Berlin ist eine Reise wert...

Berlin - Zauberwort, Wort der Hoffnung, Wort der Versöhnung von Ost und West. Es ist nicht leicht, über eine Stadt zu schreiben, die wie keine andere Stadt in den letzten fünfzig Jahren ihr Gesicht so verändert und eine so starke symbolische Bedeutung für den Lauf der Geschichte hat, wie Berlin.

Dabei sind die Daten so einfach: 889,1 Quadratkilometer in der Ausdehnung: 38 km in nordsüdlicher Richtung, 45 km in ostwestlicher Richtung. Zum Verständnis: fast das ganze Ruhrgebiet fände Platz.

Über Berlin zu schreiben, das heißt darzustellen, wie diese Stadt gestern war, wie sie heute ist und morgen sein wird. Emotionslos geht es nicht. Ich bin nicht einmal sicher, ob dies objektiv möglich ist. Eine Aneinanderreihung von Daten bringt objektivität. aber das würde dem Charakter der Stadt nur unzureichend gerecht. Vieles bliebe ungesagt.

Über Berlin zu schreiben, heißt auch zu fragen: über welches Berlin? Über den Aufbau des Ostteils, wo lichtlose Massenquatiere in typischer Plattenbauweise neben verfallenem gotisch-klassizistischem Prunk stehen. Oder sollte als Renommee nicht eher der gepflegte Charme der frühen zwanziger Jahre und der Neureichtum des Wirtschaftswunders in Stadtteilen wie Spandau, Dahlem und Charlottenburg beschrieben werden? Vielleicht ist es besser, die Stadt über ihre bekannten Straßenzüge und Verkehrsknotenpunkte zu beschreiben: Kurfürstendamm, Bahnhof Zoo, Unter den Linden, Tiergarten, Straße des 17. Juni, Alexanderplatz, Hackescher Markt, Oranienburger Tor und, und, und ...

Nein, so geht es auch nicht. Wo blieben dann die unbekannten, aber nicht weniger interessanten Straßen, in denen mensch vielleicht sein ganz persönliches Lieblings-Cafe oder seine „Kneipe“ entdeckt, wie z.B. das Literaturcafehaus Wintergarten in der Fasanenstraße, Bar Central in Kreuzberg, EinStein in der Kurfürstenstraße?

Mensch könnte natürlich die Stadt auch über ihre Kurdenkmäler erschließen. Berlin besitzt weit über 40 Museen und unzählige Sehenswürdigkeiten, ganz zu schweigen von den bekannten Theaterbauten, wie Friedrichstadtpalast, Philharmonie, Waldbühne, Schaubühne, Deutsche Oper, Berliner Ensemble(in dem die Dreigroschenoper uraufgeführt wurde).

Auch diese Liste ließe sich endlos fortsetzen. Zu allen Zeiten war Berlin weltoffen für Kultur, Musik und Tanz. Selbst im absolutistischen Preußen herrschte in dieser Stadt ein liberalerer Geist als in den meisten anderen Kurfürstentümern.

Und wenn von Berlin als Kulturstadt die Rede ist, dann denkt mensch unverzüglich an die zwanziger Jahre, als Berlin für Europa kulturell eine zentrale Bedeutung hatte. Heute, nach der Wiedervereinigung, genießt Berlin wiederum einen unübertroffenen Ruf in der Kulturszene. Und ist zum Anziehungspunkt vieler schriller und schillernder Persönlichkeiten geworden.

Den meisten Berlinreisenden mag es kaum bewußt werden, daß diese Stadt erst zur Millionenstadt nach der Eingemeindungsaktion von 1920 wurde. Auch heute noch läßt sich der Charakter des Zusammengewürfeltseins ablesen an den einzelnen Stadtbezirken, die über eigene Rathäuser und einen je eigenen Charme verfügen. Ein sicherlich einmaliges Erlebnis, Berlin kennenzulernen ist, sich dieser Stadt über die Menschen zu nähern, die in den unterschiedlichen Kiezen leben und ihre Eigenständigkeiten pflegen.

Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob mensch in Kreuzberg, Spandau oder Köpenick wohnt - mal ganz abgesehen von den sozialen Abstufungen, die mit bestimmten Wohngebieten zum Ausdruck kommen. Die Eigenart, mit der Berliner an ihrem „Kiez“ hängen, mag Ausdruck der Suche nach Geborgenheit und Wärme sein, die sie in der Anonymität der Großstadt nicht finden. Sicherlich ist es aber immer auch Ausdruck von einem Heimatgefühl, daß die geteilte Stadt - auf Grund ihrer Sonderstellung - vermissen ließ.

Unzweifelhaft besitzt diese Stadt einen besonderen Reiz, der unterstrichen wird durch die Vielfalt aufeinanderprallender Gegensätze, die jedeR Berlinreisende für sich selbst entdecken muß.

Es gibt schönere Städte: Wien, Paris, Heidelberg, vielleicht auch Budapest. Sicherlich gibt es auch historisch bedeutsamere Orte wie Rom, Jerusalem oder Istanbul. Auch größere Metropolen, wie New York, Moskau oder Rio. Aber kaum eine andere Stadt hat politisch eine so brisante Rolle gespielt wie Berlin.

Knapp sechs Jahre sind nach dem Fall der Berliner Mauer vergangen. In keiner anderen Stadt haben sich die konkurrierenden Machtansprüche gesellschaftlicher Systeme so widergespiegelt wie in Berlin. Mit wenigen Schritten wechselte mensch von einem Gesellschaftssystem ins andere. Freie Marktwirtschaft und Demokratie (Na ja...,d.s.) im Westen, Planwirtschaft und kommunistischer Sozialismus im Osten.

Heute erleben wir Berlin als historischen Ort für die Integration in Europa.

Das Zusammenwachsen verschiedener politischer Systeme prägt die europäische Idee. Berlin ist und bleibt auf Jahre hinaus eine spannende Stadt. Eine Stadt, in der Politik hautnah erlebt wird. Und dies nicht nur am runden Tisch, sondern in jeder verwinkelten Gasse, in jedem kiez und im kleinsten Winkel. Hier finden Aufbruch, Erneuerung, Begegnung, aber auch Enttäuschung, Verlust und Trauer statt.

Die Menschen, die in dieser Stadt leben, fügen sich langsamer zusammen, als die Verwaltungen, die Bahnen, die Telefone und Feuerwehren . Nach dem langersehnten Fall der Mauer am 9.November 1989 wuchs auch die Enttäuschung über die verlorenen Träume. Die Lebensräume lassen sich nicht so leicht wie Papiere zusammenfügen. Es werden Narben bleiben. Die Wiedervereinigung - mittlerweile wird sie nicht mehr nur euphorisch gesehen - hat für den einzelnen nicht nur Vorteile gebracht. Es braucht Zeit, dies zu verstehen. Von der Mauer sind nur wenige Reste geblieben, sie muten an wie Reliquien längst vergangener Zeiten.

Berlins Gesicht aber hat gewonnen an Landschaft und Kultur. Alle bislang gefundenen Nachteile, die geographische Lage, die politische Sonderstellung und die kulturelle Trennung, machen nun die Vorteile dieser Stadt aus. Berlin stellt sich der Zukunft optimistisch. Die Stadt ist zu einer Herausforderung geworden für Politiker, Journalisten, Künstler, Finanziers und die Berliner selbst. Alles ist im Wandel. Was heute gilt, kann morgen überholt sein. Berlin ist die Stadt voller Überraschungen und Lebendigkeit. Stadtviertel verlieren ihre langjährige Identität und definieren sich neu. Die alternativen Stadtteile wie Kreuzberg und Prenzlauer Berg werden gesellschaftsfähig, da sich ihre Lage im vereinten Berlin geändert hat. Es sind keine Randgebiete mehr.

Berlin ist mehr als eine Reise wert. Es gibt zu viel zu erkunden.

Monika Ebbers
aus Betreff - Magazin für junge Leute (6.Dez.1996)

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