Mai 2002

Liebe Leser,                 

 

Die Möbel der Renfra’s sind endlich angekommen. In 3 LKW’s von ordentlich, freundlichen Japonesen angeliefert. Der 40’ Container hätte nicht in die kleine Strasse gepasst. Die Männer legen Schutz für den Boden aus und verkleiden die Wände um die Türen und in den Ecken. Bei jedem Eintritt - Schuhe aus, bei jedem Austritt -  Schuhe wieder an. Man stiefelt eben nicht mit Schuhen in ein Haus. Das geht auf Kosten der hinteren Kappen. Platt treten, um Zeit zu sparen.

Dann geht es rasend schnell, plötzlich sind noch mehr Männer da.  6 - 8 Japonesen tragen Kisten mit Nummern ins Haus.  Herr und Frau Renfra denken sich ein System aus, wie die Stücklisten im gleichen Tempo abgehakt werden können. “ Hast Du schon 256? Wieso 256? Ich hatte gerade... Halt warten, diese Kiste ist noch nicht abgehakt. Wo ist denn jetzt das Blatt mit den 500 er Nummern? Bed room please, guest room 1, guest room 2, office, kitchen, eh... weiss nicht, ja doch Terasse, Terasse ist gut. Wie, schon voll ? Es folgt Japonese mit Kiste auf Kiste. Wie noch ein LKW voll?  Ist das wirklich alles unser Zeugs?  Kann nicht sein. Gehört bestimmt nicht uns.  Aber am Schluss sind die Renfra’s nicht nur mit den Nerven am Ende, sondern auch glücklich. Als Zugabe sind sogar einige Kisten geliefert worden, die hätten ins Lager in Deutschland sollen. Es steht sogar noch Lager auf dem Karton drauf.  Ein paar Sachen hat’s zerbröselt. Aber es ist ja eh zuviel Zeugs.

 

Herr und Frau Renfra haben es sich inzwischen in Ihrem neuenHeim gemütlich gemacht. Es ist so richtig schön geworden.  Renate war von Anfang an klar, dass es ein “geiles” Zuhause wird. Die neuen Essmöbel machen sich hier gut und auch die meisten Bilder haben ihren Platz gefunden. Es sind deutlich mehr Wände als in “Orwisch” (Urberach im Eingeborenen Dialekt) vorhanden: Bilder zunächst wiegen, dann geeignete Haken für japanische Pappwände kaufen, abmessen (wieviel cm von oben, unten, zum nächsten Bild, wieviel Abstand vom Rahmen zum Haken?), aufhängen, fertig. Halt noch nicht ganz, irgendetwas muss mit dem Abmessen schiefgegangen sein, trozt der hundert Bleistiftkreuzchen. Irgendwie doch nicht in der Mitte, irgendwie nicht in Linie mit den anderen Bildern. Herrn Renfra bleibt nur das Schwärmen: fuck you...

 

Herr Renfra traut sich zum Kunden. Langsam wurde es auch Zeit. Zusammen mit seinem Kollegen werden die ersten Kunden weit ausserhalb Tokyo’s besucht. Mehrfach zückt Herr Renfra seinen Spickzettel, auf dem die japanischen Begrüssungsworte stehen, die er zwar schon gelernt hat, zur Vorsicht aber immer wieder anschaut. Die Herren kommen, der Moment naht. Hände werden entgegengestreckt, der Japonese will nun auch gastfreundlich sein und kramt all sein Englisch zu einem “nice to meet you” zusammen, Herr Renfra öffnet den Mund und... Degussa no Frikker des, hatchimae  eh...  dosojo  eh...  (scheiss auf Japanisch) nice to meet you too.

Während der Sitzung, die Herren sprechen eh Unverständliches, drängen sich Kommandos in sein Ohr. Der Blick nach hinten durchs Fenster klärt die Ursache: Frühsport. Die Herren der Produktionshalle von nebenan folgen den Aufforderungen Ihres Vorturners. Das allein war den Besuch schon wert.

 

Ein Blick auf’s Wetter:

Heute fast 30 Grad, der erste Sonnenbrand und Moskito-Alarm (schwäbische Schnaken);  morgen nur noch 18 Grad, Uebermorgen 16 und Jackenzwang. Dann wiederum Sonne und kurze Hosen, in denen es wegen des Windes auf der Terasse aber dann doch wieder etwas zu kalt ist. Ausserdem fliegt die Zeitung weg. Der Wind, der Wind, das himmlische Kind. Wir leben halt auf einer Insel. Regelmässig zieht Wind auf, pfeift ums Haus und durch die engen Gassen, was das Zeug hält. Am morgen sieht es grau bewölkt und daher kühl aus. Also T-shirt drunterziehen, um kurz danach in der völlig ueberfüllten, dampfenden Bahn schon das erste Mal durchzuschwitzen. Und im Office ist es eh schwül. Alles klar? Haben die keinen Kachelmann hier?

 

 

 

Der TV-Anschluss ist da. Das Haus ist seit Anfang an netterweise mit einem Sateliten und einem Empfängergerät ausgestattet. Nur schauen Renfra’s lieber im Kuschelzimmer fern und die Japonesen im Wohnzimmer, wie es ich für ordentliche Familien gehört. Die Anschlüsse im oberen Stock funktionierten aber nicht. Frau Renfra, von Haus aus begabter Technikus, verlegte also das Kabel über den Balkon an die Sat-Schüssel. Nun ging halt die Balkontür nicht mehr ganz zu, aber was soll’s. Jedoch erst nachdem die Sat-Schüssel auch noch umgesetzt wurde, erfreute man sich der ersten Bilder. Der Provider SkyPerfect lies einen Monat lang das gesamte Programmspektrum (ausser Pay TV) testen. Danach galt es sich das geeignete Paket auszusuchen. So können Renfra’s nun ausser BBC, CNN, 3 Sender mit Spielfilmen/US Serien (einer davon hauptsächlich französische Filme – Mist – ich hatte doch gerade erst Spanisch gelernt) noch folgende Programme bestaunen:

Golf Channel                                       muss man haben, keine Frage (gähn)

Sport Channel                                     Fussball ohne Ende, leider uralte Spiele. Wer’s mag….

Viele, viele Japanische Sender wird pausenlos angeschaut, man versteht die vielen negativen Nachrichten wenigstens nicht.

Kauf-/Werbesender wie bekommt man mit dem Bizepstrainer auch die Fusshorn- haut weg in 30 Tagen? Der Superkleber fuer die ganze Familie usw. usw.

Dann gibt es noch Hausfrauen-, Koch-, Gartensender. Wie ist man nur vorher ohne die ausgekommen? Ach ja, und Lala TV haben wir auch ….

 

Wie kommt man in Nippon ins Internet? Es kostet halt ein paar geraufte Haare.

Man fragt erst einmal herum und lernt, dass ein entsprechendes Modem zu kaufen ist. Na also, ab nach Akihabara (PC Paradies in Tokyo) und das ADSL Modem eingekauft. Einbauen und los geht’s. Naja, noch nicht so ganz. Alles ist auf japonesisch und trotz aller interpretationskünste: Das Ding läuft nicht. Nach mehreren Versuchen wird der Firmen IT-Spezialist um Hilfe gebeten. Und siehe da, bei ihm geht’s auch nicht. Auch seine grandiose Idee, das Modem aus dem Internet in englischer Version herunterzuladen, trägt keine Früchte. In Japan müsse man eben einen  japonesischen PC verwenden. Frust. Der Provider sagt, es müsse aber funktionieren. Nun folgt der Umtausch. Zurück zum Laden, Sache erklären, die Verkäufer noch mal selbst installieren lassen, etliche telf. Rückfragen bei Kollegen geduldig abwarten, ihr tiefstes Bedauern akzeptieren, Geld zurückerhalten und nach anderen Geschäften suchen. Nun folgen die abenteurlichsten Erklärungen, warum man mit einem nicht japanischen Gerät sowieso nicht ins japanische Netz kommt… Da hilft nur noch ins nächste Starbucks flüchten.

 

Ueber Herrn Renfra’s Reise nach China, dem Deutschlandbesuch sowie den Schreck bei Ankunft zurück in Tokyo und den ersten Besucher wird der nächste Nippon News Letter berichten.

 

 

 

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