Nippon News Letter Januar 2003

Liebe Leser,

Die Renfra’s haben es ins nächste Jahr geschafft. Allerdings waren Weihnachten und Silvester auf japanisch etwas gewöhnungsbedürftig. Weihnachtsfeiertage gibt es hier nicht. Herr Renfra hat dennoch, wie die anderen deutschen Kollegen auch, Urlaub genommen. Zusammen mit Wochenenden und Firmen- sowie offiziellen Neujahrsfeiertagen, sind 2 Wochen dabei heraus- gekommen. Da Japanonesien nunmal keinen christlichen Hintergrund hat, kommt auch wenig von der Stimmung auf, wie Renfra’s sie gern gehabt hätten. Als Weltstadt, die allen Moden gerecht zu werden versucht, zeigt auch Tokyo sein X-mas-Gesicht: die grossen, westlichen Hotels stellen riesige Tannenbäume in Ihren Foyers auf, die Haupt-Shopping-Strassen zeigen entsprechende Beleuchtungen und sogar ein italienischer Künstler darf sich an der Tokyo Station mit dem „Tokyo Millenarium“ glühbirnenmässig austoben (siehe neue Bilder auf der home page). Ohne Kinder mit leuchtenden Augen, die unterm Christbaum die neuesten Computerspiele oder anderen lektronischen Schnickschnack zu finden hoffen, hat so ein Fest für Rumtreiber- Pärchen wie die Renfra’s ohnenhin eine andere Bedeutung. Aber etwas weihnachtlich darf’s dann schon sein, da sitzt der kulturelle Hintergrund doch zu tief drin. Also werden aus sonst unbeachteten Kisten alle möglichen schönen Dekorationen herausgezaubert und im Haus verteilt. Dazu ein leckeres Essen (Riesen-Garnelen mit Spinat-Gorgonzolasosse) – wer sagt’s denn.

Am 2. Weihnachtsfeiertag waren James und Dana zu Besuch, um James’ Geburtstag mit Cheese & Wine zu feiern. Die Kombination James & Dana bitte nicht merken, die beiden haben sich am Silvesterabend getrennt. Perfektes Timing. Damit floss auch eine geplante Mini-Silvesterfeier bei Dana tränenweise ins Tempo, womit Herr und Frau Renfra einen vielleicht etwas zu ruhigen Rutsch ins neue Jahr hatten.

Happy New Year

Womit wir beim japonesichem Neujahr wären. Etwa dem unsrigen 1.und 2. Weihnachtstag entsprechend ist der Neujahrestag der wichtigste japanische Feiertag, der im Kreise der Familie verbracht, und an dem ein Shinto-Shrine besucht wird. Und so tauchten dann auch Frau Ren und Herr Fra etwas in die lokalen Bräuche ein und zogen zum Meiji-Shrine, dem grössten seiner Art in Tokyo am Rande des Yoyogi Parks. Bemerkenswert waren zunächst die leeren Strassen und Bahnen. Fast schon beängstigend leer. Am Rande des Parks boten Fressbuden die üblichen japonesischen Leckereien sowie kleine Flaschen warmen Sake an. Hier gab es dann schon wieder ein paar mehr Menschen. Auf dem Weg im Park in Richtung Shrine wurden es noch mehr und dann, inzwischen einer vorgegebenen Laufrichtung folgend, hinter der Kreuzung rechts.... – ja da waren sie wieder, die Millionen Japaner. Renfra’s konnten aufatmen, Shintu und Buddha sei Dank, alles wieder normal.

Einem Reiseführer ist hierzu zu entnehmen, dass jedes Jahr ca. 3 Mio. an 2-3 Tagen diesen Shrine besuchen. Das wären also 2 Mille am 1. Tag (der wichtigste), 100 Tausend je Stunde (4 Std. Tiefschlafphase haben wir abgezogen) bzw. 1.666/Minute. Plötzlich also standen die Renfra’s mitten in der 100.000 Mann-Schlange zwischen 15:00 und 16:00 Uhr, auf dem Weg zum Shrine, stop and go, an einer grossen Leinwand mit Reklamefilmchen zur Kurzweil vorbei. Alles durch massig Ordnungskräfte freundlich organisiert, die durch Megafone das Verhalten der Menge dirigierten und regulierten, ohne dass Herr und Frau Renfra irgendetwas davon verstanden. Fast so schön wie in einer gut gefüllten Bahn (wir berichteten bereits). Nach ca 45min waren die 200m von Stauanfang bis Shrine-Eingang ueberwunden, und nach dem obligatorischen Wurf einer Münze (bringt Glück) sowie dem Kauf eines geschmückten lucky arrows (Pfeils – bringt auch Glück), schlichen Renfra’s von Kreutzschmerzen geplagt auf dem Rückweg an der Sakebude vorbei, um sich die verdiente Dröhnung zu geben. Und dann, auf zum nächsten Starbucks ( US Nichtraucher-Cafe-Kette, Herr Renfra ist bereits schwer Cafe Mocca (Cappuchino mit Schoko) abhänging).

Wenn man die Bräuche nicht kennt

Eine wichtige Rolle als Glückbringer spielt eine Art verzierter Pfeil. Die Renfra’s konnten nun beobachten, wie die Japonesen beim Marsch auf den Shrine diese nun in eine Art Holzcontainer mit Fensteröffnung warfen. Wieso kaufen die sich Glücksbringer, um sie dann wegzuwerfen? Statt sich selbst einen Pfeil zu kaufen, könnte man sich ja hier bedienen. Oder sollten es die Glücksbringer vom letzten Jahr sein, die man vor dem Kauf neuer entsorgen muss? Nein, oder ? Wer hebt schon solch blöden Pfeile 12 Monate auf? Die Japonesen! In der Tat werden die Glücksbringer aufgehoben und dann jeweils an Neujahr im Feuer an einem Shrine verbrannt oder an Sammelstellen abgegeben.

Auch zum neuen Jahr gibt es Kagamimotchi (eine Art Reiskuchen) von einer Plastikschicht umgeben. Renfra’s kauften sich einen solchen, der zum festlichen Neujahrsfrühstück im Bett verzehrt werden sollte. Herr Renfra folgte der Anleitung auf den Bodenseite und nahm, nach dem der Kuchen fast aus seiner Hülle gesägt werden musste, einen herzhaften Biss. Damit hätte er besser warten sollen. Leicht angewidert warf er den Kagamamotchi in den Mülleimer und wunderte sich über Japaner, die einen harten, nach Nichts schmeckenden gepressten Reispapp als Delikatesse zu Neujahr vertilgen. Er hätte halt vorher erfahren müssen, dass man diese Reiskuchen erst warm macht und dann in einer bestimmten Suppe zu sich nimmt.

Boonenkai oder die Einsamkeit des Gaijin-Chefs

Boonenkai, welches zunächst vielleicht klingt wie ein Bohnengericht, ist eine Jahres-End-Feier in den Firmen. Dabei hakt der Japonese gedanklich einfach alles Negative aus dem auslaufenden Jahr ab, um sich dem neuen Jahr unbelastet widmen zu können. Wie auch in anderen Lebenslagen scheinen die Japaner Meister im Ausblenden zu sein. Was unangenehm, nicht schicklich oder gesellschaftlich nicht akzeptiert ist, wird kurzum ausgeblendet. Punkt.

Anlässlich dieser Year-End-Party werden Reden gehalten, und so hat sich Herr Renfra etliche Mühe gemacht, seinen Leuten eine schöne Präsentation darbieten zu können, eine die der Informationssucht Rechnung trägt. Also wurden die wichtigsten globalen News der Business Unit samt eindrucksvoller Bilder, die Geschäftsentwicklung weltweit sowie in Asien, die gemeisterte Probleme usw. usw. manchmal lustig untermalt, auf Power Point gebracht. 30 Min. schienen ein guter Zeitrahmen dafür zu sein. Zur Feier des Tages wurde das letzte monatliche Business Meeting in die Produktion nach Tsukuba (1.5 Std. ausserhalb Tokyos) verlegt. Durch Animation und Aktionen des Vortragenden sollten die Mitarbeiter im Bann gehalten werden. Leider hatte Herr Renfra den Drang alles zu übersetzen, auch wenn 90% verstanden wird, ausser Acht gelassen. Wenn dann der Übersetzer noch dazu neigt, ausführlicher und mehr zu übersetzen als gesagt wurde, werden aus 30 Min. eben leicht 75. Wie immer und weil es sich geziemt, wird einer solchen Rede mit versteinerten Blicken gelauscht. Keinerlei Feed-Back – das Schlimmste für jeden westlichen Redner. Zusätzlich entschlossen sich die Damen des Tokyoteams frühzeitig ein Nickerchen einzulegen. So macht das präsentieren doch richtig Spass und der Leser vermag gar nicht richtig nachzuvollziehen, warum Herr Renfra zunehmend weniger Lust verspürte, die Animationen auch tatsächlich ablaufen zu lassen und die Präsentation zu Ende zu bringen. Ungeduldig auf das Ende der Übersetzung wartend, wurden seine Erklärungen immer knapper und lustloser. Im Geiste formten sich unaufhaltsam die Worte: Ich hasse Euch alle

Danach gings mit der gesamten Mannschaft (ausser den Frauen, weil sie nicht wollten) in einen Onsen, ein japonesiches Badehaus: Waschplätze, Wasserbecken, Sauna’s. Man bekommt an der Kasse neben Schliessfachschlüssel auch noch eine Plastiktüte mit: kleinem Handtuch (welches sich die Japaner meist verschämt vor den Schniedel halten, wenn sie im Onsen hin- und herlaufen bzw. auf den Kopf legen, wenn sie im Heisswasserbecken hocken), grossem Handtuch sowie einem wunderbarer, schlappriger Spielanzug, Grösse XXXLLL (knielange Shorts sowie eine Art T-shirt) für die Badepausen oder das nachträgliche Relaxen in den anderen Räumen des Badehauses.

Als erstes wäscht sich der Japonese ordentlich, damit kein Schmutz in Bäder und Saune getragen wird, auf einem Minischemel hockend an einer Art Waschstation. Das ist ein einziges Eingeseife, Abgedusche, Hornhaut- geschrubbe und der gleichen mehr. Wenn kaum noch Haut dran ist, darf man ins Bad oder in die Sauna. Die Prozedur des Saunierens unterscheidet sich natürlich mal wieder von der unseren. Hier rennt man in die Sauna, bleibt bis der Kopf tief rot und der Kreislauf am Ende sind (hier beweist sich der echte Samurai), um sich dann draussen warm oder heiss abzuduschen. Nach nur wenigen Minuten folgt dann der 2. Gang in die Sauna (oh sehet ihr Männer, ich kann schon wieder..). Nur wenige werfen sich kurz ins Kaltwasserbecken. Im Warmwasserbecken gilt es als schick sich das kleine Handtüchelchen auf die Birne zu legen. Echt cool, man. Nach dem Badbesuch war für die Gruppe (nun wieder mit den Frauen) im selben Badehaus ein extra Raum reserviert worden, in dem dann gespeist und sich dem Karaoke hingegeben wurde. Um die nun relaxte Atmosphäre aufrecht zu erhalten, sassen alle Männer in ihren Spielanzügen im Schneidersitz am Tisch. Und ihr deutscher Chef im gleichen Dress mitten unter ihnen... Ein Bild der Freude! Mit viel Bier und Sake wurde das wie üblich leckere Essen vertilgt. Danach folgten Arien per Karaoke, wobei die Maschine auch gleich eine Stimmenbewertung vonahm. Natürlich musste der Gaijin auch zum Singen gedrängt werden. Da es nur 3 Lieder auf englisch gab, wurde „Yesterday“ ausgewählt. Um die Peinlichkeit in Grenzen zu halten, entschied sich Herr Renfra die Entspannungs- uniform gegen seine eigenen Klamotten einzutauschen und den Spielanzug der Plastiktüte im Schliessfach anzuvertraunen. Kaum hielt er dann das Mikro in der Hand, war er auch sich selbst wieder überlassen und die Kollegene widmeten sich erneut ihren Gesprächen untereinander. So hielt sich der Ablaus in Grenzen, aber die Pflichtübung war vollbracht. Eigentlich singt Herr Renfra ja ber ganz gerne aber ...

üblich ist es, dass in solch einer Runde, die Jungen sich reihum zu den „Älteren“ setzen, deren Glas auffüllen und ein paar Dankesworte aussprechen. Und so kam dann doch noch etwas Balsam auf die Seele von Herr Renfra, als der Produktionsleiter ihm mitteilte, dass es das Ziel der Gruppe sei, dass Herr Renfra seinen Job und den Japanaufenthalt so sehr mögen werde, dass er nicht wieder weggehen wolle. Doch auch nett, oder?

Reisen bildet

Endlich haben es die Renfra’s nach Kobe geschafft, Rita & Herbert Tepr besuchen. Schön war’s alte Bekannte zu besuchen. Die beiden sind doch schon wieder 7 Jahre in Japan. Seit Jahre hatten wir sie nicht mehr gesehen. Herbert steckt noch immer voller Energie und klopft nach wie vor toughe Sprüche. Nach 3 Tagen kann man seinen Beitrag wie folgt zusammenfassen: Es wird so lange gehühnert bis das Hemd kracht.

Vor dort aus haben Renfra’s Ausfluege nach Kyoto und Himeji unternommen. Es war der erste Ausflug ausserhalb Tokyo’s und Renate konnte Ihre Japanischkenntnisse anwenden. Sie hat sich tapfer geschlagen und seit dem die Angst vorm Sprechen abgelegt. Herr Renfra hingegen kommt noch nicht so richtig über’s Dankesagen und Verbeugen hinaus ...

Kyoto ist selbst im Winter schön und ein absolutes Muss, wenn man schon mal in Japan ist. Es stellt das historische Japan dar. Die Zeit hat nicht gereicht und wir werden noch mal hinfahren. Ein zweiter Ausflug führte zum Himeji Castle, die japonesiche Burg schlecht hin. Sie ist fast ganz aus Holz und noch komplett erhalten. Für den Shogun Tokugawa fertiggestellt brauchte sie aber nie einen Krieg zu überstehen. Freundlicherweise haben die USA im Krieg Kyoto und Himeji beim Bombadieren verschont.

Und dann war da noch ...

... die Eröffnung des grössten Louis Vuitton Kaufhauses der Welt in Tokyo auf der Omotesando (grosse Einkaufsstrasse) im Dezember. Japan bleibt der wichtigste Export- und grösste Einzelmarkt von LV. Zu Ehren der vielen Japonesinnen, die je zumindest 1-2 LV Taschen haben, sollte das ganze in Louis Carton Haus umbenannt werden....

... Renates erster Friseurbesuch. Ja, sie hat sich zu einem echt Japanischen Friseur getraut. Der wird vorab pauschal am Automaten bezahlt: 10 Min für 1000 Yen. Mit dem Ticket in der Hand darf man sich dann auf den nächsten freien Stuhl setzen und los gehts ... Um Verständigungschwierigkeiten zu vermeiden, hatte Frau Ren extra ein Bild mitgebracht, wie es werden sollte. Alles klar - nur dem Japaner hat das Schneiden dann irgendwie so viel Spass gemacht, dass er fast nicht mehr aufhören konnte und schliesslich sogar ganze 18 Min für diese exotische Kundin verwendet hat. Nach der ersten Wäsche und neuem Styling ist dann eine gewisse Zufriedenheit eingekehrt;-)

Das war’s für diesmal mit den neuesten Nachrichten aus dem Land der aufgehenden Sonne. おだいじに (o da i ji ni = Take care) Renate & Frank

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