Miss Bracknell selbst war am n�chsten Tag diejenige, die das Taxi in Empfang nahm, welches die Bibliothekarin nach Sudeley Castle brachte. Als Lucy Hillyard aus dem Wagen ausstieg, mu�te die Haush�lterin unweigerlich l�cheln. Nein, es wunderte sie nicht, da� Sir Edward sich auf den ersten Blick in die junge Frau verliebt hatte, als sie vor zwei Wochen zum Vorstellungsgespr�ch bei ihm gewesen war. Sie war bildh�bsch mit den langen rostroten Locken und gro�en graugr�nen Augen, und ihr ganzes Auftreten strahlte Neugier und Wissensdurst aus. Sie hatte zu mindestens der H�lfte der B�cher in Sir Edwards Bibliothek etwas Fundiertes sagen k�nnen, was erstaunlich war, denn der Bestand deckte zahlreiche v�llig unterschiedliche Themengebiete ab. Nein, was Miss Bracknell irritierte war die Tatsache, da� Miss Hillyard Sir Edwards schmachtende Blicke offenbar v�llig entgangen waren. Dabei war ihr Herr mit seinen 38 Jahren im besten Mannesalter, und seine kupferfarbenen Haare und hellgr�nen Augen schienen eine zwingend logische Erg�nzung zu Miss Hillyards �u�erem zu sein. Vor ihrem inneren Auge sah die Haush�lterin schon eine ganze Horde rothaariger und gr�n�ugiger Kinder durch Sudeley Castle tanzen, und sie mu�te sich das Lachen verbei�en, w�hrend sie Miss Hillyard zu ihrem Zimmer f�hrte.

"Kommen Sie gut voran?"
Lucy fuhr entsetzt zusammen, und  das Buch, in dem sie gerade gebl�ttert hatte, fiel mit einem lauten Poltern auf die blankpolierte Platte des riesigen Eichenholztisches. "Um Himmels willen, Miss Bracknell, erschrecken Sie mich doch nicht so!" Ihr Mund verzog sich zu einem fr�hlichen Grinsen. "Ich schenke Ihnen doch noch mal Schuhe mit Gummisohlen, damit ich Sie in Zukunft immer kommen h�re!"
Die Haush�lterin l�chelte am�siert zur�ck. "Und wo bleibt da der Spa�?" frotzelte sie, trat an den Tisch heran und lugte der Bibliothekarin �ber die Schulter. Stolz f�hrte Lucy ihr den Katalog vor, oder zumindest den Teil der Daten, mit denen sie ihr Laptop bereits gef�ttert hatte. "Die B�cher waren zwar ganz okay sortiert, aber nat�rlich nur nach einer von William Dent selbst ausgedachten thematischen Systematik. Ich sortiere sie jetzt korrekt nach der Deweyschen Dezimalklassifikation..." Sie machte eine ausladende Geste in Richtung der Regale. Miss Bracknell erkannte schnell, da� Lucy links oben mit der Neusortierung begonnen hatte, denn dort standen auf ein paar Borden die Werke bereits wieder wie Soldaten in Reih und Glied. Darauf folgten einige leere Regale, deren Inhalt sich auf dem Eichenholztisch um das Laptop herum stapelte. Der Rest des Bestandes war bis auf einige L�cken noch unangetastet. "Ich hab' zwischendrin schon ein paar gefunden, die ich gleich neu zuordnen konnte", erkl�rte Lucy die L�cken. "Tja, und jeder Titel kommt in den Online-Katalog, und wenn Sir Edward in Zukunft ein bestimmmtes Buch sucht, braucht er nur ein paar Tasten zu dr�cken und wei� sofort an welchem Platz es steht!" Miss Bracknell war nicht verborgen geblieben, da� Lucys L�cheln kaum merklich d�nner geworden war, als sie von Sir Edward sprach. Es best�tigte sie nur noch mehr in ihrer Vermutung: Miss Bracknell war sich sicher, da� Lucy die sch�chternen Ann�herungsversuche von Sir Edward durchaus wahrgenommen hatte. Miss Bracknell war sich sogar ziemlich sicher, da� sie ihr gar nicht mal so unangenehm waren. Und trotzdem, und darin konnte sich Miss Bracknell wirklich hundertprozentig sicher sein, denn das sah sie jeden Tag mit eigenen Augen, schien Lucy Sir Edwards Avancen um jeden Preis ignorieren zu wollen.

Im Gegensatz dazu schien Sir Edward Lucy jeden Wunsch von den Augen ablesen zu wollen. Er erkundigte sich mindestens dreimal am Tag, ob sie etwas brauchte, ob ihr Zimmer in Ordnung war, ob das Personal auch zu ihrer Zufriedenheit war. Als er erfuhr da� Lucy einen Bruder hatte, zu dem sie eine sehr enge Bindung unterhielt, hatte Sir Edward gleich eine herzliche Einladung an ihn rausgeschickt. Auf Sudeley Castle stand n�mlich das allj�hrliche Halloweenfest bevor, und wie es der langen Tradition entsprach, w�rden sich Freunde und Bekannte des Hausherrn in verschwenderischen Kost�men aus der Tudorzeit zu Dinner und Tanz auf der Burg einfinden.
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