessen, -30�C ist keine Seltenheit. An der Japan See Seite liegt dabei sehr viel Schnee, bis zu 4 m, w�hrend an der Pazifikküste nicht selten überhaupt kein Schnee liegt. Dem Winter folgt dann ein kurzer aber heftiger Frühling, in dem Pflaumen-, Kirsch- und Fliederblüten gleichzeitig zu bewundern sind, was in Honshu innerhalb zweier Monate nacheinanderfolgend stattfindet. Die Sommer sind kurz und bei etwa 30�C und 60-70% Luftfeuchte sehr angenehm. Der ca 6 wöchige Herbst, der mit einer wunderschönen Färbung der Blätter einhergeht hat sich dann Ende Oktober schon verabschiedet und ein neuer Winter bricht herein. Diese vier klar voneinander abgesetzten Jahreszeiten, ohne da� es zu der im restlichen Japan üblichen Regenzeit im Sommer kommt, tragen mit zu der touristischen Attraktion der Insel bei. Auch verirren sich sehr selten die berüchtigten Taifune im Herbst bis in den hohen Norden Japans, soda� Hokkaido das ganze Jahr über Touristen anlockt.
Tourismus
Im Winter strömen die Massen in die Skigebiete, wobei zu sagen ist, da� die Pisten ("Gelände" auf Japanisch) so angelegt sind, da� es wenig zu Errosion und Umweltschäden kommt. Demgegenüber verschandeln aber um so mehr "Resorthotels", die oft in abenteuerlichen Konstruktionen auf die grüne Wiese gebaut werden, die Gegend. Im Sommer sind es dann die Rucksacktouristen und Motorradfahrer, die die Insel bevölkern. Viele Küstenabschnitte sind als Naturschutzgebiet ausgewiesen, das grösste dieser Art ist die Shiretoko Halbinsel, die völlig unerschlossen ist. Der einzige Weg auf sie führt in Booten an der Küste entlang und dann im Kanu die Flüsse hinauf, denn im Inneren Shiretoko's gibt es weder Stra�en noch Wege. Diese ganzen Touristenströme führen auch dazu, da� die Flugroute Tokyo-Sapporo zu den verkehrsreichsten der Welt geh�rt. Es befliegen tagtäglich 68 Jumbojets diese Linie, die sich die drei grossen japanischen Luftfahrtgesellschaften, Japan Airlines, All Nippon Arlines und Japan Air System teilen.
Hauptsächlich wird Hokkaido von Japanern besucht, soda� Ausländer überall, selbst in der Millionenstadt Sapporo, auffallen. Anders als in Tokyo oder Kyoto dreht man sich hier auf offener Strasse noch nach ihnen um oder wirft ihnen scheue Blicke in der U-Bahn zu. Diese U-Bahn in Sapporo, die einzige in Hokkaido, wurde anlässlich der Olympischen Winterspiele 1972 gebaut. Aufgrund dieser Spiele wurde auch eine Städtepartnerschaft zwischen Sapporo und München ins Leben gerufen. Die deutlichsten Zeichen dieser Partnerschaft ist die "München Oh-hashi", die München-Grossbrücke, und ein gro�er Maibaum in der Nähe des Fernsehturmes. Daneben gibt es aber auch eine gro�e Zahl von Austauschprogrammen auf allen Ebenen, die die Bewohner beider Städte näher zusammenführt. Die Olympischen Spiele waren für die Stadtentwicklung dieser gerade einmal hundertjährigen Stadt von enormer Wichtigkeit. Sapporo ist eine moderne Stadt, das Handels- und Bankenzentrum Hokkaidos, mit breiten Stra�en, die schachbrettartig angeordnet sind. Der Fernsehturm im Mittelpunkt der Stadt gilt als Nullpunkt, von dem aus die Häuserblöcke in allen 4 Himmelsrichtungen durchnummeriert sind. Ein Verirren ist unmöglich und auch die Taxifahrer, denen man in Tokyo als Gast den Weg zu einer Adresse durch das Gewimmel der Strassen selber erklären muss, finden jede Adresse problemlos. Im Zentrum der Stadt liegt auch der Campus der Hokkaido Universität, einer der 7 ehemaligen Kaiserlichen Universitäten Japans. Mit knapp 20.000 Studenten gehört sie zu den grösseren Universitäten Japans, wobei nur die Hälfte der Studenten aus Hokkaido selbst kommen. Für den Rest der Studenten spielte bestimmt auch der oben angesprochene touristische Effekt eine Rolle bei der Studienplatzsuche. Natürlich kommen nicht nur Studenten aus Honshu nach Sapporo, sondern, da Sapporo das Handelszentrum Hokkaidos ist, auch viele Geschäftsleute, die von ihrer Firma von Tokyo nach Sapporo versetzt werden. Mag es für manchen am Anfang wie eine Strafversetzung vorkommen, so lernen viele doch das Leben hier zu geniessen und möchten am liebsten für immer in diesem besonderen, anderen Flecken im Norden Japans bleiben.
copyright Olaf Karthaus, 1996
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