Was Max Freudenthal also a rabbi in Zerbst?

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Die Geschichte der Juden in N�rnberg

Frei und reich? � Die Geschichte des Vorurteils

950 Jahre N�rnberg hei�t auch: 950 Jahre j�dische Geschichte der Noris.
Juden und Judentum geh�rten zu dieser Stadt, auch und gerade dann, wenn man sie nicht hier haben wollte. Die Geschichte der Juden in N�rnberg ist eine Geschichte voller Spannungen und Leidenschaften, eine Geschichte zwischen Anziehung und Ablehnung, zwischen Hingabe und Mi�trauen, zwischen Ha� und Liebe. Diese Geschichte kennt alles, nur keine Gleichg�ltigkeit.
�ber das Wesen j�discher Geschichte ist viel gestritten worden. Ist sie allenfalls eine Geschichte des Martyriums und der Gelehrsamkeit, eine Geschichte von passiven Objekten?
Waren die Juden, wie andere meinen, zu allen Zeiten und in allen L�ndern, immer und �berall, Subjekt, Gestalter ihrer eigenen Geschichte? Oder ist die Geschichte der Juden - auch die der Juden von N�rnberg - ein stetes Schwanken zwischen diesen beiden Polen? Werfen wir einen Blick darauf.

Die Geschichte der Juden in N�rnberg weist, bei allen Br�chen, dennoch Konstanten auf. Es gab eine kontinuierlich judenfeindliche Grundhaltung, die ihre Pr�senz in der Noris nicht zulie�.
Diese Feindschaft beruhte nicht zuletzt auf den alten kirchlichen Antijudaismus.
Man mochte das Volk Israel und seine Nachkommen nicht, sie waren anders: ihre Religion, Abstammung, Geschichte und Tradition unterschied sie von der christlichen Bev�lkerungsmehrheit.
Ihr kontinuierliches Beharren auf innerer Autonomie, auf Freiheit und Selbst�ndigkeit, auf einen eigenen Weg, wurde, gerade von der Obrigkeit �ber Jahrhunderte hin, als Bedrohung der allgemeinen, der �gottgegebenen�, Ordnung empfunden. Da� die Juden dabei trotz allem t�chtig, z�h und erfolgreich waren, l�ste keine Zuneigung aus, sollte ihnen im Gegenteil zum Verh�ngnis werden.

Wann der erste j�dische Mensch zum ersten Mal den N�rnberger Burgberg sah, wissen wir nicht. Woher er kam, wie er aussah - all dies liegt im Dunkel der Geschichte verborgen. Wir wissen nur: schon seit der R�merzeit - also lange vor der Stadtgr�ndung - lebten Juden in dem Gebiet, das wir heute Deutschland nennen.
Es l��t sich vermuten, was die ersten Juden in die Noris brachte: die Suche nach einem besseren Auskommen, nach einem besseren Leben, nach einer sicheren Zukunft.
Allerdings nicht um jeden Preis: sie wollten Juden bleiben, ihren schon damals uralten Glauben und ihre Traditionen bewahren.

Die Anwesenheit von Juden in N�rnberg ist erst f�r den Anfang des 12. Jahrhunderts bezeugt, ist aber wahrscheinlich �lter. Man vermutet, sie w�ren als Fl�chtlinge vor den marodierenden Kreuzfahrern aus dem Rheinland in die Noris gekommen. Es spricht einiges daf�r, da� die ersten N�rnberger Juden auch aus dem gesamten fr�nkischen Umland in die aufstrebende Handelsstadt zu F��en der Burg zogen.
Im unwirtlichen Pegnitzsumpf zwischen Hauptmarkt, Heug�sschen, Hans-Sachs-Gasse und Bindergasse lie�en sie sich nieder. Sp�ter lebten sie im Gebiet der heutigen Judengasse und Martin-Treu-Strasse.
Die erste Synagoge stand dort, wo heute die Frauenkirche �ber den Hauptmarkt wacht.

Doch der Traum von einem ruhigen Leben blieb nur ein Traum, schon seit fr�hesten Zeiten ist ihr Aufenthalt in N�rnberg gef�hrdet. Das Jahr 1298 wurde zu einem schrecklichen Fanal. W�hrend des sogenannten Rindfleisch-Pogroms (�ber 100.000 j�dische Tote in 147 s�ddeutschen Gemeinden) kommt es in N�rnberg zu einer Katastrophe: 628 Juden werden wegen angeblicher Hostiensch�ndungen zusammengetrieben und ermordet.
Unter diesen M�rtyrern waren der Gelehrte Mordechaj ben Hillel Aschkenasi, seine Frau und seine f�nf Kinder, Mordechaj war nach seinem Lehrer Rabbi Meir aus Rothenburg, einer der bedeutendsten Talmudisten des Mittelalters, einer der wenigen ganz gro�en Gesetzeslehrer und Weisen, die das deutsche Judentum je hervorbrachten.
Noch heute sind seine Kommentare in s�mtlichen Talmudausgaben zu finden. Es sollten nicht die letzten Opfer bleiben. Unter dem Vorwand, die Juden w�rden die Brunnen vergiften und die Pest verbreiten, schleiften 1349 ihre ha�erf�llten Mitb�rger mit R�ckendeckung der allerh�chsten Obrigkeit 562 Juden zum Judenb�hl dem heutigen Maxfeld) und verbrannten sie bei lebendigem Leibe.

Dieses Morden ging - man k�nnte sagen: mit fast gesetzm��iger Regelm��igkeit - Hand in Hand mit einem gewaltigen Raubzug an j�dischem Hab und Gut. Die �berlebenden wurden erniedrigt, enteignet und vertrieben.
Doch die Juden wollten in N�rnberg leben. Nach einer Wiederansiedlung kam es 1499 zur vorl�ufig letzten Vertreibung aus der Noris. Wer konnte, blieb in der Region. Alle Teile Frankens war ja seit Urzeiten ein j�disches Siedlungsgebiet gewesen.

Es sollte 350 Jahre dauern, bis wieder ein Jude, Joseph Kohn aus Markt Erlbach, B�rger N�rnbergs werden durfte. Die Stadt betreten, dort Handel treiben, gar �bernachten - all dies war nur mit teuer zu bezahlenden Sondergenehmigungen m�glich. Die freie Reichsstadt kannte keine Freiheit f�r Juden. Als eine der letzten St�dte Deutschlands und nur mit �u�erstem Widerwillen beugte sich N�rnberg 1850 den Erfordernissen einer neuen Zeit und �ffnete seine Mauern.

Erleichtert und rasch str�mten die Juden in die Noris. 1859 gr�ndeten sie einen Religionsverein, 1862 die Israelitische Kultusgemeinde. 1864 erwarben sie den Friedhof an der heutigen B�renschanzstra�e, 1872 wurde der erste N�rnberger Rabbiner der Neuzeit, Dr. Moritz Levin, in sein Amt eingef�hrt. 1874 wurde die Synagoge am n�rdlichen Ufer der Pegnitz gegen�ber der Insel Sch�tt unter gro�er �ffentlicher Teilnahme feierlich eingeweiht. N�rnberg war wieder eine Heimat f�r Juden geworden.

Sie wollten keine Au�enseiter mehr sein, sie wollten dazugeh�ren.
Zu sehr sahen sie sich als N�rnberger, als Franken, als Bayern, als Deutsche.Zu sehr w�nschten sie ein gleichberechtigter Teil dieser Gemeinschaft werden zu k�nnen. Von N�rnberg abbringen lie�en sich die N�rnberger Juden nie.

Die j�dische Gemeinschaft in der Noris wuchs rasch an. 1852 gab es 87 Juden in der Stadt, 1871 waren es schon 1831.
Die IKG N�rnberg unterschied sich in ihrer Bl�tezeit von 1870 bis 1933 von anderen j�dische Gemeinden des deutschen Reiches durch ihre Dynamik und den Erfolg ihrer Entwicklung. In nur wenigen Jahrzehnten entstand ein differenziertes religi�ses, soziales, kulturelles und wirtschaftliches Gemeindeleben. J�dische N�rnberger hatte an der wirtschaftlichen Prosperit�t und der Innovationsfreude der gesamten Noris bedeutenden Anteil, was wiederum die Anziehungskraft der Stadt auf weitere Juden erh�hte.

Gewinner dieser Entwicklung war das ganze Gemeinwesen. N�rnberger Juden taten sich im Hopfen- und Metallhandel, beim Aufbau der Zweirad - (Hercules, Mars, Victoria, Triumph), der Spielwaren - (Schuco, Trix,Tipp) und der Papierindustrie (Camelia) hervor.
Als Beispiele seien die Familien von Gerngro�, Marsch�tz, Bing, Berolzheimer und Rosenfelder genannt.
Dieser weltoffene Unternehmungsgeist, der an beste reichst�dtische Traditionen ankn�pfte, schuf nicht nur Arbeitspl�tze und mehr allgemeinen Wohlstand, er machte N�rnberg wieder einmal weltber�hmt.

Aber auch in dieser Gemeinde gab es Spannungen. Es gelang jedoch, trotz mancher Probleme zwischen der liberalen Mehrheit und der kleineren orthodoxen Adas-Jisrael-Gemeinde in der Essenweinstra�e, den inneren Frieden zu wahren.
Die N�rnberger Juden bewiesen ausgesprochenen B�rgersinn, was sich in einem starken politischen Engagement, aber auch in �ber 40 Stiftungen f�r das Allgemeinwohl niederschlug.
Ihre politischen und religi�sen Repr�sentanten - wie die Rabbiner Dr. Max Freudenthal, einer der hervorragendsten Gestalten des liberalen deutschen Judentums, Dr. Arnold Klein, einer der Gr�nder der orthodoxen j�dischen Weltbewegung und der K�nigliche Geheime Justizrat Gustav Josephthal, der 40 Jahre lang die IKG leitete - erfreuten sich weit �ber den inneren Kreis hinaus allgemeiner Hochachtung.

Man war ausgesprochen patriotisch gesinnt.
Am Ersten Weltkrieg nahmen 1543 N�rnberger Juden mit Begeisterung teil, 178 von ihnen sind f�r ihr Vaterland gefallen. Um so schlimmer traf sie der nach 1918 massiv einsetzende Judenha�.

Julius Streicher und sein pornographisches Ha�blatt �St�rmer� propagierten und organisierten eine gnadenlose Hetzkampagne, die bereits lange vor 1933 zu gewaltt�tigen und t�dlichen Ausschreitungen f�hrte.
Das moderne N�rnberg wurde zu einer Hochburg des rassisch-v�lkischen Antisemitismus. Die von langer Hand geplante und auf alte Verhaltensmuster zur�ckgreifende Ausgrenzung, Beraubung, Vertreibung und Vernichtung des bl�henden j�dischen Gemeinwesens ging nach der Machtergreifung Hitlers mit systematischer Grausamkeit und unerh�rter Brutalit�t vor sich.
Zu einem furchtbaren H�hepunkt wurde die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938.
Mindestens 37 Menschen wurden ermordet, starben an ihren schweren Verletzungen, nahmen sich verzweifelt das Leben. Auch die �Kristallnacht�, diese Nacht der Schande, war eine Mischung von Ha�, Gewalt und Raubgier.

Doch es sollte noch viel, viel schlimmer kommen. 1922 hatte die IKG N�rnberg noch 10.100 Mitglieder, 2.332 N�rnberger Juden wurden Opfer der systematischen, industrielle betriebenen Massenmordes.
Den Holocaust, den die Juden mit dem Wort �Schoa� bezeichnen, �berlebten kaum 50 Juden in der Stadt.

Einige wenige �berlebende und Gerettete des Massenmordes wagten noch 1945 den Neuanfang.
Die so gr�ndlich zerst�rte und verarmte j�dische Gemeinde gr�ndete sich auf dem Gr�ber- und Ruinenfeld, das einst das herrliche N�rnberg gewesen war. Wieviel Mut, Gottvertrauen und Heimatliebe zu diesem Schritt gehrte, kann man sich vorstellen.
Die neue IKG N�rnberg, gef�hrt von M�nnern wie Julius N�rnberger, Paul Baruch, Adolf und Arno Hamburger, verstand und versteht sich nach dem Ende des Grauens in alt-neuer Tradition als integraler und aktiver Bestandteil des Stadtganzen.
Nach der Katastrophe sind die N�rnberger Juden wieder freie, gleichberechtigte und gleichverantwortliche B�rger, Herren ihres eigenen Schicksals geworden. Sie trauern, aber sie hassen nicht, sie gedenken, aber sie verfolgen nicht.

Ihr Wirken, wie das der ganzen Gemeinde, die am Ende des Jahrtausends wieder knapp 800 Mitglieder hat, steht f�r die Kontinuit�t j�discher Geschichte.
Sie ist auch ein Bekenntnis zu dieser Stadt, die aus ihrer Geschichte gelernt hat. N�rnberg ist heute eine Stadt der Demokratie, der B�rger- und der Menschenrechte. Die einstige Freie Reichsstadt N�rnberg ist an ihrem 950. Geburtstag tats�chlich beides: frei von Gewalt und reich an Erfahrungen.

Leibl Rosenberg

Der Autor ist Publizist und Gesch�ftsf�hrer des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern sowie des Zentralrats der Juden.

� N�rnberger Zeitung 1999

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