Die Rätsel der Philosophie in ihrer
Geschichte als Umriss dargestellt
Vorrede zur Neuauflage 1924
Als ich 1914 mein Buch “Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten
Jahrhundert” beim Erscheinen der zweiten Auflage zu dem hier vorliegenden “Die
Rätsel der Philosophie” erweiterte, wollte ich zeigen, was von den
geschichtlich aufgetretenen Weltanschauungen sich für den heutigen Beobachter
so darstellt, daß dessen eigenes Empfinden beim Auftauchen der philosophischen
Rätsel im Bewußtsein sich vertiefen kann an dem Empfinden, das die in der
Zeitenfolge auftauchenden Denker über diese Rätsel gehabt haben.
Eine solche Vertiefung hat für den philosophisch Ringenden etwas
Befriedigendes.
Was seine eigene Seele erstrebt, gewinnt an Kraft dadurch, daß er sieht,
wie sich in Menschen, denen das Leben Gesichtspunkte angewiesen hat, die dem
seinigen nahe oder fern liegen, dieses Streben gestaltet hat.
In solcher Art wollte ich mit dem Buche denen dienen, die eine Darstellung des Werdens der Philosophie brauchen als Ergänzung der eigenen Gedankenwege.
Nach einer solchen Ergänzung wird derjenige verlangen, der sich auf dem
eigenen Gedankenwege eins fühlen möchte mit der Geistesarbeit der Menschheit.
Der sehen möchte, daß seine Gedankenarbeit ihre Wurzel in einem ganz
allgemeinen menschlichen Seelenbedürfnis hat.
Er kann das sehen, wenn das Wesentliche der geschichtlichen Weltanschauungen vor seinem Blicke aufsteigt.
Doch hat für viele Betrachter ein solches Aufsteigen etwas Beklemmendes.
Es drängt ihnen Zweifel in die Seele.
Sie sehen, wie die aufeinander folgenden Denker im Widerspruche mit
vorangehenden oder nachfolgenden stehen.
Ich wollte so darstellen, daß dieses Beklemmende durch ein anderes
ausgelöscht wird.
Man betrachtet zwei Denker.
Für den ersten Blick fällt der Widerspruch, in dem sie stehen, peinlich
auf.
Man tritt ihren Gedanken näher.
Man findet, daß der eine die Aufmerksamkeit auf ein ganz anderes Gebiet der
Welt lenkt als der andere.
Angenommen, der eine habe in sich die Seelenstimmung ausgebildet, die die
Aufmerksamkeit auf die Art lenkt, wie Gedanken im inneren Weben der Seele sich
entfalten.
Für ihn wird es zum Rätsel, daß dieses innere Seelengeschehen im Erkennen
entscheidend über das Wesen der Außenwelt werden soll.
Dieser Ausgangspunkt gibt seinem ganzen Denken die Färbung.
Er wird in kraftvoller Art von dem schöpferischen Gedankenwesen sprechen.
Das wird alles, was er sagt, in idealistischer Art färben.
Ein anderer lenkt den Blick auf das äußere sinnenfällige Geschehen.
Die Gedanken, durch die er dieses Geschehen erkennend erfaßt, treten gar
nicht in ihrer selbständigen Kraft in sein Bewußtsein.
Er wird den Weltenrätseln eine Wendung geben, die sie in den Bereich führt, in dem die Weltgrundlage selbst ein an die Sinneswelt erinnerndes Aussehen hat.
Man kann, wenn man mit Voraussetzungen an das geschichtliche Werden der Weltanschauungen herangeht, die sich aus einer solchen Gedankenorientierung ergeben, über das Vernichtende, das diese Weltanschauungen füreinander zeigen, sich erheben und ein sich gegenseitig Tragendes in ihnen erblicken.
Hegel und Haeckel, nebeneinander betrachtet, stellen zunächst den
vollkommensten Widerspruch dar.
Vertieft man sich in Hegel, so kann man mit ihm den Weg gehen, der einem
ganz in Gedanken lebenden Menschen vorgezeichnet ist.
Er fühlt den Gedanken wie etwas, das ihm das eigene Wesen zu einem
wirklichen macht.
Sieht er sich der Natur gegenüber, so fragt er sich, welches Verhältnis hat sie zur Gedankenwelt?
Man wird mitgehen können, wenn man das relativ
Berechtigte und Fruchtbare einer solchen Seelenstimmung empfindet.
Vertieft man sich in Haeckel, so kann man wieder ein Stück des Weges mit
ihm gehen.
Er kann nur sehen, wie das Sinnenfällige ist und sich wandelt.
In diesem Sein und Sich-Wandeln fühlt er, was ihm Wirklichkeit sein kann.
Er ist nur befriedigt, wenn er den ganzen Menschen bis herauf zur
Denktätigkeit in dieses Sein und Sich-Wandeln einreihen kann.
Mag nun Haeckel in Hegel einen Menschen sehen, der luftigwesenlose Begriffe
ohne Rücksicht auf die Wirklichkeit spinnt; möchte Hegel, wenn er Haeckel
erlebt hätte, in ihm eine Persönlichkeit gesehen haben, die gegenüber dem
wahren Sein mit Blindheit geschlagen ist: wer sich in beider Denkungsart
vertiefen kann, wird bei Hegel die Möglichkeit finden, die Kraft des eigentätigen
Denkens zu stärken, bei Haeckel die andere, zwischen entfernten Bildungen der
Natur Beziehungen gewahr zu werden, die bedeutungsvolle Fragen an das
menschliche Denken stellen.
So nebeneinander gestellt können Hegel und Haeckel, aneinander gemessen, nicht in beklemmende Zweifel führen, sondern erkennen lassen, aus wie verschiedenen Ecken her das Leben sprießt und sproßt.
Aus solchen Untergründen heraus ist die Haltung meiner Darstellung
geworden.
Ich wollte die Widersprüche in der Entwicklungsgeschichte der Weltanschauungen nicht verdunkeln; aber ich wollte auch in dem Widersprechenden das Geltende aufzeigen.
Daß ich Hegel und Haeckel in diesem Buche so behandle, daß bei beiden das hervortritt, was positiv und nicht negativ wirkt, kann mir — nach meiner Ansicht — nur derjenige als eine Verirrung vorwerfen, der die Fruchtbarkeit einer solchen Behandlung des Positiven nicht einzusehen vermag.
Nun nur noch einige Worte über etwas, das sich zwar nicht auf das in dem
Buche Dargestellte bezieht, das aber doch mit ihm zusammenhängt.
Es ist dies Buch eine derjenigen meiner Arbeiten, die von Persönlichkeiten,
welche in dem Fortgang meiner eigenen Weltanschauungsentwickelung Widersprüche
finden wollen, als Beispiel angeführt wird.
Obwohl ich weiß, daß diesen Vorwürfen zumeist etwas ganz anderes zugrunde
liegt als das Suchen nach Wahrheit, so will ich doch weniges über sie sagen.
Es wird behauptet, es sehe das Kapitel über Haeckel in diesem Buche so aus,
als ob es ein orthodoxer Haeckelianer geschrieben hätte.
Nun, wer das in demselben Buche über Hegel Gesagte liest, wird es zwar
schwer haben, seine Behauptung aufrecht zu halten.
Aber es sieht, obenhin betrachtet, so aus, als ob ein Mensch, der so über Haeckel geschrieben hat wie ich in diesem Buche, später eine völlige Geisteswandlung durchgemacht haben müßte, wenn er dann Bücher veröffentlicht wie “Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten”, “Geheimwissenschaft” usw.
Diese Sache wird aber nur richtig angesehen, wenn man bedenkt, daß die
scheinbar den früheren widersprechenden späteren Werke aus einer geistigen
Anschauung der geistigen Welt hervorgegangen sind.
Wer eine solche Anschauung haben oder sich bewahren will, der muß die
Fähigkeit entwickeln, sich in alles Betrachtete ganz objektiv, mit
Unterdrückung der eigenen Sympathien und Antipathien, versetzen zu können.
Er muß wirklich, wenn er die Haekkelsche Denkungsart darstellt, in dieser
aufgehen können.
Gerade aus diesem Aufgehen in anderes schöpft er die Fähigkeit der
geistigen Anschauung.
Die Art meiner DarStellung der einzelnen Weltanschauungen hat ihre Ursachen
in meiner Orientierung nach einer geistigen Anschauung hin.
Wer über den Geist nur theoretisieren will, der braucht nie in die materialistische
Denkungsart sich versetzt zu haben.
Er kann sich damit begnügen, alle berechtigten Gründe gegen den
Materialismus vorzubringen und seine Darstellung dieser Denkungsart so zu
halten, daß diese ihre unberechtigten Seiten enthüllt.
— Wer geistige Anschauung betätigen will, kann das nicht.
Er muß mit dem Idealisten idealistisch, mit dem Materialisten
materialistisch denken können.
Denn nur dadurch wird in ihm die Seelenfähigkeit rege, die sich in der geistigen Anschauung betätigen kann.
Nun könnte man noch sagen: durch eine solche Behandlungsart verliere der
Inhalt eines Buches seine Einheitlichkeit.
Es ist dies nicht meine Ansicht.
Man stellt historisch um so treuer dar, je mehr man die Erscheinungen
selbst sprechen läßt.
Den Materialismus bekämpfen oder zum Zerrbild machen, kann nicht die
Aufgabe einer geschichtlichen Darstellung sein.
Denn er hat seine eingeschränkte Berechtigung.
Man ist nicht auf falscher Fährte, wenn man die materiell bedingten
Vorgänge der Welt materialistisch darstellt; man gelangt erst dahin, wenn man
nicht zur Einsicht gelangt, daß die Verfolgung der materiellen Zusammenhänge
zuletzt zur Anschauung des Geistes führt.
Behaupten, das Gehirn sei nicht Bedingung des auf Sinnenfälliges sich
beziehenden Denkens, ist eine Verirrung; eine weitere Verirrung ist, daß der
Geist nicht der Schöpfer des Gehirns sei, durch das er in der physischen Welt
sich in Gedankenbildung offenbart.
Goetheanum in Dornach bei Basel
November 1923
Rudolf Steiner
Vorrede zur Neuauflage 1918
Die Gedanken, aus denen die Darstellung dieses Buches entsprungen und von
denen sie getragen ist, habe ich in der hier folgenden “Vorrede” angedeutet.
Ich möchte dem damals Gesagten einiges hinzufügen, das mit einer Frage
zusammenhängt, die bei demjenigen mehr oder weniger bewußt in der Seele lebt,
der zu einem Buche über “Die Rätsel der Philosophie” greift.
Es ist diejenige der Beziehung philosophischer Betrachtung zu dem
unmittelbaren Leben.
Jeder philosophische Gedanke, der nicht von diesem Leben selbst gefordert
wird, ist zur Unfruchtbarkeit verurteilt, auch wenn er diesen oder jenen
Menschen, der eine Neigung zum Nachsinnen hat, eine Weile anzieht.
Ein fruchtbarer Gedanke muß seine Wurzel in den
Entwickelungsvorgängen haben, die von der Menschheit im Verlaufe ihres
geschichtlichen Werdens durchzumachen sind.
Und wer die Geschichte der philosophischen Gedankenentwickelung von
irgendeinem Gesichtspunkte aus darstellen will, der kann sich nur an solche vom
Leben geforderte Gedanken halten.
Es müssen das Gedanken sein, die übergeführt in die Lebenshaltung den
Menschen so durchdringen, daß er an ihnen Kräfte hat, die seine Erkenntnis
leiten, und die ihm bei den Aufgaben seines Daseins Berater und Helfer sein
können.
Weil die Menschheit solche Gedanken braucht, sind philosophische
Weltanschauungen entstanden.
Könnte man das Leben meistern ohne solche Gedanken, so hätte nie ein Mensch
eine wahrhaft innere Berechtigung gehabt, an die “Rätsel der Philosophie” zu
denken.
Ein Zeitalter, das solchem Denken abgeneigt ist, zeigt dadurch nur, daß es
kein Bedürfnis empfindet, das Menschenleben so zu gestalten, daß dieses
wirklich nach allen Seiten seinen Aufgaben gemäß zur Erscheinung kommt.
Aber diese Abneigung rächt sich im Laufe der menschlichen Entwickelung.
Das Leben bleibt verkümmert in solchen Zeitaltern.
Und die Menschen bemerken die Verkümmerung nicht, weil sie von den
Forderungen nichts wissen wollen, die in den Tiefen des Menschenwesens doch
vorhanden bleiben und die sie nur nicht erfüllen.
Ein folgendes Zeitalter bringt die Nichterfüllung zum Vorschein.
Die Enkel finden in der Gestaltung des verkümmerten Lebens etwas vor, das
ihnen die Unterlassung der Großväter angerichtet hat.
Diese Unterlassung der vorhergehenden Zeit ist zum unvollkommenen Leben der
Folgezeit geworden, in das sich diese Enkel hineingestellt finden.
Im Lebensganzen muß Philosophie walten; man kann gegen die Forderung sündigen; aber die Sünde muß ihre Wirkungen hervorbringen.
Den Gang der philosophischen Gedankenentwickelung, das Vorhandensein der
“Rätsel der Philosophie” versteht man nur, wenn man die Aufgabe empfindet,
welche die philosophische Weltbetrachtung für ein ganzes, volles Menschendasein
hat.
Und aus einer solchen Empfindung heraus habe ich über die Entwickelung der
“Rätsel der Philosophie” geschrieben.
Ich habe durch die Darstellung dieser Entwickelung versucht, anschaulich zu machen, daß diese Empfindung eine innerlich berechtigte ist.
Von vornherein wird sich bei manchem gegen diese Empfindung etwas hemmend
aufdrängen, das den Schein einer Tatsache an sich trägt.
Die philosophische Betrachtung soll eine Lebensnotwendigkeit sein: und doch
gibt das menschliche Denken im Laufe seiner Entwickelung nicht eindeutige,
sondern vieldeutige, scheinbar sich ganz widersprechende Lösungen der “Rätsel
der Philosophie”.
Geschiehtliehe Betrachtungen, welche die sich aufdrängenden Widersprüche
durch eine äußerliche Entwickelungsvorstellung begreiflich machen möchten, gibt
es viele.
Sie überzeugen nicht.
Man muß die Entwickelung selbst viel ernster nehmen, als dies gewöhnlich
der Fall ist, wenn man sich auf diesem Felde zurechtfinden will.
Man muß zu der Einsicht kommen, daß es keinen Gedanken geben kann, der
allumfassend die Weltenrätsel ein für allemal zu lösen imstande ist.
Im menschlichen Denken ist es vielmehr so, daß eine gefundene Idee bald
wieder zu einem neuen Rätsel wird.
Und je bedeutungsvoller die Idee ist, je mehr sie Licht wirft für ein
bestimmtes Zeitalter, desto rätselhafter, desto fragwürdiger wird sie in einem
folgenden Zeitalter.
Wer die Geschichte der menschlichen Gedankenentwickelung von einem
wahrhaften Gesichtspunkte aus betrachten will, der muß die Größe der Idee eines
Zeitalters bewundern können und imstande sein, die gleiche Begeisterung dafür
aufzubringen, diese Idee in ihrer Unvollkommenheit in einem folgenden Zeitalter
sich offenbaren zu sehen.
Er muß auch imstande sein, von der Vorstellungsart, zu der er sich selbst
bekennt, zu denken, daß sie in der Zukunft durch eine ganz andere abgelöst
werden wird.
Und dieser Gedanke darf ihn nicht beirren, die “Richtigkeit” der von ihm
errungenen Anschauung voll anzuerkennen.
Die Gesinnung, welche vorangegangene Gedanken als unvollkommene durch die
in der Gegenwart zutage tretenden “vollkommenen” abgetan wähnt, taugt nicht zum
Verstehen der philosophischen Entwickelung der Menschheit.
Ich habe versucht, durch das Erfassen des Sinnes, den es hat, daß ein
folgendes Zeitalter philosophisch das vorangehende widerlegt, den Gang der
menschlichen Gedankenentwickelung zu begreifen.
Welche Ideen ein solches Erfassen zeitigt, habe ich in den einleitenden
Ausführungen “Zur Orientierung über die Leitlinien der Darstellung”
ausgesprochen.
Diese Ideen sind solche, die naturgemäß auf mannigfaltigen Widerstand
stoßen müssen.
Sie werden bei einer ersten Betrachtung so erscheinen, als ob ich sie als
“Einfall” erlebt hätte und durch sie die ganze Darstellung der
Philosophiegeschichte in phantastischer Art vergewaltigen wollte.
Ich kann nur hoffen, daß man doch finden werde, diese Ideen seien nicht
vorher ausgedacht und dann der Betrachtung des philosophischen Werdegangs
aufgedrängt, sondern sie seien so gewonnen, wie der Naturforscher seine Gesetze
findet.
Sie sind aus der Beobachtung der philosophischen Gedankenentwickelung
herausgeflossen.
Und man hat nicht das Recht, die Ergebnisse einer Beobachtung
zurückzuweisen, weil sie Vorstellungen widersprechen, die man aus irgendwelchen
Gedankenneigungen ohne Beobachtung für richtig hält.
Der Aberglaube — denn als solcher zeigen sich solche Vorstellungen —, daß
es im geschichtlichen Werden der Menschheit Kräfte nicht geben könne, die sich
in zu begrenzenden Zeitaltern auf eine eigentümliche Art offenbaren und die in
sinn- und gesetzgemäßer Weise das Werden der menschlichen Gedanken lebensvoll
beherrschen, er wird meiner Darstellung entgegenstehen.
Denn diese war mir aufgezwungen, weil mir die Beobachtung dieses Werdens
das Vorhandensein solcher Kräfte bewiesen hat.
Und weil diese Beobachtung mir gezeigt hat, daß Philosophiegeschichte erst dann eine Wissenschaft wird, wenn sie vor der Anerkennung solcher Kräfte nicht zurückschreckt.
Mir scheint, daß nur möglich ist, in der Gegenwart eine Stellung zu den
“Rätseln der Philosophie” zu gewinnen, die für das Leben fruchtbar ist, wenn
man diese die vergangenen Zeitalter beherrschenden Kräfte kennt.
Und mehr als bei einem anderen Zweige geschichtlicher Betrachtung ist es
bei einer Geschichte der Gedanken das einzig Mögliche, die Gegenwart aus der
Vergangenheit hervorwachsen zu lassen.
Denn in dem Ergreifen derjenigen Ideen, die den Anforderungen der Gegenwart
entsprechen, liegt die Grundlage für diejenige Einsicht, die über das
Vergangene das rechte Licht ausbreitet.
Wer nicht vermag, einen den Triebkräften seines eigenen Zeitalters wahrhaft
angemessenen Weltanschauungsgesichtspunkt zu gewinnen, dem muß auch der Sinn
des vergangenen Geisteslebens verborgen bleiben.
Ich will hier nicht entscheiden, ob auf einem anderen Gebiete
geschichtlicher Betrachtung eine Darstellung fruchtbar sein kann, der nicht
wenigstens eine Ansiebt über die Verhältnisse der Gegenwart auf dem
entsprechenden Gebiete zugrunde liegt.
Auf dem Felde der Gedankengeschichte kann aber eine solche Darstellung nur
unfruchtbar sein.
Denn hier muß das Betrachtete unbedingt mit dem unmittelbaren Leben
zusammenhängen.
Und dieses Leben, in dem der Gedanke Lebenspraxis wird, kann nur dasjenige der Gegenwart sein.
Damit möchte ich die Empfindungen gekennzeichnet haben, aus denen heraus
diese Darstellung der “Rätsel der Philosophie” erwachsen ist.
An dem Inhalte des Buches etwas zu ändern oder ihm etwas hinzuzufügen, dazu
gibt der kurze Zeitraum seit dem Erscheinen der letzten Auflage keine
Veranlassung.
Mai 1918
Rudolf Steiner
Vorrede 1914
Es war nicht meine Empfindung, ein “Gelegenheitsbuch” zum Anfange des
Jahrhunderts zu schreiben, als ich an die Darstellung der “Welt- und
Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert” ging, die 1901 erschienen ist.
Die Einladung, diesen Beitrag zu einem Sammelwerke zu liefern, bildete für
mich nur den äußeren Anstoß, Ergebnisse über die philosophische Entwickelung
seit Kants Zeitalter zusammenzufassen, die ich seit lange für mich gewonnen
hatte und deren Veröffentlichung ich anstrebte.
Als eine Neuauflage des Buches notwendig geworden war, und ich mir seinen
Inhalt wieder vor die Seele treten ließ, drängte sich mir die Erkenntnis auf,
daß durch eine wesentliche Erweiterung der damals gegebenen Darstellung erst
völlig anschaulich werden kann, was durch sie hätte angestrebt werden sollen.
Ich beschränkte mich damals auf die Charakteristik der letzten
hundertdreißig Jahre philosophischer Entwickelung.
Eine solche Beschränkung ist gerechtfertigt, weil diese Entwickelung
wirklich ein in sich geschlossenes Ganzes darstellt und gezeichnet werden
könnte, auch wenn man nicht ein “Jahrhundert-Buch” schreibt.
In meiner Seele aber lebten die philosophischen Anschauungen dieses letzten
Zeitalters so, daß mir überall wie Untertöne bei Darstellung der
philosophischen Fragen die Lösungsversuche der Weltansichtsentwickelung -seit
deren Beginn mitklangen.
Diese Empfindung stellte sich in einem erhöhten Maße ein, als ich an die
Bearbeitung einer neuen Auflage herantrat.
Und damit ist der Grund angedeutet, warum nicht eigentlich eine neue
Auflage des alten, sondern ein neues Buch entstanden ist.
Zwar ist der Inhalt des alten Buches im wesentlichen wörtlieh beibehalten
worden; doch ist ihm vorangestellt worden eine kurze Darstellung der
philosophischen Entwickelung seit dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert, und
im zweiten Bande wird die Charakteristik der Philosophien bis zur Gegenwart
fortgeführt werden.
Außerdem werden die kurzen Bemerkungen am Schlüsse des zweiten Bandes, die
früher mit dem Worte “Ausblick” überschrieben waren, zu einer ausführlichen
Darstellung der Aussichten der philosophischen Erkenntnis in der Gegenwart
umgestaltet.
Man wird gegen die Komposition des Buches manches einwenden können, weil
der Umfang der früheren Ausführungen nicht verkürzt worden, dagegen die
Charakteristik der Philosophien vom sechsten vorchristlichen bis zum
neunzehnten nachchristlichen Jahrhundert nur im kürzesten Umriß dargestellt
worden ist.
Da jedoch mein Ziel nicht nur das ist, einen kurzen Abriß der Geschichte
der philosophischen Fragen zu geben, sondern über diese Fragen und ihre
Lösungsversuche selbst durch ihre geschichtliche Betrachtung zu sprechen, so
hielt ich es für richtig, die größere Ausführlichkeit für das letzte Zeitalter
beizubehalten.
So wie diese Fragen von den Philosophen des neunzehnten Jahrhunderts
angesehen und dargestellt worden sind, Hegt den gewohnten Denkrichtungen und
den philosophischen Bedürfnissen der Gegenwart noch nahe.
Was vorangegangen ist, bedeutet dem gegenwärtigen Seelenleben nur insofern
ein gleiches, als es Licht verbreitet über die letzte Zeitspanne.
— Demselben Bestreben, an der Geschichte der Philosophien die Philosophie selber zu entwickeln, entsprangen die “Ausblicke” am Ende des zweiten Bandes.
Man wird in diesem Buche manches vermissen, was man vielleicht in einer
“Geschichte der Philosophie” suchen könnte, zum Beispiel die Ansichten Hobbes
und vieler anderer.
Mir kam es aber nicht an auf eine Anführung aller philosophischen
Meinungen, sondern auf die Darstellung des Entwicklungsganges der
philosophischen Fragen.
Bei einer solchen Darstellung ist es unangebracht, eine geschichtlich auftretende philosophische Meinung zu verzeichnen, wenn das Wesentliche dieser Meinung in einem anderen Zusammenhange charakterisiert wird.
Wer auch in diesem Buche einen neuen Beweis wird erkennen wollen, daß ich
meine eigenen Anschauungen im Laufe der Jahre “geändert” habe, den werde ich
wohl von einer solchen “Meinung” auch nicht durch den Hinweis abbringen können,
daß die Darstellung der philosophischen Ansichten, welche ich in der ersten
Auflage der “Welt- und Lebensanschauungen” gegeben habe, zwar im einzelnen viel
erweitert und ergänzt, daß aber der Inhalt des alten Buches in das neue im
wesentlichen wörtlich unverändert übergegangen ist.
Die geringfügigen Änderungen, die an einzelnen Stellen vorkommen, schienen
mir notwendig, nicht weil ich das Bedürfnis hatte, das eine oder das andere
nach fünfzehn Jahren anders darzustellen als früher, sondern weil ich fand, daß
eine geänderte Ausdrucksweise durch den größeren Zusammenhang gefordert wird,
in dem dieser oder jener Gedanke in dem neuen Buche erscheint, während im alten
Buche von einem solchen Zusammenhange nicht die Rede war.
— Es wird aber sicherlich immer Menschen geben, die in den
aufeinanderfolgenden Schriften einer Persönlichkeit gerne Widersprüche
konstruieren möchten, weil sie die gewiß nicht unzulässige Erweiterung des Erkenntnisstrebens
einer solchen Persönlichkeit nicht richtig ins Auge fassen können oder wollen.
Daß man bei solcher Erweiterung in späteren Jahren manches anders als in
früheren sagt, bedeutet sicher keinen Widerspruch, wenn man die Übereinstimmung
des einen mit dem anderen nicht im Sinne des Abschreibens des Späteren vom
Früheren, sondern im Sinne der lebendigen Entwicklung einer Persönlichkeit
meint.
Um bei Menschen, die dies außer acht lassen können, nicht der Änderung
seiner Ansichten geziehen zu werden, müßte man eigentlich, wenn Gedanken in
Betracht kommen, immer das gleiche wiederholen.
April 1914
Rudolf Steiner
Erster Band
Zur Orientierung über
die Leitlinien der Darstellung
Verfolgt man, was von Menschen an Geistesarbeit geleistet worden ist, um
die Lösung der Welträtsel und Lebensfragen zu versuchen, so drängen sich der
betrachtenden Seele immer wieder die Worte auf, die im Tempel Apollons wie ein
Wahrspruch aufgezeichnet waren: “Erkenne dich seihst”.
— Daß die menschliche Seele beim Vorstellen dieser Worte eine gewisse
Wirkung empfinden kann, darauf beruht das Verständnis für eine Weltanschauung.
Das Wesen eines lebendigen Organismus führt die Notwendigkeit mit sich,
Hunger zu empfinden; das Wesen der Menschenseele auf einer gewissen Stufe ihrer
Entwickelung erzeugt eine ähnliche Notwendigkeit.
Diese drückt sich in dem Bedürfnisse aus, dem Leben ein geistiges Gut
abzugewinnen, das wie die Nahrung dem Hunger, so der inneren Gemütsforderung
entspricht: “Erkenne dich selbst”.
Diese Empfindung kann die Seele so mächtig ergreifen, daß diese denken muß:
Ich bin in wahrem Sinne des Wortes erst dann ganz Mensch, wenn ich in mir ein
Verhältnis zur Welt ausbilde, das in dem “Erkenne dich selbst” seinen
Grundcharakter hat.
Die Seele kann so weit kommen, diese Empfindung wie ein Aufwachen aus dem Lebenstraume anzusehen, den sie vor dem Erlebnis geträumt hat, das sie mit dieser Empfindung durchmacht.
Der Mensch entwickelt sich in der ersten Zeit seines Lebens so, daß in ihm
die Kraft des Gedächtnisses erstarkt, durch die er im späteren Leben sich
zurückerinnert an seine Erfahrungen bis zu einem gewissen Zeitpunkte der
Kindheit.
Was vor diesem Zeitpunkte liegt, empfindet er als Lebenstraum, aus dem er
erwacht ist.
Die Menschenseele wäre nicht, was sie sein soll, wenn aus dem dumpfen
Kindeserleben nicht diese Erinnerungskraft herauswüchse.
In ähnlicher Art kann die Menschenseele auf einer weiteren Daseinsstufe von
dem Erlebnisse mit dem “Erkenne dich selbst” denken.
Sie kann empfinden, daß alles Seelenleben nicht seinen Anlagen entspricht, das nicht durch dieses Erlebnis aus dem Lebenstraum erwacht.
Philosophen haben oft betont, daß sie in Verlegenheit kommen, wenn sie
sagen sollen, was Philosophie im wahren Sinne des Wortes ist.
Gewiß aber ist, daß man in ihr eine besondere Form sehen muß, demjenigen
menschlichen Seelenbedürfnisse Befriedigung zu geben, das in dem “Erkenne dich
selbst” seine Forderung stellt.
Und von dieser Forderung kann man wissen, wie man weiß, was Hunger ist, trotzdem man vielleicht in Verlegenheit käme, wenn man eine jedermann befriedigende Erklärung des Hungers geben sollte.
Ein Gedanke dieser Art lebte wohl in J. G. Fichtes Seele, als er aussprach, daß die Art der Philosophie, die man
wähle, davon abhänge, was man für ein Mensch sei.
Man kann, belebt von diesem Gedanken, an die Betrachtung der Versuche
herantreten, welche im Verlaufe der Geschichte gemacht worden sind, den Rätseln
der Philosophie Lösungen zu finden.
Man wird in diesen Versuchen dann Offenbarungen der menschlichen Wesenheit
selbst finden.
Denn, obgleich der Mensch seine persönlichen Interessen völlig zum Schweigen zu bringen sucht, wenn er als Philosoph sprechen will, so erscheint doch in einer Philosophie ganz unmittelbar dasjenige, was die menschliche Persönlichkeit durch Entfaltung ihrer ureigensten Kräfte aus sich machen kann.
Von diesem Gesichtspunkte aus kann die Betrachtung der philosophischen
Leistungen über die Welträtsel gewisse Erwartungen erregen.
Man kann hoffen, daß sich aus dieser Betrachtung Ergebnisse gewinnen lassen
über den Charakter der menschlichen Seelenentwickelung.
Und der Schreiber dieses Buches glaubt, daß sich ihm beim Durchwandern der
philosophischen Anschauungen des Abendlandes solche Ergebnisse dargeboten
haben.
Vier deutlich zu unterscheidende Epochen in der Entwickelung des
philosophischen Menschheitsstrebens stellten sich ihm dar.
Er mußte die Unterschiede dieser Epochen so charakteristisch ausgedrückt
finden, wie man die Unterschiede der Arten eines Naturreiches findet.
Das brachte ihn dazu, anzuerkennen, daß die Geschichte der philosophischen
Entwickelung der Menschheit den Beweis erbringe für das Vorhandensein
objektiver — von den Menschen ganz unabhängiger — geistiger Impulse, welche
sich im Zeitenlaufe fortentwickeln.
Und was die Menschen als Philosophen leisten, das erscheint als die
Offenbarung der Entwickelung dieser Impulse, welche unter der Oberfläche der
äußerlichen Geschichte walten.
Es drängt sich die Überzeugung auf, daß ein solches Ergebnis aus der
unbefangenen Betrachtung der geschichtlichen Tatsachen folge, wie ein
Naturgesetz aus der Betrachtung der Naturtatsachen.
Der Schreiber dieses Buches glaubt, daß ihn keine Art von Voreingenommenheit zu einer willkürlichen Konstruktion des geschichtlichen Werdens verführt habe, sondern daß die Tatsachen zwingen, Ergebnisse der angedeuteten Art anzuerkennen.
Es zeigt sich, daß der Entwickelungslauf des philosophischen
Menschheitsstrebens Epochen unterscheiden läßt, deren jede eine Länge von
sieben bis acht Jahrhunderten hat.
In jeder dieser Epochen waltet unter der Oberfläche der äußeren Geschichte ein anderer geistiger Impuls, der gewissermaßen in die menschlichen Persönlichkeiten einstrahlt, und der mit seiner eigenen Fortentwickelung diejenige des menschlichen Philosophierens bewirkt.
Wie die Tatsachen für die Unterscheidung dieser Epochen sprechen, das soll
sich aus dem vorliegenden Buche ergeben.
Dessen Verfasser möchte, so gut er es kann, diese Tatsachen selbst sprechen
lassen.
Hier sollen nur einige Leitlinien vorangesetzt werden, von denen die Betrachtung nicht ausgegangen ist, welche zu diesem Buche geführt hat, sondern welche sich aus dieser Betrachtung als Ergebnis eingestellt haben.
Man kann die Ansicht haben, daß diese Leitlinien am Ende des Buches am
richtigen Orte stünden, da ihre Wahrheit sich erst aus dem Inhalt des
Dargestellten ergibt.
Sie sollen aber als eine vorläufige Mitteilung vorangehen, weil sie die
innere Gliederung der Darstellung rechtfertigen.
Denn obgleich sie für den Verfasser des Buches als Ergebnis seiner
Betrachtungen sich ergaben, so standen sie doch naturgemäß vor seinem Geiste
vor der Darstellung und waren für diese maßgebend.
Für den Leser kann es aber bedeutsam sein, nicht erst am Ende eines Buches
zu erfahren, warum der Verfasser in einer gewissen Art darstellt, sondern schon
während des Lesens über diese Art aus den Gesichtspunkten des Darstellenden
sich ein Urteil bilden zu können.
Doch soll nur dasjenige hier mitgeteilt werden, was für die innere Gliederung der Ausführungen in Betracht kommt.
Die erste Epoche der Entwickelung philosophischer Ansichten beginnt im
griechischen Altertum.
Sie läßt sich deutlich geschichtlich zurückverfolgen bis zu Pherekydes von
Syros und Thales von Milet.
Sie endet mit den Zeiten, in welche die Begründung des Christentums fällt.
Das geistige Streben der Menschheit zeigt in dieser Epoche einen wesentlich
anderen Charakter als in früheren Zeiten.
Es ist die Epoche des erwachenden Gedankenlebens.
Vorher lebt die Menschenseele in bildlichen (sinnbildlichen) Vorstellungen
über die Welt und das Dasein.
— Wie stark man sich auch bemühen möchte, denjenigen recht zu geben, welche
das philosophische Gedankenleben schon in vorgriechischen Zeiten entwickelt
sehen möchten: man kann es bei unbefangener Betrachtung nicht.
Und man muß die echte, in Gedankenform auftretende Philosophie in
Griechenland beginnen lassen.
Was in orientalischen, in ägyptischen Weltbetrachtungen dem Elemente des
Gedankens ähnlich ist, das ist vor echter Betrachtung doch nicht wahrer
Gedanke, sondern Bild, Sinnbild.
In Griechenland wird das Streben geboren, die Weltzusammenhänge durch
dasjenige zu erkennen, was man gegenwärtig Gedanken nennen kann.
— Solange die Menschenseele durch das Bild die Welterscheinungen vorstellt,
fühlt sie sich mit diesen noch innig verbunden.
Sie empfindet sich als ein Glied des Weltorganismus; sie denkt sich nicht
als selbständige Wesenheit von diesem Organismus losgetrennt.
Da der Gedanke in seiner Bildlosigkeit in ihr erwacht, fühlt sie die
Trennung von Welt und Seele.
Der Gedanke wird ihr Erzieher zur Selbständigkeit.
— Nun aber erlebt der Grieche den Gedanken in einer anderen Art als der
gegenwärtige Mensch.
Dies ist eine Tatsache, die leicht außer acht gelassen werden kann.
Doch ergibt sie sich für eine echte Einsicht in das griechische Denken.
Der Grieche empfindet den Gedanken, wie man gegenwärtig eine Wahrnehmung
empfindet, wie man “rot” oder “gelb” empfindet.
Wie man jetzt eine Farbenoder eine Tonwahrnehmung einem “Dinge” zuschreibt,
so schaut der Grieche den Gedanken in und an der Welt der Dinge.
Deshalb bleibt der Gedanke in dieser Zeit noch das Band, das die Seele mit
der Welt verbindet.
Die Loslösung der Seele von der Welt beginnt erst; sie ist noch nicht
vollzogen.
Die Seele erlebt zwar den Gedanken in sich; sie muß aber der Ansicht sein,
daß sie ihn aus der Welt empfangen hat, daher kann sie von dem Gedankenerleben
die Enthüllung der Welträtsel erwarten.
In solchem Gedankenerleben vollzieht sich die philosophische Entwickelung,
die mit Pherekydes und Thales einsetzt, in Plato und Aristoteles einen
Höhepunkt erreicht, und dann abflutet, bis sie in der Zeit der Begründung des
Christentums ihr Ende findet.
Aus den Untergründen der geistigen Entwickelung flutet das Gedankenleben in die Menschenseelen herein und erzeugt in diesen Seelen Philosophien, welche die Seelen zum Erfühlen ihrer Selbständigkeit gegenüber der äußeren Welt erziehen.
In der Zeit des entstehenden Christentums setzt eine neue Epoche ein.
Die Menschenseele kann nun nicht mehr den Gedanken wie eine Wahrnehmung aus
der äußeren Welt empfinden.
Sie fühlt ihn als Erzeugnis ihres eigenen (inneren) Wesens.
Ein viel mächtigerer Impuls, als das Gedankenleben war, strahlt aus den
Untergründen des geistigen Werdens in die Seele herein.
Das Selbstbewußtsein erwacht erst jetzt in einer Art innerhalb der
Menschheit, welche dem eigentlichen Wesen dieses Selbstbewußtseins entspricht.
Was Menschen vorher erlebten, waren doch nur die Vorboten dessen, was man
im tiefsten Sinne innerlich erlebtes Selbstbewußtsein nennen sollte.
Man kann sich der Hoffnung hingeben, daß eine künftige Betrachtung der
Geistesentwickelung die hier gemeinte Zeit diejenige des “Erwachens des
Selbstbewußtseins” nennen wird.
Es wird erst jetzt der Mensch im wahren Sinne des Wortes den ganzen Umfang
seines Seelenlebens als “Ich” gewahr.
Das ganze Gewicht dieser Tatsache wird von den philosophischen Geistern
dieser Zeit mehr dunkel empfunden als deutlich gewußt.
Diesen Charakter behalt das philosophische Streben bis etwa zu Scotus
Erigena (gest. 877 n.Chr.).
Die Philosophen dieser Zeit tauchen mit dem philosophischen Denken ganz in
das religiöse Vorstellen unter.
Durch dieses Vorstellen sucht die Menschenseele, die sich im erwachten
Selbstbewußtsein ganz auf sich gestellt sieht, das Bewußtsein ihrer
Eingliederung in das Leben des Weltorganismus zu gewinnen.
Der Gedanke wird ein bloßes Mittel, um die Anschauung auszudrücken, die man
aus religiösen Quellen über das Verhältnis der Menschenseele zur Welt gewonnen
hat.
Eingebettet in diese Anschauung wächst das Gedankenleben, vom religiösen
Vorstellen genährt, wie der Pflanzenkeim im Schoß der Erde, bis er aus diesem hervorbricht.
In der griechischen Philosophie entfaltet das Gedankenleben seine
Eigenkräfte; es führt die Menschenseele bis zum Erfühlen ihrer Selbständigkeit;
dann bricht aus den Untergründen des Geisteslebens in die Menschheit herein,
was wesentlich anderer Art ist als das Gedankenleben.
Was die Seele erfüllt mit neuem inneren Erleben, was sie gewahr werden
läßt, daß sie eine eigene, auf ihrem inneren Schwerpunkt ruhende Welt ist.
Das Selbstbewußtsein wird zunächst erlebt, noch nicht gedanklich erfaßt.
Der Gedanke entwickelt sich weiter im Verborgenen in der Wärme des
religiösen Bewußtseins.
So verlaufen die ersten sieben bis acht Jahrhunderte nach der Begründung des Christentums.
Die nächste Epoche zeigt einen völlig anderen Charakter.
Die führenden Philosophen fühlen die Kraft des Gedankenlebens wieder
erwachen.
Die Menschenseele hat die durch Jahrhunderte durchlebte Selbständigkeit
innerlich befestigt.
Sie beginnt zu suchen: was denn eigentlich ihr ureigenster Besitz ist.
Sie findet, daß dies das Gedankenleben ist.
Alles andere wird ihr von außen gegeben; den Gedanken erzeugt sie aus den
Untergründen ihrer eigenen Wesenheit heraus, so daß sie bei diesem Erzeugen mit
vollem Bewußtsein dabei ist.
Der Trieb entsteht in ihr, in den Gedanken eine Erkenntnis zu gewinnen,
durch die sie sich über ihr Verhältnis zur Welt aufklären kann.
Wie kann in dem Gedankenleben sich etwas aussprechen, was nicht bloß von der Seele erdacht ist?
Das wird die Frage der Philosophen dieses Zeitalters.
Die Geistesströmungen des Nominalismus, des Realismus, der Scholastik, der
mittelalterlichen Mystik: sie offenbaren diesen Grundcharakter der Philosophie
dieses Zeitalters.
Die Menschenseele versucht, das Gedankenleben auf seinen Wirklichkeitscharakter hin zu prüfen.
Mit dem Ablauf dieser dritten Epoche ändert sich der Charakter des
philosophischen Strebens.
Das Selbstbewußtsein der Seele ist erstarkt durch die jahrhundertelange
innere Arbeit, die in der Prüfung der Wirklichkeit des Gedankenlebens geleistet
worden ist.
Man hat gelernt, das Gedankenleben mit dem Wesen der Seele verbunden zu
fühlen und in dieser Verbindung eine innere Sicherheit des Daseins zu
empfinden.
Wie ein mächtiger Stern leuchtet am Geisteshimmel als Wahrzeichen für diese
Entwickelungsstufe das Wort “Ich denke, also bin ich”, das Descartes
(1596-1650) ausspricht.
Man fühlt das Wesen der Seele in dem Gedankenleben strömen; und in dem
Wissen von diesem Strömen vermeint man das wahre Sein der Seele selbst zu
erleben.
So sicher fühlt man sich innerhalb dieses im Gedankenleben erschauten
Daseins, daß man zu der Überzeugung kommt, wahre Erkenntnis könne nur diejenige
sein, die so erlebt wird, wie in der Seele das auf sich selbst gebaute
Gedankenleben erfahren werden muß.
Dies wird der Gesichtspunkt Spinozas (1632-1677).
— Philosophien entstehen nunmehr, welche das Weltbild so gestalten, wie es
vorgestellt werden muß, wenn die durch das Gedankenleben erfaßte selbstbewußte
Menschenseele in ihm den angemessenen Platz haben soll.
Wie muß die Welt vorgestellt werden, damit in ihr die Menschenseele so gedacht werden kann, wie sie gedacht werden muß im Sinne dessen, was man über das Selbstbewußtsein vorzustellen hat?
Das wird die Frage, welche bei unbefangener Betrachtung der Philosophie Giordano Brunos (1548 bis 1600) zugrunde liegt; und die ganz deutlich sich als diejenige ergibt, für welche Leibniz (1646-1716) die Antwort sucht.
Mit Vorstellungen eines Weltbildes, die aus solcher Frage entstehen,
beginnt die vierte Epoche der Entwickelung der philosophischen Weltansichten.
Unsere Gegenwart bildet erst ungefähr die Mitte dieses Zeitalters.
Die Ausführungen dieses Buches sollen zeigen, wie weit die philosophische
Erkenntnis im Erfassen eines Weltbildes gelangt ist, innerhalb dessen die
selbstbewußte Seele für sich einen solch sicheren Platz findet, daß sie ihren
Sinn und ihre Bedeutung im Dasein verstehen kann.
Als in der ersten Epoche des philosophischen Strebens dieses aus dem erwachten Gedankenleben seine Kräfte empfing, da erstand ihm die Hoffnung, eine Erkenntnis zu gewinnen von einer Welt, der die Menschenseele mit ihrer wahren Wesenheit angehört; mit derjenigen Wesenheit, die nicht erschöpft ist mit dem Leben, das durch den Sinnenleib seine Offenbarung findet.
In der vierten Epoche setzen die aufblühenden Naturwissenschaften dem
philosophischen Weltbild ein Naturbild an die Seite, das allmählich sich
selbständig auf einen eigenen Boden stellt.
In diesem Naturbilde findet sich mit fortschreitender Entwickelung nichts
mehr von der Welt, welche das selbstbewußte Ich (die sich als selbstbewußte
Wesenheit erlebende Menschenseele) in sich anerkennen muß.
In der ersten Epoche beginnt die Menschenseele sich von der Außenwelt
loszulösen und eine Erkenntnis zu entwickeln, welche sich dem seelischen
Eigenleben zuwendet.
Dieses seelische Eigenleben findet seine Kraft in dem erwachenden
Gedankenelemente.
In der vierten Epoche tritt ein Naturbild auf, das sich seinerseits von dem
seelischen Eigenleben losgelöst hat.
Es entsteht das Bestreben, die Natur so vorzustellen, daß in die Vorstellungen
von ihr sich nichts von dem einmischt, was die Seele aus sich und nicht aus der
Natur selbst schöpft.
So findet sich in dieser Epoche die Seele mit ihrem inneren Erleben auf
sich selbst zurückgewiesen.
Es droht ihr, sich eingestehen zu müssen, daß alles, was sie von sich
erkennen kann, auch nur für sie selbst eine Bedeutung habe und keinen Hinweis
enthielte auf eine Welt, in der sie mit ihrem wahren Wesen wurzelt.
Denn in dem Naturbilde kann sie von sich selbst nichts finden.
Die Entwickelung des Gedankenlebens ist durch vier Epochen fortgeschritten.
In der ersten wirkt der Gedanke wie eine Wahrnehmung von außen.
Er stellt die erkennende Menschenseele auf sich selbst.
In der zweiten hat er seine Kraft nach dieser Richtung erschöpft.
Die Seele erstarkt in dem Selbsterleben ihres Eigenwesens; der Gedanke lebt
im Untergründe und verschmilzt mit der Selbsterkenntnis.
Er kann nun nicht mehr wie eine Wahrnehmung von außen angesehen werden.
Die Seele lernt ihn fühlen als ihr eigenes Erzeugnis.
Sie muß dazu kommen, sich zu fragen: was hat dieses innere Seelenerzeugnis mit einer Außenwelt zu tun?
Im Lichte dieser Frage läuft die dritte Epoche ab.
Die Philosophen entwickeln ein Erkenntnisleben, das den Gedanken in bezug
auf seine innere Kraft erprobt.
Die philosophische Stärke dieser Epoche offenbart sich als ein Einleben in
das Gedankenelement, als Kraft, den Gedanken in seinem eigenen Wesen
durchzuarbeiten.
Im Verlauf dieser Epoche nimmt das philosophische Leben zu in der
Fähigkeit, sich des Gedankens zu bedienen.
— Im Beginne der vierten Epoche will das erkennende Selbstbewußtsein, von
seinem Gedankenbesitze aus, ein philosophisches Weltbild gestalten.
Ihm tritt das Naturbild entgegen, das von diesem Selbstbewußtsein nichts
aufnehmen will.
Und die selbstbewußte Seele steht vor diesem Naturbilde mit der Empfindung: wie gelange ich zu einem Weltbilde, in dem die Innenwelt mit ihrer wahren Wesenheit und die Natur zugleich sicher verankert sind?
Der Impuls, der aus
dieser Frage stammt, beherrscht — den Philosophen mehr oder weniger bewußt —
die philosophische Entwickelung seit dem Beginn der vierten Epoche.
Und er ist der maßgebende Impuls im philosophischen Leben der Gegenwart.
In diesem Buche sollen die einzelnen Tatsachen charakterisiert werden,
welche das Walten dieses Impulses offenbaren.
Der erste Band des Buches wird die philosophische Entwickelung bis zur Mitte des neunzehntes Jahrhunderts darstellen; der zweite wird diese Entwickelung bis zur Gegenwart verfolgen und am Schlüsse zeigen, wie die bisherige philosophische Entwickelung die Seele auf Ausblicke in ein werdendes menschliches Erkenntnisleben hinweist, durch welches die Seele ein Weltbild aus ihrem Selbstbewußtsein entfalten kann, in dem ihre eigene wahre Wesenheit zugleich mit dem Bilde der Natur, das die neuere Entwickelung gebracht hat, vorgestellt werden kann.
Ein der Gegenwart entsprechender philosophischer Ausblick sollte in diesem Buche aus der geschichtlichen Entwickelung der philosophischen Weltansichten heraus entfaltet werden.
Die Weltanschauung der Griechischen Denker
In Pherekydes von Syros, der im sechsten vorchristlichen Jahrhundert
lebte, erscheint innerhalb des griechischen Geisteslebens eine Persönlichkeit,
an welcher man die Geburt dessen beobachten kann, was in den folgenden
Ausführungen “Welt- und Lebensanschauungen” genannt wird.
Was er über die Weltenfragen zu sagen hat, gleicht auf der einen Seite noch
den mythischen und bildhaften Darstellungen einer Zeit, die vor dem Streben
nach wissenschaftlicher Weltanschauung liegt; auf der anderen Seite ringt sich
bei ihm das Vorstellen durch das Bild, durch den Mythus, zu einer Betrachtung
durch, die durch Gedanken die Rätsel des Daseins und der Stellung des Menschen
in der Welt durchdringen will.
Er
stellt noch die Erde vor unter dem Bilde einer geflügelten Eiche,
welcher Zeus die Oberfläche von Land, Meer, Flüssen usw. wie ein Gewebe
umlegt; er denkt sich die Welt durchwirkt von Geistwesen,
von welchen die griechische Mythologie spricht.
— Doch spricht er auch von drei Ursprüngen der Welt: von Chronos, von Zeus und von Chthon.
Es ist in der Geschichte der Philosophie viel darüber verhandelt worden,
was unter diesen drei Ursprüngen des Pherekydes zu verstehen sei.
Da sich die geschichtlichen Nachrichten über das, was er in seinem Werke
“Heptamychos” habe darstellen wollen, widersprechen, so ist begreiflich, daß
darüber auch gegenwärtig die Meinungen voneinander abweichen.
Wer sich auf das geschichtlich über Pherekydes Überlieferte betrachtend einläßt, kann den Eindruck bekommen, daß allerdings an ihm der Anfang des philosophischen Nachdenkens beobachtet werden kann, daß aber diese Beobachtung schwierig ist, weil seine Worte in einem Sinne genommen werden müssen, welcher den Denkgewohnheiten der Gegenwart ferne liegt und der erst gesucht werden muß.
Den Ausführungen dieses Buches, das ein Bild der Welt- und
Lebensanschauungen des neunzehnten Jahrhunderts geben soll, wird bei seiner
zweiten Ausgabe eine kurze Darstellung der vorangehenden Welt- und
Lebensanschauungen vorgesetzt, insofern diese Weltanschauungen auf gedanklicher
Erfassung der Welt beruhen.
Es geschieht dies aus dem Gefühle heraus, daß die Ideen des vorigen
Jahrhunderts in ihrer inneren Bedeutung sich besser enthüllen, wenn sie nicht
nur für sich genommen werden, sondern wenn auf sie die Gedankenlichter der
vorangehenden Zeiten fallen.
Naturgemäß kann aber in einer solchen “Einleitung” nicht alles
“Beweismaterial” verzeichnet werden, das der kurzen Skizze zur Unterlage dienen
muß.
(Wenn es dem Schreiber dieser Ausführungen einmal gegönnt sein wird, die
Skizze zu einem selbständigen Buche zu machen, dann wird man ersehen, daß die
entsprechende “Unterlage” durchaus vorhanden ist.
Auch zweifelt der Verfasser nicht, daß andere, welche in dieser Skizze eine Anregung sehen wollen, in dem geschichtlich Überlieferten die “Beweise” finden werden.)
Pherekydes kommt zu seinem Weltbilde auf andere Art, als man vor ihm
zu einem solchen gekommen ist.
Das Bedeutungsvolle bei ihm ist, daß er den Menschen als beseeltes Wesen
anders empfindet, als dies vor ihm geschehen ist.
Für das frühere Weltbild hat der Ausdruck “Seele” noch nicht den Sinn,
welchen er für die späteren Lebensauffassungen erhalten hat.
Auch bei Pherekydes ist die Idee der Seele noch nicht in der Art vorhanden
wie bei den ihm folgenden Denkern.
Er empfindet erst das Seelische des Menschen, wogegen die Späteren von ihm
deutlich — in Gedanken — sprechen und es charakterisieren wollen.
— Die Menschen früher Zeiten trennen das eigene menschliche Seelen-Erleben
noch nicht von dem Naturleben ab.
Sie stellen sich nicht als ein besonderes Wesen neben die Natur hin; sie
erleben sich in der Natur, wie sie in derselben Blitz und Donner, das Treiben
der Wolken, den Gang der Sterne, das Wachsen der Pflanzen erleben.
Was die Hand am eigenen Leibe bewegt, was den Fuß auf die Erde setzt und
vorschreiten läßt, gehört für den vorgeschichtlichen Menschen einer Region von
Weltenkräften an, die auch den Blitz und das Wolkentreiben, die alles äußere
Geschehen bewirken.
Was dieser Mensch empfindet, läßt sich etwa so aussprechen: Etwas läßt
blitzen, donnern, regnen, bewegt meine Hand, läßt meinen Fuß vorwärts
schreiten, bewegt die Atemluft in mir, wendet meinen Kopf.
— Man muß, wenn man eine derartige Erkenntnis ausspricht, sich solcher
Worte bedienen, welche auf den ersten Eindruck hin übertrieben scheinen können.
Doch wird nur durch das scheinbar übertrieben klingende Wort die richtige
Tatsache voll empfunden werden können.
Ein Mensch, welcher ein Weltbild hat, wie es hier gemeint ist, empfindet in
dem Regen, der zur Erde fällt, eine Kraft wirkend, die man gegenwärtig
“geistig” nennen muß, und die gleichartig ist mit derjenigen, die er empfindet,
wenn er sich zu dieser oder jener persönlichen Betätigung anschickt.
Von Interesse kann es sein, diese Vorstellungsart bei Goethe, in dessen
jüngeren Jahren, wiederzufinden, naturgemäß in jener Schattierung, welche sie
bei einer Persönlichkeit des achtzehnten Jahrhunderts haben muß.
Man kann in Goethes Aufsatz “Die Natur” lesen:
“Sie (die Natur) hat mich
hereingestellt, sie wird mich auch herausführen.
Ich vertraue mich ihr.
Sie mag mit mir schalten.
Sie wird ihr Werk nicht hassen.
Ich sprach nicht von ihr.
Nein, was wahr ist und was falsch ist, alles hat sie gesprochen.
Alles ist ihre Schuld, alles ihr Verdienst.” —
So, wie Goethe spricht, kann
man nur sprechen, wenn man das eigene Wesen innerhalb des Naturganzen fühlt und
man dieses Gefühl durch die denkende Betrachtung zum Ausdrucke bringt.
Wie er dachte, empfand der Mensch der Vorzeit, ohne daß sich sein
Seelenerlebnis zum Gedanken bildete.
Er erlebte noch nicht den Gedanken; dafür aber gestaltete sich in seiner
Seele, anstatt des Gedankens, das Bild (Sinnbild).
Die Beobachtung der Menschheitsentwickelung führt in eine Zeit zurück, in
welcher die gedanklichen Erlebnisse noch nicht geboren waren, in welcher aber
im Innern des Menschen das Bild (Sinnbild) auflebte, wie beim später lebenden
Menschen der Gedanke auflebt, wenn er die Weltenvorgänge betrachtet.
Das Gedankenleben entsteht für den Menschen in einer bestimmten Zeit; es bringt das vorherige Erleben der Welt in Bildern zum Erlöschen.
Für die Denkgewohnheiten unserer Zeit erscheint es annehmbar, sich vorzustellen: in der Vorzeit haben die Menschen die Naturvorgänge, Wind und Wetter, das Keimen des Samens, den Gang der Sterne beobachtet und sich zu diesen Vorgängen geistige Wesenheiten, als die tätigen Bewirker, hinzuerdichtet; dagegen liegt es dem gegenwärtigen Bewußtsein ferne, anzuerkennen, daß der Mensch der Vorzeit die Bilder so erlebt hat, wie der spätere Mensch die Gedanken erlebte — als seelische Wirklichkeit.
Man wird allmählich erkennen, daß im Laufe der Menschheitsentwickelung eine
Umwandlung der menschlichen Organisation stattgefunden hat.
Es gab eine Zeit, in der die feinen Organe in der menschlichen Natur noch nicht ausgebildet waren, welche ermöglichen, ein inneres abgesondertes Gedankenleben zu entwickeln; in dieser Zeit hatte dafür der Mensch die Organe, die ihm sein MitErleben mit der Welt in Bildern vorstellten.
Wenn man dieses erkennen wird, wird ein neues Licht fallen auf die
Bedeutung des Mythus einerseits und auch auf diejenige von Dichtung und
Gedankenleben andererseits.
Als das innerlich selbständige Gedanken-Erleben auftrat, brachte es das
frühere Bild-Erleben zum Erlöschen.
Es trat der Gedanke auf als das Werkzeug der Wahrheit.
In ihm lebte aber nur ein Ast des alten Bild-Erlebens fort, das sich im
Mythus seinen Ausdruck geschaffen hatte.
In einem anderen Aste lebte das erloschene Bild-Erleben weiter, allerdings
in abgeblaßter Gestalt, in den Schöpfungen der Phantasie, der Dichtung.
— Dichterische Phantasie und gedankliche Weltanschauung sind die beiden Kinder der einen Mutter, des alten Bild-Erlebens, das man nicht mit dem dichterischen Erleben verwechseln darf.
Das Wesentliche, worauf es ankommt, ist die Umwandlung der feineren
Organisation des Menschen.
Diese führte das Gedankenleben herbei.
In der Kunst, in der Dichtung wirkt naturgemäß nicht der Gedanke als
solcher; es wirkt das Bild weiter.
Aber es hat nunmehr ein anderes Verhältnis zur menschlichen Seele, als es
es hatte in der Gestalt, in welcher es sich auch noch als Erkenntnisbild
formte.
Als Gedanke selbst tritt das seelische Erleben nur in der Weltanschauung auf; die anderen Zweige des menschlichen Lebens formen sich in anderer Art entsprechend um, wenn im Erkenntnisgebiete der Gedanke herrschend wird.
Mit dem dadurch charakterisierten Fortschritt der menschlichen Entwickelung
hängt zusammen, daß sich der Mensch vom Auftreten des Gedanken-Erlebens an in
ganz anderem Sinne als abgesondertes Wesen, als “Seele” fühlen mußte, als das
früher der Fall war.
Das “Bild” wurde so erlebt, daß man empfand: es ist in der Außenwelt als
Wirklichkeit, und man erlebt diese Wirklichkeit mit, man ist mit ihr verbunden.
Mit dem “Gedanken” wie auch mit dem dichterischen Bilde fühlt sich der
Mensch von der Natur abgesondert; er fühlt sich im Gedanken-Erlebnis als etwas,
was die Natur so nicht miterleben kann, wie er es erlebt.
Es entsteht immer mehr die deutliche Empfindung des Gegensatzes von Natur und Seele.
In den verschiedenen Kulturen der Volker hat sich der Übergang von dem
alten Bild-Erleben zum Gedanken-Erleben zu verschiedenen Zeitpunkten vollzogen.
In Griechenland kann man diesen Übergang belauschen, wenn man den Blick auf
die Persönlichkeit des Pherekydes wirft.
Er lebt in einer Vorstellungswelt, an welcher das BildErleben und der
Gedanke noch gleichen Anteil haben.
Es können seine drei Grundideen, Zeus, Chronos, Chthon, nur so vorgestellt
werden, daß die Seele, indem sie sie erlebt, sich zugleich dem Geschehen der
Außenwelt angehörig fühlt.
Man hat es mit drei erlebten Bildern zu tun und kommt diesen nur bei, wenn man sich nicht beirren läßt von allem, was die gegenwärtigen Denkgewohnheiten dabei vorstellen möchten.
Chronos ist nicht die Zeit, wie man sie gegenwärtig vorstellt.
Chronos ist ein Wesen, das man mit heutigem Sprachgebrauch “geistig” nennen
kann, wenn man sich dabei bewußt ist, daß man den Sinn nicht erschöpft.
Chronos lebt, und seine Tätigkeit ist das Verzehren, Verbrauchen des Lebens
eines anderen Wesens, Chthon.
In der Natur waltet Chronos, im Menschen waltet Chronos; in Natur und
Mensch verbraucht Chronos Chthon.
Es ist einerlei, ob man das Verzehren des Chthon durch Chronos innerlich
erlebt oder äußerlich in den Naturvorgängen ansieht.
Denn auf beiden Gebieten geschieht dasselbe.
Verbunden mit diesen beiden Wesen ist Zeus, den man sich im Sinne des Pherekydes ebensowenig als Götterwesen im Sinne der gegenwärtigen Auffassung von Mythologie vorstellen darf, wie als bloßen “Raum” in heutiger Bedeutung, obwohl er das Wesen ist, welches das, was zwischen Chronos und Chthon vorgeht, zur räumlichen, ausgedehnten Gestaltung schafft.
Das Zusammenwirken von Chronos, Chthon, Zeus im Sinne des Pherekydes wird
unmittelbar im Bilde erlebt, wie die Vorstellung erlebt wird, daß man ißt; es
wird aber auch in der Außenwelt erlebt, wie die Vorstellung der blauen oder
roten Farbe erlebt wird.
Dies Erleben kann man in folgender Art vorstellen.
Man lenke den Blick auf das Feuer, welches die Dinge verzehrt.
In der Tätigkeit des Feuers, der Wärme, lebt sich Chronos dar.
Wer das Feuer in seiner Wirksamkeit anschaut und noch nicht den
selbständigen Gedanken, sondern das Bild wirksam hat, der schaut Chronos.
Er schaut mit der Feuerwirksamkeit — nicht mit dem sinnlichen Feuer —
zugleich die “Zeit”.
Eine andere Vorstellung von der Zeit gibt es vor der Geburt des Gedankens
noch nicht.
Was man gegenwärtig “Zeit” nennt, ist erst eine im Zeitalter der
gedanklichen Weltanschauung ausgebildete Idee.
— Lenkt man den Blick auf das Wasser, nicht wie es als Wasser ist, sondem
wie es sich in Luft oder Dampf verwandelt, oder auf die sich auflösenden
Wolken, so erlebt man im Bilde die Kraft des “Zeus”, des räumlich wirksamen
Verbreiterers; man könnte auch sagen: des sich “strahlig” Ausdehnenden.
Und schaut man das Wasser, wie es zum Festen wird, oder das Feste, wie es
sich in Flüssiges bildet, so schaut man Chthon.
Chthon ist etwas, was dann später im Zeitalter der gedankenmäßigen Weltanschauungen zur “Materie”, zum “Stoffe” geworden ist; Zeus ist zum “Äther” oder auch zum “Raum” geworden; Chronos zur “Zeit”.
Durch das Zusammenwirken dieser drei Urgründe stellt sich im Sinne des
Pherekydes die Welt her.
Es entstehen durch dieses Zusammenwirken auf der einen Seite die sinnlichen
Stoff weiten: Feuer, Luft, Wasser, Erde; auf der anderen Seite eine Summe von
unsichtbaren, übersinnlichen Geistwesen, welche die vier Stoffwelten beleben.
Zeus, Chronos, Chthon sind Wesenheiten, denen gegenüber die Ausdrücke
“Geist, Seele, Stoff” wohl gebraucht werden können, doch wird die Bedeutung
damit nur annähernd bezeichnet.
Erst durch die Verbindung dieser drei Urwesen entstehen die mehr
stofflichen Weltenreiche, das des Feuers, der Luft, des Wassers, der Erde und
die mehr seelischen und geistigen (übersinnlichen) Wesenheiten.
Mit einem Ausdruck der späteren Weltanschauungen kann man Zeus als
“Raum-Äther”, Chronos als “Zeit-Schöpfer” und Chthon als “Stoff-Erbringer” die
drei “Urmütter” der Welt nennen.
Man sieht sie noch in Goethes “Faust” durchblicken, in der Szene des zweiten Teiles, wo Faust den Gang zu den “Müttern” antritt.
So wie bei Pherekydes diese drei Urwesen auftreten, weisen sie zurück auf
Vorstellungen bei Vorgängern dieser Persönlichkeit, auf die sogenannten
Orphiker.
Diese sind Bekenner einer Vorstellungsart, welche noch ganz in der alten
Bildhaftigkeit lebt.
Bei ihnen finden sich auch drei Urwesen, Zeus, Chronos und das Chaos.
Neben diesen drei “Urmüttern” sind diejenigen des Pherekydes um einen Grad
weniger bildhaft.
Pherekydes versucht eben schon mehr durch das Gedankenleben zu ergreifen,
was die Orphiker noch völlig im Bilde hielten.
Deshalb erscheint er als die Persönlichkeit, bei welcher man von der
“Geburt des Gedankenlebens” sprechen kann.
— Dies drückt sich weniger durch die gedankliche Fassung der orphischen
Vorstellungen bei Pherekydes aus, als durch eine gewisse Grundstimmung seiner
Seele, die sich dann in einer ähnlichen Art bei manchem philosophierenden
Nachfolger des Pherekydes in Griechenland wiederfindet.
Pherekydes sieht sich nämlich gezwungen, den Ursprung der Dinge in dem
“Guten” (Ariston) zu sehen.
Mit den “mythischen Götterwelten” der alten Zeit konnte er diesen Begriff
nicht verbinden.
Den Wesen dieser Welt kamen Seeleneigenschaften zu, die mit diesem Begriffe
nicht verträglich waren.
In seine drei “Urgründe” konnte Pherekydes nur den Begriff des “Guten”, des Vollkommenen hineindenken.
Damit hängt zusammen, daß mit der Geburt des Gedankenlebens eine
Erschütterung des seelischen Empfindens verbunden war.
Man soll dieses seelische Erlebnis da nicht übersehen, wo die gedankliche
Weltanschauung ihren Anfang hat.
Man hätte in diesem Anfang nicht einen Fortschritt empfinden können, wenn
man mit dem Gedanken nicht etwas Vollkommneres hätte zu erfassen geglaubt, als
mit dem alten Bild-Erleben erreicht war.
Es ist ganz selbstverständlich, daß innerhalb dieser Stufe der
Weltanschauungsentwickelung die hier gemeinte Empfindung nicht klar
ausgesprochen wurde.
Empfunden aber wurde, was man jetzt rückblickend auf die alten griechischen
Denker klar aussprechen darf.
— Man empfand: die von den unmittelbaren Vorfahren erlebten Bilder führten
nicht zu den höchsten, den vollkommensten Urgründen.
In diesen Bildern zeigten sich nur weniger vollkommene Urgründe.
Der Gedanke müsse sich erheben zu den noch höheren Urgründen, von denen das in Bildern Geschaute nur die Geschöpfe sind.
Durch den Fortschritt zum Gedankenleben zerfiel die Welt für das Vorstellen
in eine mehr natürliche und eine mehr geistige Sphäre.
In dieser geistigen Sphäre, die man jetzt erst empfand, mußte man das
fühlen, was ehedem in Bildern erlebt worden war.
Dazu kam jetzt noch die Vorstellung eines Höheren, was erhaben über dieser
älteren geistigen Welt und über der Natur gedacht wird.
Zu diesem Erhabenen wollte der Gedanke dringen.
In der Region dieses Erhabenen sucht Pherekydes seine “drei Urmütter”.
— Ein Blick auf die Welterscheinungen kann veranschaulichen, von welcher
Art die Vorstellungen waren, die bei einer Persönlichkeit wie Pherekydes Platz
griffen.
In seiner Umwelt findet der Mensch eine allen Erscheinungen zugrunde
liegende Harmonie, wie sie sich in den Bewegungen der Gestirne, in dem Gang der
Jahreszeiten mit den Segnungen des Pflanzenwachstums usw. zum Ausdrucke bringt.
In diesen segensvollen Lauf der Dinge greifen die hemmenden, zerstörenden
Mächte ein, wie sie sich in den schädlichen Wetterwirkungen, in Erdbeben usw. ausdrücken.
Wer den Blick auf alles dieses wendet, kann auf eine Zweiheit der waltenden
Mächte geführt werden.
Doch bedarf die menschliche Seele der Annahme einer zugrunde liegenden
Einheit.
Sie empfindet naturgemäß: der verheerende Hagel, das zerstörende Erdbeben,
sie müssen schließlich aus derselben Quelle stammen wie die segenbringende
Ordnung der Jahreszeiten.
Der Mensch blickt auf diese Art durch Gutes und Schlechtes hindurch auf ein
Urgutes.
In dem Erdbeben waltet dieselbe gute Kraft wie in dem Frühlingssegen.
In der austrocknenden verödenden Sonnenhitze ist dieselbe Wesenheit tätig,
welche das Samenkorn zur Reife bringt.
Also auch in den schädlichen Tatsachen sind die “guten Urmütter”.
Wenn der Mensch dieses fühlt, stellt sich ein gewaltiges Weltenrätsel vor
seine Seele hin.
Pherekydes blickt, um es sich zu lösen, zu seinem Ophioneus hin.
Sich anlehnend an die alten Bildervorstellungen, erscheint ihm Ophioneus
wie eine Art “Weltenschlange”.
In Wirklichkeit ist dies ein Geistwesen, welches wie alle anderen Weltwesen
zu den Kindern von Chronos, Zeus und Chthon gehört, jedoch sich nach seiner
Entstehung so gewandelt hat, daß seine Wirkungen sich gegen die Wirkungen der
“guten Urmütter” richten.
Damit aber zerfällt die Welt in eine Dreiheit.
Das erste sind die “Urmütter”, die als gut, als vollkommen dargestellt werden, das zweite sind die segensreichen Weltvorgänge, das dritte die zerstörenden oder nur unvollkommenen Weltvorgänge, welche sich als Ophioneus in die Segenswirkungen hineinwinden.
Bei Pherekydes ist Ophioneus nicht etwa eine bloße symbolische Idee für die
hemmenden, zerstörenden Weltenmächte.
Pherekydes steht mit seinem Vorstellen an der Grenze zwischen Bild und
Gedanken.
Er denkt nicht etwa: es gibt verheerende Mächte, ich stelle sie mir unter
dem Bilde des Ophioneus vor.
Solch ein Gedankenprozeß ist bei ihm auch nicht als Phantasietätigkeit
vorhanden.
Er blickt auf die hemmenden Kräfte, und unmittelbar steht vor seiner Seele Ophioneus, wie die rote Farbe vor der Seele steht, wenn der Blick auf die Rose geworfen wird.
Wer die Welt nur sieht, wie sie sich der Bildwahrnehmung darbietet, der
unterscheidet zunächst im Gedanken nicht die Vorgänge der “guten Urmütter” und
diejenigen des Ophioneus.
An der Grenze zur gedanklichen Weltanschauung hin wird die Notwendigkeit
dieser Unterscheidung empfunden.
Denn mit diesem Fortschritte erst fühlt sich die Seele als ein
abgesondertes, selbständiges Wesen.
Sie fühlt, daß sie sich fragen muß: Woher stamme ich selbst?
Und sie muß
ihren Ursprung suchen in Weltentiefen, wo Chronos, Zeus und Chthon noch nicht
ihren Widersacher neben sich hatten.
Doch fühlt die Seele auch, daß sie von diesem ihrem Ursprünge zunächst
nichts wissen kann.
Denn sie sieht sich inmitten der Welt, in welcher die “guten Urmütter” mit
Ophioneus zusammenwirken; sie fühlt sich in einer Welt, in der Vollkommenes und
Unvollkommenes miteinander verbunden sind.
Ophioneus ist in ihr eigenes Wesen mit hineinverschlungen.
Man fühlt, was in den Seelen einzelner Persönlichkeiten im sechsten
vorchristlichen Jahrhundert vorgegangen ist, wenn man die charakterisierten
Empfindungen auf sich wirken läßt.
Mit den alten mythischen Götterwesen fühlten sich solche Seelen in die unvollkommene
Welt hinein verstrickt.
Diese Götterwesen gehörten derselben unvollkommenen Welt an wie sie selber.
Aus solcher Stimmung heraus entstand ein Geistesbund wie der von Pythagoras
aus Samos zwischen den Jahren 540 und 500 v.Chr. in Kroton in Großgriechenland gegründete.
Pythagoras wollte die sich zu ihm bekennenden Menschen zum Empfinden der
“guten Urmütter” zurückführen, in denen der Ursprung ihrer Seelen vorgestellt
werden sollte.
In dieser Beziehung kann gesagt werden, daß er und seine Schüler “anderen”
Göttern dienen wollten als das Volk.
Und damit war gegeben, was als der Bruch erscheinen muß zwischen solchen
Geistern wie Pythagoras und dem Volke.
Dieses fühlte sich mit seinen Göttern wohl; er mußte diese Götter in das
Reich des Unvollkommenen verweisen.
Darin ist auch das “Geheimnis” zu suchen, von dem im Zusammenhang mit
Pythagoras gesprochen wird, und das den nicht Eingeweihten nicht verraten
werden durfte.
Es bestand darinnen, daß sein Denken der Menschenseele einen anderen
Ursprung zusprechen mußte als den Götterseelen der Volksreligion.
Auf dieses “Geheimnis” sind zuletzt die zahlreichen Angriffe
zurückzuführen, welche Pythagoras erfahren hat.
Wie sollte er anderen als denen, welche er erst sorgfältig für solche
Erkenntnis vorbereitete, klarmachen, daß sie “als Seelen” sich sogar in einem
gewissen Sinne als höherstehend ansehen dürften als die Volksgötter stehen.
Und wie sollte sich anders als in einem Bunde mit streng geregelter
Lebensweise durchführen lassen, daß sich die Seelen ihres hohen Ursprungs
bewußt wurden und doch sich verstrickt in die Unvollkommenheit fühlten.
Durch letzteres Fühlen sollte ja das Streben erzeugt werden, das Leben so
einzurichten, daß es durch Selbstvervollkommnung zu seinem Ursprünge
zurückführte.
Daß um solches Streben des Pythagoras sich Legenden und Mythen bilden
mußten, ist verständlich.
Und auch, daß über die wahre Bedeutung dieser Persönlichkeit so gut wie
nichts geschichtlich überliefert ist.
Wer jedoch die Legenden und sagenhaften Überlieferungen des Altertums über Pythagoras im Zusammenhange beobachtet, der wird aus ihnen das eben gegebene Bild doch erkennen.
In dem Bilde des Pythagoras fühlt das gegenwärtige Denken auch noch störend
die Idee der sogenannten “Seelenwanderung”.
Man empfindet es als kindlich, wenn Pythagoras sogar gesagt haben soll, er
wisse, daß er in früheren Zeiten als anderes Menschenwesen bereits auf Erden
war.
Es darf erinnert werden daran, daß der große Vertreter der neueren
Aufklärung, Lessing, in seiner “Erziehung des Menschengeschlechtes” aus einem
ganz anderen Denken heraus, als das des Pythagoras war, diese Idee der
wiederholten Erdenleben des Menschen erneuert hat.
Lessing konnte sich den Fortschritt des Menschengeschlechtes nur so
vorstellen, daß die menschlichen Seelen an dem Leben in den
aufeinanderfolgenden Erdenzeiträumen wiederholt teilnehmen.
Eine Seele bringt als Anlage usw. in das Leben eines späteren Zeitraumes mit, was ihr von dem Erleben in
früheren Zeiträumen geblieben ist.
Lessing findet es naturgemäß, daß die Seele schon oft im Erdenleibe da war
und in Zukunft oft da sein werde und sich so von Leben zu Leben zu der ihr
möglichen Vollkommenheit durchringt.
Er macht darauf aufmerksam, daß diese Idee von den wiederholten Erdenleben nicht deshalb für unglaubwürdig angesehen werden müsse, weil sie in den ältesten Zeiten vorhanden war, “weil der menschliche Verstand, ehe ihn die Sophisterei der Schule zerstreut und geschwächt hatte, sogleich darauf verfiel”.
Bei Pythagoras ist diese Idee vorhanden.
Doch wäre es ein Irrtum, zu glauben, daß er sich ihr — wie auch Pherekydes,
der im Altertum als sein Lehrer genannt wird — hingegeben habe, weil er etwa —
logisch schließend — gedacht habe, daß der oben angedeutete Weg, welchen die
Menschenseele zu ihrem Ursprünge durchzumachen habe, nur in wiederholten
Erdenleben zu erreichen sei.
Ein solch verstandesmäßiges Denken dem Pythagoras zuzumuten, hieße ihn
verkennen.
— Es wird von seinen weiten Reisen erzählt.
Davon, daß er mit Weisen zusammengetroffen sei, welche Überlieferungen
ältester menschlicher Einsicht aufbewahrten.
Wer beobachtet, was von ältesten menschlichen Vorstellungen
überliefert ist, der kann zu der Anschauung kommen, daß die Ansicht von den
wiederholten Erdenleben in den Urzeiten weite Verbreitung gehabt hat.
An Ur-Lehren der Menschheit knüpfte Pythagoras an.
Die mythischen Bilderlehren seiner Umgebung mußten ihm wie verfallene
Anschauungen erscheinen, welche von älteren, besseren herkamen.
Diese Bilderlehren mußten sich in seinem Zeitalter umwandeln in
gedankenmäßige Weltanschauung.
Doch erschien ihm diese gedankliche Weltanschauung nur als ein Teil des
Seelenlebens.
Dieser Teil mußte vertieft werden; dann führte er die Seele zu ihren
Ursprüngen.
Aber indem die Seele so vordringt, entdeckt sie in ihrem inneren Erleben
die wiederholten Erdenleben wie eine seelische Wahrnehmung.
Sie kommt nicht zu ihren Ursprüngen, wenn sie den Weg dazu nicht durch
wiederholte Erdenleben hindurch findet.
Wie ein Wanderer, der nach einem entfernten Orte gehend auf seinem Wege
naturgemäß durch andere Orte hindurchkommt, so kommt die Seele, wenn sie zu den
“Müttern” geht, durch ihre vorangehenden Leben hindurch, durch welche
schreitend sie herabgestiegen ist von ihrem Sein im “Vollkommenen” zu ihrem
gegenwärtigen Leben im “Unvollkommenen”.
Man kann, wenn man alles in Betracht Kommende berücksichtigt, gar nicht
anders, als die Ansicht von den wiederholten Erdenleben dem Pythagoras in
diesem Sinne, als seine innere Wahrnehmung, und nicht als begrifflich
Erschlossenes, zuschreiben.
— Nun wird als besonders charakteristisch bei dem Bekennertum des
Pythagoras von der Ansicht gesprochen, daß alle Dinge auf “den Zahlen” beruhen.
Wenn dies angeführt wird, so muß berücksichtigt werden, daß sich das
Pythagoreertum auch nach dem Tode des Pythagoras bis in spätere Zeiten
fortgesetzt hat.
Von späteren Pythagoreern werden genannt Philolaus, Archytas u.a.
Von ihnen
wußte man im Altertum insbesondere, daß sie die “Dinge als Zahlen
angesehen haben”.
Doch darf, wenn dies auch geschichtlich nicht möglich scheint, diese
Anschauung bis Pythagoras zurückverfolgt werden.
Man wird nur die Voraussetzung machen dürfen, daß sie bei ihm tief und
organisch in seiner ganzen Vorstellungsart begründet war, daß sie aber bei
seinen Nachfolgern eine veräußerlichte Gestalt angenommen habe.
Man denke sich Pythagoras im Geiste vor dem Entstehen der gedanklichen
Weltanschauung stehend.
Er sah, wie der Gedanke seinen Ursprung in der Seele nimmt, nachdem diese,
von den “Urmüttern” ausgehend, durch aufeinanderfolgende Leben zu ihrer
Unvollkommenheit herabgestiegen war.
Indem er dieses empfand, konnte er nicht durch den bloßen Gedanken zu den
Ursprüngen hinaufsteigen wollen.
Er mußte die höchste Erkenntnis in einer Sphäre suchen, in welcher der
Gedanke noch nichts zu tun hat.
Da fand er denn ein übergedankliches Seelenleben.
Wie die Seele in den Tönen der Musik Verhältniszahlen erlebt, so lebte sich
Pythagoras in ein seelisches Zusammenleben mit der Welt hinein, das der
Verstand in Zahlen aussprechen kann; doch sind die Zahlen für das Erlebte
nichts anderes, als was die vom Physiker gefundenen Tonverhältniszahlen für das
Erleben der Musik sind.
— An die Stelle der mythischen Götter hat für Pythagoras der Gedanke zu
treten; doch durch entsprechende Vertiefung findet die Seele, die sich mit dem
Gedanken von der Welt abgesondert hat, sich wieder in eins mit der Welt
zusammen.
Sie erlebt sich als nicht abgesondert von der Welt.
Es ist das aber nicht in einer Region, in der das Welt-Miterleben zum mythischen Bilde wird, sondern in einer solchen, in der die Seele mit den unsichtbaren, sinnlich unwahrnehmbaren Weltenharmonien mitklingt und in sich das zum Bewußtsein bringt, was nicht sie, sondern die Weltenmächte wollen und in ihr Vorstellung werden lassen.
An Pherekydes und Pythagoras enthüllt sich, wie die gedanklich erlebte
Weltanschauung in der Menschenseele ihren Ursprung nimmt.
Im Herausringen aus älteren Vorstellungarten kommen diese Persönlichkeiten
zu innerem, selbständigem Erfassen der “Seele”, zum Unterscheiden derselben von
der äußeren “Natur”.
Was an diesen beiden Persönlichkeiten anschaulich ist, das
Sich-Herausringen der Seele aus den alten Bildvorstellungen, das spielt sich
mehr im Seelen-Untergrunde ab bei den anderen Denkern, mit denen gewöhnlich der
Anfang gemacht wird in der Schilderung der griechischen Weltanschauungsentwikkelung.
Es werden zunächst gewöhnlich genannt Thales von Milet (624-546 v.Chr.), Anaximander (611-550 v.Chr.), Anaximenes (der zwischen 585 und 525 v.Chr. seine Blütezeit hatte) und Heraklit (etwa 540-480 v.Chr. zu Ephesus).
Wer die vorangehenden Ausführungen anerkennt, wird eine Darstellung dieser
Persönlichkeiten billigen können, welche von der in den geschichtlichen
Schilderungen der Philosophie gebräuchlichen abweichen muß.
Diesen Darstellungen liegt ja doch stets die unausgesprochene Voraussetzung zugrunde, daß diese Persönlichkeiten durch eine unvollkommene Naturbeobachtung zu den von ihnen überlieferten Behauptungen gekommen seien: Thales, daß im “Wasser”, Anaximander in dem “Unbegrenzten”, Anaximenes in der “Luft”, Heraklit im “Feuer” das Grund- und Ursprungswesen aller Dinge zu suchen sei.
Dabei wird nicht bedacht, daß diese Persönlichkeiten durchaus noch in dem
Vorgange der Entstehung der gedanklichen Weltanschauung drinnen leben; daß sie
zwar in höherem Grade als Pherekydes die Selbständigkeit der menschlichen Seele
empfinden, doch aber noch die völlig strenge Absonderung des Seelenlebens von
dem Naturwirken nicht vollzogen haben.
Man wird sich zum Beispiel das Vorstellen des Thales ganz sicher irrtümlich
zurechtlegen, wenn man denkt, daß er als Kaufmann, Mathematiker, Astronom über
Naturvorgänge nachgedacht habe und dann in unvollkommener Art, aber doch so wie
ein moderner Forscher seine Erkenntnisse in den Satz zusammengefaßt habe:
“Alles stammt aus dem Wasser”.
Mathematiker, Astronom usw. sein, bedeutete in jener alten Zeit praktisch mit den entsprechenden Dingen
zu tun zu haben, ganz nach Art des Handwerkers, der sich auf Kunstgriffe
stützt, nicht auf ein gedanklich-wissenschaftliches Erkennen.
Dagegen muß für einen Mann wie Thales vorausgesetzt werden, daß er die
äußeren Naturprozesse noch ähnlich erlebte wie die inneren Seelenprozesse.
Was sich ihm in den Vorgängen mit und an dem Wasser — dem flüssigen,
schlammartigen, erdig-bildsamen -, als Naturvorgänge darstellte, das war ihm
gleich dem, was er seelisch-leiblich innerlich erlebte.
In minderem Grade als die Menschen der Vorzeit erlebte er — aber doch
erlebte er so — die Wasserwirkung in sich und in der Natur, und beide waren ihm
eine Kraftäußerung.
Man darf darauf hinweisen, daß noch eine spätere Zeit die äußeren
Naturwirkungen in ihrer Verwandtschaft mit den innerlichen Vorgängen dachte, so
daß von einer “Seele” im gegenwärtigen Sinne, die abgesondert vom Leibe
vorhanden ist, nicht die Rede war.
In der Ansicht von den Temperamenten ist dieser Gesichtspunkt noch in einem
Nachklange festgehalten in die Zeiten der gedanklichen Weltanschauung
hinein.
Man nannte das melancholische Temperament das erdige, das phlegmatische das
wässerige, das sanguinische luftartig, das cholerische feurig.
Das sind nicht bloße Allegorien.
Man empfand nicht ein völlig abgetrenntes Seelisches; man erlebte in sich
ein Seelisch-Leibliches als Einheit, und in dieser Einheit den Strom der
Kräfte, welche zum Beispiel durch eine phlegmatische Seele gehen, wie dieselben
Kräfte außen in der Natur durch die Wasserwirkungen gehen.
Und diese äußeren Wasserwirkungen schaute man als dasselbe, was man
in der Seele erlebte, wenn man phlegmatisch gestimmt war.
Die gegenwärtigen Denkgewohnheiten müssen den alten Vorstellungsarten sich anpassen, wenn sie in das Seelenleben früherer Zeiten eindringen wollen.
Und so wird man in der Weltanschauung des Thales den Ausdruck finden
dessen, was ihn sein dem phlegmatischen Temperament verwandtes Seelenleben
innerlich erleben läßt.
Er erlebte das, was ihm als das Weltgeheimnis vom Wasser
erschien, in sich.
Man verbindet mit dem Hinweis auf das phlegmatische Temperament eines
Menschen eine schlimme Nebenbedeutung.
So gerechtfertigt dies in vielen Fällen ist, so wahr ist auch, daß das
phlegmatische Temperament, wenn es mit Energie des Vorstellens zusammen auftritt, durch seine Gelassenheit,
Affektfreiheit, Leidenschaftlosigkeit den Menschen zum Weisen macht.
Eine solche Sinnesart bei Thales hat wohl bewirkt, daß er von den Griechen als einer ihrer Weisen gefeiert worden ist.
In anderer Art formte sich das Weltbild für Anaximenes, der die Stimmung
des Sanguinischen in sich erlebte.
Von ihm ist ein Ausspruch überliefert, der unmittelbar zeigt, wie er das innere Erleben mit dem Luftelement als Ausdruck des Weltgeheimnisses empfand:
“Wie unsere Seele, die ein Hauch ist, uns zusammenhält, so umfangen Luft und Hauch das All.”
Heraklits Weltanschauung wird eine unbefangene Betrachtung ganz
unmittelbar als Ausdruck seines cholerischen Innenlebens empfinden müssen.
Ein Blick auf sein Leben wird gerade bei diesem Denker manches Licht
bringen.
Er gehörte einem der vornehmsten Geschlechter von Ephesus an.
Er wurde ein heftiger Bekämpfer der demokratischen Partei.
Er wurde dies, weil sich ihm gewisse Anschauungen ergaben, deren Wahrheit
sich ihm im unmittelbaren inneren Erleben darstellte.
Die Anschauungen seiner Umgebung, an den seinigen gemessen, schienen ihm
ganz naturgemäß unmittelbar die Torheit dieser Umgebung zu beweisen.
Er kam dadurch in so große Konflikte, daß er seine Vaterstadt verließ und
ein einsames Leben bei dem Artemistempel führte.
Man nehme dazu einige Sätze, die von ihm überliefert sind: “Gut wäre es, wenn alle Ephesier, die erwachsen sind, sich erhenkten und ihre Stadt den Unmündigen übergäben ...”, oder das andere, wo er von den Menschen sagt: “Toren in ihrer Unverständigkeit gleichen, auch wenn sie das Wahre hören, den Tauben, von ihnen gilt: sie sind abwesend, wenn sie anwesend sind.”
Ein inneres Erleben, das sich
in solcher Cholerik ausspricht, findet sich verwandt dem verzehrenden Wirken
des Feuers; es lebt nicht im bequemen ruhigen Sein; es fühlt sich eins mit dem
“ewigen Werden”.
Stillstand erlebt solche Seelenart als Widersinn; “Alles fließt” ist daher
der berühmte Satz des Heraklit.
Es ist nur scheinbar, wenn irgendwo ein beharrendes Sein auftritt; man wird
eine Heraklitische Empfindung wiedergeben, wenn man das Folgende sagt: Der
Stein scheint ein abgeschlossenes, beharrendes Sein darzustellen; doch dies ist
nur scheinbar: er ist im Innern wild bewegt, alle seine Teile wirken
aufeinander.
Es wird die Denkweise des Heraklit gewöhnlich mit dem Satze
charakterisiert: man könne nicht zweimal in denselben Strom steigen; denn das
zweitemal ist das Wasser ein anderes.
Und ein Schüler Heraklits, Kratylus, steigerte den Ausspruch, indem er
sagte: auch einmal könne man nicht in denselben Strom steigen.
So ist es mit allen Dingen; während wir auf das scheinbar Beharrende hinblicken, ist es im allgemeinen Strome des Daseins schon ein anderes geworden.
Man betrachtet eine Weltanschauung nicht in ihrer vollen Bedeutung, wenn
man nur ihren Gedankeninhalt hinnimmt; ihr Wesentliches liegt in der Stimmung,
welche sie der Seele mitteilt; in der Lebenskraft, die aus ihr erwächst.
Man muß fühlen, wie sich Heraklit im Strome des Werdens mit der eigenen
Seele drinnen empfindet, wie die Weltenseele bei ihm in der Menschenseele
pulsiert und dieser ihr eigenes Leben mitteilt, wenn sich die Menschenseele in
ihr lebend weiß.
Solchem Mit-Erleben mit der Weltenseele entspringt bei Heraklit der
Gedanke: Was lebt, hat durch den durchlaufenden Strom des Werdens den Tod in
sich; aber der Tod hat wieder das Leben in sich.
Leben und Tod ist in unserem Leben und Sterben.
Alles hat alles andere in sich; nur so kann das ewige Werden alles
durchströmen.
“Das Meer ist das reinste und unreinste Wasser, den Fischen trinkbar und heilsam, den Menschen untrinkbar und verderblich.”
“Dasselbe ist Leben und Tod, Wachen, Schlafen, Jung, Alt, dieses sich ändernd ist jenes, jenes wieder dies.”
“Gutes und Böses sind eins.”
“Der gerade Weg und der krumme ... sind eines nur.”
Freier von dem Innenleben, mehr dem Elemente des Gedankens
selbst hingegeben, erscheint Anaximander.
Er sieht den Ursprung der Dinge in einer Art Weltenäther, einem
unbestimmten, gestaltlosen Urwesen, das keine Grenzen hat.
Man nehme den Zeus des Pherekydes, entkleide ihn alles dessen, was ihm noch
von Bildhaftigkeit eigen ist, und man hat das Urwesen des Anaximander: den zum
Gedanken gewordenen Zeus.
In Anaximander tritt eine Persönlichkeit auf, in welcher aus der
Seelenstimmung heraus, die in den vorgenannten Denkern noch ihre
Temperamentsschattierung hat, das Gedankenleben geboren wird.
Eine solche Persönlichkeit fühlt sich als Seele mit dem Gedankenleben
vereint und dadurch nicht mit der Natur so verwachsen wie die Seele, welche den
Gedanken noch nicht als selbständig erlebt.
Sie fühlt sich mit einer Weltenordnung verbunden, welche über den
Naturvorgängen liegt.
Wenn Anaximander davon spricht, daß die Menschen als Fische zuerst im Feuchten gelebt haben und dann sich durch Landtierformen hindurchentwickelt haben, so bedeutet das für ihn, daß der Geistkeim, als welchen sich der Mensch durch den Gedanken erkennt, nur wie durch Vorstufen durch die anderen Formen hindurchgegangen ist, um sich zuletzt die Gestalt zu geben, welche ihm von vornherein angemessen ist.
Auf die genannten Denker folgen für die geschichtliche Darstellung: Xenophanes von Kolophon (geb. im 6. Jahrhundert v.Chr.); mit ihm seelisch verwandt, wenn auch jünger: Parmenides (geb. um 540 v. Chr.; als Lehrer in Athen lebend); Zenon von Elea (dessen Blütezeit um 500 v.Chr. liegt); Melissos von Samos (der um 450 v.Chr. lebte).
In diesen Denkern lebt das gedankliche Element bereits in solchem Grade,
daß sie eine Weltanschauung fordern und einer solchen allein Wahrheit
zuerkennen, in welcher das Gedankenleben voll befriedigt wird.
Wie muß der Urgrund der Welt beschaffen sein, damit er innerhalb des
Denkens voll aufgenommen werden kann? — so fragen sie.
— Xenophanes findet, daß die Volksgötter vor dem Denken nicht bestehen
können; also lehnt er sie ab.
Sein Gott muß gedacht werden können.
Was die Sinne wahrnehmen, ist veränderlich, ist mit Eigenschaften behaftet,
welche dem Gedanken nicht entsprechen, der das Bleibende suchen muß.
Daher ist Gott die im Gedanken zu erfassende, unwandelbare, ewige Einheit
aller Dinge.
— Parmenides sieht in der äußeren Natur, welche die Sinne betrachten, das
Unwahre, Täuschende; in der Einheit, dem Unvergänglichen, das der Gedanke
ergreift, allein das Wahre.
Zenon sucht mit dem Gedanken-Erleben in der Art sich auseinanderzusetzen,
daß er auf die Widersprüche hinweist, welche sich einer Weltbetrachtung
ergeben, die in dem Wandel der Dinge, in dem Werden, in dem Vielen, welches die
äußere Welt zeigt, eine Wahrheit sieht.
Von den Widersprüchen, auf die er verweist, sei nur einer angeführt.
Es könne, meint er, der schnellste Läufer (Achilles) die Schildkröte nicht
erreichen; denn so langsam sie auch krieche, wenn Achilles den Ort erreicht
habe, den sie noch eben inne hatte, so sei sie ja doch schon etwas weiter.
Durch solche Widersprüche deutet Zenon an, wie ein Vorstellen, das sich an
die Außenwelt halte, nicht mit sich zurecht komme; er deutet auf die
Schwierigkeit hin, welcher der Gedanke begegnet, wenn er es versucht, die Wahrheit zu finden.
Man wird die Bedeutung dieser Weltanschauung, die man die eleatische nennt
(Parmenides und Zenon sind aus Elea), erkennen, wenn man den Blick darauf lenkt,
daß ihre Träger mit der Ausbildung des Gedanken-Erlebens so weit
fortgeschritten sind, daß sie dieses Erleben zu einer besonderen Kunst, zur sogenannten
Dialektik gestaltet haben.
In dieser “Gedanken-Kunst” lernt sich die Seele in ihrer Selbständigkeit
und inneren Geschlossenheit erfühlen.
Damit wird die Realität der Seele als das empfunden, was sie durch ihr
eigenes Wesen ist, und als was sie sich dadurch fühlt, daß sie nicht mehr, wie
in der Vorzeit, das allgemeine Welt-Erleben mitlebt, sondern in sich ein Leben
— das Gedanken-Erleben — entfaltet, das in ihr wurzelt, und durch das sie sieb
eingepflanzt fühlen kann in einen rein geistigen Weltengrund.
Zunächst kommt diese Empfindung noch nicht in einem deutlich
ausgesprochenen Gedanken zum Ausdruck; man kann sie aber als Empfindung
lebendig in diesem Zeitalter fühlen an der Schätzung, welche ihr zuteil wird.
Nach einem “Gespräche” Platos wurde von Parmenides dem jungen Sokrates
gesagt: er solle von Zenon die Gedankenkunst lernen, sonst müßte ihm die
Wahrheit ferne bleiben.
Man empfand diese “Gedankenkunst” als eine Notwendigkeit für die Menschenseele, die an die geistigen Urgründe des Daseins herantreten will.
Wer in dem Fortschritt der menschlichen Entwickelung zur Stufe der
Gedanken-Erlebnisse nicht sieht, wie mit dem Anfang dieses Lebens wirkliche
Erlebnisse — die Bild-Erlebnisse — aufhörten, die vorher vorhanden waren, der
wird die besondere Eigenart der Denkerpersönlichkeiten vom sechsten und den
folgenden vorchristlichen Jahrhunderten in Griechenland in anderem Lichte sehen
als in dem, in welchem sie in diesen Ausführungen dargestellt werden müssen.
Der Gedanke zog etwas wie eine Mauer um die Menschenseele.
Früher war sie, ihrem Empfinden nach, in den Naturerscheinungen drinnen;
und was sie mit diesen Naturerscheinungen zusammen so erlebte, wie sie die
Tätigkeit des eigenen Leibes erlebte, das stellte sich vor sie in
Bild-Erscheinungen hin, welche in ihrer Lebendigkeit da waren; jetzt war das
ganze Bildergemälde durch die Kraft des Gedankens ausgelöscht.
Wo sich vorher die inhaltvollen Bilder breiteten, da spannte sich jetzt der
Gedanke durch die Außenwelt.
Und die Seele konnte sich in dem, was außen in Raum und Zeit sich breitet,
nur fühlen, indem sie sich mit dem Gedanken verband.
— Man empfindet eine solche Seelenstimmung, wenn man auf Anaxagoras aus
Klazomenä in Kleinasien (geb. um 500 v.Chr.) blickt.
Er fühlt sich in seiner Seele mit dem Gedankenleben verbunden; dieses
Gedankenleben umspannt, was im Räume und in der Zeit ausgedehnt ist.
So ausgedehnt erscheint es als der Nus, der Weltenverstand.
Dieser durchdringt als Wesenheit die ganze Natur.
Die Natur aber stellt sich selbst nur als zusammengesetzt aus kleinen
Urwesen dar.
Die Naturvorgänge, welche durch das Zusammenwirken dieser Urwesen sich
ergeben, sind das, was die Sinne wahrnehmen, nachdem das Bildergemälde aus der
Natur gewichen ist.
Homoiomerien werden diese Urwesen genannt.
In sich erlebt die Menschenseele den Zusammenhang mit dem Weltverstand (dem Nus) im Gedanken innerhalb ihrer Mauer; durch die Fenster der Sinne blickt sie auf dasjenige, was der Weltverstand durch das Aufeinanderwirken der “Homoiomerien” entstehen läßt.
In Empedokles (der um 490 v. Chr. in Agrigent geboren ist), lebte eine Persönlichkeit, in deren Seele die
alte und die neue Vorstellungsart wie in einem heftigen Widerstreit
aufeinanderstoßen.
Er fühlt noch etwas von dem Verwobensein der Seele mit dem äußeren Dasein.
Haß und Liebe, Antipathie und Sympathie leben in der Menschenseele; sie leben auch außerhalb der Mauer, welche die Menschenseele umschließt; das Leben der Seele setzt sich so außerhalb derselben gleichartig fort und erscheint in Kräften, welche die Elemente der äußeren Natur: Luft, Feuer, Wasser, Erde trennen und verbinden und so das bewirken, was die Sinne in der Außenwelt wahrnehmen.
Empedokles steht gewissermaßen vor der den Sinnen entseelt erscheinenden
Natur und entwickelt eine Seelenstimmung, welche sich gegen diese Entseelung
auflehnt.
Seine Seele kann nicht glauben, daß dies das wahre Wesen der Natur ist, was
der Gedanke aus ihr machen will.
Am wenigsten kann sie zugeben, daß sie zu dieser Natur in Wahrheit nur in
einem solchen Verhältnisse stehe, wie es sich der gedanklichen Weltanschauung
ergibt.
Man muß sich vorstellen, was in einer Seele vorgeht, die in aller Schärfe
solchen inneren Zwiespalt erlebt, an ihm leidet; dann wird man nachfühlen, wie
in dieser Seele des Empedokles die alte Vorstellungsart als Kraft des
Empfindens aufersteht, aber unwillig ist, sich dies zum vollen Bewußtsein zu
bringen, und so in gedanken-bilderhafter Art ein Dasein sucht, — in jener Art,
von der Aussprüche des Empedokles ein Widerklang sind, die, aus dem hier
Angedeuteten heraus verstanden, ihre Sonderbarkeit verlieren.
Wird doch von ihm ein Spruch wie dieser angeführt:
“Lebt wohl. Nicht mehr ein Sterblicher, sondern ein unsterblicher Gott wandle ich umher; ... und sobald ich in die blühenden Städte komme, werde ich von Männern und Frauen verehrt: sie schließen sich an mich an zu Tausenden, mit mir den Weg zu ihrem Heile suchend, da die einen Weissagungen, die anderen Heilsprüche für mannigfaltige Krankheiten von mir erwarten.”
So betäubt sich
die Seele, in welcher eine alte Vorstellungsart rumort, die sie ihr eigenes
Dasein wie das eines verbannten Gottes empfinden läßt, der aus einem anderen
Sein in die entseelte Welt der Sinne versetzt ist, und der deshalb die Erde als
“ungewohnten Ort” empfindet, in den er wie zur Strafe geworfen ist.
Man kann gewiß auch noch andere Empfindungen in der Seele des Empedokles finden; denn es leuchten aus seinen Aussprüchen Weisheitsblitze bedeutsam heraus; sein Gefühl gegenüber der “Geburt der gedanklichen Weltanschauung” ist durch solche Stimmungen gegeben.
Anders als diese Persönlichkeit sahen diejenigen Denker, welche man die
Atomisten nennt, auf das hin, was für die Seele des Menschen aus der Natur
durch die Geburt des Gedankens geworden war.
Man sieht den bedeutendsten unter ihnen in Demokrit (geb. um 460 v.Chr. in Abdera).
Leukipp ist ihm eine Art Vorläufer.
Bei Demokrit sind die Homoiomerien des Anaxagoras um einen bedeutenden Grad
stofflicher geworden.
Bei Anaxagoras kann man die Ur-Teil-Wesen noch mit lebendigen Keimen
vergleichen; bei Demokrit werden sie zu toten, unteilbaren StofEteilchen,
welche durch ihre verschiedenen Kombinationen die Dinge der Außenwelt
zusammensetzen.
Sie bewegen sich voneinander, zueinander, durcheinander: so entstehen die
Naturvorgänge.
— Der Weltverstand (Nus) des Anaxagoras, welcher wie ein geistiges
(körperloses) Bewußtsein in zweckvoller Art die Weltenvorgänge aus dem
Zusammenwirken der Homoiomerien hervorgehen läßt, wird bei Demokrit zur
bewußtlosen Naturgesetzmäßigkeit (Ananke).
— Die Seele will nur gelten lassen, was sie als nächstliegendes
Gedankenergebnis erfassen kann; die Natur ist völlig entseelt; der Gedanke
verblaßt als Seelen-Erlebnis zum inneren Schattenbilde der entseelten Natur.
Damit ist durch Demokrit das gedankliche Urbild aller mehr oder weniger materialistisch gefärbten Weltanschauungen der Folgezeit in die Erscheinung getreten.
Die Atomen-Welt des Demokrit stellt eine Außenwelt, eine Natur dar, in
welcher nichts von “Seele” lebt.
Die Gedanken-Erlebnisse in der Seele, durch deren Geburt die Menschenseele
auf sich selbst aufmerksam geworden ist: bei Demokrit sind sie bloße
Schatten-Erlebnisse.
Damit ist ein Teil des Schicksals der Gedanken-Erlebnisse gekennzeichnet.
Sie bringen die Menschenseele zum Bewußtsein ihres eigenen Wesens, aber sie
erfüllen sie zugleich mit Ungewißheit über sich selbst.
Die Seele erlebt sich durch den Gedanken in sich selbst, aber sie kann sich
zugleich losgerissen fühlen von der geistigen, von ihr unabhängigen Weltmacht,
die ihr Sicherheit und inneren Halt gibt.
So losgebunden in der Seele fühlten sich diejenigen Persönlichkeiten,
welchen man innerhalb des griechischen Geisteslebens den Namen “Sophisten”
gibt.
Die bedeutendste in ihren Reihen ist Protagoras (von Abdera um 480-410 v. Chr.).
Neben ihm kommen in Betracht: Gorgias, Kritias, Hippias, Trasymachus,
Prodikus.
Die Sophisten werden oftmals als Menschen hingestellt, die mit dem Denken
ein oberflächliches Spiel getrieben haben.
Viel hat zu dieser Meinung die Art beigetragen, wie sie der
Lustspieldichter Aristophanes behandelt hat.
Es kommt aber, neben vielem anderen, schon als äußerlicher Grund zu einer
besseren Würdigung zum Beispiel in Betracht, daß selbst Sokrates, der sich in
gewissen Grenzen als Schüler des Prodikus fühlte, diesen als einen Mann
bezeichnet haben soll, der für die Veredelung der Sprache und des Denkens bei
seinen Schülern gut gewirkt hat.
Protagoras' Anschauung erscheint in dem berühmten Satze ausgesprochen:
“Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der seienden, daß sie sind, der nicht seienden, daß sie nicht sind.”
In der Gesinnung, welche diesem Satz zugrunde liegt, fühlt
sich das Gedanken-Erlebnis souverän.
Einen Zusammenhang mit einer objektiven Weltenmacht empfindet es nicht.
Wenn Parmenides meint: Die Sinne geben dem Menschen eine Welt der Täuschung, — man könnte noch weiter gehen und hinzufügen: Warum sollte das Denken, das man zwar erlebt, nicht auch täuschen?
Doch Protagoras würde erwidern: Was kann es den Menschen bekümmern, ob die Welt außer ihm anders ist, als er sie wahrnimmt und denkt?
Stellt er sie denn für jemand anderen als für sich vor?
Mag sie für ein anderes Wesen sein wie immer, der Mensch braucht sich
darüber keine Sorge zu machen.
Seine Vorstellungen sollen doch nur ihm dienen; er soll mit ihrer Hilfe
seinen Weg in der Welt finden.
Er kann, wenn er sich völlig klar über sich wird, keine anderen
Vorstellungen über die Welt haben wollen als solche, welche ihm dienen.
Protagoras will auf das Denken bauen können; dazu stützt er es lediglich auf dessen eigene Machtvollkommenheit.
Damit aber setzt sich Protagoras in gewisser Beziehung in Widerspruch mit
dem Geiste, der in den Tiefen des Griechentums lebt.
Dieser “Geist” ist deutlich vernehmbar innerhalb des griechischen Wesens.
Er spricht bereits aus der Aufschrift des delphischen Tempels “Erkenne dich
selbst”.
Diese alte Orakelweisheit spricht so, als ob sie die Aufforderung enthielte
zu dem Weltanschauungsfortschritt, der sich aus dem Bildervorstellen zu dem
gedanklichen Ergreifen der Weltgeheimnisse vollzieht.
Es ist durch diese Aufforderung der Mensch hingewiesen auf die eigene
Seele.
Es wird ihm gesagt, daß er in ihr die Sprache vernehmen könne, durch welche
die Welt ihr Wesen ausspricht.
Aber es wird damit auch auf etwas verwiesen, was in seinem eigenen Erleben
sich Ungewißheiten und Unsicherheiten erzeugt.
Die Geister innerhalb Griechenlands sollten die Gefahren dieses sich auf
sich selbst stützenden Seelenlebens besiegen.
So sollten sie den Gedanken in der Seele zur Weltanschauung ausgestalten.
— Die Sophisten sind dabei in ein gefährliches Fahrwasser geraten.
In ihnen stellt sich der Geist des Griechentums wie an einen Abgrund; er
will sich die Kraft des Gleichgewichts durch seine eigene Macht geben.
Man sollte, wie schon angedeutet worden ist, mehr auf den Ernst dieses
Versuches und auf seine Kühnheit blicken, als ihn leichthin anklagen, wenn auch
die Anklage für viele der Sophisten gewiß berechtigt ist.
— Doch stellt sich dieser Versuch naturgemäß in das griechische Leben an
einem Wendepunkte hinein.
Protagoras lebte um 480-410 v.Chr.
Der Peloponnesische Krieg, der an dem Wendepunkte des griechischen Lebens
steht, fand statt von 431—404 v.Chr.
Vorher war in Griechenland der einzelne Mensch fest in die sozialen
Zusammenhänge eingeschlossen; die Gemeinwesen und die Tradition gaben ihm den
Maßstab für sein Handeln und Denken ab.
Die einzelne Persönlichkeit hatte nur als Glied des Ganzen Wert und Bedeutung.
Unter solchen Verhältnissen konnte noch nicht die Frage gestellt werden: Was ist der einzelne Mensch wert?
Die Sophistik stellt diese Frage, und sie
macht damit den Schritt zu der griechischen Aufklärung hin.
Es ist doch im Grunde die Frage: Wie richtet sich der Mensch sein Leben ein, nachdem er sich des erwachten Gedankenlebens bewußt geworden ist?
Von
Pherekydes (oder Thales) bis zu den Sophisten ist in Griechenland innerhalb der
Weltanschauungsentwickelung das allmähliche Einleben des schon vor diesen
Persönlichkeiten geborenen Gedankens zu beobachten.
An ihnen zeigt sich, wie der Gedanke wirkt, wenn er in den Dienst der
Weltanschauung gestellt wird.
Doch ist diese Geburt in der ganzen Breite des griechischen Lebens zu
bemerken.
Die Weltanschauung ist nur ein Gebiet, auf dem sich eine allgemeine
Lebenserscheinung in einem besonderen Falle auslebt.
Man könnte eine ganz ähnliche Entwickelungsströmung auf den Gebieten der
Kunst, der Dichtung, des öffentlichen Lebens, der verschiedenen Gebiete des
Handwerks, des Verkehrs nachweisen.
Diese Betrachtung würde überall zeigen, wie die menschliche Wirksamkeit
eine andere wird unter dem Einflüsse derjenigen Organisation des Menschen, die
in die Weltanschauung den Gedanken einführt.
Die Weltanschauung “entdeckt” nicht etwa den Gedanken, sie entsteht vielmehr dadurch, daß sie sich des geborenen Gedankenlebens zum Aufbau eines Weltbildes bedient, das vorher aus anderen Erlebnissen sich gebildet hat.
Kann man von den Sophisten sagen, daß sie den Geist des Griechentums an
eine gefährliche Klippe brachten, der sich in dem “Erkenne dich selbst”
ausdrückt, so muß in Sokrates eine Persönlichkeit gesehen werden, welche diesen
Geist mit einem hohen Grade von Vollkommenheit zum Ausdruck brachte.
Sokrates ist in Athen um 470 geboren und wurde 399 v.Chr. zum Tode durch Gift verurteilt.
Geschichtlich steht Sokrates durch zwei Überlieferungen vor dem Betrachter.
Einmal in der Gestalt, die sein großer Schüler Plato (427-347 v.Chr.) gezeichnet hat.
Plato stellt seine Weltanschauung m Gesprächsform dar.
Und Sokrates tritt in diesen “Gesprächen” lehrend auf.
Da erscheint dieser als “der Weise”, der die Personen seiner Umgebung durch
seine geistige Führung zu hohen Erkenntnisstufen geleitet.
Ein zweites Bild hat Xenophon in seinen “Erinnerungen” an Sokrates
gezeichnet.
Zunächst erscheint es, als ob Plato das Wesen des Sokrates idealisiert,
Xenophon mehr der unmittelbaren Wirklichkeit nachgezeichnet hätte.
Eine mehr in die Sache eingehende Betrachtung könnte wohl finden, daß Plato sowohl wie Xenophon, ein jeder von Sokrates das Bild zeichnen, das sie nach ihrem besonderen Gesichtspunkte empfangen haben, und daß man daher ins Auge fassen darf, inwiefern die beiden sich ergänzen und gegenseitig beleuchten.
Bedeutungsvoll muß zunächst erscheinen, daß des Sokrates Weltanschauung
völlig als ein Ausdruck seiner Persönlichkeit, des Grundcharakters seines
Seelenlebens auf die Nachwelt gekommen ist.
Sowohl Plato wie Xenophon stellen Sokrates so dar, daß man den Eindruck hat:
in ihm spricht überall seine persönliche Meinung; aber die Persönlichkeit trägt
das Bewußtsein in sich: Wer seine persönliche Meinung aus den rechten Gründen
der Seele herausspricht, der spricht etwas aus, was mehr ist als
Menschenmeinung, was ein Ausdruck ist der Absichten der Weltordnung durch das
menschliche Denken.
— Sokrates wird von denen, die ihn zu kennen glauben, so aufgenommen, daß
er ein Beweis dafür ist: in der Menschenseele kommt denkend die Wahrheit
zustande, wenn diese Menschenseele mit ihrem Grundwesen so verbunden ist, wie
es bei Sokrates der Fall war.
Indem Plato auf Sokrates blickt, trägt er nicht eine Lehre vor, die durch
Nachdenken “festgestellt” wird, sondern er läßt einen im rechten Sinne
entwickelten Menschen sprechen und beobachtet, was dieser als Wahrheit
hervorbringt.
So wird die Art, wie sich Plato zu Sokrates verhält, zu einem Ausdruck
dafür, was der Mensch in seinem Verhältnis zur Welt ist.
Nicht allein das ist bedeutsam, was Plato über Sokrates vorgebracht hat, sondern das, wie er in seinem schriftstellerischen Verhalten Sokrates in die Welt des griechischen Geisteslebens hineingestellt hat.
Mit der Geburt des Gedankens war der Mensch auf seine “Seele” hingelenkt.
Nun entsteht die Frage: Was sagt diese Seele, wenn sie sich zum Sprechen
bringt und ausdrückt, was die Weltenkräfte in sie gelegt haben? Und durch die
Art, wie Plato sich zu Sokrates stellt, ergibt sich die Antwort: In der Seele spricht
die Vernunft der Welt dasjenige, was sie dem Menschen sagen will.
— Damit ist begründet das Vertrauen in die Offenbarungen der Menschenseele,
insofern diese den Gedanken in sich entwickelt.
Im Zeichen dieses Vertrauens erscheint die Gestalt des Sokrates.
In alten Zeiten fragte der Grieche bei den Priesterstätten in wichtigen
Lebensfragen an; er ließ sich “weissagen”, was der Wille und die Meinung der
geistigen Mächte ist.
Solche Einrichtung steht im Einklänge mit einem SeelenErleben in Bildern.
Durch das Bild fühlt der Mensch sich dem Walten der weltregierenden
Mächte verbunden.
Die Weissagestätte ist dann die Einrichtung, durch welche ein besonders
dazu geeigneter Mensch den Weg zu den geistigen Mächten besser findet als
andere Menschen.
So lange man sich mit seiner Seele nicht abgesondert von der Außenwelt
fühlte, war die Empfindung naturgemäß, daß diese Außenwelt durch eine besondere
Einrichtung mehr zum Ausdruck bringen konnte als in dem Alltags-Erleben.
Das Bild sprach von außen; warum sollte die Außenwelt an besonderem Orte nicht besonders deutlich sprechen können?
Der Gedanke spricht zum Innern der
Seele.
Damit ist diese Seele auf sich selbst gewiesen; mit einer anderen Seele
kann sie sich nicht so verbunden wissen wie mit den Kundgebungen der
priesterlichen Weissagestätte.
Man mußte dem Gedanken die eigene Seele hingeben.
Man fühlte von dem Gedanken, daß er Gemeingut der Menschen ist.
In das Gedankenleben leuchtet die Weltvernunft hinein ohne besondere
Einrichtungen.
Sokrates empfand: In der denkenden Seele lebt die Kraft, welche an den
“Weissagestätten” gesucht wurde.
Er empfand das “Dämonium”, die geistige Kraft, die die Seele führt, in
sich.
Der Gedanke hat die Seele zum Bewußtsein ihrer selbst gebracht.
— Mit seiner Vorstellung des in ihm sprechenden Dämoniums, das, ihn stets
führend, sagte, was er zu tun habe, wollte Sokrates ausdrücken: Die Seele, die
sich im Gedankenleben gefunden hat, darf sich fühlen, als ob sie in sich mit
der Weltvernunft verkehrte.
Es ist dies der Ausdruck der Wertschätzung dessen, was die Seele in dem Gedanken-Erleben hat.
Unter dem Einflüsse dieser Anschauung wird die “Tugend” in ein besonderes
Licht gerückt.
Wie Sokrates den Gedanken schätzt, so muß er voraussetzen, daß sich die
wahre Tugend des Menschenlebens dem Gedankenleben offenbart.
Die rechte Tugend muß in dem Gedankenleben gefunden werden, weil das
Gedankenleben dem Menschen seinen Wert verleiht.
“Die Tugend ist lehrbar”, so wird des Sokrates Vorstellung zumeist
ausgesprochen.
Sie ist lehrbar, weil sie der besitzen muß, welcher das Gedankenleben
wahrhaftig ergreift.
Bedeutsam ist, was in dieser Beziehung Xenophon von Sokrates sagt.
Sokrates belehrt einen Schüler über die Tugend.
Es entwickelt sich das folgende Gespräch.
Sokrates sagt: “Glaubst du nun, daß es eine Lehre und Wissenschaft der Gerechtigkeit gibt, ebenso wie eine Lehre der Grammatik?”
Der Schüler: “Ja.”
Sokrates: “Wen hältst du nun für fester in der Grammatik, den, welcher mit Absicht nicht richtig schreibt und liest, oder den, welcher unabsichtlich?”
Schüler: “Den, sollte ich meinen, der es absichtlich tut, denn wenn er wollte, könnte er es auch richtig machen.”
Sokrates: “Scheint dir nun nicht der, welcher absichtlich unrichtig schreibt, das Schreiben zu verstehen, der andere aber nicht?”
Schüler: “Ohne Zweifel.”
Sokrates: “Wer versteht sich nun aber besser auf das Gerechte, der absichtlich lügt oder betrügt, oder wer unabsichtlich?”
(Xenophons Erinnerungen an Sokrates — Memorabilia —, übersetzt von Güthling.)
Es handelt sich für Sokrates darum, dem Schüler klarzumachen,
daß es darauf ankomme, die richtigen Gedanken über die Tugend zu haben.
Auch dasjenige, was Sokrates von der Tugend sagt, zielt also darauf hinaus,
das Vertrauen zu der im Gedanken-Erlebnis sich erkennenden Seele zu begründen.
Man muß auf den rechten Gedanken der Tugend mehr vertrauen als auf alle
anderen Motive.
Den Mensehen macht die Tugend schätzenswert, wenn er sie in Gedanken erlebt.
So kommt in Sokrates zum Ausdruck, wonach die vorsokratische Zeit strebte:
Wertschätzung dessen, was der Menschenseele gegeben ist durch das erwachte
Gedankenleben.
Sokrates' Lehrmethode steht unter dem Einflüsse dieser Vorstellung.
Er tritt an den Menschen heran mit der Voraussetzung: in ihm ist das Gedankenleben;
es braucht nur geweckt zu werden.
Deshalb richtet er seine Fragen so ein, daß der Gefragte zum Erwecken
seines Gedankenlebens veranlaßt wird.
Darinnen liegt das Wesentliche der sokratischen Methode.
Der 427 v.Chr. in Athen geborene Plato empfand als Schüler des Sokrates, daß ihm durch
diesen das Vertrauen in das Gedankenleben sich befestigte.
Das, was die ganze bisherige Entwickelung zur Erscheinung bringen wollte:
in Plato erreicht es einen Höhepunkt.
Es ist die Vorstellung, daß im Gedankenleben sich der Weltengeist
offenbart.
Von dieser Empfindung wird zunächst Piatos ganzes Seelenleben überleuchtet.
Alles, was der Mensch durch die Sinne oder auf sonst eine Art erkennt, ist
nicht wertvoll, solange die Seele es nicht in das Licht des Gedankens gerückt
hat.
Philosophie wird für Plato die Wissenschaft von den Ideen als dem wahren
Seienden.
Und die Idee ist die Offenbarung des Weltengeistes durch die
Gedanken-Offenbarung.
Das Licht des Weltengeistes scheint in die Menschenseele, offenbart sich da
als Ideen; und die Menschenseele vereinigt sich, indem sie die Idee ergreift,
mit der Kraft des Weltgeistes.
Die im Raum und in der Zeit ausgebreitete Welt ist wie die
Meereswassermasse, in der sich die Sterne spiegeln; doch ist wirklich nur, was
sich als Idee spiegelt.
So verwandelt sich für Plato die ganze Welt in die aufeinander wirkenden
Ideen.
Deren Wirken in der Welt kommt zustande dadurch, daß die Ideen sich in der
Hyle, der Urmaterie, spiegeln.
Durch diese Spiegelung ersteht das, was als viele Einzeldinge und
Einzelvorgänge der Mensch sieht.
Aber man braucht das Erkennen nicht auf die Hyle, den Urstoff, auszudehnen,
denn in ihm ist nicht die Wahrheit.
Zu dieser kommt man erst, wenn man von dem Weltbilde alles abstreift, was nicht Idee ist.
Die Menschenseele ist für Plato in der Idee lebend; aber dieses Leben ist
so gestaltet, daß diese Seele nicht in allen ihren Äußerungen eine Offenbarung
ihres Lebens in den Ideen ist.
Insofern die Seele in das Ideenleben eingetaucht ist, erscheint sie als die
“vernünftige Seele” (gedankentragende Seele).
Als solche erscheint sich die Seele, wenn sie im Gedankenwahrnehmen sich
selber offenbar wird.
In ihrem irdischen Dasein ist sie außerstande, sich nur so zu offenbaren.
Sie muß sich auch so zum Ausdruck bringen, daß sie als “unvernünftige
Seele” (nicht gedankentragende Seele) erscheint.
Und als solche tritt sie wieder in zweifacher Art auf, als mutentwickelnde
und als begierdevolle Seele.
So scheint Plato in der Menschenseele drei Glieder oder Teile zu
unterscheiden: die Vernunftseele, die mutartige Seele und die Begierdeseele.
Man wird aber den Geist seiner Vorstellungsart besser treffen, wenn man
dies in anderer Art ausdrückt: Die Seele ist ihrem Wesen nach ein Glied der
Ideenwelt.
Als solche ist sie Vernunftseele.
Sie betätigt sich aber so, daß sie zu ihrem Leben in der Vernunft hinzufügt
eine Betätigung durch das Mutartige und das Begierdehafte.
In dieser dreifachen Äußerungsart ist sie Erdenseele.
Sie steigt als Vernunftseele durch die physische Geburt zum Erdendasein
herab und geht mit dem Tode wieder in die Ideenwelt ein.
Insofern sie Vernunftseele ist, ist sie unsterblich, denn sie lebt als solche das ewige Dasein der Ideenwelt mit.
Diese Seelenlehre des Plato erscheint als eine bedeutsame Tatsache
innerhalb des Zeitalters der Gedankenwahrnehmung.
Der erwachte Gedanke wies den Menschen auf die Seele hin.
Bei Plato entwickelt sich eine Anschauung über die Seele, die ganz Ergebnis
der Gedankenwahrnehmung ist.
Der Gedanke hat sich in Plato erkühnt, nicht nur auf die Seele hinzuweisen,
sondern auszudrücken, was die Seele ist, sie gewissermaßen zu beschreiben.
Und, was der Gedanke über die Seele zu sagen hat, gibt dieser die Kraft,
sich im Ewigen zu wissen.
Ja, es beleuchtet der Gedanke in der Seele sogar die Natur des Zeitlichen,
indem er sein eigenes Wesen über dieses Zeitliche hinaus erweitert.
Die Seele nimmt den Gedanken wahr.
So wie sie im Erdenleben sich offenbart, ist die reine Gestalt des
Gedankens in ihr nicht zu entwickeln.
Woher kommt das Gedankenerleben, wenn es nicht im Erdenleben entwickelt werden kann?
Es bildet eine Erinnerung an einen vorirdischen, rein geistigen
Zustand.
Der Gedanke hat die Seele so ergriffen, daß er sich mit ihrer irdischen
Existenz nicht begnügt.
Er ist der Seele geoffenbart in einer Vorexistenz (Präexistenz) in der Geisteswelt (Ideenwelt), und die Seele holt ihn während ihrer irdischen Existenz durch Erinnerung aus jenem Leben herauf, das sie im Geiste verbracht hat.
Es ergibt sich aus dieser Seelenauffassung, was Plato über das sittliche
Leben zu sagen hat.
Die Seele ist sittlich, wenn sie das Leben so einrichtet, daß sie möglichst
stark sich als Vernunftseele zum Ausdruck bringt.
Die Weisheit ist die Tugend, welche aus der Vernunftseele stammt; sie
veredelt das menschliche Leben; die Starkmut kommt der mutartigen, die
Besonnenheit der begierdevollen Seele zu.
Die beiden letzteren Tugenden entstehen, wenn die Vernunftseele über die
anderen Seelenoffenbarungen zum Herrscher wird.
Wenn alle drei Tugenden harmonisch im Menschen zusammenwirken, so entsteht das, was Plato die Gerechtigkeit — die Richtung auf das Gute, Dikaiosyne — nennt.
Platos
Schüler Aristoteles (geb. 384 v.Chr. in Stagira in Thrazien, gest. 321
v.Chr.) bezeichnet neben seinem Lehrer einen Höhepunkt des griechischen
Denkens.
Bei ihm ist das Einleben des Gedankens in die Weltanschauung bereits
vollzogen und zur Ruhe gekommen.
Der Gedanke tritt sein rechtmäßiges Besitztum an, um die Wesen und Vorgänge
der Welt von sich aus zu begreifen.
Plato wendet sein Vorstellen noch dazu an, den Gedanken in seine Herrschaft
einzusetzen und ihn zur Ideenwelt zu führen.
Bei Aristoteles ist diese Herrschaft selbstverständlich geworden.
Es kommt ferner darauf an, sie über die Gebiete der Erkenntnis hin überall
zu befestigen.
Aristoteles versteht, den Gedanken als ein Werkzeug zu gebrauchen, das in
das Wesen der Dinge eindringt.
Für Plato handelt es sich darum, das Ding oder Wesen der Außenwelt zu
überwinden; und wenn es überwunden ist, trägt die Seele *die Idee in sich, von
welcher das Außenwesen nur überschattet war, ihm aber fremd ist, und in einer
geistigen Welt der Wahrheit über ihm schwebt.
Aristoteles will in die Wesen und Vorgänge untertauchen, und was die Seele
bei diesem Untertauchen findet, das ist ihm das Wesen des Dinges selbst.
Die Seele fühlt, wie wenn sie dieses Wesen nur aus dem Dinge herausgehoben
und für sich in die Gedankenform gebracht hätte, damit sie es wie ein Andenken
an das Ding mit sich tragen könne.
So sind für Aristoteles die Ideen in den Dingen und Vorgängen; sie sind die eine Seite der Dinge, diejenige, welche die Seele mit ihren Mitteln aus ihnen herausheben kann; die andere Seite, welche die Seele nicht aus den Dingen herausheben kann, durch welche diese ihr auf sich gebautes Leben haben, ist der Stoff, die Materie (Hyle).
Wie bei Plato auf dessen ganze Weltanschauung von seiner Seelenanschauung
aus Licht fällt, so ist dieses auch bei Aristoteles der Fall.
Bei beiden Denkern liegt die Sache so, daß man das Grundwesen ihrer ganzen
Weltanschauung charakterisiert, wenn man dies für ihre Seelenanschauung
vollbringt.
Gewiß kämen für beide Denker viele Einzelheiten in Betracht, die in diesen Ausführungen keine Stelle finden können; doch gibt bei beiden die Seelenauffassung die Richtung, welche ihre Vorstellungsart genommen hat.
Für Plato kommt in Betracht, was in der Seele lebt und als solches an der
Geisteswelt Anteil hat; für Aristoteles ist wichtig, wie die Seele sich im
Menschen für dessen eigene Erkenntnis darstellt.
Wie in die anderen Dinge muß die Seele auch in sich selbst untertauchen, um
in sich dasjenige zu finden, was ihr Wesen ausmacht.
Die Idee, welche im Sinne des Aristoteles der Mensch in einem
außerseelischen Dinge findet, ist zwar dieses Wesen des Dinges; aber die Seele
hat dieses Wesen in die Ideenform gebracht, um es für sich zu haben.
Ihre Wirklichkeit hat die Idee nicht in der erkennenden Seele, sondern in
dem Außendinge mit dem Stoffe (der Hyle) zusammen.
Taucht die Seele aber in sich selbst unter, so findet sie die Idee als solche
in Wirklichkeit.
Die Seele ist in diesem Sinne Idee, aber tätige Idee, wirksame Wesenheit.
Und sie verhält sich auch im Leben des Menschen als solche wirksame
Wesenheit.
Sie erfaßt im Keimesleben des Menschen das Körperliche.
Während bei einem außerseelischen Ding Idee und Stoff eine untrennbare
Einheit bilden, ist dies bei der Menschenseele und ihrem Leibe nicht der Fall.
Da erfaßt die selbständige Menschenseele das Leibliche, setzt die im Leibe
schon tätige Idee außer Kraft, und setzt sich selbst an deren Stelle.
In dem Leiblichen, mit dem sich die Menschenseele verbindet, lebt im Sinne
des Aristoteles schon ein Seelisches.
Denn er sieht auch in dem Pflanzenleibe und in dem Tierleibe ein
untergeordnetes Seelisches wirksam.
Ein Leib, welcher das Seelische der Pflanze und des Tieres in sich trägt,
wird durch die Menschenseele gleichsam befruchtet, und so verbindet sich für
den Erdenmenschen ein Leiblich-Seelisches mit einem Geistig-Seelischen.
Dieses letztere hebt die selbständige Wirksamkeit des LeiblichSeelischen
während der Dauer des menschlichen Erdenlebens auf und wirkt selbst mit dem
Leiblich-Seelischen als mit seinem Instrument.
Dadurch entstehen fünf Seelenäußerungen, die bei Aristoteles wie fünf
Seelenglieder erscheinen: die pflanzenhafte Seele (Threptikon), die empfindende
Seele (Ästhetikon), die begierdenentwickelnde Seele (Orektikon), die
wiüenentfaltende Seele (Kmerikon) und die geistige Seele (Dianoetikon).
Geistige Seele ist der Mensch durch das, was der geistigen Welt angehört
und sich im Keimesleben mit dem Leiblich-Seelischen verbindet; die anderen
Seelenglieder entstehen, indem sich die geistige Seele in dem Leiblichen
entfaltet und durch dasselbe das Erdenleben führt.
Mit dem Hinblicke auf eine geistige Seele ist für Aristoteles naturgemäß
der auf eine Geisteswelt überhaupt gegeben.
— Das Weltbild des Aristoteles steht so vor dem betrachtenden Blicke, daß
unten die Dinge und Vorgänge leben, Stoff und Idee darstellend; je höher man
den Blick wendet, um so mehr schwindet, was stofflichen Charakter trägt; rein
Geistiges — dem Menschen sich als Idee darstellend — erscheint, die Weltsphäre,
in welcher das Göttliche als reine Geistigkeit, die alles bewegt, sein Wesen
hat.
— Dieser Weltsphäre gehört die geistige Menschenseele an; sie ist als
individuelles Wesen nicht, sondern nur als Teil des Weltengeistes vorhanden,
bevor sie sich mit einem Leiblich-Seelischen verbindet.
Durch diese Verbindung erwirbt sie sich ihr individuelles, vom Weltgeist
abgesondertes Dasein und lebt nach der Trennung vom Leiblichen als geistiges
Wesen weiter fort.
So nimmt das individuelle Seelenwesen mit dem menschlichen Erdenleben
seinen Anfang und lebt dann unsterblich weiter.
Eine Vorexistenz der Seele vor dem Erdenleben nimmt Plato an, nicht aber
Aristoteles.
Dies ist ebenso naturgemäß für letzteren, welcher die Idee im Dinge
bestehen läßt, wie das andere naturgemäß für jenen ist, der die Idee über dem
Dinge schwebend vorstellt.
Aristoteles findet die Idee in dem Dinge; und die Seele erlangt das, was sie in der Geisteswelt als Individualität sein soll, in dem Leibe.
Aristoteles ist der Denker, welcher den Gedanken durch die Berührung mit
dem Wesen der Welt sich zur Weltanschauung entfalten läßt.
Das Zeitalter vor Aristoteles hat zu dem Erleben der Gedanken hingeführt;
Aristoteles ergreift die Gedanken und wendet sie auf dasjenige an, was sich ihm
in der Welt darbietet.
Die selbstverständliche Art, in dem Gedanken zu leben, die ihm eigen ist,
führt Aristoteles auch dazu, die Gesetze des Gedankenlebens selbst, die Logik,
zu erforschen.
Eine solche Wissenschaft konnte erst entstehen, nachdem der erwachte Gedanke zu einem reifen Leben gediehen und zu einem solch harmonischen Verhältnisse mit den Dingen der Außenwelt gekommen war, wie es bei Aristoteles zu treffen ist.
Neben Aristoteles gestellt, sind die Denker, weiche das griechische, ja das
gesamte Altertum als seine Zeitgenossen und Nachfolger aufweist,
Persönlichkeiten, die von viel geringerer Bedeutung erscheinen.
Sie machen den Eindruck, als ob ihren Fähigkeiten etwas abgehe, um zu der
Stufe der Einsicht sich zu erheben, auf welcher Aristoteles stand.
Man hat das Gefühl, sie weichen von ihm ab, weil sie Ansichten aufstellen
müssen über Dinge, die sie nicht so gut verstehen wie er.
Man möchte ihre Ansichten aus ihrem Mangel herleiten, der sie verführte, Meinungen zu äußern, die im Grunde bei Aristoteles schon widerlegt sind.
Solchen Eindruck kann man zunächst empfangen von den Stoikern und
Epikureern.
Zu
den ersteren, die ihren Namen von der Säulenhalle, Stoa, in Athen
hatten, in welcher sie lehrten, gehören 2enon von Kition (336-264
v.Chr.), Kleanthes (331-233), Chrysippus (280-208) und andere.
Sie nehmen aus früheren "Weltanschauungen, was ihnen in denselben
vernünftig zu sein scheint; es kommt ihnen aber vor allem darauf an, durch die
"Weltbetrachtung zu erfahren, wie der Mensch in die "Welt
hineingestellt ist.
Danach wollen sie bestimmen, wie das Leben einzurichten ist, damit es der
"Weltordnung entspricht, und damit der Mensch im Sinne dieser Weltordnung
dasjenige auslebt, was seinem Wesen gemäß ist.
— Durch Begierden, Leidenschaften, Bedürfnisse betäubt — in ihrem Sinne —
der Mensch sein naturgemäßes "Wesen; durch Gleichmut, Bedürfnislosigkeit fühlt
er am besten, was er sein soll und sein kann.
Das Ideal des Menschen ist “der Weise”, welcher die innere Entfaltung des Menschenwesens durch keine Untugend verdunkelt.
Waren die Denker bis zu Aristoteles darauf bedacht, die Erkenntnis zu erlangen, welche dem Menschen erreichbar ist, nachdem er durch das Gedankenwahrnehmen zum vollen Bewußtsein seiner Seele gekommen war, so beginnt mit den Stoikern das Nachdenken darüber: Was soll der Mensch tun, um seine Menschen Wesenheit am besten zum Ausdruck zu bringen?
Epikur (geb. 342, gest. 271 v.Chr.) bildete in seiner Art die Elemente aus, welche in der Atomistik schon
veranlagt waren.
Und auf diesem Unterbau läßt er eine Lebensansicht sich erheben, welche als eine Antwort auf die Frage angesehen werden kann: Da die menschliche Seele sich wie die Blüte aus den Weltvorgängen heraushebt, wie soll sie leben, um ihr Sonderleben, ihre Selbständigkeit dem vernünftigen Denken gemäß zu gestalten?
Ein besonderes Lebensrätsel muß für eine solche Anschauung der Schmerz
bilden.
Denn der Schmerz ist eine derjenigen Tatsachen, welche die Seele aus dem
Bewußtsein ihrer Einheit mit den Weltendingen heraustreiben.
Man kann die Bewegung der Sterne, das Fallen des Regens im Sinne der
Weltanschauung der Vorzeit so betrachten, wie die Bewegung der eigenen Hand,
das heißt in beiden ein einheitliches Geistig-Seelisches erfühlen.
Daß Vorgänge im Menschen Schmerzen bereiten können, solche außer ihm nicht,
das treibt aber die Seele zur Anerkennung ihres besonderen Wesens.
Eine Tugendlehre, welche wie die Epikurs danach strebt, im Einklänge mit
der Weltvernunft zu leben, kann begreiflicherweise ein solches Lebensideal
besonders schätzen, welches zur Vermeidung des Schmerzes, der Unlust führt.
So wird alles, was Unlust beseitigt, zum höchsten epikureischen Lebensgut.
Diese Lebensauffassung fand im weiteren Altertum e zahlreiche Anhänger,
namentlich auch bei den nach Bildung strebenden Römern.
Der römische Dichter T. Lucretius Carus (96-55 v.Chr.) hat ihr in seinem Gedicht “Über die Natur” einen formvollendeten Ausdruck gegeben.
Das Gedankenwahrnehmen führt die menschliche Seele zur Anerkennung ihrer
selbst.
Es kann aber auch eintreten, daß die Seele sich ohnmächtig fühlt, das
Gedankenerleben so zu vertiefen, daß sie in ihm einen Zusammenhang findet mit
den Gründen der Welt.
Dann fühlt sich die Seele losgerissen von dem Zusammenhang mit diesen
Gründen durch das Denken; sie fühlt, daß in dem Denken ihr Wesen Hegt; aber sie
findet keinen Weg, um im Gedankenleben etwas anderes als nur ihre eigene
Behauptung zu finden.
Dann kann sie sich nur dem Verzicht auf jede wahre Erkenntnis ergeben.
In solchem Falle waren Pyrrbo (360-270 v.Chr.) und seine Anhänger, deren Bekenntnis man als Skeptizismus bezeichnet.
Der Skeptizismus, die Weltanschauung des Zweifels, schreibt dem Gedankenerleben keine andere Fähigkeit zu, als menschliche Meinungen sich über die Welt zu machen; ob diese Meinungen für die Welt außerhalb des Menschen eine Bedeutung haben, darüber will er nichts entscheiden.
Man kann in der Reihe der griechischen Denker ein in gewissem Sinne
geschlossenes Bild erblicken.
Zwar wird man sich gestehen müssen, daß ein solcher Zusammenschluß der
Ansichten von Persönlichkeiten allzu leicht einen ganz äußeren Charakter tragen
und in vieler Beziehung nur von untergeordneter Bedeutung sein kann.
Denn das Wesentliche bleibt doch die Betrachtung der einzelnen
Persönlichkeiten und das Gewinnen von Eindrücken darüber, wie sich in diesen
einzelnen Persönlichkeiten das Allgemein-Menschliche in besonderen Fällen zur
Offenbarung bringt.
Doch sieht man in der griechischen Denkerreihe etwas wie das Geboren werden, Sich-Entf alten und Leben des Gedankens; in den vorsokratischen Denkern eine Art Vorspiel, in Sokrates, Plato und Aristoteles die Höhe, und in der Folgezeit ein Herabsteigen des Gedankenlebens, eine Art Auflösung desselben.
Wer diesem Verlauf betrachtend folgt, der kann zu der Frage kommen: Hat das Gedankenerleben wirklich die Kraft, der Seele alles das zu geben, worauf es sie geführt hat, indem es sie zum vollen Bewußtsein ihrer selbst gebracht hat?
Das
griechische Gedankenerleben hat für den unbefangenen Beobachter ein Element,
das es “vollkommen” im besten Sinne erscheinen läßt.
Es ist, als ob in den griechischen Denkern die Gedankenkraft alles
herausgearbeitet hätte, was sie in sich selbst birgt.
Wer anders urteilen will, wird bei genauem Zusehen bemerken, daß sein
Urteilen irgendwo einen Irrtum birgt.
Spätere Weltanschauungen haben durch andere Seelenkräfte anderes
hervorgebracht; die späteren Gedanken als solche stellen sich stets so dar, daß
sie in ihrem eigentlichen Gedankengehalte schon bei irgendeinem griechischen
Denker vorhanden waren.
Was gedacht werden kann, und wie man an dem Denken und der Erkenntnis
zweifeln kann: alles das tritt in der griechischen Kultur auf.
Und in der Gedankenoffenbarung erfaßt sich die Seele in ihrer Wesenheit.
Doch hat das griechische Gedankenleben der Seele gezeigt, daß es die Kraft hat, ihr alles das zu geben, was es in ihr angeregt hat?
Vor dieser Frage
stand, wie einen Nachklang des griechischen Gedankenlebens bildend, die
Weltanschauungsströmung, welche man den Neuplatonismus nennt.
Ihr Hauptträger ist Plotin (205-270 n.Chr.).
Ein Vorläufer kann schon Philo genannt werden, der im Beginne unserer
Zeitrechnung in Alexandrien lebte.
Denn Philo stützt sich nicht auf die schöpferische Kraft des Gedankens zum
Aufbaue einer Weltanschauung.
Er wendet vielmehr den Gedanken an, um die Offenbarung des Alten Testaments
zu verstehen.
Er legt, was in demselben als Tatsachen erzählt wird, gedanklich,
allegorisch aus.
Die Erzählungen des Testamentes werden ihm zu Sinnbildern für
Seelenvorgänge, denen er gedanklich nahezukommen sucht.
Plotin sieht in dem Gedankenerleben der Seele nicht etwas, was die Seele in
ihrem vollen Leben umfaßt.
Hinter dem Gedankenleben muß ein anderes Seelenleben liegen.
Über dieses Seelenleben breitet die Erfassung der Gedanken eher eine Decke,
als daß sie dasselbe enthüllte.
Die Seele muß das Gedankenwesen überwinden, es in sich austilgen, und kann
nach dieser Austilgung in ein Erleben kommen, welches sie mit dem Urwesen der
Welt verbindet.
Der Gedanke bringt die Seele zu sich; sie muß nun in sich etwas erfassen,
was sie aus dem Gebiete wieder herausführt, in das sie der Gedanke gebracht
hat.
Eine Erleuchtung, die in der Seele auftritt, nachdem diese das Gebiet
verlassen hat, auf das sie der Gedanke gebracht hat, strebt Plotin an.
So glaubt er sich zu einem Weitenwesen zu erheben, das nicht in das
Gedankenleben eingeht; daher ist ihm die Weltvernunft, zu der sich Plato und
Aristoteles erheben, nicht das letzte, zu dem die Seele kommt, sondern ein
Geschöpf des Höheren, das jenseits alles Denken” liegt.
Von diesem Übergedanklichen, das mit nichts verglichen werden kann, worüber
Gedanken möglich sind, strömt alles Weltgeschehen aus.
— Der Gedanke, wie er sich dem griechischen Geistesleben offenbaren konnte,
hat gewissermaßen bis zu Plotin hin seinen Umkreis gemacht und damit die
Verhältnisse erschöpft, in welche sich der Mensch zu ihm bringen kann.
Und Plotin sucht nach anderen Quellen als denjenigen, welche in der
Gedankenoffenbarung liegen.
Er schreitet aus dem sich fortentwickelnden Gedankenleben heraus und in das
Gebiet der Mystik hinein.
Ausführungen über die Entwickelung der eigentlichen Mystik sind hier nicht
beabsichtigt, sondern nur solche, welche die Gedankenentwickelung darstellen,
und dasjenige, was aus dieser selbst hervorgeht.
Doch finden an verschiedenen Stellen der Geistesentwickelung der Menschheit
Verbindungen der gedanklichen Weltanschauung mit der Mystik statt.
Eine solche Verbindung ist bei Plotin vorhanden.
In seinem Seelenleben ist nicht das bloße Denken maßgebend.
Er hat eine seelische Erfahrung, welche inneres Erleben darstellt, ohne daß
Gedanken in der Seele anwesend -sind, mystisches Erleben.
In diesem Erleben fühlt er seine Seele vereinigt mit dem Weltengrunde.
Wie er aber dann den Zusammenhang der Welt mit diesem Weltengrunde
darstellt, das ist in Gedanken auszudrücken.
Aus dem Übergedanklichen strömten die Weltenwesen aus.
Das Ubergedankliche ist das Vollkommenste.
Was daraus hervorgeht, ist weniger vollkommen.
So geht es bis herab zu der sichtbaren Welt, dem Unvollkommensten.
Innerhalb desselben findet sich der Mensch.
Er soll durch die Vervollkommnung seiner Seele dasjenige abstreifen, was ihm die Welt geben kann, in der er sich zunächst befindet, und so einen Weg finden, der aus ihm ein Wesen macht, das dem vollkommenen Ursprünge angemessen ist.
Plotin stellt sich dar als eine Persönlichkeit, welche sich in die
Unmöglichkeit versetzt fühlt, das griechische Gedankenleben fortzusetzen.
Er kann auf nichts kommen, was wie ein weiterer Sproß des
Weltanschauungslebens aus dem Gedanken selbst folgt.
Richtet man den Blick auf den Sinn der Weltanschauungsentwickelung, so ist
man berechtigt zu sagen: Das Bildvorstellen ist zum Gedankenvorstellen
geworden; in ähnlicher Art muß das Gedankenvorstellen sich weiter in etwas
anderes verwandeln.
Aber dazu ist zu Plotins Zeit die Weltanschauungsentwickelung noch nicht
reif.
Deshalb verläßt Plotin den Gedanken und sucht außerhalb des
Gedankenerlebens.
Doch gestalten sich die griechischen Gedanken, befruchtet durch seine
mystischen Erlebnisse, zu den Entwickelungsideen aus, welche das Weltgeschehen
vorstellen als Hervorgehen einer Stufenfolge von in absteigender Ordnung
unvollkommenen Wesen aus einem höchsten vollkommenen.
In Plotins Denken wirken die griechischen Gedanken fort; doch sie wachsen
nicht wie ein Organismus weiter, sondern werden von dem mystischen Erleben
aufgenommen und gestalten sich nicht zu dem um, was sie selbst aus sich bilden,
sondern zu einem solchen, das durch außergedankliche Kräfte umgestaltet wird.
Bekenner und Fortsetzer dieser Weltanschauung sind Ammonius Sakkas (175 bis
242), Porphyrius (232-304), Jamblichus (der im vierten Jahrhundert n.Chr. lebte), Proklus (410-485) und andere.
In einer ähnlichen Art, wie durch Plotin und seine Nachfolger das griechische Denken in seiner mehr platonischen Färbung unter dem Einfluß eines außergedanklichen Elementes fortgesetzt wird, gesdiieht es mit diesem Denken in seiner pythagoreischen Nuance durch Nigidius Figulus, Apollonius von Tyana, Moderatus von Gades und anderen.
Das Gedankenleben vom Beginn der Christlichen Zeitrechnung bis zu Johannes Scotus oder Erigena
In dem Zeitalter,
das auf die Blüte der griechischen Weltanschauungen folgt, tauchen diese in das
religiöse Leben dieses Zeitalters unter.
Die Weltanschauungsströmung verschwindet gewissermaßen in den religiösen
Bewegungen und taucht erst in einem späteren Zeitpunkte wieder auf.
Damit soll nicht behauptet werden, daß diese religiösen Bewegungen nicht im
Zusammenhang mit dem Fortgange des Weltanschauungslebens stehen.
Es ist dies vielmehr in dem allerumfassendsten Sinne der Fall.
Doch wird hier nicht beabsichtigt, etwas über die Entwickelung des
religiösen Lebens zu sagen.
Es soll nur der Fortgang der Weltanschauungen charakterisiert werden, insofern dieser aus dem Gedankenerleben als solchem sich ergibt.
Nach der Erschöpfung des griechischen Gedankenlebens tritt im Geistesleben
der Menschheit ein Zeitalter ein, in welchem die religiösen Impulse die
treibenden Kräfte auch der gedanklichen Weltanschauung werden.
Was bei Plotin sein eigenes mystisches Erleben war, das Inspirierende für
seine Ideen, das werden in ausgebreiteterem Leben für die geistige
Menschheitsentwickelung die religiösen Impulse in einem Zeitalter, das mit der
Erschöpfung der griechischen Weltanschauung beginnt und etwa bis zu Scotus Erigena
(gest. 877 n. Chr.) dauert.
— Es hört die Gedankenentwickelung in diesem Zeitalter nicht etwa völlig
auf; es entfalten sich sogar großartige, umfassende Gedankengebäude.
Doch ziehen die Gedankenkräfte derselben ihre Quellen nicht aus sich selbst, sondern aus den religiösen Impulsen.
Es strömt in diesem Zeitalter die
religiöse Vorstellungsart durch die sich entwickelnden Menschenseelen, und aus
den Anregungen dieser Vorstellungsart fließen die Weltbilder.
Die Gedanken, die dabei zutage treten, sind die fortwirkenden griechischen
Gedanken.
Man nimmt diese auf, gestaltet sie um; aber man bringt sie zu keinem
Wachstum aus sich selbst heraus.
Aus dem Hintergrunde des religiösen Lebens heraus treten die
Weltanschauungen.
Was in ihnen lebt, ist nicht der sich entfaltende Gedanke; es sind die religiösen Impulse, welche danach drängen, in den errungenen Gedanken sich einen Ausdruck zu verschaffen.
Man kann an einzelnen bedeutsamen Erscheinungen diese Entwicklung
betrachten.
Man sieht dann auf europäischem Boden platonische und ältere
Vorstellungsarten damit ringen, zu begreifen, was die Religionen verkünden,
oder auch es bekämpfen.
Bedeutende Denker suchen, was die Religion offenbart, auch gerechtfertigt
vor den alten Weltanschauungen darzustellen.
— So kommt zustande, was die Geschichte als Gnosis bezeichnet, in einer
mehr christlichen oder mehr heidnischen Färbung.
Persönlichkeiten, welche für die Gnosis in Betracht kommen, sind
Valentinus, Basilides, Marcion.
Ihre Gedankenschöpfung ist eine umfassende Weltentwickelungsvorstellung.
Das Erkennen, die Gnosis, mündet, wenn es sich aus dem Gedanklichen ins
Übergedankliche erhebt, in die Vorstellung einer höchsten weltschöpferischen
Wesenheit.
Weit erhaben über alles, was als Welt von dem Menschen wahrgenommen wird,
ist diese Wesenheit.
Und weit erhaben sind auch noch die Wesenheiten, welche sie aus sich
hervorgehen läßt, die Äonen.
Doch bilden diese eine absteigende Entwickelungsreihe, so daß ein Äon als
ein unvollkommenerer immer aus einem vollkommeneren hervorgeht.
Als ein soloher Äon auf einer späteren Entwickelungsstufe ist der Schöpfer
der dem Menschen wahrnehmbaren Welt anzusehen, der auch der Mensch selbst
zugehört.
Mit dieser Welt kann sich nun ein Äon des höchsten Vollkommenheitsgrades
verbinden.
Ein Äon, der in einer rein geistigen, vollkommenen Welt verblieben und da
sich im besten Sinne weiterentwickelt hat, während andere Äonen Unvollkommenes
und zuletzt die sinnliche Welt mit dem Menschen hervorgebracht haben.
So ist für die Gnosis die Verbindung zweier Welten denkbar, welche
verschiedene Entwicklungswege durchgemacht haben, und von denen dann in einem
Zeitpunkte die unvollkommene von der vollkommenen zu neuer Entwickelung nach
dem Vollkommenen zu angeregt wird.
— Die dem Christentum zugeneigten Gnostiker sahen in dem Christus Jesus jenen vollkommenen Äon, der mit der Erdenwelt sich verbunden hat.
Mehr auf dogmatisch-christlichem Boden standen Persönlichkeiten wie Clemens
von Alexandrien (gest. etwa 211 n. Chr.) und Origenes (geb. etwa 183 n. Chr.).
Clemens nimmt die griechischen Weltanschauungen wie eine Vorbereitung der
christlichen Offenbarung und benützt sie als ein Instrument, um die
christlichen Impulse auszudrücken und zu verteidigen.
In ähnlicher Art verfährt Origenes.
Wie zusammenfließend in einem umfassenden Vorstellungsstrom findet sich das
von den religiösen Impulsen inspirierte Gedankenleben in den Schriften des
Areopagiten Dionysius.
Diese Schriften werden vom Jahr 533 n. Chr. an erwähnt, sind wohl nicht viel früher verfaßt, gehen aber in ihren
Grundzügen, nicht in den Einzelheiten, auf früheres Denken dieses Zeitalters
zurück.
— Man kann den Inhalt in der folgenden Art skizzieren: "Wenn die Seele
sich allem entringt, was sie als Seiendes wahrnehmen und denken kann, wenn sie
auch hinausgeht über alles, was sie als Nichtseiendes zu denken vermag, so kann
sie das Gebiet der überseienden, verborgenen Gotteswesenheit geistig erahnen.
In dieser ist das Urseiende mit der Urgüte und der Urschönheit vereinigt.
Von dieser ursprünglichen Dreiheit ausgehend, schaut die Seele absteigend eine Rangordnung von Wesen, die in hierarchischer Ordnung bis zum Menschen gehen.
Scotus Erigena übernimmt im neunten Jahrhunderte diese Weltanschauung und
baut sie in seiner Art aus.
Für ihn stellt sich die Welt als eine Entwickelung in vier “Naturformen”
dar.
Die erste ist die “schaffende und nicht geschaffene Natur”.
In ihr ist der rein geistige Urgrund der Welt enthalten, aus dem sich die
“schaffende und geschaffene Natur” entwickelt.
Das ist eine Summe von rein geistigen Wesenheiten und Kräften, die durch
ihre Tätigkeit erst die “geschaffene und nicht schaffende Natur” hervorbringen,
zu welcher die Sinnenwelt und der Mensch gehören.
Diese entwickeln sich so, daß sie aufgenommen werden in die “nicht
geschaffene und nicht schaffende Natur”, innerhalb welcher die Tatsachen der
Erlösung, die religiösen Gnadenmittel usw. wirken.
In den Weltanschauungen der Gnostiker, des Dionysius, des Scotus Erigena
fühlt die Menschenseele ihre Wurzel in einem Weltengrunde, auf den sie sich
nicht durch die Kraft des Gedankens stellt, sondern von dem sie die
Gedankenwelt als Gabe empfangen will.
In der Eigenkraft des Gedankens fühlt sich die Seele nicht sicher; doch
strebt sie danach, ihr Verhältnis zu dem Weltgrunde im Gedanken zu erleben.
Sie läßt in sich den Gedanken, der bei den griechischen Denkern von seiner
eigenen Kraft lebte, von einer anderen Kraft beleben, die sie aus den
religiösen Impulsen holt.
Es führt der Gedanke in diesem Zeitalter gewissermaßen ein Dasein, in dem
seine eigene Kraft schlummert.
So darf man sich auch das Bildervorstellen denken in den Jahrhunderten, die
der Geburt des Gedankens vorangegangen sind.
Das Bildvorstellen hatte wohl eine uralte Blüte, ähnlich wie das Gedankenerleben
in Griechenland; dann sog es seine Kraft aus anderen Impulsen, und erst als es
durch diesen Zwischenzustand hindurchgegangen war, verwandelte es sich in das
Gedankenerleben.
Es ist ein Zwischenzustand des Gedankenwachstums, der sich m den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung darstellt.
In Asien, wo des Aristoteles Anschauungen Verbreitung fanden, entsteht das
Bestreben, die semitischen Religionsimpulse in den Ideen des griechischen
Denkers zum Ausdrucke zu bringen.
Das verpflanzt sich dann auf europäischen Boden und tritt ein in das
europäische Geistesleben durch Denker wie Averroes, den großen Aristoteliker
(1126-1198), Maimonides (1135-1204) und andere.
— Bei Averroes findet man die Ansicht, daß das Vorhandensein einer
besonderen Gedankenwelt in der Persönlichkeit des Menschen ein Irrtum sei.
Es gibt nur eine einige Gedankenwelt in dem göttlichen Urwesen.
Wie sich ein Licht in vielen Spiegeln abbilden kann, so offenbart sich die
eine Gedankenwelt in den vielen Menschen.
Es findet zwar während des menschlichen Erdenlebens eine Fortbildung der
Gedankenwelt statt; doch ist diese in Wahrheit nur ein Vorgang in dem geistigen
einigenden Urgründe.
Stirbt der Mensch, so hört einfach die individuelle Offenbarung durch ihn
auf.
Sein Gedankenleben ist nur mehr in dem einen Gedankenleben vorhanden.
— Diese Weltanschauung laßt das griechische Gedankenerleben so fortwirken,
daß sie dieses in dem einheitlichen göttlichen Weltengrunde verankert.
Sie macht den Eindruck, als ob in ihr zum Ausdruck käme, daß die sich entwickelnde Menschenseele in sich nicht die ureigene Kraft des Gedankens fühlte; deshalb verlegt sie diese Kraft in eine außermenschliche Weltenmacht.
Die Weltanschauungen im Mittelalter
Wie eine Vorverkündigung zeigt sich ein neues Element, welches das
Gedankenleben selbst aus sich hervorbringt, bei Augustinus (354-430), um dann
wieder unbemerkbar weiter zu strömen in dem es überdeckenden religiösen
Vorstellen, und erst im späteren Mittelalter deutlicher hervorzutreten.
Bei Augustinus ist das Neue wie eine Rückerinnerung an das griechische
Gedankenleben.
Er blickt um sich und in sich und sagt sich: Mag alles nur Ungewisses und
Täuschung geben, was sonst die Welt offenbart, — an einem ist nicht zu
zweifeln: an der Gewißheit des seelischen Erlebens selbst.
Das wird mir durch keine Wahrnehmung zuteil, die mich täuschen kann; in diesem bin ich selbst darinnen; es ist, denn ich bin dabei, indem ihm sein Sein zugeschrieben wird.
Man kann in diesen Vorstellungen etwas Neues gegenüber dem griechischen
Gedankenleben erblicken, trotzdem sie zunächst einer Rückerinnerung an dasselbe
gleichen.
Das griechische Denken deutet auf die Seele; bei Augustinus wird auf den
Mittelpunkt des Seelenlebens gewiesen.
Die griechischen Denker betrachten die Seele in ihrem Verhältnis zur Welt;
bei Augustinus stellt sich dem Seelenleben etwas in demselben gegenüber und
betrachtet dieses Seelenleben als eine besondere, in sich geschlossene Welt.
Man kann den Mittelpunkt des Seelenlebens das “Ich” des Menschen nennen.
Den griechischen Denkern wird das Verhältnis der Seele zur Welt zum Rätsel;
den neueren Denkern das Verhältnis des “Ich” zur Seele.
Bei Augustinus kündigt sich das erst an; die folgenden
Weltanschauungsbestrebungen haben noch zu viel zu tun, um Weltanschauung und
Religion in Einklang zu bringen, als daß das Neue, das jetzt in das
Geistesleben hereingetreten ist, ihnen schon deutlich zum Bewußtsein käme.
Und doch lebt in der Folgezeit, den Seelen mehr oder weniger unbewußt, das
Bestreben, die Welträtsel so zu betrachten, wie es das neue Element fordert.
Bei Denkern wie Anselm von Canterbury (1033-1109) und Thomas von Aquino
(1227-1274) tritt das noch so hervor, daß sie dem auf sich selbst gestützten
menschlichen Denken zwar die Fähigkeit zuschreiben, die Weltvorgänge bis zu
einem gewissen Grade zu erforschen, daß sie diese Fähigkeit aber begrenzen.
Für sie gibt es eine höhere geistige Wirklichkeit, zu welcher das sich
selbst überlassene Denken niemals kommen kann, sondern die ihm auf religiöse
Art geoffenbart werden muß.
Der Mensch wurzelt im Sinne des Thomas von Aquino mit seinem Seelenleben in
der Welt Wirklichkeit; doch kann dieses Seelenleben aus sich selbst heraus
diese Wirklichkeit in ihrem vollen Umfange nicht erkennen.
Der Mensch könnte nicht wissen, wie sein Wesen in dem Gange der Welt
drinnen steht, wenn nicht das Geistwesen, zu dem sein Erkennen nicht dringt,
sich zu ihm neigte und ihm auf dem Offenbarungswege mitteilte, was der nur auf
ihre eigene Kraft bauenden Erkenntnis verborgen bleiben muß.
Von dieser Voraussetzung aus baut Thomas von Aquino sein Weltbild auf.
Es hat zwei Teile, den einen, der aus den Wahrheiten besteht, welche sich
dem eigenen Gedankenerleben über den natürlichen Verlauf der Dinge erschließen;
dieser Teil mündet in einen anderen, in welchem sich das befindet, was durch
Bibel und religiöse Offenbarung an die Menschenseele herangekommen ist.
Es muß also in die Seele etwas dringen, was ihrem Eigenleben nicht erreichbar ist, wenn sie in ihrem vollen Wesen sich erfühlen will.
Thomas von Aquino macht sich ganz
vertraut mit der Weltanschauung des Aristoteles.
Dieser wird ihm wie sein Meister im Gedankenleben.
Thomas ist damit die hervorragendste, aber doch nur eine der zahlreichen
Persönlichkeiten des Mittelalters, welche ganz auf dem Gedankenbau des
Aristoteles den eigenen aufführen.
Aristoteles wird für Jahrhunderte “der Meister derer, die da wissen”, wie
Dante die Verehrung für Aristoteles im Mittelalter ausdrückt.
— Thomas von Aquino hat das Bestreben, in aristotelischer Art zu begreifen,
was menschlich begreifbar ist.
So wird ihm Aristoteles' Weltanschauung zum Führer bis zu jener Grenze, bis
zu der das menschliche Seelenleben mit seinen eigenen Kräften dringen kann;
jenseits dieser Grenzen Hegt, was im Sinne des Thomas die griechische
Weltanschauung nicht erreichen konnte.
Für Thomas von Aquino bedarf also das menschliche Denken eines anderen
Lichtes, von dem es erleuchtet werden muß.
Er findet dieses Licht in der Offenbarung.
Wie immer sich die folgenden Denker nun auch zur Offenbarung stellten: in
griechischer Art konnten sie nicht mehr das Gedankenleben hinnehmen.
Es genügt ihnen nicht, daß das Denken die Welt begreift; sie setzen voraus,
es müsse eine Möglichkeit geben, dem Denken selbst eine es stützende Unterlage
zu geben.
Das Bestreben entsteht, das Verhältnis des Menschen zu seinem Seelenleben
zu ergründen.
Der Mensch sieht sich also als ein Wesen an, das in seinem Seelenleben
vorhanden ist.
Wenn man dieses “Etwas” das “Ich” nennt, so kann man sagen: In der neueren
Zeit wird innerhalb des Seelenlebens das Bewußtsein vom “Ich” rege, wie im
griechischen Weltanschauungsleben der Gedanke geboren wurde.
Welch verschiedene Formen auch die Weltanschauungsbestrebungen in diesem
Zeitalter annehmen — um die Erforschung der Ich-Wesenheit drehen sich doch
alle.
Nur tritt diese Tatsache nicht überall klar in das Bewußtsein der Denker.
Diese glauben zumeist, ganz anderen Fragen hingegeben zu sein.
Man könnte davon sprechen, daß das “Rätsel des Ich” in den mannigfaltigsten
Maskierungen auftritt.
Zuweilen lebt es in den Weltanschauungen der Denker auf so verborgene Art,
daß die Behauptung, es handele sich bei der einen oder der anderen Ansicht um
dieses Rätsel, wie eine willkürliche oder erzwungene Meinung sich darstellt.
— Im neunzehnten Jahrhundert kommt das Ringen mit dem “Ich-Rätsel” am intensivsten zum Ausdruck, und die Weltanschauungen der Gegenwart leben mitten in diesem Ringen darinnen.
Schon in dem Streite zwischen Nominalisten und Realisten im Mittelalter
lebt dieses “Welträtsel”.
Einen Träger des Realismus kann man Anselm von Canterbury nennen.
Für ihn sind die allgemeinen Gedanken, welche sich der Mensch macht, wenn
er die Welt betrachtet, nicht bloße Bezeichnungen, die sich die Seele bildet,
sondern sie wurzeln in einem realen Leben.
Wenn man sich den allgemeinen Begriff des “Löwen” bildet, um alle Löwen
damit zu bezeichnen, so haben im Sinne des Sinnenseins gewiß nur die einzelnen
Löwen Wirklichkeit; aber der allgemeine Begriff “Löwe” ist doch nicht eine
bloße zusammenfassende Bezeichnung, die nur für den Gebrauch der menschlichen
Seele eine Bedeutung hat.
Er wurzelt in einer geistigen Welt, und die einzelnen Löwen der Sinneswelt
sind mannigfaltige Verkörperungen der einen “Löwennatur”, die in der “Idee des
Löwen” sich ausdrückt.
— Gegen solche “Realität der Ideen” wandten sich Nominalisten wie Roscellin
(auch im elften Jahrhundert).
Für ihn sind die “allgemeinen Ideen” nur zusammenfassende Bezeichnungen —
Namen, welche die Seele zu ihrem Gebrauche, zu ihrer Orientierung sich bildet,
die aber keiner Wirklichkeit entsprechen.
Wirklich seien nur die einzelnen Dinge.
Der Streit ist charakteristisch für die Seelenstimmung seiner Träger.
Sie fühlen beide die Notwendigkeit, darüber nachzuforschen, welche Geltung,
welche Bedeutung die Gedanken haben, die sich die Seele bilden muß.
Sie verhalten sich anders zu den Gedanken, als sich Plato und Aristoteles
zu ihnen verhalten haben.
Dies aus dem Grunde, weil sich etwas vollzogen hat zwischen dem Ausgang der
griechischen Weltanschauungsentwickelung und dem Beginn der neuzeitlichen, das
wie unter der Oberfläche des geschichtlichen Werdens liegt, aber an der Art
wohl bemerkbar ist, wie sich die Persönlichkeiten zu ihrem Gedankenleben
stellen.
An den griechischen Denker trat der Gedanke heran wie eine Wahrnehmung.
Er trat in der Seele auf, wie die rote Farbe auftritt, wenn der Mensch der
Rose gegenübersteht.
Und der Denker nahm ihn auf wie eine Wahrnehmung.
Als solche hatte der Gedanke eine ganz unmittelbare Überzeugungskraft.
Der griechische Denker hatte die Empfindung, wenn er sich der geistigen
Welt mit der Seele empfänglich gegenüberstellt, es könne in diese Seele aus der
geistigen Welt so wenig ein unrichtiger Gedanke hereindringen, wie aus der
Sinnenwelt bei richtigem Gebrauch der Sinne die Wahrnehmung eines geflügelten
Pferdes kommen könne.
Für den Griechen handelt es sich darum, die Gedanken aus der Welt schöpfen
zu können.
Diese bezeugen selbst ihre Wahrheit.
Gegen diese Tatsache spricht ebensowenig die Sophistik wie der
Skeptizismus.
Beide haben im Altertum noch eine ganz andere Schattierung, als sie in der
Neuzeit haben.
Sie sprechen nicht gegen die Tatsache, die besonders in den eigentlichen
Denkercharakteren deutlich sich offenbart, daß der Grieche den Gedanken viel
elementarer, inhaltvoller, lebendiger, wirklicher empfand, als der Mensch der
neueren Zeit ihn empfinden kann.
Diese Lebendigkeit, welche in Griechenland dem Gedanken den Charakter einer
Wahrnehmung gab, ist im Mittelalter schon nicht mehr vorhanden.
Was sich vollzogen hat, ist dieses: So wie in den griechischen Zeiten
der Gedanke in die menschliche Seele hereinzog und das alte Bildvorstellen
austilgte, so zog in den Zeiten des Mittelalters in die Seelen das Bewußtsein
vom “Ich” ein; und dies hat die Lebendigkeit des Gedankens abgedämpft; es hat
ihm seine Wahrnehmungskraft genommen.
Man kann nur erkennen, wie das Weltanschauungsleben fortschreitet, wenn man
durchschaut, wie der Gedanke, die Idee für Plato und Aristoteles in der Tat
etwas ganz anderes waren als für die Persönlichkeiten des Mittelalters und der
neuen Zeit.
Der Denker des Altertums hatte das Gefühl, der Gedanke werde ihm gegeben;
der Denker der späteren Zeit hat das Gefühl, er bilde den Gedanken; und so
entsteht für ihn die Frage: Welche Bedeutung für die Wirklichkeit kann
dasjenige haben, was in der Seele gebildet wird? — Der Grieche empfand sich als
Seele abgesondert von der Welt; im Gedanken suchte er sich mit der geistigen
Welt zu verbinden; der spätere Denker fühlt sich mit seinem Gedankenleben
allein.
So entsteht das Nachforschen über die “allgemeinen Ideen”.
Man fragt: Was habe ich in ihnen denn eigentlich gebildet?
Wurzeln sie nur in mir, oder deuten sie auf eine Wirklichkeit?
In den Zeiten, welche zwischen
der alten Weltanschauungsströmung und der neueren liegen, versiegt das
griechische Gedankenleben; unter der Oberfläche aber kommt an die Menschenseele
als Tatsache das Ich-Bewußtsein heran; von der Mitte des Mittelalters an sieht
sich der Mensch dieser vollzogenen Tatsache gegenüber, und durch ihre Kraft
entwickelt sich die neue Art der Lebensrätsel.
Realismus und Nominalismus sind das Symptom dafür, daß der Mensch die
vollzogene Tatsache empfindet.
Wie beide über den Gedanken sprechen, das zeigt, daß dieser gegenüber seinem Dasein in der griechischen Seele so abgeblaßt, abgedämpft war, wie in der Seele des griechischen Denkers es die alte Bildvorstellung war.
Hiermit ist auf das treibende Element hingewiesen, das in den neueren
Weltanschauungen lebt.
In diesen wirkt eine Kraft, welche über den Gedanken hinaus nach einem
neuen Wirklichkeitsfaktor strebt.
Man kann dieses Streben der neueren Zeit nicht als dasselbe empfinden, was
das Hinausstreben über den Gedanken in alter Zeit bei Pythagoras, später bei
Plotin war.
Diese streben wohl auch über den Gedanken hinaus, aber sie stellen sich
vor, daß die Entwickelung der Seele, deren Vervollkommnung, sich die Region
erringen müsse, welche über den Gedanken hinausliegt.
Die neuere Zeit setzt voraus, daß der über den Gedanken hinausliegende Wirklichkeitsfaktor der Seele von außen gegeben werden müsse, daß er an sie herankommen müsse.
Die Weltanschauungsentwickelung wird in den Jahrhunderten, welche auf die
Zeit des Nominalismus und Realismus folgen, zu einem Suchen nach dem neuen
Wirklichkeitsfaktor.
Ein Weg unter denen, die sich dem Beobachter dieses Suchens zeigen, ist
derjenige, welchen die mittelalterlichen Mystiker eingeschlagen haben: Meister
Eckhard (gest. 1327), Johannes Tauler (gest. 1361), Heinrich Suso (gest. 1366).
Am anschaulichsten wird dieser Weg durch die Betrachtung der sogenannten
“Theologia deutsch”, die von einem geschichtlich nicht bekannten Verfasser
herrührt.
Diese Mystiker wollen in das Ich-Bewußtsein etwas hineinempfangen, es mit etwas
erfüllen.
Sie streben deshalb ein inneres Leben an, das “ganz gelassen” ist, das sich
in Ruhe hingibt, und das so erwartet, wie sich das Innere der Seele erfülle mit
dem “göttlichen Ich”.
In späterer Zeit taucht eine ähnliche Seelenstimmung mit mehr Schwungkraft des Geistes auf bei Angelas Silesws (1624-1677).
Einen anderen Weg schlägt Nicolaus Cusanus (Nikolaus Chrypffs, geboren zu
Kues an der Mosel 1401, gestorben 1464) ein.
Er strebt über das gedanklich erreichbare Wissen hinaus zu einem
Seelenzustand, in dem dies Wissen aufhört und die Seele ihrem Gotte in der
“wissenden Unwissenheit”, der docta ignorantia, begegnet.
Äußerlich betrachtet hat das viel Ähnlichkeit mit dem Streben des Plotin.
Doch ist die Seelenverfassung bei den beiden Persönlichkeiten verschieden.
Plotin ist überzeugt, daß in der Menschenseele mehr liege als die
Gedankenwelt.
Wenn die Seele die ihr außerhalb des Gedankens eignende Kraft entwickelt,
so gelangt sie wahrnehmend dahin, wo sie immer ist, ohne im gewöhnlichen Leben
davon zu wissen; Cusanus fühlt sich mit seinem “Ich” allein; dieses hat in sieb
keinen Zusammenhang mit seinem Gotte.
Der ist außer dem “Ich”.
Das “Ich” begegnet ihm, wenn es die “wissende Unwissenheit” erreicht.
Paracelsus (1493-1541) hat bereits die Empfindung gegenüber der Natur,
welche sich in der neueren Weltanschauung immer mehr herausbildete, und die
eine Wirkung der sich im Ich-Bewußtsein vereinsamt fühlenden Seele ist.
Er richtet den Blick auf die Naturerscheinungen.
So wie sich diese darstellen, können
sie von der Seele nicht hingenommen werden; aber auch der Gedanke, der bei
Aristoteles in ruhigem Verkehr mit den Naturerscheinungen sich entfaltete, kann
nicht so hingenommen werden, wie er in der Seele auftritt.
Er wird nicht wahrgenommen; er wird in der Seele gebildet.
Man muß den Gedanken nicht selbst sprechen lassen, so empfand Paracelsus;
man muß voraussetzen, daß hinter den Naturerscheinungen etwas ist, was sich
enthüllt, wenn man sich in das rechte Verhältnis zu ihnen bringt.
Man muß von der Natur etwas empfangen können, was man in ihrem Anblick
nicht selbst bildet wie den Gedanken.
Man muß mit seinem Ich durch einen anderen "Wirklichkeitsfaktor
zusammenhängen als durch den Gedanken.
Eine “höhere Natur” hinter der Natur sucht Paracelsus.
Seine Seelenstimmung ist so, daß er nicht etwas in sich allein erleben
will, um zu den Gründen des Daseins zu kommen, sondern daß er sich gleichsam
mit seinem Ich in die Naturvorgänge hineinbohren will, um sich unter der
Oberfläche der Sinneswelt den Geist dieser Vorgänge offenbaren zu lassen.
Hinunterdringen in die Tiefen der Seele wollten die Mystiker des Altertums; dasjenige unternehmen, was in der Außenwelt zur Begegnung mit den Wurzeln der Natur führt, wollte Paracelsus.
Jacob Böhme (1575-1624), der als einsamer, verfolgter Handwerker ein
Weltbild wie aus innerer Erleuchtung heraus sich bildete, trägt doch in dieses
Weltbild den Grundcharakter der neueren Zeit hinein.
Ja, er entwickelt sogar in der Einsamkeit seines Seelenlebens diesen
Grundcharakter besonders eindrucksvoll, weil ihm die innere Zweiheit des
Seelenlebens, der Gegensatz des Ich und der anderen Seelenerlebnisse, vor das
geistige Auge tritt.
Das “Ich” erlebt er, wie es sich in dem eigenen Seelenleben den inneren
Gegensatz schafft, wie es sich in der eigenen Seele spiegelt.
Dieses innere Erlebnis findet er dann in den Weltvorgängen wieder.
Er sieht in diesem Erlebnis einen durch alles hindurchgehenden Zwiespalt.
“In solcher Betrachtung findet man zwei Qualitäten, eine gute und eine böse, die in dieser Welt in allen Kräften, in Sternen und Elementen, sowohl in allen Kreaturen ineinander sind.” Auch das Böse in der Welt steht dem Guten als sein Widerschein gegenüber; das Gute wird sich in dem Bösen erst selbst gewahr, wie sich das Ich in seinen Seelenerlebnissen gewahr wird.
Die Weltanschauungen des Jüngsten Zeitalters der Gedankenentwickelung
Dem Aufblühen der Naturwissenschaft in der
neueren Zeit liegt dasselbe Suchen wie J. Böhmes Mystik zugrunde.
Es zeigt sich dies an einem Denker, welcher unmittelbar aus der
Geistesströmung herausgewachsen ist, die in Kopernikus (1473-1543), Kepler
(1571-1630), Galilei (1564-1642) und anderen zu den ersten großen
naturwissenschaftlichen Errungenschaften der neueren Zeit führte.
Es ist Giordano Bruno (1548-1600).
Wenn man betrachtet, wie er die Welt aus unendlich vielen kleinen belebten
und sich seelisch erlebenden Urwesen bestehen läßt, den Monaden, die
unentstanden und unvergänglich sind, und die in ihrem Zusammenwirken die
Naturerscheinungen ergeben, so könnte man versucht sein, Giordano Bruno mit
Anaxagoras zusammenzustellen, dem die Welt aus den Homoiomerien besteht.
Und doch ist zwischen beiden ein bedeutsamer Unterschied.
Dem Anaxagoras entfaltet sich der Gedanke der Homoiomerien, indem er sich
der Welt betrachtend hingibt; die Welt gibt ihm diesen Gedanken ein.
Giordano Bruno fühlt: Was hinter den Naturerscheinungen liegt, muß als
Weltbild so gedacht werden, daß das Wesen des Ich in dem Weltbilde möglich ist.
Das leb muß eine Monade sein, sonst könnte es nicht wirklich sein.
So wird die Annahme der Monaden notwendig.
Und weil nur die Monade wirklich sein kann, sind die wahrhaft wirklichen
Wesen Monaden mit verschiedenen inneren Eigenschaften.
Es geht in den Tiefen der Seele einer Persönlichkeit wie Giordano Bruno
etwas vor, was nicht voll zum Bewußtsein derselben kommt; die Wirkung dieses
inneren Vorganges ist dann die Fassung des Weltbildes.
Was in den Tiefen vorgeht, ist ein unbewußter Seelenprozeß: Das Ich fühlt,
es muß sich selbst so vorstellen, daß ihm die Wirklichkeit verbürgt ist; und es
muß die Welt so vorstellen, daß es in dieser Welt wirklich sein kann.
Giordano Bruno muß sich die Vorstellung der Monade bilden, damit beides
möglich ist.
In Giordano Bruno kämpft im Weltanschauungsleben der neueren Zeit das Ich
um sein Dasein in der Welt.
Und der Ausdruck dieses Kampfes ist die Anschauung: Ich bin eine Monade; eine solche ist unentstanden und unvergänglich.
Man vergleiche, wie verschieden Aristoteles und Giordano Bruno zur
Gottesvorstellung kommen.
Aristoteles betrachtet die Welt; er sieht das Sinnvolle der Naturvorgänge;
er gibt sich diesem Sinnvollen hin; auch an den Naturvorgängen offenbart sich
ihm der Gedanke des “ersten Bewegers” dieser Vorgänge.
Giordano Bruno kämpft sich in seinem Seelenleben zur Vorstellung der
Monaden durch; die Naturvorgänge sind gleichsam ausgelöscht in dem Bilde, in
dem unzählige Monaden aufeinanderwirkend auftreten; und Gott wird die hinter
allen Vorgängen der wahrnehmbaren Welt wirkende, in allen Monaden lebende
Kraftwesenheit.
In der leidenschaftlichen Gegnerschaft Giordano Brunos gegen Aristoteles drückt sich der Gegensatz aus zwischen dem Denker Griechenlands und dem der neueren Zeit.
Auf mannigfaltige Art kommt in der neueren Weltanschauungsentwickelung zum
Vorschein, wie das Ich nach Wegen sucht, um seine Wirklichkeit in sich zu
erleben.
Was Francis Bacon von Verulam (1561-1616) zum Ausdruck bringt, trägt
dasselbe Gepräge, wenn dies auch durch die Betrachtung seiner Bestrebungen auf
dem Gebiete der Weltanschauung nicht für den ersten Blick hervortritt.
Bacon von Verulam fordert, daß man die Erforschung der Welterscheinungen
mit der vorurteilsfreien Beobachtung beginne; daß man dann versuche, das
Wesentliche von dem Unwesentlichen einer Erscheinung zu trennen, um so eine
Vorstellung davon zu bekommen, was hinter einem Dinge oder Vorgange steckt.
Er meint, daß man bis zu seiner Zeit die Gedanken, welche die
Welterscheinungen erklären sollen, zuerst gefaßt und dann die Vorstellungen
über die einzelnen Dinge und Vorgänge nach diesen Gedanken gerichtet habe.
Er stellte sich vor, daß man die Gedanken nicht aus den Dingen selbst
genommen habe.
Diesem (deduktiven) Verfahren wollte Bacon von Verulam sein anderes
(induktives) Verfahren entgegengestellt wissen.
Die Begriffe sollen an den Dingen gebildet werden.
Man sieht — so denkt er -, wie ein Gegenstand von dem Feuer verzehrt wird;
man beobachtet, wie ein anderer Gegenstand sich zum Feuer verhält, und dann
beobachtet man dasselbe bei vielen Gegenständen.
So erhält man zuletzt eine allgemeine Vorstellung davon, wie sich die Dinge
im Verhältnisse zum Feuer verhalten.
Weil man früher nicht in dieser Art geforscht habe, so meint Bacon, sei es gekommen, daß in dem menschlichen Vorstellen so viele Idole statt wahrer Ideen über die Dinge herrschen.
Goethe sagt Bedeutsames über diese Vorstellungsart des Bacon von Verulam:
“Baco gleicht einem Manne, der die Unregelmäßigkeit, Unzulänglichkeit,
BaufälHgkeit eines alten Gebäudes recht wohl einsieht, und solche den Bewohnern
deutlich zu machen weiß.
Er rät ihnen, es zu verlassen, Grund und Boden, Materialien und alles
Zubehör zu verschmähen, einen anderen Bauplatz zu suchen und ein neues Gebäude
zu errichten.
Er ist ein trefflicher Redner und Überredner; er rüttelt an einigen Mauern,
sie fallen ein, und die Bewohner sind genötigt, teilweise auszuziehen.
Er deutet auf neue Plätze; man fängt an zu ebnen, und doch ist es überall
zu enge.
Er legt neue Risse vor; sie sind nicht deutlich, nicht einladend.
Hauptsächlich aber spricht er von neuen, unbekannten Materialien, und nun
ist der Welt gedient.
Die Menge zerstreut sich nach allen Himmelsgegenden und bringt unendlich Einzelnes zurück, indessen zu Hause neue Pläne, neue Tätigkeiten, Ansiedelungen die Bürger beschäftigen und die Aufmerksamkeit verschlingen.”
Goethe spricht
das in seiner Geschichte der Farbenlehre aus, da, wo er über Bacon redet.
In einem folgenden Abschnitt über Galilei sagt er:
“Schien durch die
Verulamische Zerstreuungsmethode die Naturwissenschaft auf ewig zersplittert,
so ward sie durch Galilei sogleich wieder zur Sammlung gebracht; er führte die
Naturlehre wieder in den Menschen zurück, und zeigte schon in früher Jugend,
daß dem Genie ein Fall für tausend gelte, indem er sich aus schwingenden
Kirchenlampen die Lehre des Pendels und des Falles der Körper entwickelte.
Alles kommt in der Wissenschaft auf das an, was man ein Apercu nennt,
auf ein Gewahrwerden dessen, was eigentlich den Erscheinungen zum Grunde Hegt.
Und ein solches Gewahrwerden ist bis ins Unendliche fruchtbar.”
Goethe deutet
damit scharf auf das hin, was für Bacon charakteristisch ist.
Für die Wissenschaft will dieser einen sicheren Weg finden.
Denn dadurch, hofft er, werde der Mensch sein sicheres Verhältnis zur Welt
finden.
Den Weg des Aristoteles, das empfindet Bacon, kann die neue Zeit nicht mehr
gehen.
Doch weiß er nicht, daß in verschiedenen Zeitaltern im Menschen
verschiedene Seelenkräfte vorherrschend tätig sind.
Er merkt nur, daß er, Bacon, den Aristoteles ablehnen muß.
Das tut er leidenschaftlich.
So, daß Goethe darüber die Worte gebraucht:
“Denn wie kann man mit Gelassenheit anhören, wenn er die Werke des Aristoteles und Plato leichten Tafeln vergleicht, die eben, weil sie aus keiner tüchtigen, gehaltvollen Masse bestünden, auf der Zeitflut gar wohl zu uns herüber geschwemmt werden können.”
Bacon versteht nicht, daß er selbst dasselbe erreichen will, was Plato und
Aristoteles erreichten, und daß er zum gleichen Ziele andere Mittel gebrauchen
muß, weil die Mittel des Altertums nicht mehr die der neuen Zeit sein können.
Er deutet auf einen Weg hin, der für die Forschung auf äußerem Naturfelde
fruchtbar scheinen könnte; doch zeigt Goethe an dem Fall Galilei, daß auch auf
diesem Felde ein anderes notwendig ist, als Bacon fordert.
Völlig unfruchtbar muß sich aber Bacons Weg erweisen, wenn die Seele den
Zugang sucht nicht bloß zur Einzelforschung, sondern zu einer Weltanschauung.
Was soll ihr für eine solche das Absuchen der einzelnen Erscheinungen fruchten und die Bildung allgemeiner Ideen aus solchen Erscheinungen, wenn diese allgemeinen Ideen nicht, wie Lichtblitze aus dem Daseinsgrunde, in der Seele aufleuchten und sich ausweisen durch sich selbst in ihrer Wahrheit?
Im
Altertum trat der Gedanke wie eine Wahrnehmung in der Seele auf; diese Art des
Auftretens ist durch die Helligkeit des neuen Ich-Bewußtseins abgedämpft; was
in der Seele zu den Gedanken führt, die eine Weltanschauung bilden sollen, muß
wie eine eigene Erfindung der Seele sich ausgestalten.
Und die Seele muß sich die Möglichkeit suchen, ihrer Erfindung, ihrem
eigenen Gebilde Geltung zu verschaffen.
Sie muß an ihre eigene Schöpfung glauben können.
Das alles empfindet Bacon nicht; deshalb verweist er zum Bau der neuen
Weltanschauung auf die Baumaterialien, nämlich auf die einzelnen
Naturerscheinungen.
So wenig man aber ein Haus jemals dadurch bauen kann, daß man nur die Formen der Bausteine beobachtet, die verwendet werden sollen, so wenig wird je eine fruchtbare Weltanschauung in einer Seele erstehen, welche sich nur mit den einzelnen Naturvorgängen zu tun macht.
Im Gegensatze zu Bacon von Verulam, der auf die Bausteine verwies, treten
Descartes (Cartesius) und Spinoza an den Bauplan heran.
— Descartes ist geboren 1596 und 1650 gestorben.
Bei ihm ist der Ausgangspunkt seines Weltanschauungsstrebens bedeutsam.
Er stellt sich unbefangen fragend der Welt gegenüber, die ihm über ihre
Rätsel mancherlei darbietet, teils durch die religiöse Offenbarung, teils durch
die Beobachtung der Sinne.
Er betrachtet nun weder das eine noch das andere nur so, daß er es einfach
hinnimmt und als Wahrheit anerkennt, was es ihm bringt; nein, er setzt ihm das
“Ich” entgegen, das aller Offenbarung und aller Wahrnehmung seinen Zweifel aus
dem eigenen Entschluß entgegensetzt.
Es ist dies eine Tatsache des neueren Weltanschauungsstrebens von
vielsagender Bedeutung.
Die Seele des Denkers inmitten der Welt läßt nichts auf sich Eindruck
machen, sondern setzt allem sich mit dem Zweifel entgegen, der nur in ihr
selber Bestand haben kann.
Und nun erfaßt sich diese Seele in ihrem eigenen Tun: Ich zweifle, das
heißt, ich denke.
Also, mag es sich mit der ganzen Welt wie immer verhalten, an meinem
zweifelnden Denken wird mir klar, daß ich bin.
So kommt Cartesius zu seinem Cogito ergo sum: Ich denke, also bin ich.
— Das Ich erkämpft sich bei ihm die Berechtigung, das eigene Sein
anerkennen zu dürfen durch den radikalen Zweifel an der ganzen Welt.
Aus dieser Wurzel heraus holt Descartes das Weitere seiner Weitanschauung.
Im “Ich” hat er das Dasein zu erfassen gesucht.
Was mit diesem “Ich” zusammen sein Dasein rechtfertigen kann, das darf als
Wahrheit gelten.
Das Ich findet — ihm angeboren — die Idee Gottes.
Diese Idee stellt sich in dem Ich so wahr, so deutlich dar, als das Ich
sich selber darstellt.
Doch ist sie so erhaben, so gewaltig, daß sie das Ich nicht durch sich
selbst haben kann, also kommt sie von einer äußeren Wirklichkeit, der sie
entspricht.
— An die Wirklichkeit der Außenwelt glaubt Descartes nicht deshalb, weil
sich diese Außenwelt als wirklich darstellt, sondern weil das Ich an sich und
dann weiter an Gott glauben muß, Gott aber nur als wahrhaftig gedacht werden
kann.
Denn es wäre unwahrhaftig von ihm, dem Menschen eine wirkliche Außenwelt vorzustellen, wenn diese nicht wirklich wäre.
So wie Descartes zur Anerkennung der Wirklichkeit des Ich kommt, ist nur
möglich durch ein Denken, das sich im engsten Sinne auf dieses Ich richtet, um
einen Stützpunkt des Erkennens zu finden.
Das heißt, diese Möglichkeit ist nur durch eine innere Tätigkeit, niemals
aber durch eine Wahrnehmung von außen möglich.
Alle Wahrnehmung, die von außen kommt, gibt nur Eigenschaften der
Ausdehnung.
So kommt Descartes dazu, zwei Substanzen in der Welt anzuerkennen: die
eine, welcher die Ausdehnung eigen ist, und die andere, welcher das Denken
eigen ist und in der die Menschenseele wurzelt.
Die Tiere, welche im Sinne des Descartes nicht in innerer, auf sich
gestützter Tätigkeit sich erfassen können, sind demnach bloße Wesen der Ausdehnung,
Automaten, Maschinen.
Auch der menschliche Leib ist eine bloße Maschine.
Die Seele ist mit dieser Maschine
verbunden.
Wird der Leib durch Abnutzung und dergleichen unbrauchbar, so verläßt ihn die Seele, um in ihrem Element weiter zu leben.
Descartes steht schon in einer Zeit, in welcher ein neuer Impuls im
Weltanschauungsleben sich erkennen läßt.
Die Epoche vom Beginn der christlichen Zeitrechnung bis ungefähr zu Scotus
Erigena verläuft in der Art, daß das Gedankenerleben von einer Kraft durchpulst
ist, welche wie ein mächtiger Anstoß in die Geistesentwickelung hereintritt.
Der in Griechenland erwachte Gedanke wird von dieser Kraft überleuchtet.
Im äußeren Fortgange des menschlichen Seelenlebens drückt sich das in den
religiösen Bewegungen und dadurch aus, daß die jungen Volkskräfte West- und
Mitteleuropas die Wirkungen des älteren Gedankenerlebens aufnehmen.
Sie durchdringen dieses Erleben mit jüngeren elementareren Impulsen und
bilden es dadurch um.
Es zeigt sich darin einer der Fortschritte der Menschheit, welche dadurch
bewirkt werden, daß ältere vergeistigte Strömungen der Geistesentwickelung, die
ihre Lebenskraft, nicht aber ihre Geisteskraft erschöpft haben, fortgesetzt
werden von jungen Kräften, die aus der Natur des Menschentums auftauchen.
Man wird in solchen Vorgängen die wesentlichen Gesetze der
Menschheitsentwickelung erkennen dürfen.
Sie beruhen auf Verjüngungsprozessen des geistigen Lebens.
Die errungenen Geisteskräfte können sich nur weiter entfalten, wenn sie in
junge natürliche Menschheitskräfte eingepflanzt werden.
— Die ersten acht Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung stellen ein
Fortwirken des Gedankenerlebens in der Menschenseele so dar, daß wie in einem
tief Verborgenen das Heraufkommen neuer Kräfte noch ruht, die bildend auf die
Weltanschauungsentwickelung wirken wollen.
In Descartes zeigen sich diese Kräfte bereits in einem hohen Grade wirksam.
In dem Zeitalter zwischen Scotus Erigena und (ungefähr) dem fünfzehnten
Jahrhundert dringt der Gedanke in seiner Eigenkraft wieder hervor, die er in
der vorangehenden Epoche nicht offenbar entfaltet hat.
Doch tritt er von einer ganz anderen Seite hervor als im griechischen
Zeitalter.
Bei den griechischen Denkern wird er als Wahrnehmung erlebt; vom achten bis
zum fünfzehnten Jahrhundert kommt er aus den Tiefen der Seele herauf; der
Mensch fühlt: In mir erzeugt sich der Gedanke.
Bei den griechischen Denkern erzeugt sich noch unmittelbar ein Verhältnis
des Gedankens zu den Natur Vorgängen; in dem angedeuteten Zeitalter steht der
Gedanke als Erzeugnis des Selbstbewußtseins da.
Der Denker empfindet, daß er die Berechtigung des Gedankens erweisen müsse.
So fühlen die Nominalisten, Realisten; so fühlt auch Thomas von Aquino, der das Gedankenerleben in der religiösen Offenbarung verankert.
Das fünfzehnte, sechzehnte Jahrhundert stellen einen neuen Impuls vor die
Seelen hin.
Langsam bereitet sich das vor, und langsam lebt es sich ein.
In der menschlichen Seelenorganisation vollzieht sich eine Umwandlung.
Auf dem Gebiete des Weltanschauungslebens bringt sich diese Umwandlung
dadurch zum Ausdrucke, daß der Gedanke nun nicht als Wahrnehmung empfunden
werden kann, sondern als Erzeugnis des Selbstbewußtseins.
Es ist diese Umwandlung in der menschlichen Seelenorganisation auf allen
Gebieten der Menschheitsentwickelung zu beobachten.
In der Renaissance der Kunst und Wissenschaft und des europäischen Lebens,
sowie in den reformatorischen Religionsbewegungen tritt sie zutage.
Man wird sie finden können, wenn man die Kunst Dantes und Shakespeares nach
ihren Untergründen in der menschlichen Seelenentwickelung erforscht.
— Hier kann dies alles nur angedeutet werden; denn diese Ausführungen wollen innerhalb des Fortganges der gedanklichen Weltanschauungsentwickelung bleiben.
Wie ein anderes Symptom dieser Umwandlung der menschlichen
Seelenorganisation erscheint das Heraufkommen der neueren
naturwissenschaftlichen Vorstellungsart.
Man vergleiche doch den Zustand des Denkens über die Natur, wie er durch
Kopernikus, Galilei, Kepler entsteht, mit dem, was vorangegangen ist.
Dieser naturwissenschaftlichen Vorstellung entspricht die Stimmung der
Menschenseele im Beginne des neueren Zeitalters im sechzehnten Jahrhundert.
Die Natur wird von jetzt an so angesehen, daß die Sinnesbeobachtung über
sie zum alleinigen Zeugen gemacht wird.
Bacon ist die eine, Galilei die andere Persönlichkeit, in denen dies
deutlich zutage tritt.
Das Naturbild soll nicht mehr so gemalt werden, daß in demselben der
Gedanke als von der Natur geoffenbarte Macht empfunden wird.
Aus dem Naturbilde verschwindet allmählich immer mehr, was nur als ein
Erzeugnis des Selbstbewußtseins empfunden wird.
So stehen sich die Schöpfungen des Selbstbewußtseins und die
Naturbeobachtung immer schroffer, immer mehr durch einen Abgrund getrennt
gegenüber.
Mit Descartes kündigt sich die Umwandlung der Seelenorganisation an, welche
das Naturbild und die Schöpfungen des Selbstbewußtseins auseinanderzieht.
Vom sechzehnten Jahrhundert ab beginnt ein neuer Charakter im
Weltanschauungsleben sich geltend zu machen.
Nachdem in den vorangegangenen Jahrhunderten der Gedanke so auftrat, daß er
als Erzeugnis des Selbstbewußtseins seine Rechtfertigung aus dem Weltbild
verlangte, erweist er sich seit dem sechzehnten Jahrhundert klar und deutlich
im Selbstbewußtsein auf sich allein gestellt.
Er hatte vorher noch in dem Naturbilde selbst eine Stütze für seine
Rechtfertigung erblicken können; nunmehr tritt an ihn die Aufgabe heran, aus
seiner eigenen Kraft heraus sich Gültigkeit zu schaffen.
Die Denker der nun folgenden Zeit empfinden, wie in dem Gedankenerleben selbst etwas gesucht werden müsse, das dieses Erleben als berechtigten Schöpfer eines Weltanschauungsbildes erweist.
Man kann das Bedeutsame dieser Wandlung des Seelenlebens erkennen, wenn man
erwägt, in welcher Art noch Naturphilosophen wie H. Cardanus (1501-1576) und Bernardinus Telesius (1508-1588) über die
Naturvorgänge sprechen.
In ihnen wirkt das Naturbild noch weiter, das durch die Entstehung der
naturwissenschaftlichen Vorstellungsart des Kopernikus, Galilei und anderer
seine Kraft verliert.
Für Cardanus lebt in den Naturvorgängen durchaus noch etwas, das er sich
nach Art des MenschlichSeelischen vorstellt, wie das auch im griechischen
Denken möglich gewesen wäre.
Telesius spricht von Gestaltungskräften in der Natur, welche er nach dem
Bilde denkt, das er aus der menschlichen Gestaltungskraft gewinnt.
Galilei muß bereits sagen: Das, was der Mensch zum Beispiel als
Wärmeempfindung in sich hat, ist als solches in der äußeren Natur ebensowenig
vorhanden, wie der Kitzel, den der Mensch an der Fußsohle empfindet, in der
Außenwelt vorhanden ist, wenn er mit einer Vogelfeder berührt wird.
Telesius darf noch sagen: Wärme und Kalte sind die treibenden Kräfte der
Weltvorgänge; Galilei muß schon behaupten: Der Mensch kennt die Wärme als
Erlebnis seines Innern nur; in dem Naturbilde kann nur gedacht werden, was
nichts von diesem Innern enthält.
So werden Vorstellungen der Mathematik und der Mechanik zu dem, was das
Naturbild allein gestalten darf.
An einer Persönlichkeit wie Leonardo da Vinci (1452-1519), der als Denker
eine ebenso überragende Größe hat wie als Künstler, erkennt man das Ringen nach
einer neuen Gesetzmäßigkeit des Naturbildes.
Solche Geister fühlen die Notwendigkeit, zur Natur einen Weg zu finden, der
dem griechischen Denken und seinen Nachwirkungen im Mittelalter noch nicht
gegeben war.
Der Mensch muß ablegen, was er an Erlebnissen über sein eigenes Innere hat,
wenn er den Zugang zur Natur gewinnen will.
Er darf die Natur nur in Vorstellungen abbilden, welche nichts von dem enthalten, was er als Wirkungen der Natur in sich selbst erlebt.
So stellt sich die Menschenseele aus der Natur heraus, sie stellt sich auf
sich selbst.
Solange man noch denken konnte, in der Natur ströme etwas von dem, was auch
im Menschen unmittelbar erlebt wird, konnte man ohne Bedenken sich berechtigt
fühlen, über Naturvorgänge den Gedanken sprechen zu lassen.
Das Naturbild der neueren Zeit zwingt das menschliche Selbstbewußtsein, sich mit dem Gedanken außerhalb der Natur zu fühlen und so ihm eine Geltung zu schaffen, die er durch seine eigene Kraft gewinnt.
Vom Beginne der christlichen Zeitrechnung bis zu Scotus Erigena wirkt das
Gedankenerleben so fort, daß seine Gestalt bestimmt wird durch die
Voraussetzung einer geistigen Welt — derjenigen der religiösen Offenbarung —;
vom achten bis zum sechzehnten Jahrhundert ringt sich das Gedankenerlebnis aus
dem Inneren des Selbstbewußtseins los und läßt neben seiner Keimkraft die
andere der Offenbarung bestehen.
Von dem sechzehnten Jahrhundert an ist es das Naturbild, weiches das
Gedankenerlebnis aus sich hinausdrängt; es sucht fortan das Selbstbewußtsein
aus seinen eigenen Kräften dasjenige zu holen, was ein Weltanschauungsbild mit
Hilfe des Gedankens gestalten kann.
Vor dieser Aufgabe fand sich Descartes.
Es fanden sich vor ihr die Denker der neuen Weltanschauungsepoche.
Benedict Spinoza (1632-1677) fragt sich: Wie muß dasjenige gedacht werden, von dem zur Schöpfung eines wahren Weltbildes ausgegangen werden darf?
Diesem
Ausgangspunkte liegt zugrunde die Empfindung: Mögen sich ungezählte Gedanken
als wahr in meiner Seele ankündigen, ich gebe mich dem hin als Grundstein zu
einer Weltanschauung, dessen Eigenschaften ich erst bestimmen muß.
Spinoza findet, daß ausgegangen nur werden kann von dem, das zu seinem Sein
keines andern bedarf.
Diesem Sein gibt er den Namen Substanz.
Und er findet, daß es nur eine solche Substanz geben könne, und daß diese
Gott sei.
Wenn man sich die Art ansieht, wie Spinoza zu diesem Anfang seines
Philosophierens kommt, so findet man seinen Weg dem der Mathematik
nachgebildet.
Wie der Mathematiker von allgemeinen Wahrheiten ausgeht, die das
menschliche Ich sich freischaffend bildet, so verlangt Spinoza, daß die
Weltanschauung von solchen frei geschaffenen Vorstellungen ausgehe.
— Die eine Substanz ist so, wie das Ich sie denken muß.
So gedacht, duldet sie nichts, was, außer ihr vorhanden, ihr gleich wäre.
Denn dann wäre sie nicht alles; sie hatte zu ihrem Dasein etwas anderes
nötig.
Alles andere ist also nur an der Substanz, als eines ihrer Attribute, wie
Spinoza sagt.
Zwei solcher Attribute sind dem Menschen erkennbar.
Das eine erblickt er, wenn er die Außenwelt überschaut; das andere, wenn er
sich nach innen wendet.
Das erste ist die Ausdehnung, das zweite das Denken.
Der Mensch trägt in seinem Wesen die beiden Attribute; in seiner
Leiblichkeit die Ausdehnung, m seiner Seele das Denken.
Aber er ist mit beiden ein Wesen in der einen Substanz.
Wenn er denkt, denkt die göttliche Substanz, wenn er handelt, handelt die
göttliche Substanz.
Spinoza erwirbt für das menschliche Ich das Dasein, indem er dieses Ich in
der allgemeinen, alles umfassenden göttlichen Substanz verankert.
Von unbedingter Freiheit des Menschen kann da nicht die Rede sein.
Denn der Mensch ist so wenig selbst dasjenige, das aus sich handelt und
denkt, wie es der Stein ist, der sich bewegt; es ist in allem die eine
Substanz.
Von bedingter Freiheit nur kann beim Menschen dann gesprochen werden, wenn
er sich nicht für ein selbständiges Einzelwesen hält, sondern wenn er sich eins
weiß mit der einen Substanz.
Spinozas Weltanschauung führt in ihrer konsequenten Ausbildung in einer
Persönlichkeit bei dieser zu dem Bewußtsein: Ich denke über mich im rechten
Sinne, wenn ich mich nicht weiter berücksichtige, sondern in meinem Erleben
mich eins weiß mit dem göttlichen All.
Dieses Bewußtsein gießt dann„ im Sinne Spinozas, über die ganze menschliche
Persönlichkeit den Trieb zum Rechten, das ist gotterfülltes Handeln.
Dieses ergibt sich wie selbstverständlich für denjenigen, in dem die rechte
Weltanschauung volle Wahrheit ist.
Daher nennt Spinoza die Schrift, in der er seine Weltanschauung darstellt,
Ethik.
Ihm ist Ethik, das ist sittliches Verhalten, im höchsten Sinne Ergebnis des
wahren Wissens von dem Wohnen des Menschen in der einen Substanz.
Man möchte sagen, das Privatleben Spinozas, des Mannes, der erst von Fanatikern verfolgt wurde, dann nach freiwilliger Hinweggabe seines Vermögens in Ärmlichkeit als Handwerker sich seinen Lebensunterhalt suchte, war in seltenster Art der äußere Ausdruck seiner Philosophenseele, die ihr Ich im göttlichen All wußte, und alles seelische Erleben, ja alles Erleben überhaupt von diesem Bewußtsein durchleuchtet empf and.
Spinoza baut ein Weltanschauungsbild aus Gedanken auf.
Diese Gedanken müssen so sein, daß sie aus dem Selbstbewußtsein heraus ihre
Berechtigung zum Aufbau des Bildes haben.
Daher muß ihre Gewißheit stammen.
Was das Selbstbewußtsein so denken darf, wie es die sich selbst tragenden mathematischen Ideen denkt, das kann ein Weltbild gestalten, das Ausdruck ist dessen, was in Wahrheit hinter den Welterscheinungen vorhanden ist.
In
einem ganz anderen Sinne als Spinoza sucht Gottfried Wilhelm v. Leibniz
(1646-1716) die Rechtfertigung des Ich-Bewußtseins im Dasein der
Welt.
Sein Ausgangspunkt gleicht dem des Giordano Bruno, insofern er die Seele
oder das “Ich” als Monade denkt.
Leibniz findet in der Seele das Selbstbewußtsein, das ist das Wissen der
Seele von sich selbst, also die Offenbarung des Ich.
Es kann nichts anderes in der Seele sein, was denkt und empfindet, als nur
sie selbst.
Denn wie sollte die Seele von sich wissen, wenn das Wissende ein anderes
wäre? Aber sie kann auch nur ein einfaches Wesen sein, nicht ein
zusammengesetztes.
Denn Teile in ihr konnten und müßten voneinander wissen; die Seele weiß
aber nur als die eine von sich als der einen.
So ist die Seele ein einfaches, in sich geschlossenes, sich vorstellendes
Wesen, eine Monade.
In diese Monade kann nun aber nichts hineinkommen, was außer ihr ist.
Denn in ihr kann nichts anderes als nur sie selbst tätig sein.
All ihr Erleben, ihr Vorstellen, Empfinden usw. ist das Ergebnis ihrer eigenen Tätigkeit.
Eine andere Tätigkeit in ihr konnte sie nur durch ihre Abwehr gegen diese
Tätigkeit wahrnehmen, das heißt, sie würde doch nur sich selbst in ihrer Abwehr
wahrnehmen.
Nichts Äußeres also kann in diese Monade kommen.
Leibniz drückt das so aus, daß er sagt: die Monade habe keine Fenster.
Alle wirklichen Wesen sind in Leibniz' Sinne Monaden.
Und es gibt in Wahrheit nichts als Monaden.
Nur haben diese verschiedenen Monaden verschieden intensives Innenleben.
Es gibt Monaden mit ganz dumpfem Innenleben, die wie schlafend sind,
solche, die wie träumend sind, dann die wachen Menschenmonaden bis hinauf zu
dem höchst gesteigerten Innenleben der göttlichen Urmonade.
Wenn der Mensch in seiner Sinnesanschauung “ nicht Monaden sieht, so kommt
dies daher, daß die Monaden von dem Menschen so überschaut werden, wie etwa der
Nebel, der nicht ein Nebel ist, sondern ein Mückenschwarm.
Was die Sinne des Menschen sehen, ist wie ein Nebelbild, das durch die beieinander seienden Monaden gebildet wird.
So ist für Leibniz die Welt in Wahrheit eine Summe von Monaden, die gar
nicht aufeinander wirken, sondern unabhängig voneinander lebende selbstbewußte
Wesen — Iche — sind.
Wenn die einzelne Monade in ihrem Innenleben doch ein Abbild des
allgemeinen Weltlebens hat, so rührt dies nicht davon her, daß die einzelnen
Monaden aufeinander wirken, sondern davon, daß im gegebenen Falle die eine
Monade das innerlich für sich erlebt, was auch eine andere Monade unabhängig
von ihr erlebt.
Die Innenleben der Monaden stimmen zusammen, wie Uhren dieselben Stunden
zeigen, trotzdem sie nicht aufeinander wirken.
Wie die Uhren zusammenstimmen, weil sie anfänglich aufeinander gestimmt sind, so sind die Monaden durch die von der göttlichen Urmonade ausgehende prästabilierte Harmonie aufeinander gestimmt.
Dies ist das Weltbild, zu dem Leibniz getrieben wird, weil er es so
gestalten muß, daß sich in diesem Bilde das selbstbewußte Seelenleben, das Ich,
als eine Wirklichkeit behaupten kann.
Es ist ein Weltbild, das völlig aus dem “Ich” selbst heraus gestaltet ist.
Ja, dies kann, nach Leibniz' Ansicht, auch gar nicht anders sein.
In Leibniz führt das Weltanschauungsstreben zu einem Punkte, wo es, um die Wahrheit zu finden, nichts von dem als Wahrheit hinnimmt, was sich in der Außenwelt offenbart.
Im Sinne des Leibniz ist das Sinnenleben des Menschen so bewirkt, daß die
Seelenmonade in Verbindung mit anderen Monaden tritt, welche ein dumpferes,
träumendes, schlafendes Selbstbewußtsein haben.
Eine Summe solcher Monaden ist der Leib; mit ihm ist verbunden die eine
wachende Seelenmonade.
Im Tode trennt sich diese Zentralmonade von den anderen und führt für sich das Dasein weiter.
Ist Leibniz' Weltbild ein solches, das ganz aus der inneren Energie der
selbstbewußten Seele herausgebildet ist, so ist das seines Zeitgenossen John
Locke (1632-1704) völlig auf der Empfindung auferbaut, daß ein derartiges
Herausarbeiten aus der Seele nicht sein dürfe.
Locke anerkennt nur als berechtigte Glieder einer Weltanschauung, was
beobachtet (erfahren) werden kann, und was auf Grundlage der Beobachtung über
das Beobachtete gedacht werden kann.
Ihm ist die Seele nicht ein Wesen, das aus sich heraus wirkliche Erlebnisse
entwickelt, sondern eine unbeschriebene Tafel, auf welche die Außenwelt ihre
Einzeichnungen macht.
So ist für Locke das menschliche Selbstbewußtsein ein Ergebnis des
Erlebens, nicht ein Ich der Ursprung dieses Erlebens.
Wenn ein Ding der Außenwelt auf den Menschen einen Eindruck macht, so
ist darüber das Folgende zu sagen: An dem Dinge sind in Wahrheit nur
Ausdehnung, Figur, Bewegung; durch die Berührung mit den Sinnen entstehen Töne,
Farben, Gerüche, Warme und so weiter.
Was so an den Sinnen entsteht, ist nur so lange da, als die Sinne sich mit
den Dingen berühren.
Außer der Wahrnehmung sind nur verschieden geformte und in verschiedenen
Bewegungszuständen befindliche Substanzen vorhanden.
— Locke fühlt sich gezwungen, anzunehmen, daß außer Gestalt und Bewegung
dasjenige, was die Sinne wahrnehmen, nichts mit den Dingen selbst zu tun habe.
Er macht damit den Anfang mit einer Weltanschauungsströmung, welche die Eindrücke der Außenwelt, die der Mensch erkennend erlebt, nicht als der Welt — an sich — angehörig betrachten will.
Ein merkwürdiges Schauspiel stellt sich mit Locke vor die betrachtende
Seele hin.
Der Mensch soll nur erkennen können dadurch, daß er wahrnimmt und über das
Wahrgenommene denkt; aber, was er wahrnimmt, hat mit den eigenen Eigenschaften
der Welt nur zum geringsten Teile etwas zu tun.
— Leibniz weicht zurück vor dem, was die Welt offenbart, und schafft aus dem
Innern der Seele ein Weltbild; Locke will nur ein Weltbild, das von der Seele
im Verein mit der Welt geschaffen wird; aber durch solches Schaffen kommt kein
Bild der Welt zustande.
Indem Locke nicht, wie es Leibniz tut, in dem Ich selbst den Stützpunkt für
eine Weltanschauung sehen kann, kommt er zu Vorstellungen, welche nicht
geeignet erscheinen, eine solche zu begründen, weil sie den Besitz des
menschlichen Ich nicht zum Innern der Welt zählen können.
Eine Weltansicht wie diejenige Lockes verliert den Zusammenhang mit jeder Welt, in welcher das “Ich”, die selbstbewußte Seele, wurzeln könnte, weil sie von vornherein von anderen Wegen zum Weltengrunde nichts wissen will, als nur von solchen, die sich im Sinnesdunkel verlieren.
In Locke treibt die Weltanschauungsentwickelung eine Form hervor, innerhalb
welcher die selbstbewußte Seele um ihr Dasein im Weltbilde kämpft, jedoch
diesen Kampf verliert, weil sie ihre Erlebnisse nur im Verkehre mit der durch
das Naturbild gegebenen Außenwelt zu gewinnen glaubt.
Sie muß sich daher jedes Wissen über etwas absprechen, was zu ihrem Wesen außerhalb dieses Verkehres gehören könnte.
Von Locke angeregt, kam George Berkeley (1684 bis 1753) zu völlig anderen
Ergebnissen als jener.
Berkeley findet, daß die Eindrücke, welche die Dinge und Vorgänge der Welt
auf die menschliche Seele zu machen scheinen, doch in Wahrheit in dieser Seele
selbst seien.
Sehe ich “rot”, so muß ich in mir dieses “Rot” zum Dasein bringen; fühle
ich “warm”, so lebt die “Warmheit” in mir.
Und so ist es mit allem, was ich scheinbar von außen empfange.
Außer dem, was ich in mir selbst erzeuge, weiß ich aber überhaupt von
äußeren Dingen nichts.
So aber hat es gar keinen Sinn, von Dingen zu sprechen, die materiell,
stofflich sein sollen.
Denn ich kenne nur, was in meinem Geiste auftritt als Geistiges.
Was ich zum Beispiel Rose nenne, ist ganz Geistiges, nämlich eine von
meinem Geiste erlebte Vorstellung.
Es ist also, meint Berkeley, nirgends etwas anderes als Geistiges
wahrzunehmen.
Und wenn ich bemerke, daß etwas von außen in mir bewirkt wird, so kann es
nur von geistigen Wesenheiten bewirkt sein.
Denn es können Körper doch nicht Geistiges wirken.
Und meine Wahrnehmungen sind durchaus Geistiges.
Es gibt also nur Geister in der Welt, die aufeinander wirken.
Das ist Berkeleys Anschauung.
Sie wendet die Vorstellungen Lockes in deren Gegenteil um, indem sie alles, was dieser als Eindrücke der materiellen Dinge betrachtet, als geistige Wirklichkeit auffaßt, und so sich mit dem Selbstbewußtsein unmittelbar in einer geistigen Welt zu erkennen vermeint.
Andere haben die Gedanken Lockes zu anderen Ergebnissen geführt.
Ein Beispiel dafür ist Condillac (1715 bis 1780).
Er meint, wie Locke, alle Welterkenntnis müsse, ja könne nur auf der
Beobachtung der Sinne und dem Denken beruhen.
Doch schritt er bis zu der äußersten Konsequenz weiter: das Denken habe für
sich keine selbständige Wirklichkeit; es sei weiter nichts als eine
verfeinerte, umgewandelte äußere Sinneswahrnehmung.
Somit dürfen in ein Weltbild, das der Wahrheit entsprechen soll, nur Sinnesempfindungen
aufgenommen werden.
Seine Erläuterung in dieser Richtung ist vielsagend: Man nehme den seelisch
noch ganz unaufgeweckten Menschenleib und denke sich einen Sinn nach dem
anderen erwachend.
Was hat man nun an diesem empfindenden Leibe mehr, als vorher an dem nicht
empfindenden? Einen Leib, auf den die Umwelt Eindrücke gemacht hat.
Diese Eindrücke der Umwelt haben ganz und gar das bewirkt, was ein “Ich” zu
sein vermeint.
— Diese Weltanschauung kommt zu keiner Möglichkeit, das “Ich”, die selbstbewußte
“Seele”, irgendwo zu erfassen, und sie kommt zu keinem Weltbilde, in dem dieses
“Ich” vorkommen könnte.
Es ist die Weltanschauung, welche dadurch mit der selbstbewußten Seele
fertig zu werden sucht, daß sie sie hinwegbeweist.
Auf ähnlichen Pfaden wandeln Charles Bonnet (1720-1793), Claude Adrien
Helvetius (1715-1771), Julien de La Mettrie (1709-1751) und das 1770
erschienene “System der Natur” (Systeme de la nature) von Holbach.
Es ist in demselben alles Geistige aus dem Weltbilde vertrieben.
Es wirken in der Welt nur der Stoff und seine Kräfte, und für dieses entgeistigte Bild der Natur findet Holbach die Worte: “O Natur, Beherrscherin aller Wesen, und ihr, deren Töchter, Tugend, Vernunft und Wahrheit, seid ihr für immer unsere einzigen Gottheiten.”
In de La Mettries “Der Mensch eine
Maschine” kommt ein Weltanschauungsbild zutage, das von dem Naturbilde so
überwältigt ist, daß es nur noch dieses gelten lassen kann.
Was im Selbstbewußtsein auftritt, muß daher vorgestellt werden wie etwa das
Spiegelbild gegenüber dem Spiegel.
Die Leibesorganisation wäre dem Spiegel zu vergleichen, das
Selbstbewußtsein dem Bilde.
Das letztere hat, abgesehen von der ersteren, keine selbständige Bedeutung.
In
“Der Mensch eine Maschine” ist zu lesen: “Wenn... aber alle
Eigenschaften der Seele von der eigentümlichen Organisation des
Gehirns und des ganzen Körpers so sehr abhängen, daß sie sichtlich...
nur diese Organisation selbst sind, so liegt... hier eine sehr
aufgeklärte Maschine vor ...
Die Seele ist also nur ein nichtssagender Ausdruck, von dem man gar keine
Vorstellung hat und den ein scharfer Kopf nur gebrauchen darf, um damit den
Teil, der in uns denkt, zu benennen.
Nimmt man auch nur das einfachste Prinzip der Bewegung in ihnen an, so
haben die beseelten Körper alles, was sie brauchen, um sich zu bewegen, zu
empfinden, zu denken, zu bereuen, kurz, um im Physischen und im Moralischen,
welches davon abhängt, ihren Weg zu finden” ...
“Wenn das, was in meinem Gehirn denkt, nicht ein Teil dieses Eingeweides und folglich des ganzen Körpers ist, warum erhitzt sich dann mein Blut, wenn ich ruhig in meinem Bett den Plan zu meinem Werke mache, oder einen abstrakten Gedankengang verfolge.” (Vgl. de La Mettrie, Der Mensch eine Maschine. Philosophische Bibliothek Bd. 68.)
In die Kreise, in welche diese Geister — auch Diderot, Cabanis und
andere gehören noch zu ihnen — wirkten, hat Voltaire (1694 bis 1778) die Lehren
Lockes gebracht.
Voltaire selbst ist wohl niemals bis zu den letzten Konsequenzen der
genannten Philosophen geschritten.
Er ließ sich aber selbst von Lockes Gedanken anregen, und in seinen
glänzenden und blendenden Schriften ist vieles von diesen Anregungen zu fühlen.
Materialist im Sinne der Genannten konnte er selbst nicht werden.
Er lebte in einem zu weiten Vorstellungshorizont, um den Geist abzuleugnen.
Das Bedürfnis für Weltanschauungsfragen hat er in weitesten Kreisen
geweckt, weil er so schrieb, daß diese Weltanschauungsfragen an die Interessen
dieser Kreise anknüpften.
— Über ihn wäre viel zu sagen in einer Darstellung, welche die
Weltanschauungsströmungen in die Region der Zeitfragen verfolgen wollte.
Das ist mit diesen Ausführungen nicht beabsichtigt.
Es sollen nur die höheren Weltanschauungsfragen im engeren Sinne betrachtet werden; daher kann über Voltaire und auch über den Gegner der Aufklärung, Rousseau, hier nichts weiter vorgebracht werden.
Verliert sich Locke im Sinnesdunkel, so David Hume (1711-1776) im Innern
der selbstbewußten Seele, deren Erlebnisse ihm nicht von Kräften einer
Weltordnung, sondern von der Macht der menschlichen Gewöhnung beherrscht
scheinen.
Warum spricht man davon, daß ein Vorgang in der Natur Ursache, ein anderer
Wirkung sei? so fragt Hume.
Der Mensch sieht, wie die Sonne den Stein bescheint; er nimmt dann wahr,
daß der Stein warm geworden ist.
Er sieht diese beiden Vorgänge oft aufeinander folgen.
Deswegen gewöhnt er sich, sie als zusammengehörig zu denken.
Er macht den Sonnenschein zur Ursache, die Erwärmung des Steines zur
Wirkung.
Die Denkgewöhnung verknüpft die Wahrnehmungen, nicht aber gibt es außerhalb
in einer wirklichen Welt etwas, was sich als ein solcher Zusammenhang selbst
offenbart.
Der Mensch sieht auf einen Gedanken seiner Seele eine Bewegung seines
Leibes folgen; er gewöhnt sich, zu denken, der Gedanke sei die Ursache, die
Bewegung die Wirkung.
— Denkgewohnheiten, nichts weiter — meint Hume — liegen den Aussagen des
Menschen über die Weltvorgänge zugrunde.
— Durch Denkgewohnheiten kann die selbstbewußte Seele zu Richtlinien für
das Leben kommen; sie kann aber in diesen ihren Gewohnheiten nichts finden zum
Gestalten eines Weltbildes, das für die Wesenheit außer der Seele eine
Bedeutung hätte.
So bleibt für Humes Weltanschauung alles, was der Mensch sich an
Vorstellungen bildet über die Sinnes- und Verstandesbeobachtung hinaus, ein
bloßer Glaubensinhalt; es kann nie ein Wissen werden.
Über das Schicksal der selbstbewußten Menschenseele, über ihr Verhältnis zu einer anderen als der Sinneswelt kann es nicht Wissenschaft, sondern nur Glauben geben.
Leibniz' Weltanschauungsbild erfuhr eine in die Breite gehende,
verstandesmäßige Ausbildung durch Christian Wolff (geb. 1679 in Breslau, Professor in Halle).
Wolff ist der Meinung, es lasse sich eine Wissenschaft begründen, welche
durch reines Denken dasjenige erkennt, was möglich ist, was zur Existenz
berufen ist, weil es dem Denken widerspruchsfrei erscheint, und so bewiesen
werden kann.
Auf diesem Wege begründet Wolff eine Welt-, Seelen-, Gotteswissenschaft.
Es beruht diese Weltanschauung auf der Voraussetzung, daß die selbstbewußte
Menschenseele in sich Gedanken bilden könne, die gültig sind für dasjenige, was
ganz und gar außerhalb ihrer selbst liegt.
Hier Hegt das Rätsel, das sich dann Kant aufgegeben fühlte: "Wie sind durch die Seele zustandegebrachte Erkenntnisse möglich, die doch Geltung haben sollen für Weltwesen, die außerhalb der Seele liegen?
In der
Weltanschauungsentwickelung seit dem fünfzehnten, dem sechzehnten Jahrhundert
drückt sich das Bestreben aus, die selbstbewußte Seele auf sich so zu stellen,
daß sie sich als berechtigt anerkennen könne, über die Rätsel der Welt gültige
Vorstellungen zu bilden.
Aus dem Bewußtsein der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts heraus
empfindet Lessing (1729-1781) dieses Bestreben als den tiefsten Impuls der
menschlichen Sehnsucht.
Wenn man ihn hört, so hört man mit ihm viele Persönlichkeiten, welche in
diesem Sehnen den Grundcharakter dieses Zeitalters offenbaren.
— Die Verwandlung der religiösen Offenbarungswahrheiten in
Vernunftwahrheiten, das strebt Lessing an.
Sein Ziel ist in den mannigfaltigen Wendungen und Ausblicken, welche sein
Denken nehmen muß, doch deutlich erkennbar.
Lessing fühlt sich mit seinem selbstbewußten Ich in einer
Entwickelungsepoche der Menschheit, welche durch die Kraft des
Selbstbewußtseins erlangen soll, was ihr vorher von außen — durch Offenbarung —
zugeflossen ist.
Was in der Geschichte vorangegangen ist, wird damit für Lessing zum
Vorbereitungsprozeß für den Zeitpunkt, in dem sich das Selbstbewußtsein des
Menschen allein auf sich stellt.
So wird ihm die Geschichte zu einer “Erziehung des Menschengeschlechtes”.
Und dies ist auch der Titel seines auf seiner Höhe geschriebenen Aufsatzes,
in dem er das Wesen der Menschenseele nicht auf ein Erdenleben beschränkt
wissen will, sondern es wiederholte Erdenleben durchmachen läßt.
Die Seele lebt durch Zwischenzeiten getrennte Leben in den Perioden der
Menschheitsentwickelung, nimmt in jeder Periode auf, was diese ihr geben kann,
und verkörpert sich wieder in einer folgenden Periode, um da sich
weiterzuentwickeln.
Sie trägt also selbst aus einem Menschheitszeitalter die Früchte desselben
in die folgenden hinüber und wird so durch die Geschichte “erzogen”.
In Lessings Anschauung wird das Ich also über das Einzelleben hinaus erweitert; es wird eingewurzelt in eine geistig wirksame Welt, die hinter der Sinneswelt liegt.
Damit steht Lessing auf dem Boden einer Weltanschauung, welche dem selbstbewußten Ich es durch dessen eigene Natur fühlbar machen will, wie das, was in ihm wirkt, nicht in dem sinnlichen Einzelleben sich restlos zum Ausdruck bringt.
In anderer Art, doch mit demselben Impuls suchte Herder (1744-1803) zu
einem Weltbild zu kommen.
Er wendet den Blick auf das gesamte physische und geistige Universum.
Er sucht gewissermaßen den Plan dieses Universums.
Den Zusammengang und Zusammenklang der Naturerscheinungen, das Aufdämmern
und Aufleuchten der Sprache und der Poesie, den Fortgang des geschichtlichen
Werdens: alles das läßt Herder auf seine Seele wirken, durchdringt es mit oft
genialischen Gedanken, um zu einem Ziele zu kommen.
In aller Außenwelt — so kann man sagen, stellt sich für Herder dieses Ziel dar
— drängt sich etwas zum Dasein, was zuletzt in der selbstbewußten Seele
offenbar erscheint.
Diese selbstbewußte Seele enthüllt sich, indem sie sich im Universum
gegründet fühlt, nur den Weg, den ihre eigenen Kräfte in ihr genommen haben,
bevor sie Selbstbewußtsein erlangt hat.
Die Seele darf sich — nach Herders Anschauung — in dem Weltall wurzelnd
fühlen, denn sie erkennt in dem ganzen natürlichen und geistigen Zusammenhang
des Universums einen Vorgang, der zu ihr führen mußte, wie die Kindheit zum reifen
Menschenleben im persönlichen Dasein führen muß.
Es ist ein umfassendes Bild dieses seines Weltgedankens, das Herder in
seinen “Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit” zur Darstellung
bringt.
Es ist der Versuch, das Naturbild im Einklänge mit dem Geistesbilde so zu
denken, daß in diesem Naturbilde auch ein Platz ist für die selbstbewußte
Menschenseele.
— Man darf nicht außer acht lassen, daß in Herders Weltanschauung das
Ringen sich zeigt, zugleich mit der neueren naturwissenschaftlichen
Vorstellungsart und mit den Forderungen der selbstbewußten Seele sich
auseinanderzusetzen.
Herder stand vor den modernen Weltanschauungsforderungen wie Aristoteles
vor den griechischen.
Wie sich die beiden in verschiedener Art zu dem ihnen von ihrem Zeitalter gegebenen Bilde der Natur verhalten mußten, das gibt ihren Anschauungen die charakteristische Färbung.
Wie Herder im Gegensatz zu anderen seiner Zeitgenossen sich zu Spinoza
stellt, wirft Licht auf seine Stellung in der Weltanschauungsentwickelung.
Diese Stellung tritt in ihrer Bedeutung hervor, wenn man sie vergleicht mit
derjenigen Friedrich Heinrich Jacohis (1743-1819).
Jacobi findet in Spinozas Weltbild dasjenige, wozu der menschliche Verstand
kommen muß, wenn er die Wege verfolgt, welche ihm durch seine Kräfte
vorgezeichnet sind.
Es erschöpft dieses Weltbild den Umfang dessen, was der Mensch über die
Welt wissen kann.
Über die Natur der Seele, über den göttlichen Weltgrund, über den
Zusammenhang der Seele mit diesem kann aber dieses Wissen nichts entscheiden.
Diese Gebiete erschließen sich dem Menschen nur, wenn er sich einer
Glaubenserkenntnis hingibt, die auf einer besonderen Seelenfähigkeit beruht.
Das Wissen muß daher, im Sinne Jacobis, notwendig atheistisch sein.
Es kann in seinem Gedankenbau streng notwendige Gesetzmäßigkeit, nicht aber
göttliche Weltordnung haben.
So wird für Jacobi der Spinozismus die einzig mögliche wissenschaftliche
Vorstellungsart; aber er sieht in diesem zugleich einen Beweis für die
Tatsache, daß diese Vorstellungsart den Zusammenhang mit der geistigen Welt
nicht finden kann.
— Herder verteidigt 1787 Spinoza gegen den Vorwurf des Atheismus.
Er kann das.
Denn er schreckt nicht davor zurück, das Erleben des Menschen in dem
göttlichen Urwesen auf seine Art ähnlich zu empfinden wie Spinoza.
Nur spricht Herder dieses Erleben auf andere Art aus als Spinoza.
Dieser baut ein reines Gedankengebäude auf; Herder sucht seine
Weltanschauung nicht bloß durch Denken, sondern durch die ganze Fülle des
menschlichen Seelenlebens zu gewinnen.
Für ihn ist ein schroffer Gegensatz von Glauben und Wissen dann nicht
vorhanden wenn die Seele sich klar wird über die Art, wie sie sich selbst
erlebt.
Man spricht in seinem Sinne, wenn man das seelische Erleben so ausdrückt:
Wenn der Glaube sich auf seine Gründe in der Seele besinnt, so kommt er zu
Vorstellungen, welche nicht ungewisser sind als diejenigen, welche durch das
bloße Denken gewonnen werden.
Herder nimmt alles, was die Seele in sich finden kann, in geläuterter
Gestalt als Kräfte hin, die ein Weltbild liefern können.
So ist seine Vorstellung des göttlichen Weltengrundes reicher, gesättigter als diejenige Spinozas; aber sie setzt das menschliche Ich zu diesem Weltgrunde in ein Verhältnis, das bei Spinoza nur als Ergebnis des Denkens auftritt.
Wie in einem Knotenpunkte der mannigfaltigsten Fäden der neueren
Weltanschauungsentwickelung steht man, wenn man den Blick darauf richtet, wie
in diese Entwickelung der Gedankengang Spinozas in den achtziger Jahren des
achtzehnten Jahrhunderts eingreift.
1785 veröffentlicht Fr. H. Jacobi sein “Spinoza-Büchlein”.
Er teilt darin ein Gespräch mit, das er mit Lessing vor dessen Lebensende
geführt hatte.
Lessing hat sich, nach diesem Gespräche, selbst zum Spinozismus bekannt.
Für Jacobi ist damit zugleich Lessings Atheismus festgestellt.
Man muß, wenn man das “Gespräch mit Jacobi” als maßgebend für die intimen
Gedanken Lessings anerkennt, diesen als eine Persönlichkeit ansehen, welche
anerkennt, daß der Mensch eine seinem Wesen entsprechende Weltanschauung nur
gewinnen könne, wenn er die feste Gewißheit, welche die Seele dem durch eigene
Kraft lebenden Gedanken gibt, zum Stützpunkt seiner Anschauung nimmt.
Mit einer solchen Idee erscheint Lessing als ein prophetischer Vor-Fühler
der Weltanschauungsimpulse des neunzehnten Jahrhunderts.
Daß er diese Idee erst in einem Gespräche kurz vor seinem Tode äußert, und
daß sie in seinen eigenen Schriften noch wenig zu bemerken ist, bezeugt, wie
schwer das Ringen, auch der freiesten Köpfe, geworden ist mit den Rätselfragen,
welche das neuere Zeitalter der Weltanschauungsentwickelung aufgegeben hat.
— Die Weltanschauung muß sich doch in Gedanken aussprechen.
Doch die überzeugende Kraft des Gedankens, die im Platonismus ihren
Höhepunkt, im Aristotelismus ihre selbstverständliche Entfaltung gefunden
hatte, war aus den Seelenimpulsen der Menschen gewichen.
Aus der mathematischen Vorstellungsart sich die Kraft zu holen, den
Gedanken zu einem Weltenbilde auszubauen, das bis zum Weltengrunde weisen
sollte, vermochte nur die seelenkühne Natur Spinozas.
— Den Lebenstrieb des Gedankens im Selbstbewußtsein zu erfühlen, und ihn so
zu erleben, daß sich durch ihn der Mensch in eine geistig-reale Welt sicher
hineingestellt fühlt, vermochten die Denker des achtzehnten Jahrhunderts noch
nicht.
Lessing steht unter ihnen wie ein Prophet, indem er die Kraft des
selbstbewußten Ich so empfindet, daß er der Seele den Durchgang durch
wiederholte Erdenleben zuschreibt.
— Was man, unbewußt, wie einen Alpdruck in Weltanschauungsfragen fühlte,
war, daß der Gedanke für den Menschen nicht mehr so auftrat wie für Plato, für
den er sich selbst in seiner stützenden Kraft und mit seinem gesättigten
Inhalte als wirksame Weltwesenheit offenbarte.
Man fühlte jetzt den Gedanken aus den Untergründen des Selbstbewußtseins
heraufziehen; man fühlte die Notwendigkeit, ihm aus irgendwelchen Mächten
heraus eine Tragkraft zu geben.
Man suchte diese Tragkraft immer wieder bei den Glaubenswahrheiten oder in
den Tiefen des Gemütes, welche man stärker glaubte als den abgeblaßten,
abstrakt empfundenen Gedanken.
Das ist für viele Seelen immer wieder ihr Erlebnis mit dem Gedanken, daß
sie diesen nur als bloßen Seeleninhalt empfinden und aus ihm nicht die Kraft zu
saugen vermögen, die ihnen Gewähr leistet dafür, daß der Mensch mit seinem
Wesen sich im geistigen Weltengrunde eingewurzelt wissen dürfe.
Solchen Seelen imponiert die logische Natur des Gedankens; sie erkennen ihn
deshalb an als Kraft, welche eine wissenschaftliche Weltansicht erbauen müsse;
aber sie wollen eine für sie starker wirkende Kraft für den Ausblick auf eine
die höchsten Erkenntnisse umschließende Weltanschauung.
Es fehlt solchen Seelen die spinozistische Seelenkühnheit, den Gedanken im
Quell des Weltschaffens zu empfinden und so sich mit dem Gedanken im
Weltengrunde zu wissen.
Es rührt von solcher Seelenverfassung her, wenn oft der Mensch den Gedanken
beim Aufbau einer Weltanschauung gering achtet und sein Selbstbewußtsein
sicherer gestützt fühlt im Dunkel der Gemütskräfte.
Es gibt Persönlicheiten, für welche eine Anschauung um so weniger Wert für
ihr Verhältnis zu den Weltenrätseln hat, je mehr diese Anschauung aus dem
Dunkel des Gemüts in das Licht des Gedankens treten will.
Eine solche Seelenstimmung trifft man bei J. G. Hamann (gest. 1788).
Er war, wie manche Persönlichkeiten dieser Art, ein großer Anreger.
Ist nämlich ein solcher Geist genial wie er, so wirken die aus den dunkeln
Gemütstiefen geholten Ideen energischer auf andere als die in Verstandesform
gebrachten Gedanken.
Wie in Orakelsprüchen drückte sich Hamann aus über die Fragen, welche das
Weltanschauungsleben seiner Zeit erfüllten.
Wie auf andere wirkte er auch auf Herder anregend.
— Ein mystisches Empfinden, oft mit pietistischer Färbung, lebt in seinen
Orakelsprüchen.
Chaotisch kommt in ihnen zum Vorschein das Drängen der Zeit nach dem Erleben einer Kraft der selbstbewußten Seele, welche Stützpunkt all dem sein kann, was der Mensch sich über Welt und Leben zur Vorstellung bringen will.
Es liegt in diesem Zeitalter, daß die Geister fühlen: Man muß hinunter in
die Seelentiefen, um den Punkt zu finden, in dem die Seele mit dem ewigen
Weltengrunde zusammenhängt, und man muß aus der Erkenntnis dieses Zusammenhangs
heraus — aus dem Quell des Selbstbewußtseins — ein Weltbild gewinnen.
Doch ist ein weiter Abstand von dem, was der Mensch vermochte mit seinen
Geisteskräften zu umfassen, und dieser inneren Wurzel des Selbstbewußtseins.
Die Geister dringen mit ihrer Geistesarbeit nicht zu dem vor, was ihnen in
dunkler Ahnung ihre Aufgabe stellt.
Sie gehen gleichsam um das herum, was als Weltenrätsel wirkt, und nähern
sich ihm nicht.
So empfindet mancher, der den Weltanschauungsfragen gegenübersteht, als
gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts Spinoza zu wirken beginnt.
Lockesche, Leibnizsche Ideen, diese auch in Wolffscher Abschwächung,
durchdringen die Köpfe; daneben wirkt neben dem Drange nach Gedankenklarheit
die Scheu vor dieser, so daß in das Weltbild immer wieder die aus den Tiefen
des Gemütes heraufgeholten Anschauungen zur Ganzheit dieses Bildes zu Hilfe
gerufen werden.
Ein solches spiegelt sich in Mendelssohn, dem Freunde Lessings, der durch
die Veröffentlichung des Jacobischen Gespräches mit Lessing bitter berührt
worden ist.
Er wollte nicht zugeben, daß dieses Gespräch von seiten Lessings wirklich
den von Jacobi mitgeteilten Inhalt gehabt habe.
Es hätte sich dann — so meinte er — sein Freund wirklich zu einer
Weltanschauung bekannt, welche mit dem bloßen Gedanken zur Wurzel der geistigen
Welt reichen will.
Auf diese Art komme man aber nicht zu einer Anschauung von dem Leben dieser
Wurzel.
Man müsse sich dem Weltgeiste anders nahen, wenn man ihn in der Seele als
lebensvolle Wesenheit erfühlen wolle.
Und das müsse doch Lessing getan haben.
Dieser könne sich also nur zu einem “geläuterten Spinozismus” bekannt
haben, zu einem solchen, der über das bloße Denken hinausgeht, wenn er zu dem
göttlichen Urgrund des Daseins kommen will.
In der Art, den Zusammenhang mit diesem Urgründe zu empfinden, wie das der Spinozismus ermöglicht, davor scheute Mendelssohn zurück.
Herder brauchte nicht davor zurückzuscheuen, weil er die Gedankenlinien im
Weltenbild des Spinoza übermalte mit den gehaltvollen Vorstellungen, weiche ihm
die Betrachtung des Natur- und Geistesbildes ergab.
Er hätte bei Spinozas Gedanken nicht stehenbleiben können.
So wie sie von ihrem Urheber gegeben waren, wären sie ihm zu grau in grau
gemalt erschienen.
Er betrachtete, was in der Natur und Geschichte sich abspielt und stellte
das Menschenwesen in diese Betrachtung hinein.
Und was sich ihm so offenbarte, das ergab ihm einen Zusammenhang des
Menschenwesens mit dem göttlichen Urgrund der Welt und mit der Welt selber,
durch den er sich in der Gesinnung mit Spinoza einig fühlte.
Herder war unmittelbar davon überzeugt, daß die Beobachtung der Natur und
der geschichtlichen Entwickelung ein Weltbild ergeben muß, durch das der
Mensch seine Stellung im Weltganzen befriedigend empfindet.
Spinoza meinte zu einem solchen Weltbild nur in der lichten Sphäre der
Gedankenarbeit zu kommen, die nach dem Muster der Mathematik verrichtet wird.
Vergleicht man Herder mit Spinoza und bedenkt man dabei die Zustimmung des
ersteren zu der Gesinnung des lezteren, so muß man anerkennen, daß in der
neueren Weltanschauungsentwickelung ein Impuls wirkt, der sich hinter dem
verbirgt, was als Weltanschauungsbilder zum Vorschein kommt.
Es ist das Streben nach einem Erleben dessen in der Seele, was das
Selbstbewußtsein an die Gesamtheit der Weltvorgänge bindet.
Man will ein Weltbild gewinnen, in dem die Welt so erscheint, daß der
Mensch sich in ihr erkennen kann, wie er sich erkennen muß, wenn er die innere
Stimme seiner selbstbewußten Seele zu sich sprechen läßt.
— Spinoza will den Drang eines solchen Erlebens dadurch befriedigen, daß er
die Gedankenkraft ihre eigene Gewißheit entfalten läßt; Leibniz betrachtet die
Seele und will die Welt so vorstellen, wie sie vorgestellt werden muß, wenn die
richtig vorgestellte Seele in das Weltbild richtig hineingestellt sich zeigen
soll.
— Herder beobachtet die Weltvorgänge und ist von vornherein überzeugt, daß
im menschlichen Gemüte das rechte Weltbild auftaucht, wenn dieses Gemüt sich
mit aller seiner Kraft gesund diesen Vorgängen gegenüberstellt.
Was Goethe später sagte, daß alles Faktische schon Theorie sei, das steht
für Herder unbedingt fest.
Er ist auch von Leibnizschen Gedankenkreisen angeregt; doch hätte er es
nimmermehr vermocht, erst nach einer Idee des Selbstbewußtseins in der Monade
theoretisch zu suchen und dann mit dieser Idee ein Weltbild zu erbauen.
— Die Seelenentwickelung der Menschheit stellt sich in Herder so dar, daß
durch ihn besonders deutlich auf den ihr zugrunde liegenden Impuls in der
neueren Zeit hingewiesen wird.
Was in Griechenland als Gedanke (Idee) gleich einer Wahrnehmung behandelt
worden ist, wird als Selbsterlebnis der Seele gefühlt.
Und der Denker steht der Frage gegenüber: Wie muß ich in die Tiefen der Seele dringen so, daß ich erreiche den Zusammenhang der Seele mit dem Weltgrunde und mein Gedanke zugleich der Ausdruck der weltschöpferischen Kräfte ist?
— Das Aufklärungszeitalter, das man im achtzehnten Jahrhundert sieht,
glaubte noch in dem Gedanken selbst seine Rechtfertigung zu finden.
Herder wächst über diesen Gesichtspunkt hinaus.
Er sucht nicht den Punkt in der Seele, wo diese denkt, sondern den
lebendigen Quell, wo der Gedanke aus dem der Seele einwohnenden
Schöpferprinzipe hervorquillt.
Damit steht Herder dem nahe, was man das geheimnisvolle Erlebnis der Seele
mit dem Gedanken nennen kann.
Eine Weltanschauung muß sich in Gedanken aussprechen.
Doch gibt der Gedanke der Seele die Kraft, welche sie durch eine
Weltanschauung im neueren Zeitalter sucht, nur dann, wenn sie den Gedanken in
seiner seelischen Entstehung erlebt.
Ist der Gedanke geboren, ist er zum philosophischen System geworden, dann hat
er bereits seine Zauberkraft über die Seele verloren.
Damit hängt zusammen, warum der Gedanke, warum das philosophische Weltbild
so oft unterschätzt wird.
Das geschieht durch alle diejenigen, welche nur den Gedanken kennen, der
ihnen von außen zugemutet wird, an den sie glauben, zu dem sie sich bekennen
sollen.
Die wirkliche Kraft des Gedankens kennt nur derjenige, der ihn bei seiner Entstehung erlebt.
Wie in der neueren Zeit dieser Impuls in den Seelen lebt, das tritt hervor
an einer bedeutungsvollen Gestalt der Weltanschauungsgeschichte, an Shaftesbury
(1671 bis 1713).
Für ihn lebt ein “innerer Sinn” in der Seele; durch diesen dringen die
Ideen, welche der Inhalt der Weltanschauung werden, in den Menschen, wie durch
die äußeren Sinne die äußeren Wahrnehmungen dringen.
Nicht im Gedanken selbst also sucht Shaftesbury dessen Rechtfertigung,
sondern durch den Hinweis auf eine Seelentatsache, welche dem Gedanken aus dem
Weltengrunde heraus den Eintritt in die Seele ermöglicht.
So steht für ihn eine zweifache Außenwelt dem Menschen gegenüber: die “äußere” materielle Außenwelt, die durch die “äußeren” Sinne in die Seele eintritt, und die geistige Außenwelt, welche durch den “inneren Sinn” dem Menschen sich offenbart.
Es lebt in diesem Zeitalter der
Drang, die Seele kennenzulernen.
Denn man will wissen, wie in ihrer Natur das Wesen einer Weltansicht
verankert ist.
Man sieht ein solches Streben in Nikolaus Tetens (gest. 1807).
Er kam bei seinen Forschungen über die Seele zu einer Unterscheidung der
Seelenfähigkeiten, welche gegenwärtig in das allgemeine Bewußtsein übergegangen
ist: Denken, Fühlen und Wollen.
Vorher unterschied man nur das Denk- und das Begehrungsvermögen.
Wie die Geister des achtzehnten Jahrhunderts die Seele zu belauschen
suchten da, wo sie an ihrem Weltenbilde schaffend wirkt, das zeigt sich zum
Beispiel an Hemsterhuis (1721-1790).
An ihm, den Herder für einen der größten Denker nach Plato angesehen hat,
zeigt sich anschaulich das Ringen des achtzehnten Jahrhunderts mit dem
Seelenimpuls der neueren Zeit.
Man wird etwa Hemsterhuis* Gedanken treffen, wenn man folgendes ausspricht:
Könnte die Menschenseele durch ihre eigene Kraft, ohne äußere Sinne, die Welt
betrachten, so läge vor ihr ausgebreitet das Bild der Welt in einem einzigen
Augenblicke.
Die Seele wäre also dann unendlich im Unendlichen.
Hätte die Seele keine Möglichkeit, in sich zu leben, sondern sie wäre nur
auf die äußeren Sinne angewiesen, so wäre vor ihr in endloser zeitlicher
Ausbreitung die Welt.
Die Seele lebte dann, ihrer selbst nicht bewußt, im Meer der sinnlichen
Grenzenlosigkeit.
Zwischen diesen beiden Polen, die nirgends wirklich sind, sondern wie zwei Möglichkeiten das Seelenleben begrenzen, lebt die Seele wirklich: sie durchdringt ihre Unendlichkeit mit der Grenzenlosigkeit.
An einigen Denkerpersönlichkeiten wurde hier versucht, darzustellen, wie
der Seelenimpuls der neueren Zeit im achtzehnten Jahrhundert durch die
Weltanschauungsentwickelung strömt.
In dieser Strömung leben die Keime, aus denen für diese Entwickelung das “Zeitalter Kants und Goethes” hervorgegangen ist.
Das Zeitalter Kants und Goethes
Zu
zwei geistigen Instanzen blickt am Ende des achtzehnten Jahrhunderts derjenige
auf, der nach Klarheit über die großen Fragen der Welt- und Lebensanschauung
rang, zu Kant, und Goethe.
Einer, der am gewaltigsten nach solcher Klarheit rang, ist Johann Gottlieb
Fichte.
Als er Kants “Kritik der praktischen Vernunft” kennengelernt hatte, schrieb
er: “Ich lebe in einer neuen Welt ... Dinge, von denen ich glaubte, sie könnten mir nie bewiesen werden, zum
Beispiel der Begriff einer absoluten Freiheit, der Pflicht usw., sind mir
bewiesen, und ich fühle mich darüber nur um so froher.
Es ist unbegreiflich, welche Achtung für die Menschheit, welche Kraft uns
dieses System gibt!...
Welch ein Segen für ein Zeitalter, in welchem die Moral von ihren
Grundfesten aus zerstört und der Begriff Pflicht in allen Wörterbüchern
durchstrichen war.” Und als er auf Grundlage der Kantschen die eigene Anschauung
in seiner “Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre” aufgebaut hatte, da
sandte er das Buch an Goethe mit den Worten: “Ich betrachte Sie, und habe Sie
immer betrachtet, als den Repräsentanten der reinsten Geistigkeit des Gefühls
auf der gegenwärtig errungenen Stufe der Humanität.
An Sie wendet mit Recht sich die Philosophie.
Ihr Gefühl ist derselben Probierstein.” In einem ähnlichen Verhältnis zu
beiden Geistern stand Schiller.
Über Kant schreibt er am 28.
Oktober 1794: “Es erschreckt mich gar nicht, zu denken, daß das Gesetz der
Veränderung, vor welchem kein menschliches und kein göttliches Werk Gnade
findet, auch die Form dieser (der Kantschen) Philosophie so wie jede andere
zerstören wird; aber die Fundamente derselben werden dies Schicksal nicht zu
fürchten haben, denn so alt das Menschengeschlecht ist, und so lange es eine
Vernunft gibt, hat man sie stillschweigend anerkannt, und im ganzen danach
gehandelt.” Goethes Anschauung schildert Schiller am 23.
August 1794 in einem Briefe an diesen: “Lange schon habe ich, obgleich aus
ziemlicher Ferne, dem Gang Ihres Geistes zugesehen, und den Weg, den Sie sich
vorgezeichnet haben, mit immer erneuter Bewunderung bemerkt.
Sie suchen das Notwendige in der Natur, aber Sie suchen es auf dem
schwersten Wege, vor welchem jede schwächere Kraft sich wohl hüten wird.
Sie nehmen die ganze Natur zusammen, um über das Einzelne Licht zu
bekommen; in der Allheit ihrer Erscheinungsarten suchen Sie den Erklärungsgrund
für das Individuum auf .
.
.
Wären Sie als ein Grieche, ja nur als ein Italiener geboren worden, und
hätte schon von der Wiege an eine auserlesene Natur und eine idealisierende
Kunst Sie umgeben, so wäre Ihr Weg unendlich verkürzt, vielleicht ganz
überflüssig gemacht worden.
Schon in die erste Anschauung der Dinge hätten Sie dann die Form des
Notwendigen aufgenommen, und mit Ihren ersten Erfahrungen hätte sich der große
Stil in Ihnen entwickelt.
Nun, da Sie als ein Deutscher geboren sind, da Ihr griechischer Geist in
diese nordische Schöpfung geworfen wurde, so blieb Ihnen keine andere Wahl, als
entweder selbst zum nordischen Künstler zu werden, oder Ihrer Imagination das,
was ihr die Wirklichkeit vorenthielt, durch Nachhilfe der Denkkraft zu
ersetzen, und so gleichsam von innen heraus und auf einem rationalen Wege ein
Griechenland zu gebären.” Kant und Goethe können, von der Gegen wart aus
gesehen, als Geister betrachtet werden, in denen die
Weltanschauungsentwickelung der neueren Zeit sich wie in einem wichtigen
Momente ihres Werdeprozesses dadurch n 8 enthüllt, daß von diesen Geistern die
Rätselfragen des Daseins intensiv empfunden werden, die sich vorher mehr in den
Untergründen des Seelenlebens vorbereiten.
Um die Wirkung des ersteren auf sein Zeitalter zu veranschaulichen, seien
noch die Aussprüche zweier Männer über ihn angeführt, die auf der vollen
Bildungshöhe ihrer Zeit standen.
Jean Paul schrieb im Jahre 1788 an einen Freund: “Kaufen Sie sich um
Himmels willen zwei Bücher, Kants Grundlegung zu einer Metaphysik der Sitten
und Kants Kritik der praktischen Vernunft.
Kant ist kein Licht der Welt, sondern ein ganzes strahlendes Sonnensystem
auf einmal.” Und Wilhelm von Humboldt sagt: “Kant unternahm und vollbrachte das
größte Werk, das vielleicht je die philosophierende Vernunft einem einzelnen
Manne zu danken gehabt hat...
Dreierlei bleibt, wenn man den Ruhm, den Kant seiner Nation, den Nutzen,
den er dem spekulativen Denken verliehen hat, bestimmen will, unverkennbar
gewiß: Einiges, was er zertrümmert hat, wird sich nie wieder erheben, einiges,
was er begründet hat, wird nie wieder untergehen, und was das Wichtigste ist,
so hat er eine Reform gestiftet, wie die gesamte Geschichte des menschlichen
Denkens keine ähnliche aufweist.” Man sieht, in Kants Tat sahen seine
Zeitgenossen eine erschütternde Wirkung innerhalb der
Weltanschauungsentwickelung.
Er selbst aber hielt sie für diese Entwickelung so wichtig, daß er ihre
Bedeutung derjenigen gleichsetzte, die Kopernikus' Entdeckung der
Planetenbewegung für die Naturerkenntnis hatte.
Manche Erscheinungen der Weltanschauungsentwickelung in den vorangegangenen
Zeiten wirken in Kants Denken weiter und bilden sich in diesem zu Rätselfragen
um, welche den Charakter seiner Weltanschauung bestimmen.
Wer in den für diese Anschauung bedeutsamsten Schriften Kants die
charakteristischen Eigentümlichkeiten empfindet, dem zeigt sich als eine
derselben sogleich eine besondere Schätzung, welche Kant der mathematischen
Denkungsart angedeihen läßt.
Was so erkannt wird wie das mathematische Denken erkennt, das trägt in sich
die Gewißheit seiner Wahrheit, das empfindet Kant.
Daß der Mensch Mathematik haben kann, beweist, daß er Wahrheit haben kann.
Was man auch alles bezweifeln mag: die Wahrheit der Mathematik kann man
nicht bezweifeln.
Mit dieser Schätzung der Mathematik tritt in Kants Seele diejenige
Gesinnung der neueren Weltanschauungsentwickelung auf, die den
Vorstellungskreisen Spinozas die Prägung gegeben hat.
Spinoza will seine Gedankenreihen so aufbauen, daß sie sich wie die Glieder
der mathematischen Wissenschaft streng auseinander entwickeln.
Nichts anderes als das nach mathematischer Art Gedachte gibt die feste
Grundlage, auf der sich im Sinne Spinozas das im Geiste der neueren Zeit sich
fühlende MenschenIch sicher weiß.
So dachte auch schon Descartes, von dem Spinoza viele Anregungen empfangen
hat.
Er mußte sich aus dem Zweifel heraus eine Weltanschauungsstütze holen.
In dem bloßen Empfangen eines Gedankens in der.
Seele konnte Descartes eine solche Stütze nicht sehen.
Diese griechische Art, sich zu der Gedankenwelt zu stellen, ist dem Menschen
der neueren Zeit nicht mehr möglich.
Es muß sich in der selbstbewußten Seele etwas finden, das den Gedanken
stützt.
Für Descartes und wieder für Spinoza ist es die Erfüllung der Forderung,
daß sich die Seele zum Gedanken verhalten müsse, wie sie sich in der
mathematischen Vorstellungsart verhält.
Indem sich Descartes aus dem Zweifel heraus sein “Ich denke, also bin ich”
und was damit zusammenhängt, ergab, fühlte er sich in alledem sicher, weil es
ihm dieselbe Klarheit zu haben schien, welche der Mathematik innewohnt.
Dieselbe Gesinnung hat Spinoza dazu geführt, ein Weltbild sich
auszugestalten, in dem alles, wie die mathematischen Gesetze, mit strenger
Notwendigkeit wirkt.
Die eine göttliche Substanz, welche sich mit mathematischer Gesetzmäßigkeit
in alle Weltenwesen ausgießt, läßt das menschliche Ich nur gelten, wenn dieses
sich in ihr völlig verliert, wenn es sein Selbstbewußtsein in ihrem
Weltbewußtsein aufgehen läßt.
Diese mathematische Gesinnung, die aus der Sehnsucht des “Ich” entspringt
nach einer Sicherheit, die es für sich braucht, führt dieses “Ich” zu einem
Weltbild, in dem es durch das Streben nach seiner Sicherheit sich seihst, sein
selbständiges Bestehen in einem geistigen Weltengrunde, seine Freiheit und
seine Hoffnung auf ein selbständiges ewiges Dasein verloren hat.
In der entgegengesetzten Richtung bewegte sich das Denken Leibniz'.
Für ihn ist die Menschenseele die selbständige, streng in sich
abgeschlossene Monade.
Aber diese Monade erlebt nur, was in ihr ist; die Weltenordnung, die sich
“wie von außen” darbietet, ist nur ein Scheinbild.
Hinter demselben liegt die wahre Welt, die nur aus Monaden besteht, und
deren Ordnung die nicht in der Beobachtung sich darbietende vorherbestimmte
(prästabilierte) Harmonie ist.
Diese Weltanschauung läßt der menschlichen Seele die Selbständigkeit, das
selbständige Bestehen im Weltall, die Freiheit und die Hoffnung auf eine ewige
Bedeutung in der Weltentwickelung; aber sie kann, wenn sie sich selbst treu
bleibt, im Grunde nicht anders, als behaupten, daß alles von ihr Erkannte nur
sie selbst ist, daß sie aus dem selbstbewußten Ich nicht herauskommen kann, und
daß ihr das Weltall in seiner Wahrheit von außen nicht offenbar werden kann.
Für Descartes und für Leibniz waren die auf religiösem Wege erlangten
Überzeugungen noch so stark wirksam, daß beide sie aus anderen Motiven in ihr
Weltbild herübernahmen, als ihnen die Stützen dieses Weltbildes selbst gaben.
Bei Descartes schlich sich in das Weltbild die Anschauung von der geistigen
Welt ein, die er auf religiösem Wege erlangt hatte, sie durchdrang für ihn
unbewußt die starre mathematische Notwendigkeit seiner Weltordnung, und so
empfand er nicht, daß ihm sein Weltbild im Grunde das “Ich” auslöschte.
Ebenso wirkten bei Leibniz die religiösen Impulse, und deshalb entging ihm,
daß er in seinem Weltbilde keine Möglichkeit hatte, etwas anderes als allein
den eigenen Seeleninhalt zu finden.
Er glaubte doch, die außer dem “Ich” befindliche geistige Welt annehmen zu
können.
Spinoza zog durch einen großen Zug in seiner Persönlichkeit die Konsequenz
aus seinem Weltbilde.
Um die Sicherheit für dieses Weltbild zu haben, welche das Selbstbewußtsein
verlangte, resignierte er auf die Selbständigkeit dieses Selbstbewußtseins und
fand die Seligkeit darin, sich als Glied der einen göttlichen Substanz zu
fühlen.
— Auf Kant blickend, muß man die Frage aufwerfen: Wie mußte er empfinden
gegenüber den Weltanschauungsrichtungen, die sich in Descartes, Spinoza und
Leibniz ihre hervorragenden Vertreter geschaffen hatten? Denn alle die
Seelenimpulse, welche in diesen dreien gewirkt hatten, wirkten in ihm.
Und sie wirkten in seiner Seele aufeinander und bewirkten die ihm sich
aufdrängenden Welten- und Menschheitsrätsel, Ein Blick auf das Geistesleben des
Kantschen Zeitalters gibt die Richtung nach der Art, wie Kant über diese Rätsel
empfunden hat.
In einem bedeutsamen Symptom erscheint dieses Geistesleben in Lessings
(1729—1781) Stellung zu den Weltanschauungsfragen.
Lessing faßt sein Glaubensbekenntnis in die Worte zusammen: “Die Ausbildung
geofTenbarter Wahrheiten in Vernunftwahrheiten ist schlechterdings notwendig,
wenn dem menschlichen Geschlechte damit geholfen sein soll.” Man hat das
achtzehnte Jahrhundert das der Aufklärung genannt.
Die Geister Deutschlands verstanden die Aufklärung im Sinne des
Lessingschen Ausspruches.
Kant hat die Aufklärung erklärt als den “Ausgang des Menschen aus seiner
selbstverschuldeten Unmündigkeit” und als ihren Wahlspruch bezeichnet: “Habe
Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.” Nun waren selbst so
hervorragende Denker wie Lessing zunächst durch die Aufklärung nicht weiter
gekommen als bis zu einer verstandesmäßigen Umformung der aus dem Zustande
“selbstverschuldeter Unmündigkeit” überlieferten Glaubenslehren.
Sie sind nicht zu einer reinen Vernunftansicht vorgedrungen wie Spinoza.
Auf solche Geister mußte die Lehre des Spinoza, als sie in Deutschland
bekannt wurde, einen tiefen Eindruck machen.
Spinoza hatte es wirklich unternommen, sich seines eigenen Verstandes zu
bedienen, war aber dabei zu ganz anderen Erkenntnissen gekommen als die
deutschen Aufklärer.
Sein Einfluß mußte um so bedeutsamer sein, als seine nach mathematischer
Art festgebauten Schlußfolgerungen eine viel größere überzeugende Kraft hatten
als die Weltanschauungsrichtung Leibniz*, welche auf die Geister jenes
Zeitalters in der Art wirkte, wie sie durch Wolf! “fortgebildet” worden war.
Wie diese durch WolflFs Vorstellungen hindurch wirkende Gedankenrichtung
auf tiefere Gemüter wirkte, davon erhalten wir eine Vorstellung aus Goethes
“Dichtung und Wahrheit”.
Er erzählt von dem Eindruck, den Professor Winklers im Geiste Wolffs
gehaltene Vorlesungen in Leipzig auf ihn gemacht haben: “Meine Kollegia
besuchte ich anfangs emsig und treulich; die Philosophie wollte mich jedoch
keineswegs aufklären.
In der Logik kam es mir wunderlich vor, daß ich diejenigen
Geistesoperationen, die ich von Jugend auf mit der größten Bequemlichkeit
verrichtete, so auseinanderzerren, vereinzeln und gleichsam zerstören sollte,
um den rechten Gebrauch derselben einzusehen.
Von dem Dinge, von der Welt, von Gott glaubte ich ungefähr so viel zu
wissen als der Lehrer selbst, und es schien mir an mehr als einer Stelle
gewaltig zu hapern.” Von seiner Beschäftigung mit Spinozas Schriften erzählt
uns dagegen der Dichter: “Ich ergab mich dieser Lektüre und glaubte, indem ich
mich selbst schaute, die Welt niemals so deutlich erblickt zu haben.” Aber nur
wenige vermochten sich der Denkungsart Spinozas so unbefangen hinzugeben wie
Goethe.
Bei den meisten mußte sie einen tiefen Zwiespalt in die Weltauffassung
bringen.
Für sie ist Goethes Freund Fr.
H.
Jacobi ein Repräsentant.
Er glaubte, zugeben zu müssen, daß die sich selbst überlassene Vernunft
nicht zu den Glaubenslehren, sondern zu der Ansicht führe, zu der Spinoza
gekommen ist, daß die Welt von ewigen, notwendigen Gesetzen beherrscht wird.
So stand Jacobi vor einer bedeutsamen Entscheidung: entweder mußte er
seiner Vernunft vertrauen und die Glaubenslehren fallen lassen, oder er mußte,
um die letzteren zu behalten, der Vernunft selbst die Möglichkeit absprechen,
zu den höchsten Einsichten zu kommen.
Er wählte das letztere.
Er behauptete, daß der Mensch in seinem innersten Gemüte eine unmittelbare
Gewißheit habe, einen sicheren Glauben, vermöge dessen er die Wahrheit der
Vorstellung eines persönlichen Gottes, der Freiheit des Willens und der
Unsterblichkeit fühle, so daß diese Überzeugung ganz unabhängig sei von den auf
logische Folgerungen gestützten Erkenntnissen der Vernunft, die sich gar nicht
auf diese Dinge beziehen, sondern nur auf die äußeren Naturvorgänge.
Auf diese Weise hat Jacobi das vernünftige Wissen abgesetzt, um für einen
die Bedürfnisse des Herzens befriedigenden Glauben Platz zu bekommen.
Goethe, der von dieser Entthronung des Wissens wenig erbaut war, schreibt
an den Freund: “Gott hat Dich ...
mit der Metaphysik gestraft und Dir einen Pfahl ins Fleisch gesetzt,
mich...
mit der Physik gesegnet.
Ich halte mich...
an die Gottesverehrung des Atheisten (Spinoza) und überlasse euch alles,
was ihr Religion heißt und heißen müßt.
Du hältst aufs Glauben an Gott; ich aufs Schauen.” Die Aufklärung hat
zuletzt die Geister vor die Wahl gestellt, entweder die geoffenbarten
Wahrheiten durch die Vernunftwahrheiten im spinozistischen Sinne zu ersetzen,
oder dem vernunftgemäßen Wissen selbst den Krieg zu erklären.
Und vor dieser Wahl stand auch Kant.
Wie er sich zu ihr stellte und über sie entschied, das geht aus der klaren
Ausführung im Vorworte zur zweiten Auflage seiner “Kritik der reinen Vernunft”
hervor: “Gesetzt nun, die Moral setze notwendig Freiheit (im strengsten Sinne)
als Eigenschaft unseres Willens voraus, indem sie praktische in unserer
Vernunft liegende Grundsätze .
.
.
anführt, die ohne Voraussetzung der Freiheit schlechterdings unmöglich
wären, die spekulative Vernunft aber hätte bewiesen, daß diese sich gar nicht
denken lasse, so muß notwendig jene Voraussetzung, nämlich die moralische,
derjenigen weichen, deren Gegenteil einen offenbaren Widerspruch enthält,
folglich Freiheit und mit ihr Sittlichkeit .
.
.
dem Naturmechanismus den Platz einräumen.
So aber, da ich zur Moral nichts weiter brauche, als daß Freiheit sich nur
nicht selbst widerspreche und sich also doch wenigstens denken lasse, ohne
nötig zu habeny sie weiter einzusehen, daß sie also dem Naturmechanismus
ebenderselben Handlung (in anderer Beziehung genommen) gar kein Hindernis in
den Weg lege; so behauptet die Lehre der Sittlichkeit ihren Platz, .
.
.
welches aber nicht stattgefunden hätte, wenn nicht Kritik uns zuvor von
unserer unvermeidlichen Unwissenheit in Ansehung der Dinge an sich seihst
belehrt, und alles, was wir theoretisch erkennen können, auf bloße
Erscheinungen eingeschränkt hätte.
Eben diese Erörterung des positiven Nutzens kritischer Grundsätze der
reinen Vernunft läßt sich in Ansehung des Begriffs von Gott und der einfachen
Natur unserer Seele zeigen, die ich aber der Kürze halber vorbeigehe.
Ich kann also Gott, Freiheit und Unsterblichkeit zum Behuf des notwendigen
praktischen Gebrauchs meiner Vernunft nicht einmal annehmen, wenn ich nicht der
spekulativen Vernunft zugleich ihre Anmaßung überschwenglicher Einsichten
benehme.
.
.
Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen .
.
.
“Man sieht, Kant steht gegenüber Wissen und Glauben auf einem ähnlichen
Boden wie Jacobi.
Der Weg, auf dem Kant zu seinen Ergebnissen gekommen ist, war durch die
Gedankenwelt Humes gegangen.
Bei diesem fand er die Ansicht, daß die Dinge und Vorgänge der Welt der
menschlichen Seele gar keine gedanklichen Zusammenhänge offenbaren, daß der
menschliche Verstand sich nur gewohnheitsmäßig solche Zusammenhänge vorstelle,
wenn er die Weltdinge und Weltvorgänge in Raum und Zeit nebeneinander und
nacheinander wahrnehme.
Daß der menschliche Verstand das, was ihm Erkenntnis scheint, nicht aus der
"Welt erhalte: diese Meinung Humes machte auf Kant Eindruck.
Es ergab sich für ihn der Gedanke als eine Möglichkeit: die Erkenntnisse
des menschlichen Verstandes kommen nicht aus der Weltwirklicheit.
Durch die Ausführungen Humes ist Kant aus dem Schlummer erweckt worden, in
den ihn, nach seinem eigenen Bekenntnis, die Wölfische Ideenrichtung versetzt
hatte.
Wie kann die Vernunft Urteile über Gott, Freiheit und Unsterblichkeit
fällen, wenn ihre Aussagen über die einfachsten Begebenheiten auf solch
unsicheren Grundlagen ruhen? Der Ansturm, den nun Kant gegen das vernünftige
Wissen unternehmen mußte, war ein viel weitergehender als derjenige Jacobis.
Dieser hatte dem Wissen wenigstens die Möglichkeit lassen können, die Natur
in ihrem notwendigen Zusammenhange zu begreifen.
Nun hat Kant auf dem Gebiete der Naturerkenntnis eine wichtige Tat mit
seiner 1755 erschienenen “Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels”
vollbracht.
Er glaubte gezeigt zu haben, daß man sich unser ganzes Planetensystem aus
einem Gasball entstanden denken könne, der sich um seine Achse bewegt.
Durch streng notwendige mathematische und physikalische Kräfte haben sich
innerhalb dieses Balles Sonne und Planeten verdichtet und die Bewegungen
angenommen, die sie in Gemäßheit der Lehren Kopernikus' und Keplers haben.
Kant glaubte also die Fruchtbarkeit der spinozistischen Denkart, nach
welcher alles mit strenger mathematischer Notwendigkeit sich abspielt, durch
eine eigene große Entdeckung auf einem speziellen Gebiete erwiesen.
Er war von dieser Fruchtbarkeit so überzeugt, daß er in dem genannten Werke
zu dem Ausrufe sich versteigt: “Gebt mir Materie, und ich will euch eine Welt
daraus bauen.” Und die unbedingte Gewißheit der mathematischen Wahrheiten stand
für ihn so fest, daß er in seinen “Anfangsgründen der Naturwissenschaft” die
Behauptung aufstellt, eine eigentliche Wissenschaft sei nur eine solche, in
welcher die Anwendung der Mathematik möglich ist.
Hätte Hume recht, so könnte von einer Gewißheit der mathematischen und naturwissenschaftlichen
Erkenntnisse nicht die Rede sein.
Denn dann wären diese Erkenntnisse nichts als Denkgewohnheiten, die sich
der Mensch angeeignet hat, weil er den Weltenlauf in ihrem Sinne sich hat
abspielen sehen.
Aber es bestünde nicht die geringste Sicherheit darüber, daß diese
Denkgewohnheiten mit dem gesetzmäßigen Zusammenhang der Dinge etwas zu tun
haben.
Hume zieht aus seinen Voraussetzungen die Folgerung: “Die Erscheinungen
wechseln fortwährend in der Welt, und eines folgt dem anderen in ununterbrochener
Folge; aber die Gesetze und die Kräfte, welche das Weltall bewegen, sind uns
völlig verborgen und zeigen sich in keiner wahrnehmbaren Eigenschaft der Körper
...” Rückt man also die Weltanschauung Spinozas in die Beleuchtung der
Humeschen Ansicht, so muß man sagen: Nach dem wahrgenommenen Verlauf der
Weltvorgänge hat sich der Mensch gewöhnt, sie in einem notwendigen,
gesetzmäßigen Zusammenhange zu denken; er darf aber nicht behaupten, daß dieser
Zusammenhang mehr ist als eine bloße Denkgewohnheit.
Träfe das zu, dann wäre es nur eine Täuschung der menschlichen Vernunft,
daß sie über das Wesen der Welt durch sich selbst irgendwelchen Aufschluß
gewinnen könne.
Und Hume könnte nicht widersprochen werden, wenn er von jeder
Weltanschauung, die aus der reinen Vernunft gewonnen ist, sagt: “Werft sie ins
Feuer, denn sie ist nichts als Trug und Blendwerk.” Diese Folgerung Humes
konnte Kant unmöglich zu der seinigen machen.
Denn für ihn stand die Gewißheit der naturwissenschaftlichen und
mathematischen Erkenntnisse, wie wir gesehen haben, unbedingt fest.
Er wollte sich diese Gewißheit nicht antasten lassen, konnte sich aber
dennoch der Einsicht nicht entziehen, daß Hume recht hatte, wenn er sagte: Alle
Erkenntnisse über die wirklichen Dinge gewinnen wir nur, indem wir diese
beobachten und auf Grund der Beobachtung uns Gedanken über ihren Zusammenhang
bilden.
Liegt in den Dingen ein gesetzmäßiger Zusammenhang, dann müssen wir ihn
auch aus den Dingen herausholen.
Was wir aber aus den Dingen herausholen, davon wissen wir nicht mehr, als
daß es bis jetzt so gewesen ist; wir wissen aber nicht, ob ein solcher
Zusammenhang wirklich so mit dem Wesen der Dinge verwachsen ist, daß er sich
nicht in jedem Zeitpunkt ändern kann.
Wenn wir uns heute auf Grund unserer Beobachtungen eine Weltanschauung
bilden, so können morgen Erscheinungen eintreten, die uns zu einer ganz anderen
zwingen.
Holten wir alle unsere Erkenntnisse aus den Dingen, so gäbe es keine
Gewißheit.
Aber es gibt eine Gewißheit, sagt Kant.
Die Mathematik und die Naturwissenschaft beweisen es.
Die Ansicht, daß die Welt dem menschlichen Verstände seine Erkenntnisse
nicht gibt, wollte Kant von Hume annehmen; die Folgerung, daß diese
Erkenntnisse nicht Gewißheit und Wahrheit enthalten, wollte er nicht ziehen.
So stand Kant vor der ihn erschütternden Frage: Wie ist es möglich, daß der
Mensch wahre und gewisse Erkenntnisse habe und trotzdem von der Wirklichkeit
der Welt an sich nichts wissen könne? Und Kant fand eine Antwort, welche die
Wahrheit und Gewißheit menschlicher Erkenntnisse dadurch rettete, daß sie die
menschliche Einsicht in die Weitengründe opferte.
Von einer Welt, die außer uns ausgebreitet liegt und die wir nur durch
Beobachtung auf uns einwirken lassen, könnte unsere Vernunft niemals behaupten,
daß etwas in ihr gewiß sei.
Folglich kann unsere Welt nur eine solche sein, die wir selbst aufbauen:
eine Welt, die innerhalb unseres Geistes liegt.
Was außer mir vorgeht, während ein Stein fällt und die Erde aushöhlt, weiß
ich nicht.
Das Gesetz dieses ganzen Vorganges spielt sich in mir ab.
Und es kann sich in mir nur so abspielen, wie es ihm die Gesetze meines
eigenen geistigen Organismus vorschreiben.
Die Einrichtung meines Geistes fordert, daß jede Wirkung eine Ursache habe,
und daß zweimal zwei vier sei.
Und gemäß dieser Einrichtung baut sich der Geist eine Welt auf.
Möge nun die außer uns liegende Welt wie immer gebaut sein, möge sie sogar
heute in keinem Zuge der gestrigen gleichen: uns kann das nicht berühren; denn
unser Geist schafft sich eine eigene Welt nach seinen Gesetzen.
Solange der menschliche Geist derselbe ist, wird er bei Erzeugung seiner
Welt auch in gleicher Weise verfahren.
Mathematik und Naturwissenschaft enthalten nicht Gesetze der Außenwelt,
sondern solche unseres geistigen Organismus.
Deshalb brauchen wir nur diesen zu erforschen, wenn wir das unbedingt Wahre
kennen lernen wollen.
“Der Verstand schöpft seine Gesetze...
nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor.” In diesem Satze faßt
Kant seine Überzeugung zusammen.
Der Geist erzeugt aber seine Innenwelt nicht ohne Anstoß oder Eindruck von
außen.
Wenn ich eine rote Farbe empfinde, so ist das “Rot” allerdings ein Zustand,
ein Vorgang in mir; aber ich muß eine Veranlassung haben, daß ich “rot”
empfinde.
Es gibt also “Dinge an sich”.
Wir wissen jedoch von ihnen nichts, als daß es sie gibt.
Alles, was wir beobachten, sind Erscheinungen in uns.
Kant hat also, um die Gewißheit der mathematischen und
naturwissenschaftlichen Wahrheiten zu retten, die ganze Beobachtungswelt in den
menschlichen Geist hineingenommen.
Damit hat er aber auch allerdings dem Erkenntnisvermögen unübersteigliche
Grenzen gesetzt.
Denn alles, was wir erkennen können, bezieht sich nicht auf Dinge außer
uns, sondern auf Vorgänge in uns, auf Erscheinungen, wie er sich ausdrückt.
Nun können aber die Gegenstände der höchsten Vernunftsfragen: Gott,
Freiheit und Unsterblichkeit, niemals in die Erscheinung treten.
Wir sehen Erscheinungen in uns; ob diese außer uns von einem göttlichen
Wesen herrühren, können wir nicht wissen.
Wir können unsere eigenen Seelenzustände wahrnehmen.
Aber auch diese sind nur Erscheinungen.
Ob hinter ihnen eine freie unsterbliche Seele waltet, bleibt unserer
Erkenntnis verborgen.
Über diese “Dinge an sich” sagt unsere Erkenntnis gar nichts aus.
Sie bestimmt nichts darüber, ob die Ideen von ihnen wahr oder falsch sind.
Wenn wir nun von einer anderen Seite her über diese Dinge etwas vernehmen,
so liegt nichts im Wege, ihre Existenz anzunehmen.
Nur wissen können wir nichts über sie.
Es gibt nun einen Zugang zu diesen höchsten Wahrheiten.
Und das ist die Stimme der Pflicht, die in uns laut und deutlich spricht:
Du sollst dies und das tun.
Dieser “kategorische Imperativ” legt uns eine Verbindlichkeit auf, der wir
uns nicht entziehen können.
Aber wie wären wir imstande, einer solchen Verbindlichkeit nachzukommen,
wenn wir nicht einen freien Willen hätten? Wir können die Beschaffenheit
unserer Seele zwar nicht erkennen, aber wir müssen glauben, daß sie frei sei,
damit sie ihrer inneren Stimme der Pflicht nachkommen könne.
Wir haben somit über die Freiheit keine Erkenntnisgewißheit wie über die
Gegenstände der Mathematik und der Naturwissenschaft; aber wir haben dafür eine
moralische Gewißheit.
Die Befolgung des kategorischen Imperativs führt zur Tugend.
Durch die Tugend allein kann der Mensch seine Bestimmung erreichen.
Er wird der Glückseligkeit würdig.
Er muß also die Glückseligkeit auch erreichen können.
Denn sonst wäre seine Tugend ohne Sinn und Bedeutung.
Damit aber sich an die Tugend die Glückseligkeit knüpfe, muß ein Wesen da
sein, das diese Glückseligkeit zur Folge der Tugend macht.
Das kann nur ein intelligentes, den höchsten Wert der Dinge bestimmendes
Wesen, Gott, sein.
Durch das Vorhandensein der Tugend wird uns deren Wirkung, die
Glückseligkeit, verbürgt und durch diese wieder das Dasein Gottes.
Und weil ein sinnliches Wesen, wie es der Mensch ist, die vollendete
Glückseligkeit nicht in dieser unvollkommenen Welt erreichen kann, so muß sein
Dasein über dies Sinnendasein hinausreichen, das heißt die Seele muß
unsterblich sein.
Worüber wir also nichts wissen können: das zaubert Kant aus dem moralischen
Glauben an die Stimme der Pflicht hervor.
Die Hochachtung vor dem Pflichtgefühl war das, was ihm eine wirkliche Welt
wieder aufrichtete, als unter Humes' Einfluß die Beobachtungswelt zur bloßen
Innenwelt herabsank.
In schönen Worten kommt in seiner “Kritik der praktischen Vernunft” diese
Hochachtung zum Ausdruck: “Pflicht! du erhabener, großer Name, der du nichts
Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern
Unterwerfung verlangst”, der du “ein Gesetz aufstellst .
.
.
vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich im Geheimen ihm entgegen
wirken .
.
.
“Daß die höchsten Wahrheiten keine Erkenntniswahrheiten, sondern moralische
Wahrheiten seien, das hielt Kant für seine Entdeckung.
Auf Einsichten in eine übersinnliche Welt muß der Mensch verzichten; aus
seiner moralischen Natur entspringt ihm Ersatz für die Erkenntnis.
Kein Wunder, daß Kant in der unbedingten, rückhaltlosen Hingabe an die
Pflicht die höchste Forderung an den Menschen sieht.
Eröffnete diesem die Pflicht nicht einen Ausblick aus der Sinnenwelt
hinaus: er wäre sein ganzes Leben hindurch in diese eingeschlossen.
Was also auch die Sinnen weit verlangt: es muß zurücktreten hinter den
Anforderungen der Pflicht.
Und die Sinnenwelt kann aus sich selbst heraus nicht mit der Pflicht
übereinstimmen.
Sie will das Angenehme, die Lust.
Ihnen muß die Pflicht entgegentreten, damit der Mensch seine Bestimmung
erfülle.
Was der Mensch aus Lust vollbringt, ist nicht tugendhaft; nur was er in der
selbstlosen Hingabe an die Pflicht vollführt.
Unterwerfe deine Begierden der Pflicht: das ist die strenge Aufgabe der
Kantschen Sittenlehre.
Wolle nichts, was dich in deiner Selbstsucht befriedigt, sondern handle so,
daß die Grundsätze deines Handelns die aller Menschen werden können.
In der Hingabe an das Sittengesetz erreicht der Mensch seine
Vollkommenheit.
Der Glaube, daß dieses Sittengesetz in erhabener Höhe über allem anderen
Weltgeschehen schwebe und durch ein göttliches Wesen in der Welt verwirklicht
werde, das ist nach Kants Meinung wahre Religion.
Sie entspringt aus der Moral.
Der Mensch soll nicht gut sein, weil er an einen Gott glaubt, der das Gute
will; er soll gut einzig und allein aus Pflichtgefühl sein; aber er soll an
Gott glauben, weil Pflicht ohne Gott sinnlos ist.
Das ist “Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft”; so nennt Kant
sein Buch über religiöse Weltanschauung.
Seit dem Aufblühen der Naturwissenschaften hat der Weg, den diese genommen
haben, bei vielen Menschen das Gefühl hervorgerufen, aus dem Bilde, das sich
das Denken von der Natur gestaltet, müsse alles entfernt werden, was nicht den
Charakter strenger Notwendigkeit trägt.
Auch Kant hatte dieses Gefühl.
Er hatte in seiner “Naturgeschichte des Himmels” sogar für ein bestimmtes
Naturgebiet ein solches Bild entworfen, das diesem Gefühl entspricht.
— In einem solchem Bilde hat keinen Platz die Vorstellung des
selbstbewußten Ich, welche sich der Mensch des achtzehnten Jahrhunderts machen
mußte.
Der platonische, auch der aristotelische Gedanke konnte als die Offenbarung
sowohl der Natur, wie diese im Zeitalter seiner Wirksamkeit genommen werden
mußte, wie auch der menschlichen Seele angesehen werden.
Im Gedankenleben trafen sich da Natur und Seele.
Von dem Bilde der Natur, wie es die Forschung der neuen Zeit zu fordern
scheint, führt nichts zu der Vorstellung der selbstbewußten Seele.
— Kant hatte die Empfindung: es biete sich ihm in dem Naturbilde nichts
dar, worauf er die Gewißheit des Selbstbewußtseins begründen könne.
Diese Gewißheit mußte geschaffen werden.
Denn die neuere Zeit hatte dem Menschen das selbstbewußte Ich als Tatsache
hingestellt.
Es mußte die Möglichkeit geschaffen werden, diese Tatsache anzuerkennen.
Aber alles, was der Verstand als Wissen anerkennen kann, verschlingt das Naturbild.
So fühlt sich Kant gedrängt, für das selbstbewußte Ich und auch für die
damit zusammenhängende Geisteswelt etwas zu schaffen, was kein Wissen ist und
doch Gewißheit gibt.
Die selbstlose Hingabe an die Stimme des Geistes hat Kant zur Grundlage der
Moral gemacht.
Auf dem Gebiete des tugendhaften Handelns verträgt sich eine solche Hingabe
nicht mit derjenigen an die Sinnenwelt.
Es gibt aber ein Feld, auf dem das Sinnliche so erhöht ist, daß es wie ein
unmittelbarer Ausdruck des Geistigen erscheint.
Dies ist das Gebiet des Schönen und der Kunst.
Im alltäglichen Leben verlangen wir das Sinnliche, weil es unser Begehren,
unser selbstsüchtiges Interesse erregt.
Wir tragen Verlangen nach dem, was uns Lust macht.
Wir können aber auch ein selbstloses Interesse an einem Gegenstande haben.
Wir können bewundernd vor ihm stehen, voll von seliger Lust, und diese Lust
kann ganz unabhängig von dem Besitz der Sache sein.
Ob ich ein schönes Haus, an dem ich vorübergehe, auch besitzen möchte, das
hat mit dem selbstlosen Interesse an seiner Schönheit nichts zu tun.
Wenn ich alles Begehren aus meinem Gefühle ausscheide, so bleibt noch etwas
zurück, eine Lust, die sich rein an das schöne Kunstwerk knüpft.
Eine solche Lust ist eine ästhetische.
Das Schöne unterscheidet sich von dem Angenehmen und dem Guten.
Das Angenehme erregt mein Interesse, weil es meine Begierde erweckt; das
Gute interessiert mich, weil es durch mich verwirklicht werden soll.
Dem Schönen stehe ich ohne irgendein solches Interesse, das mit meiner
Person zusammenhängt, gegenüber.
Wodurch kann das Schöne mein selbstloses Wohlgefallen an sich ziehen? Mir
kann ein Ding nur gefallen, wenn es seine Bestimmung erfüllt, wenn es so
beschaffen ist, daß es einem Zwecke dient.
Ich muß also an dem Schönen einen Zweck wahrnehmen.
Die Zweckmäßigkeit gefällt; die Zweckwidrigkeit mißfällt.
Da ich aber an der Wirklichkeit des schönen Gegenstandes kein Interesse
habe, sondern die bloße Anschauung desselben mich befriedigt, so braucht das
Schone auch nicht wirklich einem Zwecke zu dienen.
Der Zweck ist mir gleichgültig, nur die Zweckmäßigkeit verlange ich.
Deshalb nennt Kant “schön” dasjenige, woran wir Zweckmäßigkeit wahrnehmen,
ohne daß wir dabei an einen bestimmten Zweck denken.
Es ist nicht nur eine Erklärung, es ist auch eine Rechtfertigung der Kunst,
die Kant damit gegeben hat.
Man sieht das am besten, wenn man sich vergegenwärtigt, wie er sich mit
seinem Gefühle zu seiner Weltanschauung stellte.
Er drückt das in tiefen, schönen Worten aus: “Zwei Dinge erfüllen das Gemüt
mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht .
.
.
: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.
.
.
.
Der erstere Anblick einer zahllosen Weltenmenge vernichtet gleichsam meine
Wichtigkeit, als eines tierischen Geschöpfes, das die Materie, daraus es ward,
dem Planeten, (einem bloßen Punkt im Weltall), wieder zurückgeben muß, nachdem
es eine kurze Zeit (man weiß nicht wie) mit Lebenskraft versehen gewesen.
Der zweite erhebt dagegen meinen Wert als einer Intelligenz unendlich durch
meine [selbstbewußte und freie] Persönlichkeit, in welcher das moralische
Gesetz mir ein von der Tierheit und selbst von der ganzen Sinnenwelt
unabhängiges Leben offenbart, wenigstens so viel sich aus der zweckmäßigen
Bestimmung meines Daseins durch dieses Gesetz, welche nicht auf die Bedingungen
und Grenzen dieses Lebens eingeschränkt ist, sondern ins Unendliche geht,
abnehmen läßt.” Der Künstler pflanzt nun diese zweckmäßige Bestimmung, die in
Wirklichkeit nur im moralischen Weltreiche waltet, der Sinnenwelt ein.
Dadurch steht das Kunstwerk zwischen dem Gebiet der Beobachtungswelt, in
der die ewigen ehernen Gesetze der Notwendigkeit herrschen, die der menschliehe
Geist erst selbst in sie hineingelegt hat, und dem Reiche der freien
Sittlichkeit, in der Pflichtgebote als Ausfluß einer weisen göttlichen
Weltordnung Richtung und Ziel angeben.
Zwischen beide Reiche hinein tritt der Künstler mit seinen Werken.
Er entnimmt dem Reich des Wirklichen seinen Stoff; aber er prägt diesen
Stoff zugleich so um, daß er der Träger einer zweckmäßigen Harmonie ist, wie
sie im Reiche der Freiheit angetroffen wird.
Der menschliche Geist fühlt sich also unbefriedigt an dem Reiche der
äußeren Wirklichkeit, die Kant mit dem gestirnten Himmel und den zahllosen
Weltendingen meint, und dem der moralischen Gesetzmäßigkeit.
Er schafft sich deshalb ein schönes Reich des Scheines, das starre
Naturnotwendigkeit mit freier Zweckmäßigkeit verbindet.
Nun findet man das Schöne nicht nur in menschlichen Kunstwerken, sondern
auch in der Natur.
Es gibt ein Naturschones neben dem Kunstschönen.
Dieses Naturschöne ist ohne menschliches Zutun da.
Es scheint also, als wenn in der Wirklichkeit doch nicht bloß die starre
gesetzmäßige Notwendigkeit, sondern eine freie weise Tätigkeit zu beobachten
wäre.
Das Schöne zwingt aber zu einer solchen Anschauung doch nicht.
Denn es bietet ja die Zweckmäßigkeit, ohne daß man an einen wirklichen
Zweck zu denken hätte.
Und es bietet nicht bloß Zweckmäßig-Schönes, sondern auch
Zweckmäßig-Häßliches.
Man kann also annehmen, daß unter der Fülle der Naturerscheinungen, die
nach notwendigen Gesetzen zusammenhängen, wie durch Zufall auch solche sind, in
denen der menschliche Geist eine Analogie mit seinen eigenen Kunstwerken
wahrnimmt.
Da an einen wirklichen Zweck nicht gedacht zu werden braucht, so genügt
eine solche gleichsam zufällig vorhandene Zweckmäßigkeit für die ästhetische
Naturbetrachtung.
Anders wird die Sache, wenn wir Wesen in der Natur antreffen, die den Zweck
nicht bloß zufällig, sondern wirklich in sich tragen.
Und auch solche gibt es nach Kants Meinung.
Es sind die organischen Wesen.
Zu ihrer Erklärung reichen die notwendigen, gesetzmäßigen Zusammenhänge, in
denen sich Spinozas Weltanschauung erschöpft und die Kant als diejenigen des menschlichen
Geistes ansieht, nicht aus.
Denn ein “Organismus ist ein Naturprodukt, in welchem alles Zweck und
wechselseitig auch Mittel”, Ursache und wechselseitig auch Wirkung ist.
Der Organismus kann also nicht so wie die unorganische Natur durch bloß notwendig
wirkende eherne Gesetze erklärt werden.
Deshalb meint Kant, der in seiner “Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie
des Himmels” selbst den Versuch unternommen hat, die “Verfassung und den
mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebäudes nach Newtonschen Grundsätzen
abzuhandeln”, daß ein gleicher Versuch für die organischen Wesen mißlingen
müsse.
In seiner “Kritik der Urteilskraft” behauptet er: “Es ist nämlich ganz
gewiß, daß wir die organisierten Wesen und deren innere Möglichkeit nach bloß
mechanischen Prinzipien der Natur nicht einmal zureichend kennen lernen, viel
weniger uns erklären können; und zwar so gewiß, daß man dreist sagen kann, es
ist für den Menschen ungereimt, auch nur einen solchen Anschlag zu fassen, oder
zu hoffen, daß noch etwa dereinst ein Newton aufstehen könne, der auch nur die
Erzeugung eines Grashalms nach Naturgesetzen, die keine Absicht geordnet hat,
begreiflich machen werde; sondern man muß diese Einsicht dem Menschen
schlechthin absprechen.” Mit der Kantschen Ansicht, daß der menschliche Geist
die Gesetze, die er In der Natur vorfindet, selbst erst in sie hineinlege, läßt
sich auch eine andere Meinung über ein zweckmäßig gestaltetes Wesen nicht
vereinigen.
Denn der Zweck deutet auf denjenigen hin, der ihn in die Wesen gelegt hat,
auf den intelligenten Welturheber.
Könnte der menschliche Geist ein zweckmäßiges Wesen ebenso erklären wie ein
bloß naturnotwendiges, dann müßte er auch die Zweckgesetze aus sich heraus in
die Dinge hineinlegen.
Er müßte also den Dingen nicht bloß Gesetze geben, die für -sie gelten,
insoweit sie Erscheinungen seiner Innenwelt sind; er müßte ihnen auch ihre
eigene, von ihm gänzlich unabhängige Bestimmung vorschreiben können.
Er müßte also nicht nur ein erkennender, sondern ein schaffender Geist sein;
seine Vernunft müßte, wie die göttliche, die Dinge schaffen.
Wer die Struktur der Kantschen Weltauffassung, wie sie hier skizziert
worden ist, sich vergegenwärtigt, wird die starke Wirkung derselben auf die
Zeitgenossen und auch auf die Nachwelt begreiflich finden.
Denn sie tastet keine der Vorstellungen, die sich im Laufe der
abendländischen Kulturentwickelung dem menschlichen Gemüte eingeprägt haben,
an.
Sie läßt dem religiösen Geiste Gott, Freiheit und Unsterblichkeit.
Sie befriedigt das Erkenntnisbedürfnis, indem sie ihm ein Gebiet abgrenzt,
innerhalb dessen sie unbedingt gewisse Wahrheiten anerkennt.
Ja, sie läßt sogar die Meinung gelten, daß die menschliche Vernunft ein
Recht habe, sich zur Erklärung lebendiger Wesen nicht bloß der ewigen, ehernen
Naturgesetze, sondern des Zweckbegriffs zu bedienen, der auf eine absichtliche
Ordnung im Weltwesen deutet.
Aber um welchen Preis hat Kant alles dieses erreicht! Er hat die ganze
Natur in den menschlichen Geist hineinversetzt, und ihre Gesetze zu solchen
dieses Geistes selbst gemacht.
Er hat die höhere Weltordnung ganz aus der Natur verwiesen und sie auf eine
rein moralische Grundlage gestellt.
Er hat zwischen das unorganische und das organische Reich eine scharfe
Grenzlinie gesetzt, und jenes nach rein mechanischen, streng notwendigen
Gesetzen, dieses nach zweckvollen Ideen erklärt.
Endlich hat er das Reich des Schönen und der Kunst völlig aus seinem
Zusammenhange mit der übrigen Wirklichkeit herausgerissen.
Denn die Zweckmäßigkeit, die im Schönen beobachtet wird, hat mit wirklichen
Zwecken nichts zu tun.
Wie ein schöner Gegenstand in den Weltzusammenhang hineinkommt, das ist
gleichgültig; es genügt, daß er in uns die Vorstellung des Zweckmäßigen errege
und dadurch unser Wohlgefallen hervorrufe.
Kant vertritt nicht nur die Anschauung, daß des Menschen Wissen insofern
möglich sei, als die Gesetzmäßigkeit dieses Wissens aus der selbstbewußten
Seele selbst stamme, und daß die Gewißheit über diese Seele aus einer anderen
Quelle als aus dem Naturwissen komme: er deutet auch darauf hin, daß das
menschliche Wissen vor der Natur da haltmachen müsse, wo wie im lebendigen
Organismus der Gedanke in den Naturwesen selbst zu walten scheint.
Kant spricht damit aus, daß er sich Gedanken nicht denken könne, welche als
wirkend in den Wesen der Natur selbst vorgestellt werden.
Die Anerkennung solcher Gedanken setzt voraus, daß die Menschenseele nicht
bloß denkt, sondern denkend miterlebt das Leben der Natur.
Fände jemand, daß man Gedanken nicht bloß als Wahrnehmung empfangen könne,
wie es bei den platonischen und aristotelischen Ideen der Fall ist, sondern daß
man Gedanken erleben könne, indem man in die Wesen der Natur untertaucht, dann
wäre wieder ein Element gefunden, welches sowohl in das Bild der Natur wie in
die Vorstellung des selbstbewußten Ich aufgenommen werden könnte.
Das selbstbewußte Ich für sich findet in dem Naturbilde der neueren Zeit
keinen Platz.
Erfüllt sich das selbstbewußte Ich nicht nur so mit dem Gedanken, daß es
weiß: ich habe diesen gebildet, sondern so, daß es an ihm ein Leben erkennt,
von dem es wissen kann: es vermag sich auch außer mir zu verwirklichen, — dann
kann es sich sagen: Ich trage etwas in mir, was ich auch außer mir finden kann.
Die neuere Weltanschauungsentwickelung drängt also zu dem Schritt: in dem
selbstbewußten Ich den Gedanken zu finden, der als lebendig empfunden wird.
Diesen Schritt hat Kant nicht gemacht: Goethe hat ihn gemacht.
Den Gegensatz zur Kantschen Auffassung der Welt bildete in allen
wesentlichen Dingen die Goethesche.
Ungefähr um dieselbe Zeit, als Kant seine “Kritik der reinen Vernunft”
erscheinen ließ, legte Goethe sein Glaubensbekenntnis in dem Hymnus in Prosa
“Die Natur” nieder, in dem er den Menschen ganz in die Natur hineinstellte und
sie, die unabhängig von ihm waltende, zu ihrer eigenen und seiner Gesetzgeberin
zugleich machte.
Kant nahm die ganze Natur in den menschlichen Geist herein, Goethe sah
alles Menschliche als ein Glied dieser Natur an; er fügte den menschlichen
Geist der natürlichen Weltordnung ein.
“Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen — unvermögend, aus ihr
herauszutreten, und unvermögend, tiefer in sie hineinzukommen.
Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und
treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen.
...
Die Menschen sind alle in ihr, und sie in allen.
...
Auch das Unnatürlichste ist Natur, auch die plumpeste Philisterei hat etwas
von ihrem Genie.
...
Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt; man wirkt mit
ihr, auch wenn man gegen sie wirken will.
...
Sie ist alles.
Sie belohnt sich selbst und bestraft sich selbst, erfreut und quält sich
selbst.
...
Sie hat mich hereingestellt, sie wird mich auch herausführen.
Ich vertraue mich ihr.
Sie mag mit mir schalten; sie wird ihr Werk nicht hassen.
Ich sprach nicht von ihr; nein, was wahr ist und was falsch ist, alles hat
sie gesprochen.
Alles ist ihre Schuld, alles ist ihr Verdienst.” Das ist der Gegenpol der
Kantschen "Weltanschauung.
Bei Kant ist die Natur ganz im menschlichen Geiste; bei Goethe ist der
menschliche Geist ganz in der Natur, weil die Natur selbst Geist ist.
Es ist demnach nur zu verständlich, wenn Goethe in dem Aufsatze “Einwirkung
der neueren Philosophie” erzählt: “Kants Kritik der reinen Vernunft .
.
.
lag völlig außerhalb meines Kreises.
Ich wohnte jedoch manchem Gespräch darüber bei, und mit einiger
Aufmerksamkeit konnte ich bemerken, daß die alte Hauptfrage sich erneuere, wie
viel unser Selbst und wie viel die Außenwelt zu unserem geistigen Dasein beitrage?
Ich hatte beide niemals gesondert, und wenn ich nach meiner Weise über
Gegenstände philosophierte, so tat ich es mit unbewußter Naivität und glaubte
wirklich, ich sähe meine Meinungen vor Augen.” In dieser Auffassung der
Stellung Goethes zu Kant braucht uns auch nicht zu beirren, daß der erstere
manches günstige Urteil über den Königsberger Philosophen abgegeben hat.
Denn ihm selbst wäre dieser Gegensatz nur dann ganz klar geworden, wenn er
sich auf ein genaues Studium Kants eingelassen hätte.
Das hat er aber nicht.
In dem obengenannten Aufsatz sagt er: “Der Eingang war es, der mir gefiel;
ins Labyrinth selbst konnte ich mich nicht wagen; bald hinderte mich die
Dichtungsgabe, bald der Menschenverstand, und ich fühlte mich nirgends
gebessert.” Scharf aber hat er doch einmal den Gegensatz ausgesprochen in einer
Aufzeichnung, die erst durch die Weimarische Goethe-Ausgabe aus dem Nachlaß
veröffentlicht worden ist (Weimarische Ausgabe, 2.
Abteilung, Band XI, S.
376).
Der Grundirrtum Kants, meint Goethe, bestünde darin, daß dieser “das
subjektive Erkenntnisvermögen ...
selbst als Objekt betrachtet und den Punkt, wo subjektiv und objektiv
zusammentreffen, zwar scharf, aber nicht ganz richtig sondert”.
Goethe ist eben der Ansicht, daß in dem subjektiven menschlichen
Erkenntnisvermögen nicht bloß der Geist als solcher sich ausspricht, sondern
daß die geistige Natur es selbst ist, die sich in dem Menschen ein Organ
geschaffen hat, durch das sie ihre Geheimnisse offenbar werden läßt.
Es spricht gar nicht der Mensch über die Natur; sondern die Natur spricht
im Menschen über sich selbst.
Das ist Goethes Überzeugung.
So konnte Goethe sagen: Sobald der Streit über die Weltansicht Kants “zur
Sprache kam, mochte ich mich gern auf diejenige Seite stellen, welche dem
Menschen am meisten Ehre macht, und gab allen Freunden vollkommen Beifall, die
mit Kant behaupteten, wenngleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung
angehe, so entspringe sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung”.
Denn Goethe glaubte, daß die ewigen Gesetze, nach denen die Natur verfährt,
im menschlichen Geiste offenbar werden; aber für ihn waren sie deshalb doch
nicht die subjektiven Gesetze dieses Geistes, sondern die objektiven der
NaturOrdnung selbst.
Deshalb konnte er auch Schiller nicht beistimmen, als dieser unter Kants
Einfluß eine schroffe Scheidewand zwischen dem Reiche der Naturnotwendigkeit
und dem der Freiheit aufrichtete.
Er spricht sich darüber aus in dem Aufsatz “Erste Bekanntschaft mit
Schiller”: “Die Kantsche Philosophie, welche das Subjekt so hoch erhebt, indem
sie es einzuengen scheint, hatte er mit Freuden in sich aufgenommen; sie
entwickelte das Außerordentliche, was die Natur in sein Wesen gelegt, und er,
im höchsten Gefühl der Freiheit und Selbstbestimmung, war undankbar gegen die
große Mutter, die ihn gewiß nicht stiefmütterlich behandelte.
Anstatt sie als selbständig, lebendig, vom Tiefsten bis zum Höchsten
gesetzlich hervorbringend zu betrachten, nahm er sie von der Seite einiger
empirischen menschlichen Natürlichkeiten.” Und in dem Aufsatz “Einwirkung der
neueren Philosophie” deutet er den Gegensatz zu Schiller mit den Worten an: “Er
predigte das Evangelium der Freiheit, ich wollte die Rechte der Natur nicht
verkürzt wissen.” In Schiller steckte eben etwas von Kantscher Vorstellungsart;
für Goethe ist es aber richtig, was er im Hinblick auf Gespräche sagt, die er
mit Kantianern geführt hat: “Sie hörten mich wohl, konnten mir aber nichts
erwidern, noch irgend förderlich sein.
Mehr als einmal begegnete es mir, daß einer oder der andere mit lächelnder
Verwunderung zugestand: es sei freilich ein Analogon Kantscher Vorstellungsart,
aber ein seltsames.” In der Kunst und dem Schönen sah Goethe nicht ein aus dem
wirklichen Zusammenhange herausgerissenes Reich, sondern eine höhere Stufe der
natürlichen Gesetzmäßigkeit.
Beim Anblicke von künstlerischen Schöpfungen, die ihn besonders
interessieren, schreibt er während seiner italienischen Reise die Worte nieder:
“Die hohen Kunstwerke sind zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen
nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden.
Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen; da ist Notwendigkeit, da
ist Gott.” Wenn der Künstler im Sinne der Griechen verfährt, nämlich “nach den
Gesetzen, nach welchen die Natur selbst verfährt”, dann liegt in seinen Werken
das Göttliche, das in der Natur selbst zu finden ist.
Für Goethe ist die Kunst “eine Manifestation geheimer Naturgesetze”; was
der Künstler schafft, sind Naturwerke auf einer höheren Stufe der
Vollkommenheit.
Kunst ist Fortsetzung und menschlicher Abschluß der Natur, denn “indem der
Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er sich wieder als eine
ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat.
Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und
Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung aufruft und sich
endlich bis zur Produktion des Kunstwerks erhebt”.
Alles ist Natur, vom unorganischen Stein bis zu den höchsten Kunstwerken
des Menschen, und alles in dieser Natur ist von den gleichen “ewigen,
notwendigen, dergestalt göttlichen Gesetzen” beherrscht, daß “die Gottheit
selbst daran nichts ändern könnte”.
(Dichtung und Wahrheit, 16.
Buch.) Als Goethe im Jahre 1811 Jacobis Buch “Von den göttlichen Dingen”
las, machte es ihn “nicht wohl”.
“Wie konnte mir das Buch eines so herzlich geliebten Freundes willkommen
sein, worin ich die These durchgeführt sehen sollte: die Natur verberge Gott!
Mußte bei meiner reinen, tiefen, angeborenen und geübten Anschauungsweise, die
mich Gott in der Natur, die Natur in Gott zu sehen unverbrüchlich gelehrt
hatte, so daß diese Vorstellungsart den Grund meiner ganzen Existenz machte,
mußte nicht ein so seltsamer, einseitig beschränkter Ausspruch mich dem Geiste
nach von dem edelsten Manne, dessen Herz ich verehrend liebte, für ewig
entfernen? Doch ich hing meinem schmerzlichen Verdrusse nicht nach, ich rettete
mich vielmehr zu meinem alten Asyl und fand in Spinozas Ethik auf mehrere
Wochen meine tägliche Unterhaltung, und da sich indes meine Bildung gesteigert
hatte, ward ich im schon Bekannten gar manches, das sich neu und anders
hervortat, auch ganz eigen frisch auf mich einwirkte, zu meiner Verwunderung
gewahr.” Das Reich der Notwendigkeit im Sinne Spinozas ist für Kant ein Reich
innerer menschlicher Gesetzmäßigkeit; für Goethe ist es das Universum selbst,
und der Mensch mit all seinem Denken, Fühlen, Wollen und Tun ist ein Glied
innerhalb dieser Kette von Notwendigkeiten.
Innerhalb dieses Reiches gibt es nur eine Gesetzmäßigkeit, von welcher die
natürliche und die moralische Gesetzmäßigkeit die zwei Seiten ihres Wesens
sind.
“Es leuchtet die Sonne über Böse und Gute; und dem Verbrecher glänzen, wie
dem Besten, der Mond und die Sterne.” Aus einer Wurzel, aus den ewigen
Triebkräften der Natur läßt Goethe alles entspringen: die unorganischen, die
organischen Wesenheiten, den Menschen mit allen Ergebnissen seines Geistes:
seiner Erkenntnis, seiner Sittlichkeit, seiner Kunst.
Was war ein Gott, der nur von außen stieße, Im Kreis das All am Finger
laufen ließe! Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen, Natur in sich, sich
in Natur zu hegen, So daß, was in ihm lebt und webt und ist, Nie seine Kraft,
nie seinen Geist vermißt.
In solche Worte faßt Goethe sein
Bekenntnis zusammen.
Gegen Haller, der das Wort gesprochen hat: “Ins Innere der Natur dringt
kein erschaffener Geist”, wendet sich Goethe mit den schärfsten Worten: “Ins
Innere der Natur -” O, du Philister! — “Dringt kein erschafPner Geist.” Mich
und Geschwister Mögt ihr an solches Wort Nur nicht erinnern; Wir denken: Ort
für Ort Sind wir im Innern.
“Glückselig, wem sie nur Die äuß're Schale weist”, Das hör ich sechzig
Jahre wiederholen, Und fluche drauf, aber verstohlen; Sage mir tausend
tausendmale: Alles gibt sie reichlich und gern; Natur hat weder Kern Noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male; Dich prüfe du nur allermeist, Ob du Kern oder
Schale seist.
Im Sinne dieser seiner Weltanschauung konnte Goethe auch den Unterschied
zwischen anorganischer und organischer Natur nicht anerkennen, den Kant in
seiner “Kritik der Urteilskraft” festgestellt hatte.
Sein Streben ging dahin, die belebten Organismen in dem Sinne nach Gesetzen
zu erklären, wie auch die leblose Natur erklärt wird.
Der tonangebende Botaniker der damaligen Zeit, Linne, sagt über die
mannigfaltigen Arten in der Pflanzenwelt, es gebe solcher Arten so viele, als
“verschiedene Formen im Prinzip geschaffen worden sind”.
Wer eine solche Meinung hat, der kann sich nur bemühen, die Eigenschaften
der einzelnen Formen zu studieren und diese sorgfältig voneinander zu
unterscheiden.
Goethe konnte sich mit einer solchen Naturbetrachtung nicht einverstanden
erklären.
“Das, was er (Linne) mit Gewalt auseinanderzuhalten suchte, mußte, nach dem
innersten Bedürfnis meines Wesens, zur Vereinigung anstreben.” Er suchte
dasjenige auf, was allen Pflanzenarten gemeinsam ist.
Auf seiner Reise in Italien wird ihm dieses gemeinsame Urbild in allen
Pflanzenformen immer klarer: “Die vielen Pflanzen, die ich sonst nur in Kübeln
und Töpfen, ja die größte Zeit des Jahres nur hinter Glasfenstern zu sehen
gewohnt war, stehen hier froh und frisch unter freiem Himmel, und indem sie
ihre Bestimmung vollkommen erfüllen, werden sie uns deutlicher.
Im Angesicht so vielerlei neuen und erneuten Gebildes fiel mir die alte
Grille wieder ein, ob ich nicht unter dieser Schar die Urpflanze entdecken
könnte.
Eine solche muß es denn doch geben: woran würde ich sonst erkennen, daß
dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze sei, wenn sie nicht alle nach einem
Muster gebildet wären?” Ein anderes Mal drückt er sich über diese Urpflanze
aus: Sie “wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt, um welches mich die
Natur selbst beneiden soll.
Mit diesem Modell und dem Schlüssel dazu kann man alsdann noch Pflanzen ins
Unendliche erfinden, die konsequent sein müssen, das heißt, die, wenn sie auch
nicht existieren, doch existieren könnten, und nicht etwa malerische oder
dichterische Schatten und Scheine sind, sondern eine innerliche Wahrheit und
Notwendigkeit haben.” Wie Kant in seiner “Naturgeschichte und Theorie des
Himmels” ausruft: “Gebt mir Materie; ich will euch eine Welt daraus bauen”,
weil er den gesetzmäßigen Zusammenhang dieser Weit einsieht, so sagt hier
Goethe: mit Hilfe der Urpflanze könne man existenzfähige Pflanzen ins
Unendliche erfinden, weil man das Gesetz der Entstehung und des Werdens
derselben innehat.
Was Kant nur von der unorganischen Natur gelten lassen wollte, daß man ihre
Erscheinungen nach notwendigen Gesetzen begreifen kann, das dehnte Goethe auch
auf die Welt der Organismen aus.
Er fügt in dem Briefe, in dem er Herder seine Entdeckung der Urpflanze
mitteilt, hinzu: “Dasselbe Gesetz wird sich auf alles übrige Lebendige anwenden
lassen.” Und Goethe hat es auch angewendet.
Seine emsigen Studien über die Tierwelt brachten ihn 1795 dazu, “ungescheut
behaupten zu dürfen, daß alle vollkommenen organischen Naturen, worunter wir
Fische, Amphibien, Vogel, Säugetiere und an der Spitze der letzteren den
Menschen sehen, alle nach einem Urbilde geformt seient das nur in seinen sehr
beständigen Teilen mehr oder weniger hin und her weicht und sich noch täglich
durch Fortpflanzung aus- und umbildet”.
Goethe steht also auch in der Naturauffassung im vollsten Gegensatz zu
Kant.
Dieser nannte es ein gewagtes “Abenteuer der Vernunft”, wenn diese es unternehmen
wollte, das Lebendige seiner Entstehung nach zu erklären.
Er hält das menschliche Erkenntnisvermögen zu einer solchen Erklärung für
ungeeignet.
“Es liegt der Vernunft unendlich viel daran, den Mechanismus der Natur in
ihren Erzeugungen nicht fallen zu lassen und in der Erklärung derselben nicht
vorbeizugehen; weil ohne diesen keine Einsicht in die Natur der Dinge erlangt
werden kann.
Wenn man uns gleich einräumt: daß ein höchster Architekt die Formen der
Natur, so wie sie von jeher da sind, unmittelbar geschaffen, oder die, so sich
in ihrem Laufe kontinuierlich nach eben demselben Muster bilden,
prädeterminiert habe, so ist doch dadurch unsere Erkenntnis der Natur nicht im
mindesten gefördert; weil wir jenes Wesens Handlungsart und die Ideen desselben,
welche die Prinzipien der Möglichkeit der Naturwesen enthalten sollen, gar
nicht kennen, und von demelben als von oben herab die Natur nicht erklären
können.” Auf solche Kantsche Ausführungen erwidert Goethe: “Wenn wir ja im
Sittlichen, durch Glauben an Gott, Tugend und Unsterblichkeit uns in eine obere
Region erheben und an das erste Wesen annähern sollen, so dürfte es wohl im
Intellektuellen derselbe Fall sein, daß wir uns durch das Anschauen einer immer
schaffenden Natur zur geistigen Teilnahme an ihren Produktionen würdig machten.
Hatte ich doch erst unbewußt und aus innerem Trieb auf jenes Urbildliche,
Typische rastlos gedrungen, war es mir sogar geglückt, eine naturgemäße
Darstellung aufzubauen, so konnte mich nunmehr nichts weiter verhindern, das
Abenteuer der Vernunft, wie es der Alte vom Königsberge selbst nennt, mutig zu
bestehen.” Goethe hatte in der “Urpflanze” eine Idee erfaßt, “mit der man .
.
.
Pflanzen ins Unendliche erfinden” kann, die “konsequent sein müssen, das
heißt, die, wenn sie auch nicht existieren, doch existieren könnten, und nicht
etwa malerische oder dichterische Schatten und Scheine sind, sondern eine
innerliche Wahrheit und Notwendigkeit haben”.
Damit ist er auf dem Wege, in dem selbstbewußten Ich nicht nur die
wahrnehmbare, die gedachte, sondern die lebendige Idee zu finden.
Das selbstbewußte Ich erlebt in sich ein Reich, das sich selbst sowohl als
auch der Außenwelt angehörig erweist, weil seine Gebilde sich als Abbilder der
schöpferischen Mächte bezeugen.
Damit ist für das selbstbewußte Ich dasjenige gefunden, was es als wirkliches
Wesen erscheinen läßt.
Goethe hat eine Vorstellung entwickelt, durch welche das selbstbewußte Ich
sich belebt erfühlen kann, weil es sich mit den schaffenden Naturwesenheiten
eins fühlt.
Die neueren Weltanschauungen suchten das Rätsel des selbstbewußten Ich zu
bewältigen; Goethe versetzt in dieses Ich die lebendige Idee; und mit dieser in
ihm waltenden Lebenskraft erweist sich dieses Ich selbst als lebensvolle
Wirklichkeit.
Die griechische Idee ist mit dem Bilde verwandt; sie wird betrachtet wie
das Bild.
Die Idee der neueren Zeit muß mit dem Leben, dem Lebewesen selbst verwandt
sein; sie wird erlebt.
Und Goethe wußte davon, daß es ein solches Erleben der Idee gibt.
Er vernahm im selbstbewußten Ich den Hauch der lebendigen Idee.
Von der “Kritik der Urteilskraft” Kants sagt Goethe, daß er ihr “eine
höchst frohe Lebensepoche schuldig” sei.
“Die großen Hauptgedanken des Werks waren meinem bisherigen Schaffen, Tun
und Denken ganz analog.
Das innere Leben der Kunst so wie der Natur, ihr beiderseitiges Wirken von
innen heraus, war in dem Buche deutlich ausgesprochen.” Auch dieser Ausspruch
Goethes kann über seinen Gegensatz zu Kant nicht hinwegtäuschen.
Denn in dem Aufsatz, dem er entnommen ist, heißt es zugleich:
“Leidenschaftlich angeregt, ging ich auf meinen Wegen nur desto rascher fort,
weil ich selbst nicht wußte, wohin sie führten, und für das, was und wie ich
mir's zugeeignet hatte, bei den Kantianern wenig Anklang fand.
Denn ich sprach nur aus, was in mir aufgeregt war, nicht aber, was ich
gelesen hatte.” Eine streng einheitliche Weltanschauung ist Goethe eigen; er
will einen Gesichtspunkt gewinnen, von dem aus das ganze Universum seine
Gesetzmäßigkeit offenbart, “vom Ziegelstein, der dem Dach entstürzt, bis zum
leuchtenden Geistesblitz, der dir aufgeht und den du mitteilst”.
Denn “alle Wirkungen, von welcher Art sie seien, die wir in der Erfahrung
bemerken, hängen auf die stetigste Weise zusammen, gehen ineinander über”.
“Ein Ziegelstein löst sich vom Dache los: wir nennen dies im gemeinen Sinne
zufällig; er trifft die Schultern eines Vorübergehenden, doch wohl mechanisch;
allein nicht ganz mechanisch, er folgt den Gesetzen der Schwere, und so wirkt
er physisch.
Die zerrissenen Lebensgefäße geben sogleich ihre Funktion auf; im
Augenblick wirken die Säfte chemisch; die elementaren Eigenschaften treten
hervor.
Allein das gestörte organische Leben widersetzt sich ebenso schnell und
sucht sich herzusteilen; indessen ist das menschliche Ganze mehr oder weniger
bewußtlos und psychisch zerrüttet.
Die sich wiedererkennende Person fühlt sich ethisch im tiefsten verletzt;
sie beklagt ihre gestörte Tätigkeit, von welcher Art sie auch sei, aber ungern
ergäbe der Mensch sich in Geduld.
Religiös hingegen wird ihm leicht, diesen Fall einer höheren Schickung
zuzuschreiben, ihn als Bewahrung vor größerem Übel, als Einleitung zu höherem
Guten anzusehen.
Dies reicht hin für den Leidenden; aber der Genesende erhebt sich genial,
vertraut Gott und sich selbst und fühlt sich gerettet, ergreift auch wohl das
Zufällige, wendet's zu seinem Vorteil, um einen ewig frischen Lebenskreis zu
beginnen.” So erläutert Goethe an dem Beispiel eines fallenden Ziegelsteins den
Zusammenhang aller Arten von Natur Wirkungen.
Eine Erklärung in seinem Sinne wäre es, wenn man auch ihren streng
gesetzmäßigen Zusammenhang aus einer Wurzel herleiten könnte.
Wie zwei geistige Antipoden stehen
Kant und Goethe an der bedeutsamsten Stelle der neueren
Weltanschauungsentwickelung.
Und grundverschieden war die Art, wie sich diejenigen zu ihnen stellten,
die sich für höchste Fragen interessierten.
Kant hat seine Weltanschauung mit allen Mitteln einer strengen
Schulphilosophie aufgebaut; Goethe hat naiv, sich seiner gesunden Natur
überlassend, philosophiert.
Deshalb glaubte Fichte, wie oben erwähnt, sich an Goethe nur “als den
Repräsentanten der reinsten Geistigkeit des Gefühls auf der gegenwärtig
errungenen Stufe der Humanität” wenden zu können, während er von Kant der
Ansicht ist, daß “kein menschlicher Verstand weiter als bis zu der Grenze
vordringen könne, an der Kant, besonders in seiner Kritik der Urteilskraft,
gestanden”.
Wer in die in naivem Gewände gegebene Weltanschauung Goethes eindringt,
wird in ihr allerdings eine sichere Grundlage finden, die auf klare Ideen
gebracht werden kann.
Goethe selbst brachte sich diese Grundlage aber nicht zum Bewußtsein.
Deshalb findet seine Vorstellungsart nur allmählich Eingang in die
Entwickelung der Weltanschauung; und im Eingang des Jahrhunderts ist es
zunächst Kant, mit dem sich die Geister auseinanderzusetzen versuchten.
So groß aber auch die Wirkung war, die von Kant ausging: es konnte den
Zeitgenossen nicht verborgen bleiben, daß ein tieferes Erkenntnisbedürfnis
durch ihn doch nicht befriedigt werden kann.
Ein solches Erkenntnisbedürfnis dringt auf eine einheitliche Weltansicht,
wie das bei Goethe der Fall war.
Bei Kant stehen die einzelnen Gebiete des Daseins unvermittelt
nebeneinander.
Aus diesem Grunde konnte es sich Fichte, trotz seiner unbedingten Verehrung
Kants, nicht verbergen, daß “Kant die Wahrheit bloß angedeutet, aber weder
dargestellt noch bewiesen” habe.
“Dieser wunderbare einzige Mann bat entweder ein Divinationsvermögen der
Wahrheit, ohne sich ihrer Gründe selbst bewußt zu sein, oder er hat sein
Zeitalter nicht hoch genug geschätzt, um sie ihm mitzuteilen, oder er hat sich
gescheut, bei seinem Leben die übermenschliche Verehrung an sich zu reißen, die
ihm über kurz oder lang...
noch zuteil werden müßte.
Noch hat keiner ihn verstanden, ...
keiner wird es, der nicht auf seinem eigenen Wege zu Kants Resultaten
kommen wird, und dann wird die Welt erst staunen.” “Aber ich glaube ebenso
sicher zu wissen, daß Kant sich ein solches System gedacht habe; daß alles, was
er wirklich vorträgt, Bruchstücke und Resultate dieses Systems sind, und daß
seine Behauptungen nur unter dieser Voraussetzung Sinn und Zusammenhang haben.”
Denn wäre das nicht der Fall, so wolle Fichte “die Kritik der reinen Vernunft
eher für das Werk des sonderbarsten Zufalls halten, als für das eines Kopfes”.
Auch andere haben das Unbefriedigende der Kantschen Gedankenkreise
eingesehen.
Lichtenberg, einer der geistvollsten und zugleich unabhängigsten Köpfe aus
der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, der Kant schätzte, konnte sich
doch nicht versagen, gewichtige Einwände gegen dessen Weltanschauung zu machen.
Er sagt einerseits: “Was heißt mit Kantischem Geist denken? Ich glaube, es
heißt die Verhältnisse unseres Wesens, es sei nun was es wolle, gegen die
Dinge, die wir außer uns nennen, ausfindig machen; das heißt die Verhältnisse
des Subjektiven gegen das Objektive bestimmen.
Dieses ist freilich immer der Zweck aller gründlichen Naturforscher
gewesen, allein die Frage ist, ob sie es je so wahrhaft philosophisch
angefangen haben, als Herr Kant.
Man hat das, was doch schon subjektiv ist und sein muß, für objektiv
gehalten.” Anderseits bemerkt Lichtenberg aber: “Sollte es denn so ganz
ausgemacht sein, daß unsere Vernunft von dem Übersinnlichen gar nichts wissen
könne? Sollte nicht der Mensch seine Ideen von Gott ebenso zweckmäßig weben
können wie die Spinne ihr Netz zum Fliegenfang? Oder mit anderen Worten: Sollte
es nicht Wesen geben, die uns wegen unserer Ideen von Gott und Unsterblichkeit
ebenso bewundern, wie wir die Spinne und den Seidenwurm?” Aber man konnte einen
noch viel gewichtigeren Einwand machen.
Wenn es richtig ist, daß sich die Gesetze der menschlichen Vernunft nur auf
die innere Welt des Geistes beziehen, wie kommen wir dazu, überhaupt von Dingen
außer uns zu sprechen? — Wir müßten uns dann doch völlig in unsere Innenwelt
einspinnen.
Einen solchen Einwand machte Gottlob Ernst Schulze in seiner 1792 anonym
erschienenen Schrift “Aenesidemus”.
Er behauptet darin, daß alle unsere Erkenntnisse bloße Vorstellungen seien,
und daß wir über unsere Vorstellungswelt in keiner Weise hinausgehen können.
Damit waren im Grunde auch Kants moralische Wahrheiten widerlegt.
Denn läßt sich nicht einmal die Möglichkeit denken, über die Innenwelt
hinauszugehen, so kann uns in eine unmöglich zu denkende Welt auch keine
moralische Stimme leiten.
So entwickelte sich aus Kants Ansicht zunächst ein neuer Zweifel an aller
Wahrheit, der Kritizismus wurde zum Skeptizismus.
Einer der konsequentesten Anhänger des Skeptizismus ist Salomon Maimon, der
seit 1790 verschiedene Schriften verfaßte, die unter dem Einfluß Kants und
Schulzes standen, und in denen er mit aller Entschiedenheit dafür eintrat, daß
von dem Dasein äußerer Gegenstände, wegen der ganzen Einrichtung unseres
Erkenntnisvermögens, gar nicht gesprochen werden dürfe.
Ein anderer Schüler Kants, Jacob Sigismund Beck, ging sogar so weit, zu
behaupten, Kant habe in Wahrheit selbst keine Dinge außer uns angenommen, und
es beruhe nur auf einem Mißverständnis, wenn man ihm eine solche Vorstellung
zuschreibe.
Eines ist gewiß: Kant bot seinen Zeitgenossen unzählige Angriffspunkte zu
Auslegungen und zum Widerspruche dar.
Gerade durch seine Unklarheiten und Widersprüche wurde er der Vater der
klassischen deutschen Weltanschauungen Fichtes, Schellings, Schopenhauers,
Hegels, Herbarts und Schleiermachers.
Seine Unklarheiten wurden für sie zu neuen Fragen.
So sehr er sich bemüht hatte, das Wissen einzuschränken, um für den Glauben
Platz zu erhalten: der menschliche Geist kann sich im wahrsten Sinne des Wortes
doch nur durch das Wissen, durch die Erkenntnis befriedigt erklären.
So kam es denn, daß Kants Nachfolger die Erkenntnis wieder in ihre vollen
Rechte einsetzen wollten; daß sie mit ihr die höchsten geistigen Bedürfnisse
des Menschen erledigen wollten.
Zum Fortsetzer Kants in dieser Richtung war Johann Gottlieb Fichte wie
geschaffen, er, der da sagte: “Die Liebe der Wissenschaft und ganz besonders
der Spekulation, wenn sie den Menschen einmal ergriffen hat, nimmt ihn so ein,
daß er keinen anderen Wunsch übrig behält als den, sich in Ruhe mit ihr zu
beschäftigen.” Einen Enthusiasten der Weltanschauung darf man Fichte nennen.
Er muß durch diesen seinen Enthusiasmus bezaubernd auf seine Zeitgenossen
und seine Schüler gewirkt haben.
Hören wir, was einer der letzteren, Forberg, über ihn sagt: “Sein
öffentlicher Vortrag rauscht daher wie ein Gewitter, das sich seines Feuers in
einzelnen Schlägen entladet; ...
er erhebt die Seele.” Er will nicht bloß gute, sondern große Menschen
machen.
Sein “Auge ist strafend und sein Gang trotzig, ...
er will durch seine Philosophie den Geist des Zeitalters leiten.
...
Seine Phantasie ist nicht blühend, aber energisch und mächtig; seine Bilder
sind nicht reizend, aber ...
kühn und groß.
Er dringt in die innersten Tiefen seines Gegenstandes und schaltet im
Reiche der Begriffe mit einer Unbefangenheit.., welche verrät, daß er in diesem
unsichtbaren Lande nicht bloß wohnt, sondern herrscht.” Das hervorstechendste
Merkmal in Fichtes Persönlichkeit ist der große, ernste Stil in seiner
Lebensauffassung.
Die höchsten Maßstäbe legt er an alles.
Er schildert z.
B.
den Beruf des Schriftstellers: “Die Idee muß selber reden, nicht der
Schriftsteller.
Alle Willkür des letzteren, seine ganze Individualität, seine ihm eigene
Art und Kunst muß erstorben sein in seinem Vortrage, damit allein die Art und
Kunst seiner Idee lebe, das höchste Leben, welches sie in dieser Sprache und in
diesem Zeitalter gewinnen kann.
So wie er frei ist von der Verpflichtung des mündlichen Lehrers, sich der
Empfänglichkeit anderer zu fügen, so hat er auch nicht dessen Entschuldigung
für sich.
Er hat keinen gesetzten Leser im Auge, sondern er konstruiert seinen Leser
und gibt ihm das Gesetz, wie es sein müsse.” “Das Werk des Schriftstellers aber
ist in sich selber ein Werk für die Ewigkeit.
Mögen künftige Zeitalter einen höheren Schwung nehmen in der Wissenschaft,
die er in seinem Werke niedergelegt hat; er hat nicht nur die Wissenschaft, er
hat den ganz bestimmten und vollendeten Charakter eines Zeitalters in Beziehung
auf diese Wissenschaft in seinem Werke niedergelegt, und dieser behält sein
Interesse, solange es Menschen auf der Welt geben wird.
Unabhängig von der Wandelbarkeit, spricht sein Buchstabe in allen
Zeitaltern an alle Menschen, welche diesen Buchstaben zu beleben vermögen, und
begeistert, erhebt, und veredelt bis an das Ende der Tage.” So spricht ein
Mann, der sich seines Berufes als geistiger Lenker seines Zeitalters bewußt
ist, dem es voller Ernst war, wenn er — in den Vorlesungen über die Bestimmung
des Gelehrten-sagte: An meiner Person liegt nichts, alles aber an der Wahrheit,
denn “ich bin ein Priester der Wahrheit”.
Von einem Manne, der so im Reiche der “Wahrheit” lebte, verstehen wir es,
daß er andere nicht bloß zum Verstehen anleiten, sondern zwingen wollte.
Er durfte einer seiner Schriften den Titel geben “Sonnenklarer Bericht an
das größere Publikum über das eigentliche Wesen der neuesten Philosophie.
Ein Versuch, die Leser zum Verstehen zu zwingen.” Eine Persönlichkeit,
welche der Wirklichkeit und deren Tatsachen nicht zu bedürfen glaubt, um den
Lebensweg zu gehen, sondern die das Auge unverwandt auf die Ideenwelt richtet,
ist Fichte.
Gering denkt er von denjenigen, die eine solche ideale Richtung des Geistes
nicht verstehen.
“Indes man in demjenigen Umkreise, den die gewöhnliche Erfahrung um uns
gezogen, allgemeiner selbst denkt und richtiger urteilt, als vielleicht je,
sind die mehrsten völlig irre und geblendet, sobald sie auch nur eine Spanne
über denselben hinausgehen sollen.
Wenn es unmöglich ist, in diesen den einmal ausgelöschten Funken des
höheren Genius wieder anzufachen, muß man sie ruhig in jenem Kreise bleiben,
und insofern sie in demselben nützlich und unentbehrlich sind, ihnen ihren Wert
in und für denselben ungeschmälert lassen.
Aber wenn sie darum nun selbst verlangen, alles zu sich herabzuziehen, wozu
sie sich nicht erheben können, wenn sie zum Beispiel fordern, daß alles
Gedruckte sich als ein Kochbuch, oder als ein Rechenbuch, oder als ein
Dienstreglement solle gebrauchen lassen, und alles verschreien, was sich nicht
so brauchen laßt, so haben sie selbst um ein Großes unrecht.
— Daß Ideale in der wirklichen Welt sich nicht darstellen lassen, wissen
wir anderen vielleicht so gut als sie, vielleicht besser.
Wir behaupten nur, daß nach ihnen die Wirklichkeit beurteilt, und von
denen, die dazu Kraft in sich fühlen, modifiziert werden müsse.
Gesetzt, sie könnten auch davon sich nicht überzeugen, so verlieren sie
dabei, nachdem sie einmal sind, was sie sind, sehr wenig; und die Menschheit
verliert nichts dabei.
Es wird dadurch bloß das klar, daß nur auf sie nicht im Plane der Veredlung
der Menschheit gerechnet ist.
Diese wird ihren Weg ohne Zweifel fortsetzen; über jene wolle die gütige
Natur walten und ihnen zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein, zuträgliche
Nahrung und ungestörten Umlauf der Säfte, und dabei — kluge Gedanken
verleihen!” Diese Worte setzte er dem Druck der Vorlesungen voraus, in denen er
den Jenenser Studenten die “Bestimmung des Gelehrten” auseinandersetzte.
Aus einer großen seelischen Energie heraus, die Sicherheit für die
Erkenntnis der Welt und für das Leben gibt, sind Anschauungen wie die Fichtes
erwachsen.
Rücksichtslose Worte hatte dieser für alle, die in sich nicht die Kraft zu
solcher Sicherheit verspürten.
Als der Philosoph Reinhold äußerte, daß die innere Stimme des Menschen doch
auch irren könne, erwiderte ihm Fichte: “Sie sagen .., der Philosoph...
solle denken, daß er als Individuum irren könne, daß er als solches von
anderen lernen könne und müsse.
Wissen Sie, welche Stimmung Sie da beschreiben? Die eines Menschen, der in
seinem Leben noch nie von etwas überzeugt gewesen.” Dieser kraftvollen
Persönlichkeit, deren Blick ganz nach innen gerichtet war, widerstrebte es, das
Höchste, was der Mensch erreichen kann, eine Weltanschauung, anderswo als auch
im Innern zu suchen.
“.Alle Kultur soll sein Übung aller Kräfte auf den einen Zweck der völligen
Freiheit, das heißt der völligen Unabhängigkeit von allem, was nicht wir
selbst, unser reines Selbst (Vernunft, Sittengesetz) ist, denn nur dies ist
unser.
...” So urteilt Fichte in den 1793 erschienenen “Beiträgen zur Berichtigung
der Urteile des Publikums über die französische Revolution”.
Und die wertvollste Kraft im Menschen, die Erkenntniskraft, sollte nicht
auf diesen einen Zweck des völligen Unabhängigseins von allem, was nicht wir
selbst sind, gerichtet sein? Könnten wir denn überhaupt je zu einem völligen
Unabhängigsein kommen, wenn wir in der Weltanschauung von irgendwelchem Wesen
abhängig wären? Wenn es durch ein solches außer uns gelegenes Wesen ausgemacht
wäre, was die Natur, was unsere Seele, welches unsere Pflichten sind, und wir
dann hinterher von einer solchen fertigen Tatsache aus uns ein Wissen
verschafften? Sind wir unabhängig, dann müssen wir es auch in bezug auf die
Erkenntnis der Wahrheit sein.
Wenn wir etwas empfangen, das ohne unser Zutun entstanden ist, dann sind
wir von diesem abhängig.
Die höchste Wahrheit können wir also nicht empfangen.
Wir müssen sie schaffen; sie muß durch uns entstehen.
Fichte kann somit an die Spitze der Weltanschauung nur etwas stellen, was
durch uns erst sein Dasein erlangt.
Wenn wir von irgendeinem Dinge der Außenwelt sagen: Es ist, — so tun wir
dies deshalb, weil wir es wahrnehmen.
Wir wissen, daß wir einem anderen Wesen das Dasein zuerkennen.
Was dieses andere Ding ist, das hängt nicht von uns ab.
Seine Beschaffenheit können wir nur erkennen, wenn wir unser
Wahrnehmungsvermögen darauf richten.
Wir würden niemals wissen, was “rot”, “warm”, “kalt” ist, wenn wir es nicht
durch die Wahrnehmung wüßten.
Wir können zu diesen Beschaffenheiten der Dinge nichts hinzutun, nichts von
ihnen wegnehmen.
Wir sagen “Sie sind”.
Was sie sind: das sagen sie uns.
Ganz anders ist es mit unserem eigenen Dasein.
Zu sich seihst sagt der Mensch nicht: “Es ist”, sondern: “Ich bin”.
Damit hat er aber nicht bloß gesagt: daß er ist, sondern auch: was er ist,
nämlich ein “Ich”.
Nur ein anderes Wesen könnte von mir sagen: “Es ist”.
Ja, es müßte so sagen.
Denn selbst, wenn dieses andere Wesen mich geschaflen hätte, könnte es von
meinem Dasein nicht sagen: Ich bin.
Der Ausspruch: “Ich bin” verliert allen Sinn, wenn ihn das Wesen, das von
seinem Dasein spricht, nicht selbst tut.
Es gibt somit nichts in der Welt, was mich mit “ich” ansprechen kann als
allein mich selbst.
Diese Anerkennung meiner als eines “Ich” muß demnach meine ureigenste Tat
sein.
Kein Wesen außer mir kann darauf Einfluß haben.
Hier fand Fichte etwas, wo er sich ganz unabhängig sah von jeglicher
fremden Wesenheit.
Ein Gott könnte mich schaffen; aber er müßte es mir überlassen, mich als
ein “Ich” anzuerkennen.
Mein Ichbewußtsein gebe ich mir selbst.
In ihm habe ich also nicht ein Wissen, ein Erkennen, das ich empfangen
habe, sondern ein solches, das ich selbst gemacht habe.
So hat sich Fichte einen festen Punkt für die Weltanschauung geschaffen,
etwas, wo Gewißheit ist.
Wie steht es nun aber mit dem Dasein anderer Wesen? Ich lege ihnen ein
Dasein bei.
Aber ich habe dazu nicht ein gleiches Recht, wie bei mir selbst.
Sie müssen zu Teilen meines “Ich” werden, wenn ich ihnen mit gleichem
Rechte ein Dasein beilegen soll.
Und das werden sie, indem ich sie wahrnehme.
Denn sobald das der Fall ist, sind sie für mich da.
Ich kann nur sagen: Mein Selbst fühlt “rot”, mein Selbst empfindet “warm”.
Und so wahr ich mir selbst ein Dasein beilege, so wahr kann ich dies auch
meinem Fühlen und meinem Empfinden beilegen.
Wenn ich mich also selbst recht verstehe, so kann ich nur sagen: Ich bin
und ich lege selbst auch einer Außenwelt ein Dasein bei.
Auf diese Weise verlor für Fichte die Welt außer dem “Ich” ihr
selbständiges Dasein; sie hat nur ein ihr vom Ich beigelegtes, ein also zu ihr
hinzugedichtetes Dasein.
In seinem Streben, dem eigenen Selbst die höchstmögliche Unabhängigkeit zu
geben, hat Fichte der Außenwelt jede Selbständigkeit genommen.
Wo nun eine solche selbständige Außenwelt nicht vorhanden gedacht wird, da
ist es auch begreiflich, daß das Interesse an dem Wissen, an der Erkenntnis dieser
Außenwelt aufhört.
Damit ist das Interesse an dem eigentlichen Wissen überhaupt erloschen.
Denn das Ich erfährt durch ein solches Wissen im Grunde nichts, als was es
selbst hervorbringt.
In allem Wissen hält das menschliche Ich gleichsam nur Monologe mit sich
selbst.
Es geht nicht über sich selbst hinaus.
Wodurch es aber dies letztere doch vollbringt: das ist die lebendige Tat.
Wenn das Ich handelt, wenn es in der Welt etwas vollbringt: dann ist es
nicht mehr monologisierend mit sich allein.
Dann fließen seine Handlungen hinaus in die Welt.
Sie erlangen ein selbständiges Dasein.
Ich vollbringe etwas; und wenn ich es vollbracht habe, dann wirkt es fort,
auch wenn ich mich an seiner Wirkung nicht mehr beteilige.
Was ich weiß, hat ein Dasein nur durch mich; was ich tue, ist Bestandteil
einer von mir unabhängigen moralischen Weltordnung.
Was bedeutet aber alle Gewißheit, die wir aus dem eigenen Ich ziehen,
gegenüber dieser allerhöchsten Wahrheit einer moralischen Weltordnung, die doch
unabhängig von uns sein muß, wenn das Dasein einen Sinn haben soll? Alles
Wissen ist doch nur etwas für das eigene Ich; diese Weltordnung muß aber sein
außer dem Ich.
Sie muß sein, trotzdem wir von ihr nichts wissen können.
Wir müssen sie also glauben.
So kommt auch Fichte über das Wissen hinaus zu einem Glauben.
Wie der Traum gegenüber der Wirklichkeit, ist alles Wissen gegenüber dem
Glauben.
Auch das eigene Ich hat nur ein solches Traumdasein, wenn es sich selbst
bloß betrachtet.
Es macht sich ein Bild von sich, das nichts weiter zu sein braucht, als ein
vorüberschwebendes Bild; allein das Handeln bleibt.
Mit bedeutsamen Worten schildert Fichte dieses Traumdasein der Welt in
seiner “Bestimmung des Menschen”: “Es gibt überall kein Dauerndes, weder außer
mir, noch in mir, sondern nur einen unaufhörlichen Wechsel.
Ich weiß überall von keinem Sein, und auch nicht von meinem eigenen.
Es ist kein Sein.
— Ich selbst weiß überhaupt nicht, und bin nicht.
Bilder sind: sie sind das einzige, was da ist, und sie wissen von sich,
nach Weise der Bilder: — Bilder, die vorüberschweben; ohne daß etwas sei, dem sie
vorüberschweben, die durch Bilder von den Bildern zusammenhängen, Bilder, ohne
etwas in ihnen Abgebildetes, ohne Bedeutung und Zweck.
Ich selbst bin eins dieser Bilder; ja, ich bin selbst dies nicht, sondern
nur ein verworrenes Bild von Bildern.
— Alle Realität verwandelt sich in einen wunderbaren Traum, ohne ein Leben,
von welchem geträumt wird, und ohne einen Geist, dem da träumt; in einen Traum,
der in einem Traume von sich zusammenhängt.
Das Anschauen ist der Traum; das Denken — die Quelle alles Seins und aller
Realität, die ich mir einbilde, meines Seins, meiner Kraft, meiner Zwecke — ist
der Traum von jenem Traume.” Wie anders erscheint Fichte die moralische
Weltordnung, die Welt des Glaubens: “Mein Wille soll schlechthin durch sich
selbst, ohne alles seinen Ausdruck schwächende "Werkzeug, in einer ihm
völlig gleichartigen Sphäre, als Vernunft auf Vernunft, als Geistiges auf
Geistiges wirken; — in einer Sphäre, der er jedoch das Gesetz des Lebens, der
Tätigkeit, des Fortlaufens nicht gebe, sondern die es in sich selbst habe; also
auf selbsttätige Vernunft.
Aber selbsttätige Vernunft ist Wille.
Das Gesetz der übersinnlichen Welt wäre sonach ein Wille.
.
.
.
Jener erhabene Wille geht sonach nicht abgesondert von der übrigen
Vernunftwelt seinen Weg für sich.
Es ist zwischen ihm und allen endlichen vernünftigen Wesen ein geistiges
Band, und er selbst ist dieses geistige Band der Vernunftwelt.
.
.
.
Ich verhülle vor dir mein Angesicht und lege die Hand auf den Mund.
Wie du für dich selbst bist und dir selbst erscheinest, kann ich nie
einsehen, so gewiß ich nie du selbst werden kann.
Nach tausendmal tausend durchlebten Geisterwelten werde ich dich noch
ebensowenig begreifen als jetzt in dieser Hütte von Erde.
— Was ich begreife, wird durch mein bloßes Begreifen zum Endlichen; und
dieses läßt auch durch unendliche Steigerung und Erhöhung sich nie ins
Unendliche umwandeln.
Du bist vom Endlichen nicht dem Grade, sondern der Art nach
verschieschieden.
Sie machen dich durch jene Steigerung nur zu einem größeren Menschen und
immer zu einem größeren; nie aber zum Gotte, zum Unendlichen, der keines Maßes
fähig ist.” Weil das Wissen ein Traum, die moralische Weltordnung für Fichte
das einzige wahrhaft Wirkliche ist, deshalb stellt er auch das Leben, durch das
sich der Mensch in den sittlichen Weltzusammenhang hineinstellt, über das bloße
Erkennen, über das Betrachten der Dinge.
“Nichts” sagt er — “hat unbedingten Wert und Bedeutung als das Leben; alles
übrige, Denken, Dichten und Wissen, hat nur Wert, insofern es auf irgendeine
Weise sich auf das Lebendige bezieht, von ihm ausgeht und in dasselbe
zurückzulaufen beabsichtigt.” Der ethische Grundzug in Fichtes Persönlichkeit
ist es, der in seiner Weltanschauung alles ausgelöscht oder in seiner Bedeutung
herabgedrückt hat, was nicht auf die moralische Bestimmung des Menschen
hinausläuft.
Er wollte die größten, die reinsten Forderungen für das Leben aufstellen;
und dabei wollte er durch kein Erkennen, das vielleicht in diesen Zielen
Widersprüche mit der natürlichen Gesetzmäßigkeit der Welt entdecken könnte,
beirrt sein.
Goethe hat gesagt: “Der Handelnde ist immer gewissenlos; es hat niemand
Gewissen als der Betrachtende.” Damit meinte er, daß der Betrachtende alles
nach seinem wahren, wirklichen Werte abschätzt und jedes Ding an seinem Platze
begreift und gelten läßt.
Der Handelnde hat es vor allen Dingen darauf abgesehen, seine Forderungen
in Erfüllung gehen zu sehen; ob er dabei den Dingen unrecht tut oder nicht: das
ist ihm gleich.
Fichte war es vor allen Dingen ums Handeln zu tun; er wollte sich aber
dabei von der Betrachtung nicht Gewissenlosigkeit vorwerfen lassen.
Deshalb bestritt er den Wert der Betrachtung.
Ins unmittelbare Leben einzugreifen war Fichtes fortwährendes Bemühen.
Wo er glaubte, daß seine Worte bei anderen zur Tat werden könnten, da
fühlte er sich am zufriedensten.
Aus diesem Drang heraus hat er die Schriften verfaßt “Zurückforderung der
Denkfreiheit von den Fürsten Europas, die sie bisher unterdrückten.
Heliopolis, im letzten Jahre der alten Finsternis 1792”; “Beiträge zur
Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution 1793.”
Aus diesem Drange heraus hat er seine hinreißenden Reden gehalten “Die
Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters, dargestellt in Vorlesungen, gehalten zu
Berlin im Jahre 1804—1805”; “Die Anweisung zum seligen Leben oder auch die
Religionslehre, in Vorlesungen, gehalten zu Berlin im Jahre 1806” und endlich
seine “Reden an die deutsche Nation 1808”.
Bedingungslose Hingabe an die moralische Weltordnung, Handeln aus dem
tiefsten Kern der ethischen Naturanlage des Menschen heraus: das sind die
Forderungen, durch die das Leben Wert und Bedeutung erhält.
Diese Ansicht zieht sich als Grundmotiv durch alle diese Reden und
Schriften hindurch.
In den “Grundzügen des gegenwärtigen Zeitalters” warf er diesem Zeitalter
in flammenden Worten seine Selbstsucht vor.
Jeder gehe nur den Weg, den ihm seine niederen Triebe vorschreiben.
Aber diese Triebe führen ab von dem großen Ganzen, das die menschliche
Gemeinschaft als moralische Harmonie umschließt.
Ein solches Zeitalter müsse diejenigen, die in seinem Sinne leben, dem
Untergange entgegenführen.
Die Pflicht wollte Fichte in den menschlichen Gemütern beleben.
Fichte wollte in solcher Art mit seinen Ideen gestaltend in das Leben
seiner Zeit eingreifen, weil er diese Ideen kraftvoll durchlebt dachte von dem
Bewußtsein, daß dem Menschen der höchste Inhalt seines Seelenlebens aus einer
Welt zukommt, welche er erreicht, wenn er mit seinem “Ich” ganz allein sich
auseinandersetzt, und in dieser Auseinandersetzung sich in seiner wahren
Bestimmung erfühlt.
Aus solchem Bewußtsein heraus prägt Fichte Worte wie dieses: “Ich selbst
und mein notwendiger Zweck sind das Übersinnliche.” Sich im Übersinnlichen
erleben, ist für Fichte eine Erfahrung, welche der Mensch machen kann.
Macht er sie, so erlebt er in sich das “Ich”.
Und erst dadurch wird er zum Philosophen.
“Beweisen” kann man diese Erfahrung demjenigen nicht, der sie nicht machen
will.
Wie wenig Fichte einen solchen “Beweis” für möglich hält, bezeugen
Aussprüche wie dieser: “Zum Philosophen muß man geboren sein, dazu erzogen
werden, und sich selbst dazu erziehen; aber man kann durch keine menschliche
Kunst dazu gemacht werden.
Darum verspricht auch diese Wissenschaft sich unter den schon gemachten
Männern wenige Proselyten.
...” Es kommt Fichte darauf an, eine Seelenverfassung zu finden, durch
welche das menschliche Ich sich erleben kann.
Das Wissen von der Natur erscheint ihm untauglich, von dem Wesen des Ich
etwas zu offenbaren.
Vom fünfzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert traten Denker auf, denen
die Frage sich ergab: Was kann in dem Bilde der Natur gefunden werden, um
innerhalb dieses Bildes das menschliche Wesen erklärlich zu finden? Goethe
empfand die Frage nicht in dieser Art.
Er fühlte hinter der äußerlich offenbaren Natur eine geistige.
In der Menschenseele sind ihm Erlebnisse möglich, durch welche diese Seele
nicht in dem äußerlich Offenbaren allein, sondern innerhalb der schaffenden
Kräfte lebt.
Goethe suchte die Idee, welche die Griechen suchten, aber er suchte sie
nicht als wahrnehmbare Idee, sondern in einem Miterleben der Weltvorgänge, da,
wo diese nicht mehr wahrnehmbar sind.
Er suchte in der Seele das Leben der Natur.
— Fichte suchte in der Seele selbst; aber er suchte nicht da, wo in der
Seele die Natur lebt, er suchte ganz unmittelbar da, wo die Seele ihr eigenes
Leben entzündet fühlt, gleichgültig, an welche sonstigen Weltvorgänge und
Weltwesen sich dieses Leben anschließt.
Mit Fichte ist eine Weltanschauung heraufgezogen, die ganz darinnen
aufgeht, ein inneres Seelenleben zu finden, das sich zum Gedankenleben der
Griechen verhält wie dieses Gedankenleben zum Bildervorstellen der Vorzeit.
In Fichtes Weltanschauung wird der Gedanke zum Ich-Erlebnis, wie in den
griechischen Denkern das Bild zum Gedanken wurde.
Mit Fichte will die Weltanschauung das Selbstbewußtsein erleben; mit Plato
und Aristoteles wollte sie das Seelenbewußtsein denken.
Wie Kant das Wissen entthront hat, um für den Glauben Platz zu bekommen, so
hat Fichte das Erkennen für bloße Erscheinung erklärt, um für das lebendige
Handeln, für die moralische Tat freie Bahn vor sich zu haben.
Ein Ähnliches hat auch Schiller versucht.
Nur nahm bei ihm die Stelle, die bei Kant der Glaube, bei Fichte das
Handeln beanspruchte, die Schönheit ein.
Die Bedeutung Schillers für die Weltanschauungsentwickelung wird gewöhnlich
unterschätzt.
Wie Goethe sich darüber zu beklagen hatte, daß man ihn als Naturforscher nicht
gelten lassen wollte, weil man einmal gewohnt war, ihn als Dichter zu nehmen,
so müssen diejenigen, die sich in Schillers philosophische Ideen vertiefen,
bedauern, daß er von denen, die sich mit Weltanschauungsgeschichten befassen,
so wenig gewürdigt wird, weil ihm sein Feld im Reiche der Dichtung angewiesen
ist.
Als eine durchaus selbständige Denkerpersönlichkeit stellt sich Schiller
seinem Anreger Kant gegenüber.
Die Hoheit des moralischen Glaubens, zu der Kant den Menschen zu erheben
suchte, schätzte der Dichter, der in den “Räubern” und in “Kabale und Liebe”
seiner Zeit einen Spiegel ihrer Verderbtheit vorgehalten hat, wahrlich nicht
gering.
Aber er sagte sich: Sollte es durchaus notwendig sein, daß der Mensch nur
im Kampfe gegen seine Neigung, gegen seine Begierden und Triebe sich zu der
Höhe des kategorischen Imperativs emporheben kann? Kant wollte ja der
sinnlichen Natur des Menschen nur den Hang zum Niederen, zum Selbstsüchtigen,
zum Sinnlich-Angenehmen beilegen; und nur, wer sich emporschwingt über diese
sinnliche Natur, wer sie ertötet und die rein geistige Stimme der Pflicht in
sich sprechen läßt: der kann tugendhaft sein.
So hat Kant den natürlichen Menschen erniedrigt, um den moralischen um so
höher heben zu können.
Schiller schien darin etwas des Menschen Unwürdiges zu liegen.
Sollten denn die Triebe des Menschen nicht so veredelt werden können, daß
sie aus sich selbst heraus das Pflichtmäßige, das Sittliche tun? Dann brauchten
sie, um sittlich zu wirken, nicht unterdrückt zu werden.
Schiller stellte deshalb der strengen Kantschen Pflichtforderung seine
Ansicht in dem folgenden Epigramm gegenüber: Gewissensskrupel.
Gerne dien' ich den Freunden, doch tu5 ich es leider mit Neigung, Und so
wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.
Entscheidung.
Da ist kein anderer Rat, du mußt suchen, sie zu verachten, Und mit Abscheu
alsdann tun, wie die Pflicht dir gebeut.
Schiller suchte diese “Gewissensskrupel” auf seine Art zu lösen.
Zwei Triebe walten tatsächlich im Menschen: der sinnliche Trieb und der
Vernunftstrieb.
Überläßt sich der Mensch dem sinnlichen Trieb, so ist er ein Spielball
seiner Begierden und Leidenschaften, kurz seiner Selbstsucht.
Gibt er sich ganz dem Vernunftstrieb hin, so ist er ein Sklave seiner
strengen Gebote, seiner unerbittlichen Logik, seines kategorischen Imperativs.
Ein Mensch, der bloß dem sinnlichen Triebe leben will, muß die Vernunft in
sich zum Schweigen bringen; ein solcher, der nur der Vernunft dienen will, muß
die Sinnlichkeit ertöten.
Hört der erstere doch die Vernunft, so unterwirft er sich ihr nur
unfreiwillig; vernimmt der letztere die Stimme seiner Begierden, so empfindet
er sie als Last auf seinem Tugendwege.
Die physische und die geistige Natur des Menschen scheinen also in einem
verhängnisvollen Zwiespalt zu leben.
Gibt es nicht einen Zustand im Menschen, in dem beide Triebe, der sinnliche
und der geistige, in Harmonie stehen? Schiller beantwortet die Frage mit “Ja”.
Es ist der Zustand, in dem das Schöne geschaffen und genossen wird.
Wer ein Kunstwerk schafft, der folgt einem freien Naturtrieb.
Er tut es aus Neigung.
Aber es sind keine physischen Leidenschaften, die ihn antreiben; es ist die
Phantasie, der Geist.
Ebenso ist es mit demjenigen, der sich dem Genüsse eines Kunstwerkes
hingibt.
Es befriedigt seinen Geist zugleich, indem es auf seine Sinnlichkeit wirkt.
Seinen Begierden kann der Mensch nachgehen, ohne die höheren Gesetze des
Geistes zu beachten; seine Pflicht kann er erfüllen, ohne sich um die
Sinnlichkeit zu kümmern; ein schönes Kunstwerk wirkt auf sein Wohlgefallen,
ohne seine Begierde zu erwecken; und es versetzt ihn in eine geistige Welt, in
der er aus Neigung verweilt.
In diesem Zustande ist der Mensch wie das Kind, das bei seinen Handlungen
seiner Neigung folgt und nicht fragt, ob diese den Vernunftgesetzen
widerstrebt: “Durch die Schönheit wird der sinnliche Mensch ...
zum Denken geleitet; durch die Schönheit wird der geistige Mensch zur
Materie zurückgeführt und der Sinnen weit wiedergegeben.” (18.
Brief über die ästhetische Erziehung des Menschen.) “Die hohe
Gleichmütigkeit und Freiheit des Geistes, mit Kraft und Rüstigkeit verbunden,
ist die Stimmung, in der uns ein echtes Kunstwerk entlassen soll, und es gibt keinen
sichereren Probierstein der wahren ästhetischen Güte.
Finden wir uns nach einem Genuß dieser Art zu irgendeiner besonderen
Empfindungsweise oder Handlungsweise vorzugsweise aufgelegt, zu einer anderen
hingegen ungeschickt und verdrossen, so dient dies zu einem untrüglichen
Beweise, daß wir keine rein ästhetische Wirkung erfahren haben, es sei nun, daß
es an dem Gegenstand oder an unserer Empfindungsweise oder (wie fast immer der
Fall ist) an beiden zugleich gelegen habe.” (22.
Brief.) Weil der Mensch durch die Schönheit weder ein Sklave der
Sinnlichkeit ist noch der Vernunft, sondern durch sie beide zusammen in seiner
Seele wirken, vergleicht Schiller den Trieb zur Schönheit demjenigen des
Kindes, das in seinem Spiel seinen Geist nicht Vernunftgesetzen unterwirft,
sondern ihn frei seiner Neigung nach gebraucht.
Deshalb nennt er diesen Trieb zur Schönheit Spieltrieb: “Mit dem
Angenehmen, mit dem Guten, mit dem Vollkommenen ist es dem Menschen nur Ernst;
aber mit der Schönheit spielt er.
Freilich dürfen wir uns hier nicht an die Spiele erinnern, die in dem
wirklichen Leben im Gange sind und die sich gewöhnlich nur auf sehr materielle
Gegenstände richten; aber in dem wirklichen Leben würden wir auch die Schönheit
vergebens suchen, von der hier die Rede ist.
Die wirklich vorhandene Schönheit ist des wirklich vorhandenen Spieltriebs
wert; aber durch das Ideal der Schönheit, welches die Vernunft aufstellt, ist
auch ein Ideal des Spieltriebs aufgegeben, das der Mensch in allen seinen
Spielen vor Augen haben soll.” (15.
Brief.) In der Erfüllung dieses idealen Spieltriebs findet der Mensch die
Wirklichkeit der Freiheit.
Er gehorcht nun nicht mehr der Vernunft; und er folgt nicht mehr der
sinnlichen Neigung.
Er handelt aus Neigung so, wie wenn er aus Vernunft handelte.
“Der Mensch soll mit der Schönheit nur spielen, und er soll nur mit der
Schönheit spielen .
.
.
Denn, um es endlich .
.
.
herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des
"Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.” Schiller
hätte auch sagen können: Im Spiel ist der Mensch frei; in der Erfüllung der
Pflicht und in der Hingabe an die Sinnlichkeit ist er unfrei.
Will der Mensch nun auch in seinem moralischen Handeln in voller Bedeutung
des Wortes Mensch sein, das heißt, will er frei sein, so muß er zu seinen
Tugenden dasselbe Verhältnis haben wie zur Schönheit.
Er muß seine Neigungen zu Tugenden veredeln; und er muß sich mit seinen
Tugenden so durchdringen, daß er, seiner ganzen Wesenheit nach, gar keinen
anderen Trieb hat, als ihnen zu folgen.
Ein Mensch, der diesen Einklang zwischen Neigung und Pflicht hergestellt
hat, kann in jedem Augenblick auf die Güte seiner Handlungen wie auf etwas
Selbstverständliches rechnen.
Man kann von diesem Gesichtspunkte aus auch das gesellschaftliche
Zusammenleben der Menschen betrachten.
Der Mensch, der seinen sinnlichen Trieben folgt, ist selbstsüchtig” Er
ginge stets nur seinem eigenen Wohlsein nach, wenn nicht der Staat das
Zusammensein durch Vernunftgesetze regelte.
Der freie Mensch vollbringt aus eigenem Antriebe, was der Staat von dem
selbstsüchtigen Menschen fordern muß.
In einem Zusammensein von freien Menschen bedarf es keiner Zwangsgesetze.
“Mitten in dem furchtbaren Reich der Kräfte und mitten in dem heiligen
Reich der Gesetze baut der ästhetische Bildungstrieb unvermerkt an einem
dritten, fröhlichen Reiche des Spiels und des Scheins, worin er dem Menschen
die Fesseln aller Verhältnisse abnimmt und ihn von allem, was Zwang heißt,
sowohl im Physischen als im Moralischen entbindet.” (27.
Brief.) “Dieses Reich erstreckt sich aufwärts, bis wo die Vernunft mit
unbedingter Notwendigkeit herrscht und alle Materie aufhört; es erstreckt sich
niederwärts, bis wo der Naturtrieb mit blinder Nötigung waltet.” So betrachtet
Schiller ein moralisches Reich als Ideal, in dem die tugendhafte Gesinnung mit
derselben Leichtigkeit und Freiheit waltet wie der Geschmack im Reiche des
Schönen.
Er macht das Leben im Reiche des Schönen zum Muster einer vollkommenen, den
Menschen in jeder Richtung befreienden sittlichen gesellschaftlichen Ordnung.
Er schließt die schöne Abhandlung, in der er dieses sein Ideal darstellt,
mit der Frage, ob eine solche Ordnung irgendwo existiere, und beantwortet sie
damit: “Dem Bedürfnis nach existiert (sie) in jeder feingestimmten Seele; in
der Tat möchte man sie wohl nur wie die reine Kirche und die reine Republik, in
einigen wenigen auserlesenen Zirkeln finden, wo nicht die geistlose Nachahmung
fremder Sitten, sondern eigene schöne Natur das Betragen lenkt, wo der Mensch
durch die verwickeltsten Verhältnisse mit kühner Einfalt und ruhiger Unschuld
geht und weder nötig hat, fremde Freiheit zu kränken, um die seinige zu
behaupten, noch seine Würde wegzuwerfen, um Anmut zu zeigen.” In dieser zur
Schönheit veredelten Tugendhaftigkeit hat Schiller eine Vermittlung zwischen
der Weltanschauung Kants und derjenigen Goethes gefunden.
Wie groß auch der Zauber war, den Kant auf Schiller ausübte, als dieser
selbst das Ideal des reinen Menschentums gegenüber der wirklich herrschenden
moralischen Ordnung verteidigte: Schiller wurde, als er Goethe näher kennen
lernte, ein Bewunderer von dessen Welt- und Lebensbetrachtung, und sein stets
nach reinster Gedankenklarheit drängender Sinn ließ ihn nicht eher Ruhe finden,
bis es ihm gelungen war, diese Goethesche "Weisheit auch begrifflich zu
durchdringen.
Die hohe Befriedigung, die Goethe aus seinen Anschauungen über Schönheit
und Kunst auch für seine Lebensführung zog, führte Schiller mehr und mehr zu
der Vorstellungsart des ersteren hinüber.
Als er Goethe für Übersendung des “Wilhelm Meister” dankt, tut er dies mit
den Worten: “Ich kann Ihnen nicht ausdrücken, wie peinlich mir das Gefühl oft
ist, von einem Produkt dieser Art in das philosophische Wesen hineinzusehen.
Dort ist alles so heiter, so lebendig, so harmonisch aufgelöst und so
menschlich wahr; hier alles so strenge, so rigid und abstrakt, und so höchst
unnatürlich, weil alle Natur nur Synthesis und alle Philosophie Antithesis ist.
Zwar darf ich mir das Zeugnis geben, in meinen Spekulationen der Natur so
treu geblieben zu sein, als sich mit dem Begriff der Analysis verträgt; ja
vielleicht bin ich ihr treuer geblieben als unsere Kantianer für erlaubt und
für möglich hielten.
Aber dennoch fühle ich nicht weniger lebhaft den unendlichen Abstand
zwischen dem Leben und dem Räsonnement - und kann mich nicht enthalten, in
einem solchen melancholischen Augenblicke für einen Mangel in meiner Natur
auszulegen, was ich in einer heiteren Stunde bloß für eine natürliche
Eigenschaft der Sache ansehen muß.
So viel ist indes gewiß, der Dichter ist der einzig wahre Mensch, und der
beste Philosoph ist nur eine Karikatur gegen ihn.” Dieses Urteil Schillers kann
sich nur auf die Kantsche Philosophie beziehen, an der Schiller seine
Erfahrungen gemacht hat.
Sie entfernt den Menschen in vieler Beziehung von der Natur.
Sie bringt dieser keinen Glauben entgegen, sondern laßt als gültige
Wahrheit nur gelten, was aus der eigenen geistigen Organisation des Menschen
genommen ist.
Dadurch entbehren alle ihre Urteile jener frischen, inhaltvollen
Farbigkeit, die alles hat, was wir durch unmittelbare Anschauung der
natürlichen Vorgänge und Dinge selbst gewinnen.
Sie bewegt sich in blutleeren, grauen, kalten Abstraktionen.
Sie gibt die Warme hin, die wir aus der unmittelbaren Berührung mit den
Dingen und Wesen gewinnen und tauscht dafür die Kälte ihrer abstrakten Begriffe
ein.
Und auch im Moralischen zeigt die Kantsche Weltanschauung dieselbe
Gegensätzlichkeit gegen die Natur.
Der rein vernünftige Pflichtbegriff schwebt ihr als Höchstes vor.
Was der Mensch liebt, wozu er Neigung hat: alles das Unmittelbar-Natürliche
im Menschenwesen muß diesem Pflichtideal untergeordnet werden.
Sogar bis in die Region des Schönen hinein vertilgt Kant den Anteil, den
der Mensch seinen ursprünglichen Empfindungen und Gefühlen nach haben muß.
Das Schöne soll ein völlig “interesseloses” Wohlgefallen hervorrufen.
Hören wir, wie hingebend, wie “interessiert” Schiller dem Werke, an dem er
die höchste Stufe des Künstlerischen bewundert, gegenübersteht.
Er sagt über “Wilhelm Meister”: “Ich kann das Gefühl, das mich beim Lesen
dieser Schrift, und zwar im zunehmenden Grade, je weiter ich darin komme,
durchdringt und besitzt, nicht besser als durch eine süße und innige
Behaglichkeit, durch ein Gefühl geistiger und leiblicher Gesundheit ausdrücken,
und ich wollte dafür bürgen, daß es dasselbe bei allen Lesern im ganzen sein
muß.
— Ich erkläre mir dieses Wohlsein von der durchgängig darin herrschenden
ruhigen Klarheit, Glätte und Durchsichtigkeit, die auch nicht das geringste
zurückläßt, was das Gemüt unbefriedigt und unruhig läßt, und die Bewegung
desselben nicht weiter treibt als nötig ist, um ein fröhliches Leben in dem
Menschen anzufachen und zu erhalten.” So spricht nicht jemand, der an das
interesselose Wohlgefallen glaubt, sondern einer, der die Lust an dem Schönen
einer solchen Veredelung für fähig hält, daß es keine Erniedrigung bedeutet,
sich dieser Lust völlig hinzugeben.
Das Interesse soll nicht erlöschen, wenn wir dem Kunstwerk gegenüberstehen;
wir sollen vielmehr imstande sein, unser Interesse auch dem entgegenbringen zu
können, was Ausfluß des Geistes ist.
Und diese Art des Interesses für das Schöne soll der “wahre” Mensch auch
den moralischen Vorstellungen gegenüber haben.
In einem Briefe an Goethe schreibt Schiller: “Es ist wirklich der Bemerkung
wert, daß die Schlaffheit über ästhetische Dinge immer sich mit der moralischen
Schlaffheit verbunden zeigt, und daß das reine strenge Streben nach dem hohen
Schönen, bei der höchsten Liberalität gegen alles, was Natur ist, den Rigorism
im Moralischen bei sich führen wird.” Die Entfremdung von der Natur empfand
Schiller in der Weltanschauung, in der ganzen Zeitkultur, innerhalb derer er
lebte, so stark, daß er sie zum Gegenstande einer Betrachtung in dem Aufsatze “Über
naive und sentimentalische Dichtung” machte.
Er vergleicht die Lebensansicht seiner Zeit mit derjenigen der Griechen und
fragt sich: “Wie kommt es, daß wir, die in allem, was Natur ist, von den Alten
so unendlich weit übertroffen werden, ...
der Natur in einem höheren Grade huldigen, mit Innigkeit an ihr hangen und
selbst die leblose Welt mit der wärmsten Empfindung umfassen können?” Und er
beantwortet diese Frage: “Daher kommt es, weil die Natur bei uns aus der
Menschheit verschwunden ist und wir sie nur außerhalb dieser in der unbeseelten
Welt, in ihrer Wahrheit wieder antreffen.
Nicht unsere größere Naturmäßigkeit, ganz im Gegenteil die Naturwidrigkeit
unserer Verhältnisse, Zustände und Sitten treibt uns an, dem erwachenden Triebe
nach Wahrheit und Simplizität, der, wie die moralische Anlage, aus welcher er
fließet, unbestechlich und unaustilgbar in allen menschlichen Herzen liegt, in
der physischen Welt eine Befriedigung zu verschaffen, die in der moralischen
nicht zu hoffen ist.
Deswegen ist das Gefühl, womit wir an der Natur hangen, dem Gefühle so nahe
verwandt, womit wir das entflohene Alter der Kindheit und der kindlichen
Unschuld beklagen.
Unsere Kindheit ist die einzige unverstümmelte Natur, die wir in der
kultivierten Menschheit noch antreffen, daher es kein Wunder ist, wenn uns jede
Fußtapfe der Natur außer uns auf unsere Kindheit zurückführt.” Das war nun bei
den Griechen ganz anders.
Sie lebten ein Leben innerhalb des Natürlichen.
Alles, was sie taten, kam aus ihrem natürlichen Vorstellen, Fühlen und
Empfinden heraus.
Sie waren innig verbunden mit der Natur.
Der moderne Mensch fühlt in seinem Wesen einen Gegensatz zur Natur.
Da aber der Drang nach dieser Urmutter des Daseins doch nicht ausgetilgt
werden kann, so wird er sich in der modernen Seele in eine Sehnsucht nach der
Natur, in ein Suchen derselben verwandeln.
Der Grieche hatte Natur; der Moderne sucht Natur.
“Solange der Mensch noch reine, es versteht sich nicht rohe, Natur ist,
wirkt er als ungeteilte sinnliche Einheit und als ein harmonierendes Ganzes.
Sinne und Vernunft, empfangendes und
selbsttätiges Vermögen, haben sich in ihrem Geschäfte noch nicht getrennt, viel
weniger stehen sie im Widerspruch miteinander.
Seine Empfindungen sind nicht das formlose Spiel des Zufalls, seine
Gedanken nicht das gehaltlose Spiel der Vorstellungskraft; aus dem Gesetz der
Notwendigkeit gehen jene, aus der Wirklichkeit gehen diese hervor.
Ist der Mensch in den Stand der Kultur getreten und hat die Kunst ihre Hand
an ihn gelegt, so ist jene sinnliche Harmonie in ihm aufgehoben, und er kann
nur noch als moralische Einheit, das heißt als nach Einheit strebend sich
äußern.
Die Übereinstimmung zwischen seinem Empfinden und Denken, die in dem ersten
Zustande wirklich stattfand, existiert jetzt bloß idealisch; sie ist nicht mehr
in ihm, sondern außer ihm, als ein Gedanke, der erst realisiert werden soll,
nicht mehr als Tatsache seines Lebens.” Die Grundstimmung des griechischen
Geistes war naiv, die des modernen ist sentimentalisch; die Weltanschauung des
ersten durfte daher realistisch sein.
Denn er hatte das Geistige von dem Natürlichen noch nicht getrennt; die
Natur schloß für ihn den Geist noch mit ein.
Überließ er sich der Natur, so geschah es der geisterfüllten Natur
gegenüber.
Anders der Moderne.
Er hat den Geist von der Natur losgelöst, in das graue Reich der
Abstraktion erhoben.
Gäbe er sich seiner Natur hin, so täte er es der geistentblößten Natur
gegenüber.
Deshalb muß sein höchstes Streben dem Ideal zugewandt sein; durch das
Streben nach diesem wird er Geist und Natur wieder versöhnen.
In Goethes Geistesart fand nun Schiller etwas der griechischen
Artverwandtes.
Goethe glaubte, seine Ideen und Gedanken mit Augen zu sehen, weil er die
Wirklichkeit als ungetrennte Einheit von Geist und Natur empfand.
Er hatte sich nach Schillers Meinung etwas erhalten, zu dem der
sentimentalische Mensch erst wieder kommt, wenn er den Gipfel seines Strebens
erreicht.
Und einen solchen Gipfel erklimmt er eben in dem von Schiller beschriebenen
ästhetischen Zustand, in dem Sinnlichkeit und Vernunft ihren Einklang gefunden
haben.
Mit dem Ausspruche, den Schiller Goethe gegenüber in seinem Briefe am 23.
August 1794 tut, ist das Wesen der neueren Weltanschauungsentwickelung
bedeutungsvoll gekennzeichnet: “Wären Sie als ein Grieche...
geboren worden und hätte schon von der Wiege an eine auserlesene Natur und
eine idealisierende Kunst Sie umgeben, so wäre Ihr Weg unendlich verkürzt,
vielleicht ganz überflüssig gemacht worden.
Schon in die erste Anschauung der Dinge hätten Sie dann die Form des
Notwendigen aufgenommen, und mit Ihren ersten Erfahrungen hätte sich der große
Stil in Ihnen entwickelt.
Nun ...
da Ihr griechischer Geist in diese nordische Schöpfung geworfen wurde, so
blieb Ihnen keine andere Wahl, als entweder selbst zum nordischen Künstler zu
werden oder Ihrer Imagination das, was ihr die Wirklichkeit vorenthielt, durch
Nachhilfe der Denkkraft zu ersetzen, und so gleichsam von innen heraus und auf
einem rationalen Wege ein Griechenland zu gebären.” Schiller empfindet — das
offenbaren diese Sätze — den Gang der Entwickelung des Seelenlebens von der
griechischen Zeit bis in die seinige.
Im Gedankenleben enthüllte sich für den Griechen das Seelenleben; und er
konnte diese Enthüllung hinnehmen, denn der Gedanke war für ihn eine
Wahrnehmung, wie Farben oder Töne es sind.
Dieser Gedanke ist für den neueren Menschen verblaßt; von ihm muß im Innern
der Seele erlebt werden, was schaffend die Welt durchwebt; und damit das
unwahrnehmbare Gedankenleben doch Anschaulichkeit hat, muß es von der
Imagination erfüllt werden.
Von einer solchen Imagination, welche sich eins fühlt mit den schaffenden
Mächten der Natur.
Weil in dem modernen Menschen das Seelenbewußtsein sich in Selbstbewußtsein
gewandelt hat, entsteht die Frage der Weltanschauung: Wie erlebt das
Selbstbewußtsein sich lebendig so, daß sein Erleben in dem Schaffen der
lebendigen Weltenkräfte sich darinnen weiß? Schiller hat diese Frage in seiner
Art beantwortet, indem er das Leben im künstlerischen Empfinden als Ideal für
sich in Anspruch nahm.
In diesem Empfinden fühlt das menschliche Selbstbewußtsein seine
Verwandtschaft mit dem, was über das bloße Naturbild hinausliegt.
In ihm fühlt der Mensch sich vom Geiste erfaßt, indem er als Natur- und
Sinnenwesen sich an die Welt hingibt.
— Leibniz sucht die Menschenseele als Monade zu begreifen; Fichte geht
nicht von einer bloßen Idee aus, durch welche klar werden sollte, was die
Menschenseele ist; er sucht ein Erleben, in dem diese Seele sich in ihrem Wesen
ergreift; Schiller fragt: Gibt es ein Erleben der Menschenseele, in dem sie
fühlen kann, wie sie in dem Geistig-Wirklichen wurzelt? Goethe erlebt in sich
Ideen, die zugleich Naturideen für ihn darstellen.
— In Goethe, Fichte, Schiller ringt sich die erlebte Idee, man könnte auch
sagen: das ideelle Erlebnis in die Seele herein; im Griechentum vollzog sich
dies mit der wahrgenommenen Idee, der ideellen Wahrnehmung.
Die Welt- und Lebensanschauung, die in Goethe auf naive Weise vorhanden
war, und nach der Schiller auf allen Umwegen des Denkens strebte, hat nicht das
Bedürfnis nach jener allgemein gültigen Wahrheit, die in der Mathematik ihr
Ideal erblickt; sie ist befriedigt von der anderen Wahrheit, die unserem Geiste
sich aus dem unmittelbaren Verkehre mit der wirklichen Welt ergibt.
Die Erkenntnisse, die Goethe aus der Betrachtung der Kunstwerke in Italien
schöpfte, waren gewiß nicht von jener unbedingten Sicherheit wie die Sätze der
Mathematik.
Dafür waren sie auch weniger abstrakt.
Aber Goethe stand vor ihnen mit der Empfindung “Da ist Notwendigkeit, da
ist Gott”.
Eine Wahrheit in dem Sinne, daß -sie etwas anderes sei, als dasjenige, was
sich auch in dem vollkommenen Kunstwerk offenbart, war für Goethe nicht
vorhanden.
Was die Kunst mit ihren technischen Mitteln: Ton, Marmor, Farbe, Rhythmus
usw.
verkörpert, das ist demselben Wahrheitsquell entnommen, aus dem auch der
Philosoph schöpft, der allerdings nicht die unmittelbar anschaulichen Mittel
der Darstellung hat, sondern dem einzig und allein der Gedanke, die Idee
selbst, zur Verfügung steht, “Poesie deutet auf die Geheimnisse der Natur und
sucht sie durchs Bild zu lösen.
Philosophie deutet auf die Geheimnisse der Vernunft und sucht sie durchs
Wort zu lösen”, sagt Goethe.
Aber die Vernunft und die Natur sind ihm zuletzt eine untrennbare Einheit,
denen dieselbe Wahrheit zugrunde liegt.
Ein Erkenntnisstreben, das, von den Dingen losgelöst, in einer abstrakten
Welt lebt, gilt ihm nicht als das Höchste.
“Das Höchste wäre, zu begreifen, daß alles Faktische schon Theorie ist.”
Die Bläue des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der Farbenerscheinungen.
“Man suche nur nichts hinter den Phänomenen; sie selbst sind die Lehre.”
Der Psychologe Heinroth bezeichnete in seiner Anthropologie das Denken, durch
das Goethe zu seinen Einsichten in die naturgemäße Bildung der Pflanzen und
Tiere gelangte, als “gegenständliches Denken”.
Er meinte damit, daß sich dieses Denken von den Gegenständen nicht sondere;
daß die Gegenstände, die Anschauungen in inniger Durchdringung mit dem Denken
stehen, daß Goethes Denken zugleich ein Anschauen, sein Anschauen zugleich ein
Denken sei.
Schiller ist ein feiner Beobachter und Schilderer dieser Geistesart
geworden.
Er schreibt über sie in einem Briefe an Goethe: “Ihr beobachtender Blick,
der so still und rein auf den Dingen ruht, setzt Sie nie in Gefahr, auf den
Abweg zu geraten, in den sowohl die Spekulation als die willkürliche und bloß
sich selbst gehorchende Einbildungskraft sich so leicht verirrt.
In Ihrer richtigen Intuition liegt alles und weit vollständiger, was die
Analysis mühsam sucht, und nur, weil es als ein Ganzes in Ihnen liegt, ist
Ihnen Ihr eigener Reichtum verborgen; denn leider wissen wir nur das, was wir
scheiden.
Geister Ihrer Art wissen daher selten, wie weit sie gedrungen sind, und wie
wenig Ursache sie haben, von der Philosophie zu borgen, die nur von ihnen
lernen kann.” Für die Goethesche und Schillersche Weltanschauung ist Wahrheit
nicht bloß innerhalb der Wissenschaft vorhanden, sondern auch innerhalb der
Kunst.
Goethes Meinung ist diese: “Ich denke, Wissenschaft könnte man die Kenntnis
des Allgemeinen nennen, das abgezogene Wissen; Kunst dagegen wäre Wissenschaft
zur Tat verwendet; Wissenschaft wäre Vernunft, und Kunst ihr Mechanismus,
deshalb man sie auch praktische Wissenschaft nennen könnte.
Und so wäre denn endlich Wissenschaft das Theorem, Kunst das Problem.” Die
Wechselwirkung des wissenschaftlichen Erkennens und des künstlerischen
Gestaltens der Erkenntnis schildert Goethe: “Es ist offenbar, daß ein ...
Künstler nur desto größer und entschiedener werden muß, wenn er zu seinem
Talente noch ein unterrichteter Botaniker ist, wenn er von der Wurzel an den
Einfluß der verschiedenen Teile auf das Gedeihen und das Wachstum der Pflanze,
ihre Bestimmung und wechselseitigen Wirkungen erkennt, wenn er die sukzessive
Entwickelung der Blätter, Blumen, Befruchtung, Frucht und des neuen Keimes
einsieht und überdenkt.
Er wird alsdann nicht bloß durch die Wahl aus den Erscheinungen seinen
Geschmack zeigen, sondern er wird uns auch durch eine richtige Darstellung der
Eigenschaften zugleich in Verwunderung setzen.” So waltet im künstlerischen
Erzeugen die Wahrheit, denn der Kunststil ruht nach dieser Auffassung auf “den
tiefsten Grundfesten der Erkenntnis, auf dem Wesen der Dinge, insofern uns
erlaubt ist, es in sichtbaren und greiflichen Gestalten zu erkennen”.
Eine Folge dieser Ansicht über die Wahrheit und ihre Erkenntnis ist, daß
man der Phantasie ihren Anteil beim Zustandekommen des Wissens zugestand und
nicht bloß in dem abstrakten Verstand das einzige Erkenntnisvermögen sah.
Die Vorstellungen, die Goethe seinen Betrachtungen über Pflanzen- und
Tierbildung zugrunde legte, waren nicht graue, abstrakte Gedanken, sondern aus
der Phantasie heraus erzeugte sinnlich-übersinnliche Bilder.
Nur das Beobachten mit Phantasie kann wirklich in das Wesen der Dinge
führen, nicht die blutleere Abstraktion: dies ist Goethes Überzeugung.
Deshalb hebt er an Galilei hervor, daß dieser beobachtete als Genie, dem
“em Fall für tausend gilt”, indem “er sich aus schwingenden Kirchenlampen die
Lehre des Pendels und des Falles der Körper entwickelte”.
Die Phantasie schafft an dem einen Falle ein inhaltvolles Bild des
Wesentlichen in den Erscheinungen; der abstrahierende Verstand kann nur aus der
Kombination, Vergleichung und Berechnung der Erscheinungen eine allgemeine
Regel ihres Verlaufes gewinnen.
Dieser Glaube Goethes an die Erkenntnisfähigkeit der Phantasie, die sich zu
einem Miterleben der schaffenden Weltkräfte erhebt, ruht auf seiner ganzen
Weltauffassung.
Wer wie er das Naturwirken in allem sieht, der kann in dem geistigen Inhalt
der menschlichen Phantasie auch nichts sehen als höhere Naturprodukte.
Die Phantasiebilder sind Naturprodukte; und da sie die Natur wiedergeben,
können sie nur die Wahrheit enthalten, denn sonst würde die Natur sich selbst
mit diesen Abbildern belügen, die sie von sich schafft.
Nur Menschen mit Phantasie können die höchste Stufe des Erkennens
erreichen.
Sie nennt Goethe die “Umfassenden” und “Anschauenden” im Gegensatz zu den
bloß “Wißbegierigen”, die auf einer niedrigeren Erkenntnisstufe stehen bleiben.
“Die Wißbegierigen bedürfen eines ruhigen, uneigennützigen Blickes, einer
neugierigen Unruhe, eines klaren Verstandes .
.
.; sie verarbeiten auch nur im wissenschaftlichen Sinne dasjenige, was sie
vorfinden.” “Die Anschauenden verhalten sich schon produktiv, und das Wissen,
indem es sich selbst steigert, fordert, ohne es zu bemerken, das Anschauen und
geht dahin über; und so sehr sich auch die Wissenden vor der Imagination
kreuzigen und segnen, so müssen sie doch, ehe sie sichs versehen, die
produktive Einbildungskraft zu Hilfe rufen .
.
.
Die Umfassenden, die man in einem stolzeren Sinne die Erschaffenden nennen
könnte, verhalten sich im höchsten Grade produktiv; indem sie nämlich von Ideen
ausgehen, sprechen sie die Einheit des Ganzen schon aus, und es ist
gewissermaßen nachher die Sache der Natur, sich in diese Idee zu fügen.” Wer an
eine solche Erkenntnisart glaubt, dem kann es nicht beikommen, über die
Eingeschränktheit der menschlichen Erkenntnis in Kantscher Weise zu sprechen.
Denn das, wessen der Mensch als seine Wahrheit bedarf, das erlebt er in
seinem Innern.
Der Kern der Natur liegt im Innern des Menschen.
Die Weltanschauung Goethes und Schillers verlangt gar nicht von der
Wahrheit, daß sie eine Wiederholung der Welterscheinungen in der Vorstellung
sei, daß also die letztere im wörtlichen Sinne mit etwas außer dem Menschen
übereinstimme.
Das, was im Menschen erscheint, ist als solches, als Ideelles, als
geistiges Sein, in keiner Außenwelt vorhanden; aber es ist dasjenige, was als
Gipfel alles Werdens zuletzt erscheint.
Deshalb braucht für diese Weltanschauung die Wahrheit nicht allen Menschen
in der gleichen Gestalt zu erscheinen.
Sie kann in jedem einzelnen ein individuelles Gepräge tragen.
Wer die Wahrheit in der Übereinstimmung mit einem Äußeren sucht, für den
gibt es nur eine Form derselben, und er wird mit Kant nach derjenigen
“Metaphysik” suchen, die allein “als Wissenschaft wird auftreten können”.
Wer in der Wahrheit die höchste Frucht alles Daseins sieht, dasjenige, in
dem das “Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel
gelangt, aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern”
würde (Goethe, in seinem Aufsatz über Winkelmann), der kann mit Goethe sagen:
“Kenne ich mein Verhältnis zu mir selbst und zur Außenwelt, so heiß ich's
Wahrheit.
Und so kann jeder seine eigene Wahrheit haben, und es ist doch immer
dieselbige.” Nicht in dem, was uns die Außenwelt liefert, liegt das Wesen des
Seins, sondern in dem, was der Mensch in sich erzeugt, ohne daß es schon in der
Außenwelt vorhanden ist.
Goethe wendet sich daher gegen diejenigen, die durch Instrumente und
objektive Versuche in das sogenannte “Innere der Natur” dringen wollen, denn
“der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gesunden Sinne bedient, ist
der größte und genaueste physikalische Apparat, den es geben kann, und das ist
eben das größte Unheil der neueren Physik, daß man die Experimente gleichsam
vom Menschen abgesondert hat, und bloß in dem, was künstliche Instrumente
zeigen, die Natur erkennen, ja, was sie leisten kann, dadurch beschränken und
beweisen will.” Dafür “steht ja aber der Mensch so hoch, daß sich das sonst
Undarstellbare in ihm darstellt.
Was ist denn eine Saite und alle mechanische Teilung derselben gegen das
Ohr des Musikers? Ja, man kann sagen, was sind die elementaren Erscheinungen
der Natur selbst gegen den Menschen, der sie alle erst bändigen und
modifizieren muß, um sie sich einigermaßen assimilieren zu können.” Goethe
spricht seinem Weltbilde gegenüber weder von einem bloßen begrifflichen
Erkennen, noch von einem Glauben, sondern von einem Schauen im Geiste.
An Jacobi schreibt er: “Du hältst aufs Glauben an Gott; ich aufs Schauen.”
Dieses Schauen im Geiste tritt so, wie es hier gemeint ist, in die
Weltanschauungsentwickelung ein als diejenige Seelenkraft, welche einem
Zeitalter entspricht, dem der Gedanke nicht mehr das ist, was er dem
griechischen Denker war; dem er vielmehr als ein Erzeugnis des
Selbstbewußtseins sich zu erkennen gibt; aber als ein solches, welches dadurch
gewonnen wird, daß sich dieses Selbstbewußtsein innerhalb der geistig in der
Natur schaffenden Mächte weiß.
Goethe ist der Repräsentant einer Weltanschauungsepoche, welche sich
gedrängt fühlt, vom bloßen Denken zum Schauen überzugehen.
Schiller bemüht sich, diesen Übergang Kant gegenüber zu rechtfertigen.
*.! Der innige Bund, der durch Goethe, Schiller und ihre Zeitgenossen
zwischen Dichtung und Weltanschauung geschlössen wurde, hat der letzteren im
Anfange unseres Jahrhunderts das leblose Gepräge genommen, in das sie kommen
muß, wenn sie sich allein in der Region des abstrahierenden Verstandes bewegt.
Dieser Bund hat als sein Ergebnis den Glauben gezeitigt, daß es ein
persönliches, ein individuelles Element in der Weltanschauung gibt.
Dem Menschen ist möglich, sich sein Verhältnis zur Welt seiner Eigenart
gemäß zu schaffen, und doch in die Wirklichkeit, nicht in eine bloß
phantastische Schemenwelt unterzutauchen.
Sein Ideal braucht nicht das Kantsche, eine ein für allemal abgeschlossene
theoretische Anschauung nach dem Muster der Mathematik, zu sein.
Nur aus der geistigen Atmosphäre einer solchen, die menschliche
Individualität erhebenden Überzeugung kann eine Vorstellung wie diejenige Jean
Pauls (1763—1825) geboren werden: “Das Herz des Genies, welchem alle anderen
Glanz- und Hilfskräfte nur dienen, hat und gibt ein echtes Kennzeichen, nämlich
neue Welt- und Lebensanschauung.” Wie könnte es das Kennzeichen des höchst
entwickelten Menschen, des Genies, sein, eine neue Welt- und Lebensanschauung
zu schaffen, wenn es nur eine wahre, allgemein gültige Weltanschauung gäbe,
wenn die Vorstellungswelt nur eine Gestalt hätte? Jean Paul ist auf seine Art
ein Verteidiger der Goetheschen Ansicht, daß der Mensch im Innern die höchste
Form des Daseins erlebt.
Er schreibt an Jacobi: “Eigentlich glauben wir doch nicht das Göttliche
(Freiheit, Gott, Tugend), sondern wir schauen es wirklich als schon gegeben
oder sich gebend, und dieses Schauen ist eben ein Wissen, nur ein höheres,
indes das Wissen des Verstandes sich bloß auf ein niederes Schauen bezieht.
Man könnte die Vernunft das Bewußtsein des alleinigen Positiven nennen, denn
alles Positive der Sinnlichkeit löst sich zuletzt in das der Geistigkeit auf,
und der Verstand treibt sein Wesen ewig bloß mit dem Relativen, das an sich
nichts ist, daher vor Gott das Mehr oder Minder und alle Vergleichsstufen
wegfallen.” Das Recht, die Wahrheit im Innern zu erleben und dazu alle
Seelenkräfte, nicht bloß den logischen Verstand in Bewegung setzen zu dürfen,
will sich Jean Paul durch nichts rauben lassen.
“Das Herz, die lebendige Wurzel des Menschen, soll mir die
Transzendentalphilosophie (Jean Paul meint die an Kant sich anschließende
Weltansicht) nicht aus der Brust reißen und einen reinen Trieb der Ichheit an
die Stelle setzen, ich lasse mich nicht befreien von der Abhängigkeit der
Liebe, um allein durch Hochmut selig zu werden.” So weist er die weltfremde
moralische Ordnung Kants zurück.
“Ich bleibe dabei, daß es, wie vier letzte, so vier erste Dinge gebe:
Schönheit, Wahrheit, Sittlichkeit, Seligkeit, und daß die Synthese davon nicht
nur notwendig, sondern auch schon gegeben sei, nur aber (und darum ist sie eben
eine) in ...
unfaßbarer geistig-organischer Einheit, ...
ohne welche wir an diesen vier Evangelisten oder Weltteilen gar kein
Verständnis und keinen Übergang finden könnten.” Die mit äußerster logischer
Strenge verfahrende Kritik des Verstandes war in Kant und Fichte so weit
gekommen, die selbständige Bedeutung des Wirklichen, Lebensvollen zu einem
bloßen Schein, zu einem Traumbild herabzusetzen.
Diese Anschauung war für phantasievolle Menschen, die das Leben um die
Gestalten ihrer Einbildungskraft bereicherten, unerträglich.
Diese Menschen empfanden die Wirklichkeit, sie war in ihrem Wahrnehmen, in
ihrer Seele gegenwärtig; und sie sollten sich deren bloße Traumhaftigkeit
beweisen lassen.
“Die Fenster der philosophischen Auditorien sind zu hoch, als daß sie auf
die Gassen des wirklichen Lebens eine Aussicht gewähren”, sagt daher Jean Paul.
Fichte strebte nach reinster, höchster erlebter Wahrheit.
Er entsagte allem Wissen, das nicht aus dem eigenen Innern entspringt, weil
nur aus diesem Gewißheit entspringen kann.
Die Gegenströmung zu seiner Weltanschauung bildet die Romantik.
Fichte läßt nur die Wahrheit gelten, und das Innere des Menschen nur
insofern, als es die Wahrheit offenbart; die romantische Weltanschauung laßt
nur das Innere gelten, und erklärt alles für wahrhaft wertvoll, was aus diesem
Innern entspringt.
Das Ich soll durch nichts Äußeres gefesselt sein.
Alles was es schafft, hat seine Berechtigung.
Man darf von der Romantik sagen, daß sie den Schillerschen Satz: “Der
Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist
nur da ganz Mensch, wo er spielt” bis zu seinen äußersten Konsequenzen
verfolgte.
Sie will die ganze Welt zu einem Reich des Künstlerischen machen.
Der vollentwickelte Mensch kennt keine andere Norm als die Gesetze, die er
mit frei waltender Einbildungskraft ebenso schafft wie der Künstler diejenigen,
die er seinem Werke einprägt.
Er erhebt sich über alles, was ihn von außen bestimmt, und lebt ganz aus
sich heraus.
Die ganze Welt ist ihm nur ein Stoff für sein ästhetisches Spiel.
Der Ernst des Alltagsmenschen ist nicht in der Wahrheit wurzelnd.
Die erkennende Seele kann die Dinge nicht an sich ernst nehmen, denn sie
sind ihr nicht an sich wertvoll.
Sie ist es vielmehr selbst, die ihnen einen Wert verleiht.
Die Stimmung des Geistes, der sich dieser seiner Souveränität gegenüber den
Dingen bewußt ist, nennen die Romantiker die ironische.
Karl Wilhelm Ferdinand Solger (1780—1819) hat von der romantischen Ironie
die Erklärung gegeben: “Es muß der Geist des Künstlers alle Richtungen in einem
alles überschauenden Blick zusammenfassen, und diesen über allem schwebenden,
alles vernichtenden Blick nennen wir Ironie.” Friedrich Schlegel (1772—1829),
einer der Stimmführer der romantischen Geistesrichtung, sagt von der ironischen
Stimmung, daß sie “alles übersieht und sich über alles Bedingte unendlich
erhebt, auch über einige Kunst, Tugend oder Genialität”.
Wer in dieser Stimmung lebt, fühlt sich durch nichts gebunden; nichts
bestimmt ihm die Richtung seines Tuns.
Er kann “nach Belieben philosophisch oder philologisch, kritisch oder
poetisch, historisch oder rhetorisch, antik oder modern sich stimmen”.
Der ironische Geist erhebt sich über eine Wahrheit, die sich von der Logik
fesseln lassen will; er erhebt sich aber auch über eine ewige, moralische
Weltordnung.
Denn nichts sagt ihm, was er tun soll, als allein er selbst.
Was ihm gefällt, soll der Ironiker tun; denn seine Sittlichkeit kann nur
eine ästhetische sein.
Die Romantiker sind die Erben des Fichteschen Gedankens von der Einzigkeit
des Ich.
Aber sie wollten dieses Ich nicht mit Vernunftideen und mit einem
moralischen Glauben erfüllen wie Fichte, sondern beriefen sich vor allem auf
die f reieste, durch nichts gebundene Seelenkraft, auf die Phantasie.
Das Denken wurde bei ihnen völlig von dem Dichten aufgesogen.
Novalis sagt: “Es ist recht übel, daß die Poesie einen besonderen Namen hat
und die Dichter eine besondere Zunft ausmachen.
Es ist gar nichts Besonderes.
Es ist die eigentümliche Handlungsweise des menschlichen Geistes.
Dichtet und trachtet nicht jeder Mensch in jeder Minute?” Das allein mit
sich beschäftigte Ich kann zu der höchsten Wahrheit kommen: “Es dünkt dem
Menschen, als sei er in einem Gespräch begriffen und irgendein unbekanntes
geistiges Wesen veranlasse ihn auf eine wunderbare Weise zur Entwicklung der
evidentesten Gedanken.” Im Grunde wollten die Romantiker nichts anderes, als
was auch Goethe und Schiller zu ihrem Bekenntnis gemacht haben: eine Ansicht
über den Menschen, die diesen so vollkommen, so frei wie möglich erscheinen
läßt.
Novalis erlebt seine Dichtungen und Betrachtungen aus einer Seelenstimmung
heraus, welche sich zum Bilde der Welt verhält wie die Fichtesche.
Aber Fichtes Geist wirkt in den scharfen Konturen reiner Begriffe; der
Novalis* aus der Fülle eines Gemütes, welches da empfindet, wo andere denken,
da in Liebe lebt, wo andere in Ideen die Wesen und Vorgänge der Welt umfassen
wollen.
Das Zeitalter sucht in seinen Repräsentanten die höhere Geistnatur hinter
der äußeren Sinnenwelt, jene Geistnatur, in welcher die selbstbewußte Seele
wurzelt, die nicht in der äußeren Sinnenwirklichkeit wurzeln kann.
Novalis erfühlt, erlebt sich in der höheren Geistnatur.
Was er ausspricht, fühlt er durch die ihm ursprüngliche Genialität wie die
Offenbarungen dieser Geistnatur selbst.
Er notiert sich: “Einem gelang es — er hob den Schleier der Göttin zu Sais
— aber was sah er? er sah — Wunder des Wunders — sich selbst.” Novalis gibt
sich, wie er das geistige Geheimnis hinter der Sinnenwelt fühlt und das
menschliche Selbstbewußtsein als das Organ, durch welches dieses Geheimnis
sagt: Das bin ich, — wenn er dieses sein Fühlen so ausdrückt: “Die Geisterwelt
ist uns in der Tat schon aufgeschlossen, sie ist immer offenbar.
Würden wir plötzlich so elastisch, als es nötig wäre, so sähen wir uns
mitten unter ihr.”