- Die Philosophie der Freiheit
- Grundzüge einer
modernen Weltanschauung
- Seelische
Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode
- © Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung. 13. Auflage
-
- Vorrede zur Neuausgabe
1918
- Zwei Wurzelfragen des menschlichen Seelenlebens sind es, nach denen
hingeordnet ist alles, was durch dieses Buch besprochen werden soll.
- Die eine ist, ob es eine Möglichkeit gibt, die menschliche Wesenheit so
anzuschauen, daß diese Anschauung sich als Stütze erweist für alles andere, was
durch Erleben oder Wissenschaft an den Menschen herankommt, wovon er aber die
Empfindung hat, es könne sich nicht selber stützen.
- Es könne von Zweifel und kritischem Urteil in den Bereich des Ungewissen
getrieben werden.
- Die andere Frage ist die: Darf sich der Mensch als wollendes Wesen die
Freiheit zuschreiben, oder ist diese Freiheit eine bloße Illusion, die in ihm
entsteht, weil er die Fäden der Notwendigkeit nicht durchschaut, an denen sein
Wollen ebenso hängt wie ein Naturgeschehen?
- Nicht ein künstliches Gedankengespinst ruft diese Frage hervor.
- Sie tritt ganz naturgemäß in einer bestimmten Verfassung der Seele vor
diese hin.
- Und man kann fühlen, es ginge der Seele etwas ab von dem, was sie sein
soll, wenn sie nicht vor die zwei Möglichkeiten: Freiheit oder Notwendigkeit
des Wollens, einmal mit einem möglichst großen Frageernst sich gestellt sähe.
- In dieser Schrift soll gezeigt werden, daß die Seelenerlebnisse, welche der
Mensch durch die zweite Frage erfahren muß, davon abhängen, welchen
Gesichtspunkt er gegenüber der ersten einzunehmen vermag.
- Der Versuch wird gemacht, nachzuweisen, daß es eine Anschauung über die
menschliche Wesenheit gibt, welche die übrige Erkenntnis stützen kann; und der
weitere, darauf hinzudeuten, daß mit dieser Anschauung für die Idee der
Freiheit des Willens eine volle Berechtigung gewonnen wird, wenn nur erst das
Seelengebiet gefunden ist, auf dem das freie Wollen sich entfalten kann.
- Die Anschauung, von der hier mit Bezug auf diese beiden Fragen die Rede
ist, stellt sich als eine solche dar, welche, einmal gewonnen, ein Glied
lebendigen Seelenlebens selbst werden kann.
- Es wird nicht eine theoretische Antwort gegeben, die man, einmal erworben,
bloß als vom Gedächtnis bewahrte Überzeugung mit sich trägt.
- Für die Vorstellungsart, die diesem Buche zugrunde liegt, wäre eine solche
Antwort nur eine scheinbare.
- Nicht eine solch fertige, abgeschlossene Antwort wird gegeben, sondern auf
ein Erlebnisgebiet der Seele wird verwiesen, auf dem sich durch die innere
Seelentätigkeit selbst in jedem Augenblicke, in dem der Mensch dessen bedarf,
die Frage erneut lebendig beantwortet.
- Wer das Seelengebiet einmal gefunden hat, auf dem sich diese Fragen
entwickeln, dem gibt eben die wirkliche Anschauung dieses Gebietes dasjenige,
was er für diese beiden Lebensrätsel braucht, um mit dem Errungenen das
rätselvolle Leben weiter in die Breiten und in die Tiefen zu wandeln, in die
ihn zu wandeln Bedürfnis und Schicksal veranlassen.
- — Eine Erkenntnis, die durch ihr Eigenleben und durch die Verwandtschaft
dieses Eigenlebens mit dem ganzen menschlichen Seelenleben ihre Berechtigung
und Geltung erweist, scheint damit aufgezeigt zu sein.
- So dachte ich über den Inhalt dieses Buches, als ich ihn vor fünfundzwanzig
Jahren niederschrieb.
- Auch heute muß ich solche Sätze niederschreiben, wenn ich die Zielgedanken
der Schrift kennzeichnen will.
- Ich habe mich bei der damaligen Niederschrift darauf beschränkt, nicht mehr zu sagen als dasjenige, was im engsten Sinne mit den gekennzeichneten
beiden Wurzelfragen zusammenhängt.
- Wenn jemand verwundert darüber sein sollte, daß man in diesem Buche noch
keinen Hinweis findet auf das Gebiet der geistigen Erfahrungswelt, das in
späteren Schriften von mir zur Darstellung gekommen ist, so möge er bedenken,
daß ich damals eben nicht eine Schilderung geistiger Forschungsergebnisse
geben, sondern erst die Grundlage erbauen wollte, auf der solche Ergebnisse
ruhen können.
- Diese «Philosophie der Freiheit» enthält keine solchen speziellen
Ergebnisse, ebensowenig als sie spezielle naturwissenschaftliche Ergebnisse
enthält; aber was sie enthält, wird derjenige nach meiner Meinung nicht
entbehren können, der Sicherheit für solche Erkenntnisse anstrebt.
- Was in dem Buche gesagt ist, kann auch für manchen Menschen annehmbar sein,
der aus irgend welchen ihm geltenden Gründen mit meinen
geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnissen nichts zu tun haben will.
- Demjenigen aber, der diese geisteswissenschaftlichen Ergebnisse als etwas
betrachten kann, zu dem es ihn hinzieht, dem wird auch wichtig sein können, was
hier versucht wurde.
- Es ist dies: nachzuweisen, wie eine unbefangene Betrachtung, die sich bloß
über die beiden gekennzeichneten für alles
Erkennen grundlegenden Fragen erstreckt, zu der Anschauung führt, daß der
Mensch in einer wahrhaftigen Geistwelt drinnen lebt.
- In diesem Buche ist erstrebt, eine Erkenntnis des Geistgebietes vor dem Eintritte in die geistige
Erfahrung zu rechtfertigen.
- Und diese Rechtfertigung ist so unternommen, daß man wohl nirgends bei
diesen Ausführungen schon auf die später von mir geltend gemachten Erfahrungen
hinzuschielen braucht, um, was hier gesagt ist, annehmbar zu finden, wenn man
auf die Art dieser Ausführungen selbst eingehen kann oder mag.
- So scheint mir denn dieses Buch auf der einen Seite eine von meinen
eigentlich geisteswissenschaftlichen Schriften völlig abgesonderte Stellung
einzunehmen; und auf der andern Seite doch auch aufs allerengste mit ihnen
verbunden zu sein.
- Dies alles hat mich veranlaßt, jetzt, nach fünfundzwanzig Jahren, den
Inhalt der Schrift im wesentlichen fast ganz unverändert wieder zu
veröffentlichen.
- Nur längere Zusätze habe ich zu einer ganzen Reihe von Abschnitten gemacht.
- Die Erfahrungen, die ich über mißverständliche Auffassungen des von mir
Gesagten gemacht habe, ließen mir solche ausführliche Erweiterungen nötig
erscheinen.
- Geändert habe ich nur da, wo mir heute das ungeschickt gesagt schien, was
ich vor einem Vierteljahrhundert habe sagen wollen.
- (Aus dem so Geänderten wird wohl nur ein Übelwollender sich veranlaßt
finden zu sagen, ich habe meine Grundüberzeugung geändert.)
- Das Buch ist schon seit vielen Jahren ausverkauft.
- Trotzdem, wie aus dem eben Gesagten hervorgeht, mir scheint, daß heute
ebenso noch ausgesprochen werden soll, was ich vor fünfundzwanzig Jahren über
die gekennzeichneten Fragen ausgesprochen habe, zögerte ich durch lange Zeit
mit der Fertigstellung dieser Neuauflage.
- Ich fragte mich immer wieder, ob ich nicht müsse an dieser oder jener
Stelle mich mit den zahlreichen seit dem Erscheinen der ersten Auflage zutage
getretenen philosophischen Anschauungen auseinandersetzen.
- Dies in der mir wünschenswerten Weise zu tun, verhinderte mich die
Inanspruchnahme durch meine rein geisteswissenschaftlichen Forschungen in der
letzten Zeit.
- Allein ich habe mich nun nach möglichst gründlicher Umschau in der
philosophischen Arbeit der Gegenwart davon überzeugt, daß, so verlockend eine
solche Auseinandersetzung an sich wäre, sie für das, was durch mein Buch gesagt
werden soll, nicht in dasselbe aufzunehmen ist.
- Was von dem in der «Philosophie der Freiheit» eingenommenen Gesichtspunkt
aus über neuere philosophische Richtungen mir nötig schien, gesagt zu werden,
findet man im zweiten Bande meiner «Rätsel der Philosophie».
- Rudolf Steiner
April
1918 -
- Teil I — Wissenschaft der Freiheit
-
- Kapitel 1 - Das bewußte
menschliche Handeln
- Ist der Mensch in seinem Denken und Handeln ein geistig freies Wesen oder steht er unter dem
Zwange einer rein naturgesetzlichen ehernen Notwendigkeit?
- Auf wenige Fragen ist so viel Scharfsinn gewendet worden als auf diese.
- Die Idee der Freiheit des menschlichen Willens hat warme Anhänger wie
hartnäckige Gegner in reicher Zahl gefunden.
- Es gibt Menschen, die in ihrem sittlichen Pathos jeden für einen
beschränkten Geist erklären, der eine so offenkundige Tatsache wie die Freiheit zu leugnen vermag.
- Ihnen stehen andere gegenüber, die darin den Gipfel der Unwissenschaftlichkeit
erblicken, wenn jemand die Gesetzmäßigkeit der Natur auf dem Gebiete des
menschlichen Handelns und Denkens unterbrochen glaubt.
- Ein und dasselbe Ding wird hier gleich oft für das kostbarste Gut der
Menschheit wie für die ärgste Illusion erklärt.
- Unendliche Spitzfindigkeit wurde aufgewendet, um zu erklären, wie sich die
menschliche Freiheit mit dem Wirken in der Natur, der doch auch der Mensch
angehört, verträgt.
- Nicht geringer ist die Mühe, mit der von anderer Seite begreiflich zu
machen gesucht wurde, wie eine solche Wahnidee hat entstehen können.
- Daß man es hier mit einer der wichtigsten Fragen des Lebens, der Religion,
der Praxis und der Wissenschaft zu tun hat, das fühlt jeder, bei dem nicht das
Gegenteil von Gründlichkeit der hervorstechendste Zug seines Charakters ist.
- Und es gehört zu den traurigen Zeichen der Oberflächlichkeit gegenwärtigen
Denkens, daß ein Buch, das aus den Ergebnissen neuerer Naturforschung einen
«neuen Glauben» prägen will (David
Friedrich Strauß, Der alte und der neue Glaube), über diese Frage nichts
enthält als die Worte:
- «Auf die Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens haben wir uns
hiebei nicht einzulassen.
- Die vermeintlich indifferente Wahlfreiheit ist von jeder Philosophie, die
des Namens wert war, immer als ein leeres Phantom erkannt worden; die sittliche
Wertbestimmung der menschlichen Handlungen und Gesinnungen aber bleibt von
jener Frage unberührt.»
- Nicht weil ich glaube, daß das Buch,
in dem sie steht, eine besondere Bedeutung hat, führe ich diese Stelle hier an,
sondern weil sie mir die Meinung auszusprechen scheint, bis zu der sich in der
fraglichen Angelegenheit die Mehrzahl unserer denkenden Zeitgenossen
aufzuschwingen vermag.
- Daß die Freiheit darin nicht bestehen könne, von zwei möglichen Handlungen
ganz nach Belieben die eine oder die andere zu wählen, scheint heute jeder zu
wissen, der darauf Anspruch macht, den wissenschaftlichen Kinderschuhen
entwachsen zu sein.
- Es ist immer, so behauptet man, ein ganz bestimmter Grund vorhanden, warum man von mehreren möglichen Handlungen gerade
eine bestimmte zur Ausführung bringt.
- Das scheint einleuchtend.
- Trotzdem richten sich bis zum heutigen Tage die Hauptangriffe der
Freiheitsgegner nur gegen die Wahlfreiheit.
- Sagt doch Herbert Spencer, der in Ansichten lebt, die mit jedem Tage an
Verbreitung gewinnen (Die Prinzipien der Psychologie, von Herbert Spencer, deutsche Ausgabe von Dr. B. Vetter, Stuttgart
1882):
- «Daß aber jedermann auch nach
Belieben begehren oder nicht begehren könne, was der eigentliche im Dogma
vom freien Willen liegende Satz ist, das wird freilich ebensosehr durch die
Analyse des Bewußtseins, als durch den Inhalt der vorhergehenden Kapitel (der
Psychologie) verneint.»
- Von demselben Gesichtspunkte gehen auch andere aus, wenn sie den Begriff
des freien Willens bekämpfen.
- Im Keime finden sich alle diesbezüglichen Ausführungen schon bei Spinoza.
- Was dieser klar und einfach gegen die Idee der Freiheit vorbrachte, das
wurde seitdem unzählige Male wiederholt, nur eingehüllt zumeist in die
spitzfindigsten theoretischen Lehren, so daß es schwer wird, den schlichten
Gedankengang, auf den es allein ankommt, zu erkennen.
- Spinoza schreibt in einem Briefe vom Oktober oder November 1674:
- «Ich nenne
nämlich die Sache frei, die aus der
bloßen Notwendigkeit ihrer Natur besteht und handelt, und gezwungen nenne ich die, welche von etwas anderem zum Dasein und
Wirken in genauer und fester Weise bestimmt wird.
- So besteht zum Beispiel Gott, obgleich notwendig, doch frei, weil er nur
aus der Notwendigkeit seiner Natur allein besteht.
- Ebenso erkennt Gott sich selbst und alles andere frei, weil es aus der
Notwendigkeit seiner Natur allein folgt, daß er alles erkennt.
- Sie sehen also, daß ich die Freiheit nicht in ein freies Beschließen,
sondern in eine freie Notwendigkeit setze.»
- «Doch wir wollen zu den erschaffenen Dingen herabsteigen, welche sämtlich
von äußern Ursachen bestimmt werden, in fester und genauer Weise zu bestehen
und zu wirken.
- Um dies deutlicher einzusehen, wollen wir uns eine ganz einfache Sache
vorstellen.
- So erhält zum Beispiel ein Stein von einer äußeren, ihn stoßenden Ursache
eine gewisse Menge von Bewegung, mit der er nachher, wenn der Stoß der äußern
Ursache aufgehört hat, notwendig fortfährt, sich zu bewegen.
- Dieses Beharren des Steines in seiner Bewegung ist deshalb ein erzwungenes
und kein notwendiges, weil es durch den Stoß einer äußern Ursache definiert
werden muß.
- Was hier von dem Stein gilt, gilt von jeder andern einzelnen Sache, und mag
sie noch so zusammengesetzt und zu vielem geeignet sein, nämlich, daß jede
Sache notwendig von einer äußern Ursache bestimmt wird, in fester und genauer
Weise zu bestehen und zu wirken.»
- «Nehmen Sie nun,
ich bitte, an, daß der Stein, während er sich bewegt, denkt und weiß, er
bestrebe sich, soviel er kann, in dem Bewegen fortzufahren.
- Dieser Stein, der
nur seines Strebens sich bewußt ist und keineswegs gleichgültig sich verhält,
wird glauben, daß er ganz frei sei und daß er aus keinem andern Grunde in
seiner Bewegung fort fahre, als weil er es wolle.
- Dies ist aber jene
menschliche Freiheit, die alle zu besitzen behaupten und die nur darin besteht,
daß die Menschen ihres Begehrens sich bewußt sind, aber die Ursachen, von denen
sie bestimmt werden, nicht kennen.
- So glaubt das Kind, daß es die Milch frei begehre und der
zornige Knabe, daß er frei die Rache verlange, und der Furchtsame die Flucht.
- Ferner glaubt der Betrunkene, daß er nach freiem
Entschluß dies spreche, was er, wenn er nüchtern geworden, gern nicht
gesprochen hätte; und da dieses Vorurteil allen Menschen angeboren ist, so kann
man sich nicht leicht davon befreien.
- Denn wenn auch die Erfahrung genügend lehrt, daß die
Menschen am wenigsten ihr Begehren mäßigen können und daß sie, von
entgegengesetzten Leidenschaften bewegt, das Bessere einsehen und das
Schlechtere tun, so halten sie sich doch für frei und zwar, weil sie manches
weniger stark begehren und manches Begehren leicht durch die Erinnerung an
anderes, dessen man sich oft entsinnt, gehemmt werden kann.»
- — Weil hier eine klar und
bestimmt ausgesprochene Ansicht vorliegt, wird es auch leicht, den Grundirrtum,
der darin steckt, aufzudecken.
- So notwendig, wie der Stein auf einen Anstoß hin eine bestimmte Bewegung
ausführt, ebenso notwendig soll der Mensch eine Handlung ausführen, wenn er
durch irgendeinen Grund dazu getrieben wird.
- Nur weil der Mensch ein Bewußtsein von seiner Handlung hat, halte er sich
für den freien Veranlasser derselben.
- Er übersehe dabei aber, daß eine Ursache ihn treibt, der er unbedingt
folgen muß.
- Der Irrtum in diesem Gedankengange ist bald gefunden.
- Spinoza und alle, die denken wie er, übersehen, daß der Mensch nicht nur
ein Bewußtsein von seiner Handlung hat, sondern es auch von den Ursachen haben
kann, von denen er geleitet wird.
- Niemand wird es bestreiten, daß das Kind unfrei ist, wenn es die Milch begehrt, daß der Betrunkene es ist,
wenn er Dinge spricht, die er später bereut.
- Beide wissen nichts von den Ursachen, die in den Tiefen ihres Organismus
tätig sind, und unter deren unwiderstehlichem Zwange sie stehen.
- Aber ist es berechtigt, Handlungen dieser Art in einen Topf zu werfen mit
solchen, bei denen sich der Mensch nicht nur seines Handelns bewußt ist,
sondern auch der Gründe, die ihn veranlassen?
- Sind die Handlungen der Menschen denn von einerlei Art?
- Darf die Tat des Kriegers auf dem Schlachtfelde, die des wissenschaftlichen
Forschers im Laboratorium, des Staatsmannes in verwickelten diplomatischen
Angelegenheiten wissenschaftlich auf gleiche Stufe gestellt werden mit der des
Kindes, wenn es nach Milch begehrt?
- Wohl ist es wahr, daß man die Lösung einer Aufgabe da am besten versucht,
wo die Sache am einfachsten ist.
- Aber oft schon hat der Mangel an Unterscheidungsvermögen endlose Verwirrung
gebracht.
- Und ein tiefgreifender Unterschied ist es doch, ob ich weiß, warum ich
etwas tue, oder ob das nicht der Fall ist.
- Zunächst scheint das eine ganz selbstverständliche Wahrheit zu sein.
- Und doch wird von den Gegnern der Freiheit nie danach gefragt, ob denn ein
Beweggrund meines Handelns, den ich erkenne und durchschaue, für mich in
gleichem Sinne einen Zwang bedeutet, wie der organische Prozeß, der das Kind
veranlaßt, nach Milch zu schreien.
- Eduard von Hartmann behauptet in seiner «Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins» (S. 451),
das menschliche Wollen hänge von zwei Hauptfaktoren ab: von den Beweggründen
und von dem Charakter.
- Betrachtet man die Menschen alle als gleich oder doch ihre
Verschiedenheiten als unerheblich, so erscheint ihr Wollen als von außen bestimmt, nämlich durch die
Umstände, die an sie herantreten.
- Erwägt man aber, daß verschiedene Menschen eine Vorstellung erst dann zum
Beweggrund ihres Handelns machen, wenn ihr Charakter ein solcher ist, der durch
die entsprechende Vorstellung zu einer Begehrung veranlaßt wird, so erscheint
der Mensch von innen bestimmt und
nicht von außen.
- Der Mensch glaubt nun, weil er, gemäß seinem Charakter, eine ihm von außen
aufgedrängte Vorstellung erst zum Beweggrund machen muß: er sei frei, das heißt
unabhängig von äußeren Beweggründen.
- Die Wahrheit aber ist, nach Eduard von Hartmann, daß: «Wenn aber auch wir
selbst die Vorstellungen erst zu Motiven erheben, so tun wir dies doch nicht
willkürlich, sondern nach der Notwendigkeit unserer charakterologischen
Veranlagung, also nichts weniger als frei».
- Auch hier bleibt der Unterschied ohne alle Berücksichtigung, der besteht
zwischen Beweggründen, die ich erst auf mich wirken lasse, nachdem ich sie mit
meinem Bewußtsein durchdrungen habe, und solchen, denen ich folge, ohne daß ich
ein klares Wissen von ihnen besitze.
- Und dies führt unmittelbar auf den Standpunkt, von dem aus hier die Sache
angesehen werden soll.
- Darf die Frage nach der Freiheit unseres Willens überhaupt einseitig für
sich gestellt werden?
- Und wenn nicht: mit welcher andern muß sie notwendig verknüpft werden?
- Ist ein Unterschied zwischen einem bewußten Beweggrund meines Handelns und
einem unbewußten Antrieb, dann wird der erstere auch eine Handlung nach sich
ziehen, die anders beurteilt werden muß als eine solche aus blindem Drange.
- Die Frage nach diesem Unterschied wird also die erste sein.
- Und was sie ergibt, davon wird es erst abhängen, wie wir uns zu der
eigentlichen Freiheitsfrage zu stellen haben.
- Was heißt es, ein Wissen von den
Gründen seines Handelns haben?
- Man hat diese Frage zu wenig berücksichtigt, weil man leider immer in zwei
Teile zerrissen hat, was ein untrennbares Ganzes ist: den Menschen.
- Den Handelnden und den Erkennenden unterschied man, und leer ausgegangen
ist dabei nur der, auf den es vor allen andern Dingen ankommt: der aus Erkenntnis
Handelnde.
- Man sagt: frei sei der Mensch, wenn er nur unter der Herrschaft seiner
Vernunft stehe und nicht unter der der animalischen Begierden.
Oder auch: Freiheit bedeute, sein Leben und Handeln nach Zwecken und
Entschlüssen bestimmen zu können. - Mit Behauptungen solcher Art ist aber gar nichts gewonnen.
- Denn das ist ja eben die Frage, ob die Vernunft, ob Zwecke und Entschlüsse
in gleicher Weise auf den Menschen einen Zwang ausüben wie animalische
Begierden.
- Wenn ohne mein Zutun ein vernünftiger Entschluß in mir auftaucht, gerade
mit derselben Notwendigkeit wie Hunger und Durst, dann kann ich ihm nur
notgedrungen folgen, und meine Freiheit ist eine Illusion.
- Eine andere Redewendung lautet: Freisein heißt nicht
wollen können, was man will, sondern tun können, was man will.
- Diesen Gedanken hat der Dichterphilosoph Robert Hamerling in seiner «Atomistik des Willens» in
scharfumrissenen Worten gekennzeichnet:
- «Der Mensch kann allerdings tun, was er will — aber er
kann nicht wollen, was er will, weil sein Wille durch Motive bestimmt ist! — Er kann
nicht wollen, was er will?
- Sehe man sich diese Worte doch einmal näher an.
- Ist ein vernünftiger Sinn darin?
- Freiheit des Wollens müßte also darin bestehen, daß man ohne Grund, ohne
Motiv etwas wollen könnte?
- Aber was heißt denn Wollen anders, als einen Grund haben, dies lieber zu tun oder anzustreben als jenes?
- Ohne Grund, ohne Motiv etwas wollen, hieße etwas wollen, ohne es zu wollen.
- Mit dem Begriffe des Wollens ist der des Motivs unzertrennlich verknüpft.
- Ohne ein bestimmendes Motiv ist der Wille ein leeres Vermögen: erst durch das Motiv
wird er tätig und reell.
- Es ist also ganz richtig, daß der menschliche Wille insofern nicht ‹frei›
ist, als seine Richtung immer durch das stärkste der Motive bestimmt ist.
- Aber es muß andererseits zugegeben werden, daß es absurd ist, dieser
‹Unfreiheit› gegenüber von einer denkbaren ‹Freiheit› des Willens zu reden,
welche dahin ginge, wollen zu können, was man nicht will.» (Atomistik des Willens, 2. Band 5. 213 f.)
- Auch hier wird nur von Motiven im allgemeinen gesprochen, ohne auf den
Unterschied zwischen unbewußten und bewußten Rücksicht zu nehmen.
- Wenn ein Motiv auf mich wirkt und ich gezwungen bin, ihm zu folgen, weil es
sich als das «stärkste» unter seinesgleichen erweist, dann hört der Gedanke an
Freiheit auf, einen Sinn zu haben.
- Wie soll es für mich eine Bedeutung haben, ob ich etwas tun kann oder
nicht, wenn ich von dem Motive gezwungen werde,
es zu tun?
- Nicht darauf kommt es zunächst an: ob ich dann, wenn das Motiv auf mich
gewirkt hat, etwas tun kann oder nicht, sondern ob es nur solche Motive gibt,
die mit zwingender Notwendigkeit wirken.
- Wenn ich etwas wollen muß, dann
ist es mir unter Umständen höchst gleichgültig, ob ich es auch tun kann.
- Wenn mir wegen meines Charakters und wegen der in meiner Umgebung
herrschenden Umstände ein Motiv aufgedrängt wird, das sich meinem Denken
gegenüber als unvernünftig erweist, dann müßte ich sogar froh sein, wenn ich
nicht könnte, was ich will.
- Nicht darauf kommt es an, ob ich einen gefaßten Entschluß
zur Ausführung bringen kann, sondern wie der
Entschluß in mir entsteht.
- Was den Menschen von allen andern organischen Wesen unterscheidet, ruht auf
seinem vernünftigen Denken.
- Tätig zu sein, hat er mit anderen Organismen gemein.
- Nichts ist damit gewonnen, wenn man zur Aufhellung des Freiheitsbegriffes
für das Handeln des Menschen nach Analogien im Tierreiche sucht.
- Die moderne Naturwissenschaft liebt solche Analogien.
- Und wenn es ihr gelungen ist, bei den Tieren etwas dem menschlichen
Verhalten Ähnliches gefunden zu haben, glaubt sie, die wichtigste Frage der
Wissenschaft vom Menschen berührt zu haben.
- Zu welchen Mißverständnissen diese Meinung führt, zeigt sich zum Beispiel
in dem Buche: «Die Illusion der Willensfreiheit» von P. Rée, 1885, der (S. 5) über die Freiheit folgendes sagt:
- «Daß es
uns so scheint, als ob die Bewegung des Steines notwendig, des Esels Wollen
nicht notwendig wäre, ist leicht erklärlich.
- Die Ursachen, welche den Stein bewegen, sind ja draußen und sichtbar.
- Die Ursachen aber, vermöge deren der Esel will, sind drinnen und
unsichtbar: zwischen uns und der Stätte ihrer Wirksamkeit befindet sich die
Hirnschale des Esels. ...
- Man sieht die kausale Bedingtheit nicht, und meint daher, sie sei nicht
vorhanden.
- Das Wollen, erklärt man, sei zwar die Ursache der Umdrehung (des Esels),
selbst aber sei es unbedingt; es sei ein absoluter Anfang.»
- Also auch hier wieder wird über
Handlungen des Menschen, bei denen er ein Bewußtsein von den Gründen seines
Handelns hat, einfach hinweggegangen, denn Rée erklärt:
- «Zwischen uns und der Stätte ihrer Wirksamkeit befindet sich die Hirnschale
des Esels.»
- Daß es, zwar nicht Handlungen des
Esels, wohl aber solche der Menschen gibt, bei denen zwischen uns und der
Handlung das bewußt gewordene Motiv
liegt, davon hat, schon nach diesen Worten zu schließen, Rée keine Ahnung.
- Er beweist das einige Seiten später auch noch durch die Worte:
- «Wir nehmen die Ursachen nicht
wahr, durch welche unser Wollen bedingt wird, daher meinen wir, es sei
überhaupt nicht ursachlich bedingt.»
- Doch genug der Beispiele, welche beweisen, daß viele gegen die Freiheit
kämpfen, ohne zu wissen, was Freiheit überhaupt ist.
- Daß eine Handlung nicht frei sein
kann, von der der Täter nicht weiß, warum er sie vollbringt, ist ganz
selbstverständlich.
- Wie verhält es sich aber mit einer solchen, von deren Gründen gewußt wird?
- Das führt uns auf die Frage: welches ist der Ursprung und die Bedeutung des
Denkens?
- Denn ohne die Erkenntnis der denkenden
Betätigung der Seele ist ein Begriff des Wissens von etwas, also auch von
einer Handlung nicht möglich.
- Wenn wir erkennen, was Denken im allgemeinen bedeutet, dann wird es auch
leicht sein, klar darüber zu werden, was für eine Rolle das Denken beim
menschlichen Handeln spielt.
- «Das Denken macht die Seele, womit auch das Tier begabt ist, erst zum
Geiste», sagt Hegel mit Recht, und
deshalb wird das Denken auch dem menschlichen Handeln sein eigentümliches
Gepräge geben.
- Keineswegs soll behauptet werden, daß all unser Handeln nur aus der
nüchternen Überlegung unseres Verstandes fließe.
- Nur diejenigen Handlungen als im höchsten Sinne menschlich hinzustellen, die aus dem abstrakten Urteil hervorgehen,
liegt mir ganz fern.
- Aber sobald sich unser Handeln herauferhebt aus dem Gebiete der
Befriedigung rein animalischer Begierden, sind unsere Beweggründe immer von
Gedanken durchsetzt.
- Liebe, Mitleid, Patriotismus sind Triebfedern des Handelns, die sich nicht
in kalte Verstandesbegriffe auflösen lassen.
- Man sagt: das Herz, das Gemüt treten da in ihre Rechte.
- Ohne Zweifel.
- Aber das Herz und das Gemüt schaffen nicht die Beweggründe des Handelns.
- Sie setzen dieselben voraus und nehmen sie in ihren Bereich auf.
- In meinem Herzen stellt sich das Mitleid ein, wenn in meinem Bewußtsein die
Vorstellung einer mitleiderregenden Person aufgetreten ist.
- Der Weg zum Herzen geht durch den Kopf.
- Davon macht auch die Liebe keine Ausnahme.
- Wenn sie nicht die bloße Äußerung des Geschlechtstriebes ist, dann beruht
sie auf den Vorstellungen, die wir uns von dem geliebten Wesen machen.
- Und je idealistischer diese Vorstellungen sind, desto beseligender ist die
Liebe.
- Auch hier ist der Gedanke der Vater des Gefühles.
- Man sagt: die Liebe mache blind für die Schwächen des geliebten Wesens.
- Die Sache kann auch umgekehrt angefaßt werden und behauptet: die Liebe
öffne gerade für dessen Vorzüge das Auge.
- Viele gehen ahnungslos an diesen Vorzügen vorbei, ohne sie zu bemerken.
- Der eine sieht sie, und eben deswegen erwacht die Liebe in seiner Seele.
- Was hat er anderes getan: als von dem sich eine Vorstellung gemacht, wovon
hundert andere keine haben.
- Sie haben die Liebe nicht, weil ihnen die Vorstellung mangelt.
- Wir mögen die Sache anfassen wie wir wollen: immer klarer muß es werden,
daß die Frage nach dem Wesen des menschlichen Handelns die andere voraussetzt
nach dem Ursprunge des Denkens.
- Ich wende mich daher zunächst dieser Frage zu.
-
- Kapitel 2 - Der Grundtrieb zur Wissenschaft
- «Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner
Brust,
Die eine will sich von der andern
trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden
Organen;
Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.»
(Faust I, 1112-1117) - Mit diesen Worten spricht Goethe einen tief in der menschlichen Natur
begründeten Charakterzug aus.
- Nicht ein einheitlich organisiertes Wesen ist der Mensch.
- Er verlangt stets mehr, als die Welt ihm freiwillig gibt.
- Bedürfnisse hat die Natur uns gegeben; unter diesen sind solche, deren
Befriedigung sie unserer eigenen Tätigkeit überläßt.
- Reichlich sind die Gaben, die uns zugeteilt, aber noch reichlicher ist unser
Begehren.
- Wir scheinen zur Unzufriedenheit geboren.
- Nur ein besonderer Fall dieser Unzufriedenheit ist unser Erkenntnisdrang.
- Wir blicken einen Baum zweimal an.
- Wir sehen das eine Mal seine Aste in Ruhe, das andere Mal in Bewegung.
- Wir geben uns mit dieser Beobachtung nicht zufrieden.
- Warum stellt sich uns der Baum das eine Mal ruhend, das andere Mal in
Bewegung dar?
- So fragen wir.
- Jeder Blick in die Natur erzeugt in uns eine Summe von Fragen.
- Mit jeder Erscheinung, die uns entgegentritt, ist uns eine Aufgabe
mitgegeben.
- Jedes Erlebnis wird uns zum Rätsel.
- Wir sehen aus dem Ei ein dem Muttertiere ähnliches Wesen hervorgehen; wir
fragen nach dem Grunde dieser Ähnlichkeit.
- Wir beobachten an einem Lebewesen Wachsrum und Entwickelung bis zu einem
bestimmten Grade der Vollkommenheit: wir suchen nach den Bedingungen dieser
Erfahrung.
- Nirgends sind wir mit dem zufrieden, was die Natur vor unseren Sinnen
ausbreitet.
- Wir suchen überall nach dem, was wir Erklärung
der Tatsachen nennen.
- Der Überschuß dessen, was wir in den Dingen suchen, über das, was uns in
ihnen unmittelbar gegeben ist, spaltet unser ganzes Wesen in zwei Teile; wir
werden uns unseres Gegensatzes zur Welt bewußt.
- Wir stellen uns als ein selbständiges Wesen der Welt gegenüber.
- Das Universum erscheint uns in den zwei Gegensätzen: Ich und Welt.
- Diese Scheidewand zwischen uns und der Welt errichten wir, sobald das
Bewußtsein in uns aufleuchtet.
- Aber niemals verlieren wir das Gefühl, daß wir doch zur Welt gehören, daß
ein Band besteht, das uns mit ihr verbindet, daß wir nicht ein Wesen außerhalb, sondern innerhalb des
Universums sind.
- Dieses Gefühl erzeugt das Streben, den Gegensatz zu überbrücken.
- Und in der Überbrückung dieses Gegensatzes besteht im letzten Grunde das
ganze geistige Streben der Menschheit.
- Die Geschichte des geistigen Lebens ist ein fortwährendes Suchen der
Einheit zwischen uns und der Welt.
- Religion, Kunst und Wissenschaft verfolgen gleichermaßen dieses Ziel.
- Der Religiös- Gläubige sucht in der Offenbarung, die ihm Gott zuteil werden
läßt, die Lösung der Welträtsel, die ihm sein mit der bloßen Erscheinungswelt
unzufriedenes Ich aufgibt.
- Der Künstler sucht dem Stoffe die Ideen seines Ich einzubilden, um das in seinem
Innern Lebende mit der Außenwelt zu versöhnen.
- Auch er fühlt sich unbefriedigt von der bloßen Erscheinungswelt und sucht
ihr jenes Mehr einzuformen, das sein Ich, über sie hinausgehend, birgt.
- Der Denker sucht nach den Gesetzen der Erscheinungen, er strebt denkend zu
durchdringen, was er beobachtend erfährt.
- Erst wenn wir den Weltinhalt zu
unserem Gedankeninhalt gemacht haben,
erst dann finden wir den Zusammenhang wieder, aus dem wir uns selbst gelöst
haben.
- Wir werden später sehen, daß dieses Ziel nur erreicht wird, wenn die
Aufgabe des wissenschaftlichen Forschers allerdings viel tiefer aufgefaßt wird,
als dies oft geschieht.
- Das ganze Verhältnis, das ich hier dargelegt habe, tritt uns in einer
weltgeschichtlichen Erscheinung entgegen: in dem Gegensatz der einheitlichen
Weltauffassung oder des Monismus und
der Zweiweltentheorie oder des Dualismus.
- Der Dualismus richtet den Blick nur auf die von dem Bewußtsein des Menschen
vollzogene Trennung zwischen Ich und Welt.
- Sein ganzes Streben ist ein ohnmächtiges Ringen nach der Versöhnung dieser
Gegensätze, die er bald Geist und Materie, bald Subjekt und Objekt, bald Denken und Erscheinung nennt.
- Er hat ein Gefühl, daß es eine Brücke geben muß zwischen den beiden Welten,
aber er ist nicht imstande, sie zu finden.
- Indem der Mensch sich als «Ich» erlebt, kann er nicht anders als dieses
«Ich» auf der Seite des Geistes denken;
und indem er diesem Ich die Welt entgegensetzt, muß er zu dieser die den Sinnen
gegebene Wahrnehmungswelt rechnen, die materielle
Welt.
- Dadurch stellt sich der Mensch selbst in den Gegensatz Geist und Materie
hinein.
- Er muß dies um so mehr tun, als zur materiellen Welt sein eigener Leib
gehört.
- Das «Ich» gehört so dem Geistigen als ein Teil an; die materiellen Dinge und Vorgänge, die von den Sinnen wahrgenommen
werden, der «Welt».
- Alle Rätsel, die sich auf Geist und Materie beziehen, muß der Mensch in dem
Grundrätsel seines eigenen Wesens wiederfinden.
- Der Monismus richtet den Blick
allein auf die Einheit und sucht die einmal vorhandenen Gegensätze zu leugnen
oder zu verwischen.
- Keine von den beiden Anschauungen kann befriedigen, denn sie werden den
Tatsachen nicht gerecht.
- Der Dualismus sieht Geist (Ich) und Materie (Welt) als zwei
grundverschiedene Wesenheiten an, und kann deshalb nicht begreifen, wie beide
aufeinander wirken können.
- Wie soll der Geist wissen, was in der Materie vorgeht, wenn ihm deren
eigentümliche Natur ganz fremd ist?
- Oder wie soll er unter diesen Umständen auf sie wirken, so daß sich seine
Absichten in Taten umsetzen?
- Die scharfsinnigsten und die widersinnigsten Hypothesen wurden aufgestellt,
um diese Fragen zu lösen.
- Aber auch mit dem Monismus steht es bis heute nicht viel besser.
- Er hat sich bis jetzt in einer dreifachen Art zu helfen gesucht: Entweder
er leugnet den Geist und wird zum Materialismus; oder er leugnet die Materie,
um im Spiritualismus sein Heil zu suchen; oder aber er behauptet, daß auch
schon in dem einfachsten Weltwesen Materie und Geist untrennbar verbunden
seien, weswegen man gar nicht erstaunt zu sein brauchte, wenn in dem Menschen
diese zwei Daseinsweisen auftreten, die ja nirgends getrennt sind.
- Der Materialismus kann niemals
eine befriedigende Welterklärung liefern.
- Denn jeder Versuch einer Erklärung muß damit beginnen, daß man sich Gedanken über die Welterscheinungen
bildet.
- Der Materialismus macht deshalb den Anfang mit dem Gedanken der Materie oder der materiellen Vorgänge.
- Damit hat er bereits zwei verschiedene Tatsachengebiete vor sich: die
materielle Welt und die Gedanken über sie.
- Er sucht die letzteren dadurch zu begreifen, daß er sie als einen rein
materiellen Prozeß auffaßt.
- Er glaubt, daß das Denken im Gehirne etwa so zustande komme, wie die
Verdauung in den animalischen Organen.
- So wie er der Materie mechanische und organische Wirkungen zuschreibt, so
legt er ihr auch die Fähigkeit bei, unter bestimmten Bedingungen zu denken.
- Er vergißt, daß er nun das Problem nur an einen andern Ort verlegt hat.
- Statt sich selbst, schreibt er die Fähigkeit des Denkens der Materie zu.
- Und damit ist er wieder an seinem Ausgangspunkte.
- Wie kommt die Materie dazu, über ihr eigenes Wesen nachzudenken?
- Warum ist sie nicht einfach mit sich zufrieden und nimmt ihr Dasein hin?
- Von dem bestimmten Subjekt, von unserem eigenen Ich hat der Materialist den
Blick abgewandt und auf ein unbestimmtes, nebelhaftes Gebilde ist er gekommen.
- Und hier tritt ihm dasselbe Rätsel entgegen.
- Die materialistische Anschauung vermag das Problem nicht zu lösen, sondern
nur zu verschieben.
- Wie steht es mit der spiritualistischen?
- Der reine Spiritualist leugnet
die Materie in ihrem selbständigen Dasein und faßt sie nur als Produkt des
Geistes auf.
- Wendet er diese Weltanschauung auf die Enträtselung der eigenen
menschlichen Wesenheit an, so wird er in die Enge getrieben.
- Dem Ich, das auf die Seite des Geistes gestellt werden kann, steht
unvermittelt gegenüber die sinnliche Welt.
- Zu dieser scheint ein geistiger Zugang
sich nicht zu eröffnen, sie muß durch materielle Prozesse von dem Ich
wahrgenommen und erlebt werden.
- Solche materielle Prozesse findet das «Ich» in sich nicht, wenn es sich nur
als geistige Wesenheit gelten lassen will.
- Was es geistig sich erarbeitet, in dem ist nie die Sinneswelt drinnen.
- Es scheint das «Ich» zugeben zu müssen, daß ihm die Welt verschlossen
bliebe, wenn es nicht sich auf ungeistige Art zu ihr in ein Verhältnis setzte.
- Ebenso müssen wir, wenn wir ans Handeln gehen, unsere Absichten mit Hilfe
der materiellen Stoffe und Kräfte in Wirklichkeit um setzen.
- Wir sind also auf die Außenwelt angewiesen.
- Der extremste Spiritualist, oder wenn man will, der durch den absoluten
Idealismus sich als extremer Spiritualist darstellende Denker ist Johann Gottlieb Fichte.
- Er versuchte das ganze Weltgebäude aus dem «Ich» abzuleiten.
- Was ihm dabei wirklich gelungen ist, ist ein großartiges Gedankenbild der Welt, ohne allen
Erfahrungsinhalt.
- So wenig es dem Materialisten möglich ist, den Geist, ebensowenig ist es
dem Spiritualisten möglich, die materielle Außenwelt wegzudekretieren.
- Weil der Mensch, wenn er die Erkenntnis auf das «Ich» lenkt, zunächst das
Wirken dieses «Ich» in der gedanklichen Ausgestaltung der Ideenwelt wahrnimmt,
kann sich die spiritualistisch gerichtete Weltanschauung beim Hinblicke auf die
eigene menschliche Wesenheit versucht fühlen, von dem Geiste nur diese
Ideenwelt anzuerkennen.
- Der Spiritualismus wird auf diese Art zum einseitigen Idealismus.
- Er kommt nicht dazu, durch die
Ideenwelt eine geistige Welt zu
suchen; er sieht in der Ideenwelt selbst die geistige Welt.
- Dadurch wird er dazu getrieben, innerhalb der Wirksamkeit des «Ich» selbst,
wie festgebannt, mit seiner Weltanschauung stehen bleiben zu müssen.
- Eine merkwürdige Abart des Idealismus ist die Anschauung Friedrich Albert Langes, wie er sie in
seiner vielgelesenen «Geschichte des Materialismus» vertreten hat.
- Er nimmt an, daß der Materialismus ganz recht habe, wenn er alle
Welterscheinungen, einschließlich unseres Denkens, für das Produkt rein
stofflicher Vorgänge erklärt; nur sei umgekehrt die Materie und ihre Vorgänge
selbst wieder ein Produkt unseres Denkens.
- «Die Sinne geben uns ... Wirkungen der
Dinge, nicht getreue Bilder, oder gar die Dinge selbst.
- Zu diesen bloßen Wirkungen gehören aber auch die Sinne selbst samt dem Hirn
und den in ihm gedachten Molekularbewegungen.»
- Das heißt, unser Denken wird von den
materiellen Prozessen erzeugt und diese von dem Denken des «Ich».
- Langes Philosophie ist somit nichts anderes, als die in Begriffe umgesetzte
Geschichte des wackeren Münchhausen, der sich an seinem eigenen Haarschopf frei
in der Luft festhält.
- Die dritte Form des Monismus ist die, welche in dem einfachsten Wesen
(Atom) bereits die beiden Wesenheiten, Materie und Geist, vereinigt sieht.
- Damit ist aber auch nichts erreicht, als daß die Frage, die eigentlich in
unserem Bewußtsein entsteht, auf einen anderen Schauplatz versetzt wird.
- Wie kommt das einfache Wesen dazu, sich in einer zweifachen Weise zu
äußern, wenn es eine ungetrennte Einheit ist?
- Allen diesen Standpunkten gegenüber muß geltend gemacht werden, daß uns der
Grund, und Urgegensatz zuerst in unserem eigenen Bewußtsein entgegentritt.
- Wir sind es selbst, die wir uns von dem Mutterboden der Natur loslösen, und
uns als «Ich» der «Welt» gegenüberstellen.
- Klassisch spricht das Goethe in
seinem Aufsatz «Die Natur» aus, wenn auch seine Art zunächst als ganz
unwissenschaftlich gelten mag:
- «Wir leben mitten in ihr (der Natur) und sind
ihr fremde.
- Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht.»
- Aber auch die Kehrseite kennt
Goethe:
- «Die Menschen sind alle in ihr und sie in allen.»
- So wahr es ist, daß wir uns der Natur entfremdet haben, so wahr ist es, daß
wir fühlen: wir sind in ihr und gehören zu ihr.
- Es kann nur ihr eigenes Wirken sein, das auch in uns lebt.
- Wir müssen den Weg zu ihr zurück wieder finden.
- Eine einfache Überlegung kann uns diesen Weg weisen.
- Wir haben uns zwar losgerissen von der Natur; aber wir müssen doch etwas
mit herübergenommen haben in unser eigenes Wesen.
- Dieses Naturwesen in uns müssen wir aufsuchen, dann werden wir den
Zusammenhang auch wieder finden.
- Das versäumt der Dualismus.
- Er hält das menschliche Innere für ein der Natur ganz fremdes Geistwesen
und sucht dieses an die Natur anzukoppeln.
- Kein Wunder, daß er das Bindeglied nicht finden kann.
- Wir können die Natur außer uns nur finden, wenn wir sie in uns erst kennen.
- Das ihr Gleiche in unserem eigenen Innern wird uns der Führer sein.
- Damit ist uns unsere Bahn vorgezeichnet.
- Wir wollen keine Spekulationen anstellen über die Wechselwirkung von Natur
und Geist.
- Wir wollen aber hinuntersteigen in die Tiefen unseres eigenen Wesens, um da
jene Elemente zu finden, die wir herübergerettet haben bei unserer Flucht aus
der Natur.
- Die Erforschung unseres Wesens muß uns die Lösung des Rätsels bringen.
- Wir müssen an einen Punkt kommen, wo wir uns sagen können: Hier sind wir
nicht mehr bloß «Ich», hier liegt etwas, was mehr als «Ich» ist.
- Ich bin darauf gefaßt, daß mancher, der bis hierher gelesen hat, meine
Ausführungen nicht «dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft» gemäß findet.
- Ich kann dem gegenüber nur erwidern, daß ich es bisher mit keinerlei
wissenschaftlichen Resultaten zu tun haben wollte, sondern mit der einfachen
Beschreibung dessen, was jedermann in seinem eigenen Bewußtsein erlebt.
- Daß dabei auch einzelne Sätze über Versöhnungsversuche des Bewußtseins mit
der Welt eingeflossen sind, hat nur den Zweck, die eigentlichen Tatsachen zu
verdeutlichen.
- Ich habe deshalb auch keinen Wert darauf gelegt, die einzelnen Ausdrücke,
wie «Ich», «Geist», «Welt», «Natur» und so weiter in der präzisen Weise zu
gebrauchen, wie es in der Psychologie und Philosophie üblich ist.
- Das alltägliche Bewußtsein kennt die scharfen Unterschiede der Wissenschaft
nicht, und um eine Aufnahme des alltäglichen Tatbestandes handelte es sich
bisher bloß.
- Nicht wie die Wissenschaft bisher das Bewußtsein interpretiert hat, geht
mich an, sondern wie sich dasselbe stündlich darlebt.
-
- Kapitel 3 - Das Denken im Dienste der Weltauffassung
- Wenn ich beobachte, wie eine Billardkugel, die gestoßen wird, ihre Bewegung
auf eine andere überträgt, so bleibe ich auf den Verlauf dieses beobachteten
Vorganges ganz ohne Einfluß.
- Die Bewegungsrichtung und Schnelligkeit der zweiten Kugel ist durch die
Richtung und Schnelligkeit der ersten bestimmt.
- Solange ich mich bloß als Beobachter verhalte, weiß ich über die Bewegung
der zweiten Kugel erst dann etwas zu sagen, wenn dieselbe eingetreten ist.
- Anders ist die Sache, wenn ich über den Inhalt meiner Beobachtung
nachzudenken beginne.
- Mein Nachdenken hat den Zweck, von dem Vorgange Begriffe zu bilden.
- Ich bringe den Begriff einer elastischen Kugel in Verbindung mit gewissen
anderen Begriffen der Mechanik und ziehe die besonderen Umstände in Erwägung,
die in dem vorkommenden Falle obwalten.
- Ich suche also zu dem Vorgange, der sich ohne mein Zutun abspielt, einen
zweiten hinzuzufügen, der sich in der begrifflichen Sphäre vollzieht.
- Der letztere ist von mir abhängig.
- Das zeigt sich dadurch, daß ich mich mit der Beobachtung begnügen und auf
alles Begriffesuchen verzichten kann, wenn ich kein Bedürfnis danach habe.
- Wenn dieses Bedürfnis aber vorhanden ist, dann beruhige ich mich erst, wenn
ich die Begriffe: Kugel, Elastizität, Bewegung, Stoß, Geschwindigkeit usw. in eine gewisse Verbindung gebracht habe, zu welcher der beobachtete
Vorgang in einem bestimmten Verhältnisse steht.
- So gewiß es nun ist, daß sich der Vorgang unabhängig von mir vollzieht, so
gewiß ist es, daß sich der begriffliche Prozeß ohne mein Zutun nicht abspielen
kann.
- Ob diese meine Tätigkeit wirklich der Ausfluß meines selbständigen Wesens
ist, oder ob die modernen Physiologen recht haben, welche sagen, daß wir nicht
denken können, wie wir wollen, sondern denken müssen, wie es die gerade in
unserem Bewußtsein vorhandenen Gedanken und Gedankenverbindungen bestimmen
(vergleiche Ziehen, Leitfaden der
physiologischen Psychologie, Jena 1893, S. 171), wird Gegenstand einer späteren
Auseinandersetzung sein.
- Vorläufig wollen wir bloß die Tatsache feststellen, daß wir uns fortwährend
gezwungen fühlen, zu den ohne unser Zutun uns gegebenen Gegenständen und
Vorgängen Begriffe und Begriffsverbindungen zu suchen, die zu jenen in einer
gewissen Beziehung stehen.
- Ob dies Tun in Wahrheit unser Tun
ist, oder ob wir es einer unabänderlichen Notwendigkeit gemäß vollziehen,
lassen wir vorläufig dahingestellt.
- Daß es uns zunächst als das unsrige erscheint, ist ohne Frage.
- Wir wissen ganz genau, daß uns mit den Gegenständen nicht zugleich deren
Begriffe mitgegeben werden.
- Daß ich selbst der Tätige bin, mag auf einem Schein beruhen; der
unmittelbaren Beobachtung stellt sich die Sache jedenfalls so dar.
- Die Frage ist nun: was gewinnen wir dadurch, daß wir zu einem Vorgange ein
begriffliches Gegenstück hinzufinden?
- Es ist ein tiefgreifender Unterschied zwischen der Art, wie sich für mich
die Teile eines Vorganges zueinander verhalten vor und nach der Auffindung der
entsprechenden Begriffe.
- Die bloße Beobachtung kann die Teile eines gegebenen Vorganges in ihrem
Verlaufe verfolgen; ihr Zusammenhang bleibt aber vor der Zuhilfenahme von
Begriffen dunkel.
- Ich sehe die erste Billardkugel in einer gewissen Richtung und mit einer
bestimmten Geschwindigkeit gegen die zweite sich bewegen; was nach erfolgtem
Stoß geschieht, muß ich abwarten und kann es dann auch wieder nur mit den Augen
verfolgen.
- Nehmen wir an, es verdecke mir im Augenblicke des Stoßes jemand das Feld,
auf dem der Vorgang sich abspielt, so bin ich — als bloßer Beobachter — ohne
Kenntnis, was nachher geschieht.
- Anders ist das, wenn ich für die Konstellation der Verhältnisse vor dem
Verdecken die entsprechenden Begriffe gefunden habe.
- In diesem Falle kann ich angeben, was geschieht, auch wenn die Möglichkeit
der Beobachtung aufhört.
- Ein bloß beobachteter Vorgang oder Gegenstand ergibt aus sich selbst nichts
über seinen Zusammenhang mit anderen Vorgängen oder Gegenständen.
- Dieser Zusammenhang wird erst ersichtlich, wenn sich die Beobachtung mit
dem Denken verbindet.
- Beobachtung und Denken sind die beiden Ausgangspunkte für alles geistige Streben des Menschen,
insoferne er sich eines solchen bewußt ist.
- Die Verrichtungen des gemeinen Menschenverstandes und die verwickeltesten
wissenschaftlichen Forschungen ruhen auf diesen beiden Grundsäulen unseres
Geistes.
- Die Philosophen sind von verschiedenen Urgegensätzen ausgegangen: Idee und
Wirklichkeit, Subjekt und Objekt, Erscheinung und Ding an sich, Ich und
Nicht-Ich, Idee und Wille, Begriff und Materie, Kraft und Stoff, Bewußtes und
Unbewußtes.
- Es läßt sich aber leicht zeigen, daß allen diesen Gegensätzen der von Beobachtung und Denken, als der für den Menschen wichtigste, vorangehen muß.
- Was für ein Prinzip wir auch aufstellen mögen: wir müssen es irgendwo als
von uns beobachtet nachweisen, oder in Form eines klaren Gedankens, der von
jedem anderen nachgedacht werden kann, aussprechen.
- Jeder Philosoph, der anfängt über seine Urprinzipien zu sprechen, muß sich
der begrifflichen Form, und damit des Denkens bedienen.
- Er gibt damit indirekt zu, daß er zu seiner Betätigung das Denken bereits
voraussetzt.
- Ob das Denken oder irgend etwas anderes Hauptelement der Weltentwickelung
ist, darüber werde hier noch nichts ausgemacht.
- Daß aber der Philosoph ohne das Denken kein Wissen darüber gewinnen kann,
das ist von vornherein klar.
- Beim Zustandekommen der Welterscheinungen mag das Denken eine Nebenrolle
spielen, beim Zustandekommen einer Ansicht darüber kommt ihm aber sicher eine
Hauptrolle zu.
- Was nun die Beobachtung betrifft, so liegt es in unserer Organisation, daß
wir derselben bedürfen.
- Unser Denken über ein Pferd und der Gegenstand Pferd sind zwei Dinge, die
für uns getrennt auftreten.
- Und dieser Gegenstand ist uns nur durch Beobachtung zugänglich.
- So wenig wir durch das bloße Anstarren eines Pferdes uns einen Begriff von
demselben machen können, ebensowenig sind wir imstande, durch bloßes Denken
einen entsprechenden Gegenstand hervorzubringen.
- Zeitlich geht die Beobachtung sogar dem Denken voraus.
- Denn auch das Denken müssen wir erst durch Beobachtung kennenlernen.
- Es war wesentlich die Beschreibung einer Beobachtung, als wir am Eingange
dieses Kapitels darstellten, wie sich das Denken an einem Vorgange entzündet
und über das ohne sein Zutun Gegebene hinausgeht.
- Alles was in den Kreis unserer Erlebnisse eintritt, werden wir durch die
Beobachtung erst gewahr.
- Der Inhalt von Empfindungen, Wahrnehmungen, Anschauungen, die Gefühle,
Willensakte, Traum- und Phantasiegebilde, Vorstellungen, Begriffe und Ideen,
sämtliche Illusionen und Halluzinationen werden uns durch die Beobachtung gegeben.
- Nur unterscheidet sich das Denken als Beobachtungsobjekt doch wesentlich
von allen andern Dingen.
- Die Beobachtung eines Tisches, eines Baumes tritt bei mir ein, sobald diese
Gegenstände auf dem Horizonte meiner Erlebnisse auftauchen.
- Das Denken aber über diese Gegenstände beobachte ich nicht gleichzeitig.
- Den Tisch beobachte ich, das Denken über den Tisch führe ich aus, aber ich
beobachte es nicht in demselben Augenblicke.
- Ich muß mich erst auf einen Standpunkt außerhalb meiner eigenen Tätigkeit
versetzen, wenn ich neben dem Tische auch mein Denken über den Tisch beobachten
will.
- Während das Beobachten der Gegenstände und Vorgänge und das Denken darüber
ganz alltägliche, mein fortlaufendes Leben ausfüllende Zustände sind, ist die
Beobachtung des Denkens eine Art Ausnahmezustand.
- Diese Tatsache muß in entsprechender Weise berücksichtigt werden, wenn es
sich darum handelt, das Verhältnis des Denkens zu allen anderen
Beobachtungsinhalten zu bestimmen.
- Man muß sich klar darüber sein, daß man bei der Beobachtung des Denkens auf
dieses ein Verfahren anwendet, das für die Betrachtung des ganzen übrigen
Weltinhaltes den normalen Zustand bildet, das aber im Verfolge dieses normalen
Zustandes für das Denken selbst nicht eintritt.
- Es könnte jemand den Einwand machen, daß das gleiche, was ich hier von dem
Denken bemerkt habe, auch von dem Fühlen und den übrigen geistigen Tätigkeiten
gelte.
- Wenn wir zum Beispiel das Gefühl der Lust haben, so entzünde sich das auch
an einem Gegenstande, und ich beobachte zwar diesen Gegenstand, nicht aber das
Gefühl der Lust.
- Dieser Einwand beruht aber auf einem Irrtum.
- Die Lust steht durchaus nicht in demselben Verhältnisse zu ihrem
Gegenstande wie der Begriff, den das Denken bildet.
- Ich bin mir auf das bestimmteste bewußt, daß der Begriff einer Sache durch
meine Tätigkeit gebildet wird, während die Lust in mir auf ähnliche Art durch
einen Gegenstand erzeugt wird, wie zum Beispiel die Veränderung, die ein
fallender Stein in einem Gegenstande bewirkt, auf den er auffällt.
- Für die Beobachtung ist die Lust in genau derselben Weise gegeben, wie der
sie veranlassende Vorgang.
- Ein gleiches gilt nicht vom Begriffe.
- Ich kann fragen: warum erzeugt ein bestimmter Vorgang bei mir das Gefühl
der Lust?
- Aber ich kann durchaus nicht fragen: warum erzeugt ein Vorgang bei mir eine
bestimmte Summe von Begriffen?
- Das hätte einfach keinen Sinn.
- Bei dem Nachdenken über einen Vorgang handelt es sich gar nicht um eine
Wirkung auf mich.
- Ich kann dadurch nichts über mich erfahren, daß ich für die beobachtete
Veränderung, die ein gegen eine Fensterscheibe geworfener Stein in dieser
bewirkt, die entsprechenden Begriffe kenne.
- Aber ich erfahre sehr wohl etwas über meine Persönlichkeit, wenn ich das
Gefühl kenne, das ein bestimmter Vorgang in mir erweckt.
- Wenn ich einem beobachteten Gegenstand gegenüber sage: dies ist eine Rose,
so sage ich über mich selbst nicht das geringste aus; wenn ich aber von
demselben Dinge sage: es bereitet mir das Gefühl der Lust, so habe ich nicht
nur die Rose, sondern auch mich selbst in meinem Verhältnis zur Rose
charakterisiert.
- Von einer Gleichstellung des Denkens mit dem Fühlen der Beobachtung
gegenüber kann also nicht die Rede sein.
- Dasselbe ließe sich leicht auch für die andern Tätigkeiten des menschlichen
Geistes ableiten.
- Sie gehören dem Denken gegenüber in eine Reihe mit anderen beobachteten
Gegenständen und Vorgängen.
- Es gehört eben zu der eigentümlichen Natur des Denkens, daß es eine
Tätigkeit ist, die bloß auf den beobachteten Gegenstand gelenkt ist und nicht
auf die denkende Persönlichkeit.
- Das spricht sich schon in der Art aus, wie wir unsere Gedanken über eine
Sache zum Ausdruck bringen im Gegensatz zu unseren Gefühlen oder Willensakten.
- Wenn ich einen Gegenstand sehe und diesen als einen Tisch erkenne, werde
ich im allgemeinen nicht sagen: ich denke über einen Tisch, sondern: dies ist
ein Tisch.
- Wohl aber werde ich sagen: ich freue mich über den Tisch.
- Im ersteren Falle kommt es mir eben gar nicht darauf an, auszusprechen, daß
ich zu dem Tisch in ein Verhältnis trete; in dem zweiten Falle handelt es sich
aber gerade um dieses Verhältnis.
- Mit dem Ausspruch: ich denke über einen Tisch, trete ich bereits in den
oben charakterisierten Ausnahmezustand ein, wo etwas zum Gegenstand der
Beobachtung gemacht wird, was in unserer geistigen Tätigkeit immer mitenthalten
ist, aber nicht als beobachtetes Objekt.
- Das ist die eigentümliche Natur des Denkens, daß der
Denkende das Denken vergißt, während er es ausübt.
- Nicht das Denken beschäftigt ihn, sondern der Gegenstand des Denkens, den
er beobachtet.
- Die erste Beobachtung, die wir über das Denken machen, ist also die, daß es
das unbeobachtete Element unseres gewöhnlichen Geisteslebens ist.
- Der Grund, warum wir das Denken im alltäglichen Geistesleben nicht
beobachten, ist kein anderer als der, daß es auf unserer eigenen Tätigkeit
beruht.
- Was ich nicht selbst hervorbringe, tritt als ein Gegenständliches in mein
Beobachtungsfeld ein.
- Ich sehe mich ihm als einem ohne mich zustande Gekommenen gegenüber; es
tritt an mich heran; ich muß es als die Voraussetzung meines Denkprozesses
hinnehmen.
- Während ich über den Gegenstand nachdenke, bin ich mit diesem beschäftigt,
mein Blick ist ihm zugewandt.
- Diese Beschäftigung ist eben die denkende Betrachtung.
- Nicht auf meine Tätigkeit, sondern auf das Objekt dieser Tätigkeit ist
meine Aufmerksamkeit gerichtet.
- Mit anderen Worten: während ich denke, sehe ich nicht auf mein Denken, das
ich selbst hervorbringe, sondern auf das Objekt des Denkens, das ich nicht
hervorbringe.
- Ich bin sogar in demselben Fall, wenn ich den Ausnahmezustand eintreten
lasse, und über mein Denken selbst nachdenke.
- Ich kann mein gegenwärtiges Denken nie beobachten; sondern nur die Erfahrungen,
die ich über meinen Denkprozeß gemacht habe, kann ich nachher zum Objekt des
Denkens machen.
- Ich müßte mich in zwei Persönlichkeiten spalten: in eine, die denkt, und in
die andere, welche sich bei diesem Denken selbst zusieht, wenn ich mein gegenwärtiges
Denken beobachten wollte.
- Das kann ich nicht.
- Ich kann das nur in zwei getrennten Akten ausführen.
- Das Denken, das beobachtet werden soll, ist nie das dabei in Tätigkeit
befindliche, sondern ein anderes.
- Ob ich zu diesem Zwecke meine Beobachtungen an meinem eigenen früheren
Denken mache, oder ob ich den Gedankenprozeß einer anderen Person verfolge,
oder endlich, ob ich, wie im obigen Falle mit der Bewegung der Billardkugeln,
einen fingierten Gedankenprozeß voraussetze, darauf kommt es nicht an.
- Zwei Dinge vertragen sich nicht: tätiges Hervorbringen und beschauliches
Gegenüberstellen.
- Das weiß schon das erste Buch Moses.
- An den ersten sechs Welttagen läßt es Gott die Welt hervorbringen, und erst
als sie da ist, ist die Möglichkeit vorhanden, sie zu beschauen:
- «Und Gott sahe
an alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut.»
- So ist es auch mit unserem Denken.
- Es muß erst da sein, wenn wir es beobachten wollen.
- Der Grund, der es uns unmöglich macht, das Denken in seinem jeweilig gegenwärtigen
Verlauf zu beobachten, ist der gleiche wie der, der es uns unmittelbarer und
intimer erkennen läßt als jeden andern Prozeß der Welt.
- Eben weil wir es selbst hervorbringen, kennen wir das Charakteristische
seines Verlaufs, die Art, wie sich das dabei in Betracht kommende Geschehen
vollzieht.
- Was in den übrigen Beobachtungssphären nur auf mittelbare Weise gefunden
werden kann: der sachlich-entsprechende Zusammenhang und das Verhältnis der
einzelnen Gegenstände, das wissen wir beim Denken auf ganz unmittelbare Weise.
- Warum für meine Beobachtung der Donner auf den Blitz folgt, weiß ich nicht
ohne weiteres; warum mein Denken den Begriff
Donner mit dem des Blitzes verbindet, weiß ich unmittelbar aus den Inhalten
der beiden Begriffe.
- Es kommt natürlich gar nicht darauf an, ob ich die richtigen Begriffe von
Blitz und Donner habe.
- Der Zusammenhang derer, die ich habe, ist mir klar, und zwar durch sie
selbst.
- Diese durchsichtige Klarheit in bezug auf den Denkprozeß ist ganz
unabhängig von unserer Kenntnis der physiologischen Grundlagen des Denkens.
- Ich spreche hier von dem Denken, insoferne es sich aus der Beobachtung
unserer geistigen Tätigkeit ergibt.
- Wie ein materieller Vorgang meines Gehirns einen andern veranlaßt oder
beeinflußt, während ich eine Gedankenoperation ausführe, kommt dabei gar nicht
in Betracht.
- Was ich am Denken beobachte, ist nicht: welcher Vorgang in meinem Gehirne
den Begriff des Blitz es mit dem des Donners verbindet, sondern, was mich
veranlaßt, die beiden Begriffe in ein bestimmtes Verhältnis zu bringen.
- Meine Beobachtung ergibt, daß mir für meine Gedankenverbindungen nichts
vorliegt, nach dem ich mich richte, als der Inhalt meiner Gedanken; nicht nach
den materiellen Vorgängen in meinem Gehirn richte ich mich.
- Für ein weniger materialistisches Zeitalter als das unsrige wäre diese
Bemerkung natürlich vollständig überflüssig.
- Gegenwärtig aber, wo es Leute gibt, die glauben: wenn wir wissen, was
Materie ist, werden wir auch wissen, wie die Materie denkt, muß doch gesagt
werden, daß man vom Denken reden kann, ohne sogleich mit der Gehirnphysiologie
in Kollision zu treten.
- Es wird heute sehr vielen Menschen schwer, den Begriff des Denkens in
seiner Reinheit zu fassen.
- Wer der Vorstellung, die ich hier vom Denken entwickelt habe, sogleich den
Satz des Cabanis entgegensetzt: «Das
Gehirn sondert Gedanken ab wie die Leber Galle, die Speicheldrüse Speichel
usw.», der weiß einfach nicht, wovon ich rede.
- Er sucht das Denken durch einen bloßen Beobachtungsprozeß zu finden in
derselben Art, wie wir bei anderen Gegenständen des Weltinhaltes verfahren.
- Er kann es aber auf diesem Wege nicht finden, weil es sich, wie ich
nachgewiesen habe, gerade da der normalen Beobachtung entzieht.
- Wer den Materialismus nicht überwinden kann, dem fehlt die Fähigkeit, bei
sich den geschilderten Ausnahmezustand herbeizuführen, der ihm zum Bewußtsein
bringt, was bei aller andern Geistestätigkeit unbewußt bleibt.
- Wer den guten Willen nicht hat, sich in diesen Standpunkt zu versetzen, mit
dem könnte man über das Denken so wenig wie mit dem Blinden über die Farbe
sprechen.
- Er möge nur aber nicht glauben, daß wir physiologische Prozesse für Denken
halten.
- Er erklärt das Denken nicht, weil er es überhaupt nicht sieht.
- Für jeden aber, der die Fähigkeit hat, das Denken zu beobachten — und bei gutem
Willen hat sie jeder normal organisierte Mensch —, ist diese Beobachtung die
allerwichtigste, die er machen kann.
- Denn er beobachtet etwas, dessen Hervorbringer er selbst ist; er sieht sich
nicht einem zunächst fremden Gegenstande, sondern seiner eigenen Tätigkeit
gegenüber.
- Er weiß, wie das zustande kommt, was er beobachtet.
- Er durchschaut die Verhältnisse und Beziehungen.
- Es ist ein fester Punkt gewonnen, von dem aus man mit begründeter Hoffnung
nach der Erklärung der übrigen Welterscheinungen suchen kann.
- Das Gefühl, einen solchen festen Punkt zu haben, veranlaßte den Begründer
der neueren Philosophie, Renatus Cartesius, das ganze menschliche Wissen auf
den Satz zu gründen: Ich denke, also bin
ich.
- Alle andern Dinge, alles andere Geschehen ist ohne mich da; ich weiß nicht,
ob als Wahrheit, ob als Gaukelspiel und Traum.
- Nur eines weiß ich ganz unbedingt sicher, denn ich bringe es selbst zu
seinem sichern Dasein: mein Denken.
- Mag es noch einen andern Ursprung seines Daseins haben, mag es von Gott
oder anderswoher kommen; daß es in dem Sinne da ist, in dem ich es selbst
hervorbringe, dessen bin ich gewiß.
- Einen andern Sinn seinem Satze unterzulegen hatte Cartesius zunächst keine
Berechtigung.
- Nur daß ich mich innerhalb des Weltinhaltes in meinem Denken als in meiner
ureigensten Tätigkeit erfasse, konnte er behaupten.
- Was das darangehängte: also bin ich heißen
soll, darüber ist viel gestritten worden.
- Einen Sinn kann es aber nur unter einer einzigen Bedingung haben.
- Die einfachste Aussage, die ich von einem Dinge machen kann, ist die, daß
es ist, daß es existiert.
- Wie dann dieses Dasein näher zu bestimmen ist, das ist bei keinem Dinge,
das in den Horizont meiner Erlebnisse eintritt, sogleich im Augenblicke zu
sagen.
- Es wird jeder Gegenstand erst in seinem Verhältnisse zu andern zu
untersuchen sein, um bestimmen zu können, in welchem Sinne von ihm als einem
existierenden gesprochen werden kann.
- Ein erlebter Vorgang kann eine Summe von Wahrnehmungen, aber auch ein
Traum, eine Halluzination und so weiter sein.
- Kurz, ich kann nicht sagen, in welchem Sinne er existiert.
- Das werde ich dem Vorgange selbst nicht entnehmen können, sondern ich werde
es erfahren, wenn ich ihn im Verhältnisse zu andern Dingen betrachte.
- Da kann ich aber wieder nicht mehr wissen,
als wie er im Verhältnisse zu diesen Dingen steht.
- Mein Suchen kommt erst auf einen festen Grund, wenn ich ein Objekt finde,
bei dem ich den Sinn seines Daseins aus ihm selbst schöpfen kann.
- Das bin ich aber selbst als Denkender, denn ich gebe meinem Dasein den
bestimmten, in sich beruhenden Inhalt der denkenden Tätigkeit.
- Nun kann ich von da ausgehen und fragen: Existieren die andern Dinge in dem
gleichen oder in einem andern Sinne?
- Wenn man das Denken zum Objekt der Beobachtung macht, fügt man zu dem
übrigen beobachteten Weltinhalte etwas dazu, was sonst der Aufmerksamkeit
entgeht; man ändert aber nicht die Art, wie sich der Mensch auch den andern
Dingen gegenüber verhält.
- Man vermehrt die Zahl der Beobachtungsobjekte, aber nicht die Methode des
Beobachtens.
- Während wir die andern Dinge beobachten, mischt sich in das Weltgeschehen —
zu dem ich jetzt das Beobachten mitzähle — ein Prozeß, der übersehen wird.
- Es ist etwas von allem andern Geschehen verschiedenes vorhanden, das nicht
mitberücksichtigt wird.
- Wenn ich aber mein Denken betrachte, so ist kein solches unberücksichtigtes
Element vorhanden.
- Denn was jetzt im Hintergrunde schwebt, ist selbst wieder nur das Denken.
- Der beobachtete Gegenstand ist qualitativ derselbe wie die Tätigkeit, die
sich auf ihn richtet.
- Und das ist wieder eine charakteristische Eigentümlichkeit des Denkens.
- Wenn wir es zum Betrachtungsobjekt machen, sehen wir uns nicht gezwungen,
dies mit Hilfe eines Qualitativ-Verschiedenen zu tun, sondern wir können in
demselben Element verbleiben.
- Wenn ich einen ohne mein Zutun gegebenen Gegenstand in mein Denken
einspinne, so gehe ich über meine Beobachtung hinaus, und es wird sich darum
handeln: was gibt mir ein Recht dazu?
- Warum lasse ich den Gegenstand nicht einfach auf mich einwirken?
- Auf welche Weise ist es möglich, daß mein Denken einen Bezug zu dem
Gegenstande hat?
- Das sind Fragen, die sich jeder stellen muß, der über seine eigenen
Gedankenprozesse nachdenkt.
- Sie fallen weg, wenn man über das Denken selbst nachdenkt.
- Wir fügen zu dem Denken nichts ihm Fremdes hinzu, haben uns also auch über
ein solches Hinzufügen nicht zu rechtfertigen.
- Schelling sagt: Die Natur erkennen,
heißt die Natur schaffen.
- — Wer diese Worte des kühnen Naturphilosophen wörtlich nimmt, wird wohl
zeitlebens auf alles Naturerkennen verzichten müssen.
- Denn die Natur ist einmal da, und um sie ein zweites Mal zu schaffen, muß
man die Prinzipien erkennen, nach denen sie entstanden ist.
- Für die Natur, die man erst schaffen wollte, müßte man der bereits
bestehenden die Bedingungen ihres Daseins abgucken.
- Dieses Abgucken, das dem Schaffen vorausgehen müßte, wäre aber das Erkennen
der Natur, und zwar auch dann, wenn nach erfolgtem Abgucken das Schaffen ganz
unterbliebe.
- Nur eine noch nicht vorhandene Natur könnte man schaffen, ohne sie vorher zu erkennen.
- Was bei der Natur unmöglich ist: das Schaffen vor dem Erkennen; beim Denken
vollbringen wir es.
- Wollten wir mit dem Denken warten, bis wir es erkannt haben, dann kämen wir
nie dazu.
- Wir müssen resolut darauf losdenken, um hinterher mittels der Beobachtung
des Selbstgetanen zu seiner Erkenntnis zu kommen.
- Der Beobachtung des Denkens schaffen wir selbst erst ein Objekt.
- Für das Vorhandensein aller anderen Objekte ist ohne unser Zutun gesorgt
worden.
- Leicht könnte jemand meinem Satze: wir müssen denken, bevor wir das Denken
betrachten können, den andern als gleichberechtigt entgegenstellen: wir können
auch mit dem Verdauen nicht warten, bis wir den Vorgang des Verdauens
beobachtet haben.
- Das wäre ein Einwand ähnlich dem, den Pascal dem Cartesius machte, indem er
behauptete, man könne auch sagen: ich gehe spazieren, also bin ich.
- Ganz gewiß muß ich auch resolut verdauen, bevor ich den physiologischen
Prozeß der Verdauung studiert habe.
- Aber mit der Betrachtung des Denkens ließe sich das nur vergleichen, wenn
ich die Verdauung hinterher nicht denkend betrachten, sondern essen und
verdauen wollte.
- Das ist doch eben auch nicht ohne Grund, daß das Verdauen zwar nicht
Gegenstand des Verdauens, das Denken aber sehr wohl Gegenstand des Denkens
werden kann.
- Es ist also zweifellos: in dem Denken halten wir das Weltgeschehen an einem
Zipfel, wo wir dabei sein müssen, wenn etwas zustandekommen soll.
- Und das ist doch gerade das, worauf es ankommt.
- Das ist gerade der Grund, warum mir die Dinge so rätselhaft
gegenüberstehen: daß ich an ihrem Zustandekommen so unbeteiligt bin.
- Ich finde sie einfach vor; beim Denken aber weiß ich, wie es gemacht wird.
- Daher gibt es keinen ursprünglicheren Ausgangspunkt für das Betrachten
alles Weltgeschehens als das Denken.
- Ich möchte nun einen weitverbreiteten Irrtum noch erwähnen, der in bezug
auf das Denken herrscht.
- Er besteht darin, daß man sagt: das Denken, so wie es an sich selbst ist,
ist uns nirgends gegeben.
- Das Denken, das die Beobachtungen unserer Erfahrungen verbindet und mit
einem Netz von Begriffen durchspinnt, sei durchaus nicht dasselbe, wie
dasjenige, das wir hinterher wieder von den Gegenständen der Beobachtung
herausschälen und zum Gegenstande unserer Betrachtung machen.
- Was wir erst unbewußt in die Dinge hineinweben, sei ein ganz anderes, als
was wir dann mit Bewußtsein wieder herauslösen.
- Wer so schließt, der begreift nicht, daß es ihm auf diese Art gar nicht
möglich ist, dem Denken zu entschlüpfen.
- Ich kann aus dem Denken gar nicht herauskommen, wenn ich das Denken
betrachten will.
- Wenn man das vorbewußte Denken von dem nachher bewußten Denken
unterscheidet, so sollte man doch nicht vergessen, daß diese Unterscheidung
eine ganz äußerliche ist, die mit der Sache selbst gar nichts zu tun hat.
- Ich mache eine Sache dadurch überhaupt nicht zu einer andern, daß ich sie
denkend betrachte.
- Ich kann mir denken, daß ein Wesen mit ganz anders gearteten Sinnesorganen
und mit einer anders funktionierenden Intelligenz von einem Pferde eine ganz
andere Vorstellung habe als ich, aber ich kann mir nicht denken, daß mein
eigenes Denken dadurch ein anderes wird, daß ich es beobachte.
- Ich beobachte selbst, was ich selbst vollbringe.
- Wie mein Denken sich für eine andere Intelligenz ausnimmt als die meine,
davon ist jetzt nicht die Rede; sondern davon, wie es sich für mich ausnimmt.
- Jedenfalls aber kann das Bild meines Denkens
in einer andern Intelligenz nicht ein wahreres sein als mein eigenes.
- Nur wenn ich nicht selbst das denkende Wesen wäre, sondern das Denken mir
als Tätigkeit eines mir fremdartigen Wesens gegenüberträte, könnte ich davon
sprechen, daß mein Bild des Denkens zwar auf eine bestimmte Weise auftrete; wie
das Denken des Wesens aber an sich selber sei, das könne ich nicht wissen.
- Mein eigenes Denken von einem anderen Standpunkte aus anzusehen, liegt aber
vorläufig für mich nicht die geringste Veranlassung vor.
- Ich betrachte ja die ganze übrige Welt mit Hilfe des Denkens.
- Wie sollte ich bei meinem Denken hiervon eine Ausnahme machen?
- Damit betrachte ich für genügend gerechtfertigt, wenn ich in meiner
Weltbetrachtung von dem Denken ausgehe.
- Als Archimedes den Hebel erfunden hatte, da glaubte er mit seiner Hilfe den
ganzen Kosmos aus den Angeln heben zu können, wenn er nur einen Punkt fände, wo
er sein Instrument aufstützen könnte.
- Er brauchte etwas, was durch sich selbst, nicht durch anderes getragen
wird.
- Im Denken haben wir ein Prinzip, das durch sich selbst besteht.
- Von hier aus sei es versucht, die Welt zu begreifen.
- Das Denken können wir durch es selbst erfassen.
- Die Frage ist nur, ob wir durch dasselbe auch noch etwas anderes ergreifen
können.
- Ich habe bisher von dem Denken gesprochen, ohne auf seinen Träger, das
menschliche Bewußtsein, Rücksicht zu nehmen.
- Die meisten Philosophen der Gegenwart werden mir einwenden: bevor es ein
Denken gibt, muß es ein Bewußtsein geben.
- Deshalb sei vom Bewußtsein und nicht vom Denken auszugehen.
- Es gebe kein Denken ohne Bewußtsein.
- Ich muß dem gegenüber erwidern: Wenn ich darüber Aufklärung haben will,
welches Verhältnis zwischen Denken und Bewußtsein besteht, so muß ich darüber
nachdenken.
- Ich setze das Denken damit voraus.
- Nun kann man darauf allerdings antworten: Wenn der Philosoph das Bewußtsein
begreifen will, dann bedient er sich
des Denkens; er setzt es insoferne voraus; im gewöhnlichen Verlaufe des Lebens
aber entsteht das Denken innerhalb des Bewußtseins und setzt also dieses
voraus.
- Wenn diese Antwort dem Weltschöpfer gegeben würde, der das Denken schaffen
will, so wäre sie ohne Zweifel berechtigt.
- Man kann natürlich das Denken nicht entstehen lassen, ohne vorher das
Bewußtsein zustande zu bringen.
- Dem Philosophen aber handelt es sich nicht um die Weltschöpfung, sondern um
das Begreifen derselben.
- Er hat daher auch nicht die Ausgangspunkte für das Schaffen, sondern für
das Begreifen der Welt zu suchen.
- Ich finde es ganz sonderbar, wenn man dem Philosophen vorwirft, daß er sich
vor allen andern Dingen um die Richtigkeit seiner Prinzipien, nicht aber
sogleich um die Gegenstände bekümmert, die er begreifen will.
- Der Weltschöpfer mußte vor allem wissen, wie er einen Träger für das Denken
findet, der Philosoph aber muß nach einer sichern Grundlage suchen, von der aus
er das Vorhandene begreifen kann.
- Was frommt es uns, wenn wir vom Bewußtsein ausgehen und es der denkenden
Betrachtung unterwerfen, wenn wir vorher über die Möglichkeit, durch denkende Betrachtung Aufschluß über die
Dinge zu bekommen, nichts wissen?
- Wir müssen erst das Denken ganz neutral, ohne Beziehung auf ein denkendes
Subjekt oder ein gedachtes Objekt betrachten.
- Denn in Subjekt und Objekt haben wir bereits Begriffe, die durch das Denken
gebildet sind.
- Es ist nicht zu leugnen: Ehe anderes
begriffen werden kann, muß es das Denken werden.
- Wer es leugnet, der übersieht, daß er als Mensch nicht ein Anfangsglied der
Schöpfung, sondern deren Endglied ist.
- Man kann deswegen behufs Erklärung der Welt durch Begriffe nicht von den
zeitlich ersten Elementen des Daseins ausgehen, sondern von dem, was uns als
das Nächste, als das Intimste gegeben ist.
- Wir können uns nicht mit einem Sprunge an den Anfang der Welt versetzen, um
da unsere Betrachtung anzufangen, sondern wir müssen von dem gegenwärtigen
Augenblick ausgehen und sehen, ob wir von dem Späteren zu dem Früheren
aufsteigen können.
- Solange die Geologie von erdichteten Revolutionen gesprochen hat, um den
gegenwärtigen Zustand der Erde zu erklären, solange tappte sie in der
Finsternis.
- Erst als sie ihren Anfang damit machte, zu untersuchen, welche Vorgänge
gegenwärtig noch auf der Erde sich abspielen und von diesen zurückschloß auf
das Vergangene, hatte sie einen sicheren Boden gewonnen.
- Solange die Philosophie alle möglichen Prinzipien annehmen wird, wie Atom,
Bewegung, Materie, Wille, Unbewußtes, wird sie in der Luft schweben.
- Erst wenn der Philosoph das absolut Letzte als sein Erstes ansehen wird,
kann er zum Ziele kommen.
- Dieses absolut Letzte, zu dem es die Weltentwickelung gebracht hat, ist
aber das Denken.
- Es gibt Leute, die sagen: ob unser Denken an sich richtig sei oder nicht,
können wir aber doch nicht mit Sicherheit feststellen.
- Insoferne bleibt also der Ausgangspunkt jedenfalls ein zweifelhafter.
- Das ist gerade so vernünftig gesprochen, wie wenn man Zweifel hegt, ob ein
Baum an sich richtig sei oder nicht.
- Das Denken ist eine Tatsache; und über die Richtigkeit oder Falschheit
einer solchen zu sprechen, ist sinnlos.
- Ich kann höchstens darüber Zweifel haben, ob das Denken richtig verwendet
wird, wie ich zweifeln kann, ob ein gewisser Baum ein entsprechendes Holz zu
einem zweckmäßigen Gerät gibt.
- Zu zeigen, inwieferne die Anwendung des Denkens auf die Welt eine richtige
oder falsche ist, wird gerade Aufgabe dieser Schrift sein.
- Ich kann es verstehen, wenn jemand Zweifel hegt, daß durch das Denken über
die Welt etwas ausgemacht werden kann; das aber ist mir unbegreiflich, wie
jemand die Richtigkeit des Denkens an sich anzweifeln kann.
-
- Zusatz zur Neuausgabe 1918
- In den vorangehenden Ausführungen wird auf den bedeutungsvollen Unterschied
zwischen dem Denken und allen andern Seelentätigkeiten hingewiesen als auf eine
Tatsache, die sich einer wirklich unbefangenen Beobachtung ergibt.
- Wer diese unbefangene Beobachtung nicht anstrebt, der wird gegen diese
Ausführungen versucht sein, Einwendungen zu machen wie diese: wenn ich über
eine Rose denke, so ist damit doch auch nur ein Verhältnis meines «Ich» zur
Rose ausgedrückt, wie wenn ich die Schönheit der Rose fühle.
- Es bestehe geradeso ein Verhältnis zwischen «Ich» und Gegenstand beim
Denken, wie zum Beispiel beim Fühlen oder Wahrnehmen.
- Wer diesen Einwand macht, der zieht nicht in Erwägung, daß nur in der Betätigung des Denkens das
«Ich» bis in alle Verzweigungen der Tätigkeit sich mit dem Tätigen als ein Wesen weiß.
- Bei keiner andern Seelentätigkeit ist dies restlos der Fall.
- Wenn zum Beispiel eine Lust gefühlt wird, kann eine feinere Beobachtung sehr
wohl unterscheiden, inwieferne das «Ich» sich mit einem Tätigen eins weiß und inwiefern in ihm ein Passives
vorhanden ist, so daß die Lust für das «Ich» bloß auftritt.
- Und so ist es auch bei den andern Seelenbetätigungen.
- Man sollte nur nicht verwechseln: «Gedankenbilder haben» und Gedanken durch
das Denken verarbeiten.
- Gedankenbilder können traumhaft, wie vage Eingebungen in der Seele
auftreten.
- Ein Denken ist dieses nicht.
- — Allerdings könnte nun jemand sagen: wenn das Denken so gemeint ist, steckt
das Wollen in dem Denken drinnen, und man habe es dann nicht bloß mit dem
Denken, sondern auch mit dem Wollen des Denkens zu tun.
- Doch würde dies nur berechtigen zu sagen: das wirkliche Denken muß immer
gewollt sein.
- Nur hat dies mit der Kennzeichnung des Denkens, wie sie in diesen
Ausführungen gemacht ist, nichts zu schaffen.
- Mag es das Wesen des Denkens immerhin notwendig machen, daß dieses gewollt wird: es kommt darauf
an, daß nichts gewollt wird, was, indem es sich vollzieht, vor dem «Ich» nicht restlos
als seine eigene, von ihm überschaubare Tätigkeit erscheint.
- Man muß sogar sagen, wegen der hier geltend gemachten Wesenheit des Denkens erscheint dieses dem
Beobachter als durch und durch gewollt.
- Wer alles, was für die Beurteilung des Denkens in Betracht kommt, wirklich
zu durchschauen sich bemüht, der wird nicht umhin können, zu bemerken, daß
dieser Seelenbetätigung die Eigenheit zukommt, von der hier gesprochen ist.
- Von einer Persönlichkeit, welche der Verfasser dieses Buches als Denker
sehr hochschätzt, ist ihm eingewendet worden, daß so, wie es hier geschieht,
nicht über das Denken gesprochen werden könne, weil es nur ein Schein sei, was
man als tätiges Denken zu beobachten glaube.
- In Wirklichkeit beobachte man nur die Ergebnisse einer nicht bewußten
Tätigkeit, die dem Denken zugrunde liegt.
- Nur weil diese nicht bewußte Tätigkeit eben nicht beobachtet werde,
entstehe die Täuschung, es bestehe das beobachtete Denken durch sich selbst,
wie wenn man bei rasch aufeinanderfolgender Beleuchtung durch elektrische
Funken eine Bewegung zu sehen glaubt.
- Auch dieser Einwand beruht nur auf einer ungenauen Anschauung der Sachlage.
- Wer ihn macht, berücksichtigt nicht, daß es das «Ich» selbst ist, das im Denken drinnen stehend seine Tätigkeit beobachtet.
- Es müßte das «Ich» außer dem Denken stehen, wenn es so getäuscht werden
könnte, wie bei rasch aufeinanderfolgender Beleuchtung durch elektrische
Funken.
- Man könnte vielmehr sagen: wer einen solchen Vergleich macht, der täuscht
sich gewaltsam etwa wie jemand, der von einem in Bewegung begriffenen Licht
durchaus sagen wollte: es wird an jedem Orte, an dem es erscheint, von
unbekannter Hand neu angezündet.
- — Nein, wer in dem Denken etwas anderes sehen will als das im «Ich» selbst
als überschaubare Tätigkeit Hervorgebrachte, der muß sich erst für den
einfachen, der Beobachtung vorliegenden Tatbestand blind machen, um dann eine
hypothetische Tätigkeit dem Denken zugrunde legen zu können.
- Wer sich nicht so blind macht, der muß erkennen, daß alles, was er in dieser
Art zu dem Denken «hinzudenkt», aus dem Wesen des Denkens herausführt.
- Die unbefangene Beobachtung ergibt, daß nichts zum Wesen des Denkens
gerechnet werden kann, was nicht im Denken selbst gefunden wird.
- Man kann nicht zu etwas kommen, was das Denken bewirkt, wenn man den Bereich des Denkens verläßt.
-
- Kapitel 4 - Die
Welt als Wahrnehmung
- Durch das Denken entstehen Begriffe und
Ideen.
- Was ein Begriff ist, kann nicht mit Worten gesagt werden.
- Worte können nur den Menschen darauf aufmerksam machen, daß er Begriffe
habe.
- Wenn jemand einen Baum sieht, so reagiert sein Denken auf seine
Beobachtung; zu dem Gegenstande tritt ein ideelles Gegenstück hinzu, und er
betrachtet den Gegenstand und das ideelle Gegenstück als zusammengehörig.
- Wenn der Gegenstand aus seinem Beobachtungsfelde verschwindet, so bleibt
nur das ideelle Gegenstück davon zurück.
- Das letztere ist der Begriff des Gegenstandes.
- Je mehr sich unsere Erfahrung erweitert, desto größer wird die Summe
unserer Begriffe.
- Die Begriffe stehen aber durchaus nicht vereinzelt da.
- Sie schließen sich zu einem gesetzmäßigen Ganzen zusammen.
- Der Begriff «Organismus» schließt sich zum Beispiel an die andern:
«gesetzmäßige Entwickelung, Wachstum» an.
- Andere an Einzeldingen gebildete Begriffe fallen völlig in eins zusammen.
- Alle Begriffe, die ich mir von Löwen bilde, fallen in den Gesamtbegriff
«Löwe» zusammen.
- Auf diese Weise verbinden sich die einzelnen Begriffe zu einem
geschlossenen Begriffssystem, in dem jeder seine besondere Stelle hat.
- Ideen sind qualitativ von Begriffen nicht verschieden.
- Sie sind nur inhaltsvollere, gesättigtere und umfangreichere Begriffe.
- Ich muß einen besonderen Wert darauf legen, daß hier an dieser Stelle
beachtet werde, daß ich als meinen Ausgangspunkt das Denken bezeichnet habe und nicht Begriffe und Ideen, die
erst durch das Denken gewonnen werden.
- Diese setzen das Denken bereits voraus.
- Es kann daher, was ich in bezug auf die in sich selbst ruhende, durch
nichts bestimmte Natur des Denkens gesagt habe, nicht einfach auf die Begriffe
übertragen werden.
- (Ich bemerke das hier ausdrücklich, weil hier meine Differenz mit Hegel liegt.
- Dieser setzt den Begriff als Erstes und Ursprüngliches.)
- Der Begriff kann nicht aus der Beobachtung gewonnen werden.
- Das geht schon aus dem Umstande hervor, daß der heranwachsende Mensch sich
langsam und allmählich erst die Begriffe zu den Gegenständen bildet, die ihn
umgeben.
- Die Begriffe werden zu der Beobachtung hinzugefügt.
- Ein vielgelesener Philosoph der Gegenwart (Herbert Spencer) schildert den geistigen Prozeß, den wir gegenüber
der Beobachtung vollziehen, folgendermaßen:
- «Wenn wir an einem Septembertag durch die Felder wandelnd, wenige Schritte
vor uns ein Geräusch hören und an der Seite des Grabens, von dem es herzukommen
schien, das Gras in Bewegung sehen, so werden wir wahrscheinlich auf die Stelle
losgehen, um zu erfahren, was das Geräusch und die Bewegung hervorbrachte.
- Bei unserer Annäherung flattert ein Rebhuhn in den Graben, und damit ist
unsere Neugierde befriedigt: wir haben, was wir eine Erklärung der
Erscheinungen nennen.
- Diese Erklärung läuft, wohlgemerkt, auf folgendes hinaus: weil wir im Leben
unendlich oft erfahren haben, daß eine Störung der ruhigen Lage kleiner Körper
die Bewegung anderer zwischen ihnen befindlicher Körper begleitet, und weil wir
deshalb die Beziehungen zwischen solchen Störungen und solchen Bewegungen
verallgemeinert haben, so halten wir diese besondere Störung für erklärt,
sobald wir finden, daß sie ein Beispiel eben dieser Beziehung darbietet.»
- Genauer besehen stellt sich die
Sache ganz anders dar, als sie hier beschrieben ist.
- Wenn ich ein Geräusch höre, so suche ich zunächst den Begriff für diese
Beobachtung.
- Dieser Begriff erst weist mich über das Geräusch hinaus.
- Wer nicht weiter nachdenkt, der hört eben das Geräusch und gibt sich damit
zufrieden.
- Durch mein Nachdenken aber ist mir klar, daß ich ein Geräusch als Wirkung
aufzufassen habe.
- Also erst wenn ich den Begriff der Wirkung
mit der Wahrnehmung des Geräusches verbinde, werde ich veranlaßt, über die
Einzelbeobachtung hinauszugehen und nach der Ursache zu suchen.
- Der Begriff der Wirkung ruft den der Ursache hervor, und ich suche dann
nach dem verursachenden Gegenstande, den ich in der Gestalt des Rebhuhns finde.
- Diese Begriffe, Ursache und Wirkung, kann ich aber niemals durch bloße
Beobachtung, und erstrecke sie sich auf noch so viele Fälle, gewinnen.
- Die Beobachtung fordert das Denken heraus, und erst dieses ist es, das mir
den Weg weist, das einzelne Erlebnis an ein anderes anzuschließen.
- Wenn man von einer «streng objektiven Wissenschaft» fordert, daß sie ihren
Inhalt nur der Beobachtung entnehme, so muß man zugleich fordern, daß sie auf
alles Denken verzichte.
- Denn dieses geht seiner Natur nach über das Beobachtete hinaus.
- Nun ist es am Platze, von dem Denken auf das denkende Wesen überzugehen.
- Denn durch dieses wird das Denken mit der Beobachtung verbunden.
- Das menschliche Bewußtsein ist der Schauplatz, wo Begriff und Beobachtung
einander begegnen und wo sie miteinander verknüpft werden.
- Dadurch ist aber dieses (menschliche) Bewußtsein zugleich charakterisiert.
- Es ist der Vermittler zwischen Denken und Beobachtung.
- Insoferne der Mensch einen Gegenstand beobachtet, erscheint ihm dieser als
gegeben, insoferne er denkt, erscheint er sich selbst als tätig.
- Er betrachtet den Gegenstand als Objekt,
sich selbst als das denkende Subjekt.
- Weil er sein Denken auf die Beobachtung richtet, hat er Bewußtsein von den
Objekten; weil er sein Denken auf sich richtet, hat er Bewußtsein seiner selbst
oder Selbstbewußtsein.
- Das menschliche Bewußtsein muß notwendig zugleich Selbstbewußtsein sein,
weil es denkendes Bewußtsein ist.
- Denn wenn das Denken den Blick auf seine eigene Tätigkeit richtet, dann hat
es seine ureigene Wesenheit, also sein Subjekt, als Objekt zum Gegenstande.
- Nun darf aber nicht übersehen werden, daß wir uns nur mit Hilfe des Denkens
als Subjekt bestimmen und uns den Objekten entgegensetzen können.
- Deshalb darf das Denken niemals als eine bloß subjektive Tätigkeit
aufgefaßt werden.
- Das Denken ist jenseits von
Subjekt und Objekt.
- Es bildet diese beiden Begriffe ebenso wie alle anderen.
- Wenn wir als denkendes Subjekt also den Begriff auf ein Objekt beziehen, so
dürfen wir diese Beziehung nicht als etwas bloß Subjektives auffassen.
- Nicht das Subjekt ist es, welches die Beziehung herbeiführt, sondern das
Denken.
- Das Subjekt denkt nicht deshalb, weil es Subjekt ist; sondern es erscheint
sich als ein Subjekt, weil es zu denken vermag.
- Die Tätigkeit, die der Mensch als denkendes
Wesen ausübt, ist also keine bloß subjektive, sondern eine solche, die
weder subjektiv noch objektiv ist, eine über diese beiden Begriffe
hinausgehende.
- Ich darf niemals sagen, daß mein individuelles Subjekt denkt; dieses lebt
vielmehr selbst von des Denkens Gnaden.
- Das Denken ist somit ein Element, das mich über mein Selbst hinausführt und
mit den Objekten verbindet.
- Aber es trennt mich zugleich von ihnen, indem es mich ihnen als Subjekt
gegenüberstellt.
- Darauf beruht die Doppelnatur des Menschen: er denkt und umschließt damit
sich selbst und die übrige Welt; aber er muß sich mittels des Denkens zugleich
als ein den Dingen gegenüberstehendes Individuum bestimmen.
- Das nächste wird nun sein, uns zu fragen: Wie kommt das andere Element, das
wir bisher bloß als Beobachtungsobjekt bezeichnet haben, und das sich mit dem
Denken im Bewußtsein begegnet, in das letztere?
- Wir müssen, um diese Frage zu beantworten, aus unserem Beobachtungsfelde
alles aussondern, was durch das Denken bereits in dasselbe hineingetragen
worden ist.
- Denn unser jeweiliger Bewußtseinsinhalt ist immer schon mit Begriffen in
der mannigfachsten Weise durchsetzt.
- Wir müssen uns vorstellen, daß ein Wesen mit vollkommen entwickelter
menschlicher Intelligenz aus dem Nichts entstehe und der Welt gegenübertrete.
- Was es da gewahr würde, bevor es das Denken in Tätigkeit bringt, das ist
der reine Beobachtungsinhalt.
- Die Welt zeigte dann diesem Wesen nur das bloße zusammenhanglose Aggregat
von Empfindungsobjekten: Farben,
Töne, Druck-, Wärme-, Geschmacks- und Geruchsempfindungen; dann Lust und
Unlustgefühle.
- Dieses Aggregat ist der Inhalt der reinen, gedankenlosen Beobachtung.
- Ihm gegenüber steht das Denken, das bereit ist, seine Tätigkeit zu
entfalten, wenn sich ein Angriffspunkt dazu findet.
- Die Erfahrung lehrt bald, daß er sich findet.
- Das Denken ist imstande, Fäden zu ziehen von einem Beobachtungselement zum
andern.
- Es verknüpft mit diesen Elementen bestimmte Begriffe und bringt sie dadurch
in ein Verhältnis.
- Wir haben oben bereits gesehen, wie ein uns begegnendes Geräusch mit einer
anderen Beobachtung dadurch verbunden wird, daß wir das erstere als Wirkung der
letzteren bezeichnen.
- Wenn wir uns nun daran erinnern, daß die Tätigkeit des Denkens durchaus
nicht als eine subjektive aufzufassen ist, so werden wir auch nicht versucht
sein zu glauben, daß solche Beziehungen, die durch das Denken hergestellt sind,
bloß eine subjektive Geltung haben.
- Es wird sich jetzt darum handeln, durch denkende Überlegung die Beziehung
zu suchen, die der oben angegebene unmittelbar gegebene Beobachtungsinhalt zu
unserem bewußten Subjekt hat.
- Bei dem Schwanken des Sprachgebrauches erscheint es mir geboten, daß ich
mich mit meinem Leser über den Gebrauch eines Wortes verständige, das ich im
folgenden anwenden muß.
- Ich werde die unmittelbaren Empfindungsobjekte, die ich oben genannt habe,
insoferne das bewußte Subjekt von ihnen durch Beobachtung Kenntnis nimmt, Wahrnehmungen nennen.
- Also nicht den Vorgang der Beobachtung, sondern das Objekt dieser Beobachtung bezeichne ich mit diesem Namen.
- Ich wähle den Ausdruck Empfindung nicht,
weil dieser in der Physiologie eine bestimmte Bedeutung hat, die enger ist als
die meines Begriffes von Wahrnehmung.
- Ein Gefühl in mir selbst kann ich wohl als Wahrnehmung, nicht aber als
Empfindung im physiologischen Sinne bezeichnen.
- Auch von meinem Gefühle erhalte ich dadurch Kenntnis, daß es Wahrnehmung für mich wird.
- Und die Art, wie wir durch Beobachtung Kenntnis von unserem Denken
erhalten, ist eine solche, daß wir auch das Denken in seinem ersten Auftreten
für unser Bewußtsein Wahrnehmung nennen können.
- Der naive Mensch betrachtet seine Wahrnehmungen in dem Sinne, wie sie ihm
unmittelbar erscheinen, als Dinge, die ein von ihm ganz unabhängiges Dasein
haben.
- Wenn er einen Baum sieht, so glaubt er zunächst, daß dieser in der Gestalt,
die er sieht, mit den Farben, die seine Teile haben usw., dort an dem Orte
stehe, wohin der Blick gerichtet ist.
- Wenn derselbe Mensch morgens die Sonne als eine Scheibe am Horizonte
erscheinen sieht und den Lauf dieser Scheibe verfolgt, so ist er der Meinung,
daß das alles in dieser Weise (an sich) bestehe und vorgehe, wie er es
beobachtet.
- Er hält so lange an diesem Glauben fest, bis er anderen Wahrnehmungen
begegnet, die jenen widersprechen.
- Das Kind, das noch keine Erfahrungen über Entfernungen hat, greift nach dem
Monde und stellt das, was es nach dem ersten Augenschein für wirklich gehalten
hat, erst richtig, wenn eine zweite Wahrnehmung sich mit der ersten im
Widerspruch befindet.
- Jede Erweiterung des Kreises meiner Wahrnehmungen nötigt mich, mein Bild
der Welt zu berichtigen.
- Das zeigt sich im täglichen Leben ebenso wie in der Geistesentwickelung der
Menschheit.
- Das Bild, das sich die Alten von der Beziehung der Erde zu der Sonne und
den andern Himmelskörpern machten, mußte von Kopernikus durch ein anderes
ersetzt werden, weil es mit Wahrnehmungen, die früher unbekannt waren, nicht
zusammenstimmte.
- Als Dr. Franz einen Blindgeborenen operierte, sagte dieser, daß er sich vor
seiner Operation durch die Wahrnehmungen seines Tastsinnes ein ganz anderes
Bild von der Größe der Gegenstände gemacht habe.
- Er mußte seine Tastwahrnehmungen durch seine Gesichtswahrnehmungen
berichtigen.
- Woher kommt es, daß wir zu solchen fortwährenden Richtigstellungen unserer
Beobachtungen gezwungen sind?
- Eine einfache Überlegung bringt die Antwort auf diese Frage.
- Wenn ich an dem einen Ende einer Allee stehe, so erscheinen mir die Bäume
an dem andern, von mir entfernten Ende kleiner und näher aneinandergerückt als
da, wo ich stehe.
- Mein Wahrnehmungsbild wird ein anderes, wenn ich den Ort ändere, von dem
aus ich meine Beobachtungen mache.
- Es ist also in der Gestalt, in der es an mich herantritt, abhängig von
einer Bestimmung, die nicht an dem Objekte hängt, sondern die mir, dem
Wahrnehmenden, zukommt.
- Es ist für eine Allee ganz gleichgültig, wo ich stehe.
- Das Bild aber, das ich von ihr erhalte, ist wesentlich davon abhängig.
- Ebenso ist es für die Sonne und das Planetensystem gleichgültig, daß die
Menschen sie gerade von der Erde aus ansehen.
- Das Wahrnehmungsbild aber, das sich diesen darbietet, ist durch diesen
ihren Wohnsitz bestimmt.
- Diese Abhängigkeit des Wahrnehmungsbildes von unserem Beobachtungsorte ist
diejenige, die am leichtesten zu durchschauen ist.
- Schwieriger wird die Sache schon, wenn wir die Abhängigkeit unserer
Wahrnehmungswelt von unserer leiblichen und geistigen Organisation kennen
lernen.
- Der Physiker zeigt uns, daß innerhalb des Raumes, in dem wir einen Schall
hören, Schwingungen der Luft stattfinden, und daß auch der Körper, in dem wir
den Ursprung des Schalles suchen, eine schwingende Bewegung seiner Teile
aufweist.
- Wir nehmen diese Bewegung nur als Schall wahr, wenn wir ein normal
organisiertes Ohr haben.
- Ohne ein solches bliebe uns die ganze Welt ewig stumm.
- Die Physiologie belehrt uns darüber, daß es Menschen gibt, die nichts wahrnehmen
von der herrlichen Farbenpracht, die uns umgibt.
- Ihr Wahrnehmungsbild weist nur Nuancen von Hell und Dunkel auf.
- Andere nehmen nur eine bestimmte Farbe, zum Beispiel das Rot, nicht wahr.
- Ihrem Weltbilde fehlt dieser Farbenton, und es ist daher tatsächlich ein
anderes als das eines Durchschnittsmenschen.
- Ich möchte die Abhängigkeit meines Wahrnehmungsbildes von meinem
Beobachtungsorte eine mathematische, die von meiner Organisation eine
qualitative nennen.
- Durch jene werden die Größenverhältnisse und gegenseitigen Entfernungen
meiner Wahrnehmungen bestimmt, durch diese die Qualität derselben.
- Daß ich eine rote Fläche rot sehe — diese qualitative Bestimmung — hängt
von der Organisation meines Auges ab.
- Meine Wahrnehmungsbilder sind also zunächst subjektiv.
- Die Erkenntnis von dem subjektiven Charakter unserer Wahrnehmungen kann
leicht zu Zweifeln darüber führen, ob überhaupt etwas Objektives denselben zum
Grunde liegt.
- Wenn wir wissen, daß eine Wahrnehmung, zum Beispiel die der roten Farbe,
oder eines bestimmten Tones nicht möglich ist ohne eine bestimmte Einrichtung
unseres Organismus, so kann man zu dem Glauben kommen, daß dieselbe, abgesehen
von unserem subjektiven Organismus, keinen Bestand habe, daß sie ohne den Akt
des Wahrnehmens, dessen Objekt sie ist, keine Art des Daseins hat.
- Diese Ansicht hat in George Berkeley einen
klassischen Vertreter gefunden, der der Meinung war, daß der Mensch von dem
Augenblicke an, wo er sich der Bedeutung des Subjekts für die Wahrnehmung
bewußt geworden ist, nicht mehr an eine ohne den bewußten Geist vorhandene Welt
glauben könne.
- Er sagt: «Einige Wahrheiten liegen so nahe und sind so einleuchtend, daß
man nur die Augen zu öffnen braucht, um sie zu sehen.
- Für eine solche halte ich den wichtigen Satz, daß der ganze Chor am Himmel
und alles, was zur Erde gehört, mit einem Worte alle die Körper, die den
gewaltigen Bau der Welt zusammensetzen, keine Subsistenz außerhalb des Geistes
haben, daß ihr Sein in ihrem Wahrgenommen- oder Erkanntwerden besteht, daß sie folglich,
solange sie nicht wirklich von mir wahrgenommen werden oder in meinem
Bewußtsein oder dem eines anderen geschaffenen Geistes existieren, entweder
überhaupt keine Existenz haben oder in dem Bewußtsein eines ewigen Geistes
existieren.»
- Für diese
Ansicht bleibt von der Wahrnehmung nichts mehr übrig, wenn man von dem
Wahrgenommenwerden absieht.
- Es gibt keine Farbe, wenn keine gesehen, keinen Ton, wenn keiner gehört
wird.
- Ebensowenig wie Farbe und Ton existieren Ausdehnung, Gestalt und Bewegung
außerhalb des Wahrnehmungsaktes.
- Wir sehen nirgends bloße Ausdehnung oder Gestalt, sondern diese immer mit
Farbe oder andern unbestreitbar von unserer Subjektivität abhängigen
Eigenschaften verknüpft.
- Wenn die letzteren mit unserer Wahrnehmung verschwinden, so muß das auch
bei den ersteren der Fall sein, die an sie gebunden sind.
- Dem Einwand, daß, wenn auch Figur, Farbe, Ton usw. keine andere Existenz
als die innerhalb des Wahrnehmungsaktes haben, es doch Dinge geben müsse, die
ohne das Bewußtsein da sind und denen die bewußten Wahrnehmungsbilder ähnlich
seien, begegnet die geschilderte Ansicht damit, daß sie sagt: eine Farbe kann
nur ähnlich einer Farbe, eine Figur ähnlich einer Figur sein.
- Unsere Wahrnehmungen können nur unseren Wahrnehmungen, aber keinerlei
anderen Dingen ähnlich sein.
- Auch was wir einen Gegenstand nennen, ist nichts anderes als eine Gruppe
von Wahrnehmungen, die in einer bestimmten Weise verbunden sind.
- Nehme ich von einem Tische Gestalt, Ausdehnung, Farbe usw., kurz alles, was
nur meine Wahrnehmung ist, weg, so bleibt nichts mehr übrig.
- Diese Ansicht führt, konsequent verfolgt, zu der Behauptung: Die Objekte
meiner Wahrnehmungen sind nur durch mich vorhanden, und zwar nur insoferne und
solange ich sie wahrnehme; sie verschwinden mit dem Wahrnehmen und haben keinen
Sinn ohne dieses.
- Außer meinen Wahrnehmungen weiß ich aber von keinen Gegenständen und kann
von keinen wissen.
- Gegen diese Behauptung ist so lange nichts einzuwenden, als ich bloß im
allgemeinen den Umstand in Betracht ziehe, daß die Wahrnehmung von der
Organisation meines Subjektes mitbestimmt wird.
- Wesentlich anders stellte sich die Sache aber, wenn wir imstande wären,
anzugeben, welches die Funktion unseres Wahrnehmens beim Zustandekommen einer
Wahrnehmung ist.
- Wir wüßten dann, was an der Wahrnehmung während des Wahrnehmens geschieht,
und könnten auch bestimmen, was an ihr schon sein muß, bevor sie wahrgenommen
wird.
- Damit wird unsere Betrachtung von dem Objekt der Wahrnehmung auf das
Subjekt derselben abgeleitet.
- Ich nehme nicht nur andere Dinge wahr, sondern ich nehme mich selbst wahr.
- Die Wahrnehmung meiner selbst hat zunächst den Inhalt, daß ich das
Bleibende bin gegenüber den immer kommenden und gehenden Wahrnehmungsbildern.
- Die Wahrnehmung des Ich kann in meinem Bewußtsein stets auftreten, während
ich andere Wahrnehmungen habe.
- Wenn ich in die Wahrnehmung eines gegebenen Gegenstandes vertieft bin, so
habe ich vorläufig nur von diesem ein Bewußtsein.
- Dazu kann dann die Wahrnehmung meines Selbst treten.
- Ich bin mir nunmehr nicht bloß des Gegenstandes bewußt, sondern auch meiner
Persönlichkeit, die dem Gegenstand gegenüber steht und ihn beobachtet.
- Ich sehe nicht bloß einen Baum, sondern ich weiß auch, daß ich es bin, der ihn sieht.
- Ich erkenne auch, daß in mir etwas vorgeht, während ich den Baum beobachte.
- Wenn der Baum aus meinem Gesichtskreise verschwindet, bleibt für mein
Bewußtsein ein Rückstand von diesem Vorgange: ein Bild des Baumes.
- Dieses Bild hat sich während meiner Beobachtung mit meinem Selbst
verbunden.
- Mein Selbst hat sich bereichert; sein Inhalt hat ein neues Element in sich
aufgenommen.
- Dieses Element nenne ich meine Vorstellung
von dem Baume.
- Ich käme nie in die Lage, von Vorstellungen
zu sprechen, wenn ich diese nicht in der Wahrnehmung meines Selbst erlebte.
- Wahrnehmungen würden kommen und gehen; ich ließe sie vorüberziehen.
- Nur dadurch, daß ich mein Selbst wahrnehme und merke, daß mit jeder
Wahrnehmung sich auch dessen Inhalt
ändert, sehe ich mich gezwungen, die Beobachtung des Gegenstandes mit meiner
eigenen Zustandsveränderung in Zusammenhang zu bringen und von meiner
Vorstellung zu sprechen.
- Die Vorstellung nehme ich an meinem Selbst wahr, in dem Sinne, wie Farbe,
Ton usw. an andern Gegenständen.
- Ich kann jetzt auch den Unterschied machen, daß ich diese andern
Gegenstände, die sich mir gegenüberstellen, Außenwelt
nenne, während ich den Inhalt meiner Selbstwahrnehmung als Innenwelt bezeichne.
- Die Verkennung des Verhältnisses von Vorstellung und Gegenstand hat die
größten Mißverständnisse in der neueren Philosophie herbeigeführt.
- Die Wahrnehmung einer Veränderung in uns, die Modifikation, die mein Selbst
erfährt, wurde in den Vordergrund gedrängt und das diese Modifikation
veranlassende Objekt ganz aus dem Auge verloren.
- Man hat gesagt: wir nehmen nicht die Gegenstände wahr, sondern nur unsere
Vorstellungen.
- Ich soll nichts wissen von dem Tische an sich, der Gegenstand meiner
Beobachtung ist, sondern nur von der Veränderung, die mit mir selbst vorgeht,
während ich den Tisch wahrnehme.
- Diese Anschauung darf nicht mit der vorhin erwähnten Berkeleyschen verwechselt
werden.
- Berkeley behauptet die subjektive Natur meines Wahrnehmungsinhaltes, aber
er sagt nicht, daß ich nur von meinen Vorstellungen wissen kann.
- Er schränkt mein Wissen auf meine Vorstellungen ein, weil er der Meinung
ist, daß es keine Gegenstände außerhalb des Vorstellens gibt.
- Was ich als Tisch ansehe, das ist im Sinne Berkeleys nicht mehr vorhanden,
sobald ich meinen Blick nicht mehr darauf richte.
- Deshalb läßt Berkeley meine Wahrnehmungen unmittelbar durch die Macht
Gottes entstehen.
- Ich sehe einen Tisch, weil Gott diese Wahrnehmung in mir hervorruft.
- Berkeley kennt daher keine anderen realen Wesen als Gott und die
menschlichen Geister.
- Was wir Welt nennen, ist nur innerhalb der Geister vorhanden.
- Was der naive Mensch Außenwelt, körperliche Natur nennt, ist für Berkeley
nicht vorhanden.
- Dieser Ansicht steht die jetzt herrschende Kantsche gegenüber, welche
unsere Erkenntnis von der Welt nicht deshalb auf unsere Vorstellungen
einschränkt, weil sie überzeugt ist, daß es außer diesen Vorstellungen keine
Dinge geben kann, sondern weil sie uns so organisiert glaubt, daß wir nur von
den Veränderungen unseres eigenen Selbst, nicht von den diese Veränderungen
veranlassenden Dingen an sich erfahren können.
- Sie folgert aus dem Umstande, daß ich nur meine Vorstellungen kenne, nicht,
daß es keine von diesen Vorstellungen unabhängige Existenz gibt, sondern nur,
daß das Subjekt eine solche nicht unmittelbar in sich aufnehmen, sie nicht
anders als durch das «Medium seiner subjektiven Gedanken imaginieren,
fingieren, denken, erkennen, vielleicht auch nicht erkennen kann» (O. Liebmann, Zur Analysis
der Wirklichkeit, Seite 28).
- Diese Anschauung glaubt etwas unbedingt Gewisses zu sagen, etwas, was ohne
alle Beweise unmittelbar einleuchtet.
- «Der erste Fundamentalsatz, den sich der Philosoph zu deutlichem Bewußtsein
zu bringen hat, besteht in der Erkenntnis, daß unser Wissen sich zunächst auf nichts weiter als
auf unsere Vorstellungen erstreckt.
- Unsere Vorstellungen sind das Einzige, was wir unmittelbar erfahren,
unmittelbar erleben; und eben weil wir sie unmittelbar erfahren, deswegen
vermag uns auch der radikalste Zweifel das Wissen von denselben nicht zu
entreißen.
- Dagegen ist das Wissen, das über unser Vorstellen — ich nehme diesen Ausdruck
hier überall im weitesten Sinne, so daß alles psychische Geschehen darunter
fällt — hinausgeht, vor dem Zweifel nicht geschützt.
- Daher muß zu Beginn des Philosophierens alles über die Vorstellungen hinausgehende Wissen ausdrücklich als
bezweifelbar hingestellt werden», so beginnt Volkelt sein Buch über «Immanuel Kants Erkenntnistheorie».
- Was hiermit so hingestellt wird, als ob es eine unmittelbare und
selbstverständliche Wahrheit sei, ist aber in Wirklichkeit das Resultat einer
Gedankenoperation, die folgendermaßen verläuft:
- Der naive Mensch glaubt, daß
die Gegenstände, so wie er sie wahrnimmt, auch außerhalb seines Bewußtseins
vorhanden sind.
- Die Physik, Physiologie und Psychologie scheinen aber zu lehren, daß zu
unseren Wahrnehmungen unsere Organisation notwendig ist, daß wir folglich von
nichts wissen können, als von dem, was unsere Organisation uns von den Dingen
überliefert.
- Unsere Wahrnehmungen sind somit Modifikationen unserer Organisation, nicht
Dinge an sich.
- Den hier angedeuteten Gedankengang hat Eduard von
Hartmann in der Tat als denjenigen charakterisiert, der zur
Überzeugung von dem Satze führen muß, daß wir ein direktes Wissen nur von
unseren Vorstellungen haben können (vergleiche dessen «Grundproblem der
Erkenntnistheorie», S. 16-40).
- Weil wir außerhalb unseres Organismus Schwingungen der Körper und der Luft
finden, die sich uns als Schall darstelle n, so wird gefolgert, daß das, was
wir Schall nennen, nichts weiter sei als eine subjektive Reaktion unseres
Organismus auf jene Bewegungen in der Außenwelt.
- In derselben Weise findet man, daß Farbe und Wärme nur Modifikationen
unseres Organismus seien.
- Und zwar ist man der Ansicht, daß diese beiden Wahrnehmungsarten in uns
hervorgerufen werden durch die Wirkung von Vorgängen in der Außenwelt, die von
dem, was Wärmeerlebnis oder Farbenerlebnis ist, durchaus verschieden sind.
- Wenn solche Vorgänge die Hautnerven meines Körpers erregen, so habe ich die
subjektive Wahrnehmung der Wärme, wenn solche Vorgänge den Sehnerv treffen,
nehme ich Licht und Farbe wahr.
- Licht, Farbe und Wärme sind also das, womit meine Sinnesnerven auf den Reiz
von außen antworten.
- Auch der Tastsinn liefert mir nicht die Gegenstände der Außenwelt, sondern
nur meine eigenen Zustände.
- Im Sinne der modernen Physik könnte man etwa denken, daß die Körper aus
unendlich kleinen Teilen, den Molekülen bestehen, und daß diese Moleküle nicht
unmittelbar aneinandergrenzen, sondern gewisse Entfernungen voneinander haben.
- Es ist also zwischen ihnen der leere Raum.
- Durch diese wirken sie aufeinander mittelst anziehender und abstoßender
Kräfte.
- Wenn ich meine Hand einem Körper nähere, so berühren die Moleküle meiner
Hand keineswegs unmittelbar diejenigen des Körpers, sondern es bleibt eine
gewisse Entfernung zwischen Körper und Hand, und was ich als Widerstand des
Körpers empfinde, das ist nichts weiter als die Wirkung der abstoßenden Kraft,
die seine Moleküle auf meine Hand ausüben.
- Ich bin schlechthin außerhalb des Körpers und nehme nur seine Wirkung auf
meinen Organismus wahr.
- Ergänzend zu diesen Überlegungen tritt die Lehre von den sogenannten
spezifischen Sinnesenergien, die J.
Müller (1801-1858) aufgestellt hat.
- Sie besteht darin, daß jeder Sinn die Eigentümlichkeit hat, auf alle
äußeren Reize nur in einer bestimmten Weise zu antworten.
- Wird auf den Sehnerv eine Wirkung ausgeübt, so entsteht Lichtwahrnehmung,
gleichgültig ob die Erregung durch das geschieht, was wir Licht nennen, oder ob
ein mechanischer Druck oder ein elektrischer Strom auf den Nerv einwirkt.
- Andrerseits werden in verschiedenen Sinnen durch die gleichen äußeren Reize
verschiedene Wahrnehmungen hervorgerufen.
- Daraus scheint hervorzugehen, daß unsere Sinne nur das überliefern können,
was in ihnen selbst vorgeht, nichts aber von der Außenwelt.
- Sie bestimmen die Wahrnehmungen je nach ihrer Natur.
- Die Physiologie zeigt, daß auch von einem direkten Wissen dessen keine Rede
sein kann, was die Gegenstände in unseren Sinnesorganen bewirken.
- Indem der Physiologe die Vorgänge in unserem eigenen Leibe verfolgt, findet
er, daß schon in den Sinnesorganen die Wirkungen der äußeren Bewegung in der
mannigfaltigsten Weise umgeändert werden.
- Wir sehen das am deutlichsten an Auge und Ohr.
- Beide sind sehr komplizierte Organe, die den äußeren Reiz wesentlich
verändern, ehe sie ihn zum entsprechenden Nerv bringen.
- Von dem peripherischen Ende des Nervs wird nun der schon veränderte Reiz
weiter zum Gehirn geleitet.
- Hier erst müssen wieder die Zentralorgane erregt werden.
- Daraus wird geschlossen, daß der äußere Vorgang eine Reihe von Umwandlungen
erfahren hat, ehe er zum Bewußtsein kommt.
- Was da im Gehirne sich abspielt, ist durch so viele Zwischenvorgänge mit
dem äußeren Vorgang verbunden, daß an eine Ähnlichkeit mit demselben nicht mehr
gedacht werden kann.
- Was das Gehirn der Seele zuletzt vermittelt, sind weder äußere Vorgänge,
noch Vorgänge in den Sinnesorganen, sondern nur solche innerhalb des Gehirnes.
- Aber auch die letzteren nimmt die Seele noch nicht unmittelbar wahr.
- Was wir im Bewußtsein zuletzt haben, sind gar keine Gehirnvorgänge, sondern
Empfindungen.
- Meine Empfindung des Rot hat gar keine Ähnlichkeit mit dem Vorgange, der
sich im Gehirn abspielt, wenn ich das Rot empfinde.
- Das letztere tritt erst wieder als Wirkung in der Seele auf und wird nur
verursacht durch den Hirnvorgang.
- Deshalb sagt Hartmann (Grundproblem
der Erkenntnistheorie, S. 37): «Was das Subjekt wahrnimmt, sind also immer nur
Modifikationen seiner eigenen psychischen Zustände und nichts anderes.»
- Wenn ich die Empfindungen habe, dann sind diese aber noch lange nicht zu
dem gruppiert, was ich als Dinge wahrnehme.
- Es können mir ja nur einzelne Empfindungen durch das Gehirn vermittelt
werden.
- Die Empfindungen der Härte und Weichheit werden mir durch den Tast-, die
Farben- und Lichtempfindungen durch den Gesichtssinn vermittelt.
- Doch finden sich dieselben an einem und demselben Gegenstande vereinigt.
- Diese Vereinigung muß also erst von der Seele selbst bewirkt werden.
- Das heißt, die Seele setzt die einzelnen durch das Gehirn vermittelten
Empfindungen zu Körpern zusammen.
- Mein Gehirn überliefert mir einzeln die Gesichts-, Tast- und
Gehörempfindungen, und zwar auf ganz verschiedenen Wegen, die dann die Seele zu
der Vorstellung Trompete zusammensetzt.
- Dieses Endglied (Vorstellung der Trompete) eines Prozesses ist es, was für
mein Bewußtsein zu allererst gegeben ist.
- Es ist in demselben nichts mehr von dem zu finden, was außer mir ist und
ursprünglich einen Eindruck auf meine Sinne gemacht hat.
- Der äußere Gegenstand ist auf dem Wege zum Gehirn und durch das Gehirn zur
Seele vollständig verlorengegangen.
- Es wird schwer sein, ein zweites Gedankengebäude in der Geschichte des
menschlichen Geisteslebens zu finden, das mit größerem Scharfsinn
zusammengetragen ist, und das bei genauerer Prüfung doch in nichts zerfällt.
- Sehen wir einmal näher zu, wie es zustande kommt.
- Man geht zunächst von dem aus, was dem naiven Bewußtsein gegeben ist, von
dem wahrgenommenen Dinge.
- Dann zeigt man, daß alles, was an diesem Dinge sich findet, für uns nicht
da wäre, wenn wir keine Sinne hätten.
- Kein Auge: keine Farbe.
- Also ist die Farbe in dem noch nicht vorhanden, was auf das Auge wirkt.
- Sie entsteht erst durch die Wechselwirkung des Auges mit dem Gegenstande.
- Dieser ist also farblos.
- Aber auch im Auge ist die Farbe nicht vorhanden; denn da ist ein chemischer
oder physikalischer Vorgang vorhanden, der erst durch den Nerv zum Gehirn
geleitet wird, und da einen andern auslöst.
- Dieser ist noch immer nicht die Farbe.
- Sie wird erst durch den Hirnprozeß in der Seele hervorgerufen.
- Da tritt sie mir noch immer nicht ins Bewußtsein, sondern wird erst durch
die Seele nach außen an einen Körper verlegt.
- An diesem glaube ich sie endlich wahrzunehmen.
- Wir haben einen vollständigen Kreisgang durchgemacht.
- Wir sind uns eines farbigen Körpers bewußt geworden.
- Das ist das Erste.
- Nun hebt die Gedankenoperation an.
- Wenn ich keine Augen hätte, wäre der Körper für mich farblos.
- Ich kann die Farbe also nicht in den Körper verlegen.
- Ich gehe auf die Suche nach ihr.
- Ich suche sie im Auge: vergebens; im Nerv: vergebens; im Gehirne: ebenso
vergebens; in der Seele: hier finde ich sie zwar, aber nicht mit dem Körper
verbunden.
- Den farbigen Körper finde ich erst wieder da, wo ich ausgegangen bin.
- Der Kreis ist geschlossen.
- Ich glaube das als Erzeugnis meiner Seele zu erkennen, was der naive Mensch
sich als draußen im Raume vorhanden denkt.
- So lange man dabei stehen bleibt, scheint alles in schönster Ordnung.
- Aber die Sache muß noch einmal von vorne angefangen werden.
- Ich habe ja bis jetzt mit einem Dinge gewirtschaftet: mit der äußeren
Wahrnehmung, von dem ich früher, als naiver Mensch, eine ganz falsche Ansicht
gehabt habe.
- Ich war der Meinung: sie hätte so, wie ich sie wahrnehme, einen objektiven
Bestand.
- Nun merke ich, daß sie mit meinem Vorstellen verschwindet, daß sie nur eine
Modifikation meiner seelischen Zustände ist.
- Habe ich nun überhaupt noch ein Recht, in meinen Betrachtungen von ihr
auszugehen?
- Kann ich von ihr sagen, daß sie auf meine Seele wirkt?
- Ich muß von jetzt ab den Tisch, von dem ich früher geglaubt habe, daß er
auf mich wirkt und in mir eine Vorstellung von sich hervorbringt, selbst als
Vorstellung behandeln.
- Konsequenterweise sind dann aber auch meine Sinnesorgane und die Vorgänge
in ihnen bloß subjektiv.
- Ich habe kein Recht, von einem wirklichen Auge zu sprechen, sondern nur von
meiner Vorstellung des Auges.
- Ebenso ist es mit der Nervenleitung und dem Gehirnprozeß und nicht weniger
mit dem Vorgange in der Seele selbst, durch den aus dem Chaos der
mannigfaltigen Empfindungen Dinge aufgebaut werden sollen.
- Durchlaufe ich unter Voraussetzung der Richtigkeit des ersten
Gedankenkreisganges die Glieder meines Erkenntnisaktes nochmals, so zeigt sich
der letztere als ein Gespinst von Vorstellungen, die doch als solche nicht
aufeinander wirken können.
- Ich kann nicht sagen: meine Vorstellung des Gegenstandes wirkt auf meine
Vorstellung des Auges, und aus dieser Wechselwirkung geht die Vorstellung der
Farbe hervor.
- Aber ich habe es auch nicht nötig.
- Denn sobald mir klar ist, daß mir meine Sinnesorgane und deren Tätigkeiten,
mein Nerven- und Seelenprozeß auch nur durch die Wahrnehmung gegeben werden
können, zeigt sich der geschilderte Gedankengang in seiner vollen
Unmöglichkeit.
- Es ist richtig: für mich ist keine Wahrnehmung ohne das entsprechende
Sinnesorgan gegeben.
- Aber ebensowenig ein Sinnesorgan ohne Wahrnehmung.
- Ich kann von meiner Wahrnehmung des Tisches auf das Auge übergehen, das ihn
sieht, auf die Hautnerven, die ihn tasten; aber was in diesen vorgeht, kann ich
wieder nur aus der Wahrnehmung erfahren.
- Und da bemerke ich denn bald, daß in dem Prozeß, der sich im Auge
vollzieht, nicht eine Spur von Ähnlichkeit ist mit dem, was ich als Farbe
wahrnehme.
- Ich kann meine Farbenwahrnehmung nicht dadurch vernichten, daß ich den
Prozeß im Auge aufzeige, der sich während dieser Wahrnehmung darin abspielt.
- Ebensowenig finde ich in den Nerven- und Gehirnprozessen die Farbe wieder;
ich verbinde nur neue Wahrnehmungen innerhalb meines Organismus mit der ersten,
die der naive Mensch außerhalb seines Organismus verlegt.
- Ich gehe nur von einer Wahrnehmung zur andern über.
- Außerdem enthält die ganze Schlußfolgerung einen Sprung.
- Ich bin in der Lage, die Vorgänge in meinem Organismus bis zu den Prozessen
in meinem Gehirne zu verfolgen, wenn auch meine Annahmen immer hypothetischer
werden, je mehr ich mich den zentralen Vorgängen des Gehirn es nähere.
- Der Weg der äußeren Beobachtung
hört mit dem Vorgange in meinem Gehirne auf, und zwar mit jenem, den ich wahrnehmen
würde, wenn ich mit physikalischen, chemischen usw., Hilfsmitteln und Methoden das Gehirn behandeln könnte.
- Der Weg der inneren Beobachtung
fängt mit der Empfindung an und reicht bis zum Aufbau der Dinge aus dem
Empfindungsmaterial.
- Beim Übergang von dem Hirnprozeß zur Empfindung ist der Beobachtungsweg
unterbrochen.
- Die charakterisierte Denkart, die sich im Gegensatz zum Standpunkte des
naiven Bewußtseins, den sie naiven Realismus nennt, als kritischen Idealismus
bezeichnet, macht den Fehler, daß sie die eine
Wahrnehmung als Vorstellung charakterisiert, aber die andere gerade in dem
Sinne hinnimmt, wie es der von ihr scheinbar widerlegte naive Realismus tut.
- Sie will den Vorstellungscharakter der Wahrnehmungen beweisen, indem sie in
naiver Weise die Wahrnehmungen am eigenen Organismus als objektiv gültige
Tatsachen hinnimmt und zu alledem noch übersieht, daß sie zwei
Beobachtungsgebiete durcheinander wirft, zwischen denen sie keine Vermittlung
finden kann.
- Der kritische Idealismus kann den naiven Realismus nur widerlegen, wenn er
selbst in naiv- realistischer Weise seinen eigenen Organismus als objektiv
existierend annimmt.
- In demselben Augenblicke, wo er sich der vollständigen Gleichartigkeit der
Wahrnehmungen am eigenen Organismus mit den vom naiven Realismus als objektiv
existierend angenommenen Wahrnehmungen bewußt wird, kann er sich nicht mehr auf
die ersteren als auf eine sichere Grundlage stützen.
- Er müßte auch seine subjektive Organisation als bloßen Vorstellungskomplex
ansehen.
- Damit geht aber die Möglichkeit verloren, den Inhalt der wahrgenommenen
Welt durch die geistige Organisation bewirkt zu denken.
- Man müßte annehmen, daß die Vorstellung «Farbe» nur eine Modifikation der
Vorstellung «Auge» sei.
- Der sogenannte kritische Idealismus kann nicht bewiesen werden, ohne eine
Anleihe beim naiven Realismus zu machen.
- Der letztere wird nur dadurch widerlegt, daß man dessen eigene
Voraussetzungen auf einem anderen Gebiete ungeprüft gelten läßt.
- Soviel ist hieraus gewiß: durch Untersuchungen innerhalb des
Wahrnehmungsgebietes kann der kritische Idealismus nicht bewiesen, somit die
Wahrnehmung ihres objektiven Charakters nicht entkleidet werden.
- Noch weniger aber darf der Satz: «Die wahrgenommene Welt ist meine
Vorstellung» als durch sich selbst einleuchtend und keines Beweises
bedürftig hingestellt werden.
- Schopenhauer beginnt sein
Hauptwerk «Die Welt als Wille und Vorstellung» mit den Worten:
- «‹Die Welt ist
meine Vorstellung:› — dies ist die Wahrheit, welche in Beziehung auf jedes
lebende und erkennende Wesen gilt; wiewohl der Mensch allein sie in das
reflektierte abstrakte Bewußtsein bringen kann: und tut er dies wirklich, so
ist die philosophische Besonnenheit bei ihm eingetreten.
- Es wird ihm dann deutlich und gewiß, daß er keine Sonne kennt und keine
Erde; sondern immer nur ein Auge, das eine Sonne sieht, eine Hand, die eine
Erde fühlt; daß die Welt, welche ihn umgibt, nur als Vorstellung da ist, das
heißt durchweg nur in Beziehung auf ein Anderes, das Vorstehende, welches er
selbst ist.
- — Wenn irgend eine Wahrheit a priori ausgesprochen werden kann, so ist es
diese: denn sie ist die Aussage derjenigen Form aller möglichen und
erdenklichen Erfahrung, welche allgemeiner als alle andern, als Zeit, Raum und
Kausalität ist: denn alle diese setzen jene eben schon voraus ...»
- — Der ganze Satz scheitert an dem oben bereits von mir angeführten
Umstande, daß das Auge und die Hand nicht weniger Wahrnehmungen sind als die
Sonne und die Erde.
- Und man könnte im Sinne Schopenhauers und mit Anlehnung an seine
Ausdrucksweise seinen Sätzen entgegenhalten: Mein Auge, das die Sonne sieht,
und meine Hand, die die Erde fühlt, sind meine Vorstellungen gerade so wie die
Sonne und die Erde selbst.
- Daß ich damit aber den Satz wieder aufhebe, ist ohne weiteres klar.
- Denn nur mein wirkliches Auge und meine wirkliche Hand könnten die
Vorstellungen Sonne und Erde als ihre Modifikationen an sich haben, nicht aber
meine Vorstellungen Auge und Hand.
- Nur von diesen aber darf der
kritische Idealismus sprechen.
- Der kritische Idealismus ist völlig ungeeignet, eine Ansicht über das
Verhältnis von Wahrnehmung und Vorstellung zu gewinnen.
- Die auf Seite 66 f. angedeutete Scheidung dessen, was an der Wahrnehmung während des
Wahrnehmens geschieht und was an ihr schon sein muß, bevor sie wahrgenommen
wird, kann er nicht vornehmen.
- Dazu muß also ein anderer Weg eingeschlagen werden.
-
- Kapitel 5 - Das
Erkennen der Welt
- Aus den vorhergehenden Betrachtungen folgt die Unmöglichkeit, durch
Untersuchung unseres Beobachtungsinhalts den Beweis zu erbringen, daß unsere
Wahrnehmungen Vorstellungen sind.
- Dieser Beweis soll nämlich dadurch erbracht werden, daß man zeigt: wenn der
Wahrnehmungsprozeß in der Art erfolgt, wie man ihn gemäß den naiv-realistischen
Annahmen über die psychologische und physiologische Konstitution unseres
Individuums sich vorstellt, dann haben wir es nicht mit Dingen an sich, sondern
bloß mit unseren Vorstellungen von den Dingen zu tun.
- Wenn nun der naive Realismus, konsequent verfolgt, zu Resultaten führt, die
das gerade Gegenteil seiner Voraussetzungen darstellen, so müssen diese
Voraussetzungen als ungeeignet zur Begründung einer Weltanschauung bezeichnet
und fallen gelassen werden.
- Jedenfalls ist es unstatthaft, die Voraussetzungen zu verwerfen und die
Folgerungen gelten zu lassen, wie es der kritische Idealist tut, der seiner
Behauptung: die Welt ist meine Vorstellung, den obigen Beweisgang zugrunde legt.
- (Eduard von Hartmann gibt in seiner Schrift «Das Grundproblem der
Erkenntnistheorie» eine ausführliche Darstellung dieses Beweisganges.)
- Ein anderes ist die Richtigkeit des kritischen Idealismus, ein anderes die
Überzeugungskraft seiner Beweise.
- Wie es mit der ersteren steht, wird sich später im Zusammenhange unserer
Ausführungen ergeben.
- Die Überzeugungskraft seines Beweises ist aber gleich Null.
- Wenn man ein Haus baut, und bei Herstellung des ersten Stockwerkes bricht
das Erdgeschoß in sich zusammen, so stürzt das erste Stockwerk mit.
- Der naive Realismus und der kritische Idealismus verhalten sich wie dies
Erdgeschoß zum ersten Stockwerk.
- Wer der Ansicht ist, daß die ganze wahrgenommene Welt nur eine vorgestellte
ist, und zwar die Wirkung der mir unbekannten Dinge auf meine Seele, für den
geht die eigentliche Erkenntnisfrage natürlich nicht auf die nur in der Seele
vorhandenen Vorstellungen, sondern auf die jenseits unseres Bewußtseins
liegenden, von uns unabhängigen Dinge.
- Er fragt: Wieviel können wir von den letzteren mittelbar erkennen, da sie unserer Beobachtung unmittelbar nicht zugänglich sind?
- Der auf diesem Standpunkt Stehende kümmert sich nicht um den inneren
Zusammenhang seiner bewußten Wahrnehmungen, sondern um deren nicht mehr bewußte
Ursachen, die ein von ihm unabhängiges Dasein haben, während, nach seiner
Ansicht, die Wahrnehmungen verschwinden, sobald er seine Sinne von den Dingen
abwendet.
- Unser Bewußtsein wirkt, von diesem Gesichtspunkte aus, wie ein Spiegel,
dessen Bilder von bestimmten Dingen auch in dem Augenblicke verschwinden, in
dem seine spiegelnde Fläche ihnen nicht zugewandt ist.
- Wer aber die Dinge selbst nicht sieht, sondern nur ihre Spiegelbilder, der
muß aus dem Verhalten der letzteren über die Beschaffenheit der ersteren durch
Schlüsse indirekt sich unterrichten.
- Auf diesem Standpunkte steht die neuere Naturwissenschaft, welche die
Wahrnehmungen nur als letztes Mittel benutzt, um Aufschluß über die hinter
denselben stehenden und allein wahrhaft seienden Vorgänge des Stoffes zu
gewinnen.
- Wenn der Philosoph als kritischer Idealist überhaupt ein Sein gelten läßt,
dann geht sein Erkenntnisstreben mit mittelbarer Benutzung der Vorstellungen
allein auf dieses Sein.
- Sein Interesse überspringt die subjektive Welt der Vorstellungen und geht
auf das Erzeugende dieser Vorstellungen los.
- Der kritische Idealist kann aber so weit gehen, daß er sagt: ich bin in
meine Vorstellungswelt eingeschlossen und kann aus ihr nicht hinaus.
- Wenn ich ein Ding hinter meinen Vorstellungen denke, so ist dieser Gedanke
doch auch weiter nichts als meine Vorstellung.
- Ein solcher Idealist wird dann das Ding an sich entweder ganz leugnen oder
wenigstens davon erklären, daß es für uns Menschen gar keine Bedeutung habe,
das ist, so gut wie nicht da sei, weil wir nichts von ihm wissen können.
- Einem kritischen Idealisten dieser Art erscheint die ganze Welt als ein
Traum, dem gegenüber jeder Erkenntnisdrang einfach sinnlos wäre.
- Für ihn kann es nur zwei Gattungen von Menschen geben: Befangene, die ihre
eigenen Traumgespinste für wirkliche Dinge halten, und Weise, die die
Nichtigkeit dieser Traumwelt durchschauen, und die nach und nach alle Lust
verlieren müssen, sich weiter darum zu bekümmern.
- Für diesen Standpunkt kann auch die eigene Persönlichkeit zum bloßen
Traumbilde werden.
- Gerade so wie unter den Bildern des Schlaftraums unser eigenes Traumbild
erscheint, so tritt im wachen Bewußtsein die Vorstellung des eigenen Ich zu der
Vorstellung der Außenwelt hinzu.
- Wir haben im Bewußtsein dann nicht unser wirkliches Ich, sondern nur unsere
Ichvorstellung gegeben.
- Wer nun leugnet, daß es Dinge gibt, oder wenigstens, daß wir von ihnen
etwas wissen können: der muß auch das Dasein beziehungsweise die Erkenntnis der
eigenen Persönlichkeit leugnen.
- Der kritische Idealist kommt dann zu der Behauptung: «Alle Realität
verwandelt sich in einen wunderbaren Traum, ohne ein Leben, von welchem
geträumt wird, und ohne einen Geist, dem da träumt; in einen Traum, der in
einem Traume von sich selbst zusammenhängt» (vergleiche Fichte, Die Bestimmung des Menschen).
- Gleichgültig, ob derjenige, der das unmittelbare Leben als Traum zu
erkennen glaubt, hinter diesem Traum nichts mehr vermutet, oder ob er seine
Vorstellungen auf wirkliche Dinge bezieht: das Leben selbst muß für ihn alles
wissenschaftliche Interesse verlieren.
- Während aber für denjenigen, der mit dem Traume das uns zugängliche All
erschöpft glaubt, alle Wissenschaft ein Unding ist, wird für den andern, der
sich befugt glaubt, von den Vorstellungen auf die Dinge zu schließen, die
Wissenschaft in der Erforschung dieser «Dinge an sich» bestehen.
- Die erstere Weltansicht kann mit dem Namen absoluter Illusionismus bezeichnet werden, die zweite nennt ihr
konsequentester Vertreter, Eduard von Hartmann, transzendentalen Realismus. (*)
(*) Transzendental wird im Sinne dieser
Weltanschauung eine Erkenntnis genannt, welche sich bewußt glaubt, daß über die
Dinge an sich nicht direkt etwas ausgesagt werden könne, sondern welche
indirekt Schlüsse von dem bekannten Subjektiven auf das Unbekannte, jenseits
des Subjektiven Liegende (Transzendente) macht. Das Ding an sich ist nach
dieser Ansicht jenseits des Gebietes der uns unmittelbar erkennbaren Welt, d.i. transzendent. Unsere Welt kann
aber auf das Transzendente transzendental bezogen werden. Realismus heißt Hartmanns
Anschauung, weil sie über das Subjektive, Ideale hinaus, auf das Transzendente,
Reale geht. - Diese beiden Ansichten haben mit dem naiven Realismus das gemein, daß sie
Fuß in der Welt zu fassen suchen durch eine Untersuchung der Wahrnehmungen.
- Sie können aber innerhalb dieses Gebietes nirgends einen festen Punkt
finden.
- Eine Hauptfrage für den Bekenner des transzendentalen Realismus müßte sein:
wie bringt das Ich aus sich selbst die Vorstellungswelt zustande?
- Für eine uns gegebene Welt von Vorstellungen, die verschwindet, sobald wir
unsere Sinne der Außenwelt verschließen, kann ein ernstes Erkenntnisstreben
sich insofern erwärmen, als sie das Mittel ist, die Welt des an sich seienden
Ich mittelbar zu erforschen.
- Wenn die Dinge unserer Erfahrung Vorstellungen wären, dann gliche unser
alltägliches Leben einem Traume und die Erkenntnis des wahren Tatbestandes dem
Erwachen.
- Auch unsere Traumbilder interessieren uns so lange, als wir träumen,
folglich die Traumnatur nicht durchschauen.
- In dem Augenblicke des Erwachens fragen wir nicht mehr nach dem inneren
Zusammenhange unserer Traumbilder, sondern nach den physikalischen,
physiologischen und psychologischen Vorgängen, die ihnen zum Grunde liegen.
- Ebensowenig kann sich der Philosoph, der die Welt für seine Vorstellung
hält, für den inneren Zusammenhang der Einzelheiten in derselben interessieren.
- Falls er überhaupt ein seiendes Ich gelten läßt, dann wird er nicht fragen,
wie hängt eine seiner Vorstellungen mit einer anderen zusammen, sondern was
geht in der von ihm unabhängigen Seele vor, während sein Bewußtsein einen
bestimmten Vorstellungsablauf enthält.
- Wenn ich träume, daß ich Wein trinke, der mir ein Brennen im Kehlkopf
verursache und dann mit Hustenreiz aufwache (vergleiche Weygandt, Entstehung der Träume, 1893), so hört im Augenblicke des
Erwachens die Traumhandlung auf, für mich ein Interesse zu haben.
- Mein Augenmerk ist nur noch auf die physiologischen und psychologischen
Prozesse gerichtet, durch die der Hustenreiz sich symbolisch in dem Traumbilde
zum Ausdruck bringt.
- In ähnlicher Weise muß der Philosoph, sobald er von dem
Vorstellungscharakter der gegebenen Welt überzeugt ist, von dieser sofort auf
die dahinter steckende wirkliche Seele überspringen.
- Schlimmer steht die Sache allerdings, wenn der Illusionismus das Ich an
sich hinter den Vorstellungen ganz leugnet, oder es wenigstens für unerkennbar
hält.
- Zu einer solchen Ansicht kann sehr leicht die Beobachtung führen, daß es
dem Träumen gegenüber zwar den Zustand des Wachens gibt, in dem wir Gelegenheit
haben, die Träume zu durchschauen und auf reale Verhältnisse zu beziehen, daß
wir aber keinen zu dem wachen Bewußtseinsleben in einem ähnlichen Verhältnisse
stehenden Zustand haben.
- Wer zu dieser Ansicht sich bekennt, dem geht die Einsicht ab, daß es etwas
gibt, das sich in der Tat zum bloßen Wahrnehmen verhält wie das Erfahren im
wachen Zustande zum Träumen.
- Dieses Etwas ist das Denken.
- Dem naiven Menschen kann der Mangel an Einsicht, auf den hier gedeutet
wird, nicht angerechnet werden.
- Er gibt sich dem Leben hin und hält die Dinge so für wirklich, wie sie sich
ihm in der Erfahrung darbieten.
- Der erste Schritt aber, der über diesen Standpunkt hinaus unternommen wird,
kann nur in der Frage bestehen: wie verhält sich das Denken zur Wahrnehmung?
- Ganz einerlei, ob die Wahrnehmung in der mir gegebenen Gestalt vor und nach
meinem Vorstellen weiterbesteht oder nicht: wenn ich irgend etwas über sie
aussagen will, so kann es nur mit Hilfe des Denkens geschehen.
- Wenn ich sage: die Welt ist meine Vorstellung, so habe ich das Ergebnis
eines Denkprozesses ausgesprochen, und wenn mein Denken auf die Welt nicht
anwendbar ist, so ist dieses Ergebnis ein Irrtum.
- Zwischen die Wahrnehmung und jede Art von Aussage über dieselbe schiebt
sich das Denken ein.
- Den Grund, warum das Denken bei der Betrachtung der Dinge zumeist übersehen
wird, haben wir bereits angegeben (vergleiche Seite 42 f.).
- Er liegt in dem Umstande, daß wir nur auf den Gegenstand, über den wir
denken, nicht aber zugleich auf das Denken unsere Aufmerksamkeit richten.
- Das naive Bewußtsein behandelt daher das Denken wie etwas, das mit den
Dingen nichts zu tun hat, sondern ganz abseits von denselben steht und seine
Betrachtungen über die Welt anstellt.
- Das Bild, das der Denker von den Erscheinungen der Welt entwirft, gilt
nicht als etwas, was zu den Dingen gehört, sondern als ein nur im Kopfe des
Menschen existierendes; die Welt ist auch fertig ohne dieses Bild.
- Die Welt ist fix und fertig in allen ihren Substanzen und Kräften; und von
dieser fertigen Welt entwirft der Mensch ein Bild.
- Die so denken, muß man nur fragen: mit welchem Rechte erklärt ihr die Welt
für fertig, ohne das Denken?
- Bringt nicht mit der gleichen Notwendigkeit die Welt das Denken im Kopfe
des Menschen hervor, wie die Blüte an der Pflanze?
- Pflanzet ein Samenkorn in den Boden.
- Es treibt Wurzel und Stengel.
- Es entfaltet sich zu Blättern und Blüten.
- Stellet die Pflanze euch selbst gegenüber.
- Sie verbindet sich in eurer Seele mit einem bestimmten Begriffe.
- Warum gehört dieser Begriff weniger zur ganzen Pflanze als Blatt und Blüte?
- Ihr saget: die Blätter und Blüten sind ohne ein wahrnehmendes Subjekt da;
der Begriff erscheint erst, wenn sich der Mensch der Pflanze gegenüberstellt.
- Ganz wohl.
- Aber auch Blüten und Blätter entstehen an der Pflanze nur, wenn Erde da
ist, in die der Keim gelegt werden kann, wenn Licht und Luft da sind, in denen
sich Blätter und Blüten entfalten können.
- Gerade so entsteht der Begriff der Pflanze, wenn ein denkendes Bewußtsein
an die Pflanze herantritt.
- Es ist ganz willkürlich, die Summe dessen, was wir von
einem Dinge durch die bloße Wahrnehmung erfahren, für eine Totalität, für ein
Ganzes zu halten, und dasjenige, was sich durch die denkende Betrachtung ergibt, als ein solches Hinzugekommenes, das
mit der Sache selbst nichts zu tun habe.
- Wenn ich heute eine Rosenknospe erhalte, so ist das Bild, das sich meiner
Wahrnehmung darbietet, nur zunächst ein abgeschlossenes.
- Wenn ich die Knospe in Wasser setze, so werde ich morgen ein ganz anderes
Bild meines Objektes erhalten.
- Wenn ich mein Auge von der Rosenknospe nicht abwende, so sehe ich den
heutigen Zustand in den morgigen durch unzählige Zwischenstufen kontinuierlich
übergehen.
- Das Bild, das sich mir in einem bestimmten Augenblicke darbietet, ist nur
ein zufälliger Ausschnitt aus dem in einem fortwährenden Werden begriffenen
Gegenstande.
- Setze ich die Knospe nicht in Wasser, so bringt sie eine ganze Reihe von
Zuständen nicht zur Entwickelung, die der Möglichkeit nach in ihr lagen.
- Ebenso kann ich morgen verhindert sein, die Blüte weiter zu beobachten und
dadurch ein unvollständiges Bild haben.
- Es ist eine ganz unsachliche, an Zufälligkeiten sich heftende Meinung, die
von dem in einer gewissen Zeit sich darbietenden Bilde erklärte: das ist die Sache.
- Ebensowenig ist es statthaft, die Summe der Wahrnehmungsmerkmale für die
Sache zu erklären.
- Es wäre sehr wohl möglich, daß ein Geist zugleich und ungetrennt von der
Wahrnehmung den Begriff mitempfangen könnte.
- Ein solcher Geist würde gar nicht auf den Einfall kommen, den Begriff als
etwas nicht zur Sache Gehöriges zu betrachten.
- Er müßte ihm ein mit der Sache unzertrennlich verbundenes Dasein
zuschreiben.
- Ich will mich noch durch ein Beispiel deutlicher machen.
- Wenn ich einen Stein in horizontaler Richtung durch die Luft werfe, so sehe
ich ihn nacheinander an verschiedenen Orten.
- Ich verbinde diese Orte zu einer Linie.
- In der Mathematik lerne ich verschiedene Linienformen kennen, darunter auch
die Parabel.
- Ich kenne die Parabel als eine Linie, die entsteht, wenn sich ein Punkt in
einer gewissen gesetzmäßigen Art bewegt.
- Wenn ich die Bedingungen untersuche, unter denen sich der geworfene Stein
bewegt, so finde ich, daß die Linie seiner Bewegung mit der identisch ist, die
ich als Parabel kenne.
- Daß sich der Stein gerade in einer Parabel bewegt, das ist eine Folge der
gegebenen Bedingungen und folgt mit Notwendigkeit aus diesen.
- Die Form der Parabel gehört zur ganzen Erscheinung, wie alles andere, was
an derselben in Betracht kommt.
- Dem oben beschriebenen Geist, der nicht den Umweg des Denkens nehmen müßte,
wäre nicht nur eine Summe von Gesichtsempfindungen an verschiedenen Orten
gegeben, sondern ungetrennt von der Erscheinung auch die parabolische Form der
Wurflinie, die wir erst durch Denken
zu der Erscheinung hinzufügen.
- Nicht an den Gegenständen liegt es, daß sie uns zunächst
ohne die entsprechenden Begriffe gegeben werden, sondern an unserer geistigen
Organisation.
- Unsere totale Wesenheit funktioniert in der Weise, daß ihr bei jedem Dinge
der Wirklichkeit von zwei Seiten her die Elemente zufließen, die für die Sache
in Betracht kommen: von seiten des Wahrnehmens
und des Denkens.
- Es hat mit der Natur der Dinge nichts zu tun, wie ich organisiert bin, sie
zu erfassen.
- Der Schnitt zwischen Wahrnehmen und Denken ist erst in dem Augenblicke
vorhanden, wo ich, der Betrachtende, den Dingen gegenübertrete.
- Welche Elemente dem Dinge angehören und welche nicht, kann aber durchaus
nicht davon abhängen, auf welche Weise ich zur Kenntnis dieser Elemente
gelange.
- Der Mensch ist ein eingeschränktes Wesen.
- Zunächst ist er ein Wesen unter anderen Wesen.
- Sein Dasein gehört dem Raum und der Zeit an.
- Dadurch kann ihm auch immer nur ein beschränkter Teil des gesamten
Universums gegeben sein.
- Dieser beschränkte Teil schließt sich aber ringsherum sowohl zeitlich wie
räumlich an anderes an.
- Wäre unser Dasein so mit den Dingen verknüpft, daß jedes Weltgeschehen
zugleich unser Geschehen wäre, dann
gäbe es den Unterschied zwischen uns und den Dingen nicht.
- Dann aber gäbe es für uns auch keine Einzeldinge.
- Da ginge alles Geschehen kontinuierlich ineinander über.
- Der Kosmos wäre eine Einheit und eine in sich beschlossene Ganzheit.
- Der Strom des Geschehens hätte nirgends eine Unterbrechung.
- Wegen unserer Beschränkung erscheint uns als Einzelheit, was in Wahrheit
nicht Einzelheit ist.
- Nirgends ist zum Beispiel die Einzelqualität des Rot abgesondert für sich
vorhanden.
- Sie ist allseitig von anderen Qualitäten umgeben, zu denen sie gehört, und
ohne die sie nicht bestehen könnte.
- Für uns aber ist es eine Notwendigkeit, gewisse Ausschnitte aus der Welt herauszuheben,
und sie für sich zu betrachten.
- Unser Auge kann nur einzelne Farben nacheinander aus einem vielgliedrigen
Farbenganzen, unser Verstand nur einzelne Begriffe aus einem zusammenhängenden
Begriffssysteme erfassen.
- Diese Absonderung ist ein subjektiver Akt, bedingt durch den Umstand, daß
wir nicht identisch sind mit dem Weltprozeß, sondern ein Wesen unter anderen
Wesen.
- Es kommt nun alles darauf an, die Stellung des Wesens, das wir selbst sind,
zu den anderen Wesen zu bestimmen.
- Diese Bestimmung muß unterschieden werden von dem bloßen Bewußtwerden
unseres Selbst.
- Das letztere beruht auf dem Wahrnehmen wie das Bewußtwerden jedes anderen
Dinges.
- Die Selbstwahrnehmung zeigt mir eine Summe von Eigenschaften, die ich
ebenso zu dem Ganzen meiner Persönlichkeit zusammenfasse, wie ich die
Eigenschaften: gelb, metallglänzend, hart usw. zu der Einheit «Gold»
zusammenfasse.
- Die Selbstwahrnehmung führt mich nicht aus dem Bereiche dessen hinaus, was
zu mir gehört.
- Dieses Selbstwahrnehmen ist zu unterscheiden von dem denkenden Selbstbestimmen.
- Wie ich eine einzelne Wahrnehmung der Außenwelt durch das Denken
eingliedere in den Zusammenhang der Welt, so gliedere ich die an mir selbst
gemachten Wahrnehmungen in den Weltprozeß durch das Denken ein.
- Mein Selbstwahrnehmen schließt mich innerhalb bestimmter Grenzen ein; mein
Denken hat nichts zu tun mit diesen Grenzen.
- In diesem Sinne bin ich ein Doppelwesen.
- Ich bin eingeschlossen in das Gebiet, das ich als das meiner Persönlichkeit
wahrnehme, aber ich bin Träger einer Tätigkeit, die von einer höheren Sphäre
aus mein begrenztes Dasein bestimmt.
- Unser Denken ist nicht individuell wie unser Empfinden
und Fühlen.
- Es ist universell.
- Es erhält ein individuelles Gepräge in jedem einzelnen Menschen nur
dadurch, daß es auf sein individuelles Fühlen und Empfinden bezogen ist.
- Durch diese besonderen Färbungen des universellen Denkens unterscheiden
sich die einzelnen Menschen voneinander.
- Ein Dreieck hat nur einen einzigen Begriff.
- Für den Inhalt dieses Begriffes ist es gleichgültig, ob ihn der menschliche
Bewußtseinsträger A oder B faßt.
- Er wird aber von jedem der zwei Bewußtseinsträger in individueller Weise
erfaßt werden.
- Diesem Gedanken steht ein schwer zu überwindendes Vorurteil der Menschen
gegenüber.
- Die Befangenheit kommt nicht bis zu der Einsicht, daß der Begriff des
Dreieckes, den mein Kopf erfaßt, derselbe ist, wie der durch den Kopf meines
Nebenmenschen ergriffene.
- Der naive Mensch hält sich für den Bildner seiner Begriffe.
- Er glaubt deshalb, jede Person habe ihre eigenen Begriffe.
- Es ist eine Grundforderung des philosophischen Denkens, dieses Vorurteil zu
überwinden.
- Der eine einheitliche Begriff des Dreiecks wird nicht dadurch zu einer
Vielheit, daß er von vielen gedacht wird.
- Denn das Denken der Vielen selbst ist eine Einheit.
- In dem Denken haben wir das Element gegeben, das unsere besondere
Individualität mit dem Kosmos zu einem Ganzen zusammenschließt.
- Indem wir empfinden und fühlen (auch wahrnehmen), sind wir einzelne, indem
wir denken, sind wir das all-eine Wesen, das alles durchdringt.
- Dies ist der tiefere Grund unserer Doppelnatur: Wir sehen in uns eine
schlechthin absolute Kraft zum Dasein kommen, eine Kraft, die universell ist,
aber wir lernen sie nicht bei ihrem Ausströmen aus dem Zentrum der Welt kennen,
sondern in einem Punkte der Peripherie.
- Wäre das erstere der Fall, dann wüßten wir in dem Augenblicke, in dem wir
zum Bewußtsein kommen, das ganze Welträtsel.
- Da wir aber in einem Punkte der Peripherie stehen und unser eigenes Dasein
in bestimmte Grenzen eingeschlossen finden, müssen wir das außerhalb unseres
eigenen Wesens gelegene Gebiet mit Hilfe des aus dem allgemeinen Weltensein in
uns hereinragenden Denkens kennen lernen.
- Dadurch, daß das Denken in uns übergreift über unser Sondersein und auf das
allgemeine Weltensein sich bezieht, entsteht in uns der Trieb der Erkenntnis.
- Wesen ohne Denken haben diesen Trieb nicht.
- Wenn sich ihnen andere Dinge gegenüberstellen, so sind dadurch keine Fragen
gegeben.
- Diese anderen Dinge bleiben solchen Wesen äußerlich.
- Bei denkenden Wesen stößt dem Außendinge gegenüber der Begriff auf.
- Er ist dasjenige, was wir von dem Dinge nicht von außen, sondern von innen
empfangen.
- Den Ausgleich, die Vereinigung der beiden Elemente, des inneren und des
äußeren, soll die Erkenntnis liefern.
- Die Wahrnehmung ist also nichts Fertiges, Abgeschlossenes, sondern die eine
Seite der totalen Wirklichkeit.
- Die andere Seite ist der Begriff.
- Der Erkenntnisakt ist die Synthese von Wahrnehmung und Begriff.
- Wahrnehmung und Begriff eines Dinges machen aber erst das ganze Ding aus.
- Die vorangehenden Ausführungen liefern den Beweis, daß es ein Unding ist,
etwas anderes Gemeinsames in den Einzelwesen der Welt zu suchen, als den
ideellen Inhalt, den uns das Denken darbietet.
- Alle Versuche müssen scheitern, die nach einer anderen Welteinheit streben
als nach diesem in sich zusammenhängenden ideellen Inhalt, welchen wir uns
durch denkende Betrachtung unserer Wahrnehmungen erwerben.
- Nicht ein menschlich-persönlicher Gott, nicht Kraft oder Stoff, noch der
ideenlose Wille (Schopenhauers) können uns als eine universelle Welteinheit
gelten.
- Diese Wesenheiten gehören sämtlich nur einem beschränkten Gebiet unserer
Beobachtung an.
- Menschlich begrenzte Persönlichkeit nehmen wir nur an uns, Kraft und Stoff
an den Außendingen wahr.
- Was den Willen betrifft, so kann er nur als die Tätigkeitsäußerung unserer
beschränkten Persönlichkeit gelten.
- Schopenhauer will es vermeiden, das «abstrakte» Denken zum Träger der Welteinheit zu
machen und sucht statt dessen etwas, das sich ihm unmittelbar als ein Reales
darbietet.
- Dieser Philosoph glaubt, daß wir der Welt nimmermehr beikommen, wenn wir
sie als Außenwelt ansehen.
- «In der Tat würde die nachgeforschte Bedeutung der mir lediglich als meine
Vorstellung gegenüberstehenden Welt, oder der Übergang von ihr, als bloßer
Vorstellung des erkennenden Subjekts, zu dem, was sie noch außerdem sein mag,
nimmermehr zu finden sein, wenn der Forscher selbst nichts weiter als das rein
erkennende Subjekt (geflügelter Engelskopf ohne Leib) wäre.
- Nun aber wurzelt er selbst in jener Welt, findet sich nämlich in ihr als Individuum, das heißt sein Erkennen,
welches der bedingende Träger der ganzen Welt als Vorstellung ist, ist dennoch
durchaus vermittelt durch einen Leib, dessen Affektionen, wie gezeigt, dem
Verstande der Ausgangspunkt der Anschauung jener Welt sind.
- Dieser Leib ist dem rein erkennenden Subjekt als solchem eine Vorstellung
wie jede andere, ein Objekt unter Objekten: die Bewegungen, die Aktionen
desselben sind ihm insoweit nicht anders als wie die Veränderungen aller
anderen anschaulichen Objekte bekannt, und wären ihm ebenso fremd und
unverständlich, wenn die Bedeutung derselben ihm nicht etwa auf eine ganz
andere Art enträtselt wäre. ...
- Dem Subjekt des Erkennens, welches durch seine Identität mit dem Leibe als
Individuum auftritt, ist dieser Leib auf zwei ganz verschiedene Weisen gegeben:
einmal als Vorstellung in verständiger Anschauung, als Objekt unter Objekten,
und dem Gesetzen dieser unterworfen; sodann aber auch zugleich auf eine ganz
andere Weise, nämlich als jenes jedem unmittelbar Bekannte, welches das Wort Wille bezeichnet.
- Jeder wahre Akt seines Willens ist sofort und unausbleiblich auch eine
Bewegung seines Leibes: er kann den Akt nicht wirklich wollen, ohne zugleich
wahrzunehmen, daß er als Bewegung des Leibes erscheint.
- Der Willensakt und die Aktion des Leibes sind nicht zwei objektiv erkannte
verschiedene Zustände, die das Band der Kausalität verknüpft, stehen nicht im
Verhältnis der Ursache und Wirkung; sondern sie sind eines und dasselbe, nur
auf zwei gänzlich verschiedene Weisen gegeben: einmal ganz unmittelbar und
einmal in der Anschauung für den Verstand.»
- Durch diese Auseinandersetzungen
glaubt sich Schopenhauer berechtigt,
in dem Leibe des Menschen die «Objektität» des Willens zu finden.
- Er ist der Meinung, in den Aktionen des Leibes unmittelbar eine Realität, das Ding an sich in concreto zu fühlen.
- Gegen diese Ausführungen muß eingewendet werden, daß uns die Aktionen
unseres Leibes nur durch Selbstwahrnehmungen zum Bewußtsein kommen und als
solche nichts voraus haben vor anderen Wahrnehmungen.
- Wenn wir ihre Wesenheit erkennen wollen,
so können wir dies nur durch denkende Betrachtung,
das heißt durch Eingliederung derselben in das ideelle System unserer Begriffe
und Ideen.
- Am tiefsten eingewurzelt in das naive Menschheitsbewußtsein ist die
Meinung: das Denken sei abstrakt, ohne allen konkreten Inhalt.
- Es könne höchstens ein «ideelles» Gegenbild der Welteinheit liefern, nicht
etwa diese selbst.
- Wer so urteilt, hat sich niemals klar gemacht, was die Wahrnehmung ohne den
Begriff ist.
- Sehen wir uns nur diese Welt der Wahrnehmung an: als ein bloßes
Nebeneinander im Raum und Nacheinander in der Zeit, ein Aggregat
zusammenhangloser Einzelheiten erscheint sie.
- Keines der Dinge, die da auftreten und abgehen auf der Wahrnehmungsbühne, hat
mit dem andern unmittelbar etwas zu tun, was sich wahrnehmen läßt.
- Die Welt ist da eine Mannigfaltigkeit von gleichwertigen Gegenständen.
- Keiner spielt eine größere Rolle als der andere im Getriebe der Welt.
- Soll uns klar werden, daß diese oder jene Tatsache größere Bedeutung hat
als die andere, so müssen wir unser Denken befragen.
- Ohne das funktionierende Denken erscheint uns das rudimentäre Organ des
Tieres, das ohne Bedeutung für dessen Leben ist, gleichwertig mit dem
wichtigsten Körpergliede.
- Die einzelnen Tatsachen treten in ihrer Bedeutung in sich und für die
übrigen Teile der Welt erst hervor, wenn das Denken seine Fäden zieht von Wesen
zu Wesen.
- Diese Tätigkeit des Denkens ist eine inhaltvolle.
- Denn nur durch einen ganz bestimmten konkreten Inhalt kann ich wissen,
warum die Schnecke auf einer niedrigeren Organisationsstufe steht als der Löwe.
- Der bloße Anblick, die Wahrnehmung gibt mir keinen Inhalt, der mich über
die Vollkommenheit der Organisation belehren könnte.
- Diesen Inhalt bringt das Denken der Wahrnehmung aus der
Begriffs- und Ideenwelt des Menschen entgegen.
- Im Gegensatz zum Wahrnehmungsinhalte, der uns von außen gegeben ist,
erscheint der Gedankeninhalt im Innern.
- Die Form, in der er zunächst auftritt, wollen wir als Intuition bezeichnen.
- Sie ist für das Denken, was die Beobachtung
für die Wahrnehmung ist.
- Intuition und Beobachtung sind die Quellen unserer Erkenntnis.
- Wir stehen einem beobachteten Dinge der Welt so lange fremd gegenüber, so
lange wir in unserem Innern nicht die entsprechende Intuition haben, die uns
das in der Wahrnehmung fehlende Stück der Wirklichkeit ergänzt.
- Wer nicht die Fähigkeit hat, die den Dingen entsprechenden Intuitionen zu
finden, dem bleibt die volle Wirklichkeit verschlossen.
- Wie der Farbenblinde nur Helligkeitsunterschiede ohne Farbenqualitäten
sieht, so kann der Intuitionslose nur unzusammenhängende Wahrnehmungsfragmente
beobachten.
- Ein Ding erklären, verständlich
machen heißt nichts anderes, als es in den Zusammenhang hinein versetzen,
aus dem es durch die oben geschilderte Einrichtung unserer Organisation
herausgerissen ist.
- Ein von dem Weltganzen abgetrenntes Ding gibt es nicht.
- Alle Sonderung hat bloß subjektive Geltung für unsere Organisation.
- Für uns legt sich das Weltganze auseinander in: oben und unten, vor und
nach, Ursache und Wirkung, Gegenstand und Vorstellung, Stoff und Kraft, Objekt
und Subjekt usw.
- Was uns in der Beobachtung an Einzelheiten gegenübertritt, das
verbindet sich durch die zusammenhängende, einheitliche Welt unserer
Intuitionen Glied für Glied; und wir fügen durch das Denken alles wieder in
eins zusammen, was wir durch das Wahrnehmen getrennt haben.
- Die Rätselhaftigkeit eines Gegenstandes liegt in seinem Sonderdasein.
- Diese ist aber von uns hervorgerufen und kann, innerhalb der Begriffswelt,
auch wieder aufgehoben werden.
- Außer durch Denken und Wahrnehmen ist uns direkt nichts gegeben.
- Es entsteht nun die Frage: wie steht es gemäß unseren Ausführungen mit der
Bedeutung der Wahrnehmung?
- Wir haben zwar erkannt, daß der Beweis, den der kritische Idealismus für
die subjektive Natur der Wahrnehmungen vorbringt, in sich zerfällt; aber mit
der Einsicht in die Unrichtigkeit des Beweises ist noch nicht ausgemacht, daß
die Sache selbst auf einem Irrtume beruht.
- Der kritische Idealismus geht in seiner Beweisführung nicht von der
absoluten Natur des Denkens aus, sondern stützt sich darauf, daß der naive
Realismus, konsequent verfolgt, sich selbst aufhebe.
- Wie stellt sich die Sache, wenn die Absolutheit des Denkens erkannt ist?
- Nehmen wir an, es trete eine bestimmte Wahrnehmung, zum Beispiel Rot, in
meinem Bewußtsein auf.
- Die Wahrnehmung erweist sich bei fortgehender Betrachtung in Zusammenhang
stehend mit anderen Wahrnehmungen, zum Beispiel einer bestimmten Figur, mit
gewissen Temperatur- und Tastwahrnehmungen.
- Diesen Zusammenhang bezeichne ich als einen Gegenstand der Sinnenwelt.
- Ich kann mich nun fragen: was findet sich außer dem angeführten noch in
jenem Raumausschnitte, in dem mir obige Wahrnehmungen erscheinen.
- Ich werde mechanische, chemische und andere Vorgänge innerhalb des
Raumteiles finden.
- Nun gehe ich weiter und untersuche die Vorgänge, die ich auf dem Wege von
dem Gegenstande zu meinem Sinnesorgane finde.
- Ich kann Bewegungsvorgänge in einem elastischen Mittel finden, die ihrer
Wesenheit nach nicht das geringste mit den ursprünglichen Wahrnehmungen gemein
haben.
- Das gleiche Resultat erhalte ich, wenn ich die weitere Vermittelung vom
Sinnesorgane zum Gehirn untersuche.
- Auf jedem dieser Gebiete mache ich neue Wahrnehmungen; aber was als
bindendes Mittel sich durch alle diese räumlich und zeitlich
auseinanderliegenden Wahrnehmungen hindurchwebt, das ist das Denken.
- Die den Schall vermittelnden Schwingungen der Luft sind mir gerade so als
Wahrnehmungen gegeben wie der Schall selbst.
- Nur das Denken gliedert alle diese Wahrnehmungen aneinander und zeigt sie
in ihren gegenseitigen Beziehungen.
- Wir können nicht davon sprechen, daß es außer dem unmittelbar
Wahrgenommenen noch anderes gibt, als dasjenige, was durch die ideellen (durch
das Denken aufzudeckenden) Zusammenhänge der Wahrnehmungen erkannt wird.
- Die über das bloß Wahrgenommene hinausgehende Beziehung der
Wahrnehmungsobjekte zum Wahrnehmungssubjekte ist also eine bloß ideelle, das
heißt nur durch Begriffe ausdrückbare.
- Nur in dem Falle, wenn ich wahrnehmen könnte, wie das Wahrnehmungsobjekt
das Wahrnehmungssubjekt affiziert, oder umgekehrt, wenn ich den Aufbau des
Wahrnehmungsgebildes durch das Subjekt beobachten könnte, wäre es möglich, so
zu sprechen, wie es die moderne Physiologie und der auf sie gebaute kritische
Idealismus tun.
- Diese Ansicht verwechselt einen ideellen Bezug (des Objekts auf das
Subjekt) mit einem Prozeß, von dem nur gesprochen werden könnte, wenn er
wahrzunehmen wäre.
- Der Satz «Keine Farbe ohne farbenempfindendes Auge» kann daher nicht die
Bedeutung haben, daß das Auge die Farbe hervorbringt, sondern nur die, daß ein
durch das Denken erkennbarer ideeller Zusammenhang besteht zwischen der
Wahrnehmung Farbe und der Wahrnehmung Auge.
- Die empirische Wissenschaft wird festzustellen haben, wie sich die
Eigenschaften des Auges und die der Farben zueinander verhalten; durch welche
Einrichtungen das Sehorgan die Wahrnehmung der Farben vermittelt usw.
- Ich kann verfolgen, wie eine Wahrnehmung auf die andere folgt, wie sie
räumlich mit andern in Beziehung steht; und dies dann in einen begrifflichen
Ausdruck bringen; aber ich kann nicht wahrnehmen, wie eine Wahrnehmung aus dem
Unwahrnehmbaren hervorgeht.
- Alle Bemühungen, zwischen den Wahrnehmungen andere als Gedankenbezüge zu
suchen, müssen notwendig scheitern.
- Was ist also die Wahrnehmung?
- Diese Frage ist, im allgemeinen gestellt, absurd.
- Die Wahrnehmung tritt immer als eine ganz bestimmte, als konkreter Inhalt
auf.
- Dieser Inhalt ist unmittelbar gegeben, und erschöpft sich in dem Gegebenen.
- Man kann in bezug auf dieses Gegebene nur fragen, was es außerhalb der
Wahrnehmung, das ist: für das Denken ist.
- Die Frage nach dem «Was» einer Wahrnehmung kann also nur auf die
begriffliche Intuition gehen, die ihr entspricht.
- Unter diesem Gesichtspunkte kann die Frage nach der Subjektivität der
Wahrnehmung im Sinne des kritischen Idealismus gar nicht aufgeworfen werden.
- Als subjektiv darf nur bezeichnet werden, was als zum Subjekte gehörig
wahrgenommen wird.
- Das Band zu bilden zwischen Subjektivem und Objektivem kommt keinem im
naiven Sinn realen Prozeß, das heißt einem wahrnehmbaren Geschehen zu, sondern
allein dem Denken.
- Es ist also für uns objektiv, was sich für die Wahrnehmung als außerhalb
des Wahrnehmungssubjektes gelegen darstellt.
- Mein Wahrnehmungssubjekt bleibt für mich wahrnehmbar, wenn der Tisch, der
soeben vor mir steht, aus dem Kreise meiner Beobachtung verschwunden sein wird.
- Die Beobachtung des Tisches hat eine, ebenfalls bleibende, Veränderung in
mir hervorgerufen.
- Ich behalte die Fähigkeit zurück, ein Bild des Tisches später wieder zu
erzeugen.
- Diese Fähigkeit der Hervorbringung eines Bildes bleibt mit mir verbunden.
- Die Psychologie bezeichnet dieses Bild als Erinnerungsvorstellung.
- Es ist aber dasjenige, was allein mit Recht Vorstellung des Tisches genannt werden kann.
- Es entspricht dies nämlich der wahrnehmbaren Veränderung meines eigenen
Zustandes durch die Anwesenheit des Tisches in meinem Gesichtsfelde.
- Und zwar bedeutet sie nicht die Veränderung irgendeines hinter dem
Wahrnehmungssubjekte stehenden «Ich an sich», sondern die Veränderung des wahrnehmbaren Subjektes selbst.
- Die Vorstellung ist also eine subjektive Wahrnehmung im Gegensatz zur
objektiven Wahrnehmung bei Anwesenheit des Gegenstandes im
Wahrnehmungshorizonte.
- Das Zusammenwerfen jener subjektiven mit dieser objektiven Wahrnehmung
führt zu dem Mißverständnisse des Idealismus: die Welt ist meine Vorstellung.
- Es wird sich nun zunächst darum handeln, den Begriff der Vorstellung näher
zu bestimmen.
- Was wir bisher über sie vorgebracht haben, ist nicht der Begriff derselben,
sondern weist nur den Weg, wo sie im Wahrnehmungsfelde zu finden ist.
- Der genaue Begriff der Vorstellung wird es uns dann auch möglich machen,
einen befriedigenden Aufschluß über das Verhältnis von Vorstellung und
Gegenstand zu gewinnen.
- Dies wird uns dann auch über die Grenze führen, wo das Verhältnis zwischen
menschlichem Subjekt und der Welt angehörigem Objekt von dem rein begrifflichen
Felde des Erkennens hinabgeführt wird in das konkrete individuelle Leben.
- Wissen wir erst, was wir von der Welt zu halten haben, dann wird es ein
leichtes sein, auch uns danach einzurichten.
- Wir können erst mit voller Kraft tätig sein, wenn wir das der Welt
angehörige Objekt kennen, dem wir unsere Tätigkeit widmen.
-
- Zusatz zur Neuausgabe 1918
- Die Anschauung, die hier gekennzeichnet ist, kann als eine solche angesehen
werden, zu welcher der Mensch wie naturgemäß zunächst getrieben wird, wenn er
beginnt, über sein Verhältnis zur Welt nachzudenken.
- Er sieht sich da in eine Gedankengestaltung verstrickt, die sich ihm
auflöst, indem er sie bildet.
- Diese Gedankengestaltung ist eine solche, mit deren bloßer theoretischer
Widerlegung nicht alles für sie Notwendige getan ist.
- Man muß sie durchleben, um aus
der Einsicht in die Verirrung, in die sie führt, den Ausweg zu finden.
- Sie muß in einer Auseinandersetzung über das Verhältnis des Menschen zur
Welt erscheinen nicht darum, weil man andere widerlegen will, von denen man
glaubt, daß sie über dieses Verhältnis eine unrichtige Ansicht haben, sondern
weil man kennen muß, in welche Verwirrung sich jedes erste Nachdenken über ein
solches Verhältnis bringen kann.
- Man muß die Einsicht gewinnen,
wie man sich selbst in bezug auf
dieses erste Nachdenken widerlegt.
- Von einem solchen Gesichts punkte aus sind die obigen Ausführungen gemeint.
- Wer sich eine Anschauung über das Verhältnis des Menschen zur Welt
erarbeiten will, wird sich bewußt, daß er mindestens einen Teil dieses
Verhältnisses dadurch herstellt, daß er sich über die Weltdinge und
Weltvorgänge Vorstellungen macht.
- Dadurch wird sein Blick von dem, was draußen in der Welt ist, abgezogen und auf seine Innenwelt, auf sein
Vorstellungsleben gelenkt.
- Er beginnt sich zu sagen: ich kann zu keinem Ding und zu keinem Vorgang
eine Beziehung haben, wenn nicht in mir eine Vorstellung auftritt.
- Von dem Bemerken dieses Tatbestandes ist dann nur ein Schritt zu der
Meinung: ich erlebe aber doch nur meine Vorstellungen; von einer Welt draußen
weiß ich nur, insofern sie Vorstellung in mir ist.
- Mit dieser Meinung ist der naive Wirklichkeitsstandpunkt verlassen, den der
Mensch vor allem Nachsinnen über sein Verhältnis zur Welt einnimmt.
- Von diesem Standpunkt aus glaubt er, er habe es mit den wirklichen Dingen
zu tun.
- Von diesem Standpunkt drängt die Selbstbesinnung ab.
- Sie läßt den Menschen gar nicht hinblicken auf eine Wirklichkeit, wie sie
das naive Bewußtsein vor sich zu haben meint.
- Sie läßt ihn bloß auf seine Vorstellungen blicken; diese schieben sich ein
zwischen die eigene Wesenheit und eine etwa wirkliche Welt, wie sie der naive
Standpunkt glaubt behaupten zu dürfen.
- Der Mensch kann nicht mehr durch die eingeschobene Vorstellungswelt auf
eine solche Wirklichkeit schauen.
- Er muß annehmen: er sei blind für diese Wirklichkeit.
- So entsteht der Gedanke von einem für die Erkenntnis unerreichbaren «Ding
an sich».
- — Solange man bei der Betrachtung des Verhältnisses stehenbleibt, in das
der Mensch durch sein Vorstellungsleben mit der Welt zu treten scheint, wird
man dieser Gedankengestaltung nicht entgehen können.
- Auf dem naiven Wirklichkeitsstandpunkt kann man nicht bleiben, wenn man
sich dem Drang nach Erkenntnis nicht künstlich verschließen will.
- Daß dieser Drang nach Erkenntnis des Verhältnisses von Mensch und Welt
vorhanden ist, zeigt, daß dieser naive Standpunkt verlassen werden muß.
- Gäbe der naive Standpunkt etwas, was man als Wahrheit anerkennen kann, so
könnte man diesen Drang nicht empfinden.
- — Aber man kommt nun nicht zu etwas anderem, das man als Wahrheit ansehen
könnte, wenn man bloß den naiven Standpunkt verläßt, aber — ohne es zu bemerken
— die Gedankenart beibehält, die er aufnötigt.
- Man verfällt in einen solchen Fehler, wenn man sich sagt: ich erlebe nur
meine Vorstellungen, und während ich glaube, ich habe es mit Wirklichkeiten zu
tun, sind mir nur meine Vorstellungen von Wirklichkeiten bewußt; ich muß
deshalb annehmen, daß außerhalb des Umkreises meines Bewußtseins erst wahre
Wirklichkeiten, «Dinge an sich» liegen, von denen ich unmittelbar gar nichts
weiß, die irgendwie an mich herankommen und mich so beeinflussen, daß in mir
meine Vorstellungswelt auflebt.
- Wer so denkt, der setzt in Gedanken zu der ihm vorliegenden Welt nur eine
andere hinzu; aber er müßte bezüglich dieser Welt eigentlich mit seiner
Gedankenarbeit wieder von vorne beginnen.
- Denn das unbekannte «Ding an sich» wird dabei gar nicht anders gedacht in
seinem Verhältnisse zur Eigenwesenheit des Menschen als das bekannte des naiven
Wirklichkeitsstandpunktes.
- — Man entgeht der Verwirrung, in die man durch die kritische Besonnenheit
in bezug auf diesen Standpunkt gerät, nur, wenn man bemerkt, daß es innerhalb dessen, was man innen in
sich und außen in der Welt wahrnehmend erleben kann, etwas gibt, das dem
Verhängnis gar nicht verfallen kann, daß sich zwischen Vorgang und
betrachtenden Menschen die Vorstellung einschiebt.
- Und dieses ist das Denken.
- Dem Denken gegenüber kann der Mensch auf dem naiven Wirklichkeitsstandpunkt verbleiben.
- Tut er es nicht, so geschieht das nur deshalb, weil er bemerkt hat, daß er
für anderes diesen Standpunkt verlassen muß, aber nicht gewahr wird, daß die so
gewonnene Einsicht nicht anwendbar auf das Denken ist.
- Wird er dies gewahr, dann eröffnet er sich den Zugang zu der anderen
Einsicht, daß im Denken und durch das Denken dasjenige erkannt werden muß, wofür sich der Mensch blind zu
machen scheint, indem er zwischen der Welt und sich das Vorstellungsleben
einschieben muß.
- — Von durch den Verfasser dieses Buches sehr geschätzter Seite ist diesem
der Vorwurf gemacht worden, daß er mit seiner Ausführung über das Denken bei
einem naiven Realismus des Denkens stehenbleibe, wie ein solcher vorliege, wenn
man die wirkliche Welt und die vorgestellte Welt für eines hält.
- Doch der Verfasser dieser Ausführungen glaubt eben in ihnen erwiesen zu
haben, daß die Geltung dieses «naiven Realismus» für das Denken sich aus einer unbefangenen Beobachtung desselben notwendig ergibt; und daß
der für anderes nicht geltende naive Realismus durch die Erkenntnis der wahren
Wesenheit des Denkens überwunden wird.
-
- Kapitel 6 - Die menschliche Individualität
- Die Hauptschwierigkeit bei der Erklärung der Vorstellungen wird von den
Philosophen in dem Umstande gefunden, daß wir die äußeren Dinge nicht selbst
sind, und unsere Vorstellungen doch eine den Dingen entsprechende Gestalt haben
sollen.
- Bei genauerem Zusehen stellt sich aber heraus, daß diese Schwierigkeit gar
nicht besteht.
- Die äußeren Dinge sind wir allerdings nicht, aber wir gehören mit den
äußeren Dingen zu ein und derselben Welt.
- Der Ausschnitt aus der Welt, den ich als mein Subjekt wahrnehme, wird von
dem Strome des allgemeinen Weltgeschehens durchzogen.
- Für mein Wahrnehmen bin ich zunächst innerhalb der Grenzen meiner
Leibeshaut eingeschlossen.
- Aber was da drinnen steckt in dieser Leibeshaut, gehört zu dem Kosmos als
einem Ganzen.
- Damit also eine Beziehung bestehe zwischen meinem Organismus und dem
Gegenstande außer mir, ist es gar nicht nötig, daß etwas von dem Gegenstande in
mich hereinschlüpfe oder in meinen Geist einen Eindruck mache, wie ein
Siegelring in Wachs.
- Die Frage: wie bekomme ich Kunde von dem Baume, der zehn Schritte von mir
entfernt steht, ist völlig schief gestellt.
- Sie entspringt aus der Anschauung, daß meine Leibesgrenzen absolute
Scheidewände seien, durch die die Nachrichten von den Dingen in mich
hereinwandern.
- Die Kräfte, welche innerhalb meiner Leibeshaut wirken, sind die gleichen
wie die außerhalb bestehenden.
- Ich bin also wirklich die Dinge; allerdings nicht Ich, insoferne ich
Wahrnehmungssubjekt bin, aber ich, insofern ich ein Teil innerhalb des
allgemeinen Weltgeschehens bin.
- Die Wahrnehmung des Baumes liegt mit meinem Ich in demselben Ganzen.
- Dieses allgemeine Weltgeschehen ruft in gleichem Maße dort die Wahrnehmung
des Baumes hervor, wie hier die Wahrnehmung meines Ich.
- Wäre ich nicht Welterkenner, sondern Weltschöpfer, so entstünde Objekt und
Subjekt (Wahrnehmung und Ich) in einem Akte.
- Denn sie bedingen einander gegenseitig.
- Als Welterkenner kann ich das Gemeinsame der beiden als zusammengehöriger
Wesenseiten nur durch Denken finden, das durch Begriffe beide aufeinander
bezieht.
- Am schwierigsten aus dem Felde zu schlagen werden die sogenannten
physiologischen Beweise für die Subjektivität unserer Wahrnehmungen sein.
- Wenn ich einen Druck auf die Haut meines Körpers ausführe, so nehme ich ihn
als Druckempfindung wahr.
- Denselben Druck kann ich durch das Auge als Licht, durch das Ohr als Ton
wahrnehmen.
- Einen elektrischen Schlag nehme ich durch das Auge als Licht, durch das Ohr
als Schall, durch die Hautnerven als Stoß, durch das Geruchsorgan als
Phosphorgeruch wahr.
- Was folgt aus dieser Tatsache?
- Nur dieses: Ich nehme einen elektrischen Schlag wahr (respektive einen
Druck) und darauf eine Lichtqualität, oder einen Ton beziehungsweise einen
gewissen Geruch und so weiter.
- Wenn kein Auge da wäre, so gesellte sich zu der Wahrnehmung der
mechanischen Erschütterung in der Umgebung nicht die Wahrnehmung einer
Lichtqualität, ohne die Anwesenheit eines Gehörorgans keine Tonwahrnehmung usw.
- Mit welchem Rechte kann man sagen, ohne Wahrnehmungsorgane wäre der ganze
Vorgang nicht vorhanden?
- Wer von dem Umstande, daß ein elektrischer Vorgang im Auge Licht
hervorruft, zurückschließt: also ist das, was wir als Licht empfinden, außer
unserem Organismus nur ein mechanischer Bewegungsvorgang, — der vergißt, daß er
nur von einer Wahrnehmung auf die andere übergeht und durchaus nicht auf etwas
außerhalb der Wahrnehmung.
- Ebensogut wie man sagen kann: das Auge nimmt einen mechanischen
Bewegungsvorgang seiner Umgebung als Licht wahr, ebenso gut kann man behaupten:
eine gesetzmäßige Veränderung eines Gegenstandes wird von uns als
Bewegungsvorgang wahrgenommen.
- Wenn ich auf den Umfang einer rotierenden Scheibe ein Pferd zwölfmal male,
und zwar genau in den Gestalten, die sein Körper im fortgehenden Laufe annimmt,
so kann ich durch Rotieren der Scheibe den Schein der Bewegung hervorrufen.
- Ich brauche nur durch eine Öffnung zu blicken und zwar so, daß ich in den
entsprechenden Zwischenzeiten die aufeinanderfolgenden Stellungen des Pferdes
sehe.
- Ich sehe nicht zwölf Pferdebilder, sondern das Bild eines dahineilenden
Pferdes.
- Die erwähnte physiologische Tatsache kann also kein Licht auf das
Verhältnis von Wahrnehmung und Vorstellung werfen.
- Wir müssen uns auf andere Weise zurechtfinden.
- In dem Augenblicke, wo eine Wahrnehmung in meinem
Beobachtungshorizonte auftaucht, betätigt sich durch mich auch das Denken.
- Ein Glied in meinem Gedankensysteme, eine bestimmte Intuition, ein Begriff
verbindet sich mit der Wahrnehmung.
- Wenn dann die Wahrnehmung aus meinem Gesichtskreise verschwindet: was
bleibt zurück?
- Meine Intuition mit der Beziehung auf die bestimmte Wahrnehmung, die sich
im Momente des Wahrnehmens gebildet hat.
- Mit welcher Lebhaftigkeit ich dann später diese Beziehung mir wieder
vergegenwärtigen kann, das hängt von der Art ab, in der mein geistiger und
körperlicher Organismus funktioniert.
- Die Vorstellung ist nichts
anderes als eine auf eine bestimmte Wahrnehmung bezogene Intuition, ein
Begriff, der einmal mit einer Wahrnehmung verknüpft war, und dem der Bezug auf
diese Wahrnehmung geblieben ist.
- Mein Begriff eines Löwen ist nicht aus
meinen Wahrnehmungen von Löwen gebildet.
- Wohl aber ist meine Vorstellung vom Löwen an der Wahrnehmung gebildet.
- Ich kann jemandem den Begriff eines Löwen beibringen, der nie einen Löwen
gesehen hat.
- Eine lebendige Vorstellung ihm beizubringen, wird mir ohne sein eigenes
Wahrnehmen nicht gelingen.
- Die Vorstellung ist
also ein individualisierter Begriff.
- Und nun ist es uns erklärlich, daß für uns die Dinge der Wirklichkeit durch
Vorstellungen repräsentiert werden können.
- Die volle Wirklichkeit eines Dinges ergibt sich uns im Augenblicke der
Beobachtung aus dem Zusammengehen von Begriff und Wahrnehmung.
- Der Begriff erhält durch eine Wahrnehmung eine individuelle Gestalt, einen
Bezug zu dieser bestimmten Wahrnehmung.
- In dieser individuellen Gestalt, die den Bezug auf die Wahrnehmung als eine
Eigentümlichkeit in sich trägt, lebt er in uns fort und bildet die Vorstellung
des betreffenden Dinges.
- Treffen wir auf ein zweites Ding, mit dem sich derselbe Begriff verbindet,
so erkennen wir es mit dem ersten als zu derselben Art gehörig; treffen wir
dasselbe Ding ein zweites Mal wieder, so finden wir in unserem Begriffssysteme
nicht nur überhaupt einen entsprechenden Begriff, sondern den
individualisierten Begriff mit dem ihm eigentümlichen Bezug auf denselben
Gegenstand, und wir erkennen den Gegenstand wieder.
- Die Vorstellung steht also zwischen Wahrnehmung und Begriff.
- Sie ist der bestimmte, auf die Wahrnehmung deutende Begriff.
- Die Summe desjenigen, worüber ich Vorstellungen bilden kann, darf ich meine
Erfahrung nennen.
- Derjenige Mensch wird die reichere Erfahrung haben, der eine größere Zahl
individualisierter Begriffe hat.
- Ein Mensch, dem jedes Intuitionsvermögen fehlt, ist nicht geeignet, sich
Erfahrung zu erwerben.
- Er verliert die Gegenstände wieder aus seinem Gesichtskreise, weil ihm die
Begriffe fehlen, die er zu ihnen in Beziehung setzen soll.
- Ein Mensch mit gut entwickeltem Denkvermögen, aber mit einem infolge grober
Sinneswerkzeuge schlecht funktionierenden Wahrnehmen, wird ebensowenig
Erfahrung sammeln können.
- Er kann sich zwar auf irgendeine Weise Begriffe erwerben; aber seinen
Intuitionen fehlt der lebendige Bezug auf bestimmte Dinge.
- Der gedankenlose Reisende und der in abstrakten Begriffssystemen lebende Gelehrte
sind gleich unfähig, sich eine reiche Erfahrung zu erwerben.
- Als Wahrnehmung und Begriff stellt sich uns die Wirklichkeit, als
Vorstellung die subjektive Repräsentation dieser Wirklichkeit dar.
- Wenn sich unsere Persönlichkeit bloß als erkennend äußerte, so wäre die
Summe alles Objektiven in Wahrnehmung, Begriff und Vorstellung gegeben.
- Wir begnügen uns aber nicht damit, die Wahrnehmung mit Hilfe des Denkens
auf den Begriff zu beziehen, sondern wir beziehen sie auch auf unsere besondere
Subjektivität, auf unser individuelles Ich.
- Der Ausdruck dieses individuellen Bezuges ist das Gefühl, das sich als Lust
oder Unlust auslebt.
- Denken und Fühlen entsprechen der
Doppelnatur unseres Wesens, der wir schon gedacht haben.
- Das Denken ist das Element, durch
das wir das allgemeine Geschehen des Kosmos mitmachen; das Fühlen das, wodurch wir uns in die Enge des eigenen Wesens
zurückziehen können.
- Unser Denken verbindet uns mit der Welt; unser Fühlen führt uns in uns
selbst zurück, macht uns erst zum Individuum.
- Wären wir bloß denkende und wahrnehmende Wesen, so müßte unser ganzes Leben
in unterschiedloser Gleichgültigkeit dahinfließen.
- Wenn wir uns bloß als Selbst erkennen
könnten, so wären wir uns vollständig gleichgültig.
- Erst dadurch, daß wir mit der Selbsterkenntnis das Selbstgefühl, mit der
Wahrnehmung der Dinge Lust und Schmerz empfinden, leben wir als individuelle
Wesen, deren Dasein nicht mit dem Begriffsverhältnis erschöpft ist, in dem sie
zu der übrigen Welt stehen, sondern die noch einen besonderen Wert für sich
haben.
- Man könnte versucht sein, in dem Gefühlsleben ein Element zu sehen, das
reicher mit Wirklichkeit gesättigt ist als das denkende Betrachten der Welt.
- Darauf ist zu erwidern, daß das Gefühlsleben eben doch nur für mein
Individuum diese reichere Bedeutung hat.
- Für das Weltganze kann mein Gefühlsleben nur einen Wert erhalten, wenn das
Gefühl, als Wahrnehmung an meinem Selbst, mit einem Begriffe in Verbindung
tritt und sich auf diesem Umwege dem Kosmos eingliedert.
- Unser Leben ist ein fortwährendes Hin, und Herpendeln zwischen dem Mitleben
des allgemeinen Weltgeschehens und unserem individuellen Sein.
- Je weiter wir hinaufsteigen in die allgemeine Natur des Denkens, wo uns das
Individuelle zuletzt nur mehr als Beispiel, als Exemplar des Begriffes
interessiert, desto mehr verliert sich in uns der Charakter des besonderen
Wesens, der ganz bestimmten einzelnen Persönlichkeit.
- Je weiter wir herabsteigen in die Tiefen des Eigenlebens und unsere Gefühle
mitklingen lassen mit den Erfahrungen der Außenwelt, desto mehr sondern wir uns
ab von dem universellen Sein.
- Eine wahrhafte Individualität wird derjenige sein, der am weitesten
hinaufreicht mit seinen Gefühlen in die Region des Ideellen.
- Es gibt Menschen, bei denen auch die allgemeinsten Ideen, die in ihrem
Kopfe sich festsetzen, noch jene besondere Färbung tragen, die sie unverkennbar
als mit ihrem Träger im Zusammenhange zeigt.
- Andere existieren, deren Begriffe so ohne jede Spur einer Eigentümlichkeit
an uns herankommen, als wären sie gar nicht aus einem Menschen entsprungen, der
Fleisch und Blut hat.
- Das Vorstellen gibt unserem Begriffsleben bereits ein individuelles
Gepräge.
- Jedermann hat ja einen eigenen Standort, von dem aus er die Welt
betrachtet.
- An seine Wahrnehmungen schließen sich seine Begriffe an.
- Er wird auf seine besondere Art die allgemeinen Begriffe denken.
- Diese besondere Bestimmtheit ist ein Ergebnis unseres Standortes in der
Welt, der an unseren Lebensplatz sich anschließenden Wahrnehmungssphäre.
- Dieser Bestimmtheit steht entgegen eine andere, von unserer besonderen
Organisation abhängige.
- Unsere Organisation ist ja eine spezielle, vollbestimmte Einzelheit.
- Wir verbinden jeder besondere Gefühle, und zwar in den verschiedensten
Stärkegraden mit unseren Wahrnehmungen.
- Dies ist das Individuelle unserer Eigenpersönlichkeit.
- Es bleibt als Rest zurück, wenn wir die Bestimmtheiten des
Lebensschauplatzes alle in Rechnung gebracht haben.
- Ein völlig gedankenleeres Gefühlsleben müßte allmählich allen Zusammenhang
mit der Welt verlieren.
- Die Erkenntnis der Dinge wird bei dem auf Totalität angelegten Menschen
Hand in Hand gehen mit der Ausbildung und Entwickelung des Gefühlslebens.
- Das Gefühl ist das Mittel, wodurch die Begriffe zunächst konkretes Leben gewinnen.
-
- Kapitel 7 - Gibt es Grenzen des Erkennens?
- Wir haben festgestellt, daß die Elemente zur Erklärung der Wirklichkeit den
beiden Sphären: dem Wahrnehmen und dem Denken zu entnehmen sind.
- Unsere Organisation bedingt es, wie wir gesehen haben, daß uns die volle,
totale Wirklichkeit, einschließlich unseres eigenen Subjektes, zunächst als
Zweiheit erscheint.
- Das Erkennen überwindet diese Zweiheit, indem es aus den beiden Elementen
der Wirklichkeit: der Wahrnehmung und dem durch das Denken erarbeiteten Begriff
das ganze Ding zusammenfügt.
- Nennen wir die Weise, in der uns die Welt entgegentritt, bevor sie durch
das Erkennen ihre rechte Gestalt gewonnen hat, die Welt der Erscheinung im
Gegensatz zu der aus Wahrnehmung und Begriff einheitlich zusammengesetzten
Wesenheit.
- Dann können wir sagen: Die Welt ist uns als Zweiheit (dualistisch) gegeben,
und das Erkennen verarbeitet sie zur Einheit (monistisch).
- Eine Philosophie, welche von diesem Grundprinzip ausgeht, kann als
monistische Philosophie oder Monismus bezeichnet
werden.
- Ihr steht gegenüber die Zweiweltentheorie oder der Dualismus.
- Der letztere nimmt nicht etwa zwei bloß durch unsere Organisation
auseinandergehaltene Seiten der einheitlichen Wirklichkeit an, sondern zwei
voneinander absolut verschiedene Welten.
- Er sucht dann Erklärungsprinzipien für die eine Welt in der andern.
- Der Dualismus beruht auf einer falschen Auffassung dessen, was wir
Erkenntnis nennen.
- Er trennt das gesamte Sein in zwei Gebiete, von denen jedes seine eigenen
Gesetze hat, und läßt diese Gebiete einander äußerlich gegenüberstehen.
- Einem solchen Dualismus entspringt die durch Kant in die Wissenschaft
eingeführte und bis heute nicht wieder herausgebrachte Unterscheidung von
Wahrnehmungsobjekt und «Ding an sich».
- Unseren Ausführungen gemäß liegt es in der Natur unserer geistigen Organisation,
daß ein besonderes Ding, nur als Wahrnehmung gegeben sein kann.
- Das Denken überwindet dann die Besonderung, indem es jeder Wahrnehmung ihre
gesetzmäßige Stelle im Weltganzen anweist.
- Solange die gesonderten Teile des Weltganzen als Wahrnehmungen bestimmt
werden, folgen wir einfach in der Aussonderung einem Gesetze unserer
Subjektivität.
- Betrachten wir aber die Summe aller Wahrnehmungen als den einen Teil und
stellen diesem dann einen zweiten in den «Dingen an sich» gegenüber, so philosophieren wir ins Blaue hinein.
- Wir haben es dann mit einem bloßen Begriffsspiel zu tun.
- Wir konstruieren einen künstlichen Gegensatz, können aber für das zweite
Glied desselben keinen Inhalt gewinnen, denn ein solcher kann für ein
besonderes Ding nur aus der Wahrnehmung geschöpft werden.
- Jede Art des Seins, das außerhalb des Gebietes von Wahrnehmung und Begriff
angenommen wird, ist in die Sphäre der unberechtigten Hypothesen zu verweisen.
- In diese Kategorie gehört das «Ding an sich».
- Es ist nur ganz natürlich, daß der dualistische Denker den Zusammenhang des
hypothetisch angenommenen Weltprinzipes und des erfahrungsmäßig Gegebenen nicht
finden kann.
- Für das hypothetische Weltprinzip läßt sich nur ein Inhalt gewinnen, wenn
man ihn aus der Erfahrungswelt entlehnt und sich über diese Tatsache
hinwegtäuscht.
- Sonst bleibt es ein inhaltsleerer Begriff, ein Unbegriff, der nur die Form
des Begriffes hat.
- Der dualistische Denker behauptet dann gewöhnlich: der Inhalt dieses
Begriffes sei unserer Erkenntnis unzugänglich; wir könnten nur wissen, daß ein solcher Inhalt vorhanden ist,
nicht was vorhanden ist.
- In beiden Fällen ist die Überwindung des Dualismus unmöglich.
- Bringt man ein paar abstrakte Elemente der Erfahrungswelt in den Begriff
des Dinges an sich hinein, dann bleibt es doch unmöglich, das reiche konkrete
Leben der Erfahrung auf ein paar Eigenschaften zurückzuführen, die selbst nur
aus dieser Wahrnehmung entnommen sind.
- Du Bois-Reymond denkt, daß die unwahrnehmbaren Atome der Materie durch ihre Lage und
Bewegung Empfindung und Gefühl erzeugen, um dann zu dem Schlusse zu kommen: Wir
können niemals zu einer befriedigenden Erklärung darüber kommen, wie Materie
und Bewegung Empfindung und Gefühl erzeugen, denn «es ist eben durchaus und für
immer unbegreiflich, daß es einer Anzahl von Kohlenstoff, Wasserstoff,
Stickstoff, Sauerstoff, usw. Atomen nicht sollte gleichgültig sein, wie sie
liegen und sich bewegen, wie sie lagen und sich bewegten, wie sie liegen und
sich bewegen werden.
- Es ist in keiner Weise einzusehen, wie aus ihrem Zusammenwirken Bewußtsein
entstehen könne».
- Diese Schlußfolgerung ist charakteristisch für die ganze Denkrichtung.
- Aus der reichen Welt der Wahrnehmungen wird abgesondert: Lage und Bewegung.
- Diese werden auf die erdachte Welt der Atome übertragen.
- Dann tritt die Verwunderung darüber ein, daß man aus diesem selbstgemachten
und aus der Wahrnehmungswelt entlehnten Prinzip das konkrete Leben nicht
herauswickeln kann.
- Daß der Dualist, der mit einem vollständig inhaltleeren Begriff vom Ansich
arbeitet, zu keiner Welterklärung kommen kann, folgt schon aus der oben
angegebenen Definition seines Prinzipes.
- In jedem Falle sieht sich der Dualist gezwungen, unserem Erkenntnisvermögen
unübersteigliche Schranken zu setzen.
- Der Anhänger einer monistischen Weltanschauung weiß, daß alles, was er zur
Erklärung einer ihm gegebenen Erscheinung der Welt braucht, im Bereiche der
letztem liegen müsse.
- Was ihn hindert, dazu zu gelangen, können nur zufällige zeitliche oder
räumliche Schranken oder Mängel seiner Organisation sein.
- Und zwar nicht der menschlichen Organisation im allgemeinen, sondern nur
seiner besonderen individuellen.
- Es folgt aus dem Begriffe des Erkennens, wie wir ihn bestimmt haben, daß
von Erkenntnisgrenzen nicht gesprochen werden kann.
- Das Erkennen ist keine allgemeine Weltangelegenheit, sondern ein Geschäft,
das der Mensch mit sich selbst abzumachen hat.
- Die Dinge verlangen keine Erklärung.
- Sie existieren und wirken aufeinander nach den Gesetzen, die durch das
Denken auffindbar sind.
- Sie existieren in unzertrennlicher Einheit mit diesen Gesetzen.
- Da tritt ihnen unsere Ichheit gegenüber und erfaßt von ihnen zunächst nur
das, was wir als Wahrnehmung bezeichnet haben.
- Aber in dem Innern dieser Ichheit findet sich die Kraft, um auch den andern
Teil der Wirklichkeit zu finden.
- Erst wenn die Ichheit die beiden Elemente der Wirklichkeit, die in der Welt
unzertrennlich verbunden sind, auch für sich vereinigt hat, dann ist die
Erkenntnisbefriedigung eingetreten: das Ich ist wieder bei der Wirklichkeit
angelangt.
- Die Vorbedingungen zum Entstehen des Erkennens sind also durch und für das Ich.
- Das letztere gibt sich selbst die Fragen des Erkennens auf.
- Und zwar entnimmt es sie aus dem in sich vollständig klaren und
durchsichtigen Elemente des Denkens.
- Stellen wir uns Fragen, die wir nicht beantworten können, so kann der
Inhalt der Frage nicht in allen seinen Teilen klar und deutlich sein.
- Nicht die Welt stellt an uns die Fragen, sondern wir selbst stellen sie.
- Ich kann mir denken, daß mir jede Möglichkeit fehlt, eine Frage zu
beantworten, die ich irgendwo aufgeschrieben finde, ohne daß ich die Sphäre
kenne, aus der der Inhalt der Frage genommen ist.
- Bei unserer Erkenntnis handelt es sich um Fragen, die uns dadurch
aufgegeben werden, daß einer durch Ort, Zeit und subjektive Organisation
bedingten Wahrnehmungssphäre eine auf die Allheit der Welt weisende
Begriffssphäre gegenübersteht.
- Meine Aufgabe besteht in dem Ausgleich dieser beiden mir wohlbekannten
Sphären.
- Von einer Grenze der Erkenntnis kann da nicht gesprochen werden.
- Es kann zu irgendeiner Zeit dieses oder jenes unaufgeklärt bleiben, weil
wir durch den Lebensschauplatz verhindert sind, die Dinge wahrzunehmen, die
dabei im Spiele sind.
- Was aber heute nicht gefunden ist, kann es morgen werden.
- Die hierdurch bedingten Schranken sind nur vergängliche, die mit dem
Fortschreiten von Wahrnehmung und Denken überwunden werden können.
- Der Dualismus begeht den Fehler, daß er den Gegensatz von Objekt und
Subjekt, der nur innerhalb des Wahrnehmungsgebietes eine Bedeutung hat, auf
rein erdachte Wesenheiten außerhalb desselben überträgt.
- Da aber die innerhalb des Wahrnehmungshorizontes gesonderten Dinge nur
solange gesondert sind, als der Wahrnehmende sich des Denkens enthält, das alle
Sonderung aufhebt und als eine bloß subjektiv bedingte erkennen läßt, so
überträgt der Dualist Bestimmungen auf Wesenheiten hinter den Wahrnehmungen,
die selbst für diese keine absolute, sondern nur eine relative Geltung haben.
- Er zerlegt dadurch die zwei für den Erkenntnisprozeß in Betracht kommenden
Faktoren, Wahrnehmung und Begriff, in vier: 1. Das Objekt an sich; 2. die
Wahrnehmung, die das Subjekt von dem Objekt hat; 3. das Subjekt; 4. den
Begriff, der die Wahrnehmung auf das Objekt an sich bezieht.
- Die Beziehung zwischen dem Objekt und Subjekt ist eine reale; das Subjekt wird wirklich (dynamisch) durch das Objekt
beeinflußt.
- Dieser reale Prozeß soll nicht in unser Bewußtsein fallen.
- Aber er soll im Subjekt eine Gegenwirkung auf die vom Objekt ausgehende
Wirkung hervorrufen.
- Das Resultat dieser Gegenwirkung soll die Wahrnehmung sein.
- Diese falle erst ins Bewußtsein.
- Das Objekt habe eine objektive (vom Subjekt unabhängige), die Wahrnehmung
eine subjektive Realität.
- Diese subjektive Realität beziehe das Subjekt auf das Objekt.
- Die letztere Beziehung sei eine ideelle.
- Der Dualismus spaltet somit den Erkenntnisprozeß in zwei Teile.
- Den einen, Erzeugung des Wahrnehmungsobjektes aus dem «Ding an sich», läßt
er außerhalb, den andern, Verbindung
der Wahrnehmung mit dem Begriff und Beziehung desselben auf das Objekt, innerhalb des Bewußtseins sich
abspielen.
- Unter diesen Voraussetzungen ist es klar, daß der Dualist in seinen
Begriffen nur subjektive Repräsentanten dessen zu gewinnen glaubt, was vor seinem Bewußtsein liegt.
- Der objektiv-reale Vorgang im Subjekte, durch den die Wahrnehmung zustande
kommt, und um so mehr die objektiven Beziehungen der «Dinge an sich» bleiben
für einen solchen Dualisten direkt unerkennbar; seiner Meinung nach kann sich
der Mensch nur begriffliche Repräsentanten für das objektiv Reale verschaffen.
- Das Einheitsband der Dinge, das diese unter sic h und objektiv mit unserem
Individualgeist (als «Ding an sich») verbindet, liegt jenseits des Bewußtseins
in einem Wesen an sich, von dem wir in unserem Bewußtsein ebenfalls nur einen
begrifflichen Repräsentanten haben könnten.
- Der Dualismus glaubt die ganze Welt zu einem abstrakten Begriffsschema zu
verflüchtigen, wenn er nicht neben den begrifflichen Zusammenhängen der
Gegenstände noch reale Zusammenhänge statuiert.
- Mit andern Worten: dem Dualisten erscheinen die durch das Denken auffindbaren
Idealprinzipien zu luftig, und er sucht noch Realprinzipien, von denen sie
gestützt werden können.
- Wir wollen uns diese Realprinzipien einmal näher anschauen.
- Der naive Mensch (naive Realist) betrachtet die Gegenstände der äußeren
Erfahrung als Realitäten.
- Der Umstand, daß er diese Dinge mit seinen Händen greifen, mit seinen Augen
sehen kann, gilt ihm als Zeugnis der Realität.
- «Nichts existiert, was man nicht wahrnehmen kann», ist geradezu als das
erste Axiom des naiven Menschen anzusehen, das ebensogut in seiner Umkehrung
anerkannt wird: «Alles, was wahrgenommen werden kann, existiert.»
- Der beste Beweis für diese Behauptung ist der Unsterblichkeits- und
Geisterglaube des naiven Menschen.
- Er stellt sich die Seele als feine sinnliche Materie vor, die unter
besonderen Bedingungen sogar für den gewöhnlichen Menschen sichtbar werden kann
(naiver Gespensterglaube).
- Dieser seiner realen Welt gegenüber ist für den naiven Realisten alles
andere, namentlich die Welt der Ideen, unreal, «bloß ideell».
- Was wir zu den Gegenständen hinzudenken, das ist bloßer Gedanke über die Dinge.
- Der Gedanke fügt nichts Reales zu der Wahrnehmung hinzu.
- Aber nicht nur in bezug auf das Sein der Dinge hält der naive Mensch die
Sinneswahrnehmung für das einzige Zeugnis der Realität, sondern auch in bezug
auf das Geschehen.
- Ein Ding kann, nach seiner Ansicht, nur dann auf ein anderes wirken, wenn
eine für die Sinneswahrnehmung vorhandene Kraft von dem einen ausgeht und das
andere ergreift.
- Die ältere Physik glaubte, daß sehr feine Stoffe von den Körpern ausströmen
und durch unsere Sinnesorgane in die Seele eindringen.
- Das wirkliche Sehen dieser Stoffe ist nur durch die Grobheit unserer Sinne
im Verhältnis zu der Feinheit dieser Stoffe unmöglich.
- Prinzipiell gestand man diesen Stoffen aus demselben Grunde Realität zu,
warum man es den Gegenständen der Sinnenwelt zugesteht, nämlich wegen ihrer
Seinsform, die derjenigen der sinnenfälligen Realität analog gedacht wurde.
- Die in sich beruhende Wesenheit des ideell Erlebbaren gilt dem naiven
Bewußtsein nicht in gleichem Sinne als real wie das sinnlich Erlebbare.
- Ein in der «bloßen Idee» gefaßter Gegenstand gilt so lange als bloße
Schimäre, bis durch die Sinneswahrnehmung die Überzeugung von der Realität
geliefert werden kann.
- Der naive Mensch verlangt, um es kurz zu sagen, zum ideellen Zeugnis seines
Denkens noch das reale der Sinne.
- In diesem Bedürfnisse des naiven Menschen liegt der Grund zur Entstehung
der primitiven Formen des Offenbarungsglaubens.
- Der Gott, der durch das Denken gegeben ist, bleibt dem naiven Bewußtsein
immer nur ein «gedachter» Gott.
- Das naive Bewußtsein verlangt die Kundgebung durch Mittel, die der
sinnlichen Wahrnehmung zugänglich sind.
- Der Gott muß leibhaftig erscheinen, und man will auf das Zeugnis des Denkens
wenig geben, nur etwa darauf, daß die Göttlichkeit durch sinnenfällig
konstatierbares Verwandeln von Wasser in Wein erwiesen wird.
- Auch das Erkennen selbst stellt sich der naive Mensch als einen den
Sinnesprozessen analogen Vorgang vor.
- Die Dinge machen einen Eindruck in
der Seele, oder sie senden Bilder aus, die durch die Sinne eindringen und so
weiter.
- Dasjenige, was der naive Mensch mit den Sinnen wahrnehmen kann, das hält er
für wirklich, und dasjenige, wovon er keine solche Wahrnehmung hat (Gott,
Seele, das Erkennen usw.), das stellt er sich analog dem Wahrgenommenen vor.
- Will der naive Realismus eine Wissenschaft begründen, so kann er eine
solche nur in einer genauen Beschreibung des
Wahrnehmungsinhaltes sehen.
- Die Begriffe sind ihm nur Mittel zum Zweck.
- Sie sind da, um ideelle Gegenbilder für die Wahrnehmungen zu schaffen.
- Für die Dinge selbst bedeuten sie nichts.
- Als real gelten dem naiven Realisten nur die Tulpenindividuen, die gesehen
werden, oder gesehen werden können; die eine Idee der Tulpe gilt ihm als
Abstraktum, als das unreale Gedankenbild, das sich die Seele aus den allen
Tulpen gemeinsamen Merkmalen zusammengefügt hat.
- Den naiven Realismus mit seinem Grundsatz von der Wirklichkeit alles
Wahrgenommenen widerlegt die Erfahrung, welche lehrt, daß der Inhalt der
Wahrnehmungen vergänglicher Natur ist.
- Die Tulpe, die ich sehe, ist heute wirklich; nach einem Jahr wird sie in
Nichts verschwunden sein.
- Was sich behauptet hat, ist die Gattung
Tulpe.
- Diese Gattung ist aber für den naiven Realismus «nur» eine Idee, keine
Wirklichkeit.
- So sieht sich denn diese Weltanschauung in der Lage, ihre Wirklichkeiten
kommen und verschwinden zu sehen, während sich das nach ihrer Meinung
Unwirkliche dem Wirklichen gegenüber behauptet.
- Der naive Realismus muß also neben den Wahrnehmungen auch noch etwas
Ideelles gelten lassen.
- Er muß Wesenheiten in sich aufnehmen, die er nicht mit den Sinnen
wahrnehmen kann.
- Er findet sich dadurch mit sich selbst ab, daß er deren Daseinsform analog
mit derjenigen der Sinnesobjekte denkt.
- Solche hypothetisch angenommenen Realitäten sind die
unsichtbaren Kräfte, durch die die sinnlich wahrzunehmenden Dinge aufeinander
wirken.
- Ein solches Ding ist die Vererbung, die über das Individuum hinaus
fortwirkt, und die der Grund ist, daß sich aus dem Individuum ein neues
entwickelt, das ihm ähnlich ist, wodurch sich die Gattung erhält.
- Ein solches Ding ist das den organischen Leib durchdringende Lebensprinzip,
die Seele, für die man im naiven Bewußtsein stets einen nach Analogie mit
Sinnesrealitäten gebildeten Begriff findet, und ist endlich das göttliche Wesen
des naiven Menschen.
- Dieses göttliche Wesen wird in einer Weise wirksam gedacht, die ganz dem
entspricht, was als Wirkungsart des Menschen selbst wahrgenommen werden kann: anthropomorphisch.
- Die moderne Physik führt die Sinnesempfindungen auf Vorgänge der kleinsten
Teile der Körper und eines unendlich feinen Stoffes, des Äthers oder auf
Ähnliches zurück.
- Was wir zum Beispiel als Wärme empfinden, ist innerhalb des Raumes, den der
wärmeverursachende Körper einnimmt, Bewegung seiner Teile.
- Auch hier wird wieder ein Unwahrnehmbares in Analogie mit dem Wahrnehmbaren
gedacht.
- Das sinnliche Analogon des Begriffs «Körper» ist in diesem Sinne etwa das
Innere eines allseitig geschlossenen Raumes, in dem sich nach allen Richtungen
elastische Kugeln bewegen, die einander stoßen, an die Wände an- und von ihnen
abprallen und so weiter.
- Ohne solche Annahmen zerfiele dem naiven Realismus die Welt in ein
unzusammenhängendes Aggregat von Wahrnehmungen ohne gegenseitige Beziehungen,
das sich zu keiner Einheit zusammenschließt.
- Es ist aber klar, daß der naive Realismus nur durch eine Inkonsequenz zu
dieser Annahme kommen kann.
- Wenn er seinem Grundsatz: nur das Wahrgenommene ist wirklich, treu bleiben
will, dann darf er doch, wo er nichts wahrnimmt, kein Wirkliches annehmen.
- Die unwahrnehmbaren Kräfte, die von den wahrnehmbaren Dingen aus wirken,
sind eigentlich unberechtigte Hypothesen vom Standpunkte des naiven Realismus.
- Und weil er keine anderen Realitäten kennt, so stattet er seine
hypothetischen Kräfte mit Wahrnehmungsinhalt aus.
- Er wendet also eine Seinsform (das Wahrnehmungsdasein) auf ein Gebiet an,
wo ihm das Mittel fehlt, das allein über diese Seinsform eine Aussage zu machen
hat: das sinnliche Wahrnehmen.
- Diese in sich widerspruchsvolle Weltanschauung führt zum metaphysischen
Realismus.
- Der konstruiert neben der wahrnehmbaren Realität noch eine unwahrnehmbare,
die er der erstem analog denkt.
- Der metaphysische Realismus ist deshalb notwendig Dualismus.
- Wo der metaphysische Realismus eine Beziehung zwischen wahrnehmbaren Dingen
bemerkt (Annäherung durch Bewegung, Bewußtwerden eines Objektiven usw.), da
setzt er eine Realität hin.
- Die Beziehung, die er bemerkt, kann er jedoch nur durch das Denken
ausdrücken, nicht aber wahrnehmen.
- Die ideelle Beziehung wird willkürlich zu einem dem Wahrnehmbaren Ähnlichen
gemacht.
- So ist für diese Denkrichtung die wirkliche Welt zusammengesetzt aus den
Wahrnehmungsobjekten, die im ewigen Werden sind, kommen und verschwinden, und
aus den unwahrnehmbaren Kräften, von denen die Wahrnehmungsobjekte hervorgebracht
werden, und die das Bleibende sind.
- Der metaphysische Realismus ist eine widerspruchsvolle Mischung des naiven
Realismus mit dem Idealismus.
- Seine hypothetischen Kräfte sind unwahrnehmbare Wesenheiten mit
Wahrnehmungsqualitäten.
- Er hat sich entschlossen, außer dem Weltgebiete, für dessen Daseinsform er
in dem Wahrnehmen ein Erkenntnismittel hat, noch ein Gebiet gelten zu lassen,
bei dem dieses Mittel versagt, und das nur durch das Denken zu ermitteln ist.
- Er kann sich aber nicht zu gleicher Zeit auch entschließen, die Form des
Seins, die ihm das Denken vermittelt, den Begriff (die Idee), auch als
gleichberechtigten Faktor neben der Wahrnehmung anzuerkennen.
- Will man den Widerspruch der unwahrnehmbaren Wahrnehmung vermeiden, so muß
man zugestehen, daß es für die durch das Denken vermittelten Beziehungen
zwischen den Wahrnehmungen für uns keine andere Existenzform als die des
Begriffes gibt.
- Als die Summe von Wahrnehmungen und ihrer begrifflichen (ideellen) Bezüge
stellt sich die Welt dar, wenn man aus dem metaphysischen Realismus den
unberechtigten Bestandteil hinauswirft.
- So läuft der metaphysische Realismus in eine Weltanschauung ein, welche für
die Wahrnehmung das Prinzip der Wahrnehmbarkeit, für die Beziehungen unter den
Wahrnehmungen die Denkbarkeit fordert.
- Diese Weltanschauung kann kein drittes Weltgebiet neben der Wahrnehmungs-
und Begriffswelt gelten lassen, für das beide Prinzipien, das sogenannte
Realprinzip und das Idealprinzip, zugleich Geltung haben.
- Wenn der metaphysische Realismus behauptet, daß neben der ideellen
Beziehung zwischen dem Wahrnehmungsobjekt und seinem Wahrnehmungssubjekt noch
eine reale Beziehung zwischen dem «Ding an sich» der Wahrnehmung und dem «Ding
an sich» des wahrnehmbaren Subjektes (des sogenannten Individualgeistes)
bestehen muß, so beruht diese Behauptung auf der falschen Annahme eines den
Prozessen der Sinnenwelt analogen, nicht wahrnehmbaren Seinsprozesses.
- Wenn ferner der metaphysische Realismus sagt: Mit meiner Wahrnehmungswelt
komme ich in ein bewußt-ideelles Verhältnis; mit der wirklichen Welt kann ich
aber nur in ein dynamisches (Kräfte-) Verhältnis kommen, — so begeht er nicht
weniger den schon gerügten Fehler.
- Von einem Kräfteverhältnis kann nur innerhalb der Wahrnehmungswelt (dem
Gebiete des Tastsinnes), nicht aber außerhalb desselben die Rede sein.
- Wir wollen die oben charakterisierte Weltanschauung, in die der
metaphysische Realismus zuletzt einmündet, wenn er seine widerspruchsvollen
Elemente abstreift, Monismus nennen,
weil sie den einseitigen Realismus mit dem Idealismus zu einer höheren Einheit
vereinigt.
- Für den naiven Realismus ist die wirkliche Welt eine Summe von
Wahrnehmungsobjekten; für den metaphysischen Realismus kommt außer den
Wahrnehmungen auch noch den unwahrnehmbaren Kräften Realität zu; der Monismus
setzt an die Stelle von Kräften die ideellen Zusammenhänge, die er durch sein
Denken gewinnt.
- Solche Zusammenhänge aber sind die Naturgesetze.
- Ein Naturgesetz ist ja nichts anderes als der begriffliche Ausdruck für den
Zusammenhang gewisser Wahrnehmungen.
- Der Monismus kommt gar nicht in die Lage, außer Wahrnehmung und Begriff
nach anderen Erklärungsprinzipien der Wirklichkeit zu fragen.
- Er weiß, daß sich im ganzen Bereiche der Wirklichkeit kein Anlaß dazu findet.
- Er sieht in der Wahrnehmungswelt, wie sie unmittelbar dem Wahrnehmen
vorliegt, ein halbes Wirkliches; in der Vereinigung derselben mit der
Begriffswelt findet er die volle Wirklichkeit.
- Der metaphysische Realist kann dem Anhänger des Monismus einwenden: Es mag
sein, daß für deine Organisation deine Erkenntnis in sich vollkommen ist, daß
kein Glied fehlt; du weißt aber nicht, wie sich die Welt in einer Intelligenz
abspiegelt, die anders organisiert ist als die deinige.
- Die Antwort des Monismus wird sein: Wenn es andere Intelligenzen gibt als
die menschlichen, wenn ihre Wahrnehmungen eine andere Gestalt haben als die
unsrigen, so hat für mich Bedeutung nur dasjenige, was von ihnen zu mir durch
Wahrnehmen und Begriff gelangt.
- Ich bin durch mein Wahrnehmen, und zwar durch dieses spezifische
menschliche Wahrnehmen als Subjekt dem Objekt gegenübergestellt.
- Der Zusammenhang der Dinge ist damit unterbrochen.
- Das Subjekt stellt durch das Denken diesen Zusammenhang wieder her.
- Damit hat es sich dem Weltganzen wieder eingefügt.
- Da nur durch unser Subjekt dieses Ganze an der Stelle zwischen unserer
Wahrnehmung und unserem Begriff zerschnitten erscheint, so ist in der
Vereinigung dieser beiden auch eine wahre Erkenntnis gegeben.
- Für Wesen mit einer andern Wahrnehmungswelt (zum Beispiel mit der doppelten
Anzahl von Sinnesorganen) erschiene der Zusammenhang an einer andern Stelle
unterbrochen, und die Wiederherstellung müßte demnach auch eine diesen Wesen
spezifische Gestalt haben.
- Nur für den naiven und den metaphysischen Realismus, die beide in dem
Inhalte der Seele nur eine ideelle Repräsentation der Welt sehen, besteht die
Frage nach der Grenze des Erkennens.
- Für sie ist nämlich das außerhalb des Subjektes Befindliche ein Absolutes,
ein in sich Beruhendes, und der Inhalt des Subjektes ein Bild desselben, das
schlechthin außerhalb dieses Absoluten steht.
- Die Vollkommenheit der Erkenntnis beruht auf der größeren oder geringeren
Ähnlichkeit des Bildes mit dem absoluten Objekte.
- Ein Wesen, bei dem die Zahl der Sinne kleiner ist, als beim Menschen, wird
weniger, eines, bei dem sie größer ist, mehr von der Welt wahrnehmen.
- Das erstere wird demnach eine unvollkommenere Erkenntnis haben als das
letztere.
- Für den Monismus liegt die Sache anders.
- Durch die Organisation des wahrnehmenden Wesens wird die Gestalt bestimmt,
wo der Weltzusammenhang in Subjekt und Objekt auseinandergerissen erscheint.
- Das Objekt ist kein absolutes, sondern nur ein relatives, in bezug auf
dieses bestimmte Subjekt.
- Die Überbrückung des Gegensatzes kann demnach auch nur wieder in der ganz
spezifischen, gerade dem menschlichen Subjekt eigenen Weise geschehen.
- Sobald das Ich, das in dem Wahrnehmen von der Welt abgetrennt ist, in der
denkenden Betrachtung wieder in den Weltzusammenhang sich einfügt, dann hört
alles weitere Fragen, das nur eine Folge der Trennung war, auf.
- Ein anders geartetes Wesen hätte eine anders geartete Erkenntnis.
- Die unsrige ist ausreichend, um die durch unser eigenes Wesen aufgestellten
Fragen zu beantworten.
- Der metaphysische Realismus muß fragen: Wodurch ist das als Wahrnehmung
Gegebene gegeben; wodurch wird das Subjekt affiziert?
- Für den Monismus ist die Wahrnehmung durch das Subjekt bestimmt.
- Dieses hat aber in dem Denken zugleich das Mittel, die durch es selbst
hervorgerufene Bestimmtheit wieder aufzuheben.
- Der metaphysische Realismus steht vor einer weiteren Schwierigkeit, wenn er
die Ähnlichkeit der Weltbilder verschiedener menschlicher Individuen erklären
will.
- Er muß sich fragen: Wie kommt es, daß das Weltbild, das ich aus meiner
subjektiv bestimmten Wahrnehmung und meinen Begriffen aufbaue, gleichkommt dem,
das ein anderes menschliches Individuum aus denselben beiden subjektiven
Faktoren aufbaut?
- Wie kann ich überhaupt aus meinem subjektiven Weltbilde auf das eines
andern Menschen schließen?
- Daraus, daß die Menschen sich miteinander praktisch abfinden, glaubt der
metaphysische Realist die Ähnlichkeit ihrer subjektiven Weltbilder erschließen
zu können.
- Aus der Ähnlichkeit dieser Weltbilder schließt er dann weiter auf die
Gleichheit der den einzelnen menschlichen Wahrnehmungssubjekten zugrunde
liegenden Individualgeister oder der den Subjekten zugrunde liegenden «Ich an
sich».
- Dieser Schluß ist also ein solcher aus einer Summe von Wirkungen auf den
Charakter der ihnen zugrunde liegenden Ursachen.
- Wir glauben aus einer hinreichend großen Anzahl von Fällen den Sachverhalt
so zu erkennen, daß wir wissen, wie sich die erschlossenen Ursachen in andern
Fällen verhalten werden.
- Einen solchen Schluß nennen wir einen Induktionsschluß.
- Wir werden uns genötigt sehen, die Resultate desselben zu modifizieren,
wenn in einer weitern Beobachtung etwas Unerwartetes sich ergibt, weil der
Charakter des Resultates doch nur durch die individuelle Gestalt der
geschehenen Beobachtungen bestimmt ist.
- Diese bedingte Erkenntnis der Ursachen reiche aber für das praktische Leben
vollständig aus, behauptet der metaphysische Realist.
- Der Induktionsschluß ist die methodische Grundlage des modernen
metaphysischen Realismus.
- Es gab eine Zeit, in der man aus Begriffen glaubte etwas herauswickeln zu
können, was nicht mehr Begriff ist.
- Man glaubte aus den Begriffen die metaphysischen Realwesen, deren der
metaphysische Realismus einmal bedarf, erkennen zu können.
- Diese Art des Philosophierens gehört heute zu den überwundenen Dingen.
- Dafür aber glaubt man, aus einer genügend großen Anzahl von
Wahrnehmungstatsachen auf den Charakter des Dinges an sich schließen zu können,
das diesen Tatsachen zugrunde liegt.
- Wie früher aus dem Begriffe, so meint man heute das Metaphysische aus den
Wahrnehmungen herauswickeln zu können.
- Da man die Begriffe in durchsichtiger Klarheit vor sich hat, so glaubte man
aus ihnen auch das Metaphysische mit absoluter Sicherheit ableiten zu können.
- Die Wahrnehmungen liegen nicht mit gleich durchsichtiger Klarheit vor.
- Jede folgende stellt sich wieder etwas anders dar, als die gleichartigen
vorhergehenden.
- Im Grunde wird daher das aus den vorhergehenden Erschlossene durch jede
folgende etwas modifiziert.
- Die Gestalt, die man auf diese Weise für das Metaphysische gewinnt, ist
also nur eine relativ richtige zu nennen; sie unterliegt der Korrektur durch
künftige Fälle.
- Einen durch diesen methodischen Grundsatz bestimmten Charakter trägt die
Metaphysik Eduard von Hartmanns, der als Motto auf das Titelblatt seines ersten
Hauptwerkes gesetzt hat: «Spekulative Resultate nach induktiv
naturwissenschaftlicher Methode.»
- Die Gestalt, die der metaphysische Realist gegenwärtig seinen Dingen an
sich gibt, ist eine durch Induktionsschlüsse gewonnene.
- Von dem Vorhandensein eines objektiv-realen Zusammenhanges der Welt neben
dem «subjektiven» durch Wahrnehmung und Begriff erkennbaren, ist er durch
Erwägungen über den Erkenntnisprozeß überzeugt.
- Wie diese objektive Realität beschaffen ist, das glaubt er durch
Induktionsschlüsse aus seinen Wahrnehmungen heraus bestimmen zu können.
-
- Zusatz zur Neuausgabe 1918
- Für die unbefangene Beobachtung des Erlebens in Wahrnehmung und Begriff,
wie sie in den vorangehenden Ausführungen zu schildern versucht worden ist,
werden gewisse Vorstellungen immer wieder störend sein, die auf dem Boden der
Naturbetrachtung entstehen.
- Man sagt sich, auf diesem Boden stehend, durch das Auge werden im
Lichtspektrum Farben wahrgenommen vom Rot bis zum Violett.
- Aber über das Violett hinaus liegen im Strahlungsraum des Spektrums Kräfte,
welchen keine Farbwahrnehmung des Auges, wohl aber eine chemische Wirkung
entspricht; ebenso liegen über die Grenze der Rotwirksamkeit hinaus
Strahlungen, die nur Wärmewirkungen haben.
- Man kommt durch Überlegungen, die auf solche und ähnliche Erscheinungen
gerichtet sind, zu der Ansicht: der Umfang der menschlichen Wahrnehmungswelt
ist durch den Umfang der Sinne des Menschen bestimmt, und dieser würde eine
ganz andere Welt vor sich haben, wenn er zu den seinigen noch andere, oder wenn
er überhaupt andere Sinne hätte.
- Wer sich ergehen mag in den ausschweifenden Phantasien, zu denen, nach
dieser Richtung hin, namentlich die glänzenden Entdeckungen der neueren
Naturforschung eine recht verführerische Veranlassung bieten, der kann wohl zu
dem Bekenntnisse kommen: In des Menschen Beobachtungsfeld fällt doch nur
dasjenige herein, was auf die aus seiner Organisation heraus gestalteten Sinne
zu wirken vermag.
- Er hat kein Recht, dieses von ihm durch seine Organisation begrenzte
Wahrgenommene als irgendwie maßgeblich für die Wirklichkeit anzusehen.
- Jeder neue Sinn müßte ihn vor ein anderes Bild der Wirklichkeit stellen.
- — Dies alles ist, in den entsprechenden Grenzen gedacht, eine durchaus
berechtigte Meinung.
- Wenn aber jemand sich durch diese Meinung in der unbefangenen Beobachtung
des in diesen Ausführungen geltend gemachten Verhältnisses von Wahrnehmung und
Begriff beirren läßt, so verbaut er sich den Weg zu einer in der Wirklichkeit
wurzelnden Welt- und Menschenerkenntnis.
- Das Erleben der Wesenheit des Denkens, also die tätige Erarbeitung der
Begriffswelt ist etwas durchaus anderes als das Erleben eines Wahrnehmbaren
durch die Sinne.
- Welche Sinne immer der Mensch noch haben könnte: keiner gäbe ihm eine
Wirklichkeit, wenn er nicht das durch ihn vermittelte Wahrgenommene denkend mit
Begriffen durchsetzte; und jeder wie immer geartete Sinn gibt, so durchsetzt,
dem Menschen die Möglichkeit, in der Wirklichkeit drinnen zu leben.
- Mit der Frage: wie der Mensch in der wirklichen Welt steht, hat die
Phantasie von dem möglichen ganz anderen Wahrnehmungsbild bei anderen Sinnen
nichts zu tun.
- Man muß eben einsehen, daß jedes Wahrnehmungsbild seine Gestalt erhält von der Organisation des
wahrnehmenden Wesens, daß aber das von der erlebten denkenden Betrachtung
durchsetzte Wahrnehmungsbild den Menschen in die Wirklichkeit führt.
- Nicht die phantastische Ausmalung, wie anders eine Welt für andere als die
menschlichen Sinne aussehen müßte, kann den Menschen veranlassen, Erkenntnis zu
suchen über sein Verhältnis zur Welt, sondern die Einsicht, daß jede Wahrnehmung nur einen
Teil der in ihr steckenden Wirklichkeit gibt, daß sie also von ihrer eigenen Wirklichkeit hinwegführt.
- Dieser Einsicht tritt dann die andere zur Seite, daß das Denken in den
durch die Wahrnehmung an ihr selbst verborgenen Teil der Wirklichkeit
hineinführt.
- Störend für die unbefangene Beobachtung des hier dargestellten
Verhältnisses zwischen Wahrnehmung und denkend erarbeitetem Begriff kann auch
werden, wenn im Gebiete der physikalischen Erfahrung sich die Nötigung ergibt,
gar nicht von unmittelbar anschaulich-wahrnehmbaren Elementen, sondern von
unanschaulichen Größen wie elektrischen oder magnetischen Kraftlinien und so
weiter zu sprechen.
- Es kann scheinen, als ob die Wirklichkeitselemente, von denen die Physik spricht, weder mit
dem Wahrnehmbaren, noch mit dem im tätigen Denken erarbeiteten Begriff etwas zu
tun hätten.
- Doch beruhte eine solche Meinung auf einer Selbsttäuschung.
- Zunächst kommt es darauf an, daß alles in der Physik Erarbeitete, insofern es nicht unberechtigte Hypothesen
darstellt, die ausgeschlossen bleiben sollten, durch Wahrnehmung und Begriff
gewonnen ist.
- Was scheinbar unanschaulicher Inhalt ist, das wird aus einem richtigen
Erkenntnisinstinkt des Physikers heraus durchaus in das Feld versetzt, auf dem
die Wahrnehmungen liegen, und es wird in Begriffen gedacht, mit denen man sich
auf diesem Felde betätigt.
- Die Kraftstärken im elektrischen und magnetischen Felde und so weiter
werden, dem Wesen nach, nicht durch einen andern Erkenntnisvorgang gewonnen als durch denjenigen,
der sich zwischen Wahrnehmung und Begriff abspielt.
- — Eine Vermehrung oder Andersgestaltung der menschlichen Sinne würde ein
anderes Wahrnehmungsbild ergeben, eine Bereicherung oder Andersgestaltung der
menschlichen Erfahrung; aber eine wirkliche Erkenntnis müßte auch dieser Erfahrung gegenüber
durch die Wechselwirkung von Begriff und Wahrnehmung gewonnen werden.
- Die Vertiefung der Erkenntnis hängt von den im Denken sich auslebenden Kräften der
Intuition (vergleiche Seite95) ab.
- Diese Intuition kann in demjenigen Erleben, das im Denken sich ausgestaltet, in tiefere oder weniger tiefe
Untergründe der Wirklichkeit tauchen.
- Durch die Erweiterung des Wahrnehmungsbildes kann dieses Untertauchen
Anregungen empfangen und auf diese Art mittelbar gefördert werden.
- Allein niemals sollte das Tauchen in die Tiefe, als das Erreichen der Wirklichkeit,
verwechselt werden mit dem Gegenüberstehen von weiterem oder engerem
Wahrnehmungsbild, in dem stets nur eine halbe Wirklichkeit, wie sie von der erkennenden Organisation
bedingt wird, vorliegt.
- Wer nicht in Abstraktionen sich verliert, der wird einsehen, wie auch die Tatsache für die Erkenntnis
des Menschenwesens in Betracht kommt, daß für die Physik im Wahrnehmungsfelde
Elemente erschlossen werden müssen, für welche nicht ein Sinn wie für Farbe oder Ton unmittelbar
abgestimmt ist.
- Das konkrete Wesen des Menschen ist nicht nur durch dasjenige bestimmt, was er durch
seine Organisation sich als unmittelbare Wahrnehmung gegenüberstellt, sondern
auch dadurch, daß er anderes von dieser unmittelbaren Wahrnehmung ausschließt.
- Wie dem Leben neben dem bewußten Wachzustande der unbewußte Schlafzustand
notwendig ist, so ist dem Sich-Erleben des Menschen neben dem Umkreis seiner
Sinneswahrnehmung notwendig ein — viel größerer sogar — Umkreis von nicht
sinnlich wahrnehmbaren Elementen in dem Felde, aus dem die Sinneswahrnehmungen
stammen.
- Dies alles ist mittelbar schon ausgesprochen in der ursprünglichen
Darstellung dieser Schrift.
- Deren Verfasser fügt hier diese Erweiterung des Inhaltes an, weil er die
Erfahrung gemacht hat, daß mancher Leser nicht genau genug gelesen hat.
- — Bedacht sollte auch werden, daß die Idee von der Wahrnehmung, wie sie in
dieser Schrift entwickelt wird, nicht verwechselt werden darf mit derjenigen
von äußerer Sinneswahrnehmung, die nur ein Spezialfall von ihr ist.
- Man wird aus dem schon Vorangehenden, aber noch mehr aus dem später
Ausgeführten ersehen, daß hier alles sinnlich und geistig an den Menschen Herantretende als Wahrnehmung aufgefaßt
wird, bevor es von dem tätig erarbeiteten Begriff erfaßt ist.
- Um Wahrnehmungen seelischer oder geistiger Art zu haben, sind nicht Sinne
von gewöhnlich gemeinter Art nötig.
- Man könnte sagen, solche Erweiterung des üblichen Sprachgebrauches sei
unstatthaft.
- Allein sie ist unbedingt notwendig,
wenn man sich nicht auf gewissen Gebieten eben durch den Sprachgebrauch in der
Erkenntniserweiterung fesseln lassen will.
- Wer von Wahrnehmung nur im Sinne
von sinnlicher Wahrnehmung spricht, der kommt auch über diese sinnliche Wahrnehmung nicht zu einem für die Erkenntnis
brauchbaren Begriff.
- Man muß manchmal einen Begriff
erweitern, damit er auf einem engeren Gebiete seinen ihm angemessenen Sinn
erhält.
- Man muß auch zuweilen zu dem, was in einem Begriffe zunächst gedacht wird,
anderes hinzufügen, damit das so Gedachte seine Rechtfertigung oder auch Zurechtrückung
findet.
- So findet man auf Seite 107 dieses Buches gesagt: «Die
Vorstellung ist also ein individualisierter Begriff.»
- Demgegenüber wurde mir eingewendet,
das sei ein ungewöhnlicher Wortgebrauch.
- Aber dieser Wortgebrauch ist notwendig, wenn man dahinterkommen will, was
Vorstellung eigentlich ist.
- Was sollte aus dem Fortgang der Erkenntnis werden, wenn man jedem, der in
die Notwendigkeit versetzt ist, Begriffe zurechtzurücken, den Einwand machte: «Das
ist ein ungewöhnlicher Wortgebrauch.»
-
- Teil II — Die Wirklichkeit der Freiheit
-
- Kapitel 8 - Die Faktoren des Lebens
- Rekapitulieren wir das in den vorangehenden Kapiteln Gewonnene.
- Die Welt tritt dem Menschen als eine Vielheit gegenüber, als eine Summe von
Einzelheiten.
- Eine von diesen Einzelheiten, ein Wesen unter Wesen, ist er selbst.
- Diese Gestalt der Welt bezeichnen wir schlechthin als gegeben, und insofern wir sie nicht durch bewußte Tätigkeit
entwickeln, sondern vorfinden, als Wahrnehmung.
- Innerhalb der Welt der Wahrnehmungen nehmen wir uns selbst wahr.
- Diese Selbstwahrnehmung bliebe einfach als eine unter den vielen anderen
Wahrnehmungen stehen, wenn nicht aus der Mitte dieser Selbstwahrnehmung etwas
auftauchte, das sich geeignet erweist, die Wahrnehmungen überhaupt, also auch
die Summe aller anderen Wahrnehmungen mit der unseres Selbst zu verbinden.
- Dieses auftauchende Etwas ist nicht mehr bloße Wahrnehmung; es wird auch nicht
gleich den Wahrnehmungen einfach vorgefunden.
- Es wird durch Tätigkeit hervorgebracht.
- Es erscheint zunächst an das gebunden, was wir als unser Selbst wahrnehmen.
- Seiner inneren Bedeutung nach greift es aber über das Selbst hinaus.
- Es fügt den einzelnen Wahrnehmungen ideelle Bestimmtheiten bei, die sich
aber aufeinander beziehen, die in einem Ganzen gegründet sind.
- Das durch Selbstwahrnehmung Gewonnene bestimmt es auf gleiche Weise ideell
wie alle andern Wahrnehmungen und stellt es als Subjekt oder «Ich» den Objekten
gegenüber.
- Dieses Etwas ist das Denken, und die ideellen Bestimmtheiten sind die
Begriffe und Ideen.
- Das Denken äußert sich daher zunächst an der Wahrnehmung des Selbst; ist
aber nicht bloß subjektiv; denn das Selbst bezeichnet sich erst mit Hilfe des
Denkens als Subjekt.
- Diese gedankliche Beziehung auf sich selbst ist eine Lebensbestimmung
unserer Persönlichkeit.
- Durch sie führen wir ein rein ideelles Dasein.
- Wir fühlen uns durch sie als denkende Wesen.
- Diese Lebensbestimmung bliebe eine rein begriffliche (logische), wenn keine
anderen Bestimmungen unseres Selbst hinzuträten.
- Wir wären dann Wesen, deren Leben sich in der Herstellung rein ideeller
Beziehungen zwischen den Wahrnehmungen untereinander und den letztem und uns
selbst erschöpfte.
- Nennt man die Herstellung eines solchen gedanklichen Verhältnisses ein
Erkennen, und den durch dieselbe gewonnenen Zustand unseres Selbst Wissen, so
müßten wir uns beim Eintreffen der obigen Voraussetzung als bloß erkennende
oder wissende Wesen ansehen.
- Die Voraussetzung trifft aber nicht zu.
- Wir beziehen die Wahrnehmungen nicht bloß ideell auf uns, durch den
Begriff, sondern auch noch durch das Gefühl, wie wir gesehen haben.
- Wir sind also nicht Wesen mit bloß begrifflichem Lebensinhalt.
- Der naive Realist sieht sogar in dem Gefühlsleben ein wirklicheres Leben
der Persönlichkeit als in dem rein ideellen Element des Wissens.
- Und er hat von seinem Standpunkte aus ganz recht, wenn er in dieser Weise
sich die Sache zurechtlegt.
- Das Gefühl ist auf subjektiver Seite zunächst genau dasselbe, was die
Wahrnehmung auf objektiver Seite ist.
- Nach dem Grundsatz des naiven Realismus: Alles ist wirklich, was
wahrgenommen werden kann, ist daher das Gefühl die Bürgschaft der Realität der
eigenen Persönlichkeit.
- Der hier gemeinte Monismus muß aber dem Gefühle die gleiche Ergänzung
angedeihen lassen, die er für die Wahrnehmung notwendig erachtet, wenn sie als
vollkommene Wirklichkeit sich darstellen soll.
- Für diesen Monismus ist das Gefühl ein unvollständiges Wirkliches, das in
der ersten Form, in der es uns gegeben ist, seinen zweiten Faktor, den Begriff
oder die Idee, noch nicht mitenthält.
- Deshalb tritt im Leben auch überall das Fühlen gleichwie das Wahrnehmen vor dem Erkennen auf.
- Wir fühlen uns zuerst als Daseiende; und im Laufe der allmählichen
Entwickelung ringen wir uns erst zu dem Punkte durch, wo uns in dem dumpf
gefühlten eigenen Dasein der Begriff unseres Selbst aufgeht.
- Was für uns erst später
hervortritt, ist aber ursprünglich mit dem Gefühle unzertrennlich verbunden.
- Der naive Mensch gerät durch diesen Umstand auf den Glauben: in dem Fühlen
stelle sich ihm das Dasein unmittelbar, in dem Wissen nur mittelbar dar.
- Die Ausbildung des Gefühlslebens wird ihm daher vor allen andern Dingen
wichtig erscheinen.
- Er wird den Zusammenhang der Welt erst erfaßt zu haben glauben, wenn er ihn
in sein Fühlen aufgenommen hat.
- Er sucht nicht das Wissen, sondern das Fühlen zum Mittel der Erkenntnis zu
machen.
- Da das Gefühl etwas ganz Individuelles ist, etwas der Wahrnehmung
gleichkommendes, so macht der Gefühlsphilosoph ein Prinzip, das nur innerhalb
seiner Persönlichkeit eine Bedeutung hat, zum Weltprinzipe.
- Er sucht die ganze Welt mit seinem eigenen Selbst zu durchdringen.
- Was der hier gemeinte Monismus im Begriffe zu erfassen strebt, das sucht
der Gefühlsphilosoph mit dem Gefühle zu erreichen, und sieht dieses sein
Zusammensein mit den Objekten als das unmittelbarere an.
- Die hiermit gekennzeichnete Richtung, die Philosophie des Gefühls, wird oft
als Mystik bezeichnet.
- Der Irrtum einer bloß auf das Gefühl gebauten mystischen Anschauungsweise
besteht darinnen, daß sie erleben will,
was sie wissen soll, daß sie ein Individuelles, das Gefühl, zu einem
Universellen erziehen will.
- Das Fühlen ist ein rein individueller Akt, die Beziehung der Außenwelt auf
unser Subjekt, insofern diese Beziehung ihren Ausdruck findet in einem bloß
subjektiven Erleben.
- Es gibt noch eine andere Äußerung der menschlichen Persönlichkeit.
- Das Ich lebt durch sein Denken das allgemeine Weltleben mit; es bezieht
durch dasselbe rein ideell (begrifflich) die Wahrnehmungen auf sich, sich auf
die Wahrnehmungen.
- Im Gefühl erlebt es einen Bezug der Objekte auf sein Subjekt; im Willen ist das Umgekehrte der Fall.
- Im Wollen haben wir ebenfalls eine Wahrnehmung vor uns, nämlich die des
individuellen Bezugs unseres Selbstes auf das Objektive.
- Was am Wollen nicht rein ideeller Faktor ist, das ist ebenso bloß
Gegenstand des Wahrnehmens wie das bei irgendeinem Dinge der Außenwelt der Fall
ist.
- Dennoch wird der naive Realismus auch hier wieder ein weit wirklicheres
Sein vor sich zu haben glauben, als durch das Denken erlangt werden kann.
- Er wird in dem Willen ein Element erblicken, in dem er ein Geschehen, ein
Verursachen unmittelbar gewahr wird,
im Gegensatz zum Denken, das das Geschehen erst in Begriffe faßt.
- Was das Ich durch seinen Willen vollbringt, stellt für eine solche
Anschauungsweise einen Prozeß dar, der unmittelbar erlebt wird.
- In dem Wollen glaubt der Bekenner dieser Philosophie das Weltgeschehen
wirklich an einem Zipfel erfaßt zu haben.
- Während er die anderen Geschehnisse nur durch Wahrnehmen von außen verfolgen
kann, glaubt er in seinem Wollen ein reales Geschehen ganz unmittelbar zu
erleben.
- Die Seinsform, in der ihm der Wille innerhalb des Selbst erscheint, wird
für ihn zu einem Realprinzip der Wirklichkeit.
- Sein eigenes Wollen erscheint ihm als Spezialfall des allgemeinen
Weltgeschehens; dieses letztere somit als allgemeines Wollen.
- Der Wille wird zum Weltprinzip wie in der Gefühlsmystik das Gefühl zum
Erkenntnisprinzip.
- Diese Anschauungsweise ist Willensphilosophie
(Thelismus).
- Was sich nur individuell erleben läßt, das wird durch sie zum
konstituierenden Faktor der Welt gemacht.
- So wenig die Gefühlsmystik Wissenschaft genannt werden kann, so wenig kann
es die Willensphilosophie.
- Denn beide behaupten mit dem begrifflichen Durchdringen der Welt nicht
auskommen zu können.
- Beide fordern neben dem Idealprinzip des Seins noch ein Realprinzip.
- Das mit einem gewissen Recht.
- Da wir aber für diese sogenannten Realprinzipien nur das Wahrnehmen als
Auffassungsmittel haben, so ist die Behauptung der Gefühlsmystik und der
Willensphilosophie identisch mit der Ansicht: Wir haben zwei Quellen der
Erkenntnis: die des Denkens und die des Wahrnehmens, welches letztere sich im
Gefühl und Willen als individuelles Erleben darstellt.
- Da die Ausflüsse der einen Quelle, die Erlebnisse, von diesen
Weltanschauungen nicht direkt in die der andern, des Denkens, aufgenommen
werden können, so bleiben die beiden Erkenntnisweisen, Wahrnehmen und Denken
ohne höhere Vermittlung nebeneinander bestehen.
- Neben dem durch das Wissen erreichbaren Idealprinzip soll es noch ein zu
erlebendes nicht im Denken erfaßbares Realprinzip der Welt geben.
- Mit andern Worten: die Gefühlsmystik und Willensphilosophie sind naiver
Realismus, weil sie dem Satz huldigen: Das unmittelbar Wahrgenommene ist
wirklich.
- Sie begehen dem ursprünglichen naiven Realismus gegenüber nur noch die
Inkonsequenz, daß sie eine bestimmte Form des Wahrnehmens (das Fühlen,
beziehungsweise Wollen) zum alleinigen Erkenntnismittel des Seins machen,
während sie das doch nur können, wenn sie im allgemeinen dem Grundsatz
huldigen: Das Wahrgenommene ist wirklich.
- Sie müßten somit auch dem äußeren Wahrnehmen einen gleichen Erkenntniswert
zuschreiben.
- Die Willensphilosophie wird zum metaphysischen Realismus, wenn sie den
Willen auch in die Daseinssphären
verlegt, in denen ein unmittelbares Erleben desselben nicht wie in dem eigenen
Subjekt möglich ist.
- Sie nimmt ein Prinzip außer dem Subjekt hypothetisch an, für das das
subjektive Erleben das einzige Wirklichkeitskriterium ist.
- Als metaphysischer Realismus verfällt die Willensphilosophie der im
vorhergehenden Kapitel angegebenen Kritik, welche das widerspruchsvolle Moment
jedes metaphysischen Realismus überwinden und anerkennen muß, daß der Wille nur
insofern ein allgemeines Weltgeschehen ist, als er sich ideell auf die übrige
Welt bezieht.
-
- Zusatz zur Neuausgabe 1918
- Die Schwierigkeit, das Denken in seinem Wesen beobachtend zu erfassen,
liegt darin, daß dieses Wesen der betrachtenden Seele nur allzu leicht schon
entschlüpft ist, wenn diese es in die Richtung ihrer Aufmerksamkeit bringen
will.
- Dann bleibt ihr nur das tote Abstrakte, die Leichname des lebendigen
Denkens.
- Sieht man nur auf dieses Abstrakte, so wird man leicht ihm gegenüber sich
gedrängt finden, in das «lebensvolle» Element der Gefühlsmystik, oder auch der
Willensmetaphysik einzutreten.
- Man wird es absonderlich finden, wenn jemand in «bloßen Gedanken» das Wesen
der Wirklichkeit ergreifen will.
- Aber wer sich dazu bringt, das Leben
im Denken wahrhaft zu haben, der gelangt zur Einsicht, daß dem inneren
Reichtum und der in sich ruhenden, aber zugleich in sich bewegten Erfahrung innerhalb dieses Lebens das
Weben in bloßen Gefühlen oder das Anschauen des Willenselementes nicht einmal
verglichen werden kann, geschweige denn, daß diese über jenes gesetzt werden
dürften.
- Gerade von diesem Reichtum, von dieser inneren Fülle des Erlebens rührt es
her, daß sein Gegenbild in der gewöhnlichen Seeleneinstellung tot, abstrakt
aussieht.
- Keine andere menschliche Seelenbetätigung wird so leicht zu verkennen sein
wie das Denken.
- Das Wollen, das Fühlen, sie erwarmen die Menschenseele auch noch im
Nacherleben ihres Ursprungszustandes.
- Das Denken läßt nur allzuleicht in diesem Nacherleben kalt; es scheint das
Seelenleben auszutrocknen.
- Doch dies ist eben nur der stark sich geltend machende Schatten seiner
lichtdurchwobenen, warm in die Welterscheinungen untertauchenden Wirklichkeit.
- Dieses Untertauchen geschieht mit einer in der Denkbetätigung selbst
dahinfließenden Kraft, welche Kraft der Liebe in geistiger Art ist.
- Man darf nicht einwendend sagen, wer so Liebe im tätigen Denken sieht, der
verlegt ein Gefühl, die Liebe, in dasselbe.
- Denn dieser Einwand ist in Wahrheit eine Bestätigung des hier geltend
Gemachten.
- Wer nämlich zum wesenhaften Denken
sich hinwendet, der findet in
demselben sowohl Gefühl wie Willen, die letztern auch in den Tiefen ihrer
Wirklichkeit; wer von dem Denken sich ab, und nur dem «bloßen» Fühlen und
Wollen zuwendet, der verliert aus diesen die wahre Wirklichkeit.
- Wer im Denken intuitiv erleben will,
der wird auch dem gefühlsmäßigen und willensartigen Erleben gerecht; nicht aber
kann gerecht sein gegen die intuitiv-denkerische Durchdringung des Daseins die
Gefühlsmystik und die Willensmetaphysik.
- Die letztem werden nur allzuleicht zu dem Urteil kommen, daß sie im Wirklichen stehen; der intuitiv
Denkende aber gefühllos und wirklichkeitsfremd in «abstrakten Gedanken» ein
schattenhaftes, kaltes Weltbild formt.
-
- Kapitel 9 - Die Idee der Freiheit
- Der Begriff des Baumes ist für das Erkennen durch die
Wahrnehmung des Baumes bedingt.
- Ich kann der bestimmten Wahrnehmung gegenüber nur einen ganz bestimmten
Begriff aus dem allgemeinen Begriffssystem herausheben.
- Der Zusammenhang von Begriff und Wahrnehmung wird durch das Denken an der
Wahrnehmung mittelbar und objektiv bestimmt.
- Die Verbindung der Wahrnehmung mit ihrem Begriffe wird nach dem
Wahrnehmungsakte erkannt; die Zusammengehörigkeit ist aber in der Sache selbst
bestimmt.
- Anders stellt sich der Vorgang dar, wenn die Erkenntnis,
wenn das in ihr auftretende Verhältnis des Menschen zur Welt betrachtet wird.
- In den vorangehenden Ausführungen ist der Versuch gemacht worden, zu
zeigen, daß die Aufhellung dieses Verhältnisses durch eine auf dasselbe gehende
unbefangene Beobachtung möglich ist.
- Ein richtiges Verständnis dieser Beobachtung kommt zu der Einsicht, daß das
Denken als eine in sich beschlossene Wesenheit unmittelbar angeschaut werden
kann.
- Wer nötig findet, zur Erklärung des Denkens als solchem etwas anderes
herbeizuziehen, wie etwa physische Gehirnvorgänge, oder hinter dem beobachteten
bewußten Denken liegende unbewußte geistige Vorgänge, der verkennt, was ihm die
unbefangene Beobachtung des Denkens gibt.
- Wer das Denken beobachtet, lebt während der Beobachtung unmittelbar in
einem geistigen, sich selbst tragenden Wesensweben darinnen.
- Ja, man kann sagen, wer die Wesenheit des Geistigen in der Gestalt, in der
sie sich dem Menschen zunächst darbietet,
erfassen will, kann dies in dem auf sich selbst beruhenden Denken.
- Im Betrachten des Denkens selbst fallen in eines zusammen, was sonst immer
getrennt auftreten muß: Begriff und
Wahrnehmung.
- Wer dies nicht durchschaut, der wird in an Wahrnehmungen erarbeiteten
Begriffen nur schattenhafte Nachbildungen dieser Wahrnehmungen sehen können,
und die Wahrnehmungen werden ihm die wahre Wirklichkeit vergegenwärtigen.
- Er wird auch eine metaphysische Welt nach dem Muster der wahrgenommenen
Welt sich auferbauen; er wird diese Welt Atomenwelt, Willenswelt, unbewußte
Geistwelt und so weiter nennen, je nach seiner Vorstellungsart.
- Und es wird ihm entgehen, daß er sich mit alledem nur eine metaphysische
Welt hypothetisch nach dem Muster seiner Wahrnehmungswelt
auferbaut hat.
- Wer aber durchschaut, was bezüglich des Denkens vorliegt, der wird
erkennen, daß in der Wahrnehmung nur ein Teil der Wirklichkeit vorliegt und daß
der andere zu ihr gehörige Teil, der sie erst als volle Wirklichkeit erscheinen
läßt, in der denkenden Durchsetzung der Wahrnehmung erlebt wird.
- Er wird in demjenigen, das als Denken im Bewußtsein auftritt, nicht ein
schattenhaftes Nachbild einer Wirklichkeit sehen, sondern eine auf sich ruhende
geistige Wesenhaftigkeit.
- Und von dieser kann er sagen, daß sie ihm durch Intuition im Bewußtsein gegenwärtig wird.
- Intuition ist das im rein Geistigen verlaufende bewußte Erleben eines rein geistigen
Inhaltes.
- Nur durch eine Intuition kann die Wesenheit des Denkens erfaßt werden.
- Nur wenn man sich zu der in der unbefangenen Beobachtung gewonnenen Anerkennung
dieser Wahrheit über die intuitive Wesenheit des Denkens hindurchgerungen hat,
gelingt es, den Weg frei zu bekommen für eine Anschauung der menschlichen
leiblich-seelischen Organisation.
- Man erkennt, daß diese Organisation an dem Wesen des Denkens nichts bewirken kann.
- Dem scheint zunächst der ganz
offenbare Tatbestand zu widersprechen.
- Das menschliche Denken tritt für die gewöhnliche Erfahrung nur an und durch
diese Organisation auf.
- Dieses Auftreten macht sich so stark geltend, daß es in seiner wahren
Bedeutung nur von demjenigen durchschaut werden kann, der erkannt hat, wie im
Wesenhaften des Denkens nichts von dieser Organisation mitspielt.
- Einem solchen wird es dann aber auch nicht mehr entgehen können, wie
eigentümlich geartet das Verhältnis der menschlichen Organisation zum Denken
ist.
- Diese bewirkt nämlich nichts an dem Wesenhaften des Denkens, sondern sie
weicht, wenn die Tätigkeit des Denkens auftritt, zurück; sie hebt ihre eigene
Tätigkeit auf, sie macht einen Platz frei; und an dem freigewordenen Platz
tritt das Denken auf.
- Dem Wesenhaften, das im Denken wirkt, obliegt ein Doppeltes: Erstens drängt
es die menschliche Organisation in deren eigener Tätigkeit zurück, und zweitens
setzt es sich selbst an deren Stelle.
- Denn auch das erste, die Zurückdrängung der Leibesorganisation, ist Folge
der Denktätigkeit.
- Und zwar desjenigen Teiles derselben, der das Erscheinen des Denkens vorbereitet.
- Man ersieht aus diesem, in welchem Sinne das Denken in der
Leibesorganisation sein Gegenbild findet.
- Und wenn man dieses ersieht, wird man nicht mehr die Bedeutung dieses
Gegenbildes für das Denken selbst verkennen können.
- Wer über einen erweichten Boden geht, dessen Fußspuren graben sich in dem
Boden ein.
- Man wird nicht versucht sein, zu sagen, die Fußspurenformen seien von
Kräften des Bodens, von unten herauf, getrieben worden.
- Man wird diesen Kräften keinen
Anteil an dem Zustandekommen der Spurenformen zuschreiben.
- Ebensowenig wird, wer die Wesenheit des Denkens unbefangen beobachtet, den
Spuren im Leibesorganismus an dieser Wesenheit einen Anteil zuschreiben, die
dadurch entstehen, daß das Denken sein Erscheinen durch den Leib vorbereitet. (*)
(*) Wie
innerhalb der Psychologie, der Physiologie usw. sich die obige Anschauung
geltend macht, hat der Verfasser in Schriften, die auf dieses Buch gefolgt
sind, nach verschiedenen Richtungen dargestellt. Hier sollte nur das
gekennzeichnet werden, was die unbefangene Beobachtung des Denkens selbst
ergibt. - Aber eine bedeutungsvolle Frage taucht hier auf.
- Wenn an dem Wesen des Denkens der
menschlichen Organisation kein Anteil zukommt, welche Bedeutung hat diese
Organisation innerhalb der Gesamtwesenheit des Menschen?
- Nun, was in dieser Organisation durch das Denken geschieht, hat wohl mit
der Wesenheit des Denkens nichts zu tun, wohl aber mit der Entstehung des
Ich-Bewußtseins aus diesem Denken heraus.
- Innerhalb des Eigenwesens des Denkens liegt wohl das wirkliche «Ich», nicht
aber das Ich-Bewußtsein.
- Dies durchschaut derjenige, der eben unbefangen das Denken beobachtet.
- Das «Ich» ist innerhalb des Denkens zu finden; das «Ich-Bewußtsein» tritt
dadurch auf, daß im allgemeinen Bewußtsein sich die Spuren der Denktätigkeit in
dem oben gekennzeichneten Sinne eingraben.
- (Durch die Leibesorganisation entsteht also das Ich-Bewußtsein.
- Man verwechsele das aber nicht etwa mit der Behauptung, daß das einmal
entstandene Ich-Bewußtsein von der Leibesorganisation abhängig bleibe.
- Einmal entstanden, wird es in das Denken aufgenommen und teilt fortan
dessen geistige Wesenheit.)
- Das «Ich-Bewußtsein» ist auf die menschliche Organisation gebaut.
- Aus dieser erfließen die Willenshandlungen.
- In der Richtung der vorangegangenen Darlegungen wird ein Einblick in den
Zusammenhang zwischen Denken, bewußtem Ich und Willenshandlung nur zu gewinnen
sein, wenn erst beobachtet wird, wie die Willenshandlung aus der menschlichen
Organisation hervorgeht. (*)
(*) S. 145 bis zur obigen
Stelle ist Zusatz, beziehungsweise Umarbeitung für die Neuausgabe 1918.
- Für den einzelnen Willensakt kommt in Betracht: das Motiv und die
Triebfeder.
- Das Motiv ist ein begrifflicher oder vorstellungsgemäßer Faktor; die
Triebfeder ist der in der menschlichen Organisation unmittelbar bedingte Faktor
des Wollens.
- Der begriffliche Faktor oder das Motiv ist der augenblickliche
Bestimmungsgrund des Wollens; die Triebfeder der bleibende Bestimmungsgrund des
Individuums.
- Motiv des Wollens kann ein reiner Begriff oder ein Begriff mit einem
bestimmten Bezug auf das Wahrnehmen sein, das ist eine Vorstellung.
- Allgemeine und individuelle Begriffe (Vorstellungen) werden dadurch zu
Motiven des Wollens, daß sie auf das menschliche Individuum wirken und dasselbe
in einer gewissen Richtung zum Handeln bestimmen.
- Ein und derselbe Begriff, beziehungsweise eine und dieselbe Vorstellung
wirkt aber auf verschiedene Individuen verschieden.
- Sie veranlassen verschiedene Menschen zu verschiedenen Handlungen.
- Das Wollen ist also nicht bloß ein Ergebnis des Begriffes oder der
Vorstellung, sondern auch der individuellen Beschaffenheit des Menschen.
- Diese individuelle Beschaffenheit wollen wir — man kann in bezug darauf
Eduard von Hartmann folgen — die charakterologische Anlage nennen.
- Die Art, wie Begriff und Vorstellung auf die charakterologische Anlage des
Menschen wirken, gibt seinem Leben ein bestimmtes moralisches oder ethisches
Gepräge.
- Die charakterologische Anlage wird gebildet durch den mehr oder weniger
bleibenden Lebensgehalt unseres Subjektes, das ist durch unseren Vorstellungs-
und Gefühlsinhalt.
- Ob mich eine in mir gegenwärtig auftretende Vorstellung zu einem Wollen
anregt, das hängt davon ab, wie sie sich zu meinem übrigen Vorstellungsinhalte
und auch zu meinen Gefühlseigentümlichkeiten verhält.
- Mein Vorstellungsinhalt ist aber wieder bedingt durch die Summe derjenigen
Begriffe, die im Verlaufe meines individuellen Lebens mit Wahrnehmungen in
Berührung gekommen, das heißt zu Vorstellungen geworden sind.
- Diese hängt wieder ab von meiner größeren oder geringeren Fähigkeit der
Intuition und von dem Umkreis meiner Beobachtungen, das ist von dem subjektiven
und dem objektiven Faktor der Erfahrungen, von der inneren Bestimmtheit und dem
Lebensschauplatz.
- Ganz besonders ist meine charakterologische Anlage durch mein Gefühlsleben bestimmt.
- Ob ich an einer bestimmten Vorstellung oder einem Begriff Freude oder
Schmerz empfinde, davon wird es abhängen, ob ich sie zum Motiv meines Handelns
machen will oder nicht.
- — Dies sind die Elemente, die bei einem Willensakte in Betracht kommen.
- Die unmittelbar gegenwärtige Vorstellung oder der Begriff, die zum Motiv
werden, bestimmen das Ziel, den Zweck meines Wollens; meine charakterologische
Anlage bestimmt mich, auf dieses Ziel meine Tätigkeit zu richten.
- Die Vorstellung, in der nächsten halben Stunde einen Spaziergang zu machen,
bestimmt das Ziel meines Handelns.
- Diese Vorstellung wird aber nur dann zum Motiv des Wollens erhoben, wenn
sie auf eine geeignete charakterologische Anlage auftrifft, das ist, wenn sich
durch mein bisheriges Leben in mir etwa die Vorstellungen gebildet haben von
der Zweckmäßigkeit des Spazierengehens, von dem Wert der Gesundheit, und
ferner, wenn sich mit der Vorstellung des Spazierengehens in mir das Gefühl der
Lust verbindet.
- Wir haben somit zu unterscheiden: 1. Die möglichen subjektiven Anlagen, die
geeignet sind, bestimmte Vorstellungen und Begriffe zu Motiven zu machen; und
2. die möglichen Vorstellungen und Begriffe, die imstande sind, meine
charakterologische Anlage so zu beeinflussen, daß sich ein Wollen ergibt.
- Jene stellen die Triebfedern,
diese die Ziele der Sittlichkeit dar.
- Die Triebfedern der Sittlichkeit können wir dadurch finden, daß wir
nachsehen, aus welchen Elementen sich das individuelle Leben zusammensetzt.
- Die erste Stufe des individuellen Lebens ist das Wahrnehmen, und zwar das Wahrnehmen der Sinne.
- Wir stehen hier in jener Region unseres individuellen Lebens, wo sich das
Wahrnehmen unmittelbar, ohne Dazwischentreten eines Gefühles oder Begriffes in
Wollen umsetzt.
- Die Triebfeder des Menschen, die hierbei in Betracht kommt, wird als Trieb schlechthin bezeichnet.
- Die Befriedigung unserer niederen, rein animalischen Bedürfnisse (Hunger,
Geschlechtsverkehr usw.) kommt auf diesem Wege zustande.
- Das Charakteristische des Trieblebens besteht in der Unmittelbarkeit, mit
der die Einzelwahrnehmung das Wollen auslöst.
- Diese Art der Bestimmung des Wollens, die ursprünglich nur dem niedrigeren
Sinnenleben eigen ist, kann auch auf die Wahrnehmungen der höheren Sinne
ausgedehnt werden.
- Wir lassen auf die Wahrnehmung irgendeines Geschehens in der Außenwelt,
ohne weiter nachzudenken und ohne daß sich uns an die Wahrnehmung ein
besonderes Gefühl knüpft, eine Handlung folgen, wie das namentlich im
konventionellen Umgange mit Menschen geschieht.
- Die Triebfeder dieses Handelns bezeichnet man als Takt oder sittlichen
Geschmack.
- Je öfter sich ein solches unmittelbares Auslösen einer Handlung durch eine
Wahrnehmung vollzieht, desto geeigneter wird sich der betreffende Mensch
erweisen, rein unter dem Einfluß des Taktes zu handeln, das ist: der Takt wird zu seiner charakterologischen
Anlage.
- Die zweite Sphäre des menschlichen Lebens ist das Fühlen.
- An die Wahrnehmungen der Außenwelt knüpfen sich bestimmte Gefühle.
- Diese Gefühle können zu Triebfedern des Handelns werden.
- Wenn ich einen hungernden Menschen sehe, so kann mein Mitgefühl mit
demselben die Triebfeder meines Handelns bilden.
- Solche Gefühle sind etwa: das Schamgefühl, der Stolz, das Ehrgefühl, die
Demut, die Reue, das Mitgefühl, das Rache- und Dankbarkeitsgefühl, die Pietät,
die Treue, das Liebes- und Pflichtgefühl. (*)
(*) Eine
vollständige Zusammenstellung der Prinzipien der Sittlichkeit findet man (vom
Standpunkte des metaphysischen Realismus aus) in Eduard von Hartmanns
«Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins».
- Die dritte Stufe des Lebens endlich ist das Denken und Vorstellen.
- Durch bloße Überlegung kann eine Vorstellung oder ein Begriff zum Motiv
einer Handlung werden.
- Vorstellungen werden dadurch Motive, daß wir im Laufe des Lebens
fortwährend gewisse Ziele des Wollens an Wahrnehmungen knüpfen, die in mehr
oder weniger modifizierter Gestalt immer wiederkehren.
- Daher kommt es, daß bei Menschen, die nicht ganz ohne Erfahrung sind, stets
mit bestimmten Wahrnehmungen auch die Vorstellungen von Handlungen ins
Bewußtsein treten, die sie in einem ähnlichen Fall ausgeführt oder ausführen
gesehen haben.
- Diese Vorstellungen schweben ihnen als bestimmende Muster bei allen
späteren Entschließungen vor, sie werden Glieder ihrer charakterologischen
Anlage.
- Wir können die damit bezeichnete Triebfeder des Wollens die praktische Erfahrung nennen.
- Die praktische Erfahrung geht allmählich in das rein taktvolle Handeln
über.
- Wenn sich bestimmte typische Bilder von Handlungen mit Vorstellungen von
gewissen Situationen des Lebens in unserem Bewußtsein so fest verbunden haben,
daß wir gegebenen Falles mit Überspringung aller auf Erfahrung sich gründenden
Überlegung unmittelbar auf die Wahrnehmung hin ins Wollen übergehen, dann ist
dies der Fall.
- Die höchste Stufe des individuellen Lebens ist das begriffliche Denken ohne
Rücksicht auf einen bestimmten Wahrnehmungsgehalt.
- Wir bestimmen den Inhalt eines Begriffes durch reine Intuition aus der
ideellen Sphäre heraus.
- Ein solcher Begriff enthält dann zunächst keinen Bezug auf bestimmte
Wahrnehmungen.
- Wenn wir unter dem Einflusse eines auf eine Wahrnehmung deutenden
Begriffes, das ist einer Vorstellung, in das Wollen eintreten, so ist es diese
Wahrnehmung, die uns auf dem Umwege durch das begriffliche Denken bestimmt.
- Wenn wir unter dem Einflusse von Intuitionen handeln, so ist die Triebfeder
unseres Handelns das reine Denken.
- Da man gewohnt ist, das reine Denkvermögen in der Philosophie als Vernunft
zu bezeichnen, so ist es wohl auch berechtigt, die auf dieser Stufe
gekennzeichnete moralische Triebfeder die praktische
Vernunft zu nennen.
- Am klarsten hat von dieser Triebfeder des Wollens Kreyenbühl (Philosophische Monatshefte, Bd. XVIII, Heft 3)
gehandelt.
- Ich rechne seinen darüber geschriebenen Aufsatz zu den bedeutsamsten
Erzeugnissen der gegenwärtigen Philosophie, namentlich der Ethik.
- Kreyenbühl bezeichnet die in Rede stehende Triebfeder als praktisches Apriori, das heißt
unmittelbar aus meiner Intuition fließenden Antrieb zum Handeln.
- Es ist klar, daß ein solcher Antrieb nicht mehr im strengen Wortsinne zu
dem Gebiete der charakterologischen Anlagen gerechnet werden kann.
- Denn was hier als Triebfeder wirkt, ist nicht mehr ein bloß Individuelles
in mir, sondern der ideelle und folglich allgemeine Inhalt meiner Intuition.
- Sobald ich die Berechtigung dieses Inhaltes als Grundlage und Ausgangspunkt
einer Handlung ansehe, trete ich in das Wollen ein, gleichgültig ob der Begriff
bereits zeitlich vorher in mir da war, oder erst unmittelbar vor dem Handeln in
mein Bewußtsein eintritt, das ist: gleichgültig, ob er bereits als Anlage in
mir vorhanden war oder nicht.
- Zu einem wirklichen Willensakt kommt es nur dann, wenn ein augenblicklicher
Antrieb des Handelns in Form eines Begriffes oder einer Vorstellung auf die
charakterologische Anlage einwirkt.
- Ein solcher Antrieb wird dann zum Motiv des Wollens.
- Die Motive der Sittlichkeit sind Vorstellungen und Begriffe.
- Es gibt Ethiker, die auch im Gefühle ein Motiv der Sittlichkeit sehen; sie
behaupten zum Beispiel, Ziel des sittlichen Handelns sei die Beförderung des
größtmöglichen Quantums von Lust im handelnden Individuum.
- Die Lust selbst aber kann nicht Motiv werden, sondern nur eine vorgestellte Lust.
- Die Vorstellung eines künftigen
Gefühles, nicht aber das Gefühl selbst kann auf meine charakterologische Anlage
einwirken.
- Denn das Gefühl selbst ist im Augenblicke der Handlung noch nicht da, soll
vielmehr erst durch die Handlung hervorgebracht werden.
- Die Vorstellung des eigenen oder
fremden Wohles wird aber mit Recht als ein Motiv des Wollens angesehen.
- Das Prinzip, durch sein Handeln die größte Summe eigener Lust zu bewirken,
das ist: die individuelle Glückseligkeit zu erreichen, heißt Egoismus.
- Diese individuelle Glückseligkeit wird entweder dadurch zu erreichen
gesucht, daß man in rücksichtsloser Weise nur auf das eigene Wohl bedacht ist
und dieses auch auf Kosten des Glückes fremder Individualitäten erstrebt
(reiner Egoismus), oder dadurch, daß man das fremde Wohl aus dem Grunde
befördert, weil man sich dann mittelbar von den glücklichen fremden
Individualitäten einen günstigen Einfluß auf die eigene Person verspricht, oder
weil man durch Schädigung fremder Individuen auch eine Gefährdung des eigenen
Interesses befürchtet (Klugheitsmoral).
- Der besondere Inhalt der egoistischen Sittlichkeitsprinzipien wird davon
abhängen, welche Vorstellung sich der Mensch von seiner eigenen oder der
fremden Glückseligkeit macht.
- Nach dem, was einer als ein Gut des Lebens ansieht (Wohlleben, Hoffnung auf
Glückseligkeit, Erlösung von verschiedenen Übeln usw.), wird er den Inhalt
seines egoistischen Strebens bestimmen.
- Als ein weiteres Motiv ist dann der rein begriffliche Inhalt einer Handlung
anzusehen.
- Dieser Inhalt bezieht sich nicht wie die Vorstellung der eigenen Lust auf
die einzelne Handlung allein, sondern auf die Begründung einer Handlung aus
einem Systeme sittlicher Prinzipien.
- Diese Moralprinzipien können in Form abstrakter Begriffe das sittliche
Leben regeln, ohne daß der einzelne sich um den Ursprung der Begriffe kümmert.
- Wir empfinden dann einfach die Unterwerfung unter den sittlichen Begriff,
der als Gebot über unserem Handeln schwebt, als sittliche Notwendigkeit.
- Die Begründung dieser Notwendigkeit überlassen wir dem, der die sittliche
Unterwerfung fordert, das ist der sittlichen Autorität, die wir anerkennen
(Familienoberhaupt, Staat, gesellschaftliche Sitte, kirchliche Autorität,
göttliche Offenbarung).
- Eine besondere Art dieser Sittlichkeitsprinzipien ist die, wo das Gebot
sich nicht durch eine äußere Autorität für uns kundgibt, sondern durch unser
eigenes Innere (sittliche Autonomie).
- Wir vernehmen dann die Stimme in unserem eigenen Innern, der wir uns zu
unterwerfen haben.
- Der Ausdruck dieser Stimme ist das Gewissen.
- Es bedeutet einen sittlichen Fortschritt, wenn der Mensch zum Motiv seines
Handelns nicht einfach das Gebot einer äußeren oder der inneren Autorität
macht, sondern wenn er den Grund einzusehen bestrebt ist, aus dem irgendeine
Maxime des Handelns als Motiv in ihm wirken soll.
- Dieser Fortschritt ist der von der autoritativen Moral zu dem Handeln aus
sittlicher Einsicht.
- Der Mensch wird auf dieser Stufe der Sittlichkeit die Bedürfnisse des
sittlichen Lebens aufsuchen und sich von der Erkenntnis derselben zu seinen
Handlungen bestimmen lassen.
- Solche Bedürfnisse sind: 1. das größtmögliche Wohl der Gesamtmenschheit
rein um dieses Wohles willen; 2. der Kulturfortschritt oder die sittliche Entwickelung der Menschheit zu immer größerer
Vollkommenheit; 3. die Verwirklichung rein intuitiv erfaßter individueller
Sittlichkeitsziele.
- Das größtmögliche Wohl der
Gesamtmenschheit wird natürlich von verschiedenen Menschen in verschiedener
Weise aufgefaßt werden.
- Die obige Maxime bezieht sich nicht auf eine bestimmte Vorstellung von
diesem Wohl, sondern darauf, daß jeder einzelne, der dies Prinzip anerkennt,
bestrebt ist, dasjenige zu tun, was nach seiner Ansicht das Wohl der
Gesamtmenschheit am meisten fördert.
- Der Kulturfortschritt erweist sich für denjenigen, dem sich an die Güter der Kultur ein
Lustgefühl knüpft, als ein spezieller Fall des vorigen Moralprinzips.
- Er wird nur den Untergang und die Zerstörung mancher Dinge, die auch zum
Wohle der Menschheit beitragen, mit in Kauf nehmen müssen.
- Es ist aber auch möglich, daß jemand in dem Kulturfortschritt, abgesehen
von dem damit verbundenen Lustgefühl, eine sittliche Notwendigkeit erblickt.
- Dann ist derselbe für ihn ein besonderes Moralprinzip neben dem vorigen.
- Sowohl die Maxime des Gesamtwohles wie auch jene des Kulturfortschrittes
beruht auf der Vorstellung, das ist auf der Beziehung, die man dem Inhalt der
sittlichen Ideen zu bestimmten Erlebnissen (Wahrnehmungen) gibt.
- Das höchste denkbare Sittlichkeitsprinzip ist aber das, welches keine
solche Beziehung von vornherein enthält, sondern aus dem Quell der reinen
Intuition entspringt und erst nachher die Beziehung zur Wahrnehmung (zum Leben)
sucht.
- Die Bestimmung, was zu wollen ist, geht hier von einer andern Instanz aus
als in den vorhergehenden Fällen.
- Wer dem sittlichen Prinzip des Gesamtwohles huldigt, der wird bei allen
seinen Handlungen zuerst fragen, was zu diesem Gesamtwohl seine Ideale
beitragen.
- Wer sich zu dem sittlichen Prinzip des Kulturfortschrittes bekennt, wird es
hier ebenso machen.
- Es gibt aber ein höheres, das in dem einzelnen Falle nicht von einem
bestimmten einzelnen Sittlichkeitsziel ausgeht, sondern welches allen
Sittlichkeitsmaximen einen gewissen Wert beilegt, und im gegebenen Falle immer
fragt, ob denn hier das eine oder das andere Moralprinzip das wichtigere ist.
- Es kann vorkommen, daß jemand unter gegebenen Verhältnissen die Förderung
des Kulturfortschrittes, unter andern die des Gesamtwohls, im dritten Falle die
Förderung des eigenen Wohles für das richtige ansieht und zum Motiv seines
Handelns macht.
- Wenn aber alle andern Bestimmungsgründe erst an zweite Stelle treten, dann
kommt in erster Linie die begriffliche Intuition selbst in Betracht.
- Damit treten die andern Motive von der leitenden Stelle ab, und nur der
Ideengehalt der Handlung wirkt als Motiv derselben.
- Wir haben unter den Stufen der charakterologischen Anlage diejenige als die
höchste bezeichnet, die als reines Denken,
als praktische Vernunft wirkt.
- Unter den Motiven haben wir jetzt als das höchste die begriffliche Intuition bezeichnet.
- Bei genauerer Überlegung stellt sich alsbald heraus, daß auf dieser Stufe
der Sittlichkeit Triebfeder und Motiv zusammenfallen, das ist, daß weder eine
vorher bestimmte charakterologische Anlage, noch ein äußeres, normativ
angenommenes sittliches Prinzip auf unser Handeln wirken.
- Die Handlung ist also keine schablonenmäßige, die nach irgendwelchen Regeln
ausgeführt wird, und auch keine solche, die der Mensch auf äußeren Anstoß hin
automatenhaft vollzieht, sondern eine schlechthin durch ihren idealen Gehalt
bestimmte.
- Zur Voraussetzung hat eine solche Handlung die Fähigkeit der moralischen
Intuitionen.
- Wem die Fähigkeit fehlt für den einzelnen Fall die besondere
Sittlichkeitsmaxime zu erleben, der wird es auch nie zum wahrhaft individuellen
Wollen bringen.
- Der gerade Gegensatz dieses Sittlichkeitsprinzips ist das Kantsche: Handle
so, daß die Grundsätze deines Handelns für alle Menschen gelten können.
- Dieser Satz ist der Tod aller individuellen Antriebe des Handelns.
- Nicht wie alle Menschen handeln
würden, kann für mich maßgebend sein, sondern was für mich in dem individuellen
Falle zu tun ist.
- Ein oberflächliches Urteil könnte vielleicht diesen Ausführungen einwenden:
Wie kann das Handeln zugleich individuell auf den besonderen Fall und die
besondere Situation geprägt und doch rein ideell aus der Intuition heraus
bestimmt sein?
- Dieser Einwand beruht auf einer Verwechselung von sittlichem Motiv und
wahrnehmbarem Inhalt der Handlung.
- Der letztere kann Motiv sein, und
ist es auch zum Beispiel beim Kulturfortschritt, beim Handeln aus Egoismus
usw.; beim Handeln auf Grund rein sittlicher Intuition ist er es nicht.
- Mein Ich richtet seinen Blick natürlich auf diesen Wahrnehmungsinhalt, bestimmen läßt es sich durch denselben
nicht.
- Dieser Inhalt wird nur benützt, um sich einen Erkenntnisbegriff zu bilden, den dazu gehörigen moralischen Begriff entnimmt das Ich
nicht aus dem Objekte.
- Der Erkenntnisbegriff aus einer bestimmten Situation, der ich
gegenüberstehe, ist nur dann zugleich ein moralischer Begriff, wenn ich auf dem
Standpunkte eines bestimmten Moralprinzips stehe.
- Wenn ich auf dem Boden der allgemeinen Kulturentwickelungsmoral allein
stehen möchte, dann ginge ich mit gebundener Marschroute in der Welt umher.
- Aus jedem Geschehen, das ich wahrnehme und das mich beschäftigen kann,
entspringt zugleich eine sittliche Pflicht; nämlich mein Scherflein
beizutragen, damit das betreffende Geschehen in den Dienst der
Kulturentwickelung gestellt werde.
- Außer dem Begriff, der mir den naturgesetzlichen Zusammenhang eines
Geschehens oder Dinges enthüllt, haben die letztem auch noch eine sittliche
Etikette umgehängt, die für mich, das moralische Wesen, eine ethische Anweisung
enthält, wie ich mich zu benehmen habe.
- Diese sittliche Etikette ist in ihrem Gebiete berechtigt, sie fällt aber
auf einem höheren Standpunkte mit der Idee zusammen, die mir dem konkreten Fall
gegenüber aufgeht.
- Die Menschen sind dem Intuitionsvermögen nach verschieden.
- Dem einen sprudeln die Ideen zu, der andere erwirbt sie sich mühselig.
- Die Situationen, in denen die Menschen leben, und die den Schauplatz ihres
Handelns abgeben, sind nicht weniger verschieden.
- Wie ein Mensch handelt, wird also abhängen von der Art, wie sein
Intuitionsvermögen einer bestimmten Situation gegenüber wirkt.
- Die Summe der in uns wirksamen Ideen, den realen Inhalt unserer
Intuitionen, macht das aus, was bei aller Allgemeinheit der Ideenwelt in jedem
Menschen individuell geartet ist.
- Insofern dieser intuitive Inhalt auf das Handeln geht, ist er der
Sittlichkeitsgehalt des Individuums.
- Das Auslebenlassen dieses Gehalts ist die höchste moralische Triebfeder und
zugleich das höchste Motiv dessen, der einsieht, daß alle andern
Moralprinzipien sich letzten Endes in diesem Gehalte vereinigen.
- Man kann diesen Standpunkt den ethischen
Individualismus nennen.
- Das Maßgebende einer intuitiv bestimmten Handlung im konkreten Falle ist
das Auffinden der entsprechenden, ganz individuellen Intuition.
- Auf dieser Stufe der Sittlichkeit kann von allgemeinen
Sittlichkeitsbegriffen (Normen, Gesetzen) nur insofern die Rede sein, als sich
diese aus der Verallgemeinerung der individuellen Antriebe ergeben.
- Allgemeine Normen setzen immer konkrete Tatsachen voraus, aus denen sie
abgeleitet werden können.
- Durch das menschliche Handeln werden aber Tatsachen erst geschaffen.
- Wenn wir das Gesetzmäßige (Begriffliche in dem Handeln der Individuen,
Völker und Zeitalter) aufsuchen, so erhalten wir eine Ethik, aber nicht als
Wissenschaft von sittlichen Normen, sondern als Naturlehre der Sittlichkeit.
- Erst die hierdurch gewonnenen Gesetze verhalten sich zum menschlichen
Handeln so wie die Naturgesetze zu einer besonderen Erscheinung.
- Sie sind aber durchaus nicht identisch mit den Antrieben, die wir unserm
Handeln zugrunde legen.
- Will man erfassen, wodurch eine Handlung des Menschen dessen sittlichem Wollen
entspringt, so muß man zunächst auf das Verhältnis dieses Wollens zu der
Handlung sehen.
- Man muß zunächst Handlungen ins Auge fassen, bei denen dieses Verhältnis
das Bestimmende ist.
- Wenn ich oder ein anderer später über eine solche Handlung nachdenken, kann
es herauskommen, welche Sittlichkeitsmaximen bei derselben in Betracht kommen.
- Während ich handle, bewegt mich die Sittlichkeitsmaxime, insoferne sie
intuitiv in mir leben kann; sie ist verbunden mit der Liebe zu dem Objekt, das ich
durch meine Handlung verwirklichen will.
- Ich frage keinen Menschen und auch keine Regel: soll ich diese Handlung
ausführen?— sondern ich führe sie aus, sobald ich die Idee davon gefaßt habe.
- Nur dadurch ist sie meine Handlung.
- Wer nur handelt, weil er bestimmte sittliche Normen anerkennt, dessen
Handlung ist das Ergebnis der in seinem Moralkodex stehenden Prinzipien.
- Er ist bloß der Vollstrecker.
- Er ist ein höherer Automat.
- Werfet einen Anlaß zum Handeln in sein Bewußtsein, und alsbald setzt sich
das Räderwerk seiner Moralprinzipien in Bewegung und läuft in gesetzmäßiger
Weise ab, um eine christliche, humane, ihm selbstlos geltende, oder eine
Handlung des kulturgeschichtlichen Fortschrittes zu vollbringen.
- Nur wenn ich meiner Liebe zu dem Objekte folge, dann bin ich es selbst, der
handelt.
- Ich handle auf dieser Stufe der Sittlichkeit nicht, weil ich einen Herrn
über mich anerkenne, nicht die äußere Autorität, nicht eine sogenannte innere
Stimme.
- Ich erkenne kein äußeres Prinzip meines Handelns an, weil ich in mir selbst
den Grund des Handelns, die Liebe zur Handlung gefunden habe.
- Ich prüfe nicht verstandesmäßig, ob meine Handlung gut oder böse ist; ich
vollziehe sie, weil ich sie liebe.
- Sie wird «gut», wenn meine in Liebe getauchte Intuition in der rechten Art
in dem intuitiv zu erlebenden Weltzusammenhang drinnensteht; «böse», wenn das
nicht der Fall ist.
- Ich frage mich auch nicht: wie würde ein anderer Mensch in meinem Falle
handeln? — sondern ich handle, wie ich,
diese besondere Individualität, zu wollen mich veranlaßt sehe.
- Nicht das allgemein Übliche, die allgemeine Sitte, eine
allgemeinmenschliche Maxime, eine sittliche Norm leitet mich in unmittelbarer
Art, sondern meine Liebe zur Tat.
- Ich fühle keinen Zwang, nicht den Zwang der Natur, die mich bei meinen
Trieben leitet, nicht den Zwang der sittlichen Gebote, sondern ich will einfach
ausführen, was in mir liegt.
- Die Verteidiger der allgemeinen sittlichen Normen könnten etwa zu diesen
Ausführungen sagen: Wenn jeder Mensch nur darnach strebt, sich auszuleben und
zu tun, was ihm beliebt, dann ist kein Unterschied zwischen guter Handlung und
Verbrechen; jede Gaunerei, die in mir liegt, hat gleichen Anspruch sich
auszuleben, wie die Intention, dem allgemeinen Besten zu dienen.
- Nicht der Umstand, daß ich eine Handlung der Idee nach ins Auge gefaßt
habe, kann für mich als sittlichen Menschen maßgebend sein, sondern die Prüfung,
ob sie gut oder böse ist.
- Nur im ersteren Falle werde ich sie ausführen.
- Meine Entgegnung auf diesen naheliegenden und doch nur aus einer Verkennung
des hier Gemeinten entspringenden Einwand ist diese: Wer das Wesen des
menschlichen Wollens erkennen will, der muß unterscheiden zwischen dem Weg, der
dieses Wollen bis zu einem bestimmten Grad der Entwickelung bringt, und der
Eigenart, welche das Wollen annimmt, indem es sich diesem Ziele annähert.
- Auf dem Wege zu diesem Ziele spielen Normen ihre berechtigte Rolle.
- Das Ziel besteht in der Verwirklichung rein intuitiv erfaßter
Sittlichkeitsziele.
- Der Mensch erreicht solche Ziele in dem Maße, in dem er die Fähigkeit
besitzt, sich überhaupt zum intuitiven Ideengehalte der Welt zu erheben.
- Im einzelnen Wollen wird zumeist anderes als Triebfeder oder Motiv solchen
Zielen beigemischt sein.
- Aber Intuitives kann im menschlichen Wollen doch bestimmend oder
mitbestimmend sein.
- Was man soll, das tut man; man
gibt den Schauplatz ab, auf dem das Sollen zum Tun wird; eigene Handlung ist,
was man als solche aus sich entspringen läßt.
- Der Antrieb kann da nur ein ganz individueller sein.
- Und in Wahrheit kann nur eine aus der Intuition entspringende
Willenshandlung eine individuelle sein.
- Daß die Tat des Verbrechers, daß das Böse in gleichem Sinne ein Ausleben
der Individualität genannt wird wie die Verkörperung reiner Intuition, ist nur
möglich, wenn die blinden Triebe zur menschlichen Individualität gezählt
werden.
- Aber der blinde Trieb, der zum Verbrechen treibt, stammt nicht aus
Intuitivem, und gehört nicht zum Individuellen des Menschen, sondern zum
Allgemeinsten in ihm, zu dem, was bei allen Individuen in gleichem Maße geltend
ist und aus dem sich der Mensch durch sein Individuelles heraus arbeitet.
- Das Individuelle in mir ist nicht mein Organismus mit seinen Trieben und
Gefühlen, sondern das ist die einige Ideenwelt, die in diesem Organismus
aufleuchtet.
- Meine Triebe, Instinkte, Leidenschaften begründen nichts weiter in mir, als
daß ich zur allgemeinen Gattung Mensch gehöre;
der Umstand, daß sich ein Ideelles in diesen Trieben, Leidenschaften und
Gefühlen auf eine besondere Art auslebt, begründet meine Individualität.
- Durch meine Instinkte, Triebe bin ich ein Mensch, von denen zwölf ein
Dutzend machen; durch die besondere Form der Idee, durch die ich mich innerhalb
des Dutzend als Ich bezeichne, bin ich Individuum.
- Nach der Verschiedenheit meiner tierischen Natur könnte mich nur ein mir
fremdes Wesen von andern unterscheiden; durch mein Denken, das heißt durch das
tätige Erfassen dessen, was sich als Ideelles in meinem Organismus auslebt,
unterscheide ich mich selbst von andern.
- Man kann also von der Handlung des Verbrechers gar nicht sagen, daß sie aus
der Idee hervorgeht.
- Ja, das ist gerade das Charakteristische der Verbrecherhandlungen, daß sie
aus den außerideellen Elementen des Menschen sich herleiten.
- Eine Handlung wird als eine freie empfunden, soweit deren Grund aus dem
ideellen Teil meines individuellen Wesens hervorgeht; jeder andere Teil einer
Handlung, gleichgültig, ob er aus dem Zwange der Natur oder aus der Nötigung
einer sittlichen Norm vollzogen wird, wird als unfrei empfunden.
- Frei ist nur der Mensch, insofern er in jedem Augenblicke seines Lebens
sich selbst zu folgen in der Lage ist.
- Eine sittliche Tat ist nur meine Tat,
wenn sie in dieser Auffassung eine freie genannt werden kann.
- Hier ist zunächst die Rede davon, unter welchen Voraussetzungen eine
gewollte Handlung als eine freie empfunden wird; wie diese rein ethisch gefaßte
Freiheitsidee in der menschlichen Wesenheit sich verwirklicht, soll im
folgenden sich zeigen.
- Die Handlung aus Freiheit schließt die sittlichen Gesetze nicht etwa aus,
sondern ein; sie erweist sich nur als höherstehend gegenüber derjenigen, die
nur von diesen Gesetzen diktiert ist.
- Warum sollte meine Handlung denn weniger dem Gesamtwohle dienen, wenn ich
sie aus Liebe getan habe, als dann, wenn ich sie nur aus dem Grunde vollbracht habe, weil dem Gesamtwohle zu dienen
ich als Pflicht empfinde?
- Der bloße Pflichtbegriff schließt die Freiheit
aus, weil er das Individuelle nicht anerkennen will, sondern Unterwerfung
des letztem unter eine allgemeine Norm fordert.
- Die Freiheit des Handelns ist nur denkbar vom Standpunkte des ethischen
Individualismus aus.
- Wie ist aber ein Zusammenleben der Menschen möglich, wenn jeder nur
bestrebt ist, seine Individualität zur Geltung zu bringen?
- Damit ist ein Einwand des falsch verstandenen Moralismus gekennzeichnet.
- Dieser glaubt, eine Gemeinschaft von Menschen sei nur möglich, wenn sie
alle vereinigt sind durch eine gemeinsam festgelegte sittliche Ordnung.
- Dieser Moralismus versteht eben die Einigkeit der Ideenwelt nicht.
- Er begreift nicht, daß die Ideenwelt, die in mir tätig ist, keine andere
ist, als die in meinem Mitmenschen.
- Diese Einheit ist allerdings bloß ein Ergebnis der Welterfahrung.
- Allein sie muß ein solches sein.
- Denn wäre sie durch irgend etwas anderes als durch Beobachtung zu erkennen,
so wäre in ihrem Bereich nicht individuelles Erleben, sondern allgemeine Norm
geltend.
- Individualität ist nur möglich, wenn jedes individuelle Wesen vom andern
nur durch individuelle Beobachtung weiß.
- Der Unterschied zwischen mir und meinem Mitmenschen liegt durchaus nicht
darin, daß wir in zwei ganz verschiedenen Geisteswelten leben, sondern daß er
aus der uns gemeinsamen Ideenwelt andere Intuitionen empfängt als ich.
- Er will seine Intuitionen
ausleben, ich die meinigen.
- Wenn wir beide wirklich aus der Idee schöpfen und keinen äußeren
(physischen oder geistigen) Antrieben folgen, so können wir uns nur in dem
gleichen Streben, in denselben Intentionen begegnen.
- Ein sittliches Mißverstehen, ein Aufeinanderprallen ist bei sittlich freien Menschen ausgeschlossen.
- Nur der sittlich Unfreie, der dem Naturtrieb oder einem angenommenen
Pflichtgebot folgt, stößt den Nebenmenschen zurück, wenn er nicht dem gleichen
Instinkt und dem gleichen Gebot folgt.
- Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen
im Verständnisse des fremden Wollens ist die Grundmaxime der freien Menschen.
- Sie kennen kein anderes Sollen als
dasjenige, mit dem sich ihr Wollen in intuitiven Einklang versetzt; wie sie in
einem besonderen Falle wollen werden,
das wird ihnen ihr Ideenvermögen sagen.
- Läge nicht in der menschlichen Wesenheit der Urgrund zur Verträglichkeit,
man würde sie ihr durch keine äußeren Gesetze einimpfen! Nur weil die
menschlichen Individuen eines Geistes sind,
können sie sich auch nebeneinander ausleben.
- Der Freie lebt in dem Vertrauen darauf, daß der andere Freie mit ihm einer
geistigen Welt angehört und sich in seinen Intentionen mit ihm begegnen wird.
- Der Freie verlangt von seinen Mitmenschen keine Übereinstimmung, aber er
erwartet sie, weil sie in der menschlichen Natur liegt.
- Damit ist nicht auf die Notwendigkeiten gedeutet, die für diese oder jene
äußeren Einrichtungen bestehen, sondern auf die Gesinnung, auf die Seelenverfassung,
durch die der Mensch in seinem Sich-Erleben unter von ihm geschätzten
Mitmenschen der menschlichen Würde am meisten gerecht wird.
- Es wird viele geben, die da sagen: der Begriff des freien Menschen, den du da
entwirfst, ist eine Schimäre, ist nirgends verwirklicht.
- Wir haben es aber mit wirklichen Menschen zu tun, und bei denen ist auf
Sittlichkeit nur zu hoffen, wenn sie einem Sittengebote gehorchen, wenn sie
ihre sittliche Mission als Pflicht auffassen und nicht frei ihren Neigungen und
ihrer Liebe folgen.
- — Ich bezweifle das keineswegs.
- Nur ein Blinder könnte es.
- Aber dann hinweg mit aller Heuchelei der Sittlichkeit, wenn dieses letzte Einsicht sein sollte.
- Saget dann einfach: die menschliche Natur muß zu ihren Handlungen gezwungen werden, solange sie
nicht frei ist.
- Ob man die Unfreiheit durch physische Mittel oder durch Sittengesetze
bezwingt, ob der Mensch unfrei ist, weil er seinem maßlosen Geschlechtstrieb
folgt oder darum, weil er in den Fesseln konventioneller Sittlichkeit
eingeschnürt ist, ist für einen gewissen Gesichtspunkt ganz gleichgültig.
- Man behaupte aber nur nicht, daß ein solcher Mensch mit Recht eine Handlung
die seinige nennt, da er doch von einer fremden Gewalt dazu getrieben ist.
- Aber mitten aus der Zwangsordnung heraus erheben sich die Menschen, die freien Geister, die sich selbst finden in dem
Wust von Sitte, Gesetzeszwang, Religionsübung und so weiter.
- Frei sind sie, insofern sie
nur sich folgen, unfrei, insofern sie sich unterwerfen.
- Wer von uns kann sagen, daß er in allen seinen Handlungen wirklich frei
ist?
- Aber in jedem von uns wohnt eine tiefere Wesenheit, in der sich der freie
Mensch ausspricht.
- Aus Handlungen der Freiheit und der Unfreiheit setzt sich unser Leben
zusammen.
- Wir können aber den Begriff des Menschen nicht zuende denken, ohne auf den freien Geist als die reinste Ausprägung
der menschlichen Natur zu kommen.
- Wahrhaft Menschen sind wir doch nur, insofern wir frei sind.
- Das ist ein Ideal, werden viele sagen.
- Ohne Zweifel, aber ein solches, das sich in unserer Wesenheit als reales
Element an die Oberfläche arbeitet.
- Es ist kein erdachtes oder erträumtes Ideal, sondern ein solches, das Leben
hat und das sich auch in der unvollkommensten Form seines Daseins deutlich
ankündigt.
- Wäre der Mensch ein bloßes Naturwesen, dann wäre das Aufsuchen von Idealen,
das ist von Ideen, die augenblicklich unwirksam sind, deren Verwirklichung aber
gefordert wird, ein Unding.
- An dem Dinge der Außenwelt ist die Idee durch die Wahrnehmung bestimmt; wir
haben das unserige getan, wenn wir den Zusammenhang von Idee und Wahrnehmung
erkannt haben.
- Beim Menschen ist das nicht so.
- Die Summe seines Daseins ist nicht ohne ihn selbst bestimmt; sein wahrer
Begriff als sittlicher Mensch (freier
Geist) ist mit dem Wahrnehmungsbilde «Mensch» nicht im voraus objektiv
vereinigt, um bloß nachher durch die Erkenntnis festgestellt zu werden.
- Der Mensch muß selbsttätig seinen Begriff mit der Wahrnehmung Mensch
vereinigen.
- Begriff und Wahrnehmung decken sich hier nur, wenn sie der Mensch selbst
zur Deckung bringt.
- Er kann es aber nur, wenn er den Begriff des freien Geistes, das ist seinen
eigenen Begriff gefunden hat.
- In der objektiven Welt ist uns durch unsere Organisation ein Grenzstrich
gezogen zwischen Wahrnehmung und Begriff; das Erkennen überwindet diese Grenze.
- In der subjektiven Natur ist diese Grenze nicht minder vorhanden; der
Mensch überwindet sie im Laufe seiner Entwickelung, indem er in seiner
Erscheinung seinen Begriff zur Ausgestaltung bringt.
- So führt uns sowohl das intellektuelle wie das sittliche Leben des Menschen
auf seine Doppelnatur: das Wahrnehmen (unmittelbares Erleben) und Denken.
- Das intellektuelle Leben überwindet die Doppelnatur durch die Erkenntnis,
das sittliche durch die tatsächliche Verwirklichung des freien Geistes.
- Jedes Wesen hat seinen eingeborenen Begriff (das Gesetz seines Seins und
Wirkens); aber er ist in den Außendingen unzertrennlich mit der Wahrnehmung
verbunden und nur innerhalb unseres geistigen Organismus von dieser
abgesondert.
- Beim Menschen selbst ist Begriff und Wahrnehmung zunächst tatsächlich getrennt, um von ihm ebenso tatsächlich vereinigt zu werden.
- Man kann einwenden: unserer Wahrnehmung des Menschen entspricht in jedem
Augenblicke seines Lebens ein bestimmter Begriff, so wie jedem anderen Dinge
auch.
- Ich kann mir den Begriff eines Schablonenmenschen bilden und kann einen
solchen auch als Wahrnehmung gegeben haben; wenn ich zu diesem auch noch den
Begriff des freien Geistes bringe, so habe ich zwei Begriffe für dasselbe
Objekt.
- Das ist einseitig gedacht.
- Ich bin als Wahrnehmungsobjekt einer fortwährenden Veränderung unterworfen.
- Als Kind war ich ein anderer, ein anderer als Jüngling und als Mann.
- Ja, in jedem Augenblicke ist mein Wahrnehmungsbild ein anderes als in den
vorangehenden.
- Diese Veränderungen können sich in dem Sinne vollziehen, daß sich in ihnen
nur immer derselbe (Schablonenmensch) ausspricht, oder daß sie den Ausdruck des
freien Geistes darstellen.
- Diesen Veränderungen ist das Wahrnehmungsobjekt meines Handelns
unterworfen.
- Es ist in dem Wahrnehmungsobjekt Mensch die Möglichkeit gegeben, sich
umzubilden, wie im Pflanzenkeim die Möglichkeit liegt, zur ganzen Pflanze zu
werden.
- Die Pflanze wird sich umbilden wegen der objektiven, in ihr liegenden
Gesetzmäßigkeit; der Mensch bleibt in seinem unvollendeten Zustande, wenn er
nicht den Umbildungsstoff in sich selbst aufgreift, und sich durch eigene Kraft
umbildet.
- Die Natur macht aus dem Menschen bloß ein Naturwesen; die Gesellschaft ein
gesetzmäßig handelndes; ein freies Wesen
kann er nur selbst aus sich machen.
- Die Natur läßt den Menschen in einem gewissen Stadium seiner Entwickelung
aus ihren Fesseln los; die Gesellschaft führt diese Entwickelung bis zu einem
weiteren Punkte; den letzten Schliff kann nur der Mensch selbst sich geben.
- Der Standpunkt der freien Sittlichkeit behauptet also nicht, daß der freie
Geist die einzige Gestalt ist, in der ein Mensch existieren kann.
- Sie sieht in der freien Geistigkeit nur das letzte Entwickelungsstadium des
Menschen.
- Damit ist nicht geleugnet, daß das Handeln nach Normen als
Entwickelungsstufe seine Berechtigung habe.
- Es kann nur nicht als absoluter Sittlichkeitsstandpunkt anerkannt werden.
- Der freie Geist aber überwindet die Normen in dem Sinne, daß er nicht nur
Gebote als Motive empfindet, sondern sein Handeln nach seinen Impulsen
(Intuitionen) einrichtet.
- Wenn Kant von der Pflicht sagt: «Pflicht! du erhabener, großer Name, der du
nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern
Unterwerfung verlangst», der du «ein Gesetz aufstellst ..., vor dem alle
Neigungen verstummen, wenn sie gleich in Geheim ihm entgegenwirken», so
erwidert der Mensch aus dem Bewußtsein des freien Geistes: «Freiheit! du
freundlicher, menschlicher Name, der du alles sittlich Beliebte, was mein
Menschentum am meisten würdigt, in dir fassest, und mich zu niemandes Diener
machst, der du nicht bloß ein Gesetz aufstellst, sondern abwartest, was meine
sittliche Liebe selbst als Gesetz erkennen wird, weil sie jedem nur
auferzwungenen Gesetze gegenüber sich unfrei fühlt.»
- Das ist der Gegensatz von bloß gesetzmäßiger und freier Sittlichkeit.
- Der Philister, der in einem äußerlich Festgestellten die verkörperte
Sittlichkeit sieht, wird in dem freien Geist vielleicht sogar einen
gefährlichen Menschen sehen.
- Er tut es aber nur, weil sein Blick eingeengt ist in eine bestimmte
Zeitepoche.
- Wenn er über dieselbe hinausblicken könnte, so müßte er alsbald finden, daß
der freie Geist ebenso wenig nötig hat, über die Gesetze seines Staates
hinauszugehen, wie der Philister selbst, nie aber sich mit ihnen in einen
wirklichen Widerspruch zu setzen.
- Denn die Staatsgesetze sind sämtlich aus Intuitionen freier Geister
entsprungen, ebenso wie alle anderen objektiven Sittlichkeitsgesetze.
- Kein Gesetz wird durch Familienautorität ausgeübt, das nicht einmal von
einem Ahnherrn als solches intuitiv erfaßt und festgesetzt worden wäre; auch
die konventionellen Gesetze der Sittlichkeit werden von bestimmten Menschen
zuerst aufgestellt; und die Staatsgesetze entstehen stets im Kopfe eines
Staatsmannes.
- Diese Geister haben die Gesetze über die anderen Menschen gesetzt, und
unfrei wird nur der, welcher diesen Ursprung vergißt, und sie entweder zu
außermenschlichen Geboten, zu objektiven vom Menschlichen unabhängigen
sittlichen Pflichtbegriffen oder zur befehlenden Stimme seines eigenen falsch
mystisch zwingend gedachten Innern macht.
- Wer den Ursprung aber nicht übersieht, sondern ihn in dem Menschen sucht,
der wird damit rechnen als mit einem Gliede derselben Ideenwelt, aus der auch
er seine sittlichen Intuitionen holt.
- Glaubt er bessere zu haben, so sucht er sie an die Stelle der bestehenden
zu bringen; findet er diese berechtigt, dann handelt er ihnen gemäß, als wenn
sie seine eigenen wären.
- Es darf nicht die Formel geprägt werden, der Mensch sei dazu da, um eine
von ihm abgesonderte sittliche Weltordnung zu verwirklichen.
- Wer dies behauptete, stünde in bezug auf Menschheitswissenschaft noch auf
demselben Standpunkt, auf dem jene Naturwissenschaft stand, die da glaubte: der
Stier habe Hörner, damit er stoßen könne.
- Die Naturforscher haben glücklich einen solchen Zweckbegriff zu den Toten
geworfen.
- Die Ethik kann sich schwerer davon frei machen.
- Aber so wie die Hörner nicht wegen des
Stoßens da sind, sondern das Stoßen durch
die Hörner, so ist der Mensch nicht wegen der Sittlichkeit da, sondern die
Sittlichkeit durch den Menschen.
- Der freie Mensch handelt sittlich, weil er eine sittliche Idee hat; aber er
handelt nicht, damit Sittlichkeit entstehe.
- Die menschlichen Individuen mit ihren zu ihrem Wesen gehörigen sittlichen
Ideen sind die Voraussetzung der sittlichen Weltordnung.
- Das menschliche Individuum ist Quell aller Sittlichkeit und Mittelpunkt des
Erdenlebens.
- Der Staat, die Gesellschaft sind nur da, weil sie sich als notwendige Folge
des Individuallebens ergeben.
- Daß dann der Staat und die Gesellschaft wieder zurückwirken auf das
Individualleben, ist ebenso begreiflich, wie der Umstand, daß das Stoßen, das
durch die Hörner da ist, wieder zurückwirkt auf die weitere Entwickelung der
Hörner des Stieres, die bei längerem Nichtgebrauch verkümmern würden.
- Ebenso müßte das Individuum verkümmern, wenn es außerhalb der menschlichen
Gemeinschaft ein abgesondertes Dasein führte.
- Darum bildet sich ja gerade die gesellschaftliche Ordnung, um im günstigen
Sinne wieder zurück auf das Individuum zu wirken.
-
- Kapitel 10 -
Freiheitsphilosophie und Monismus
- Der naive Mensch, der nur als wirklich gelten läßt, was er mit Augen sehen
und mit Händen greifen kann, fordert auch für sein sittliches Leben
Beweggründe, die mit den Sinnen wahrnehmbar sind.
- Er fordert ein Wesen, das ihm diese Beweggründe auf eine seinen Sinnen
verständliche Weise mitteilt.
- Er wird von einem Menschen, den er für weiser und mächtiger hält als sich
selbst, oder den er aus einem andern Grunde als eine über ihm stehende Macht
anerkennt, diese Beweggründe als Gebote sich diktieren lassen.
- Es ergeben sich auf diese Weise als sittliche Prinzipien die schon früher
genannten der Familien-, staatlichen, gesellschaftlichen, kirchlichen und
göttlichen Autorität.
- Der befangenste Mensch glaubt noch einem einzelnen andern Menschen; der
etwas fortgeschrittenere läßt sich sein sittliches Verhalten von einer Mehrheit
(Staat, Gesellschaft) diktieren.
- Immer sind es wahrnehmbare Mächte, auf die er baut.
- Wem endlich die Überzeugung aufdämmert, daß dies doch im Grunde ebenso
schwache Menschen sind wie er, der sucht bei einer höheren Macht Auskunft, bei
einem göttlichen Wesen, das er sich aber mit sinnlich wahrnehmbaren
Eigenschaften ausstattet.
- Er läßt sich von diesem Wesen den begrifflichen Inhalt seines sittlichen
Lebens wieder auf wahrnehmbare Weise vermitteln, sei es, daß der Gott im
brennenden Dornbusche erscheint, sei es, daß er in leibhaftig- menschlicher
Gestalt unter den Menschen wandelt und ihren Ohren vernehmbar sagt, was sie tun
und nicht tun sollen.
- Die höchste Entwickelungsstufe des naiven Realismus auf dem Gebiete der
Sittlichkeit ist die, wo das Sittengebot (sittliche Idee) von jeder fremden
Wesenheit abgetrennt und hypothetisch als absolute Kraft im eigenen Innern
gedacht wird.
- Was der Mensch zuerst als äußere Stimme Gottes vernahm, das vernimmt er
jetzt als selbständige Macht in seinem Innern und spricht von dieser innern
Stimme so, daß er sie dem Gewissen gleichsetzt.
- Damit ist aber die Stufe des naiven Bewußtseins bereits verlassen, und wir
sind eingetreten in die Region, wo die Sittengesetze als Normen verselbständigt
werden.
- Sie haben dann keinen Träger mehr, sondern werden zu metaphysischen
Wesenheiten, die durch sich selbst existieren.
- Sie sind analog den unsichtbar-sichtbaren Kräften des metaphysischen
Realismus, der die Wirklichkeit nicht durch den Anteil sucht, den die
menschliche Wesenheit im Denken an dieser Wirklichkeit hat, sondern der sie
hypothetisch zu dem Erlebten hinzudenkt.
- Die außermenschlichen Sittennormen treten auch immer als Begleiterscheinung
dieses metaphysischen Realismus auf.
- Dieser metaphysische Realismus muß auch den Ursprung der Sittlichkeit im
Felde des außermenschlichen Wirklichen suchen.
- Es gibt da verschiedene Möglichkeiten.
- Ist das vorausgesetzte Wesen als ein an sich
gedankenloses, nach rein mechanischen Gesetzen wirkendes gedacht, wie es das
des Materialismus sein soll, dann wird es auch das menschliche Individuum durch
rein mechanische Notwendigkeit aus sich hervorbringen samt allem, was an diesem
ist.
- Das Bewußtsein der Freiheit kann dann nur eine Illusion sein.
- Denn während ich mich für den Schöpfer meiner Handlung halte, wirkt in mir
die mich zusammensetzende Materie und ihre Bewegungsvorgänge.
- Ich glaube mich frei; alle meine Handlungen sind aber tatsächlich nur
Ergebnisse der meinem leiblichen und geistigen Organismus zugrunde liegenden
materiellen Vorgänge.
- Nur weil wir die uns zwingenden Motive nicht kennen, haben wir das Gefühl
der Freiheit, meint diese Ansicht.
- «Wir müssen hier wieder hervorheben, daß dieses Gefühl der Freiheit auf der
Abwesenheit äußerer zwingender Motive ... beruht.»
- «Unser Handeln ist necessitiert wie
unser Denken.» (Ziehen, Leitfaden der
physiologischen Psychologie Seite 207 f.) (1)
- Fußnoten: (1) Über die
Art, wie hier von «Materialismus» gesprochen wird, und die Berechtigung, von
ihm so zu sprechen, vgl. «Zusatz» zu diesem Kapitel am Schluß desselben.
- Eine andere Möglichkeit ist die, daß jemand in einem geistigen Wesen das
hinter den Erscheinungen steckende außermenschliche Absolute sieht.
- Dann wird er auch den Antrieb zum Handeln in einer solchen geistigen Kraft
suchen.
- Er wird die in seiner Vernunft auffindbaren Sittenprinzipien für einen
Ausfluß dieses Wesens an sich ansehen, das mit dem Menschen seine besonderen
Absichten hat.
- Die Sittengesetze erscheinen dem Dualisten dieser Richtung als von dem
Absoluten diktiert, und der Mensch hat durch seine Vernunft einfach diese
Ratschlüsse des absoluten Wesens zu erforschen und auszuführen.
- Die sittliche Weltordnung erscheint dem Dualisten als wahrnehmbarer Abglanz
einer hinter derselben stehenden höheren Ordnung.
- Die irdische Sittlichkeit ist die Erscheinung der außermenschlichen
Weltordnung.
- Nicht der Mensch ist es, auf den es in dieser sittlichen Ordnung ankommt,
sondern auf das Wesen an sich, auf das außermenschliche Wesen.
- Der Mensch soll das, was dieses
Wesen will.
- Eduard von Hartmann, der das Wesen an sich als Gottheit vorstellt, für die das eigene Dasein
Leiden ist, glaubt, dieses göttliche Wesen habe die Welt erschaffen, damit es durch
dieselbe von seinem unendlich großen Leiden erlöst werde.
- Dieser Philosoph sieht daher die sittliche Entwickelung der Menschheit als
einen Prozeß an, der dazu da ist, die Gottheit zu erlösen.
- «Nur durch den Aufbau einer sittlichen Weltordnung von seiten vernünftiger
selbstbewußter Individuen kann der Weltprozeß seinem Ziel entgegengeführt ...
werden.»
- «Das reale Dasein ist die
Inkarnation der Gottheit, der Weltprozeß die Passionsgeschichte des
fleischgewordenen Gottes, und zugleich der Weg zur Erlösung des im Fleische
Gekreuzigten; die Sittlichkeit aber ist
die Mitarbeit an der Abkürzung dieses Leidens- und Erlösungsweges.» (Hartmann, Phänomenologie des sittlichen
Bewußtseins S.871).
- Hier handelt der Mensch nicht, weil er will, sondern er soll handeln, weil Gott erlöst sein
will.
- Wie der materialistische Dualist den Menschen zum Automaten macht, dessen
Handeln nur das Ergebnis rein mechanischer Gesetzmäßigkeit ist, so macht ihn
der spiritualistische Dualist (das ist derjenige, der das Absolute, das Wesen
an sich, in einem Geistigen sieht, an dem der Mensch mit seinem bewußten
Erleben keinen Anteil hat) zum Sklaven des Willens jenes Absoluten.
- Freiheit ist innerhalb des Materialismus sowie des einseitigen
Spiritualismus, überhaupt innerhalb des auf Außermenschliches als wahre
Wirklichkeit schließenden, diese nicht erlebenden metaphysischen Realismus,
ausgeschlossen.
- Der naive wie dieser metaphysische Realismus müssen konsequenterweise aus
einem und demselben Grunde die Freiheit leugnen, weil sie in dem Menschen nur
den Vollstrecker oder Vollzieher von notwendig ihm aufgedrängten Prinzipien
sehen.
- Der naive Realismus tötet die Freiheit durch Unterwerfung unter die
Autorität eines wahrnehmbaren oder nach Analogie der Wahrnehmungen gedachten
Wesens oder endlich unter die abstrakte innere Stimme, die er als «Gewissen» deutet; der bloß das Außermenschliche
erschließende Metaphysiker kann die Freiheit nicht anerkennen, weil er den
Menschen von einem «Wesen an sich» mechanisch oder moralisch bestimmt sein
läßt.
- Der Monismus wird die teilweise
Berechtigung des naiven Realismus anerkennen müssen, weil er die Berechtigung
der Wahrnehmungswelt anerkennt.
- Wer unfähig ist, die sittlichen Ideen durch Intuition hervorzubringen, der
muß sie von andern empfangen.
- Insoweit der Mensch seine sittlichen Prinzipien von außen empfängt, ist er
tatsächlich unfrei.
- Aber der Monismus schreibt der Idee neben der Wahrnehmung eine gleiche
Bedeutung zu.
- Die Idee kann aber im menschlichen Individuum zur Erscheinung kommen.
- Insofern der Mensch den Antrieben von dieser Seite folgt, empfindet er sich
als frei.
- Der Monismus spricht aber der bloß schlußfolgernden Metaphysik alle
Berechtigung ab, folglich auch den von sogenannten «Wesen an sich» herrührenden
Antrieben des Handelns.
- Der Mensch kann nach monistischer Auffassung unfrei handeln, wenn er einem
wahrnehmbaren äußeren Zwange folgt; er kann frei handeln, wenn er nur sich
selbst gehorcht.
- Einen unbewußten, hinter Wahrnehmung und Begriff steckenden Zwang kann der
Monismus nicht anerkennen.
- Wenn jemand von einer Handlung seines Mitmenschen behauptet: sie sei unfrei vollbracht, so muß er innerhalb
der wahrnehmbaren Welt das Ding, oder den Menschen, oder die Einrichtung
nachweisen, die jemand zu seiner Handlung veranlaßt haben; wenn der Behauptende
sich auf Ursachen des Handelns außerhalb der sinnlich und geistig wirklichen
Welt beruft, dann kann sich der Monismus auf eine solche Behauptung nicht
einlassen.
- Nach monistischer Auffassung handelt der Mensch teils unfrei, teils frei.
- Er findet sich als unfrei in der Welt der Wahrnehmungen vor und
verwirklicht in sich den freien Geist.
- Die sittlichen Gebote, die der bloß schlußfolgernde Metaphysiker als
Ausflüsse einer höheren Macht ansehen muß, sind dem Bekenner des Monismus Gedanken der Menschen; die sittliche
Weltordnung ist ihm weder der Abklatsch einer rein mechanischen Naturordnung,
noch einer außermenschlichen Weltordnung, sondern durchaus freies Menschenwerk.
- Der Mensch hat nicht den Willen eines außer ihm liegenden Wesens in der
Welt, sondern seinen eigenen durchzusetzen; er verwirklicht nicht die
Ratschlüsse und Intentionen eines andern Wesens, sondern seine eigenen.
- Hinter den handelnden Menschen sieht der Monismus nicht die Zwecke einer
ihm fremden Weltenlenkung, die die Menschen nach ihrem Willen bestimmt, sondern
die Menschen verfolgen, insofern sie intuitive Ideen verwirklichen, nur ihre
eigenen, menschlichen Zwecke.
- Und zwar verfolgt jedes Individuum seine besonderen Zwecke.
- Denn die Ideenwelt lebt sich nicht in einer Gemeinschaft von Menschen,
sondern nur in menschlichen Individuen aus.
- Was als gemeinsames Ziel einer menschlichen Gesamtheit sich ergibt, das ist
nur die Folge der einzelnen Willenstaten der Individuen, und zwar meist einiger
weniger Auserlesener, denen die anderen, als ihren Autoritäten, folgen.
- Jeder von uns ist berufen zum freien
Geiste, wie jeder Rosenkeim berufen ist, Rose zu werden.
- Der Monismus ist also im Gebiete des wahrhaft sittlichen Handelns Freiheitsphilosophie.
- Weil er Wirklichkeitsphilosophie ist, so weist er ebenso gut die
metaphysischen, unwirklichen Einschränkungen des freien Geistes zurück, wie er
die physischen und historischen (naiv- wirklichen) des naiven Menschen
anerkennt.
- Weil er den Menschen nicht als abgeschlossenes Produkt, das in jedem
Augenblicke seines Lebens sein volles Wesen entfaltet, betrachtet, so scheint
ihm der Streit, ob der Mensch als solcher frei
ist oder nicht, nichtig.
- Er sieht in dem Menschen ein sich entwickelndes Wesen und fragt, ob auf
dieser Entwickelungsbahn auch die Stufe des freien Geistes erreicht werden
kann.
- Der Monismus weiß, daß die Natur den Menschen nicht als freien Geist fix
und fertig aus ihren Armen entläßt, sondern daß sie ihn bis zu einer gewissen
Stufe führt, von der aus er noch immer als unfreies Wesen sich weiter
entwickelt, bis er an den Punkt kommt, wo er sich selbst findet.
- Der Monismus ist sich klar darüber, daß ein Wesen, das unter einem
physischen oder moralischen Zwange handelt, nicht wahrhaftig sittlich sein
kann.
- Er betrachtet den Durchgang durch das automatische Handeln (nach
natürlichen Trieben und Instinkten) und denjenigen durch das gehorsame Handeln
(nach sittlichen Normen) als notwendige Vorstufen der Sittlichkeit, aber er
sieht die Möglichkeit ein, beide Durchgangsstadien durch den freien Geist zu
überwinden.
- Der Monismus befreit die wahrhaft sittliche Weltanschauung im allgemeinen
von den innerweltlichen Fesseln der naiven Sittlichkeitsmaximen und von den
außerweltlichen Sittlichkeitsmaximen der spekulierenden Metaphysiker.
- Jene kann er nicht aus der Welt schaffen, wie er die Wahrnehmung nicht aus
der Welt schaffen kann, diese lehnt er ab, weil er alle Erklärungsprinzipien
zur Aufhellung der Welterscheinungen innerhalb der Welt sucht und keine
außerhalb derselben.
- Ebenso wie der Monismus es ablehnt, an andere Erkenntnisprinzipien als
solche für Menschen auch nur zu denken (vergleiche S. 126 f.), so weist er auch den Gedanken an andere
Sittlichkeitsmaximen als solche für Menschen entschieden zurück.
- Die menschliche Sittlichkeit ist wie die menschliche Erkenntnis bedingt
durch die menschliche Natur.
- Und so wie andere Wesen unter Erkenntnis etwas ganz anderes verstehen
werden als wir, so werden andere Wesen auch eine andere Sittlichkeit haben.
- Sittlichkeit ist dem Anhänger des Monismus eine spezifisch menschliche
Eigenschaft, und Freiheit die
menschliche Form, sittlich zu sein.
-
- 1. Zusatz zur Neuausgabe
1918
- Eine Schwierigkeit in der Beurteilung des in beiden vorangehenden
Abschnitten Dargestellten kann dadurch entstehen, daß man sich einem
Widerspruch gegenübergestellt glaubt.
- Auf der einen Seite wird von dem Erleben des Denkens gesprochen, das von
allgemeiner, für jedes menschliche Bewußtsein gleich geltender Bedeutung
empfunden wird; auf der andern Seite wird hier darauf hingewiesen, daß die
Ideen, welche im sittlichen Leben verwirklicht werden und die mit den im Denken
erarbeiteten Ideen von gleicher Art sind, auf individuelle Art sich in jedem
menschlichen Bewußtsein ausleben.
- Wer sich gedrängt fühlt, bei dieser Gegenüberstellung als bei einem
«Widerspruch» stehen zu bleiben, und wer nicht erkennt, daß eben in der lebendigen Anschauung dieses tatsächlich vorhandenen Gegensatzes ein
Stück vom Wesen des Menschen sich enthüllt, dem wird weder die Idee der
Erkenntnis, noch die der Freiheit im rechten Lichte erscheinen können.
- Für diejenige Ansicht, welche ihre Begriffe bloß als von der Sinneswelt
abgezogen (abstrahiert) denkt und welche die Intuition nicht zu ihrem Rechte
kommen läßt, bleibt der hier für eine Wirklichkeit in Anspruch genommene
Gedanke als ein «bloßer Widerspruch» bestehen.
- Für eine Einsicht, die durchschaut, wie Ideen intuitiv erlebt werden als ein auf sich selbst beruhendes Wesenhaftes, wird
klar, daß der Mensch im Umkreis der Ideenwelt beim Erkennen sich in ein für alle Menschen Einheitliches
hineinlebt, daß er aber, wenn er aus dieser Ideenwelt die Intuitionen für seine
Willensakte entlehnt, ein Glied dieser Ideenwelt durch dieselbe Tätigkeit individualisiert, die er im
geistig-ideellen Vorgang beim Erkennen als eine allgemeinmenschliche entfaltet.
- Was als logischer Widerspruch erscheint, die allgemeine Artung der
Erkenntnis-Ideen und die individuelle der Sitten-Ideen: das wird, indem es in seiner Wirklichkeit angeschaut wird,
gerade zum lebendigen Begriff.
- Darin liegt ein Kennzeichen der menschlichen Wesenheit, daß das intuitiv zu
Erfassende im Menschen wie im
lebendigen Pendelschlag sich hin- und herbewegt zwischen der allgemein
geltenden Erkenntnis und dem individuellen Erleben dieses Allgemeinen.
- Wer den einen Pendelausschlag in seiner Wirklichkeit nicht schauen kann,
für den bleibt das Denken nur eine subjektive menschliche Betätigung; wer den
andern nicht erfassen kann, für den scheint mit der Betätigung des Menschen im
Denken alles individuelle Leben verloren.
- Für einen Denker der erstem Art ist das Erkennen, für den andern das
sittliche Leben eine undurchschaubare Tatsache.
- Beide werden für die Erklärung des einen oder des andern allerlei
Vorstellungen beibringen, die alle unzutreffend sind, weil von beiden
eigentlich die Erlebbarkeit des Denkens entweder gar nicht erfaßt, oder als
bloß abstrahierende Betätigung verkannt wird.
-
- 2. Zusatz zur Neuausgabe
1918
- Auf S. 175 f. wird von Materialismus
gesprochen.
- Es ist mir wohl bewußt, daß es Denker gibt — wie der eben angeführte Th.
- Ziehen —, die sich selbst durchaus nicht als Materialisten bezeichnen, die
aber doch von dem in diesem Buche geltend gemachten Gesichtspunkte mit diesem
Begriffe bezeichnet werden müssen.
- Es kommt nicht darauf an, ob jemand sagt, für ihn sei die Welt nicht im
bloß materiellen Sein beschlossen; er sei deshalb kein Materialist.
- Sondern es kommt darauf an, ob er Begriffe entwickelt, die nur auf ein materielles Sein
anwendbar sind.
- Wer ausspricht: «Unser Handeln ist necessitiert wie unser Denken», der hat
einen Begriff hingestellt, der bloß auf materielle Vorgänge, aber weder auf das
Handeln, noch auf das Sein anwendbar ist; und er müßte, wenn er seinen Begriff
zu Ende dächte, eben materialistisch denken.
- Daß er es nicht tut, ergibt sich nur aus derjenigen Inkonsequenz, die so
oft die Folge des nicht zu Ende geführten Denkens ist.
- — Man hört jetzt oft, der Materialismus des 19. Jahrhunderts sei wissenschaftlich
abgetan.
- In Wahrheit ist er es aber durchaus nicht.
- Man bemerkt in der Gegenwart oft nur nicht, daß man keine anderen Ideen als
solche hat, mit denen man nur an Materielles heran kann.
- Dadurch verhüllt sich jetzt der Materialismus, während er in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts sich offen zur Schau gestellt hat.
- Gegen eine geistig die Welt erfassende Anschauung ist der verhüllte
Materialismus der Gegenwart nicht weniger intolerant als der eingestandene des
vorigen Jahrhunderts.
- Er täuscht nur viele, die da glauben, eine auf Geistiges gehende
Weltauffassung ablehnen zu dürfen, weil ja die naturwissenschaftliche den
«Materialismus längst verlassen hat». —
-
- Kapitel 11 - Weltzweck
und Lebenszweck (Bestimmung des Menschen)
- Unter den mannigfaltigen Strömungen in dem geistigen
Leben der Menschheit ist eine zu verfolgen, die man nennen kann die Überwindung
des Zweckbegriffes auf Gebieten, in die er nicht gehört.
- Die Zweckmäßigkeit ist eine
bestimmte Art in der Abfolge von Erscheinungen.
- Wahrhaft wirklich ist die Zweckmäßigkeit nur dann, wenn im Gegensatz zu dem
Verhältnis von Ursache und Wirkung, wo das vorhergehende Ereignis ein späteres
bestimmt, umgekehrt das folgende Ereignis bestimmend auf das frühere einwirkt.
- Dies liegt zunächst nur bei menschlichen Handlungen vor.
- Der Mensch vollbringt eine Handlung, die er sich vorher vorstellt, und läßt sich von dieser Vorstellung zur Handlung
bestimmen.
- Das Spätere, die Handlung, wirkt mit Hilfe der Vorstellung auf das Frühere,
den handelnden Menschen.
- Dieser Umweg durch das Vorstellen ist aber zum zweckmäßigen Zusammenhange
durchaus notwendig.
- In dem Prozesse, der in Ursache und Wirkung zerfällt, ist zu unterscheiden
die Wahrnehmung von dem Begriff.
- Die Wahrnehmung der Ursache geht der Wahrnehmung der Wirkung vorher;
Ursache und Wirkung blieben in unserem Bewußtsein einfach nebeneinander
bestehen, wenn wir sie nicht durch ihre entsprechenden Begriffe miteinander
verbinden könnten.
- Die Wahrnehmung der Wirkung kann stets nur auf die Wahrnehmung der Ursache
folgen.
- Wenn die Wirkung einen realen Einfluß auf die Ursache haben soll, so kann
dies nur durch den begrifflichen Faktor sein.
- Denn der Wahrnehmungsfaktor der Wirkung ist vor dem der Ursache einfach gar
nicht vorhanden.
- Wer behauptet, die Blüte sei der Zweck der Wurzel, das heißt, die erstere
habe auf die letztere einen Einfluß, der kann das nur von dem Faktor an der
Blüte behaupten, den er durch sein Denken an derselben konstatiert.
- Der Wahrnehmungsfaktor der Blüte hat zur Zeit der Entstehungszeit der
Wurzel noch kein Dasein.
- Zum zweckmäßigen Zusammenhange ist aber nicht bloß der ideelle,
gesetzmäßige Zusammenhang des Späteren mit dem Früheren notwendig, sondern der
Begriff (das Gesetz) der Wirkung muß real, durch einen wahrnehmbaren Prozeß die
Ursache beeinflussen.
- Einen wahrnehmbaren Einfluß von einem Begriff auf etwas anderes können wir
aber nur bei den menschlichen Handlungen beobachten.
- Hier ist also der Zweckbegriff allein anwendbar.
- Das naive Bewußtsein, das nur das Wahrnehmbare gelten läßt, sucht — wie wir
wiederholt bemerkt — auch dorthin Wahrnehmbares zu versetzen, wo nur Ideelles
zu erkennen ist.
- In dem wahrnehmbaren Geschehen sucht es wahrnehmbare Zusammenhänge oder,
wenn es solche nicht findet, träumt es sie hinein.
- Der im subjektiven Handeln geltende Zweckbegriff ist ein geeignetes Element
für solche erträumte Zusammenhänge.
- Der naive Mensch weiß, wie er ein Geschehen zustandebringt und folgert
daraus, daß es die Natur ebenso machen wird.
- In den rein ideellen Naturzusammenhängen sieht er nicht nur unsichtbare
Kräfte, sondern auch unwahrnehmbare reale Zwecke.
- Der Mensch macht seine Werkzeuge zweckmäßig; nach demselben Rezept läßt der
naive Realist den Schöpfer die Organismen bauen.
- Nur ganz allmählich verschwindet dieser falsche Zweckbegriff aus den
Wissenschaften.
- In der Philosophie treibt er auch heute noch ziemlich arg sein Unwesen.
- Da wird gefragt nach dem außerweltlichen Zweck der Welt, nach der
außermenschlichen Bestimmung (folglich auch dem Zweck) des Menschen und so
weiter.
- Der Monismus weist den Zweckbegriff auf allen Gebieten mit alleiniger
Ausnahme des menschlichen Handelns zurück.
- Er sucht nach Naturgesetzen, aber nicht nach Naturzwecken.
- Naturzwecke sind willkürliche Annahmen wie die unwahrnehmbaren Kräfte (S. 121 f.).
- Aber auch Lebenszwecke, die der Mensch sich nicht selbst setzt, sind vom
Standpunkte des Monismus unberechtigte Annahmen.
- Zweckvoll ist nur dasjenige, was der Mensch erst dazu gemacht hat, denn nur
durch Verwirklichung einer Idee entsteht Zweckmäßiges.
- Wirksam im realistischen Sinne wird die Idee aber nur im Menschen.
- Deshalb hat das Menschenleben nur den Zweck und die Bestimmung, die der
Mensch ihm gibt.
- Auf die Frage: was hat der Mensch für eine Aufgabe im Leben?
- kann der Monismus nur antworten: die, die er sich selbst setzt.
- Meine Sendung in der Welt ist keine vorherbestimmte, sondern sie ist
jeweilig die, die ich mir erwähle.
- Ich trete nicht mit gebundener Marschroute meinen Lebensweg an.
- Ideen werden zweckmäßig nur durch Menschen verwirklicht.
- Es ist also unstatthaft, von der Verkörperung von Ideen durch die
Geschichte zu sprechen.
- Alle solche Wendungen wie: «die Geschichte ist die Entwickelung der
Menschen zur Freiheit», oder die Verwirklichung der sittlichen Weltordnung und
so weiter sind von monistischen Gesichtspunkten aus unhaltbar.
- Die Anhänger des Zweckbegriffes glauben mit demselben zugleich alle Ordnung
und Einheitlichkeit der Welt preisgeben zu müssen.
- Man höre zum Beispiel Robert
Hamerling (Atomistik des Willens, II. Band, S. 201): «Solange es Triebe in der Natur gibt, ist es
Torheit, Zwecke in derselben zu
leugnen.»
- «Wie die Gestaltung eines Gliedes des menschlichen Körpers nicht bestimmt und bedingt ist durch eine in der
Luft schwebende Idee dieses Gliedes, sondern durch den Zusammenhang mit dem größeren Ganzen, dem
Körper, welchem das Glied angehört, so ist die Gestaltung jedes Naturwesens,
sei es Pflanze, Tier, Mensch, nicht bestimmt und bedingt durch eine in der Luft
schwebende Idee desselben, sondern durch das Formprinzip des größeren, sich zweckmäßig
auslebenden und ausgestaltenden Ganzen der Natur.»
- Und Seite 191 desselben Bandes: «Die Zwecktheorie behauptet nur, daß trotz der tausend
Unbequemlichkeiten und Qualen dieses kreatürlichen Lebens eine hohe Zweck- und
Planmäßigkeit unverkennbar in den Gebilden und in den Entwicklungen der Natur
vorhanden ist — eine Plan — und Zweckmäßigkeit jedoch, welche sich nur
innerhalb der Naturgesetze verwirklicht, und welche nicht auf eine
Schlaraffenwelt abzielen kann, in welcher dem Leben kein Tod, dem Werden kein
Vergehen mit allen mehr oder weniger unerfreulichen, aber schlechterdings
unvermeidlichen Mittelstufen gegenüberstünde.»
- «Wenn die Gegner des Zweckbegriffs ein mühsam zusammengebrachtes
Kehrichthäufchen von halben oder ganzen, vermeintlichen oder wirklichen
Unzweckmäßigkeiten einer Welt von Wundern der Zweckmäßigkeit, wie sie die Natur
in allen Bereichen aufweist, entgegenstellen, so finde ich das ebenso drollig.»
- Was wird hier Zweckmäßigkeit genannt?
- Ein Zusammenstimmen von Wahrnehmungen zu einem Ganzen.
- Da aber allen Wahrnehmungen Gesetze (Ideen) zugrunde liegen, die wir durch
unser Denken finden, so ist das planmäßige Zusammenstimmen der Glieder eines
Wahrnehmungsganzen eben das ideelle Zusammenstimmen der in diesem Wahrnehmungsganzen
enthaltenen Glieder eines Ideenganzen.
- Wenn gesagt wird, das Tier oder der Mensch sei nicht bestimmt durch eine in
der Luft schwebende Idee, so ist das
schief ausgedrückt, und die verurteilte Ansicht verliert bei der
Richtigstellung des Ausdruckes von selbst den absurden Charakter.
- Das Tier ist allerdings nicht durch eine in der Luft schwebende Idee, wohl
aber durch eine ihm eingeborene und seine gesetzmäßige Wesenheit ausmachende
Idee bestimmt.
- Gerade weil die Idee nicht außer dem Dinge ist, sondern in demselben als
dessen Wesen wirkt, kann nicht von Zweckmäßigkeit gesprochen werden.
- Gerade derjenige, der leugnet, daß das Naturwesen von außen bestimmt ist
(ob durch eine in der Luft schwebende Idee oder eine außerhalb des Geschöpfes im Geiste eines Weltschöpfers existierende
ist in dieser Beziehung ganz gleichgültig), muß zugeben, daß dieses Wesen nicht
zweckmäßig und planvoll von außen, sondern ursächlich und gesetzmäßig von innen
bestimmt wird.
- Eine Maschine gestalte ich dann zweckmäßig, wenn ich die Teile in einen
Zusammenhang bringe, den sie von Natur aus nicht haben.
- Das Zweckmäßige der Einrichtung besteht dann darin, daß ich die
Wirkungsweise der Maschine als deren Idee ihr zugrunde gelegt habe.
- Die Maschine ist dadurch ein Wahrnehmungsobjekt mit entsprechender Idee
geworden.
- Solche Wesen sind auch die Naturwesen.
- Wer ein Ding deshalb zweckmäßig nennt, weil es gesetzmäßig gebildet ist,
der mag die Naturwesen eben auch mit dieser Bezeichnung belegen.
- Nur darf diese Gesetzmäßigkeit nicht mit jener des subjektiven menschlichen
Handelns verwechselt werden.
- Zum Zweck ist eben durchaus notwendig, daß die wirkende Ursache ein Begriff
ist, und zwar der der Wirkung.
- In der Natur sind aber nirgends Begriffe als Ursachen nachzuweisen; der
Begriff erweist sich stets nur als der ideelle Zusammenhang von Ursache und
Wirkung.
- Ursachen sind in der Natur nur in Form von Wahrnehmungen vorhanden.
- Der Dualismus kann von Welt- und Naturzwecken reden.
- Wo für unsere Wahrnehmung eine gesetzmäßige Verknüpfung von Ursache und
Wirkung sich äußert, da kann der Dualist annehmen, daß wir nur den Abklatsch
eines Zusammenhanges sehen, in dem das absolute Weltwesen seine Zwecke
verwirklichte.
- Für den Monismus entfällt mit dem absoluten nicht erlebbaren, sondern nur
hypothetisch erschlossenen Weltwesen auch der Grund zur Annahme von Welt- und
Naturzwecken.
-
- Zusatz zur Neuausgabe 1918
- Man wird bei vorurteilslosem Durchdenken des hier Ausgeführten nicht zu der
Ansicht kommen können, daß der Verfasser dieser Darstellung mit seiner
Ablehnung des Zweckbegriffs für außermenschliche Tatsachen auf dem Boden
derjenigen Denker stand, die durch das Verwerfen dieses Begriffes sich die
Möglichkeit schaffen, alles außerhalb des Menschenhandelns liegende — und dann
dieses selbst — als nur natürliches Geschehen aufzufassen.
- Davor sollte schon der Umstand schützen, daß in diesem Buche der
Denkvorgang als ein rein geistiger dargestellt wird.
- Wenn hier auch für die geistige, außerhalb des menschlichen Handelns liegende Welt der Zweckgedanke
abgelehnt wird, so geschieht es, weil in dieser Welt ein höheres als der Zweck, der sich
im Menschentum verwirklicht, zur Offenbarung kommt.
- Und wenn von einer nach dem Muster der menschlichen Zweckmäßigkeit
gedachten zweckmäßigen Bestimmung des Menschengeschlechtes als von einem
irrigen Gedanken gesprochen ist, so ist gemeint, daß der Einzelmensch sich
Zwecke setzt, aus diesen setzt sich das Ergebnis der Gesamtwirksamkeit der
Menschheit zusammen.
- Dieses Ergebnis ist dann ein höheres als seine Glieder, die Menschenzwecke.
-
- Kapitel 12 - Die
moralische Phantasie (Darwinismus und Sittlichkeit)
- Der freie Geist handelt nach
seinen Impulsen, das sind Intuitionen, die aus dem Ganzen seiner Ideenwelt
durch das Denken ausgewählt sind.
- Für den unfreien Geist liegt der
Grund, warum er aus seiner Ideenwelt eine bestimmte Intuition aussondert, um
sie einer Handlung zugrunde zu legen, in der ihm gegebenen Wahrnehmungswelt,
das heißt in seinen bisherigen Erlebnissen.
- Er erinnert sich, bevor er zu einem Entschluß kommt, daran, was jemand in
einem dem seinigen analogen Falle getan oder zu tun für gut geheißen hat, oder
was Gott für diesen Fall befohlen hat und so weiter, und danach handelt er.
- Dem freien Geist sind diese Vorbedingungen nicht einzige Antriebe des
Handelns.
- Er faßt einen schlechthin ersten Entschluß.
- Es kümmert ihn dabei ebensowenig, was andere in diesem Falle getan, noch
was sie dafür befohlen haben.
- Er hat rein ideelle Gründe, die ihn bewegen, aus der Summe seiner Begriffe
gerade einen bestimmten herauszuheben und ihn in Handlung umzusetzen.
- Seine Handlung wird aber der wahrnehmbaren Wirklichkeit angehören.
- Was er vollbringt, wird also mit einem ganz bestimmten Wahrnehmungsinhalte
identisch sein.
- Der Begriff wird sich in einem konkreten Einzelgeschehnis zu verwirklichen
haben.
- Er wird als Begriff diesen Einzelfall nicht enthalten können.
- Er wird sich darauf nur in der Art beziehen können, wie überhaupt ein
Begriff sich auf eine Wahrnehmung bezieht, zum Beispiel wie der Begriff des
Löwen auf einen einzelnen Löwen.
- Das Mittelglied zwischen Begriff und Wahrnehmung ist die Vorstellung (vgl. S. 106 ff.).
- Dem unfreien Geist ist dieses Mittelglied von vornherein gegeben.
- Die Motive sind von vornherein als Vorstellungen in seinem Bewußtsein
vorhanden.
- Wenn er etwas ausführen will, so macht er das so, wie er es gesehen hat,
oder wie es ihm für den einzelnen Fall befohlen wird.
- Die Autorität wirkt daher am besten durch Beispiele, das heißt durch Überlieferung ganz bestimmter
Einzelhandlungen an das Bewußtsein des unfreien Geistes.
- Der Christ handelt weniger nach den Lehren als nach dem Vorbilde des Erlösers.
- Regeln haben für das positive Handeln weniger Wert als für das Unterlassen
bestimmter Handlungen.
- Gesetze treten nur dann in die allgemeine Begriffsform, wenn sie Handlungen
verbieten, nicht aber wenn sie sie zu tun gebieten.
- Gesetze über das, was er tun soll, müssen dem unfreien Geiste in ganz
konkreter Form gegeben werden: Reinige die Straße vor deinem Haustore! Zahle
deine Steuern in dieser bestimmten Höhe bei dem Steueramte X! und so weiter.
- Begriffsform haben die Gesetze zur Verhinderung von Handlungen: Du sollst nicht stehlen! Du sollst nicht ehebrechen! Diese Gesetze wirken auf den
unfreien Geist aber auch nur durch den Hinweis auf eine konkrete Vorstellung,
zum Beispiel die der entsprechenden zeitlichen Strafen, oder der Gewissensqual,
oder der ewigen Verdammnis, und so weiter.
- Sobald der Antrieb zu einer Handlung in der allgemeinbegrifflichen Form
vorhanden ist (zum Beispiel: du sollst deinen Mitmenschen Gutes tun! du sollst
so leben, daß du dein Wohlsein am besten beförderst!), dann muß in jedem
einzelnen Fall die konkrete Vorstellung des Handelns (die Beziehung des
Begriffes auf einen Wahrnehmungsinhalt) erst gefunden werden.
- Bei dem freien Geiste, den kein
Vorbild und keine Furcht vor Strafe usw. treibt, ist diese Umsetzung des
Begriffes in die Vorstellung immer notwendig.
- Konkrete Vorstellungen aus der Summe seiner Ideen heraus produziert der
Mensch zunächst durch die Phantasie.
- Was der freie Geist nötig hat, um seine Ideen zu verwirklichen, um sich
durchzusetzen, ist also die moralische
Phantasie.
- Sie ist die Quelle für das Handeln des freien Geistes.
- Deshalb sind auch nur Menschen mit moralischer Phantasie eigentlich
sittlich produktiv.
- Die bloßen Moralprediger, das ist: die Leute, die sittliche Regeln
ausspinnen, ohne sie zu konkreten Vorstellungen verdichten zu können, sind
moralisch unproduktiv.
- Sie gleichen den Kritikern, die verständig auseinanderzusetzen wissen, wie
ein Kunstwerk beschaffen sein soll, selbst aber auch nicht das geringste
zustande bringen können.
Die moralische Phantasie muß, um ihre Vorstellung zu verwirklichen, in ein
bestimmtes Gebiet von Wahrnehmungen eingreifen.
- Die Handlung des Menschen schafft keine Wahrnehmungen, sondern prägt die
Wahrnehmungen, die bereits vorhanden sind, um, erteilt ihnen eine neue Gestalt.
- Um ein bestimmtes Wahrnehmungsobjekt oder eine Summe von solchen, einer
moralischen Vorstellung gemäß, umbilden zu können, muß man den gesetzmäßigen
Inhalt (die bisherige Wirkungsweise, die man neu gestalten oder der man eine
neue Richtung geben will) dieses Wahrnehmungsbildes begriffen haben.
- Man muß ferner den Modus finden, nach dem sich diese Gesetzmäßigkeit in
eine neue verwandeln läßt.
- Dieser Teil der moralischen Wirksamkeit beruht auf Kenntnis der
Erscheinungswelt, mit der man es zu tun hat.
- Er ist also zu suchen in einem Zweige der wissenschaftlichen Erkenntnis
überhaupt.
- Das moralische Handeln setzt also voraus neben dem moralischen
Ideenvermögen (1) und der moralischen Phantasie die Fähigkeit, die Welt der
Wahrnehmungen umzuformen, ohne ihren naturgesetzlichen Zusammenhang zu
durchbrechen.
- Diese Fähigkeit ist moralische
Technik.
- Sie ist in dem Sinne lernbar, wie Wissenschaft überhaupt lernbar ist.
- Im allgemeinen sind Menschen nämlich geeigneter, die Begriffe für die schon
fertige Welt zu finden, als produktiv aus der Phantasie die noch nicht
vorhandenen zukünftigen Handlungen zu bestimmen.
- Deshalb ist es sehr wohl möglich, daß Menschen ohne moralische Phantasie
die moralischen Vorstellungen von andern empfangen und diese geschickt der Wirklichkeit
einprägen.
- Auch der umgekehrte Fall kann vorkommen, daß Menschen mit moralischer
Phantasie ohne die technische Geschicklichkeit sind und sich dann anderer
Menschen zur Verwirklichung ihrer Vorstellungen bedienen müssen.
- Fußnoten: (1) Nur Oberflächlichkeit
könnte im Gebrauch des Wortes Vermögen an dieser und andern Stellen dieser
Schrift einen Rückfall in die Lehre der alten Psychologie von den
Seelenvermögen erblicken. Der Zusammenhang mit dem S. 95
f. Gesagten
ergibt genau die Bedeutung des Wortes.
- Insofern zum moralischen Handeln die Kenntnis der Objekte unseres
Handelnsgebietes notwendig ist, beruht unser Handeln auf dieser Kenntnis.
- Was hier in Betracht kommt, sind Naturgesetze.
- Wir haben es mit Naturwissenschaft zu tun, nicht mit Ethik.
- Die moralische Phantasie und das moralische Ideenvermögen können erst
Gegenstand des Wissens werden, nachdem sie
vom Individuum produziert sind.
- Dann aber regeln sie nicht mehr das Leben, sondern haben es bereits
geregelt.
- Sie sind als wirkende Ursachen wie alle andern aufzufassen (Zwecke sind sie
bloß für das Subjekt).
- Wir beschäftigen uns mit ihnen als mit einer Naturlehre der moralischen Vorstellungen.
- Eine Ethik als Normwissenschaft kann es daneben nicht geben.
- Man hat den normativen Charakter der moralischen Gesetze wenigstens
insofern halten wollen, daß man die Ethik im Sinne der Diätetik auffaßte,
welche aus den Lebensbedingungen des Organismus allgemeine Regeln ableitet, um
auf Grund derselben dann den Körper im besonderen zu beeinflussen (Paulsen,
System der Ethik).
- Dieser Vergleich ist falsch, weil unser moralisches
Leben sich nicht mit dem Leben des Organismus vergleichen läßt.
- Die Wirksamkeit des Organismus ist ohne unser Zutun da; wir finden dessen
Gesetze in der Welt fertig vor, können sie also suchen, und dann die gefundenen
anwenden.
- Die moralischen Gesetze werden aber von uns erst geschaffen.
- Wir können sie nicht anwenden, bevor sie geschaffen sind.
- Der Irrtum entsteht dadurch, daß die moralischen Gesetze nicht in jedem
Momente inhaltlich neu geschaffen werden, sondern sich forterben.
- Die von den Vorfahren übernommenen erscheinen dann gegeben wie die
Naturgesetze des Organismus.
- Sie werden aber durchaus nicht mit demselben Rechte von einer späteren
Generation wie diätetische Regeln angewendet.
- Denn sie gehen auf das Individuum und nicht wie das Naturgesetz auf das
Exemplar einer Gattung.
- Als Organismus bin ich ein solches Gattungsexemplar, und ich werde
naturgemäß leben, wenn ich die Naturgesetze der Gattung in meinem besonderen
Falle anwende; als sittliches Wesen bin ich Individuum und habe meine ganz
eigenen Gesetze. (2)
- Fußnoten: (2) Wenn
Paulsen (S. 15 des angeführten Buches) sagt: «Verschiedene Naturanlagen und
Lebensbedingungen erfordern wie eine verschiedene leibliche so auch eine
verschiedene geistig-moralische Diät», so ist er der richtigen Erkenntnis ganz
nahe, trifft aber den entscheidenden Punkt doch nicht. Insofern ich Individuum
bin, brauche ich keine Diät. Diätetik heißt die Kunst, das besondere Exemplar
mit den allgemeinen Gesetzen der Gattung in Einklang zu bringen. Als Individuum
bin ich aber kein Exemplar der Gattung.
- Die hier vertretene Ansicht scheint in Widerspruch zu stehen mit jener
Grundlehre der modernen Naturwissenschaft, die man als Entwickelungstheorie bezeichnet.
- Aber sie scheint es nur.
- Unter Entwickelung wird
verstanden das reale Hervorgehen des
Späteren aus dem Früheren auf naturgesetzlichem Wege.
- Unter Entwickelung in der organischen Welt versteht man den Umstand, daß
die späteren (vollkommeneren) organischen Formen reale Abkömmlinge der früheren
(unvollkommenen) sind und auf naturgesetzliche Weise aus ihnen hervorgegangen
sind.
- Die Bekenner der organischen Entwickelungstheorie müßten sich eigentlich
vorstellen, daß es auf der Erde einmal eine Zeitepoche gegeben hat, wo ein
Wesen das allmähliche Hervorgehen der Reptilien aus den Uramnioten mit Augen
hätte verfolgen können, wenn er damals als Beobachter hätte dabei sein können
und mit entsprechend langer Lebensdauer ausgestattet gewesen wäre.
- Ebenso müßten sich die Entwickelungstheoretiker vorstellen, daß ein Wesen
das Hervorgehen des Sonnensystems aus dem Kant-Laplaceschen Urnebel hätte
beobachten können, wenn es während der unendlich langen Zeit frei im Gebiet des
Weltäthers sich an einem entsprechenden Orte hätte aufhalten können.
- Daß bei solcher Vorstellung sowohl die Wesenheit der Uramnioten wie auch
die des Kant-Laplaceschen Weltnebels anders
gedacht werden müßte als die materialistischen Denker dies tun, kommt hier
nicht in Betracht.
- Keinem Entwickelungstheoretiker sollte es aber einfallen, zu behaupten, daß
er aus seinem Begriffe des Uramniontieres den des Reptils mit allen seinen
Eigenschaften herausholen kann, auch wenn er nie ein Reptil gesehen hat.
- Ebensowenig sollte aus dem Begriff des Kant-Laplaceschen Urnebels das Sonnensystem
abgeleitet werden, wenn dieser Begriff des Urnebels direkt nur an der
Wahrnehmung des Urnebels bestimmt gedacht ist.
- Das heißt mit anderen Worten: der Entwickelungstheoretiker muß, wenn er
konsequent denkt, behaupten, daß aus früheren Entwickelungsphasen spätere sich
real ergeben, daß wir, wenn wir den Begriff des Unvollkommenen und den des Vollkommenen gegeben haben,
den Zusammenhang einsehen können; keineswegs aber sollte er zugeben, daß der an
dem Früheren erlangte Begriff hinreicht, um das Spätere daraus zu entwickeln.
- Daraus folgt für den Ethiker, daß er zwar den Zusammenhang späterer
moralischer Begriffe mit früheren einsehen kann; aber nicht, daß auch nur eine
einzige neue moralische Idee aus früheren geholt werden kann.
- Als moralisches Wesen produziert das Individuum seinen Inhalt.
- Dieser produzierte Inhalt ist für den Ethiker gerade so ein Gegebenes, wie
für den Naturforscher die Reptilien ein Gegebenes sind.
- Die Reptilien sind aus den Uramnioten hervorgegangen; aber der
Naturforscher kann aus dem Begriff der Uramnioten den der Reptilien nicht
herausholen.
- Spätere moralische Ideen entwickeln sich aus früheren; der Ethiker kann
aber aus den sittlichen Begriffen einer früheren Kulturperiode die der späteren
nicht herausholen.
- Die Verwirrung wird dadurch hervorgerufen, daß wir als Naturforscher die
Tatsachen bereits vor uns haben und hinterher sie erst erkennend betrachten;
während wir beim sittlichen Handeln selbst erst die Tatsachen schaffen, die wir
hinterher erkennen.
- Beim Entwickelungsprozeß der sittlichen Weltordnung verrichten wir das, was
die Natur auf niedrigerer Stufe verrichtet: wir verändern ein Wahrnehmbares.
- Die ethische Norm kann also zunächst nicht wie ein Naturgesetz erkannt, sondern sie muß geschaffen
werden.
- Erst wenn sie da ist, kann sie Gegenstand des Erkennens werden.
- Aber können wir denn nicht das Neue an dem Alten messen?
- Wird nicht jeder Mensch gezwungen sein, das durch seine moralische
Phantasie Produzierte an den hergebrachten sittlichen Lehren zu bemessen?
- Für dasjenige, was als sittlich Produktives sich offenbaren soll, ist das
ein ebensolches Unding, wie es das andere wäre, wenn man eine neue Naturform an
der alten bemessen wollte und sagte: weil die Reptilien mit den Uramnioten
nicht übereinstimmen, sind sie eine unberechtigte (krankhafte) Form.
- Der ethische Individualismus steht also nicht im Gegensatz zu einer recht
verstandenen Entwickelungstheorie, sondern folgt direkt aus ihr.
- Der Haeckelsche Stammbaum von den Urtieren bis hinauf zum Menschen als
organisches Wesen müßte sich ohne Unterbrechung der natürlichen Gesetzlichkeit
und ohne eine Durchbrechung der einheitlichen Entwickelung heraufverfolgen
lassen bis zu dem Individuum als einem im bestimmten Sinne sittlichen Wesen.
- Nirgends aber würde aus dem Wesen einer
Vorfahrenart das Wesen einer
nachfolgenden Art sich ableiten lassen.
- So wahr es aber ist, daß die sittlichen Ideen des Individuums wahrnehmbar
aus denen seiner Vorfahren hervorgegangen sind, so wahr ist es auch, daß
dasselbe sittlich unfruchtbar ist, wenn es nicht selbst moralische Ideen hat.
- Derselbe ethische Individualismus, den ich auf Grund der vorangehenden
Anschauungen entwickelt habe, würde sich auch aus der Entwickelungstheorie
ableiten lassen.
- Die schließliche Überzeugung wäre dieselbe; nur der Weg ein anderer, auf
dem sie erlangt ist.
- Das Hervortreten völlig neuer sittlicher Ideen aus der moralischen
Phantasie ist für die Entwickelungstheorie gerade so wenig wunderbar, wie das
Hervorgehen einer neuen Tierart aus einer andern.
- Nur muß diese Theorie als monistische Weltanschauung im sittlichen Leben
ebenso wie im natürlichen jeden bloß erschlossenen, nicht ideell erlebbaren
jenseitigen (metaphysischen) Einfluß abweisen.
- Sie folgt dabei demselben Prinzip, das sie antreibt, wenn sie die Ursachen
neuer organischer Formen sucht und dabei nicht auf das Eingreifen eines
außerweltlichen Wesens sich beruft, das jede neue Art nach einem neuen
Schöpfungsgedanken durch übernatürlichen Einfluß hervorruft.
- So wie der Monismus zur Erklärung des Lebewesens keinen übernatürlichen
Schöpfungsgedanken brauchen kann, so ist es ihm auch unmöglich, die sittliche
Weltordnung von Ursachen abzuleiten, die nicht innerhalb der erlebbaren Welt
liegen.
- Er kann das Wesen eines Wollens als eines sittlichen nicht damit erschöpft
finden, daß er es auf einen fortdauernden übernatürlichen Einfluß auf das
sittliche Leben (göttliche Weltregierung von außen) zurückführt, oder auf eine
zeitliche besondere Offenbarung (Erteilung der zehn Gebote) oder auf die
Erscheinung Gottes auf der Erde (Christi).
- Was durch alles dieses geschieht an und in dem Menschen, wird erst zum
Sittlichen, wenn es im menschlichen Erlebnis zu einem individuellen Eigenen
wird.
- Die sittlichen Prozesse sind dem Monismus Weltprodukte wie alles andere
Bestehende und ihre Ursachen müssen in der
Welt, das heißt, weil der Mensch der Träger der Sittlichkeit ist, im Menschen
gesucht werden.
- Der ethische Individualismus ist somit die Krönung des Gebäudes, das Darwin und Haeckel für die Naturwissenschaft erstrebt haben.
- Er ist vergeistigte Entwickelungslehre auf das sittliche Leben übertragen.
- Wer dem Begriff des Natürlichen von
vornherein in engherziger Weise ein willkürlich begrenztes Gebiet anweist, der
kann dann leicht dazu kommen, für die freie individuelle Handlung keinen Raum
darin zu finden.
- Der konsequent verfahrende Entwickelungstheoretiker kann in solche
Engherzigkeit nicht verfallen.
- Er kann die natürliche Entwickelungsweise beim Affen nicht abschließen und
dem Menschen einen «übernatürlichen» Ursprung zugestehen; er muß, auch indem er
die natürlichen Vorfahren des Menschen sucht, in der Natur schon den Geist
suchen; er kann auch bei den organischen Verrichtungen des Menschen nicht
stehen bleiben und nur diese natürlich finden, sondern er muß auch das
sittlich-freie Leben als geistige Fortsetzung des organischen ansehen.
Der Entwickelungstheoretiker kann, seiner Grundauffassung gemäß, nur
behaupten, daß das gegenwärtige sittliche Handeln aus anderen Arten des
Weltgeschehens hervorgeht; die Charakteristik des Handelns, das ist seine
Bestimmung als eines freien, muß er
der unmittelbaren Beobachtung des
Handelns überlassen.
- Er behauptet ja auch nur, daß Menschen aus noch nicht menschlichen Vorfahren
sich entwickelt haben.
- Wie die Menschen beschaffen sind, das muß durch Beobachtung dieser selbst
festgestellt werden.
- Die Ergebnisse dieser Beobachtung können nicht in Widerspruch geraten mit
einer richtig angesehenen Entwickelungsgeschichte.
- Nur die Behauptung, daß die Ergebnisse solche sind, die eine natürliche
Weltordnung ausschließen, könnte nicht in Übereinstimmung mit der neueren
Richtung der Naturwissenschaft gebracht werden. (3)
- Fußnoten: (3) Daß wir
Gedanken (ethische Ideen) als Objekte der Beobachtung bezeichnen, geschieht mit
Recht. Denn wenn auch die Gebilde des Denkens während der gedanklichen
Tätigkeit nicht mit ins Beobachtungsfeld eintreten, so können sie doch nachher
Gegenstand der Beobachtung werden. Und auf diesem Wege haben wir unsere
Charakteristik des Handelns gewonnen.
- Von einer sich selbst verstehenden Naturwissenschaft hat der ethische
Individualismus nichts zu fürchten: die Beobachtung ergibt als Charakteristikum
der vollkommenen Form des menschlichen Handelns die Freiheit.
- Diese Freiheit muß dem menschlichen Wollen zugesprochen werden, insoferne
dieses rein ideelle Intuitionen verwirklicht.
- Denn diese sind nicht Ergebnisse einer von außen auf sie wirkenden
Notwendigkeit, sondern ein auf sich selbst Stehendes.
- Findet der Mensch, daß eine Handlung das Abbild einer solchen ideellen Intuition ist, so empfindet er sie
als eine freie.
- In diesem Kennzeichen einer Handlung liegt die Freiheit.
- Wie steht es nun, von diesem Standpunkte aus, mit der bereits oben (S. 22 und 16) erwähnten Unterscheidung zwischen den beiden Sätzen:
«Frei sein heißt tun können, was man
will» und dem andern: «nach Belieben begehren können und nicht begehren können
sei der eigentliche Sinn des Dogmas vom freien Willen»?
- Hamerling begründet gerade seine Ansicht vom freien Willen auf diese Unterscheidung,
indem er das erste für richtig, das zweite für eine absurde Tautologie erklärt.
- Er sagt: «Ich kann tun, was ich
will.
- Aber zu sagen: ich kann wollen, was ich will, ist eine leere Tautologie.»
- Ob ich tun, das heißt, in
Wirklichkeit umsetzen kann, was ich will, was ich mir also als Idee meines Tuns
vorgesetzt habe, das hängt von äußeren Umständen und von meiner technischen
Geschicklichkeit (vgl. S. 193 f.) ab.
- Frei sein heißt die dem Handeln zugrunde liegenden Vorstellungen
(Beweggründe) durch die moralische Phantasie von sich aus bestimmen können.
- Freiheit ist unmöglich, wenn etwas außer mir (mechanischer Prozeß oder nur
erschlossener außerweltlicher Gott) meine moralischen Vorstellungen bestimmt.
- Ich bin also nur dann frei, wenn ich selbst diese Vorstellungen produziere, nicht, wenn ich die Beweggründe, die
ein anderes Wesen in mich gesetzt hat, ausführen kann.
- Ein freies Wesen ist dasjenige, welches wollen kann, was es selbst für richtig hält.
- Wer etwas anderes tut, als er will, der muß zu diesem anderen durch Motive
getrieben werden, die nicht in ihm liegen.
- Ein solcher handelt unfrei.
- Nach Belieben wollen können, was man für richtig oder nicht richtig hält,
heißt also: nach Belieben frei oder unfrei sein können.
- Das ist natürlich ebenso absurd, wie die Freiheit in dem Vermögen zu sehen,
tun zu können, was man wollen muß.
- Das letztere aber behauptet Hamerling, wenn er sagt: Es ist vollkommen
wahr, daß der Wille immer durch Beweggründe bestimmt wird, aber es ist absurd
zu sagen, daß er deshalb unfrei sei; denn eine größere Freiheit läßt sich für
ihn weder wünschen noch denken, als die, sich nach Maßgabe seiner eigenen
Stärke und Entschiedenheit zu verwirklichen.
- — Jawohl: es läßt sich eine größere Freiheit wünschen, und das ist erst die
wahre.
- Nämlich die: sich die Gründe seines Wollens selbst zu bestimmen.
- Von der Ausführung dessen abzusehen, was er will, dazu läßt sich der Mensch
unter Umständen bewegen.
- Sich vorschreiben zu lassen, was er tun soll,
das ist, zu wollen, was ein andrer und nicht er für richtig hält, dazu ist er
nur zu haben, insofern er sich nicht frei
fühlt.
- Die äußeren Gewalten können mich hindern, zu tun, was ich will.
- Dann verdammen sie mich einfach zum Nichtstun oder zur Unfreiheit.
- Erst wenn sie meinen Geist knechten und mir meine Beweggründe aus dem Kopfe
jagen und an deren Stelle die ihrigen setzen wollen, dann beabsichtigen sie
meine Unfreiheit.
- Die Kirche wendet sich daher nicht bloß gegen das Tun, sondern namentlich gegen die unreinen Gedanken, das ist: die Beweggründe meines Handelns.
- Unfrei macht sie mich, wenn ihr alle Beweggründe, die sie nicht angibt, als
unrein erscheinen.
- Eine Kirche oder eine andere Gemeinschaft erzeugt dann Unfreiheit, wenn
ihre Priester oder Lehrer sich zu Gewissensgebietern machen, das ist, wenn die
Gläubigen sich von ihnen (aus dem Beichtstuhle) die Beweggründe ihres Handelns
holen müssen.
-
- Zusatz zur Neuausgabe 1918
- In diesen Ausführungen über das menschliche Wollen ist dargestellt, was der
Mensch an seinen Handlungen erleben kann, um durch dieses Erlebnis zu dem
Bewußtsein zu kommen: mein Wollen ist frei.
- Von besonderer Bedeutung ist, daß die Berechtigung, ein Wollen als frei zu
bezeichnen, durch das Erlebnis erreicht wird: in dem Wollen verwirklicht sich
eine ideelle Intuition.
- Dies kann nur
Beobachtungsresultat sein, ist es
aber in dem Sinne, in dem das menschliche Wollen sich in einer
Entwickelungsströmung beobachtet, deren Ziel darin liegt, solche von rein
ideeller Intuition getragene Möglichkeit des Wollens zu erreichen.
- Sie kann erreicht werden, weil in der ideellen Intuition nichts als deren
eigene auf sich gebaute Wesenheit wirkt.
- Ist eine solche Intuition im menschlichen Bewußtsein anwesend, dann ist sie
nicht aus den Vorgängen des Organismus heraus entwickelt (s. S. 145 ff.), sondern die organische Tätigkeit hat sich zurückgezogen, um der ideellen
Platz zu machen.
- Beobachte ich ein Wollen, das Abbild der Intuition ist, dann ist auch aus
diesem Wollen die organisch notwendige Tätigkeit zurückgezogen.
- Das Wollen ist frei.
- Diese Freiheit des Wollens wird der nicht beobachten können, der nicht zu
schauen vermag, wie das freie Wollen darin besteht, daß erst durch das intuitive Element das notwendige Wirken des
menschlichen Organismus abgelähmt, zurückgedrängt, und an seine Stelle die
geistige Tätigkeit des idee-erfüllten Willens gesetzt wird.
- Nur wer diese Beobachtung der
Zweigliedrigkeit eines freien Wollens nicht machen kann, glaubt an die
Unfreiheit jedes Wollens.
- Wer sie machen kann, ringt sich zu der Einsicht durch, daß der Mensch,
insofern er den Zurückdämmungsvorgang der organischen Tätigkeit nicht zu Ende
führen kann, unfrei ist; daß aber diese Unfreiheit der Freiheit zustrebt, und
diese Freiheit keineswegs ein abstraktes Ideal ist, sondern eine in der
menschlichen Wesenheit liegende Richtkraft.
- Frei ist der Mensch in dem Maße, als er in seinem Wollen dieselbe
Seelenstimmung verwirklichen kann, die in ihm lebt, wenn er sich der
Ausgestaltung rein ideeller (geistiger) Intuitionen bewußt ist.
-
- Kapitel 13 - Der Wert
des Lebens (Pessimismus und Optimismus)
- Ein Gegenstück zu der Frage nach dem Zwecke oder der Bestimmung des Lebens
(vgl. S. 184 ff.) ist die nach dessen Wert.
- Zwei entgegengesetzten Ansichten begegnen wir in dieser Beziehung, und
dazwischen allen denkbaren Vermittlungsversuchen.
- Eine Ansicht sagt: Die Welt ist die denkbar beste, die es geben kann, und
das Leben und Handeln in derselben ein Gut von unschätzbarem Werte.
- Alles bietet sich als harmonisches und zweckmäßiges Zusammenwirken dar und
ist der Bewunderung wert.
- Auch das scheinbar Böse und Üble ist von einem höheren Standpunkte als gut
erkennbar; denn es stellt einen wohltuenden Gegensatz zum Guten dar; wir können
dies um so besser schätzen, wenn es sich von jenem abhebt.
- Auch ist das Übel kein wahrhaft wirkliches; wir empfinden nur einen
geringeren Grad des Wohles als Übel.
- Das Übel ist Abwesenheit des Guten; nichts was an sich Bedeutung hat.
- Die andere Ansicht ist die, welche behauptet: das Leben ist voll Qual und
Elend, die Unlust überwiegt überall die Lust, der Schmerz die Freude.
- Das Dasein ist eine Last, und das Nichtsein wäre dem Sein unter allen
Umständen vorzuziehen.
- Als die Hauptvertreter der ersteren Ansicht, des
Optimismus, haben wir Shaftesbury und
Leibniz, als die der zweiten, des
Pessimismus, Schopenhauer und Eduard von Hartmann aufzufassen.
- Leibniz meint, die Welt ist die beste, die es geben kann.
- Eine bessere ist unmöglich.
- Denn Gott ist gut und weise.
- Ein guter Gott will die beste der
Welten schaffen; ein weiser kennt sie;
er kann sie von allen anderen möglichen schlechteren unterscheiden.
- Nur ein böser oder unweiser Gott könnte eine schlechtere als die
bestmögliche Welt schaffen.
- Wer von diesem Gesichtspunkte ausgeht, wird leicht dem menschlichen Handeln
die Richtung vorzeichnen können, die es einschlagen muß, um zum Besten der Welt
das Seinige beizutragen.
- Der Mensch wird nur die Ratschlüsse Gottes zu erforschen und sich danach zu
benehmen haben.
- Wenn er weiß, was Gott mit der Welt und dem Menschengeschlecht für Absichten
hat, dann wird er auch das Richtige tun.
- Und er wird sich glücklich fühlen, zu dem andern Guten auch das Seinige
hinzuzufügen.
- Vom optimistischen Standpunkt aus ist also das Leben des Lebens wert.
- Es muß uns zur mitwirkenden Anteilnahme anregen.
- Anders stellt sich Schopenhauer die
Sache vor.
- Er denkt sich den Weltengrund nicht als allweises und allgütiges Wesen,
sondern als blinden Drang oder Willen.
- Ewiges Streben, unaufhörliches Schmachten nach Befriedigung, die doch nie
erreicht werden kann, ist der Grundzug alles Wollens.
- Denn ist ein erstrebtes Ziel erreicht, so entsteht ein neues Bedürfnis und
so weiter.
- Die Befriedigung kann immer nur von verschwindend kleiner Dauer sein.
- Der ganze übrige Inhalt unseres Lebens ist unbefriedigtes Drängen, das ist
Unzufriedenheit, Leiden.
- Stumpft sich der blinde Drang endlich ab, so fehlt uns jeglicher Inhalt;
eine unendliche Langeweile erfüllt unser Dasein.
- Daher ist das relativ Beste, Wünsche und Bedürfnisse in sich zu ersticken,
das Wollen zu ertöten.
- Der Schopenhauersche Pessimismus führt zur Tatenlosigkeit, sein sittliches
Ziel ist Universalfaulheit.
- In wesentlich anderer Art sucht Hartmann
den Pessimismus zu begründen und für die Ethik auszunutzen.
- Hartmann sucht, einem Lieblingsstreben unserer Zeit folgend, seine
Weltanschauung auf Erfahrung zu begründen.
- Aus der Beobachtung des Lebens will er Aufschluß darüber gewinnen, ob die Lust oder die Unlust
in der Welt überwiege.
- Er läßt, was den Menschen als Gut und Glück erscheint, vor der Vernunft
Revue passieren, um zu zeigen, daß alle vermeintliche Befriedigung bei
genauerem Zusehen sich als Illusion erweist.
- Illusion ist es, wenn wir glauben, in Gesundheit, Jugend, Freiheit,
auskömmlicher Existenz, Liebe (Geschlechtsgenuß), Mitleid, Freundschaft und
Familienleben, Ehrgefühl, Ehre, Ruhm, Herrschaft, religiöser Erbauung,
Wissenschafts- und Kunstbetrieb, Hoffnung auf jenseitiges Leben, Beteiligung am
Kulturfortschritt — Quellen des Glückes und der Befriedigung zu haben.
- Vor einer nüchternen Betrachtung bringt jeder Genuß viel mehr Übel und
Elend als Lust in die Welt.
- Die Unbehaglichkeit des Katzenjammers ist stets größer
als die Behaglichkeit des Rausches.
- Die Unlust überwiegt bei weitem in der Welt.
- Kein Mensch, auch der relativ glücklichste, würde, gefragt, das elende
Leben ein zweites Mal durchmachen wollen.
- Da nun aber Hartmann die Anwesenheit des Ideellen (der
Weisheit) in der Welt nicht leugnet, ihm vielmehr eine gleiche Berechtigung
neben dem blinden Drange (Willen) zugesteht, so kann er seinem Urwesen die
Schöpfung der Welt nur zumuten, wenn er den Schmerz der Welt in einen weisen
Weltzweck auslaufen läßt.
- Der Schmerz der Weltwesen sei aber kein anderer als der Gottesschmerz
selbst, denn das Leben der Welt als Ganzes ist identisch mit dem Leben Gottes.
- Ein allweises Wesen kann aber sein Ziel nur in der Befreiung vom Leid
sehen, und da alles Dasein Leid ist, in der Befreiung vom Dasein.
- Das Sein in das weit bessere Nichtsein überzuführen, ist der Zweck der
Weltschöpfung.
- Der Weltprozeß ist ein fortwährendes Ankämpfen gegen den Gottesschmerz, das
zuletzt mit der Vernichtung alles Daseins endet.
- Das sittliche Leben der Menschen wird also sein: Teilnahme an der
Vernichtung des Daseins.
- Gott hat die Welt erschaffen, damit er sich durch dieselbe von seinem
unendlichen Schmerze befreie.
- Diese ist «gewissermaßen wie ein juckender Ausschlag am Absoluten zu
betrachten», durch den dessen unbewußte Heilkraft sich von einer innern
Krankheit befreit, «oder auch als ein schmerzhaftes Zugpflaster, welches das
all-eine Wesen sich selbst appliziert, um einen innern Schmerz zunächst nach
außen abzulenken und für die Folge zu beseitigen».
- Die Menschen sind Glieder der Welt.
- In ihnen leidet Gott.
- Er hat sie geschaffen, um seinen unendlichen Schmerz zu zersplittern.
- Der Schmerz, den jeder einzelne von uns leidet, ist nur ein Tropfen in dem
unendlichen Meere des Gottesschmerzes (Hartmann, Phänomenologie des sittlichen
Bewußtseins, S. 866 ff.).
- Der Mensch hat sich mit der Erkenntnis zu durchdringen, daß das Jagen nach
individueller Befriedigung (der Egoismus) eine Torheit ist, und hat sich einzig
von der Aufgabe leiten zu lassen, durch selbstlose Hingabe an den Weltprozeß
der Erlösung Gottes sich zu widmen.
- Im Gegensatz zu dem Schopenhauers führt uns Hartmanns Pessimismus zu einer
hingebenden Tätigkeit für eine erhabene Aufgabe.
- Wie steht es aber mit der Begründung auf Erfahrung?
- Streben nach Befriedigung ist Hinausgreifen der Lebenstätigkeit über den
Lebensinhalt.
- Ein Wesen ist hungrig, das heißt, es strebt nach Sättigung, wenn seine
organischen Funktionen zu ihrem weiteren Verlauf Zuführung neuen Lebensinhaltes
in Form von Nahrungsmitteln verlangen.
- Das Streben nach Ehre besteht darin, daß der Mensch sein persönliches Tun
und Lassen erst dann für wertvoll ansieht, wenn zu seiner Betätigung die
Anerkennung von außen kommt.
- Das Streben nach Erkenntnis entsteht, wenn dem Menschen zu der Welt, die er
sehen, hören usw. kann, solange etwas fehlt, als er sie nicht begriffen hat.
- Die Erfüllung des Strebens erzeugt in dem strebenden Individuum Lust, die
Nichtbefriedigung Unlust.
- Es ist dabei wichtig zu beobachten, daß Lust oder Unlust erst von der
Erfüllung oder Nichterfüllung meines Strebens abhängt.
- Das Streben selbst kann keineswegs als Unlust gelten.
- Wenn es sich also herausstellt, daß in dem Momente des Erfüllens einer
Bestrebung sich sogleich wieder eine neue einstellt, so darf ich nicht sagen,
die Lust hat für mich Unlust geboren, weil unter allen Umständen der Genuß das
Begehren nach seiner Wiederholung oder nach einer neuen Lust erzeugt.
- Erst wenn dieses Begehren auf die Unmöglichkeit seiner Erfüllung stößt,
kann ich von Unlust sprechen.
- Selbst dann, wenn ein erlebter Genuß in mir das Verlangen nach einem
größeren oder raffinierteren Lusterlebnis erzeugt, kann ich von einer durch die
erste Lust erzeugten Unlust erst in dem Augenblicke sprechen, wenn mir die
Mittel versagt sind, die größere oder raffiniertere Lust zu erleben.
- Nur dann, wenn als naturgesetzliche Folge des Genusses Unlust eintritt, wie
etwa beim Geschlechtsgenuß des Weibes durch die Leiden des Wochenbettes und die
Mühen der Kinderpflege, kann ich in dem Genuß den Schöpfer des Schmerzes
finden.
- Wenn Streben als solches Unlust hervorriefe, so müßte jede Beseitigung des
Strebens von Lust begleitet sein.
- Es ist aber das Gegenteil der Fall.
- Der Mangel an Streben in unserem Lebensinhalte erzeugt Langeweile, und
diese ist mit Unlust verbunden.
- Da aber das Streben naturgemäß lange Zeit dauern kann, bevor ihm die
Erfüllung zuteil wird und sich dann vorläufig mit der Hoffnung auf dieselbe
zufriedengibt, so muß anerkannt werden, daß die Unlust mit dem Streben als
solchem gar nichts zu tun hat, sondern lediglich an der Nichterfüllung
desselben hängt.
- Schopenhauer hat also unter allen Umständen unrecht, wenn er das Begehren
oder Streben (den Willen) an sich für den Quell des Schmerzes hält.
- In Wahrheit ist sogar das Gegenteil richtig.
- Streben (Begehren) an sich macht Freude.
- Wer kennt nicht den Genuß, den die Hoffnung auf ein entferntes, aber stark
begehrtes Ziel bereitet?
- Diese Freude ist die Begleiterin der Arbeit, deren Früchte uns in Zukunft
erst zuteil werden sollen.
- Diese Lust ist ganz unabhängig von der Erreichung des Zieles.
- Wenn dann das Ziel erreicht ist, dann kommt zu der Lust des Strebens die
der Erfüllung als etwas Neues hinzu.
- Wer aber sagen wollte: zur Unlust durch ein nichtbefriedigtes Ziel kommt
auch noch die über die getäuschte Hoffnung und mache zuletzt die Unlust an der
Nichterfüllung doch größer, als die etwaige Lust an der Erfüllung, dem ist zu
erwidern: es kann auch das Gegenteil der Fall sein; der Rückblick auf den Genuß
in der Zeit des unerfüllten Begehrens wird ebenso oft lindernd auf die Unlust
durch Nichterfüllung wirken.
- Wer im Anblicke gescheiterter Hoffnungen ausruft: Ich habe das Meinige
getan! der ist ein Beweisobjekt für diese Behauptung.
- Das beseligende Gefühl, nach Kräften das Beste gewollt zu haben, übersehen
diejenigen, welche an jedes nichterfüllte Begehren die Behauptung knüpfen, daß
nicht nur allein die Freude an der Erfüllung ausgeblieben, sondern auch der
Genuß des Begehrens selbst zerstört ist.
- Erfüllung eines Begehrens ruft Lust und Nichterfüllung eines solchen Unlust
hervor.
- Daraus darf nicht geschlossen werden: Lust ist Befriedigung eines
Begehrens, Unlust Nichtbefriedigung.
- Sowohl Lust wie Unlust können sich in einem Wesen einstellen, auch ohne daß
sie Folgen eines Begehrens sind.
- Krankheit ist Unlust, der kein Begehren vorausgeht.
- Wer behaupten wollte: Krankheit sei unbefriedigtes Begehren nach
Gesundheit, der beginge den Fehler, daß er den selbstverständlichen und nicht
zum Bewußtsein gebrachten Wunsch, nicht krank zu werden, für ein positives
Begehren hielte.
- Wenn jemand von einem reichen Verwandten, von dessen Existenz er nicht die
geringste Ahnung hatte, eine Erbschaft macht, so erfüllt ihn diese Tatsache
ohne vorangegangenes Begehren mit Lust.
- Wer also untersuchen will, ob auf Seite der Lust oder der Unlust ein
Überschuß zu finden ist, der muß in Rechnung bringen: die Lust am Begehren, die
an der Erfüllung des Begehrens, und diejenige, die uns unerstrebt zuteil wird.
- Auf die andere Seite des Kontobuches wird zu stehen kommen: Unlust aus
Langeweile, solche aus nicht erfülltem Streben, und endlich solche, die ohne
unser Begehren an uns herantritt.
- Zu der letzteren Gattung gehört auch die Unlust, die uns aufgedrängte,
nicht selbst gewählte Arbeit verursacht.
- Nun entsteht die Frage: welches ist das rechte Mittel, um aus diesem Soll und Haben die Bilanz zu
erhalten?
- Eduard von Hartmann ist der Meinung, daß es die abwägende Vernunft ist.
- Er sagt zwar (Philosophie des Unbewußten, 7. Auflage II. Band, S. 290):
«Schmerz und Lust sind nur, insofern
sie empfunden werden.»
- Hieraus folgt, daß es für die Lust
keinen andern Maßstab gibt als den subjektiven des Gefühles.
- Ich muß empfinden, ob die Summe
meiner Unlustgefühle zusammengestellt mit meinen Lustgefühlen in mir einen
Überschuß von Freude oder Schmerz ergibt.
- Dessen ungeachtet behauptet Hartmann: «Wenn ... der Lebenswert jedes Wesens
nur nach seinem eigenen subjektiven Maßstabe in Anschlag gebracht werden kann
..., so ist doch damit keineswegs gesagt, daß jedes Wesen aus den sämtlichen
Affektionen seines Lebens die richtige algebraische
Summe ziehe, oder mit anderen Worten, daß sein
Gesamturteil über sein eigenes Leben ein in bezug auf seine subjektiven
Erlebnisse richtiges sei.»
- Damit wird doch wieder die vernunftgemäße Beurteilung des Gefühles
zum Wertschätzer gemacht. (1)
- Fußnoten: (1) Wer
ausrechnen will, ob die Gesamtsumme der Lust oder die der Unlust überwiegt, der
beachtet eben nicht, daß er eine Rechnung anstellt über etwas, das nirgends
erlebt wird. Das Gefühl rechnet nicht, und für die wirkliche Bewertung des
Lebens kommt das wirkliche Erlebnis, nicht das Ergebnis einer erträumten
Rechnung in Betracht.
- Wer sich der Vorstellungsrichtung solcher Denker wie Eduard von Hartmann
mehr oder weniger genau anschließt, der kann glauben, er müsse, um zu einer
richtigen Bewertung des Lebens zu kommen, die Faktoren aus dem Wege räumen, die
unser Urteil über die Lust- und
Unlustbilanz verfälschen.
- Er kann das auf zwei Wegen zu erreichen suchen.
- Erstens indem er nachweist, daß unser Begehren (Trieb, Wille) sich störend in
unsere nüchterne Beurteilung des Gefühlswertes einmischt.
- Während wir uns zum Beispiel sagen müßten, daß der Geschlechtsgenuß eine
Quelle des Übels ist, verführt uns der Umstand, daß der Geschlechtstrieb in uns
mächtig ist, dazu, uns eine Lust vorzugaukeln, die in dem Maße gar nicht da
ist.
- Wir wollen genießen; deshalb gestehen wir uns nicht, daß wir unter dem
Genusse leiden.
- Zweitens indem er die Gefühle einer Kritik unterwirft und nachzuweisen sucht, daß
die Gegenstände, an die sich die Gefühle knüpfen, vor der Vernunfterkenntnis
sich als Illusionen erweisen, und daß sie
in dem Augenblicke zerstört werden, wenn unsere stets wachsende Intelligenz die
Illusionen durchschaut.
- Er kann sich die Sache folgendermaßen denken.
- Wenn ein Ehrgeiziger sich darüber klar werden will, ob bis zu dem
Augenblicke, in dem er seine Betrachtung anstellt, die Lust oder die Unlust den
überwiegenden Anteil an seinem Leben gehabt hat, dann muß er sich von zwei
Fehlerquellen bei seiner Beurteilung frei machen.
- Da er ehrgeizig ist, wird dieser Grundzug seines Charakters ihm die Freuden
über Anerkennung seiner Leistungen durch ein Vergrößerungsglas, die Kränkungen
durch Zurücksetzungen aber durch ein Verkleinerungsglas zeigen.
- Damals, als er die Zurücksetzungen erfuhr, fühlte er die Kränkungen, gerade
weil er ehrgeizig ist; in der Erinnerung erscheinen sie in milderem Lichte,
während sich die Freuden über Anerkennungen, für die er so zugänglich ist, um
so tiefer einprägen.
- Nun ist es zwar für den Ehrgeizigen eine wahre Wohltat, daß es so ist.
- Die Täuschung vermindert sein Unlustgefühl in dem Augenblicke der
Selbstbeobachtung.
- Dennoch ist seine Beurteilung eine falsche.
- Die Leiden, über die sich ihm ein Schleier breitet, hat er wirklich
durchmachen müssen in ihrer ganzen Stärke, und er setzt sie somit in das
Kontobuch seines Lebens tatsächlich falsch ein.
- Um zu einem richtigen Urteile zu kommen, müßte der Ehrgeizige für den
Moment seiner Betrachtung sich seines Ehrgeizes entledigen.
- Er müßte ohne Gläser vor seinem geistigen Auge sein bisher abgelaufenes
Leben betrachten.
- Er gleicht sonst dem Kaufmanne, der beim Abschluß seiner Bücher seinen
Geschäftseifer mit auf die Einnahmeseite setzt.
- Er kann aber noch weiter gehen.
- Er kann sagen: Der Ehrgeizige wird sich auch klarmachen, daß die
Anerkennungen, nach denen er jagt, wertlose Dinge sind.
- Er wird selbst zur Einsicht kommen, oder von andern dazu gebracht werden,
daß einem vernünftigen Menschen an der Anerkennung von seiten der Menschen
nichts liegen könne, da man ja «in allen solchen Sachen, die nicht Lebensfragen
der Entwickelung, oder gar von der Wissenschaft schon endgültig gelöst sind»,
immer darauf schwören kann, «daß die Majoritäten unrecht und die Minoritäten
recht haben».
- «Einem solchen Urteile gibt derjenige sein Lebensglück in die Hände,
welcher den Ehrgeiz zu seinem Leitstern macht.»
(Philosophie des Unbewußten, II. Band, S. 332.)
- Wenn sich der Ehrgeizige das alles sagt, dann muß er als eine Illusion
bezeichnen, was ihm sein Ehrgeiz als Wirklichkeit vorgestellt hat, folglich
auch die Gefühle, die sich an die entsprechenden Illusionen seines Ehrgeizes
knüpfen.
- Aus diesem Grunde könnte dann gesagt werden: es muß auch noch das aus dem
Konto der Lebenswerte gestrichen werden, was sich an Lustgefühlen aus
Illusionen ergibt; was dann übrig bleibt, stelle die illusionsfreie Lustsumme
des Lebens dar, und diese sei gegen die Unlustsumme so klein, daß das Leben
kein Genuß, und Nichtsein dem Sein vorzuziehen sei.
- Aber während es unmittelbar einleuchtend ist, daß die durch Einmischung des
ehrgeizigen Triebes bewirkte Täuschung bei Aufstellung der Lustbilanz ein
falsches Resultat bewirkt, muß das von der Erkenntnis des illusorischen
Charakters der Gegenstände der Lust Gesagte jedoch bestritten werden.
- Ein Ausscheiden aller an wirkliche oder vermeintliche Illusionen sich
knüpfenden Lustgefühle von der Lustbilanz des Lebens würde die letztere
geradezu verfälschen.
- Denn der Ehrgeizige hat über die Anerkennung der Menge wirklich seine
Freude gehabt, ganz gleichgültig, ob er selbst später, oder ein anderer diese
Anerkennung als Illusion erkennt.
- Damit wird die genossene freudige Empfindung nicht um das geringste kleiner
gemacht.
- Die Ausscheidung aller solchen «illusorischen» Gefühle aus der Lebensbilanz
stellt nicht etwa unser Urteil über die Gefühle richtig, sondern löscht
wirklich vorhandene Gefühle aus dem Leben aus.
- Und warum sollen diese Gefühle ausgeschieden werden?
- Wer sie hat, bei dem sind sie eben lustbereitend; wer sie überwunden hat,
bei dem tritt durch das Erlebnis der Überwindung (nicht durch die
selbstgefällige Empfindung: Was bin ich doch für ein Mensch! — sondern durch
die objektiven Lustquellen, die in der Überwindung liegen) eine allerdings
vergeistigte, aber darum nicht minder bedeutsame Lust ein.
- Wenn Gefühle aus der Lustbilanz gestrichen werden, weil sie sich an
Gegenstände heften, die sich als Illusionen entpuppen, so wird der Wert des
Lebens nicht von der Menge der Lust, sondern von der Qualität der Lust und
diese von dem Werte der die Lust verursachenden Dinge abhängig gemacht.
- Wenn ich den Wert des Lebens aber erst aus der Menge der Lust oder Unlust
bestimmen will, das es mir bringt, dann darf ich nicht etwas anderes
voraussetzen, wodurch ich erst wieder den Wert oder Unwert der Lust bestimme.
- Wenn ich sage: ich will die Lustmenge mit der Unlustmenge vergleichen und
sehen, welche größer ist, dann muß ich auch alle Lust und Unlust in ihren
wirklichen Größen in Rechnung bringen, ganz abgesehen davon, ob ihnen eine
Illusion zugrunde liegt oder nicht.
- Wer einer auf Illusion beruhenden Lust einen geringeren Wert für das Leben
zuschreibt, als einer solchen, die sich vor der Vernunft rechtfertigen läßt,
der macht eben den Wert des Lebens noch von anderen Faktoren abhängig als von
der Lust.
- Wer die Lust deshalb geringer veranschlägt, weil sie sich an einen eitlen
Gegenstand knüpft, der gleicht einem Kaufmanne, der das bedeutende Erträgnis
einer Spielwarenfabrik deshalb mit dem Viertel des Betrages in sein Konto
einsetzt, weil in derselben Gegenstände zur Tändelei für Kinder produziert
werden.
- Wenn es sich bloß darum handelt, die Lust- und Unlustmenge gegeneinander
abzuwägen, dann ist also der illusorische Charakter der Gegenstände gewisser
Lustempfindungen völlig aus dem Spiele zu lassen.
- Der von Hartmann empfohlene Weg vernünftiger Betrachtung der vom Leben
erzeugten Lust- und Unlustmenge hat uns also bisher so weit geführt, daß wir
wissen, wie wir die Rechnung aufzustellen haben, was wir auf die eine, was auf
die andere Seite unseres Kontobuches zu setzen haben.
- Wie soll aber nun die Rechnung gemacht werden?
- Ist die Vernunft auch geeignet, die Bilanz zu bestimmen?
- Der Kaufmann hat in seiner Rechnung einen Fehler gemacht, wenn der berechnete Gewinn sich mit den durch das
Geschäft nachweislich genossenen oder noch zu genießenden Gütern nicht deckt.
- Auch der Philosoph wird unbedingt einen Fehler in seiner Beurteilung
gemacht haben, wenn er den etwa ausgeklügelten Überschuß an Lust
beziehungsweise Unlust in der Empfindung nicht nachweisen kann.
- Ich will vorläufig die Rechnung der auf vernunftgemäße Weltbetrachtung sich
stütz enden Pessimisten nicht kontrollieren; wer aber sich entscheiden soll, ob
er das Lebensgeschäft weiterführen soll oder nicht, der wird erst den Nachweis
verlangen, wo der berechnete Überschuß an Unlust steckt.
- Hiermit haben wir den Punkt berührt, wo die Vernunft nicht in der Lage ist, den Überschuß an Lust oder Unlust allein von
sich aus zu bestimmen, sondern wo sie diesen Überschuß im Leben als Wahrnehmung
zeigen muß.
- Nicht in dem Begriff allein, sondern in dem durch das Denken vermittelten
Ineinandergreifen von Begriff und Wahrnehmung (und Gefühl ist Wahrnehmung) ist
dem Menschen das Wirkliche erreichbar (vgl. S. 88 ff.).
- Der Kaufmann wird ja auch sein Geschäft erst dann aufgeben, wenn der von
seinem Buchhalter berechnete Verlust an Gütern sich durch die Tatsachen
bestätigt.
- Wenn das nicht der Fall ist, dann läßt er den Buchhalter die Rechnung
nochmals machen.
- Genau in derselben Weise wird es der im Leben stehende Mensch machen.
- Wenn der Philosoph ihm beweisen will, daß die Unlust weit größer ist als
die Lust, er jedoch das nicht empfindet, dann wird er sagen: du hast dich in
deinem Grübeln geirrt, denke die Sache nochmals durch.
- Sind aber in einem Geschäfte zu einem bestimmten Zeitpunkte wirklich solche
Verluste vorhanden, daß kein Kredit mehr ausreicht, um die Gläubiger zu
befriedigen, so tritt auch dann der Bankerott ein, wenn der Kaufmann es
vermeidet, durch Führung der Bücher Klarheit über seine Angelegenheiten zu
haben.
- Ebenso müßte es, wenn das Unlustquantum bei einem Menschen in einem
bestimmten Zeitpunkte so groß würde, daß keine Hoffnung (Kredit) auf künftige
Lust ihn über den Schmerz hinwegsetzen könnte, zum Bankerott des
Lebensgeschäftes führen.
- Nun ist aber die Zahl der Selbstmörder doch eine relativ geringe im
Verhältnis zu der Menge derjenigen, die mutig weiterleben.
- Die wenigsten Menschen stellen das Lebensgeschäft der vorhandenen Unlust
willen ein.
- Was folgt daraus?
- Entweder, daß es nicht richtig ist, zu sagen, die Unlustmenge sei größer
als die Lustmenge, oder daß wir unser Weiterleben gar nicht von der empfundenen
Lust- oder Unlustmenge abhängig machen.
- Auf eine ganz eigenartige Weise kommt der Pessimismus Eduard von Hartmanns
dazu, das Leben wertlos zu erklären, weil darinnen der Schmerz überwiegt, und
doch die Notwendigkeit zu behaupten, es durchzumachen.
- Diese Notwendigkeit liegt darin, daß der oben (S. 207 f.) angegebene Weltzweck nur durch rastlose, hingebungsvolle Arbeit der
Menschen erreicht werden kann.
- Solange aber die Menschen noch ihren egoistischen Gelüsten nachgehen, sind
sie zu solcher selbstlosen Arbeit untauglich.
- Erst wenn sie sich durch Erfahrung und Vernunft überzeugt haben, daß die
vom Egoismus erstrebten Lebensgenüsse nicht erlangt werden können, widmen sie
sich ihrer eigentlichen Aufgabe.
- Auf diese Weise soll die pessimistische Überzeugung der Quell der
Selbstlosigkeit sein.
- Eine Erziehung auf Grund des Pessimismus soll den Egoismus dadurch
ausrotten, daß sie ihm seine Aussichtslosigkeit vor Augen stellt.
- Nach dieser Ansicht liegt also das Streben nach Lust ursprünglich in der
Menschennatur begründet.
- Nur aus Einsicht in die Unmöglichkeit der Erfüllung dankt dieses Streben
zugunsten höherer Menschheitsaufgaben ab.
- Von der sittlichen Weltanschauung, die von der Anerkennung des Pessimismus
die Hingabe an unegoistische Lebensziele erhofft, kann nicht gesagt werden, daß
sie den Egoismus im wahren Sinne des Wortes überwinde.
- Die sittlichen Ideale sollen erst dann stark genug sein, sich des Willens
zu bemächtigen, wenn der Mensch eingesehen hat, daß das selbstsüchtige Streben
nach Lust zu keiner Befriedigung führen kann.
- Der Mensch, dessen Selbstsucht nach den Trauben der Lust begehrt, findet
sie sauer, weil er sie nicht erreichen kann: er geht von ihnen und widmet sich
einem selbstlosen Lebenswandel.
- Die sittlichen Ideale sind, nach der Meinung der Pessimisten, nicht stark
genug, den Egoismus zu überwinden; aber sie errichten ihre Herrschaft auf dem
Boden, den ihnen vorher die Erkenntnis von der Aussichtslosigkeit der
Selbstsucht frei gemacht hat.
- Wenn die Menschen ihrer Naturanlage nach die Lust erstrebten, sie aber
unmöglich erreichen können, dann wäre Vernichtung des Daseins und Erlösung
durch das Nichtsein das einzig vernünftige Ziel.
- Und wenn man der Ansicht ist, daß der eigentliche Träger des Weltschmerzes
Gott sei, so müßten die Menschen es sich zur Aufgabe machen, die Erlösung
Gottes herbeizuführen.
- Durch den Selbstmord des einzelnen wird die Erreichung dieses Zieles nicht
gefördert, sondern beeinträchtigt.
- Gott kann vernünftigerweise die Menschen nur geschaffen haben, damit sie
durch ihr Handeln seine Erlösung herbeiführen.
- Sonst wäre die Schöpfung zwecklos.
- Und an außermenschliche Zwecke denkt eine solche Weltansicht.
- Jeder muß in dem allgemeinen Erlösungswerke seine bestimmte Arbeit
verrichten.
- Entzieht er sich derselben durch den Selbstmord, so muß die ihm zugedachte
Arbeit von einem andern verrichtet werden.
- Dieser muß statt ihm die Daseinsqual ertragen.
- Und da in jedem Wesen Gott steckt als der eigentliche Schmerzträger, so hat
der Selbstmörder die Menge des Gottesschmerzes nicht im geringsten vermindert,
vielmehr Gott die neue Schwierigkeit auferlegt, für ihn einen Ersatzmann zu
schaffen.
- Dies alles setzt voraus, daß die Lust ein Wertmaßstab für das Leben sei.
- Das Leben äußert sich durch eine Summe von Trieben (Bedürfnissen).
- Wenn der Wert des Lebens davon abhinge, ob es mehr Lust oder Unlust bringt,
dann ist der Trieb als wertlos zu bezeichnen, der seinem Träger einen Überschuß
der letzteren einträgt.
- Wir wollen einmal Trieb und Lust daraufhin ansehen, ob der erste durch die
zweite gemessen werden kann.
- Um nicht den Verdacht zu erwecken, das Leben erst mit der Sphäre der
«Geistesaristokratie» anfangen zu lassen, beginnen wir mit einem «rein
tierischen» Bedürfnis, dem Hunger.
- Der Hunger entsteht, wenn unsere Organe ohne neue Stoffzufuhr nicht weiter
ihrem Wesen gemäß funktionieren können.
- Was der Hungrige zunächst erstrebt, ist die Sättigung.
- Sobald die Nahrungszufuhr in dem Maße erfolgt ist, daß der Hunger aufhört,
ist alles erreicht, was der Ernährungstrieb erstrebt.
- Der Genuß, der sich an die Sättigung knüpft, besteht fürs erste in der
Beseitigung des Schmerzes, den der Hunger bereitet.
- Zu dem bloßen Ernährungstriebe tritt ein anderes Bedürfnis.
- Der Mensch will durch die Nahrungsaufnahme nicht bloß seine gestörten
Organfunktionen wieder in Ordnung bringen, beziehungsweise den Schmerz des
Hungers überwinden: er sucht dies auch unter Begleitung angenehmer Geschmacksempfindungen
zu bewerkstelligen.
- Er kann sogar, wenn er Hunger hat und eine halbe Stunde vor einer
genußreichen Mahlzeit steht, es vermeiden, durch minderwertige Kost, die ihn
früher befriedigen könnte, sich die Lust für das Bessere zu verderben.
- Er braucht den Hunger, um von seiner Mahlzeit den vollen Genuß zu haben.
- Dadurch wird ihm der Hunger zugleich zum Veranlasser der Lust.
- Wenn nun aller in der Welt vorhandene Hunger gestillt werden könnte, dann
ergäbe sich die volle Genußmenge, die dem Vorhandensein des
Nahrungsbedürfnisses zu verdanken ist.
- Hinzuzurechnen wäre noch der besondere Genuß, den Leckermäuler durch eine
über das Gewöhnliche hinausgehende Kultur ihrer Geschmacksnerven erzielen.
- Den denkbar größten Wert hätte diese Genußmenge, wenn kein auf die in
Betracht kommende Genußart hinzielendes Bedürfnis unbefriedigt bliebe, und wenn
mit dem Genuß nicht zugleich eine gewisse Menge Unlust in den Kauf genommen
werden müßte.
- Die moderne Naturwissenschaft ist der Ansicht, daß die Natur mehr Leben
erzeugt, als sie erhalten kann, das heißt, auch mehr Hunger hervorbringt, als
sie zu befriedigen in der Lage ist.
- Der Überschuß an Leben, der erzeugt wird, muß unter Schmerzen im Kampf ums
Dasein zugrunde gehen.
- Zugegeben: die Lebensbedürfnisse seien in jedem Augenblicke des
Weltgeschehens größer, als den vorhandenen Befriedigungsmitteln entspricht, und
der Lebensgenuß werde dadurch beeinträchtigt.
- Der wirklich vorhandene einzelne Lebensgenuß wird aber nicht um das
geringste kleiner gemacht.
- Wo Befriedigung des Begehrens eintritt, da ist die entsprechende Genußmenge
vorhanden, auch wenn es in dem begehrenden Wesen selbst oder in andern daneben
eine reiche Zahl unbefriedigter Triebe gibt.
- Was aber dadurch vermindert wird, ist der Wert des Lebensgenusses.
- Wenn nur ein Teil der Bedürfnisse eines Lebewesens Befriedigung findet, so
hat dieses einen dementsprechenden Genuß.
- Dieser hat einen um so geringeren Wert, je kleiner er ist im Verhältnis zur
Gesamtforderung des Lebens im Gebiete der in Frage kommenden Begierden.
- Man kann sich diesen Wert durch einen Bruch dargestellt denken, dessen
Zähler der wirklich vorhandene Genuß und dessen Nenner die Bedürfnissumme ist.
- Der Bruch hat den Wert 1, wenn Zähler und Nenner gleich sind, das heißt,
wenn alle Bedürfnisse auch befriedigt werden.
- Er wird größer als 1, wenn in einem Lebewesen mehr Lust vorhanden ist, als
seine Begierden fordern; und er ist kleiner als 1, wenn die Genußmenge hinter
der Summe der Begierden zurückbleibt.
- Der Bruch kann aber nie Null werden,
solange der Zähler auch nur den geringsten Wert hat.
- Wenn ein Mensch vor seinem Tode den Rechnungsabschluß machte, und die auf
einen bestimmten Trieb (zum Beispiel den Hunger) kommende Menge des Genusses
sich über das ganze Leben mit allen Forderungen dieses Triebes verteilt dächte,
so hätte die erlebte Lust vielleicht nur einen geringen Wert; wertlos aber kann
sie nie werden.
- Bei gleichbleibender Genußmenge nimmt mit der Vermehrung der Bedürfnisse
eines Lebewesens der Wert der Lebenslust ab.
- Ein gleiches gilt für die Summe alles Lebens in der Natur.
- Je größer die Zahl der Lebewesen ist im Verhältnis zu der Zahl derer, die
volle Befriedigung ihrer Triebe finden können, desto geringer ist der
durchschnittliche Lustwert des Lebens.
- Die Wechsel auf den Lebensgenuß, die uns in unseren Trieben ausgestellt
sind, werden eben billiger, wenn man nicht hoffen kann, sie für den vollen
Betrag einzulösen.
- Wenn ich drei Tage lang genug zu essen habe und dafür dann weitere drei
Tage hungern muß, so wird der Genuß an den drei Eßtagen dadurch nicht geringer.
- Aber ich muß mir ihn dann auf sechs Tage verteilt denken, wodurch sein Wert für meinen Ernährungstrieb auf die
Hälfte herabgemindert wird.
- Ebenso verhält es sich mit der Größe der Lust im Verhältnis zum Grade meines Bedürfnisses.
- Wenn ich Hunger für zwei Butterbrote habe, und nur eines bekommen kann, so
hat der aus dem einen gezogene Genuß nur die Hälfte des Wertes, den er haben
würde, wenn ich nach der Aufzehrung satt wäre.
- Dies ist die Art, wie im Leben der Wert
einer Lust bestimmt wird.
- Sie wird bemessen an den Bedürfnissen des Lebens.
- Unsere Begierden sind der Maßstab;
die Lust ist das Gemessene.
- Der Sättigungsgenuß erhält nur dadurch einen Wert, daß Hunger vorhanden
ist; und er erhält einen Wert von bestimmter Größe durch das Verhältnis, in dem
er zu der Größe des vorhandenen Hungers steht.
- Unerfüllte Forderungen unseres Lebens werfen ihre Schatten auch auf die
befriedigten Begierden und beeinträchtigen den Wert genußreicher Stunden.
- Man kann aber auch von dem gegenwärtigen
Wert eines Lustgefühles sprechen.
- Dieser Wert ist um so geringer, je kleiner die Lust im Verhältnis zur Dauer
und Stärke unserer Begierde ist.
- Vollen Wert hat für uns eine Lustmenge, die an Dauer und Grad genau mit
unserer Begierde übereinstimmt.
- Eine gegenüber unserem Begehren kleinere Lustmenge vermindert den Lustwert;
eine größere erzeugt einen nicht verlangten Überschuß, der nur so lange als
Lust empfunden wird, als wir während des Genießens unsere Begierde zu steigern
vermögen.
- Sind wir nicht imstande, in der Steigerung unseres Verlangens mit der
zunehmenden Lust gleichen Schritt zu halten, so verwandelt sich die Lust in
Unlust.
- Der Gegenstand, der uns sonst befriedigen würde, stürmt auf uns ein, ohne
daß wir es wollen, und wir leiden darunter.
- Dies ist ein Beweis dafür, daß die Lust nur so lange für uns einen Wert
hat, als wir sie an unserer Begierde messen können.
- Ein Übermaß von angenehmem Gefühl schlägt in Schmerz um.
- Wir können das besonders bei Menschen beobachten, deren Verlangen nach
irgendeiner Art von Lust sehr gering ist.
- Leuten, deren Nahrungstrieb abgestumpft ist, wird das Essen leicht zum
Ekel.
- Auch daraus geht hervor, daß die Begierde der Wertmesser der Lust ist.
- Nun kann der Pessimismus sagen: der unbefriedigte Nahrungstrieb bringe
nicht nur die Unlust über den entbehrten Genuß, sondern positive Schmerzen,
Qual und Elend in die Welt.
- Er kann sich hierbei berufen auf das namenlose Elend der von Nahrungssorgen
heimgesuchten Menschen; auf die Summe von Unlust, die solchen Menschen
mittelbar aus dem Nahrungsmangel erwächst.
- Und wenn er seine Behauptung auch auf die außermenschliche Natur anwenden
will, kann er hinweisen auf die Qualen der Tiere, die in gewissen Jahreszeiten
aus Nahrungsmangel verhungern.
- Von diesen Übeln behauptet der Pessimist, daß sie die durch den
Nahrungstrieb in die Welt gesetzte Genußmenge reichlich überwiegen.
- Es ist ja zweifellos, daß man Lust und
Unlust miteinander vergleichen und
den Überschuß der einen oder der andern bestimmen kann, wie das bei Gewinn und Verlust geschieht.
- Wenn aber der Pessimismus glaubt, daß auf Seite der Unlust sich ein
Überschuß ergibt, und er daraus auf die Wertlosigkeit des Lebens schließen zu
können meint, so ist er schon insofern im Irrtum, als er eine Rechnung macht,
die im wirklichen Leben nicht ausgeführt wird.
- Unsere Begierde richtet sich im einzelnen Falle auf einen bestimmten
Gegenstand.
- Der Lustwert der Befriedigung wird, wie wir gesehen haben, um so größer
sein, je größer die Lustmenge im Verhältnis zur Größe unseres Begehrens ist.
(2)
- Von der Größe unseres Begehrens hängt es aber auch ab, wie groß die Menge
der Unlust ist, die wir mit in Kauf nehmen wollen, um die Lust zu erreichen.
- Wir vergleichen die Menge der Unlust nicht mit der der Lust, sondern mit
der Größe unserer Begierde.
- Wer große Freude am Essen hat, der wird wegen des Genusses in besseren
Zeiten sich leichter über eine Periode des Hungers hinweghelfen, als ein
anderer, dem diese Freude an der Befriedigung des Nahrungstriebes fehlt.
- Das Weib, das ein Kind haben will, vergleicht nicht die Lust, die ihm aus
dessen Besitz erwächst, mit den Unlustmengen, die aus Schwangerschaft,
Kindbett, Kinderpflege und so weiter sich ergeben, sondern mit seiner Begierde
nach dem Besitz des Kindes.
- Fußnoten: (2) Von dem
Falle, wo durch übermäßige Steigerung der Lust diese in Unlust umschlägt, sehen
wir hier ab.
- Wir erstreben niemals eine abstrakte Lust von bestimmter Größe, sondern die
konkrete Befriedigung in einer ganz bestimmten Weise.
- Wenn wir nach einer Lust streben, die durch einen bestimmten Gegenstand
oder eine bestimmte Empfindung befriedigt werden muß, so können wir nicht
dadurch befriedigt werden, daß uns ein anderer Gegenstand oder eine andere
Empfindung zuteil wird, die uns eine Lust von gleicher Größe bereitet.
- Wer nach Sättigung strebt, dem kann man die Lust an derselben nicht durch
eine gleich große, aber durch einen Spaziergang erzeugte ersetzen.
- Nur wenn unsere Begierde ganz allgemein nach einem bestimmten Lustquantum
strebte, dann müßte sie sofort verstummen, wenn diese Lust nicht ohne ein sie
an Größe überragendes Unlustquantum zu erreichen wäre.
- Da aber die Befriedigung auf eine bestimmte Art erstrebt wird, so tritt die
Lust mit der Erfüllung auch dann ein, wenn mit ihr eine sie überwiegende Unlust
in Kauf genommen werden muß.
- Dadurch, daß sich die Triebe der Lebewesen in einer bestimmten Richtung
bewegen und auf ein konkretes Ziel losgehen, hört die Möglichkeit auf, die auf
dem Wege zu diesem Ziele sich entgegenstellende Unlustmenge als gleichgeltenden
Faktor mit in Rechnung zu bringen.
- Wenn die Begierde nur stark genug ist, um nach Überwindung der Unlust — und
sei sie absolut genommen noch so groß — noch in irgendeinem Grade vorhanden zu
sein, so kann die Lust an der Befriedigung doch noch in voller Größe
durchgekostet werden.
- Die Begierde bringt also die Unlust nicht direkt in Beziehung zu der
erreichten Lust, sondern indirekt, indem sie ihre eigene Größe (im Verhältnis)
zu der der Unlust in eine Beziehung bringt.
- Nicht darum handelt es sich, ob die zu erreichende Lust oder Unlust größer
ist, sondern darum, ob die Begierde nach dem erstrebten Ziele oder der
Widerstand der entgegentretenden Unlust größer ist.
- Ist dieser Widerstand größer als die Begierde, dann ergibt sich die
letztere in das Unvermeidliche, erlahmt und strebt nicht weiter.
- Dadurch, daß Befriedigung in einer bestimmten Art verlangt wird, gewinnt
die mit ihr zusammenhängende Lust eine Bedeutung, die es ermöglicht, nach
eingetretener Befriedigung das notwendige Unlustquantum nur insofern in die
Rechnung einzustellen, als es das Maß unserer Begierde verringert hat.
- Wenn ich ein leidenschaftlicher Freund von Fernsichten bin, so berechne ich
niemals: wieviel Lust macht mir der Blick von dem Berggipfel aus, direkt
verglichen mit der Unlust des mühseligen Auf- und Abstiegs.
- Ich überlege aber: ob nach Überwindung der Schwierigkeiten meine Begierde
nach der Fernsicht noch lebhaft genug sein wird.
- Nur mittelbar durch die Größe der Begierde können Lust und Unlust zusammen
ein Ergebnis liefern.
- Es fragt sich also gar nicht, ob Lust oder Unlust im Übermaße vorhanden
ist, sondern ob das Wollen der Lust stark genug ist, die Unlust zu überwinden.
- Ein Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung ist der Umstand, daß der
Wert der Lust höher angeschlagen wird, wenn sie durch große Unlust erkauft
werden muß, als dann, wenn sie uns gleichsam wie ein Geschenk des Himmels in
den Schoß fällt.
- Wenn Leiden und Qualen unsere Begierde herabgestimmt haben, und dann das
Ziel doch noch erreicht wird, dann ist eben die Lust im Verhältnis zu dem noch übriggebliebenen Quantum der Begierde um
so größer.
- Dieses Verhältnis stellt aber, wie ich gezeigt habe, den Wert der Lust dar
(vgl. S. 221 f.).
- Ein weiterer Beweis ist dadurch gegeben, daß die Lebewesen (einschließlich
des Menschen) ihre Triebe so lange zur Entfaltung bringen, als sie imstande
sind, die entgegenstehenden Schmerzen und Qualen zu ertragen.
- Und der Kampf ums Dasein ist nur die Folge dieser Tatsache.
- Das vorhandene Leben strebt nach Entfaltung, und nur derjenige Teil gibt
den Kampf auf, dessen Begierden durch die Gewalt der sich auftürmenden
Schwierigkeiten erstickt werden.
- Jedes Lebewesen sucht so lange nach Nahrung, bis der Nahrungsmangel sein
Leben zerstört.
- Und auch der Mensch legt erst Hand an sich selber, wenn er (mit Recht oder
Unrecht) glaubt, die ihm erstrebenswerten Lebensziele nicht erreichen zu
können.
- Solange er aber noch an die Möglichkeit glaubt, das nach seiner Ansicht
Erstrebenswerte zu erreichen, kämpft er gegen alle Qualen und Schmerzen an.
- Die Philosophie müßte dem Menschen erst die Meinung beibringen, daß Wollen
nur dann einen Sinn hat, wenn die Lust größer als die Unlust ist; seiner Natur
nach will er die Gegenstände seines Begehrens erreichen, wenn er die dabei
notwendig werdende Unlust ertragen kann, sei sie dann auch noch so groß.
- Eine solche Philosophie wäre aber irrtümlich, weil sie das menschliche
Wollen von einem Umstande abhängig macht (Überschuß der Lust über die Unlust),
der dem Menschen ursprünglich fremd ist.
- Der ursprüngliche Maßstab des Wollens ist die Begierde, und diese setzt
sich durch, solange sie kann.
- Man kann die Rechnung, welche das Leben,
nicht eine verstandesmäßige Philosophie, anstellt, wenn Lust und Unlust bei
Befriedigung eines Begehrens in Frage kommen, mit dem folgenden vergleichen.
- Wenn ich gezwungen bin, beim Einkaufe eines bestimmten Quantums Apfel
doppelt so viele schlechte als gute mitzunehmen — weil der Verkäufer seinen
Platz frei bekommen will — so werde ich mich keinen Moment besinnen, die
schlechten Apfel mitzunehmen, wenn ich den Wert der geringeren Menge guter für
mich so hoch veranschlagen darf, daß ich zu dem Kaufpreis auch noch die
Auslagen für Hinwegschaffung der schlechten Ware auf mich nehmen will.
- Dies Beispiel veranschaulicht die Beziehung zwischen den durch einen Trieb
bereiteten Lust- und Unlustmengen.
- Ich bestimme den Wert der guten Apfel nicht dadurch, daß ich ihre Summe von
der der schlechten subtrahiere, sondern danach, ob die ersteren trotz des
Vorhandenseins der letzteren noch einen Wert behalten.
- Ebenso wie ich bei dem Genuß der guten Apfel die schlechten unberücksichtigt
lasse, so gebe ich mich der Befriedigung einer Begierde hin, nachdem ich die
notwendigen Qualen abgeschüttelt habe.
- Wenn der Pessimismus auch recht hätte mit seiner Behauptung, daß in der
Welt mehr Unlust als Lust vorhanden ist: auf das Wollen wäre das ohne Einfluß,
denn die Lebewesen streben nach der übrigbleibenden Lust doch.
- Der empirische Nachweis, daß der Schmerz die Freude überwiegt, wäre, wenn
er gelänge, zwar geeignet, die Aussichtslosigkeit jener philosophischen
Richtung zu zeigen, die den Wert des Lebens in dem Überschuß der Lust sieht
(Eudämonismus), nicht aber das Wollen überhaupt als unvernünftig hinzustellen;
denn dieses geht nicht auf einen Überschuß von Lust, sondern auf die nach Abzug
der Unlust noch übrigbleibende Lustmenge.
- Diese erscheint noch immer als ein erstrebenswertes Ziel.
- Man hat den Pessimismus dadurch zu widerlegen versucht, daß man behauptete,
es sei unmöglich, den Überschuß von Lust oder Unlust in der Welt auszurechnen.
- Die Möglichkeit einer jeden Berechnung beruht darauf, daß die in Rechnung
zu stellenden Dinge ihrer Größe nach miteinander verglichen werden können.
- Nun hat jede Unlust und jede Lust eine bestimmte Größe (Stärke und Dauer).
- Auch Lustempfindungen verschiedener Art können wir ihrer Größe nach
wenigstens schätzungsweise vergleichen.
- Wir wissen, ob uns eine gute Zigarre oder ein guter Witz mehr Vergnügen
macht.
- Gegen die Vergleichbarkeit verschiedener Lust- und Unlustsorten, ihrer
Größe nach, läßt sich somit nichts einwenden.
- Und der Forscher, der es sich zur Aufgabe macht, den Lust- oder
Unlustüberschuß in der Welt zu bestimmen, geht von durchaus berechtigten
Voraussetzungen aus.
- Man kann die Irrtümlichkeit der pessimistischen Resultate behaupten, aber
man darf die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Abschätzung der Lust- und
Unlustmengen und damit die Bestimmung der Lustbilanz nicht anzweifeln.
- Unrichtig aber ist es, wenn behauptet wird, daß aus dem Ergebnisse dieser
Rechnung für das menschliche Wollen etwas folge.
- Die Fälle, wo wir den Wert unserer Betätigung wirklich davon abhängig
machen, ob die Lust oder die Unlust einen Überschuß zeigt, sind die, in denen
uns die Gegenstände, auf die unser Tun sich richtet, gleichgültig sind.
- Wenn es sich mir darum handelt, nach meiner Arbeit mir ein Vergnügen durch
ein Spiel oder eine leichte Unterhaltung zu bereiten, und es mir völlig
gleichgültig ist, was ich zu diesem Zwecke tue, so frage ich mich: was bringt
mir den größten Überschuß an Lust?
- Und ich unterlasse eine Betätigung unbedingt, wenn sich die Waage nach der
Unlustseite hin neigt.
- Bei einem Kinde, dem wir ein Spielzeug kaufen wollen, denken wir bei der
Wahl nach, was ihm die meiste Freude bereitet.
- In allen anderen Fällen bestimmen wir uns nicht ausschließlich nach der
Lustbilanz.
- Wenn also die pessimistischen Ethiker der Ansicht sind, durch den Nachweis,
daß die Unlust in größerer Menge vorhanden ist als die Lust, den Boden für die
selbstlose Hingabe an die Kulturarbeit zu bereiten, so bedenken sie nicht, daß
sich das menschliche Wollen seiner Natur nach von dieser Erkenntnis nicht
beeinflussen läßt.
- Das Streben der Menschen richtet sich nach dem Maße der nach Überwindung
aller Schwierigkeiten möglichen Befriedigung.
- Die Hoffnung auf diese Befriedigung ist der Grund der menschlichen
Betätigung.
- Die Arbeit jedes einzelnen und die ganze Kulturarbeit entspringt aus dieser
Hoffnung.
- Die pessimistische Ethik glaubt dem Menschen die Jagd nach dem Glücke als
eine unmögliche hinstellen zu müssen, damit er sich seinen eigentlichen
sittlichen Aufgaben widme.
- Aber diese sittlichen Aufgaben sind nichts anderes als die konkreten
natürlichen und geistigen Triebe; und die Befriedigung derselben wird
angestrebt trotz der Unlust, die dabei abfällt.
- Die Jagd nach dem Glücke, die der Pessimismus ausrotten will, ist also gar
nicht vorhanden.
- Die Aufgaben aber, die der Mensch zu vollbringen hat, vollbringt er, weil
er sie kraft seines Wesens, wenn er ihr Wesen wirklich erkannt hat, vollbringen
will.
- Die pessimistische Ethik behauptet, der Mensch könne erst dann sich dem
hingeben, was er als seine Lebensaufgabe erkennt, wenn er das Streben nach Lust
aufgegeben hat.
- Keine Ethik aber kann je andere Lebensaufgaben ersinnen als die
Verwirklichung der von den menschlichen Begierden geforderten Befriedigungen
und die Erfüllung seiner sittlichen Ideale.
- Keine Ethik kann ihm die Lust nehmen, die er an dieser Erfüllung des von
ihm Begehrten hat.
- Wenn der Pessimist sagt: strebe nicht nach Lust, denn du kannst sie nie
erreichen; strebe nach dem, was du als deine Aufgabe erkennst, so ist darauf zu
erwidern: das ist Menschenart, und es ist die Erfindung einer auf Irrwegen
wandelnden Philosophie, wenn behauptet wird, der Mensch strebe bloß nach dem
Glücke.
- Er strebt nach Befriedigung dessen, was sein Wesen begehrt und hat die
konkreten Gegenstände dieses Strebens im Auge, nicht ein abstraktes «Glück»;
und die Erfüllung ist ihm eine Lust.
- Was die pessimistische Ethik verlangt: nicht Streben nach Lust, sondern
nach Erreichung dessen, was du als deine Lebensaufgabe erkennst, so trifft sie
damit dasjenige, was der Mensch seinem Wesen nach will.
- Der Mensch braucht durch die Philosophie nicht erst umgekrempelt zu werden,
er braucht seine Natur nicht erst abzuwerfen, um sittlich zu sein, Sittlichkeit
liegt in dem Streben nach einem als berechtigt erkannten Ziel; ihm zu folgen,
liegt im Menschenwesen, solange eine damit verknüpfte Unlust die Begierde
danach nicht lähmt.
- Und dieses ist das Wesen alles wirklichen Wollens.
- Die Ethik beruht nicht auf der Ausrottung alles Strebens nach Lust, damit
bleichsüchtige abstrakte Ideen ihre Herrschaft da aufschlagen können, wo ihnen
keine starke Sehnsucht nach Lebensgenuß entgegensteht, sondern auf dem starken, von ideeller Intuition
getragenen Wollen, das sein Ziel
erreicht, auch wenn der Weg dazu ein dornenvoller ist.
- Die sittlichen Ideale entspringen aus der moralischen Phantasie des
Menschen.
- Ihre Verwirklichung hängt davon ab, daß sie von dem Menschen stark genug
begehrt werden, um Schmerzen und Qualen zu überwinden.
- Sie sind seine Intuitionen, die
Triebfedern, die sein Geist spannt; er will
sie, weil ihre Verwirklichung seine höchste Lust ist.
- Er hat es nicht nötig, sich von der Ethik erst verbieten zu lassen, daß er
nach Lust strebe, um sich dann gebieten zu lassen, wonach er streben soll.
- Er wird nach sittlichen Idealen streben, wenn seine moralische Phantasie
tätig genug ist, um ihm Intuitionen einzugeben, die seinem Wollen die Stärke
verleihen, sich gegen die in seiner Organisation liegenden Widerstände, wozu
auch notwendige Unlust gehört, durchzusetzen.
- Wer nach Idealen von hehrer Größe strebt, der tut es, weil sie der Inhalt
seines Wesens sind, und die Verwirklichung wird ihm ein Genuß sein, gegen den
die Lust, welche die Armseligkeit aus der Befriedigung der alltäglichen Triebe
zieht, eine Kleinigkeit ist.
- Idealisten schwelgen geistig bei
der Umsetzung ihrer Ideale in Wirklichkeit.
- Wer die Lust an der Befriedigung des menschlichen Begehrens ausrotten will,
muß den Menschen erst zum Sklaven machen, der nicht handelt, weil er will,
sondern nur, weil er soll.
- Denn die Erreichung des Gewollten macht Lust.
- Was man das Gute nennt, ist nicht
das, was der Mensch soll, sondern
das, was er will, wenn er die volle
wahre Menschennatur zur Entfaltung bringt.
- Wer dies nicht anerkennt, der muß dem Menschen erst das austreiben, was er
will, und ihm dann von außen das
vorschreiben lassen, was er seinem Wollen zum Inhalt zu geben hat.
- Der Mensch verleiht der Erfüllung einer Begierde einen Wert, weil sie aus
seinem Wesen entspringt.
- Das Erreichte hat seinen Wert, weil es gewollt ist.
- Spricht man dem Ziel des menschlichen Wollens als solchem seinen Wert ab,
dann muß man die wertvollen Ziele von etwas nehmen, das der Mensch nicht will.
- Die auf den Pessimismus sich aufbauende Ethik entspringt aus der Mißachtung
der moralischen Phantasie.
- Wer den individuellen Menschengeist nicht für fähig hält, sich selbst den
Inhalt seines Strebens zu geben, nur der kann die Summe des Wollens in der
Sehnsucht nach Lust suchen.
- Der phantasielose Mensch schafft keine sittlichen Ideen.
- Sie müssen ihm gegeben werden.
- Daß er nach Befriedigung seiner niederen Begierden strebt: dafür aber sorgt
die physische Natur.
- Zur Entfaltung des ganzen Menschen
gehören aber auch die aus dem Geiste stammenden Begierden.
- Nur wenn man der Meinung ist, daß diese der Mensch überhaupt nicht hat,
kann man behaupten, daß er sie von außen empfangen soll.
- Dann ist man auch berechtigt, zu sagen, daß er verpflichtet ist, etwas zu
tun, was er nicht will.
- Jede Ethik, die von dem Menschen fordert, daß er sein Wollen zurückdränge,
um Aufgaben zu erfüllen, die er nicht will, rechnet nicht mit dem ganzen Menschen, sondern mit einem
solchen, dem das geistige Begehrungsvermögen fehlt.
- Für den harmonisch entwickelten Menschen sind die sogenannten Ideen des
Guten nicht außerhalb, sondern innerhalb des Kreises seines Wesens.
- Nicht in der Austilgung eines einseitigen Eigenwillens liegt das sittliche
Handeln, sondern in der vollen Entwickelung
der Menschennatur.
- Wer die sittlichen Ideale nur für erreichbar hält, wenn der Mensch seinen
Eigenwillen ertötet, der weiß nicht, daß diese Ideale ebenso von dem Menschen
gewollt sind, wie die Befriedigung der sogenannten tierischen Triebe.
- Es ist nicht zu leugnen, daß die hiermit charakterisierten Anschauungen
leicht mißverstanden werden können.
- Unreife Menschen ohne moralische Phantasie sehen gerne die Instinkte ihrer
Halbnatur für den vollen Menschheitsgehalt an, und lehnen alle nicht von ihnen
erzeugten sittlichen Ideen ab, damit sie ungestört «sich ausleben» können.
- Daß für die halbentwickelte Menschennatur nicht gilt, was für den
Vollmenschen richtig ist, ist selbstverständlich.
- Wer durch Erziehung erst noch dahin gebracht werden soll, daß seine
sittliche Natur die Eischalen der niederen Leidenschaften durchbricht: von dem
darf nicht in Anspruch genommen werden, was für den reifen Menschen gilt.
- Hier sollte aber nicht verzeichnet werden, was dem unentwickelten Menschen
einzuprägen ist, sondern das, was in dem Wesen des ausgereiften Menschen liegt.
- Denn es sollte die Möglichkeit der Freiheit nachgewiesen werden; diese
erscheint aber nicht an Handlungen aus sinnlicher oder seelischer Nötigung,
sondern an solchen, die von geistigen Intuitionen getragen sind.
- Dieser ausgereifte Mensch gibt seinen Wert sich selbst.
- Nicht die Lust erstrebt er, die ihm als Gnadengeschenk von der Natur oder
von dem Schöpfer gereicht wird; und auch nicht die abstrakte Pflicht erfüllt
er, die er als solche erkennt, nachdem er das Streben nach Lust abgestreift
hat.
- Er handelt, wie er will, das ist nach Maßgabe seiner ethischen Intuitionen;
und er empfindet die Erreichung dessen, was er will, als seinen wahren
Lebensgenuß.
- Den Wert des Lebens bestimmt er an dem Verhältnis des Erreichten zu dem
Erstrebten.
- Die Ethik, welche an die Stelle des Wollens das bloße Sollen, an die Stelle
der Neigung die bloße Pflicht setzt, bestimmt folgerichtig den Wert des
Menschen an dem Verhältnis dessen, was die Pflicht fordert, zu dem, was er
erfüllt.
- Sie mißt den Menschen an einem außerhalb seines Wesens gelegenen Maßstab.
- — Die hier entwickelte Ansicht weist den Menschen auf sich selbst zurück.
- Sie erkennt nur das als den wahren Wert des Lebens an, was der einzelne
nach Maßgabe seines Wollens als solchen ansieht.
- Sie weiß ebensowenig von einem nicht vom Individuum anerkannten Wert des
Lebens wie von einem nicht aus diesem entsprungenen Zweck des Lebens.
- Sie sieht in dem allseitig durchschauten wesenhaften Individuum seinen
eigenen Herrn und seinen eigenen Schätzer.
-
- Zusatz zur Neuausgabe 1918
- Verkennen kann man das in diesem Abschnitt Dargestellte, wenn man sich
festbeißt in den scheinbaren Einwand: das Wollen des Menschen als solches ist
eben das Unvernünftige; man müsse ihm diese Unvernünftigkeit nachweisen, dann
wird er einsehen, daß in der endlichen Befreiung von dem Wollen das Ziel des
ethischen Strebens liegen müsse.
- Mir wurde von berufener Seite allerdings ein solcher Schein-Einwand
entgegengehalten, indem mir gesagt wurde, es sei eben die Sache des Philosophen,
nachzuholen, was die Gedankenlosigkeit der Tiere und der meisten Menschen
versäumt, eine wirkliche Lebensbilanz zu ziehen.
- Doch wer diesen Einwand macht, sieht eben die Hauptsache nicht: soll
Freiheit sich verwirklichen, so muß in der Menschennatur das Wollen von dem
intuitiven Denken getragen sein; zugleich aber ergibt sich, daß ein Wollen auch
von anderem als von der Intuition bestimmt werden kann, und nur in der aus der Menschenwesenheit
erfließenden freien Verwirklichung der Intuition ergibt sich das Sittliche und
sein Wert.
- Der ethische Individualismus ist geeignet, die Sittlichkeit in ihrer vollen
Würde darzustellen, denn er ist nicht der Ansicht, daß wahrhaft sittlich ist,
was in äußerer Art Zusammenstimmung eines Wollens mit einer Norm herbeiführt,
sondern was aus dem Menschen dann ersteht, wenn er das sittliche Wollen als ein
Glied seines vollen Wesens in sich entfaltet, so daß das Unsittliche zu tun ihm
als Verstümmelung, Verkrüppelung seines Wesens erscheint.
-
- Kapitel 14 - Individualität und Gattung
- Der Ansicht, daß der Mensch zu einer vollständigen in sich geschlossenen,
freien Individualität veranlagt ist, stehen scheinbar die Tatsachen entgegen,
daß er als Glied innerhalb eines natürlichen Ganzen auftritt (Rasse, Stamm,
Volk, Familie, männliches und weibliches Geschlecht), und daß er innerhalb
eines Ganzen wirkt (Staat, Kirche und so weiter).
- Er trägt die allgemeinen Charaktereigentümlichkeiten der Gemeinschaft, der
er angehört, und gibt seinem Handeln einen Inhalt, der durch den Platz, den er
innerhalb einer Mehrheit einnimmt, bestimmt ist.
- Ist dabei überhaupt noch Individualität möglich?
- Kann man den Menschen selbst als ein Ganzes für sich ansehen, wenn er aus
einem Ganzen herauswächst, und in ein Ganzes sich eingliedert?
- Das Glied eines Ganzen wird seinen Eigenschaften und Funktionen nach durch
das Ganze bestimmt.
- Ein Volksstamm ist ein Ganzes, und alle zu ihm gehörigen Menschen tragen
die Eigentümlichkeiten an sich, die im Wesen des Stammes bedingt sind.
- Wie der einzelne beschaffen ist und wie er sich betätigt, ist durch den
Stammescharakter bedingt.
- Dadurch erhält die Physiognomie und das Tun des einzelnen etwas
Gattungsmäßiges.
- Wenn wir nach dem Grunde fragen, warum dies und jenes an dem Menschen so
oder so ist, so werden wir aus dem Einzelwesen hinaus auf die Gattung
verwiesen.
- Diese erklärt es uns, warum etwas an ihm in der von uns beobachteten Form
auftritt.
- Von diesem Gattungsmäßigen macht sich aber der Mensch frei.
- Denn das menschlich Gattungsmäßige ist, vom Menschen richtig erlebt, nichts
seine Freiheit Einschränkendes, und soll es auch nicht durch künstliche
Veranstaltungen sein.
- Der Mensch entwickelt Eigenschaften und Funktionen an sich, deren
Bestimmungsgrund wir nur in ihm selbst suchen können.
- Das Gattungsmäßige dient ihm dabei nur als Mittel, um seine besondere
Wesenheit in ihm auszudrücken.
- Er gebraucht die ihm von der Natur mitgegebenen Eigentümlichkeiten als Grundlage
und gibt ihm die seinem eigenen Wesen gemäße Form.
- Wir suchen nun vergebens den Grund für eine Äußerung dieses Wesens in den
Gesetzen der Gattung.
- Wir haben es mit einem Individuum zu tun, das nur durch sich selbst erklärt
werden kann.
- Ist ein Mensch bis zu dieser Loslösung von dem Gattungsmäßigen
durchgedrungen, und wir wollen alles, was an ihm ist, auch dann noch aus dem
Charakter der Gattung erklären, so haben wir für das Individuelle kein Organ.
- Es ist unmöglich, einen Menschen ganz zu verstehen, wenn man seiner
Beurteilung einen Gattungsbegriff zugrunde legt.
- Am hartnäckigsten im Beurteilen nach der Gattung ist man da, wo es sich um
das Geschlecht des Menschen handelt.
- Der Mann sieht im Weibe, das Weib in dem Manne fast immer zuviel von dem
allgemeinen Charakter des anderen Geschlechtes und zu wenig von dem
Individuellen.
- Im praktischen Leben schadet das den Männern weniger als den Frauen.
- Die soziale Stellung der Frau ist zumeist deshalb eine so unwürdige, weil
sie in vielen Punkten, wo sie es sein sollte, nicht bedingt ist durch die
individuellen Eigentümlichkeiten der einzelnen Frau, sondern durch die
allgemeinen Vorstellungen, die man sich von der natürlichen Aufgabe und den
Bedürfnissen des Weibes macht.
- Die Betätigung des Mannes im Leben richtet sich nach dessen individuellen
Fähigkeiten und Neigungen, die des Weibes soll ausschließlich durch den Umstand
bedingt sein, daß es eben Weib ist.
- Das Weib soll der Sklave des
Gattungsmäßigen, des
Allgemein-Weiblichen sein.
- Solange von Männern darüber debattiert wird, ob die Frau «ihrer Naturanlage
nach» zu diesem oder jenem Beruf tauge, solange kann die sogenannte Frauenfrage
aus ihrem elementarsten Stadium nicht herauskommen.
- Was die Frau ihrer Natur nach wollen kann, das überlasse man der Frau zu
beurteilen.
- Wenn es wahr ist, daß die Frauen nur zu dem Berufe taugen, der ihnen jetzt
zukommt, dann werden sie aus sich selbst heraus kaum einen anderen erreichen,
Sie müssen es aber selbst entscheiden können, was ihrer Natur gemäß ist.
- Wer eine Erschütterung unserer sozialen Zustände davon befürchtet, daß die
Frauen nicht als Gattungsmenschen, sondern als Individuen genommen werden, dem
muß entgegnet werden, daß soziale Zustände, innerhalb welcher die Hälfte der
Menschheit ein menschenunwürdiges Dasein hat, eben der Verbesserung gar sehr
bedürftig sind. (1)
- Fußnoten: (1) Man hat mir
auf die obigen Ausführungen gleich beim Erscheinen (1894) dieses Buches
eingewendet, innerhalb des Gattungsmäßigen könne sich die Frau schon jetzt 50
individuell ausleben, wie sie nur will, weit freier als der Mann, der schon
durch die Schule und dann durch Krieg und Beruf entindividualisiert werde. Ich
weiß, daß man diesen Einwand vielleicht heute noch stärker erheben wird. Ich
muß die Sätze doch hier stehen lassen und möchte hoffen, daß es auch Leser
gibt, die verstehen, wie stark ein solcher Einwand gegen den Freiheitsbegriff,
der in dieser Schrift entwickelt wird, verstößt, und die meine obigen Sätze an
anderem beurteilen als an der Entindividualisierung des Mannes durch die Schule
und den Beruf.
- Wer die Menschen nach Gattungscharakteren beurteilt, der kommt eben gerade
bis zu der Grenze, über welcher sie anfangen, Wesen zu sein, deren Betätigung
auf freier Selbstbestimmung beruht.
- Was unterhalb dieser Grenze liegt, das kann natürlich Gegenstand
wissenschaftlicher Betrachtung sein.
- Die Rassen-, Stammes-, Volks- und Geschlechtseigentümlichkeiten sind der
Inhalt besonderer Wissenschaften.
- Nur Menschen, die allein als Exemplare der Gattung leben wollten, könnten sich
mit einem allgemeinen Bilde decken, das durch solche wissenschaftliche
Betrachtung zustande kommt.
- Aber alle diese Wissenschaften können nicht vordringen bis zu dem
besonderen Inhalt des einzelnen Individuums.
- Da, wo das Gebiet der Freiheit (des Denkens und Handelns) beginnt, hört das
Bestimmen des Individuums nach Gesetzen der Gattung auf.
- Den begrifflichen Inhalt, den der Mensch durch das Denken mit der
Wahrnehmung in Verbindung bringen muß, um der vollen Wirklichkeit sich zu
bemächtigen (vgl. S. 88 ff.), kann niemand ein für allemal festsetzen und der
Menschheit fertig hinterlassen.
- Das Individuum muß seine Begriffe durch eigene Intuition gewinnen.
- Wie der einzelne zu denken hat, läßt sich nicht aus irgendeinem
Gattungsbegriffe ableiten.
- Dafür ist einzig und allein das Individuum maßgebend.
- Ebensowenig ist aus allgemeinen Menschencharakteren zu bestimmen, welche
konkrete Ziele das Individuum seinem Wollen vorsetzen will.
- Wer das einzelne Individuum verstehen will, muß bis in dessen besondere
Wesenheit dringen, und nicht bei typischen Eigentümlichkeiten stehen bleiben.
- In diesem Sinne ist jeder einzelne Mensch ein Problem.
- Und alle Wissenschaft, die sich mit abstrakten Gedanken und
Gattungsbegriffen befaßt, ist nur eine Vorbereitung zu jener Erkenntnis, die
uns zuteil wird, wenn uns eine menschliche Individualität ihre Art, die Welt
anzuschauen, mitteilt, und zu der anderen, die wir aus dem Inhalt ihres Wollens
gewinnen.
- Wo wir die Empfindung haben: hier haben wir es mit demjenigen an einem
Menschen zu tun, das frei ist von typischer Denkungsart und gattungsmäßigem
Wollen, da müssen wir aufhören, irgendwelche Begriffe aus unserem Geiste zu
Hilfe zu nehmen, wenn wir sein Wesen verstehen wollen.
- Das Erkennen besteht in der Verbindung des Begriffes mit der Wahrnehmung
durch das Denken.
- Bei allen anderen Objekten muß der Beobachter die Begriffe durch seine
Intuition gewinnen; beim Verstehen einer freien Individualität handelt es sich
nur darum, deren Begriffe, nach denen sie sich ja selbst bestimmt, rein (ohne
Vermischung mit eigenem Begriffsinhalt) herüberzunehmen in unseren Geist.
- Menschen, die in jede Beurteilung eines anderen sofort ihre eigenen
Begriffe einmischen, können nie zu dem Verständnisse einer Individualität
gelangen.
- So wie die freie Individualität sich frei macht von den Eigentümlichkeiten
der Gattung, so muß das Erkennen sich frei machen von der Art, wie das
Gattungsmäßige verstanden wird.
- Nur in dem Grade, in dem der Mensch sich in der gekennzeichneten Weise frei
gemacht hat vom Gattungsmäßigen, kommt er als freier Geist innerhalb eines
menschlichen Gemeinwesens in Betracht.
- Kein Mensch ist vollständig Gattung, keiner ganz Individualität.
- Aber eine größere oder geringere Sphäre seines Wesens löst jeder Mensch
allmählich ab, ebenso von dem Gattungsmäßigen des animalischen Lebens, wie von
den ihn beherrschenden Geboten menschlicher Autoritäten.
- Für den Teil, für den sich der Mensch aber eine solche Freiheit nicht
erobern kann, bildet er ein Glied innerhalb des Natur- und Geistesorganismus.
- Er lebt in dieser Hinsicht, wie er es andern abguckt, oder wie sie es ihm
befehlen.
- Einen im wahren Sinne ethischen Wert hat nur der Teil seines Handelns, der aus
seinen Intuitionen entspringt.
- Und was er an moralischen Instinkten durch Vererbung sozialer Instinkte an
sich hat, wird ein Ethisches dadurch, daß er es in seine Intuitionen aufnimmt.
- Aus individuellen ethischen Intuitionen und deren Aufnahme in Menschengemeinschaften
entspringt alle sittliche Betätigung der Menschheit.
- Man kann auch sagen: das sittliche Leben der Menschheit ist die Gesamtsumme
der moralischen Phantasieerzeugnisse der freien menschlichen Individuen.
- Dies ist das Ergebnis des Monismus.
-
- Die letzten Fragen
-
- Die Konsequenzen des
Monismus
- Die einheitliche Welterklärung oder der hier gemeinte Monismus entnimmt der
menschlichen Erfahrung die Prinzipien, die er zur Erklärung der Welt braucht.
- Die Quellen des Handelns sucht er ebenfalls innerhalb der Beobachtungswelt,
nämlich in der unserer Selbsterkenntnis zugänglichen menschlichen Natur, und
zwar in der moralischen Phantasie.
- Er lehnt es ab, durch abstrakte Schlußfolgerungen die letzten Gründe für
die dem Wahrnehmen und Denken vorliegende Welt außerhalb derselben zu suchen.
- Für den Monismus ist die Einheit, welche die erlebbare denkende Beobachtung
zu der mannigfaltigen Vielheit der Wahrnehmungen hinzubringt, zugleich
diejenige, die das menschliche Erkenntnisbedürfnis verlangt und durch die es
den Eingang in die physischen und geistigen Weltbereiche sucht.
- Wer hinter dieser so zu suchenden Einheit noch eine andere sucht, der
beweist damit nur, daß er die Übereinstimmung des durch das Denken Gefundenen
mit dem vom Erkenntnistrieb Geforderten nicht erkennt.
- Das einzelne menschliche Individuum ist von der Welt nicht tatsächlich
abgesondert.
- Es ist ein Teil der Welt, und es besteht ein Zusammenhang mit dem Ganzen
des Kosmos der Wirklichkeit nach, der nur für unsere Wahrnehmung unterbrochen
ist.
- Wir sehen fürs erste diesen Teil als für sich existierendes Wesen, weil wir
die Riemen und Seile nicht sehen, durch welche die Bewegung unseres Lebensrades
von den Grundkräften des Kosmos bewirkt wird.
- Wer auf diesem Standpunkt stehen bleibt, der sieht den Teil eines Ganzen
für ein wirklich selbständig existierendes Wesen, für die Monade an, welches
die Kunde von der übrigen Welt auf irgendeine Weise von außen erhält.
- Der hier gemeinte Monismus zeigt, daß die Selbständigkeit nur so lange
geglaubt werden kann, als das Wahrgenommene nicht durch das Denken in das Netz
der Begriffswelt eingespannt wird.
- Geschieht dies, so entpuppt sich die Teilexistenz als ein bloßer Schein des Wahrnehmens.
- Seine in sich geschlossene Totalexistenz im Universum kann der Mensch nur
finden durch intuitives Denkerlebnis.
- Das Denken zerstört den Schein des Wahrnehmens und gliedert unsere
individuelle Existenz in das Leben des Kosmos ein.
- Die Einheit der Begriffswelt, welche die objektiven Wahrnehmungen enthält,
nimmt auch den Inhalt unserer subjektiven Persönlichkeit in sich auf.
- Das Denken gibt uns von der Wirklichkeit die wahre Gestalt, als einer in
sich geschlossenen Einheit, während die Mannigfaltigkeit der Wahrnehmungen nur
ein durch unsere Organisation bedingter Schein ist (vgl. S. 86 ff.).
- Die Erkenntnis des Wirklichen gegenüber dem Schein des Wahrnehmens bildete
zu allen Zeiten das Ziel des menschlichen Denkens.
- Die Wissenschaft bemühte sich, die Wahrnehmungen durch Aufdeckung der
gesetzmäßigen Zusammenhänge innerhalb derselben als Wirklichkeit zu erkennen.
- Wo man aber der Ansicht war, daß der von dem menschlichen Denken ermittelte
Zusammenhang nur eine subjektive Bedeutung habe, suchte man den wahren Grund
der Einheit in einem jenseits unserer Erfahrungswelt gelegenen Objekte
(erschlossener Gott, Wille, absoluter Geist usw.).
- — Und, auf diese Meinung gestützt, bestrebte man sich zu dem Wissen über
die innerhalb der Erfahrung erkennbaren Zusammenhänge noch ein zweites zu
gewinnen, das über die Erfahrung hinausgeht, und den Zusammenhang derselben mit
den nicht mehr erfahrbaren Wesenheiten aufdeckt (nicht durch Erleben, sondern
durch Schlußfolgerung gewonnene Metaphysik).
- Den Grund, warum wir durch geregeltes Denken den Weltzusammenhang
begreifen, sah man von diesem Standpunkte aus darin, daß ein Urwesen nach
logischen Gesetzen die Welt aufgebaut hat, und den Grund für unser Handeln sah
man in dem Wollen des Urwesens.
- Doch erkannte man nicht, daß das Denken Subjektives und Objektives zugleich
umspannt, und daß in dem Zusammenschluß der Wahrnehmung mit dem Begriff die
totale Wirklichkeit vermittelt wird.
- Nur solange wir die die Wahrnehmung durchdringende und bestimmende
Gesetzmäßigkeit in der abstrakten Form des Begriffes betrachten, solange haben
wir es In der Tat mit etwas rein Subjektivem zu tun.
- Subjektiv ist aber nicht der Inhalt des Begriffes, der mit Hilfe des
Denkens zu der Wahrnehmung hinzugewonnen wird.
- Dieser Inhalt ist nicht aus dem Subjekte, sondern aus der Wirklichkeit
genommen.
- Er ist der Teil der Wirklichkeit, den das Wahrnehmen nicht erreichen kann.
- Er ist Erfahrung, aber nicht durch das Wahrnehmen vermittelte Erfahrung.
- Wer sich nicht vorstellen kann, daß der Begriff ein Wirkliches ist, der
denkt nur an die abstrakte Form, wie er denselben in seinem Geiste festhält.
- Aber in solcher Absonderung ist er ebenso nur durch unsere Organisation
vorhanden, wie die Wahrnehmung es ist.
- Auch der Baum, den man wahrnimmt, hat abgesondert für sich keine Existenz.
- Er ist nur innerhalb des großen Räderwerkes der Natur ein Glied, und nur in
realem Zusammenhang mit ihr möglich.
- Ein abstrakter Begriff hat für sich keine Wirklichkeit, ebensowenig wie
eine Wahrnehmung für sich.
- Die Wahrnehmung ist der Teil der Wirklichkeit, der objektiv, der Begriff
derjenige, der subjektiv (durch Intuition, vgl. Seite 95 ff.) gegeben wird.
- Unsere geistige Organisation reißt die Wirklichkeit in diese beiden
Faktoren auseinander.
- Der eine Faktor erscheint dem Wahrnehmen, der andere der Intuition.
- Erst der Zusammenhang der beiden, die gesetzmäßig sich in das Universum
eingliedernde Wahrnehmung, ist volle Wirklichkeit.
- Betrachten wir die bloße Wahrnehmung für sich, so haben wir keine
Wirklichkeit, sondern ein zusammenhangloses Chaos; betrachten wir die
Gesetzmäßigkeit der Wahrnehmungen für sich, dann haben wir es bloß mit
abstrakten Begriffen zu tun.
- Nicht der abstrakte Begriff enthält die Wirklichkeit; wohl aber die
denkende Beobachtung, die weder einseitig den Begriff, noch die Wahrnehmung für
sich betrachtet, sondern den Zusammenhang beider.
- Daß wir in der Wirklichkeit leben (mit unserer realen Existenz in derselben
wurzeln), wird selbst der orthodoxeste subjektive Idealist nicht leugnen.
- Er wird nur bestreiten, daß wir ideell mit unserem Erkennen auch das erreichen,
was wir real durchleben.
- Demgegenüber zeigt der Monismus, daß das Denken weder subjektiv, noch
objektiv, sondern ein beide Seiten der Wirklichkeit umspannendes Prinzip ist.
- Wenn wir denkend beobachten, vollziehen wir einen Prozeß, der selbst in die
Reihe des wirklichen Geschehens gehört.
- Wir überwinden durch das Denken innerhalb der Erfahrung selbst die
Einseitigkeit des bloßen Wahrnehmens.
- Wir können durch abstrakte, begriffliche Hypothesen (durch rein
begriffliches Nachdenken) das Wesen des Wirklichen nicht erklügeln, aber wir leben, indem wir zu den Wahrnehmungen
die Ideen finden, in dem Wirklichen.
- Der Monismus sucht zu der Erfahrung kein Unerfahrbares (Jenseitiges),
sondern sieht in Begriff und Wahrnehmung das Wirkliche.
- Er spinnt aus bloßen abstrakten Begriffen keine Metaphysik, weil er in dem
Begriffe an sich nur die eine Seite
der Wirklichkeit sieht, die dem Wahrnehmen verborgen bleibt und nur im
Zusammenhang mit der Wahrnehmung einen Sinn hat.
- Er ruft aber in dem Menschen die Überzeugung hervor, daß er in der Welt der
Wirklichkeit lebt und nicht außerhalb seiner Welt eine unerlebbare höhere
Wirklichkeit zu suchen hat.
- Er hält davon ab, das Absolut-Wirkliche anderswo als in der Erfahrung zu
suchen, weil er den Inhalt der Erfahrung selbst als das Wirkliche erkennt.
- Und er ist befriedigt durch diese Wirklichkeit, weil er weiß, daß das
Denken die Kraft hat, sie zu verbürgen.
- Was der Dualismus erst hinter der Beobachtungswelt sucht, das findet der
Monismus in dieser selbst.
- Der Monismus zeigt, daß wir mit unserem Erkennen die Wirklichkeit in ihrer
wahren Gestalt ergreifen, nicht in einem subjektiven Bilde, das sich zwischen
den Menschen und die Wirklichkeit einschöbe.
- Für den Monismus ist der Begriffsinhalt der Welt für alle menschlichen
Individuen derselbe (vgl. S. 89 ff.).
- Nach monistischen Prinzipien betrachtet ein menschliches Individuum ein
anderes als seinesgleichen, weil es derselbe Weltinhalt ist, der sich in ihm
auslebt.
- Es gibt in der einigen Begriffswelt nicht etwa so viele Begriffe des Löwen,
wie es Individuen gibt, die einen Löwen denken, sondern nur einen.
- Und der Begriff, den A zu der Wahrnehmung des Löwen hinzufügt, ist derselbe,
wie der des B, nur durch ein anderes Wahrnehmungssubjekt aufgefaßt (vgl. S. 90 f.).
- Das Denken führt alle Wahrnehmungssubjekte auf die gemeinsame ideelle
Einheit aller Mannigfaltigkeit.
- Die einige Ideenwelt lebt sich in ihnen als in einer Vielheit von
Individuen aus.
- Solange sich der Mensch bloß durch Selbstwahrnehmung erfaßt, sieht er sich
als diesen besonderen Menschen an; sobald er auf die in ihm aufleuchtende,
alles Besondere umspannende Ideenwelt blickt, sieht er in sich das absolut
Wirkliche lebendig aufleuchten.
- Der Dualismus bestimmt das göttliche Urwesen als dasjenige, was alle
Menschen durchdringt und in ihnen allen lebt.
- Der Monismus findet dieses gemeinsame göttliche Leben in der Wirklichkeit
selbst.
- Der ideelle Inhalt eines andern Menschen ist auch der meinige, und ich sehe
ihn nur so lange als einen andern an, als ich wahrnehme, nicht mehr aber,
sobald ich denke.
- Jeder Mensch umspannt mit seinem Denken nur einen Teil der gesamten
Ideenwelt, und insofern unterscheiden sich die Individuen auch durch den
tatsächlichen Inhalt ihres Denkens.
- Aber diese Inhalte sind in einem in sich geschlossenen Ganzen, das die
Denkinhalte aller Menschen umfaßt.
- Das gemeinsame Urwesen, das alle Menschen durchdringt, ergreift somit der
Mensch in seinem Denken.
- Das mit dem Gedankeninhalt erfüllte Leben in der Wirklichkeit ist zugleich
das Leben in Gott.
- Das bloß erschlossene, nicht zu erlebende Jenseits beruht auf einem
Mißverständnis derer, die glauben, daß das Diesseits den Grund seines Bestandes
nicht in sich hat.
- Sie sehen nicht ein, daß sie durch das Denken das finden, was sie zur
Erklärung der Wahrnehmung verlangen.
- Deshalb hat aber auch noch keine Spekulation einen Inhalt zutage gefördert,
der nicht aus der uns gegebenen Wirklichkeit entlehnt wäre.
- Der durch abstrakte Schlußfolgerung angenommene Gott ist nur der in ein
Jenseits versetzte Mensch; der Wille Schopenhauers die verabsolutierte
menschliche Willenskraft; das aus Idee und Wille zusammengesetzte unbewußte
Urwesen Hartmanns eine Zusammensetzung zweier Abstraktionen aus der Erfahrung.
- Genau dasselbe ist von allen anderen auf nicht erlebtem Denken ruhenden
jenseitigen Prinzipien zu sagen.
- Der menschliche Geist kommt in Wahrheit nie über die Wirklichkeit hinaus,
in der wir leben, und er hat es auch nicht nötig, da alles in dieser Welt
liegt, was er zu ihrer Erklärung braucht.
- Wenn sich die Philosophen zuletzt befriedigt erklären mit der Herleitung
der Welt aus Prinzipien, die sie der Erfahrung entlehnen und in ein
hypothetisches Jenseits versetzen, so muß eine solche Befriedigung auch möglich
sein, wenn der gleiche Inhalt im Diesseits belassen wird, wohin er für das
erlebbare Denken gehört.
- Alles Hinausgehen über die Welt ist nur ein scheinbares, und die aus der
Weit hinausversetzten Prinzipien erklären die Welt nicht besser, als die in
derselben liegenden.
- Das sich selbst verstehende Denken fordert aber auch gar nicht zu einem
solchen Hinausgehen auf, da ein Gedankeninhalt nur innerhalb der Welt, nicht
außerhalb derselben einen Wahrnehmungsinhalt suchen muß, mit dem zusammen er
ein Wirkliches bildet.
- Auch die Objekte der Phantasie sind nur Inhalte, die ihre Berechtigung erst
haben, wenn sie zu Vorstellungen werden, die auf einen Wahrnehmungsinhalt
hinweisen.
- Durch diesen Wahrnehmungsinhalt gliedern sie sich der Wirklichkeit ein.
- Ein Begriff, der mit einem Inhalt erfüllt werden sollte, der außerhalb der
uns gegebenen Welt liegen soll, ist eine Abstraktion, der keine Wirklichkeit
entspricht.
- Ersinnen können wir nur die Begriffe der
Wirklichkeit; um diese selbst zu finden, bedarf es auch noch des Wahrnehmens.
- Ein Urwesen der Welt, für das ein Inhalt erdacht wird, ist für ein sich selbst verstehendes Denken eine
unmögliche Annahme.
- Der Monismus leugnet nicht das Ideelle, er sieht sogar einen
Wahrnehmungsinhalt, zu dem das ideelle Gegenstück fehlt, nicht für volle
Wirklichkeit an; aber er findet im ganzen Gebiet des Denkens nichts, das
nötigen könnte, aus dem Erlebnisbereich des Denkens durch Verleugnung der
objektiv geistigen Wirklichkeit des Denkens herauszutreten.
- Der Monismus sieht in einer Wissenschaft, die sich darauf beschränkt, die
Wahrnehmungen zu beschreiben, ohne zu den ideellen Ergänzungen derselben
vorzudringen, eine Halbheit.
- Aber er betrachtet ebenso als Halbheiten alle abstrakten Begriffe, die ihre
Ergänzung nicht in der Wahrnehmung finden und sich nirgends in das die
beobachtbare Welt umspannende Begriffsnetz einfügen.
- Er kennt daher keine Ideen, die auf ein jenseits unserer Erfahrung
liegendes Objektives hindeuten, und die den Inhalt einer bloß hypothetischen
Metaphysik bilden sollen.
- Alles, was die Menschheit an solchen Ideen erzeugt hat, sind ihm
Abstraktionen aus der Erfahrung, deren Entlehnung aus derselben von ihren
Urhebern nur übersehen wird.
- Ebensowenig können nach monistischen Grundsätzen die Ziele unseres Handelns
aus einem außermenschlichen Jenseits entnommen werden.
- Sie müssen, insofern sie gedacht sind, aus der menschlichen Intuition
stammen.
- Der Mensch macht nicht die Zwecke eines objektiven (jenseitigen) Urwesens
zu seinen individuellen Zwecken, sondern er verfolgt seine eigenen, ihm von
seiner moralischen Phantasie gegebenen.
- Die in einer Handlung sich verwirklichende Idee löst der Mensch aus der
einigen Ideenwelt los und legt sie seinem Wollen zugrunde.
- In seinem Handeln leben sich also nicht die aus dem Jenseits dem Diesseits
eingeimpften Gebote aus, sondern die der diesseitigen Welt angehörigen
menschlichen Intuitionen.
- Der Monismus kennt keinen solchen Weltenlenker, der außerhalb unserer
selbst unseren Handlungen Ziel und Richtung setzte.
- Der Mensch findet keinen solchen jenseitigen Urgrund des Daseins, dessen
Ratschlüsse er erforschen könnte, um von ihm die Ziele zu erfahren, nach denen
er mit seinen Handlungen hinzusteuern hat.
- Er ist auf sich selbst zurückgewiesen.
- Er selbst muß seinem Handeln einen Inhalt geben.
- Wenn er außerhalb der Welt, in der er lebt, nach Bestimmungsgründen seines
Wollens sucht, so forscht er vergebens.
- Er muß sie, wenn er über die Befriedigung seiner natürlichen Triebe, für
die Mutter Natur vorgesorgt hat, hinausgeht, in seiner eigenen moralischen
Phantasie suchen, wenn es nicht seine Bequemlichkeit vorzieht, von der
moralischen Phantasie anderer sich bestimmen zu lassen, das heißt: er muß alles
Handeln unterlassen oder nach Bestimmungsgründen handeln, die er sich selbst
aus der Welt seiner Ideen heraus gibt, oder die ihm andere aus derselben heraus
geben.
- Er wird, wenn er über sein sinnliches Triebleben und über die Ausführung
der Befehle anderer Menschen hinauskommt, durch nichts, als durch sich selbst
bestimmt.
- Er muß aus einem von ihm selbst gesetzten, durch nichts anderes bestimmten
Antrieb handeln.
- Ideell ist dieser Antrieb allerdings in der einigen Ideenwelt bestimmt;
aber faktisch kann er nur durch den Menschen aus dieser abgeleitet und in
Wirklichkeit umgesetzt werden.
- Für die aktuelle Umsetzung einer Idee in Wirklichkeit durch den Menschen
kann der Monismus nur in dem Menschen selbst den Grund finden.
- Daß eine Idee zur Handlung werde, muß der Mensch erst wollen, bevor es geschehen kann.
- Ein solches Wollen hat seinen Grund also nur in dem Menschen selbst.
- Der Mensch ist dann das letzte Bestimmende seiner Handlung.
- Er ist frei.
-
- 1. Zusatz zur Neuausgabe
1918
- Im zweiten Teile dieses Buches wurde versucht, eine Begründung dafür zu
geben, daß die Freiheit in der Wirklichkeit des menschlichen Handelns zu finden
ist.
- Dazu war notwendig, aus dem Gesamtgebiete des menschlichen Handelns
diejenigen Teile auszusondern, denen gegenüber bei unbefangener
Selbstbeobachtung von Freiheit gesprochen werden kann.
- Es sind diejenigen Handlungen, die sich als Verwirklichungen ideeller
Intuitionen darstellen.
- Andere Handlungen wird kein unbefangenes Betrachten als freie ansprechen.
- Aber der Mensch wird eben bei unbefangener Selbstbeobachtung sich für
veranlagt halten müssen zum Fortschreiten auf der Bahn nach ethischen
Intuitionen und deren Verwirklichung.
- Diese unbefangene Beobachtung des ethischen Wesens des Menschen kann aber für
sich keine letzte Entscheidung über die Freiheit bringen.
- Denn wäre das intuitive Denken selbst aus irgendeiner andern Wesenheit
entspringend, wäre seine Wesenheit nicht eine auf sich selbst ruhende, so
erwiese sich das aus dem Ethischen fließende Freiheitsbewußtsein als ein
Scheingebilde.
- Aber der zweite Teil dieses Buches findet seine naturgemäße Stütze in dem
ersten.
- Dieser stellt das intuitive Denken als erlebte innere Geistbetätigung des
Menschen hin.
- Diese Wesenheit des Denkens erlebend verstehen,
kommt aber der Erkenntnis von der Freiheit
des intuitiven Denkens gleich.
- Und weiß man, daß dieses Denken frei ist, dann sieht man auch den Umkreis
des Wollens, dem die Freiheit zuzusprechen ist.
- Den handelnden Menschen wird für frei
halten derjenige, welcher dem intuitiven Denkerleben eine in sich ruhende
Wesenheit auf Grund der inneren Erfahrung zuschreiben darf.
- Wer solches nicht vermag, der wird wohl keinen irgendwie unanfechtbaren Weg
zur Annahme der Freiheit finden können.
- Die hier geltend gemachte Erfahrung findet im Bewußtsein das intuitive Denken, das nicht bloß im Bewußtsein
Wirklichkeit hat.
- Und sie findet damit die Freiheit
als Kennzeichen der aus den Intuitionen des Bewußtseins fließenden Handlungen.
-
- 2. Zusatz zur Neuausgabe 1918
- Die Darstellung dieses Buches ist aufgebaut auf dem rein geistig erlebbaren
intuitiven Denken, durch das eine jegliche Wahrnehmung in die Wirklichkeit
erkennend hineingestellt wird.
- Es sollte in dem Buche mehr nicht dargestellt werden, als sich von dem Erlebnis
des intuitiven Denkens aus überschauen läßt.
- Aber es sollte auch geltend gemacht werden, welche Gedankengestaltung
dieses erlebte Denken erfordert.
- Und es fordert, daß es im Erkenntnisvorgang als in sich ruhendes Erlebnis
nicht verleugnet werde.
- Daß ihm die Fähigkeit nicht abgesprochen werde, zusammen mit der
Wahrnehmung die Wirklichkeit zu erleben, statt diese erst zu suchen in einer
außerhalb dieses Erlebens liegenden, zu erschließenden Welt, der gegenüber die
menschliche Denkbetätigung nur ein Subjektives sei.
- — Damit ist in dem Denken das Element gekennzeichnet, durch das der Mensch
in die Wirklichkeit sich geistig hineinlebt.
- (Und niemand sollte eigentlich diese auf das erlebte Denken gebaute
Weltanschauung mit einem bloßen Rationalismus verwechseln.) Aber andrerseits
geht doch wohl aus dem ganzen Geiste dieser Darlegungen hervor, daß das
Wahrnehmungselement für die menschliche Erkenntnis eine Wirklichkeitsbestimmung
erst erhält, wenn es im Denken ergriffen wird.
- Außer dem Denken kann die
Kennzeichnung als Wirklichkeit nicht liegen.
- Also darf nicht etwa vorgestellt werden, daß die sinnliche Art des
Wahrnehmens die einzige Wirklichkeit verbürge.
- Was als Wahrnehmung auftritt, das muß der Mensch auf seinem Lebenswege schlechterdings
erwarten.
- Es könnte sich nur fragen: darf aus dem Gesichtspunkte, der sich bloß aus
dem intuitiv erlebten Denken ergibt, berechtigt erwartet werden, daß der Mensch außer dem Sinnlichen auch Geistiges wahrnehmen könne?
- Dies darf erwartet werden.
- Denn, wenn auch einerseits das intuitiv erlebte Denken ein im Menschengeiste sich vollziehender
tätiger Vorgang ist, so ist es andererseits zugleich eine geistige, ohne sinnliches Organ erfaßte Wahrnehmung.
- Es ist eine Wahrnehmung, in der der Wahrnehmende selbst tätig ist, und es
ist eine Selbstbetätigung, die zugleich wahrgenommen wird.
- Im intuitiv erlebten Denken ist derMensch in eine geistige Welt auch als
Wahrnehmender versetzt.
- Was ihm innerhalb dieser Welt als Wahrnehmung so entgegentritt wie die
geistige Welt seines eigenen Denkens, das erkennt der Mensch als geistige
Wahrnehmungswelt.
- Zu dem Denken hätte diese Wahrnehmungswelt dasselbe Verhältnis wie nach der Sinnenseite hin die
sinnliche Wahrnehmungswelt.
- Die geistige Wahrnehmungswelt kann dem Menschen, sobald er sie erlebt,
nichts Fremdes sein, weil er im intuitiven Denken schon ein Erlebnis hat, das
rein geistigen Charakter trägt.
- Von einer solchen geistigen Wahrnehmungswelt sprechen eine Anzahl der von
mir nach diesem Buche veröffentlichten Schriften.
- Diese «Philosophie der Freiheit» ist die philosophische Grundlegung für
diese späteren Schriften.
- Denn in diesem Buche wird versucht, zu zeigen, daß richtig verstandenes
Denk-Erleben schon Geist-Erleben ist.
- Deshalb scheint es dem Verfasser, daß derjenige nicht vor dem Betreten der
geistigen Wahrnehmungswelt haltmachen wird, der in vollem Ernste den
Gesichtspunkt des Verfassers dieser «Philosophie der Freiheit» einnehmen kann.
- Logisch ableiten — durch Schlußfolgerungen — läßt sich aus dem Inhalte
dieses Buches allerdings nicht, was in des Verfassers späteren Büchern
dargestellt ist.
- Vom lebendigen Ergreifen des in diesem Buche gemeinten intuitiven Denkens
wird sich aber naturgemäß der weitere lebendige Eintritt in die geistige
Wahrnehmungswelt ergeben.
-
- Erster Anhang — Zusatz zur Neuausgabe 1918
- Einwendungen, die mir gleich nach dem Erscheinen dieses Buches von
philosophischer Seite her gemacht worden sind, veranlassen mich, die folgende
kurze Ausführung dieser Neuausgabe hinzuzufügen.
- Ich kann mir gut denken, daß es Leser gibt, die für den übrigen Inhalt
dieses Buches Interesse haben, die aber das Folgende als ein ihnen
überflüssiges und fernliegendes abstraktes Begriffsgespinst ansehen.
- Sie können diese kurze Darstellung ungelesen lassen.
- Allein innerhalb der philosophischen Weltbetrachtung tauchen Probleme auf,
die mehr in gewissen Vorurteilen der Denker als im naturgemäßen Gang jedes
menschlichen Denkens selbst ihren Ursprung haben.
- Was sonst in diesem Buche behandelt ist, das scheint mir eine Aufgabe zu
sein, die jeden Menschen angeht, der nach
Klarheit ringt in bezug auf das Wesen des Menschen und dessen Verhältnis zur
Welt.
- Das Folgende aber ist mehr ein Problem, von dem gewisse Philosophen
fordern, daß es behandelt werde, wenn von den in diesem Buche dargestellten
Dingen die Rede ist, weil diese Philosophen sich durch ihre Vorstellungsart
gewisse nicht allgemein vorhandene Schwierigkeiten geschaffen haben.
- Geht man ganz an solchen Problemen vorbei, so sind dann gewisse
Persönlichkeiten schnell mit dem Vorwurf des Dilettantismus und dergleichen bei
der Hand.
- Und es entsteht die Meinung, als ob der Verfasser einer Darstellung wie der
in diesem Buche gegebenen mit Ansichten sich nicht auseinandergesetzt hätte,
die er in dem Buche selbst nicht besprochen hat.
- Das Problem, das ich hier meine, ist dieses: Es gibt Denker, welche der
Meinung sind, daß sich eine besondere Schwierigkeit ergäbe, wenn man begreifen
will, wie ein anderes menschliches Seelenleben auf das eigene (des Betrachters)
wirken könne.
- Sie sagen: meine bewußte Welt ist in mir abgeschlossen; eine andere bewußte
Welt ebenso in sich.
- Ich kann in die Bewußtseinswelt eines andern nicht hineinsehen.
- Wie komme ich dazu, mich mit ihm in einer gemeinsamen Welt zu wissen?
- Diejenige Weltansicht, welche es für möglich hält, von der bewußten Welt
aus auf eine unbewußte zu schließen, die nie bewußt werden kann, versucht diese
Schwierigkeit in der folgenden Art zu lösen.
- Sie sagt: die Welt, die ich in meinem Bewußtsein habe, ist die in mir
repräsentierte Welt einer von mir bewußt nicht zu erreichenden
Wirklichkeitswelt.
- In dieser liegen die mir unbekannten Veranlasser meiner Bewußtseinswelt.
- In dieser liegt auch meine wirkliche Wesenheit, von der ich ebenfalls nur
einen Repräsentanten in meinem Bewußtsein habe.
- In dieser liegt aber auch die Wesenheit des andern Menschen, der mir
gegenüber tritt.
- Was nun im Bewußtsein dieses andern Menschen erlebt wird, das hat seine von
diesem Bewußtsein unabhängige entsprechende Wirklichkeit in seiner Wesenheit.
- Diese wirkt in dem Gebiet, das nicht bewußt werden kann, auf meine
prinzipielle unbewußte Wesenheit, und dadurch wird in meinem Bewußtsein eine
Repräsentanz geschaffen für das, was in einem von meinem bewußten Erleben ganz
unabhängigen Bewußtsein gegenwärtig ist.
- Man sieht: es wird hier zu der von meinem Bewußtsein erreichbaren Welt eine
für dieses im Erleben unerreichbare hypothetisch hinzugedacht, weil man sonst
sich zu der Behauptung gedrängt glaubt, alle Außenwelt, die ich meine vor mir
zu haben, sei nur meine Bewußtseinswelt, und das ergäbe die — solipsistsche —
Absurdität, auch die andern Personen lebten nur innerhalb meines Bewußtseins.
- Klarheit über diese durch manche erkenntnistheoretische Strömungen der
neueren Zeit geschaffene Frage kann man gewinnen, wenn man vom Gesichtspunkte
der geistgemäßen Beobachtung, der in der Darstellung dieses Buches eingenommen
ist, die Sache zu überschauen trachtet.
- Was habe ich denn zunächst vor mir, wenn ich einer andern Persönlichkeit
gegenüberstehe?
- Ich sehe auf das nächste.
- Es ist die mir als Wahrnehmung gegebene sinnliche Leibeserscheinung der
andern Person; dann noch etwa die Gehörwahrnehmung dessen, was sie sagt, und so
weiter.
- Alles dies starre ich nicht bloß an, sondern es setzt meine denkende
Tätigkeit in Bewegung.
- Indem ich denkend vor der andern Persönlichkeit stehe, kennzeichnet sich
mir die Wahrnehmung gewissermaßen als seelisch durchsichtig.
- Ich bin genötigt, im denkenden Ergreifen der Wahrnehmung mir zu sagen, daß
sie dasjenige gar nicht ist, als was sie den äußeren Sinnen erscheint.
- Die Sinneserscheinung offenbart in dem, was sie unmittelbar ist, ein
anderes, was sie mittelbar ist.
- Ihr Sich-vor-mich Hinstellen ist zugleich ihr Auslöschen als bloße
Sinneserscheinung.
- Aber was sie in diesem Auslöschen zur Erscheinung bringt, das zwingt mich
als denkendes Wesen, mein Denken für die Zeit ihres Wirkens auszulöschen und an
dessen Stelle ihr Denken zu setzen.
- Dieses ihr Denken aber ergreife ich in meinem Denken als Erlebnis wie mein eigenes.
- Ich habe das Denken des andern wirklich wahrgenommen.
- Denn die als Sinneserscheinung sich auslöschende unmittelbare Wahrnehmung
wird von meinem Denken ergriffen, und es ist ein vollkommen in meinem Bewußtsein
liegender Vorgang, der darin besteht, daß sich an die Stelle meines Denkens das
andere Denken setzt.
- Durch das Sich-Auslöschen der Sinneserscheinung wird die Trennung zwischen
den beiden Bewußtseinssphären tatsächlich aufgehoben.
- Das repräsentiert sich in meinem Bewußtsein dadurch, daß ich im Erleben des
andern Bewußtseinsinhaltes mein eigenes Bewußtsein ebensowenig erlebe, wie ich
es im traumlosen Schlafe erlebe.
- Wie in diesem mein Tagesbewußtsein ausgeschaltet ist, so im Wahrnehmen des
fremden Bewußtseinsinhaltes der eigene.
- Die Täuschung, als ob dies nicht so sei, rührt nur davon her, daß im
Wahrnehmen der andern Person erstens an die Stelle der Auslöschung des eigenen
Bewußtseinsinhaltes nicht Bewußtlosigkeit tritt wie im Schlafe, sondern der
andere Bewußtseinsinhalt, und zweitens, daß die Wechselzustände zwischen
Auslöschen und Wieder-Aufleuchten des Bewußtseins von mir selbst zu schnell
aufeinander folgen, um für gewöhnlich bemerkt zu werden.
- — Das ganze hier vorliegende Problem löst man nicht durch künstliche
Begriffskonstruktionen, die von Bewußtem auf solches schließen, das nie bewußt
werden kann, sondern durch wahres Erleben dessen, was sich in der Verbindung
von Denken und Wahrnehmung ergibt.
- Es ist dies bei sehr vielen Fragen der Fall, die in der philosophischen
Literatur auftreten.
- Die Denker sollten den Weg suchen zu unbefangener geistgemäßer Beobachtung;
statt dessen schieben sie vor die Wirklichkeit eine künstliche
Begriffskonstruktion hin.
- In einer Abhandlung Eduard von Hartmanns «Die letzten Fragen der
Erkenntnistheorie und Metaphysik» (in der Zeitschrift für Philosophie und
philosophische Kritik, 108. Bd. S. 55 ff.) wird meine «Philosophie der
Freiheit» in die philosophische Gedankenrichtung eingereiht, die sich auf einen
«erkenntnistheoretischen Monismus» stützen will.
- Ein solcher Standpunkt wird von Eduard von Hartmann als ein unmöglicher
abgelehnt.
- Dem liegt folgendes zugrunde.
- Gemäß der Vorstellungsart, welche sich in dem genannten Aufsatze zum
Ausdruck bringt, gibt es nur drei mögliche erkenntnistheoretische Standpunkte.
- Entweder man bleibt auf dem naiven Standpunkt stehen, welcher die
wahrgenommenen Erscheinungen als wirkliche Dinge außer dem menschlichen
Bewußtsein nimmt.
- Dann fehlte es einem an kritischer Erkenntnis.
- Man sehe nicht ein, daß man mit seinem Bewußtseinsinhalt doch nur in dem
eigenen Bewußtsein sei.
- Man durchschaue nicht, daß man es nicht mit einem «Tische an sich» zu tun
habe, sondern nur mit dem eigenen Bewußtseinsobjekte.
- Wer auf diesem Standpunkte bleibe oder durch irgendwelche Erwägungen zu ihm
wieder zurückkehre, der sei naiver Realist.
- Allein dieser Standpunkt sei eben unmöglich, denn er verkenne, daß das
Bewußtsein nur seine eigenen Bewußtseinsobjekte habe.
- Oder man durchschaue diesen Sachverhalt und gestehe sich ihn voll ein.
- Dann werde man zunächst transzendentaler Idealist.
- Man müsse dann aber ablehnen, daß von einem «Dinge an sich» jemals etwas im
menschlichen Bewußtsein auftreten könne.
- Dadurch entgehe man aber nicht dem absoluten Illusionismus, wenn man nur
konsequent genug dazu sei.
- Denn es verwandelt sich einem die Welt, der man gegenübersteht, in eine
bloße Summe von Bewußtseinsobjekten, und zwar nur von Objekten des eigenen
Bewußtseins.
- Auch die anderer Menschen sei man dann — absurderweise — gezwungen, nur als
im eigenen Bewußtseinsinhalt allein anwesend zu denken.
- Ein möglicher Standpunkt sei nur der dritte, der transzendentale Realismus.
- Dieser nimmt an, es gibt «Dinge an sich», aber das Bewußtsein kann in
keiner Weise im unmittelbaren Erleben mit ihnen zu tun haben.
- Sie bewirken jenseits des menschlichen Bewußtseins auf eine Art, die nicht
ins Bewußtsein fällt, daß in diesem die Bewußtseinsobjekte auftreten.
- Man kann auf diese «Dinge an sich» nur durch Schlußfolgerung aus dem allein
erlebten, aber eben bloß vorgestellten Bewußtseinsinhalt kommen.
- Eduard von Hartmann behauptet nun in dem genannten Aufsatze, ein
«erkenntnistheoretischer Monismus», als den er meinen Standpunkt auffaßt, müsse
sich in Wirklichkeit zu einem der drei Standpunkte bekennen; er tue es nur
nicht, weil er die tatsächlichen Konsequenzen seiner Voraussetzungen nicht
ziehe.
- Und dann wird in dem Aufsatz gesagt: «Wenn man herausbekommen will, welchem
erkenntnistheoretischen Standpunkt ein angeblicher erkenntnistheoretischer
Monist angehört, so braucht man ihm nur einige Fragen vorzulegen und ihn zur
Beantwortung derselben zu zwingen.
- Denn von selbst läßt sich kein solcher zur Äußerung über diese Punkte
herbei, und auch der Beantwortung direkter Fragen wird er auf alle Weise
auszuweichen suchen, weil jede Antwort den Anspruch auf erkenntnistheoretische
Monismus als einen von den drei anderen verschiedenen Standpunkt aufhebt.
- Diese Fragen sind folgende: 1. Sind die Dinge in ihrem Bestande kontinuierlich oder intermittierend?
- Wenn die Antwort lautet: sie sind kontinuierlich, so hat man es mit
irgendeiner Form des naiven Realismus zu tun.
- Wenn sie lautet: sie sind intermittierend, so liegt transzendentaler
Idealismus vor.
- Wenn sie aber lautet: sie sind einerseits (als Inhalte des absoluten
Bewußtseins, oder als unbewußte Vorstellungen oder als
Wahrnehmungsmöglichkeiten) kontinuierlich, andererseits (als Inhalte des
beschränkten Bewußtseins) intermittierend, so ist transzendentaler Realismus
konstatiert.
- — 2. Wenn drei Personen an einem
Tisch sitzen, wieviele Exemplare des Tisches sind vorhanden?
- Wer antwortet: eines, ist naiver Realist; wer antwortet: drei, ist
transzendentaler Idealist; wer aber antwortet: vier, der ist transzendentaler
Realist.
- Es ist dabei allerdings vorausgesetzt, daß man so ungleichartiges wie den
einen Tisch als Ding an sich und die drei Tische als Wahrnehmungsobjekte in den
drei Bewußtseinen unter die gemeinsame Bezeichnung
- «Exemplare des Tisches» zusammenfassen dürfe.
- Wem dies als eine zu große Freiheit erscheint, der wird die Antwort «einer
und drei» geben müssen, anstatt «vier».
- — 3. Wenn zwei Personen allein in einem Zimmer zusammen sind, wieviel Exemplare dieser Personen sind vorhanden?
- Wer antwortet: zwei, ist naiver Realist; wer antwortet: vier (nämlich in
jedem der beiden Bewußtseine ein Ich und ein anderer), der ist transzendentaler
Idealist; wer aber antwortet: sechs (nämlich zwei Personen als Dinge an sich
und vier Vorstellungsobjekte von Personen in den zwei Bewußtseinen), der ist
transzendentaler Realist.
- Wer den erkenntnistheoretischen Monismus als einen von diesen drei
Standpunkten verschiedenen erweisen wollte, der müßte auf jede dieser drei
Fragen eine andere Antwort geben; ich wüßte aber nicht wie diese lauten
könnte.»
- Die Antworten der «Philosophie der Freiheit» müßten so lauten:
- 1. Wer von den Dingen nur die Wahrnehmungsinhalte erfaßt und diese für
Wirklichkeit nimmt, ist naiver Realist, und er macht sich nicht klar, daß er
eigentlich diese Wahrnehmungsinhalte nur so lange für bestehend ansehen dürfte, als er auf die Dinge hinsieht,
daß er also, was er vor sich hat, als intermittierend denken müßte.
- Sobald er sich aber klar darüber wird, daß Wirklichkeit nur im
gedankendurchsetzten Wahrnehmbaren vorhanden ist, gelangt er zu der Einsicht,
daß der als intermittierend auftretende Wahrnehmungsinhalt durchsetzt von dem im Denken Erarbeiteten
sich als kontinuierlich offenbart.
- Als kontinuierlich muß also gelten: der von dem erlebten Denken erfaßte
Wahrnehmungsgehalt, von dem das, was nur wahrgenommen wird, als intermittierend
zu denken wäre, wenn es — was nicht der Fall ist — wirklich wäre.
- — 2. Wenn drei Personen an einem Tisch sitzen, wieviel Exemplare des
Tisches sind vorhanden?
- Es ist nur ein Tisch vorhanden; aber so lange die drei Personen bei ihren Wahrnehmungsbildern stehen bleiben wollten,
müßten sie sagen: diese Wahrnehmungsbilder sind überhaupt keine Wirklichkeit.
- Sobald sie zu dem in ihrem Denken erfaßten Tisch übergehen, offenbart sich
ihnen die eine Wirklichkeit des Tisches; sie sind mit ihren drei Bewußtseinsinhalten in
dieser Wirklichkeit vereinigt.
- — 3. Wenn zwei Personen allein in einem Zimmer zusammen sind, wieviel
Exemplare dieser Personen sind vorhanden?
- Es sind ganz gewiß nicht sechs — auch nicht im Sinne des transzendentalen
Realisten — Exemplare vorhanden, sondern nur zwei.
- Nur hat jede der Personen zunächst sowohl von sich wie von der anderen
Person nur das unwirkliche Wahrnehmungsbild.
- Von diesen Bildern sind vier vorhanden, bei deren Anwesenheit in den Denktätigkeiten der zwei
Personen sich die Ergreifung der Wirklichkeit abspielt.
- In dieser Denktätigkeit übergreift eine jede der Personen ihre
Bewußtseinssphäre; die der anderen und der eigenen Person lebt in ihr auf.
- In den Augenblicken dieses Auflebens sind die Personen ebensowenig in ihrem
Bewußtsein beschlossen wie im Schlafe.
- Nur tritt in den anderen Augenblicken das Bewußtsein von diesem Aufgehen in
dem andern wieder auf, so daß das Bewußtsein einer jeden der Personen im
denkenden Erleben sich und den andern ergreift.
- Ich weiß, daß der transzendentale Realist dieses als einen Rückfall in den
naiven Realismus bezeichnet.
- Doch habe ich bereits in dieser Schrift darauf hingewiesen, daß der naive
Realismus für das erlebte Denken seine Berechtigung behält.
- Der transzendentale Realist läßt sich auf den wahren Sachverhalt im
Erkenntnisvorgang gar nicht ein; er schließt sich von diesem durch ein
Gedankengespinst ab und verstrickt sich in diesem.
- Es sollte der in der «Philosophie der Freiheit» auftretende Monismus auch
nicht «erkenntnistheoretischer» genannt werden, sondern, wenn man einen
Beinamen will, Gedanken-Monismus.
- Das alles wurde durch Eduard von Hartmann verkannt.
- Er ging auf das Spezifische der Darstellung in der «Philosophie der
Freiheit» nicht ein, sondern behauptete: ich hätte den Versuch gemacht, den Hegelschen universalistischen
Panlogismus mit Humes individualistischem
Phänomenalismus zu verbinden (S. 71 der Zeitschrift für Philosophie, 108.
- Bd., Anmerkung), während in der Tat die «Philosophie der Freiheit» als
solche gar nichts mit diesen zwei Standpunkten, die sie angeblich zu vereinigen
bestrebt ist, zu tun hat.
- (Hier liegt auch der Grund, warum es mir nicht naheliegen konnte, mich zum
Beispiel mit dem «erkenntnistheoretischen Monismus» Johannes Rehmkes
auseinanderzusetzen.
- Es ist eben der Gesichtspunkt der «Philosophie der Freiheit» ein ganz
anderer, als was Eduard von Hartmann und andere erkenntnistheoretischen
Monismus nennen.)
-
- Zweiter Anhang
- In dem Folgenden wird in allem Wesentlichen wiedergegeben, was als eine Art
«Vorrede» in der ersten Auflage dieses Buches stand.
- Da es mehr die Gedankenstimmung gibt, aus der ich vor fünfundzwanzig Jahren
das Buch niederschrieb, als daß es mit dem Inhalte desselben unmittelbar etwas
zu tun hätte, setze ich es hier als «Anhang»
her.
- Ganz weglassen möchte ich es aus dem Grunde nicht, weil immer wieder die
Ansicht auftaucht, ich habe wegen meiner späteren geisteswissenschaftlichen
Schriften etwas von meinen früheren Schriften zu unterdrücken.
Unser Zeitalter kann die Wahrheit nur
aus der Tiefe des menschlichen Wesens schöpfen wollen. (1)
- Von Schillers bekannten zwei Wegen:
- «Wahrheit suchen wir beide, du außen
im Leben,
- ich innen In dem Herzen, und so
findet sie jeder gewiß.
- Ist das Auge gesund, so begegnet es
außen dem Schöpfer;
- Ist es das Herz, dann gewiß spiegelt es innen die Welt»
- wird der Gegenwart vorzüglich der zweite frommen.
- Eine Wahrheit, die uns von außen kommt, trägt immer den Stempel der
Unsicherheit an sich.
- Nur was einem jeden von uns in seinem eigenen Innern als Wahrheit
erscheint, daran mögen wir glauben.
- Fußnoten: (1) Ganz
weggelassen sind hier nur die allerersten Eingangssätze (der ersten Auflage)
dieser Ausführungen, die mir heute ganz unwesentlich erscheinen. Was aber des
weiteren darin gesagt ist, scheint mir auch gegenwärtig trotz der
naturwissenschaftlichen Denkart unserer Zeitgenossen, ja gerade wegen
derselben, zu sagen notwendig.
- Nur die Wahrheit kann uns Sicherheit bringen im
Entwickeln unserer individuellen Kräfte.
- Wer von Zweifeln gequält ist, dessen Kräfte sind gelähmt.
- In einer Welt, die ihm rätselhaft ist, kann er kein Ziel
seines Schaffens finden.
- Wir wollen nicht mehr bloß glauben;
wir wollen wissen.
- Der Glaube fordert Anerkennung von Wahrheiten, die wir nicht ganz
durchschauen.
- Was wir aber nicht ganz durchschauen, widerstrebt dem Individuellen, das
alles mit seinem tiefsten Innern durchleben will.
- Nur das Wissen befriedigt uns,
das keiner äußeren Norm sich unterwirft, sondern aus dem Innenleben der
Persönlichkeit entspringt.
- Wir wollen auch kein solches Wissen, das in eingefrorenen Schulregeln sich
ein für allemal ausgestaltet hat, und in für alle Zeiten gültigen Kompendien
aufbewahrt ist.
- Wir halten uns jeder berechtigt, von seinen nächsten Erfahrungen, seinen
unmittelbaren Erlebnissen auszugehen, und von da aus zur Erkenntnis des ganzen
Universums aufzusteigen.
- Wir erstreben ein sicheres Wissen, aber jeder auf seine eigene Art.
- Unsere wissenschaftlichen Lehren sollen auch nicht mehr eine solche Gestalt
annehmen, als wenn ihre Anerkennung Sache eines unbedingten Zwanges wäre.
- Keiner von uns möchte einer wissenschaftlichen Schrift einen Titel geben,
wie einst Fichte: «Sonnenklarer
Bericht an das größere Publikum über das eigentliche Wesen der neuesten
Philosophie.
- Ein Versuch, die Leser
zum Verstehen zu zwingen.»
- Heute soll niemand zum Verstehen gezwungen werden.
- Wen nicht ein besonderes, individuelles Bedürfnis zu einer Anschauung
treibt, von dem fordern wir keine Anerkennung, noch Zustimmung.
- Auch dem noch unreifen Menschen, dem Kinde, wollen wir gegenwärtig keine
Erkenntnisse eintrichtern, sondern wir suchen seine Fähigkeiten zu entwickeln,
damit es nicht mehr zum Verstehen gezwungen
zu werden braucht, sondern verstehen will.
- Ich gebe mich keiner Illusion hin in bezug auf diese Charakteristik meines
Zeitalters.
- Ich weiß, wie viel individualitätloses Schablonentum lebt und sich breit
macht.
- Aber ich weiß ebenso gut, daß viele meiner Zeitgenossen im Sinne der
angedeuteten Richtung ihr Leben einzurichten suchen.
- Ihnen möchte ich diese Schrift widmen.
- Sie soll nicht «den einzig möglichen» Weg zur Wahrheit führen, aber sie
soll von demjenigen erzählen, den
einer eingeschlagen hat, dem es um Wahrheit zu tun ist.
- Die Schrift führt zuerst in abstraktere Gebiete, wo der Gedanke scharfe
Konturen ziehen muß, um zu sichern Punkten zu kommen.
- Aber der Leser wird aus den dürren Begriffen heraus auch in das konkrete
Leben geführt.
- Ich bin eben durchaus der Ansicht, daß man auch in das Ätherreich der
Begriffe sich erheben muß, wenn man das Dasein nach allen Richtungen durchleben
will.
- Wer nur mit den Sinnen zu genießen versteht, der kennt die Leckerbissen des
Lebens nicht.
- Die orientalischen Gelehrten lassen die Lernenden erst Jahre eines
entsagenden und asketischen Lebens verbringen, bevor sie ihnen mitteilen, was
sie selbst wissen.
- Das Abendland fordert zur Wissenschaft keine frommen Übungen und keine
Askese mehr, aber es verlangt dafür den guten Willen, kurze Zeit sich den
unmittelbaren Eindrücken des Lebens zu entziehen, und in das Gebiet der reinen
Gedankenwelt sich zu begeben.
- Der Gebiete des Lebens sind viele.
- Für jedes einzelne entwickeln sich besondere Wissenschaften.
- Das Leben selbst aber ist eine Einheit, und je mehr die Wissenschaften
bestrebt sind, sich in die einzelnen Gebiete zu vertiefen, desto mehr entfernen
sie sich von der Anschauung des lebendigen Weltganzen.
- Es muß ein Wissen geben, das in den einzelnen Wissenschaften die Elemente
sucht, um den Menschen zum vollen Leben wieder zurückzuführen.
- Der wissenschaftliche Spezialforscher will sich durch seine Erkenntnisse
ein Bewußtsein von der Welt und ihren Wirkungen erwerben; in dieser Schrift ist
das Ziel ein philosophisches: die Wissenschaft soll selbst organisch-lebendig
werden.
- Die Einzelwissenschaften sind Vorstufen der hier angestrebten Wissenschaft.
- Ein ähnliches Verhältnis herrscht in den Künsten.
- Der Komponist arbeitet auf Grund der Kompositionslehre.
- Die letztere ist eine Summe von Kenntnissen, deren Besitz eine notwendige
Vorbedingung des Komponierens ist.
- Im Komponieren dienen die Gesetze der Kompositionslehre dem Leben, der
realen Wirklichkeit.
- Genau in demselben Sinne ist die Philosophie eine Kunst.
- Alle wirklichen Philosophen waren Begriffskünstler.
- Für sie wurden die menschlichen Ideen zum Kunstmateriale und die
wissenschaftliche Methode zur künstlerischen Technik.
- Das abstrakte Denken gewinnt dadurch konkretes, individuelles Leben.
- Die Ideen werden Lebensmächte.
- Wir haben dann nicht bloß ein Wissen von den Dingen, sondern wir haben das
Wissen zum realen, sich selbst beherrschenden Organismus gemacht; unser
wirkliches, tätiges Bewußtsein hat sich über ein bloß passives Aufnehmen von
Wahrheiten gestellt.
- Wie sich die Philosophie als Kunst zur Freiheit
des Menschen verhält, was die letztere ist, und ob wir ihrer teilhaftig
sind oder es werden können: das ist die Hauptfrage meiner Schrift.
- Alle anderen wissenschaftlichen Ausführungen stehen hier nur, weil sie
zuletzt Aufklärung geben über jene, meiner Meinung nach, den Menschen am
nächsten liegenden Fragen.
- Eine «Philosophie der Freiheit» soll
in diesen Blättern gegeben werden.
- Alle Wissenschaft wäre nur Befriedigung müßiger Neugierde, wenn sie nicht
auf die Erhöhung des Daseinswertes der
menschlichen Persönlichkeit hinstrebte.
- Den wahren Wert erhalten die Wissenschaften erst durch eine Darstellung der
menschlichen Bedeutung ihrer Resultate.
- Nicht die Veredlung eines einzelnen Seelenvermögens kann Endzweck des
Individuums sein, sondern die Entwickelung aller in uns schlummernden
Fähigkeiten.
- Das Wissen hat nur dadurch Wert, daß es einen Beitrag liefert zur allseitigen Entfaltung der ganzen Menschennatur.
- Diese Schrift faßt deshalb die Beziehung zwischen Wissenschaft und Leben
nicht so auf, daß der Mensch sich der Idee zu beugen hat und seine Kräfte ihrem
Dienst weihen soll, sondern in dem Sinne, daß er sich der Ideenwelt bemächtigt,
um sie zu seinen menschlichen Zielen,
die über die bloß wissenschaftlichen hinausgehen, zu gebrauchen.
- Man muß sich der Idee erlebend gegenüberstellen können; sonst gerät man unter ihre Knechtschaft.