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Friedrich Rittelmeyer
Meine Gespräche mit
Rudolf Steiner
Urachhaus
Friedrich Rittelmeyer
Meine Gespräche mit
Rudolf Steiner
Urachhaus
Friedrich Rittelmeyer
Meine Gespräche mit Rudolf Steiner
Urachhaus
Inhalt
Geleitwort
Vorwort
Die Einleitung Friedrich Rittelmeyers
Marcello Haugen
Eigenes geistiges Forschen
Manu
Die sieben Meister
Meister Jesus
Mani
Der Bodhisattva
Meister – Inkorporationen
Meister und Evangelien
Eigene frühere Verkörperung
Der Irrtum einer Hellseherin
Anregung zu eigener karmischer Forschung
Johannes der Evangelist
Bestätigung eigener Erkenntnisse
Christus-Verständnis
Die Sterne
Kuppelmalerei und Farben
Hierarchien und Trinität
Luther und Rittelmeyers Aufgabe
Rittelmeyers Antrittspredigt in Berlin
Predigthilfe
Schüler und Lehrer
Esoterische Fortschritte
Rittelmeyers Sturz
Ein Irrtum
Der medizinisch Ratende
Deutung innerer Erlebnisse
Lockere Gespräche
Unausgesprochenes
Judas
Leichte Ablehnung und Bereitwilligkeit
Telegramme
Dreigliederung
Anthroposophische Gesellschaft
Volk Israel in Ägypten
Bengels Prophezeiung
Der Sturm am Pfingstfest
Influenza
Die Templer, der Tod Schillers und der kommende Krieg
Das Amt des Erzoberlenkers in der Christengemeinschaft
Die Entstehung der Menschenweihehandlung
Das Jahr 1924
Schlusswort
Anhang – Der Himmel
Anmerkungen
Impressum
Geleitwort
Die
hier erstmals veröffentlichten Erinnerungen an Gespräche mit Rudolf
Steiner hat Friedrich Rittelmeyer – aus in seiner Einleitung
beschriebenen Gründen – nicht mit in sein Buch Meine Lebensbegegnung
mit Rudolf Steiner aufgenommen. So sehr diese Gründe auch heute noch
nachvollziehbar sind, so erscheint es uns doch richtig, diese
Erinnerungen einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Die
oft überraschenden, z. T. erschütternden, manchmal auch nicht leicht
verständlichen Mitteilungen betreffen Inhalte, die Rudolf Steiner
damals nur seinen fortgeschrittensten Schülern anvertrauen wollte.
Auf
Fragen Rittelmeyers, warum er über diese Dinge nicht auch in seinen
Vorträgen spreche, antwortete er: »Weil in der Menschheit heute noch
kein Aufnahmevermögen da ist für solche Wahrheiten.« (Lebensbegegnung,
S. 58) Oder an anderer Stelle: »Weil keine Ohren da sind, die es hören
können.« (Siehe S. 38 in diesem Band.)
Auch Friedrich Rittelmeyer
scheute sich, manches ihm von Rudolf Steiner Übermittelte an seine
Kollegen weiterzugeben, weil er auch bei ihnen die dafür notwendige
Unbefangenheit vermisste. (Siehe S. 70.)
Diese »Gespräche«
ermöglichen zudem auch einen tieferen Einblick in Rittelmeyers eigene
Bemühungen um geistige Erkenntnisse – und sie vermitteln einen Eindruck
dessen, wie ihm Rudolf Steiner dabei helfend zur Seite stand.
Der im
Anhang abgedruckte Aufsatz »Der Himmel« (siehe S. 101) ist ein heute
kaum mehr bekanntes, eindrucksvolles Beispiel für Rittelmeyers eigene
meditative Forschung.
Berlin, August 2016 Vicke von Behr
Vorwort
Im
Jahr 1928 hat Friedrich Rittelmeyer viele seiner Erlebnisse und
Gespräche mit Rudolf Steiner unter dem Titel Meine Lebensbegegnung mit
Rudolf Steiner (LRS) aufgeschrieben und veröffentlicht. Er war einer
der Ersten, die ihre Erlebnisse mit Rudolf Steiner auf diese Weise
allen Menschen zugänglich gemacht haben, und sein Buch hat von allen
Schilderungen, die die Schüler Rudolf Steiners von ihren Begegnungen
und Erfahrungen mit ihm veröffentlicht haben, die weiteste Verbreitung
gefunden. 2015 erschien Rittelmeyers Buch in
13. Auflage. Diese
Tatsache zeugt davon, dass viele Menschen durch Rittelmeyer einen
wesentlichen Eindruck von der Person Rudolf Steiners erhalten haben.
Rittelmeyer
war sich der Grenzen seiner Darstellung sehr bewusst. Das geht aus den
ersten Absätzen seines Buches hervor: »intim-Persönliches« und »okkult-
Geistiges« gehöre nicht in die Öffentlichkeit, so schreibt er. Das
bedeutet, dass er zahlreiche Details aus seinen Gesprächen mit Rudolf
Steiner in diesem Erinnerungsbuch ausgelassen hat. Von diesen aber hat
er vieles vier Jahre später, an der Jahreswende 1932/33 für den
Priesterkreis der Christengemeinschaft als Manuskriptvervielfältigung
niedergeschrieben. Diese Niederschrift bildet den wesentlichen Inhalt
dieses Buches.
Weil diese Vervielfältigung inzwischen vielen
Menschen bekannt ist und aus ihr bereits in verschiedenen Bänden der
Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe zitiert wurde, und da ihr Inhalt
weitgehend von allgemeinem anthroposophischem Interesse ist, hat sich
die Leitung der Christengemeinschaft entschlossen, einer
Veröffentlichung zuzustimmen. Hinzu kommt, dass sich im Jahr 2013 das
originale Stenogramm im Zentralarchiv der Christengemeinschaft gefunden
hat, das dieser Vervielfältigung zugrunde liegt, sodass wir heute genau
verfolgen können, was Rittelmeyer ursprünglich aufgeschrieben und wie
er es später für die Vervielfältigung bearbeitet hat. Da außerdem die
Autorenrechte Rittelmeyers inzwischen erloschen sind, könnte jeder, der
ein Exemplar der ursprünglichen Vervielfältigung besitzt, diese
Gespräche herausgeben. Da erscheint es sinnvoll, dass eine Herausgabe
von derjenigen Seite erfolgt, die zusätzliche Quellen heranziehen kann.
Mit
dieser Veröffentlichung wird also die erste Grenze, die Rittelmeyer in
der Einleitung seines Buches bezeichnete, überschritten. Das macht es
für den Leser notwendig, sich dessen bewusst zu sein, dass ein
Verständnis des auf den folgenden Seiten dargestellten eine gründliche
Kenntnis der Anthroposophie voraussetzt. Außerdem muss bedacht werden,
dass für die Wiedergabe der Gespräche Rittelmeyers mit Rudolf Steiner
die zweite Grenze, die er in der Einleitung seines Buches beschreibt,
in vollem Umfang auch für diese Texte besteht:
Ȇber meine
Begegnungen mit Rudolf Steiner habe ich nicht Buch geführt. Es schien
mir unmenschlich, zu jedem Gespräch schon mit dem Bewusstsein zu gehen,
du wirst es hernach aufzeichnen. Die Freiheit und Lebendigkeit des
unmittelbaren Verkehrs, auch eine letzte Intimität schienen mir dadurch
gefährdet. So sind die Worte Steiners nicht ganz genau wörtlich so
gesprochen worden, wie ich sie wiedergebe, auch wenn ich sie, damit sie
unterschieden werden können, in Anführungszeichen setze. Ich gebe sie
wieder, wie sie in meinem Gedächtnis leben, und ich übernehme die
Gewähr für ihren Inhalt und Sinn, aber nicht für ihren Buchstabenlaut.«
(LRS, S. 14 f.)
Wie sehr dies zu berücksichtigen ist, beleuchtet
folgendes Beispiel: In dem Buch von 1928 berichtet Rittelmeyer von
einer Antwort Rudolf Steiners auf die Frage, wie sich die
anthroposophische Bewegung und die Christengemeinschaft voneinander
unterscheiden: »Die anthroposophische Bewegung wendet sich an das
Erkenntnisbedürfnis und bringt Erkenntnis; die Christengemeinschaft
wendet sich an das Auferstehungsbedürfnis und bringt Christus.« (LRS,
S. 141 f.)
Von
dem Gespräch, in dem diese Antwort Steiners gefallen ist, gibt es zwei
stenografische Niederschriften, da außer Rittelmeyer auch Emil Bock und
Christian Geyer zugegen waren. Es fand am 21. Juli 1922 in Dornach
statt. In beiden Niederschriften – auch in der von Rittelmeyer selbst
–, die am gleichen Tage angefertigt wurden, ist vom Anknüpfen an das
Erkenntnisbedürfnis der Menschen durch Anthroposophie und vom Anknüpfen
an das Auferstehungsbedürfnis der Menschen durch die Tätigkeit der
Christengemeinschaft die Rede. Die oben kursiv wiedergegebene
Erweiterung ist eine freie Ergänzung Rittelmeyers sechs Jahre nachdem
dieses Gespräch stattgefunden hat.
Trotzdem gilt natürlich auch
für die hier wiedergegebenen Gespräche uneingeschränkt die Gewähr
Rittelmeyers für deren »Inhalt und Sinn«.
Es ist anzunehmen, dass
Rittelmeyer diese Gespräche tatsächlich erst 1932 stenografisch
niedergeschrieben hat und dass für sie dasselbe gilt, was er 1928 in
der Einleitung geschrieben hat: Er hat weder während der Gespräche noch
zeitnah ihre Inhalte in Kurzschrift festgehalten, sondern erst, als er
sich entschlossen hatte, sie anderen zur Kenntnis zu geben. Anders ist
es bei den Gesprächen, die er im Sommer 1922 und im Mai 1924 mit Rudolf
Steiner über Belange der Christengemeinschaft geführt hat. Von diesen
Gesprächen existieren am gleichen Tag angefertigte stenografische
Notizen von seiner Hand.
Diese »Unveröffentlichten Gespräche«
Friedrich Rittelmeyers mit Rudolf Steiner sind Ende 1932 unter diesem
Titel als Beilage des Rundbriefes an die Priester gesandt worden. Im
März 2013 fand man im Nachlass Taco Bays die originalen Stenogramme
Rittelmeyers von dieser Zusammenstellung. Nach der Übertragung aus der
Gabelsberger Kurzschrift zeigte sich, dass der Text an vielen Stellen
anders lautet als in der Rundbrief beilage. Hier wird nun der Text der
Rundbrief beilage weitgehend unverändert und nur an einigen Stellen
korrigiert wiedergegeben und in eckigen Klammern die Varianten und
Ergänzungen eingefügt, die sich aus dem Stenogramm ergeben. Dabei ist
zu bedenken, dass der Text der Rundbrief beilage von Rittelmeyer selber
eine Bearbeitung des Textes aus dem Stenogramm darstellt.
Diese
Wiedergabe erscheint uns gerechtfertigt, da nicht nur an vielen Stellen
andere Nuancen in der Wiedergabe Rittelmeyers auftauchen, sondern auch
ganz neue Inhalte erscheinen.
Runde Klammern ( ) stammen aus
Rittelmeyers eigenem Text, in eckigen Klammern [ ] stehen die
Ergänzungen aus dem Stenogramm, und in spitzen Klammern › ‹ erscheinen
die Textteile, die Rittelmeyer nicht im Stenogramm notiert, sondern
erst für die Rundbriefausgabe eingefügt hat.
Die Überschriften der
einzelnen Abschnitte stammen vom Herausgeber. Im Text sind manche
sprachlichen und orthografischen Eigenheiten der damaligen Zeit
beibehalten. In Orthografie und Zeichensetzung wurde nur behutsam
eingegriffen.
Kiel, August 2016 Wolfgang Gädeke
Die Einleitung Friedrich Rittelmeyers
Die hier zusammengestellten Gespräche mit Dr. Steiner und Worte von
Dr.
Steiner sind in dem Buch Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner nicht
enthalten. Dieses Buch, das für Außenstehende einen Lebensgang
darstellen wollte, konnte nicht mit Einzelheiten belastet und mit
Merkwürdigkeiten, die erst eine lange Erklärung erfordern, beschwert
werden. Auch in diesem Nachtrag hier habe ich nicht alles erzählt.
Weggeblieben sind die Gespräche, die dem Priesterkreis auf andre Weise
bekannt gegeben worden sind, ferner gelegentliche Äußerungen über
einzelne Menschen, auch über mich selbst, soweit sie nicht durch den
Zusammenhang gefordert werden, dann Mitteilungen, die in späteren
Mitteilungen von Dr. Steiner ohnedies zu finden sind, und Einzelheiten,
die nichts wesentlich Neues bringen oder nicht richtig verstanden
würden, und schließlich alles, was sich auf die individuelle, okkulte
Führung bezieht. So bedeutsam da vieles für die Nachwelt wäre: hier,
wie in dem Meditationsbuch, muss ich mich genau an das mir Erlaubte
halten.
Dieser Nachtrag ist für die Priester bestimmt. Man muss es
mir selbst überlassen, ob und wie und wann ich andern
anthroposophischen Freunden davon Mitteilung mache. Aber den Priestern
gegenüber kann ich wohl auch in der Mitteilung von Einzelnem und
Persönlichem ziemlich weit gehen und habe dies in gelegentlichen
Mitteilungen ja schon getan, in der Hoffnung, dass der Verehrung für
unsern Lehrer alles willkommen ist, was von irgendeiner Seite her ein
Licht auf ihn wirft. Das Wenige, was ich aus dem eignen okkulten
Erleben erzähle, ist dieser Absicht eingeordnet.
Im Stenogramm lautet die Einleitung folgendermaßen:
Die
folgenden Gespräche mit Rudolf Steiner und Worte von Rudolf Steiner
sind in dem Buch Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner nicht
erwähnt. Das Buch ist für Außenstehende geschrieben und sollte vor
allem einen Lebensgang
darstellen. Deshalb konnte es nicht mit
allzu viel Einzelheiten belastet werden und vor allem nicht mit
Mitteilungen, die dem Fernstehenden zu schwer zugänglich gewesen wären.
Wenn ich hier noch einen Nachtrag liefere, so leitet mich die
Überzeugung, dass für unseren Kreis alles wichtig ist, wenn es sich auf
Dr. Steiner bezieht, auch das nebensächlich erscheinende.
Dieser
Nachtrag ist für Priester bestimmt. Man muss es mir selbst überlassen,
ob und wann und wie ich Einzelnes daraus auch anderen
anthroposophischen Freunden zugänglich machen will. Auch dieser
Nachtrag kann keine Vollständigkeit behaupten. Obwohl es zum Beispiel
außerordentlich lehrreich wäre, die intime okkulte Führung eines
Menschen durch einen Meister wie Rudolf Steiner im einzelnen
darzustellen, und obwohl man sich darüber klar sein muss, dass mit den
wenigen, die darüber zu erzählen haben, ein wichtiges Wissen dahin
geht, so kann doch durch eine solche Mitteilung, die ganz individuell
war, an anderen Individualitäten Schaden angerichtet werden, so dass
ich wenigstens keine Form finde, wie darüber geredet werden könnte.
Ferner
bleiben weg einzelne Äußerungen über Menschen, die missbraucht werden
könnten. Dagegen habe ich mit Bewusstsein nichts weggelassen, was etwa
weniger gloriös ist, und bin auch in der Mitteilung über Persönliches
so weit gegangen, wie es mir in dem Kreis von Freunden, als den ich den
Priesterkreis betrachte oder doch betrachten möchte, möglich ist. In
gelegentlichem Gespräch habe ich ja wohl schon das meiste erzählt. Aber
ich stelle es hier zusammen.
Lange habe ich mir überlegt, ob ich
mich wie im Meditationsbuch streng an das mir Erlaubte erhalten musste
[sic!], so kann ich auch hier nicht weitergehen, nur mehr Einzelnes und
…? … kann ich erzählen.
Marcello Haugen
Zu dem
Brief Dr. Steiners, den ich zum Anfang mitteilen will, muss ich die
Vorgeschichte kurz erzählen. Etwa im Jahr 1913 kam ein norwegischer
Lokomotivführer nach Deutschland, der eine Zeit lang unter den
Anthroposophen eine merkwürdige Rolle spielte. Der Mann hatte
zweifellos starke hellseherische Fähigkeiten. Als ich ihn bei Michael
Bauer traf, hat er mir über mich und andre verblüffende Dinge gesagt.
Da ich sah, wie er von sensationsgierigen Menschen überlaufen und auf
falsche Bahn gedrängt wurde, schlug ich ihm vor, er möge einmal eine
Weile still bei mir wohnen und ernstlich Anthroposophie studieren. Ich
leugnete nicht, dass ich selbst ein Interesse daran habe, ihn kennen zu
lernen, aber vor allem wollte ich, ihn schützend vor Nachstellungen,
zur richtigen Behandlung des Falles das Meinige beitragen.
Der Mann
nahm an, kam aber nicht. Viele Monate später erschien er, Anfang 1914,
machte mir aber in den wenigen Worten, die ich mit ihm sprach, einen
bedenklichen Eindruck. [Dazu kam, dass meine älteste Tochter damals 9
Jahre alt war.] Unmittelbar darauf erfuhr ich, dass er aus der
Anthroposophischen Gesellschaft ausgeschlossen war und dass seine
suggestive Wirkung auf Frauen bei dieser Ausschließung ein Wort
mitgesprochen hatte. Mein erster Eindruck war, dass sich nun gerade
jemand um ihn annehmen müsse. Mir selbst traute ich auch die Fähigkeit
zu, mit ihm fertig zu werden. Aber die möglichen Wirkungen auf unsre
beiden weiblichen Hausangestellten und auf unsre Kinder konnte ich
nicht überschauen. In diesem Sinne schrieb ich an Dr. Steiner. Seine
Antwort, mit der Hand geschrieben, kam umgehend. Sie ist auch für andre
ähnliche Fälle bedeutsam. ¹
Zunächst sei noch der Brief mitgeteilt, in dem Doktor Rittelmeyer seine Fragen an Dr. Steiner in dieser Angelegenheit richtete:
Nürnberg, 30. 4. 1914
Pfarrgasse 5
Hochverehrter Herr Doktor!
Vor
fast einem halben Jahr habe ich Herrn Haugen eingeladen, längere Zeit
bei mir zu wohnen. Herr Bauer sagte mir damals ungefähr, dass H. nach
Nürnberg gekommen sei und wiederkommen wolle, um dort unter seiner
Beihilfe Theosophie zu studieren, dass er ihn aber selber nicht für
längere Zeit bei sich beherbergen könne. Bei meiner Einladung an Herrn
Haugen hat mir auch damals der Gedanke vorgeschwebt, dass er durch das
Wohnen bei mir mehr Ruhe hat, auch vor der Inanspruchnahme durch die
Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft.
Herr Haugen hat meine
Einladung angenommen, aber nicht für sofort. Er ist, wie Sie wissen,
inzwischen an mehreren Orten gewesen, zuletzt hier in der Nähe, in
Hersbruck. Heute war er nun auf der Durchreise nach Stuttgart hier und
sagte mir, dass er in 8 – 14 Tagen von dort hierher zurückkehren und
dann bei mir wohnen werde.
Fast unmittelbar danach erfuhr ich von
Fräulein Beckh, der Schwester des Herrn Privatdozenten Dr. Beckh, das
Haugen aus der Anthroposophischen Gesellschaft ausgeschlossen sei. Da
ich bei den Mitgliedern der Gesellschaft hier Vertrauen genieße, ließ
mich Fräulein Beckh auch den Brief ihres Bruders auf meinen Wunsch hin
lesen. Aus dem Brief muss ich entnehmen, dass Beckh vermutet, Haugen
ist ausgeschlossen worden, weil er seine okkulten Erkenntnisse zu einer
unerlaubten Beeinflussung der Menschen benütze.
Ich habe nun
meinerseits nicht im Geringsten die Absicht, daraufhin meine Einladung
an Herrn Haugen rückgängig zu machen. Vielmehr glaube ich, dass es
gerade jetzt dringend notwendig ist, dass sich jemand um ihn annimmt,
der es gut mit ihm meint. Genau derselben Meinung ist auch meine Frau.
Aber ich kann die Situation vom okkulten Standpunkt aus nicht
beurteilen. Deshalb bitte ich um freundliche baldmögliche Beantwortung
folgender Fragen:
1. Was kann mir über Haugens Ausschluss mitgeteilt werden?
1.
Halten Sie es für notwendig, mir die Aufnahme Haugens in mein
Haus direkt zu widerraten? Ich bemerke dabei, dass außer meiner Frau
und mir im Haus vier kleine Kinder sind, darunter drei Mädchen im Alter
von 9, 6 ¾ und fünfeinhalb Jahren, ferner zwei Dienstmädchen. Wenn Sie
mir die Aufnahme Haugens direkt
widerraten, würde ich mich für
verpflichtet halten, im Interesse meiner Angehörigen ihm wieder
abzuschreiben, aber ich würde das sehr ungern tun.
1. Was ist etwa für mich und die Meinigen besonders zu beachten, wenn ich Haugen aufnehme?
2. In welchem Sinn etwa soll auf Haugen Einfluss zu üben gesucht werden?
Ihre
Antwort kann so lakonisch wie möglich, direkt oder indirekt sein. Aber
ich bitte, in diesem Fall mich nicht ganz ohne Antwort zu lassen. Mir
schien, als ob Haugen von seiner Ausschließung noch nichts wisse. Doch
habe ich nur ganz kurz mit ihm gesprochen. Ausdrücklich erwähnen will
ich, dass ich ihm sagte, es sei Egoismus, wenn ich ihn aufnehme, denn
so sehr ich Sie verehrte, so fände ich doch zu manchem, was Sie sagen,
keinen Zugang und verspreche mir etwas davon, mit jemand zu reden, der
manche dieser Dinge aus eigener Erfahrung kennt. Darüber kann nur
natürlich auch geschwiegen werden. Er sagte seinerseits – es ist
vielleicht auch nicht unwichtig, das zu erwähnen –, dass er sich von
seinem Aufenthalt in meinem Hause für sich etwas verspreche, denn er
fühle, dass er manches nicht habe.
Ich will und darf Ihnen natürlich
keine Verantwortung für diese ganze Sache aufladen. Ich muss selbst
meine Augen und Ohren, soweit ich solche habe, aufmachen. Aber ich habe
das Bewusstsein, dass ich den Versuch mit Haugen nicht machen darf,
wenn Sie mir direkt abraten. Raten Sie mir nicht ab, so werde ich
alsbald nach Empfang Ihrer Mitteilung an die Stuttgarter Adresse
Haugens schreiben, dass ich meine Einladung aufrecht erhalte, obwohl
ich inzwischen von seinem Ausschluss erfahren habe.
In großer Verehrung
mit der Bitte um Entschuldigung wegen der Flüchtigkeit Dr. Rittelmeyer, Pf.
Falls Herr Doktor Steiner verreist sein sollte, bitte ich Fräulein von Sievers herzlich womöglich um eine vorläufige Antwort.
Rudolf Steiner an Friedrich Rittelmeyer:
Berlin, den 1. Mai 1914
Sehr verehrter Herr Doktor!
Nicht
leichten Herzens spreche ich über die Angelegenheit des Herrn H. Die
Mitteilungen Ihres Briefes machen notwendig, dass Sie die Sache so weit
kennen lernen, um sich selbst Ihr Urteil zu bilden.
Es war
gelegentlich meines letzten Vortragszyklus in Christiania. Langjährige
Freunde und Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft (natürlich
früher Theosophische Gesellschaft) sprachen mir eines Abends von Herrn
H., von dem sie sagten, dass sie ihn sehr schätzten und dass er durch
seine Diagnosen großes Aufsehen gemacht habe. Man bat mich, ihn zu den
intimen Vorträgen zuzulassen. Es ist selbstverständlich, dass solches
Eintreten unserer Mitglieder ohne weiteres gehört wird. Ich stimmte zu.
Erst nach der Aufnahme konnte ich dann Herrn H. bei mir sehen. Ich
hatte nun den Eindruck eines Menschen mit elementarischen psychischen
Kräften, die aber in einem völlig chaotischen Zustand waren. Mein
Standpunkt in einer solchen Angelegenheit ist nun der, dass die
Anthroposophische Gesellschaft die beste Pflegestätte für solche
Persönlichkeiten sein solle. Diese können in derselben Rat, Hilfe usw.
erhalten und durch das Studium der Geisteswissenschaft ihre psychischen
Fähigkeiten in die rechten Richtungen lenken; vor allem sich über deren
Wert und Tragweite die unerlässliche Aufklärung verschaffen. – Als mir
dann Herr H. in derselben Unterredung noch sagte, er wolle nach
Deutschland gehen, schien mir das recht sonderbar, denn das hieß doch,
er wolle seine in Norwegen begonnene Praxis verlassen und ins völlig
Unsichere ziehen. Ich hatte aber natürlich kein Recht, dem Mann von
einer Reise nach Deutschland abzuraten. So war er dann nach einiger
Zeit in Deutschland. Da nun einzelne Mitglieder der Anthroposophischen
Gesellschaft ihm pekuniäre Hilfe bieten mochten, bat ich eines unserer
älteren Mitglieder, ihm an die Hand zu gehen, damit er entsprechend
sich weiter entwickeln könne. Ich selber bin ja seit Monaten durch den
Dornacher Bau gezwungen, die Mitglieder zu bitten, von persönlichen
Unterredungen bis zur Erledigung der mir für den Bau obliegenden
Arbeiten abzusehen. So kam es
denn, dass ich des weiteren Herrn
H. nur auf Vortragscyklen im Kreise der Zuhörer sah. – Nun stellte es
sich bald heraus, dass Herr H. die Anwesenheit auf Cyklen nicht zu
seiner weiteren Entwicklung, sondern zur Inscenesetzung einer wirklich
nicht unbedenklichen Verwertung seiner ganz richtungslosen psychischen
Kräfte verwendete. Das ältere Mitglied, dem ich übertragen hatte, Herrn
H. zu helfen, musste die bittersten Klagen vorbringen über H.’s
Missbrauch des Vertrauens, das ihm wegen seiner psychischen Fähigkeiten
besonders jüngere weibliche Mitglieder der Anthroposophischen
Gesellschaft entgegenbrachten. Es kam ein älteres Mitglied bald mit
ähnlichen Klagen. Es ist nicht meine Art, vorschnell in solchen Dingen
irgendeine Stellung zu nehmen.
Herr H. war dann auch beim letzten
Wiener Vortragscyklus anwesend. Sein Benehmen dort war nun wirklich so,
dass die Sache nicht weiter gehen durfte. Alles, was die
Anthroposophische Gesellschaft wollen kann, wäre bald in das Gegenteil
verkehrt, wenn diese Dinge vorkämen, und noch dazu so vorkommen, dass
durch die Zahl der Fälle das Urteil berechtigt sein müsste, die
Gesellschaft sei die Pflegestätte des schlimmsten Charlatanismus.
Erlassen Sie mir, verehrter Herr Doktor, die Angabe von Details. Ich
will nur sagen, dass jeder Zweifel an der Wahrheit in Bezug auf H.’s
Verhalten ausgeschlossen ist. Es darf eben durchaus nicht sein, dass
ein Verhalten wie das des Herrn H. zu Damen in der Gesellschaft blüht
und dabei dieses Verhalten umglänzt wird mit dem Nimbus von psychischer
Betätigung und im Widerspruch steht zu dem Vertrauen, das durch die
Lage der Verhältnisse einer Persönlichkeit wie Herrn H.
entgegengebracht wird, erstens dadurch, dass er Mitglied der
Gesellschaft ist, zweitens dadurch, dass andere
Gesellschaftsmitglieder, welche die Sache nicht durchschauen, die Leute
in diesem Vertrauen noch bestärken. Ich kann begreifen, dass solches
vorgekommen ist, denn das – allerdings naturgemäß widerspruchsvolle –
persönliche Auftreten des Herrn H. ist durchaus nicht so, dass man ihn,
wenn man die Empfindungen, die zunächst Unbefangene haben, nicht lieb
gewinnen würde. Er macht ganz natürlich für den ihn nicht
Durchschauenden den Eindruck eines lieben Menschen, den man gerne haben
muss. Bedenken Sie das alles, sehr verehrter Herr Doktor, und bedenken
Sie dazu, dass ich prinzipiell gegen jeden Ausschluss aus der
Anthroposophischen Gesellschaft bin, dass der Fall H. der zweite Fall
ist (seit zwölf Jahren) – der erste war der Fall Dr. Vollrath Z – in
dem ich nicht anders konnte, als der von anderen älteren Mitgliedern
energisch ausgesprochenen Forderung der Ausschließung mich nicht zu
widersetzen , sondern zuzustimmen, so werden Sie eine Empfindung von
der Lage der Sache erhalten. – Ich stimme Ihnen völlig bei, wenn Sie
sagen, dass Herr H. jetzt erst recht bedürfe, dass man sich seiner
annehme; und ich bin der Ansicht, dass dies auch weiter von der Seite,
von der
es bis jetzt geschehen ist, nicht außer Acht gelassen
wird. Wie gerne würde ich Ihnen empfehlen, Herrn H. in Ihr Haus
aufzunehmen; doch ich darf es nicht. Sie schrieben mir über die
Mitglieder Ihres Haushaltes: ich darf es nicht . Sie glauben gar nicht,
wie schwer es mir wird, diesen Rat geben zu müssen. – Leider liegen die
Dinge so, dass auch das nicht möglich ist, dass man sagt, H. sei ein
»naiver«
Mensch, der sich vielleicht im Augenblicke hinreißen lässt –; auch
diese Naivität kann nicht – zu seiner Entschuldigung – angeführt werden.
Kein
Mensch der Welt würde mich zur Zustimmung zum Ausschluss H.’s gebracht
haben, wenn etwa der Gesichtspunkt geltend gemacht worden wäre: es darf
dergleichen in der Gesellschaft nicht vorkommen, weil dadurch die
Außenwelt ein schiefes Urteil über die Gesellschaft gewinnen müsste.
Ich betone immer: was bei uns geschieht, muss an sich richtig sein; und
das Urteil der Außenwelt kommt erst in Betracht, wenn es an sich
richtig ist. Doch liegt die Sache hier so, dass im Innern der
Gesellschaft in Jahren nicht so viel Unheil angerichtet worden ist als
durch H. in wenigen Monaten. Glauben Sie mir, verehrtester Herr Doktor,
in Privatsachen auch moralischer Art wird sich, soweit etwas von mir
abhängt, die Gesellschaft nie mischen; doch hier lagen nicht
Privatsachen vor, sondern ein Verhalten, das auf Psychismus gebaut war
und nur hat in Scene gesetzt werden können dadurch, dass H. seine
Mitgliedschaft dazu ausnützte.
Würde ich Ihnen nicht dieses alles
schreiben, so könnte Ihnen vielleicht doch nicht ganz verständlich
sein, wenn ich Ihnen abraten muss, Herrn H. unter den obwaltenden
Verhältnissen in Ihr Haus aufzunehmen. Ich kann mir vorstellen, dass
diese Persönlichkeit zunächst im Nimbus der Harmlosigkeit bei Ihnen
einträte und Sie dann die schlimmsten Erfahrungen machen müssten.
Selbstverständlich
ist alles, was ich hier schreibe so, dass ich jederzeit dafür eintrete;
doch wäre es mir lieber, wenn Sie mich nicht als Ratgeber anführten,
weil ich nicht möchte, dass Herr H. zu der Maßregel der Ausschließung
auch noch die Bitternis hinnehmen müsste, dass gerade ich ihn um einen
Aufenthalt für einige Zeit bringe. Doch musste ich Ihnen auf Ihre
Fragen die Sachlage ganz objektiv darstellen.
In herzlicher Zuneigung zu Ihnen hochverehrter Herr Doktor bin ich Ihr ergebener
Rudolf Steiner
Berlin W, Motzstr. 17
Die Antwort Dr. Rittelmeyers an Dr. Steiner lautet:
Nürnberg, 2. 5. 1914
Hochverehrter Herr Doktor!
Ihr
Brief verpflichtet mich zu größtem Dank. Zuerst bin ich ganz
erschrocken, als ich sah, wie viel Zeit Ihnen die Beantwortung gekostet
haben muss. Aber nachdem es nun einmal geschehen ist, vermag ich es
Ihnen nicht anders zu vergelten, als indem ich die vielen feinen
innerlichen Anregungen, die Ihr Brief enthält, möglichst stark in mein
Leben aufnehme.
Was Haugen betrifft, so hat mich seine Ausschließung
in der Tat stark erschüttert. Er tut mir außerordentlich leid, zumal
ich ihn in der einen längeren Unterredung, die ich mit ihm hatte, nur
von seiner guten Seite kennengelernt habe. Aber wie ich Ihr Verhalten
in der Sache ganz begreife, so werde ich auch Ihren Rat
selbstverständlich befolgen, wenn es mir auch gar nicht leicht fällt.
Nur
das bringe ich nicht übers Herz, ihm jetzt auf einmal nach Stuttgart
abzuschreiben. Ich lasse es darauf ankommen, ob er nicht, was mir
wahrscheinlich ist, gleich nach Norwegen reist. Kommt er hierher, ohne
sich länger vorher anzumelden, wie eigentlich verabredet ist, so werde
ich mit ihm reden und ihm die Veränderung in meiner Haltung so leicht
als möglich zu machen suchen, aber jedenfalls ihn höchstens einige Tage
im Haus behalten. Das wird wohl keine Gefahr haben, wenn wir wachsam
sind, und vielleicht kann ich doch dem guten Kern in ihm eine kleine
Stärkung widerfahren lassen. –
Mir scheint, dass Sie mir mindestens
einmal in der letzten Zeit – damals, als ich Ihnen zuletzt schrieb –
stark geholfen haben. Es sieht aus, als ob es vorwärts geht, wenn auch
naturgemäß langsam. Aber ich habe doch so viel von den Übungen von all
dem, was mir durch Sie erschlossen worden ist, dass Sie längst mein
größter menschlicher Wohltäter sind.
Mit nochmaligem herzlichsten Dank grüßt Sie in größter Verehrung
Dr. Rittelmeyer, Pf.
Soll
ich den Fall vollständig erzählen, so muss ich noch hinzufügen, dass
der Mann nach Empfang meines Briefes eine Fernsuggestion bei mir
versucht hat. Ich hatte ihm geschrieben, dass ich bereit sei, seine
Zukunft ausführlich mit ihm zu besprechen, dass ich ihn aber unter
diesen Umständen nicht monatelang zu Gast haben könne. Er wollte mich
dagegen zwingen, ihn doch ins Haus aufzunehmen. Als ich es merkte,
erwehrte ich mich seiner durch das Mittel, das in solchen Fällen
unfehlbar sicher und stark hilft: den Anschluss an Christus. (Wenn man
solche Machenschaften nicht merkt, so prallen sie allermeist ja schon
an einem klaren, geistgeführten Geistbewusstsein ab.) Ich erzählte
Dr. Steiner später von dieser Attacke. Er sagte ruhig: Ja, solche Sachen macht der schon.
Der
Mann ist später ein sehr bekannter und überlaufener [sic!] Heiler in
Lillehammer geworden. Ich habe ihm im Jahr 1919, als ich ihn in Oslo in
meinem Vortrag traf, noch einmal angeboten mit ihm zu sprechen. Er kam
aber nicht.
Eigenes geistiges Forschen
Der
folgenden Mitteilung muss ich wieder einiges vorausschicken. Dr.
Steiner ermutigte mich immer wieder [gelegentlich] zu eignen [okkulten]
Forschungsversuchen. Er sagte z. B.: »Sehen Sie, dass Sie das selber
herausbringen.« Oder: »Dies können Sie jetzt [schon finden], das Andere
noch nicht.« [Ich selbst war aus zwei Gründen vorsichtig. Einmal weil
ich mich selbst noch so unsicher fühlte und mich vor Täuschungen
sichern wollte. Andererseits weil ich doch nur einen ganz kleinen Teil
von dem mangelhaft herausbrachte, was Dr. Steiner in viel größerer
Klarheit dargestellt hatte.]
Meinen umfassendsten eignen Versuch
habe ich in dem Aufsatz »Der Himmel« im Heiligen Jahr dargestellt. 3
Aus Zurückhaltung habe ich ihn als zusammenhängendes Erlebnis erzählt,
während es sich um ein tagelang fortgesetztes geistiges Bemühen
handelte. Da ich bei diesen Versuchen nur zum kleinsten Teil und
mangelhaft dasselbe herausbrachte, was Dr. Steiner in
viel größerer Klarheit und Sicherheit dargestellt hatte, sprach ich
nicht viel davon.
Damals hat von allen Anthroposophen nur Michael Bauer klar erkannt, um was es sich handelte.
[Ich
habe ihn nur aus Zurückhaltung als zusammenhängendes Erlebnis erzählt,
während er ein durch Tage hindurchgehendes Forschungsbemühen ist. Die
Aufnahme, die er gefunden, hat mich nicht ermutigen können. Angesehene
Anthroposophen haben die Schilderung einfach für dichterische Fantasie
gehalten und sich abfällig darüber ausgesprochen. Und manche Priester
haben sich auf dieselbe Bahn drängen lassen. Nur Michael Bauer hat voll
erkannt, um was es sich handelt. Und es steht jetzt immerhin dar. Ich
wusste die Aufnahme im Voraus.]
Manu
Hier soll
nur von solchen Bemühungen gesprochen werden, zu denen sich noch Dr.
Steiner selbst äußern konnte. Ein solcher Versuch bezog sich auf Manu
(nicht Mani), den höchsten Erdeneingeweihten. Im Jahr 1919 erzählte ich
Dr. Steiner, dass ich versucht habe, herauszubringen, ob Manu im
Augenblick verkörpert sei oder nicht.
Das Ergebnis [Erlebnis] sei
merkwürdig gewesen: er sei weder verkörpert noch nicht verkörpert,
sondern in einer Art Zwischenzustand. Dr. Steiner erwiderte: Das ist
richtig. Und wie immer in ähnlichen Fällen belohnte er die Mühe mit
einem Geschenk.
[Und nun fuhr er mit einem Geschenk fort, wie er es
immer in der Gewohnheit hatte, wenn ihn etwas erfreute.] Manu könne
sich gegenwärtig nicht verkörpern. Erst wenn die Dreigliederung eine
Weltsache wird – nicht nur eine europäische Angelegenheit, das genüge
noch nicht [das ist noch nicht entscheidend, sondern eine
Weltangelegenheit] – entstehen wieder Leiber, in denen sich der Manu
verkörpern kann.
Am 19. 7. 1925, bei der Synode in Dornach, ergänzte Rittelmeyer dieses durch folgende Worte:
»Manu:
Leiter des Sonnenorakels in der Atlantis. Gobi, von dort aus die
nachatlantischen Kulturen begründet. Nimmt in der Gestalt des
Melchisedek eine Äthergestalt an … [Am Ende] der sieben Kulturepochen
am Ende der Tage wird er sich als der höchste menschliche Eingeweihte
erst zeigen.« Notizbuch Husemann, 1925 – 30, S. 16.
Die sieben Meister
Über
die sieben Meister wurde in der ehemaligen theosophischen Gesellschaft
viel gesprochen. Auch das Buch von Leadbeater Die Meister und der Pfad
⁴ erzählt vieles, wovon manches direkten Äußerungen Dr.
Steiners widerspricht. Über den Organismus dieser Meister hat mir
Dr. Steiner einmal gesagt, dass zwei im Osten wirken,
zwei im Westen und zwei in der Mitte; einer aber »geht durch«. Das
Letztere habe ich im Sinne der Vermittlung aufgefasst und unter diesem
einen Meister – ich weiß aber nicht bestimmt, ob es Dr.
Steiner selbst gesagt hat – den Skythianos verstanden. Die zwei
Meister in der Mitte sind wohl mit Sicherheit: Christian Rosenkreutz
und der Meister Jesus.
[Als diese beiden sind wohl der
Meister Jesus und Christian Rosenkreutz anzusprechen, wenn ich auch
nicht sicher weiß, ob sie Dr. Steiner in diesem Zusammenhang selbst
genannt hat. Einer aber »geht durch«, sagte er. Ich habe es im Sinne
der Vermittlung verstanden und meine mich auch zu erinnern – kann es
aber nicht beschwören – dass dies Skythianus war.]
In
Notizen von Walter Johannes Stein, die im Archiv des Goetheanum
vorhanden sind, heißt es dazu: »9. 7. 1924. Rittelmeyer sagt: Als er
eine Lebensskizze Dr. Steiners zu schreiben hatte, erzählte ihm Doktor
Steiner im Beisein Frau Dr. Steiners: Er hätte zwei Initiatoren gehabt,
Christian Rosenkreutz und den Meister Jesus (Zarathustra). Letzterer
wies ihn auf Fichte. Ersterer wirkte durch Felix Balde. Der Manu sei
nicht inkarniert. Er sei in einem Zwischenzustand zwischen Inkarnation
und Nicht-Inkarnation. Nur wenn die Dreigliederung die Erde als Ganzes
ergriffe, nicht bloß Mitteleuropa, könne er sich inkarnieren. Schuré
deutet in seiner Biografie auf den Meister Jesus (willensstark).
Skythianos wandere zwischen den sechs anderen Meistern. Er halte die
Verbindung. Zwei im Osten, zwei im Westen, Meister Jesus und
Rosenkreutz in der Mitte.«
Meister Jesus
Einmal kam das Gespräch auf die Verkörperungen des Meisters Jesus.
Dr.
Steiner nannte ausdrücklich den »Gottesfreund«, der die Umwandlung in
Tauler bewirkte. Auf meine Frage, ob es dem Gottesfreund bewusst
gewesen sei, dass er diesen Zusammenhang mit Jesus habe, erwiderte Dr.
Steiner: »Er hat sogar Tauler eine Andeutung davon gemacht. Dann
erzählte er noch, man habe ihn damals gesucht, sei sogar in seinem
Hause zu Gast gewesen, habe ihn aber nicht erkannt.«
[Einmal
konnte ich fragen nach den späteren Verkörperungen des Meisters Jesus.
Er nannte ausdrücklich den Gottesfreund. Ich fragte ihn, ob es dem
Gottesfreund bewusst gewesen sei, dass er Jesus sei. Dr. Steiner
erwiderte: »Ja, er habe sogar dem Tauler eine Andeutung davon gemacht.
Sie haben ihn gesucht, sind sogar in seinem Haus gewesen und haben ihn
doch nicht gefunden.«]
(Persönlich füge ich folgendes hinzu.
Es war damals ein viel wichtigerer Augenblick in der Geschichte des
Christentums, als man bis jetzt erkannt hat. In Meister Eckehart war
die Mystik, im Unterschied von der französischen Christusmystik des
früheren Mittelalters, stark ins Neuplatonisch-Indische geraten.
Deshalb wird ja auch heute Meister Eckehart als Begründer einer neuen
Religion mitten im Christentum gepriesen. Es kam sehr viel darauf an,
dass die Mystik wieder ins Christliche hereingeholt wird. Dies ist
durch den Besuch des Gottesfreundes bei Tauler, dem wirksamsten Schüler
Eckeharts geschehen. Von da an erstehen Gestalten wie Tauler, Suso,
Merswin und der Verfasser der
»Theologia Deutsch«.
Ein
ähnlich bedeutsames Eingreifen ist bei einer früheren Inkarnation des
Meisters Jesus zu vermuten. Dr. Steiner sagte in einem Vortrag, der
Lehrer des Arius sei eine Verkörperung des Meisters Jesus gewesen.
Damit kann nur Lukian von Samosata gemeint sein. (Natürlich nicht der
bekannte Spötter, sondern ein
christlicher Lehrer, der im Jahr
312 den Märtyrertod starb.) Dieser Lukian, der viel feiner ist als
Arius, brachte eine starke Betonung des irdischen Lebens Jesu. Das ging
durch Arius und die Antiochenische Schule auf die Germanen über und
bereitete vor die Erfassung des Menschlichen in Jesus durch die
Deutschen.)
Im alten Rundbrief Nummer 68 vom 28. Oktober 1926 beschreibt Rittelmeyer dieses etwas anders:
»Ihr
wisst ja, dass die beiden Meister, die in der abendländischen
Entwicklung vor allem wirken, der Meister Jesus und Christian
Rosenkreutz sind. Wie gerne wüsste man mehr von ihnen! Insbesondere
wenn man die Biografie des Meisters Jesus durch seine Inkarnationen
kennte, der nach einer Angabe Dr. Steiners nie länger als höchstens
acht Jahren von der Erde entfernt war; was würde man da für einen
Einblick in die Geschichte des Christentums erhalten! Ich muss sagen,
hier fängt die Geschichte für mich an so rasend interessant zu werden,
dass ich im Stillen hoffe, ich werde davon noch in diesem Leben mehr
erfahren. Nur zwei Inkarnationen des Meisters Jesus sind mir sicher
bekannt. Das eine ist der Gottesfreund. Wenigstens habe ich die
persönlichen Erzählungen Dr. Steiners damals so verstehen müssen. Er
sagte sogar, der Gottesfreund habe Tauler selbst eine Andeutung darüber
gemacht, und dies sei für Tauler sehr erschütternd gewesen.
Die
andere Angabe fand ich kürzlich in einem älteren Vortrag. Der Lehrer
des Arius sei eine Verkörperung des Meisters Jesus gewesen. Wenn man
nach der Persönlichkeit forscht, so kann nur der Märtyrer Lukian
gemeint sein. Auf diese Spur ist außer mir genau ebenso überzeugt auch
Dr. Kolisko gekommen, dem ich die Mitteilung Dr. Steiners in dem alten
Vortrag erzählte. Das ist aber etwas ganz Hochinteressantes, über das
man lange sprechen müsste. Arius hat später gerade das Menschliche an
Jesus Christus betont, allerdings in einer unzureichenden Weise, aber
doch so, dass etwas Wichtiges im Christentum damals durch Athanasius
und das Konzil von Nicäa unterdrückt wurde. Man kann nach den wenigen
Notizen, die da sind, annehmen, dass Lukian es besser vertreten hat.
Von
ihm sollen auch Abschiedsreden und eine Abendmahlsfeier vor seinem
Märtyrertod unter dem Kaiser Maximin – 312 glaube ich – erhalten sein,
die ich aber noch nicht einsehen konnte. Er stand lange Zeit in einem
gewissen
Gegensatz zur offiziellen Kirche, wie später der Gottesfreund.
Außer
diesen beiden Inkarnationen weiß ich nur, dass Dr. Steiner gelegentlich
mitgeteilt hat, der Meister Jesus sei einmal in einer bedeutsamen
Persönlichkeit Norditaliens verkörpert gewesen, und dass ich auch
annehmen muss, er ist
Dr. Steiner selbst begegnet in einer anderen Inkarnation zu unserer Zeit.«
Mani
Auf
die Frage, welcher Gruppe von Meistern der Mani zugehöre, der Initiator
der Manichäer, erwiderte Dr. Steiner, Mani sei eine Individualität, die
neben den anderen Eingeweihten stehe. Christian Rosenkreutz sei ihr
begegnet auf seiner Palästinareise in einer nordafrikanischen
Geheimschule. Davon sei vielleicht noch etwas zu finden in der
Lebensbeschreibung des Christian Rosenkreutz.
Mani habe über das Spirituelle gewacht während der Zeit der Verfinsterung im Katholizismus.
[Als
ich einmal fragte, in welchen Organismus von Mysterien eigentlich Mani
(jetzt nicht Manu) gehöre, erwiderte Dr. Steiner, dass er zu keiner der
bekannten Mysteriengruppen gehört. Er müsse mehr für sich genommen
werden. Dann sagte er, Christian Rosenkreutz sei ihm auf seiner
Palästinareise in einer nordafrikanischen Geheimschule begegnet. Davon
müsse doch auch etwas in der Lebensbeschreibung des Rosenkreutz zu
finden sein.]
Rittelmeyer am 19. 7. 1925: »Davon getrennt
Manes oder Mani, der da erscheint im dritten Jahrhundert n. Chr. Führer
des Kampfes zwischen Gut und Böse.
Manichäer. Ja wohin gehört er
denn eigentlich? Das ist die Individualität, die für sich [steht?]. Die
geht so durch. Wiederverkörpert in einer nordafrikanischen
Mysterienschule, als Christian Rosenkreutz nach Damaskus zog. Ist auch
Jüngling zu Naïn. Dieser ist der Lehrer des Skythianos.« Notizbuch
Husemann, 1925 - 30, S. 16 f.
Der Bodhisattva
In
diesem Zusammenhang bin ich auch verpflichtet, das Gespräch zu
erzählen, das ich mit Dr. Steiner über den Bodhisattva hatte. Am
allerwenigsten möchte ich mit dieser Mitteilung ein neues Aufleben der
etwas beruhigten Bodhisattva- Debatten heraufbeschwören.
Ich bitte dringend, die Äußerung Dr. Steiners nur zum stillen eignen Nachdenken wirken zu lassen.
[In
diesem Zusammenhang will ich auch das einzige Bodhisattva-Gespräch, das
ich mit Dr. Steiner hatte, authentisch mitteilen. Nicht zum
Weitererzählen, sondern zum Nachdenken.]
Es war im Hochsommer 1921. Ende Juli oder Anfang August [kam ich mit
Dr.
Steiner im Atelier auf den Bodhisattva zu sprechen.] Die Sprache kam
darauf [Ich konnte nach dem Gang des Gesprächs die Frage stellen], ob
der Bodhisattva jetzt schon auf der Erde verkörpert sei.
Dr. Steiner
sagte: Wenn wir noch 15 Jahre leben, können wir noch etwas davon
erleben. Das waren seine Worte. Alles andere ist Kombination.
Inwiefern Dr. Steiner durch diese Worte selbst die Gedanken lenken wollte, muss jedem zur eignen Erwägung anheim gegeben werden.
[Ich
bin froh, dass im Augenblick die Bodhisattva-Gespräche in der
Anthroposophischen Gesellschaft zum Stillstand gekommen sind und möchte
sie am allerwenigsten wieder in Gang bringen.]
Aber diese Äußerung Dr. Steiners muss erhalten bleiben.
In
Notizen von Walter Johannes Stein, die im Archiv des Goetheanum
vorhanden sind, heißt es dazu: »Rittelmeyer sagt: Im August 1921 sagte
Dr.
Steiner über Jeshu ben Pandira: wenn wir noch 15 Jahre leben, können
wir etwas davon erleben. = 1936. Jeshu ben Pandira ist am Anfang des
Jahrhunderts geboren. (Basel 1911)«
Meister – Inkorporationen
Besonders
lebendig in der Erinnerung ist mir ein Gespräch nach einem Berliner
Zweig-Abend. [Ich fragte Dr. Steiner über die Fähigkeit der Meister,
sich irgendwo vorübergehend zu verkörpern.] Dr. Steiner erzählte von
den vorgehenden Inkorporationen der Meister. »Da tritt jemand zu Ihnen
ins Zimmer. Sie geben ihm die Hand und sprechen mit ihm, er verlässt
das Zimmer wieder, aber Sie werden nicht bemerken, dass er das Haus
verlässt.«
[Das ist so, dass jemand bei Ihnen im Zimmer ist,
Ihnen ganz richtig die Hand gibt und sie wieder verlässt und Sie merken
nichts Besonderes, aber Sie werden nicht sehen, dass er das Haus
verlässt.]
[Er erzählte, dass er selbst einmal durch eine
solche Verkörperung eines Meisters gerettet worden sei bei etwas, »was
mir sonst den Tod gebracht hätte«. Ich war im höchsten Grad verblüfft
in dem Gefühl, wie sehr dadurch unsere materialistischen Vorstellungen
über das Verhältnis von Leib und Seele über den Haufen geworfen werden,
gab diesem Gefühl wohl auch Ausdruck und fragte:
»Wenn es so ist, warum sprechen Sie so selten davon?«
»Weil keine Ohren da sind, die es hören können«, sagte er.
In
dem bekannten Baseler Vortrag ist ja gelegentlich einmal davon
gesprochen worden. Darum will ich, zu seiner Ergänzung, dieses Gespräch
auch mitteilen.]
Zur Ergänzung dessen, was auf Seite 100 des Lebensbegegnungsbuches [LRS,
S. 97] erzählt ist, besonders auch von dem Meister, der ihn rettete bei etwas
»was
mir sonst den Tod gebracht hätte«, und zur Ergänzung dessen, was Dr.
Steiner im Berliner Vortrag und anderwärts über die bevorstehenden
Erlebnisse
mit Christus erzählt hat, seien diese Worte mitgeteilt. Sie waren mir
damals in ihrem äußersten Gegensatz gegen jede materialistische
Auffassung des Verhältnisses von Leib und Seele ganz besonders
eindrucksvoll.
Meister und Evangelien
So
bereitwillig Dr. Steiner auch auf solche Fragen Antwort gab, er lenkte
doch in doppelter Richtung allmählich etwas von ihnen ab. Auf der einen
Seite betonte er, dass die wichtige Aufgabe heute sei, dass das Denken
spiritualisiert werde [LRS, S. 97 f.], auf der andern Seite lenkte er
auf die geschichtlichen Zusammenhänge. So sagte er zum Beispiel einmal,
als er mich anregte, geschichtliche Forschungen vorzunehmen: »Bleiben
Sie aber nicht bei den großen Persönlichkeiten stehen, sondern suchen
Sie die geistigen Zusammenhänge auf, zum Beispiel von Buddha über das
Lukas-Evangelium zum Mysterium von Golgatha oder von Moses – Elias über
das Matthäus- Evangelium zu Christus.«
Wie fruchtbar das Aufsuchen
solcher Zusammenhänge werden kann, gerade zum Beispiel, wenn man mehr
über die Verkörperung des Meisters Jesus erfährt, der gewiss oft an den
wichtigsten Punkten der Menschheits-Geschichte gestanden ist, habe ich
oben an zwei Beispielen anzudeuten versucht.
Eigene frühere Verkörperung
Hier
sei auch das einzige Wort festgehalten, was ich von Dr. Steiner über
seine eignen früheren Inkarnationen gehört habe. Danach habe ich ihn
selbstverständlich niemals gefragt. Aber einmal, als er mich wieder
anregte – was öfters geschah – über die eignen früheren Forschungen
anzustellen, fügte er hinzu: Merken Sie auch gut auf, was Ihnen von
außen gesagt wird. Bei mir – sagte Dr. Steiner – ist es so gegangen,
dass nach einem Vortrag jemand auf mich zukam und mir sagte, der
Vortrag hat mich stark an den und den erinnert. »Dabei ist mir meine
eigne frühere Inkarnation aufgegangen.« (Wenn ich hier Worte von Dr.
Steiner in Anführungszeichen setze, ist niemals buchstäbliche
Genauigkeit garantiert, sondern nur möglichste Sinngetreuheit.)
Für
Neugier hätte ich es gehalten, wenn ich daraufhin mich bei andern
weiter erkundigt hätte. Es wird nicht abwegig sein, wenn uns heute bei
diesen Worten Dr. Steiners einfällt das Erlebnis, das er anderswo
einmal erzählt hat: Nach seinem Vortrag über Goethe als Vater einer
neuen Ästhetik habe ihm jener katholische Gelehrte gesagt, die
Anschauungen hätten ihn an Thomas von Aquino erinnert.
Der Irrtum einer Hellseherin
Das
Einzige, was mir bisher direkt und bestimmt von außen gesagt worden
ist, war allerdings nicht richtig. Es war die Behauptung einer medial
veranlagten Persönlichkeit [es war dies wohl Frau Wiegand in Berka],
die erst etwa ein Jahr vorher in die Anthroposophische Gesellschaft
eingetreten war, ich sei in meiner vorigen Inkarnation Papst Alexander
VI. gewesen. Als ich dies, mit anderen Äußerungen derselben
Persönlichkeit zusammen, Dr. Steiner erzählte, schien es ihn ein wenig
zu amüsieren. »Nicht übel«, sagte er mit kaum merklichem Lächeln. Wer
etwas von dem Papst Alexander Borgia weiß, wird verstehen, dass ich
mich dabei nicht beruhigt habe. Herr Doktor, sagte ich, das stimmt aber
gar nicht mit allem, was wir bisher über frühere Inkarnationen
besprochen haben.
»Nein«, erwiderte er, »die Persönlichkeit stimmt
auch nicht. Aber er hat mit Ihnen ein Gespräch in der geistigen Welt
gehabt.« Dann sprach er noch von Astralkomplexen – leider habe ich den
Ausdruck in der Erregung des Augenblicks nicht sicher behalten – durch
die medial angelegte Persönlichkeiten auf falsche Fährten abgelenkt
werden.
✻
Damals in jenem Gespräch [nach der
Synode in Berka, Sommer 1923] hat er ja das gewichtige Wort gesprochen:
»Es wäre die Pest, wenn die jungen Leute in solchen Gedanken an ihre
frühere Inkarnation lebten«, und hinzugefügt: »Noch schlimmer wäre es,
wenn die Leute des Dreißigerkreises« – des Kreises der
»prominenten« Anthroposophen in Stuttgart – »auf ihre früheren Inkarnationen kämen.«
Anregung zu eigener karmischer Forschung
Dagegen
hat er Einzelne zu Forschungen auf diesem Gebiet immer wieder angeregt
und dazu Winke gegeben. Die Ergebnisse meiner eignen Bemühungen wurden
mir ohne Ausnahme von Dr. Steiner bestätigt und meist noch etwas
Konkretes hinzugefügt. Aber dann zog er sich wieder zurück: »Ich werde
Ihnen später einmal mehr sagen, jetzt sehen Sie, was Sie allein
herausbringen.«
[Meine eigenen Bemühungen um die Erkenntnis
der vorangehenden Inkarnationen wurden mir ausnahmslos von Dr. Steiner
bestätigt, und meist wurde dann noch etwas Konkretes hinzugefügt. Dann
setzte er gelegentlich hinzu: Später will ich Ihnen einmal mehr davon
erzählen, jetzt sehen Sie zuerst, was Sie sonst herausbringen. Leider
ist es zu diesen eingehenderen Erzählungen nicht mehr gekommen.]
Es
handelte sich bei mir niemals mit Sicherheit um einzelne
Persönlichkeiten, vielmehr immer um geistige Situationen und
Zusammenhänge und um gewisse Grunderlebnisse. In diesem Sinn hat mir
Dr. Steiner drei frühere Inkarnationen, auf die ich selbst gekommen
war, bestätigt und eine vierte dazwischenliegende, die ich selbst schon
geahnt hatte, hinzugefügt. Leider ist es zu den eingehenderen
Erzählungen, die er in Aussicht gestellt hatte, nicht mehr gekommen.
In
Notizen von W. J. Stein heißt es: »Rittelmeyer sagte mir, Dr. Steiner
sagte ihm, er (Rittelmeyer) sei Cluniazenser gewesen. Rittelmeyer
fühlte schon als Knabe eine starke Beziehung zu Friedrich II. von
Sizilien. Er weiß, wie es im Kardinalskollegium zuging, wie da die
Heiligen wandelten und dazwischen die Füchse.
Dann fühlt er sich
verwandt der Gnostik Valentinus, fühlt sich vornicäisch. Dann als
Zeitgenosse von Golgatha, vielleicht ägyptisch. Alexander VI., sagte
ihm Doktor Steiner, sei er (Rittelmeyer) in der geistigen Welt
begegnet, darum habe der Geist Prophanti ⁵ ihn mit
Alexander VI. in Beziehung gebracht. Im Namen
Prophanti sind nur die Vokale richtig. (Lehrs Bericht.) … Rittelmeyer
sagte, die Geschichte Bernhards von Clairvaux habe er nie gelesen, sie
sei ihm auch ohne Lesen geläufig.«
Von den Gesprächen, die
darüber stattfanden, will ich nur eine Einzelheit erzählen, die auf
gewisse tragische Zusammenhänge ein Licht wirft. Dr. Steiner sprach von
einer gewissen Schwäche in meiner Organisation und erklärte sie so,
dass ich in der vorigen Inkarnation manche Dinge gesehen hätte, deren
Unrichtigkeit ich durchschaut, und die ich doch nicht hätte ändern
können.
Solche Erlebnisse wirkten sich dann in der nächsten Inkarnation eine Stufe tiefer aus (also in diesem Fall wohl im Ätherleib).
Ich
überlegte mir die Sache und fragte dann: Da muss aber dann doch
irgendeine Verletzung des Gewissens dabei sein. Dies ließ Dr. Steiner
nicht gelten.
»Nein«, sagte Dr. Steiner, »gar nicht, Sie konnten die
Dinge nicht ändern.« Nun fragte ich weiter: Derselbe Fall müsste dann
bei Franziskus vorliegen? Sehr ernst entgegnete Dr. Steiner: »Wenn
Franziskus sich heute verkörperte«, entgegnete Dr. Steiner, »so würde
er mit Geschwüren geboren.«
[Da stieg eine ganz neue Tragik
im geschichtlichen Leben vor mir empor. Wie wird es uns gehen, wenn wir
in diesem Leben nun wieder vielleicht Dinge sehen, die wir nicht ändern
können?]
Natürlich will eine solche Äußerung mit besonderer
Vorsicht behandelt sein. Sonst hält eine Mutter, deren Kind Geschwüre
hat, es gleich für den wiederverkörperten Franziskus. Aber verschweigen
will ich diese Äußerung doch nicht ganz. Dr. Steiner hat in seinen
Vorträgen manche ähnliche Tatsachen erzählt, die falsch aufgenommen
werden können. Die ungeheure Tragik im geschichtlichen Werden der
Menschheit stieg damals vor mir empor. Sehen wir
nicht auch in
dieser Inkarnation aus der Nähe viele Dinge mit an, die wir nicht
ändern können? Wie hilft man sich gegen die gefährliche Wirkung solcher
Erlebnisse? Vielleicht in derselben Weise, wie Dr. Steiner rät, dass
man falscher Gedanken in seiner Umgebung sich dadurch erwehrt, dass man
sie immer konsequent ins Richtige denkt? Vielleicht muss man durch
solche Erlebnisse ganz regelmäßig die Kraft in sich stärken lassen,
wenigstens in einer folgenden Inkarnation solchen Mächten
entgegenzuwirken?
Johannes der Evangelist
In
einem besonders intimen Gespräch fragte ich Dr. Steiner, ob sich der
Evangelist Johannes irgendwo wiederverkörpert habe. Also nicht Johannes
der Täufer, von dessen späteren Verkörperungen Dr. Steiner gesprochen
hatte, sondern Johannes der Evangelist. »Solange das Werk eines
Menschen so stark nachwirkt, gibt es für ihn Schwierigkeiten für die
Verkörperung.« Er schien ganz deutlich sagen zu wollen, dass der
Evangelist Johannes sich bisher nicht wieder verkörpert habe. Wie dies
allerdings weiter gehen soll, nachdem das Werk des Johannes jetzt erst
richtig aufwacht, ist mir unklar geblieben.
[Zu meiner
Überraschung sagte Dr. Steiner: »Nein. Solange das Werk eines Menschen
so stark nachwirkt, gibt es für ihn Schwierigkeiten der
Wiederverkörperung.« Da nun die Wirkung des Johannes-Evangeliums jetzt
erst recht beginnt, sieht man hier ein großes Problem.]
✻
Ganz
besonders wichtig wurde mir in der Folge ein Gespräch, an dem meines
Erinnerns auch Emil Bock und Gertrud Spörri teilnahmen [März 1923]. Ich
hatte den Eindruck gehabt, als ob der Evangelist Johannes sich in
besonderer Weise für unsere Bewegung interessiere. Hier war nun
besonders die Folge der Worte Dr. Steiners lehrreich. Zuerst sagte er
etwas ablehnend:
»Das wird wohl etwas Persönliches sein.« Aber fast unmittelbar fuhr er fort:
»Die
Evangelisten alle interessieren sich für Ihre Bewegung.« Dann kam
sofort der Satz: »Und in besonderer Weise der Evangelist Johannes.
Aber« – fügte er gleich lebhaft hinzu – »Sie müssen sich erst bewähren!
Sie müssen sich erst bewähren!«
Ein Gespräch, das in der Priesterschaft der Christengemeinschaft lebendig bleiben sollte!
Bestätigung eigener Erkenntnisse
Im
Rundbrief habe ich vor Jahren einmal erzählt, dass ich Dr. Steiner
davon gesprochen hatte, ein Zusammenhang zwischen den sieben
Ich-bin-Worten des Johannes-Evangeliums und den sieben Sakramenten sei
mir aufgegangen.
Sichtlich erfreut bestätigte er es. Aber auch über
den Zusammenhang der sieben Sakramente mit den sieben Christustaten im
Johannes-Evangelium sprach ich ihm einmal. Ich war unsicher, ob der
Zusammenhang zwischen der Taufe und der Hochzeit zu Kana nicht doch
künstlich erdacht sei. Dr. Steiner aber sagte:
»Es stimmt bis zu dem Grad, dass sich bei der Taufe Alkohol im Körper bildet.«
Christus-Verständnis
Im
Jahr 1919 sprach mich Dr. Steiner von sich aus an: »Mir scheint, es ist
die Zeit nicht ferne, wo Sie das Mysterium von Golgatha tiefer
verstehen werden!« Erklärend fügte er hinzu: »Man kann es zu verstehen
glauben und doch nicht wirklich verstehen oder doch noch besser
verstehen lernen.«
Auf meine Frage, ob es wirklich der lebendige
Christus ist, den ich immer zu spüren glaube, sagte er bestimmt und
ohne Einschränkung: »Ja!« Dasselbe antwortete er andern Anthroposophen,
die ihn etwas zweifelnd fragten, ob es denn derselbe Christus sei, von
dem Dr. Rittelmeyer spreche, wie der, von dem Dr. Steiner rede.
Es
hatte mich aber doch erschüttert, als Dr. Steiner einmal gesagt hatte,
es sei oft außerordentlich schwer, Christus von Luzifer zu
unterscheiden. So fragte ich, ob es ein sicheres Merkmal gebe, woran
man erkennen könne, ob eine Christusberührung wirklich von Christus
ausgehe. Darauf erwiderte Dr. Steiner:
»Christus ist die reinste Selbstlosigkeit. Daran allein kann man ihn erkennen.«
[Als
ich deshalb fragte, welches denn das Kennzeichen sei, wodurch man
Sicherheit gewinnen könne, ob es wirklich Christus sei, dem man
begegne, erwiderte er: »Christus ist die absolute Selbstlosigkeit. Das
sei das einzig sichere Kennzeichen, an dem man ihn erkennen könne.«]
Er
gab mir noch als einen Tag, an dem die Christusnähe besonders spürbar
sei, den Donnerstag an. Man vergleiche dazu unsere Meditationen.
Auf
meine Frage, was man denn tun könne, um sich für damaskusähnliche
Christuserlebnisse vorzubereiten, entgegnete er: »Das ist erst möglich,
wenn man Christus im Jahreslauf erlebt.« Auch dazu vergleiche man
unsere Meditationen.
✻
Dass Dr. Steiner die
Schilderung, die ich in meinem Jesusbuch gegeben hatte, für richtig
erklärte, habe ich in meinem Lebensbegegnungsbuch erzählt. Er fügte nur
hinzu: »Sie schildern mehr den Jesus als den Christus.« Mit Wärme fuhr
er fort: »Es wäre sehr schön, wenn Sie einmal ein Buch über Christus
schrieben, wie Sie eins über Jesus geschrieben haben.«
Die Erfüllung
dieses Wunsches Dr. Steiners steht leider noch aus. Manche Vorarbeiten
dafür und der Plan dazu sind schon da. Aber ich konnte mich nicht
entschließen, unmittelbar vor dem Jahr 33/34 den Versuch zu wagen.
[An
diese Aufgabe, die mir Dr. Steiner gestellt, habe ich mich noch nicht
heran getraut, obwohl der Plan zu ihr im Wesentlichen fertig vorliegt.
Auch die Zeit scheint mir noch nicht da zu sein.]
Die Sterne
[Gelegentlich
begann Dr. Steiner selbst von seinen augenblicklichen Forschungen zu
erzählen. Er fügte dann einmal hinzu, es sei noch nicht so weit, dass
er öffentlich davon reden könne.
Geradezu erschlagen war ich, als
ich einmal bei Tisch eine Frage über die Sterne stellte – etwa im Jahr
1917 – und Dr. Steiner gleich seine jetzt bekannten Anschauungen über
den Sternenhimmel darlegte, dass wir, wenn wir hinauf reisten, dort gar
nichts Physisches finden würden, sondern nur Versammlungen von
Geistwesen. Ich war über diese überraschenden Perspektiven so erstaunt,
dass ich leider die Gelegenheit nicht benutzte, weiter zu fragen.]
Kuppelmalerei und Farben
Wir
standen im alten Goetheanum und schauten zur großen Kuppel empor. Auf
einige Fragen hin sagte Dr. Steiner: »Die große Kuppel gebe ich ganz
preis; da ist mit unzulänglichen Mitteln etwas versucht worden, was so
nicht geht.
Deshalb habe ich es in der kleinen Kuppel selbst
versucht.« Als nun die Sprache auf die Farben kam, fragte ich, ob meine
Vermutung richtig sei, dass die sieben Farben des Farbenspektrums den
Charakter der sieben Elohim ausdrücken. Die bekannte Goethe-Stelle über
die Elohim in der Farbenlehre war mir damals nicht bekannt oder nicht
gegenwärtig. Sie spricht sich ja auch weniger konkret aus.
Dr.
Steiner bestätigte meine Vermutung. Auf die weitere Frage: Wo ist denn
dann im Farbenspektrum der Christus zu finden? Antwortete Dr. Steiner:
»Er ist hinter dem Grün.«
Mir kamen Goethes Worte in den Sinn: Grün
ist des Lebens goldner Baum. ⁷ – Die einzige Farbenvermischung, die
Goethe begangen hat. Auch hörte ich später, dass in Böhmen die
Goldprüfer das echte Gold daran erkennen sollen, dass man, wenn man es
gegen das Licht hält, einen grünen Schimmer sieht.
Hierarchien und Trinität
Bedeutsam
für manche Fragen, die heute auftauchen, war auch ein Gespräch, das
wohl unter den im Rundbrief mitgeteilten Gesprächen vorkommt, aber hier
etwas ausführlicher erzählt sei. Es handelte sich um den Unterschied
zwischen Christus und dem Logos. Ganz deutlich bestätigte Dr. Steiner,
dass Christus der Höchste der Sonnen-Hierarchie sei, dass aber von ihm
zu unterscheiden sei die zweite Person der Gottheit, der Logos. Der
stehe über ihm oder wie man auch sagen könne: hinter ihm. Hinter jeder
der drei Hierarchien-Gruppen stehe eine Person der Gottheit. Christus
habe, wenn er vom Vater gesprochen habe, immer mit außerordentlicher
Ehrfurcht gesprochen. Da sei aber nicht Jahve gemeint gewesen, wenn es
auch die Juden vielleicht so verstanden hätten. Mit Jahve würde
Christus sich identifiziert haben.
Luther und Rittelmeyers Aufgabe
Hier
seien nun auch einige Erlebnisse mitgeteilt, die sich auf die kommende
Kirche beziehen. Im Jahre 1916, kurz ehe ich nach Berlin kam, war ein
Medium auf mich zugekommen und hatte gesagt, es solle mir einen Gruß
von Dr. Martin Luther ausrichten, und er lasse mir sagen, dass ich noch
eine wichtige und große Bestimmung hätte bei der Begründung einer neuen
Kirche.
Dies habe ich später einmal Dr. Steiner erzählt, aber nur
die erste Hälfte. Die zweite Hälfte von der Bestimmung hatte ich ins
Unbewusste versenkt, weil ich mich nicht durch Medien beeinflussen
lassen wollte. Erst viel später ist mir diese zweite Hälfte wieder ins
Bewusstsein getreten. Dr. Steiner sagte – es war im Jahr 1917 oder 1918
–: »Luther ist der vorgeburtliche Lehrer aller derer, die im Sinne des
Protestantismus zu wirken haben.«
[Einmal erzählte ich Dr.
Steiner, dass ein Medium auf mich zugekommen sei und mir gesagt habe,
es solle mir einen Gruß von Dr. Martin Luther ausrichten. Was das
Medium noch sagte – es war im Jahre 1916 – habe ich Dr. Steiner nicht
mit erzählt: Luther lasse mir sagen, ich hätte noch eine sehr wichtige
Bestimmung bei der Begründung einer neuen Kirche. Ich hatte das damals
selbst ins Unbewusste versenkt, erst viel später ist es wieder
aufgetaucht. Dr. Steiner
sagte – es war etwa 1917 oder 1918 – das
Medium hat schon etwas Richtiges gespürt. Luther ist der vorgeburtliche
Lehrer aller derer gewesen, die den Protestantismus weiterzuentwickeln
haben.]
Ein Echo von Gesprächen mit Dr. Steiner durfte ich
vielleicht auch darin sehen, dass Frau Dr. Steiner einmal in Gegenwart
Dr. Steiners zu mir sagte: Sie haben die Aufgabe, die lebendigen Kräfte
(oder Kreise?) der evangelischen Kirche der Anthroposophie zuzuführen.
Dr. Steiner widersprach nicht.
[In Gegenwart Dr. Steiners sagte
einmal Frau Dr. Steiner zu mir, es sei meine Bestimmung, die
wertvollsten Kreise der evangelischen Kirche der Anthroposophie
zuzuführen. Dr. Steiner widersprach nicht.]
✻
Noch
zwei Erlebnisse seien hier der Merkwürdigkeit wegen mit angeführt. Ein
Anthroposoph, von dessen Impressionen Dr. Steiner, wie er mir selbst
sagte, etwas hielt – sie brauchen deshalb nicht alle richtig zu sein –,
kam eines Tages aus eigenem Antrieb zu mir. Er habe den Eindruck, dass
er mir etwas zu sagen habe. Er habe eine Imagination über mich gehabt.
Und seine Impressionen über Andere seien oft haarscharf richtig,
weniger die über ihn selbst. Ich würde meine Stelle in Berlin verlieren
im Zusammenhang mit den Kriegsereignissen. Aber eine andere Gemeinde
werde mich haben wollen. Dann würde ich freier wirken im Sinne der
Anthroposophie. Ich würde eine Kirche bauen, sagte er zuerst.
Dann
schränkte er ein: ich würde in einem anderen Raume sprechen, der auch
im Äußeren besser stimme zu dem, was ich zu sagen hätte.
Man sieht, es ist manches richtig in dieser Impression.
Dazu kam noch ein Traum vom Februar des Jahres 1919. Ich war lange bei
Dr.
Steiner. Zum Abschied sagte er, er wisse jetzt, dass ich eigens in
dieser Zeit hätte verkörpert werden sollen oder wollen, wo die Kirche
eine Krisis durchmacht. Bei dieser Krisis gehe die alte Form der Kirche
dahin. Aber damit komme ja nur die Wirklichkeit, wie sie längst
vorhanden sei, an den Tag. Ich möge mit möglichster Ruhe die
Überleitung machen.
Leider habe ich Dr. Steiner über diesen Traum
nicht gefragt. Seine eignen Worte zu mir im Tagesgespräch hatten damals
noch einen andern Charakter. In demselben Jahr 1919, im September,
sprach ich einmal die Meinung aus, dass die evangelische Kirche
auseinanderfallen werde und dass sich dann für unsereinen neue
Wirkensmöglichkeiten ergeben würden. Er bestätigte das und setzte
hinzu: »Die Kirche wird sich mehr um die bedeutsamen Männer in ihr
gruppieren. Diese aber werden ihre Gemeinden vergrößern.«
In
derselben Zeit erzählte ich ihm, dass man mich zum
Generalsuperintendenten machen wolle, dass ich mich aber ablehnend
verhalte, weil ich keine Lust hätte, Kirche zu regieren. Da wurde er
ziemlich lebhaft: »Was ist an dieser Kirche noch zu regieren!«
Michael
Bauer erzählte mir später, er habe, als er vom Anthroposophischen
Vorstand zurücktrat, der damals aus Frau Dr. Steiner, Michael Bauer und
Dr.
Unger bestand, mich als seinen Nachfolger vorgeschlagen. Dr. Steiner
habe erwidert: »Der kommt schon in Betracht, ich warte nur bis ihn
seine Kirche hinauswirft.«
Damals dachte er also noch nicht an die Christengemeinschaft.
Rittelmeyers Antrittspredigt in Berlin
Hier
sei, als Intermezzo, eine Geschichte eingeschaltet, bei der ich in eine
seltsame Situation geraten bin. Man hatte von mir, als ich im Jahr 1916
nach Berlin berufen wurde, keine »Probepredigt« vorher verlangt. Ich
hatte sie abgelehnt. Aber nach Berliner Sitte sollte sich der gewählte
Prediger doch seiner Gemeinde in einer Predigt vorstellen, und die
Gemeinde hatte hier noch eine Möglichkeit gegen ihn zu protestieren.
Gerade als ich durch den Gemeindekirchenrat gewählt war, sah ich ein,
dass man einer solchen Gemeinde, wie die Berliner Gemeinde war, nicht
einfach einen Prediger vorsetzen kann, den sie gar nicht kennt. Aber
nun war nach dem Herkommen noch eine Forderung da, die ich für
unmöglich hielt. Der neue Pfarrer sollte vor der versammelten Gemeinde
eine kleine Unterrichtsstunde geben, damit die Gemeinde sieht, wem sie
ihre Kinder zum Konfirmandenunterricht anvertraut. Dagegen wehrte ich
mich. Da aber meine Freunde baten, an Einzelheiten die Sache nicht
scheitern zu lassen, beschloss ich, zwar der Sitte mich nicht zu
entziehen, aber das Unmögliche der Situation kräftig zum Ausdruck zu
bringen und mir eine mögliche Situation selbst zu verschaffen. So sagte
ich dann, als die Kinder um mich versammelt waren: »So, ihr Kinder, nun
wollen wir miteinander reden; ihr seid jetzt ganz für mich da und ich
für euch; was sonst noch da ist, das geht uns jetzt gar nichts an; das
sind für uns alles nur Krautsköpfe. Man ist, wie Ihr ja wisst, in
seiner Jugend manchmal etwas frech.«
So machte es mir ein besonderes
Vergnügen, die hohen Herren, die da saßen und mich öffentlich
examinieren wollten, Gemeindekirchenräte, vor allem aber
Superintendenten, Konsistorialräte, Generalsuperintendenten, vor den
übrigen Zuhörern mit einem solchen situationsgemäßen Titel zu begrüßen.
Es gelang auch. Die Kinder stellten sich auf mich ein und waren für
unbefangene Antworten viel aufgeschlossener. Wir bildeten einen Kreis
und kümmerten uns um niemand mehr. Aber ich hatte nicht im
Entferntesten geahnt, dass Dr. Steiner unter den Zuhörern saß. ⁸
Als
ich ihn am nächsten Tag besuchte, wurde ich von ihm und Frau Doktor mit
den Worten empfangen: »Wir sind gestern in Ihrer Kirche gewesen!« Die
Geschichte mit den Krautsköpfen fiel mir sofort siedheiß ein. Ich hatte
nun die
Strafe für meine Frechheit. Aber ich hütete mich, an die
Sache zu rühren. Frau Doktor sprach sich besonders erfreut über die
Unterrichtsstunde aus. Und
Dr. Steiner erzählte, ebenfalls mit
Freude, das Erlebnis mit dem Ätherbild, das ich im Lebensbegegnungsbuch
erwähnte. [LRS, S. 88 f.]
Predigthilfe
Er gab mir
dann, als wir allein waren, im Zusammenhang mit dieser Predigt einen
Rat. Ich möge in der Nacht nach einer Predigt immer zu spüren suchen,
was mir von den Zuhörern in ihrem eigenen Nachterleben als Echo
zurückkommt. Mit diesem einfachen Rat ist eine Schule zukünftiger
Predigt aufgetan.
Auch später hat Dr. Steiner, wenn er auch nicht
mehr in die Kirche kam, wie er in Aussicht gestellt hatte, an meiner
Predigtarbeit Anteil genommen. Nicht nur wollte er meine Doktorarbeit
haben über »Nietzsche und das Erkenntnisproblem«, las sie auch und
lobte sie, sondern auch von der Predigtarbeit ließ er sich gelegentlich
erzählen. Als ich ihm einmal berichtete, ich hätte über die
Versuchungsgeschichte geredet und dabei den drei Christus- Siegen drei
Menschheitsgestalten gegenübergestellt, die den Versuchungen typisch
erlegen sind, nämlich Don Juan, Prometheus, Faust, sagte er: »Das ist
ein schönes Meditationsergebnis.« Das Wort ist mir deshalb besonders
wichtig gewesen, weil ich gar nicht durch Meditation auf diese Gedanken
gekommen war, und weil mir Dr. Steiner zu sagen schien: Wenn du auch
nicht durch Meditation dergleichen gefunden hast, so kommt doch die
Wirkung des Meditierens bei solchen Gelegenheiten heraus, ganz wo
anders als man erwartet.
Schüler und Lehrer
Bald
nach meiner ersten Begegnung mit Dr. Steiner hatte ich den Eindruck,
dass er auch nachts an seinen Schülern arbeitet. Ich war ja gleich in
der ersten Stunde der Begegnung unter die nächsten esoterischen Schüler
Dr. Steiners aufgenommen worden und habe erst allmählich verstanden,
was das bedeutete. Gerade an den nächtlichen Eindrücken ging es mir
auf. Eines dieser Erlebnisse habe ich, soweit es dort möglich war, im
Lebensbegegnungsbuch [LRS,
S. 61 ff.] erzählt. Ein anderes mag hier
mitgeteilt werden. Ich sah Dr. Steiner, wie er mit ungeheurer
Lebendigkeit und Beweglichkeit, fast tanzend vor mir her schritt. Als
ich es ihm später erzählte, erkundigte er sich genau nach der Zeit und
sagte dann: »Damals habe ich Ihnen eine größere Beweglichkeit des
Ätherleibes beibringen wollen. Aber das ist ja jetzt nicht mehr nötig.«
[Einen
merkwürdigen Eindruck hatte ich einmal im Traum von Dr. Steiner. Er
ging vor mir her und machte sehr lebhafte, fast tanzende Bewegungen.
Ich fragte ihn darüber. Er erkundigte sich genau, wann das gewesen
wäre. Es lag schon längere Zeit zurück. Dann sagte er: »Ja, damals habe
ich ihnen eine größere Beweglichkeit des Ätherleibes beibringen wollen.
Aber das ist jetzt nicht mehr nötig.«
Von der nächtlichen Arbeit Dr.
Steiners an seinen Schülern hatte ich mehrmals ähnliche Eindrücke.
Schon als ich im Jahre 1915 in Dornach zu Gast war, hatte ich den
Eindruck, als ob Dr. Steiner sage: dein Schicksal ist fortan mit
Dornach verbunden.
Außenstehende werden bedenkliche Methoden der
Suggestion darin vermuten. Mich selbst machte es damals wach, alle
Einflüsse möglichst genau zu prüfen und möglichst nicht unbeachtet
durchzulassen.]
Esoterische Fortschritte
In diese
Reihe von nächtlichen Erlebnissen gehört es auch, dass ich in den
Tagen, als ich zum ersten Mal in Dornach war, 1915, Dr. Steiner sagen
hörte:
»Ihr Schicksal ist fortan mit Dornach verbunden.« Hier habe
ich Dr. Steiner nicht gefragt. Deshalb blieb es offen, wie dies
Erlebnis zustande kam. Meine Aufgabe als naher Schüler Dr. Steiners
sehe ich gerade darin, vor aller Voreiligkeit und Unvorsichtigkeit auf
dem okkulten Gebiet ganz dringend zu warnen. Vom Okkulten her werden
immer wieder der Priesterschaft größte Gefahren drohen. Man hat mir
diese Vorsicht als »Unsicherheit« ausgelegt und mag es weiter tun. Aber
die Frage ist, ob nicht gerade diese Vorsicht eine der geistigen
Bedingungen war, unter denen ich allein in diese geschichtliche
Stellung als Schüler Dr. Steiners kommen konnte – und ob nicht in
dieser Vorsicht eine meiner geschichtlichen Aufgaben gegenüber dem
Priesterkreis liegt.
Etwas ganz unglaublich Schönes war es,
in dieser nahen Beziehung als Schüler zu Dr. Steiner zu stehen. Wenn er
einen dann nach langer Abwesenheit begrüßte und mit sichtlicher
Befriedigung sagte: »Sie haben gute Fortschritte gemacht in der
Zwischenzeit« – so empfand man eine hohe Beglückung. Mir selbst war es
freilich nicht so vorgekommen, als ob ich Fortschritte gemacht hätte.
Aber als ich einmal Dr. Steiner klagte, dass ich so gar nicht den
Eindruck hätte, vorwärts zu kommen, sagte er sehr bestimmt: »Es geht
[bei Ihnen] wirklich so schnell wie es nur überhaupt gehen kann;
schneller dürfte es gar nicht gehen, wenn es nicht zu Katastrophen
kommen sollte.« Kaum je habe ich ihn ernster gesehen, als wie ich
einmal mutlos wurde im eigenen Streben. Man müsse unter allen
Umständen, sagte er etwa, die Zuversicht zum eignen Vorwärtsschreiten
behalten. Zum Trost und zur Ermutigung für Andere sei dies hier
erzählt. Immer wieder bestätigte er einen. »Es ist alles in einem guten
Fortgang, wenn Sie auch nichts davon merken; kleinere Störungen können
wohl noch dazwischen einmal kommen, aber sie werden sich von innen
heraus regulieren.«
Und dabei merkte ich selbst wirklich nichts von guten Fortschritten trotz
angestrengter Übungen.
[Soll
ich das Folgende erzählen? Vielleicht ist es manchem später einmal ein
Trost. Ich klagte Dr. Steiner, dass ich so gar nichts von Fortschritten
merke. Er sagte: »Es geht bei Ihnen so schnell wie es nur überhaupt
gehen kann. Schneller dürfte es gar nicht gehen, wenn es nicht zu
Katastrophen kommen soll.« Sehr beglückend war es, wenn er nach
längerem Fortsein bei der ersten Begegnung einen freundlich ansah: »Sie
haben schöne Fortschritte gemacht, wenn Sie auch noch nicht viel davon
merken. Es werden wohl immer noch einmal kleinere Störungen kommen,
aber Sie sind in einer so guten Entwicklung, dass sich dies alles von
innen heraus regeln wird.«]
Wenn ich allerdings etwa in den
Ferien einmal nachlässiger gewesen war im Meditieren, dann ging ich wie
ein schuldbewusster Hund Dr. Steiner aus dem Weg, bis ich wieder mich
eine Woche lang aufgebügelt [aufgebessert] hatte. Vielleicht war es das
schlechte Gewissen, dass ich meinte, Dr. Steiner sehe mir das an.
Rittelmeyers Sturz
Eine
merkwürdige Äußerung tat Dr. Steiner, als ich ihm von meinem Sturz
erzählte. »Das ist Zukunftskarma«, sagte er; »das kommt von Ihrer
Sehnsucht nach der spirituellen Welt.« Und ein ander Mal: »Es war etwas
fällig in Ihrem Leben; wenn der Sturz nicht gekommen wäre, so hätte
jetzt eine schwere Krankheit kommen müssen.«
Als er dann später die
Wirkungen des Sturzes sah, sagte er doch noch etwas anderes. »Da
scheint sich etwas aus Ihren früheren Inkarnationen aufzulehnen gegen
Ihre jetzige Entwicklung; ich habe es noch nicht untersucht, was es
ist.« Leider blieb es dabei.
[Als er einmal von meinem Sturz
sprach, sagte er: »Das ist Zukunftskarma. Hätten Sie den Sturz nicht
erlebt, so hätte jetzt eine schwere Krankheit kommen müssen.«
Später,
im Jahre 1921 als er die Wirkung des Sturzes genauer miterlebte, sagte
er: »Das scheint etwas zu sein, was sich aus ihren früheren
Inkarnationen gegen ihre jetzige Entwicklung auflehnt; ich habe noch
nicht genauer untersucht.« Dabei ist es dann geblieben.]
Überhaupt
war der Unterschied sehr erkennbar, ob er etwas okkult untersucht hatte
oder nicht. Zum Beispiel erfuhr er von meinem Sturz zuerst auf folgende
Weise. Er fragte meine Frau nach meinem Befinden. Da erzählte sie ihm
das Geschehene. »Ach, ist es das?«, sagte Dr. Steiner. »Ich habe so
Angst um ihn gehabt.«
Wie er mich dann ein Jahr später zum ersten
Mal wieder sah, sagte er: »Sie haben sich in diesen Ferien nicht so gut
erholt wie sonst.«
Es war aber die Gehirnhauterkrankung im
Anzug, die er wohl sah, aber noch nicht in ihren Zusammenhängen. Er
lenkte dann seine Aufmerksamkeit auf den Fuß. »Da kann ich natürlich
nichts machen. Vielleicht finden Sie einen Knochenflicker, der Ihnen
den Knochen noch einmal bricht, damit er richtig eingerichtet werden
kann. Aber das ist Karma.«
[Mehrere Beispiele habe ich
erlebt, wie Dr. Steiner wohl etwas sah, aber bevor er es okkulte
genauer untersucht, doch mehr von außen sah. Er erkundigte sich zum
Beispiel bei meiner Frau nach meinem Befinden. Da erzählte ihm meine
Frau von meinem Absturz. »Ach, ist es das? Ich habe so Angst um ihn
gehabt.«
Ebenso sagte er, als er mich ein Jahr nach meinem Absturz
wieder sah: »Sie haben sich in diesen Ferien nicht so gut erholt wie
sonst.« Es war aber die Kopfwirkung auf den Sturz im Anzug. Als er den
Fuß sah, sagte er: »Da kann ich natürlich nichts machen. Vielleicht
finden Sie einen Knochenschieber, der den Fuß nochmal bricht, damit er
richtig eingerichtet wird.« Er schien nur die Möglichkeit zu erwägen,
keine Hoffnung darauf zu setzen.
Ein Irrtum
[Eindrucksvoll
ist mir auch folgendes Erlebnis. Dr. Steiner hatte einen öffentlichen
Vortrag in Nürnberg gehalten, etwa im Jahr 1917. Auf Geyers Empfehlung
und meinen Aufsatz hin kamen sehr viele Menschen aus den uns
nahestehenden Kreisen. Nun sagte Dr. Steiner im Vortrag einige wenige
Worte über Johannes Müller. Meiner Erinnerung nach hieß es etwa: »Wer
das nicht einsehen will, der soll zum Teufel gehen – oder meinetwegen
zu Johannes Müller.«
Da nun die Menschen vielfach Johannes Müller
hoch achteten – auch Dr. Stählin war damals in diesem Vortrag – so gab
es eine ziemliche Aufregung in Nürnberg, die sich gegen Dr. Steiner
ungünstig auswirkte. D. Geyer schrieb mir darüber einen …]
Hier
handelt es sich offenbar um eine Verwechslung oder um einen Irrtum. Der
genannte Vortrag Rudolf Steiners fand am 11. 2. 1918 statt. Er ist zwar
noch nicht in der Gesamtausgabe erschienen, aber in der erhaltenen
Ausschrift des Stenogramms findet sich nichts, was dem oben zitierten
Satz entspricht.
Vielmehr heißt es dort auf Seite 37: »Geht zur
Wissenschaft, geht zur Religion, geht zum Leben, geht sogar zu –
Johannes Müller – Ihr werdet dadurch Geisteswissenschaft wahrlich nicht
widerlegt finden, sondern durch Wissenschaft, durch Religion, durch das
Leben und sogar durch Johannes Müller bestätigt finden.« Rittelmeyer
hat diesen Passus aus seinem Stenogramm mit gutem Grund nicht in die
Vervielfältigung aufgenommen.
Der medizinisch Ratende
Von
seiner Bereitschaft zu helfen und von seiner Art zu helfen, auch in
körperlichen Dingen, will ich wenigstens ein Beispiel von mehreren
selbst erlebten Fällen erzählen. Während der Stuttgarter Tagung 1924
wurde ich krank. Meine Frau, die das lange Kranksein im Jahr 1920 in
der Erinnerung hatte, wo ich mich auch lange geweigert hatte, Dr.
Steiner damit zu behelligen, telefonierte sofort nach Dornach.
[Als
ich im Jahre 1924 während der Stuttgarter Tagung krank wurde, wollte
ich selbst Dr. Steiner nicht damit belästigen. Aber meine Frau, die das
längere Kranksein in der Erinnerung hatte, wo ich mich auch meinerseits
nicht an
Dr. Steiner wenden wollte, telefonierte ihm nach Dornach.]
Dr. Steiner hörte sich die Sache teilnahmsvoll und freundlich an und sagte dann:
»Telefonieren
Sie mich in einer halben Stunde noch einmal an und bringen Sie dann
einen anthroposophischen Arzt mit ans Telefon.« In dieser halben Stunde
wollte er offenbar den Fall untersuchen. Und durch den Arzt wollte er
sich gegenüber der Öffentlichkeit decken. Wir holten Dr. Noll ¹
[Engel]. Zur ziemlichen Verwunderung von Dr. Noll
[Engel] stieß er dessen Anordnungen, zum Beispiel in Bezug auf die
Nahrungsaufnahme, um – und behielt Recht. Wie wenig er sich durch einen
Hilferuf missbraucht fühlte, drückte sich dann dadurch aus, dass er mir
einige Wochen später Vorhalt machte, warum ich nicht wegen des
Erholungsaufenthaltes gefragt hätte; ich hätte ihm nach England
telefonieren sollen!
[Seine Bereitwilligkeit zu helfen
zeigte sich auch darin, dass er später zu mir sagte, als ich den
Erholungsaufenthalt nicht richtig gewollt hatte: »Sie hätten mir nach
Dornach telefonieren sollen.«]
Sein letztes Wort in dieser Sache war: »Ich danke Ihnen, dass Sie mir Gelegenheit gegeben haben zu helfen.«
Deutung innerer Erlebnisse
Noch
einige Beispiele seien erzählt, in denen sich ausspricht, wie Dr.
Steiner Traumerlebnisse oder Meditationserlebnisse aufhellte. Darin
sind wertvolle Winke gegeben.
Wohl ganz im Anfang des Krieges hatte
ich in der Nacht zweimal das Erlebnis, dass Dr. Steiner zu mir sagte:
»Merken Sie auf! Der Krieg wird bitter ernst, aber nicht unglücklich
und nimmt eine überraschende Wendung.« Darüber konnte ich einige Monate
später Dr. Steiner fragen. »Sie haben in eine okkulte Strömung
hineingehorcht«, sagte er, »nicht gerade, dass ich es Ihnen gesagt
habe. Die überraschende Wendung ist wohl jetzt schon vorbei. Sie
bezieht sich wohl auf den Wechsel in der Person des Generalstabschefs.«
Als
Täuschungsmöglichkeit ergibt sich, einmal dass man leicht einschiebt,
eine Persönlichkeit, die unseren Gedanken nahe liegt, habe uns etwas
sagen wollen, während diese Form nur eine Einkleidung darstellt, die
man unbewusst selbst vorgenommen hat. Man entwichtigt sich selbst, wenn
man das weiß.
Die andere Täuschungsmöglichkeit ist die, dass man ein
Erlebnis auf einen weiteren oder doch anderen Kreis bezieht, als der
ist, für den es gilt.
Man hat für viele halbwahre oder viertelswahre Erlebnisse den Schlüssel, wenn man solche Verschiebungen in Betracht zieht.
Über
mehrere Berührungen mit Verstorbenen konnte ich auch noch Dr. Steiner
fragen. Das eine Erlebnis bezeichnete er ohne Einschränkung als
»eminent real«. Ich habe es deshalb auch in der »Christengemeinschaft«
einmal in diesem Sinne erzählt.
Abends hatte ich die Fühlung mit meiner verstorbenen Mutter gesucht, aber
nicht
konkret gefunden, nur in einem allgemeinen Empfinden ihrer Nähe. In der
Nacht träumte ich, ich ging wieder auf mein Elternhaus zu wie früher.
Meine Mutter saß am Fenster und nähte. Sie sah mich kommen, strahlte
auf, erhob sich und ging zur Haustüre, um mir aufzumachen. Aber sie
brachte die Türe nicht auf. Sie nicht von innen und ich nicht von
außen. Doch durch die verschlossene mächtige Türe hindurch kam ein
warmer Strahl von Liebe zu mir. Darin wachte ich fast erschrocken auf.
Das
andere Erlebnis verlief so. Während der Meditation hatte ich plötzlich
den Eindruck, dass eben etwas innerlich geschehen sei. Ich richtete
meinen geistigen Blick darauf und suchte es ins Bewusstsein zu heben,
ähnlich wie Dr. Steiner gelehrt. Da kam ich darauf, dass ich eben
meinen Vornamen gehört hatte, gerufen von der Stimme meiner
verstorbenen Mutter. Dr. Steiner sagte: »Sie müssen sich das so
erklären, dass Ihre Mutter an einem Punkt ihrer Lebensrückschau stehen
geblieben ist, nach Ihnen gerufen hat und gewartet, bis Sie es hören.«
Auf meine Bemerkung, sie müsse aber doch etwas Bestimmtes gewollt
haben, sagte Dr. Steiner: »Die Verstorbenen wissen jetzt mehr über das
wahre Leben; dazu wollen sie ihre Hinterbliebenen bringen.«
Bei
dieser Gelegenheit sei Folgendes mitgeteilt. Auf eine Frage, ob man
denn bei den Verstorbenen von einem Willen reden könne, entgegnete Dr.
Steiner in einem andern Gespräch, das sei nicht ganz richtig, »weil die
Ausdrucksformen aus unserer sinnlichen Welt nicht passen für die
übersinnlichen Welten. Man müsse genauer sagen: Sie hätten eine
Fähigkeit, die dem entspreche, was in der sinnlichen Welt als Wille
erlebt wird.«
Noch eine Einzelheit, die für unsere Zeit
besonders bedeutungsvoll ist. In der Meditation ergab sich mir das Bild
einer nach aufwärts züngelnden Schlange. Dr. Steiner erläuterte das
Bild dahin, dass ›das Ich‹ [ich] noch zu sehr im Rückenmark sitze. Von
da aus fällt nicht nur auf viele Schlangenerlebnisse der alten Zeit,
wie auch zum Beispiel auf die Erhöhung der Schlange in der Wüste durch
Moses, ein neues Licht, sondern auch auf den Kampf: Michaels mit dem
Drachen [in der Gegenwart]. Er ist eine Realität ganz konkret bis in
die menschliche Leibesgestalt [Lebensgestalt] hinein. Die Äußerung Dr.
Steiners half mir, die weiteren Erlebnisse dieses Michaelskampfes
besser zu verstehen.
Doch davon will ich jetzt nicht reden, da ich mit Dr. Steiner nicht mehr darüber sprechen konnte.
Lockere Gespräche
[Aber]
Das Zusammensein mit Dr. Steiner bestand nicht nur in solchen
Gesprächen. Von der menschlichen Wärme und Nähe, in der man damals in
Berlin mit ihm verkehren konnte, macht sich wohl niemand eine
Vorstellung, der ihn nur in der unaufhörlichen Hochspannung sah, in der
er nach 1918 lebte. Nur im Jahr 1921 habe ich noch einmal ähnliche
Stunden mit ihm erlebt. Damals in Berlin war ich einmal über fünf
Stunden zusammenhängend bei ihm. Auf vier Uhr war ich bestellt, um fünf
Uhr wurden wir zum Tee gerufen, dann lud
Dr. Steiner wieder
freundlich ein, noch zu bleiben. Um acht Uhr wurde zu Abend gegessen.
Einen Artikel, den ich geschrieben, las ich ihm vor.
Dazwischen
erzählte er aus seinem Leben, ähnlich – nur viel intimer – als es in
der »Skizze eines Lebensabrisses« ¹¹ zu lesen ist.
[Dass Dr.
Steiner seine Vorträge, ja auch seine intimen Vorträge oft
ausgesprochen für einzelne Menschen hielt, kann ich auch aus
Erfahrungen, die ich im Einzelnen nicht erzählen will, bestätigen.]
Das
Bild Dr. Steiners würde unvollständig sein, wenn ich nicht ein paar
kleine Züge auch von den Tischgesprächen erzählte. Da wurde zum
Beispiel eine große Ananas auf den Tisch gebracht, die von irgendeinem
Anthroposophen geschickt worden war. Beim Durchschneiden erwies sie
sich als noch nicht ganz reif.
Dr. Steiner sah es und wusste sofort
einen Rat. »Legen Sie sie wieder zusammen, binden Sie sie fest zu und
legen sie in die Sonne.« – »Das soll helfen?« – »Ja, tun Sie es nur,
Sie werden schon sehen.«
Das Gespräch kam auf die Berliner und ihre Grobschnauzigkeit.
»Oh«,
sagte Dr. Steiner, »man muss nur in seiner Seele die Möglichkeit haben,
noch gröber zu sein als sie, dann wird man schon mit ihnen fertig.« Für
viele ähnliche Gebiete gilt diese Lebensweisheit.
Als ich eine
schwerverdauliche Speise vorübergehen ließ, nahm er es wahr und sagte
vor der kleinen Tischgesellschaft: »Ja ich habe schon bemerkt, dass Ihr
Magen nicht recht anpackt.«
Gern hatte er es, wenn zwischen die
andern Gespräche hinein manchmal einfach Witze erzählt wurden.
Überbieten ließ er sich da nicht. Er hatte immer wieder einen neuen
Scherz und lachte mit großem Vergnügen. Ich habe es gelegentlich mit
Freude genossen, wie im Gesicht Dr. Steiners, wenn die Pointe eines
Witzes kam, ein Aufleuchten stattfand wie ein Sonnenaufgang.
Da
konnte er auch auf einmal sich erheben, mit Lebhaftigkeit in sein
Studierzimmer eilen und dort einen Zeitungsausschnitt holen, den er
sich aufgehoben hatte. In aller Ausführlichkeit war da aus einer alten
Chronik die Speisefolge einer mittelalterlichen Mönchsmahlzeit
mitgeteilt. In allen Einzelheiten las Dr. Steiner das Menu vor und
hatte großen Spaß daran.
Unausgesprochenes
Aus
dieser Stimmung menschlicher Nähe und Wärme ist manche Frage zu
verstehen, die ich an ihn richten konnte. Aber ich muss mit allem
Nachdruck betonen, dass ich nie eine Zurückweisung, weder eine direkte
noch eine indirekte, weder eine deutliche noch eine leise von Dr.
Steiner erlebt habe, wenn ich Fragen stellte. Kein Schatten von Unmut
war je zu sehen. »Fragen Sie, was Sie wollen!«
[Manche
andere Begebenheit, wo ich ihn fragte und er auf das Bereitwilligste
antwortete, auch in Bezug auf unsere Dinge, bewahre ich noch in mir. Es
ist mir nicht möglich, sie zu erzählen, solange nicht mehr
Unbefangenheit in der Aufnahme da ist. Der Vorwurf, der sich gegen mich
richtet, dass ich ihn fragte, betrifft ja ebenso Dr. Steiner, der
antwortete. Und ich kann nur sagen, ich habe bei solchen Fragen nie
einen Schatten von Unmut über sein Gesicht gehen sehen, geschweige denn
eine Ablehnung erfahren. Er war immer überaus bereitwillig zu antworten
und lebhaft ›passiert‹ [interessiert], ob seine Antwort sich bewährt.
Dass es so war, gehört immerhin in das Bild Dr. Steiners.]
Judas
Abgesehen
von den Fällen, wo er wollte, dass man selber etwas herausbringt, gab
er nur ein einziges Mal die Antwort nicht sofort. Er hatte in einem
Vortrag angedeutet, dass Judas sich in einem bekannten Kirchenvater
wiederverkörpert habe. Nach dem Vortrag fragte ich ihn, unter vier
Augen, aber noch im Zweiglokal, ob er mir sagen könne, wer das war. Er
entgegnete: »Das werde ich Ihnen sagen, aber nicht hier.« Zu Hause
bestätigte er dann meine Vermutung, dass es Augustin gewesen ist.
[Das
sind die beiden einzigen Augenblicke gewesen, die mir innerlich sind,
wo er eine Antwort zwar nicht verweigert, aber verschoben hat. Und ich
erwähne sie nur der Genauigkeit wegen. Man fügt Dr. Steiner Unrecht zu,
nicht mir, wenn man meint, er hätte sich solcher Fragen, die er für
unberechtigt hielt, nicht erwehrt oder nicht erwehren können. Er ging
in der Beantwortung solcher Fragen sogar noch weiter, als ich selbst
hier erzählen kann. Denn die Stimmung, in der solche Gespräche geführt
wurden, lässt sich doch nicht wiedergeben oder wird bei der heutigen
Stimmung missdeutet.]
Leichte Ablehnung und Bereitwilligkeit
Man
kennt Dr. Steiner schlecht, wenn man meint, er habe sich nicht
verständlich machen können, wenn ihm etwas nicht passte. Dafür hat mir
Michael Bauer ein amüsantes Beispiel erzählt. Als Zweigleiter des
Nürnberger Zweiges hatte Michael Bauer Dr. Steiner versprochen, ihn zu
einer bestimmten Stunde zum Vortrag abzuholen. Nachträglich reizte ihn
der Gedanke: Es wäre doch schön, wenn du etwas eher hingingest, du
könntest dann länger mit Dr. Steiner zusammen sein. So geschah es. Als
nun Michael Bauer im Hotelzimmer anklopfte, erfolgte zuerst keine
Antwort. Das zweite Klopfen war schon viel zaghafter. Da ertönte von
innen ein lang gedehntes: »Jaaa …« Das hat genügt.
So etwas tat man nicht wieder.
[Wie
deutlich Dr. Steiner der bemerklich machen konnte, auch ohne kritische
Worte, wenn ihm etwas nicht passte, dafür kann ich eine Geschichte
wiedergeben, die mir einmal mit Humor Michael Bauer erzählte. Er hatte
Dr. Steiner versprochen, als Zweigleiter in Nürnberg, dass er ihn zu einer bestimmten Stunde zum Vortrag abholen werde.
Nachträglich kam ihm der Gedanke, ob er nicht sein Zusammensein mit
Dr.
Steiner etwas verlängern könne, wenn er eine Viertelstunde eher käme.
So tat er auch. Als er am Hotelzimmer anklopfte, erfolgte zuerst keine
Antwort. Auf sein zweites zaghaftes Klopfen hörte er ein gedehntes:
Jaaa. Da wusste er, wie er mit lächelnder Selbstkritik erzählte, dass
man so etwas nicht machen darf.]
Wie bereit er war, über
alles zu sprechen, das kann man heute im Einzelnen gar nicht mehr
schildern, weil man die ganze Situation nicht mit aufführen kann.
[Wie bereit er war, über alles zu sprechen, das kann man heute gar nicht mehr im
Einzelnen
erzählen, kaum schildern. So sagte er mir zum Beispiel einmal, ohne
dass ich es wusste, dass meine Frau einen kleinen Unmut gegen mich
habe. Als drei Tage darauf meine Frau ins Zweiglokal kam, sagte ich zu
Dr. Steiner: Da ist meine Frau, sie können sie einmal fragen. Mit
sichtlichem Vergnügen ging er sofort rasch auf sie zu und fragte sie
freundlich aus. Seine Vermutung stimmte.
Ein andermal gab er mir die Erlaubnis, D. Geyer zu fragen, ob das, was er,
Dr.
Steiner, mir von Geyers nächster Predigt gesagt habe, auch wirklich
stimmte. Es stimmte. Die Einzelheiten will ich nicht erzählen. Aber
warum soll ich solche Züge verschweigen? Die Neigung, misszuverstehen,
ist zu groß. Und der Schatten würde nicht nur auf mich fallen, sondern
auch auf Dr. Steiner.]
So will ich manches für mich
behalten, wo Dr. Steiner in größter Bereitwilligkeit auf Fragen einging
und sich für die Richtigkeit seiner Antworten interessierte.
Sie stimmten immer. Nur dass es so war, will ich berichten.
Das waren Episoden.
[Selbstverständlich
waren das nur Episoden. In der Hauptsache verlief das Zusammensein sehr
ernst und so gehaltvoll, dass man immer lange daran zu zehren hatte.]
In
der Hauptsache bewegte sich das Gespräch um die wichtigsten
Angelegenheiten. Und die Antworten waren sehr oft so, dass man gehörig
zu tun hatte, sie zu verstehen. Wenn ein recht triviales Bild gestattet
ist, ich hatte oft die Empfindung von einem Herrn, der seinem Hund die
Wurst so hoch hält, dass er gerade noch danach springen kann.
Auch
Aufträge gab es immer wieder, die zu erfüllen waren. Mehrmals gab er
mir große Manuskripte von Anthroposophen, die zu prüfen waren. »Es ist
mir alles recht, was Sie damit machen.« – »Ich habe nichts dagegen,
wenn Sie die Schrift ablehnen.« Das war deutlich.
Telegramme
Im
Jahr 1919 erhielt ich dreimal ein Telegramm von Dr. Steiner persönlich.
Alle drei Anlässe sind wichtig genug, um erzählt zu werden. Das erste
enthielt die Bitte, ich möchte die von ihm angekündigten öffentlichen
Vorträge in Berlin übernehmen. Es waren nicht weniger als zehn
Vorträge. Der Saal war gemietet und Dr. Steiner durch die beginnende
Dreigliederung plötzlich verhindert. Man hatte ihm einen andern
bekannten Anthroposophen vorgeschlagen. Er hatte das abgelehnt und an
mich telegraphiert. Das war verpflichtend. Aber die Übernahme aller
dieser Vorträge, jede Woche einen Vortrag, ging über meine Kräfte. So
sagte ich für drei Vorträge zu. Anstelle der andern Vorträge wurden
meines Erinnerns einige Male künstlerische Darbietungen gebracht. Und
die übrigen Vortragsabende wurden abgesagt und der Saal bezahlt.
Als
Dr. Steiner dann im September nach Berlin kam, begrüßte er mich mit den
Worten: »Wenn Sie nicht da wären, wäre es nicht möglich gewesen, so
lang von Berlin weg zu bleiben.« Oh, Herr Doktor, erwiderte ich, ich
habe ja so wenig tun können. »Das macht nichts. Es genügt, wenn Sie da
sind.«
Das zweite Telegramm hatte folgende Vorgeschichte.
Ich wollte damals eine Predigt über das Wandeln auf dem Meer halten.
Nach den Evangelienerklärungen von Dr. Steiner hatte ich mir die
Erzählung des Johannes-Evangeliums so zurechtgelegt, dass hier ein
hellseherisches Erlebnis der Jünger vorliege, aber eine direkte
Äußerung von Dr. Steiner war mir nicht bekannt. Zweifelhaft war mir
immerhin, ob nicht doch ein wirkliches Wandeln auf dem Meer geschehen
sein könnte. Da ich mich nicht in Widerspruch mit Dr. Steiner setzen
wollte, schrieb ich ein paar Zeilen darüber, wie ich es mir
vorstelle;
wenn es anders wäre, habe er vielleicht die Möglichkeit, irgendjemand
zu beauftragen, dass er mir Mitteilung macht. Zehn Tage lang kam keine
Antwort. Da, am Samstagabend vor der Predigt, wurde mir ein Telegramm
gebracht folgenden Inhalts: »Eben erst in Stuttgart eingetroffen. Die
Sache ist Schauerlebnis der Andern. Herzlichst Ihr Rudolf Steiner.«
Beachtenswert
an diesem Telegramm schien mir die Art, wie hier durch die Postbeamten
hindurch eine für Außenstehende unverständliche aber nicht anstößige,
für mich verständliche Mitteilung lanciert wurde. »Die Andern« statt
»die Jünger«. »Schauerlebnis« statt »hellseherische Wahrnehmung«.
Das
dritte Telegramm lud mich ein, bei der Eröffnung des Goetheanums einen
Vortrag zu halten. Ich habe dies damals so verstanden, dass Dr. Steiner
zwar wohl wusste, dass ich aus beruflichen Gründen nicht kommen könne,
dass er aber Wert darauf legte, dass ich bei den Einladungen nicht
übergangen werde. Das Telegramm trug seine eigne Unterschrift.
Dreigliederung
In
der Dreigliederungszeit bekam ich plötzlich ein Telegramm aus
Kopenhagen, ich möchte für einen mir unbekannten Amerikaner ein
Exemplar der Kernpunkte
¹Z in ein Hotel tragen. Das geschah. Wenige
Tage darauf kam der Amerikaner selbst zu mir, ein Mann von etwa 35
Jahren, Nationalökonom. Er erzählte, in Kopenhagen habe er in einer
deutschen Zeitschrift, in der Hilfe , eine völlig ablehnende Kritik des
Dreigliederungsbuches von Dr. Steiner gefunden. Als
er sie las, habe er den Eindruck gehabt, hier in diesem abgelehnten
Buch ist ja wirklich die Hilfe für unsere Zeit enthalten, und der
Kritiker versteht es nur nicht. Darüber war er mit einem Deutschen in
seinem Hotel ins Gespräch gekommen, und der sagte ihm: Ich kenne einen
Menschen in Berlin, der Dr.
Steiner nahesteht, ich werde ihm
telegraphieren, und Sie werden das Buch in Ihrem Hotel in Berlin
bereits vorfinden. So kam es zu dem mir zunächst unverständlichen
Telegramm. Der Amerikaner erzählte weiter, er habe das Buch gleich
dreimal nacheinander durchgelesen und gefunden, da sei wirklich die
Lösung der sozialen Zeitfrage.
Da er über das Buch einige sehr
verständliche Fragen stellte, schaute ich auf die Uhr und sagte ihm:
»Soviel ich weiß, reist Dr. Steiner in zwei Stunden ab; aber ich will
ihn antelephonieren und ihn fragen, ob er Sie nicht noch empfangen
kann.« Dr. Steiners Antwort war, wir möchten sofort mit dem Auto kommen.
Das
war der Amerikaner Nasmyth, von dem Dr. Steiner hernach in einem
Vortrag sagte, er habe ihm so kluge Fragen gestellt, wie er sie selten
gehört habe. Seine Fragen waren zum Beispiel, ob man nicht in Amerika
mit einer Zweigliederung beginnen müsse: Politik und Wirtschaft, ob
nicht nach der Dreigliederung wieder andere Lösungen kommen müssten,
für wie viele Jahrhunderte die Dreigliederung Geltung haben werde. Irre
ich nicht, so hat
Dr. Steiner gesagt: »Höchstens für zwei Jahrhunderte.«
Bedeutsam
war, dass Dr. Steiner sagte, er würde die Dreigliederung für Amerika
nicht darstellen, ehe er nicht wenigstens drei Jahre drüben gelebt
habe. Nasmyth ging nach fast einstündigem Gespräch weg und sagte: Jetzt
habe ich meine Lebensarbeit gefunden. Leider ist er wenige Wochen
darauf ganz plötzlich in der Schweiz gestorben.
Auch jenen
schwedischen Nationalökonomen hat Dr. Steiner einmal in einem Vortrag
lobend erwähnt – er war ein Schüler des bekannten Stockholmer
Nationalökonomen Cassel ¹3 – der zu mir gesagt hatte, er habe die
Kernpunkte Seite für Seite durchstudiert, um einen Punkt zu finden, wo
seine Kritik einsetzen könne, er habe aber nichts gefunden.
Von dem
Dreigliederungsleben damals in Berlin, das sehr eifrig, aber nicht sehr
großzügig war, weiß man heute wenig mehr. Ich war selbst damals
gelegentlich in Fabriken und habe die Arbeiter zu überzeugen gesucht.
Dr. Steiner wollte allerdings nicht Berlin zum Zentrum der Bewegung
machen, da er nicht wie in Stuttgart jeden einzelnen Arbeiter
überschauen könne, ob er nicht seine Finger in russischem Geld habe.
Als
mir – schon Anfang 1917! – Dr. Steiner eines der ersten
Schreibmaschinenexemplare seines Dreigliederungs-Memorandums in die
Hände gab und ich infolgedessen nach Wegen suchte, um für die Sache zu
wirken, träumte ich Wochen hindurch überraschend viel vom deutschen
Kaiser. Da fragte ich Dr. Steiner einmal, ob das vielleicht auf
Möglichkeiten deute, an den Kaiser heranzukommen. Aber davon schien Dr.
Steiner sich gar nichts zu versprechen. »Wenn Sie vom Kaiser träumen«,
sagte er, »so müssen Sie einmal nachsehen, ob in Ihrem
Unterrichtszimmer nicht ein Bild des Kaisers hängt, das Sie nicht
beachtet haben. Das wirkt dann in den Schlaf nach.« So war es
tatsächlich.
Anthroposophische Gesellschaft
Von
der Unzufriedenheit Dr. Steiners mit der Anthroposophischen
Gesellschaft habe ich schon in Berlin starke Erfahrungen gemacht. »Ich
besinne mich oft, ob ich nicht die ganze Anthroposophische Gesellschaft
einfach auflösen soll. Aber was hilft das? Morgen ist sie ja wieder da.«
Das
war im Jahr 1918, wo alles nach außen hin ganz gut aussah. Bedeutend
schärfer hat sich Dr. Steiner in jenen Jahren meinem Freund D. Geyer
gegenüber ausgesprochen, der nicht einmal Mitglied der Gesellschaft
war. Diese Worte will ich gar nicht wiederholen.
[Außerordentlich
schmerzlich waren für Dr. Steiner oft die Erlebnisse in der
Anthroposophischen Gesellschaft. Bei einer solchen Gelegenheit sagte er
einmal: »Ich besinne mich oft, ob ich nicht die ganze Anthroposophische
Gesellschaft auflösen soll. Aber das hilft ja nicht. Morgen ist sie
wieder da.« – Dieses Gespräch war spätestens im Jahre 1918, wo dem
Anschein nach alles viel besser aussah. Noch viel schärfer hat sich Dr.
Steiner einmal meinem Freund Geyer gegenüber ausgesprochen, der nicht
einmal Mitglied der Gesellschaft war. Zur Überheblichkeit gegenüber der
Anthroposophischen Gesellschaft haben wir freilich, wie unter uns wohl
selbstverständlich ist, keinen Anlass.]
Volk Israel in Ägypten
In
der Natur dieser Mitteilungen liegt es, dass sie viel Persönliches
bringen. Die sachlichen Mitteilungen Dr. Steiners sind, abgesehen vom
Lebensbegegnungsbuch, großenteils in den Gesprächen enthalten, die
jetzt als vierter Band unserer Priesterzyklen ¹⁴ gesammelt
herausgegeben werden sollen, oder aber: Sie stehen in den von Dornach
aus veröffentlichten Zyklen und brauchen deshalb nicht wiederholt zu
werden.
Einiges will ich doch hier einfügen, das meines Wissens
nirgends veröffentlicht ist. Einmal erzählte Dr. Steiner, er sei jetzt
darauf gekommen, dass die Israeliten überhaupt nie im eigentlichen
Ägypten gewesen seien. [Sie seien nur ganz im Norden auf der östlichen
Seite des Nil gewesen.] Die Worte sind mir nicht genau in Erinnerung.
Nach meinem Eindruck hat er das Gebiet gemeint, das östlich vom
Suez-Kanal liegt. Er wollte noch genau darüber reden. Das ist wohl,
soviel ich weiß, nicht mehr geschehen.
Ein ander Mal erzählte er,
dass ihm bei seinen Forschungen die Bedeutung entgegengetreten sei, die
Papst Nikolaus I. im neunten Jahrhundert gehabt habe. Er wollte darüber
auch noch einmal ausführlicher reden. Das ist [wohl nur] in den Briefen
an Frau von Moltke geschehen. ¹⁵ (Außerdem liegt auch ein Referat vor
von Albert Steffen im Goetheanum über einen Vortrag in Dornach.)
Bengels Prophezeiung
Wieder
ein ander Mal sprach er von Bengels ¹ Prophezeiung des Jüngsten Tages.
Bengel habe sich nur um sechs Jahre verrechnet. Nicht das Jahr 1836
sondern das Jahr 1842 sei das Entscheidende (sonst sagt Dr.
Steiner meines Wissens allgemeiner: Die Vierzigerjahre). Und
Bengel habe ein äußeres Ereignis erwartet, während ein inneres Ereignis
gemeint sei. (Hängt das Verrechnen Bengels zusammen mit der falschen
Annahme der Gründung Roms im Jahre 753 statt 747?)
Der Sturm am Pfingstfest
Wieder
ein ander Mal sprach er vom Sturm im Pfingstfest. Es sei ein Sturm ganz
im Astralen gewesen. Soeben, wenn man bei seinem Vortrag nicht auf die
Worte, sondern auf das geistige Geschehen geachtet hätte, würde man
auch eine solche astrale Bewegung haben wahrnehmen können.
[Vor
dem Vortrag, den ich am Pfingstsonntagvormittag auf dem Wiener West-
Ost-Kongress auf Aufforderung Dr. Steiners zu halten hatte, fragte ich
Dr.
Steiner einmal nach einem seiner Vorträge im so genannten
Künstlerzimmer der Philharmonie, wie denn die Pfingsterzählung von dem
Sturm zu verstehen sei. Er erwiderte, das sei ein Sturm im Astralen
gewesen. Eben bei seinem Vortrag gegen Schluss, wenn man
Wahrnehmungsfähigkeit dafür habe, habe man auch eine solche astralische
Bewegung wahrnehmen können.]
Influenza
[Einige
Wochen vor diesem Vortrag bekam ich Influenza. Dr. Steiner kam selbst
mit einem Auto an, um sich die Sache zu besehen. »Ja, das ist eine
Influenza. Da hat ihr Organismus nicht aufgepasst.«
Besondere Mittel
verordnete er mir nicht. Nur Ruhe. Da Dr. Steiner zu einem ruhigen
Gespräch Zeit zu haben schien, sagte ich ihm: Herr Doktor, sehen Sie
bitte auch einmal meine Frau an; ich glaube, die hat auch Influenza,
gibt sich aber nicht nach. Ohne sich nach ihr umzukehren, sagte Dr.
Steiner: »Oh, Ihre Frau hat eine kräftige Natur, die kann das schon
machen.«
Acht Tage später, nach einer Reise dazwischen, kam Dr.
Steiner wieder mit dem Auto an. Ich fühlte mich noch recht schwach und
sagte, ich würde wohl den Vortrag nicht halten können. Aber das nahm er
nicht an. »Es wird schon gehen.« Es ging auch gerade, aber ich konnte
die Beine noch kaum richtig bewegen.
Nicht übergehen will
ich auch folgende kleine Szene. Er fuhr von einer Besichtigung eines
Malerateliers mit Frau Dr. und mir dritter Klasse Untergrundbahn nach
Hause. Da sagte er plötzlich: »Ich möchte jetzt selbst einmal einen
Anflug von Influenza haben, um sie zu studieren.« Am nächsten Tag hatte
er sie, und mehr noch als einen Anflug. Frau Dr. erzählte, man habe ihn
die ganze Nacht husten hören. Bei einer solchen Gelegenheit – ich weiß
nicht genau, ob es gerade diese war – erzählte er dann, er habe nicht
richtig arbeiten können, da habe er einmal einige Aufsätze in der
Christlichen Welt gelesen. Sein Urteil enthält nichts, was nicht auch
sonst bekannt wäre.] (Siehe auch: LRS, S. 117.)
Die Templer, der Tod Schillers und der kommende Krieg
In
sehr starker Erinnerung ist mir ein Gespräch über die Templer. Als ob
er die Geschehnisse vor sich sähe, erzählte Dr. Steiner, der
Großmeister Jakob von Molay und dessen Freund Gottfried seien auch
gefoltert worden, aber nicht so arg wie die andern. Ich hatte geäußert:
Der Untergang der Templer erscheine mir als der größte Tragödienstoff
der Geschichte, weil die beteiligten Persönlichkeiten alle so
charakteristisch seien: Molay, Philipp, Nogaret, Imbert. Dr. Steiner
erwiderte: »Wer dies Drama schreibe, der dürfe sich vorsehen, dass er
nicht vergiftet werde.«
Er kam dann auf den Tod Schillers zu
sprechen. Zum ersten Mal erfuhr ich damals – 1921 – aus seinem Mund,
dass Schiller einer Vergiftung erlegen ist. Auf meine Erwiderung, er
sei doch lungenkrank gewesen, antwortete
Dr. Steiner: »Damit hätte
er noch lang leben können. Wenn man das Verhalten Goethes beim Tod
Schillers genau studiere, könne man auch die äußeren Hinweise finden.«
Ich fragte, von wem denn Schiller vergiftet worden ist. »Von
jesuitischen Illuminaten«, war die Antwort. Da sei eine Broschüre von
Ahlwardt
¹⁷ erschienen über diese Sache, aber es sei übel, wenn das deutsche Volk solche Wahrheiten aus dem Munde eines Ahlwardt erfährt.
Im
Jahr 1919, September, sagte Dr. Steiner manches über die Weltlage.
Dabei konnte ich ihn über den West-Ost-Krieg fragen. Er werde ebenso
plötzlich da sein wie der letzte Krieg. Wir Deutschen würden keinen
Vorteil davon haben. Hungersnöte würden wir bekommen. Enden werde der
Krieg mit einer Art Gleichgewichtslage. – Das ist es, was ich selbst
von Dr. Steiner gehört habe. Bei den Waldorflehrern und den
Dreigliederungsrednern soll er sich ja noch ausführlicher ausgesprochen
haben.
Das Amt des Erzoberlenkers in der Christengemeinschaft
Nun
seien noch einige Gespräche hinzugefügt, die sich auf unsere Sache
beziehen. Von dem Gespräch, in dem Dr. Steiner mir mitteilte, dass ich
jetzt die Würde des Erzoberlenkers zu tragen habe, will ich nicht alles
Einzelne berichten. Da aber dies Gespräch eben doch Geschichte gebildet
hat, will ich nunmehr Einiges schriftlich festhalten.
Als Gründe führt er drei an.
Der
erste Grund für die Einführung des Erzoberlenkeramtes war der: Wenn die
Bewegung mehr ins Große gehe, vor allem, wenn sie ins außerdeutsche
Land komme, müsse sie eine persönliche Spitze haben. Als ich mich
wehrte, dass dabei mein Name genannt werde und auf ihn selbst hinwies,
von dem doch alles stamme, sagte er: Es ist schon so in Ordnung.
Der
zweite Grund, den er anführte, war der, dass schwierige Fälle in der
Priesterschaft persönlicher Art nicht von einem Kollegium behandelt
werden könnten, sondern nur von einem Einzelnen persönlich. »Sie werden
sehr viel Persönliches zu schlichten haben«, sagte er bei einer anderen
Gelegenheit einmal.
Der dritte Grund war der, dass die notwendigen
[nötigen] Entschlüsse an innerer Kraft gewinnen, wenn sie von einem
Einzelnen verantwortlich getragen werden.
[Seine Worte waren hier: »Ein Einzelner ist stärker als ein Kollegium.«]
Dr.
Steiner sagte damals: Ich habe es von Anfang an so gewollt, dass Sie an
die Spitze treten, aber Sie haben ja nicht gewollt. Die Tatsache war,
dass Dr. Steiner bereits im September 1921 [1922?] ¹⁸ – er hat damals
nicht den Titel
Erzoberlenker gebraucht, sondern den Titel
Bischof – in diesem Sinne zu mir gesprochen hatte. Meine natürliche
Empfindung, dass ich mich ungern meinem älteren Freund D. Geyer und
meinem jüngeren Freund Bock, der im Namen der Jüngeren die Bewegung mit
eingeleitet hatte, vorsetzen lasse, habe ich damals in einer Gegenfrage
zum Ausdruck gebracht – mehr als gefragt hatte ich nicht –: Geht es
nicht mit einer Dreiheit, die an der Spitze steht? Das geht auch, hatte
Dr. Steiner erwidert. ¹ Im Jahre 1924 fuhr Dr.
Steiner fort: »Ich habe Ihnen ein Übergewicht geben wollen [über
die anderen] durch die Art, wie ich die Weihe vollzog; wenn das nicht
verstanden wird, ›wenn das Karma verleugnet wird, dass Sie an der
Spitze stehen sollen,‹ muss etwas geschehen.«
Bemerkt sei ausdrücklich, dass von mir keinerlei Beschwerde geäußert wurde. –
Der
Schluss seiner Bemühung, mich zu überzeugen, war die Frage: »Sehen Sie
jetzt ein, dass Sie an die Spitze treten müssen?« Zögernd antwortete
ich: Ja; und fügte hinzu, ich könne es aber nur annehmen, wenn ich
seiner Hilfe unter allen Umständen – ich meinte auch die Zeit nach dem
Tode – sicher sein könne. Das sagte er zu.
(Vielleicht darf ich
anschließen, dass ich bereits ein halbes Jahr vorher, vor dem Gespräch
mit Dr. Steiner, Anfang 1924, ein Erlebnis hatte, das ich damals nicht
verstand, aber nachher begriff. Es war eine Feier, bei der mir ein
Gewand übergeben wurde von der geistigen Welt. Ich konnte es damals nur
als eine Erinnerung an die Priesterweihe verstehen. Nachträglich ist es
mir dann wieder zum Bewusstsein gekommen. Und ich muss es wohl so
auffassen, dass der Beschluss in der geistigen Welt schon vorher da
war.)
Die Entstehung der Menschenweihehandlung
In jenen Gesprächen im Jahre 1924 kam auch die Entstehung der Menschenweihehandlung zur Sprache. Im nächtlichen Traum hatte ich
Dr.
Steiner gefragt: Wie ist eigentlich die Menschenweihehandlung zustande
gekommen? Dr. Steiner hatte geantwortet: »Da musste ich an einen Ort
gehen, wo die deutsche Sprache mantrisch gelehrt wird.« Dr. Steiner
bestätigte das Erlebnis und sagte: »Sie dürfen sich nur den Ort nicht
so vorstellen, dass Sie dorthin ein Postpaket schicken können.«
Das Jahr 1924
Von
den mancherlei Einzelheiten, die noch zu erzählen wären, will ich nur
noch zwei Tatsachen erwähnen, die offenbar in die Reihe der Handlungen
gehören, durch die Dr. Steiner nach seinen Äußerungen im Jahr 1923 das
Verhältnis zwischen der Anthroposophischen Gesellschaft und der
Christengemeinschaft zur Anschauung bringen wollte.
Unvergessen soll
bleiben, dass Dr. Steiner Gewicht darauf legte, dass er von jeder
kultischen Handlung, die in Dornach gehalten wird, Mitteilung erhält.
Bei der einen Handlung, die ich im Jahr 1924 hielt, kam er selbst mit
den Vorstandsmitgliedern an und nahm teil, ohne selbst zu sprechen.
[Es
war dies wohl auch eine der Maßnahmen, die er in Aussicht gestellt
hatte, wodurch er selbst für die richtige Anschauung über das
Verhältnis der beiden Bewegungen sorgen wollte. Z Es ist mir in den
folgenden Jahren oft ein Trost und Ermutigung gewesen, dass sich
Dr. Steiner über die Handlung so zustimmend
ausgesprochen hat.]
Am nächsten Tag kam er auf die Handlung
von sich aus zu sprechen, ohne dass ich ihn gefragt hätte, und sprach
seine Zustimmung mit solchen Worten aus –
»recht geistig« – dass es mir für die folgenden Jahre ein großer Trost und eine große [starke] Ermutigung war.
Die
andere Handlung war diese. Dr. Steiner sagte, dass er Auftrag gegeben
habe, die Priester alle in die erste Klasse der Hochschule aufzunehmen.
Nun war ein Priester zu mir gekommen und hatte mir erzählt, Dr. Steiner
habe ihm auf seine Bitte um Aufnahme in die erste Klasse entgegnet:
»Warten Sie noch.« Dies brachte ich zur Sprache. Dr. Steiner sagte:
»Ist er Priester? Wenn er Priester ist
und wenn Sie ihn empfehlen, wird er aufgenommen.« Er ordnete dies sofort an.
Schlusswort
Nehmt
nun bitte diese Mitteilungen zum Jahresübergang 1932/33 freundlich auf.
Sie gehören zum Wertvollsten, was ich Euch schenken [schicken] kann. Da
ich jetzt ins siebte Jahrzehnt meines Lebens getreten bin und darauf
sehen muss, dass ich noch alles möglichst in Gesundheit und Ruhe tue,
was noch für mich zu tun ist, habe ich mich zu diesem vertraulichen
Bericht entschlossen. Wie gesagt, muss es zusammengenommen werden mit
dem, was schon erzählt ist, besonders auch mit den Gesprächen über
unsere Sache. Vieles fehlt doch noch, zum Beispiel mein
Dornach-Erlebnis 1922, das ich ja manchmal im Priesterkreis erzählt
habe. Z¹
Schließen möchte ich mit zwei Erlebnissen, von
denen ich wenigstens das erste noch mit Dr. Steiner besprechen konnte.
Sie sind schon im Rundbrief mitgeteilt. Aber sie sind so wichtig für
den Priesterkreis, dass sie hier in Erinnerung gebracht werden sollen.
Als
ich das entscheidende Erlebnis an der Hostie hatte, das ich auch im
Lebensbegegnungsbuch angedeutet habe [LRS, S. 138], da kam fast
gleichzeitig ein Eindruck von dem großen Ernst des Lebens, in das ich
hinein gehe, insbesondere von der erbitterten Feindseligkeit, auf die
ich stoße. Dr. Steiner sagte dazu: »Solche Erlebnisse werden einem
geschenkt – damit man es hernach doch tut!«
Dass Dr. Steiner die
Feier der Erzoberlenkerweihe in Berlin geistig begleitete – er hatte
sich genau die Zeit sagen lassen – wisst Ihr. Meinem Eindruck nach war
davon wohl etwas zu spüren. Als ich nach der Weihe zu horchen suchte,
ob er mir etwas Besonderes zu sagen habe, kamen, gänzlich unerwartet,
zwei Ratschläge: Mische nie Politisches in das Religiöse hinein! Und:
Nimm das Religiöse immer so konkret wie nur möglich! Oft haben mich
diese Worte geleitet. Mögen sie uns weiter begleiten!
Anhang
Der Himmel
Aus: Das Heilige Jahr. Vom inneren Erleben der Jahreszeiten
Himmelfahrtsmorgen.
Die Luft war erfüllt vom Silberglitzern der hellscheinenden Sonne. Noch
ruhte der Leib, vom Schlafe erwacht, im Wohlsein der gespendeten
Erquickung. Da vernahm der Geist eine leise Stimme.
»Willst du den Himmel schauen?«
Ich
strengte mich an. Da merkte ich, wie ein Engel hinter mir stand. Ich
sah ihn nicht, aber fühlte ihn klar. Größer schien er als ich und ganz
licht. Es war, als ob er mein bestes Wesen in sich hineinnähme. Lichter
Friede – anders kann man sein Wesen nicht beschreiben. Nur wenn die
Seele lichten Frieden dachte, war er da. Dies war wie ein Leib, in dem
er wohnte.
Wenn er sprach, so spürte der Geist zunächst nur, dass
der Engel sich kundtun wollte. Dann musste man ganz stille werden, ganz
zum Lauschen werden. Kam dann von ihm eine Offenbarung, so musste man
sie mit seinem eigenen Wesen, nicht nur mit seinem Denken, gleichsam
auffangen und selbst mitschaffend in Worte kleiden. Aber diese Worte
waren notwendig und rein. Wenn die Seele zum stillen Spiegel geworden
war, kamen sie klar heraus wie das Bild der Sonne im ruhig gewordenen
See.
Ich wartete des Engels und gab ihm – nicht die Hand: das ganze
Wesen. Langsam füllte sich die Seele mit einer feinen Geistigkeit.
Immer tiefer wachte Geist gleichsam auf in allen Welten der Seele. Es
war, als ob sich der Seelenraum fülle mit unsichtbarem Licht, das
voller Liebe und Leben war. Wie die Urwelt alles Leuchtens und Liebens
war es. Wie durch den Engel selbst erschien sie. Man konnte sie nur
haben, wenn man innerlich immer Ja zu ihr sagte. Sonst verschwand sie
wieder.
»Ist das der Himmel?«, fragte ich zum Engel zurück. »Warte!«
Es
vergingen Minuten. Oder war es länger? Das Gefühl für die Zeit hörte
auf. Es schien, als ob der Himmel selbst sich erst das Organ in der
Seele bereiten müsse, in dem er sich zeigen kann.
Dann kam ein Augenblick, in dem man fühlte, dass man fragen müsse.
»Wo sind die Verstorbenen?« – Da klangen Welten auf.
Keinen
Einzelnen ›sah‹ ich. Aber sie waren da. Ein Gewoge von menschlichem
Sehnen, Ringen, Leiden, Streben – unabsehbar. Sie fluteten heran und
flohen wieder, wenn man sie fassen wollte. Wie eine Erinnerung huschte
die Schilderung Homers vorüber von den Schatten, die um Odysseus in der
Unterwelt sind, im Gewoge heranflutend, hinwegflutend. Eine Welt von
Stimmen, die sprechen wollen und doch nicht sprechen können – nicht in
unserer Sprache. Eine wogende Fülle von menschlichen Gefühlen aller
Art, aber alle im Geist-Sein.
Wieder empfand ich, dass ich nicht weiterkam, wenn ich nicht fragte.
»Wo
ist die Mutter?« – Da war sie da. Ganz nah, als ob sie schon längst
gewartet hätte. Als ich hineinhorchte in ihr Wesen, sagte sie: »Ich
habe dich viel mehr begleitet, als du weißt. Warum hast du nicht mehr
an mich gedacht? Meine warme Liebe war ein Stück Himmel, das für dich
da war.«
Und ich spürte die warme Hülle, mit der mich ihre Liebe
umgab. So nah?, dachte ich. Warum denken wir so falsch über die
›Verstorbenen‹? …
Aber ich durfte die Erlaubnis des Engels nicht auf einen Menschen beschränken.
»Wo
ist der Freund?« – Da spürte ich ihn, wie er – dem Baume gleich, der
seine Zweige zur Sonne breitet – alle seine Seelenorgane nach oben
gewandt hatte. Er war auf der Erde ein Denker gewesen, ein ernster,
mühevoller Denker. Den Himmel hatte er nicht geleugnet, aber auch nicht
finden können und sich oft ergreifend nach ihm gesehnt. Nun sog er mit
allen Kräften seines Seins an den Welten des Lichts. Für einen
Augenblick schaute er nach unten.
»Warum störst du mich? Ich habe viel nachzuholen. Wir werden uns wieder begegnen, wenn du selbst himmlische Aufgaben hast.«
Da ließ ich ihn und sandte ihm eine starke Welle der Freundschaft nach, als er sich wieder nach oben wandte …
»Wo
ist der Lehrer?« – Was nun kam, war eine Überraschung. Ich sah, was für
den Himmel selbst ein Menschengeist bedeutet, in dem die Erdendinge bis
zum Himmel durchgedacht sind. Er trug ja die Erde in sich, aber
durchdrungen war er schon auf der Erde bis dahin, wo in den Erdendingen
und Erdengedanken der Himmel selbst leuchtet. Wie wenn ein Edelstein
aus den Tiefenschächten der Erde herausgeholt wird und gereinigt das
Sonnenleuchten selbst in sich trägt, wie wenn dieser Edelstein nun in
die Sonne gebracht wird, und die himmlischen Wohner der Sonne schauen
in ihm sich selbst in Erdenkraft und Erdenschönheit und sehen ein neues
Erstrahlen des Himmels in ihm – so leuchtete sein Geist in den höheren
Reichen.
»Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich!«
Dies
Wort war auf einmal da. Wie ganz anders klingen die Evangelienworte im
Himmel als auf der Erde! Ja wirklich: Wie die Sonne leuchtet auf den
Erdendingen, sodass sie liebend in die Verklärung der Sonne aufgenommen
werden, so sind Himmel und Erde in Kommunion vereint in einem solchen
Menschengeist: die Erde zum Himmel zurückgebracht, der Himmel in neuer
Macht erstrahlend! …
»Aber wo sind die andern – die Gottfernen?« Der Engel war ernst geworden. Aber ganz friedevoll.
»Du
wirst sie sehen, wenn du stärker geworden bist«, sagte er. »Und
erlösender«, fügte er eilig hinzu. Da strengte ich mich nochmals an.
Aus den Tiefen drangen Stimmen, bittend, sehnend. Aber sie waren für
mich unerhörbar. Eherne Gesetze walteten. Tausendfaches gequältes
Ringen wurde spürbar – einem verborgenen Licht entgegen, das nun nicht
mehr geleugnet wurde. Nicht hoffnungslos, aber fern, fern. Wie weit ist
die Menschheit noch zurück! Kann man es ertragen, wenn man es sieht?
Könnten die Menschen so leben, wie sie leben, wenn sie ahnten …? Welche
Geduld des Weltenvaters gehört dazu, dies alles in sich zu tragen – und
zu warten – und väterlich heilig durch alles Dunkel aufwärts zu lenken!
Aller Erdenschmerz verschwindet wie ein kleiner Rauch, wenn man den
Weltenschmerz ahnt, den die in Erdensinn und Selbstsucht verirrten
Seelen dem Himmel bereiten.
Es war scher hinzuschauen und schwer wegzuschauen. Aber die Stunde verlangte anderes.
»Wo
ist die Welt der Engel?« – Eine Weile währte es. Dann war es wie ein
Aufquellen von Erdenwelten. Unendliche Scharen. Die himmlischen Söhne
Gottes! – Aber warum kommt mir immer das Gefühl von weißen Kleidern?
Gewänder sind doch nicht da! Doch – es ist da, was im weißen Gewand
sich nach außen ausspricht. Eine Welt der Reinheit, wie sie unserem
Gemüt sich sehnend verheißt, wenn wir weißgekleidete Menschen sehen! –
Und nun verstehe ich erst, warum man sagt, dass die Engel singen. Sie
singen nicht, sie klingen. Ihr Wesen klingt. Aus ihrem Seelensein
klingt der Dank des Geschöpfes ohne Aufhören zum Schöpfer auf. Das ist
also der ewige Lobgesang der Engel! Ein vieltausendstimmiges Jubeln,
immer wechselnd und immer da, nicht in Erdenohren vernehmbar und doch
alle Himmel erfüllend! Zu den ewigen Werken Gottes schauen sie empor,
schauen Unermessliches, das uns noch verhüllt ist, werden im Inneren
immer wieder angezündet aus göttlichen Offenbarungswelten. Sie leben in
ihrer Dankesfreude, wie wir Menschen in unserem Leib leben.
Freude-Strahlen ist ihr Wirken. – Aber ich fühle noch ein Geheimnis. Da
tauchen Palmen auf im Geist. Nu verstehe ich erst diese Palmen!
Wachsendes, sprossendes Leben auf einer höheren Stufe,
Paradiesesblühen: Das sind diese Geister selbst. Darum gibt ihnen der
hilflose Maler, darum gibt ihnen der schauend schaffende Menschengeist
Palmen in die Hände. Weiße Kleider, harfengleiches Lobtönen, todfernes
Paradiesesleben, das ist ihre Welt! In solche Welt schaust du, wenn du
Engel siehst.
»Darf ich einen ›Geist der Vollmacht‹ schauen?« Zu ihnen, zu den
»Obrigkeiten«,
wie Luther übersetzt, zog es mich immer hin, seit ich wusste, dass die
biblischen Namen keine leeren Worte sind. Und nun musste ich ja immer
wieder fragen. Ich war ja selbst gefragt: Was fragst du?
Die Welt, die nun erschien, war von zersprengender Größe.
»Was willst du unter uns, du Menschenkind?«, fragte es aus dieser Welt.
»Ich möchte euch ahnen, um auf der Erde besser wirken zu können.«
Da
ließen sie es zu. Wie in einer erhabenen Geisteswerkstatt fühlte man
sich. Es war eine schaffende Welten-Macht, die zu Formen hindrängt, in
diesen Geistern. Aber hoch, hoch über Menschenschaffen walten sie. Wie
in Sonnenstrahlenkraft
bilden sie. Denken wir den menschlichen
Atem, denken wir ihn tausendfach verschieden, je nach dem Mensch-Ich,
in dem er lebt, denken wir alles Irdische aus ihm hinweg und nur den
Geist zurückbehalten, denken wir aus diesem Geist des Atems
weltenbildende Formen geschaffen, dann haben wir eine Ahnung der Welt,
in der sie leben. Es war geradezu, als ob einer dieser Geister mich
selbst ergriffe, wie ein Künstler die Tongestalt in die Hand nimmt, sie
prüfend anblickt, an ihr drückt und bildet, ob vielleicht noch etwas
aus ihr zu machen ist. –
Längst hatte ich aufgehört zu fragen: Wo
ist nun eigentlich dies alles? Ich hatte gelernt, dass es
Wirklichkeiten gibt, die weit über der Welt des Wo liegen, und die doch
so wirklich sind, dass in ihnen das Wort Wirklichkeit überhaupt erst
seinen Sinn erhält, dass ihnen gegenüber die Erdenwirklichkeit grob,
dumpf, schlafend ist, nur wie der Widerschein dessen, was wahre
Wirklichkeit ist, am dunklen Erdenstoff. Nun lernte ich das Wort
Wirklichkeit in einem neuen Sinn kennen. Wirklich – Wirklichkeit! Und
Wirklichkeit in immer höherem und stärkerem Sinn ist das Sein dieser
Welten. Vollmächtig, dass ihnen gegenüber das Denken der Erdengelehrten
wie ein mühsames, gelähmt schwerfälliges Tasten im Dunkeln, das Dichten
der Erdenkünstler wie ein dumpfes Regen im Traum erscheint. Wie
schlafen – sie wachen. Wachen und wirken in hellem, leuchtend-bewegtem
Geist-sein und Geist-Tun. Aber nur von der uns zugewandten Seite ihres
Schaffens vermögen wir Ahnung zu haben …
»Darf ich einen Geist der
Weisheit ahnen?« – Wieder war es, als ob wir durch weite Reiche uns
erst erheben müssten. Man könnte ebenso gut sagen: als ob der Mensch in
sich selbst noch feinere Saiten erst entdecken müsse, auf denen diese
Wesen spielen können. Der Mensch ist die Harfe des Weltalls. Alle Wesen
wollen in ihm erklingen. Nur ist die Harfe versunken in die Erde. Sie
ist nicht auf die Erde, sondern in die Erde gesunken, dass nun die
Saiten schweigen, dass kaum einer ahnt, welche leichtenden Töne auf
diesem toten, von Erdenschwere und Erdenschmutz erdrückten
Himmelsinstrument erklingen wollen …
»Was willst du unter uns, du Menschenkind?«, fragte es wieder aus dieser Welt.
»Ich
möchte euch ahnen, um euch besser dienen zu können!« Da ließen sie es
zu. Eine noch viel höhere Welt! Der menschliche Atem wollte nicht mehr
mit. Im reinsten Weisheitslicht ruht und leuchtet dieses Reich. Da ist
Weisheit nicht ehr Menschengedanke, Erfahrungsertrag, Lebensreife. Da
ist Weisheit – was in unserer Welt die Erde ist. Denken wir uns: Die
Luft, die wir einatmen, wäre tausendfältige, vielgestaltige
Lebensweisheit; denken wir uns: Der Himmel, den
wir über uns
schauen, wäre strahlendes Gotteswissen in unermesslicher Fülle; denken
wir uns: Die Wesen, mit denen wir leben, wohnten statt in Leibern in
jauchzendem Geistleuchten, mannigfaltig bewegt; denken wir uns: Licht
wäre Weisheit, und diese Weisheit wäre in sich so reich wie unsere
ganze Welt, nur viel, viel reiner, feiner, geistlebendiger – doch was
sind unbehilfliche Menschengedanken und kümmerliche Menschenworte! Aus
urtiefen Gottesgedanken schauen diese Wesen auf uns herab. Urtiefe
Gottesgedanken sind sie selbst, webend im Element eines ruhevollen,
alldurchdringenden, geisteszartesten Weise-Seins …
»Was darf ich von Christus schauen?«
Als
das Wort Christus erklang, da war es, als ob der ganze Himmel sich in
Singen verwandle. Die große Gottestat ist getan – durch Ihn! Der ganze
Himmel glänzte vor Freude, dass sie einmal geschehen ist, auch wenn sie
nur einer tat und nur einer konnte. Die Freude war so nah, dass man
meinte: In mir jubeln die Engel! Wie wenn durch den eigenen verklärten
Leib hindurch die Himmel sichtbar und hörbar würden. Irgendwo, aus
irgendeinem verborgenen Brunnen erströmte Heil, so stark und rein, dass
die Lunge gereinigt wurde und der Herzschlag heilig. In ungeahnt
heilkräftiger Geistesluft atmete der Mensch. Und dies Heil war eine
wonnespendende göttliche Güte. So göttlich war sie, dass man
unwillkürlich sagte: Das können die Menschen noch nicht verstehen und
noch nicht ertragen! Durch Jahrhunderte und Jahrtausende müssen sie
erzogen werden durch die Verkündigung von Christus, ehe diese
Wundergüte in ihnen sein kann! Dann aber wohnt Christus in ihnen! Man
spürte den Herzschlag des Vatergottes wie ein Lebensatmen dieser Güte.
Das eigene Herz wollte mitschlagen in dem Lebensschlag des Weltenvaters
…
Als alles sich in Festgewand gehüllt hatte, da ward für einen
heiligen Augenblick Er selber offenbar. Wie in Menschengestalt erschien
er, als Gottes- Mensch, als Menschen-Gott. In seinem Haupt wohnten
ungezählte Weise. Ihnen ließ er »ein Licht leuchten«. Einen Strahl
seiner Weisheit schenkte er jedem, und dies war das »neue leben« dieser
Menschen. In seinem Herzen wohnten ungezählte Helfer und Heiler des
Menschen. In ihnen fing sein Blut an zu fließen, und dies war ihr
göttliches Leben. In seinen Händen lebten mächtige Helden und Heilige,
Wundertäter, die in seinem Namen noch unerhörte Dinge auf der Erde
vollbringen wollten. Sein ganzer Leib war wie ein großes Haus,
ganz
offen und frei für die, die darin leben wollten. Und dies war seine
wahre Kirche: die in ihm ihre Wohnung gefunden hatten. Ihnen schenkte
er in jedem Lebenshauch – sich selbst. Er lebte in ihnen und sie in
ihm. Was er einatmete, war Frieden, und was er ausatmete, war Güte.
Und
merkwürdig, es war, als ob der ganze Mensch in mir seit Urzeiten auf
ihn gewartet hätte und in ihm nun »erfüllt« sei. Als ob durch lange
Zeiträume geheime Baumeister gebaut hätten, damit Christus wohnen kann
in diesem Ich und in diesem Leib. Denn auf das Ich im Menschen schritt
er zu, in Majestät, wie auf seinen Tempel, den er nun selbst vollenden
will. Und der Leib fing an aufzuglühen, und in ihm das Blut, als ob der
Mensch nun in das immerwährende Abendmahl eingetreten sei. Sein Tempel
und sein Mahl: Das ist der Christ. Nun konnte der Mensch mitklingen im
Gesang der Engel. Nun war er selber eine Stimme geworden …
Aber der Engel erlaubte mir nicht, länger bei ihm allein zu verweilen.
»Willst du Christus wirklich schauen, so musst du auch seine Gegner sehen!«
In
dem Augenblick tauschte auch schon ein ganz anderes Geistesreich auf.
Hoch musste ich denken, hoch musste ich sein, wenn ich in diesem Reich
überhaupt mitatmen wollte. Geistige Vornehmheit! Wie mit Diademen
geschmückt, blickten die Geister herab – fern vom Erdenelend. Immer
wieder diese sich abschließende Geistesvornehmheit! Als ob jeder den
Geist nur hätte, um ihn in sich zu tragen und in Eigenlust
selbstgewaltig zu leben. »Selbstherrlich« – das Erdenwort gewann hier
eine lebendige Bedeutung.
»Der Teufel?«
Da lenkte der Engel
meinen Blick nach unten. Und ich sah, wie das Reich nach unten
ausmündete in die schwere, kalte Selbstsucht der Menschen. Das war
gleichsam ein Erdenthron. Oben aber war es Licht-Halten, Licht-Tragen,
Licht- Sein.
»Luzifer« – kam mir in den Sinn. Stolze Pracht des
Geistes – vielleicht soll sie sein? Aber kühl! Ganz fern vom
Lebensfeuer der Liebe. Die große »Verführung« des Menschen. Ein Gefühl
des Dankes kam seltsamerweise über mich, dass ich dies Reich schauen
durfte. Nun weiß ich auf der Erde, wo es hereinwirkt! Nun
kann ich es wissend bekämpfen!
Ich
wanderte unter diesen Geistern, aber als ein Geist anderer Art, als ein
Geist, der diese Christuslosigkeit nicht mehr ertragen kann. Da stand –
wie ein einziger mächtiger Geistesblick – der große »Versucher« selbst
vor mir.
»Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest!«
Wirklich,
so spricht er, wenn man ihn ansieht. So hat er nicht nur zu Christus
gesprochen, so hat er im Grund schon zu Adam gesprochen. Fast klang es,
wie wenn er sagte: Wenn du das Ich in meiner Herrlichkeit anbetest. Und
wenn wir ihn nur einen Augenblick anblicken, dann ist es, als ob es
sich wie eine züngelnde Schlange in uns aufrichte. Das ist ja die
Schlange, die nach der biblischen Schau den Adam verführte. Da ist sie
wirklich. Sie lebt noch! Hohe, hohe Geistigkeit und stolze Schönheit –
du kannst sie haben, aber um den Preis, dass du die Not nicht
hereinlässt in deine Seele, dass du die Erde im Abgrund verkommen
lässt. Regt sich in dieser Geisteshochgewalt der Wunsch nach unten, der
Wille zum Opfer, dann ist Christus da – und stürzt Luzifer. Kann der
Mensch dazu helfen, indem er diesen Geist in sich erlebt – und dann
nach unten führt?
Kalte Pracht des Geistes, schön, verführerisch
schön anzusehen. Aber nein, dorthin gehört man nicht, wenn uns Christus
mit seinem Hauch berührt hat. Ich sehnte mich nach der Erde.
Da stieg, wie im Gegenbild, ein ganz anderes Reich auf.
»Der
Erd-Geist!« Das ist er, aber wie erhaben! Durchdringende
Intellektualität. Alles Erdendenken wohnt in ihm. Tausend und
abertausend Diener, die mit klarer starker Intellektualität die Erde
als Reich errichten – und des Himmels vergessen.
»Der Teufel?« Nun
sah ich erst, wie grundverkehrt die Menschen über den Teufel denken,
wie sie fratzenhafte, ängstigende Gespenster aus niederen reichen für
den Teufel halten und so sich selbst um die Wahrheit ihrer Erdenlage
betrügen. Der ungeheure Ernst eines vom Menschen gar nicht
durchschauten Weltenkampfes bemächtigte sich der Seele. »Der Fürst
dieser Welt« – ja, das war er. Wirklich ein Herrscher! Ganz und gar
nicht »der dumme Teufel«. Auch der Fürst dieser Zeit – wenn man auf das
Äußere und Breite sieht. Wie sicher fühlte sich dies Reich schon im
Besitz des Menschen! Große Erdenkraft ging von ihm aus. Man muss sie
haben, sagte ich mir. Eine mächtige Lust, mit diesen Geistern
zu
denken, ergriff mich. Es war alles so durchdringend klar und
lebensstark. Aber dann war es, als ob eine Steingewalt ganz von der
Ferne in mein Gehirn und in mein ganzes Wesen eindringen wolle. Man
wird aus Stein Brot machen – mit diesem Geist, dachte ich. Aber dann
wird aus Brot Stein werden – durch diesen Geist.
Da schaute ich
zurück zum Engel. Und nun sah ich, wie schwer und schmerzlich es ihm
war, mit mir überhaupt in dies Reich zu blicken. Da nannte meine Seele
den Namen Christus. Und in demselben Augenblick war es, als ob diese
ganze Geisteshochwelt verschrumpfe und vergilbe. Sie konnte den Namen
Christus nicht ertragen. Sie konnte ihn nicht einmal mit besonderer
Bewegung hören. Sie war wie aus ganz anderen Weltentwicklungen, fremd
dem Christusgeist. Aber vor dem Namen Christus veraltete sie und verlor
sich in der Ferne. Sie war ein reich, das einer mächtigsten Ausbildung
entgegenreift – und dann doch vergehen muss.
Ganz fern unten auf der
Erde tauchte vor meinem Blick die Christusgruppe in Dornach auf. Dort
war ja Christus, wie er mit Welterobererschritt vorwärts schreitet. Die
eine Hand erhebt er hoch, und unter ihrer Offenbarungsgewalt stürzt
sich Luzifer in die Tiefe. Die andere Hand hält er abwehrstark nach
unten, und unter ihrer Geistesmacht versinkt Ahriman im Abgrund. Nicht
alles an dieser Christusgruppe konnte ich in diesem Augenblick aus dem
eigenen Erleben verstehen. Aber zum Innersten hatte ich einen Zugang
gefunden. Ja wahrhaftig, in uns will Christus aus der Geisteswelt auf
die Erde – und aus der Erdenwelt in den lebendigen Geist!
Nun
kehrte ich ganz anders zum Himmel zurück. Ja, es war mir, als ob ich
dort auch ganz anders begrüßt würde. Als einer, der wissend geworden
ist über seine Erdenaufgabe. Als einer, der irgendwie eine Weltpflicht
erfüllt hat. Sollen im Menschen Luzifer und Ahriman erlöst werden? Kann
der Mensch etwas vollbringen, was sonst niemand vermag? Alle Welten
schienen auf den Menschen zu sehen als den Umworbenen, als die
Entscheidungsstätte im Weltenkampf …
Auch der Himmel sah nun ganz
anders aus. Nun ging mir erst auf wie ein Sonnenaufgang, welcher
leichtende Lebensgeist unter den himmlischen Söhnen Gottes herrscht.
Harmonien senkten sich aus offenen Himmeln nieder. Güte
blitzte auf in den Geistern wie Sonnenblick aus noch viel höheren Himmeln. Nun war man wirklich im »göttlichen Werk«.
Der »Teufel« hat mir geholfen, Christus zu verstehen. Ist er mit im Plan Gottes drin? In der Weltführung Gottes?
Mich
hungerte darnach, noch etwas ganz Großes zu schauen. Ein »Seraph«? Ich
wagte nicht zu fragen. Da war es auch schon da. Nur eine Ahnung. Aber
eine Ahnung von einer Himmelsgewalt, vor der Menschenworte vergehen. Es
war, als ob einer rage von der Erde zum Himmel empor. Sein »Antlitz«
konnte ich nicht sehen. Ich fühlte, dass ich viel zu wenig im
Gottschauen gelebt hatte, um es erblicken zu dürfen. Vom Schauen Gottes
ist sein Antlitz Überwelt-erhaben geworden. Aber die Großmacht des
Liebesfeuers in seinem Wesen konnte ich spüren, von ferne spüren.
Nichts von Stolz, allerreinste Güte gegen alle Wesen wohnte in dieser
göttlichen Hehre. »Die unbegreiflich hohen Werke.« Da war es, wie wenn
im Mund des schauenden Menschen sich diese Feuerwelt selbst regen
wolle. Ist dies die Wahrheit der Jesaja-Vision, in der die Lippe des
Propheten von der glühenden Kohle des Engels berührt wird? War es ein
Feuerkuss aus seraphischen Reichen? …
»Und der Weltenvater?« – Es
war, als ob der Seraph auffordere, durch ihn hindurchzusehen. Er
verbarg Ihn – und offenbarte Ihn. Doch nur das Meer eines ganz großen
Ahnens war da. Ein Echo ganz ferner Gesänge überirdischen Jubels vor
ihm, wie wenn Meereswogen sich feierlich lebendig im Licht bewegen.
»Schmeckst
du Ihn nicht?«, fragte nachsichtig der Engel. Und der Geschmack einer
ganz unsagbaren Himmelsgüte trat auf meine Zunge. Alle Weiten und alle
Tiefen dufteten von dieser Gnadenherrlichkeit.
»Vater unser in den
Himmeln!« Nun wurde mir das Wort des Christusgebets erst lebendig,
himmelslebendig. Ich sah nach der Erde. Nichts mehr war von ihr da als
die verborgenen Himmel, die sich hinter ihr aufgetan hatten. Man
blickte durch sie überall in »die Himmel« hinein. Die Vorhänge waren so
durchleuchtet, dass sie selbst verschwunden waren. Ganz majestätisch
aber drang es durch den ganzen Weltenraum: »Ich bin tief verborgen und
dir doch ganz nahe! Ich bin alles und lebe doch in dir! Der Himmel
Himmel fassen mich nicht, aber einen Hauch meines Lebens lebst auch du!
Lass dir an meiner Ahnung genügen! Auch du hütest mein Geheimnis!«
Aus
den Weltentiefen drang es wie der Strahl eines Auges, ein Strahl, von
dem man leben kann eine ganze Ewigkeit. Dann leitete es mich sanft zu
Christus hin.
»Siehe, dieser ist dein Herr! Ich gebe dich ihm!« Eine
Harmonie erklang, tötend herrlich, aber zugleich so wundersam Leben
weckend, als ob sie die Urharmonie wäre, aus der alle Harmonien geboren
sind: die Einigkeit des Vaters mit dem Sohne! Christus leuchtete, wie
umhüllt vom reinsten, stärksten Licht einer verborgenen Sonne. »Der
Herr der Himmelskräfte auf Erden!« …
Da meldete sich immer stärker die Erdenschwere. Es war, als ob der Leib selbst ein Wesen geworden wäre, das nun zu reden anhebt.
»Du gehörst zu mir! Ich habe lange geduldig geschwiegen!«
»Aber
ich habe dich gar nicht verlassen. Du kannst nur den Himmel, zu dem
auch du gehörst, noch nicht dauernd tragen.« Wie aufblitzend nickte da
das Wesen des Leibes Ja. Und ich sagte auch Ja zu ihm und seinen
Erdenwünschen.
»Darf ich erzählen?«, fragte ich noch zu den Himmeln
empor. Fast war es, wie wenn eine leichte Wolke sich vor den Glanz der
Himmel lege. Wie ein Schatten huschte die Erinnerung vorüber an
Luzifers reich.
»Was dem Menschen gegeben ist, das ist ihm nicht für sich selbst gegeben!«
»Aber geradeheraus davon sprechen?«
»Man darf es, wenn das eigene Leben sich der Reife nähert.«
»Man
soll es«, fügten andere Stimmen hinzu, indem sie zur Erde
hinabblickten, wie sie heute ist. »Tu, was du selbst tragen kannst!
Niemand sollte die Erde verlassen, ohne sein Bestes den Brüdern zu
schenken!«
»Wie werden sie es aufnehmen?«, fragte ich noch und kam mir hartnäckig vor.
»Tu,
was gut ist!« Wie eine letzte Mahnung klang es noch herab: »Vergiss
nicht, deinen Brüdern zu sagen, dass sie nur ein wenig vom Himmel
sehen, wenn sie hin durch dich sehen! Denn du bist klein!«
»Ganz
klein!«, sagten freundlich ungezählte himmlische Söhne Gottes. »Vergiss
auch du selbst nicht, dass du tausendmal mehr schauen wirst, wenn du
größer geworden bist!«
Langsam schlossen sich die Tore der
himmlischen Welten. Wie von selbst trat mir das Wort auf die Lippen:
»Die Menschenweihehandlung, das war sie.«
Und siehe, rückblickend
erkannte ich nun, dass es auch eine Menschenweihehandlung gewesen war,
was ich erlebt hatte. Die Engelreiche das große Wort vom Himmel.
Christus das göttliche Opfer. Der Weltenkampf die Geschichte erfüllende
Wandlung. Am Schluss die Ahnung der letzten Vereinigung.
Ich war nun wieder auf der Erde – aber mit dem leuchtenden Wissen vom Himmel.
Anmerkungen
¹
Zu Marcello Haugen siehe auch: »Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe«, Nr. 105, Michaeli 1990.
Z
Otto
Hugo Vollrath (1877 – 1943), Theosoph und Astrologe, war Inhaber des
Theosophischen Verlagshauses Leipzig. 1904 wurde er Mitglied der
Theosophischen Gesellschaft, aus der er 1908 nach zahlreichen
Unstimmigkeiten ausgeschlossen wurde; vgl. Harald Lamprecht, Neue
Rosenkreuzer. Göttingen 2004.
3
Das Heilige
Jahr. Vom inneren Erleben der Jahreszeiten. Erstveröffentlichung:
Verlag Urachhaus, Stuttgart 1930. 5. Auflage Stuttgart 1959.
⁴
Charles
W. Leadbeater (geb. 1847 in Stockport, Großbritannien, gest. 1934 in
Perth, Australien) war ein englischer Theosoph. Sein Werk The Masters
and the Path von 1925 wurde 1926 mit einem Vorwort von Annie Besant ins
Deutsche übersetzt.
⁵
Prophanti nannte sich
der Geist, der im Juli 1923 in Berka durch das Medium Frau Wiegand über
die Verkörperungen der Gründer zu Emil Bock und Eberhard Kurras
gesprochen hatte.
Das Buch Christus ist erst 1936 erschienen. Im Jahr 1950 erlebte es seine dritte und bisher letzte Auflage.
⁷
»Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum.« Faust I, Studierzimmer (Mephistopheles zu Faust)
⁸
Die
Sache mit den »Krautköpfen« erzählt Friedrich Rittelmeyer nicht in LRS,
sondern in seiner Autobiografie Aus meinem Leben, Stuttgart 1937, S.
363.
(3. Auflage 1986)
Johannes
Müller (1864 – 1949) war ein außerhalb jeder kirchlichen Bindung
wirkender Theologe. Die mehrjährige persönliche Verbundenheit zwischen
Rittelmeyer und ihm zerbrach um 1918, als Müller gegen Rudolf Steiner
Front machte, Rittelmeyer aber in werbender Weise – ihm gegenüber
erfolglos – für die Anthroposophie eintrat. Vgl. auch: LRS, S. 94, 98
und 135.
¹
Dr. Ludwig Noll, geboren 1872 in
Sterbfritz (Hessen) war Arzt und lange Jahre Vertrauter Rudolf
Steiners, von dem Peter Selg schreibt: »Wenige waren so befähigt und so
gewillt wie er, die mit Steiner verbundenen Intentionen in einem
zentralen Zivilisationsfeld in die Tat umzusetzen.« Er starb 1930 in
Kassel.
¹¹
Vortrag vom 4. Februar 1913 in
Berlin. Enthalten in: Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe, Heft
83/84, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1984.
¹Z
Die Kernpunkte der sozialen Frage erschienen im Jahr 1919 in einer Phase
größter gesellschaftlicher Umbrüche unmittelbar nach dem Ende des
1. Weltkriegs.
¹3
Karl Gustav Cassel, schwedischer Professor der Volkswirtschaft, geb.
20. Oktober 1866 in Stockholm; gest. 15. Januar 1945 in Jönköping.
¹⁴
Bei
der Niederschrift dieses Textes im Jahr 1932 gab es die Priesterzyklen
in drei Bänden: Herbstkurs, Apokalypsekurs und Gründungskurs, der auch
Juni- und Julikurs enthielt. Heute 5 Bände GA 342 – 346. Man sieht
hier, dass der sogenannte »Gesprächeband«, der erst 52 Jahre später
erschien, schon 1932 geplant war. Heute als »Ergänzungsband« nur intern
verfügbar.
¹⁵
Veröffentlicht in: Helmuth von Moltke 1848 – 1916, Dokumente zu seinem Leben und Wirken. Band 2, Basel 1993.
¹
Johann Albrecht Bengel, schwäbischer Theologe, geb. 1687 in Winnenden, gest. 1752 in Stuttgart.
¹⁷
Hermann
Ahlwardt, (geb. 1846 in Krien bei Anklam; gest. 16. April 1914 in
Leipzig) war ein antisemitischer Aktivist und Reichstagsabgeordneter.
¹⁸
Wahrscheinlich
liegt hier ein Irrtum Rittelmeyers vor, denn im September 1921 war
weder er in Dornach noch R. Steiner in Berlin. Näherliegend ist, dass
das erwähnte Gespräch im Sommer 1922 in Dornach stattgefunden hat, im
Zusammenhang mit der Erwähnung eines »Bistums« am 28. 7. 22, weil
damals auch Christian Geyer noch dabei war.
¹
Rudolf
Steiner hat sich am 8. September 1922 zu diesem Thema ausführlich
geäußert: »Durch das schwerwiegende Ereignis des Austrittes von Dr.
Geyer ist ja das erschüttert, was mir, wie ich glaube, im Einklang mit
den geistigen Welten als ein Selbstverständliches erschienen war: dass
Dr. Geyer, Dr. Rittelmeyer und Lizentiat Bock zunächst diese Dreiheit
bilden sollten, weil ja doch die Sache so liegt, dass ein solches
Zentrum da sein muss.« Siehe Rudolf Steiner, Vorträge und Kurse über
christlich-religiöses Wirken. Band 3 (GA 344). Dornach 1994,
S. 59 f.
Z
Dies geschah am Ende des Vortrages vom 12. Juli 1923 für die Priester, GA 345,
S. 43 f.
Z¹
Bisher
wurde kein Dokument gefunden, in dem Rittelmeyer dieses Erlebnis
schriftlich festgehalten hätte. Vermutlich handelt es sich um das
Ereignis, das er Frau Luba Husemann vor ihrer Weihe im Frühjahr 1937
erzählt hat. Dies hat sie 1967 folgendermaßen festgehalten: »So sprach
er auch von seinen Erfahrungen während der ersten Menschenweihehandlung
am 16. September
1922. Unvergesslich hat sich mir davon vor allem
eingeprägt, wie er gegen einen Geistersturm kämpfen musste: Er empfand
sich wie auf einem messerscharfen Grat zwischen zwei Abgründen im
tosenden Sturm. Er sollte jeden Augenblick auf der einen oder auf der
anderen Seite hinuntergerissen oder
-gestürzt
werden. Nur mit
äußerster Mühe konnte er vorwärtsschreiten und mit Aufbietung aller
Seelenkräfte sein Bewusstsein festhalten. Und das alles steigerte sich
zunehmend bis zu den Einsetzungsworten in der Wandlung. Durch diese
oder danach trat schlagartig Stille und tiefster Friede ein. Er erlebte
die Sphäre des Christus und den Boten, den Engel, den der Christus als
den Hüter der neuen Bewegung entsendet hat … Mit diesen armseligen
Worten muss ich wiedergeben, was sich mir als ungeheure Realität in die
Seele eingeprägt hat.«
Herausgegeben vom Archiv der Christengemeinschaft durch Wolfgang Gädeke
ISBN 978-3-8251-6141-5 (epub)
Dieses eBook ist urheberrechtlich geschützt.
Erschienen 2016 im Verlag Urachhaus www.urachhaus.com
© 2016 Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus GmbH, Stuttgart Umschlagbild: Erstes Goetheanum (von Süden)
(Verlagsarchiv
Verlag Freies Geistesleben) Umschlaggestaltung: Janine Weikert
Gesamtherstellung: CPI books GmbH, Leck E-Book-Herstellung: Zeilenwert
GmbH 2016
Friedrich Rittelmeyer
Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner
236 Seiten, Klappenbroschur
Der
evangelische Theologe, Schriftsteller und Seelsorger Friedrich
Rittelmeyer war selbst bereits eine prominente Persönlichkeit des
Kulturlebens, als er im Jahr 1911 Rudolf Steiner begegnete. Sein
Verhältnis zu ihm war zunächst von kritischer Distanz geprägt, dennoch
entwickelte sich daraus eine von gegenseitiger Wertschätzung getragene
Freundschaft und Arbeitsbeziehung.
Rittelmeyers Erinnerungen gehören
zu den besonders authentischen und dazu originellsten biografischen
Zeugnissen überhaupt. Sie sind zudem ein wichtiges Quellenwerk für
alle, die sich um ein lebensnahes Bild der Persönlichkeit Rudolf
Steiners bemühen.
Urachhaus