INTERVIEW MIT DEN E.NEUBAUTEN
------------------------------------------------------------------------ Zitty Titelstorie - Ausgabe vom 1.8. - 14.8.

Auferstanden aus Ruinen Ende neu, alles neu die Einstürzenden Neubauten haben sich gesundgeschrumpft

Vor zwei Jahren hatten sich die Einstürzenden Neubauten faktisch aufgelöst. Doch nun veröffentlicht die Band, die wie keine zweite den Stil und die musikalische Stimmung der Frontstadt Berlin um die Welt getragen hat, ein neues Album namens "Ende neu". Wie haben es Blixa Bargeld und seine lärmenden Mitstreiter geschafft, ihr Schiff wieder auf Kurs zu bringen?

Erstens: Mit Marc Chung und FM Einheit haben zwei Gründungsmitglieder die Band verlassen.
Zweitens: Stattdessen kam Meret Becker für ein betörendes Duett an Bord, das den Neubauten eine neue musikalische Richtung weist. Woher weht der Wind, wohin geht die Reise? Mit Blixa Bargeld und Meret Becker unterhielt sich Stefan Meyer.

Teil II: Blixas Trümmerfrau: Meret Becker über ihre Zusammenarbeit mit den Einstürzenden Neubauten.

Es ist viel Zeit vergangen, seit 1993 mit Tabula Rasa das letzte Album der Ein stürzenden Neubauten er schien. Etliches ist in der Stadt passiert, und man hätte die Neubauten fast vergessen kön nen. Natürlich wirken Achtziger-Stilsymbole wie die zuckenden Fleischteile, die in Einkaufswagen unter Autobahnbrücken bluteten, wie toupierte Haare, Kajalkrater und spitze Stuhe ziemlich altmodisch, wenn sie mit gemorphten Inter faces, gechatteten Flirts und fluo reszierender Schminke kon kurrieren müssen, und Wenders' Ikonographie vom Himmel über Berlin wurde längst durch die Märchenbilder von der Love Pa rade vor der Siegessäule ersetzt.

Aber die Einstürzenden Neu bauten sind noch längst nicht passé. Auch nach 16 Jahren legi timieren die von genialen Dilet tanten zu glamourösen Dandys gereiften Trümmerrocker ihre Existenz damit, daß sie sich auf einzigartige Weise an der Realität abarbeiten und den Mut zu klaren Statements haben. Existentialismus statt Ecstasy: Es gibt immer noch Menschen, denen zehn Worte von Blixa Bargeld mehr bedeuten als zehn durchgescratchte Nächte.

Dank Blixa und seiner Bande lebt der alte subkulturelle Fieber traum weiter. Doch wer denkt, daß seine Protagonisten sich im Laufe der Jahrzehnte nicht verändert hätten, der irrt. Auch Blixa, dessen Antlitz unmittelbar mit der Musikstadt Berlin der Achtziger Jahre verbunden war, ist ein anderer geworden, und die Zeiten, als er noch Samstag nacht im Risiko bediente, sind nun endgültig Lichtjahre ent fernt.

Bargeld hat sich äußerlich verändert, die überlebten Nächte der Bohème per minute haben Spuren hinterlassen. Er trägt jetzt längere, ins Gesicht gekämmte Haare und genau wie Udo Lindenberg einen Hut, außerdem fein abgestimmte Kleidung in Blau und Schwarz - nicht nur in der Literatur- und Kunstge schichte seit eh und je das Outfit hoffnungsloser Melancholiker und schwerblütiger Romantiker. Aus dem letzten dionysischen Biest am Himmel wurde ein lässiger Beau der Hyperebene, der sich bis zur arroganten Unerträglichkeit in Szene zu setzen weiß und zum Beispiel den Promotionrummel seiner Plattenfirma mit "Aktionen von denen da, denn die haben das so gewollt" tituliert. Journalisten bezeichnet er mit Vorliebe als "nutzlosen Atavismus der Evolution".

"Guten Tag, mein Name ist Bargeld" sagt der 36jährige Christian Emmerich nach einer Wartezeit von 47 Minuten und man ahnt, daß hier eine der letzten großen Diven der Stadt vor einem steht - auch wenn Blixa nicht mehr so abge mar tert wie zu seiner "Faust-"Zeit aussieht und nach Auskunft eines Fans am Nebentisch "jetzt ganz stämmig geworden, ganz gut im Futter" ist. Er ist nach denklicher, verwundbarer und daher in der Sprache noch genauer als früher. Außerdem erscheint er nervöser denn je, wohl auch deswegen, weil die Existenz der Neubauten an einem seidenen Faden hing. Das könnte man natürlich leicht vertuschen, doch Bargeld wäre nicht Bargeld, wenn er nicht wie gewohnt Tacheles reden würde.

Sichtbarstes Zeichen der neuen Neubauten ist die für einen Gastauftritt an Bord geholte Meret Becker. Nicht ohne Grund veröffentlichten Bargeld/ Becker als Duo Atonale zuerst die betörende Single "Stella Maris", die klarmacht, daß ein Lie bes poem von einem Mensch zu einem anderen immer noch mehr Sinn machen und mehr berühren kann als abstrakte Formulierungen und frei flot tie remde Coolheits-Insignien. Doch freies Assoziieren ist bei allen Stücken von Ende neu erlaubt, denn so vielfältig und jegliche Kategoriserungsversuche von Fin de siècle-Trash über Liebeslied, Techno-Marsch, Garten sym pho nien, Fraktal-Ambient oder revolutinären Rock ad absurdum führend wie hier kamen die Neubauten selten daher - auch wenn schon lange nichts mehr einstürzt.


"Draussen das Fest erreicht den Höhepunkt. Wir graben den Schacht von Babel." Blixa Bargeld auf der CD "Ende neu", 1996


Herr Bargeld, das aktuelle Album trägt den Titel Ende neu. Womit ist Ende und was ist neu?

Ende ist zunächst einmal mit den alten Neubauten in der Urbesetzung, denn die gibt es so ja nicht mehr. Aus künstlerischen Gründen haben FM Einheit und Marc Chung die Band verlassen, obwohl sie noch streckenweise auf der neuen Platte zu hören sind. Sie gehören nicht mehr dazu.

Viele alte Fans werden jetzt, traditionsbewußt wie sie sind, fragen, wie man da noch unter dem alten Namen Einstürzende Neubauten weitermachen kann. Ist das nicht Etikettenschwindel?

Obwohl ich das nicht so hart ausdrücken würde, habe ich mir die Frage natürlich auch gestellt. Und daher waren die Einstürzenden Neubauten 1994, als es uns darum ging, einen Nachfolger für Tabula Rasa zu produzieren und wir in einer extremen künstlerischen Krise waren, ja auch aufgelöst. Es war aus, aus, aus. Zwar fanden noch einige Sessions in der Akademie der Künste in Ost-Berlin und einem Theater in Potsdam statt, aber ehrlich gesagt gab es die Neubauten da schon schlichtweg nicht mehr. Im Grunde muß ich ja auch nicht mehr arbeiten und könnte mich eigentlich zur Ruhe setzen, doch das kommt meinem künstlerischen Impetus und der Verantwortung für mein Lebenswerk nicht gleich. Daher sind wir lieber den kathartischen Prozeß der Neuformierung gegangen und machen jetzt mit den neuen Neubauten weiter. Diese Band kann und darf einfach nicht sterben.

Wie waren konkret die Produktionsbedingungen für Ende neu?

So intensiv und schmerzhaft wie nie. Hat wehgetan. Zwischen durch wollten wir auch mal alles hinschmeißen. Die Herangehensweise für Ende neu ist am ehesten mit dem ersten unserer sieben Alben - mit Kollaps - zu vergleichen, so brutuistisch ging es zu. Wie versuchten diesmal wieder, Materialien, Motoren und Maschinen in das Zentrum der Arbeit zu rücken. Im Studio von Jon Caffery in Belgien benutzten wir dann z.B. Aufnahmen aus einem Umspannwerk unter Einsatz eines singenden 70.000 Volt-Kabels, Unruhs Metallteile und Klangskulpturen sowie die Streicher des Brüsseler Symphonieorchesters. All das stand ein wenig unter dem abgewandelten Motto der deutschen Romantiker "In jedem Baum schläft ein Lied", aus dem wir "Das Lied schläft in der Maschine" machten.

Da hätte man es mit Sampling ein wenig einfacher haben können.

Richtig, aber genau das wollten wir nicht, denn durch die moderne Studiotechnik gehen dir Dreidimensionalität genau wie wirkliche soziale Räume für Interaktion verloren. Da sitzen dann die Technikcracks nächtelang im Studio, um an der Tastatur eine Note um ein Sechzehntel zu verschieben. Soll das ein kreativer Pozeß zwischen Menschen sein? Nein, danke. Was die Technik den Musikern gebracht hat, nämlich kreative Entfaltungsmögichkeiten, das nimmt sie ihnen durch den jetzigen Overload auch wieder. Dennoch gibt es mit "NNNAAAMMM" einen recht technoiden Track auf Ende neu.

Der heißt im Original übrigens "New No Age Advanced Ambient Motor Music Machine". Wie bitte?

Ist natürlich nicht todernst gemeint, es geht eh um eine kritische Betrachtung der vielen Schablonen, auf die Musikjournalisten heute nun mal angewiesen sind, um überhaupt noch etwas beschreiben zu können. Im 9/4-Rhythmus legen wir mit diesem Psycho-Mantra offen, welche Eigendynamik Maschinen entwickeln können. Aber das hat auch schon Günter Anders in seinem Buch "Die Antiquiertheit des Menschen" klargemacht. Lustig ist nur, daß wir von diesem Track auch noch eine 32-Minuten-Version nur aus Motoren und Stimmen produzieren werden.

In eine ähnlich repetitive Richtung geht ja auch der Opener "Was ist ist" mit Hackes E-Gitarrenkrach und einem Massenchor, der an Brecht, Eisler, Majakowski oder Ton Steine Scherben erinnert. Motivation?

Das Ende der Utopien akustisch abbilden. Denn wir wissen, daß alle politischen Versprechungen oder Hoffnungen sich als trügerisch erwiesen haben. Utopien können die politische Realität nicht überleben. Wenn man das jedoch in einen Song kleidet, in dem man Gefängnis für Hans Mustermann wegen Fälschung und Verrat, bulimische Verschlankung für den ganzen Staat, Sonnenuntergang für das ganze Abendland oder etwa tagsüber auch die Sterne, mehr Sterne überhaupt fordert, wirkt das umso krasser. Oder um es auf einen Nenner zu bringen: Der Satz "Halt dich an deiner Liebe fest", bedeutet mir mehr als alle "Keine Macht für niemands" dieser Welt.

Dazu paßt ja auch Dein Duett mit Meret Becker.

Klar, obwohl das ja relativ spontan entstanden ist und es natürlich nicht um unsere, sondern um eine unglückliche Liebe quasi zweier Königskinder geht. Vielleicht ist unerfüllte Liebe ja wirklich die Himmelsmacht par excellence. Das könnte auch ein Motto der neuen Neubauten sein.

Wenn Blixa nicht für die Neubauten arbeitet, was tut er dann?

Du meinst, wenn ich nicht für die Neubauten arbeite und nicht bei Nick Cave im Studio oder auf der Bühne spiele, was mache ich dann. Gut, ich führe immer noch ein ziemlich unstetes Leben. Es passiert, daß ich mich spontan in den Zug oder den Flieger setze und einfach in irgendeine Stadt fahre, dort ins Hotel setze, Kunsttheorien lese und am nächsten Tag die Museen besuche. Vor einiger Zeit war ich beispielswiese in Goslar. Interesssant, wie du dort immer noch denunziert wirst. Mit meinem jetzigen Outfit, das ein wenig an jüdische Traditionskleidung erinnert, kamen dort einige Leute auf der Straße nicht so ganz zurecht. Und das im Jahre 1996. Eigentlich eine Schande. Aber das gehört wohl auch immer noch zu Deutschland.

An dem Du als Weitgereister kein gutes Haar lassen kannst?

Das ist schon ambivalenter. Deutschland ist für mich zum Beispiel ein ideales Land zum Abreisen oder Ankommen. Wenn du den durchschnittlichen Lebensstandard mit dem anderer Länder vergleichst, wissen die wenigsten, wie gut es ihnen hier eigentlich geht. Ganz dazu im Widerspruch steht natürlich eine oft miesepetrige kleingeistige Aggressivität, die du oft schon im Taxi am Flughafen mitbekommst. Da heißt es dann oft für mich, jetzt wieder nichts wie weg, denn relaxt und cool sind die Menschen bei uns nun wirklich nicht, oder?

Wie lange soll das noch gehen, hast Du keine Sehnsucht nach einem ruhigen Leben, vielleicht sogar mit Frau und Kind?

Dazu kann und möchte ich hier nichts sagen.

Kennzeichen der neuen Platte ist wie eh und je eine intensive Auseinandersetzung mit Sprache. Du sagtest, daß Du in einer Phase warst, in der Du alles oder etwas anderes hättest machen können. Heißt das, ohne Sprache wären die Neubauten nicht möglich gewesen?

Korrekt. Ich hätte natürlich meine Popularität ohne weiteres ausnutzen können und produzieren können, was ich will, doch ich will nur das beste. Ich denke, daß die Diskursarmut ein Kennzeichen der heutigen Zeit ist, die ich nicht unbedingt gutheißen kann. Ich habe mich bei der aktuellen Arbeit am Album oft in einer Phase befunden, die ich als wachgeträumt bezeichnen würde. Solche bewußt unterbewußten Zustände, aus denen auch Texte entstanden sind, sind wichtig für ein neues Erleben der Wirklichkeit. Daher haben wir das Cover diesen Zwischenzuständen angepaßt und zeigen vorn ein geschlossenes, hinten ein offenes Auge.

Solche Trancezustände ereicht man auch in der Techno-Kultur.

Ich war noch nie im E-Werk und habe auch nur eine Techno-Platte. Das alles interessiert mich irgendwie nicht. Ich würde auch nie öffentlich tanzen gehen.

Angst vor Imageschwund? Unverschämtheit. Es interessiert mich einfach nicht zu tanzen.

Du würdest es auch jetzt hier öffentlich nicht tun?
Ober: Noch Champagner?
Bitte eine neue Flasche.
Ober: Ein neues Tischtuch?
Dieser kleine Fleck ist zu ertragen.
Nein, wenn dann perfekt. Bitte ein neues Tischtuch.
Ober: Ja gern, Herr Bargeld, für Sie als alten Stammgast doch immer.
Zigarre?
Bitte.

(Der Ober wechselt das Tischtuch und reicht Blixa eine Zigarre.)

Tanzt du jetzt trotzdem bitte hier?

Jetzt reicht es aber, nein. Natürlich habe ich keine Angst um mein Image. Wenn ich tanze, dann zuhause. Letzte Nacht habe ich zum Beispiel zu den Beatles-Songs des weißen Albums in privater Runde getanzt. Großartig.

Gigantisch. Wie beurteilst Du die heutige Musikkultur?

Zynisch und aus marxistischer Sicht, was die Verwertungsebene betrifft, bis zum Perfiden getrieben. Ultrabrutal, zum Glück haben wir gute Verträge. Doch auch die haben nicht so ganz ausgereicht. Wir sind zur Zeit in einem krassen Rechtsstreit mit unserer alten Firma Some Bizarre, die unseren ganzen Backkatalog verwaltet. Von denen haben wir jedoch noch nie auch nur einen einzigen Pfennig gesehen. Krass. Natürlich macht der Kapitalismus auch in der Kunst nicht halt. Sieh dir als strukturelle Entwicklung nur einmal die CD-Industrie an. Die Produktion einer CD kostet ungefähr 70 Pfennig. Nur schade, daß der Künstler am Ende normalerweise wenig behält. Außerdem wurde der Künstler in letzter Zeit eh zurechtgeschrumpft. Früher reichte es, Lieder zu schreiben. Heute mußt du, wenn du die Kontrolle behalten willst, alles leisten oder zumindest damit kooperieren: Autor, Komponist, Texter, Regisseur, Videokomponist, Artdesigner, Tourplaner - wo soll das alles enden. Daher interessieren mich die Auswüchse auch nicht besonders, deshalb gucke ich auch nie Videos. Das romantische Ideal des Künstlers funktioniert in dieser Ära oligopoler Geschäftsmargen nicht mehr. Technik ersetzt Dionysos. Das hat Euch aber nicht daran gehindert, einen Bonus-Track für CD-ROM auf Eurer CD zu speichern. Auch wir gehen schließlich etwas mit der Zeit. Dennoch sind mir Raoul Haussmann, Edward Hopper oder Hieronymus Bosch immer noch lieber als VIVA. Vorsätzliche Harmonien bringen gar nichts, erst aus der Zerstörung erwächst etwas, das hat auch schon Benjamin in seinem destruktiven Charakter und mit seinem Motto "Immer radikal, nie konsequent" klar gemacht.

Kann man in Kontakt bleiben, um die Welt zu verändern?

Hier meine Karte: Bargeld Entertainment.

Sagt ja irgendwie alles, oder?

Jetzt aber auf Wiedersehen.

Ende Neu von den Einstürzenden Neubauten erscheint am 19.8. auf Our Choice / RTD.

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