Nippon News Letter Juli-August 2002

Liebe Leser, Das Abenteuer auf dem Stern der Japonesen geht im atemberaubenden Tempo weiter.

Die Renfras machten noch im Mai ihre erste Bekannschaften: ein deutsch/norwegisches sowie ein deutsch / brasilianisches Pärchen. Dazu kam eine erste Motorradtour. Herr Renfra hatte übers Internet den Tokyo-Riders-Club entdeckt, dessen Gründer gar ein Deutscher ist. So entstand Kontakt zu James, einem Amerikaner mit rumänischer Freundin. Die Tour ging in die Region Chiba an die Küste und zurück quer über eine Halbinsel und durch die Tokyo Bay via der Aqua Line (teils Brücke, teils Tunnel). In der Mitte der Aqua Line, dort wo die Brücke in den Tunnel übergeht, gibt es einen grossen Rastplatz, den Reisebusse anfahren, aus denen japanische Touristen quellen, um ins Restaurant zu eilen (Japonesen eilen wohl immer) und die Aussicht zu geniesen.

Eingekehrt wurde unterwegs bei einem aus California zurückgekehrten Japaner, selber Biker, der sich nun als Erstgebohrener um seinen alternden Vater kümmern muss...

Die Renfra’s konnten ganze Pulks japanischer Biker bewundern. Dies sind meist ältere Herren und sie fahren oft ausländische Motorräder, vorzugsweise Harley und BMW. Das erhöht den Status. Natürlich haben sich die Renfra’s bis zum Treffpunkt mit James (und weiteren Rumänen) gleich 2x verfahren. Die armen kannten ja weder das Strassensystem, noch sagten ihnen die (meist sogar englischen) Richtungsschilder irgendwas. Tokyo ist durchzogen und umgeben von Highways, dessen System man erst einmal raffen muss. Es war ein super Tag, der damit endete, dass die Renfra’s im stürmischen Gewitter unterhalb und im Schutz eines Hoch-Highyways nach Hause düsten, um dann auf den letzten paar Kilometern der Strecke doch noch kräftig nass zu werden.

Im Juni war Reisen angesagt. Herr Renfra flog nach Shanghai und Surabaya, bevor er in Deutschland dann wieder mit seiner Liebsten zusammentraf. Shanghai ist kaum wieder zu erkennen, es verändert sich rasend schnell. Die pragmatischen Chinesen leben den ersten kommunistischen Kapitalismus. Am Ende des Chinabesuchs traf Frank sich mit Roger, einem ehemaligen Arbeits- kollegen von Renate, der inzwischen nach Shanghai versetzt wurde. Daraus wurde dann ein WM-Abend in einem brasilianischem Restaurant: Brasilien gegen China. Es folgte ein Besuch auf Shanghai’s Markt, gefälschte Markenuhren in Hinterhöfen bzw. versteckten Schubläden sowie der Kauf einiger DVD Raubkopien zu 1,50 Euro/Stck. (neue Kinofilme, erstaunlich gute Qualität).

Schock bei Rückkehr und der erste Besuch Koffer und Taschen an allen Extremitäten, die Reste aus Deutschland sowie die Care-Packete, bestückt mit Käse, Brotbackmischungen, Müsli, Weinflaschen, Büchern usw., mitbringend, kamen Renfra’s inkl. ihres ersten Besuchs aus Deutschland (Susanne: es hat Spass gemacht. Du kannst wiederkommen) nach langer Reise Zuhause an, um festzustellen, dass bereits das erste Mal eingebrochen wurde. Terassentür eingeschlagen, alles durchwühlt, Schmuck, CD-Spieler und Digitalkamera mitgehenlassen. Es folgte ein Tränenausbruch (Renates Erbstücke, echt Gold, von ihrer Grosstante waren die Hauptbeute), Besuch der Polizei, Spurensuche, Aussageprotokoll (welches Mangels des üblichen länglich schmalen Stempels per Daumenabdruck unterzeichnet wurde) sowie Abnahme sämtlicher Fingerabdrücke der Renfra’s, um ggf. die der Täter von unseren unterscheiden zu können. Damit ist eine mögliche Karriere der Renfra’s als Diebespärchen in Japan auch gleich verhindert worden. Klar, dass der Hausrat wegen Klärungsproblemen mit der Versicherung noch nicht wieder versichert war...

Sie schlafen tatsächlich

Immer wieder liest man darüber, dass die Japaner (und übrigens auch viele andere Asiaten), bei jeder sich bietenden Gelegenheit ein Nickerchen einlegen. Es stimmt! Da viele lange Anfahrtzeiten zum Arbeitsplatz in Kauf nehmen müssen, oft lange arbeiten, mit Kollegen oder Freunden noch einen trinken gehen und somit eher spät wieder nach Hause kommen, nutzen sie jede Chance, um Schlaf nachzuholen. Der Gajin bestaunt die Fähigheit der Japonesen sich in die Bahn zu quetschen und, sollten sie einen Sitzplatz ergattert haben, binnen weniger Minuten einzuschlafen und dann auch gerade noch pünktlich an der richtigen Haltestelle wieder aufzuwachen und hinauszustürzen. Woher die wissen, dass es der richtige Stop ist, bleibt dem“ Nicht-Japonesen „ verschlossen. Nicht selten fällt dann schon mal der Kopf zur Seite und auf die Schulter des Nachbarn, der entweder auch pennt und es nicht merkt oder es aber verständnisvoll duldet. Er könnte ja selbst einmal ....

Herr Renfra staunte daher auch nicht schlecht als eines Tages im Juli eine junge Dame neben ihm im Stehen schlief. Die Hände fest in den Halteschlaufen (wer hielt hier wen?), der Kopf nach vorne gefallen, schlief die Dame auf japanisch. Durch die Masse der Mitfahrer war sie vor dem Umfallen geschützt und schreckte nur kurz auf, wenn die Bahn etwas abrupt bremste oder sich zu sehr in die Kurve legte.

Der Nackte im Karton

Auf dem Weg nach Hause beobachtet Herr Renfra seit einiger Zeit einen aelteren Obdachlosen, der sich jeden Abend so gegen 19:00 aus Pappkartons seine Schlafbehausung baut. Jedes Mal bastelt er die Pappteile zu einer Zelle mit Dach an der Hauswand eines grossen Gebäudes der NTT (Jap. Telefonkonzern) zusammen. Meist sitzt er in Unterhose, die in die Knie geruscht oder zu einem String geworden ist und betreibt eine Art Körperpflege. Manchmal hat er gar keine Hose mehr an. Kaum einer scheint ihn zu beachten und seine braune, faltige Haut zu sehen. Beschämendes wird, wie auch im Westen, durch Ignoranz aus dem Blickfeld verbannt. Morgens wenn Herr Renfra dann auf dem Weg zum Büro an der selben Stelle wieder vorbeikommt, ist alles aufgeräumt. Die Pappteile sind fein säuberlich gefalltet und, mit einer Schnur zusammengehalten, in dem Grünstreifen gegenüber der Hauswand „versteckt“. Was macht er wohl, wenn sein Baukasten durch den zu dieser Jahreszeit häufig auftretenden Regen nass wird? Herr Renfra würde gerne seine Geschichte hören.

Schamvolle Ignoranz

Herr Renfra nutze die Gelegenheit des monatlichen Meetings, um seinen japonesichen Kollegen von dem Obdachlosen zu erzählen und über eine mögliche Hilfe zu diskutieren. Auch als Ausländer und Chef soziales Verhalten zeigen, dass muss doch gut ankommen. Die Reaktion war eisiges Schweigen und Abwehr: „ why should I help him“. Warum nicht? Es gäbe Organisationen, die solchen Menschen helfen. Kann Hilfe durch uns zusätzlich schaden? Es gäbe Unterkünfte für Nachts, aber manche dieser Leute wollten lieber auf der Strasse im Karton schlafen und nähmen auch gar nichts an. Punkt. Und da fiel mir der Abschnitt meines Lieblingsbuches wieder ein: Schuldgefühle kennen die Söhne Nippons nicht; sie schämen sich stattdessen – aber nur, wenn sie erwischt werden. Ergo: wegschauen und ignorieren ist angesagt. So wie sie die Kriegsgreuel bis heute nicht zugeben und tabuisieren, so kann es auch den Nackten im Karton nicht geben.

Dresscode & Sommermode

Es ist seit Juni feucht und heiss in Tokyo. Renfra’s erleben seit Wochen Tagestemperaturen von über 35 Grad C bei relativ hoher Luftfeuchtigkeit. Körper und Kopf mögen das nicht so. Umso erstaunlicher ist die Sitte der japosesichen Geschäftsleute, trotz dieser Hitze ihr Jacket anzuziehen. Wie halten sie dabei 37 Grad C aus? Der clevere Japaner schleppt es auf dem Arm oder in der Hand alibimässig mit sich herum. Und so sehen sie ganz schön zerknittert aus, die Nipponesen.

Zum Ausgleich trägt man dafür die langen Hemdsärmel heruntergelassen, aber offen. Manchmal auch offen und leicht hochgeschoben. Apart. Die Alternativen „ lang geschlossen“ bzw. „ hochgekrempelt“ habe ich noch nicht entdecken können. Eine besondere japanische Spezilität sind elegante Herren-Halbschuhe, hinten offen zum Reinschlupfen. Der Renner, Leute. Vorne Geschäftsmann, hinten, unter der Anzugshose Hausch- schlappen. Haben sich die Damen und Herren Tokyos dann mal ganz offen fuer Schlappen entschieden, sorgen sie für ein weiteres Phänomen: die Schuhe sind alle etwas zu klein. Die Ferse kommt sozusagen zu kurz.

In den Kaufhäusern kann man auf andere Phänomene stossen. Frau Renfra hat sich beim bummeln ein paar Teile ausgekuckt und wollte sie – zwecks Groessentest, man weiss hier ja nicht so genau ob „L“ auch wirklich „Large“ ist – anprobieren. Nur – das wollte die Dame die vor den Umkleidekabinen aufpasste, dass auch jeder brav vor dem Betreten seine Schuhe auszieht, einfach nicht gestatten. Nur Hosen darf man anprobieren wurde in holprigem Englisch erklärt, Oberteile nicht. Wie man dann aber wissen kann ob es passt? Sehr seltsam ... Bleibt noch die Unisex Hutmode zu erwähnen. Wohl zum Schutz vor ihr, tragen die Kinder der aufgehenden Sonne gerne Hüte. Im Land der Gleichartigkeit (kein Individualismus, bloss nicht auffallen) trägt man vorzugsweise das Model „ umgedrehter Blumentopf“. Unterschied besteht meist nur in der farblichen Verzierung.

Taifunzeit und Weltuntergang

Auch wenn die Taifunzeit im August eigentlich vorbei sein sollte, kommen immer noch welche vorbei. Wie die Temperaturen, sei auch dies ungewöhnlich und seit Jahren nicht mehr dagewesen. Neulich bescherten die Ausläufer eines solchen Unwetters Tokyo ein deftiges Gewitter, das den Tag zur finsteren Nacht machte. Herr Renfra hat noch nie eine solche Finsternis am Tage aus einen Bürofenster beobachtet. Leider hatte er keine Kamera dabei. Die haben ja nun die Einbrecher von weiter oben.

Renate lernt Japonesisch

Also, um ein Visum fuer Japan zu erhalten muss man als begleitender Partner entweder verheiratet sein – neneee – oder sich etwas einfallen lassen. Nun, wir haben letzteres gemacht. Renate hat sich für ein Japanisch-Sprachkurs bei einer renomierten Schule angemeldet und über diese letzlich auch ein Visum erhalten. Dafür muss sie nun büffeln. Bummeln und Tests nicht bestehen, gilt nicht. Das Visum kann auch wieder aberkannt werden. Nun geht sie jeden Tag 4 Stunden die Schulbank drücken und am Nachmittag bzw. Abend wird noch mal 2-3 Stunden gelernt. Auch das Wochen- ende ist nicht übungsfrei. Sie ist ganz gut am Rödeln... Der Unterricht ist rein japanisch und das Tempo hoch. Herrn Renfra kommt sie bereits etwas schlitzaugig und leicht verwirrt vor. Aber immerhin kann sie bald für beide im Restaurant bestellen, hofft er zumindest.....

Und dann war da noch die propenvolle Bahn auf dessen Fenster Herr Renfra auf einmal das Schild „bitte nicht füttern“ aufblitzen sah....

Jetzt geht es erstmal wieder auf Geschäftsreise und ab 1. Sept. ab in den Urlaub nach Australien. Daher verabschiedet sich Familie RenFra erstmals bis zum nächsten Newsletter

Sayoonara

Hosted by www.Geocities.ws

1