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(Scheinschlag 5/91)
Feuerwerk eines Ex-Wikingers
"Zwei Seemänner sitzen in Barcelona und essen einen
Albatros " -Geschichten von Mattis Manzel. Schon äußerlich macht
das schmale Bändchen unmißverständlich klar, daß es sich
keineswegs um Paperback-Dutzendware handelt. Auf dem gediegenen Papier tummeln
sich: Nashörner, ein Fisch (mit zwei Zitronenscheiben garniert), diverse
Käfer, Gartenzwerge und natürlich ein Albatros. Eben alle möglichen
Spezies, und folgerichtig findet man auf den ersten Seiten eine Art Stammbaum
- statt Inhaltsverzeichnis: den lateinischen Oberbegriffen der Lebewesen sind
die einzelnen Geschichten zugeordnet, und so beginnt das Buch mit dem Kapitel
"Herbae", Geschichte: "Feld". Konsequent, munter und voller
Lust an der Sprache kreuzt Manzel Phantasien und Alltägliches, begegnet
Nashörnern und Beziehungskisten, wird zum Kaninchen, ohne Kafka zu verfallen,
macht einen Abstecher nach Barcelona, was ihn nicht hindert, die Sinnlosigkeit
des Reisens zu beschreiben, hat eine Krake auf dem Magen, wird zu Afrika, schreibt
einen Rundbrief an seine Verehrerinnen, phantasiert zum Wort "Limehouse".
Höhepunkte: die bissige "Idee zu einem Kunstwerk" und "Die
umgekehrte Reihenfolge", wo Manzel mindestens die vollendete Schizophrenie
schafft, wenn nicht die Dreispaltung: Blick und Verstand geraten in Streit,
bis der Verstand den Blick erschießt - das "Ich" sitzt die ganze
Zeit daneben und beobachtet.
Ein curriculum vitae, und Manzel wirbelt alles durch - skurril, lakonisch, sinnlich,
plastisch, spielerisch. Bis zum Extrempunkt lotet er aus, bis zum Knochenschüttler.
"Später fiel mir dazu noch der Witz von den zwei Bauarbeitern ein,
die vom Gerüst stürzen. Der eine hatte Glück. Er blieb mit einem
Auge an einem Nagel hängen." So der Schlußkommentar zu einer
mißglückten Beziehungskiste.
Manzel feuerwerkt, daß man den Eindruck hat, er hätte die neun Leben
einer Katze schon gelebt - oder als hätte der liebe Gott ihm 4-5 Überportionen
Phantasie und Witz zugeteilt. Die Biographie am Schluß des Buches sagt
darüber nichts aus, klingt aber ähnlich phantastisch: 1960 geboren,
war er "Philosoph, Sinfoniker, Wikinger und Bassist einer Post-Punk-Hippie-Pop-Band.
1990 erhielt er das Alfred-Döblin-Stipendium," "Zwei Seemänner
sitzen in Barcelona und essen einen Albatros" ist eine moderne Version
von "1001 Nacht". Man sollte die Geschichten einzeln, Abend für
Abend eine genießen - verrückte Träume garantiert. Ulrike
Mattis Manzel, "Zwei Seemänner sitzen in Barcelona und essen einen Albatros", erschienen im Gatza-Verlag.
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