1. Der Wert des Denkens für eine den Menschen befriedigende Erkenntnis
  2. Das Verhältnis der Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft
  3. Elf Vorträge, gehalten in Dornach am 20. August 1915 und zwischen dem 17. September und 9. Oktober 1915
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  5. Zu den Veröffentlichungen aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 
  6. Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veröffentlichten Werke. 
  7. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vorträge und Kurse, sowohl öffentlich wie auch für die Mitglieder der Theosophischen, später Anthroposophischen Gesellschaft. 
  8. Er selbst wollte ursprünglich, daß seine durchwegs frei gehaltenen Vorträge nicht schriftlich festgehalten würden, da sie als “mündliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen” gedacht waren. 
  9. Nachdem aber zunehmend unvollständige und fehlerhafte Hörernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlaßt, das Nachschreiben zu regeln. 
  10. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. 
  11. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die für die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. 
  12. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fällen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muß gegenüber allen Vortragsveröffentlichungen sein Vorbehalt berücksichtigt werden: 
  13. “Es wird eben nur hingenommen werden müssen, daß in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.” 
  14. Über das Verhältnis der Mitgliedervorträge, welche zunächst nur als interne Manuskriptdrucke zugänglich waren, zu seinen öffentlichen Schriften äußert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie “Mein Lebensgang” (35. Kapitel). 
  15. Der entsprechende Wortlaut ist am Schluß dieses Bandes wiedergegeben. 
  16. Das dort Gesagte gilt gleichermaßen auch für die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 
  17. Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemäß ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe begonnen. 
  18. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. 
  19. Soweit erforderlich, finden sich nähere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 
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  21. ERSTER VORTRAG 
  22. Dornach, 17. September 1915 
  23. Für das Forschen und Sinnen in der physischen Welt ist es vor allen Dingen, man kann sagen, eine Herzensangelegenheit des Menschen, sich zurechtzufinden in den Beziehungen der physischen Welt - in welcher er sein Dasein zubringt zwischen der Geburt und dem Tode - zu den höheren Welten, denen er eigentlich angehört. 
  24. Wir sind uns ja ganz klar darüber, daß im Menschen, wenn auch ein noch so unbestimmtes Denken, so doch ein eminent deutliches Gefühl, eine deutliche Empfindung davon lebt, daß er in irgendeiner Form wenigstens etwas über diese Beziehungen wissen müsse. 
  25. Denn mag der Mensch auch noch so unbestimmt über die höheren Welten denken, mag er selbst aus verschiedenen Gründen heraus verzweifeln an einer Möglichkeit, über sie etwas wissen zu können: es ist nun einmal dem menschlichen Fühlen und Empfinden natürlich und angemessen, sich zu einer höheren Welt in Beziehung zu setzen. 
  26. Gewiß läßt sich dagegen einwenden, daß es aber doch, insbesondere in unserer heutigen materialistischen Zeit, zahlreiche Menschen gibt, welche entweder in irgendeiner Form leugnen, daß es überhaupt eine geistige Welt gibt, oder wenigstens leugnen, daß der Mensch von ihr etwas wissen könne. 
  27. Man kann aber auch sagen, daß man erst lernen muß, sich gewissermaßen “negativ” zur geistigen Welt zu verhalten; denn “natürlich” ist es dem Menschen nicht, eine geistige, eine übersinnliche Welt abzuleugnen. 
  28. Man muß erst durch allerlei Theorien dazu kommen; man muß erst, man könnte sagen “verlehrt” werden, um eine geistige Welt mit irgendeinem Grade des Ernstes zu leugnen. 
  29. So daß, wenn man vom natürlichen Menschen spricht, man doch so sprechen kann, daß es seinem Empfinden angemessen ist, den Seelenblick in irgendeiner Art hinaufzuwenden zu den geistigen Welten. 
  30. Nun muß aber, wenn überhaupt nur die Möglichkeit besteht, daß es Leute gibt, die von geistigen Welten ganz und gar nichts wissen wollen, in der Menschennatur irgend etwas vorliegen, das es schwierig macht, das Verhältnis zur geistigen Welt zu bestimmen. 
  31. Und schwierig, schwierig zu denken, scheint ja dieses Verhältnis zu sein. 
  32. Denn wir sehen, daß im Laufe der Geschichte, die wir verfolgen können, eine ganze große Anzahl von allerlei Philosophien und Weltanschauungen aufgetreten sind, die sich scheinbar widersprechen. 
  33. Ich habe aber schon öfters ausgeführt, daß es nur scheinbar ist, denn wenn es für den Menschen leicht wäre, sein Verhältnis zur übersinnlichen Welt zu bestimmen, so würden nicht einander scheinbar widersprechende Weltanschauungen die Weltanschauungsgeschichte erfüllen. 
  34. Also schon daraus geht hervor, daß es gewissermaßen schwierig ist, das Verhältnis zur geistigen Welt zu bestimmen. 
  35. Und deshalb kann auch einmal die Frage aufgeworfen werden, woher denn diese Schwierigkeit kommt, was da in der Seele des Menschen eigentlich vorliegt, daß er es schwer hat, sich in ein Verhältnis zur geistigen Welt zu setzen. 
  36. Nun, wenn man alle die Versuche prüft, die zunächst außerhalb einer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, also sagen wir in der bloßen Philosophie oder in der äußeren Wissenschaft gemacht werden und sich fragt, worauf denn diese Versuche eigentlich gehen, was ihnen zugrundeliegt, dann muß man sagen: Wenn man mit diesen Versuchen sich beschäftigt, wenn man nachsieht, was für eine Seelenkraft die Menschen hauptsächlich anwenden, um hinter das Verhältnis der physischen zur geistigen Welt zu kommen, so findet man, daß die Menschen immer wieder und wieder - ich möchte sagen vereinzelte Versuche abgerechnet - vor allen Dingen doch in dem Denken diejenige Seelenfähigkeit, Seelentätigkeit sehen, welche, richtig angewendet, dahin führen könnte, etwas auszusagen, etwas zu bestimmen über die Beziehungen des Menschen zu den übersinnlichen Welten. 
  37. Es ist also gewissermaßen notwendig, das Denken, die Denkarbeit der Seele ins Auge zu fassen und sich zu fragen: Wie ist es denn mit dem Denken, mit dem Sich-Gedanken-Machen gegenüber dem Verhältnis des Menschen, der in der physischen Welt lebt, zu den geistigen Welten? 
  38. Wie ist es denn mit diesem Verhältnis des Denkens zu den geistigen Welten? 
  39. Also die Frage: Wie steht es mit dem Wert des Denkens für eine den Menschen befriedigende Erkenntnis? - diese Frage möchte ich heute einmal vorbereitend ins Auge fassen, um dann anschließend andere Fragen vor Ihnen zu besprechen. 
  40. Ich möchte, daß wir uns gleichsam zu einer würdigen Besprechung dadurch vorbereiten, daß wir einmal die Frage nach dem Wert des Denkens für die Erkenntnis ins Auge fassen. 
  41. Nun, wir kommen gewissermaßen hinter das Denken, wenn wir in der folgenden Weise zu Werke gehen. 
  42. Wir haben ja im Laufe der letzten Vorträge schon angedeutet, daß gewisse Eigentümlichkeiten gerade des Denkens, oder noch besser gesagt, der Gedanken, ins Auge zu fassen sind. 
  43. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie es viele Menschen gibt, die geradezu einen Fehler alles wissenschaftlichen Denkens darinnen sehen, wenn dieses wissenschaftliche Denken nicht nur ein bloßer Abklatsch, gleichsam eine gedankliche Photographie einer äußeren Wirklichkeit ist. 
  44. Denn diese Menschen sagen: Wenn das Denken überhaupt irgendeine Beziehung haben soll zum Realen, zur Wirklichkeit, so darf es aus sich selbst gar nichts zu dieser Wirklichkeit dazubringen; denn in dem Augenblicke, wo das Denken etwas zu der Wirklichkeit hinzubringt, habe man es eben nicht mit einem Abbilde, mit einer Photographie einer Wirklichkeit zu tun, sondern mit einer Phantasie, mit einem Phantasiebilde. 
  45. Und damit man es nicht mit einem solchen Phantasiebilde zu tun habe, müsse man streng daraufsehen, daß niemand in seine Gedanken etwas hereinnehme, was nicht eine bloße Photographie der äußeren Wirklichkeit ist. 
  46. Nun werden Sie durch einen leichten Gedankengang sogleich dahin kommen, sich zu sagen: Ja, für die äußere physische Welt, für das, was wir den physischen Plan nennen, scheint dies ohne weiteres ganz richtig zu sein. 
  47. Es scheint einer ganz richtigen Empfindung zu entsprechen, daß man durch das Denken nichts hinzutun dürfe zu der Wirklichkeit, wenn man nicht statt eines Abbildes der Wirklichkeit Phantasiebilder haben will. 
  48. Für den physischen Plan kann man auch wirklich sagen, daß es absolut richtig ist, sich jeder Zutat des Denkens zu dem, was man da von außen herein durch die Wahrnehmung empfängt, zu enthalten. 
  49. Nun möchte ich Sie gegenüber der Anschauung, die sich in dem eben Ausgesprochenen findet, auf zwei Philosophen aufmerksam machen: auf Aristoteles und Leibniz. 
  50. Aristoteles - gewissermaßen der Zusammenfasser der griechischen Weltanschauung - ist ein Philosoph, der selber nicht mehr in die Geheimnisse der geistigen Welt irgendwie eingeweiht war, aber in der allerersten Zeit nach dem, ich möchte sagen “Einweihungszeitalter” lebte. 
  51. Während vorher alle Philosophen noch irgendwie berührt waren von der Einweihung, wenn sie das, was sie als Eingeweihte wußten, philosophisch ausdrückten - Plato zum Beispiel, der im höchsten Grade eine Art Eingeweihter war, aber sich philosophisch ausgesprochen hat -, muß man bei Aristoteles sagen, daß er auch keine Spur mehr von einer Einweihung hatte, aber doch noch allerlei Nachwirkungen einer Einweihung da waren. 
  52. Das ist also ein Philosoph, der nur philosophisch spricht, ohne Einweihung, ohne irgendeinen Initiationsimpuls, aber in seiner Philosophie dasjenige auf verstandesmäßige Weise gibt, was die Eingeweihten, die vor ihm waren, auf geistige Weise gegeben haben. 
  53. Das ist also Aristoteles. 
  54. Von Aristoteles rührt der Satz her, den wir nun ins Auge fassen wollen. 
  55. [Es wurde an die Tafel geschrieben]: Es ist nichts in der Intelligenz, was nicht in den Sinnen ist. 
  56. Also halten wir einmal diesen Satz fest: Es ist nichts in der - wir können dazusetzen - “menschlichen” Intelligenz, was nicht in den Sinnen ist. 
  57. Dieser Satz des Aristoteles darf in keiner Art materialistisch gedeutet werden, denn Aristoteles ist weit entfernt von einer jeden auch nur irgendwie materialistisch gefärbten Weltanschauung. 
  58. Dieser Satz ist bei Aristoteles nicht weltanschauungsmäßig, sondern erkenntnistheoretisch zu nehmen. 
  59. Das heißt, Aristoteles lehnt es ab, daran zu glauben, daß man von innen heraus Erkenntnisse über irgendeine Welt erhalten könne, sondern behauptet, man kann Erkenntnisse nur dadurch haben, daß man die Sinne auf die Außenwelt richtet, daß man Sinneseindrücke empfängt und sich dann durch den Verstand von diesen Sinneseindrücken Begriffe macht; aber daß man mit den Sinneseindrücken Geistiges herein empfängt, das leugnet er natürlich nicht ab. 
  60. Er denkt die Natur durchdrungen von dem Geist; nur kann man, so meint er, nicht auf das Geistige kommen, wenn man nicht hinausblickt in die Natur. 
  61. Hier merken Sie doch den Unterschied zum Materialisten. 
  62. Der Materialist schließt: draußen sei nur Materielles, und man mache sich nur Begriffe vom Materiellen. 
  63. Aristoteles denkt die ganze Natur durchgeistigt, aber den Weg der menschlichen Seele, um zum Geiste zu kommen, als einen solchen, daß man von der Sinnesanschauung ausgehen und die Sinneseindrücke zu Begriffen verarbeiten muß. 
  64. Wäre Aristoteles noch selber berührt gewesen von einem Initiationsimpuls, so würde er das nicht gesagt haben; denn dann würde er gewußt haben, daß, wenn man sich frei macht von der Sinnesanschauung auf die Art, wie wir es geschildert haben, man von innen heraus Erkenntnis der geistigen Welt erlangt. 
  65. Also nicht ableugnen wollte er die geistige Welt, sondern nur den Weg zeigen, den die menschliche Erkenntnis nehmen muß. 
  66. Dieser Satz hat dann im Mittelalter eine große Rolle gespielt und ist in der materialistischen Zeit materialistisch umgedeutet worden. 
  67. Man braucht ja in diesem Satz des Aristoteles - es gibt nichts in der Welt für den Intellekt, was nicht in den Sinnen ist - nur ein Kleines zu verändern, so haben wir gleich den Materialismus daraus gebildet. 
  68. Nicht wahr, man braucht nur dasjenige, was im Sinne des Aristoteles menschlicher Erkenntnisweg ist, zum Prinzip einer Weltanschauung zu machen, dann haben wir den Materialismus. 
  69. Leibniz trat mit einem ähnlichen Satze auf, und auch diesen Satz wollen wir uns ansehen. 
  70. Leibniz liegt ja noch gar nicht so weit hinter uns; im 17. Jahrhundert. 
  71. Diesen Satz des Leibniz wollen wir uns nun auch vor die Seele führen. 
  72. Also Leibniz sagt nun: Es ist nichts in der, wir können wieder sagen, “menschlichen” Intelligenz - ich setze nur “menschlichen” dazu -, was nicht in den Sinnen ist, außer der Intelligenz selbst, außer dem Intellekt selbst. 
  73. [Es wurde an die Tafel geschrieben]: Es ist nichts in der menschlichen Intelligenz, was nicht in den Sinnen ist, außer der Intelligenz selbst, außer dem Intellekt selbst. 
  74. Also der Intellekt, den der Mensch arbeitend in sich hat, der ist nicht in den Sinnen. 
  75. Gerade in diesen zwei Sätzen sehen Sie so rechte Schulbeispiele davon, wie man ganz einverstanden sein kann mit der Formulierung eines Satzes, und wie der Satz doch unvollständig sein kann. 
  76. Nun will ich mich jetzt nicht darüber ergehen, inwiefern auch noch dieser Satz des Leibniz philosophisch unvollständig ist. 
  77. Halten wir nur zunächst fest, daß Leibniz der Anschauung war, daß der Intellekt selber nicht in den Sinnen irgendwie schon begründet ist, sondern daß der Mensch zu dem, was ihm die Sinne geben, die Arbeit des Intellekts hinzubringen müsse. 
  78. So daß man sagen kann: Der Intellekt selber ist eine innere Tätigkeit, die noch nicht durch die Sinne gegangen ist. 
  79. Wenn Sie die letzten Vorträge verfolgt haben, so wissen Sie, daß diese innere Arbeit schon frei von den Sinnen ist und im Ätherleib des Menschen stattfindet. 
  80. In unserer Sprache können wir sagen: 
  81. Es ist nichts in der im Ätherleib arbeitenden Intelligenz, was nicht in den Sinnen ist, außer der im Ätherleib arbeitenden Intelligenz selber; was da drinnen arbeitet, das kommt nicht aus den Sinnen herein. 
  82. Das Denken als solches ist aber in Wirklichkeit, wenn man es recht in wahrer Selbsterkenntnis betrachtet, dieses Arbeiten im Ätherleib, und das nennen die Philosophen den Intellekt. 
  83. Dieses Denken ist also eine Arbeit, ein Arbeiten können wir sagen. 
  84. Und weil für unser geisteswissenschaftliches Einsehen Leibniz, wenn er auch nicht absolut recht hat, doch mehr recht hat als Aristoteles, so können wir sagen: Dieses Denken - besser ausgedrückt, diese denkerische Betätigung, dieses denkerische Arbeiten im Menschen, das eine Verrichtung des Ätherleibes ist -, das ist nicht in der äußeren Wirklichkeit des physischen Planes. 
  85. Denn der physische Plan erschöpft sich ja in dem, was er uns durch die Sinne erkennen läßt. 
  86. Also, indem wir uns als Mensch hineinstellen in den physischen Plan, bringen wir in diesen den Intellekt hinein, der aber selbst nicht in der physischen Welt darinnen ist. 
  87. Und hier kommen wir nun darauf, worin die Schwierigkeit derjenigen Philosophen Hegt, welche durch den Intellekt hinter das Welträtsel kommen wollen. 
  88. Die Leute müssen sich sagen: Ja, wenn ich es recht bedenke, so gehört der Intellekt der Sinnenwelt ja nicht an; aber ich bin nun in einer eigentümlichen Lage. 
  89. Ich weiß von keiner anderen geistigen Welt als nur dem Intellekt; der ist eine geistige Welt hinter der Sinnlichkeit. 
  90. Was habe ich also vom Intellekt? 
  91. Er kann ja nichts bekommen, keinen Inhalt, wenn er sich nicht von der äußeren physischen Welt durch die Sinne unterrichtet. 
  92. Er ist nur für sich dastehend. - Da aber steht dann der Philosoph vor einer eigentlich recht eigentümlichen Sache. 
  93. Er muß sich ja überlegen: Ich habe in mir eine Tätigkeit, die Tätigkeit des Intellekts. 
  94. Durch diese Tätigkeit des Intellekts will ich hinter die Geheimnisse der Sinneswelt kommen. 
  95. Doch kann ich mir von dem, was da draußen in der Sinneswelt ist, ja nur Gedanken machen; diese entstehen aber durch etwas, was selber nicht der Sinneswelt angehört. 
  96. Also was haben diese Gedanken denn mit der Sinneswelt zu tun? 
  97. Wenn ich nun auch weiß, daß der Intellekt ein Geistiges ist, so muß ich doch daran verzweifeln, daß ich durch das Geistige, welches ich da habe, an irgend etwas herankäme, was Wirklichkeit ist. 
  98. Nun will ich durch einen Vergleich versuchen, der Sache nahezukommen. 
  99. Wir haben ja dieselbe Sache in den letzten Vorträgen in einer anderen Art ausgedrückt. 
  100. Wir haben sie dadurch ausgedrückt, daß wir uns dahin geführt haben, zu erkennen, daß wir in dem, was wir durch unser Denken zustandebringen, Spiegelbilder der Wirklichkeit haben, daß diese Spiegelbilder eigentlich zur Wirklichkeit hinzukommen und selber keine Realitäten sind. 
  101. Sehen Sie, das ist dieselbe Wahrheit, die hier nur philosophisch anders ausgedrückt wird. 
  102. Wir mußten sagen: der Intellekt bildet Spiegelbilder. 
  103. Diese Spiegelbilder als Bild der Wirklichkeit, die abgespiegelt wird, sind der Wirklichkeit gleichgültig, denn die Wirklichkeit, die abgespiegelt wird, die braucht ja diese Spiegelbilder nicht. 
  104. So daß man dazu kommen könnte, überhaupt an der ganzen Realitat, an dem ganzen Realitätswert des Denkens, der Intelligenz zu zweifeln, sich zu fragen: Hat denn das Denken eine reale Bedeutung? 
  105. Bringt es nicht eigentlich schon durch das, was es ist, etwas zu der äußeren Wirklichkeit hinzu? 
  106. Hat irgendein einzelner Gedanke einen realen Wert, wenn er eigentlich im Verhältnis zur Wirklichkeit nichts anderes ist als ein Spiegelbild? 
  107. Wir wollen uns nun aber bemühen, richtig die Realität des Gedankens aufzusuchen. 
  108. Mit anderen Worten, wir wollen die Frage beantworten: Ist denn der Gedanke nun wirklich etwas bloß Eingebildetes, das gar keinen realen Wert hat? 
  109. Oder, wir können von einer anderen Seite die Frage anfassen: Wo hat denn der Gedanke eine Realität? - Nun, ich sagte schon, ich will versuchen, durch einen Vergleich das anschaulich zu machen. 
  110. Hier liegt eine Uhr; ich hebe die Uhr auf, habe die Uhr jetzt in der Hand. 
  111. Alles was an der Uhr ist, ist außerhalb der Muskeln und der Nerven meiner Hand. 
  112. Meine Hand und die Uhr sind zweierlei. 
  113. Aber nehmen wir nun an, es sei hier finster, ich hätte die Uhr nie gesehen und würde die Uhr nur durch das Gefühl wahrnehmen, so würde ich etwas von der Uhr wahrnehmen dadurch, daß ich meine Hand ausstrecke und die Uhr ergreife. 
  114. Lenken Sie die Aufmerksamkeit auf die Uhr, so werden Sie sich sagen, von der Realität der Uhr kann ich dadurch etwas erfahren, daß ich sie in der Hand habe, daß ich sie ergreife. 
  115. Aber nehmen wir zunächst für einen Augenblick hypothetisch an, ich hätte nur eine Hand und keine zwei, so würde ich nicht mit der zweiten Hand die erste ergreifen können, wie ich sie nun tatsächlich ergreifen kann. 
  116. Mit meiner einen Hand würde ich wohl die Uhr ergreifen können, aber die Hand selber würde ich nicht anfassen können mit einer anderen Hand, höchstens mit der Nase berühren, davon wollen wir aber jetzt absehen, nicht wahr. 
  117. Dennoch ist die Hand ebenso real wie die Uhr. 
  118. Wie überzeuge ich mich von der Realität der Uhr? 
  119. Dadurch, daß ich sie in die Hand nehme, anfasse. 
  120. Wie überzeuge ich mich von der Realität der Hand? 
  121. Ich könnte mich nicht dadurch überzeugen, daß ich sie anfasse, wenn ich nicht eine zweite Hand hätte; aber ich weiß doch aus innerer Gewißheit heraus, daß ich eine Hand habe, daß ich das, was ich an mir habe, um die Uhr zu ergreifen, ebenso real habe, wie ich die Uhr real verbürgen kann, indem ich sie angreife. 
  122. Merken Sie den Unterschied zwischen der realen Hand und der realen Uhr? 
  123. Ich muß die Realität der Hand auf eine andere Art erfahren als die Realität der Uhr. 
  124. Sie können diesen Vergleich ganz übertragen auf das Menschendenken, auf den Intellekt. 
  125. Sie können niemals dasjenige, was der Intellekt begreift, durch den Intellekt selber so unmittelbar erfassen; geradesowenig wie Sie mit einer Hand die Hand selber anfassen können. 
  126. Der Intellekt kann sich selbst nicht so wahrnehmen, wie er die anderen Dinge wahrnimmt; aber er ist doch von seiner Realität durch innere Gewißheit überzeugt. 
  127. Es ist eine innere Gewißheit, wodurch der Intellekt von seiner Realität überzeugt ist. 
  128. Aber man muß dann diesen Intellekt, dieses Arbeiten des Intellektes eben als eine Tätigkeit des menschlichen Subjektes auffassen; man muß sich klar sein, daß der Intellekt geistig gleichsam nur eine Hand ist, die ausgestreckt wird, um etwas zu ergreifen. 
  129. Das alles ist bildlich gesprochen, aber es sind sehr reale Bilder. 
  130. Und ebenso, wie einerseits meine Hand imstande ist, mich von der Realität der Uhr zu überzeugen - dadurch nämlich, daß ich zum Beispiel in der Lage bin, mit der Hand die Schwere der Uhr, die Glätte der Uhr zu fühlen, ich also in der Lage bin, durch die Beschaffenheit meiner Hand alles das zu erfahren, was an der Uhr real ist -, so bin ich auf der anderen Seite durch das Reale des Intellekts in der Lage, anderes über die Dinge zu erfahren, als was die Sinne erfahren. 
  131. Der Intellekt ist also ein Greiforgan im geistigen Sinne, das wir an uns wahrnehmen müssen, nicht in der Außenwelt. 
  132. Und sehen Sie, hier liegt die Schwierigkeit für die Philosophen. 
  133. Sie glauben, wenn sie Gedanken bekommen über die Welt, dann müßten ihnen die Gedanken von außen herein kommen, und dann merken sie, sie kommen gar nicht von außen herein, sondern der Intellekt macht diese Gedanken. 
  134. Und da sie den Intellekt als fremd der äußeren Wirklichkeit betrachten, so müssen sie eigentlich alle Gedanken als Phantasiebilder betrachten. 
  135. Aber man muß dem Intellekt eine subjektive Realität zuschreiben, eine Realität, die innerlich erlebt ist. 
  136. Dann hat man das Gebiet der Realität, in dem der Intellekt wahrgenommen wird. 
  137. So kommen wir, indem wir die eigentliche Natur des Intellektes prüfen, dahin, uns sagen zu können: Jawohl, alles, was der Intellekt zustande bringt, darf oder braucht nur ein Spiegelbild von der äußeren Realität zu sein, aber es ist dieses Spiegelbild entstanden durch die Arbeit des realen Intellekts. 
  138. Das ist eine menschliche Betätigung. 
  139. Deren Realität besteht darin, daß der Mensch arbeitet, indem er sich durch den Intellekt von der Realität des Intellekts Kenntnis verschafft. 
  140. So daß wir sagen können, die intellektuelle Tätigkeit des Menschen, die arbeitet in dem Menschen, aber sie arbeitet zunächst so, daß es ganz berechtigt ist zu sagen: 
  141. Das, was dieser Intellekt erarbeitet, hat für die Welt, in der er arbeitet, keine Bedeutung - so wie für die Uhr die Hand keine Bedeutung hat; für die Uhr ist es höchst gleichgültig, ob sie von der Hand ergriffen ist oder nicht -, es ist etwas, was für den Menschen und am Menschen da ist, daß er sich durch den Intellekt irgendwelche Bilder von den Dingen macht. 
  142. In bezug auf die Dinge des physischen Planes ist aber alles, was dieser Intellekt erarbeitet, unreal, Spiegelbild, tot, nichts Lebendiges. 
  143. Wir können sagen, die im Intellekt erarbeiteten Bilder der physischen Welt sind leblose, tote Bilder. 
  144. [Es wurde an die Tafel geschrieben]: Intellektuelle Tätigkeit - tote Bilder. 
  145. So sind auch die Bilder, die sich der Mensch von der physischen Welt macht, tote Bilder. 
  146. Man verkennt die eigentliche Natur dieses Inhaltes des Intellekts, wenn man ihm etwas anderes zuschreibt, als daß er ein Abklatsch sein kann von der physischen Welt. 
  147. Aber die Sache wird sogleich ganz anders, wenn der Mensch dazu kommt, mit den Erlebnissen seines Daseins in der Zeit zu leben. 
  148. Wenn wir den Dingen der Außenwelt gegenüberstehen und uns durch den Intellekt Bilder von ihnen machen, so bekommen wir tote Begriffe; aber wenn wir diese Begriffe in unserer Seele anwesend sein lassen, so können wir nach einiger Zeit, wenn das Erlebnis, von dem wir uns ein Bild gemacht haben, längst vorbei ist, durch die Erinnerung, wie wir sagen, das Bild dieses Erlebnisses aus der Erinnerung heraufholen. 
  149. Wir können sagen: Ja, jetzt weiß ich nichts von dem Erlebnis; aber wenn ich mich erinnere, dann kommt es herauf. 
  150. Zwar war es nicht in meinem Bewußtsein, bevor ich mich erinnert habe, aber es ist da, irgendwo in meiner Seele unten, also unbewußt, ich muß es nur erst aus dem Unbewußten heraufholen. 
  151. Das Bild eines vergangenen Erlebnisses, das ich gesehen habe in der Vergangenheit, ist also da unten im Unbewußten. 
  152. Schön, da unten ist es, da hole ich es herauf. 
  153. Aber da unten ist es nicht so bedeutungslos. 
  154. Sie brauchen nur den ganz gewöhnlichen Unterschied zu nehmen zwischen einer Vorstellung, die wir von einem Erlebnis so empfangen, daß sie uns Freude gemacht hat, uns erhoben hat, und einer Vorstellung von irgendeinem Erlebnis, das uns keine Freude gemacht hat. 
  155. Wir können nun eine Vorstellung, die uns Freude gemacht, ins Unbewußte hinunterdrängen, und können eine Vorstellung, die uns keine Freude gemacht hat, ins Unbewußte hinunterdrängen. 
  156. Das, was nun über den Unterschied solch einer freudebereitenden und einer trauer-, einer schmerzbereitenden Vorstellung zu sagen ist, das überlegen sich die wenigsten Menschen. 
  157. Aber es ist ein gewaltiger Unterschied. 
  158. Und dieser Unterschied tritt insbesondere dann auf, wenn man versucht, hinter den Wirklichkeitswert von solchen Vorstellungen zu kommen, die eigentlich schon aus der normalen Erinnerung geschwunden sind. 
  159. Wir wollen uns also an eine Vorstellung halten, an der der Mensch wohl Freude gehabt hat, aber an die er keine Veranlassung gehabt hat, im späteren Leben wieder zurückzudenken, oder an eine Vorstellung, die ihm Schmerz gemacht hat, und an die er auch wenig Veranlassung hatte zurückzudenken. 
  160. Sie kommen nicht in sein Bewußtsein herauf, aber sie spielen im unbewußten Seelenleben eine Rolle. 
  161. Wenn die Menschen nur aus Geisteswissenschaft heraus erkennen wollten, was in der Seele aufgespeicherte Vorstellungen bedeuten, auch wenn sie ganz vergessen sind. 
  162. Wir sind eigentlich immer das Ergebnis unserer Erlebnisse. 
  163. Welches Antlitz wir an uns tragen, namentlich in der intimeren Gebärde, das ist wirklich ein Abklatsch desjenigen, was wir erlebt haben in unserer diesmaligen Inkarnation. 
  164. Man kann Menschen, die in ihrer Kindheit viel Trauriges erlebt haben, dies an ihrem Gesicht ablesen. 
  165. Also das, was da unten vorgeht, ist, mit andern Worten, an den Lebensvorgängen des Menschen beteiligt. 
  166. Was an hemmenden, traurigen Vorstellungen in die Vergessenheit, ins Unbewußte hinuntergedrängt wird, das zehrt an uns, es unterbindet uns die Lebenskraft. 
  167. Das, was wir an Freudigem, an Erhebendem erlebt haben, das belebt uns. 
  168. Und wenn man das Schicksal unseres Vorstellungslebens im Unbewußten studiert, dann findet man, wie ungeheuer abhängig die gegenwärtige Stimmung, die ganze Verfassung eines Menschen von dem ist, was da in seinem 
  169. Unterbewußtsein unten ruht. 
  170. Jetzt vergleichen Sie die Erinnerungsvorstellungen, die Vorstellungen, die dann schon in das unbewußte Seelenleben hineingegangen sind, mit den Vorstellungen, die wir gegenwärtig im Bewußtsein haben. 
  171. Dann werden Sie sich sagen: Die Vorstellungen, die wir gegenwärtig im Bewußtsein haben, sind tot. 
  172. Tote Vorstellungen beteiligen sich nicht an unserem Lebensprozeß. 
  173. Erst wenn sie ins Unbewußte hinuntertauchen, fangen sie an, sich am Lebensprozeß zu beteiligen und werden dann lebenfördernde oder lebenhemmende Vorstellungen. 
  174. So daß die Vorstellungen dadurch, daß sie hinuntergedrängt werden in die tieferen Untergründe der Seele, erst so richtig zu leben beginnen. 
  175. Ich habe in den Vorträgen, die ich an verschiedenen Orten über die verborgenen Gründe des Seelenlebens gehalten habe, immer darauf aufmerksam gemacht. 
  176. Also die Vorstellungen, die zunächst tote Vorstellungen sind, fangen an zu leben, wenn sie unserem Seelenleben eingepflanzt werden; aber sie leben um so mehr, je unbewußter sie uns werden. 
  177. Wenn man nun mit geisteswissenschaftlicher Erkenntnis den Prozeß verfolgt, dann geschieht da etwas sehr Eigentümliches, das ich eigentlich nur so bezeichnen kann [es wird zu zeichnen begonnen]: 
  178. Nehmen Sie an, hier sei die Grenze zwischen bewußt und unbewußt; diese Linie, dieser Strich sei die Grenze zwischen “bewußt”, das oben ist, und “unbewußt”, das unten ist. 
  179. Und nun haben wir uns in unserem Bewußtsein allerlei Vorstellungen gebildet. 
  180. Ich will sie schematisch bezeichnen durch allerlei Figuren. 
  181. Diese Vorstellungen haben wir uns gebildet; nehmen wir an, diese Vorstellungen gehen ins Unbewußte hinunter. 
  182. Sie gehen da hinunter [es wurden die Pfeile gezeichnet]. 
  183. (figure on page 25 of the PDF)
  184. Ja, sehen Sie, wenn nun mit geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen diese Vorstellungen, die da hinuntergehen, verfolgt werden, dann verwandeln sie sich. 
  185. Äußerlich haben wir erkannt, daß sie lebenfördernd oder lebenhemmend werden; innerlich zeigt sich durch die geisteswissenschaftliche Erkenntnis, daß sie, indem sie gleichsam unter die Oberfläche hinuntergleiten, Imaginationen werden. 
  186. Da im Un- oder Unterbewußten, da wird alles, was hinuntergeht, Imagination, alles wird Bild. 
  187. Sie können in Ihrem gewöhnlichen Tagesbewußtsein die abstraktesten Vorstellungen haben: wenn Sie unter die Schwelle des gewöhnlichen Tagesbewußtseins hinuntergehen, so wird alles Imagination. 
  188. Das heißt, es ist im Menschen ein Prozeß, eine Summe von Vorgängen, die stets bemüht ist - dadurch, daß die toten Vorstellungen des irdischen, gewöhnlichen, materialistischen Bewußtseins ins Unterbewußte gehen -, in jedem Menschen, bevor er zum imaginativen Erkennen kommt, im Unbewußten alle seine Bewußtseinsvorstellungen in Bilder, in Imaginationen zu verwandeln. 
  189. Wollen wir also das, was wir im Unbewußten von unserem Vorstellungsleben haben, bezeichnen, wollen wir es kennenlernen, dann müssen wir eigentlich sagen: das alles besteht aus unbewußten Imaginationen, und alle Vorstellungen, die wir wiederum aus dem Unbewußten ins Bewußte heraufheben können, müssen wir durch eine Tätigkeit, die uns auch unbewußt bleibt, heraufbringen. 
  190. Wir müssen sie wieder ins Bewußtsein zurückbringen, aber sie ihres Bildcharakters entkleiden, sie wieder in abstrakte, in unbildliche Vorstellungen zurückverwandeln. 
  191. Und wenn Sie in der Tätigkeit sind, daß Sie nachdenken: Ach, ich habe da etwas erlebt; was war es denn nur? - und sich bemühen - Sie kennen ja alle den Prozeß -, sich an etwas zu erinnern, dann ist es die Anstrengung, der Sie sich hingeben müssen, um das Bild, das da unten sitzt, des Bildcharakters zu entkleiden und in die Vorstellungsform des Bewußtseins wieder zurückzuverwandeln. 
  192. Daraus aber werden Sie ersehen, daß die Vorstellungen, wenn wir sie in das Unbewußte hinunterdrängen, geistiger werden. 
  193. Wir müssen also sagen: Wenn wir das, was uns der Intellekt bietet, ins Unbewußte aufnehmen, dann müssen wir die Vorstellungswelt, die da in uns ist und die wir hinuntergestoßen haben, als eine höhere, als eine geistigere Welt charakterisieren. 
  194. Wir müssen also sagen: Die Welt der Erinnerungsmöglichkeit - bitte wohl zu beachten, daß ich sage, die Welt der Erinnerungsmöglictikeit; es brauchen ja nicht alle Vorstellungen, die da hinuntergehen, wieder einmal erinnert zu werden, aber sie sind doch alle da unten im unbewußten Seelenleben -, die Welt der Erinnerungsmöglichkeit besteht eigentlich in Imaginationen, in unbewußten Imaginationen. 
  195. [Es wurde an die Tafel geschrieben]: Welt der Erinnerungsmöglichkeit - Imaginationen. 
  196. Nun besteht für das normale Bewußtsein des Menschen zuweilen die Möglichkeit - und über andere solche Möglichkeiten werden wir ja vielleicht in den nächsten Tagen sprechen können -, diese Bilder, die sonst niemals von der Erinnerungsmöglichkeit in die Erinnerungswirklichkeit übergehen würden, ins Bewußtsein heraufzubekommen. 
  197. Nehmen Sie die Erfahrungen, die manchmal Ertrinkende machen! Und könnten Sie damit vergleichen die Erfahrungen, die diejenigen Menschen machen, welche durch die Pforte des Todes gegangen sind, so würden Sie finden, daß selbst da manche Vorstellung, wo die Anstrengung im gewöhnlichen physischen Leben nicht ausreicht, sie wieder heraufzubringen, dann wie von selbst heraufgeht. 
  198. Aber Episoden, Teile gehen auch herauf in der gewöhnlichen Traumeswelt. 
  199. Auch der Traum, so wie er uns entgegentritt, ist ja eine komplizierte Wirklichkeit, denn dasjenige, was erlebt wird, liegt eigentlich vielfach dahinter. 
  200. Aber die Vorstellungen, die wir darüberhüllen, die sind aus der Erinnerung entnommen. 
  201. Also der Traum, die Erfahrungen der mit dem Tode Ringenden, wie Ertrinkende und dergleichen, und Erfahrungen, die unmittelbar nach dem Durchgehen durch die Todespforte gemacht werden, die zeigen diese Welt der Imagination, die eine geistigere Welt ist als die Welt der gewöhnlichen menschlichen Intelligenz auf dem physischen Plan. 
  202. Wenn Sie aber das nehmen, was ich vorhin geschildert habe, daß diese Vorstellungen, die in die Region der Erinnerungsmöglichkeit übergegangen sind, an der Lebensförderung oder Lebenshemmung arbeiten, so werden Sie sich sagen: Da ist etwas Leben drinnen. 
  203. Während die Vorstellungen des gewöhnlichen Intellektes tot sind, kommt da etwas Leben hinein, doch es ist kein besonders starkes Leben drinnen. 
  204. Aber auch da kann schon die gewöhnliche Erfahrung etwas bieten, was Ihnen zeigen kann, daß doch das, was mit diesen in die unterbewußte Region hinabtretenden Vorstellungen vorgeht, ein noch stärkeres Leben bedeuten kann. 
  205. Ich habe die sehr gewöhnliche Tatsache schon hervorgehoben, daß Leute, die etwas auswendig zu lernen haben, um es dann aufzusagen, zu rezitieren, das lernen und beschlafen, und daß dieses Beschlafen dazugehört, um das Gedächtnis fähiger zu machen. 
  206. Das ist allerdings nur eine leise Hindeutung auf etwas, was die Geisteswissenschaft viel klarer, ja vollständig klar zeigt, nämlich, daß unsere gesamte Vorstellungswelt, indem wir sie ausbilden und ins Unterbewußte hinunterdrängen, im Unterbewußten immer lebendiger und lebendiger wird, während sie im Bewußtsein tot ist. 
  207. Nun sind aber die Vorstellungen, welche wieder heraufkommen, noch gar nicht einmal diejenigen, die am meisten an der Lebensförderung oder Lebenshemmung beteiligt sind, sondern diejenigen Vorstellungen sind es, die sich viel inniger noch mit uns verbinden. 
  208. Vorstellungen, die wir oftmals sogar nur wie das Leben begleitend aufnehmen, gar nicht einmal so ungemein stark im Leben beachten, die verbinden sich mit unseren lebenfördernden oder lebenhemmenden Kräften in viel stärkerem Maße. 
  209. Nehmen wir einmal an, jemand beschäftige sich mit Geisteswissenschaft. 
  210. Er nimmt sie zunächst auf, diese Geisteswissenschaft, als erarbeitet durch den physischen Intellekt. 
  211. Davon muß er ja ausgehen. 
  212. Wir müssen anknüpfen an das, was der physische Intellekt durch die Sinne wahrnimmt. 
  213. Ich könnte ja sonst gar nicht über die geistige Welt sprechen, weil die Sprache für die physische Welt da ist. 
  214. Aber es ist doch ein Unterschied, wie wir, ich möchte sagen, in das Leben eingekleidet solch eine Vorstellungswelt aufnehmen. 
  215. Nehmen Sie einmal an, ein Mensch nimmt die Wahrheiten der Geisteswissenschaft in Ernst und Würde auf, gleichsam so, daß er fühlt: Ernst, tiefer Ernst ist dabei. 
  216. Ein anderer Mensch nimmt die Vorstellungen der Geisteswissenschaft so auf, daß er sie eigentlich nur theoretisch anhört und sie nicht sehr ernst an sich herankommen läßt. 
  217. Der eine nimmt sie gleichsam in einer Atmosphäre der Oberflächlichkeit, der andere in einer Atmosphäre des Ernstes auf. 
  218. Es braucht uns gar nicht stark zum Bewußtsein zu kommen, wie wir sie aufnehmen; das hängt so mehr zusammen mit dem, wie man durchs Leben geht, ohne immer darüber nachzudenken. 
  219. Wer dazu veranlagt ist oder sich gewöhnt hat, die Dinge, die ernst zu nehmen sind, eben ernst zu nehmen und nicht frivol oder zynisch, der denkt nicht immer erst nach, wie er sie aufzufassen hat, er benimmt sich ernst und natürlich. 
  220. Ebenso nimmt sie der, der nur oberflächlich veranlagt ist, in Oberflächlichkeit auf; er kann nicht anders. 
  221. Damit begleiten wir unser Vorstellungsleben mit etwas, was wir uns nicht zur Vorstellung bringen, was wirklich etwas ist, das neben dem Bewußten einhergeht. 
  222. Aber was da neben dem Bewußtsein einhergeht, geht viel tiefer ins Unbewußte hinunter als dasjenige, was wir ganz bewußt denken. 
  223. Die Art, wie wir also unsere Vorstellungen uns bilden, die geht viel tiefer ins Unbewußte hinunter als das, was wir bewußt denken. 
  224. Und wenn der Mensch schläft und sein astralischer Leib und sein Ich heraus sind aus dem physischen und Ätherleib, dann spielt in dem astralischen Leib und Ich diese Art, die Vorstellungen sich zu bilden, eine unendlich große Rolle. 
  225. Da kann man sagen: Wer mit dem nötigen Ernst irgendwelche Vorstellungen aufnimmt, der hat diese Vorstellungen in seinem Astralleibe und in seinem Ich so, daß sie da drinnen sind wie belebende Sonnenkraft für die Pflanze. 
  226. Es sind wirklich im höchsten Grad belebende Kräfte. 
  227. Und er nimmt in diese Vorstellungen das hinein, was belebend ist, belebend und über die gegenwärtige Inkarnation hinausgehend, und die Vorbedingungen schafiFend für die nächste Inkarnation. 
  228. Da zeigt sich schon durch die schaffende Seele, daß Sie etwas im Unterbewußten haben, was geistiger ist als das, was durch den Traum heraufgeholt werden kann. 
  229. Da haben wir eine Welt des unbewußten Vorstellungslebens, zusammenhängend mit dem ganzen Wesenskern des Menschen. 
  230. Es dringt diese Art, das Leben zu nehmen, gleichsam in unsere geistigen Lebenskräfte ein, und es ist ganz gleich unbewußter Inspiration. 
  231. [Es wurde an die Tafel geschrieben]: Welt des unbewußten Vorstellungslebens - Inspirationen. 
  232. Ich werde Ihnen dann darlegen - heute ist nicht mehr die Zeit dazu - wie schon das gewöhnliche Leben zeigt, daß diese unbewußten Inspirationen unbewußt dann doch im Menschen auch schon in der Inkarnation, in der sie gebildet werden, wirken, aber eben unbewußt. 
  233. Dann werde ich Ihnen weiter zeigen, daß es noch eine höhere Welt für den Menschen gibt. 
  234. Aber Sie sehen aus dem heute Dargestellten, daß das menschliche Seelenleben eine innere Bewegung hat, daß dasjenige, was auf dem physischen Plan durch die physische Intelligenz erlebt wird, weiter unten erlebt wird, daß es dann hinaufsteigt in geistigere Regionen, in noch geistigere Regionen zuletzt, als wir es auf dem physischen Plan erleben. 
  235. [Es wurden die Pfeile gezeichnet.] 
  236. Also das Vorstellungsleben ist in innerer Bewegung, in aufsteigender Bewegung. 
  237. Und jetzt erinnern Sie sich an das, was ich Ihnen gestern aufgezeichnet habe: wie gewisse Prozesse des Menschen in absteigender Bewegung dargestellt waren. 
  238. So daß Sic sich sagen können: Wenn ich den Menschen vor mir habe, so ist im Menschen eine absteigende Strömung und eine aufsteigende Strömung, und die wirken zusammen. 
  239. Wie sie zusammenwirken, das wird dann morgen zu besprechen sein. 
  240. (figure on page 30 of the PDF)