Mattis Manzel,
Peinlich, Ammann, Zürich 1995, 261 S., 38
DM
Dieser Roman ist ein Buffett. Da gibt es scharf Gewürztes,
manches, woran man schwer zu kauen hat, und auch Teile mit Gräten, die
einem sperrig im Gaumen herumpieksen. Mattis Manzels "Peinlich" ist
erstmal ein irres Zapping durch Textsorten und Stilvarianten: Erzählerbericht,
Gebrauchsanweisungen (für Kondome), Tabellen, sarkastische Herumphilosophiererei,
Theaterdialoge, Bewußtseinsstrom. Aber es gibt auch einen dürren
Plot. Romanheld Peinlich räkelt sich in WG-Küchen im Schlafsack, jobbt
als genervte Aufsicht im Kunstmuseum und schwängert seine Geliebte Margit.
Mit Hingabe betreibt er Nabelschau, und nichts geistert ihm so penetrant durch
Kopf und Glieder wie Geschlechtliches. Aber wie! Ist das nun 90er-Jahre-Sex?
Entweder wird der Verkehr der Geschlechter wie die Gebrauchsanweisung für
einen Hometrainer beschrieben, oder Peinlich balzt seine Aufsichts-Kollegin
Mona an wie ein pickliger Konfirmand: "Magst du eigentlich Tiere?"
Autor Manzel, Jahrgang 1960, Ex-Solitude-Stipendiat und Bassist der Post-Punk-Band
"Der Pulk", liebt numerierte Auflistungen. Also denn.
Was in "Peinlich" nervt:
l.) Ununterbrochen läßt Manzel seine Gagproduktionsmaschine rattern.
2.) Der Leser wird ohne Vorwarnung von einer Perspektive in die nächste
geschubst und muß durch eine Geisterbahn zerhackter Phantasien brettern.
3.) Passagen voller verzwirbeltem Tiefsinn, der beduselt macht.
Was in Ordnung geht:
l.) Da und dort brillante Formulierungen in altmeisterlichem Stil.
2.) Peinlich ist 'ne Zeittype und doch auch einer, den, na-ja, menschliche Fundamentalkonflikte
umtreiben.
3.) Urkomisch sind ein Post-Sex-Dialog 1995 in der Sprache des 18. Jahrhunderts
oder das Abschnittchen, in dem Gott und seine Ehefrau Evolution als "zwei
verkalkte Stümper" abgebürstet werden.
Schon mühsam, sich durch Manzels Wörter- und Gedankenbrei durchzufressen.
Aber man trifft dabei auf ein paar saftige Rosinen. Cord Reintmann