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Friedrich Rittelmeyer
Meine Gespräche mit
Rudolf Steiner
Urachhaus







Friedrich Rittelmeyer
Meine Gespräche mit
Rudolf Steiner
Urachhaus


Friedrich Rittelmeyer


Meine Gespräche mit Rudolf Steiner

Urachhaus


Inhalt




Geleitwort



Vorwort



Die Einleitung Friedrich Rittelmeyers



Marcello Haugen



Eigenes geistiges Forschen



Manu



Die sieben Meister



Meister Jesus



Mani


Der Bodhisattva



Meister – Inkorporationen



Meister und Evangelien



Eigene frühere Verkörperung



Der Irrtum einer Hellseherin



Anregung zu eigener karmischer Forschung



Johannes der Evangelist



Bestätigung eigener Erkenntnisse



Christus-Verständnis



Die Sterne

Kuppelmalerei und Farben



Hierarchien und Trinität



Luther und Rittelmeyers Aufgabe



Rittelmeyers Antrittspredigt in Berlin



Predigthilfe



Schüler und Lehrer



Esoterische Fortschritte



Rittelmeyers Sturz



Ein Irrtum



Der medizinisch Ratende



Deutung innerer Erlebnisse


Lockere Gespräche



Unausgesprochenes



Judas



Leichte Ablehnung und Bereitwilligkeit



Telegramme



Dreigliederung



Anthroposophische Gesellschaft



Volk Israel in Ägypten



Bengels Prophezeiung



Der Sturm am Pfingstfest

Influenza



Die Templer, der Tod Schillers und der kommende Krieg



Das Amt des Erzoberlenkers in der Christengemeinschaft



Die Entstehung der Menschenweihehandlung



Das Jahr 1924



Schlusswort



Anhang – Der Himmel



Anmerkungen



Impressum


Geleitwort


Die hier erstmals veröffentlichten Erinnerungen an Gespräche mit Rudolf Steiner hat Friedrich Rittelmeyer – aus in seiner Einleitung beschriebenen Gründen – nicht mit in sein Buch Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner aufgenommen. So sehr diese Gründe auch heute noch nachvollziehbar sind, so erscheint es uns doch richtig, diese Erinnerungen einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Die oft überraschenden, z. T. erschütternden, manchmal auch nicht leicht verständlichen Mitteilungen betreffen Inhalte, die Rudolf Steiner damals nur seinen fortgeschrittensten Schülern anvertrauen wollte.
Auf Fragen Rittelmeyers, warum er über diese Dinge nicht auch in seinen Vorträgen spreche, antwortete er: »Weil in der Menschheit heute noch kein Aufnahmevermögen da ist für solche Wahrheiten.« (Lebensbegegnung, S. 58) Oder an anderer Stelle: »Weil keine Ohren da sind, die es hören können.« (Siehe S. 38 in diesem Band.)
Auch Friedrich Rittelmeyer scheute sich, manches ihm von Rudolf Steiner Übermittelte an seine Kollegen weiterzugeben, weil er auch bei ihnen die dafür notwendige Unbefangenheit vermisste. (Siehe S. 70.)
Diese »Gespräche« ermöglichen zudem auch einen tieferen Einblick in Rittelmeyers eigene Bemühungen um geistige Erkenntnisse – und sie vermitteln einen Eindruck dessen, wie ihm Rudolf Steiner dabei helfend zur Seite stand.
Der im Anhang abgedruckte Aufsatz »Der Himmel« (siehe S. 101) ist ein heute kaum mehr bekanntes, eindrucksvolles Beispiel für Rittelmeyers eigene meditative Forschung.



Berlin, August 2016    Vicke von Behr


Vorwort


Im Jahr 1928 hat Friedrich Rittelmeyer viele seiner Erlebnisse und Gespräche mit Rudolf Steiner unter dem Titel Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner (LRS) aufgeschrieben und veröffentlicht. Er war einer der Ersten, die ihre Erlebnisse mit Rudolf Steiner auf diese Weise allen Menschen zugänglich gemacht haben, und sein Buch hat von allen Schilderungen, die die Schüler Rudolf Steiners von ihren Begegnungen und Erfahrungen mit ihm veröffentlicht haben, die weiteste Verbreitung gefunden. 2015 erschien Rittelmeyers Buch in
13. Auflage. Diese Tatsache zeugt davon, dass viele Menschen durch Rittelmeyer einen wesentlichen Eindruck von der Person Rudolf Steiners erhalten haben.
Rittelmeyer war sich der Grenzen seiner Darstellung sehr bewusst. Das geht aus den ersten Absätzen seines Buches hervor: »intim-Persönliches« und »okkult- Geistiges« gehöre nicht in die Öffentlichkeit, so schreibt er. Das bedeutet, dass er zahlreiche Details aus seinen Gesprächen mit Rudolf Steiner in diesem Erinnerungsbuch ausgelassen hat. Von diesen aber hat er vieles vier Jahre später, an der Jahreswende 1932/33 für den Priesterkreis der Christengemeinschaft als Manuskriptvervielfältigung niedergeschrieben. Diese Niederschrift bildet den wesentlichen Inhalt dieses Buches.
Weil diese Vervielfältigung inzwischen vielen Menschen bekannt ist und aus ihr bereits in verschiedenen Bänden der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe zitiert wurde, und da ihr Inhalt weitgehend von allgemeinem anthroposophischem Interesse ist, hat sich die Leitung der Christengemeinschaft entschlossen, einer Veröffentlichung zuzustimmen. Hinzu kommt, dass sich im Jahr 2013 das originale Stenogramm im Zentralarchiv der Christengemeinschaft gefunden hat, das dieser Vervielfältigung zugrunde liegt, sodass wir heute genau verfolgen können, was Rittelmeyer ursprünglich aufgeschrieben und wie er es später für die Vervielfältigung bearbeitet hat. Da außerdem die Autorenrechte Rittelmeyers inzwischen erloschen sind, könnte jeder, der ein Exemplar der ursprünglichen Vervielfältigung besitzt, diese Gespräche herausgeben. Da erscheint es sinnvoll, dass eine Herausgabe von derjenigen Seite erfolgt, die zusätzliche Quellen heranziehen kann.


Mit dieser Veröffentlichung wird also die erste Grenze, die Rittelmeyer in der Einleitung seines Buches bezeichnete, überschritten. Das macht es für den Leser notwendig, sich dessen bewusst zu sein, dass ein Verständnis des auf den folgenden Seiten dargestellten eine gründliche Kenntnis der Anthroposophie voraussetzt. Außerdem muss bedacht werden, dass für die Wiedergabe der Gespräche Rittelmeyers mit Rudolf Steiner die zweite Grenze, die er in der Einleitung seines Buches beschreibt, in vollem Umfang auch für diese Texte besteht:
»Über meine Begegnungen mit Rudolf Steiner habe ich nicht Buch geführt. Es schien mir unmenschlich, zu jedem Gespräch schon mit dem Bewusstsein zu gehen, du wirst es hernach aufzeichnen. Die Freiheit und Lebendigkeit des unmittelbaren Verkehrs, auch eine letzte Intimität schienen mir dadurch gefährdet. So sind die Worte Steiners nicht ganz genau wörtlich so gesprochen worden, wie ich sie wiedergebe, auch wenn ich sie, damit sie unterschieden werden können, in Anführungszeichen setze. Ich gebe sie wieder, wie sie in meinem Gedächtnis leben, und ich übernehme die Gewähr für ihren Inhalt und Sinn, aber nicht für ihren Buchstabenlaut.« (LRS, S. 14 f.)
Wie sehr dies zu berücksichtigen ist, beleuchtet folgendes Beispiel: In dem Buch von 1928 berichtet Rittelmeyer von einer Antwort Rudolf Steiners auf die Frage, wie sich die anthroposophische Bewegung und die Christengemeinschaft voneinander unterscheiden: »Die anthroposophische Bewegung wendet sich an das Erkenntnisbedürfnis und bringt Erkenntnis; die Christengemeinschaft wendet sich an das Auferstehungsbedürfnis und bringt Christus.« (LRS,
S. 141 f.)

Von dem Gespräch, in dem diese Antwort Steiners gefallen ist, gibt es zwei stenografische Niederschriften, da außer Rittelmeyer auch Emil Bock und Christian Geyer zugegen waren. Es fand am 21. Juli 1922 in Dornach statt. In beiden Niederschriften – auch in der von Rittelmeyer selbst –, die am gleichen Tage angefertigt wurden, ist vom Anknüpfen an das Erkenntnisbedürfnis der Menschen durch Anthroposophie und vom Anknüpfen an das Auferstehungsbedürfnis der Menschen durch die Tätigkeit der Christengemeinschaft die Rede. Die oben kursiv wiedergegebene Erweiterung ist eine freie Ergänzung Rittelmeyers sechs Jahre nachdem dieses Gespräch stattgefunden hat.

Trotzdem gilt natürlich auch für die hier wiedergegebenen Gespräche uneingeschränkt die Gewähr Rittelmeyers für deren »Inhalt und Sinn«.
Es ist anzunehmen, dass Rittelmeyer diese Gespräche tatsächlich erst 1932 stenografisch niedergeschrieben hat und dass für sie dasselbe gilt, was er 1928 in der Einleitung geschrieben hat: Er hat weder während der Gespräche noch zeitnah ihre Inhalte in Kurzschrift festgehalten, sondern erst, als er sich entschlossen hatte, sie anderen zur Kenntnis zu geben. Anders ist es bei den Gesprächen, die er im Sommer 1922 und im Mai 1924 mit Rudolf Steiner über Belange der Christengemeinschaft geführt hat. Von diesen Gesprächen existieren am gleichen Tag angefertigte stenografische Notizen von seiner Hand.
Diese »Unveröffentlichten Gespräche« Friedrich Rittelmeyers mit Rudolf Steiner sind Ende 1932 unter diesem Titel als Beilage des Rundbriefes an die Priester gesandt worden. Im März 2013 fand man im Nachlass Taco Bays die originalen Stenogramme Rittelmeyers von dieser Zusammenstellung. Nach der Übertragung aus der Gabelsberger Kurzschrift zeigte sich, dass der Text an vielen Stellen anders lautet als in der Rundbrief beilage. Hier wird nun der Text der Rundbrief beilage weitgehend unverändert und nur an einigen Stellen korrigiert wiedergegeben und in eckigen Klammern die Varianten und Ergänzungen eingefügt, die sich aus dem Stenogramm ergeben. Dabei ist zu bedenken, dass der Text der Rundbrief beilage von Rittelmeyer selber eine Bearbeitung des Textes aus dem Stenogramm darstellt.
Diese Wiedergabe erscheint uns gerechtfertigt, da nicht nur an vielen Stellen andere Nuancen in der Wiedergabe Rittelmeyers auftauchen, sondern auch ganz neue Inhalte erscheinen.
Runde Klammern ( ) stammen aus Rittelmeyers eigenem Text, in eckigen Klammern [ ] stehen die Ergänzungen aus dem Stenogramm, und in spitzen Klammern › ‹ erscheinen die Textteile, die Rittelmeyer nicht im Stenogramm notiert, sondern erst für die Rundbriefausgabe eingefügt hat.
Die Überschriften der einzelnen Abschnitte stammen vom Herausgeber. Im Text sind manche sprachlichen und orthografischen Eigenheiten der damaligen Zeit beibehalten. In Orthografie und Zeichensetzung wurde nur behutsam eingegriffen.

Kiel, August 2016    Wolfgang Gädeke


Die Einleitung Friedrich Rittelmeyers


Die hier zusammengestellten Gespräche mit Dr. Steiner und Worte von
Dr. Steiner sind in dem Buch Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner nicht enthalten. Dieses Buch, das für Außenstehende einen Lebensgang darstellen wollte, konnte nicht mit Einzelheiten belastet und mit Merkwürdigkeiten, die erst eine lange Erklärung erfordern, beschwert werden. Auch in diesem Nachtrag hier habe ich nicht alles erzählt. Weggeblieben sind die Gespräche, die dem Priesterkreis auf andre Weise bekannt gegeben worden sind, ferner gelegentliche Äußerungen über einzelne Menschen, auch über mich selbst, soweit sie nicht durch den Zusammenhang gefordert werden, dann Mitteilungen, die in späteren Mitteilungen von Dr. Steiner ohnedies zu finden sind, und Einzelheiten, die nichts wesentlich Neues bringen oder nicht richtig verstanden würden, und schließlich alles, was sich auf die individuelle, okkulte Führung bezieht. So bedeutsam da vieles für die Nachwelt wäre: hier, wie in dem Meditationsbuch, muss ich mich genau an das mir Erlaubte halten.
Dieser Nachtrag ist für die Priester bestimmt. Man muss es mir selbst überlassen, ob und wie und wann ich andern anthroposophischen Freunden davon Mitteilung mache. Aber den Priestern gegenüber kann ich wohl auch in der Mitteilung von Einzelnem und Persönlichem ziemlich weit gehen und habe dies in gelegentlichen Mitteilungen ja schon getan, in der Hoffnung, dass der Verehrung für unsern Lehrer alles willkommen ist, was von irgendeiner Seite her ein Licht auf ihn wirft. Das Wenige, was ich aus dem eignen okkulten Erleben erzähle, ist dieser Absicht eingeordnet.


Im Stenogramm lautet die Einleitung folgendermaßen:


Die folgenden Gespräche mit Rudolf Steiner und Worte von Rudolf Steiner sind in dem Buch Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner nicht erwähnt. Das Buch ist für Außenstehende geschrieben und sollte vor allem einen Lebensgang

darstellen. Deshalb konnte es nicht mit allzu viel Einzelheiten belastet werden und vor allem nicht mit Mitteilungen, die dem Fernstehenden zu schwer zugänglich gewesen wären. Wenn ich hier noch einen Nachtrag liefere, so leitet mich die Überzeugung, dass für unseren Kreis alles wichtig ist, wenn es sich auf Dr. Steiner bezieht, auch das nebensächlich erscheinende.
Dieser Nachtrag ist für Priester bestimmt. Man muss es mir selbst überlassen, ob und wann und wie ich Einzelnes daraus auch anderen anthroposophischen Freunden zugänglich machen will. Auch dieser Nachtrag kann keine Vollständigkeit behaupten. Obwohl es zum Beispiel außerordentlich lehrreich wäre, die intime okkulte Führung eines Menschen durch einen Meister wie Rudolf Steiner im einzelnen darzustellen, und obwohl man sich darüber klar sein muss, dass mit den wenigen, die darüber zu erzählen haben, ein wichtiges Wissen dahin geht, so kann doch durch eine solche Mitteilung, die ganz individuell war, an anderen Individualitäten Schaden angerichtet werden, so dass ich wenigstens keine Form finde, wie darüber geredet werden könnte.
Ferner bleiben weg einzelne Äußerungen über Menschen, die missbraucht werden könnten. Dagegen habe ich mit Bewusstsein nichts weggelassen, was etwa weniger gloriös ist, und bin auch in der Mitteilung über Persönliches so weit gegangen, wie es mir in dem Kreis von Freunden, als den ich den Priesterkreis betrachte oder doch betrachten möchte, möglich ist. In gelegentlichem Gespräch habe ich ja wohl schon das meiste erzählt. Aber ich stelle es hier zusammen.
Lange habe ich mir überlegt, ob ich mich wie im Meditationsbuch streng an das mir Erlaubte erhalten musste [sic!], so kann ich auch hier nicht weitergehen, nur mehr Einzelnes und …? … kann ich erzählen.


Marcello Haugen


Zu dem Brief Dr. Steiners, den ich zum Anfang mitteilen will, muss ich die Vorgeschichte kurz erzählen. Etwa im Jahr 1913 kam ein norwegischer Lokomotivführer nach Deutschland, der eine Zeit lang unter den Anthroposophen eine merkwürdige Rolle spielte. Der Mann hatte zweifellos starke hellseherische Fähigkeiten. Als ich ihn bei Michael Bauer traf, hat er mir über mich und andre verblüffende Dinge gesagt. Da ich sah, wie er von sensationsgierigen Menschen überlaufen und auf falsche Bahn gedrängt wurde, schlug ich ihm vor, er möge einmal eine Weile still bei mir wohnen und ernstlich Anthroposophie studieren. Ich leugnete nicht, dass ich selbst ein Interesse daran habe, ihn kennen zu lernen, aber vor allem wollte ich, ihn schützend vor Nachstellungen, zur richtigen Behandlung des Falles das Meinige beitragen.
Der Mann nahm an, kam aber nicht. Viele Monate später erschien er, Anfang 1914, machte mir aber in den wenigen Worten, die ich mit ihm sprach, einen bedenklichen Eindruck. [Dazu kam, dass meine älteste Tochter damals 9 Jahre alt war.] Unmittelbar darauf erfuhr ich, dass er aus der Anthroposophischen Gesellschaft ausgeschlossen war und dass seine suggestive Wirkung auf Frauen bei dieser Ausschließung ein Wort mitgesprochen hatte. Mein erster Eindruck war, dass sich nun gerade jemand um ihn annehmen müsse. Mir selbst traute ich auch die Fähigkeit zu, mit ihm fertig zu werden. Aber die möglichen Wirkungen auf unsre beiden weiblichen Hausangestellten und auf unsre Kinder konnte ich nicht überschauen. In diesem Sinne schrieb ich an Dr. Steiner. Seine Antwort, mit der Hand geschrieben, kam umgehend. Sie ist auch für andre ähnliche Fälle bedeutsam. ¹


Zunächst sei noch der Brief mitgeteilt, in dem Doktor Rittelmeyer seine Fragen an Dr. Steiner in dieser Angelegenheit richtete:


Nürnberg, 30. 4. 1914

Pfarrgasse 5

Hochverehrter Herr Doktor!

Vor fast einem halben Jahr habe ich Herrn Haugen eingeladen, längere Zeit bei mir zu wohnen. Herr Bauer sagte mir damals ungefähr, dass H. nach Nürnberg gekommen sei und wiederkommen wolle, um dort unter seiner Beihilfe Theosophie zu studieren, dass er ihn aber selber nicht für längere Zeit bei sich beherbergen könne. Bei meiner Einladung an Herrn Haugen hat mir auch damals der Gedanke vorgeschwebt, dass er durch das Wohnen bei mir mehr Ruhe hat, auch vor der Inanspruchnahme durch die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft.
Herr Haugen hat meine Einladung angenommen, aber nicht für sofort. Er ist, wie Sie wissen, inzwischen an mehreren Orten gewesen, zuletzt hier in der Nähe, in Hersbruck. Heute war er nun auf der Durchreise nach Stuttgart hier und sagte mir, dass er in 8 – 14 Tagen von dort hierher zurückkehren und dann bei mir wohnen werde.
Fast unmittelbar danach erfuhr ich von Fräulein Beckh, der Schwester des Herrn Privatdozenten Dr. Beckh, das Haugen aus der Anthroposophischen Gesellschaft ausgeschlossen sei. Da ich bei den Mitgliedern der Gesellschaft hier Vertrauen genieße, ließ mich Fräulein Beckh auch den Brief ihres Bruders auf meinen Wunsch hin lesen. Aus dem Brief muss ich entnehmen, dass Beckh vermutet, Haugen ist ausgeschlossen worden, weil er seine okkulten Erkenntnisse zu einer unerlaubten Beeinflussung der Menschen benütze.
Ich habe nun meinerseits nicht im Geringsten die Absicht, daraufhin meine Einladung an Herrn Haugen rückgängig zu machen. Vielmehr glaube ich, dass es gerade jetzt dringend notwendig ist, dass sich jemand um ihn annimmt, der es gut mit ihm meint. Genau derselben Meinung ist auch meine Frau. Aber ich kann die Situation vom okkulten Standpunkt aus nicht beurteilen. Deshalb bitte ich um freundliche baldmögliche Beantwortung folgender Fragen:
1.    Was kann mir über Haugens Ausschluss mitgeteilt werden?

1.    Halten Sie es für notwendig, mir die Aufnahme Haugens in mein Haus direkt zu widerraten? Ich bemerke dabei, dass außer meiner Frau und mir im Haus vier kleine Kinder sind, darunter drei Mädchen im Alter von 9, 6 ¾ und fünfeinhalb Jahren, ferner zwei Dienstmädchen. Wenn Sie mir die Aufnahme Haugens direkt
widerraten, würde ich mich für verpflichtet halten, im Interesse meiner Angehörigen ihm wieder abzuschreiben, aber ich würde das sehr ungern tun.
1.    Was ist etwa für mich und die Meinigen besonders zu beachten, wenn ich Haugen aufnehme?
2.    In welchem Sinn etwa soll auf Haugen Einfluss zu üben gesucht werden?

Ihre Antwort kann so lakonisch wie möglich, direkt oder indirekt sein. Aber ich bitte, in diesem Fall mich nicht ganz ohne Antwort zu lassen. Mir schien, als ob Haugen von seiner Ausschließung noch nichts wisse. Doch habe ich nur ganz kurz mit ihm gesprochen. Ausdrücklich erwähnen will ich, dass ich ihm sagte, es sei Egoismus, wenn ich ihn aufnehme, denn so sehr ich Sie verehrte, so fände ich doch zu manchem, was Sie sagen, keinen Zugang und verspreche mir etwas davon, mit jemand zu reden, der manche dieser Dinge aus eigener Erfahrung kennt. Darüber kann nur natürlich auch geschwiegen werden. Er sagte seinerseits – es ist vielleicht auch nicht unwichtig, das zu erwähnen –, dass er sich von seinem Aufenthalt in meinem Hause für sich etwas verspreche, denn er fühle, dass er manches nicht habe.
Ich will und darf Ihnen natürlich keine Verantwortung für diese ganze Sache aufladen. Ich muss selbst meine Augen und Ohren, soweit ich solche habe, aufmachen. Aber ich habe das Bewusstsein, dass ich den Versuch mit Haugen nicht machen darf, wenn Sie mir direkt abraten. Raten Sie mir nicht ab, so werde ich alsbald nach Empfang Ihrer Mitteilung an die Stuttgarter Adresse Haugens schreiben, dass ich meine Einladung aufrecht erhalte, obwohl ich inzwischen von seinem Ausschluss erfahren habe.


In großer Verehrung

mit der Bitte um Entschuldigung wegen der Flüchtigkeit Dr. Rittelmeyer, Pf.

Falls Herr Doktor Steiner verreist sein sollte, bitte ich Fräulein von Sievers herzlich womöglich um eine vorläufige Antwort.


Rudolf Steiner an Friedrich Rittelmeyer:



Berlin, den 1. Mai 1914

Sehr verehrter Herr Doktor!

Nicht leichten Herzens spreche ich über die Angelegenheit des Herrn H. Die Mitteilungen Ihres Briefes machen notwendig, dass Sie die Sache so weit kennen lernen, um sich selbst Ihr Urteil zu bilden.
Es war gelegentlich meines letzten Vortragszyklus in Christiania. Langjährige Freunde und Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft (natürlich früher Theosophische Gesellschaft) sprachen mir eines Abends von Herrn H., von dem sie sagten, dass sie ihn sehr schätzten und dass er durch seine Diagnosen großes Aufsehen gemacht habe. Man bat mich, ihn zu den intimen Vorträgen zuzulassen. Es ist selbstverständlich, dass solches Eintreten unserer Mitglieder ohne weiteres gehört wird. Ich stimmte zu. Erst nach der Aufnahme konnte ich dann Herrn H. bei mir sehen. Ich hatte nun den Eindruck eines Menschen mit elementarischen psychischen Kräften, die aber in einem völlig chaotischen Zustand waren. Mein Standpunkt in einer solchen Angelegenheit ist nun der, dass die Anthroposophische Gesellschaft die beste Pflegestätte für solche Persönlichkeiten sein solle. Diese können in derselben Rat, Hilfe usw. erhalten und durch das Studium der Geisteswissenschaft ihre psychischen Fähigkeiten in die rechten Richtungen lenken; vor allem sich über deren Wert und Tragweite die unerlässliche Aufklärung verschaffen. – Als mir dann Herr H. in derselben Unterredung noch sagte, er wolle nach Deutschland gehen, schien mir das recht sonderbar, denn das hieß doch, er wolle seine in Norwegen begonnene Praxis verlassen und ins völlig Unsichere ziehen. Ich hatte aber natürlich kein Recht, dem Mann von einer Reise nach Deutschland abzuraten. So war er dann nach einiger Zeit in Deutschland. Da nun einzelne Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft ihm pekuniäre Hilfe bieten mochten, bat ich eines unserer älteren Mitglieder, ihm an die Hand zu gehen, damit er entsprechend sich weiter entwickeln könne. Ich selber bin ja seit Monaten durch den Dornacher Bau gezwungen, die Mitglieder zu bitten, von persönlichen Unterredungen bis zur Erledigung der mir für den Bau obliegenden Arbeiten abzusehen. So kam es

denn, dass ich des weiteren Herrn H. nur auf Vortragscyklen im Kreise der Zuhörer sah. – Nun stellte es sich bald heraus, dass Herr H. die Anwesenheit auf Cyklen nicht zu seiner weiteren Entwicklung, sondern zur Inscenesetzung einer wirklich nicht unbedenklichen Verwertung seiner ganz richtungslosen psychischen Kräfte verwendete. Das ältere Mitglied, dem ich übertragen hatte, Herrn H. zu helfen, musste die bittersten Klagen vorbringen über H.’s Missbrauch des Vertrauens, das ihm wegen seiner psychischen Fähigkeiten besonders jüngere weibliche Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft entgegenbrachten. Es kam ein älteres Mitglied bald mit ähnlichen Klagen. Es ist nicht meine Art, vorschnell in solchen Dingen irgendeine Stellung zu nehmen.
Herr H. war dann auch beim letzten Wiener Vortragscyklus anwesend. Sein Benehmen dort war nun wirklich so, dass die Sache nicht weiter gehen durfte. Alles, was die Anthroposophische Gesellschaft wollen kann, wäre bald in das Gegenteil verkehrt, wenn diese Dinge vorkämen, und noch dazu so vorkommen, dass durch die Zahl der Fälle das Urteil berechtigt sein müsste, die Gesellschaft sei die Pflegestätte des schlimmsten Charlatanismus. Erlassen Sie mir, verehrter Herr Doktor, die Angabe von Details. Ich will nur sagen, dass jeder Zweifel an der Wahrheit in Bezug auf H.’s Verhalten ausgeschlossen ist. Es darf eben durchaus nicht sein, dass ein Verhalten wie das des Herrn H. zu Damen in der Gesellschaft blüht und dabei dieses Verhalten umglänzt wird mit dem Nimbus von psychischer Betätigung und im Widerspruch steht zu dem Vertrauen, das durch die Lage der Verhältnisse einer Persönlichkeit wie Herrn H. entgegengebracht wird, erstens dadurch, dass er Mitglied der Gesellschaft ist, zweitens dadurch, dass andere Gesellschaftsmitglieder, welche die Sache nicht durchschauen, die Leute in diesem Vertrauen noch bestärken. Ich kann begreifen, dass solches vorgekommen ist, denn das – allerdings naturgemäß widerspruchsvolle – persönliche Auftreten des Herrn H. ist durchaus nicht so, dass man ihn, wenn man die Empfindungen, die zunächst Unbefangene haben, nicht lieb gewinnen würde. Er macht ganz natürlich für den ihn nicht Durchschauenden den Eindruck eines lieben Menschen, den man gerne haben muss. Bedenken Sie das alles, sehr verehrter Herr Doktor, und bedenken Sie dazu, dass ich prinzipiell gegen jeden Ausschluss aus der Anthroposophischen Gesellschaft bin, dass der Fall H. der zweite Fall ist (seit zwölf Jahren) – der erste war der Fall Dr. Vollrath Z – in dem ich nicht anders konnte, als der von anderen älteren Mitgliedern energisch ausgesprochenen Forderung der Ausschließung mich nicht zu widersetzen , sondern zuzustimmen, so werden Sie eine Empfindung von der Lage der Sache erhalten. – Ich stimme Ihnen völlig bei, wenn Sie sagen, dass Herr H. jetzt erst recht bedürfe, dass man sich seiner annehme; und ich bin der Ansicht, dass dies auch weiter von der Seite, von der

es bis jetzt geschehen ist, nicht außer Acht gelassen wird. Wie gerne würde ich Ihnen empfehlen, Herrn H. in Ihr Haus aufzunehmen; doch ich darf es nicht. Sie schrieben mir über die Mitglieder Ihres Haushaltes: ich darf es nicht . Sie glauben gar nicht, wie schwer es mir wird, diesen Rat geben zu müssen. – Leider liegen die Dinge so, dass auch das nicht möglich ist, dass man sagt, H. sei ein
»naiver« Mensch, der sich vielleicht im Augenblicke hinreißen lässt –; auch diese Naivität kann nicht – zu seiner Entschuldigung – angeführt werden.
Kein Mensch der Welt würde mich zur Zustimmung zum Ausschluss H.’s gebracht haben, wenn etwa der Gesichtspunkt geltend gemacht worden wäre: es darf dergleichen in der Gesellschaft nicht vorkommen, weil dadurch die Außenwelt ein schiefes Urteil über die Gesellschaft gewinnen müsste. Ich betone immer: was bei uns geschieht, muss an sich richtig sein; und das Urteil der Außenwelt kommt erst in Betracht, wenn es an sich richtig ist. Doch liegt die Sache hier so, dass im Innern der Gesellschaft in Jahren nicht so viel Unheil angerichtet worden ist als durch H. in wenigen Monaten. Glauben Sie mir, verehrtester Herr Doktor, in Privatsachen auch moralischer Art wird sich, soweit etwas von mir abhängt, die Gesellschaft nie mischen; doch hier lagen nicht Privatsachen vor, sondern ein Verhalten, das auf Psychismus gebaut war und nur hat in Scene gesetzt werden können dadurch, dass H. seine Mitgliedschaft dazu ausnützte.
Würde ich Ihnen nicht dieses alles schreiben, so könnte Ihnen vielleicht doch nicht ganz verständlich sein, wenn ich Ihnen abraten muss, Herrn H. unter den obwaltenden Verhältnissen in Ihr Haus aufzunehmen. Ich kann mir vorstellen, dass diese Persönlichkeit zunächst im Nimbus der Harmlosigkeit bei Ihnen einträte und Sie dann die schlimmsten Erfahrungen machen müssten.
Selbstverständlich ist alles, was ich hier schreibe so, dass ich jederzeit dafür eintrete; doch wäre es mir lieber, wenn Sie mich nicht als Ratgeber anführten, weil ich nicht möchte, dass Herr H. zu der Maßregel der Ausschließung auch noch die Bitternis hinnehmen müsste, dass gerade ich ihn um einen Aufenthalt für einige Zeit bringe. Doch musste ich Ihnen auf Ihre Fragen die Sachlage ganz objektiv darstellen.


In herzlicher Zuneigung zu Ihnen hochverehrter Herr Doktor bin ich Ihr ergebener

Rudolf Steiner

Berlin W, Motzstr. 17


Die Antwort Dr. Rittelmeyers an Dr. Steiner lautet:



Nürnberg, 2. 5. 1914

Hochverehrter Herr Doktor!

Ihr Brief verpflichtet mich zu größtem Dank. Zuerst bin ich ganz erschrocken, als ich sah, wie viel Zeit Ihnen die Beantwortung gekostet haben muss. Aber nachdem es nun einmal geschehen ist, vermag ich es Ihnen nicht anders zu vergelten, als indem ich die vielen feinen innerlichen Anregungen, die Ihr Brief enthält, möglichst stark in mein Leben aufnehme.
Was Haugen betrifft, so hat mich seine Ausschließung in der Tat stark erschüttert. Er tut mir außerordentlich leid, zumal ich ihn in der einen längeren Unterredung, die ich mit ihm hatte, nur von seiner guten Seite kennengelernt habe. Aber wie ich Ihr Verhalten in der Sache ganz begreife, so werde ich auch Ihren Rat selbstverständlich befolgen, wenn es mir auch gar nicht leicht fällt.
Nur das bringe ich nicht übers Herz, ihm jetzt auf einmal nach Stuttgart abzuschreiben. Ich lasse es darauf ankommen, ob er nicht, was mir wahrscheinlich ist, gleich nach Norwegen reist. Kommt er hierher, ohne sich länger vorher anzumelden, wie eigentlich verabredet ist, so werde ich mit ihm reden und ihm die Veränderung in meiner Haltung so leicht als möglich zu machen suchen, aber jedenfalls ihn höchstens einige Tage im Haus behalten. Das wird wohl keine Gefahr haben, wenn wir wachsam sind, und vielleicht kann ich doch dem guten Kern in ihm eine kleine Stärkung widerfahren lassen. –
Mir scheint, dass Sie mir mindestens einmal in der letzten Zeit – damals, als ich Ihnen zuletzt schrieb – stark geholfen haben. Es sieht aus, als ob es vorwärts geht, wenn auch naturgemäß langsam. Aber ich habe doch so viel von den Übungen von all dem, was mir durch Sie erschlossen worden ist, dass Sie längst mein größter menschlicher Wohltäter sind.


Mit nochmaligem herzlichsten Dank grüßt Sie in größter Verehrung
Dr. Rittelmeyer, Pf.


Soll ich den Fall vollständig erzählen, so muss ich noch hinzufügen, dass der Mann nach Empfang meines Briefes eine Fernsuggestion bei mir versucht hat. Ich hatte ihm geschrieben, dass ich bereit sei, seine Zukunft ausführlich mit ihm zu besprechen, dass ich ihn aber unter diesen Umständen nicht monatelang zu Gast haben könne. Er wollte mich dagegen zwingen, ihn doch ins Haus aufzunehmen. Als ich es merkte, erwehrte ich mich seiner durch das Mittel, das in solchen Fällen unfehlbar sicher und stark hilft: den Anschluss an Christus. (Wenn man solche Machenschaften nicht merkt, so prallen sie allermeist ja schon an einem klaren, geistgeführten Geistbewusstsein ab.) Ich erzählte
Dr. Steiner später von dieser Attacke. Er sagte ruhig: Ja, solche Sachen macht der schon.
Der Mann ist später ein sehr bekannter und überlaufener [sic!] Heiler in Lillehammer geworden. Ich habe ihm im Jahr 1919, als ich ihn in Oslo in meinem Vortrag traf, noch einmal angeboten mit ihm zu sprechen. Er kam aber nicht.


Eigenes geistiges Forschen


Der folgenden Mitteilung muss ich wieder einiges vorausschicken. Dr. Steiner ermutigte mich immer wieder [gelegentlich] zu eignen [okkulten] Forschungsversuchen. Er sagte z. B.: »Sehen Sie, dass Sie das selber herausbringen.« Oder: »Dies können Sie jetzt [schon finden], das Andere noch nicht.« [Ich selbst war aus zwei Gründen vorsichtig. Einmal weil ich mich selbst noch so unsicher fühlte und mich vor Täuschungen sichern wollte. Andererseits weil ich doch nur einen ganz kleinen Teil von dem mangelhaft herausbrachte, was Dr. Steiner in viel größerer Klarheit dargestellt hatte.]
Meinen umfassendsten eignen Versuch habe ich in dem Aufsatz »Der Himmel« im Heiligen Jahr dargestellt. 3 Aus Zurückhaltung habe ich ihn als zusammenhängendes Erlebnis erzählt, während es sich um ein tagelang fortgesetztes geistiges Bemühen handelte. Da ich bei diesen Versuchen nur zum kleinsten Teil und mangelhaft dasselbe herausbrachte, was Dr.    Steiner in viel größerer Klarheit und Sicherheit dargestellt hatte, sprach ich nicht viel davon.
Damals hat von allen Anthroposophen nur Michael Bauer klar erkannt, um was es sich handelte.


[Ich habe ihn nur aus Zurückhaltung als zusammenhängendes Erlebnis erzählt, während er ein durch Tage hindurchgehendes Forschungsbemühen ist. Die Aufnahme, die er gefunden, hat mich nicht ermutigen können. Angesehene Anthroposophen haben die Schilderung einfach für dichterische Fantasie gehalten und sich abfällig darüber ausgesprochen. Und manche Priester haben sich auf dieselbe Bahn drängen lassen. Nur Michael Bauer hat voll erkannt, um was es sich handelt. Und es steht jetzt immerhin dar. Ich wusste die Aufnahme im Voraus.]


Manu


Hier soll nur von solchen Bemühungen gesprochen werden, zu denen sich noch Dr. Steiner selbst äußern konnte. Ein solcher Versuch bezog sich auf Manu (nicht Mani), den höchsten Erdeneingeweihten. Im Jahr 1919 erzählte ich Dr. Steiner, dass ich versucht habe, herauszubringen, ob Manu im Augenblick verkörpert sei oder nicht.
Das Ergebnis [Erlebnis] sei merkwürdig gewesen: er sei weder verkörpert noch nicht verkörpert, sondern in einer Art Zwischenzustand. Dr. Steiner erwiderte: Das ist richtig. Und wie immer in ähnlichen Fällen belohnte er die Mühe mit einem Geschenk.
[Und nun fuhr er mit einem Geschenk fort, wie er es immer in der Gewohnheit hatte, wenn ihn etwas erfreute.] Manu könne sich gegenwärtig nicht verkörpern. Erst wenn die Dreigliederung eine Weltsache wird – nicht nur eine europäische Angelegenheit, das genüge noch nicht [das ist noch nicht entscheidend, sondern eine Weltangelegenheit] – entstehen wieder Leiber, in denen sich der Manu verkörpern kann.


Am 19. 7. 1925, bei der Synode in Dornach, ergänzte Rittelmeyer dieses durch folgende Worte:


»Manu: Leiter des Sonnenorakels in der Atlantis. Gobi, von dort aus die nachatlantischen Kulturen begründet. Nimmt in der Gestalt des Melchisedek eine Äthergestalt an … [Am Ende] der sieben Kulturepochen am Ende der Tage wird er sich als der höchste menschliche Eingeweihte erst zeigen.« Notizbuch Husemann, 1925 – 30, S. 16.


Die sieben Meister


Über die sieben Meister wurde in der ehemaligen theosophischen Gesellschaft viel gesprochen. Auch das Buch von Leadbeater Die Meister und der Pfad ⁴ erzählt vieles, wovon manches direkten Äußerungen Dr.    Steiners widerspricht. Über den Organismus dieser Meister hat mir Dr.    Steiner einmal gesagt, dass zwei im Osten wirken, zwei im Westen und zwei in der Mitte; einer aber »geht durch«. Das Letztere habe ich im Sinne der Vermittlung aufgefasst und unter diesem einen Meister – ich weiß aber nicht bestimmt, ob es Dr.    Steiner selbst gesagt hat – den Skythianos verstanden. Die zwei Meister in der Mitte sind wohl mit Sicherheit: Christian Rosenkreutz und der Meister Jesus.


[Als diese beiden sind wohl der Meister Jesus und Christian Rosenkreutz anzusprechen, wenn ich auch nicht sicher weiß, ob sie Dr. Steiner in diesem Zusammenhang selbst genannt hat. Einer aber »geht durch«, sagte er. Ich habe es im Sinne der Vermittlung verstanden und meine mich auch zu erinnern – kann es aber nicht beschwören – dass dies Skythianus war.]


In Notizen von Walter Johannes Stein, die im Archiv des Goetheanum vorhanden sind, heißt es dazu: »9. 7. 1924. Rittelmeyer sagt: Als er eine Lebensskizze Dr. Steiners zu schreiben hatte, erzählte ihm Doktor Steiner im Beisein Frau Dr. Steiners: Er hätte zwei Initiatoren gehabt, Christian Rosenkreutz und den Meister Jesus (Zarathustra). Letzterer wies ihn auf Fichte. Ersterer wirkte durch Felix Balde. Der Manu sei nicht inkarniert. Er sei in einem Zwischenzustand zwischen Inkarnation und Nicht-Inkarnation. Nur wenn die Dreigliederung die Erde als Ganzes ergriffe, nicht bloß Mitteleuropa, könne er sich inkarnieren. Schuré deutet in seiner Biografie auf den Meister Jesus (willensstark). Skythianos wandere zwischen den sechs anderen Meistern. Er halte die Verbindung. Zwei im Osten, zwei im Westen, Meister Jesus und Rosenkreutz in der Mitte.«


Meister Jesus


Einmal kam das Gespräch auf die Verkörperungen des Meisters Jesus.
Dr. Steiner nannte ausdrücklich den »Gottesfreund«, der die Umwandlung in Tauler bewirkte. Auf meine Frage, ob es dem Gottesfreund bewusst gewesen sei, dass er diesen Zusammenhang mit Jesus habe, erwiderte Dr. Steiner: »Er hat sogar Tauler eine Andeutung davon gemacht. Dann erzählte er noch, man habe ihn damals gesucht, sei sogar in seinem Hause zu Gast gewesen, habe ihn aber nicht erkannt.«


[Einmal konnte ich fragen nach den späteren Verkörperungen des Meisters Jesus. Er nannte ausdrücklich den Gottesfreund. Ich fragte ihn, ob es dem Gottesfreund bewusst gewesen sei, dass er Jesus sei. Dr. Steiner erwiderte: »Ja, er habe sogar dem Tauler eine Andeutung davon gemacht. Sie haben ihn gesucht, sind sogar in seinem Haus gewesen und haben ihn doch nicht gefunden.«]


(Persönlich füge ich folgendes hinzu. Es war damals ein viel wichtigerer Augenblick in der Geschichte des Christentums, als man bis jetzt erkannt hat. In Meister Eckehart war die Mystik, im Unterschied von der französischen Christusmystik des früheren Mittelalters, stark ins Neuplatonisch-Indische geraten. Deshalb wird ja auch heute Meister Eckehart als Begründer einer neuen Religion mitten im Christentum gepriesen. Es kam sehr viel darauf an, dass die Mystik wieder ins Christliche hereingeholt wird. Dies ist durch den Besuch des Gottesfreundes bei Tauler, dem wirksamsten Schüler Eckeharts geschehen. Von da an erstehen Gestalten wie Tauler, Suso, Merswin und der Verfasser der
»Theologia Deutsch«.

Ein ähnlich bedeutsames Eingreifen ist bei einer früheren Inkarnation des Meisters Jesus zu vermuten. Dr. Steiner sagte in einem Vortrag, der Lehrer des Arius sei eine Verkörperung des Meisters Jesus gewesen. Damit kann nur Lukian von Samosata gemeint sein. (Natürlich nicht der bekannte Spötter, sondern ein

christlicher Lehrer, der im Jahr 312 den Märtyrertod starb.) Dieser Lukian, der viel feiner ist als Arius, brachte eine starke Betonung des irdischen Lebens Jesu. Das ging durch Arius und die Antiochenische Schule auf die Germanen über und bereitete vor die Erfassung des Menschlichen in Jesus durch die Deutschen.)


Im alten Rundbrief Nummer 68 vom 28. Oktober 1926 beschreibt Rittelmeyer dieses etwas anders:


»Ihr wisst ja, dass die beiden Meister, die in der abendländischen Entwicklung vor allem wirken, der Meister Jesus und Christian Rosenkreutz sind. Wie gerne wüsste man mehr von ihnen! Insbesondere wenn man die Biografie des Meisters Jesus durch seine Inkarnationen kennte, der nach einer Angabe Dr. Steiners nie länger als höchstens acht Jahren von der Erde entfernt war; was würde man da für einen Einblick in die Geschichte des Christentums erhalten! Ich muss sagen, hier fängt die Geschichte für mich an so rasend interessant zu werden, dass ich im Stillen hoffe, ich werde davon noch in diesem Leben mehr erfahren. Nur zwei Inkarnationen des Meisters Jesus sind mir sicher bekannt. Das eine ist der Gottesfreund. Wenigstens habe ich die persönlichen Erzählungen Dr. Steiners damals so verstehen müssen. Er sagte sogar, der Gottesfreund habe Tauler selbst eine Andeutung darüber gemacht, und dies sei für Tauler sehr erschütternd gewesen.
Die andere Angabe fand ich kürzlich in einem älteren Vortrag. Der Lehrer des Arius sei eine Verkörperung des Meisters Jesus gewesen. Wenn man nach der Persönlichkeit forscht, so kann nur der Märtyrer Lukian gemeint sein. Auf diese Spur ist außer mir genau ebenso überzeugt auch Dr. Kolisko gekommen, dem ich die Mitteilung Dr. Steiners in dem alten Vortrag erzählte. Das ist aber etwas ganz Hochinteressantes, über das man lange sprechen müsste. Arius hat später gerade das Menschliche an Jesus Christus betont, allerdings in einer unzureichenden Weise, aber doch so, dass etwas Wichtiges im Christentum damals durch Athanasius und das Konzil von Nicäa unterdrückt wurde. Man kann nach den wenigen Notizen, die da sind, annehmen, dass Lukian es besser vertreten hat.
Von ihm sollen auch Abschiedsreden und eine Abendmahlsfeier vor seinem Märtyrertod unter dem Kaiser Maximin – 312 glaube ich – erhalten sein, die ich aber noch nicht einsehen konnte. Er stand lange Zeit in einem gewissen

Gegensatz zur offiziellen Kirche, wie später der Gottesfreund.

Außer diesen beiden Inkarnationen weiß ich nur, dass Dr. Steiner gelegentlich mitgeteilt hat, der Meister Jesus sei einmal in einer bedeutsamen Persönlichkeit Norditaliens verkörpert gewesen, und dass ich auch annehmen muss, er ist
Dr. Steiner selbst begegnet in einer anderen Inkarnation zu unserer Zeit.«


Mani


Auf die Frage, welcher Gruppe von Meistern der Mani zugehöre, der Initiator der Manichäer, erwiderte Dr. Steiner, Mani sei eine Individualität, die neben den anderen Eingeweihten stehe. Christian Rosenkreutz sei ihr begegnet auf seiner Palästinareise in einer nordafrikanischen Geheimschule. Davon sei vielleicht noch etwas zu finden in der Lebensbeschreibung des Christian Rosenkreutz.
Mani habe über das Spirituelle gewacht während der Zeit der Verfinsterung im Katholizismus.


[Als ich einmal fragte, in welchen Organismus von Mysterien eigentlich Mani (jetzt nicht Manu) gehöre, erwiderte Dr. Steiner, dass er zu keiner der bekannten Mysteriengruppen gehört. Er müsse mehr für sich genommen werden. Dann sagte er, Christian Rosenkreutz sei ihm auf seiner Palästinareise in einer nordafrikanischen Geheimschule begegnet. Davon müsse doch auch etwas in der Lebensbeschreibung des Rosenkreutz zu finden sein.]


Rittelmeyer am 19. 7. 1925: »Davon getrennt Manes oder Mani, der da erscheint im dritten Jahrhundert n. Chr. Führer des Kampfes zwischen Gut und Böse.
Manichäer. Ja wohin gehört er denn eigentlich? Das ist die Individualität, die für sich [steht?]. Die geht so durch. Wiederverkörpert in einer nordafrikanischen Mysterienschule, als Christian Rosenkreutz nach Damaskus zog. Ist auch Jüngling zu Naïn. Dieser ist der Lehrer des Skythianos.« Notizbuch Husemann, 1925 - 30, S. 16 f.


Der Bodhisattva


In diesem Zusammenhang bin ich auch verpflichtet, das Gespräch zu erzählen, das ich mit Dr. Steiner über den Bodhisattva hatte. Am allerwenigsten möchte ich mit dieser Mitteilung ein neues Aufleben der etwas beruhigten Bodhisattva- Debatten heraufbeschwören.
Ich bitte dringend, die Äußerung Dr. Steiners nur zum stillen eignen Nachdenken wirken zu lassen.


[In diesem Zusammenhang will ich auch das einzige Bodhisattva-Gespräch, das ich mit Dr. Steiner hatte, authentisch mitteilen. Nicht zum Weitererzählen, sondern zum Nachdenken.]


Es war im Hochsommer 1921. Ende Juli oder Anfang August [kam ich mit
Dr. Steiner im Atelier auf den Bodhisattva zu sprechen.] Die Sprache kam darauf [Ich konnte nach dem Gang des Gesprächs die Frage stellen], ob der Bodhisattva jetzt schon auf der Erde verkörpert sei.
Dr. Steiner sagte: Wenn wir noch 15 Jahre leben, können wir noch etwas davon erleben. Das waren seine Worte. Alles andere ist Kombination.
Inwiefern Dr. Steiner durch diese Worte selbst die Gedanken lenken wollte, muss jedem zur eignen Erwägung anheim gegeben werden.
[Ich bin froh, dass im Augenblick die Bodhisattva-Gespräche in der Anthroposophischen Gesellschaft zum Stillstand gekommen sind und möchte sie am allerwenigsten wieder in Gang bringen.]


Aber diese Äußerung Dr. Steiners muss erhalten bleiben.


In Notizen von Walter Johannes Stein, die im Archiv des Goetheanum vorhanden sind, heißt es dazu: »Rittelmeyer sagt: Im August 1921 sagte
Dr. Steiner über Jeshu ben Pandira: wenn wir noch 15 Jahre leben, können wir etwas davon erleben. = 1936. Jeshu ben Pandira ist am Anfang des Jahrhunderts geboren. (Basel 1911)«


Meister – Inkorporationen


Besonders lebendig in der Erinnerung ist mir ein Gespräch nach einem Berliner Zweig-Abend. [Ich fragte Dr. Steiner über die Fähigkeit der Meister, sich irgendwo vorübergehend zu verkörpern.] Dr. Steiner erzählte von den vorgehenden Inkorporationen der Meister. »Da tritt jemand zu Ihnen ins Zimmer. Sie geben ihm die Hand und sprechen mit ihm, er verlässt das Zimmer wieder, aber Sie werden nicht bemerken, dass er das Haus verlässt.«


[Das ist so, dass jemand bei Ihnen im Zimmer ist, Ihnen ganz richtig die Hand gibt und sie wieder verlässt und Sie merken nichts Besonderes, aber Sie werden nicht sehen, dass er das Haus verlässt.]


[Er erzählte, dass er selbst einmal durch eine solche Verkörperung eines Meisters gerettet worden sei bei etwas, »was mir sonst den Tod gebracht hätte«. Ich war im höchsten Grad verblüfft in dem Gefühl, wie sehr dadurch unsere materialistischen Vorstellungen über das Verhältnis von Leib und Seele über den Haufen geworfen werden, gab diesem Gefühl wohl auch Ausdruck und fragte:
»Wenn es so ist, warum sprechen Sie so selten davon?«

»Weil keine Ohren da sind, die es hören können«, sagte er.

In dem bekannten Baseler Vortrag ist ja gelegentlich einmal davon gesprochen worden. Darum will ich, zu seiner Ergänzung, dieses Gespräch auch mitteilen.]


Zur Ergänzung dessen, was auf Seite 100 des Lebensbegegnungsbuches [LRS,
S. 97] erzählt ist, besonders auch von dem Meister, der ihn rettete bei etwas
»was mir sonst den Tod gebracht hätte«, und zur Ergänzung dessen, was Dr. Steiner im Berliner Vortrag und anderwärts über die bevorstehenden

Erlebnisse mit Christus erzählt hat, seien diese Worte mitgeteilt. Sie waren mir damals in ihrem äußersten Gegensatz gegen jede materialistische Auffassung des Verhältnisses von Leib und Seele ganz besonders eindrucksvoll.


Meister und Evangelien


So bereitwillig Dr. Steiner auch auf solche Fragen Antwort gab, er lenkte doch in doppelter Richtung allmählich etwas von ihnen ab. Auf der einen Seite betonte er, dass die wichtige Aufgabe heute sei, dass das Denken spiritualisiert werde [LRS, S. 97 f.], auf der andern Seite lenkte er auf die geschichtlichen Zusammenhänge. So sagte er zum Beispiel einmal, als er mich anregte, geschichtliche Forschungen vorzunehmen: »Bleiben Sie aber nicht bei den großen Persönlichkeiten stehen, sondern suchen Sie die geistigen Zusammenhänge auf, zum Beispiel von Buddha über das Lukas-Evangelium zum Mysterium von Golgatha oder von Moses – Elias über das Matthäus- Evangelium zu Christus.«
Wie fruchtbar das Aufsuchen solcher Zusammenhänge werden kann, gerade zum Beispiel, wenn man mehr über die Verkörperung des Meisters Jesus erfährt, der gewiss oft an den wichtigsten Punkten der Menschheits-Geschichte gestanden ist, habe ich oben an zwei Beispielen anzudeuten versucht.


Eigene frühere Verkörperung


Hier sei auch das einzige Wort festgehalten, was ich von Dr. Steiner über seine eignen früheren Inkarnationen gehört habe. Danach habe ich ihn selbstverständlich niemals gefragt. Aber einmal, als er mich wieder anregte – was öfters geschah – über die eignen früheren Forschungen anzustellen, fügte er hinzu: Merken Sie auch gut auf, was Ihnen von außen gesagt wird. Bei mir – sagte Dr. Steiner – ist es so gegangen, dass nach einem Vortrag jemand auf mich zukam und mir sagte, der Vortrag hat mich stark an den und den erinnert. »Dabei ist mir meine eigne frühere Inkarnation aufgegangen.« (Wenn ich hier Worte von Dr. Steiner in Anführungszeichen setze, ist niemals buchstäbliche Genauigkeit garantiert, sondern nur möglichste Sinngetreuheit.)
Für Neugier hätte ich es gehalten, wenn ich daraufhin mich bei andern weiter erkundigt hätte. Es wird nicht abwegig sein, wenn uns heute bei diesen Worten Dr. Steiners einfällt das Erlebnis, das er anderswo einmal erzählt hat: Nach seinem Vortrag über Goethe als Vater einer neuen Ästhetik habe ihm jener katholische Gelehrte gesagt, die Anschauungen hätten ihn an Thomas von Aquino erinnert.


Der Irrtum einer Hellseherin


Das Einzige, was mir bisher direkt und bestimmt von außen gesagt worden ist, war allerdings nicht richtig. Es war die Behauptung einer medial veranlagten Persönlichkeit [es war dies wohl Frau Wiegand in Berka], die erst etwa ein Jahr vorher in die Anthroposophische Gesellschaft eingetreten war, ich sei in meiner vorigen Inkarnation Papst Alexander VI. gewesen. Als ich dies, mit anderen Äußerungen derselben Persönlichkeit zusammen, Dr. Steiner erzählte, schien es ihn ein wenig zu amüsieren. »Nicht übel«, sagte er mit kaum merklichem Lächeln. Wer etwas von dem Papst Alexander Borgia weiß, wird verstehen, dass ich mich dabei nicht beruhigt habe. Herr Doktor, sagte ich, das stimmt aber gar nicht mit allem, was wir bisher über frühere Inkarnationen besprochen haben.
»Nein«, erwiderte er, »die Persönlichkeit stimmt auch nicht. Aber er hat mit Ihnen ein Gespräch in der geistigen Welt gehabt.« Dann sprach er noch von Astralkomplexen – leider habe ich den Ausdruck in der Erregung des Augenblicks nicht sicher behalten – durch die medial angelegte Persönlichkeiten auf falsche Fährten abgelenkt werden.





Damals in jenem Gespräch [nach der Synode in Berka, Sommer 1923] hat er ja das gewichtige Wort gesprochen: »Es wäre die Pest, wenn die jungen Leute in solchen Gedanken an ihre frühere Inkarnation lebten«, und hinzugefügt: »Noch schlimmer wäre es, wenn die Leute des Dreißigerkreises« – des Kreises der
»prominenten« Anthroposophen in Stuttgart – »auf ihre früheren Inkarnationen kämen.«


Anregung zu eigener karmischer Forschung


Dagegen hat er Einzelne zu Forschungen auf diesem Gebiet immer wieder angeregt und dazu Winke gegeben. Die Ergebnisse meiner eignen Bemühungen wurden mir ohne Ausnahme von Dr. Steiner bestätigt und meist noch etwas Konkretes hinzugefügt. Aber dann zog er sich wieder zurück: »Ich werde Ihnen später einmal mehr sagen, jetzt sehen Sie, was Sie allein herausbringen.«


[Meine eigenen Bemühungen um die Erkenntnis der vorangehenden Inkarnationen wurden mir ausnahmslos von Dr. Steiner bestätigt, und meist wurde dann noch etwas Konkretes hinzugefügt. Dann setzte er gelegentlich hinzu: Später will ich Ihnen einmal mehr davon erzählen, jetzt sehen Sie zuerst, was Sie sonst herausbringen. Leider ist es zu diesen eingehenderen Erzählungen nicht mehr gekommen.]


Es handelte sich bei mir niemals mit Sicherheit um einzelne Persönlichkeiten, vielmehr immer um geistige Situationen und Zusammenhänge und um gewisse Grunderlebnisse. In diesem Sinn hat mir Dr. Steiner drei frühere Inkarnationen, auf die ich selbst gekommen war, bestätigt und eine vierte dazwischenliegende, die ich selbst schon geahnt hatte, hinzugefügt. Leider ist es zu den eingehenderen Erzählungen, die er in Aussicht gestellt hatte, nicht mehr gekommen.


In Notizen von W. J. Stein heißt es: »Rittelmeyer sagte mir, Dr. Steiner sagte ihm, er (Rittelmeyer) sei Cluniazenser gewesen. Rittelmeyer fühlte schon als Knabe eine starke Beziehung zu Friedrich II. von Sizilien. Er weiß, wie es im Kardinalskollegium zuging, wie da die Heiligen wandelten und dazwischen die Füchse.

Dann fühlt er sich verwandt der Gnostik Valentinus, fühlt sich vornicäisch. Dann als Zeitgenosse von Golgatha, vielleicht ägyptisch. Alexander VI., sagte ihm Doktor Steiner, sei er (Rittelmeyer) in der geistigen Welt begegnet, darum habe der Geist Prophanti ⁵ ihn mit Alexander    VI. in Beziehung gebracht. Im Namen Prophanti sind nur die Vokale richtig. (Lehrs Bericht.) … Rittelmeyer sagte, die Geschichte Bernhards von Clairvaux habe er nie gelesen, sie sei ihm auch ohne Lesen geläufig.«


Von den Gesprächen, die darüber stattfanden, will ich nur eine Einzelheit erzählen, die auf gewisse tragische Zusammenhänge ein Licht wirft. Dr. Steiner sprach von einer gewissen Schwäche in meiner Organisation und erklärte sie so, dass ich in der vorigen Inkarnation manche Dinge gesehen hätte, deren Unrichtigkeit ich durchschaut, und die ich doch nicht hätte ändern können.
Solche Erlebnisse wirkten sich dann in der nächsten Inkarnation eine Stufe tiefer aus (also in diesem Fall wohl im Ätherleib).
Ich überlegte mir die Sache und fragte dann: Da muss aber dann doch irgendeine Verletzung des Gewissens dabei sein. Dies ließ Dr. Steiner nicht gelten.
»Nein«, sagte Dr. Steiner, »gar nicht, Sie konnten die Dinge nicht ändern.« Nun fragte ich weiter: Derselbe Fall müsste dann bei Franziskus vorliegen? Sehr ernst entgegnete Dr. Steiner: »Wenn Franziskus sich heute verkörperte«, entgegnete Dr. Steiner, »so würde er mit Geschwüren geboren.«


[Da stieg eine ganz neue Tragik im geschichtlichen Leben vor mir empor. Wie wird es uns gehen, wenn wir in diesem Leben nun wieder vielleicht Dinge sehen, die wir nicht ändern können?]


Natürlich will eine solche Äußerung mit besonderer Vorsicht behandelt sein. Sonst hält eine Mutter, deren Kind Geschwüre hat, es gleich für den wiederverkörperten Franziskus. Aber verschweigen will ich diese Äußerung doch nicht ganz. Dr. Steiner hat in seinen Vorträgen manche ähnliche Tatsachen erzählt, die falsch aufgenommen werden können. Die ungeheure Tragik im geschichtlichen Werden der Menschheit stieg damals vor mir empor. Sehen wir

nicht auch in dieser Inkarnation aus der Nähe viele Dinge mit an, die wir nicht ändern können? Wie hilft man sich gegen die gefährliche Wirkung solcher Erlebnisse? Vielleicht in derselben Weise, wie Dr. Steiner rät, dass man falscher Gedanken in seiner Umgebung sich dadurch erwehrt, dass man sie immer konsequent ins Richtige denkt? Vielleicht muss man durch solche Erlebnisse ganz regelmäßig die Kraft in sich stärken lassen, wenigstens in einer folgenden Inkarnation solchen Mächten entgegenzuwirken?


Johannes der Evangelist


In einem besonders intimen Gespräch fragte ich Dr. Steiner, ob sich der Evangelist Johannes irgendwo wiederverkörpert habe. Also nicht Johannes der Täufer, von dessen späteren Verkörperungen Dr. Steiner gesprochen hatte, sondern Johannes der Evangelist. »Solange das Werk eines Menschen so stark nachwirkt, gibt es für ihn Schwierigkeiten für die Verkörperung.« Er schien ganz deutlich sagen zu wollen, dass der Evangelist Johannes sich bisher nicht wieder verkörpert habe. Wie dies allerdings weiter gehen soll, nachdem das Werk des Johannes jetzt erst richtig aufwacht, ist mir unklar geblieben.


[Zu meiner Überraschung sagte Dr. Steiner: »Nein. Solange das Werk eines Menschen so stark nachwirkt, gibt es für ihn Schwierigkeiten der Wiederverkörperung.« Da nun die Wirkung des Johannes-Evangeliums jetzt erst recht beginnt, sieht man hier ein großes Problem.]





Ganz besonders wichtig wurde mir in der Folge ein Gespräch, an dem meines Erinnerns auch Emil Bock und Gertrud Spörri teilnahmen [März 1923]. Ich hatte den Eindruck gehabt, als ob der Evangelist Johannes sich in besonderer Weise für unsere Bewegung interessiere. Hier war nun besonders die Folge der Worte Dr. Steiners lehrreich. Zuerst sagte er etwas ablehnend:
»Das wird wohl etwas Persönliches sein.« Aber fast unmittelbar fuhr er fort:
»Die Evangelisten alle interessieren sich für Ihre Bewegung.« Dann kam sofort der Satz: »Und in besonderer Weise der Evangelist Johannes. Aber« – fügte er gleich lebhaft hinzu – »Sie müssen sich erst bewähren! Sie müssen sich erst bewähren!«

Ein Gespräch, das in der Priesterschaft der Christengemeinschaft lebendig bleiben sollte!


Bestätigung eigener Erkenntnisse


Im Rundbrief habe ich vor Jahren einmal erzählt, dass ich Dr. Steiner davon gesprochen hatte, ein Zusammenhang zwischen den sieben Ich-bin-Worten des Johannes-Evangeliums und den sieben Sakramenten sei mir aufgegangen.
Sichtlich erfreut bestätigte er es. Aber auch über den Zusammenhang der sieben Sakramente mit den sieben Christustaten im Johannes-Evangelium sprach ich ihm einmal. Ich war unsicher, ob der Zusammenhang zwischen der Taufe und der Hochzeit zu Kana nicht doch künstlich erdacht sei. Dr. Steiner aber sagte:
»Es stimmt bis zu dem Grad, dass sich bei der Taufe Alkohol im Körper bildet.«


Christus-Verständnis


Im Jahr 1919 sprach mich Dr. Steiner von sich aus an: »Mir scheint, es ist die Zeit nicht ferne, wo Sie das Mysterium von Golgatha tiefer verstehen werden!« Erklärend fügte er hinzu: »Man kann es zu verstehen glauben und doch nicht wirklich verstehen oder doch noch besser verstehen lernen.«
Auf meine Frage, ob es wirklich der lebendige Christus ist, den ich immer zu spüren glaube, sagte er bestimmt und ohne Einschränkung: »Ja!« Dasselbe antwortete er andern Anthroposophen, die ihn etwas zweifelnd fragten, ob es denn derselbe Christus sei, von dem Dr. Rittelmeyer spreche, wie der, von dem Dr. Steiner rede.
Es hatte mich aber doch erschüttert, als Dr. Steiner einmal gesagt hatte, es sei oft außerordentlich schwer, Christus von Luzifer zu unterscheiden. So fragte ich, ob es ein sicheres Merkmal gebe, woran man erkennen könne, ob eine Christusberührung wirklich von Christus ausgehe. Darauf erwiderte Dr. Steiner:
»Christus ist die reinste Selbstlosigkeit. Daran allein kann man ihn erkennen.«


[Als ich deshalb fragte, welches denn das Kennzeichen sei, wodurch man Sicherheit gewinnen könne, ob es wirklich Christus sei, dem man begegne, erwiderte er: »Christus ist die absolute Selbstlosigkeit. Das sei das einzig sichere Kennzeichen, an dem man ihn erkennen könne.«]


Er gab mir noch als einen Tag, an dem die Christusnähe besonders spürbar sei, den Donnerstag an. Man vergleiche dazu unsere Meditationen.
Auf meine Frage, was man denn tun könne, um sich für damaskusähnliche Christuserlebnisse vorzubereiten, entgegnete er: »Das ist erst möglich, wenn man Christus im Jahreslauf erlebt.« Auch dazu vergleiche man unsere Meditationen.





Dass Dr. Steiner die Schilderung, die ich in meinem Jesusbuch gegeben hatte, für richtig erklärte, habe ich in meinem Lebensbegegnungsbuch erzählt. Er fügte nur hinzu: »Sie schildern mehr den Jesus als den Christus.« Mit Wärme fuhr er fort: »Es wäre sehr schön, wenn Sie einmal ein Buch über Christus schrieben, wie Sie eins über Jesus geschrieben haben.«
Die Erfüllung dieses Wunsches Dr. Steiners steht leider noch aus. Manche Vorarbeiten dafür und der Plan dazu sind schon da. Aber ich konnte mich nicht entschließen, unmittelbar vor dem Jahr 33/34 den Versuch zu wagen.



[An diese Aufgabe, die mir Dr. Steiner gestellt, habe ich mich noch nicht heran getraut, obwohl der Plan zu ihr im Wesentlichen fertig vorliegt. Auch die Zeit scheint mir noch nicht da zu sein.]


Die Sterne


[Gelegentlich begann Dr. Steiner selbst von seinen augenblicklichen Forschungen zu erzählen. Er fügte dann einmal hinzu, es sei noch nicht so weit, dass er öffentlich davon reden könne.
Geradezu erschlagen war ich, als ich einmal bei Tisch eine Frage über die Sterne stellte – etwa im Jahr 1917 – und Dr. Steiner gleich seine jetzt bekannten Anschauungen über den Sternenhimmel darlegte, dass wir, wenn wir hinauf reisten, dort gar nichts Physisches finden würden, sondern nur Versammlungen von Geistwesen. Ich war über diese überraschenden Perspektiven so erstaunt, dass ich leider die Gelegenheit nicht benutzte, weiter zu fragen.]


Kuppelmalerei und Farben


Wir standen im alten Goetheanum und schauten zur großen Kuppel empor. Auf einige Fragen hin sagte Dr. Steiner: »Die große Kuppel gebe ich ganz preis; da ist mit unzulänglichen Mitteln etwas versucht worden, was so nicht geht.
Deshalb habe ich es in der kleinen Kuppel selbst versucht.« Als nun die Sprache auf die Farben kam, fragte ich, ob meine Vermutung richtig sei, dass die sieben Farben des Farbenspektrums den Charakter der sieben Elohim ausdrücken. Die bekannte Goethe-Stelle über die Elohim in der Farbenlehre war mir damals nicht bekannt oder nicht gegenwärtig. Sie spricht sich ja auch weniger konkret aus.
Dr. Steiner bestätigte meine Vermutung. Auf die weitere Frage: Wo ist denn dann im Farbenspektrum der Christus zu finden? Antwortete Dr. Steiner: »Er ist hinter dem Grün.«
Mir kamen Goethes Worte in den Sinn: Grün ist des Lebens goldner Baum. ⁷ – Die einzige Farbenvermischung, die Goethe begangen hat. Auch hörte ich später, dass in Böhmen die Goldprüfer das echte Gold daran erkennen sollen, dass man, wenn man es gegen das Licht hält, einen grünen Schimmer sieht.


Hierarchien und Trinität


Bedeutsam für manche Fragen, die heute auftauchen, war auch ein Gespräch, das wohl unter den im Rundbrief mitgeteilten Gesprächen vorkommt, aber hier etwas ausführlicher erzählt sei. Es handelte sich um den Unterschied zwischen Christus und dem Logos. Ganz deutlich bestätigte Dr. Steiner, dass Christus der Höchste der Sonnen-Hierarchie sei, dass aber von ihm zu unterscheiden sei die zweite Person der Gottheit, der Logos. Der stehe über ihm oder wie man auch sagen könne: hinter ihm. Hinter jeder der drei Hierarchien-Gruppen stehe eine Person der Gottheit. Christus habe, wenn er vom Vater gesprochen habe, immer mit außerordentlicher Ehrfurcht gesprochen. Da sei aber nicht Jahve gemeint gewesen, wenn es auch die Juden vielleicht so verstanden hätten. Mit Jahve würde Christus sich identifiziert haben.


Luther und Rittelmeyers Aufgabe


Hier seien nun auch einige Erlebnisse mitgeteilt, die sich auf die kommende Kirche beziehen. Im Jahre 1916, kurz ehe ich nach Berlin kam, war ein Medium auf mich zugekommen und hatte gesagt, es solle mir einen Gruß von Dr. Martin Luther ausrichten, und er lasse mir sagen, dass ich noch eine wichtige und große Bestimmung hätte bei der Begründung einer neuen Kirche.
Dies habe ich später einmal Dr. Steiner erzählt, aber nur die erste Hälfte. Die zweite Hälfte von der Bestimmung hatte ich ins Unbewusste versenkt, weil ich mich nicht durch Medien beeinflussen lassen wollte. Erst viel später ist mir diese zweite Hälfte wieder ins Bewusstsein getreten. Dr. Steiner sagte – es war im Jahr 1917 oder 1918 –: »Luther ist der vorgeburtliche Lehrer aller derer, die im Sinne des Protestantismus zu wirken haben.«


[Einmal erzählte ich Dr. Steiner, dass ein Medium auf mich zugekommen sei und mir gesagt habe, es solle mir einen Gruß von Dr. Martin Luther ausrichten. Was das Medium noch sagte – es war im Jahre 1916 – habe ich Dr. Steiner nicht mit erzählt: Luther lasse mir sagen, ich hätte noch eine sehr wichtige Bestimmung bei der Begründung einer neuen Kirche. Ich hatte das damals selbst ins Unbewusste versenkt, erst viel später ist es wieder aufgetaucht. Dr. Steiner
sagte – es war etwa 1917 oder 1918 – das Medium hat schon etwas Richtiges gespürt. Luther ist der vorgeburtliche Lehrer aller derer gewesen, die den Protestantismus weiterzuentwickeln haben.]


Ein Echo von Gesprächen mit Dr. Steiner durfte ich vielleicht auch darin sehen, dass Frau Dr. Steiner einmal in Gegenwart Dr. Steiners zu mir sagte: Sie haben die Aufgabe, die lebendigen Kräfte (oder Kreise?) der evangelischen Kirche der Anthroposophie zuzuführen. Dr. Steiner widersprach nicht.

[In Gegenwart Dr. Steiners sagte einmal Frau Dr. Steiner zu mir, es sei meine Bestimmung, die wertvollsten Kreise der evangelischen Kirche der Anthroposophie zuzuführen. Dr. Steiner widersprach nicht.]





Noch zwei Erlebnisse seien hier der Merkwürdigkeit wegen mit angeführt. Ein Anthroposoph, von dessen Impressionen Dr. Steiner, wie er mir selbst sagte, etwas hielt – sie brauchen deshalb nicht alle richtig zu sein –, kam eines Tages aus eigenem Antrieb zu mir. Er habe den Eindruck, dass er mir etwas zu sagen habe. Er habe eine Imagination über mich gehabt. Und seine Impressionen über Andere seien oft haarscharf richtig, weniger die über ihn selbst. Ich würde meine Stelle in Berlin verlieren im Zusammenhang mit den Kriegsereignissen. Aber eine andere Gemeinde werde mich haben wollen. Dann würde ich freier wirken im Sinne der Anthroposophie. Ich würde eine Kirche bauen, sagte er zuerst.
Dann schränkte er ein: ich würde in einem anderen Raume sprechen, der auch im Äußeren besser stimme zu dem, was ich zu sagen hätte.
Man sieht, es ist manches richtig in dieser Impression.


Dazu kam noch ein Traum vom Februar des Jahres 1919. Ich war lange bei
Dr. Steiner. Zum Abschied sagte er, er wisse jetzt, dass ich eigens in dieser Zeit hätte verkörpert werden sollen oder wollen, wo die Kirche eine Krisis durchmacht. Bei dieser Krisis gehe die alte Form der Kirche dahin. Aber damit komme ja nur die Wirklichkeit, wie sie längst vorhanden sei, an den Tag. Ich möge mit möglichster Ruhe die Überleitung machen.
Leider habe ich Dr. Steiner über diesen Traum nicht gefragt. Seine eignen Worte zu mir im Tagesgespräch hatten damals noch einen andern Charakter. In demselben Jahr 1919, im September, sprach ich einmal die Meinung aus, dass die evangelische Kirche auseinanderfallen werde und dass sich dann für unsereinen neue Wirkensmöglichkeiten ergeben würden. Er bestätigte das und setzte hinzu: »Die Kirche wird sich mehr um die bedeutsamen Männer in ihr

gruppieren. Diese aber werden ihre Gemeinden vergrößern.«

In derselben Zeit erzählte ich ihm, dass man mich zum Generalsuperintendenten machen wolle, dass ich mich aber ablehnend verhalte, weil ich keine Lust hätte, Kirche zu regieren. Da wurde er ziemlich lebhaft: »Was ist an dieser Kirche noch zu regieren!«
Michael Bauer erzählte mir später, er habe, als er vom Anthroposophischen Vorstand zurücktrat, der damals aus Frau Dr. Steiner, Michael Bauer und
Dr. Unger bestand, mich als seinen Nachfolger vorgeschlagen. Dr. Steiner habe erwidert: »Der kommt schon in Betracht, ich warte nur bis ihn seine Kirche hinauswirft.«
Damals dachte er also noch nicht an die Christengemeinschaft.


Rittelmeyers Antrittspredigt in Berlin


Hier sei, als Intermezzo, eine Geschichte eingeschaltet, bei der ich in eine seltsame Situation geraten bin. Man hatte von mir, als ich im Jahr 1916 nach Berlin berufen wurde, keine »Probepredigt« vorher verlangt. Ich hatte sie abgelehnt. Aber nach Berliner Sitte sollte sich der gewählte Prediger doch seiner Gemeinde in einer Predigt vorstellen, und die Gemeinde hatte hier noch eine Möglichkeit gegen ihn zu protestieren. Gerade als ich durch den Gemeindekirchenrat gewählt war, sah ich ein, dass man einer solchen Gemeinde, wie die Berliner Gemeinde war, nicht einfach einen Prediger vorsetzen kann, den sie gar nicht kennt. Aber nun war nach dem Herkommen noch eine Forderung da, die ich für unmöglich hielt. Der neue Pfarrer sollte vor der versammelten Gemeinde eine kleine Unterrichtsstunde geben, damit die Gemeinde sieht, wem sie ihre Kinder zum Konfirmandenunterricht anvertraut. Dagegen wehrte ich mich. Da aber meine Freunde baten, an Einzelheiten die Sache nicht scheitern zu lassen, beschloss ich, zwar der Sitte mich nicht zu entziehen, aber das Unmögliche der Situation kräftig zum Ausdruck zu bringen und mir eine mögliche Situation selbst zu verschaffen. So sagte ich dann, als die Kinder um mich versammelt waren: »So, ihr Kinder, nun wollen wir miteinander reden; ihr seid jetzt ganz für mich da und ich für euch; was sonst noch da ist, das geht uns jetzt gar nichts an; das sind für uns alles nur Krautsköpfe. Man ist, wie Ihr ja wisst, in seiner Jugend manchmal etwas frech.«
So machte es mir ein besonderes Vergnügen, die hohen Herren, die da saßen und mich öffentlich examinieren wollten, Gemeindekirchenräte, vor allem aber Superintendenten, Konsistorialräte, Generalsuperintendenten, vor den übrigen Zuhörern mit einem solchen situationsgemäßen Titel zu begrüßen. Es gelang auch. Die Kinder stellten sich auf mich ein und waren für unbefangene Antworten viel aufgeschlossener. Wir bildeten einen Kreis und kümmerten uns um niemand mehr. Aber ich hatte nicht im Entferntesten geahnt, dass Dr. Steiner unter den Zuhörern saß. ⁸
Als ich ihn am nächsten Tag besuchte, wurde ich von ihm und Frau Doktor mit den Worten empfangen: »Wir sind gestern in Ihrer Kirche gewesen!« Die Geschichte mit den Krautsköpfen fiel mir sofort siedheiß ein. Ich hatte nun die

Strafe für meine Frechheit. Aber ich hütete mich, an die Sache zu rühren. Frau Doktor sprach sich besonders erfreut über die Unterrichtsstunde aus. Und
Dr. Steiner erzählte, ebenfalls mit Freude, das Erlebnis mit dem Ätherbild, das ich im Lebensbegegnungsbuch erwähnte. [LRS, S. 88 f.]


Predigthilfe


Er gab mir dann, als wir allein waren, im Zusammenhang mit dieser Predigt einen Rat. Ich möge in der Nacht nach einer Predigt immer zu spüren suchen, was mir von den Zuhörern in ihrem eigenen Nachterleben als Echo zurückkommt. Mit diesem einfachen Rat ist eine Schule zukünftiger Predigt aufgetan.
Auch später hat Dr. Steiner, wenn er auch nicht mehr in die Kirche kam, wie er in Aussicht gestellt hatte, an meiner Predigtarbeit Anteil genommen. Nicht nur wollte er meine Doktorarbeit haben über »Nietzsche und das Erkenntnisproblem«, las sie auch und lobte sie, sondern auch von der Predigtarbeit ließ er sich gelegentlich erzählen. Als ich ihm einmal berichtete, ich hätte über die Versuchungsgeschichte geredet und dabei den drei Christus- Siegen drei Menschheitsgestalten gegenübergestellt, die den Versuchungen typisch erlegen sind, nämlich Don Juan, Prometheus, Faust, sagte er: »Das ist ein schönes Meditationsergebnis.« Das Wort ist mir deshalb besonders wichtig gewesen, weil ich gar nicht durch Meditation auf diese Gedanken gekommen war, und weil mir Dr. Steiner zu sagen schien: Wenn du auch nicht durch Meditation dergleichen gefunden hast, so kommt doch die Wirkung des Meditierens bei solchen Gelegenheiten heraus, ganz wo anders als man erwartet.


Schüler und Lehrer


Bald nach meiner ersten Begegnung mit Dr. Steiner hatte ich den Eindruck, dass er auch nachts an seinen Schülern arbeitet. Ich war ja gleich in der ersten Stunde der Begegnung unter die nächsten esoterischen Schüler Dr. Steiners aufgenommen worden und habe erst allmählich verstanden, was das bedeutete. Gerade an den nächtlichen Eindrücken ging es mir auf. Eines dieser Erlebnisse habe ich, soweit es dort möglich war, im Lebensbegegnungsbuch [LRS,
S. 61 ff.] erzählt. Ein anderes mag hier mitgeteilt werden. Ich sah Dr. Steiner, wie er mit ungeheurer Lebendigkeit und Beweglichkeit, fast tanzend vor mir her schritt. Als ich es ihm später erzählte, erkundigte er sich genau nach der Zeit und sagte dann: »Damals habe ich Ihnen eine größere Beweglichkeit des Ätherleibes beibringen wollen. Aber das ist ja jetzt nicht mehr nötig.«


[Einen merkwürdigen Eindruck hatte ich einmal im Traum von Dr. Steiner. Er ging vor mir her und machte sehr lebhafte, fast tanzende Bewegungen. Ich fragte ihn darüber. Er erkundigte sich genau, wann das gewesen wäre. Es lag schon längere Zeit zurück. Dann sagte er: »Ja, damals habe ich ihnen eine größere Beweglichkeit des Ätherleibes beibringen wollen. Aber das ist jetzt nicht mehr nötig.«
Von der nächtlichen Arbeit Dr. Steiners an seinen Schülern hatte ich mehrmals ähnliche Eindrücke. Schon als ich im Jahre 1915 in Dornach zu Gast war, hatte ich den Eindruck, als ob Dr. Steiner sage: dein Schicksal ist fortan mit Dornach verbunden.
Außenstehende werden bedenkliche Methoden der Suggestion darin vermuten. Mich selbst machte es damals wach, alle Einflüsse möglichst genau zu prüfen und möglichst nicht unbeachtet durchzulassen.]


Esoterische Fortschritte


In diese Reihe von nächtlichen Erlebnissen gehört es auch, dass ich in den Tagen, als ich zum ersten Mal in Dornach war, 1915, Dr. Steiner sagen hörte:
»Ihr Schicksal ist fortan mit Dornach verbunden.« Hier habe ich Dr. Steiner nicht gefragt. Deshalb blieb es offen, wie dies Erlebnis zustande kam. Meine Aufgabe als naher Schüler Dr. Steiners sehe ich gerade darin, vor aller Voreiligkeit und Unvorsichtigkeit auf dem okkulten Gebiet ganz dringend zu warnen. Vom Okkulten her werden immer wieder der Priesterschaft größte Gefahren drohen. Man hat mir diese Vorsicht als »Unsicherheit« ausgelegt und mag es weiter tun. Aber die Frage ist, ob nicht gerade diese Vorsicht eine der geistigen Bedingungen war, unter denen ich allein in diese geschichtliche Stellung als Schüler Dr. Steiners kommen konnte – und ob nicht in dieser Vorsicht eine meiner geschichtlichen Aufgaben gegenüber dem Priesterkreis liegt.


Etwas ganz unglaublich Schönes war es, in dieser nahen Beziehung als Schüler zu Dr. Steiner zu stehen. Wenn er einen dann nach langer Abwesenheit begrüßte und mit sichtlicher Befriedigung sagte: »Sie haben gute Fortschritte gemacht in der Zwischenzeit« – so empfand man eine hohe Beglückung. Mir selbst war es freilich nicht so vorgekommen, als ob ich Fortschritte gemacht hätte. Aber als ich einmal Dr. Steiner klagte, dass ich so gar nicht den Eindruck hätte, vorwärts zu kommen, sagte er sehr bestimmt: »Es geht [bei Ihnen] wirklich so schnell wie es nur überhaupt gehen kann; schneller dürfte es gar nicht gehen, wenn es nicht zu Katastrophen kommen sollte.« Kaum je habe ich ihn ernster gesehen, als wie ich einmal mutlos wurde im eigenen Streben. Man müsse unter allen Umständen, sagte er etwa, die Zuversicht zum eignen Vorwärtsschreiten behalten. Zum Trost und zur Ermutigung für Andere sei dies hier erzählt. Immer wieder bestätigte er einen. »Es ist alles in einem guten Fortgang, wenn Sie auch nichts davon merken; kleinere Störungen können wohl noch dazwischen einmal kommen, aber sie werden sich von innen heraus regulieren.«
Und dabei merkte ich selbst wirklich nichts von guten Fortschritten trotz

angestrengter Übungen.


[Soll ich das Folgende erzählen? Vielleicht ist es manchem später einmal ein Trost. Ich klagte Dr. Steiner, dass ich so gar nichts von Fortschritten merke. Er sagte: »Es geht bei Ihnen so schnell wie es nur überhaupt gehen kann. Schneller dürfte es gar nicht gehen, wenn es nicht zu Katastrophen kommen soll.« Sehr beglückend war es, wenn er nach längerem Fortsein bei der ersten Begegnung einen freundlich ansah: »Sie haben schöne Fortschritte gemacht, wenn Sie auch noch nicht viel davon merken. Es werden wohl immer noch einmal kleinere Störungen kommen, aber Sie sind in einer so guten Entwicklung, dass sich dies alles von innen heraus regeln wird.«]


Wenn ich allerdings etwa in den Ferien einmal nachlässiger gewesen war im Meditieren, dann ging ich wie ein schuldbewusster Hund Dr. Steiner aus dem Weg, bis ich wieder mich eine Woche lang aufgebügelt [aufgebessert] hatte. Vielleicht war es das schlechte Gewissen, dass ich meinte, Dr. Steiner sehe mir das an.


Rittelmeyers Sturz


Eine merkwürdige Äußerung tat Dr. Steiner, als ich ihm von meinem Sturz erzählte. »Das ist Zukunftskarma«, sagte er; »das kommt von Ihrer Sehnsucht nach der spirituellen Welt.« Und ein ander Mal: »Es war etwas fällig in Ihrem Leben; wenn der Sturz nicht gekommen wäre, so hätte jetzt eine schwere Krankheit kommen müssen.«
Als er dann später die Wirkungen des Sturzes sah, sagte er doch noch etwas anderes. »Da scheint sich etwas aus Ihren früheren Inkarnationen aufzulehnen gegen Ihre jetzige Entwicklung; ich habe es noch nicht untersucht, was es ist.« Leider blieb es dabei.


[Als er einmal von meinem Sturz sprach, sagte er: »Das ist Zukunftskarma. Hätten Sie den Sturz nicht erlebt, so hätte jetzt eine schwere Krankheit kommen müssen.«
Später, im Jahre 1921 als er die Wirkung des Sturzes genauer miterlebte, sagte er: »Das scheint etwas zu sein, was sich aus ihren früheren Inkarnationen gegen ihre jetzige Entwicklung auflehnt; ich habe noch nicht genauer untersucht.« Dabei ist es dann geblieben.]


Überhaupt war der Unterschied sehr erkennbar, ob er etwas okkult untersucht hatte oder nicht. Zum Beispiel erfuhr er von meinem Sturz zuerst auf folgende Weise. Er fragte meine Frau nach meinem Befinden. Da erzählte sie ihm das Geschehene. »Ach, ist es das?«, sagte Dr. Steiner. »Ich habe so Angst um ihn gehabt.«
Wie er mich dann ein Jahr später zum ersten Mal wieder sah, sagte er: »Sie haben sich in diesen Ferien nicht so gut erholt wie sonst.«

Es war aber die Gehirnhauterkrankung im Anzug, die er wohl sah, aber noch nicht in ihren Zusammenhängen. Er lenkte dann seine Aufmerksamkeit auf den Fuß. »Da kann ich natürlich nichts machen. Vielleicht finden Sie einen Knochenflicker, der Ihnen den Knochen noch einmal bricht, damit er richtig eingerichtet werden kann. Aber das ist Karma.«


[Mehrere Beispiele habe ich erlebt, wie Dr. Steiner wohl etwas sah, aber bevor er es okkulte genauer untersucht, doch mehr von außen sah. Er erkundigte sich zum Beispiel bei meiner Frau nach meinem Befinden. Da erzählte ihm meine Frau von meinem Absturz. »Ach, ist es das? Ich habe so Angst um ihn gehabt.«
Ebenso sagte er, als er mich ein Jahr nach meinem Absturz wieder sah: »Sie haben sich in diesen Ferien nicht so gut erholt wie sonst.« Es war aber die Kopfwirkung auf den Sturz im Anzug. Als er den Fuß sah, sagte er: »Da kann ich natürlich nichts machen. Vielleicht finden Sie einen Knochenschieber, der den Fuß nochmal bricht, damit er richtig eingerichtet wird.« Er schien nur die Möglichkeit zu erwägen, keine Hoffnung darauf zu setzen.


Ein Irrtum


[Eindrucksvoll ist mir auch folgendes Erlebnis. Dr. Steiner hatte einen öffentlichen Vortrag in Nürnberg gehalten, etwa im Jahr 1917. Auf Geyers Empfehlung und meinen Aufsatz hin kamen sehr viele Menschen aus den uns nahestehenden Kreisen. Nun sagte Dr. Steiner im Vortrag einige wenige Worte über Johannes Müller. Meiner Erinnerung nach hieß es etwa: »Wer das nicht einsehen will, der soll zum Teufel gehen – oder meinetwegen zu Johannes Müller.«
Da nun die Menschen vielfach Johannes Müller hoch achteten – auch Dr. Stählin war damals in diesem Vortrag – so gab es eine ziemliche Aufregung in Nürnberg, die sich gegen Dr. Steiner ungünstig auswirkte. D. Geyer schrieb mir darüber einen …]


Hier handelt es sich offenbar um eine Verwechslung oder um einen Irrtum. Der genannte Vortrag Rudolf Steiners fand am 11. 2. 1918 statt. Er ist zwar noch nicht in der Gesamtausgabe erschienen, aber in der erhaltenen Ausschrift des Stenogramms findet sich nichts, was dem oben zitierten Satz entspricht.
Vielmehr heißt es dort auf Seite 37: »Geht zur Wissenschaft, geht zur Religion, geht zum Leben, geht sogar zu – Johannes Müller – Ihr werdet dadurch Geisteswissenschaft wahrlich nicht widerlegt finden, sondern durch Wissenschaft, durch Religion, durch das Leben und sogar durch Johannes Müller bestätigt finden.« Rittelmeyer hat diesen Passus aus seinem Stenogramm mit gutem Grund nicht in die Vervielfältigung aufgenommen.


Der medizinisch Ratende


Von seiner Bereitschaft zu helfen und von seiner Art zu helfen, auch in körperlichen Dingen, will ich wenigstens ein Beispiel von mehreren selbst erlebten Fällen erzählen. Während der Stuttgarter Tagung 1924 wurde ich krank. Meine Frau, die das lange Kranksein im Jahr 1920 in der Erinnerung hatte, wo ich mich auch lange geweigert hatte, Dr. Steiner damit zu behelligen, telefonierte sofort nach Dornach.


[Als ich im Jahre 1924 während der Stuttgarter Tagung krank wurde, wollte ich selbst Dr. Steiner nicht damit belästigen. Aber meine Frau, die das längere Kranksein in der Erinnerung hatte, wo ich mich auch meinerseits nicht an
Dr. Steiner wenden wollte, telefonierte ihm nach Dornach.]


Dr. Steiner hörte sich die Sache teilnahmsvoll und freundlich an und sagte dann:
»Telefonieren Sie mich in einer halben Stunde noch einmal an und bringen Sie dann einen anthroposophischen Arzt mit ans Telefon.« In dieser halben Stunde wollte er offenbar den Fall untersuchen. Und durch den Arzt wollte er sich gegenüber der Öffentlichkeit decken. Wir holten Dr. Noll ¹ [Engel]. Zur ziemlichen Verwunderung von Dr.    Noll [Engel] stieß er dessen Anordnungen, zum Beispiel in Bezug auf die Nahrungsaufnahme, um – und behielt Recht. Wie wenig er sich durch einen Hilferuf missbraucht fühlte, drückte sich dann dadurch aus, dass er mir einige Wochen später Vorhalt machte, warum ich nicht wegen des Erholungsaufenthaltes gefragt hätte; ich hätte ihm nach England telefonieren sollen!


[Seine Bereitwilligkeit zu helfen zeigte sich auch darin, dass er später zu mir sagte, als ich den Erholungsaufenthalt nicht richtig gewollt hatte: »Sie hätten mir nach Dornach telefonieren sollen.«]


Sein letztes Wort in dieser Sache war: »Ich danke Ihnen, dass Sie mir Gelegenheit gegeben haben zu helfen.«


Deutung innerer Erlebnisse


Noch einige Beispiele seien erzählt, in denen sich ausspricht, wie Dr. Steiner Traumerlebnisse oder Meditationserlebnisse aufhellte. Darin sind wertvolle Winke gegeben.
Wohl ganz im Anfang des Krieges hatte ich in der Nacht zweimal das Erlebnis, dass Dr. Steiner zu mir sagte: »Merken Sie auf! Der Krieg wird bitter ernst, aber nicht unglücklich und nimmt eine überraschende Wendung.« Darüber konnte ich einige Monate später Dr. Steiner fragen. »Sie haben in eine okkulte Strömung hineingehorcht«, sagte er, »nicht gerade, dass ich es Ihnen gesagt habe. Die überraschende Wendung ist wohl jetzt schon vorbei. Sie bezieht sich wohl auf den Wechsel in der Person des Generalstabschefs.«


Als Täuschungsmöglichkeit ergibt sich, einmal dass man leicht einschiebt, eine Persönlichkeit, die unseren Gedanken nahe liegt, habe uns etwas sagen wollen, während diese Form nur eine Einkleidung darstellt, die man unbewusst selbst vorgenommen hat. Man entwichtigt sich selbst, wenn man das weiß.
Die andere Täuschungsmöglichkeit ist die, dass man ein Erlebnis auf einen weiteren oder doch anderen Kreis bezieht, als der ist, für den es gilt.
Man hat für viele halbwahre oder viertelswahre Erlebnisse den Schlüssel, wenn man solche Verschiebungen in Betracht zieht.


Über mehrere Berührungen mit Verstorbenen konnte ich auch noch Dr. Steiner fragen. Das eine Erlebnis bezeichnete er ohne Einschränkung als »eminent real«. Ich habe es deshalb auch in der »Christengemeinschaft« einmal in diesem Sinne erzählt.
Abends hatte ich die Fühlung mit meiner verstorbenen Mutter gesucht, aber

nicht konkret gefunden, nur in einem allgemeinen Empfinden ihrer Nähe. In der Nacht träumte ich, ich ging wieder auf mein Elternhaus zu wie früher. Meine Mutter saß am Fenster und nähte. Sie sah mich kommen, strahlte auf, erhob sich und ging zur Haustüre, um mir aufzumachen. Aber sie brachte die Türe nicht auf. Sie nicht von innen und ich nicht von außen. Doch durch die verschlossene mächtige Türe hindurch kam ein warmer Strahl von Liebe zu mir. Darin wachte ich fast erschrocken auf.
Das andere Erlebnis verlief so. Während der Meditation hatte ich plötzlich den Eindruck, dass eben etwas innerlich geschehen sei. Ich richtete meinen geistigen Blick darauf und suchte es ins Bewusstsein zu heben, ähnlich wie Dr. Steiner gelehrt. Da kam ich darauf, dass ich eben meinen Vornamen gehört hatte, gerufen von der Stimme meiner verstorbenen Mutter. Dr. Steiner sagte: »Sie müssen sich das so erklären, dass Ihre Mutter an einem Punkt ihrer Lebensrückschau stehen geblieben ist, nach Ihnen gerufen hat und gewartet, bis Sie es hören.« Auf meine Bemerkung, sie müsse aber doch etwas Bestimmtes gewollt haben, sagte Dr. Steiner: »Die Verstorbenen wissen jetzt mehr über das wahre Leben; dazu wollen sie ihre Hinterbliebenen bringen.«


Bei dieser Gelegenheit sei Folgendes mitgeteilt. Auf eine Frage, ob man denn bei den Verstorbenen von einem Willen reden könne, entgegnete Dr. Steiner in einem andern Gespräch, das sei nicht ganz richtig, »weil die Ausdrucksformen aus unserer sinnlichen Welt nicht passen für die übersinnlichen Welten. Man müsse genauer sagen: Sie hätten eine Fähigkeit, die dem entspreche, was in der sinnlichen Welt als Wille erlebt wird.«


Noch eine Einzelheit, die für unsere Zeit besonders bedeutungsvoll ist. In der Meditation ergab sich mir das Bild einer nach aufwärts züngelnden Schlange. Dr. Steiner erläuterte das Bild dahin, dass ›das Ich‹ [ich] noch zu sehr im Rückenmark sitze. Von da aus fällt nicht nur auf viele Schlangenerlebnisse der alten Zeit, wie auch zum Beispiel auf die Erhöhung der Schlange in der Wüste durch Moses, ein neues Licht, sondern auch auf den Kampf: Michaels mit dem Drachen [in der Gegenwart]. Er ist eine Realität ganz konkret bis in die menschliche Leibesgestalt [Lebensgestalt] hinein. Die Äußerung Dr. Steiners half mir, die weiteren Erlebnisse dieses Michaelskampfes besser zu verstehen.

Doch davon will ich jetzt nicht reden, da ich mit Dr. Steiner nicht mehr darüber sprechen konnte.


Lockere Gespräche


[Aber] Das Zusammensein mit Dr. Steiner bestand nicht nur in solchen Gesprächen. Von der menschlichen Wärme und Nähe, in der man damals in Berlin mit ihm verkehren konnte, macht sich wohl niemand eine Vorstellung, der ihn nur in der unaufhörlichen Hochspannung sah, in der er nach 1918 lebte. Nur im Jahr 1921 habe ich noch einmal ähnliche Stunden mit ihm erlebt. Damals in Berlin war ich einmal über fünf Stunden zusammenhängend bei ihm. Auf vier Uhr war ich bestellt, um fünf Uhr wurden wir zum Tee gerufen, dann lud
Dr. Steiner wieder freundlich ein, noch zu bleiben. Um acht Uhr wurde zu Abend gegessen. Einen Artikel, den ich geschrieben, las ich ihm vor.
Dazwischen erzählte er aus seinem Leben, ähnlich – nur viel intimer – als es in der »Skizze eines Lebensabrisses« ¹¹ zu lesen ist.


[Dass Dr. Steiner seine Vorträge, ja auch seine intimen Vorträge oft ausgesprochen für einzelne Menschen hielt, kann ich auch aus Erfahrungen, die ich im Einzelnen nicht erzählen will, bestätigen.]


Das Bild Dr. Steiners würde unvollständig sein, wenn ich nicht ein paar kleine Züge auch von den Tischgesprächen erzählte. Da wurde zum Beispiel eine große Ananas auf den Tisch gebracht, die von irgendeinem Anthroposophen geschickt worden war. Beim Durchschneiden erwies sie sich als noch nicht ganz reif.
Dr. Steiner sah es und wusste sofort einen Rat. »Legen Sie sie wieder zusammen, binden Sie sie fest zu und legen sie in die Sonne.« – »Das soll helfen?« – »Ja, tun Sie es nur, Sie werden schon sehen.«
Das Gespräch kam auf die Berliner und ihre Grobschnauzigkeit.

»Oh«, sagte Dr. Steiner, »man muss nur in seiner Seele die Möglichkeit haben, noch gröber zu sein als sie, dann wird man schon mit ihnen fertig.« Für viele ähnliche Gebiete gilt diese Lebensweisheit.

Als ich eine schwerverdauliche Speise vorübergehen ließ, nahm er es wahr und sagte vor der kleinen Tischgesellschaft: »Ja ich habe schon bemerkt, dass Ihr Magen nicht recht anpackt.«
Gern hatte er es, wenn zwischen die andern Gespräche hinein manchmal einfach Witze erzählt wurden. Überbieten ließ er sich da nicht. Er hatte immer wieder einen neuen Scherz und lachte mit großem Vergnügen. Ich habe es gelegentlich mit Freude genossen, wie im Gesicht Dr. Steiners, wenn die Pointe eines Witzes kam, ein Aufleuchten stattfand wie ein Sonnenaufgang.
Da konnte er auch auf einmal sich erheben, mit Lebhaftigkeit in sein Studierzimmer eilen und dort einen Zeitungsausschnitt holen, den er sich aufgehoben hatte. In aller Ausführlichkeit war da aus einer alten Chronik die Speisefolge einer mittelalterlichen Mönchsmahlzeit mitgeteilt. In allen Einzelheiten las Dr. Steiner das Menu vor und hatte großen Spaß daran.


Unausgesprochenes


Aus dieser Stimmung menschlicher Nähe und Wärme ist manche Frage zu verstehen, die ich an ihn richten konnte. Aber ich muss mit allem Nachdruck betonen, dass ich nie eine Zurückweisung, weder eine direkte noch eine indirekte, weder eine deutliche noch eine leise von Dr. Steiner erlebt habe, wenn ich Fragen stellte. Kein Schatten von Unmut war je zu sehen. »Fragen Sie, was Sie wollen!«


[Manche andere Begebenheit, wo ich ihn fragte und er auf das Bereitwilligste antwortete, auch in Bezug auf unsere Dinge, bewahre ich noch in mir. Es ist mir nicht möglich, sie zu erzählen, solange nicht mehr Unbefangenheit in der Aufnahme da ist. Der Vorwurf, der sich gegen mich richtet, dass ich ihn fragte, betrifft ja ebenso Dr. Steiner, der antwortete. Und ich kann nur sagen, ich habe bei solchen Fragen nie einen Schatten von Unmut über sein Gesicht gehen sehen, geschweige denn eine Ablehnung erfahren. Er war immer überaus bereitwillig zu antworten und lebhaft ›passiert‹ [interessiert], ob seine Antwort sich bewährt. Dass es so war, gehört immerhin in das Bild Dr. Steiners.]


Judas


Abgesehen von den Fällen, wo er wollte, dass man selber etwas herausbringt, gab er nur ein einziges Mal die Antwort nicht sofort. Er hatte in einem Vortrag angedeutet, dass Judas sich in einem bekannten Kirchenvater wiederverkörpert habe. Nach dem Vortrag fragte ich ihn, unter vier Augen, aber noch im Zweiglokal, ob er mir sagen könne, wer das war. Er entgegnete: »Das werde ich Ihnen sagen, aber nicht hier.« Zu Hause bestätigte er dann meine Vermutung, dass es Augustin gewesen ist.


[Das sind die beiden einzigen Augenblicke gewesen, die mir innerlich sind, wo er eine Antwort zwar nicht verweigert, aber verschoben hat. Und ich erwähne sie nur der Genauigkeit wegen. Man fügt Dr. Steiner Unrecht zu, nicht mir, wenn man meint, er hätte sich solcher Fragen, die er für unberechtigt hielt, nicht erwehrt oder nicht erwehren können. Er ging in der Beantwortung solcher Fragen sogar noch weiter, als ich selbst hier erzählen kann. Denn die Stimmung, in der solche Gespräche geführt wurden, lässt sich doch nicht wiedergeben oder wird bei der heutigen Stimmung missdeutet.]


Leichte Ablehnung und Bereitwilligkeit


Man kennt Dr. Steiner schlecht, wenn man meint, er habe sich nicht verständlich machen können, wenn ihm etwas nicht passte. Dafür hat mir Michael Bauer ein amüsantes Beispiel erzählt. Als Zweigleiter des Nürnberger Zweiges hatte Michael Bauer Dr. Steiner versprochen, ihn zu einer bestimmten Stunde zum Vortrag abzuholen. Nachträglich reizte ihn der Gedanke: Es wäre doch schön, wenn du etwas eher hingingest, du könntest dann länger mit Dr. Steiner zusammen sein. So geschah es. Als nun Michael Bauer im Hotelzimmer anklopfte, erfolgte zuerst keine Antwort. Das zweite Klopfen war schon viel zaghafter. Da ertönte von innen ein lang gedehntes: »Jaaa …« Das hat genügt.
So etwas tat man nicht wieder.


[Wie deutlich Dr. Steiner der bemerklich machen konnte, auch ohne kritische Worte, wenn ihm etwas nicht passte, dafür kann ich eine Geschichte wiedergeben, die mir einmal mit Humor Michael Bauer erzählte. Er hatte
Dr. Steiner versprochen, als Zweigleiter in Nürnberg, dass er ihn zu einer bestimmten Stunde zum Vortrag abholen werde.
Nachträglich kam ihm der Gedanke, ob er nicht sein Zusammensein mit
Dr. Steiner etwas verlängern könne, wenn er eine Viertelstunde eher käme. So tat er auch. Als er am Hotelzimmer anklopfte, erfolgte zuerst keine Antwort. Auf sein zweites zaghaftes Klopfen hörte er ein gedehntes: Jaaa. Da wusste er, wie er mit lächelnder Selbstkritik erzählte, dass man so etwas nicht machen darf.]


Wie bereit er war, über alles zu sprechen, das kann man heute im Einzelnen gar nicht mehr schildern, weil man die ganze Situation nicht mit aufführen kann.


[Wie bereit er war, über alles zu sprechen, das kann man heute gar nicht mehr im

Einzelnen erzählen, kaum schildern. So sagte er mir zum Beispiel einmal, ohne dass ich es wusste, dass meine Frau einen kleinen Unmut gegen mich habe. Als drei Tage darauf meine Frau ins Zweiglokal kam, sagte ich zu Dr. Steiner: Da ist meine Frau, sie können sie einmal fragen. Mit sichtlichem Vergnügen ging er sofort rasch auf sie zu und fragte sie freundlich aus. Seine Vermutung stimmte.
Ein andermal gab er mir die Erlaubnis, D. Geyer zu fragen, ob das, was er,
Dr. Steiner, mir von Geyers nächster Predigt gesagt habe, auch wirklich stimmte. Es stimmte. Die Einzelheiten will ich nicht erzählen. Aber warum soll ich solche Züge verschweigen? Die Neigung, misszuverstehen, ist zu groß. Und der Schatten würde nicht nur auf mich fallen, sondern auch auf Dr. Steiner.]


So will ich manches für mich behalten, wo Dr. Steiner in größter Bereitwilligkeit auf Fragen einging und sich für die Richtigkeit seiner Antworten interessierte.
Sie stimmten immer. Nur dass es so war, will ich berichten.


Das waren Episoden.


[Selbstverständlich waren das nur Episoden. In der Hauptsache verlief das Zusammensein sehr ernst und so gehaltvoll, dass man immer lange daran zu zehren hatte.]


In der Hauptsache bewegte sich das Gespräch um die wichtigsten Angelegenheiten. Und die Antworten waren sehr oft so, dass man gehörig zu tun hatte, sie zu verstehen. Wenn ein recht triviales Bild gestattet ist, ich hatte oft die Empfindung von einem Herrn, der seinem Hund die Wurst so hoch hält, dass er gerade noch danach springen kann.
Auch Aufträge gab es immer wieder, die zu erfüllen waren. Mehrmals gab er mir große Manuskripte von Anthroposophen, die zu prüfen waren. »Es ist mir alles recht, was Sie damit machen.« – »Ich habe nichts dagegen, wenn Sie die Schrift ablehnen.« Das war deutlich.


Telegramme


Im Jahr 1919 erhielt ich dreimal ein Telegramm von Dr. Steiner persönlich. Alle drei Anlässe sind wichtig genug, um erzählt zu werden. Das erste enthielt die Bitte, ich möchte die von ihm angekündigten öffentlichen Vorträge in Berlin übernehmen. Es waren nicht weniger als zehn Vorträge. Der Saal war gemietet und Dr. Steiner durch die beginnende Dreigliederung plötzlich verhindert. Man hatte ihm einen andern bekannten Anthroposophen vorgeschlagen. Er hatte das abgelehnt und an mich telegraphiert. Das war verpflichtend. Aber die Übernahme aller dieser Vorträge, jede Woche einen Vortrag, ging über meine Kräfte. So sagte ich für drei Vorträge zu. Anstelle der andern Vorträge wurden meines Erinnerns einige Male künstlerische Darbietungen gebracht. Und die übrigen Vortragsabende wurden abgesagt und der Saal bezahlt.
Als Dr. Steiner dann im September nach Berlin kam, begrüßte er mich mit den Worten: »Wenn Sie nicht da wären, wäre es nicht möglich gewesen, so lang von Berlin weg zu bleiben.« Oh, Herr Doktor, erwiderte ich, ich habe ja so wenig tun können. »Das macht nichts. Es genügt, wenn Sie da sind.«


Das zweite Telegramm hatte folgende Vorgeschichte. Ich wollte damals eine Predigt über das Wandeln auf dem Meer halten. Nach den Evangelienerklärungen von Dr. Steiner hatte ich mir die Erzählung des Johannes-Evangeliums so zurechtgelegt, dass hier ein hellseherisches Erlebnis der Jünger vorliege, aber eine direkte Äußerung von Dr. Steiner war mir nicht bekannt. Zweifelhaft war mir immerhin, ob nicht doch ein wirkliches Wandeln auf dem Meer geschehen sein könnte. Da ich mich nicht in Widerspruch mit Dr. Steiner setzen wollte, schrieb ich ein paar Zeilen darüber, wie ich es mir
vorstelle; wenn es anders wäre, habe er vielleicht die Möglichkeit, irgendjemand zu beauftragen, dass er mir Mitteilung macht. Zehn Tage lang kam keine Antwort. Da, am Samstagabend vor der Predigt, wurde mir ein Telegramm gebracht folgenden Inhalts: »Eben erst in Stuttgart eingetroffen. Die Sache ist Schauerlebnis der Andern. Herzlichst Ihr Rudolf Steiner.«

Beachtenswert an diesem Telegramm schien mir die Art, wie hier durch die Postbeamten hindurch eine für Außenstehende unverständliche aber nicht anstößige, für mich verständliche Mitteilung lanciert wurde. »Die Andern« statt
»die Jünger«. »Schauerlebnis« statt »hellseherische Wahrnehmung«.


Das dritte Telegramm lud mich ein, bei der Eröffnung des Goetheanums einen Vortrag zu halten. Ich habe dies damals so verstanden, dass Dr. Steiner zwar wohl wusste, dass ich aus beruflichen Gründen nicht kommen könne, dass er aber Wert darauf legte, dass ich bei den Einladungen nicht übergangen werde. Das Telegramm trug seine eigne Unterschrift.


Dreigliederung


In der Dreigliederungszeit bekam ich plötzlich ein Telegramm aus Kopenhagen, ich möchte für einen mir unbekannten Amerikaner ein Exemplar der Kernpunkte
¹Z in ein Hotel tragen. Das geschah. Wenige Tage darauf kam der Amerikaner selbst zu mir, ein Mann von etwa 35 Jahren, Nationalökonom. Er erzählte, in Kopenhagen habe er in einer deutschen Zeitschrift, in der Hilfe , eine völlig ablehnende Kritik des Dreigliederungsbuches von Dr.    Steiner gefunden. Als er sie las, habe er den Eindruck gehabt, hier in diesem abgelehnten Buch ist ja wirklich die Hilfe für unsere Zeit enthalten, und der Kritiker versteht es nur nicht. Darüber war er mit einem Deutschen in seinem Hotel ins Gespräch gekommen, und der sagte ihm: Ich kenne einen Menschen in Berlin, der Dr.
Steiner nahesteht, ich werde ihm telegraphieren, und Sie werden das Buch in Ihrem Hotel in Berlin bereits vorfinden. So kam es zu dem mir zunächst unverständlichen Telegramm. Der Amerikaner erzählte weiter, er habe das Buch gleich dreimal nacheinander durchgelesen und gefunden, da sei wirklich die Lösung der sozialen Zeitfrage.
Da er über das Buch einige sehr verständliche Fragen stellte, schaute ich auf die Uhr und sagte ihm: »Soviel ich weiß, reist Dr. Steiner in zwei Stunden ab; aber ich will ihn antelephonieren und ihn fragen, ob er Sie nicht noch empfangen kann.« Dr. Steiners Antwort war, wir möchten sofort mit dem Auto kommen.
Das war der Amerikaner Nasmyth, von dem Dr. Steiner hernach in einem Vortrag sagte, er habe ihm so kluge Fragen gestellt, wie er sie selten gehört habe. Seine Fragen waren zum Beispiel, ob man nicht in Amerika mit einer Zweigliederung beginnen müsse: Politik und Wirtschaft, ob nicht nach der Dreigliederung wieder andere Lösungen kommen müssten, für wie viele Jahrhunderte die Dreigliederung Geltung haben werde. Irre ich nicht, so hat
Dr. Steiner gesagt: »Höchstens für zwei Jahrhunderte.«

Bedeutsam war, dass Dr. Steiner sagte, er würde die Dreigliederung für Amerika nicht darstellen, ehe er nicht wenigstens drei Jahre drüben gelebt habe. Nasmyth ging nach fast einstündigem Gespräch weg und sagte: Jetzt habe ich meine Lebensarbeit gefunden. Leider ist er wenige Wochen darauf ganz plötzlich in der Schweiz gestorben.


Auch jenen schwedischen Nationalökonomen hat Dr. Steiner einmal in einem Vortrag lobend erwähnt – er war ein Schüler des bekannten Stockholmer Nationalökonomen Cassel ¹3 – der zu mir gesagt hatte, er habe die Kernpunkte Seite für Seite durchstudiert, um einen Punkt zu finden, wo seine Kritik einsetzen könne, er habe aber nichts gefunden.
Von dem Dreigliederungsleben damals in Berlin, das sehr eifrig, aber nicht sehr großzügig war, weiß man heute wenig mehr. Ich war selbst damals gelegentlich in Fabriken und habe die Arbeiter zu überzeugen gesucht. Dr. Steiner wollte allerdings nicht Berlin zum Zentrum der Bewegung machen, da er nicht wie in Stuttgart jeden einzelnen Arbeiter überschauen könne, ob er nicht seine Finger in russischem Geld habe.


Als mir – schon Anfang 1917! – Dr. Steiner eines der ersten Schreibmaschinenexemplare seines Dreigliederungs-Memorandums in die Hände gab und ich infolgedessen nach Wegen suchte, um für die Sache zu wirken, träumte ich Wochen hindurch überraschend viel vom deutschen Kaiser. Da fragte ich Dr. Steiner einmal, ob das vielleicht auf Möglichkeiten deute, an den Kaiser heranzukommen. Aber davon schien Dr. Steiner sich gar nichts zu versprechen. »Wenn Sie vom Kaiser träumen«, sagte er, »so müssen Sie einmal nachsehen, ob in Ihrem Unterrichtszimmer nicht ein Bild des Kaisers hängt, das Sie nicht beachtet haben. Das wirkt dann in den Schlaf nach.« So war es tatsächlich.


Anthroposophische Gesellschaft


Von der Unzufriedenheit Dr. Steiners mit der Anthroposophischen Gesellschaft habe ich schon in Berlin starke Erfahrungen gemacht. »Ich besinne mich oft, ob ich nicht die ganze Anthroposophische Gesellschaft einfach auflösen soll. Aber was hilft das? Morgen ist sie ja wieder da.«
Das war im Jahr 1918, wo alles nach außen hin ganz gut aussah. Bedeutend schärfer hat sich Dr. Steiner in jenen Jahren meinem Freund D. Geyer gegenüber ausgesprochen, der nicht einmal Mitglied der Gesellschaft war. Diese Worte will ich gar nicht wiederholen.


[Außerordentlich schmerzlich waren für Dr. Steiner oft die Erlebnisse in der Anthroposophischen Gesellschaft. Bei einer solchen Gelegenheit sagte er einmal: »Ich besinne mich oft, ob ich nicht die ganze Anthroposophische Gesellschaft auflösen soll. Aber das hilft ja nicht. Morgen ist sie wieder da.« – Dieses Gespräch war spätestens im Jahre 1918, wo dem Anschein nach alles viel besser aussah. Noch viel schärfer hat sich Dr. Steiner einmal meinem Freund Geyer gegenüber ausgesprochen, der nicht einmal Mitglied der Gesellschaft war. Zur Überheblichkeit gegenüber der Anthroposophischen Gesellschaft haben wir freilich, wie unter uns wohl selbstverständlich ist, keinen Anlass.]


Volk Israel in Ägypten


In der Natur dieser Mitteilungen liegt es, dass sie viel Persönliches bringen. Die sachlichen Mitteilungen Dr. Steiners sind, abgesehen vom Lebensbegegnungsbuch, großenteils in den Gesprächen enthalten, die jetzt als vierter Band unserer Priesterzyklen ¹⁴ gesammelt herausgegeben werden sollen, oder aber: Sie stehen in den von Dornach aus veröffentlichten Zyklen und brauchen deshalb nicht wiederholt zu werden.
Einiges will ich doch hier einfügen, das meines Wissens nirgends veröffentlicht ist. Einmal erzählte Dr. Steiner, er sei jetzt darauf gekommen, dass die Israeliten überhaupt nie im eigentlichen Ägypten gewesen seien. [Sie seien nur ganz im Norden auf der östlichen Seite des Nil gewesen.] Die Worte sind mir nicht genau in Erinnerung. Nach meinem Eindruck hat er das Gebiet gemeint, das östlich vom Suez-Kanal liegt. Er wollte noch genau darüber reden. Das ist wohl, soviel ich weiß, nicht mehr geschehen.
Ein ander Mal erzählte er, dass ihm bei seinen Forschungen die Bedeutung entgegengetreten sei, die Papst Nikolaus I. im neunten Jahrhundert gehabt habe. Er wollte darüber auch noch einmal ausführlicher reden. Das ist [wohl nur] in den Briefen an Frau von Moltke geschehen. ¹⁵ (Außerdem liegt auch ein Referat vor von Albert Steffen im Goetheanum über einen Vortrag in Dornach.)


Bengels Prophezeiung


Wieder ein ander Mal sprach er von Bengels ¹ Prophezeiung des Jüngsten Tages. Bengel habe sich nur um sechs Jahre verrechnet. Nicht das Jahr 1836 sondern das Jahr 1842 sei das Entscheidende (sonst sagt Dr.    Steiner meines Wissens allgemeiner: Die Vierzigerjahre). Und Bengel habe ein äußeres Ereignis erwartet, während ein inneres Ereignis gemeint sei. (Hängt das Verrechnen Bengels zusammen mit der falschen Annahme der Gründung Roms im Jahre 753 statt 747?)


Der Sturm am Pfingstfest


Wieder ein ander Mal sprach er vom Sturm im Pfingstfest. Es sei ein Sturm ganz im Astralen gewesen. Soeben, wenn man bei seinem Vortrag nicht auf die Worte, sondern auf das geistige Geschehen geachtet hätte, würde man auch eine solche astrale Bewegung haben wahrnehmen können.


[Vor dem Vortrag, den ich am Pfingstsonntagvormittag auf dem Wiener West- Ost-Kongress auf Aufforderung Dr. Steiners zu halten hatte, fragte ich
Dr. Steiner einmal nach einem seiner Vorträge im so genannten Künstlerzimmer der Philharmonie, wie denn die Pfingsterzählung von dem Sturm zu verstehen sei. Er erwiderte, das sei ein Sturm im Astralen gewesen. Eben bei seinem Vortrag gegen Schluss, wenn man Wahrnehmungsfähigkeit dafür habe, habe man auch eine solche astralische Bewegung wahrnehmen können.]


Influenza


[Einige Wochen vor diesem Vortrag bekam ich Influenza. Dr. Steiner kam selbst mit einem Auto an, um sich die Sache zu besehen. »Ja, das ist eine Influenza. Da hat ihr Organismus nicht aufgepasst.«
Besondere Mittel verordnete er mir nicht. Nur Ruhe. Da Dr. Steiner zu einem ruhigen Gespräch Zeit zu haben schien, sagte ich ihm: Herr Doktor, sehen Sie bitte auch einmal meine Frau an; ich glaube, die hat auch Influenza, gibt sich aber nicht nach. Ohne sich nach ihr umzukehren, sagte Dr. Steiner: »Oh, Ihre Frau hat eine kräftige Natur, die kann das schon machen.«
Acht Tage später, nach einer Reise dazwischen, kam Dr. Steiner wieder mit dem Auto an. Ich fühlte mich noch recht schwach und sagte, ich würde wohl den Vortrag nicht halten können. Aber das nahm er nicht an. »Es wird schon gehen.« Es ging auch gerade, aber ich konnte die Beine noch kaum richtig bewegen.


Nicht übergehen will ich auch folgende kleine Szene. Er fuhr von einer Besichtigung eines Malerateliers mit Frau Dr. und mir dritter Klasse Untergrundbahn nach Hause. Da sagte er plötzlich: »Ich möchte jetzt selbst einmal einen Anflug von Influenza haben, um sie zu studieren.« Am nächsten Tag hatte er sie, und mehr noch als einen Anflug. Frau Dr. erzählte, man habe ihn die ganze Nacht husten hören. Bei einer solchen Gelegenheit – ich weiß nicht genau, ob es gerade diese war – erzählte er dann, er habe nicht richtig arbeiten können, da habe er einmal einige Aufsätze in der Christlichen Welt gelesen. Sein Urteil enthält nichts, was nicht auch sonst bekannt wäre.] (Siehe auch: LRS, S. 117.)


Die Templer, der Tod Schillers und der kommende Krieg


In sehr starker Erinnerung ist mir ein Gespräch über die Templer. Als ob er die Geschehnisse vor sich sähe, erzählte Dr. Steiner, der Großmeister Jakob von Molay und dessen Freund Gottfried seien auch gefoltert worden, aber nicht so arg wie die andern. Ich hatte geäußert: Der Untergang der Templer erscheine mir als der größte Tragödienstoff der Geschichte, weil die beteiligten Persönlichkeiten alle so charakteristisch seien: Molay, Philipp, Nogaret, Imbert. Dr. Steiner erwiderte: »Wer dies Drama schreibe, der dürfe sich vorsehen, dass er nicht vergiftet werde.«
Er kam dann auf den Tod Schillers zu sprechen. Zum ersten Mal erfuhr ich damals – 1921 – aus seinem Mund, dass Schiller einer Vergiftung erlegen ist. Auf meine Erwiderung, er sei doch lungenkrank gewesen, antwortete
Dr. Steiner: »Damit hätte er noch lang leben können. Wenn man das Verhalten Goethes beim Tod Schillers genau studiere, könne man auch die äußeren Hinweise finden.« Ich fragte, von wem denn Schiller vergiftet worden ist. »Von jesuitischen Illuminaten«, war die Antwort. Da sei eine Broschüre von Ahlwardt
¹⁷ erschienen über diese Sache, aber es sei übel, wenn das deutsche Volk solche Wahrheiten aus dem Munde eines Ahlwardt erfährt.
Im Jahr 1919, September, sagte Dr. Steiner manches über die Weltlage. Dabei konnte ich ihn über den West-Ost-Krieg fragen. Er werde ebenso plötzlich da sein wie der letzte Krieg. Wir Deutschen würden keinen Vorteil davon haben. Hungersnöte würden wir bekommen. Enden werde der Krieg mit einer Art Gleichgewichtslage. – Das ist es, was ich selbst von Dr. Steiner gehört habe. Bei den Waldorflehrern und den Dreigliederungsrednern soll er sich ja noch ausführlicher ausgesprochen haben.


Das Amt des Erzoberlenkers in der Christengemeinschaft


Nun seien noch einige Gespräche hinzugefügt, die sich auf unsere Sache beziehen. Von dem Gespräch, in dem Dr. Steiner mir mitteilte, dass ich jetzt die Würde des Erzoberlenkers zu tragen habe, will ich nicht alles Einzelne berichten. Da aber dies Gespräch eben doch Geschichte gebildet hat, will ich nunmehr Einiges schriftlich festhalten.
Als Gründe führt er drei an.

Der erste Grund für die Einführung des Erzoberlenkeramtes war der: Wenn die Bewegung mehr ins Große gehe, vor allem, wenn sie ins außerdeutsche Land komme, müsse sie eine persönliche Spitze haben. Als ich mich wehrte, dass dabei mein Name genannt werde und auf ihn selbst hinwies, von dem doch alles stamme, sagte er: Es ist schon so in Ordnung.
Der zweite Grund, den er anführte, war der, dass schwierige Fälle in der Priesterschaft persönlicher Art nicht von einem Kollegium behandelt werden könnten, sondern nur von einem Einzelnen persönlich. »Sie werden sehr viel Persönliches zu schlichten haben«, sagte er bei einer anderen Gelegenheit einmal.
Der dritte Grund war der, dass die notwendigen [nötigen] Entschlüsse an innerer Kraft gewinnen, wenn sie von einem Einzelnen verantwortlich getragen werden.


[Seine Worte waren hier: »Ein Einzelner ist stärker als ein Kollegium.«]


Dr. Steiner sagte damals: Ich habe es von Anfang an so gewollt, dass Sie an die Spitze treten, aber Sie haben ja nicht gewollt. Die Tatsache war, dass Dr. Steiner bereits im September 1921 [1922?] ¹⁸ – er hat damals nicht den Titel

Erzoberlenker gebraucht, sondern den Titel Bischof – in diesem Sinne zu mir gesprochen hatte. Meine natürliche Empfindung, dass ich mich ungern meinem älteren Freund D. Geyer und meinem jüngeren Freund Bock, der im Namen der Jüngeren die Bewegung mit eingeleitet hatte, vorsetzen lasse, habe ich damals in einer Gegenfrage zum Ausdruck gebracht – mehr als gefragt hatte ich nicht –: Geht es nicht mit einer Dreiheit, die an der Spitze steht? Das geht auch, hatte Dr. Steiner erwidert. ¹ Im Jahre 1924 fuhr Dr.    Steiner fort: »Ich habe Ihnen ein Übergewicht geben wollen [über die anderen] durch die Art, wie ich die Weihe vollzog; wenn das nicht verstanden wird, ›wenn das Karma verleugnet wird, dass Sie an der Spitze stehen sollen,‹ muss etwas geschehen.«
Bemerkt sei ausdrücklich, dass von mir keinerlei Beschwerde geäußert wurde. –

Der Schluss seiner Bemühung, mich zu überzeugen, war die Frage: »Sehen Sie jetzt ein, dass Sie an die Spitze treten müssen?« Zögernd antwortete ich: Ja; und fügte hinzu, ich könne es aber nur annehmen, wenn ich seiner Hilfe unter allen Umständen – ich meinte auch die Zeit nach dem Tode – sicher sein könne. Das sagte er zu.
(Vielleicht darf ich anschließen, dass ich bereits ein halbes Jahr vorher, vor dem Gespräch mit Dr. Steiner, Anfang 1924, ein Erlebnis hatte, das ich damals nicht verstand, aber nachher begriff. Es war eine Feier, bei der mir ein Gewand übergeben wurde von der geistigen Welt. Ich konnte es damals nur als eine Erinnerung an die Priesterweihe verstehen. Nachträglich ist es mir dann wieder zum Bewusstsein gekommen. Und ich muss es wohl so auffassen, dass der Beschluss in der geistigen Welt schon vorher da war.)


Die Entstehung der Menschenweihehandlung


In jenen Gesprächen im Jahre 1924 kam auch die Entstehung der Menschenweihehandlung zur Sprache. Im nächtlichen Traum hatte ich
Dr. Steiner gefragt: Wie ist eigentlich die Menschenweihehandlung zustande gekommen? Dr. Steiner hatte geantwortet: »Da musste ich an einen Ort gehen, wo die deutsche Sprache mantrisch gelehrt wird.« Dr. Steiner bestätigte das Erlebnis und sagte: »Sie dürfen sich nur den Ort nicht so vorstellen, dass Sie dorthin ein Postpaket schicken können.«


Das Jahr 1924


Von den mancherlei Einzelheiten, die noch zu erzählen wären, will ich nur noch zwei Tatsachen erwähnen, die offenbar in die Reihe der Handlungen gehören, durch die Dr. Steiner nach seinen Äußerungen im Jahr 1923 das Verhältnis zwischen der Anthroposophischen Gesellschaft und der Christengemeinschaft zur Anschauung bringen wollte.
Unvergessen soll bleiben, dass Dr. Steiner Gewicht darauf legte, dass er von jeder kultischen Handlung, die in Dornach gehalten wird, Mitteilung erhält. Bei der einen Handlung, die ich im Jahr 1924 hielt, kam er selbst mit den Vorstandsmitgliedern an und nahm teil, ohne selbst zu sprechen.


[Es war dies wohl auch eine der Maßnahmen, die er in Aussicht gestellt hatte, wodurch er selbst für die richtige Anschauung über das Verhältnis der beiden Bewegungen sorgen wollte. Z Es ist mir in den folgenden Jahren oft ein Trost und Ermutigung gewesen, dass sich Dr.    Steiner über die Handlung so zustimmend ausgesprochen hat.]


Am nächsten Tag kam er auf die Handlung von sich aus zu sprechen, ohne dass ich ihn gefragt hätte, und sprach seine Zustimmung mit solchen Worten aus –
»recht geistig« – dass es mir für die folgenden Jahre ein großer Trost und eine große [starke] Ermutigung war.


Die andere Handlung war diese. Dr. Steiner sagte, dass er Auftrag gegeben habe, die Priester alle in die erste Klasse der Hochschule aufzunehmen. Nun war ein Priester zu mir gekommen und hatte mir erzählt, Dr. Steiner habe ihm auf seine Bitte um Aufnahme in die erste Klasse entgegnet: »Warten Sie noch.« Dies brachte ich zur Sprache. Dr. Steiner sagte: »Ist er Priester? Wenn er Priester ist

und wenn Sie ihn empfehlen, wird er aufgenommen.« Er ordnete dies sofort an.


Schlusswort


Nehmt nun bitte diese Mitteilungen zum Jahresübergang 1932/33 freundlich auf. Sie gehören zum Wertvollsten, was ich Euch schenken [schicken] kann. Da ich jetzt ins siebte Jahrzehnt meines Lebens getreten bin und darauf sehen muss, dass ich noch alles möglichst in Gesundheit und Ruhe tue, was noch für mich zu tun ist, habe ich mich zu diesem vertraulichen Bericht entschlossen. Wie gesagt, muss es zusammengenommen werden mit dem, was schon erzählt ist, besonders auch mit den Gesprächen über unsere Sache. Vieles fehlt doch noch, zum Beispiel mein Dornach-Erlebnis 1922, das ich ja manchmal im Priesterkreis erzählt habe. Z¹


Schließen möchte ich mit zwei Erlebnissen, von denen ich wenigstens das erste noch mit Dr. Steiner besprechen konnte. Sie sind schon im Rundbrief mitgeteilt. Aber sie sind so wichtig für den Priesterkreis, dass sie hier in Erinnerung gebracht werden sollen.
Als ich das entscheidende Erlebnis an der Hostie hatte, das ich auch im Lebensbegegnungsbuch angedeutet habe [LRS, S. 138], da kam fast gleichzeitig ein Eindruck von dem großen Ernst des Lebens, in das ich hinein gehe, insbesondere von der erbitterten Feindseligkeit, auf die ich stoße. Dr. Steiner sagte dazu: »Solche Erlebnisse werden einem geschenkt – damit man es hernach doch tut!«
Dass Dr. Steiner die Feier der Erzoberlenkerweihe in Berlin geistig begleitete – er hatte sich genau die Zeit sagen lassen – wisst Ihr. Meinem Eindruck nach war davon wohl etwas zu spüren. Als ich nach der Weihe zu horchen suchte, ob er mir etwas Besonderes zu sagen habe, kamen, gänzlich unerwartet, zwei Ratschläge: Mische nie Politisches in das Religiöse hinein! Und: Nimm das Religiöse immer so konkret wie nur möglich! Oft haben mich diese Worte geleitet. Mögen sie uns weiter begleiten!


Anhang


Der Himmel

Aus: Das Heilige Jahr. Vom inneren Erleben der Jahreszeiten


Himmelfahrtsmorgen. Die Luft war erfüllt vom Silberglitzern der hellscheinenden Sonne. Noch ruhte der Leib, vom Schlafe erwacht, im Wohlsein der gespendeten Erquickung. Da vernahm der Geist eine leise Stimme.
»Willst du den Himmel schauen?«

Ich strengte mich an. Da merkte ich, wie ein Engel hinter mir stand. Ich sah ihn nicht, aber fühlte ihn klar. Größer schien er als ich und ganz licht. Es war, als ob er mein bestes Wesen in sich hineinnähme. Lichter Friede – anders kann man sein Wesen nicht beschreiben. Nur wenn die Seele lichten Frieden dachte, war er da. Dies war wie ein Leib, in dem er wohnte.
Wenn er sprach, so spürte der Geist zunächst nur, dass der Engel sich kundtun wollte. Dann musste man ganz stille werden, ganz zum Lauschen werden. Kam dann von ihm eine Offenbarung, so musste man sie mit seinem eigenen Wesen, nicht nur mit seinem Denken, gleichsam auffangen und selbst mitschaffend in Worte kleiden. Aber diese Worte waren notwendig und rein. Wenn die Seele zum stillen Spiegel geworden war, kamen sie klar heraus wie das Bild der Sonne im ruhig gewordenen See.
Ich wartete des Engels und gab ihm – nicht die Hand: das ganze Wesen. Langsam füllte sich die Seele mit einer feinen Geistigkeit. Immer tiefer wachte Geist gleichsam auf in allen Welten der Seele. Es war, als ob sich der Seelenraum fülle mit unsichtbarem Licht, das voller Liebe und Leben war. Wie die Urwelt alles Leuchtens und Liebens war es. Wie durch den Engel selbst erschien sie. Man konnte sie nur haben, wenn man innerlich immer Ja zu ihr sagte. Sonst verschwand sie wieder.

»Ist das der Himmel?«, fragte ich zum Engel zurück. »Warte!«

Es vergingen Minuten. Oder war es länger? Das Gefühl für die Zeit hörte auf. Es schien, als ob der Himmel selbst sich erst das Organ in der Seele bereiten müsse, in dem er sich zeigen kann.
Dann kam ein Augenblick, in dem man fühlte, dass man fragen müsse.

»Wo sind die Verstorbenen?« – Da klangen Welten auf.

Keinen Einzelnen ›sah‹ ich. Aber sie waren da. Ein Gewoge von menschlichem Sehnen, Ringen, Leiden, Streben – unabsehbar. Sie fluteten heran und flohen wieder, wenn man sie fassen wollte. Wie eine Erinnerung huschte die Schilderung Homers vorüber von den Schatten, die um Odysseus in der Unterwelt sind, im Gewoge heranflutend, hinwegflutend. Eine Welt von Stimmen, die sprechen wollen und doch nicht sprechen können – nicht in unserer Sprache. Eine wogende Fülle von menschlichen Gefühlen aller Art, aber alle im Geist-Sein.
Wieder empfand ich, dass ich nicht weiterkam, wenn ich nicht fragte.

»Wo ist die Mutter?« – Da war sie da. Ganz nah, als ob sie schon längst gewartet hätte. Als ich hineinhorchte in ihr Wesen, sagte sie: »Ich habe dich viel mehr begleitet, als du weißt. Warum hast du nicht mehr an mich gedacht? Meine warme Liebe war ein Stück Himmel, das für dich da war.«
Und ich spürte die warme Hülle, mit der mich ihre Liebe umgab. So nah?, dachte ich. Warum denken wir so falsch über die ›Verstorbenen‹? …
Aber ich durfte die Erlaubnis des Engels nicht auf einen Menschen beschränken.

»Wo ist der Freund?« – Da spürte ich ihn, wie er – dem Baume gleich, der seine Zweige zur Sonne breitet – alle seine Seelenorgane nach oben gewandt hatte. Er war auf der Erde ein Denker gewesen, ein ernster, mühevoller Denker. Den Himmel hatte er nicht geleugnet, aber auch nicht finden können und sich oft ergreifend nach ihm gesehnt. Nun sog er mit allen Kräften seines Seins an den Welten des Lichts. Für einen Augenblick schaute er nach unten.
»Warum störst du mich? Ich habe viel nachzuholen. Wir werden uns wieder begegnen, wenn du selbst himmlische Aufgaben hast.«

Da ließ ich ihn und sandte ihm eine starke Welle der Freundschaft nach, als er sich wieder nach oben wandte …
»Wo ist der Lehrer?« – Was nun kam, war eine Überraschung. Ich sah, was für den Himmel selbst ein Menschengeist bedeutet, in dem die Erdendinge bis zum Himmel durchgedacht sind. Er trug ja die Erde in sich, aber durchdrungen war er schon auf der Erde bis dahin, wo in den Erdendingen und Erdengedanken der Himmel selbst leuchtet. Wie wenn ein Edelstein aus den Tiefenschächten der Erde herausgeholt wird und gereinigt das Sonnenleuchten selbst in sich trägt, wie wenn dieser Edelstein nun in die Sonne gebracht wird, und die himmlischen Wohner der Sonne schauen in ihm sich selbst in Erdenkraft und Erdenschönheit und sehen ein neues Erstrahlen des Himmels in ihm – so leuchtete sein Geist in den höheren Reichen.
»Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich!«

Dies Wort war auf einmal da. Wie ganz anders klingen die Evangelienworte im Himmel als auf der Erde! Ja wirklich: Wie die Sonne leuchtet auf den Erdendingen, sodass sie liebend in die Verklärung der Sonne aufgenommen werden, so sind Himmel und Erde in Kommunion vereint in einem solchen Menschengeist: die Erde zum Himmel zurückgebracht, der Himmel in neuer Macht erstrahlend! …
»Aber wo sind die andern – die Gottfernen?« Der Engel war ernst geworden. Aber ganz friedevoll.
»Du wirst sie sehen, wenn du stärker geworden bist«, sagte er. »Und erlösender«, fügte er eilig hinzu. Da strengte ich mich nochmals an. Aus den Tiefen drangen Stimmen, bittend, sehnend. Aber sie waren für mich unerhörbar. Eherne Gesetze walteten. Tausendfaches gequältes Ringen wurde spürbar – einem verborgenen Licht entgegen, das nun nicht mehr geleugnet wurde. Nicht hoffnungslos, aber fern, fern. Wie weit ist die Menschheit noch zurück! Kann man es ertragen, wenn man es sieht? Könnten die Menschen so leben, wie sie leben, wenn sie ahnten …? Welche Geduld des Weltenvaters gehört dazu, dies alles in sich zu tragen – und zu warten – und väterlich heilig durch alles Dunkel aufwärts zu lenken! Aller Erdenschmerz verschwindet wie ein kleiner Rauch, wenn man den Weltenschmerz ahnt, den die in Erdensinn und Selbstsucht verirrten Seelen dem Himmel bereiten.

Es war scher hinzuschauen und schwer wegzuschauen. Aber die Stunde verlangte anderes.
»Wo ist die Welt der Engel?« – Eine Weile währte es. Dann war es wie ein Aufquellen von Erdenwelten. Unendliche Scharen. Die himmlischen Söhne Gottes! – Aber warum kommt mir immer das Gefühl von weißen Kleidern? Gewänder sind doch nicht da! Doch – es ist da, was im weißen Gewand sich nach außen ausspricht. Eine Welt der Reinheit, wie sie unserem Gemüt sich sehnend verheißt, wenn wir weißgekleidete Menschen sehen! – Und nun verstehe ich erst, warum man sagt, dass die Engel singen. Sie singen nicht, sie klingen. Ihr Wesen klingt. Aus ihrem Seelensein klingt der Dank des Geschöpfes ohne Aufhören zum Schöpfer auf. Das ist also der ewige Lobgesang der Engel! Ein vieltausendstimmiges Jubeln, immer wechselnd und immer da, nicht in Erdenohren vernehmbar und doch alle Himmel erfüllend! Zu den ewigen Werken Gottes schauen sie empor, schauen Unermessliches, das uns noch verhüllt ist, werden im Inneren immer wieder angezündet aus göttlichen Offenbarungswelten. Sie leben in ihrer Dankesfreude, wie wir Menschen in unserem Leib leben. Freude-Strahlen ist ihr Wirken. – Aber ich fühle noch ein Geheimnis. Da tauchen Palmen auf im Geist. Nu verstehe ich erst diese Palmen! Wachsendes, sprossendes Leben auf einer höheren Stufe, Paradiesesblühen: Das sind diese Geister selbst. Darum gibt ihnen der hilflose Maler, darum gibt ihnen der schauend schaffende Menschengeist Palmen in die Hände. Weiße Kleider, harfengleiches Lobtönen, todfernes Paradiesesleben, das ist ihre Welt! In solche Welt schaust du, wenn du Engel siehst.
»Darf ich einen ›Geist der Vollmacht‹ schauen?« Zu ihnen, zu den
»Obrigkeiten«, wie Luther übersetzt, zog es mich immer hin, seit ich wusste, dass die biblischen Namen keine leeren Worte sind. Und nun musste ich ja immer wieder fragen. Ich war ja selbst gefragt: Was fragst du?
Die Welt, die nun erschien, war von zersprengender Größe.

»Was willst du unter uns, du Menschenkind?«, fragte es aus dieser Welt.

»Ich möchte euch ahnen, um auf der Erde besser wirken zu können.«

Da ließen sie es zu. Wie in einer erhabenen Geisteswerkstatt fühlte man sich. Es war eine schaffende Welten-Macht, die zu Formen hindrängt, in diesen Geistern. Aber hoch, hoch über Menschenschaffen walten sie. Wie in Sonnenstrahlenkraft

bilden sie. Denken wir den menschlichen Atem, denken wir ihn tausendfach verschieden, je nach dem Mensch-Ich, in dem er lebt, denken wir alles Irdische aus ihm hinweg und nur den Geist zurückbehalten, denken wir aus diesem Geist des Atems weltenbildende Formen geschaffen, dann haben wir eine Ahnung der Welt, in der sie leben. Es war geradezu, als ob einer dieser Geister mich selbst ergriffe, wie ein Künstler die Tongestalt in die Hand nimmt, sie prüfend anblickt, an ihr drückt und bildet, ob vielleicht noch etwas aus ihr zu machen ist. –
Längst hatte ich aufgehört zu fragen: Wo ist nun eigentlich dies alles? Ich hatte gelernt, dass es Wirklichkeiten gibt, die weit über der Welt des Wo liegen, und die doch so wirklich sind, dass in ihnen das Wort Wirklichkeit überhaupt erst seinen Sinn erhält, dass ihnen gegenüber die Erdenwirklichkeit grob, dumpf, schlafend ist, nur wie der Widerschein dessen, was wahre Wirklichkeit ist, am dunklen Erdenstoff. Nun lernte ich das Wort Wirklichkeit in einem neuen Sinn kennen. Wirklich – Wirklichkeit! Und Wirklichkeit in immer höherem und stärkerem Sinn ist das Sein dieser Welten. Vollmächtig, dass ihnen gegenüber das Denken der Erdengelehrten wie ein mühsames, gelähmt schwerfälliges Tasten im Dunkeln, das Dichten der Erdenkünstler wie ein dumpfes Regen im Traum erscheint. Wie schlafen – sie wachen. Wachen und wirken in hellem, leuchtend-bewegtem Geist-sein und Geist-Tun. Aber nur von der uns zugewandten Seite ihres Schaffens vermögen wir Ahnung zu haben …
»Darf ich einen Geist der Weisheit ahnen?« – Wieder war es, als ob wir durch weite Reiche uns erst erheben müssten. Man könnte ebenso gut sagen: als ob der Mensch in sich selbst noch feinere Saiten erst entdecken müsse, auf denen diese Wesen spielen können. Der Mensch ist die Harfe des Weltalls. Alle Wesen wollen in ihm erklingen. Nur ist die Harfe versunken in die Erde. Sie ist nicht auf die Erde, sondern in die Erde gesunken, dass nun die Saiten schweigen, dass kaum einer ahnt, welche leichtenden Töne auf diesem toten, von Erdenschwere und Erdenschmutz erdrückten Himmelsinstrument erklingen wollen …
»Was willst du unter uns, du Menschenkind?«, fragte es wieder aus dieser Welt.

»Ich möchte euch ahnen, um euch besser dienen zu können!« Da ließen sie es zu. Eine noch viel höhere Welt! Der menschliche Atem wollte nicht mehr mit. Im reinsten Weisheitslicht ruht und leuchtet dieses Reich. Da ist Weisheit nicht ehr Menschengedanke, Erfahrungsertrag, Lebensreife. Da ist Weisheit – was in unserer Welt die Erde ist. Denken wir uns: Die Luft, die wir einatmen, wäre tausendfältige, vielgestaltige Lebensweisheit; denken wir uns: Der Himmel, den

wir über uns schauen, wäre strahlendes Gotteswissen in unermesslicher Fülle; denken wir uns: Die Wesen, mit denen wir leben, wohnten statt in Leibern in jauchzendem Geistleuchten, mannigfaltig bewegt; denken wir uns: Licht wäre Weisheit, und diese Weisheit wäre in sich so reich wie unsere ganze Welt, nur viel, viel reiner, feiner, geistlebendiger – doch was sind unbehilfliche Menschengedanken und kümmerliche Menschenworte! Aus urtiefen Gottesgedanken schauen diese Wesen auf uns herab. Urtiefe Gottesgedanken sind sie selbst, webend im Element eines ruhevollen, alldurchdringenden, geisteszartesten Weise-Seins …


»Was darf ich von Christus schauen?«

Als das Wort Christus erklang, da war es, als ob der ganze Himmel sich in Singen verwandle. Die große Gottestat ist getan – durch Ihn! Der ganze Himmel glänzte vor Freude, dass sie einmal geschehen ist, auch wenn sie nur einer tat und nur einer konnte. Die Freude war so nah, dass man meinte: In mir jubeln die Engel! Wie wenn durch den eigenen verklärten Leib hindurch die Himmel sichtbar und hörbar würden. Irgendwo, aus irgendeinem verborgenen Brunnen erströmte Heil, so stark und rein, dass die Lunge gereinigt wurde und der Herzschlag heilig. In ungeahnt heilkräftiger Geistesluft atmete der Mensch. Und dies Heil war eine wonnespendende göttliche Güte. So göttlich war sie, dass man unwillkürlich sagte: Das können die Menschen noch nicht verstehen und noch nicht ertragen! Durch Jahrhunderte und Jahrtausende müssen sie erzogen werden durch die Verkündigung von Christus, ehe diese Wundergüte in ihnen sein kann! Dann aber wohnt Christus in ihnen! Man spürte den Herzschlag des Vatergottes wie ein Lebensatmen dieser Güte. Das eigene Herz wollte mitschlagen in dem Lebensschlag des Weltenvaters …
Als alles sich in Festgewand gehüllt hatte, da ward für einen heiligen Augenblick Er selber offenbar. Wie in Menschengestalt erschien er, als Gottes- Mensch, als Menschen-Gott. In seinem Haupt wohnten ungezählte Weise. Ihnen ließ er »ein Licht leuchten«. Einen Strahl seiner Weisheit schenkte er jedem, und dies war das »neue leben« dieser Menschen. In seinem Herzen wohnten ungezählte Helfer und Heiler des Menschen. In ihnen fing sein Blut an zu fließen, und dies war ihr göttliches Leben. In seinen Händen lebten mächtige Helden und Heilige, Wundertäter, die in seinem Namen noch unerhörte Dinge auf der Erde vollbringen wollten. Sein ganzer Leib war wie ein großes Haus,

ganz offen und frei für die, die darin leben wollten. Und dies war seine wahre Kirche: die in ihm ihre Wohnung gefunden hatten. Ihnen schenkte er in jedem Lebenshauch – sich selbst. Er lebte in ihnen und sie in ihm. Was er einatmete, war Frieden, und was er ausatmete, war Güte.
Und merkwürdig, es war, als ob der ganze Mensch in mir seit Urzeiten auf ihn gewartet hätte und in ihm nun »erfüllt« sei. Als ob durch lange Zeiträume geheime Baumeister gebaut hätten, damit Christus wohnen kann in diesem Ich und in diesem Leib. Denn auf das Ich im Menschen schritt er zu, in Majestät, wie auf seinen Tempel, den er nun selbst vollenden will. Und der Leib fing an aufzuglühen, und in ihm das Blut, als ob der Mensch nun in das immerwährende Abendmahl eingetreten sei. Sein Tempel und sein Mahl: Das ist der Christ. Nun konnte der Mensch mitklingen im Gesang der Engel. Nun war er selber eine Stimme geworden …


Aber der Engel erlaubte mir nicht, länger bei ihm allein zu verweilen.

»Willst du Christus wirklich schauen, so musst du auch seine Gegner sehen!«

In dem Augenblick tauschte auch schon ein ganz anderes Geistesreich auf. Hoch musste ich denken, hoch musste ich sein, wenn ich in diesem Reich überhaupt mitatmen wollte. Geistige Vornehmheit! Wie mit Diademen geschmückt, blickten die Geister herab – fern vom Erdenelend. Immer wieder diese sich abschließende Geistesvornehmheit! Als ob jeder den Geist nur hätte, um ihn in sich zu tragen und in Eigenlust selbstgewaltig zu leben. »Selbstherrlich« – das Erdenwort gewann hier eine lebendige Bedeutung.
»Der Teufel?«

Da lenkte der Engel meinen Blick nach unten. Und ich sah, wie das Reich nach unten ausmündete in die schwere, kalte Selbstsucht der Menschen. Das war gleichsam ein Erdenthron. Oben aber war es Licht-Halten, Licht-Tragen, Licht- Sein.
»Luzifer« – kam mir in den Sinn. Stolze Pracht des Geistes – vielleicht soll sie sein? Aber kühl! Ganz fern vom Lebensfeuer der Liebe. Die große »Verführung« des Menschen. Ein Gefühl des Dankes kam seltsamerweise über mich, dass ich dies Reich schauen durfte. Nun weiß ich auf der Erde, wo es hereinwirkt! Nun

kann ich es wissend bekämpfen!

Ich wanderte unter diesen Geistern, aber als ein Geist anderer Art, als ein Geist, der diese Christuslosigkeit nicht mehr ertragen kann. Da stand – wie ein einziger mächtiger Geistesblick – der große »Versucher« selbst vor mir.
»Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest!«

Wirklich, so spricht er, wenn man ihn ansieht. So hat er nicht nur zu Christus gesprochen, so hat er im Grund schon zu Adam gesprochen. Fast klang es, wie wenn er sagte: Wenn du das Ich in meiner Herrlichkeit anbetest. Und wenn wir ihn nur einen Augenblick anblicken, dann ist es, als ob es sich wie eine züngelnde Schlange in uns aufrichte. Das ist ja die Schlange, die nach der biblischen Schau den Adam verführte. Da ist sie wirklich. Sie lebt noch! Hohe, hohe Geistigkeit und stolze Schönheit – du kannst sie haben, aber um den Preis, dass du die Not nicht hereinlässt in deine Seele, dass du die Erde im Abgrund verkommen lässt. Regt sich in dieser Geisteshochgewalt der Wunsch nach unten, der Wille zum Opfer, dann ist Christus da – und stürzt Luzifer. Kann der Mensch dazu helfen, indem er diesen Geist in sich erlebt – und dann nach unten führt?
Kalte Pracht des Geistes, schön, verführerisch schön anzusehen. Aber nein, dorthin gehört man nicht, wenn uns Christus mit seinem Hauch berührt hat. Ich sehnte mich nach der Erde.
Da stieg, wie im Gegenbild, ein ganz anderes Reich auf.

»Der Erd-Geist!« Das ist er, aber wie erhaben! Durchdringende Intellektualität. Alles Erdendenken wohnt in ihm. Tausend und abertausend Diener, die mit klarer starker Intellektualität die Erde als Reich errichten – und des Himmels vergessen.
»Der Teufel?« Nun sah ich erst, wie grundverkehrt die Menschen über den Teufel denken, wie sie fratzenhafte, ängstigende Gespenster aus niederen reichen für den Teufel halten und so sich selbst um die Wahrheit ihrer Erdenlage betrügen. Der ungeheure Ernst eines vom Menschen gar nicht durchschauten Weltenkampfes bemächtigte sich der Seele. »Der Fürst dieser Welt« – ja, das war er. Wirklich ein Herrscher! Ganz und gar nicht »der dumme Teufel«. Auch der Fürst dieser Zeit – wenn man auf das Äußere und Breite sieht. Wie sicher fühlte sich dies Reich schon im Besitz des Menschen! Große Erdenkraft ging von ihm aus. Man muss sie haben, sagte ich mir. Eine mächtige Lust, mit diesen Geistern

zu denken, ergriff mich. Es war alles so durchdringend klar und lebensstark. Aber dann war es, als ob eine Steingewalt ganz von der Ferne in mein Gehirn und in mein ganzes Wesen eindringen wolle. Man wird aus Stein Brot machen – mit diesem Geist, dachte ich. Aber dann wird aus Brot Stein werden – durch diesen Geist.
Da schaute ich zurück zum Engel. Und nun sah ich, wie schwer und schmerzlich es ihm war, mit mir überhaupt in dies Reich zu blicken. Da nannte meine Seele den Namen Christus. Und in demselben Augenblick war es, als ob diese ganze Geisteshochwelt verschrumpfe und vergilbe. Sie konnte den Namen Christus nicht ertragen. Sie konnte ihn nicht einmal mit besonderer Bewegung hören. Sie war wie aus ganz anderen Weltentwicklungen, fremd dem Christusgeist. Aber vor dem Namen Christus veraltete sie und verlor sich in der Ferne. Sie war ein reich, das einer mächtigsten Ausbildung entgegenreift – und dann doch vergehen muss.
Ganz fern unten auf der Erde tauchte vor meinem Blick die Christusgruppe in Dornach auf. Dort war ja Christus, wie er mit Welterobererschritt vorwärts schreitet. Die eine Hand erhebt er hoch, und unter ihrer Offenbarungsgewalt stürzt sich Luzifer in die Tiefe. Die andere Hand hält er abwehrstark nach unten, und unter ihrer Geistesmacht versinkt Ahriman im Abgrund. Nicht alles an dieser Christusgruppe konnte ich in diesem Augenblick aus dem eigenen Erleben verstehen. Aber zum Innersten hatte ich einen Zugang gefunden. Ja wahrhaftig, in uns will Christus aus der Geisteswelt auf die Erde – und aus der Erdenwelt in den lebendigen Geist!


Nun kehrte ich ganz anders zum Himmel zurück. Ja, es war mir, als ob ich dort auch ganz anders begrüßt würde. Als einer, der wissend geworden ist über seine Erdenaufgabe. Als einer, der irgendwie eine Weltpflicht erfüllt hat. Sollen im Menschen Luzifer und Ahriman erlöst werden? Kann der Mensch etwas vollbringen, was sonst niemand vermag? Alle Welten schienen auf den Menschen zu sehen als den Umworbenen, als die Entscheidungsstätte im Weltenkampf …
Auch der Himmel sah nun ganz anders aus. Nun ging mir erst auf wie ein Sonnenaufgang, welcher leichtende Lebensgeist unter den himmlischen Söhnen Gottes herrscht. Harmonien senkten sich aus offenen Himmeln nieder. Güte

blitzte auf in den Geistern wie Sonnenblick aus noch viel höheren Himmeln. Nun war man wirklich im »göttlichen Werk«.
Der »Teufel« hat mir geholfen, Christus zu verstehen. Ist er mit im Plan Gottes drin? In der Weltführung Gottes?
Mich hungerte darnach, noch etwas ganz Großes zu schauen. Ein »Seraph«? Ich wagte nicht zu fragen. Da war es auch schon da. Nur eine Ahnung. Aber eine Ahnung von einer Himmelsgewalt, vor der Menschenworte vergehen. Es war, als ob einer rage von der Erde zum Himmel empor. Sein »Antlitz« konnte ich nicht sehen. Ich fühlte, dass ich viel zu wenig im Gottschauen gelebt hatte, um es erblicken zu dürfen. Vom Schauen Gottes ist sein Antlitz Überwelt-erhaben geworden. Aber die Großmacht des Liebesfeuers in seinem Wesen konnte ich spüren, von ferne spüren. Nichts von Stolz, allerreinste Güte gegen alle Wesen wohnte in dieser göttlichen Hehre. »Die unbegreiflich hohen Werke.« Da war es, wie wenn im Mund des schauenden Menschen sich diese Feuerwelt selbst regen wolle. Ist dies die Wahrheit der Jesaja-Vision, in der die Lippe des Propheten von der glühenden Kohle des Engels berührt wird? War es ein Feuerkuss aus seraphischen Reichen? …
»Und der Weltenvater?« – Es war, als ob der Seraph auffordere, durch ihn hindurchzusehen. Er verbarg Ihn – und offenbarte Ihn. Doch nur das Meer eines ganz großen Ahnens war da. Ein Echo ganz ferner Gesänge überirdischen Jubels vor ihm, wie wenn Meereswogen sich feierlich lebendig im Licht bewegen.
»Schmeckst du Ihn nicht?«, fragte nachsichtig der Engel. Und der Geschmack einer ganz unsagbaren Himmelsgüte trat auf meine Zunge. Alle Weiten und alle Tiefen dufteten von dieser Gnadenherrlichkeit.
»Vater unser in den Himmeln!« Nun wurde mir das Wort des Christusgebets erst lebendig, himmelslebendig. Ich sah nach der Erde. Nichts mehr war von ihr da als die verborgenen Himmel, die sich hinter ihr aufgetan hatten. Man blickte durch sie überall in »die Himmel« hinein. Die Vorhänge waren so durchleuchtet, dass sie selbst verschwunden waren. Ganz majestätisch aber drang es durch den ganzen Weltenraum: »Ich bin tief verborgen und dir doch ganz nahe! Ich bin alles und lebe doch in dir! Der Himmel Himmel fassen mich nicht, aber einen Hauch meines Lebens lebst auch du! Lass dir an meiner Ahnung genügen! Auch du hütest mein Geheimnis!«

Aus den Weltentiefen drang es wie der Strahl eines Auges, ein Strahl, von dem man leben kann eine ganze Ewigkeit. Dann leitete es mich sanft zu Christus hin.
»Siehe, dieser ist dein Herr! Ich gebe dich ihm!« Eine Harmonie erklang, tötend herrlich, aber zugleich so wundersam Leben weckend, als ob sie die Urharmonie wäre, aus der alle Harmonien geboren sind: die Einigkeit des Vaters mit dem Sohne! Christus leuchtete, wie umhüllt vom reinsten, stärksten Licht einer verborgenen Sonne. »Der Herr der Himmelskräfte auf Erden!« …


Da meldete sich immer stärker die Erdenschwere. Es war, als ob der Leib selbst ein Wesen geworden wäre, das nun zu reden anhebt.
»Du gehörst zu mir! Ich habe lange geduldig geschwiegen!«

»Aber ich habe dich gar nicht verlassen. Du kannst nur den Himmel, zu dem auch du gehörst, noch nicht dauernd tragen.« Wie aufblitzend nickte da das Wesen des Leibes Ja. Und ich sagte auch Ja zu ihm und seinen Erdenwünschen.
»Darf ich erzählen?«, fragte ich noch zu den Himmeln empor. Fast war es, wie wenn eine leichte Wolke sich vor den Glanz der Himmel lege. Wie ein Schatten huschte die Erinnerung vorüber an Luzifers reich.
»Was dem Menschen gegeben ist, das ist ihm nicht für sich selbst gegeben!«

»Aber geradeheraus davon sprechen?«

»Man darf es, wenn das eigene Leben sich der Reife nähert.«

»Man soll es«, fügten andere Stimmen hinzu, indem sie zur Erde hinabblickten, wie sie heute ist. »Tu, was du selbst tragen kannst! Niemand sollte die Erde verlassen, ohne sein Bestes den Brüdern zu schenken!«
»Wie werden sie es aufnehmen?«, fragte ich noch und kam mir hartnäckig vor.

»Tu, was gut ist!« Wie eine letzte Mahnung klang es noch herab: »Vergiss nicht, deinen Brüdern zu sagen, dass sie nur ein wenig vom Himmel sehen, wenn sie hin durch dich sehen! Denn du bist klein!«

»Ganz klein!«, sagten freundlich ungezählte himmlische Söhne Gottes. »Vergiss auch du selbst nicht, dass du tausendmal mehr schauen wirst, wenn du größer geworden bist!«
Langsam schlossen sich die Tore der himmlischen Welten. Wie von selbst trat mir das Wort auf die Lippen: »Die Menschenweihehandlung, das war sie.«
Und siehe, rückblickend erkannte ich nun, dass es auch eine Menschenweihehandlung gewesen war, was ich erlebt hatte. Die Engelreiche das große Wort vom Himmel. Christus das göttliche Opfer. Der Weltenkampf die Geschichte erfüllende Wandlung. Am Schluss die Ahnung der letzten Vereinigung.
Ich war nun wieder auf der Erde – aber mit dem leuchtenden Wissen vom Himmel.


Anmerkungen




¹



Zu Marcello Haugen siehe auch: »Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe«, Nr. 105, Michaeli 1990.


Z



Otto Hugo Vollrath (1877 – 1943), Theosoph und Astrologe, war Inhaber des Theosophischen Verlagshauses Leipzig. 1904 wurde er Mitglied der Theosophischen Gesellschaft, aus der er 1908 nach zahlreichen Unstimmigkeiten ausgeschlossen wurde; vgl. Harald Lamprecht, Neue Rosenkreuzer. Göttingen 2004.


3



Das Heilige Jahr. Vom inneren Erleben der Jahreszeiten. Erstveröffentlichung: Verlag Urachhaus, Stuttgart 1930. 5. Auflage Stuttgart 1959.




Charles W. Leadbeater (geb. 1847 in Stockport, Großbritannien, gest. 1934 in Perth, Australien) war ein englischer Theosoph. Sein Werk The Masters and the Path von 1925 wurde 1926 mit einem Vorwort von Annie Besant ins Deutsche übersetzt.






Prophanti nannte sich der Geist, der im Juli 1923 in Berka durch das Medium Frau Wiegand über die Verkörperungen der Gründer zu Emil Bock und Eberhard Kurras gesprochen hatte.








Das Buch Christus ist erst 1936 erschienen. Im Jahr 1950 erlebte es seine dritte und bisher letzte Auflage.






»Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum.« Faust I, Studierzimmer (Mephistopheles zu Faust)






Die Sache mit den »Krautköpfen« erzählt Friedrich Rittelmeyer nicht in LRS, sondern in seiner Autobiografie Aus meinem Leben, Stuttgart 1937, S. 363.

(3. Auflage 1986)








Johannes Müller (1864 – 1949) war ein außerhalb jeder kirchlichen Bindung wirkender Theologe. Die mehrjährige persönliche Verbundenheit zwischen Rittelmeyer und ihm zerbrach um 1918, als Müller gegen Rudolf Steiner Front machte, Rittelmeyer aber in werbender Weise – ihm gegenüber erfolglos – für die Anthroposophie eintrat. Vgl. auch: LRS, S. 94, 98 und 135.


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Dr. Ludwig Noll, geboren 1872 in Sterbfritz (Hessen) war Arzt und lange Jahre Vertrauter Rudolf Steiners, von dem Peter Selg schreibt: »Wenige waren so befähigt und so gewillt wie er, die mit Steiner verbundenen Intentionen in einem zentralen Zivilisationsfeld in die Tat umzusetzen.« Er starb 1930 in Kassel.


¹¹



Vortrag vom 4. Februar 1913 in Berlin. Enthalten in: Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe, Heft 83/84, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1984.


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Die Kernpunkte der sozialen Frage erschienen im Jahr 1919 in einer Phase

größter gesellschaftlicher Umbrüche unmittelbar nach dem Ende des
1. Weltkriegs.


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Karl Gustav Cassel, schwedischer Professor der Volkswirtschaft, geb.
20. Oktober 1866 in Stockholm; gest. 15. Januar 1945 in Jönköping.


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Bei der Niederschrift dieses Textes im Jahr 1932 gab es die Priesterzyklen in drei Bänden: Herbstkurs, Apokalypsekurs und Gründungskurs, der auch Juni- und Julikurs enthielt. Heute 5 Bände GA 342 – 346. Man sieht hier, dass der sogenannte »Gesprächeband«, der erst 52 Jahre später erschien, schon 1932 geplant war. Heute als »Ergänzungsband« nur intern verfügbar.


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Veröffentlicht in: Helmuth von Moltke 1848 – 1916, Dokumente zu seinem Leben und Wirken. Band 2, Basel 1993.


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Johann Albrecht Bengel, schwäbischer Theologe, geb. 1687 in Winnenden, gest. 1752 in Stuttgart.


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Hermann Ahlwardt, (geb. 1846 in Krien bei Anklam; gest. 16. April 1914 in Leipzig) war ein antisemitischer Aktivist und Reichstagsabgeordneter.


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Wahrscheinlich liegt hier ein Irrtum Rittelmeyers vor, denn im September 1921 war weder er in Dornach noch R. Steiner in Berlin. Näherliegend ist, dass das erwähnte Gespräch im Sommer 1922 in Dornach stattgefunden hat, im Zusammenhang mit der Erwähnung eines »Bistums« am 28. 7. 22, weil damals auch Christian Geyer noch dabei war.


¹



Rudolf Steiner hat sich am 8. September 1922 zu diesem Thema ausführlich geäußert: »Durch das schwerwiegende Ereignis des Austrittes von Dr. Geyer ist ja das erschüttert, was mir, wie ich glaube, im Einklang mit den geistigen Welten als ein Selbstverständliches erschienen war: dass Dr. Geyer, Dr. Rittelmeyer und Lizentiat Bock zunächst diese Dreiheit bilden sollten, weil ja doch die Sache so liegt, dass ein solches Zentrum da sein muss.« Siehe Rudolf Steiner, Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken. Band 3 (GA 344). Dornach 1994,
S. 59 f.


Z


Dies geschah am Ende des Vortrages vom 12. Juli 1923 für die Priester, GA 345,
S. 43 f.






Bisher wurde kein Dokument gefunden, in dem Rittelmeyer dieses Erlebnis schriftlich festgehalten hätte. Vermutlich handelt es sich um das Ereignis, das er Frau Luba Husemann vor ihrer Weihe im Frühjahr 1937 erzählt hat. Dies hat sie 1967 folgendermaßen festgehalten: »So sprach er auch von seinen Erfahrungen während der ersten Menschenweihehandlung am 16. September
1922. Unvergesslich hat sich mir davon vor allem eingeprägt, wie er gegen einen Geistersturm kämpfen musste: Er empfand sich wie auf einem messerscharfen Grat zwischen zwei Abgründen im tosenden Sturm. Er sollte jeden Augenblick auf der einen oder auf der anderen Seite hinuntergerissen oder
-gestürzt

werden. Nur mit äußerster Mühe konnte er vorwärtsschreiten und mit Aufbietung aller Seelenkräfte sein Bewusstsein festhalten. Und das alles steigerte sich zunehmend bis zu den Einsetzungsworten in der Wandlung. Durch diese oder danach trat schlagartig Stille und tiefster Friede ein. Er erlebte die Sphäre des Christus und den Boten, den Engel, den der Christus als den Hüter der neuen Bewegung entsendet hat … Mit diesen armseligen Worten muss ich wiedergeben, was sich mir als ungeheure Realität in die Seele eingeprägt hat.«


Herausgegeben vom Archiv der Christengemeinschaft durch Wolfgang Gädeke


ISBN 978-3-8251-6141-5 (epub)


Dieses eBook ist urheberrechtlich geschützt.


Erschienen 2016 im Verlag Urachhaus www.urachhaus.com


© 2016 Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus GmbH, Stuttgart Umschlagbild: Erstes Goetheanum (von Süden)
(Verlagsarchiv Verlag Freies Geistesleben) Umschlaggestaltung: Janine Weikert Gesamtherstellung: CPI books GmbH, Leck E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016






Friedrich Rittelmeyer


Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner

236 Seiten, Klappenbroschur


Der evangelische Theologe, Schriftsteller und Seelsorger Friedrich Rittelmeyer war selbst bereits eine prominente Persönlichkeit des Kulturlebens, als er im Jahr 1911 Rudolf Steiner begegnete. Sein Verhältnis zu ihm war zunächst von kritischer Distanz geprägt, dennoch entwickelte sich daraus eine von gegenseitiger Wertschätzung getragene Freundschaft und Arbeitsbeziehung.
Rittelmeyers Erinnerungen gehören zu den besonders authentischen und dazu originellsten biografischen Zeugnissen überhaupt. Sie sind zudem ein wichtiges Quellenwerk für alle, die sich um ein lebensnahes Bild der Persönlichkeit Rudolf Steiners bemühen.


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