Look
into my eyes, look into my mind
1.
Kapitel
Mein Blick schweifte �ber
die Landschaft und ich versuchte eine Beschreibung zu finden, aber das einzige
was mir einfiel, war �de! Schon seit Stunden kurvten wir �ber den staubigen
Highway, auf beiden Seiten der breiten Stra�e nichts au�er W�ste, hin und
wieder mal ein Strauch, der halb vertrocknet nach ein paar Tropfen Wasser
lechzte. Oh wow, da vorne war sogar ein Baum, ich konnte es kaum fassen und
brach in wahre Freudenstaumel aus. W�rde ich jetzt nicht hier in unserem Van
sitzen, w�rde ich herumh�pfen und tanzen, was das Zeug hielt, ehrlich! Ich
lehnte meinen Kopf gegen das Fenster und schloss kurz die Augen. Heute Morgen
waren wir schon um kurz nach f�nf aufgestanden und gegen halb sechs
losgefahren. So fr�h war in Orlando kein Schwein auf der Stra�e gewesen und es
hatte etwas Fremdes an sich, die leeren Stra�en zu sehen. F�nfzehn Jahre lang
hatte ich dort gelebt und ich liebte diese Stadt so sehr. Kein Wunder, dass ich
mich nicht �ber den Umzug nach Tampa gefreut hatte, ok, das war etwas
untertrieben, denn kaum hatte ich geh�rt, dass wir umziehen w�rden, hatte ich
halb Orlando vor Wut zusammen gebr�llt. Nun ja, legen wir es unter
�emotionalen Ausbruch� zu den Akten, was? So was gab es bei mir h�ufiger,
meine Eltern sagten dann immer, das l�ge bei unserer Familie Blut. Schlie�lich
war ich eine Latina. Mein Vater stammte aus Brasilien und meine Mutter aus
Puerto Rico, doch beide waren schon als kleine Kinder nach Orlando gekommen.
�Emily, willst du auch ein Sandwich?�, meine Mom riss mich mit ihrer Frage
gerade aus einem der sch�nsten Tagtr�ume. Die Sonne knallt vom strahlend
blauen Himmel herab und man selbst liegt auf einer Luftmatratze im angenehm k�hlen
Swimming Pool. Konnte das Leben nicht herrlich sein? Aber leider lag ich nicht
im erfrischenden Nass, sondern sa� auf der R�ckbank unseres Autos und
schwitzte was das Zeug hielt, obwohl die Klimaanlage auf Hochtouren lief. �Nee
danke!�, erwiderte ich und starrte wieder aus dem Fenster. Komisch, irgendwie
kam mir die Gegend bekannt vor. Bis zum Horizont Staubw�ste und zwei, drei B�sche,
wenn es in Tampa genauso aussah, w�rde ich auswandern, nach Europa. In dem
Augenblick entdeckte ich ein gr�nes
Stra�enschild. �100 Miles bis Tampa!�, st�hnte ich und verdrehte die
Augen. �Man merkt dir deine Vorfreude richtig an!�, grinste mein Vater, der
den Wagen lenkte und zwinkerte mir im R�ckspiegel zu. Das einzige was ich als
Antwort zu Stande brachte, war ein gequ�ltes L�cheln, das aussah, als ob man
mir eine Banane quer in den Mund gesteckt hatte. �Komm schon, Princesa, ich
bin mir sicher, dass es dir in Tampa gefallen wird.�, versuchte er mich
aufzumuntern, doch ich starrte nur betr�bt auf meine Schuhspitzen. Ihm w�rde
es dort ganz bestimmt gefallen, er hatte einen neuen Job, bekam mehr Geld und au�erdem
wohnte sein Bruder und noch einige andere Verwandten dort, die er lange nicht
mehr gesehen hatte und meine Mutter w�rde ihm �berall hin folgen, denn sie
liebte ihn abg�ttisch. So etwas hatte ich noch nie erlebt, w�hrend sich die
Eltern meiner Freunde nach der Reihe hatten scheiden lassen, war ich von dem
weit verbreiteten Ph�nomen �Scheidungskind� verschont geblieben. Da waren
wir auch schon wieder beim Thema: meine Freunde! Ich war nicht das beliebteste
Girl in unserer Schule, das wurde jedem klar, der mich einmal sah, aber ich
hatte viele Freunde gehabt, mit denen ich so viel Zeit wie m�glich verbracht
hatte. Meine Mutter hatte sich immer gewundert, dass ich kaum weibliche
Freundinnen hatte und mein Vater war um jeden meiner Kumpels misstrauisch
herumgeschlichen, weil er dachte, er w�re mein Freund. Ich wusste auch nicht,
wieso, aber ich verstand mich mit Jungs einfach viel besser als mit M�dchen,
die waren alle so zickig und arrogant. Wenn f�r ein Girl die Welt zusammen
brach, nur weil einer ihrer ach-so-heiligen Fingern�gel abgebrochen war, konnte
ich nur den Kopf sch�tteln. Wie konnte man blo� so oberfl�chlich sein? In
meiner Clique war ich das einzige M�dchen, aber so hatte ich mich nie gef�hlt.
In Baggies, die irgendwo zwischen den Knien hingen, so dass man die H�lfte der
Boxershorts sah, weiten Gap- und Fubu-Pullis und immer mit einem Baseballcap auf
dem Kopf, konnte man mich wirklich leicht f�r einen Jungen halten. Naja, das
ist jetzt doch etwas �bertrieben, trotzdem fragte ich mich manchmal, ob ich
nicht vielleicht besser ein Junge geworden w�re, dann h�tte ich es in manchen
Dingen wirklich leichter gehabt. G�hnend strich ich mir eine kurze,
dunkelbraune Haarstr�hne hinters Ohr zur�ck und zog die hellblaue
New-York-Yankees-Kappe tiefer in die Stirn. Meine Haare gingen ganz knapp bis
unters Ohr, diesen Schnitt hatte ich schon seitdem Kindergarten, aber man sah
wohl nicht viel von, denn, wann immer ich aus dem Haus ging, hatte ich ein
Baseballcap auf. Manchmal meinte mein Dad scherzhaft, dass sie mir an den Kopf
gewachsen w�re und ich sogar damit schlafen w�rde. Schlafen w�re jetzt gar
nicht mal so schlecht, dachte ich und lie� mich von dem sanften Schaukeln des
Autos und vom leisen Brummen des Motors ins Land der Tr�ume entf�hren.
�Emily, wir sind da!�,
aus weiter Entfernung h�rte ich die Stimme meiner Mutter und musste mich dazu
zwingen vom Skateboard-Platz vor unserer Schule zur�ck ins stickige Auto zu
kehren. Wehm�tig hing ich meinen Gedanken an die vielen Nachmittage, die ich
dort mit Jim, Alex, KC und Dustin verbracht hatte, nach. Meine G�te, noch nicht
mal einen Tag war ich von zuhause weg und schon �ber fiel mich die Sehnsucht
und das Heimweh. Nein Emily, Orlando ist nicht mehr dein Zuhause, das ist jetzt
hier in Tampa, rief ich mir in Erinnerung und �ffnete endlich schlaftrunken die
Augen. Mein Dad stand mit dem LKW-Fahrer, der den Umzugstransport geleitet
hatte, gegen den Transportwagen gelehnt da und unterhielt sich mit ihm, wie
immer wild gestikulierend. Wenn man mit ihm redete, musste man immer Angst
haben, gleich von einer Hand getroffen zu werden, besonders wenn er w�tend war.
Ich war ihm in solchen Sachen ziemlich �hnlich, aber was das Aussehen betraf
kam ich mehr nach meiner Mutter, die meiner Meinung nach wirklich h�bsch war.
Nicht das ich jetzt �berheblich wirke, meine Mutter war h�bsch und ich nur ein
blasses Abbild von ihr, das sich gar nicht erst trauen sollte, jemals mit so
einer wundersch�nen Frau verglichen zu werden. �Emily!�, rief meine Mom
erneut, sie stand auf den obersten Stufen einer Veranda, dahinter ragte ein
riesiges, in hellgelb angestrichenes Haus auf, das bestimmt dreimal so gro�
war, wie unser Reihenhaus in Orlando. Rasch stieg ich aus und lief wankend auf
das Gartentor zu. Meine Beine waren w�hrend der langen Autofahrt eingeschlafen
und es kribbelte jetzt �berall. �Wow� das ist echt� wow!�, mehr brachte
ich nicht heraus als ich nun direkt davor stand und den Kopf in den Nacken legen
musste um den Giebel zu sehen. �Guck dir erstmal das Innere und den Garten
an!�, sagte meine Mom und �ffnete die unverschlossene Haust�r. Drinnen war
es ganz sch�n k�hl und ich begann zu fr�steln, au�erdem war es f�r meine
Verh�ltnisse ein bisschen zu dunkel. Nur im Wohnzimmer, das sich �ber die eine
H�lfte der unteren Etage erstreckte, fiel das Sonnenlicht durch ein
gigantisches Panoramafenster. �Welche Farbe f�ndest du f�r Vorh�nge besser?
Gr�n oder Orange?�, fragend blickte meine Mom mich an, doch ich sch�ttelte
den Kopf. �Gar keine, ich find es so perfekt!� Es hallte in dem riesigen
Raum und ich musste grinsen, dann trat ich ans Fenster und schaute hinaus in den
Garten. Eine breite Rasenfl�che erstreckte sich dort und ein schmaler
gekachelter Weg f�hrte zu einem� ich fass es nicht� zu einem Swimming Pool.
Vorhin hatte ich noch davon getr�umt und jetzt lag er nur 20 Meter vor mir, am
liebsten w�re ich hinaus gerannt und mit Klamotten hinein gesprungen. �Willst
du noch den Rest des Hauses sehen?�, meine Mom stand an der T�r zum Flur und
deutete vage mit der Hand in Richtung der Treppe, die in den zweiten Stock f�hrte.
Nachdem wir uns alle Zimmer
angesehen hatten, musste meine Mutter nach drau�en, um irgendetwas mit der
Speditionsfirma zu kl�ren, ich stand etwas verloren im langen Flur, auf dem das
Schlafzimmer meiner Eltern, meins, ein gro�es Badezimmer, das G�stezimmer und
das B�ro meines Vaters lagen. Je l�nger ich hier war, desto besser gefiel mir
das Haus, nur die Klimaanlage musste noch anders eingestellt werden, aber das
war wohl das kleinste Problem. Ich lief den Gang hinunter und �ffnete die
letzte T�r auf der rechten Seite, das w�rde einmal mein Zimmer werden. Es war
ein ger�umiger, heller Raum, an einer Seite war ein halbkreisf�rmiges Fenster,
das die ganze Breite der Wand einnahm und davor war ein gro�es Fensterbrett,
auf dem man bequem sitzen konnte. Langsam schritt ich darauf zu und lie� mich
auf das hellbraune Holz fallen. Es war zwar nicht lackiert, aber trotzdem f�hlte
sich die Oberfl�che total glatt an und ich strich mit meinen H�nden die ganze
Zeit dar�ber. Schlie�lich beugte ich mich ein St�ck nach hinten und kippte
eines der drei Fenster, die zusammen den Halbkreis bildeten. Warme Luft kam
herein und wenn ich die Augen schloss und mich konzentrierte, konnte ich mir
vorstellen, wie unsere Clique bei Alex zuhause im Garten faul in den Liegest�hlen
rumgammelte und sich von der Haush�lterin bedienen lie�en. Alex Vater war der
Leiter einer gro�en Computer-Firma und deshalb war es nicht verwunderlich, dass
die Familie Geld wie Heu hatte, trotzdem war Alex nicht abgehoben, sondern total
normal geblieben. Eine Sache, die ich so an ihm gemocht hatte. Was die vier wohl
gerade trieben? Rasch warf ich einen Blick auf meine Armbanduhr, es war 16:30.
Eben hatte es zum letzten Mal f�r heute in der Schule gegongt und die Sch�ler
waren jetzt alle auf dem Nachhauseweg, meistens hatte unsere Clique aber noch
ein wenig auf dem Skateboardplatz abgehangen oder wir waren zum Sportplatz
gelaufen, der ein St�ck von unserer High School entfernt war und hatten dort
ein paar K�rbe geworfen. Ich hoffte, dass es hier genauso coole Leute geben w�rde,
aber niemand w�rde meine Clique jemals ersetzen k�nnen. Immer noch ein wenig
missmutig stand ich ein paar Minuten sp�ter wieder auf und ging hinunter um
nach meinen Eltern zu suchen. Unten in der Diele war schon eine Menge los, drei
Typen von der Speditionsfirma schleppten mit der Hilfe meines Vaters M�belst�ck
f�r M�belst�ck ins Haus hinein und meine Mutter, die nicht sehr gro� war, h�pfte
zwischen ihnen herum und zeigte, wo sie die M�bel hinstellen konnten. Stolz
konnte ich sagen, dass ich mit meinen 1,68m meine Mom um einen ganzen Kopf �berragte
und das rieb ich ihr auch bei jeder noch so kleinen Gelegenheit unter die Nase.
�Na Princesa, wie gef�llt es dir?�, wollte mein Vater wissen, nachdem er
ein schmales Regal, das im Flur stehen sollte, abgestellt hatte. �Es geht
so!�, antwortete ich und tat so, als ob mich alles ziemlich kalt lie�e,
obwohl ich, wenn ich ehrlich war, ziemlich begeistert von unserem neuen Haus
war. �Hast du den Pool schon ausprobiert?�, er hatte auch immer einen
kleinen Scherz auf Lager. �Ja, deshalb sind meine Klamotten auch so nass!�,
erwiderte ich ironisch und musste zwei M�nnern ausweichen, die unser Sofa
herein brachten. �Emily, kannst du mal bitte herkommen?�, schallte die
Stimme meiner Mutter durchs ganze Haus. Was wollte sie jetzt schon wieder von
mir? Normalerweise hatte ich sie voll lieb, sie war mehr eine gute Freundin f�r
mich als eine Mutter, das konnte nat�rlich auch an dem Altersunterschied
liegen, denn sie war erst 33 und sah auch gar nicht so alt aus. Manchmal wurden
wir sogar f�r Schwestern gehalten. Da ich jetzt keine gro�e Lust hatte ihr
beim Ausr�umen von Geschirr und allen m�glichen Dingen, die sich in all den
Jahren in unserem alten Haus angesammelt hatten zu helfen, tat ich einfach so,
als ob ich sie nicht geh�rt h�tte, doch mein Vater bat mich mit einem seiner
eindringlichen Blicke, zu ihr zu gehen und so lief ich in die K�che, wo sie
zwischen Stapeln von Kartons stand. Auf dem Boden neben mir hatte sich schon ein
Berg von alten Zeitungen und Styropor aufget�rmt. �Also, ich gebe dir die
Sachen und sage, wo sie hinbekommen und du bringst sie dann dort hin, ok?�,
noch bevor ich zustimmen konnte, hatte sie mir bereits einige Teller in die Hand
gedr�ckt, die ich zu einem der K�chenschr�nke brachte. Das konnte ja ein
unterhaltsamer Nachmittag werden!
Abends, nachdem wir endlich
alle M�bel im Haus hatten und das Speditionsauto um die Ecke gebogen war,
konnten wir uns erst wieder ausruhen. Meine Arme f�hlten sich an wie Gummib�nder
und ich war sicher, wenn man jetzt an ihnen ziehen w�rde, k�nnte man sie zwei
mal um den ganzen Globus wickeln. W�hrend meine Mom, die einen unglaublichen
Speicher an Energie besa�, munter pfeifend am Herd stand und das erste Essen
hier kochte, war ich hinaus in den Garten gegangen und hatte mich an den Pool
gesetzt. Meine Beine baumelten im Wasser, daf�r hatte ich die Baggies bis zu
den Knien hochgekrempelt und meinen schwarzen Gap-Pulli hatte ich gegen ein
hellgraues Adidas-T-Shirt getauscht. Die Luft roch nach den Rosenstr�uchern,
die anstatt immergr�ner Hecken oder einem Zaun als Grundst�cksbegrenzung und
Schutz vor neugierigen Nachbarn, gepflanzt waren und in einem Baum, der jetzt,
wo die Sonne schon tief am Horizont stand, seine langen Schatten �ber mich und
den Pool warf, zwitscherten ein paar V�gel. Ich genoss die abendliche Idylle
und versuchte meine Gedanken an Orlando und an meine Zukunft hier in Tampa zu
verdr�ngen, da h�rte ich Schritte hinter mir, die sich langsam n�herten.
�War ein anstrengender Tag, nicht wahr?�, mein Vater stand neben mir und
blickte nachdenklich auf mich herab. �Ja, Daddy!�, sagte ich und starrte auf
das bl�ulich schimmernde Wasser. �Tut mir leid, Princesa, das wir nicht in
Orlando bleiben konnten. F�r dich wird es von uns dreien am schwierigsten sein,
dich an alles Neue zu gew�hnen.�,
es klang, als ob er sich schuldig f�hlte. Schnell entgegnete ich: �Ach was,
hier ist es nicht gerade anders als in Orlando. Hauptsache du, Mommy und ich,
wir sind zusammen!� Ich hob meinen Kopf und sah wie seine traurigen Augen ein
wenig fr�hlicher wurden. �Du bist stark, Princesa!�, er beugte sich zu mir
nach unten und wollte mir erst einen Kuss geben, aber stattdessen dr�ckte er
nur kurz meine Schulter. �Und schon gro�!�, f�gte er hinzu, diesmal lie�
er den Kosenamen Princesa weg, so nannte er mich seit meiner Geburt. Da rief uns
Mom vom Haus aus zum Abendessen. Nebeneinander gingen wir zur�ck, ich barfu�
auf dem weichen Rasen, der sanft meine Fu�sohle kitzelte und er auf dem
gekachelten Marmorboden.
Es gab Reis mit H�hnchen
und Currysauce, eines meiner absoluten Lieblingsgerichte. Aber diesmal schaffte
ich noch nicht mal meine erste Portion, sondern schob den Teller, nachdem ich
nur etwa die H�lfte gegessen und ziemlich lange drin herumgestochert hatte, zur
Seite. �Ich bin satt, liegt wohl an der Luft.�, erkl�rte ich und trank
stattdessen einen Schluck eisgek�hltes Wasser. �Ist ok!�, sagte meine
Mutter und blinzelte mir freundlich zu, dann wandte sie sich wieder an meinen
Dad, die beiden redeten gerade �ber alte Zeiten. Das hie� sie lachten sich �ber
die Zeit ihres Studiums kaputt, erz�hlten Anekdoten, die ich schon fast
auswendig kannte und tranken dabei t�chtig Rotwein. Ich sa� dabei, h�rte aber
blo� mit halbem Ohr zu, zum einen, weil mich die Geschichten langweilten, zum
anderen, weil ich immer wieder an Orlando denken musste. Vorhin hatte ich zwar
so getan, als ob alles in bester Ordnung w�re, aber das war es nat�rlich
nicht. Schon jetzt grauste es mir davor, vor einer Klasse zu stehen, in der ich
niemanden kannte und mich stotternd vorzustellen, dabei hatten wir noch zwei
Wochen Ferien. Genug Zeit ein paar Leute kennen zu lernen, hoffte ich zumindest.
Als meine Eltern gegen zehn Uhr die dritte Rotweinflasche �ffneten und kichernd
H�ndchen hielten, merkte ich, wie sehr mich der Tag mitgenommen hatte und ich
wollte nichts anderes mehr als hoch in mein Bett. �Ich geh jetzt schlafen!�,
sagte ich und stand von meinem Platz auf. �Gute Nacht und tr�um was S��es,
Princesa!�, meinte mein Vater und guckte mich mit einem glasigen Blick an.
Oje, der sollte wirklich nicht mehr allzu viel trinken. Ich hatte mich gerade
zum Flur hingewandt, als mir meine Mutter noch etwas hinter rief. �Denk dran,
dass was du in der ersten Nacht in einem neuen Haus tr�umst, wird in Erf�llung
gehen!� Das einzige was ich antworten konnte, war ein m�des Kopfnicken, dann
schleppte ich mich hinaus in den Flur und die Treppe hoch. Welches war noch mal
gleich mein Zimmer gewesen? Bei den vielen T�ren konnte man leicht etwas
verwechseln, besonders wenn einem der Kopf so schwirrt wie mir. Schlie�lich
hatte ich mich zu meinem Zimmer vorgek�mpft und da ich zu faul war, Licht zu
machen, tastete ich mich vorsichtig durch den Raum, auf mein Bett zu, dass ich
im Schein des Mondes deutlich erkennen konnte. �Autsch!�, entfuhr mir ein
leiser Schrei, als ich polternd gegen eine Kiste gesto�en war, die mitten im
Raum stand. �Welcher Idiot hat die da��, begann ich los zu meckern, als
mir pl�tzlich einfiel, dass ich selbst diejenige gewesen war. Schlie�lich
hatte ich ohne weitere Zwischenf�lle mein Bett erreicht und nachdem ich noch
mit allergr��ter M�he aus meinen Baggies geschl�pft war, konnte ich endlich
unter die d�nne Leinendecke schl�pfen. Ich zog sie bis zum Kinn hoch und
kuschelte meinen Kopf ins weiche Kissen, ah Augenblick mal, ich hatte mein Cappy
noch auf. Grinsend musste ich an den Spruch von meinem Dad denken, zog sie vom
Kopf und legte sie dort hin, wo ich meinen Nachttisch vermutete. Leise plumpste
die Kappe auf den Boden, na gut, stand der Nachttisch eben woanders. Mir war es
relativ egal, weil ich viel zu m�de war um mir �ber so etwas Gedanken zu
machen. Ich schloss die Augen und war keine drei Minuten sp�ter eingeschlafen.
Am n�chsten Morgen wurde
ich von den Sonnenstrahlen geweckt, die meine Nase kitzelten. Vielleicht war die
Idee mit den Vorh�ngen doch nicht so schlecht gewesen. Ich setzte mich
blinzelnd auf und schaute mich in meinem Zimmer um. Es wirkte alles so fremd,
obwohl es dieselben M�bel waren wie in meinem alten Zimmer. Ah, da hinten am
Fenster stand der Nachttisch. Rasch streckte ich mich zur Seite, hob die Kappe
auf und setzte sie auf meine strubbeligen Haare. Ich wollte gar nicht wissen,
wie die jetzt aussahen. Garantiert standen sie in alle Himmelsrichtungen ab.
Schlie�lich qu�lte ich mich unter der Decke hervor und tappte g�hnend hinaus
auf den Flur. Wieso war ich eigentlich aufgestanden?, fragte ich mich, nachdem
ich mich im Badezimmer ausgezogen hatte und unter die Dusche gestiegen war. Es
waren Ferien, also h�tte ich locker bis in die Puppen pennen k�nnen. Aber ich
hatte auch nicht gut geschlafen, war alle paar Stunden aufgewacht und hatte mich
unruhig von einer Seite auf die andere gew�lzt und von was hatte ich �berhaupt
getr�umt? Nur verschwommen konnte ich mich an eine gro�e Halle erinnern. So
war das fast immer bei meinen Tr�umen, nachts waren sie realistischer als das
wahre Leben, aber kaum war ich am n�chsten Tag erwacht, konnte ich mich nur
noch an Ausschnitte oder manchmal an gar nichts mehr erinnern. Vielleicht hilft
es, wenn ich die Augen schlie�e, dachte ich und tat dies auch sofort. W�hrend
mir das warme Wasser auf den Kopf prasselte und an meinem K�rper hinab floss,
kehrte langsam alles zur�ck. Ich stand mitten in einer riesigen Halle, die
festlich geschm�ckt war und um mich herum hunderte von Leuten, die sich laut
lachend unterhielten. Im Hintergrund lief Popmusik und manche tanzten dazu.
Erstaunt sah ich, dass ich ein elegantes Ballkleid trug, das bis zum Boden ging,
aber an einer Seite, fast bis zur H�fte aufgeschlitzt war. Ich in einem Kleid?
Das konnte wirklich nur ein Traum sein und zwar ein Alptraum, ich sch�ttelte
den Kopf um das Bild zu vertreiben. Dann drehte ich das Wasser ab, wickelte ein
flauschiges Handtuch um meinen K�rper und stieg aus der Dusche. Von wegen der
Traum den du in der ersten Nacht in einem neuen Haus tr�umst, geht in Erf�llung,
Dieser auf keinen Fall, davon war ich felsenfest �berzeugt. Suchend blickte ich
mich nun im Badezimmer um. Die Schr�nke waren noch nicht einger�umt und die
ganzen Utensilien standen in Kisten herum. Wo war blo� der F�n? Nachdem ich
zehn Minuten danach gesucht hatte, gab ich es auf, rubbelte mit dem Handtuch die
Haare so lange, bis sie nur noch feucht waren und ging zur�ck in mein Zimmer.
Da ich auch jetzt zu faul war in allen m�glichen Kartons nach Klamotten zu
suchen, �ffnete ich den n�chst besten, zog eine dunkelblaue Baggies heraus und
schnappte mit das Adidas-T-Shirt vom Vortag. Fertig angezogen wollte ich runter
in die K�che gehen um endlich zu fr�hst�cken, mein Magen beschwerte sich
schon lautstark, da fiel mir ein, dass ich mein Cap im Bad liegen gelassen
hatte. Schnell huschte ich dort noch mal rein um es zu holen.
�Guten Morgen!�, begr��te
mich meine Mutter, die in einem wei�en Top, das ihre wundersch�ne
schokoladenfarbene Hautfarbe betonte und einen kurzen roten Rock am Fr�hst�ckstisch
sa� und eine Tasse Kaffe trank. �Guten Morgen!�, antwortete ich und lie�
mich auf den Stuhl gegen�ber von ihr plumpsen. Mann, ich hatte echt einen B�renhunger.
Schnell f�llte ich die Sch�ssel, die vor mir stand bis zum Rand mit Cornflakes
und sch�ttete dann Milch dr�ber, bis diese fast �berschwappte. Fast am
Verhungern begann ich es L�ffel f�r L�ffel in mich hinein zu schaufeln und
meine Mutter beobachtete mich dabei schmunzelnd. �Was ist?�, fragte ich mit
vollem Mund und musste aufpassen, dass mir nicht der halbzerkaute Cornflakesbrei
aus dem Mund rutschte. �Du isst genau wie dein Vater!�, erkl�rte sie, stand
dann auf um ihren Teller und ihre Tasse zur Sp�lmaschine zu bringen. �Wo ist
der eigentlich?�, fragte ich, nachdem ich die Cornflakes herunter geschluckt
hatte. �Sein Chef hat heute Morgen in aller Fr�he angerufen. Es gibt
irgendwelche Probleme, na ja, er ist sp�testens zum Mittagessen zur�ck, hat er
gemeint.�, fasste sie alles kurz zusammen und ich wunderte mich. In aller Fr�he?
Wie viel Uhr hatten wir denn? �Oh!�, entfuhr es mir, als ich sah, dass es
schon halb zw�lf war. Mir war die Nacht ziemlich kurz vorgekommen. �Was
willst du heute noch machen?�, wollte meine Mom pl�tzlich wissen, die sich
wieder zu mir gesetzt hatte und in einer Zeitschrift bl�tterte. �Ich wei�
nicht, braucht ihr meine Hilfe hier?�, ich wollte mit dieser Frage nur h�flich
sein und das wusste meine Mutter auch, denn ihre Lippen verzogen sich zu einem
breiten Grinsen. �Nicht unbedingt, aber wenn du unbedingt willst�� Ich
streckte ihr die Zunge heraus und wandte mich wieder meinem Fr�hst�ck zu. Da
klingelte auf einmal das Telefon. Ich hatte gar nicht gewusst, dass das schon
angeschlossen war. Wie fr�her hetzte ich nat�rlich in den Flur, um als erste
dran zu gehen, weil ich es auf den Tod nicht ausstehen konnte, wenn meine Mutter
oder mein Vater mit meinen Freunden telefonierten, auch wenn es nur kurz war.
Nanu, das Telefon stand ja gar nicht im Flur, auf der kleinen Kommode, wo es
sonst gestanden hatte, lag nur ein Notizbuch und neben dran hatte meine Mutter
eine durchsichtige Glasvase gestellt, in denen rote Rosen aus unserem Garten bl�hten.
�Mom, wo ist denn das Telefon?�, fragte ich verwirrt, als ich ihre Stimme
aus dem Wohnzimmer h�rte, aber sie sprach nicht mit mir. �In Ordnung, ich
werd mich darum k�mmern, also bis sp�ter!� Sie erschien in der T�r�ffnung
und hielt in der rechten Hand das Telefon. �Das war dein Dad, er kommt doch
erst heute Nachmittag und dann machen wir ein kleines Barbecue, deshalb gibt es
heute Mittag nur eine Kleinigkeit zu essen, ok?�, berichtete sie und ich
nickte zustimmend. Oja, Barbecue war eine klasse Idee. Meine Mutter machte n�mlich
die beste Barbecue-So�e auf der ganzen Welt und Dad war ein exzellenter
Grillchef. �Das Telefon steht �brigens ab jetzt im Wohnzimmer!�, f�gte sie
zwinkernd hinzu und ich streckte ihr abermals die Zunge heraus.
Sp�ter als ich endlich
fertig war mit fr�hst�cken, setzte ich mich wieder hinaus in den Garten. Ich
hatte mir sogar mal die M�he gemacht, einen von unseren Korbst�hlen zu suchen
und ihn nach drau�en in die Sonne zu schleppen. Wie wunderbar es doch war in
den Ferien zu faulenzen, dachte ich und schob die Spiegelglas-Sonnenbrille, die
bis auf meine Nasenspitze hinab gerutscht war, wieder an ihre eigentliche
Position. Mittlerweile aber brannte die Sonne gnadenlos vom Himmel herab und ich
sp�rte, wie mir die Schwei�tr�pfchen �bers Gesicht liefen. So f�hlte ich
mich normalerweise nach dem Basketballtraining, aber nicht wenn ich ein paar
Stunden im Garten gesessen hatte. Schlie�lich wurde es mir wirklich zu hei�
und ich ging zur�ck ins Haus, wo meine Mom immer noch damit besch�ftigt war
unsere Sachen auszupacken. Hier drin war es wunderbar k�hl und ich setzte mich
kurz auf die eine Ecke unseres Sofas. �Du k�nntest in deinem Zimmer auch mal
so langsam deine Klamotten und so einr�umen, oder?�, fragte sie mich, als sie
eine wei�e Tischdecke mit roten und gelben gestickten Bl�ten auf den Glastisch
vor mir legte und glatt strich. �Mach ich heute Abend!�, entgegnete ich
leichtfertig und �berlegte, ob ich nicht mal den Pool testen sollte. �Ich geh
jetzt eine Runde schwimmen!� Warum hatte ich da nicht vorher dran gedacht?
Entweder hatte mir die Sonne eben das Gehirn versengt oder man verbl�dete hier
in Tampa wirklich schneller wie in Orlando. Jedenfalls hatte das KC zu mir
gesagt, als ich mich von meiner Clique verabschiedet hatte. Ob ich bei einem von
ihnen anrufen sollte? Nein, das machte ich lieber sp�ter, nachdem Barbecue oder
so. Sie sollten nicht unbedingt sofort merken, dass ich sie total vermisste.
Schlie�lich war ich auch sonst immer cool geblieben, sogar als ich sie ein
letztes Mal umarmt hatte, konnte ich mir die Tr�nen verkneifen. Erst auf dem
Heimweg waren sie gekommen, aber da war es mir egal gewesen, Hauptsache meine
Jungs dachten, ich w�rde alles locker weg stecken. In dem ich jede zweite Stufe
�bersprang spurtete ich hoch in mein Zimmer, w�hlte in den Kisten bis ich
meinen knallorangenen Bikini gefunden hatte, zog ihn unter meine Klamotten und
lief wieder hinunter. Schwimmen war ich nie gerne gegangen, denn dann wurde der
Unterschied zwischen mir und dem Rest der Clique besonders deutlich, au�erdem
hasste ich es, wenn sie irgendwelche Andeutungen bez�glich meiner Oberweite
machten. W�tend hatte ich sie angefaucht und war meistens ziemlich fr�h nach
Hause gefahren und hatte mir dabei geschworen, nie wieder mit ihnen schwimmen zu
gehen� na ja, der Schwur hielt bis ich das n�chste Mal mit ihnen ins
Schwimmbad unterwegs gewesen war. Diesmal konnte ich die Frische des Wassers
einfach nur genie�en, denn es war keiner da, der irgendwelche Bemerkungen
machen konnte. Ich zog meine Hose und das T-Shirt aus und warf sie achtlos ins
Gras. Mit einem
mehr oder weniger eleganten Kopfsprung verschwand ich im Pool und
paddelte ein wenig herum. Schlie�lich lie� ich mich auf der Wasseroberfl�che
treiben, kniff die Augen zu, weil die Sonne mich ansonsten blendete und tr�umte
ein wenig vor mich hin. Leider musste ich die ganze Zeit aufpassen, dass ich
nicht einschlief, denn ich hatte keine gro�e Lust an meinem zweiten Tag in
Tampa zu ertrinken. Na ja, das w�rde mich wenigstens vor einem Tod aus
Langeweile besch�tzen, den ich garantiert hier erleiden w�rde. Das hier nicht
so viel los war, wie in Orlando, hatte ich vorher schon gewusst, aber so tote
Hose, h�tte ich es mir auch nicht vorgestellt. Aber wenn ich so recht dar�ber
nachdachte, fiel mir auf, dass ich eigentlich noch nichts von der Stadt gesehen
hatte, bis auf unsere Stra�e in dem Wohnviertel und auf die hatte ich gestern
gar nicht geachtet, sondern war direkt auf das Haus zugest�rmt. Vielleicht gab
es in der Nachbarschaft ein paar nette Leute, musste ich mal gucken gehen, aber
wie sollte ich mit ihnen ins Gespr�ch kommen? �Hi, ich bin neu hier��,
wenn ich so begann, w�rden sie Rei�aus nehmen, noch bevor ich meinen Namen
gesagt h�tte. Ach Em, du bist sonst auch nicht so sch�chtern und auf den Mund
gefallen erst recht nicht. Wenn jemand in meiner N�he etwas sagte, was mir
nicht in den Kram passte, bekam er garantiert eine Antwort und die war in den
meisten F�llen nicht besonders freundlich.
Irgendwann bekam ich das Gef�hl
meine Haut w�rde gleich in kleinen Kl�mpchen von meinem K�rper fallen, so
aufgeweicht war sie, deshalb schwamm ich an den Rand des oval-f�rmigen Pools,
zog mich hoch und lief dorthin, wo ich meine Klamotten liegen gelassen hatte.
Als ich mich nach unten beugte, um sie aufzuheben, tropfte ich sie nass und dann
war ich nat�rlich auch noch so doof und presste sie gegen meinen feuchten Oberk�rper.
Ok, das hei�t, ich w�rde wieder einmal in den Kisten nach etwas anderem suchen
m�ssen oder ich �berlegte mir den Vorschlag meiner Mutter noch mal, endlich
die Schr�nke einzur�umen. Da es im Haus viel dunkler war als drau�en, blieb
ich an der T�r kurz stehen und blinzelte um mich daran zu gew�hnen. Meine Mom
hantierte nun im oberen Geschoss und hier unten sah es jetzt aus wie in einem
Wohnzimmer. Nat�rlich unterschied es sich von unserem alten, schon allein in
der Gr��e, aber auch die M�bel standen an anderen Stellen. Ich wusste nicht
genau, was mir besser gefiel, das w�rde sich aber mit der Zeit sicher noch
zeigen. In dem Moment meldete sich mein Magen wieder und ich beschloss mir,
bevor ich mich umzog, rasch ein Sandwich zu schmieren. �Lecker!�, gierig
biss ich von dem Salamibrot, auf das ich noch Salat, Gurken und Tomaten getan
hatte, ab und schmatze laut vor mich hin. Es war ja niemand da, der das h�ren
konnte, doch da h�rte ich wie die Haust�r aufgeschlossen wurde und mein Vater
ein fr�hliches Hallo rief. �Hi Dad!�, antwortete ich und kam mit dem
Sandwich in den Flur. �Na Princesa, wie war dein Tag bis jetzt?�, fragte er
mich strahlend, nahm mir das Brot ab und biss hinein. Das war ja klar, denn mein
Vater und ich hatten denselben Geschmack, was das Essen betraf. Schlie�lich
aber �eroberte� ich mein Essen zur�ck und ging damit hoch in mein Zimmer.
Auf dem Weg sah ich wie meine Mom im Bad eine Kiste hochhob und hoffte, dass sie
endlich den F�n fand. Wieder mal musste ich nach Kleidung in den vier Kartons
suchen, auf die au�en mit schwarzem Edding geschrieben stand �Ems
Klamotten�. Jetzt entschied ich mich ebenfalls f�r Baggies, doch diese waren
meine Lieblingshosen, sie waren in einem verwaschenen Hellblau und hatten hinten
und an den Seiten riesige Taschen, in die man wunderbar seinen Krimskrams
stopfen konnte. Dazu zog ich ein rotes Nike-Shirt �ber den Kopf und schwups
wieder meine NY-Kappe auf die Haare, die vom Schwimmen noch ein wenig nass
waren. Da es drau�en vor Hitze flimmerte, blieb ich lieber in meinem Zimmer,
legte mich aufs Bett und h�rte etwas Musik mit meinem Discman, weil meine
Stereoanlage noch nicht angeschlossen war. Ich wei� nicht mehr genau, wann,
aber ich war irgendwie eingeschlafen, erst die Rufe meines Vaters weckten mich
wieder. Benommen �ffnete ich die Augen und im ersten Moment wusste ich gar
nicht, wo ich war. Seit wann hatten wir hinter unserem Haus so einen gro�en
Garten, wunderte ich mich, bis ich merkte, dass wir gar nicht in Orlando sondern
in Tampa waren. Oje, so was w�rde mir in n�chster Zeit noch h�ufiger
passieren. �Princesa!�, erklang die Stimme meines Vaters und jetzt wusste
ich auch, wieso ich so pl�tzlich aus dem Schlaf aufgeschreckt war. �Ich komm
ja schon!�, rief ich, aber nicht laut genug, denn als ich langsam schlurfend
den Gang hinunter zur Treppe lief, schrie er erneut. �Wir wollen ein St�ndchen
spazieren gehen und fragen, ob du nicht mitkommen willst? Dann lernst du ein
bisschen die Gegend kennen!�, meinte mein Vater, der im Flur stand, als ich
die Treppe herab stieg. �Okay, ich komme mit!�, erkl�rte ich mich
einverstanden und suchte nach meinen Turnschuhen, die ich hier gestern irgendwo
abgestellt hatte. �Deine Mom hat die Schuhe alle in den Schuhschrank da vorne
getan, ich musste meine eben auch erst suchen!�, half mir mein Dad grinsend.
Wie sooft hatte er gewusst, �ber was ich gerade nachgedacht hatte. Manchmal
konnte es nerven, aber ich war ihm auch ziemlich h�ufig dankbar, weil man
manche Dinge einfach nicht gerne aussprach und mir das somit erspart blieb.
Meine Mom kam aus der K�che, sie trug noch immer dieselben Sachen wie heute
morgen, hatte sich aber nun geschminkt und ihre Haare hochgesteckt, au�erdem
umwehte sie ein sanfter Duft von Yasmin. �Von mir aus k�nnen wir
losgehen!�, sagte sie und ich schl�pfte schnell in meine Turnschuhe, die ich
aus dem Schrank geholt hatte, der wirklich ordentlich eingerichtet war und ich
ahnte, dass sich das schnell �ndern w�rde. Endlich verlie�en wir zu dritt das
Haus und liefen die Stra�e entlang.
Wir waren jetzt schon eine
Dreiviertelstunde durch das Viertel gelaufen, aber ich hatte nichts
Interessantes entdeckt und so langsam verlor ich die Lust am spazieren gehen.
Genervt kickte ich einen kleinen Kieselstein vor mir her, bis er unter einer
Hecke verschwand. Auf beiden Seiten des Weges standen Einfamilienh�user, so wie
unseres, sie waren manchmal gr��er, manchmal kleiner, kam ganz drauf an. Meine
Eltern schienen gar nicht zu bemerken, wie langweilig das war. Sie betrachteten
begeistert jedes einzelne Haus und redeten dar�ber, was sie an unserem noch
verbessern konnten, ich f�hlte mich richtig gehend ausgeschlossen und w�nschte
mir nichts sehnlicher, als wieder in Orlando zu sein. Meine Vermutung hier sei
nichts los, hatte sich also best�tigt. Wir bogen um eine Ecke und ich wollte
gerade fragen, ob wir nicht zur�ckgehen konnten, da sah ich den Sportplatz. Auf
ihm spielten f�nf Boys Basketball und sofort hob sich meine Stimmung. Es gab
hier auch Lebewesen, denn bis jetzt hatte ich au�er einer Katze, die sich auf
einer Gartenmauer sonnte, niemanden gesehen. Meine Eltern achteten nicht weiter
auf den Sportplatz, im Gegensatz zu mir, ich blieb kurz stehen und beobachtete
die Jungs fasziniert. Hey, die spielten richtig gut, musste ich sagen. Da warf
ein dunkelh�utiger Junge den Ball voller Kraft �ber das halbe Spielfeld und
dem blonden Typen, der den Ball fangen wollte, glitt er aus der Hand, flog �ber
den Zaun und rollte direkt vor meine F��e. Erst starrte ich auf die rote
Lederhaut, dann b�ckte ich mich und hob ihn auf. Es f�hlte sich gut an, das
Lederprofil wieder zwischen den Fingern zu sp�ren. Eigentlich wollte ich den
Ball zu einem der Jungs werfen, aber warum sollte ich nicht versuchen einen Korb
zu machen? Ich stellte mich in Position, sprang mit dem rechten Fu� ab und
zielte direkt auf den Ring. Schnell wie der Wind flog der Ball durch die Luft
und landete dort, wo ich es wollte. Wow, ein perfekter Wurf, lobte ich mich
selbst. Pl�tzlich h�rte ich lautes Klatschen und Johlen, die f�nf Boys
standen da und blickten anerkennend zu mir r�ber. Der Dunkelh�utige winkte
mich zu ihnen und erst beim n�her kommen sah ich, dass er ebenfalls ein Latino
war. �Hey, das war klasse!�, rief einer mit einem Bandana-Kopftuch und
streckte seinen Daumen in die H�he um es zu verdeutlichen. �Danke, ihr seid
aber auch nicht schlecht!�, erwiderte ich, als ich bei ihnen am Zaun stand.
�Na ja, im Augenblick fehlt uns der sechste Mann f�r ein gutes Game!�,
sagte nun der Latino, griff sich den Ball und prellte ihn ein paar Mal auf der
Stelle. �H�ttest du nicht Lust?�, fragend schaute er mich an und passte den
Ball dem Blonden zu, der ihn nun auch fing. �Klar, gern!�, ich konnte meine
Freude kaum verbergen. Vielleicht war es hier doch nicht so schlecht, wenn man
die richtigen Leute kannte. �Ich bin Erik!�, stellte sich der Latino jetzt
vor, �Und das sind Jason, Ryan, Mike und Coral.� �Ich bin Em!�,
entgegnete ich nun, ich mochte es nicht, wenn man mich bei meinem vollen Namen
rief, deshalb war es am besten, ihnen den gar nicht zu verraten. Rasch kletterte
ich durch die Zaunlatten durch und wurde von jedem noch mal mit Handschlag begr��t.
Erik, der anscheinend der Leader der Clique war, teilte uns in zwei Mannschaften
auf, ich war mit ihm und Coral, einem Afroamerikaner, der seine Dreadlocks zu
einem Zopf zusammen gebunden hatte, in einer Mannschaft, logischerweise spielten
wir dann gegen Ryan, Mike und Jason. Nachdem wir noch schnell eine M�nze
geworfen hatte, welches Team den Ball bekam, konnte das Spiel endlich beginnen.
Schon nach wenigen Minuten war klar, dass wir um einiges besser harmonierten als
die anderen drei, so war es nicht verwunderlich, dass wir nachdem ersten Viertel
ganz klar mit 32:18 f�hrten. Besonders mit Erik kam ich gut zurecht, er war
auch eindeutig der beste von allen. Keuchend ruhten wir uns in der Pause aus. Da
ich gerade noch einen Korbleger gemacht hatte, lie� ich mich einfach nur in den
Sand fallen, leider hatte ich nicht daran gedacht, wie verschwitzt ich war und
nun klebten die roten K�rnchen an meinen Armen und im Nacken. Ich hatte die
Augen geschlossen, merkte aber sehr wohl, wie sich pl�tzlich ein Schatten �ber
mich legte und �ffnete sie verwirrt. �Alles ok mit dir?�, fragte Erik und
ich konnte Besorgnis in seinem Gesicht lesen. �Ja, musste mich nur kurz
ausruhen!�, beruhigte ich ihn und streckte dann den Arm aus, damit er mich
hochzog. Bereitwillig ergriff er meine Hand und als ich wieder gerade stand,
behielt er sie weiterhin in seiner und schaute mich nachdenklich an. Seine
tiefbraunen Augen hauten mich total um und ich wurde das Gef�hl nicht los, dass
er mir damit bis tief in die Seele schauen konnte. Schlie�lich riss ich mich
von seinem Anblick los und fragte die anderen: �Und kann es jetzt weiter
gehen?� �Auf jeden Fall!�, meinte Jason, der Blonde und r�ckte sein Cappy
zurecht.
Wir spielten noch eine ganze
Weile und wechselten auch die Mannschaften, damit nicht immer nur wir gewannen,
komischerweise, war ich aber immer bei Erik, was mich nat�rlich freute, weil er
echt ein super Spieler war. Irgendwann aber merkte ich, dass es schon ziemlich
sp�t war und ich schaute mich suchend nach meinen Eltern um. Wie ich es
erwartet hatte, waren sie nicht da, wieso auch h�tten sie drei Stunden auf mich
warten sollen, w�hrend ich Basketball spielte? Wahrscheinlich waren sie so in
ihr Gespr�ch vertieft gewesen, dass es ihnen nicht mal aufgefallen war, dass
ich fehlte. �Ist irgendetwas?�, riss mich Mike, der ein bisschen pummelig
war, aus meinen Gedanken. �Nee, eigentlich nicht, aber ich denke, ich sollte
langsam mal nach Hause gehen.�, erkl�rte ich und sah, dass die Jungs alle
ziemlich entt�uscht waren. Hey cool, sie mochten mich also! �Schade, aber �hm�
kommst du morgen wieder?� Erik l�chelte mich an und ich nickte. �Auf jeden
Fall, hat n�mlich ganz sch�n Spa� gemacht mit euch!�, grinste ich und
kletterte wieder durch den Zaun durch. �Also bis morgen!�, rief ich, bevor
ich die Stra�e entlang rannte und versuchte den richtigen Weg zur�ck zu
finden. Dummerweise hatte ich vorhin nicht aufgepasst und als ich zwei Mal an
der gleichen Ecke stand, bef�rchtete ich schon, mich verirrt zu haben. Doch ich
hatte Gl�ck und fand nach ein paar Minuten suchen endlich unsere Stra�e.
Ich betrat das Haus und ging
ohne die Schuhe auszuziehen ins Wohnzimmer, von dort aus sah ich, dass mein Dad
drau�en schon munter grillte und meine Mom gerade den Tisch deckte. �Hi, ich
bin wieder da!�, ich kam zu ihnen raus, klaute mir eine kleine Tomate von der
Gem�seplatte und ging zu meinem Vater an den Grill. Darauf brutzelten schon
drei gro�e Steaks und vier, f�nf W�rstchen. Wieder einmal fragte ich mich,
wer das bitte sehr alles essen sollte? Meine Mutter a� h�chstens ein Steak,
wenn ich an ihren Spatzenmagen dachte und ich hatte zwar einen gesegneten
Appetit, aber mehr als 2 W�rstchen und ein Steak brachte ich auch nicht
herunter. �Hast du jetzt ein paar Leute kennen gelernt?�, mein Dad wendete
ein Steak und sch�ttete ein wenig Benzin ins Feuer, das sogleich hoch
aufloderte. �Ja, eine Basketballclique!�, erwiderte ich und spielte an einer
verrosteten Schraube herum, die das Gitter �ber dem Feuer hielt. �Pass auf,
dass du dich nicht verbrennst!�, ermahnte mich mein Vater, aber ich lachte blo�.
Hielt er mich etwa f�r ein kleines Kind, das nicht auf sich aufpassen konnte?
Nun musste er sich wieder aufs Grillen konzentrieren und ich lief zu meiner Mom
ins Haus, die in der K�che noch einen Nudelsalat vorbereitete. Aus einer
kleinen Tube duftete es herrlich und ich wettete, dass dort die Barbecuesauce
drin war, f�r die ich fast alles tun w�rde. �Holst du bitte mal Cola und
eine Flasche Wein aus dem Keller?�, bat mich meine Mom und ich nickte brav.
Wollten die etwa schon wieder Alkohol trinken, die verhielten sich manchmal
wirklich wie Teenager. Im Keller war ich noch nie gewesen, aber er war ganz
anders, als der in Orlando. Keine Spinnweben und d�stere Ecken aus denen m�glicherweise
Monster springen konnten, nein, es sah hier fast genauso aus wie im Erdgeschoss,
nur fiel hier nicht so viel Licht hinein. Mit den Getr�nken kam ich zur�ck und
setzte mich zu Mom an den Tisch drau�en im Garten. Jetzt mussten wir blo� noch
auf die Steaks und die W�rstchen warten. Mir lief das Wasser im Munde zusammen,
als der laue Sommerwind den Rauch vom Grill zu uns r�berwehte. Es gab nichts
Besseres als Barbecue, blo� fehlte die richtige Stimmung und ich nahm mir vor,
so etwas zu wiederholen, wenn ich ein paar neue Freunde gefunden hatte.
Vielleicht ist das ja sehr bald der Fall, wenn ich mit den Boys von heute
Nachmittag weiterhin so super verstehe, schoss es mir durch den Kopf. �So, wir
k�nnen anfangen!�, mein Vater stellte ein silbernes Tablett auf den Tisch und
ich schnappte mir gleich das gr��te Fleischst�ck und begann zu essen. Ups,
jetzt h�tte ich beinahe die Sauce vergessen. Ein riesiger Klecks auf den Teller
und endlich konnte ich loslegen.
Ich glaub mir wird schlecht.
Mit M�he schluckte ich das letzte St�ck des W�rstchens hinunter und trank
einen gro�en Schluck Cola hinterher. Wie w�re es, wenn ich zur Abwechslung mal
nicht so viel essen w�rde, aber nein, jedes Mal �berfra� ich mich und danach
war mir schrecklich schlecht, so auch heute. Das dritte W�rstchen war wohl zu
viel gewesen. �Triffst du dich mit den Jungs von heute eigentlich demn�chst
wieder?�, wollte meine Mutter ganz beil�ufig wissen, w�hrend sie sich einen
Minil�ffel Nudelsalat auf den Teller machte und jede Erbse einzeln auf die
Gabel spie�te. Herrje, wenn ich in dem Tempo essen w�rde, w�rde ich am
gedeckten Tisch verhungern. �Ja morgen!�, antwortete ich auf ihre Frage und
�ffnete den G�rtel. Puh, jetzt bekam ich wieder Luft. �Und wann? Ich wollte
n�mlich einkaufen fahren und hab gedacht, du willst eventuell mit, um dir mal
das Einkaufszentrum anzusehen.� �Ich wei� gar nicht, wir haben keine genaue
Zeit ausgemacht, werde wohl wieder nachmittags hingehen, falls ich den
Sportplatz wieder finde!� Bei meinem Orientierungssinn waren die Chance daf�r
aber nicht sehr hoch, notfalls w�rde ich einen Passanten fragen, falls ich das
seltene Gl�ck hatte und jemanden auf der Stra�e traf. �Gut, dann stehst du
morgen mal etwas fr�her auf und wir gehen vorher einkaufen. Ich bin sicher, wir
werden auch was Sch�nes f�r dich finden!�, zufrieden piekste sie eine Erbse
auf und steckte sie in den Mund. Oh nein, das w�rde morgen etwas geben. Diese
Anspielung �was Sch�nes� hie� eigentlich immer, dass meine Mutter
versuchte Klamotten f�r mich zu kaufen, aber keine Jeans und Pullis, nein,
Kleider und R�cke sollten es sein. Ich schaffte es immer sie erfolgreich
abzuwehren, aber dann hing f�r ein paar Tage der Haussegen schief und meine Mom
lief mit einer ungl�cklichen Miene durch die Gegend. Fr�her hatte sie sich bei
ihrer besten Freundin Angela ausgeheult, dass sie keine Tochter hatte, sondern
einen Jungen, der gefangen war im weiblichen K�rper. Bei einer solchen �bertreibung
musste ich lauthals loslachen und auch mein Vater, der denselben Sinn f�r Humor
hatte, grinste sich bei solchen Gespr�chen einen ab. Wenn meine Mom davon etwas
mitbekam, regte sie sich immer tierisch auf und meinte, wir h�tten uns gegen
sie verschworen. Solche Ausbr�che waren eigentlich seltener, normalerweise
hatten wir alle einen guten Draht zueinander und ich w�sste nicht, was ich ohne
die beiden machen sollte. Obwohl ich f�r meine 15 Jahre ziemlich reif war, oder
nicht?
Den Rest des Abends sa�en
wir drau�en, unterhielten uns �ber Gott und die Welt und beobachteten, wie die
Sonne langsam verschwand und ein gelblicher Mond am Himmel aufging, um ihn herum
funkelten kleine Sternchen. Es war weit nach Mitternacht als ich fast den Kopf
auf den harten Holztisch legte, weil ich hundem�de war, aber ich schaffte es
dann doch aufzustehen und mich hoch in mein Zimmer zu schleppen. In dieser Nacht
schlief ich ruhig und traumlos.
2. Kapitel
Dieses Mal wurde ich nicht
von den Sonnenstrahlen geweckt, sondern von meiner Mom, die sanft an meiner
Schulter r�ttelte. �Mh� noch f�nf Minuten!�, murmelte ich schl�frig und
drehte ihr den R�cken zu. �Emily, das hast du vor f�nf Minuten schon mal
gesagt!�, erwiderte sie leicht genervt und sch�ttelte mich etwas st�rker.
�Jaja, ich steh ja schon auf!�, gab ich mich geschlagen und richtete mich
auf. �Eigentlich wollte ich ja in einer Viertelstunde losfahren.�, meinte
sie, als sie gerade mein Zimmer verlassen wollte. �Was? Da kann ich ja gar
nicht mehr fr�hst�cken!�, rief ich erschrocken und sprang
rasch auf die F��e. �Tja, w�rst du fr�her aufgestanden!�, mit
diesen Worten verschwand sie hinaus auf den Flur und ich suchte mir Klamotten
aus den Kisten, die ich immer noch nicht ausger�umt hatte. Ich wei�, ich bin
total faul, aber was soll�s! Eine Katzenw�sche, in Windeseile angezogen und
hinunter in den Flur gerast. Wow, sieben Minuten, das war neuer Rekord.
Eigentlich h�tte ich jetzt eine Urkunde und eine Goldmedaille verdient, aber
ich will mal nicht so sein. Leider wartete meine Mutter schon in cremefarbenem
Blazer und einer schwarzen Handtasche unterm Arm im Flur. �Aber ich wollte
noch was essen��, fing ich an. �Du kannst dir unterwegs einen Donut
holen!�, sagte sie und ich jubelte. Donut zum Fr�hst�ck, da konnte der Tag
nur spitze werden. Mit dem dunkelblauen Van fuhren wir aus unserem Viertel
heraus in Richtung Zentrum. Hoffentlich fand sie den Weg und verfranste sich
nicht die ganze Zeit, ich kannte doch meine Mom. Ohne Stra�enkarte ist die
aufgeschmissen, deshalb fischte ich aus dem Fach unter dem Armaturenbrett eine
Stra�enkarte heraus. So mal gucken, es w�re doch gelacht, wenn ich damit nicht
zu recht k�me. �Wie hei�t dieses Einkaufszentrum, wo du hin willst?�,
fragte ich, w�hrend ich die Karte genauestens studierte. Das ist ja witzig,
hier gibt es jede Menge Stra�en, die genauso hei�en wie die in Orlando.
�James Princeton Einkaufszentrum!�, antwortete sie und bremste, weil vor uns
eine Ampel gerade auf Rot schaltete. Mein Blick wanderte suchend �ber die
Karte, aber es gab kein Einkaufszentrum, das so hie�. �Ich find das nicht auf
der Karte. Gibt es nicht noch eins?� Ansonsten konnten wir das Shoppen f�r
heute vergessen. �Ach, such dir eins aus!�, meinte sie schlie�lich und trat
aufs Gaspedal. Wieder konzentrierte ich mich auf die Karte und entschied mich
dann f�r ein Einkaufszentrum, das Starlight hie�. Genau denselben Namen hatte
meine Lieblings-Mall in Orlando auch gehabt. So, mal schauen, ob meine Mutter
meiner grandiosen Beschreibung folgen konnte. �Da vorne jetzt rechts!�,
sagte ich, ohne meine Augen von der Karte zu nehmen. �H�?�, wusste ich
doch, dass sie das nicht verstehen w�rde. �Da vorne rechts!�, wiederholte
ich und fragte mich, was daran so schwer zu kapieren war. �Da vorne kann man
nicht rechts abbiegen, Emily!� Endlich schaute ich auf und sah, dass es rechts
gar keine Stra�e gab, sondern nur ein riesiges Hochhaus. �Oh, dann fahr mal
links!�, meinte ich und tat so, als ob ich mir meiner Sache ganz sicher w�re,
obwohl das Gegenteil der Fall war.
�Wir sind gleich da!�,
machte ich meiner Mom Mut, die schon am Verzweifeln war, weil wir seit einer
Stunde in der Gegen rumkurvten und uns schon drei Mal verfahren hatten, noch
nicht mal meinen Donut hatte ich bekommen. �Also, gleich nach der Kurve m�sste
es kommen!�, sagte ich und lehnte mich zufrieden im Sitz zur�ck. Doch
Entsetzen stand in meinen Augen, als ich sah, das statt einem riesigen
Einkaufszentrum, nur ein matschiger Bauplatz vor uns lag, in den einige tiefe L�cher
gegraben waren, die wohl irgendwann mal das Fundament darstellen sollten. Ein
gro�es Schild an der Seite des Grundst�ckes verk�ndete �Hier erleben Sie
Faszination und Kaufrausch in einem. Gro�e Neuer�ffnung im Jahr 2010 von
Domingo � dem Kaufhaus f�r die Extravaganz!� Das konnte nur ein Scherz
sein, oder? �Emily, ich hab gedacht, du k�nntest die Karte lesen!�, meine
Mutter h�rte sich wirklich sauer an. Mehr als ein kleinlautes Ups brachte ich
nicht heraus und sie warf mir einen genervten Blick zu und griff sich die Karte,
die auf meinem Scho� lag. Nachdem sie diese einige Sekunden angestarrt hatte,
brach sie in schallendes Gel�chter aus. �Was ist denn?�, fragte ich
verwirrt und auch etwas beleidigt, weil sie sich �ber mich lustig machte.
�Das ist keine Karte von Tampa, das ist eine von Orlando!�, erkl�rte sie,
immer wieder von ihrem hohen Kichern unterbrochen. Da machte es bei mir Klick
und ich verstand auch endlich, wieso mir die Stra�ennamen so bekannt
vorgekommen waren. �Kann ich ja nicht ahnen!�, antwortete ich, konnte mir
ein Grinsen aber nicht verkneifen. �Ich frag jetzt die n�chste Person, die
uns entgegen kommt!�, meinte sie, als sie den Wagen wendete und die Stra�e
zur�ck fuhr. Oh nein, da konnte sie aber lange warten, denn wie ich
festgestellt hatte, war der Rest Tampas genauso verschlafen und ausgestorben wie
unser Wohnviertel. Vielleicht lag es daran, das die meisten im Moment in Urlaub
waren, aber doch nicht die ganze Stadt, oder?
Schlie�lich fuhren wir um
zehn nach zehn auf den Parkplatz des James Princeton Einkaufszentrums, wir
hatten zwar niemanden gefragt, aber uns diesmal nach den Schildern orientiert,
die in der ganzen Stadt hingen.
Das Einkaufszentrum war
nicht so gro�, wie die, die ich aus Orlando kannte, aber die Gesch�fte waren
nicht schlecht, stellte ich fest, als wir die Rolltreppe hinauf gefahren waren
und einen �berblick �ber die gesamte Mall hatten. In der Mitte war ein gro�er
Springbrunnen, in dem sogar ein kleiner Wasserfall war, drum herum standen
kleine Tische und St�hle, die zu einem Eiscafe geh�rten. �Ich muss jetzt ein
paar Dinge erledigen. Sollen wir uns in einer Stunde wieder hier am Ausgang
treffen?�, fragte mich meine Mutter und ich nickte zustimmend. Nachdem sie in
Richtung eines Supermarktes verschwunden war, schlenderte ich gem�tlich zum
Brunnen und setzte mich erstmal auf den Rand. Zuhause waren wir auch immer ins
Einkaufszentrum gegangen und hatten dort rumgehangen. Das war immer total witzig
gewesen und ich hatte sooft vor Lachen auf dem Boden gelegen, weil wir, wie alle
Jugendlichen irgendwelchen Schei� gemacht haben. Am liebsten war ich in die
Gesch�fte hinein, hatte ein verzweifeltes Gesicht aufgesetzt und war zur Kasse
gegangen, um das Personal zu bitten, meinen kleinen Bruder, den ich hier drin
verloren hatte, auszurufen. Nat�rlich machten die Verk�ufer das auch und wenn
dann kein kleiner Junge auftauchte, rannte ich grinsend zu meiner Clique und wir
lachten uns �ber die Dummheit der Leute kaputt. Schon schr�g, was wir so
angestellt hatten. Da entdeckte ich einen Gap-Shop, in den ich sofort hinein
musste, deshalb sprang ich auf und lief hin. Drau�en hing eine schwarze Baggies
am St�nder, die mir richtig gut gefiel und ich nahm mir vor, meine Mom sp�ter
zu bearbeiten, damit sie mir das schicke Teil kaufte. Auch im Gesch�ft selbst
gab es ein paar Pullis und T-Shirts, die ich gerne h�tte, aber ich hatte erst
vor anderthalb Monaten Geburtstag gehabt und war mir nicht sicher, ob ich jetzt
schon wieder neue Sachen bekommen w�rde. Kaum hatte ich den Shop verlassen,
fiel mir ein Jeansladen ins Auge, der auch eine Filiale in Orlando hatte. Er lag
schr�g gegen�ber und so musste ich nur weniger Meter laufen. In der
Starlight-Mall war alles so gro� gewesen und die besten Gesch�fte ziemlich
verstreut und deshalb hatte es immer eine Ewigkeit gedauert, wenn man von einem
ins n�chste wollte. Ich guckte mich noch
in einem coolen CD-Laden um und schaute auch in einen Sportladen kurz hinein, um
zu gucken, ob ich mir nicht einen neuen Basketball holen sollte. Schlie�lich
ging ich zur�ck zum Brunnen und setze mich auf den Marmor. Ich glaub, ich mag
diesen Platz hier, dachte ich grinsend, aber es war auch wirklich sch�n hier.
Das leise Pl�tschern des Wassers, ein Stimmgemurmel, das mir nicht unbedingt
auf die Nerven ging, in der ganzen Mall standen Palmen, man bekam fast ein wenig
das Gef�hl irgendwo am Strand im Urlaub zu sein. W�hrend ich die Atmosph�re
genoss und mir vorstellte, in Miami Beach an einem wei�en Sandstrand zu liegen,
bemerkte ich nicht, wie zwei M�dchen, die an einem Tisch im Eiscafe sa�en, die
ganze Zeit kichernd zu mir her�ber starrten. Erst als sie ihre Pl�tze verlie�en
und zu mir an den Brunnen kamen, sah ich sie. Die eine hatte lange blonde Haare,
die zu zwei Z�pfen zusammen geflochten waren, sie trug einen knappen Minirock
aus Jeansstoff und ein bauchfreies lila Top. Die andere hatte ebenfalls lange
Haare, die aber in einem sanften Braun schimmerte und bis zu den Rippen hinab
fielen, sie hatte eine wei�e
Stoffhose an, die knapp bis �ber die Knie ging und ein pinkes Oberteil, das am
R�cken nur von zwei d�nnen Schn�ren gehalten wurde, die sehr rei�gef�hrdet
schienen. Beide waren stark geschminkt und gestylt, als ob sie in eine Disco
gehen und nicht in einem Einkaufszentrum shoppen w�rden, wegen dem vielen
Make-up im Gesicht konnte ich auch ihr Alter schlecht sch�tzen, aber �lter als
siebzehn waren sie auf keine Fall, eher j�nger. �Hi!�, sagte die Blonde und
l�chelte mich strahlend an, w�hrend die Dunkelhaarige krampfhaft auf den Boden
starrte. �Hey!�, erwiderte ich und fragte mich, wieso sie mich angesprochen
hatten. Normalerweise hatten solche Modemiezen Besseres zu tun, als mit jemandem
wie mir zu quatschen und ehrlich gesagt hatte ich keine gro�e Lust sie kennen
zu lernen. �Ich bin Jessy und das ist Carina!�, stellte sie sich und ihre
Freundin vor und hatte noch immer dasselbe Zahnpasta-L�cheln im Gesicht.
Endlich hob Carina den Blick, murmelte ein atemloses �Hi!� in meine Richtung
und guckte sofort wieder auf den Boden. So schlimm war mein Anblick doch auch
nicht. Da sah ich, trotz dass ihr die Haare ins Gesicht hingen, dass sich ihre
Haut knallrot f�rbte. Seltsam, hier drin war es gar nicht warm und in den d�nnen
Klamotten, in denen sie herumlief, w�rde ich frieren. �Und wie hei�t du?�,
fragte Jessy, da ich nicht sofort reagierte und ihr perfektes Grinsen begann
allm�hlich zu br�ckeln. �Em!�, meinte ich knapp und guckte auf meine
Armbanduhr. In zehn Minuten sollte ich mich mit meiner Mom treffen. �Du bist
neu hier, nicht?�, wollte sie wissen. Neugierig waren die ja �berhaupt nicht.
�Mh!�, antwortete ich unbestimmt und das war ein schlimmer Fehler. �Also,
wir leben hier schon seit wir geboren wurden und seitdem sind Carina und ich die
besten Freundinnen und��, da stellte ich meine Ohren auf Durchzug und z�hlte
die Sekunden bis ich los musste zum Ausgang. Wie ich es mir gedacht hatte, zwei
typische Modetussen, die keine Sekunde still sein konnten. Na ja ok, nur Jessy
nahm mich ins Kreuzverh�r und plapperte munter drauf los, aber Carina sagte
kein Wort, ich sp�rte blo� ihre
Blicke auf mir ruhen, doch wenn ich sie ansah, riss sie hastig den Kopf zur
Seite und tat so, als ob es da hinten an der S�ule etwas furchtbar
Interessantes gab. Eigentlich war es mir auch egal, ich wunderte mich nur ein
wenig, in Tampa verhielten sich sogar die �tzenden Tussen ein wenig
durchgedreht. Oje, in was f�r einer Stadt war ich hier gelandet? ��hm, ich
muss jetzt leider gehen!�, unterbrach ich den Redefluss von Jessy, wobei mir
das Wort �leider� nur schwer �ber die Lippen kam, ich log nun mal nicht
gerne. �Oh schade, aber wir sehen uns bestimmt bald wieder!�, sie zog eine
Schnute und ich erhob mich vom Brunnenrand. Carina blieb weiterhin still, obwohl
ich glaubte, ein leises �Bye!� von ihr geh�rt zu haben. �Also, macht es
gut!�, oder auch nicht! Gerade drehte ich mich um und wollte zum Ausgang
laufen, als ich jemanden hinter mir rufen h�rte. �Hey Em, warte mal!� �berrascht
drehte ich mich um, hier gab es eigentlich niemanden der meinen Namen kannte.
�Hi!�, Erik kam auf uns zu gerannt und bremste scharf, fast w�re er in mich
rein gelaufen. �Hallo!�, antwortete ich und konnte nicht verhindern, dass
mein Herz schneller klopfte. �Na, wie geht�s? Hast du schon ein paar Girls
zum Anhimmeln gefunden, was?�, fragte er zwinkernd und schlug mir
freundschaftlich auf die Schulter. Aua, sag mal, kann der sich nicht denken,
dass das weh tut. �Mir geht�s ganz gut und dir?�, fragte ich zur�ck und
rieb mir meine schmerzende Schulter. Das gab garantiert einen blauen Fleck.
�Alles bestens! Kommst du heute Mittag? Da warten noch jede Menge andere
scharfe Br�ute!�, er zwinkerte mir zu und grinste dann zu Carina und Jessy
hin�ber. Dieser Satz gab mir jetzt doch zu denken auf. Was interessieren mich
irgendwelche scharfen Br�ute am Basketballplatz? Nein, das konnte nicht sein,
oder? Mir kam ein schrecklicher Gedanke, war es m�glich, dass Erik mich f�r
lesbisch hielt? Geschockt sch�ttelte ich den Kopf, um diese wahnwitzige Idee zu
vertreiben. �Schade, bist n�mlich ein ziemlich guter Spieler!�, meinte er
entt�uscht und ich blickte ihn verwirrt an. Ach, er hatte mein Kopfsch�tteln
als Antwort auf seine Frage gedeutet. �Nee, ich hab an was anderes gedacht.
Klar, komm ich sp�ter. Habt ihr eine bestimmte Uhrzeit, wann ihr euch immer
trefft?�, stellte ich es erstmal richtig. �So gegen vier Uhr!�, antwortete
Erik und l�chelte wieder in Jessys Richtung. Es gab mir einen Stich ins Herz,
als ich das sah. Em, du bist auch echt bescheuert, schalt ich mich selbst und in
dem Moment sah ich aus den Augenwinkeln eine Person am Ausgang, die wie wild mit
den Armen winkte. Das war wohl meine Mom. �Also, ich geh jetzt, meine Mom
wartet dahinten!�, verabschiedete ich mich. �Bis sp�ter!�, rief ich noch,
bevor ich nun endg�ltig zum Ausgang lief. Ob ich sie daran erinnern sollte,
dass sie mir noch etwas kaufen wollte? Besser nicht, sonst gab es wieder
Diskussionen, wenn ich mich weigerte einen Rock anzuprobieren und das wollte ich
auf keinen Fall, nicht zwei Tage nachdem wir hierher gezogen waren. Meine Mutter
hatte es anscheinend vergessen, denn sie ging zur Rolltreppe, als ich bei ihr
ankam und wollte das Einkaufszentrum verlassen. �Hast du ein paar Dinge
gekauft?�, fragte ich, w�hrend wir �ber den Parkplatz liefen, der jetzt um
die Mittagszeit ziemlich leer wirkte, weil alle zuhause waren und zu Mittag a�en.
�Nee, fast nichts!�, erwiderte sie ironisch und dr�ckte mir eine der drei
voll gepackten T�ten in die Hand, die sie das ganze St�ck getragen hatte. Wir
brachten die Taschen, in denen sich zum gr��ten Teil Lebensmittel befanden, im
Kofferraum unter und fuhren dann zur�ck nach Hause. Dieses Mal fanden wir
gleich den richtigen Weg.
Mein Dad musste auch heute
wieder den ganzen Tag arbeiten und in der Zeit, in der meine Mom das Essen
kochte, raffte ich mich endlich einmal dazu auf, meine Schr�nke einzur�umen.
Man muss schon sagen, dass es Spa� machte, zwei Stunden aus staubigen Kisten
Klamotten zu holen und mehr oder weniger ordentlich in die Schr�nke zu legen.
Ich wusste sowieso, dass es in paar Wochen aussehen w�rde, als ob eine Bombe
eingeschlagen h�tte, aber zu Beginn will man ja immer seinen guten Willen
zeigen, nicht?
Danach wollte ich eigentlich
noch ein wenig in unseren Pool schwimmen gehen, aber da es schon kurz vor vier
war, sollte ich mich lieber beeilen, an den Sportplatz zu kommen. Wie erwartet,
fand ich diesen nicht mehr und erst eine Viertelstunde zu sp�t, trudelte ich
ein. Das Spiel war in vollem Gange, als ich ankam und Erik sprintete gerade in
Richtung Korb und machte einen grandiosen Korbleger. Ich hatte mich an den Zaun
gestellt und die Arme darauf abgest�tzt um in Ruhe zu zuschauen, doch kaum war
der Ball im Korb gelandet, ging ein schrilles Kreischen los. Erstaunt sah ich
mich um und sah auf der anderen Seite, wo eine kleine Trib�ne aufgebaut war, f�nf
oder sechs M�dchen, die ihre Arme jubelnd in die Luft gerissen hatten. Nun
fingen sie an im Chor �Erik!� zu br�llen und klatschten laut in die H�nde.
Gestern waren die aber nicht da gewesen, oder? Jedenfalls waren sie mir nicht
aufgefallen und ich h�tte schon blind und taub durch die Gegend rennen m�ssen,
damit man diese Girls �bersah. Nicht unbedingt, weil sie super aussahen, das
war mir herzlich egal, schlie�lich war ich nicht homosexuell veranlagt, dabei
musste ich wieder an Erik denken. Sein Spruch heute Morgen ging mir nicht mehr
aus dem Kopf, aber ich fragte mich, wie er �berhaupt auf so eine absurde Idee
kam, denn er kannte mich ja kaum und ich hatte keine Bemerkungen in eine solche
Richtung gemacht, auf jeden Fall konnte ich mich an keine erinnern. �Hey Em!�,
begr��te mich Coral und kam zu mir gelaufen. �Hey!�, entgegnete ich und
schob mich zwischen den Zaunlatten durch, so dass ich im Inneren des Sandplatzes
war. Nun kamen auch die anderen zu uns und ich wurde von allen mit Handschlag
willkommen gehei�en. �K�nnen wir gleich anfangen?�, fragte Mike, der den
Basketball nerv�s zwischen den H�nden hin und her warf. �Klar!�, sagte ich
und fragte nach, in welche Mannschaft ich sollte. �In meine!�, antwortete
Erik mir strahlend und ich ging neben ihm her langsam Mittellinie. �War das
heute Morgen deine Mutter?�, wollte er wissen, w�hrend sich Coral und Mike
noch darum stritten, welche Mannschaft den Ball bekam. �Ja, sie wollte
unbedingt, dass ich mit einkaufen geh!�, antwortete ich. �Siehst ihr
ziemlich �hnlich!�, meinte er. �Ja?� �Na ja, was ich so auf die
Entfernung gesehen hab, und das war ziemlich h�bsch.�, da wandte er sich zu
den beiden Streith�hnen um und entschied das Anspiel einfach selbst. Ich stand
nur da und schaute ihn bl�d an. Was war das eben gewesen? Wenn ich seine Worte
richtig interpretierte, meinte er, dass ich ziemlich h�bsch war, weil er gesagt
hatte, dass meine Mom h�bsch war und ich ihr �hnlich sehe oder hatte das
keinen Bezug zueinander gehabt? Je l�nger ich dar�ber nachdachte, desto
verwirrter war ich. Schlie�lich begann das Spiel und ich musste mich voll und
ganz auf den Ball konzentrieren. �Hier Em!� Ich riss die Arme hoch und sp�rte
wie der hart geschmetterte Ball von meinen H�nden gehalten wurde. Manno, das
tut voll weh! Ohne auf die Schmerzen zu achten, trippelte ich nach vorne an den
Korb, wich geschickt Jason aus und zielte auf den Korb. Dieser prallte gegen den
Ring und flog zur�ck auf den Boden. Mist, das war schon das dritte Mal heute,
das ich den verfehlte. �Was ist denn los, Em?�, ich blickte in Corals
fragendes Gesicht und zuckte nur mit den Schultern. �Verunsichern dich die
geilen Schnitten dahinten?�, lachte Jason und alle grinsten. Mein Gesicht f�rbte
sich rot, aber da es vom Spielen eh schon erhitzt war, sah man es kaum. Wieso
kommen die alle auf so komische Gedanken, fragte ich mich wieder. �Du brauchst
nicht sch�chtern zu sein, die sind garantiert alle scharf auf dich.�, meinte
Mike und es erschall erneutes Johlen. �Bin ich nicht!�, ich bin nur nicht
lesbisch! �Oder willst du keine? Hast du eine Freundin, dort, wo du
herkommst?�, wollte Ryan wissen. �Nein, hab ich nicht!�, antwortete ich
einsilbig und �berlegte ernsthaft, ob ich ein Tattoo auf der Stirn hatte �Ich
bin eine Lesbe!� oder hatte mir irgendein Idiot einen Zettel auf den R�cken
geklebt? Unauff�llig linste ich �ber meine Schulter, aber da war nichts, auch
als ich vorsichtig mit der Hand �ber meinen R�cken fuhr, konnte ich nichts
anderes f�hlen au�er dem weichen Baumwollstoff
des roten T-Shirts. �Schade, bei so einem h�bschen Jungen wie dir, h�tte
ich das fast erwartet.�, feixte Coral und zwinkerte mir zu. �Er ist halt ein
kleiner Milchbubi!�, scherzte Mike daraufhin. Was? Ich konnte mich eben nur
verh�rt haben, oder? Aber nein, Mikes Worte waren eindeutig gewesen. Es ging
hier nicht darum, dass die Clique mich f�r lesbisch hielt, nein, viel
schlimmer, sie dachten, ich w�re ein Junge. Eigentlich wollte ich sofort etwas
erwidern, erkl�ren, dass ich kein Junge war, sondern ein M�dchen, aber ich war
viel zu geschockt. �Jetzt hast du es ihm gegeben!�, sagte Jason, nachdem ich
nichts auf Mikes Scherz antwortete. ��hm��, mehr brachte ich nicht
zustande. Nat�rlich hatte ich nie extra erw�hnt, dass ich ein Girl war, aber
sah man das denn nicht? Pr�fend
blickte ich an mir herunter und musste feststellen, dass man es wirklich nicht
ansah, in den weiten Klamotten, die ich trug, versteckte sich mein ohnehin nicht
sehr weiblicher K�rper nur noch mehr. Trotzdem h�tte es ihnen irgendwie
auffallen k�nnen, oder? Jetzt verstand ich auch Eriks Bemerkung von heute
morgen. Na ja, kl�ren wir das Missverst�ndnis mal auf. Ich wollte gerade zum
Sprechen ansetzen, als mir ein schrecklicher Gedanke kam. Was war, wenn mich die
Jungs nicht mehr in ihrer Clique haben wollten, wenn sie erfuhren, dass ich ein
M�dchen war? Das konnte durchaus passieren, so etwas hatte ich schon fr�her
erlebt und ich wollte es nicht noch mal, denn ich verstand mich mit ihnen
wirklich klasse und bestimmt w�rde ich nicht so schnell das Gl�ck haben,
andere Leute zu finden, die so cool drauf waren, wie diese Basketball-Clique.
Nachdem ich eine Weile �berlegt hatte, entschied ich mich daf�r, mein
Geheimnis erst einmal f�r mich zu behalten. In ein paar Tagen, wenn ich sie ein
bisschen besser kannte, konnte ich ihnen schlie�lich immer noch die Wahrheit
sagen.
An diesem Abend spielten wir
ziemlich lang, die Tussen verschwanden irgendwann, aber darauf achtete ich �berhaupt
nicht, ich passte die ganze Zeit auf, dass ich nichts Weibliches machte. So
verkrampfte ich mich, spielte abgrundtief schlecht Basketball und war auch sonst
nicht sehr gespr�chig. Erik war ebenfalls etwas seltsam drauf, nachdem die
Jungs die Witze �ber mich gemacht hatten und manchmal erwischte ich ihn dabei,
wie er mich nachdenklich anschaute. Die Sonne war bereits untergegangen oder wir
sahen sie nur nicht, weil sie hinter einem der H�user stand. Trotzdem war es
noch hell genug um zu spielen, nur leider verfehlte ich auch jetzt wieder den
Korb. �Ach man!�, rief ich w�tend und trat mit den F��en den Sand auf,
als eine Staubwolke davon aufstieg, musste ich husten. �Hey, jeder hat mal
einen schlechten Tag!�, versuchte mich Coral zu beruhigen und wollte mir auf
die Schulter klopfen, ich aber schrie auf und machte einen Satz zur Seite.
Verwirrt blickte er mich an und auch die anderen schauten ein wenig komisch.
�Ich� da war eine Wespe!�, redete ich mich heraus und sie schienen es mir
tats�chlich zu glauben. Langsam drehte ich mich zur Seite und sah ein paar
dunkelbraune Augen, die mich beobachteten. Erik! Er stand gegen den Zaun
gelehnt, ein paar Meter von mir entfernt. Seine Lippen waren nur ein gerader
Strich und man konnte keinen Ausdruck in seinen Augen lesen, doch als ich ihn
nun meinerseits musterte, verzog sich sein Mund zu einem zarten L�cheln und
seine Augen funkelten freundlich. Wow, sah der s�� aus und sofort sp�rte ich
wie eine sanfte R�te mein Gesicht �berzog. Em, das vergisst du am besten
gleich wieder. Alle denken hier du bist ein Junge, da kannst du dich nicht in
jemanden aus der Clique verlieben, wenn das passiert, fliegt deine Tarnung auf.
Au�erdem war ich keins dieser Modep�ppchen, die sich f�r ein Date mit ihrem
Freund drei Stunden lang im Bad verbarrikadierten um danach herauszukommen wie
eine Leiche. �Achtung, da kommt der�� BOING! Ich sp�rte wie etwas hart
gegen meine Schl�fe knallte und dachte mir schon fast, dass es der Ball war.
Vor meinen Augen drehte sich alles, der graublaue Himmel wurde zum Boden und der
r�tliche Sandplatz zur Decke, ich konnte nicht mehr gerade stehen, sondern
taumelte hin und her, pl�tzlich sah ich �berhaupt nichts mehr. Kalte Schw�rze
umgab mich und ich versuchte verzweifelt irgendwo halt zu finden. Das Letzte was
ich mit bekam, waren die feinen, spitzen Sandk�rnchen, die sich in meine Wange
bohrten, als ich zu Boden fiel.
�Em! Em!�, ich h�rte
eine Stimme, wie aus weiter Ferne und das auch noch ziemlich dumpf, so als h�tte
man die Person in Watte gepackt, die meinen Namen rief, obwohl ich es war, die
sich f�hlte, als ob sie in Watte l�ge. War ich tot? Nun erklangen noch mehr
Stimmen und langsam aber sicher konnte ich sie voneinander unterscheiden. Coral
sagte gerade etwas von Krankenwagen und Jason meinte, er k�nne schnell zur n�chsten
Telefonzelle rennen und einen bestellen. Oh Gott, blo� nicht! Mir ging es gut,
da brauchte ich nicht ins Krankenhaus. Okay, ich konnte meine Augen nicht �ffnen,
denn sie waren schwer wie Blei, und auch mein restlicher K�rper lie� sich
nicht so steuern wie er eigentlich sollte. Da sp�rte ich, wie mein Kopf hoch
gehoben wurde, so hoch, dass die Wirbel im Nacken knackten. Autsch, pass doch
auf oder willst du mich hier umbringen? Er wurde wieder abgelegt, diesmal auf
etwas Weichem und ich �berlegte mir gerade, ob ich nicht ein Weilchen schlafen
sollte, bis der dumme Krankenwagen hier war, in den ich auf keinen Fall
einsteigen w�rde, na ja, jedenfalls nicht freiwillig. Jemand mit schwitzigen H�nden
schnappte sich mein Handgelenk und dr�ckte darauf herum. �Sein Puls ist
ziemlich schwach!�, das war eindeutig Mike. Haha, Junge, und bei dir sind
einige Gehirnwindungen verstopft, wenn du den Puls mit deinem Daumen, anstatt
mit dem Zeigefinger misst, kann nichts Gescheites bei heraus kommen. Diesen
Protest wandte nun auch Ryan ein und Mike zischte leise: �Dann mach es doch
besser!� Sofort entbrannte ein Streit �ber erste Hilfe und die Jungs kriegten
sich gar nicht mehr ein. Nein, sie wurden lauter und unfreundlicher. Hey Leute,
ich bin auch noch da, nur mal so am Rande bemerkt, falls es euch entgangen sein
sollte. �Atmet er �berhaupt noch?�, fragte Coral pl�tzlich und alle
verstummten. Ich konnte, trotz dass ich die Augen geschlossen hielt, ihre
besorgten Blicke auf mir sp�ren. �ich glaub nicht!�, Mikes Stimme zitterte
und ich h�tte fast gegrinst, die hatten tats�chlich Angst um mich. �Da hilft
nur eine Mund-zu-Mund-Beatmung!� Was? Also, das war jetzt aber nicht
beabsichtigt. Ich �berlegte gerade, ob ich nicht endlich aufwachen sollte, als
ich Erik etwas sagen h�rte. �Ok, ich war mal in so einem Kurs, ich hoffe,
dass ich das noch hinbekomme!� Mein Kopf wurde wieder ein St�ck angehoben,
doch dieses Mal achtete ich gar nicht auf die knackenden Wirbel, sondern fragte
mich, ob ich wirklich zulassen sollte, dass Erik mich nun mehr oder weniger k�sste.
Bevor ich mich zu irgendetwas entscheiden konnte, sp�rte ich schon, wie eine
Hand vorsichtig unter mein Kinn griff, die andere legte sich um meinen Nacken.
Samtweiche Lippen ber�hrten die meinen und ich musste aufpassen, dass ich nicht
ganz tief Luft holte, denn dann w�re meine Tarnung aufgeflogen. Warme Luft
wurde in meine Lungen gepresst und ich genoss diesen Moment und verga� alles um
mich herum. Ich konnte mich kaum beherrschen, meine Zunge in seinen halb ge�ffneten
Mund hinein gleiten zu lassen. Da f�hlte ich die Schmetterlinge, die in meiner
Magengrube aufgeregt hin und her flatterten. Nein, ich hatte es mir vorhin schon
verboten. Auf keinen Fall durfte ich mich in ihn verlieben. V�llig abgelenkt
von meinen verwirrenden Gedanken achtete ich gar nicht mehr auf die Beatmung und
merkte auf einmal, wie sich mein Hals zu zog und ich laut loshusten musste.
Sofort l�ste Erik sich von mir, aber seine Arme st�tzten meinen R�cken, w�hrend
ich immer wieder von Hustenanf�llen gesch�ttelt wurde. �Ein Gl�ck, Em ist
wieder wach!�, rief Coral erleichtert und mir stiegen vor lauter Husten die Tr�nen
in die Augen. Manno, es war gerade so sch�n und nur weil ich mal wieder nicht
aufgepasst hatte, wurde dieser Kuss, der eigentlich keiner war, unterbrochen.
Ich k�nnte mir echt in den A� Hintern bei�en f�r diese d�mliche Aktion.
Endlich beruhigte sich meine Lunge wieder und ich konnte wieder normal atmen.
�Danke Erik!�, sagte ich und musste mich r�uspern, da meine Stimme noch
immer ein wenig angekratzt war. �Kein Ding!�, erwiderte er und stand auf.
�Ich geh mal gucken, wo Jason ist. Den Krankenwagen brauchen wir jetzt eh
nicht mehr.�, mit diesen Worten lief er durch den schmalen Ausgang an der L�ngsseite
des Platzes und die Stra�e hinab. Was war denn mit dem los? Nun half mir Coral
beim Aufstehen und seine gro�e, dunkelbraune Hand zerquetschte meine dabei
fast. �Autsch!�, schrie ich und rieb die schmerzenden Finger. �Oh
sorry!�, meinte er sich und hielt mir die Hand hin um sich per Handschlag zu
entschuldigen, ich ergriff sie aber nicht, weil ich f�r heute eindeutig genug
Verletzungen ertragen musste. �Ist es okay, wenn ich mich jetzt verziehe?�,
fragte ich, da ich ziemlich fertig war und nun am liebsten zuhause auf der Couch
liegen w�rde mit einer gro�en Mozzarella-Pizza und einem Glas Cola vor mir auf
dem Tisch. �Klar, ich hoffe, du kommst morgen wieder, aber nur wenn es dir
besser geht!�, sagte Ryan und auch die anderen verabschiedeten sich von mir.
�Bin morgen bestimmt wieder fit!�, antwortete ich und ging denselben Weg,
den Erik eben genommen hatte. Vielleicht sehe ich ihn ja auf dem R�ckweg,
hoffte ich und wieder begannen ein paar Zitronenfalter in meinem Bauch herum zu
fliegen oder verwechselte ich das gerade mit meinem knurrenden Magen? Leider sah
ich Erik nicht mehr und ich konnte meine Entt�uschung kaum verbergen, als ich
die Stufen zu unserer Terrasse hinauf lief. Die T�r war wie sonst auch immer
nicht abgeschlossen, sondern nur angelehnt, ich schl�pfte in den Flur und sah
aus dem Wohnzimmer ged�mpftes Licht, das durch die offene T�r hinein fiel.
�Ich bin wieder zuhause!�, rief ich und verschwand erstmal auf die Toilette.
Danach ging ich in die K�che, schaute, ob sie mir etwas vom Abendessen �brige
gelassen hatte, aber die Pfanne, in der noch das Bratfett stand, war leer.
Riecht wie Nudeln mit Pilzen, dachte ich, nachdem ich kurz daran geschnuppert
hatte, drehte mich dann zur K�hltruhe und holte eine Tiefk�hlpizza heraus. W�hrend
diese im Ofen vor sich hin brutzelte, setzte ich mich ins Wohnzimmer zu meinen
Eltern, die Fernsehen guckten. �Und warst du wieder bei deinen neuen Freunden
am Sportplatz?�, fragte mich Daddy und ich nickte. �Ja, es war richtig cool
heute!�, erkl�rte ich, als ich seinen auffordernden Blick bemerkte, der mehr
als ein kurzes Nicken als Antwort verlangte. �Es freut mich, dass du so
schnell Anschluss gefunden hast, Princesa!�, sagte er strahlend und wandte
seinen Kopf wieder zum Fernseher, auf
dessen Monitor gerade eine Quizshow lief, die die beiden recht gern schauten.
Die K�chenuhr, die ich mir zur Erinnerung gestellt hatte, klingelte und ich
flitzte in die K�che um endlich mein wohl verdientes Abendessen zu essen.
Danach ging ich hoch in mein Zimmer und r�umte die letzte Kiste mit Klamotten
und Krims Krams, von dem ich mich nicht trennen konnte, in die Regale und den
Schrank. Schon fr�h �berfiel mich die M�digkeit und gerade als ich einen
Mini-Basketball auf dem meine alte Clique unterschrieben hatte, aus dem Karton
fischte und einmal gegen die Wand warf, konnte ich das G�hnen nicht mehr
unterdr�cken. Am besten, ich mache morgen weiter, dachte ich, lie� den Ball,
den ich gekonnt wider aufgefangen hatte, auf den Boden fallen und lief ins
Badezimmer, um zu duschen und mir die Z�hne zu putzen. Doch kaum lag ich im
Bett und lauschte auf das Zirpen der Grillen, die in den hohen Gr�sern, die
hinter unserem Haus standen, hausten, konnte ich nicht einschlafen. Die ganze
Zeit kreisten meine Gedanken um Erik. Seine dunklen Augen, die mich immer wieder
beobachtet hatten, machten mich nerv�s und ich konnte noch immer seinen Mund
auf meinem sp�ren und dieses Gef�hl war der totale Wahnsinn. Trotzdem
versuchte ich mir meine Gef�hle f�r ihn zu verbieten, weil keinesfalls etwas
aus uns werden k�nnte. Au�erdem kannte ich ihn nicht richtig, sondern erst
seit gestern und da hatten wir meistens Basketball gespielt und uns nur ein
bisschen unterhalten. Aber ich konnte nichts dagegen tun, mein Herz pochte
schneller, wenn ich an ihn dachte und ich sah ihn vor mir, wenn ich die Augen
schloss und versuchte einzuschlafen. Wie in der ersten Nacht hier w�lzte ich
mich ewig hin und her, endlich fiel ich in einen leichten Halbschlaf und von wem
tr�umte ich? Nat�rlich von Erik!
3. Kapitel
In den n�chsten Tagen traf
ich mich jeden Nachmittag mit der Basketball-Clique und wir verstanden uns von
mal zu mal besser. Abends fiel ich hundem�de ins Bett und musste aber trotz
allem noch �ber meine Gef�hle f�r Erik gr�beln. Immer wenn ich ihn sah,
wusste ich, dass es keinen Zweck haben w�rde, meine Liebe zu verdr�ngen, ich
kam nicht dagegen an, egal, was ich versuchte. Ein anderes Problem war mein wohl
geh�tetes Geheimnis. Bis jetzt war keinem der Jungs aufgefallen, dass ich
anders war, als die anderen, auch wenn es einige Schreckmomente gab, wo ich
dachte, nun ist es aus, sie haben es herausgefunden. Doch jedes Mal hatte ich
aufs neue Gl�ck oder sie waren einfach zu doof. Zum Beispiel eine Woche nachdem
wir nach Tampa gezogen waren, wachte ich auf, weil die Luft in meinem Zimmer zu
stickig zum Atmen war. Drau�en brannte die Sonne erbarmungslos vom strahlend
blauen Himmel, an dem man keine einzige Wolke finden konnte und das Gras in
unserem Garten hatte einen leichten Braunstich, w�hrend die Rosen m�de und
durstig ihre K�pfe hingen lie�en. Das es im Freien ziemlich hei� war, war
eigentlich normal, aber wieso hier drinnen? Normalerweise sorgte unsere
Klimaanlage f�r angenehme 18� C, ich dachte mir, dass sie wohl defekt war und
ging hinunter in die K�che, wo meine Eltern gerade beim Fr�hst�ck sa�en.
Meine Mom trug das Oberteil ihres Bikinis und Hot Pants, mein Daddy nur die
Shorts, die er zum Schlafen getragen hatte, trotzdem lief beiden der Schwei�
die Stirn hinab. �Na, auch schon wach, Princesa?�, begr��te mich Daddy und
trank einen Schluck vom Orangensaft. Leise klirrten dabei die f�nf Eisw�rfel
in seinem Glas. �Ist die Klimaanlage kaputt? Es ist so hei�!�, maulte ich
und lehnte mich gegen den Herd hinter mir. �Nein, eigentlich m�sste alles in
Ordnung sein, aber hast du mal aufs Thermometer geschaut? Es sind jetzt schon
weit �ber 30� C im Schatten, ich will gar nicht daran denken, wie es heute
Mittag ist.�, meinte meine Mom und zupfte an ihren Haaren, die sie hoch
gesteckt hatte, herum. �Ich will gar nicht ans Training denken!�, grinste
ich und wunderte mich �ber die entsetzten Gesichter der beiden. Was hatte ich
nun wieder verbrochen? �Ich glaube, es ist besser, wenn du heute nicht ins
Training gehst. Bei dem Wetter k�nntest du leicht einen Kreislaufkollaps
bekommen, Princesa!�, erkl�rte mir mein Vater vorsichtig, nun war ich an der
Reihe, dumm aus der W�sche zu gucken. �Ich� aber.. �hm!�, verflucht war
das eine schwierige Sprache. �Ach Emily, du wirst es schon mal einen Tag ohne
dieses seltsame Gehobse um einen Korb aushalten und w�re das nicht eine
perfekte Gelegenheit deine neuen Freunde endlich mal hier her einzuladen? Ihr k�nntet
eine kleine Poolparty veranstalten!�, schlug meine Mom mir eine Alternative
vor, doch ich sch�ttelte nur entgeistert den Kopf. Haha, Poolparty, da k�nnte
ich auch gleich mit einem Schild durch die Gegend laufen �Hallo, ich bin ein M�dchen!�.
�Ich ruf mal Erik an und frag, ob die heute �berhaupt trainieren!�,
entschied ich mich schlie�lich und lief ins Wohnzimmer um nach dem schnurlosen
Telefon zu suchen. �Aber du gehst da nicht hin, hast du geh�rt, Emily?�, h�rte
ich meine Mom mit Besorgnis aus der K�che rufen. �Jaja, du mich auch!�,
murmelte ich vor mich hin und griff hinter ein Sofakissen, aber da war das
Telefon nicht. Schlie�lich fand ich es unter einer braunen Banane, in der
Obstschale, die auf dem kleinen Wohnzimmertisch stand. Wer hatte das blo� da
hingetan? Verwirrt w�hlte ich die Nummer von Erik, die ich bereits auswendig
kannte und lauschte auf das Freizeichen. �Estrada!�, meldete er sich und
mein Herz machte einen H�pfer bei dem Klang seiner Stimme. �Hi, hier ist Em!
Ich wollt fragen, was ihr heute so macht?�, erkl�rte ich ihm meinen Anruf.
�Hey, wie geht�s? Ja also, heute ist es etwas zu warm zum Basketball
spielen, deshalb denk ich mal, dass wir schwimmen gehen. Warst du schon mal am
Destrat Lake?� Ich h�rte ihm gar nicht richtig zu, sondern regte mich dar�ber
auf, wieso alle dieselbe Idee hatten. �Kommst doch mit, oder?�, fragte er
unvermittelt und ich durchforschte meinen Kopf nach einer guten Ausrede. ��h�
ich glaub eher nicht, denn ich bin etwas erk�ltet und da ist schwimmen wohl
nicht das Beste!�, mit Nachdruck hustete ich ein paar Mal und versuchte meine
Stimme rauer klingen zu lassen als zuvor. �Oje, du �rmster! Na dann mal gute
Besserung. Man sieht sich die Tage!�, bevor ich mich verabschieden konnte,
hatte er schon aufgelegt. So, alles geregelt. War es nicht gut, wenn man ein
wenig Phantasie hatte? Und so ein paar kleine Notl�gen machen einem das Leben
wirklich leichter. Zufrieden ging ich zur�ck in die K�che und machte mir
erstmal etwas zu essen. W�hrend ich die Cornflakes futterte �berlegte ich, was
ich dann heute den ganzen Tag machen sollte, wenn meine Clique am Badesee war.
Na ja, viel konnte man bei so einem hei�en Wetter nicht machen und so beschloss
ich meine private Poolparty zu veranstalten, aber ohne G�ste. Ich zog rasch
meinen Bikini an und ging hinaus in den Garten. Wie erfrischend sich das Wasser
anf�hlte, obwohl es sich mittlerweile auch schon aufgeheizt hatte, hier drin
war es immer noch k�hler als in der flirrenden Mittagshitze, um keinen
Sonnenstich zu bekommen, hatte ich mir aber sicherheitshalber ein wei�es Cappy
aufgesetzt und auch meine Sonnenbrille sa� fest auf meiner Nase. Schon
bald merkte ich, dass
alleine zu schwimmen keinen wirklichen Spa� machte, denn es gab niemanden den
man nass spritzen oder tunken konnte, so blieb ich irgendwann tr�ge auf der
Wasseroberfl�che liegen und lie� mir meine eh schon schokobraune Haut noch ein
wenig von der Sonne nachbr�unen. Meine Gedanken schweiften ab und landeten auf
dem staubigen Basketballplatz, aber diesmal waren nur Erik und ich dort und
komischerweise trug ich einen knielangen Jeansrock und ein wei�es Top, das r�ckenfrei
war. L�chelnd trat Erik auf mich zu und griff nach meiner Hand, dann zog er
mich hinter sich her zum Zaun, packte mich an der Taille und hob mich locker auf
die oberste Latte hinauf. Gerade als sein Gesicht meinem gef�hrlich nah kam, h�rte
ich meine Mutter, die nach mir rief. �Hey, Schlafm�tze! Du hast Besuch!�
Erschrocken richtete ich mich halb auf, da ich aber vergessen hatte, dass ich im
Pool lag, sackte ich ab und schluckte jede Menge Wasser. Strampelnd versuchte
ich wieder hoch an die Oberfl�che zu kommen, dabei versenkte ich meine
Sonnenbrille und das Cappy war auch nur noch ein triefendes Etwas. �Was?�,
fragte ich, als ich endlich wieder Luft bekam und zog mich am Rand hoch.
�Deine Freunde sind da. Ich wusste gar nicht, dass du krank bist!� Oh Gott,
wie konnte man nur so viel Pech auf einmal haben? Sch�n und gut, dass ich so
tolle Freunde hatten, die einen Krankenbesuch abstatteten, aber wieso
ausgerechnet jetzt? �Es geht mir wieder besser!�, erkl�rte ich meiner Mom
und trocknete mich nebenbei mit einem Handtuch ab. �Sind sie im Wohnzimmer
oder wo?�, fragte ich beil�ufig, als wir auf die Terrasse zu liefen. �Nein,
sie stehen noch vor der T�r, ich wollte erst dich holen�� �Du bist ein
Schatz, Mom!�, ich presste ihr einen Kuss auf die Wange und rannte hinein ins
Haus und so schnell ich konnte die Treppe in mein Zimmer hinauf. Dort wand ich
mich aus dem klebrig nassen Bikini und schl�pfte in Boxershorts und ein Top,
dar�ber zog ich schwarze Baggies, die auf dem Boden gelegen hatten und
eigentlich im W�schekorb landen sollten und einen hellblauen, weiten
Adidas-Pulli. Meine feuchten Haare versteckte ich unter einem Cappy, gerade �berlegte
ich noch, ob ich nicht vielleicht einen Schal anziehen sollte, aber das s�he
wohl doch etwas zu abenteuerlich aus. In meinem Dress lief ich nun herunter und
�ffnete mit einem gequ�lten L�cheln auf den Lippen die Haust�r. �Hi, was
macht ihr denn hier?�, begr��te ich sie und tat so, als ob ich mich wirklich
�ber ihr Kommen freute. �Wir haben gedacht, wir kommen noch kurz bei dir
vorbei, bevor wir an den See fahren. Sollst doch ein bisschen neidisch sein!�,
flachste Ryan und die anderen grinsten ebenfalls. �Bin ich auch so schon!�,
erwiderte ich und hustete mehrmals. Ob sie mir abkauften, dass ich erk�ltet
war? In meinen Ohren hatte sich das eben mehr als unecht angeh�rt. �Immer
rein in die gute Stube!�, einladend �ffnete ich die T�r und die f�nf traten
ein, nachdem sie ihre Schuhe sorgf�ltig auf dem Vorleger abgeklopft hatten. Gut
erzogen sag ich da blo�. �Ins Wohnzimmer?�, fragte ich und lief vorneweg,
blieb aber entgeistert in der T�r stehen, als ich sah, dass meine Mom auf der
Couch sa� und ein Buch las. Ich drehte mich auf den Hacken um, streckte die
Arme aus, so dass niemand an mir vorbei konnte und meinte. �Oder wir gehen
doch lieber in mein Zimmer!� Sie warfen sich ein paar verwirrte Blicke zu,
folgten mir aber nun brav die Treppe hinauf und den Gang entlang. Ich glaube,
die hielten mich f�r etwas durchgeknallt, nach der Aktion eben. �Nicht
schlecht!�, neugierig blickte sich Mike um und w�re fast �ber die letzte
Umzugskiste gestolpert, die hier noch herum stand. Meine G�te, was f�r ein
Trottel, ich hatte sie extra an die Wand geschoben, damit niemand dr�ber fallen
konnte, trotzdem w�re es ihm beinahe gelungen. �Macht es euch gem�tlich!�,
sagte ich und setzte mich ans Kopfende meines Bettes. Auch Coral und Ryan
setzten sich dazu und Mike, der sich noch immer den Fu� hielt, machte es sich
auf meinem Schreibtischstuhl bequem. Erik hatte sich eben geb�ckt, weil seine
Schn�rsenkel aufgegangen waren, erhob sich jedoch in dem Moment und kam
ebenfalls aufs Bett zu. �Macht euch nicht so breit, so fett seid ihr doch gar
nicht!�, ein breites Grinsen lag auf seinem Gesicht, das aber pl�tzlich
erstarrte. �Iiiiiih! Was ist das denn?�, ich folgte Eriks angeekeltem Blick
auf den Boden und sah, dass er direkt auf meinen klitschnassen Bikini getreten
war, den ich vorhin in der Eile vergessen hatte, weg zu tun. Nein, das durfte
nicht wahr sein und ich hatte gehofft, dass nun alles glatt laufen w�rde, aber
Erik hob ihn auch noch in die H�he und betrachtete den orangenen Stoff. Die
anderen kicherten und ich versuchte verzweifelt eine plausible Erkl�rung daf�r
zu finden, dass in meinem Zimmer ein triefender Bikini lag. �Der geh�rt
meiner Mom!�, brachte ich schnell heraus, aber damit gab sich Erik nicht
zufrieden. �Und wie kommt der in dein Zimmer?�, hakte er nach und hielt das
Teil immer noch hoch, so dass das Wasser hinab tropfte. �Wei� ich nicht! Ich
hab vorhin ein paar T-Shirts von der W�scheleine geholt und der ist wohl mit in
den Korb gefallen.� Das konnte hinhauen, denn an der Stelle lagen auch noch
ein paar Klamotten auf dem Boden verstreut. �Achso!�, meinte er, trotzdem
wurde ich das Gef�hl nicht los, dass er mir nicht so recht glaubte. W�hrend
die anderen ein paar Transen-Witze rissen, schnappte ich mir den Bikini und
brachte ihn ins Bad, wo ich ihn zum Trocknen �ber die Heizung h�ngte.
Als ich zur�ckkam, hatte
sich Erik meinen Platz auf dem Bett geschnappt und ich setzte mich deswegen auf
den Boden davor. �Und das war echt nicht deiner?�, fragte Coral und seine
Augen funkelten belustigt. �Es reicht jetzt!�, sagte Erik genervt, bevor ich
den Mund aufmachen konnte. Ich warf ihm einen dankbaren Blick zu, den er mit
einem warmherzigen L�cheln erwiderte und in meinem Magen begannen wieder die
Schmetterlinge zu fliegen. Wir unterhielten uns eine Weile �ber alles M�gliche,
bis Ryan immer wieder unauff�llig, aber so, dass es jeder mitbekam, auf die
Armbanduhr schielte und nerv�s mit seinem Fu� wippte. �Ich denke, wir
sollten mal langsam los, sonst gibt es noch ein Gewitter, bevor wir am See
sind!�, setzte Jason z�gernd an, weil er nicht wollte, dass ich allzu entt�uscht
war, wenn sie jetzt gingen. Er ahnte ja nicht, wie erleichtert ich �ber diesen
Satz war. �Ja okay!�, ich versuchte mein strahlendes L�cheln so gut es ging
zu verbergen und brachte die Jungs hinunter zur Haust�r. �Wir sehen uns
bestimmt morgen oder so!�, rief ich ihnen zum Abschied hinter her, als sie
sich auf ihre Fahrr�der, die sie an unseren Gartenzaun angeschlossen hatten,
setzten und die Stra�e hinunter fuhren. Puh, das war heute mehr als knapp
gewesen! Ich schaute kurz im Flur in den gro�en Spiegel, der an der Wand hing.
Meine Haare waren l�ngst getrocknet und einzelne Str�hnchen klebten an der
Stirn, mir rannen Schwei�tr�pfchen �bers Gesicht und die Klamotten klebten an
meinem K�rper. Kein Wunder, es war tierisch warm und ich lief in dickem Pulli
und langer Hose durch die Gegend. Da gab es jetzt nur eins: raus aus dem
verschwitzten Zeug und ab unter die Dusche!
Diesen Nachmittag w�rde ich
nicht so schnell vergessen, aber heute war bis jetzt noch nichts passiert, was
mein Geheimnis in irgendeiner Form gef�hrden k�nnte. Ein Gl�ckstag oder die
Ruhe vor dem Sturm? Heute waren wir ausnahmsweise nicht auf dem Basketballplatz,
sondern hingen in der Mall ab. Genau im Princeton Einkaufszentrum, in dem ich am
dritten Tag in Tampa, Jessy und Carina kennen gelernt hatte. Sie geh�rten �brigens
zu den sieben bis acht M�dchen, die �fter mal auf der Trib�ne am
Basketballplatz waren, um die tollen Spieler anzuhimmeln. Na ja, mir war das
eigentlich relativ egal, solange mich keines der Girls nervte, war alles in
Butter und bisher hatte ich damit auch keine Probleme gehabt. Auch wenn Coral
oder Ryan immer mal wieder erw�hnten, dass eine Chica, wie sie die M�dchen
nannten, auf mich stand und mit mir gerne mal ausgehen w�rde. Ich zuckte da blo�
mit den Achseln und tat so, als ob ich mich kein bisschen f�r sie interessieren
w�rde. Dadurch war der Eindruck entstanden, dass ich ziemlich w�hlerisch mit
meinen Freundinnen um ging und wann immer ich eines der Girls in der Stadt traf,
warf sie sich in Pose und versuchte besonders sexy zu wirken. Manchmal konnte
ich mich echt nur noch �ber sie schlapp lachen. Im Augenblick sa�en wir an
zwei Tischen, die wir zusammen geschoben hatten, im Eiscafe vor dem Brunnen und
tranken eisgek�hlte Cola. Es war zwar nicht mehr so hei�, wie vor ein paar
Tagen, aber trotzdem tat es unheimlich gut, die eisige K�lte die Kehle hinab
rieseln zu sp�ren. Ich hatte den Platz zwischen Carina und Coral abbekommen und
war mit ihm in eine hei�e Diskussion dar�ber, wer denn dieses Jahr die
Meisterschaft gewinnen w�rde, vertieft. Carina sa� still neben mir, aber ich
sp�rte ihren Blick auf mir ruhen und das beunruhigte mich etwas, besonders da
Ryan letztens schon mal eine Andeutung gemacht hatte, dass Carina in mich
verliebt war. Aber das konnte nicht wirklich wahr sein, oder? Ich meine, ich war
ein M�dchen, auch wenn sie das nicht wusste, sie sollte so etwas sp�ren oder
hatte sie den siebten Sinn, den normalerweise jede Frau besa�, verloren? Pl�tzlich
tippte mir jemand auf die Schulter, da aber Coral gerade eine meiner
Lieblingsmannschaften, die Chicago Bulls, beleidigt hatte, reagierte ich nicht
gleich und h�rte nur mit halbem Ohr, wie Jessy, die neben Carina sa�,
irgendwas von �Jetzt trau dich endlich mal!� keifte. Wieder sp�rte ich ein
Tippen und warf nun den Kopf zur Seite. Carina starrte mir direkt in die Augen
und bevor ich noch irgendetwas tun konnte, hatte sie sich schon vor gebeugt und
ihre Lippen auf meine gepresst. Im ersten Augenblick war ich viel zu geschockt
um zu reagieren, aber dann hob ich die Arme um sie sanft, aber bestimmt weg zu
schieben, da kam mir ein anderer Gedanke. Die anderen Jungs aus der Clique
flirteten regelm��ig und hatten auch jede Menge Dates, kein Wunder, sie waren
ziemlich beliebt und hatten fast immer irgendwelche Girls um sich versammelt,
nur ich, weil ich jede abwies, stand abseits von ihnen. Konnte das nicht auch
irgendwann bedeuten, dass ich nicht mehr zur Clique geh�rte? Au�erdem hatten
sich in letzter Zeit die dummen Spr�che geh�uft, zwar hie� es immer, ich w�re
schwul, aber wie leicht konnten sie meinem Geheimnis auf die Schliche kommen?
Wenn sie das erstmal erfahren hatten, w�re es ganz Aus f�r mich, ich musste
etwas f�r meinen m�nnlichen Status tun, egal, wie sehr mich dieser Kuss
anekelte, ich musste ihn geschehen lassen. Deshalb legten sich meine Arme nun um
Carinas Schultern und ich zog sie noch n�her zu mir, so weit es die Armlehnen
unserer St�hle zulie�en. Da sp�rte ich, wie sich etwas Nasses in meinen halb
ge�ffneten Mund schob und ich musste die Luft anhalten um den W�rgereiz zu
unterbinden. Ihre Zunge schlang sich um meine und lie� sie kurz darauf wieder
los, dann ber�hrte sie z�rtlich die Spitze und fuhr langsam hinab bis zum
Rachen. Konnte man beim K�ssen sterben? Ich hoffte es nicht, aber wenn sie ihre
Zunge noch tiefer in meinen Hals steckte, w�rde ich gleich ersticken. Am besten
ich bef�rdere sie da wieder raus, mit meiner Zunge, dachte ich und leckte an
der Unterseite von ihrer entlang, zum Gl�ck verstand sie mein Signal und sie
zog sich allm�hlich zur�ck. Als sich unsere Lippen endlich wieder voneinander
l�sten, sp�rte ich wie an meinem Kinn etwas Fl�ssiges hinab lief und es
hingen immer noch d�nne Speichelf�den zwischen ihrem und meinem Mund. Wenn k�ssen
immer so widerlich ist, dann geh ich lieber ins Kloster. Die anderen johlten und
klatschten lautstark und ich sp�rte, wie mein Kopf knallrot wurde. Langsam
drehte ich mich wieder nach vorne und wischte mir noch mit der Hand die Spucke
vom Kinn. War das jetzt ihre oder meine? Egal, es war einfach nur ekelhaft und
ich schmierte sie an die Serviette, die vor mir auf dem Tisch lag. �Hat es
endlich gefunkt zwischen euch?�, fragte Ryan, der schr�g gegen�ber von mir
sa� und einen Arm um seine momentane Freundin Kelsee gelegt hatte. Ich wollte
den Kopf sch�tteln, aber Carina neben mir strahlte wie ein Honigkuchenpferd und
griff nach meiner Hand. Die Hand, an der eben noch der Speichel gehangen hatte,
f�r heute war mir der Appetit echt vergangen. Der Rest der Clique grinsten
weiterhin und ich �berlegte, ob das vielleicht doch keine so gute Idee gewesen
war, da sah ich wie Erik, dessen Gesicht fahler als sonst wirkte, sich abrupt
vom Tisch erhob und ohne ein Wort zu sagen, davon ging. Mein Herz sagte mir, ich
solle aufstehen und ihm hinter her laufen, aber irgendetwas hielt mich zur�ck
und im dem Moment bemerkte ich auch schon, wie Jason, Eriks bester Freund,
aufstand, ein kurzes �Bye!� in die Runde rief und in die Richtung
verschwand, in die eben auch Erik gegangen war. �Sollen wir am Freitagabend
zusammen ins Kino gehen?� Ups, Carina sa� ja noch neben mir, die hatte ich
vollkommen vergessen. �Ich wei� nicht, ob ich Zeit hab!�, wich ich ihr aus
und sah, wie ihre gro�en gr�nen Augen traurig wurden. �Aber ich hoffe, dass
es klappt!�, f�gte ich hinzu und sie l�chelte wieder. Ich musste mir nun
etwas wirklich Gutes einfallen lassen um da wieder heraus zu kommen, aber mich
besch�ftigte nicht nur die Sache mit Carina, sondern auch Eriks seltsames
Verhalten. Wieso war er so pl�tzlich verschwunden? Hatte es etwas mit mir zu
tun? Nein, bilde dir nicht zu viel ein, Em! Erik ist ganz eindeutig Hetero, so
wie der immer mit den M�dels flirtet, wahrscheinlich stand er ebenfalls auf
Carina und war beleidigt, dass ich sie ihm, wenn auch unabsichtlich,
weggeschnappt hatte. Ja genau, das war es sicherlich, eine andere Erkl�rung gab
es nicht, jedenfalls keine, die logisch war. Aber seit wann ist Liebe logisch?
Seit wann folgt das Herz dem, was der Verstand uns lehrt?
�Schade, jetzt k�nnen wir
uns gar nicht mehr dar�ber lustig machen, dass Em schwul ist!�, grinste Coral
und ich gab ihm einen Klaps auf den Arm, doch sein Grinsen wurde nur noch
breiter. �M�ssen wir uns eben ein neues Opfer suchen!�, meinte Mike und
schielte zu Coral hin�ber, auch die anderen sahen zu ihm und sein
Gesichtsausdruck nahm auf einmal eine �berraschte Miene an. �Ey nee, nicht
mich, Jungs, das k�nnt ihr vergessen!�, abwehrend hob er die Arme und ich
merkte, wie unangenehm ihm diese Situation war. �Du bist seit 9 Monaten
solo!�, warf Ryan ein und lachte fies. �Es sind nur 8 Monate und 22
Tage!�, verteidigte er sich und ich brach in schallendes Gel�chter aus. Der
Typ musste echt notgeil sein, wenn er die Tage z�hlte, seit dem er keine
Freundin mehr hatte. �Sp�testens in zwei Wochen bei Davids Party musst du mit
einer aufkreuzen, ansonsten wirst du auf ewig im Fegefeuer der Enthaltsamkeit
dein Leben fristen m�ssen!�, philosophierte Jeffrey, Ryans �lterer Bruder,
der ab und zu bei uns war. Verzweifelt versuchte Coral den anderen klar zu
machen, dass er sehr wohl jede haben konnte, die er wollte und sie schlossen
sogar Wetten ab, ab dem Zeitpunkt aber schweiften meine Gedanken ab und ich
fragte mich mal wieder, �ber was Erik gerade mit Jason redete.
In der Zwischenzeit an einer
einsamen Ecke des Parkplatzes vor dem Einkaufszentrum:
�Hey Erik, bleib doch
stehen! Wieso rennst du vor mir weg?�, atemlos rannte Jason hinter Erik her,
der so tat, als ob er die Rufe seines Freundes nicht geh�rt h�tte und stur
weiter lief. Schlie�lich aber hatte Jason ihn eingeholt und ihn feste an der
Schulter gepackt. �Was ist mit dir los?�, besorgt musterte er ihn.
�Nichts!�, erwiderte Erik, war aber nun stehen geblieben und scharrte mit
der Spitze seines Schuhs im losen Boden. �L�g mich nicht an. Ich sp�re doch,
dass etwas nicht in Ordnung ist. Schon seit ein paar Tagen bist du abwesend,
verh�lst dich seltsam und heute l�uft du auf einmal weg.�, er wollte eine
Antwort h�ren, heute, hier und jetzt. Nein, keine L�gen mehr, diesmal wollte
er die Wahrheit erfahren. �Ach Mann� ich hab selbst keine Ahnung, was mit
mir los ist, Jason!�, brach es aus Erik heraus und er warf seinem Freund einen
kurzen Blick zu, der diesen ermutigend erwiderte. �Also, ich bin im Augenblick
so durcheinander wegen Em!�, er hatte so leise gesprochen, dass Jason sich
anstrengen musste, um die Worte zu verstehen. �Was hat das mit Em zu tun?�,
fragte er verst�ndnislos, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass Erik
irgendwelche Probleme mit dem neuen Typen hatte, der vor anderthalb Wochen
hierher gezogen war und nun schon ein fester Teil ihrer Clique war. Die beiden
hatten sich bis jetzt super verstanden, fast ein bisschen zu gut, wie Jason fand
und es gab Momente, in denen er eifers�chtig, auf den Neuen gewesen war, weil
es ein besonderes Band zwischen ihm und seinem besten Freund gab. Manchmal
warfen sie sich Blicke zu oder sie ber�hrten sich auf seltsame Weise, Jason
hatte diese Dinge beobachtet, sich aber keinen Reim darauf machen k�nnen.
�Ich bin doch gar nicht schwul, ich war immer nur in M�dchen verliebt. Das
geht einfach nicht!�, fast klang es wie ein Selbstgespr�ch, aber es sollte
ein Antwort auf Jasons Frage sein, auch wenn ihn diese zusammenhanglosen S�tze
nicht viel weiter brachten, mittlerweile hatte er eine Ahnung wovor Erik sich f�rchtete.
�Du hast dich in Em verliebt, oder?�, es war eigentlich schon eine
Feststellung und Erik nickte nur, da ihm ein Klo� die Kehle zu schn�rte und er
kein Wort heraus brachte. Das h�tte Jason nie erwartet, nicht von Erik, seinem
besten Freund, den er nun schon seit der Grundschule kannte, aber auch die
engsten Freunde und Verwandte k�nnen einen jeden Tag aufs Neue �berraschen.
Jetzt durfte er nur nichts Un�berlegtes tun und Erik damit vor den Kopf sto�en.
Der Junge war schon verzweifelt genug, so wie er da stand, die H�nde tief in
den Taschen seiner Baggies vergraben, den Blick auf den Boden gerichtet und mit
h�ngenden Schultern. �Und du bist dir ganz sicher?�, versicherte sich Jason
noch einmal. �Ich meine, du glaubst nicht, dass das nur eine T�uschung ist
und du in Wirklichkeit gar nicht in ihn verliebt bist.�, f�gte er rasch
hinzu. �Herrgott Jason, stellst du dich gerade bl�d oder was? Ja, ich habe
mich in Em verliebt!�, brauste Erik auf, merkte aber sofort, dass er seinem
Freund Unrecht getan hatte und entschuldigte sich daf�r. �Ist schon okay!�,
zeigte sich dieser vers�hnlich und klopfte Erik aufmunternd auf die Schulter.
�Das wird schon wieder, Junge!�
Genervt stand ich auf, die
Jungs diskutierten immer noch �ber Coral und mir wurde das nun wirklich zu
viel. Fragend blickte mich Carina an und ich erkl�rte ihr in ein paar Worten,
dass ich nach Hause musste, weil ich meiner Mom versprochen hatte, ihr zu
helfen. Sie nickte blo� und bat mich, sie in den n�chsten Tagen mal wegen
Freitag anzurufen. �Mach ich!�, versprach ich ihr und gr�belte bereits an
einer guten Ausrede, denn dieses Date durfte niemals statt finden, nicht an
diesem Freitag und auch nicht an einem darauf folgenden. Not macht erfinderisch,
hie� es doch immer und ich war in letzter Zeit mehr als genug in N�ten
gewesen, aber so langsam reichte es mir und ich begann mich zu fragen, ob das
Versteck spielen wirklich eine so gute Idee gewesen war, besonders jetzt, da ich
mich in Erik verliebt hatte und es, in der Lage in der mich befand, eine
aussichtslose Liebe war. Auch von den anderen hatte ich mich ziemlich schnell
verabschiedet und lief dann nachdenklich auf den Ausgang der Mall zu. Wenn ich
mich beeilte, w�rde ich den Bus um 17 Uhr, der vorne am Parkplatz hielt, noch
erwischen. Im Laufschritt lief ich �ber den Parkplatz und sah gerade, wie der
Bus an der Haltestelle hielt. �Warten Sie!�, schrie ich und rannte los,
dabei bemerkte ich nicht die beiden Personen, die in einer Ecke des Parkplatzes
standen und sich leise unterhielten.
Nachdem ich zu meinem Gl�ck
den Bus noch rechtzeitig erreicht hatte, stieg ich eine Viertelstunde sp�ter in
unserer Siedlung aus und lief die letzten Meter bis zu unserem Haus. Dort
angekommen legte ich mich erstmal eine Runde auf mein Bett und schloss die
Augen, aber ich schlief nicht, sondern dachte �ber all die Dinge nach, die seit
meiner Ankunft in Tampa geschehen waren und ich kam zu dem Schluss, dass sich
nichts an der jetzigen Situation �ndern d�rfte, das hie� zwar, ich musste
Erik ein f�r alle mal vergessen, aber ich durfte nicht zulassen, dass durch
meine Liebe zu ihm, mein Geheimnis aufgedeckt wurde. Trotzdem wollte ich das
Date mit Carina absagen, der restlichen Clique hatte ich bewiesen, dass ich
nicht schwul war und ich hoffte, dass die dummen Witze und Spr�che nun nachlie�en,
auch wenn sie einen Funken Wahrheit enthielten, ich stand nicht auf M�dchen!
Um es gleich hinter mich zu
bringen, stand ich auf und ging hinunter ins Erdgeschoss. Meine Mom rief aus der
K�che, dass es gleich Essen gab und ich ging ins Wohnzimmer, wo das Telefon
ausnahmsweise ordentlich auf der Ladestation lag. Trotzdem musste ich nach dem
Telefonbuch suchen, weil ich Carinas Nummer nat�rlich nicht auswendig kannte
und auch so nirgends aufgeschrieben hatte. Das Telefonbuch lag in der untersten
Schublade der Kommode, die im Flur stand und ich fragte mich, ob meine Mom das
beabsichtigt hatte, damit man sich mehr bewegte oder ob sie einfach nur
schusselig gewesen war und nicht dar�ber nachgedacht hatte, als sie das
Telefonbuch dort platziert hatte. Wie hie� Carina noch mal mit Nachnamen? Ich
�berlegte eine Weile und trommelte dabei nerv�s auf der Kommode herum, endlich
fiel er mir wieder ein. Sie hie� Carina Evans, suchend fuhr mein Zeigefinger �ber
die Namen und da entdeckte ich ihren auch schon. Was ein Gl�ck haben die
meisten M�dchen in ihrem Alter ein Telefon, sonst h�tte ich nach dem Vornamen
ihrer Mutter oder ihres Vaters schauen m�ssen und das w�re weit aus
schwieriger geworden. Vielleicht sie ja noch gar nicht zuhause, �berlegte ich,
w�hrend ich die Nummer w�hlte und mir dann den H�rer ans Ohr hielt, doch
schon nach dem zweiten Klingeln meldete sie sich mit �Hallo, hier ist Carina
Evans!� Fast h�tte ich wieder aufgelegt, aber ich konnte mich geradeso
beherrschen und nannte ihr mit heiserer Stimme meinen Namen. �Hi Em! Seid ihr
schon fertig mit umgraben?�, erkundigte sie sich freundlich. �Was?�,
entfuhr es mir und ich h�tte mir die Zunge abbei�en k�nnen, wieso war ich blo�
so voreilig. In dem Moment hatte ich nicht dran gedacht, dass ich vorhin gesagt
hatte, dass ich meiner Mom beim Umgraben unseres Gartens helfen sollte. �Achja,
nein, wir machen nur eine kleine Pause!�, sagte ich schnell. �Achso, rufst
du wegen Freitag an?�, ihre Stimme war durch den Telefonh�rer ein wenig
verzerrt und h�rte sich noch quietschiger an als sonst. �Ja, ich muss dir
leider absagen, wir fahren nachmittags, wenn mein Dad von der Arbeit nach Hause
kommt, �bers Wochenende nach Orlando, weil es noch ein paar Sachen gibt, die
wir dort erledigen m�ssen.�, erkl�rte ich ihr und versuchte entt�uscht zu
klingen. �Schade, aber wir k�nnen das ja nachholen!�, meinte sie und ich
konnte mir vor meinem geistigen Auge die Schnute vorstellen, die sie gerade zog.
�Also bis bald!�, verabschiedete ich mich, wartete noch ihr leises �Tsch�ߓ
ab und legte dann auf. �Emily, es gibt Abendessen!�, schallte es aus dem
Wohnzimmer und ich wollte gerade hin�ber gehen, da klingelte das Telefon. Rasch
griff ich danach und sprach in die Muschel. �Santos! Oh hi Erik!�, es �berraschte
mich, dass er mich jetzt anrief, nachdem er heute Mittag so �berst�rzt
verschwunden war. �Hi, st�r ich grade?�, fragte er vorsichtig. �Na ja,
eigentlich schon, aber wenn du es kurz machst, geht das!�, erwiderte ich und
schielte ins Wohnzimmer, wo meine Mom ungeduldig am Esstisch auf mich wartete,
aber mein Vater war auch noch nicht da, deshalb dachte ich, dass sie wohl ein
paar Minuten warten k�nnte. �Oh tut mir Leid, wenn du zu deinem Date musst, k�nnen
wir auch ein anderes Mal telefonieren, ich wollte eigentlich blo� fragen, ob
wir morgen etwas fr�her zum Basketballplatz gehen k�nnen.� Welches Date
meinte er denn? Doch ich kam nicht dazu, ihm zu erkl�ren, dass da ein Irrtum
vorlag, denn meine Mom rief ich mich erneut zum Essen. �Ja, ist dir zwei Uhr
recht?�, fragte ich schnell und er erkl�rte sich einverstanden. �Okay, dann
bis morgen um zwei! Bye!�, mit einem leisen Piepen legte ich auf und eilte ins
Wohnzimmer, wo mich eine Standpauke meiner Mutter wegen P�nktlichkeit
erwartete.
Am n�chsten Nachmittag lief
ich aufgeregt die paar Minuten, die ich von unserem Haus bis zum Sportplatz
brauchte. Heute wehte ein k�hler Wind und ich war froh, dass ich mir einen
Pulli angezogen hatte, obwohl ich den sp�ter w�hrend dem Spielen wieder
ausziehen w�rde. Als ich um die Ecke bog, lag der Platz noch v�llig verlassen
da und da ich selbst nie einen Basketball mitbrachte, konnte ich auch schlecht
ein paar K�rbe werfen, so setzte ich mich, wie ich es gerne tat, auf die
oberste Latte des Zauns. Wie konnte ich Carina heute am besten aus dem Weg
gehen? Ich war mir ziemlich sicher, dass sie mit den anderen Girls heute
auftauchen w�rde, dabei hatte ich �berhaupt keine Lust mir wieder ihre Zunge
in den Hals stecken zu lassen, au�erdem wie leicht konnte mein Geheimnis
auffliegen, sie musste mir nur versuchen an die W�sche zu gehen und schon w�re
es passiert. �ber meine Gef�hle zu Erik machte ich mir erstmal keine Gedanken,
auch wenn mein Herz schneller pochte, kaum dass er vor mir stand oder ich blo�
seine Stimme h�rte, so wie gestern am Telefon. Ach h�r auf vor dich hin zu tr�umen,
Emily. Er wird sich nie in dich verlieben. �Hi Em!�, ich zuckte zusammen,
die Stimme war nur einen halben Meter von mir entfernt und jagte mir so schon
eiskalte Schauer �ber den R�cken. �Hi Erik!�, langsam drehte ich mich zur
Seite, wo er l�ssig gegen den Zaun lehnte und den Basketball unter den rechten
Arm geklemmt hatte. �Freue mich, dass du kommen konntest!�, er beugte sich
zwischen zwei Querlatten hindurch und stand nun innerhalb der Umz�unung.
�Kein Problem!�, erwiderte ich, sprang vom Zaun und fing auch sofort den
Ball, den ihr mir in dem Moment zugeworfen hatte. Ein R�ckpass und schon hatte
er den Ball im Korb versengt. Im Spiel waren wir ein Spitzen-Team, da gewannen
sogar wir zwei gegen die anderen vier. Gl�ck im Spiel, Pech in der Liebe,
dachte ich verbittert und warf den Ball zu Erik, leider aber hatte ich nicht
richtig gezielt und trotz seines Hechtsprungs fiel der Ball in den roten Sand.
�Das war aber nichts!�, Erik erhob sich und b�ckte sich gleich darauf
wieder um den Ball aufzuheben. �Mach noch mal!�, ich fing den Ball, der mit
viel Druck geworfen war, locker auf und passte ihn keine zwei Sekunden sp�ter
zur�ck. Dieses Mal fing Erik ihn auch und prellte nach vorne zum Korb. Die Zeit
verging unheimlich schnell und gegen halb vier trudelte Jason an, der erst mich
und dann Erik irritiert musterte, doch er sagte kein Wort, sondern schnappte
sich einfach den Ball und begann ein paar Korbleger zu �ben. Endlich kamen die
anderen drei und leider tauchten auch unsere Groupies auf, am liebsten h�tte
ich mich ja so schnell es eben ging verdr�ckt, aber das w�re wahrscheinlich
aufgefallen. Deshalb dr�ckte ich Carina, als sie strahlend vor mir stand, ganz
kurz an mich und versuchte sie dabei so weit wie m�glich von mir weg zu halten,
was sich als ziemlich schwierig herausstellte und dr�ckte ihr einen feuchten
Kuss auf die Wange. Zum Gl�ck schrie Jessy nach ihr, die auf der Trib�ne sa�
und Carina schaute mich entschuldigend an und hastete danach zu ihrer besten
Freundin. Puh, da hatte ich noch mal Gl�ck gehabt, aber mit vor Angst
zitternden Knien dachte ich an den Abschied sp�ter. Irgendwas musste mir bis
dahin einfallen, �berlegte ich krampfhaft, w�hrend ich mich gleichzeitig
versuchte auf das Spiel zu konzentrieren, das eben begonnen hatte. Mist, Coral
hatte gerade einen Korb gemacht, eigentlich h�tte ich ihn decken und die Punkte
damit verhindern sollen. Erik, der mal wieder in meiner Mannschaft war, stellte
sich auf, um den Ball wieder ins Spiel zu werfen. Mit einem Blick nach links und
rechts kontrollierte ich, ob ich frei stand und rief, als ich niemanden sah, in
Eriks Richtung, dass er mir den Ball zu werfen sollte. Er wandte sich zu mir und
schon flog der dunkelrote Ball durch die Luft. Ups, der war ein wenig hoch. Ich
spannte die Muskeln an und sprang so hoch ich konnte, bekam auch den Ball zu
fassen, doch da sp�rte ich, wie mir jemand brutal seinen Ellbogen in den Magen
rammte. Mir blieb die Luft weg und ich st�rzte zu Boden, wo ich keuchend liegen
blieb, w�hrend der Ball, der mir aus den schwei�nassen Fingern gerutscht war,
in Richtung Trib�ne rollte. �Oh, das tut mir aber leid!�, rief Jason �bertrieben
laut und streckte mir seine Hand hin um mir aufzuhelfen. Ich griff nach ihr und
sp�rte, wie er sie so sehr zusammen dr�ckte, dass die Gelenke knackten. Dann
warf er mir noch einen w�tenden Seitenblick zu und trabte zu den anderen, die
sich an der Mittellinie versammelt hatten. Ich blickte ihm verwirrt hinterher.
Gab es einen bestimmten Grund, wieso Jason sauer auf mich war? Denn man musste
wirklich blind sein, um nicht zu sehen, dass er mich mit voller Absicht gefoult
hatte, das schleimige Gerede danach war auch nicht viel besser gewesen. Je l�nger
ich nachdachte, desto weniger wusste ich, weshalb Jason das getan hatte. Auch im
weiteren Verlauf merkte ich immer wieder, wie er mich nicht gerade nett
anschaute, aber ich sp�rte auch Eriks Blicke auf mir und manchmal kreuzten sich
die unseren. In solchen Momenten wurde mir immer ganz warm ums Herz und ich
verga� alles um mich herum. Den Basketballplatz und die vielen Leute, sogar
meine Probleme r�ckten in weite Ferne, wenn ich seine Lippen, die zu einem
winzigen L�cheln, das man gerade noch so erahnen konnte, verzogen waren, sah,
ich hoffte ja, dass dieses L�cheln nur f�r mich bestimmt war, aber weshalb
sollte er ausgerechnet mich anstrahlen? Ryan, der ebenfalls in meiner Mannschaft
war, hatte eben einen super Wurf hingelegt, der nat�rlich im Korb gelandet war.
Ich johlte laut und hielt Ryan, der auf mich zu lief, die hand hin, damit er
einschlagen konnte. Rasch dr�ckte ich ihn an mich und sah �ber seine Schulter,
wie Erik mich mal wieder anschaute. Nicht nur sein L�cheln war atemberaubend,
nein, auch seine Augen waren der helle Wahnsinn. Ich verlor mich in dem dunklen,
fast schwarzen Braun, mit den paar Goldsprenkeln darin und h�tte fast
vergessen, dass ich immer noch dabei war Ryan zu umarmen. So schnell es ging l�ste
ich mich von ihm und ging ein paar Schritte weg bis ich direkt vor Erik stand,
der seinen Blick nicht von mir genommen hatte. Sein Mund �ffnete sich und man
sah das Blitzen seiner wei�en Z�hne. �Na?�, fragte er mich leise und ich
strahlte von einem Ohr zum anderen. Oh man, mich hatte es echt ganz sch�n
erwischt!
Leider kam ich sp�ter nicht
drum herum mich mit einem Kuss, der noch dazu ziemlich lange dauerte, von Carina
zu verabschieden. Danach konnte ich endlich nach Hause und da ich ganz sch�n
durchgeschwitzt war, trotz des Windes, freute ich mich schon auf eine Runde
Schwimmen in unserem Pool. Mittlerweile fand ich es in Tampa gar nicht mehr so
schlimm. Wir hatten einen Pool, ein gro�es Haus, au�erdem hatte ich neue,
wirklich nette Leute kennen gelernt und das in sehr kurzer Zeit, aber das
Wichtigste war, ich hatte mich unsterblich verliebt, auch wenn es f�r diese
Liebe keine Chancen gab.
Das Wochenende wurde
ziemlich langweilig, da ich Carina ja erz�hlt hatte, ich w�rde nach Orlando
fahren, konnte ich schlecht bei der Clique auftauchen, deshalb langweilte ich
mich zuhause. Na ja, wenigstens hatte ich mal Zeit mein Zimmer so einzurichten,
wie ich es wollte und Samstag abends stand ich, die Arme in die Seiten gestemmt
zufrieden an der T�r und betrachtete mein Werk. Das Bett und die Schr�nke
hatte ich nicht verr�ckt, aber ein Regal an die Wand neben das riesige Fenster
ger�ckt und aus der gro�en Fensterbank war eine gem�tliche Kuschelecke
geworden, in der jede Menge bunte Kissen lagen. �Sieht sch�n aus, Princesa
und mit wem willst du da bald liegen?�, mein Dad war herein gekommen und
deutete grinsend auf die Fensterbank. �Mit gar keinem!�, entgegnete ich
schroff und hoffte, dass ich nicht rot wurde. �Das kannst du dem
Weihnachtsmann erz�hlen, aber eigentlich wollte ich dir blo� sagen, dass es
jetzt Abendessen gibt!�, er zwinkerte mir einmal kurz zu und verschwand dann
wieder. Oja, ich hatte ganz sch�n Kohldampf, aber vorher wollte ich noch
schnell die H�nde waschen gehen. Kaum war ich die Treppe ein St�ck herunter
gelaufen, schrillte das Telefon lautstark durchs Haus. Sofort sprang ich die n�chsten
Stufen in einem gro�en Satz hinab, strauchelte und w�re fast hingefallen. Im
letzten Moment konnte ich mich am Gel�nder fest halten und wieder hoch ziehen.
�Nicht ans Telefon gehen!�, rief ich au�er Atem, als ich ins Wohnzimmer
gerast kam und meine Mom vor dem kleinen Tischchen stehen sah, auf dem das
Telefon stand. �Was? Wieso denn nicht?�, sie schaute mich �berrascht an und
legte ihre Hand auf den H�rer, um abzuheben. �Stopp!�, meine Stimme �berschlug
sich fast. Genervt sch�ttelte meine Mutter den Kopf und hob dann den H�rer ans
Ohr. �Santos!� Verdammt, seit gestern hatte ich erfolgreich das Telefon
verteidigt und es hatte auch zum Gl�ck keiner meiner Freunde angerufen, weil
ich bestimmt hundert mal betont hatte, dass ich am Wochenende nicht daheim sein
w�rde, aber so wie ich die Schlafm�tzen kannte, w�rden sie trotzdem mal
anrufen und f�r den Fall musste ich vorbereitet sein. �Hallo?�, rief meine
Mom ins Telefon, dann legte sie den H�rer wieder auf die Station. �Hat
aufgelegt!�, lautete ihre Antwort auf meinen fragenden Blick hin und ich lie�
mich erleichtert auf meinen Platz an der linken Ecke des Esstisches fallen. Puh,
da hatte ich noch mal Gl�ck gehabt. Es duftete herrlich nach Pfannkuchen und
ich konnte es gar nicht abwarten, bis Daddy, der noch kurz Getr�nke aus dem
Keller geholt hatte, endlich sa�. �Guten Appetit!�, nuschelte ich rasch und
schnappte mir den obersten Pfannkuchen von der Platte. W�hrend des Essens
schnitt mein Dad wieder das Thema an, bei dem ich ihn vorhin so abgew�rgt
hatte. �Also, du musst nur Bescheid sagen, dann gehen deine Mom und ich mal
ins Kino.�, sagte er und schnitt seinen Pfannkuchen in mundgerechte St�cke.
�Und?�, fragte ich beil�ufig und schenkte mir Cola ein. �Dann hast du
hier endlich mal sturmfrei!�, fast h�tte ich mich bei seinen Worten
verschluckt. �Sturmfrei??? Wenn ihr jetzt denkt, ich hab einen Freund, muss
ich euch entt�uschen!�, rief ich ziemlich schockiert. Normalerweise war
meinen Eltern mein nicht vorhandenes Liebesleben egal, jedenfalls versuchten sie
mich nicht andauernd zu verkuppeln. �Aber deine Kumpel sehen nicht schlecht
aus!�, verk�ndete meine Mom grinsend. �Haha, mir ist es echt egal, wie die
aussehen!�, verteidigte ich mich. �Im Ernst, der eine, wie hie� er? Erik,
glaube ich, der ist wirklich s��. W�rde mir als Schwiegersohn echt
gefallen.�, sie lie� nicht locker, dabei wusste sie ganz genau, wie sehr sie
mich mit dem Thema �rgern konnte. Bevor ich irgendwie die M�glichkeit hatte zu
kontern, schrillte das Telefon erneut und ich sprang wie von der Tarantel
gestochen auf und griff nach dem H�rer, jedoch ohne den Knopf zum Annehmen des
Gespr�chs zu dr�cken. W�hrend es munter weiterbimmelte, ging ich schnellen
Schrittes durch die ge�ffnete T�r hinaus in den Garten und erst dort, dr�ckte
ich auf den Knopf mit dem gr�nen Telefon. �Hallo!�, meldete ich mich und
wartete gespannt ab, wer am anderen Ende der Leitung war. �Hi, hier ist
Erik.� Ha, ich wusste doch, dass einer aus der Clique es vergessen w�rde.
�Ich wei�, du bist nicht��, sprach er weiter, aber ich unterbrach ihn.
�Hier ist der automatische Anrufbeantworter der Familie Santos. Wir sind im
Moment leider nicht zuhause, aber falls Sie eine Nachricht hinterlassen wollen,
sprechen Sie nach dem Piep!�, ich versuchte meine Stimme m�glichst monoton
klingen zu lassen, so als ob sie wirklich von einem Band abliefe. Das Piep kam
sogar ganz glaubw�rdig r�ber. �Hi hier ist Erik!�, wiederholte er
geduldig. �Ich wollte dir blo� Bescheid sagen, dass am n�chsten Freitag eine
Party bei Coral steigt. Du bist doch ganz sicher mit von der Partie, oder? Bye
bye, meld dich, wenn du wieder zuhause bist.� Das Tuten verk�ndete mir, dass
er aufgelegt hatte. Wie s��e er geklungen hatte, schade, dass wir keinen
Anrufbeantworter hatten, denn da h�tte ich nun f�r immer und ewig seine
traumhaftsch�ne Stimme drauf gehabt. Wie auf Wolken ging ich zur�ck ins Haus
und hatte schon ganz vergessen, dass meine Eltern mich ge�rgert hatten. �Wer
war es denn? Das du daf�r extra rausgehen musst?�, mein Dad warf meiner
Mutter einen viel sagenden Blick zu und ich rollte nur genervt mit den Augen.
�Hatte sich verw�hlt.�, flunkerte ich ein wenig und begann den zweiten
Pfannkuchen, den ich gerade vorher auf meinen Teller gelegt hatte als das
Telefon geklingelt hatte, zu essen. Zum Gl�ck ahnten sie nicht, wie Recht sie
mit ihrer Vermutung hatten, in solchen Dingen hatten Eltern manchmal einen
siebten Sinn.
Fortsetzung folgt