Das Osmanische Reich (1299-1922)

Eine Gruppe von 2000 ogusischen Reitern zog Anfang des 13. Jahrhunderts, aus den asiatischen Hochebenen kommend, in das Reich von Rum. Ihr F�hrer war Ertugrul. In der N�he von Eskisehir traf Ertugrul zuf�llig auf Seldschuken, die gegen Mongolen k�mpften. Er f�llte eine geschichtstr�chtige Entscheidung, stellte sich aufdie Seite der Seldschuken und besiegte die Mongolen. Als Belohnung erhielt er vom Seldschukensultan eine L�nderei rund um das Schlachtfeld. Nach dem Tod Ertugruls 1280 gr�ndete sein Sohn Osman ein F�rstentum. Seine Dynastie wurde im T�rkischen Osmanli und im Arabischen Othman genannt. In Westeuropa leitete man daraus den Begriff Ottomane ab. Das Osmanische-Reich beginnt mit Ertugruls Sohn Osman.

Osmanisches Reich, t�rkisches Reich (1291-1922), das sich auf dem H�hepunkt seiner Macht �ber drei Kontinente erstreckte, von Ungarn im Norden bis nach Aden im S�den und von Algerien im Westen bis zur iranischen Grenze im Osten. Den Mittelpunkt bildete das Gebiet der heutigen T�rkei. Mit dem Vasallenstaat Krim dehnte sich das Osmanische Reich bis zur Ukraine nach S�drussland aus. Begr�nder des Reiches und der Herrscherdynastie ist Osman I. Ghasi.

 

Der erste osmanische Staat ging als Sultanat aus einem der vielen unbedeutenden Nachfolgestaaten des ehemaligen Reiches der Rum-Seldschuken in Kleinasien hervor. Die geographische Lage erm�glichte es dem Gr�nder der osmanischen Dynastie, die Schw�che des Byzantinischen Reiches auszunutzen und reiche Beute bei �berf�llen auf christliches Gebiet zu machen. Dieser Umstand f�hrte dazu, dass Tausende turkmenischer Nomadenkrieger sowie viele vor den Mongolen fl�chtende Araber und Perser in seine Dienste traten. Der Aufstieg des vom Islam gepr�gten Osmanischen Reiches ist eng verbunden mit der Anziehungskraft die dieser Staat auf die Ghasis, die K�mpfer des Heiligen Krieges (Jihad), aus�bte, die sich den Osmanen anschlossen, weil diese die f�hrende Rolle im Kampf gegen das christliche Byzantinische Reich im Westen �bernahmen. Osmans Eroberungen wurden durch seinen Sohn Orhan fortgesetzt, der 1326 die Provinzhauptstadt Bursa einnahm und es zur neuen Hauptstadt machte. Traditionell war es die Politik der Osmanen, das Reich mit milit�rischer Gewalt nur auf das Gebiet christlicher Staaten im Westen auszudehnen, jedoch nicht mit Gewalt gegen die turkmenischen F�rstent�mer vorzugehen. Der friedliche Erwerb von in turkmenischem Besitz befindlichen Landes durch Kauf, Heirat oder Stiftung von Unfrieden unter den herrschenden Dynastien wurde dagegen als Mittel zur Expansion des Reiches akzeptiert. Auf diese Weise konnten die Osmanen gro�e Gebiete im Westen Anatoliens ihrem Reich angliedern.

1354 eroberten sie Ankara im Zentrum Anatoliens. Im selben Jahr besetzten die Osmanen Gallipoli (Gelibolu) auf der europ�ischen Seite der Dardanellen, welches den Ausgangspunkt f�r ihren anschlie�enden Vorsto� nach S�dosteuropa bildete. 1361 nahmen sie Adrianopel (Edirne) ein, das zur neuen Hauptstadt wurde. 1389 besiegte Murad I. die Serben in der Schlacht auf dem Amselfeld, die Osmanen nahmen Thrakien, Makedonien und einen gro�en Teil von Bulgarien und Serbien ein.

Die Niederlage gegen den Mongolenf�rsten Timur-i L�ng (1402) erwies sich nur als vor�bergehender R�ckschlag f�r die Osmanen, die ihr Reich umgehend wieder aufbauten, festigten und ausdehnten. 1453 eroberte Sultan Muhammad II. Konstantinopel (Istanbul) und machte es zur dritten Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Die Welle der Eroberungen setzte sich w�hrend des ganzen 16. Jahrhunderts fort. Unter Sultan Selim I. (dem Strengen) wurden die Safawiden aus dem Iran besiegt (1514), das Reich wurde zudem um Ostanatolien erweitert. 1516 und 1517 wurden die Mamelucken in Syrien und �gypten geschlagen und ihre Gebiete annektiert. Neben den Besitzt�mern der Mamelucken eigneten sich die Osmanen auch die heiligen St�tten in Arabien an. Die Mamelucken mussten ihren Anspruch auf das Rote Meer und den Indischen Ozean abtreten. Selims Sohn und Nachfolger S�leiman II., der Gro�e, (auch der Pr�chtige) wird als der m�chtigste aller osmanischen Herrscher angesehen. W�hrend seiner Herrschaft wurde der Irak (1534) dem Reich eingegliedert, und die Kontrolle �ber den �stlichen Mittelmeerraum wurde gefestigt. Durch die Annektion von Algier und �berf�lle von Piraten der osmanischen Barbareskenstaaten drangen die Osmanen bis in den westlichen Mittelmeerraum vor. S�leiman f�hrte osmanische Truppen weit nach Europa hinein: Belgrad wurde 1521 erobert, die Ungarn in der Schlacht bei Moh�cs (1526) geschlagen. 1529 blieb die Belagerung Wiens durch S�leiman erfolglos.

Staats- und Gesellschaftsstruktur des Osmanischen Reiches

Mit den Eroberungen von S�leiman II., dem Pr�chtigen, erreichte das Osmanische Reich seinen H�hepunkt. Er lie� die Regelung des Sozialwesens, der Verwaltung und der Regierung, die sich seit dem 14. Jahrhundert immer weiter entwickelt hatten, kodifizieren und schuf so die Grundlage f�r das bis zum Ende des Reiches geltende osmanische Recht. Aus diesen Gesetzessammlungen geht hervor, dass die Gesellschaft in eine f�hrende osmanische Oberschicht und in eine Klasse von Untertanen (Rajahs), die �beh�tete Herde" des Sultans, gegliedert war.

Das grundlegende Recht des Herrschers bestand darin, �ber die Reicht�mer des Landes zu bestimmen. Der Sultan verteilte sie auf administrative und wirtschaftliche Einheiten und �bertrug deren Verwaltung seinen Vertretern, die ebenfalls das Recht zum Einzug der anfallenden Steuern hatten. Diese Beamten wurden als �Sklaven" des Sultans betrachtet; da jedoch Sklaven in der Gesellschaft Vorderasiens den sozialen Status ihrer Herren erwarben, stiegen sie zur eigentlichen Herrscherschicht in der osmanischen Gesellschaft auf. Ihre Macht war begrenzt auf Funktionen, die mit der Verwaltung der Reicht�mer des Reiches sowie mit der Ausweitung und Verteidigung der sozialen Stellung, die dies erm�glichte, zu tun hatten.

Um diese Funktionen wahrnehmen zu k�nnen, wurde die Oberschicht in vier grundlegende �Institutionen" oder Fraktionen unterteilt: Die imperiale Fraktion, verantwortlich f�r den so genannten Innen- oder Palastdienst, k�mmerte sich um den Haushalt des Sultans, w�hrend der �Au�endienst", die Ministerien, die einem Gro�wesir als regierendem Stellvertreter des Sultans unterstanden, die Staatsgesch�fte leitete.

Die wichtigste Institution des osmanischen Staates war die Armee. Die ersten Truppen der Osmanen bestanden aus der t�rkischen Kavallerie (spahis). Je mehr Land erobert wurde, desto umfangreicher war der Sold, den die t�rkisch-muslimischen Glaubenskrieger bekamen. Die leicht bewaffneten Reiter reichten jedoch f�r eine effektive Kriegsf�hrung nicht aus. Ab Mitte des 14. Jahrhunderts begannen die Osmanen, S�ldnertruppen (aus z. B. Sklaven und Kriegsgefangenen) zu rekrutieren. Ab dem 15. Jahrhundert wurden christliche Jugendliche (devshirme) aus dem Balkan eingezogen. Aus diesen Truppen (Kapikulli) gingen die Janitscharen hervor. Diese trugen wesentlich zu den milit�rischen Erfolgen der Osmanen seit dem Ende des 15. Jahrhunderts bei.

Der osmanische Verwaltungsapparat war auf die Bed�rfnisse der Truppen zugeschnitten. Die Provinzen bestanden aus Milit�rbezirken. Hauptaufgabe der Beamten war es, die Timariots (zum Kriegsdienst Verpflichtete) f�r die Feldz�ge einzuberufen. Ein Aufgabenschwerpunkt der Zentralverwaltung lag darin, f�r die finanziellen Mittel und die Verpflegung der Kapikulli zu sorgen. Stra�en und Br�cken wurden f�r die Truppenbewegungen gebaut.

Die religi�s-kulturelle Fraktion vergab unter den muslimischen Untertanen des Sultans religi�se F�hrungs�mter und trug die Verantwortung f�r das Bildungs- und Rechtswesen. Muslimischen Beauftragten oblag die Rechtspflege. Wichtige Positionen wurden dabei von den Kadis besetzt, denen die Kommunalverwaltung und das Strafrecht unterstand. Die Verwaltung bediente sich der t�rkischen Sprache, die in arabischer Schrift geschrieben wurde.

Die herrschende Klasse bestand aus zwei rivalisierenden Gruppen: (1) muslimische Turkmenen, Araber und Iraner, die im 14. und 15. Jahrhundert zusammen die t�rkische Oberschicht des Osmanischen Reiches stellten, und (2) christliche Kriegsgefangene und Sklaven, die angeworben, zum Islam bekehrt und nach dem ber�hmten Dewschirme-System (Knabenlese) ausgebildet wurden. Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts �bernahm letztere Gruppe die F�hrungsrolle und beherrschte die ehemalige Oberschicht.

Die Bev�lkerung des Osmanischen Reiches war hinsichtlich Sprache, Kultur und Religion heterogen. Die Mehrheit der Bev�lkerung in den europ�ischen Provinzen stellten Christen der orthodoxen Kirche. In Thrakien, Makedonien, Bulgarien, Bosnien und Albanien verbreitete sich allerdings der Islam. In den asiatischen Provinzen bildeten Muslime die Mehrheit der Bev�lkerung, viele von ihnen waren Anh�nger des Sufismus. Der Staat lie� den Religionsgemeinschaften bei der Regelung ihrer Angelegenheiten freie Hand. Die Bev�lkerung war in Religionsgemeinschaften (Millets) sowie in wirtschaftlichen und sozialen Gilden und Z�nften organisiert. Die j�dischen, griechisch-orthodoxen, armenischen, gregorianischen und muslimischen Millets sowie die sp�ter hinzukommenden r�misch-katholischen, protestantischen und bulgarisch-orthodoxen Millets erhielten eine gewisse religi�se und kulturelle Autonomie zugebilligt. Das Gros bildeten die b�uerliche Landbev�lkerung, etwa 15 Prozent waren Stadtbewohner. Au�erdem standen viele Nomaden und Halbnomaden unter osmanischer Herrschaft.

Die ersten drei Jahrhunderte des Osmanischen Reiches waren eine Zeit des Wohlstands, der sich in der Entfaltung einer reichen Kultur widerspiegelte: in der t�rkischen Musik und Literatur (Geschichte, Geographie und Poesie), in der Malerei und vor allem in der Architektur, deren hohe Kunst sich vielleicht am besten in der von Sinan erbauten S�leiman-Moschee (Istanbul) bewundern l�sst.

Niedergang

Der Niedergang des Osmanischen Reiches setzte gegen Ende der Regierungszeit von S�leiman II. ein und dauerte bis zum Ende des 1. Weltkrieges an. Von offizieller Seite wurde auf den Verfall des Reiches mit zwei unterschiedlichen Vorgehensweisen reagiert. In der Zeit der traditionellen Reform (1566-1807) gingen die Bestrebungen in Richtung einer Wiederherstellung der alten Institutionen, w�hrend in der Zeit der modernen Reform (1807-1918) die alten Institutionen aufgegeben und neue, aus dem Westen kommende Vorbilder �bernommen wurden.

Reformen und Verluste

Erst als das Reich, von dem ihre Privilegien und ihr Reichtum abhingen, von au�en bedroht wurde, akzeptierte die f�hrende Schicht die Reformen. 1623 eroberte Schah Abbas I. von Persien Bagdad und den Osten des Irak und sch�rte eine Reihe turkmenischer Revolten in Ostanatolien. Als Antwort darauf etablierte Sultan Murad IV. erneut die alten Herrschaftsstrukturen und erh�hte damit die Effizienz der herrschenden Klasse und der Armee. Diese so genannten traditionellen Reformen wurden mit der Hinrichtung von Tausenden von Personen, die des Versto�es gegen islamische Gesetze und Traditionen schuldig befunden wurden, eingeleitet.

In der Folge gelang es, die Perser aus dem Irak zu vertreiben und den Kaukasus zu erobern (1638). Unter Murads Nachfolger setzte jedoch der Niedergang der Zentralautorit�t wieder ein. Der T�rkisch-Venezianische Krieg, der im Seeangriff Venedigs in den Dardanellen seinen H�hepunkt erreichte, f�hrte zum Aufstieg der K�pr�l�-Dynastie von Gro�wesiren, die ein weiteres Mal mit den von Murad VI. angewendeten Methoden dem Reichsverfall Einhalt zu gebieten und die ehemalige Macht des Osmanischen Reiches wieder herzustellen versuchten. 1683 unternahm der letzte Gro�wesir der K�pr�l�, Kara Mustafa Pascha, einen erneuten Versuch, Wien zu erobern. Nach einer kurzen Belagerung fiel die osmanische Armee jedoch g�nzlich auseinander. Diese Tatsache erm�glichte es einer neuen Europ�ischen Heiligen Liga, Teile des Reiches zu erobern. Nach den Friedensvertr�gen von Karlowitz (1699) mussten Ungarn und Transsilvanien an �sterreich, Dalmatien, der Peloponnes und wichtige �g�ische Inseln an Venedig, Podolien und der S�den der Ukraine an Polen sowie Asow und die Gebiete n�rdlich des Schwarzen Meeres an Russland abgetreten werden.

Landgewinne und weitere Verluste

Selbst in dieser Phase wies das Osmanische Reich jedoch noch genug innere St�rke auf, schlimme Missst�nde zu beseitigen und durch die �bernahme moderner europ�ischer Waffen und Taktiken sogar verlorene Gebiete zur�ckzugewinnen. 1711 zerschlugen die Osmanen einen Angriff des russischen Zaren Peter I., des Gro�en, und zwangen ihn zur R�ckgabe der in Karlowitz verlorenen Gebiete; im Krieg mit Venedig und �sterreich (1714-1717) verloren sie dagegen Belgrad und Nordserbien. Dies f�hrte zu einer neuen Zeit der Reformen, genannt Tulpenzeit (1715-1730), w�hrend der die osmanische Armee umorganisiert und modernisiert wurde, mit dem Ziel, das Reich vor weiteren Gebietsverlusten zu bewahren. Mahmud I. (1730-1754) setzte w�hrend seiner Regierungszeit diese Bem�hungen fort und beauftragte den franz�sischen Artillerieoffizier Claude de Bonneval, genannt Humbaraci Ahmed Pascha, ein neues Artilleriekorps nach europ�ischem Muster aufzustellen. Damit waren die Osmanen im Krieg gegen Russland und �sterreich (1736-1739) in der Lage, den Gro�teil der verlorenen Gebiete in Nordserbien und an der Nordk�ste des Schwarzen Meeres zur�ckzuerobern. Anschlie�end folgte eine Zeit des Friedens zwischen dem Osmanischen Reich und Europa, die in erster Linie darauf zur�ckzuf�hren ist, dass die europ�ischen Staaten in andere Kriege verwickelt waren. Diese Unterbrechung lie� jedoch einmal mehr die herrschende Klasse glauben, dass die Gefahr gebannt sei, und der Reichsverfall setzte schnell wieder ein. In zwei verheerenden Kriegen zwischen 1768 und 1792 (siehe Russisch-T�rkischeKriege) zerfiel die osmanische Armee. Bis zum Frieden von Jassy (1792) hatten die Osmanen ihre Gebiete n�rdlich der Donau verloren und sich von der Krim und den Gebieten �stlich vom Dnjestr bis Russland zur�ckgezogen. In den anderen europ�ischen Gebieten, in Asien und Afrika waren Herrscher an der Macht, auf die die Zentralregierung nur wenig Einfluss hatte.

Europ�ische Interessen

Durch wirtschaftliche, finanzielle, politische und diplomatische Probleme wurden die Tansimatsreformen jedoch schon bald untergraben. Die seit kurzem industrialisierten europ�ischen Staaten ben�tigten das Osmanische Reich als Lieferanten billiger Rohstoffe und als Absatzmarkt f�r ihre Fertigprodukte. Durch die Kapitulationen � Vertr�ge, in denen die Sultane Europ�ern seit dem 16. Jahrhundert gestatteten, im Osmanischen Reich nach ihren eigenen Gesetzen und unter ihren eigenen Konsuln zu leben � konnten die Europ�er die Osmanen daran hindern, Importe aus dem Ausland zu begrenzen und verhinderten so einen wirksamen Schutz der erst im Entstehen begriffenen Industrie. Da die Osmanen weitgehend von Kapital und technischem Wissen ausl�ndischer Unternehmen abhingen, waren sie gezwungen in den letzten Jahren des Tansimats so hohe Anleihen bei europ�ischen Banken zu t�tigen, dass �ber die H�lfte des gesamten Staatseinkommens von den Zinsen verschlungen wurde. Dar�ber hinaus stieg in der Bev�lkerung der Unmut �ber die neue moderne Verwaltung.

Eine Gruppe liberal gesinnter Intellektueller mit konstitutionellen Zielen, bekannt unter dem Namen Jungt�rken, begann damals, eine Begrenzung der Macht der herrschenden Klasse und der Beamten sowie die Einrichtung eines Parlaments zur Vertretung der Rechte des Volkes zu fordern. Da die Jungt�rken von den F�hrern des Tansimats politisch verfolgt wurden, flohen sie ins Ausland, wo sie ihre Forderungen in B�chern und Flugbl�ttern ver�ffentlichten. Diese gelangten �ber die ausl�ndischen Post�mter, die unter dem Schutz der Kapitulationsurkunden standen und somit osmanischer Kontrolle entzogen waren, ins Osmanische Reich. Zur gleichen Zeit entstand in den seit kurzem unabh�ngigen Balkanstaaten eine starke Widerstandsbewegung, die sich die Kontrolle �ber das Gebiet Makedonien, dessen Bev�lkerung zu nahezu gleichen Teilen aus Muslimen und Christen bestand, zum Ziel gesetzt hatte. In Griechenland, Serbien und Bulgarien entstanden Unabh�ngigkeitsbewegungen, die ihren Forderungen durch Terroranschl�ge Nachdruck verliehen und eine gro�e Herausforderung f�r den osmanischen Staat darstellten.

Staatsstreich und Verfassung

Zu diesem Zeitpunkt f�hrten eine neue internationale Krise, ein drohender Krieg mit Russland und �sterreich und die konstitutionellen Bestrebungen einer Gruppe von Reformern zum Sturz des Sultans Abd �l-Asis. Nach der kurzen Regierungszeit von Murad V. bestieg Sultan Abd �l-Hamid II. den Thron. Er erlie� eine Verfassung und willigte in die Bildung eines repr�sentativen Parlaments ein, das 1877 zu seiner ersten Sitzung zusammentrat, aber bald darauf wegen des Krieges mit Russland wieder aufgel�st wurde. Auf dem Berliner Kongress (1878) trug Abd �l-Hamid in Zusammenarbeit mit Gro�britannien zu einer L�sung der internationalen Krise bei. Unter dem Eindruck der fortdauernden Bedrohung durch die europ�ischen M�chte l�ste Abd �l-Hamid jedoch das Parlament auf und setzte eine autokratische Regierung (1878) ein. Den Beamten wurden die Regierungsvollmachten entzogen, die Macht im Palast konzentriert, jegliche Opposition wurde unterdr�ckt. Abd �l-Hamid gelang es, finanzielle Stabilit�t herzustellen und die Wirtschaft anzukurbeln, aber die politische Unterdr�ckung rief schlie�lich die liberale Widerstandsbewegung der Jungt�rken auf den Plan. Diese setzte die Wiedereinf�hrung von Verfassung und Parlament in einem als Jungt�rkische Revolution (1908) bezeichneten Aufstand durch. Der Erfolg des neuen konstitutionellen Regimes wurde jedoch sehr schnell von einer Reihe politischer Ereignisse geschm�lert. �sterreich annektierte Bosnien und die Herzogewina, Bulgarien gliederte Ostrumelien ein, und in Makedonien und Ostanatolien kam es erneut zu gewaltsamen Terrorakten.

Abd �l-Hamid und seine Anh�nger im Palast lasteten diese Probleme dem neuen Regime an und unternahmen im April 1909 eine Konterrevolution (Gegenrevolution). Das Parlament wurde aufgel�st und viele der Abgeordneten verhaftet. Aber die von den Jungt�rken angef�hrte Armee in Makedonien marschierte auf Istanbul, schlug die Konterrevolution nieder und setzte den Sultan ab. Die nachfolgenden osmanischen Herrscher sa�en zwar auf dem Sultansthron, hatten jedoch keine Regierungsgewalt mehr.

Die Zeit unter den Jungt�rken

Die Jahre zu Beginn der �ra der Jungt�rken (1908-1918) waren die demokratischste Zeit in der Geschichte des Osmanischen Reiches. Verfassung und Parlament wurden wieder eingesetzt und politische Parteien zugelassen. Die st�rkste Partei war die von den Jungt�rken gegr�ndete Partei f�r Einheit und Fortschritt; daneben entwickelte sich jedoch noch eine Vielzahl anderer Parteien.

Die Reformen der Jungt�rken, die alle Lebensbereiche erfassten, erreichten ihren H�hepunkt in der Trennung von Kirche und Staat im Bildungs- und Rechtswesen sowie in der Einf�hrung der Frauenrechte w�hrend des 1. Weltkrieges. Der moderne Staatsapparat aus der Tansimat-Zeit wurde auf eine demokratische Basis gestellt, Industrie und Landwirtschaft wurden gef�rdert und moderne Methoden zur F�hrung des Staatshaushalts eingef�hrt. Der erste Balkankrieg f�hrte jedoch zu einer Revolte innerhalb des Ausschusses f�r Einheit und Fortschritt, worauf ein von Enver Pascha angef�hrtes Triumvirat versuchte, die Regierungsgewalt zu �bernehmen. Es machte sich die Uneinigkeit unter den siegreichen Balkanstaaten zunutze, um Edirne (Adrianopel) im zweiten Balkankrieg zur�ckzugewinnen, was schlie�lich zum Gelingen des Staatsstreiches der Jungt�rken f�hrte.

Der 1. Weltkrieg

Zu Beginn versuchte das Triumvirat, eine Einmischung in den 1. Weltkrieg zu vermeiden. Aber das Angebot Deutschlands, das Reich bei der R�ckeroberung der verlorenen Provinzen zu unterst�tzen und die Beschlagnahmung t�rkischer, in England im Bau befindlicher Kriegsschiffe durch die Briten f�hrten das Osmanische Reich letztendlich zum Kriegseintritt an der Seite der Mittelm�chte im Jahr 1914. Die t�rkischen Streitkr�fte dr�ngten in der Gallipoli-Kampagne ein ganzes Expeditionskorps erfolgreich zur�ck und nahmen es in Kut-al-Imara im Irak gefangen. Der Feldzug auf die Sinai-Halbinsel mit dem Ziel der Eroberung des Suezkanals und �gyptens verlief jedoch erfolglos und endete mit der von den Briten unterst�tzten arabischen Revolte auf der Arabischen Halbinsel. Eine britische Truppe �berfiel mit arabischer Hilfe Syrien von �gypten aus und hatte gegen Kriegsende S�danatolien erreicht. Der Feldzug Enver Paschas in den Kaukasus am Anfang des Krieges endete weniger wegen der Abwehr russischer Truppen als vielmehr auf Grund seiner schlechten Organisation und gleichzeitig ausbrechender Aufst�nde in den Ostprovinzen erfolglos. In der Folge davon konnte Russland in Ost- und Mittelanatolien einfallen (1915-1916), bis diese Eroberungen 1917 durch die Russische Revolution beendet wurden. Die verheerenden Folgen dieser �berf�lle aus dem Ausland wurden durch innere Revolten, Lebensmittelknappheit, Hungersnot und Krankheiten noch verschlimmert. Rund sechs Millionen Menschen aller Religionsgemeinschaften, etwa ein Viertel der Gesamtbev�lkerung des Reiches, starben oder wurden get�tet, und die Wirtschaft des Landes war stark angeschlagen.

Besetzung und Unabh�ngigkeitskrieg

Nach der Kapitulation des Reiches wurde die t�rkische Regierung unter die Aufsicht der alliierten Besatzungsm�chte unter F�hrung der Briten gestellt. Auf der Pariser Friedenskonferenz wurde die Abtretung der Balkanprovinzen und der arabischen Provinzen beschlossen, und die vorwiegend von T�rken bewohnten Gebiete in Ost- und S�danatolien sollten unter ausl�ndische Kontrolle oder die Kontrolle von Minderheitengruppen kommen. Eine gro�e griechische Streitmacht nahm 1922 Izmir ein und �berfiel S�dwestanatolien. Nach Bekanntwerden der Massaker an der t�rkischen Bev�lkerung stellten die Alliierten jedoch ihre Unterst�tzung f�r Griechenland ein.

In der Folge der vorgeschlagenen Friedensregelung und als Antwort auf die Invasion Griechenlands entstand in Anatolien unter F�hrung von Mustafa Kemal Atat�rk die t�rkische nationalistische Bewegung. W�hrend des t�rkischen Unabh�ngigkeitskrieges (1918-1923) widersetzte sich Atat�rk erfolgreich den Bedingungen der Alliierten, verdr�ngte die griechischen sowie die britischen, franz�sischen und italienischen Besatzungsm�chte und setzte eine im Frieden von Lausanne (1923) festgelegte Regelung durch, die der T�rkei die uneingeschr�nkte Kontrolle �ber die t�rkischen Gebiete Ostthrakien und Anatolien sicherte. Nach diesem Erfolg wurde die Republik T�rkei mit der Hauptstadt Ankara ausgerufen, und das Kalifat des Sultans in Istanbul h�rte auf zu existieren (1923).

 

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