- Die
Philosophie der Freiheit
- Grundzüge
einer modernen Weltanschauung
- Seelische
Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode
- ©
Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung. 13. Auflage
-
- Vorrede
zur Neuausgabe 1918
- Zwei
Wurzelfragen des menschlichen Seelenlebens sind es, nach denen hingeordnet
ist alles, was durch dieses Buch besprochen werden soll.
- Die
eine ist, ob es eine Möglichkeit gibt, die menschliche Wesenheit so
anzuschauen, daß diese Anschauung sich als Stütze erweist für alles
andere, was durch Erleben oder Wissenschaft an den Menschen herankommt,
wovon er aber die Empfindung hat, es könne sich nicht selber stützen.
- Es
könne von Zweifel und kritischem Urteil in den Bereich des Ungewissen
getrieben werden.
- Die
andere Frage ist die: Darf sich der Mensch als wollendes Wesen die
Freiheit zuschreiben, oder ist diese Freiheit eine bloße Illusion, die in
ihm entsteht, weil er die Fäden der Notwendigkeit nicht durchschaut, an
denen sein Wollen ebenso hängt wie ein Naturgeschehen?
- Nicht
ein künstliches Gedankengespinst ruft diese Frage hervor.
- Sie
tritt ganz naturgemäß in einer bestimmten Verfassung der Seele vor diese
hin.
- Und
man kann fühlen, es ginge der Seele etwas ab von dem, was sie sein soll,
wenn sie nicht vor die zwei Möglichkeiten: Freiheit oder Notwendigkeit des
Wollens, einmal mit einem möglichst großen Frageernst sich gestellt sähe.
- In
dieser Schrift soll gezeigt werden, daß die Seelenerlebnisse, welche der
Mensch durch die zweite Frage erfahren muß, davon abhängen, welchen
Gesichtspunkt er gegenüber der ersten einzunehmen vermag.
- Der
Versuch wird gemacht, nachzuweisen, daß es eine Anschauung über die
menschliche Wesenheit gibt, welche die übrige Erkenntnis stützen kann; und
der weitere, darauf hinzudeuten, daß mit dieser Anschauung für die Idee
der Freiheit des Willens eine volle Berechtigung gewonnen wird, wenn nur
erst das Seelengebiet gefunden ist, auf dem das freie Wollen sich
entfalten kann.
- Die
Anschauung, von der hier mit Bezug auf diese beiden Fragen die Rede ist,
stellt sich als eine solche dar, welche, einmal gewonnen, ein Glied
lebendigen Seelenlebens selbst werden kann.
- Es
wird nicht eine theoretische Antwort gegeben, die man, einmal erworben,
bloß als vom Gedächtnis bewahrte Überzeugung mit sich trägt.
- Für
die Vorstellungsart, die diesem Buche zugrunde liegt, wäre eine solche
Antwort nur eine scheinbare.
- Nicht
eine solch fertige, abgeschlossene Antwort wird gegeben, sondern auf ein
Erlebnisgebiet der Seele wird verwiesen, auf dem sich durch die innere
Seelentätigkeit selbst in jedem Augenblicke, in dem der Mensch dessen
bedarf, die Frage erneut lebendig beantwortet.
- Wer
das Seelengebiet einmal gefunden hat, auf dem sich diese Fragen
entwickeln, dem gibt eben die wirkliche Anschauung dieses Gebietes
dasjenige, was er für diese beiden Lebensrätsel braucht, um mit dem
Errungenen das rätselvolle Leben weiter in die Breiten und in die Tiefen
zu wandeln, in die ihn zu wandeln Bedürfnis und Schicksal veranlassen.
- —
Eine Erkenntnis, die durch ihr Eigenleben und durch die Verwandtschaft
dieses Eigenlebens mit dem ganzen menschlichen Seelenleben ihre
Berechtigung und Geltung erweist, scheint damit aufgezeigt zu sein.
- So
dachte ich über den Inhalt dieses Buches, als ich ihn vor fünfundzwanzig
Jahren niederschrieb.
- Auch
heute muß ich solche Sätze niederschreiben, wenn ich die Zielgedanken der
Schrift kennzeichnen will.
- Ich
habe mich bei der damaligen Niederschrift darauf beschränkt, nicht mehr
zu sagen als dasjenige, was im engsten Sinne mit den gekennzeichneten
beiden Wurzelfragen zusammenhängt.
- Wenn
jemand verwundert darüber sein sollte, daß man in diesem Buche noch keinen
Hinweis findet auf das Gebiet der geistigen Erfahrungswelt, das in
späteren Schriften von mir zur Darstellung gekommen ist, so möge er
bedenken, daß ich damals eben nicht eine Schilderung geistiger
Forschungsergebnisse geben, sondern erst die Grundlage erbauen wollte, auf
der solche Ergebnisse ruhen können.
- Diese
“Philosophie der Freiheit” enthält keine solchen speziellen Ergebnisse,
ebensowenig als sie spezielle naturwissenschaftliche Ergebnisse enthält;
aber was sie enthält, wird derjenige nach meiner Meinung nicht entbehren
können, der Sicherheit für solche Erkenntnisse anstrebt.
- Was
in dem Buche gesagt ist, kann auch für manchen Menschen annehmbar sein,
der aus irgend welchen ihm geltenden Gründen mit meinen
geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnissen nichts zu tun haben will.
- Demjenigen
aber, der diese geisteswissenschaftlichen Ergebnisse als etwas betrachten
kann, zu dem es ihn hinzieht, dem wird auch wichtig sein können, was hier
versucht wurde.
- Es
ist dies: nachzuweisen, wie eine unbefangene Betrachtung, die sich bloß
über die beiden gekennzeichneten für alles Erkennen grundlegenden
Fragen erstreckt, zu der Anschauung führt, daß der Mensch in einer
wahrhaftigen Geistwelt drinnen lebt.
- In
diesem Buche ist erstrebt, eine Erkenntnis des Geistgebietes vor dem
Eintritte in die geistige Erfahrung zu rechtfertigen.
- Und
diese Rechtfertigung ist so unternommen, daß man wohl nirgends bei diesen
Ausführungen schon auf die später von mir geltend gemachten Erfahrungen
hinzuschielen braucht, um, was hier gesagt ist, annehmbar zu finden, wenn
man auf die Art dieser Ausführungen selbst eingehen kann oder mag.
- So
scheint mir denn dieses Buch auf der einen Seite eine von meinen
eigentlich geisteswissenschaftlichen Schriften völlig abgesonderte
Stellung einzunehmen; und auf der andern Seite doch auch aufs allerengste
mit ihnen verbunden zu sein.
- Dies
alles hat mich veranlaßt, jetzt, nach fünfundzwanzig Jahren, den Inhalt
der Schrift im wesentlichen fast ganz unverändert wieder zu
veröffentlichen.
- Nur
längere Zusätze habe ich zu einer ganzen Reihe von Abschnitten gemacht.
- Die
Erfahrungen, die ich über mißverständliche Auffassungen des von mir
Gesagten gemacht habe, ließen mir solche ausführliche Erweiterungen nötig
erscheinen.
- Geändert
habe ich nur da, wo mir heute das ungeschickt gesagt schien, was ich vor
einem Vierteljahrhundert habe sagen wollen.
- (Aus
dem so Geänderten wird wohl nur ein Übelwollender sich veranlaßt finden zu
sagen, ich habe meine Grundüberzeugung geändert.)
- Das
Buch ist schon seit vielen Jahren ausverkauft.
- Trotzdem,
wie aus dem eben Gesagten hervorgeht, mir scheint, daß heute ebenso noch
ausgesprochen werden soll, was ich vor fünfundzwanzig Jahren über die
gekennzeichneten Fragen ausgesprochen habe, zögerte ich durch lange Zeit
mit der Fertigstellung dieser Neuauflage.
- Ich
fragte mich immer wieder, ob ich nicht müsse an dieser oder jener Stelle
mich mit den zahlreichen seit dem Erscheinen der ersten Auflage zutage
getretenen philosophischen Anschauungen auseinandersetzen.
- Dies
in der mir wünschenswerten Weise zu tun, verhinderte mich die
Inanspruchnahme durch meine rein geisteswissenschaftlichen Forschungen in
der letzten Zeit.
- Allein
ich habe mich nun nach möglichst gründlicher Umschau in der
philosophischen Arbeit der Gegenwart davon überzeugt, daß, so verlockend
eine solche Auseinandersetzung an sich wäre, sie für das, was durch mein
Buch gesagt werden soll, nicht in dasselbe aufzunehmen ist.
- Was
von dem in der “Philosophie der Freiheit” eingenommenen Gesichtspunkt aus
über neuere philosophische Richtungen mir nötig schien, gesagt zu werden,
findet man im zweiten Bande meiner “Rätsel der Philosophie”.
- Rudolf
Steiner
April 1918
-
- Teil
I — Wissenschaft der Freiheit
-
- Kapitel
1 - Das bewußte menschliche Handeln
- Ist
der Mensch in seinem Denken und Handeln ein geistig freies Wesen
oder steht er unter dem Zwange einer rein naturgesetzlichen ehernen
Notwendigkeit?
- Auf
wenige Fragen ist so viel Scharfsinn gewendet worden als auf diese.
- Die
Idee der Freiheit des menschlichen Willens hat warme Anhänger wie
hartnäckige Gegner in reicher Zahl gefunden.
- Es
gibt Menschen, die in ihrem sittlichen Pathos jeden für einen beschränkten
Geist erklären, der eine so offenkundige Tatsache wie die Freiheit
zu leugnen vermag.
- Ihnen
stehen andere gegenüber, die darin den Gipfel der Unwissenschaftlichkeit
erblicken, wenn jemand die Gesetzmäßigkeit der Natur auf dem Gebiete des
menschlichen Handelns und Denkens unterbrochen glaubt.
- Ein
und dasselbe Ding wird hier gleich oft für das kostbarste Gut der
Menschheit wie für die ärgste Illusion erklärt.
- Unendliche
Spitzfindigkeit wurde aufgewendet, um zu erklären, wie sich die
menschliche Freiheit mit dem Wirken in der Natur, der doch auch der Mensch
angehört, verträgt.
- Nicht
geringer ist die Mühe, mit der von anderer Seite begreiflich zu machen
gesucht wurde, wie eine solche Wahnidee hat entstehen können.
- Daß
man es hier mit einer der wichtigsten Fragen des Lebens, der Religion, der
Praxis und der Wissenschaft zu tun hat, das fühlt jeder, bei dem nicht das
Gegenteil von Gründlichkeit der hervorstechendste Zug seines Charakters
ist.
- Und
es gehört zu den traurigen Zeichen der Oberflächlichkeit gegenwärtigen
Denkens, daß ein Buch, das aus den Ergebnissen neuerer Naturforschung
einen “neuen Glauben” prägen will (David Friedrich Strauß, Der alte
und der neue Glaube), über diese Frage nichts enthält als die Worte:
- “Auf
die Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens haben wir uns hiebei
nicht einzulassen.
- Die
vermeintlich indifferente Wahlfreiheit ist von jeder Philosophie, die des
Namens wert war, immer als ein leeres Phantom erkannt worden; die
sittliche Wertbestimmung der menschlichen Handlungen und Gesinnungen aber
bleibt von jener Frage unberührt.”
- Nicht
weil ich glaube, daß das Buch, in dem sie steht, eine besondere Bedeutung
hat, führe ich diese Stelle hier an, sondern weil sie mir die Meinung
auszusprechen scheint, bis zu der sich in der fraglichen Angelegenheit die
Mehrzahl unserer denkenden Zeitgenossen aufzuschwingen vermag.
- Daß
die Freiheit darin nicht bestehen könne, von zwei möglichen Handlungen
ganz nach Belieben die eine oder die andere zu wählen, scheint heute jeder
zu wissen, der darauf Anspruch macht, den wissenschaftlichen Kinderschuhen
entwachsen zu sein.
- Es
ist immer, so behauptet man, ein ganz bestimmter Grund vorhanden,
warum man von mehreren möglichen Handlungen gerade eine bestimmte zur
Ausführung bringt.
- Das
scheint einleuchtend.
- Trotzdem
richten sich bis zum heutigen Tage die Hauptangriffe der Freiheitsgegner
nur gegen die Wahlfreiheit.
- Sagt
doch Herbert Spencer, der in Ansichten lebt, die mit jedem Tage an
Verbreitung gewinnen (Die Prinzipien der Psychologie, von Herbert
Spencer, deutsche Ausgabe von Dr. B. Vetter, Stuttgart 1882):
- “Daß
aber jedermann auch nach Belieben begehren oder nicht begehren könne,
was der eigentliche im Dogma vom freien Willen liegende Satz ist, das wird
freilich ebensosehr durch die Analyse des Bewußtseins, als durch den
Inhalt der vorhergehenden Kapitel (der Psychologie) verneint.”
- Von
demselben Gesichtspunkte gehen auch andere aus, wenn sie den Begriff des
freien Willens bekämpfen.
- Im
Keime finden sich alle diesbezüglichen Ausführungen schon bei Spinoza.
- Was
dieser klar und einfach gegen die Idee der Freiheit vorbrachte, das wurde
seitdem unzählige Male wiederholt, nur eingehüllt zumeist in die
spitzfindigsten theoretischen Lehren, so daß es schwer wird, den
schlichten Gedankengang, auf den es allein ankommt, zu erkennen.
- Spinoza
schreibt in einem Briefe vom Oktober oder November 1674:
- “Ich
nenne nämlich die Sache frei, die aus der bloßen Notwendigkeit
ihrer Natur besteht und handelt, und gezwungen nenne ich die,
welche von etwas anderem zum Dasein und Wirken in genauer und fester Weise
bestimmt wird.
- So
besteht zum Beispiel Gott, obgleich notwendig, doch frei, weil er nur aus
der Notwendigkeit seiner Natur allein besteht.
- Ebenso
erkennt Gott sich selbst und alles andere frei, weil es aus der
Notwendigkeit seiner Natur allein folgt, daß er alles erkennt.
- Sie
sehen also, daß ich die Freiheit nicht in ein freies Beschließen, sondern
in eine freie Notwendigkeit setze.”
- “Doch
wir wollen zu den erschaffenen Dingen herabsteigen, welche sämtlich von
äußern Ursachen bestimmt werden, in fester und genauer Weise zu bestehen
und zu wirken.
- Um
dies deutlicher einzusehen, wollen wir uns eine ganz einfache Sache
vorstellen.
- So
erhält zum Beispiel ein Stein von einer äußeren, ihn stoßenden Ursache
eine gewisse Menge von Bewegung, mit der er nachher, wenn der Stoß der
äußern Ursache aufgehört hat, notwendig fortfährt, sich zu bewegen.
- Dieses
Beharren des Steines in seiner Bewegung ist deshalb ein erzwungenes und
kein notwendiges, weil es durch den Stoß einer äußern Ursache definiert
werden muß.
- Was
hier von dem Stein gilt, gilt von jeder andern einzelnen Sache, und mag
sie noch so zusammengesetzt und zu vielem geeignet sein, nämlich, daß jede
Sache notwendig von einer äußern Ursache bestimmt wird, in fester und
genauer Weise zu bestehen und zu wirken.”
- “Nehmen
Sie nun, ich bitte, an, daß der Stein, während er sich bewegt, denkt und
weiß, er bestrebe sich, soviel er kann, in dem Bewegen fortzufahren.
- Dieser
Stein, der nur seines Strebens sich bewußt ist und keineswegs gleichgültig
sich verhält, wird glauben, daß er ganz frei sei und daß er aus keinem
andern Grunde in seiner Bewegung fort fahre, als weil er es wolle.
- Dies
ist aber jene menschliche Freiheit, die alle zu besitzen behaupten und die
nur darin besteht, daß die Menschen ihres Begehrens sich bewußt sind, aber
die Ursachen, von denen sie bestimmt werden, nicht kennen.
- So
glaubt das Kind, daß es die Milch frei begehre und der zornige Knabe, daß
er frei die Rache verlange, und der Furchtsame die Flucht.
- Ferner
glaubt der Betrunkene, daß er nach freiem Entschluß dies spreche, was er,
wenn er nüchtern geworden, gern nicht gesprochen hätte; und da dieses
Vorurteil allen Menschen angeboren ist, so kann man sich nicht leicht
davon befreien.
- Denn
wenn auch die Erfahrung genügend lehrt, daß die Menschen am wenigsten ihr
Begehren mäßigen können und daß sie, von entgegengesetzten Leidenschaften
bewegt, das Bessere einsehen und das Schlechtere tun, so halten sie sich
doch für frei und zwar, weil sie manches weniger stark begehren und
manches Begehren leicht durch die Erinnerung an anderes, dessen man sich
oft entsinnt, gehemmt werden kann.”
- —
Weil hier eine klar und bestimmt ausgesprochene Ansicht vorliegt, wird es
auch leicht, den Grundirrtum, der darin steckt, aufzudecken.
- So
notwendig, wie der Stein auf einen Anstoß hin eine bestimmte Bewegung
ausführt, ebenso notwendig soll der Mensch eine Handlung ausführen, wenn
er durch irgendeinen Grund dazu getrieben wird.
- Nur
weil der Mensch ein Bewußtsein von seiner Handlung hat, halte er sich für
den freien Veranlasser derselben.
- Er
übersehe dabei aber, daß eine Ursache ihn treibt, der er unbedingt folgen
muß.
- Der
Irrtum in diesem Gedankengange ist bald gefunden.
- Spinoza
und alle, die denken wie er, übersehen, daß der Mensch nicht nur ein
Bewußtsein von seiner Handlung hat, sondern es auch von den Ursachen haben
kann, von denen er geleitet wird.
- Niemand
wird es bestreiten, daß das Kind unfrei ist, wenn es die Milch
begehrt, daß der Betrunkene es ist, wenn er Dinge spricht, die er später
bereut.
- Beide
wissen nichts von den Ursachen, die in den Tiefen ihres Organismus tätig
sind, und unter deren unwiderstehlichem Zwange sie stehen.
- Aber
ist es berechtigt, Handlungen dieser Art in einen Topf zu werfen mit
solchen, bei denen sich der Mensch nicht nur seines Handelns bewußt ist,
sondern auch der Gründe, die ihn veranlassen?
- Sind
die Handlungen der Menschen denn von einerlei Art?
- Darf
die Tat des Kriegers auf dem Schlachtfelde, die des wissenschaftlichen
Forschers im Laboratorium, des Staatsmannes in verwickelten diplomatischen
Angelegenheiten wissenschaftlich auf gleiche Stufe gestellt werden mit der
des Kindes, wenn es nach Milch begehrt?
- Wohl
ist es wahr, daß man die Lösung einer Aufgabe da am besten versucht, wo
die Sache am einfachsten ist.
- Aber
oft schon hat der Mangel an Unterscheidungsvermögen endlose Verwirrung
gebracht.
- Und
ein tiefgreifender Unterschied ist es doch, ob ich weiß, warum ich etwas
tue, oder ob das nicht der Fall ist.
- Zunächst
scheint das eine ganz selbstverständliche Wahrheit zu sein.
- Und
doch wird von den Gegnern der Freiheit nie danach gefragt, ob denn ein
Beweggrund meines Handelns, den ich erkenne und durchschaue, für mich in
gleichem Sinne einen Zwang bedeutet, wie der organische Prozeß, der das
Kind veranlaßt, nach Milch zu schreien.
- Eduard
von Hartmann behauptet in seiner “Phänomenologie des sittlichen
Bewußtseins” (S. 451), das menschliche Wollen hänge von zwei Hauptfaktoren
ab: von den Beweggründen und von dem Charakter.
- Betrachtet
man die Menschen alle als gleich oder doch ihre Verschiedenheiten als
unerheblich, so erscheint ihr Wollen als von außen bestimmt,
nämlich durch die Umstände, die an sie herantreten.
- Erwägt
man aber, daß verschiedene Menschen eine Vorstellung erst dann zum
Beweggrund ihres Handelns machen, wenn ihr Charakter ein solcher ist, der
durch die entsprechende Vorstellung zu einer Begehrung veranlaßt wird, so erscheint
der Mensch von innen bestimmt und nicht von außen.
- Der
Mensch glaubt nun, weil er, gemäß seinem Charakter, eine ihm von außen
aufgedrängte Vorstellung erst zum Beweggrund machen muß: er sei frei, das
heißt unabhängig von äußeren Beweggründen.
- Die
Wahrheit aber ist, nach Eduard von Hartmann, daß: “Wenn aber auch wir
selbst die Vorstellungen erst zu Motiven erheben, so tun wir dies doch
nicht willkürlich, sondern nach der Notwendigkeit unserer
charakterologischen Veranlagung, also nichts weniger als frei”.
- Auch
hier bleibt der Unterschied ohne alle Berücksichtigung, der besteht
zwischen Beweggründen, die ich erst auf mich wirken lasse, nachdem ich sie
mit meinem Bewußtsein durchdrungen habe, und solchen, denen ich folge,
ohne daß ich ein klares Wissen von ihnen besitze.
- Und
dies führt unmittelbar auf den Standpunkt, von dem aus hier die Sache
angesehen werden soll.
- Darf
die Frage nach der Freiheit unseres Willens überhaupt einseitig für sich
gestellt werden?
- Und
wenn nicht: mit welcher andern muß sie notwendig verknüpft werden?
- Ist
ein Unterschied zwischen einem bewußten Beweggrund meines Handelns und
einem unbewußten Antrieb, dann wird der erstere auch eine Handlung nach
sich ziehen, die anders beurteilt werden muß als eine solche aus blindem
Drange.
- Die
Frage nach diesem Unterschied wird also die erste sein.
- Und
was sie ergibt, davon wird es erst abhängen, wie wir uns zu der
eigentlichen Freiheitsfrage zu stellen haben.
- Was
heißt es, ein Wissen von den Gründen seines Handelns haben?
- Man
hat diese Frage zu wenig berücksichtigt, weil man leider immer in zwei
Teile zerrissen hat, was ein untrennbares Ganzes ist: den Menschen.
- Den
Handelnden und den Erkennenden unterschied man, und leer ausgegangen ist
dabei nur der, auf den es vor allen andern Dingen ankommt: der aus
Erkenntnis Handelnde.
- Man
sagt: frei sei der Mensch, wenn er nur unter der Herrschaft seiner
Vernunft stehe und nicht unter der der animalischen Begierden.
- Oder
auch: Freiheit bedeute, sein Leben und Handeln nach Zwecken und
Entschlüssen bestimmen zu können.
- Mit
Behauptungen solcher Art ist aber gar nichts gewonnen.
- Denn
das ist ja eben die Frage, ob die Vernunft, ob Zwecke und Entschlüsse in
gleicher Weise auf den Menschen einen Zwang ausüben wie animalische
Begierden.
- Wenn
ohne mein Zutun ein vernünftiger Entschluß in mir auftaucht, gerade mit
derselben Notwendigkeit wie Hunger und Durst, dann kann ich ihm nur
notgedrungen folgen, und meine Freiheit ist eine Illusion.
- Eine
andere Redewendung lautet: Freisein heißt nicht wollen können, was man
will, sondern tun können, was man will.
- Diesen
Gedanken hat der Dichterphilosoph Robert Hamerling in seiner
“Atomistik des Willens” in scharfumrissenen Worten gekennzeichnet:
- “Der
Mensch kann allerdings tun, was er will — aber er kann nicht
wollen, was er will, weil sein Wille durch Motive bestimmt ist! —
Er kann nicht wollen, was er will?
- Sehe
man sich diese Worte doch einmal näher an.
- Ist
ein vernünftiger Sinn darin?
- Freiheit
des Wollens müßte also darin bestehen, daß man ohne Grund, ohne Motiv
etwas wollen könnte?
- Aber
was heißt denn Wollen anders, als einen Grund haben, dies lieber zu
tun oder anzustreben als jenes?
- Ohne
Grund, ohne Motiv etwas wollen, hieße etwas wollen, ohne es zu wollen.
- Mit
dem Begriffe des Wollens ist der des Motivs unzertrennlich verknüpft.
- Ohne
ein bestimmendes Motiv ist der Wille ein leeres Vermögen: erst
durch das Motiv wird er tätig und reell.
- Es
ist also ganz richtig, daß der menschliche Wille insofern nicht ‹frei›
ist, als seine Richtung immer durch das stärkste der Motive bestimmt ist.
- Aber
es muß andererseits zugegeben werden, daß es absurd ist, dieser
‹Unfreiheit› gegenüber von einer denkbaren ‹Freiheit› des Willens zu
reden, welche dahin ginge, wollen zu können, was man nicht will.”
(Atomistik des Willens, 2. Band 5. 213 f.)
- Auch
hier wird nur von Motiven im allgemeinen gesprochen, ohne auf den
Unterschied zwischen unbewußten und bewußten Rücksicht zu nehmen.
- Wenn
ein Motiv auf mich wirkt und ich gezwungen bin, ihm zu folgen, weil es
sich als das “stärkste” unter seinesgleichen erweist, dann hört der
Gedanke an Freiheit auf, einen Sinn zu haben.
- Wie
soll es für mich eine Bedeutung haben, ob ich etwas tun kann oder nicht,
wenn ich von dem Motive gezwungen werde, es zu tun?
- Nicht
darauf kommt es zunächst an: ob ich dann, wenn das Motiv auf mich gewirkt
hat, etwas tun kann oder nicht, sondern ob es nur solche Motive gibt, die
mit zwingender Notwendigkeit wirken.
- Wenn
ich etwas wollen muß, dann ist es mir unter Umständen höchst
gleichgültig, ob ich es auch tun kann.
- Wenn
mir wegen meines Charakters und wegen der in meiner Umgebung herrschenden
Umstände ein Motiv aufgedrängt wird, das sich meinem Denken gegenüber als
unvernünftig erweist, dann müßte ich sogar froh sein, wenn ich nicht
könnte, was ich will.
- Nicht
darauf kommt es an, ob ich einen gefaßten Entschluß zur Ausführung bringen
kann, sondern wie der Entschluß in mir entsteht.
- Was
den Menschen von allen andern organischen Wesen unterscheidet, ruht auf
seinem vernünftigen Denken.
- Tätig
zu sein, hat er mit anderen Organismen gemein.
- Nichts
ist damit gewonnen, wenn man zur Aufhellung des Freiheitsbegriffes für das
Handeln des Menschen nach Analogien im Tierreiche sucht.
- Die
moderne Naturwissenschaft liebt solche Analogien.
- Und
wenn es ihr gelungen ist, bei den Tieren etwas dem menschlichen Verhalten
Ähnliches gefunden zu haben, glaubt sie, die wichtigste Frage der
Wissenschaft vom Menschen berührt zu haben.
- Zu
welchen Mißverständnissen diese Meinung führt, zeigt sich zum Beispiel in
dem Buche: “Die Illusion der Willensfreiheit” von P. Rée, 1885, der
(S. 5) über die Freiheit folgendes sagt:
- “Daß
es uns so scheint, als ob die Bewegung des Steines notwendig, des Esels
Wollen nicht notwendig wäre, ist leicht erklärlich.
- Die
Ursachen, welche den Stein bewegen, sind ja draußen und sichtbar.
- Die
Ursachen aber, vermöge deren der Esel will, sind drinnen und unsichtbar:
zwischen uns und der Stätte ihrer Wirksamkeit befindet sich die Hirnschale
des Esels. ...
- Man
sieht die kausale Bedingtheit nicht, und meint daher, sie sei nicht
vorhanden.
- Das
Wollen, erklärt man, sei zwar die Ursache der Umdrehung (des Esels),
selbst aber sei es unbedingt; es sei ein absoluter Anfang.”
- Also
auch hier wieder wird über Handlungen des Menschen, bei denen er ein
Bewußtsein von den Gründen seines Handelns hat, einfach hinweggegangen,
denn Rée erklärt:
- “Zwischen
uns und der Stätte ihrer Wirksamkeit befindet sich die Hirnschale des
Esels.”
- Daß
es, zwar nicht Handlungen des Esels, wohl aber solche der Menschen gibt,
bei denen zwischen uns und der Handlung das bewußt gewordene Motiv
liegt, davon hat, schon nach diesen Worten zu schließen, Rée keine Ahnung.
- Er
beweist das einige Seiten später auch noch durch die Worte:
- “Wir
nehmen die Ursachen nicht wahr, durch welche unser Wollen bedingt
wird, daher meinen wir, es sei überhaupt nicht ursachlich bedingt.”
- Doch
genug der Beispiele, welche beweisen, daß viele gegen die Freiheit
kämpfen, ohne zu wissen, was Freiheit überhaupt ist.
- Daß
eine Handlung nicht frei sein kann, von der der Täter nicht weiß,
warum er sie vollbringt, ist ganz selbstverständlich.
- Wie
verhält es sich aber mit einer solchen, von deren Gründen gewußt wird?
- Das
führt uns auf die Frage: welches ist der Ursprung und die Bedeutung des
Denkens?
- Denn
ohne die Erkenntnis der denkenden Betätigung der Seele ist ein
Begriff des Wissens von etwas, also auch von einer Handlung nicht möglich.
- Wenn
wir erkennen, was Denken im allgemeinen bedeutet, dann wird es auch leicht
sein, klar darüber zu werden, was für eine Rolle das Denken beim
menschlichen Handeln spielt.
- “Das
Denken macht die Seele, womit auch das Tier begabt ist, erst zum Geiste”,
sagt Hegel mit Recht, und deshalb wird das Denken auch dem menschlichen
Handeln sein eigentümliches Gepräge geben.
- Keineswegs
soll behauptet werden, daß all unser Handeln nur aus der nüchternen
Überlegung unseres Verstandes fließe.
- Nur
diejenigen Handlungen als im höchsten Sinne menschlich hinzustellen,
die aus dem abstrakten Urteil hervorgehen, liegt mir ganz fern.
- Aber
sobald sich unser Handeln herauferhebt aus dem Gebiete der Befriedigung
rein animalischer Begierden, sind unsere Beweggründe immer von Gedanken
durchsetzt.
- Liebe,
Mitleid, Patriotismus sind Triebfedern des Handelns, die sich nicht in
kalte Verstandesbegriffe auflösen lassen.
- Man
sagt: das Herz, das Gemüt treten da in ihre Rechte.
- Ohne
Zweifel.
- Aber
das Herz und das Gemüt schaffen nicht die Beweggründe des Handelns.
- Sie
setzen dieselben voraus und nehmen sie in ihren Bereich auf.
- In
meinem Herzen stellt sich das Mitleid ein, wenn in meinem Bewußtsein die
Vorstellung einer mitleiderregenden Person aufgetreten ist.
- Der
Weg zum Herzen geht durch den Kopf.
- Davon
macht auch die Liebe keine Ausnahme.
- Wenn
sie nicht die bloße Äußerung des Geschlechtstriebes ist, dann beruht sie
auf den Vorstellungen, die wir uns von dem geliebten Wesen machen.
- Und
je idealistischer diese Vorstellungen sind, desto beseligender ist die Liebe.
- Auch
hier ist der Gedanke der Vater des Gefühles.
- Man
sagt: die Liebe mache blind für die Schwächen des geliebten Wesens.
- Die
Sache kann auch umgekehrt angefaßt werden und behauptet: die Liebe öffne
gerade für dessen Vorzüge das Auge.
- Viele
gehen ahnungslos an diesen Vorzügen vorbei, ohne sie zu bemerken.
- Der
eine sieht sie, und eben deswegen erwacht die Liebe in seiner Seele.
- Was
hat er anderes getan: als von dem sich eine Vorstellung gemacht, wovon
hundert andere keine haben.
- Sie
haben die Liebe nicht, weil ihnen die Vorstellung mangelt.
- Wir
mögen die Sache anfassen wie wir wollen: immer klarer muß es werden, daß
die Frage nach dem Wesen des menschlichen Handelns die andere voraussetzt
nach dem Ursprunge des Denkens.
- Ich
wende mich daher zunächst dieser Frage zu.
-
- Kapitel
2 - Der Grundtrieb zur Wissenschaft
- “Zwei
Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.”
(Faust I, 1112-1117)
- Mit
diesen Worten spricht Goethe einen tief in der menschlichen Natur
begründeten Charakterzug aus.
- Nicht
ein einheitlich organisiertes Wesen ist der Mensch.
- Er verlangt
stets mehr, als die Welt ihm freiwillig gibt.
- Bedürfnisse
hat die Natur uns gegeben; unter diesen sind solche, deren Befriedigung
sie unserer eigenen Tätigkeit überläßt.
- Reichlich
sind die Gaben, die uns zugeteilt, aber noch reichlicher ist unser
Begehren.
- Wir
scheinen zur Unzufriedenheit geboren.
- Nur
ein besonderer Fall dieser Unzufriedenheit ist unser Erkenntnisdrang.
- Wir
blicken einen Baum zweimal an.
- Wir
sehen das eine Mal seine Aste in Ruhe, das andere Mal in Bewegung.
- Wir
geben uns mit dieser Beobachtung nicht zufrieden.
- Warum
stellt sich uns der Baum das eine Mal ruhend, das andere Mal in Bewegung
dar?
- So
fragen wir.
- Jeder
Blick in die Natur erzeugt in uns eine Summe von Fragen.
- Mit
jeder Erscheinung, die uns entgegentritt, ist uns eine Aufgabe mitgegeben.
- Jedes
Erlebnis wird uns zum Rätsel.
- Wir
sehen aus dem Ei ein dem Muttertiere ähnliches Wesen hervorgehen; wir
fragen nach dem Grunde dieser Ähnlichkeit.
- Wir
beobachten an einem Lebewesen Wachsrum und Entwickelung bis zu einem
bestimmten Grade der Vollkommenheit: wir suchen nach den Bedingungen
dieser Erfahrung.
- Nirgends
sind wir mit dem zufrieden, was die Natur vor unseren Sinnen ausbreitet.
- Wir
suchen überall nach dem, was wir Erklärung der Tatsachen nennen.
- Der
Überschuß dessen, was wir in den Dingen suchen, über das, was uns in ihnen
unmittelbar gegeben ist, spaltet unser ganzes Wesen in zwei Teile; wir
werden uns unseres Gegensatzes zur Welt bewußt.
- Wir
stellen uns als ein selbständiges Wesen der Welt gegenüber.
- Das
Universum erscheint uns in den zwei Gegensätzen: Ich und Welt.
- Diese
Scheidewand zwischen uns und der Welt errichten wir, sobald das Bewußtsein
in uns aufleuchtet.
- Aber
niemals verlieren wir das Gefühl, daß wir doch zur Welt gehören, daß ein Band
besteht, das uns mit ihr verbindet, daß wir nicht ein Wesen außerhalb,
sondern innerhalb des Universums sind.
- Dieses
Gefühl erzeugt das Streben, den Gegensatz zu überbrücken.
- Und
in der Überbrückung dieses Gegensatzes besteht im letzten Grunde das ganze
geistige Streben der Menschheit.
- Die
Geschichte des geistigen Lebens ist ein fortwährendes Suchen der Einheit
zwischen uns und der Welt.
- Religion,
Kunst und Wissenschaft verfolgen gleichermaßen dieses Ziel.
- Der
Religiös- Gläubige sucht in der Offenbarung, die ihm Gott zuteil werden
läßt, die Lösung der Welträtsel, die ihm sein mit der bloßen
Erscheinungswelt unzufriedenes Ich aufgibt.
- Der
Künstler sucht dem Stoffe die Ideen seines Ich einzubilden, um das in
seinem Innern Lebende mit der Außenwelt zu versöhnen.
- Auch
er fühlt sich unbefriedigt von der bloßen Erscheinungswelt und sucht ihr
jenes Mehr einzuformen, das sein Ich, über sie hinausgehend, birgt.
- Der
Denker sucht nach den Gesetzen der Erscheinungen, er strebt denkend zu
durchdringen, was er beobachtend erfährt.
- Erst
wenn wir den Weltinhalt zu unserem Gedankeninhalt gemacht
haben, erst dann finden wir den Zusammenhang wieder, aus dem wir uns
selbst gelöst haben.
- Wir
werden später sehen, daß dieses Ziel nur erreicht wird, wenn die Aufgabe
des wissenschaftlichen Forschers allerdings viel tiefer aufgefaßt wird,
als dies oft geschieht.
- Das
ganze Verhältnis, das ich hier dargelegt habe, tritt uns in einer
weltgeschichtlichen Erscheinung entgegen: in dem Gegensatz der
einheitlichen Weltauffassung oder des Monismus und der
Zweiweltentheorie oder des Dualismus.
- Der
Dualismus richtet den Blick nur auf die von dem Bewußtsein des Menschen
vollzogene Trennung zwischen Ich und Welt.
- Sein
ganzes Streben ist ein ohnmächtiges Ringen nach der Versöhnung dieser
Gegensätze, die er bald Geist und Materie, bald Subjekt und
Objekt, bald Denken und Erscheinung nennt.
- Er
hat ein Gefühl, daß es eine Brücke geben muß zwischen den beiden Welten,
aber er ist nicht imstande, sie zu finden.
- Indem
der Mensch sich als “Ich” erlebt, kann er nicht anders als dieses “Ich”
auf der Seite des Geistes denken; und indem er diesem Ich die Welt
entgegensetzt, muß er zu dieser die den Sinnen gegebene Wahrnehmungswelt
rechnen, die materielle Welt.
- Dadurch
stellt sich der Mensch selbst in den Gegensatz Geist und Materie hinein.
- Er
muß dies um so mehr tun, als zur materiellen Welt sein eigener Leib
gehört.
- Das
“Ich” gehört so dem Geistigen als ein Teil an; die materiellen Dinge
und Vorgänge, die von den Sinnen wahrgenommen werden, der “Welt”.
- Alle
Rätsel, die sich auf Geist und Materie beziehen, muß der Mensch in dem
Grundrätsel seines eigenen Wesens wiederfinden.
- Der
Monismus richtet den Blick allein auf die Einheit und sucht die
einmal vorhandenen Gegensätze zu leugnen oder zu verwischen.
- Keine
von den beiden Anschauungen kann befriedigen, denn sie werden den
Tatsachen nicht gerecht.
- Der
Dualismus sieht Geist (Ich) und Materie (Welt) als zwei grundverschiedene
Wesenheiten an, und kann deshalb nicht begreifen, wie beide aufeinander
wirken können.
- Wie
soll der Geist wissen, was in der Materie vorgeht, wenn ihm deren
eigentümliche Natur ganz fremd ist?
- Oder
wie soll er unter diesen Umständen auf sie wirken, so daß sich seine
Absichten in Taten umsetzen?
- Die
scharfsinnigsten und die widersinnigsten Hypothesen wurden aufgestellt, um
diese Fragen zu lösen.
- Aber
auch mit dem Monismus steht es bis heute nicht viel besser.
- Er
hat sich bis jetzt in einer dreifachen Art zu helfen gesucht: Entweder er
leugnet den Geist und wird zum Materialismus; oder er leugnet die Materie,
um im Spiritualismus sein Heil zu suchen; oder aber er behauptet, daß auch
schon in dem einfachsten Weltwesen Materie und Geist untrennbar verbunden
seien, weswegen man gar nicht erstaunt zu sein brauchte, wenn in dem
Menschen diese zwei Daseinsweisen auftreten, die ja nirgends getrennt sind.
- Der
Materialismus kann niemals eine befriedigende Welterklärung
liefern.
- Denn
jeder Versuch einer Erklärung muß damit beginnen, daß man sich Gedanken
über die Welterscheinungen bildet.
- Der
Materialismus macht deshalb den Anfang mit dem Gedanken der Materie
oder der materiellen Vorgänge.
- Damit
hat er bereits zwei verschiedene Tatsachengebiete vor sich: die materielle
Welt und die Gedanken über sie.
- Er sucht
die letzteren dadurch zu begreifen, daß er sie als einen rein materiellen
Prozeß auffaßt.
- Er
glaubt, daß das Denken im Gehirne etwa so zustande komme, wie die
Verdauung in den animalischen Organen.
- So
wie er der Materie mechanische und organische Wirkungen zuschreibt, so
legt er ihr auch die Fähigkeit bei, unter bestimmten Bedingungen zu
denken.
- Er
vergißt, daß er nun das Problem nur an einen andern Ort verlegt hat.
- Statt
sich selbst, schreibt er die Fähigkeit des Denkens der Materie zu.
- Und
damit ist er wieder an seinem Ausgangspunkte.
- Wie
kommt die Materie dazu, über ihr eigenes Wesen nachzudenken?
- Warum
ist sie nicht einfach mit sich zufrieden und nimmt ihr Dasein hin?
- Von
dem bestimmten Subjekt, von unserem eigenen Ich hat der Materialist den
Blick abgewandt und auf ein unbestimmtes, nebelhaftes Gebilde ist er
gekommen.
- Und
hier tritt ihm dasselbe Rätsel entgegen.
- Die
materialistische Anschauung vermag das Problem nicht zu lösen, sondern nur
zu verschieben.
- Wie
steht es mit der spiritualistischen?
- Der
reine Spiritualist leugnet die Materie in ihrem selbständigen
Dasein und faßt sie nur als Produkt des Geistes auf.
- Wendet
er diese Weltanschauung auf die Enträtselung der eigenen menschlichen
Wesenheit an, so wird er in die Enge getrieben.
- Dem
Ich, das auf die Seite des Geistes gestellt werden kann, steht
unvermittelt gegenüber die sinnliche Welt.
- Zu
dieser scheint ein geistiger Zugang sich nicht zu eröffnen, sie muß
durch materielle Prozesse von dem Ich wahrgenommen und erlebt werden.
- Solche
materielle Prozesse findet das “Ich” in sich nicht, wenn es sich nur als
geistige Wesenheit gelten lassen will.
- Was
es geistig sich erarbeitet, in dem ist nie die Sinneswelt drinnen.
- Es
scheint das “Ich” zugeben zu müssen, daß ihm die Welt verschlossen bliebe,
wenn es nicht sich auf ungeistige Art zu ihr in ein Verhältnis setzte.
- Ebenso
müssen wir, wenn wir ans Handeln gehen, unsere Absichten mit Hilfe der
materiellen Stoffe und Kräfte in Wirklichkeit um setzen.
- Wir
sind also auf die Außenwelt angewiesen.
- Der
extremste Spiritualist, oder wenn man will, der durch den absoluten
Idealismus sich als extremer Spiritualist darstellende Denker ist Johann
Gottlieb Fichte.
- Er
versuchte das ganze Weltgebäude aus dem “Ich” abzuleiten.
- Was
ihm dabei wirklich gelungen ist, ist ein großartiges Gedankenbild der
Welt, ohne allen Erfahrungsinhalt.
- So
wenig es dem Materialisten möglich ist, den Geist, ebensowenig ist es dem
Spiritualisten möglich, die materielle Außenwelt wegzudekretieren.
- Weil
der Mensch, wenn er die Erkenntnis auf das “Ich” lenkt, zunächst das
Wirken dieses “Ich” in der gedanklichen Ausgestaltung der Ideenwelt
wahrnimmt, kann sich die spiritualistisch gerichtete Weltanschauung beim
Hinblicke auf die eigene menschliche Wesenheit versucht fühlen, von dem
Geiste nur diese Ideenwelt anzuerkennen.
- Der
Spiritualismus wird auf diese Art zum einseitigen Idealismus.
- Er
kommt nicht dazu, durch die Ideenwelt eine geistige Welt zu
suchen; er sieht in der Ideenwelt selbst die geistige Welt.
- Dadurch
wird er dazu getrieben, innerhalb der Wirksamkeit des “Ich” selbst, wie
festgebannt, mit seiner Weltanschauung stehen bleiben zu müssen.
- Eine
merkwürdige Abart des Idealismus ist die Anschauung Friedrich Albert
Langes, wie er sie in seiner vielgelesenen “Geschichte des
Materialismus” vertreten hat.
- Er
nimmt an, daß der Materialismus ganz recht habe, wenn er alle
Welterscheinungen, einschließlich unseres Denkens, für das Produkt rein
stofflicher Vorgänge erklärt; nur sei umgekehrt die Materie und ihre
Vorgänge selbst wieder ein Produkt unseres Denkens.
- “Die
Sinne geben uns ... Wirkungen der Dinge, nicht getreue Bilder, oder
gar die Dinge selbst.
- Zu
diesen bloßen Wirkungen gehören aber auch die Sinne selbst samt dem Hirn
und den in ihm gedachten Molekularbewegungen.”
- Das
heißt, unser Denken wird von den materiellen Prozessen erzeugt und diese
von dem Denken des “Ich”.
- Langes
Philosophie ist somit nichts anderes, als die in Begriffe umgesetzte
Geschichte des wackeren Münchhausen, der sich an seinem eigenen Haarschopf
frei in der Luft festhält.
- Die
dritte Form des Monismus ist die, welche in dem einfachsten Wesen (Atom)
bereits die beiden Wesenheiten, Materie und Geist, vereinigt sieht.
- Damit
ist aber auch nichts erreicht, als daß die Frage, die eigentlich in
unserem Bewußtsein entsteht, auf einen anderen Schauplatz versetzt wird.
- Wie
kommt das einfache Wesen dazu, sich in einer zweifachen Weise zu äußern,
wenn es eine ungetrennte Einheit ist?
- Allen
diesen Standpunkten gegenüber muß geltend gemacht werden, daß uns der
Grund, und Urgegensatz zuerst in unserem eigenen Bewußtsein entgegentritt.
- Wir
sind es selbst, die wir uns von dem Mutterboden der Natur loslösen, und
uns als “Ich” der “Welt” gegenüberstellen.
- Klassisch
spricht das Goethe in seinem Aufsatz “Die Natur” aus, wenn auch
seine Art zunächst als ganz unwissenschaftlich gelten mag: “Wir leben
mitten in ihr (der Natur) und sind ihr fremde. Sie spricht
unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht.”
- Aber
auch die Kehrseite kennt Goethe: “Die Menschen sind alle in ihr und sie in
allen.”
- So
wahr es ist, daß wir uns der Natur entfremdet haben, so wahr ist es, daß
wir fühlen: wir sind in ihr und gehören zu ihr.
- Es
kann nur ihr eigenes Wirken sein, das auch in uns lebt.
- Wir
müssen den Weg zu ihr zurück wieder finden.
- Eine
einfache Überlegung kann uns diesen Weg weisen.
- Wir
haben uns zwar losgerissen von der Natur; aber wir müssen doch etwas mit
herübergenommen haben in unser eigenes Wesen.
- Dieses
Naturwesen in uns müssen wir aufsuchen, dann werden wir den Zusammenhang
auch wieder finden.
- Das
versäumt der Dualismus.
- Er
hält das menschliche Innere für ein der Natur ganz fremdes Geistwesen und
sucht dieses an die Natur anzukoppeln.
- Kein
Wunder, daß er das Bindeglied nicht finden kann.
- Wir
können die Natur außer uns nur finden, wenn wir sie in uns erst
kennen.
- Das
ihr Gleiche in unserem eigenen Innern wird uns der Führer sein.
- Damit
ist uns unsere Bahn vorgezeichnet.
- Wir
wollen keine Spekulationen anstellen über die Wechselwirkung von Natur und
Geist.
- Wir
wollen aber hinuntersteigen in die Tiefen unseres eigenen Wesens, um da
jene Elemente zu finden, die wir herübergerettet haben bei unserer Flucht
aus der Natur.
- Die
Erforschung unseres Wesens muß uns die Lösung des Rätsels bringen.
- Wir
müssen an einen Punkt kommen, wo wir uns sagen können: Hier sind wir nicht
mehr bloß “Ich”, hier liegt etwas, was mehr als “Ich” ist.
- Ich
bin darauf gefaßt, daß mancher, der bis hierher gelesen hat, meine
Ausführungen nicht “dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft” gemäß
findet.
- Ich
kann dem gegenüber nur erwidern, daß ich es bisher mit keinerlei
wissenschaftlichen Resultaten zu tun haben wollte, sondern mit der
einfachen Beschreibung dessen, was jedermann in seinem eigenen Bewußtsein
erlebt.
- Daß
dabei auch einzelne Sätze über Versöhnungsversuche des Bewußtseins mit der
Welt eingeflossen sind, hat nur den Zweck, die eigentlichen Tatsachen zu
verdeutlichen.
- Ich
habe deshalb auch keinen Wert darauf gelegt, die einzelnen Ausdrücke, wie
“Ich”, “Geist”, “Welt”, “Natur” und so weiter in der präzisen Weise zu
gebrauchen, wie es in der Psychologie und Philosophie üblich ist.
- Das
alltägliche Bewußtsein kennt die scharfen Unterschiede der Wissenschaft
nicht, und um eine Aufnahme des alltäglichen Tatbestandes handelte es sich
bisher bloß.
- Nicht
wie die Wissenschaft bisher das Bewußtsein interpretiert hat, geht mich
an, sondern wie sich dasselbe stündlich darlebt.
-
- Kapitel 3 - Das Denken im Dienste der Weltauffassung
- Wenn
ich beobachte, wie eine Billardkugel, die gestoßen wird, ihre Bewegung auf
eine andere überträgt, so bleibe ich auf den Verlauf dieses beobachteten
Vorganges ganz ohne Einfluß.
- Die
Bewegungsrichtung und Schnelligkeit der zweiten Kugel ist durch die
Richtung und Schnelligkeit der ersten bestimmt.
- Solange
ich mich bloß als Beobachter verhalte, weiß ich über die Bewegung der
zweiten Kugel erst dann etwas zu sagen, wenn dieselbe eingetreten ist.
- Anders
ist die Sache, wenn ich über den Inhalt meiner Beobachtung nachzudenken
beginne.
- Mein
Nachdenken hat den Zweck, von dem Vorgange Begriffe zu bilden.
- Ich
bringe den Begriff einer elastischen Kugel in Verbindung mit gewissen
anderen Begriffen der Mechanik und ziehe die besonderen Umstände in
Erwägung, die in dem vorkommenden Falle obwalten.
- Ich
suche also zu dem Vorgange, der sich ohne mein Zutun abspielt, einen
zweiten hinzuzufügen, der sich in der begrifflichen Sphäre vollzieht.
- Der
letztere ist von mir abhängig.
- Das
zeigt sich dadurch, daß ich mich mit der Beobachtung begnügen und auf
alles Begriffesuchen verzichten kann, wenn ich kein Bedürfnis danach habe.
- Wenn
dieses Bedürfnis aber vorhanden ist, dann beruhige ich mich erst, wenn ich
die Begriffe: Kugel, Elastizität, Bewegung, Stoß, Geschwindigkeit usw. in
eine gewisse Verbindung gebracht habe, zu welcher der beobachtete Vorgang
in einem bestimmten Verhältnisse steht.
- So
gewiß es nun ist, daß sich der Vorgang unabhängig von mir vollzieht, so
gewiß ist es, daß sich der begriffliche Prozeß ohne mein Zutun nicht
abspielen kann.
- Ob
diese meine Tätigkeit wirklich der Ausfluß meines selbständigen Wesens
ist, oder ob die modernen Physiologen recht haben, welche sagen, daß wir
nicht denken können, wie wir wollen, sondern denken müssen, wie es die
gerade in unserem Bewußtsein vorhandenen Gedanken und Gedankenverbindungen
bestimmen (vergleiche Ziehen, Leitfaden der physiologischen
Psychologie, Jena 1893, S. 171), wird Gegenstand einer späteren
Auseinandersetzung sein.
- Vorläufig
wollen wir bloß die Tatsache feststellen, daß wir uns fortwährend
gezwungen fühlen, zu den ohne unser Zutun uns gegebenen Gegenständen und
Vorgängen Begriffe und Begriffsverbindungen zu suchen, die zu jenen in
einer gewissen Beziehung stehen.
- Ob
dies Tun in Wahrheit unser Tun ist, oder ob wir es einer
unabänderlichen Notwendigkeit gemäß vollziehen, lassen wir vorläufig
dahingestellt.
- Daß
es uns zunächst als das unsrige erscheint, ist ohne Frage.
- Wir
wissen ganz genau, daß uns mit den Gegenständen nicht zugleich deren
Begriffe mitgegeben werden.
- Daß
ich selbst der Tätige bin, mag auf einem Schein beruhen; der unmittelbaren
Beobachtung stellt sich die Sache jedenfalls so dar.
- Die
Frage ist nun: was gewinnen wir dadurch, daß wir zu einem Vorgange ein
begriffliches Gegenstück hinzufinden?
- Es
ist ein tiefgreifender Unterschied zwischen der Art, wie sich für mich die
Teile eines Vorganges zueinander verhalten vor und nach der Auffindung der
entsprechenden Begriffe.
- Die
bloße Beobachtung kann die Teile eines gegebenen Vorganges in ihrem
Verlaufe verfolgen; ihr Zusammenhang bleibt aber vor der Zuhilfenahme von
Begriffen dunkel.
- Ich
sehe die erste Billardkugel in einer gewissen Richtung und mit einer
bestimmten Geschwindigkeit gegen die zweite sich bewegen; was nach
erfolgtem Stoß geschieht, muß ich abwarten und kann es dann auch wieder
nur mit den Augen verfolgen.
- Nehmen
wir an, es verdecke mir im Augenblicke des Stoßes jemand das Feld, auf dem
der Vorgang sich abspielt, so bin ich — als bloßer Beobachter — ohne
Kenntnis, was nachher geschieht.
- Anders
ist das, wenn ich für die Konstellation der Verhältnisse vor dem Verdecken
die entsprechenden Begriffe gefunden habe.
- In
diesem Falle kann ich angeben, was geschieht, auch wenn die Möglichkeit
der Beobachtung aufhört.
- Ein
bloß beobachteter Vorgang oder Gegenstand ergibt aus sich selbst nichts
über seinen Zusammenhang mit anderen Vorgängen oder Gegenständen.
- Dieser
Zusammenhang wird erst ersichtlich, wenn sich die Beobachtung mit dem
Denken verbindet.
- Beobachtung
und Denken sind die beiden Ausgangspunkte für alles geistige
Streben des Menschen, insoferne er sich eines solchen bewußt ist.
- Die
Verrichtungen des gemeinen Menschenverstandes und die verwickeltesten wissenschaftlichen
Forschungen ruhen auf diesen beiden Grundsäulen unseres Geistes.
- Die
Philosophen sind von verschiedenen Urgegensätzen ausgegangen: Idee und
Wirklichkeit, Subjekt und Objekt, Erscheinung und Ding an sich, Ich und
Nicht-Ich, Idee und Wille, Begriff und Materie, Kraft und Stoff, Bewußtes
und Unbewußtes.
- Es
läßt sich aber leicht zeigen, daß allen diesen Gegensätzen der von Beobachtung
und Denken, als der für den Menschen wichtigste, vorangehen muß.
- Was
für ein Prinzip wir auch aufstellen mögen: wir müssen es irgendwo als von
uns beobachtet nachweisen, oder in Form eines klaren Gedankens, der von
jedem anderen nachgedacht werden kann, aussprechen.
- Jeder
Philosoph, der anfängt über seine Urprinzipien zu sprechen, muß sich der
begrifflichen Form, und damit des Denkens bedienen.
- Er
gibt damit indirekt zu, daß er zu seiner Betätigung das Denken bereits
voraussetzt.
- Ob
das Denken oder irgend etwas anderes Hauptelement der Weltentwickelung
ist, darüber werde hier noch nichts ausgemacht.
- Daß
aber der Philosoph ohne das Denken kein Wissen darüber gewinnen kann, das
ist von vornherein klar.
- Beim
Zustandekommen der Welterscheinungen mag das Denken eine Nebenrolle
spielen, beim Zustandekommen einer Ansicht darüber kommt ihm aber sicher
eine Hauptrolle zu.
- Was
nun die Beobachtung betrifft, so liegt es in unserer Organisation, daß wir
derselben bedürfen.
- Unser
Denken über ein Pferd und der Gegenstand Pferd sind zwei Dinge, die für
uns getrennt auftreten.
- Und
dieser Gegenstand ist uns nur durch Beobachtung zugänglich.
- So
wenig wir durch das bloße Anstarren eines Pferdes uns einen Begriff von
demselben machen können, ebensowenig sind wir imstande, durch bloßes
Denken einen entsprechenden Gegenstand hervorzubringen.
- Zeitlich
geht die Beobachtung sogar dem Denken voraus.
- Denn
auch das Denken müssen wir erst durch Beobachtung kennenlernen.
- Es
war wesentlich die Beschreibung einer Beobachtung, als wir am Eingange
dieses Kapitels darstellten, wie sich das Denken an einem Vorgange
entzündet und über das ohne sein Zutun Gegebene hinausgeht.
- Alles
was in den Kreis unserer Erlebnisse eintritt, werden wir durch die
Beobachtung erst gewahr.
- Der
Inhalt von Empfindungen, Wahrnehmungen, Anschauungen, die Gefühle,
Willensakte, Traum- und Phantasiegebilde, Vorstellungen, Begriffe und
Ideen, sämtliche Illusionen und Halluzinationen werden uns durch die Beobachtung
gegeben.
- Nur
unterscheidet sich das Denken als Beobachtungsobjekt doch wesentlich von
allen andern Dingen.
- Die
Beobachtung eines Tisches, eines Baumes tritt bei mir ein, sobald diese
Gegenstände auf dem Horizonte meiner Erlebnisse auftauchen.
- Das
Denken aber über diese Gegenstände beobachte ich nicht gleichzeitig.
- Den
Tisch beobachte ich, das Denken über den Tisch führe ich aus, aber ich
beobachte es nicht in demselben Augenblicke.
- Ich
muß mich erst auf einen Standpunkt außerhalb meiner eigenen Tätigkeit
versetzen, wenn ich neben dem Tische auch mein Denken über den Tisch
beobachten will.
- Während
das Beobachten der Gegenstände und Vorgänge und das Denken darüber ganz
alltägliche, mein fortlaufendes Leben ausfüllende Zustände sind, ist die
Beobachtung des Denkens eine Art Ausnahmezustand.
- Diese
Tatsache muß in entsprechender Weise berücksichtigt werden, wenn es sich
darum handelt, das Verhältnis des Denkens zu allen anderen
Beobachtungsinhalten zu bestimmen.
- Man
muß sich klar darüber sein, daß man bei der Beobachtung des Denkens auf
dieses ein Verfahren anwendet, das für die Betrachtung des ganzen übrigen
Weltinhaltes den normalen Zustand bildet, das aber im Verfolge dieses
normalen Zustandes für das Denken selbst nicht eintritt.
- Es
könnte jemand den Einwand machen, daß das gleiche, was ich hier von dem
Denken bemerkt habe, auch von dem Fühlen und den übrigen geistigen
Tätigkeiten gelte.
- Wenn
wir zum Beispiel das Gefühl der Lust haben, so entzünde sich das auch an
einem Gegenstande, und ich beobachte zwar diesen Gegenstand, nicht aber das
Gefühl der Lust.
- Dieser
Einwand beruht aber auf einem Irrtum.
- Die
Lust steht durchaus nicht in demselben Verhältnisse zu ihrem Gegenstande
wie der Begriff, den das Denken bildet.
- Ich
bin mir auf das bestimmteste bewußt, daß der Begriff einer Sache durch
meine Tätigkeit gebildet wird, während die Lust in mir auf ähnliche Art
durch einen Gegenstand erzeugt wird, wie zum Beispiel die Veränderung, die
ein fallender Stein in einem Gegenstande bewirkt, auf den er auffällt.
- Für
die Beobachtung ist die Lust in genau derselben Weise gegeben, wie der sie
veranlassende Vorgang.
- Ein
gleiches gilt nicht vom Begriffe.
- Ich
kann fragen: warum erzeugt ein bestimmter Vorgang bei mir das Gefühl der
Lust?
- Aber
ich kann durchaus nicht fragen: warum erzeugt ein Vorgang bei mir eine
bestimmte Summe von Begriffen?
- Das
hätte einfach keinen Sinn.
- Bei
dem Nachdenken über einen Vorgang handelt es sich gar nicht um eine
Wirkung auf mich.
- Ich
kann dadurch nichts über mich erfahren, daß ich für die beobachtete
Veränderung, die ein gegen eine Fensterscheibe geworfener Stein in dieser
bewirkt, die entsprechenden Begriffe kenne.
- Aber
ich erfahre sehr wohl etwas über meine Persönlichkeit, wenn ich das Gefühl
kenne, das ein bestimmter Vorgang in mir erweckt.
- Wenn
ich einem beobachteten Gegenstand gegenüber sage: dies ist eine Rose, so
sage ich über mich selbst nicht das geringste aus; wenn ich aber von
demselben Dinge sage: es bereitet mir das Gefühl der Lust, so habe ich
nicht nur die Rose, sondern auch mich selbst in meinem Verhältnis zur Rose
charakterisiert.
- Von
einer Gleichstellung des Denkens mit dem Fühlen der Beobachtung gegenüber
kann also nicht die Rede sein.
- Dasselbe
ließe sich leicht auch für die andern Tätigkeiten des menschlichen Geistes
ableiten.
- Sie
gehören dem Denken gegenüber in eine Reihe mit anderen beobachteten
Gegenständen und Vorgängen.
- Es
gehört eben zu der eigentümlichen Natur des Denkens, daß es eine Tätigkeit
ist, die bloß auf den beobachteten Gegenstand gelenkt ist und nicht auf
die denkende Persönlichkeit.
- Das
spricht sich schon in der Art aus, wie wir unsere Gedanken über eine Sache
zum Ausdruck bringen im Gegensatz zu unseren Gefühlen oder Willensakten.
- Wenn
ich einen Gegenstand sehe und diesen als einen Tisch erkenne, werde ich im
allgemeinen nicht sagen: ich denke über einen Tisch, sondern: dies ist ein
Tisch.
- Wohl
aber werde ich sagen: ich freue mich über den Tisch.
- Im
ersteren Falle kommt es mir eben gar nicht darauf an, auszusprechen, daß
ich zu dem Tisch in ein Verhältnis trete; in dem zweiten Falle handelt es
sich aber gerade um dieses Verhältnis.
- Mit
dem Ausspruch: ich denke über einen Tisch, trete ich bereits in den oben
charakterisierten Ausnahmezustand ein, wo etwas zum Gegenstand der
Beobachtung gemacht wird, was in unserer geistigen Tätigkeit immer
mitenthalten ist, aber nicht als beobachtetes Objekt.
- Das
ist die eigentümliche Natur des Denkens, daß der Denkende das Denken
vergißt, während er es ausübt.
- Nicht
das Denken beschäftigt ihn, sondern der Gegenstand des Denkens, den er
beobachtet.
- Die
erste Beobachtung, die wir über das Denken machen, ist also die, daß es
das unbeobachtete Element unseres gewöhnlichen Geisteslebens ist.
- Der
Grund, warum wir das Denken im alltäglichen Geistesleben nicht beobachten,
ist kein anderer als der, daß es auf unserer eigenen Tätigkeit beruht.
- Was
ich nicht selbst hervorbringe, tritt als ein Gegenständliches in mein
Beobachtungsfeld ein.
- Ich
sehe mich ihm als einem ohne mich zustande Gekommenen gegenüber; es tritt
an mich heran; ich muß es als die Voraussetzung meines Denkprozesses
hinnehmen.
- Während
ich über den Gegenstand nachdenke, bin ich mit diesem beschäftigt, mein
Blick ist ihm zugewandt.
- Diese
Beschäftigung ist eben die denkende Betrachtung.
- Nicht
auf meine Tätigkeit, sondern auf das Objekt dieser Tätigkeit ist meine
Aufmerksamkeit gerichtet.
- Mit
anderen Worten: während ich denke, sehe ich nicht auf mein Denken, das ich
selbst hervorbringe, sondern auf das Objekt des Denkens, das ich nicht
hervorbringe.
- Ich
bin sogar in demselben Fall, wenn ich den Ausnahmezustand eintreten lasse,
und über mein Denken selbst nachdenke.
- Ich
kann mein gegenwärtiges Denken nie beobachten; sondern nur die
Erfahrungen, die ich über meinen Denkprozeß gemacht habe, kann ich nachher
zum Objekt des Denkens machen.
- Ich
müßte mich in zwei Persönlichkeiten spalten: in eine, die denkt, und in
die andere, welche sich bei diesem Denken selbst zusieht, wenn ich mein
gegenwärtiges Denken beobachten wollte.
- Das
kann ich nicht.
- Ich
kann das nur in zwei getrennten Akten ausführen.
- Das
Denken, das beobachtet werden soll, ist nie das dabei in Tätigkeit
befindliche, sondern ein anderes.
- Ob
ich zu diesem Zwecke meine Beobachtungen an meinem eigenen früheren Denken
mache, oder ob ich den Gedankenprozeß einer anderen Person verfolge, oder
endlich, ob ich, wie im obigen Falle mit der Bewegung der Billardkugeln,
einen fingierten Gedankenprozeß voraussetze, darauf kommt es nicht an.
- Zwei
Dinge vertragen sich nicht: tätiges Hervorbringen und beschauliches
Gegenüberstellen.
- Das
weiß schon das erste Buch Moses.
- An
den ersten sechs Welttagen läßt es Gott die Welt hervorbringen, und erst
als sie da ist, ist die Möglichkeit vorhanden, sie zu beschauen:
- “Und
Gott sahe an alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut.”
- So
ist es auch mit unserem Denken.
- Es
muß erst da sein, wenn wir es beobachten wollen.
- Der
Grund, der es uns unmöglich macht, das Denken in seinem jeweilig
gegenwärtigen Verlauf zu beobachten, ist der gleiche wie der, der es uns
unmittelbarer und intimer erkennen läßt als jeden andern Prozeß der Welt.
- Eben
weil wir es selbst hervorbringen, kennen wir das Charakteristische seines
Verlaufs, die Art, wie sich das dabei in Betracht kommende Geschehen
vollzieht.
- Was
in den übrigen Beobachtungssphären nur auf mittelbare Weise gefunden
werden kann: der sachlich-entsprechende Zusammenhang und das Verhältnis
der einzelnen Gegenstände, das wissen wir beim Denken auf ganz
unmittelbare Weise.
- Warum
für meine Beobachtung der Donner auf den Blitz folgt, weiß ich nicht ohne
weiteres; warum mein Denken den Begriff Donner mit dem des Blitzes
verbindet, weiß ich unmittelbar aus den Inhalten der beiden Begriffe.
- Es
kommt natürlich gar nicht darauf an, ob ich die richtigen Begriffe von
Blitz und Donner habe.
- Der
Zusammenhang derer, die ich habe, ist mir klar, und zwar durch sie selbst.
- Diese
durchsichtige Klarheit in bezug auf den Denkprozeß ist ganz unabhängig von
unserer Kenntnis der physiologischen Grundlagen des Denkens.
- Ich
spreche hier von dem Denken, insoferne es sich aus der Beobachtung unserer
geistigen Tätigkeit ergibt.
- Wie
ein materieller Vorgang meines Gehirns einen andern veranlaßt oder
beeinflußt, während ich eine Gedankenoperation ausführe, kommt dabei gar
nicht in Betracht.
- Was
ich am Denken beobachte, ist nicht: welcher Vorgang in meinem Gehirne den
Begriff des Blitz es mit dem des Donners verbindet, sondern, was mich
veranlaßt, die beiden Begriffe in ein bestimmtes Verhältnis zu bringen.
- Meine
Beobachtung ergibt, daß mir für meine Gedankenverbindungen nichts
vorliegt, nach dem ich mich richte, als der Inhalt meiner Gedanken; nicht
nach den materiellen Vorgängen in meinem Gehirn richte ich mich.
- Für
ein weniger materialistisches Zeitalter als das unsrige wäre diese
Bemerkung natürlich vollständig überflüssig.
- Gegenwärtig
aber, wo es Leute gibt, die glauben: wenn wir wissen, was Materie ist,
werden wir auch wissen, wie die Materie denkt, muß doch gesagt werden, daß
man vom Denken reden kann, ohne sogleich mit der Gehirnphysiologie in
Kollision zu treten.
- Es
wird heute sehr vielen Menschen schwer, den Begriff des Denkens in seiner
Reinheit zu fassen.
- Wer
der Vorstellung, die ich hier vom Denken entwickelt habe, sogleich den
Satz des Cabanis entgegensetzt: “Das Gehirn sondert Gedanken ab wie
die Leber Galle, die Speicheldrüse Speichel usw.”, der weiß einfach nicht,
wovon ich rede.
- Er
sucht das Denken durch einen bloßen Beobachtungsprozeß zu finden in
derselben Art, wie wir bei anderen Gegenständen des Weltinhaltes
verfahren.
- Er
kann es aber auf diesem Wege nicht finden, weil es sich, wie ich
nachgewiesen habe, gerade da der normalen Beobachtung entzieht.
- Wer
den Materialismus nicht überwinden kann, dem fehlt die Fähigkeit, bei sich
den geschilderten Ausnahmezustand herbeizuführen, der ihm zum Bewußtsein
bringt, was bei aller andern Geistestätigkeit unbewußt bleibt.
- Wer
den guten Willen nicht hat, sich in diesen Standpunkt zu versetzen, mit
dem könnte man über das Denken so wenig wie mit dem Blinden über die Farbe
sprechen.
- Er
möge nur aber nicht glauben, daß wir physiologische Prozesse für Denken
halten.
- Er
erklärt das Denken nicht, weil er es überhaupt nicht sieht.
- Für
jeden aber, der die Fähigkeit hat, das Denken zu beobachten — und bei
gutem Willen hat sie jeder normal organisierte Mensch —, ist diese
Beobachtung die allerwichtigste, die er machen kann.
- Denn
er beobachtet etwas, dessen Hervorbringer er selbst ist; er sieht sich
nicht einem zunächst fremden Gegenstande, sondern seiner eigenen Tätigkeit
gegenüber.
- Er
weiß, wie das zustande kommt, was er beobachtet.
- Er
durchschaut die Verhältnisse und Beziehungen.
- Es
ist ein fester Punkt gewonnen, von dem aus man mit begründeter Hoffnung
nach der Erklärung der übrigen Welterscheinungen suchen kann.
- Das
Gefühl, einen solchen festen Punkt zu haben, veranlaßte den Begründer der
neueren Philosophie, Renatus Cartesius, das ganze menschliche Wissen auf
den Satz zu gründen: Ich denke, also bin ich.
- Alle
andern Dinge, alles andere Geschehen ist ohne mich da; ich weiß nicht, ob
als Wahrheit, ob als Gaukelspiel und Traum.
- Nur
eines weiß ich ganz unbedingt sicher, denn ich bringe es selbst zu seinem
sichern Dasein: mein Denken.
- Mag
es noch einen andern Ursprung seines Daseins haben, mag es von Gott oder
anderswoher kommen; daß es in dem Sinne da ist, in dem ich es selbst
hervorbringe, dessen bin ich gewiß.
- Einen
andern Sinn seinem Satze unterzulegen hatte Cartesius zunächst keine
Berechtigung.
- Nur
daß ich mich innerhalb des Weltinhaltes in meinem Denken als in meiner
ureigensten Tätigkeit erfasse, konnte er behaupten.
- Was
das darangehängte: also bin ich heißen soll, darüber ist viel
gestritten worden.
- Einen
Sinn kann es aber nur unter einer einzigen Bedingung haben.
- Die
einfachste Aussage, die ich von einem Dinge machen kann, ist die, daß es ist,
daß es existiert.
- Wie
dann dieses Dasein näher zu bestimmen ist, das ist bei keinem Dinge, das
in den Horizont meiner Erlebnisse eintritt, sogleich im Augenblicke zu
sagen.
- Es
wird jeder Gegenstand erst in seinem Verhältnisse zu andern zu untersuchen
sein, um bestimmen zu können, in welchem Sinne von ihm als einem
existierenden gesprochen werden kann.
- Ein
erlebter Vorgang kann eine Summe von Wahrnehmungen, aber auch ein Traum,
eine Halluzination und so weiter sein.
- Kurz,
ich kann nicht sagen, in welchem Sinne er existiert.
- Das
werde ich dem Vorgange selbst nicht entnehmen können, sondern ich werde es
erfahren, wenn ich ihn im Verhältnisse zu andern Dingen betrachte.
- Da
kann ich aber wieder nicht mehr wissen, als wie er im Verhältnisse
zu diesen Dingen steht.
- Mein
Suchen kommt erst auf einen festen Grund, wenn ich ein Objekt finde, bei
dem ich den Sinn seines Daseins aus ihm selbst schöpfen kann.
- Das
bin ich aber selbst als Denkender, denn ich gebe meinem Dasein den
bestimmten, in sich beruhenden Inhalt der denkenden Tätigkeit.
- Nun
kann ich von da ausgehen und fragen: Existieren die andern Dinge in dem
gleichen oder in einem andern Sinne?
- Wenn
man das Denken zum Objekt der Beobachtung macht, fügt man zu dem übrigen
beobachteten Weltinhalte etwas dazu, was sonst der Aufmerksamkeit entgeht;
man ändert aber nicht die Art, wie sich der Mensch auch den andern Dingen
gegenüber verhält.
- Man
vermehrt die Zahl der Beobachtungsobjekte, aber nicht die Methode des
Beobachtens.
- Während
wir die andern Dinge beobachten, mischt sich in das Weltgeschehen — zu dem
ich jetzt das Beobachten mitzähle — ein Prozeß, der übersehen wird.
- Es
ist etwas von allem andern Geschehen verschiedenes vorhanden, das nicht
mitberücksichtigt wird.
- Wenn
ich aber mein Denken betrachte, so ist kein solches unberücksichtigtes
Element vorhanden.
- Denn
was jetzt im Hintergrunde schwebt, ist selbst wieder nur das Denken.
- Der
beobachtete Gegenstand ist qualitativ derselbe wie die Tätigkeit, die sich
auf ihn richtet.
- Und
das ist wieder eine charakteristische Eigentümlichkeit des Denkens.
- Wenn
wir es zum Betrachtungsobjekt machen, sehen wir uns nicht gezwungen, dies
mit Hilfe eines Qualitativ-Verschiedenen zu tun, sondern wir können in
demselben Element verbleiben.
- Wenn
ich einen ohne mein Zutun gegebenen Gegenstand in mein Denken einspinne,
so gehe ich über meine Beobachtung hinaus, und es wird sich darum handeln:
was gibt mir ein Recht dazu?
- Warum
lasse ich den Gegenstand nicht einfach auf mich einwirken?
- Auf
welche Weise ist es möglich, daß mein Denken einen Bezug zu dem
Gegenstande hat?
- Das
sind Fragen, die sich jeder stellen muß, der über seine eigenen
Gedankenprozesse nachdenkt.
- Sie
fallen weg, wenn man über das Denken selbst nachdenkt.
- Wir
fügen zu dem Denken nichts ihm Fremdes hinzu, haben uns also auch über ein
solches Hinzufügen nicht zu rechtfertigen.
- Schelling
sagt: Die Natur erkennen, heißt die Natur schaffen.
- —
Wer diese Worte des kühnen Naturphilosophen wörtlich nimmt, wird wohl
zeitlebens auf alles Naturerkennen verzichten müssen.
- Denn
die Natur ist einmal da, und um sie ein zweites Mal zu schaffen, muß man
die Prinzipien erkennen, nach denen sie entstanden ist.
- Für
die Natur, die man erst schaffen wollte, müßte man der bereits bestehenden
die Bedingungen ihres Daseins abgucken.
- Dieses
Abgucken, das dem Schaffen vorausgehen müßte, wäre aber das Erkennen der
Natur, und zwar auch dann, wenn nach erfolgtem Abgucken das Schaffen ganz
unterbliebe.
- Nur
eine noch nicht vorhandene Natur könnte man schaffen, ohne sie vorher zu
erkennen.
- Was
bei der Natur unmöglich ist: das Schaffen vor dem Erkennen; beim Denken
vollbringen wir es.
- Wollten
wir mit dem Denken warten, bis wir es erkannt haben, dann kämen wir nie
dazu.
- Wir
müssen resolut darauf losdenken, um hinterher mittels der Beobachtung des
Selbstgetanen zu seiner Erkenntnis zu kommen.
- Der
Beobachtung des Denkens schaffen wir selbst erst ein Objekt.
- Für
das Vorhandensein aller anderen Objekte ist ohne unser Zutun gesorgt
worden.
- Leicht
könnte jemand meinem Satze: wir müssen denken, bevor wir das Denken
betrachten können, den andern als gleichberechtigt entgegenstellen: wir
können auch mit dem Verdauen nicht warten, bis wir den Vorgang des
Verdauens beobachtet haben.
- Das
wäre ein Einwand ähnlich dem, den Pascal dem Cartesius machte, indem er
behauptete, man könne auch sagen: ich gehe spazieren, also bin ich.
- Ganz
gewiß muß ich auch resolut verdauen, bevor ich den physiologischen Prozeß
der Verdauung studiert habe.
- Aber
mit der Betrachtung des Denkens ließe sich das nur vergleichen, wenn ich
die Verdauung hinterher nicht denkend betrachten, sondern essen und
verdauen wollte.
- Das
ist doch eben auch nicht ohne Grund, daß das Verdauen zwar nicht
Gegenstand des Verdauens, das Denken aber sehr wohl Gegenstand des Denkens
werden kann.
- Es
ist also zweifellos: in dem Denken halten wir das Weltgeschehen an einem
Zipfel, wo wir dabei sein müssen, wenn etwas zustandekommen soll.
- Und
das ist doch gerade das, worauf es ankommt.
- Das
ist gerade der Grund, warum mir die Dinge so rätselhaft gegenüberstehen:
daß ich an ihrem Zustandekommen so unbeteiligt bin.
- Ich
finde sie einfach vor; beim Denken aber weiß ich, wie es gemacht wird.
- Daher
gibt es keinen ursprünglicheren Ausgangspunkt für das Betrachten alles
Weltgeschehens als das Denken.
- Ich
möchte nun einen weitverbreiteten Irrtum noch erwähnen, der in bezug auf
das Denken herrscht.
- Er
besteht darin, daß man sagt: das Denken, so wie es an sich selbst ist, ist
uns nirgends gegeben.
- Das
Denken, das die Beobachtungen unserer Erfahrungen verbindet und mit einem
Netz von Begriffen durchspinnt, sei durchaus nicht dasselbe, wie
dasjenige, das wir hinterher wieder von den Gegenständen der Beobachtung
herausschälen und zum Gegenstande unserer Betrachtung machen.
- Was
wir erst unbewußt in die Dinge hineinweben, sei ein ganz anderes, als was
wir dann mit Bewußtsein wieder herauslösen.
- Wer
so schließt, der begreift nicht, daß es ihm auf diese Art gar nicht
möglich ist, dem Denken zu entschlüpfen.
- Ich
kann aus dem Denken gar nicht herauskommen, wenn ich das Denken betrachten
will.
- Wenn
man das vorbewußte Denken von dem nachher bewußten Denken unterscheidet,
so sollte man doch nicht vergessen, daß diese Unterscheidung eine ganz
äußerliche ist, die mit der Sache selbst gar nichts zu tun hat.
- Ich
mache eine Sache dadurch überhaupt nicht zu einer andern, daß ich sie
denkend betrachte.
- Ich
kann mir denken, daß ein Wesen mit ganz anders gearteten Sinnesorganen und
mit einer anders funktionierenden Intelligenz von einem Pferde eine ganz
andere Vorstellung habe als ich, aber ich kann mir nicht denken, daß mein
eigenes Denken dadurch ein anderes wird, daß ich es beobachte.
- Ich
beobachte selbst, was ich selbst vollbringe.
- Wie
mein Denken sich für eine andere Intelligenz ausnimmt als die meine, davon
ist jetzt nicht die Rede; sondern davon, wie es sich für mich ausnimmt.
- Jedenfalls
aber kann das Bild meines Denkens in einer andern Intelligenz nicht
ein wahreres sein als mein eigenes.
- Nur
wenn ich nicht selbst das denkende Wesen wäre, sondern das Denken mir als
Tätigkeit eines mir fremdartigen Wesens gegenüberträte, könnte ich davon
sprechen, daß mein Bild des Denkens zwar auf eine bestimmte Weise
auftrete; wie das Denken des Wesens aber an sich selber sei, das könne ich
nicht wissen.
- Mein
eigenes Denken von einem anderen Standpunkte aus anzusehen, liegt aber
vorläufig für mich nicht die geringste Veranlassung vor.
- Ich
betrachte ja die ganze übrige Welt mit Hilfe des Denkens.
- Wie
sollte ich bei meinem Denken hiervon eine Ausnahme machen?
- Damit
betrachte ich für genügend gerechtfertigt, wenn ich in meiner
Weltbetrachtung von dem Denken ausgehe.
- Als
Archimedes den Hebel erfunden hatte, da glaubte er mit seiner Hilfe den
ganzen Kosmos aus den Angeln heben zu können, wenn er nur einen Punkt
fände, wo er sein Instrument aufstützen könnte.
- Er
brauchte etwas, was durch sich selbst, nicht durch anderes getragen wird.
- Im
Denken haben wir ein Prinzip, das durch sich selbst besteht.
- Von
hier aus sei es versucht, die Welt zu begreifen.
- Das
Denken können wir durch es selbst erfassen.
- Die
Frage ist nur, ob wir durch dasselbe auch noch etwas anderes ergreifen
können.
- Ich
habe bisher von dem Denken gesprochen, ohne auf seinen Träger, das
menschliche Bewußtsein, Rücksicht zu nehmen.
- Die
meisten Philosophen der Gegenwart werden mir einwenden: bevor es ein
Denken gibt, muß es ein Bewußtsein geben.
- Deshalb
sei vom Bewußtsein und nicht vom Denken auszugehen.
- Es
gebe kein Denken ohne Bewußtsein.
- Ich
muß dem gegenüber erwidern: Wenn ich darüber Aufklärung haben will,
welches Verhältnis zwischen Denken und Bewußtsein besteht, so muß ich
darüber nachdenken.
- Ich
setze das Denken damit voraus.
- Nun
kann man darauf allerdings antworten: Wenn der Philosoph das Bewußtsein begreifen
will, dann bedient er sich des Denkens; er setzt es insoferne voraus;
im gewöhnlichen Verlaufe des Lebens aber entsteht das Denken innerhalb des
Bewußtseins und setzt also dieses voraus.
- Wenn
diese Antwort dem Weltschöpfer gegeben würde, der das Denken schaffen
will, so wäre sie ohne Zweifel berechtigt.
- Man
kann natürlich das Denken nicht entstehen lassen, ohne vorher das Bewußtsein
zustande zu bringen.
- Dem
Philosophen aber handelt es sich nicht um die Weltschöpfung, sondern um
das Begreifen derselben.
- Er
hat daher auch nicht die Ausgangspunkte für das Schaffen, sondern für das
Begreifen der Welt zu suchen.
- Ich
finde es ganz sonderbar, wenn man dem Philosophen vorwirft, daß er sich
vor allen andern Dingen um die Richtigkeit seiner Prinzipien, nicht aber
sogleich um die Gegenstände bekümmert, die er begreifen will.
- Der
Weltschöpfer mußte vor allem wissen, wie er einen Träger für das Denken
findet, der Philosoph aber muß nach einer sichern Grundlage suchen, von
der aus er das Vorhandene begreifen kann.
- Was
frommt es uns, wenn wir vom Bewußtsein ausgehen und es der denkenden
Betrachtung unterwerfen, wenn wir vorher über die Möglichkeit, durch denkende
Betrachtung Aufschluß über die Dinge zu bekommen, nichts wissen?
- Wir
müssen erst das Denken ganz neutral, ohne Beziehung auf ein denkendes
Subjekt oder ein gedachtes Objekt betrachten.
- Denn
in Subjekt und Objekt haben wir bereits Begriffe, die durch das Denken
gebildet sind.
- Es
ist nicht zu leugnen: Ehe anderes begriffen werden kann, muß es das
Denken werden.
- Wer
es leugnet, der übersieht, daß er als Mensch nicht ein Anfangsglied der
Schöpfung, sondern deren Endglied ist.
- Man
kann deswegen behufs Erklärung der Welt durch Begriffe nicht von den
zeitlich ersten Elementen des Daseins ausgehen, sondern von dem, was uns
als das Nächste, als das Intimste gegeben ist.
- Wir
können uns nicht mit einem Sprunge an den Anfang der Welt versetzen, um da
unsere Betrachtung anzufangen, sondern wir müssen von dem gegenwärtigen
Augenblick ausgehen und sehen, ob wir von dem Späteren zu dem Früheren
aufsteigen können.
- Solange
die Geologie von erdichteten Revolutionen gesprochen hat, um den
gegenwärtigen Zustand der Erde zu erklären, solange tappte sie in der
Finsternis.
- Erst
als sie ihren Anfang damit machte, zu untersuchen, welche Vorgänge
gegenwärtig noch auf der Erde sich abspielen und von diesen zurückschloß
auf das Vergangene, hatte sie einen sicheren Boden gewonnen.
- Solange
die Philosophie alle möglichen Prinzipien annehmen wird, wie Atom,
Bewegung, Materie, Wille, Unbewußtes, wird sie in der Luft schweben.
- Erst
wenn der Philosoph das absolut Letzte als sein Erstes ansehen wird, kann
er zum Ziele kommen.
- Dieses
absolut Letzte, zu dem es die Weltentwickelung gebracht hat, ist aber das Denken.
- Es
gibt Leute, die sagen: ob unser Denken an sich richtig sei oder nicht,
können wir aber doch nicht mit Sicherheit feststellen.
- Insoferne
bleibt also der Ausgangspunkt jedenfalls ein zweifelhafter.
- Das
ist gerade so vernünftig gesprochen, wie wenn man Zweifel hegt, ob ein
Baum an sich richtig sei oder nicht.
- Das
Denken ist eine Tatsache; und über die Richtigkeit oder Falschheit einer
solchen zu sprechen, ist sinnlos.
- Ich
kann höchstens darüber Zweifel haben, ob das Denken richtig verwendet
wird, wie ich zweifeln kann, ob ein gewisser Baum ein entsprechendes Holz
zu einem zweckmäßigen Gerät gibt.
- Zu
zeigen, inwieferne die Anwendung des Denkens auf die Welt eine richtige
oder falsche ist, wird gerade Aufgabe dieser Schrift sein.
- Ich
kann es verstehen, wenn jemand Zweifel hegt, daß durch das Denken über die
Welt etwas ausgemacht werden kann; das aber ist mir unbegreiflich, wie
jemand die Richtigkeit des Denkens an sich anzweifeln kann.
-
- Zusatz zur Neuausgabe 1918
- In
den vorangehenden Ausführungen wird auf den bedeutungsvollen Unterschied
zwischen dem Denken und allen andern Seelentätigkeiten hingewiesen als auf
eine Tatsache, die sich einer wirklich unbefangenen Beobachtung ergibt.
- Wer
diese unbefangene Beobachtung nicht anstrebt, der wird gegen diese
Ausführungen versucht sein, Einwendungen zu machen wie diese: wenn ich
über eine Rose denke, so ist damit doch auch nur ein Verhältnis meines
“Ich” zur Rose ausgedrückt, wie wenn ich die Schönheit der Rose fühle.
- Es
bestehe geradeso ein Verhältnis zwischen “Ich” und Gegenstand beim Denken,
wie zum Beispiel beim Fühlen oder Wahrnehmen.
- Wer
diesen Einwand macht, der zieht nicht in Erwägung, daß nur in der
Betätigung des Denkens das “Ich” bis in alle Verzweigungen der Tätigkeit
sich mit dem Tätigen als ein Wesen weiß.
- Bei
keiner andern Seelentätigkeit ist dies restlos der Fall.
- Wenn
zum Beispiel eine Lust gefühlt wird, kann eine feinere Beobachtung sehr
wohl unterscheiden, inwieferne das “Ich”
sich mit einem Tätigen eins weiß und inwiefern in ihm ein Passives
vorhanden ist, so daß die Lust für das “Ich” bloß auftritt.
- Und
so ist es auch bei den andern Seelenbetätigungen.
- Man
sollte nur nicht verwechseln: “Gedankenbilder haben” und Gedanken durch
das Denken verarbeiten.
- Gedankenbilder
können traumhaft, wie vage Eingebungen in der Seele auftreten.
- Ein
Denken ist dieses nicht.
- — Allerdings
könnte nun jemand sagen: wenn das Denken so gemeint ist, steckt das Wollen
in dem Denken drinnen, und man habe es dann nicht bloß mit dem Denken,
sondern auch mit dem Wollen des Denkens zu tun.
- Doch
würde dies nur berechtigen zu sagen: das wirkliche Denken muß immer
gewollt sein.
- Nur
hat dies mit der Kennzeichnung des Denkens, wie sie in diesen Ausführungen
gemacht ist, nichts zu schaffen.
- Mag
es das Wesen des Denkens immerhin notwendig machen, daß dieses gewollt wird:
es kommt darauf an, daß nichts gewollt wird, was, indem es sich vollzieht,
vor dem “Ich” nicht restlos als seine eigene, von ihm überschaubare
Tätigkeit erscheint.
- Man
muß sogar sagen, wegen der hier geltend gemachten Wesenheit des
Denkens erscheint dieses dem Beobachter als durch und durch gewollt.
- Wer
alles, was für die Beurteilung des Denkens in Betracht kommt, wirklich zu
durchschauen sich bemüht, der wird nicht umhin können, zu bemerken, daß
dieser Seelenbetätigung die Eigenheit zukommt, von der hier gesprochen ist.
- Von
einer Persönlichkeit, welche der Verfasser dieses Buches als Denker sehr
hochschätzt, ist ihm eingewendet worden, daß so, wie es hier geschieht,
nicht über das Denken gesprochen werden könne, weil es nur ein Schein sei,
was man als tätiges Denken zu beobachten glaube.
- In
Wirklichkeit beobachte man nur die Ergebnisse einer nicht bewußten
Tätigkeit, die dem Denken zugrunde liegt.
- Nur
weil diese nicht bewußte Tätigkeit eben nicht beobachtet werde, entstehe
die Täuschung, es bestehe das beobachtete Denken durch sich selbst, wie
wenn man bei rasch aufeinanderfolgender Beleuchtung durch elektrische
Funken eine Bewegung zu sehen glaubt.
- Auch
dieser Einwand beruht nur auf einer ungenauen Anschauung der Sachlage.
- Wer
ihn macht, berücksichtigt nicht, daß es das “Ich” selbst ist, das im Denken
drinnen stehend seine Tätigkeit beobachtet.
- Es
müßte das “Ich” außer dem Denken stehen, wenn es so getäuscht werden
könnte, wie bei rasch aufeinanderfolgender Beleuchtung durch elektrische
Funken.
- Man
könnte vielmehr sagen: wer einen solchen Vergleich macht, der täuscht sich
gewaltsam etwa wie jemand, der von einem in Bewegung begriffenen Licht
durchaus sagen wollte: es wird an jedem Orte, an dem es erscheint, von
unbekannter Hand neu angezündet.
- —
Nein, wer in dem Denken etwas anderes sehen will als das im “Ich” selbst
als überschaubare Tätigkeit Hervorgebrachte, der muß sich erst für den
einfachen, der Beobachtung vorliegenden Tatbestand blind machen, um dann
eine hypothetische Tätigkeit dem Denken zugrunde legen zu können.
- Wer
sich nicht so blind macht, der muß erkennen, daß alles, was er in dieser
Art zu dem Denken “hinzudenkt”, aus dem Wesen des Denkens herausführt.
- Die
unbefangene Beobachtung ergibt, daß nichts zum Wesen des Denkens gerechnet
werden kann, was nicht im Denken selbst gefunden wird.
- Man
kann nicht zu etwas kommen, was das Denken bewirkt, wenn man den
Bereich des Denkens verläßt.
-
- Kapitel 4 - Die Welt als Wahrnehmung
- Durch
das Denken entstehen Begriffe und Ideen.
- Was
ein Begriff ist, kann nicht mit Worten gesagt werden.
- Worte
können nur den Menschen darauf aufmerksam machen, daß er Begriffe habe.
- Wenn
jemand einen Baum sieht, so reagiert sein Denken auf seine Beobachtung; zu
dem Gegenstande tritt ein ideelles Gegenstück hinzu, und er betrachtet den
Gegenstand und das ideelle Gegenstück als zusammengehörig.
- Wenn
der Gegenstand aus seinem Beobachtungsfelde verschwindet, so bleibt nur
das ideelle Gegenstück davon zurück.
- Das
letztere ist der Begriff des Gegenstandes.
- Je
mehr sich unsere Erfahrung erweitert, desto größer wird die Summe unserer
Begriffe.
- Die
Begriffe stehen aber durchaus nicht vereinzelt da.
- Sie
schließen sich zu einem gesetzmäßigen Ganzen zusammen.
- Der
Begriff “Organismus” schließt sich zum Beispiel an die andern: “gesetzmäßige
Entwickelung, Wachstum” an.
- Andere
an Einzeldingen gebildete Begriffe fallen völlig in eins zusammen.
- Alle
Begriffe, die ich mir von Löwen bilde, fallen in den Gesamtbegriff “Löwe”
zusammen.
- Auf
diese Weise verbinden sich die einzelnen Begriffe zu einem geschlossenen
Begriffssystem, in dem jeder seine besondere Stelle hat.
- Ideen
sind qualitativ von Begriffen nicht verschieden.
- Sie
sind nur inhaltsvollere, gesättigtere und umfangreichere Begriffe.
- Ich
muß einen besonderen Wert darauf legen, daß hier an dieser Stelle beachtet
werde, daß ich als meinen Ausgangspunkt das Denken bezeichnet habe
und nicht Begriffe und Ideen, die erst durch das Denken
gewonnen werden.
- Diese
setzen das Denken bereits voraus.
- Es
kann daher, was ich in bezug auf die in sich selbst ruhende, durch nichts
bestimmte Natur des Denkens gesagt habe, nicht einfach auf die Begriffe
übertragen werden.
- (Ich
bemerke das hier ausdrücklich, weil hier meine Differenz mit Hegel liegt.
- Dieser
setzt den Begriff als Erstes und Ursprüngliches.)
- Der
Begriff kann nicht aus der Beobachtung gewonnen werden.
- Das
geht schon aus dem Umstande hervor, daß der heranwachsende Mensch sich
langsam und allmählich erst die Begriffe zu den Gegenständen bildet, die
ihn umgeben.
- Die
Begriffe werden zu der Beobachtung hinzugefügt.
- Ein
vielgelesener Philosoph der Gegenwart (Herbert Spencer) schildert
den geistigen Prozeß, den wir gegenüber der Beobachtung vollziehen,
folgendermaßen:
- “Wenn
wir an einem Septembertag durch die Felder wandelnd, wenige Schritte vor
uns ein Geräusch hören und an der Seite des Grabens, von dem es
herzukommen schien, das Gras in Bewegung sehen, so werden wir
wahrscheinlich auf die Stelle losgehen, um zu erfahren, was das Geräusch
und die Bewegung hervorbrachte.
- Bei
unserer Annäherung flattert ein Rebhuhn in den Graben, und damit ist
unsere Neugierde befriedigt: wir haben, was wir eine Erklärung der
Erscheinungen nennen.
- Diese
Erklärung läuft, wohlgemerkt, auf folgendes hinaus: weil wir im Leben
unendlich oft erfahren haben, daß eine Störung der ruhigen Lage kleiner
Körper die Bewegung anderer zwischen ihnen befindlicher Körper begleitet,
und weil wir deshalb die Beziehungen zwischen solchen Störungen und
solchen Bewegungen verallgemeinert haben, so halten wir diese besondere
Störung für erklärt, sobald wir finden, daß sie ein Beispiel eben dieser
Beziehung darbietet.”
- Genauer
besehen stellt sich die Sache ganz anders dar, als sie hier beschrieben
ist.
- Wenn
ich ein Geräusch höre, so suche ich zunächst den Begriff für diese
Beobachtung.
- Dieser
Begriff erst weist mich über das Geräusch hinaus.
- Wer
nicht weiter nachdenkt, der hört eben das Geräusch und gibt sich damit
zufrieden.
- Durch
mein Nachdenken aber ist mir klar, daß ich ein Geräusch als Wirkung
aufzufassen habe.
- Also
erst wenn ich den Begriff der Wirkung mit der Wahrnehmung des
Geräusches verbinde, werde ich veranlaßt, über die Einzelbeobachtung
hinauszugehen und nach der Ursache zu suchen.
- Der
Begriff der Wirkung ruft den der Ursache hervor, und ich suche dann nach
dem verursachenden Gegenstande, den ich in der Gestalt des Rebhuhns finde.
- Diese
Begriffe, Ursache und Wirkung, kann ich aber niemals durch bloße
Beobachtung, und erstrecke sie sich auf noch so viele Fälle, gewinnen.
- Die
Beobachtung fordert das Denken heraus, und erst dieses ist es, das mir den
Weg weist, das einzelne Erlebnis an ein anderes anzuschließen.
- Wenn
man von einer “streng objektiven Wissenschaft” fordert, daß sie ihren
Inhalt nur der Beobachtung entnehme, so muß man zugleich fordern, daß sie
auf alles Denken verzichte.
- Denn
dieses geht seiner Natur nach über das Beobachtete hinaus.
- Nun
ist es am Platze, von dem Denken auf das denkende Wesen überzugehen.
- Denn
durch dieses wird das Denken mit der Beobachtung verbunden.
- Das
menschliche Bewußtsein ist der Schauplatz, wo Begriff und Beobachtung
einander begegnen und wo sie miteinander verknüpft werden.
- Dadurch
ist aber dieses (menschliche) Bewußtsein zugleich charakterisiert.
- Es
ist der Vermittler zwischen Denken und Beobachtung.
- Insoferne
der Mensch einen Gegenstand beobachtet, erscheint ihm dieser als gegeben,
insoferne er denkt, erscheint er sich selbst als tätig.
- Er
betrachtet den Gegenstand als Objekt, sich selbst als das denkende Subjekt.
- Weil
er sein Denken auf die Beobachtung richtet, hat er Bewußtsein von den
Objekten; weil er sein Denken auf sich richtet, hat er Bewußtsein seiner
selbst oder Selbstbewußtsein.
- Das
menschliche Bewußtsein muß notwendig zugleich Selbstbewußtsein sein, weil
es denkendes Bewußtsein ist.
- Denn
wenn das Denken den Blick auf seine eigene Tätigkeit richtet, dann hat es
seine ureigene Wesenheit, also sein Subjekt, als Objekt zum Gegenstande.
- Nun
darf aber nicht übersehen werden, daß wir uns nur mit Hilfe des Denkens
als Subjekt bestimmen und uns den Objekten entgegensetzen können.
- Deshalb
darf das Denken niemals als eine bloß subjektive Tätigkeit aufgefaßt
werden.
- Das
Denken ist jenseits von Subjekt und Objekt.
- Es
bildet diese beiden Begriffe ebenso wie alle anderen.
- Wenn
wir als denkendes Subjekt also den Begriff auf ein Objekt beziehen, so
dürfen wir diese Beziehung nicht als etwas bloß Subjektives auffassen.
- Nicht
das Subjekt ist es, welches die Beziehung herbeiführt, sondern das Denken.
- Das
Subjekt denkt nicht deshalb, weil es Subjekt ist; sondern es erscheint
sich als ein Subjekt, weil es zu denken vermag.
- Die
Tätigkeit, die der Mensch als denkendes Wesen ausübt, ist also
keine bloß subjektive, sondern eine solche, die weder subjektiv noch
objektiv ist, eine über diese beiden Begriffe hinausgehende.
- Ich
darf niemals sagen, daß mein individuelles Subjekt denkt; dieses lebt
vielmehr selbst von des Denkens Gnaden.
- Das
Denken ist somit ein Element, das mich über mein Selbst hinausführt und
mit den Objekten verbindet.
- Aber
es trennt mich zugleich von ihnen, indem es mich ihnen als Subjekt
gegenüberstellt.
- Darauf
beruht die Doppelnatur des Menschen: er denkt und umschließt damit sich
selbst und die übrige Welt; aber er muß sich mittels des Denkens zugleich
als ein den Dingen gegenüberstehendes Individuum bestimmen.
- Das
nächste wird nun sein, uns zu fragen: Wie kommt das andere Element, das
wir bisher bloß als Beobachtungsobjekt bezeichnet haben, und das sich mit
dem Denken im Bewußtsein begegnet, in das letztere?
- Wir
müssen, um diese Frage zu beantworten, aus unserem Beobachtungsfelde alles
aussondern, was durch das Denken bereits in dasselbe hineingetragen worden
ist.
- Denn
unser jeweiliger Bewußtseinsinhalt ist immer schon mit Begriffen in der
mannigfachsten Weise durchsetzt.
- Wir
müssen uns vorstellen, daß ein Wesen mit vollkommen entwickelter
menschlicher Intelligenz aus dem Nichts entstehe und der Welt
gegenübertrete.
- Was
es da gewahr würde, bevor es das Denken in Tätigkeit bringt, das ist der
reine Beobachtungsinhalt.
- Die
Welt zeigte dann diesem Wesen nur das bloße zusammenhanglose Aggregat von Empfindungsobjekten:
Farben, Töne, Druck-, Wärme-, Geschmacks- und Geruchsempfindungen; dann
Lust und Unlustgefühle.
- Dieses
Aggregat ist der Inhalt der reinen, gedankenlosen Beobachtung.
- Ihm
gegenüber steht das Denken, das bereit ist, seine Tätigkeit zu entfalten,
wenn sich ein Angriffspunkt dazu findet.
- Die
Erfahrung lehrt bald, daß er sich findet.
- Das
Denken ist imstande, Fäden zu ziehen von einem Beobachtungselement zum
andern.
- Es
verknüpft mit diesen Elementen bestimmte Begriffe und bringt sie dadurch
in ein Verhältnis.
- Wir
haben oben bereits gesehen, wie ein uns begegnendes Geräusch mit einer anderen
Beobachtung dadurch verbunden wird, daß wir das erstere als Wirkung der
letzteren bezeichnen.
- Wenn
wir uns nun daran erinnern, daß die Tätigkeit des Denkens durchaus nicht
als eine subjektive aufzufassen ist, so werden wir auch nicht versucht
sein zu glauben, daß solche Beziehungen, die durch das Denken hergestellt
sind, bloß eine subjektive Geltung haben.
- Es
wird sich jetzt darum handeln, durch denkende Überlegung die Beziehung zu
suchen, die der oben angegebene unmittelbar gegebene Beobachtungsinhalt zu
unserem bewußten Subjekt hat.
- Bei
dem Schwanken des Sprachgebrauches erscheint es mir geboten, daß ich mich
mit meinem Leser über den Gebrauch eines Wortes verständige, das ich im
folgenden anwenden muß.
- Ich
werde die unmittelbaren Empfindungsobjekte, die ich oben genannt habe,
insoferne das bewußte Subjekt von ihnen durch Beobachtung Kenntnis nimmt, Wahrnehmungen
nennen.
- Also
nicht den Vorgang der Beobachtung, sondern das Objekt dieser
Beobachtung bezeichne ich mit diesem Namen.
- Ich
wähle den Ausdruck Empfindung nicht, weil dieser in der Physiologie
eine bestimmte Bedeutung hat, die enger ist als die meines Begriffes von
Wahrnehmung.
- Ein
Gefühl in mir selbst kann ich wohl als Wahrnehmung, nicht aber als
Empfindung im physiologischen Sinne bezeichnen.
- Auch
von meinem Gefühle erhalte ich dadurch Kenntnis, daß es Wahrnehmung für
mich wird.
- Und
die Art, wie wir durch Beobachtung Kenntnis von unserem Denken erhalten,
ist eine solche, daß wir auch das Denken in seinem ersten Auftreten für
unser Bewußtsein Wahrnehmung nennen können.
- Der
naive Mensch betrachtet seine Wahrnehmungen in dem Sinne, wie sie ihm
unmittelbar erscheinen, als Dinge, die ein von ihm ganz unabhängiges
Dasein haben.
- Wenn
er einen Baum sieht, so glaubt er zunächst, daß dieser in der Gestalt, die
er sieht, mit den Farben, die seine Teile haben usw., dort an dem Orte
stehe, wohin der Blick gerichtet ist.
- Wenn
derselbe Mensch morgens die Sonne als eine Scheibe am Horizonte erscheinen
sieht und den Lauf dieser Scheibe verfolgt, so ist er der Meinung, daß das
alles in dieser Weise (an sich) bestehe und vorgehe, wie er es beobachtet.
- Er
hält so lange an diesem Glauben fest, bis er anderen Wahrnehmungen
begegnet, die jenen widersprechen.
- Das
Kind, das noch keine Erfahrungen über Entfernungen hat, greift nach dem
Monde und stellt das, was es nach dem ersten Augenschein für wirklich
gehalten hat, erst richtig, wenn eine zweite Wahrnehmung sich mit der
ersten im Widerspruch befindet.
- Jede
Erweiterung des Kreises meiner Wahrnehmungen nötigt mich, mein Bild der
Welt zu berichtigen.
- Das
zeigt sich im täglichen Leben ebenso wie in der Geistesentwickelung der
Menschheit.
- Das
Bild, das sich die Alten von der Beziehung der Erde zu der Sonne und den
andern Himmelskörpern machten, mußte von Kopernikus durch ein anderes
ersetzt werden, weil es mit Wahrnehmungen, die früher unbekannt waren,
nicht zusammenstimmte.
- Als
Dr. Franz einen Blindgeborenen operierte, sagte dieser, daß er sich vor
seiner Operation durch die Wahrnehmungen seines Tastsinnes ein ganz
anderes Bild von der Größe der Gegenstände gemacht habe.
- Er
mußte seine Tastwahrnehmungen durch seine Gesichtswahrnehmungen
berichtigen.
- Woher
kommt es, daß wir zu solchen fortwährenden Richtigstellungen unserer
Beobachtungen gezwungen sind?
- Eine
einfache Überlegung bringt die Antwort auf diese Frage.
- Wenn
ich an dem einen Ende einer Allee stehe, so erscheinen mir die Bäume an
dem andern, von mir entfernten Ende kleiner und näher aneinandergerückt
als da, wo ich stehe.
- Mein
Wahrnehmungsbild wird ein anderes, wenn ich den Ort ändere, von dem aus
ich meine Beobachtungen mache.
- Es
ist also in der Gestalt, in der es an mich herantritt, abhängig von einer
Bestimmung, die nicht an dem Objekte hängt, sondern die mir, dem
Wahrnehmenden, zukommt.
- Es
ist für eine Allee ganz gleichgültig, wo ich stehe.
- Das
Bild aber, das ich von ihr erhalte, ist wesentlich davon abhängig.
- Ebenso
ist es für die Sonne und das Planetensystem gleichgültig, daß die Menschen
sie gerade von der Erde aus ansehen.
- Das
Wahrnehmungsbild aber, das sich diesen darbietet, ist durch diesen ihren
Wohnsitz bestimmt.
- Diese
Abhängigkeit des Wahrnehmungsbildes von unserem Beobachtungsorte ist
diejenige, die am leichtesten zu durchschauen ist.
- Schwieriger
wird die Sache schon, wenn wir die Abhängigkeit unserer Wahrnehmungswelt
von unserer leiblichen und geistigen Organisation kennen lernen.
- Der
Physiker zeigt uns, daß innerhalb des Raumes, in dem wir einen Schall
hören, Schwingungen der Luft stattfinden, und daß auch der Körper, in dem
wir den Ursprung des Schalles suchen, eine schwingende Bewegung seiner
Teile aufweist.
- Wir
nehmen diese Bewegung nur als Schall wahr, wenn wir ein normal
organisiertes Ohr haben.
- Ohne
ein solches bliebe uns die ganze Welt ewig stumm.
- Die
Physiologie belehrt uns darüber, daß es Menschen gibt, die nichts
wahrnehmen von der herrlichen Farbenpracht, die uns umgibt.
- Ihr
Wahrnehmungsbild weist nur Nuancen von Hell und Dunkel auf.
- Andere
nehmen nur eine bestimmte Farbe, zum Beispiel das Rot, nicht wahr.
- Ihrem
Weltbilde fehlt dieser Farbenton, und es ist daher tatsächlich ein anderes
als das eines Durchschnittsmenschen.
- Ich
möchte die Abhängigkeit meines Wahrnehmungsbildes von meinem
Beobachtungsorte eine mathematische, die von meiner Organisation eine qualitative
nennen.
- Durch
jene werden die Größenverhältnisse und gegenseitigen Entfernungen meiner
Wahrnehmungen bestimmt, durch diese die Qualität derselben.
- Daß
ich eine rote Fläche rot sehe — diese qualitative Bestimmung — hängt von
der Organisation meines Auges ab.
- Meine
Wahrnehmungsbilder sind also zunächst subjektiv.
- Die
Erkenntnis von dem subjektiven Charakter unserer Wahrnehmungen kann leicht
zu Zweifeln darüber führen, ob überhaupt etwas Objektives denselben zum
Grunde liegt.
- Wenn
wir wissen, daß eine Wahrnehmung, zum Beispiel die der roten Farbe, oder
eines bestimmten Tones nicht möglich ist ohne eine bestimmte Einrichtung
unseres Organismus, so kann man zu dem Glauben kommen, daß dieselbe,
abgesehen von unserem subjektiven Organismus, keinen Bestand habe, daß sie
ohne den Akt des Wahrnehmens, dessen Objekt sie ist, keine Art des Daseins
hat.
- Diese
Ansicht hat in George Berkeley einen klassischen Vertreter
gefunden, der der Meinung war, daß der Mensch von dem Augenblicke an, wo
er sich der Bedeutung des Subjekts für die Wahrnehmung bewußt geworden
ist, nicht mehr an eine ohne den bewußten Geist vorhandene Welt glauben
könne.
- Er
sagt: “Einige Wahrheiten liegen so nahe und sind so einleuchtend, daß man
nur die Augen zu öffnen braucht, um sie zu sehen.
- Für
eine solche halte ich den wichtigen Satz, daß der ganze Chor am Himmel und
alles, was zur Erde gehört, mit einem Worte alle die Körper, die den
gewaltigen Bau der Welt zusammensetzen, keine Subsistenz außerhalb des
Geistes haben, daß ihr Sein in ihrem Wahrgenommen- oder Erkanntwerden
besteht, daß sie folglich, solange sie nicht wirklich von mir wahrgenommen
werden oder in meinem Bewußtsein oder dem eines anderen geschaffenen
Geistes existieren, entweder überhaupt keine Existenz haben oder in dem Bewußtsein
eines ewigen Geistes existieren.”
- Für
diese Ansicht bleibt von der Wahrnehmung nichts mehr übrig, wenn man von
dem Wahrgenommenwerden absieht.
- Es
gibt keine Farbe, wenn keine gesehen, keinen Ton, wenn keiner gehört wird.
- Ebensowenig
wie Farbe und Ton existieren Ausdehnung, Gestalt und Bewegung außerhalb
des Wahrnehmungsaktes.
- Wir
sehen nirgends bloße Ausdehnung oder Gestalt, sondern diese immer mit
Farbe oder andern unbestreitbar von unserer Subjektivität abhängigen
Eigenschaften verknüpft.
- Wenn
die letzteren mit unserer Wahrnehmung verschwinden, so muß das auch bei
den ersteren der Fall sein, die an sie gebunden sind.
- Dem
Einwand, daß, wenn auch Figur, Farbe, Ton usw. keine andere Existenz als
die innerhalb des Wahrnehmungsaktes haben, es doch Dinge geben müsse, die
ohne das Bewußtsein da sind und denen die bewußten Wahrnehmungsbilder
ähnlich seien, begegnet die geschilderte Ansicht damit, daß sie sagt: eine
Farbe kann nur ähnlich einer Farbe, eine Figur ähnlich einer Figur sein.
- Unsere
Wahrnehmungen können nur unseren Wahrnehmungen, aber keinerlei anderen
Dingen ähnlich sein.
- Auch
was wir einen Gegenstand nennen, ist nichts anderes als eine Gruppe von
Wahrnehmungen, die in einer bestimmten Weise verbunden sind.
- Nehme
ich von einem Tische Gestalt, Ausdehnung, Farbe usw., kurz alles, was nur
meine Wahrnehmung ist, weg, so bleibt nichts mehr übrig.
- Diese
Ansicht führt, konsequent verfolgt, zu der Behauptung: Die Objekte meiner
Wahrnehmungen sind nur durch mich vorhanden, und zwar nur insoferne und
solange ich sie wahrnehme; sie verschwinden mit dem Wahrnehmen und haben
keinen Sinn ohne dieses.
- Außer
meinen Wahrnehmungen weiß ich aber von keinen Gegenständen und kann von
keinen wissen.
- Gegen
diese Behauptung ist so lange nichts einzuwenden, als ich bloß im
allgemeinen den Umstand in Betracht ziehe, daß die Wahrnehmung von der
Organisation meines Subjektes mitbestimmt wird.
- Wesentlich
anders stellte sich die Sache aber, wenn wir imstande wären, anzugeben,
welches die Funktion unseres Wahrnehmens beim Zustandekommen einer
Wahrnehmung ist.
- Wir
wüßten dann, was an der Wahrnehmung während des Wahrnehmens geschieht, und
könnten auch bestimmen, was an ihr schon sein muß, bevor sie wahrgenommen
wird.
- Damit
wird unsere Betrachtung von dem Objekt der Wahrnehmung auf das Subjekt
derselben abgeleitet.
- Ich
nehme nicht nur andere Dinge wahr, sondern ich nehme mich selbst wahr.
- Die
Wahrnehmung meiner selbst hat zunächst den Inhalt, daß ich das Bleibende
bin gegenüber den immer kommenden und gehenden Wahrnehmungsbildern.
- Die
Wahrnehmung des Ich kann in meinem Bewußtsein stets auftreten, während ich
andere Wahrnehmungen habe.
- Wenn
ich in die Wahrnehmung eines gegebenen Gegenstandes vertieft bin, so habe
ich vorläufig nur von diesem ein Bewußtsein.
- Dazu
kann dann die Wahrnehmung meines Selbst treten.
- Ich
bin mir nunmehr nicht bloß des Gegenstandes bewußt, sondern auch meiner
Persönlichkeit, die dem Gegenstand gegenüber steht und ihn beobachtet.
- Ich
sehe nicht bloß einen Baum, sondern ich weiß auch, daß ich es bin,
der ihn sieht.
- Ich
erkenne auch, daß in mir etwas vorgeht, während ich den Baum beobachte.
- Wenn
der Baum aus meinem Gesichtskreise verschwindet, bleibt für mein
Bewußtsein ein Rückstand von diesem Vorgange: ein Bild des Baumes.
- Dieses
Bild hat sich während meiner Beobachtung mit meinem Selbst verbunden.
- Mein
Selbst hat sich bereichert; sein Inhalt hat ein neues Element in sich
aufgenommen.
- Dieses
Element nenne ich meine Vorstellung von dem Baume.
- Ich
käme nie in die Lage, von Vorstellungen zu sprechen, wenn ich diese
nicht in der Wahrnehmung meines Selbst erlebte.
- Wahrnehmungen
würden kommen und gehen; ich ließe sie vorüberziehen.
- Nur
dadurch, daß ich mein Selbst wahrnehme und merke, daß mit jeder
Wahrnehmung sich auch dessen Inhalt ändert, sehe ich mich
gezwungen, die Beobachtung des Gegenstandes mit meiner eigenen
Zustandsveränderung in Zusammenhang zu bringen und von meiner Vorstellung
zu sprechen.
- Die
Vorstellung nehme ich an meinem Selbst wahr, in dem Sinne, wie Farbe, Ton
usw. an andern Gegenständen.
- Ich
kann jetzt auch den Unterschied machen, daß ich diese andern Gegenstände,
die sich mir gegenüberstellen, Außenwelt nenne, während ich den
Inhalt meiner Selbstwahrnehmung als Innenwelt bezeichne.
- Die
Verkennung des Verhältnisses von Vorstellung und Gegenstand hat die
größten Mißverständnisse in der neueren Philosophie herbeigeführt.
- Die
Wahrnehmung einer Veränderung in uns, die Modifikation, die mein Selbst
erfährt, wurde in den Vordergrund gedrängt und das diese Modifikation veranlassende
Objekt ganz aus dem Auge verloren.
- Man
hat gesagt: wir nehmen nicht die Gegenstände wahr, sondern nur unsere
Vorstellungen.
- Ich
soll nichts wissen von dem Tische an sich, der Gegenstand meiner
Beobachtung ist, sondern nur von der Veränderung, die mit mir selbst
vorgeht, während ich den Tisch wahrnehme.
- Diese
Anschauung darf nicht mit der vorhin erwähnten Berkeleyschen verwechselt
werden.
- Berkeley
behauptet die subjektive Natur meines Wahrnehmungsinhaltes, aber er sagt
nicht, daß ich nur von meinen Vorstellungen wissen kann.
- Er
schränkt mein Wissen auf meine Vorstellungen ein, weil er der Meinung ist,
daß es keine Gegenstände außerhalb des Vorstellens gibt.
- Was
ich als Tisch ansehe, das ist im Sinne Berkeleys nicht mehr vorhanden,
sobald ich meinen Blick nicht mehr darauf richte.
- Deshalb
läßt Berkeley meine Wahrnehmungen unmittelbar durch die Macht Gottes
entstehen.
- Ich
sehe einen Tisch, weil Gott diese Wahrnehmung in mir hervorruft.
- Berkeley
kennt daher keine anderen realen Wesen als Gott und die menschlichen
Geister.
- Was
wir Welt nennen, ist nur innerhalb der Geister vorhanden.
- Was
der naive Mensch Außenwelt, körperliche Natur nennt, ist für Berkeley
nicht vorhanden.
- Dieser
Ansicht steht die jetzt herrschende Kantsche gegenüber, welche unsere
Erkenntnis von der Welt nicht deshalb auf unsere Vorstellungen
einschränkt, weil sie überzeugt ist, daß es außer diesen Vorstellungen
keine Dinge geben kann, sondern weil sie uns so organisiert glaubt, daß
wir nur von den Veränderungen unseres eigenen Selbst, nicht von den diese
Veränderungen veranlassenden Dingen an sich erfahren können.
- Sie
folgert aus dem Umstande, daß ich nur meine Vorstellungen kenne, nicht,
daß es keine von diesen Vorstellungen unabhängige Existenz gibt, sondern
nur, daß das Subjekt eine solche nicht unmittelbar in sich aufnehmen, sie
nicht anders als durch das “Medium seiner subjektiven Gedanken
imaginieren, fingieren, denken, erkennen, vielleicht auch nicht erkennen
kann” (O. Liebmann, Zur Analysis der Wirklichkeit, Seite 28).
- Diese
Anschauung glaubt etwas unbedingt Gewisses zu sagen, etwas, was ohne alle
Beweise unmittelbar einleuchtet.
- “Der
erste Fundamentalsatz, den sich der Philosoph zu deutlichem Bewußtsein zu
bringen hat, besteht in der Erkenntnis, daß unser Wissen sich zunächst auf
nichts weiter als auf unsere Vorstellungen erstreckt.
- Unsere
Vorstellungen sind das Einzige, was wir unmittelbar erfahren, unmittelbar
erleben; und eben weil wir sie unmittelbar erfahren, deswegen vermag uns
auch der radikalste Zweifel das Wissen von denselben nicht zu entreißen.
- Dagegen
ist das Wissen, das über unser Vorstellen — ich nehme diesen Ausdruck hier
überall im weitesten Sinne, so daß alles psychische Geschehen darunter
fällt — hinausgeht, vor dem Zweifel nicht geschützt.
- Daher
muß zu Beginn des Philosophierens alles über die Vorstellungen
hinausgehende Wissen ausdrücklich als bezweifelbar hingestellt werden”, so
beginnt Volkelt sein Buch über “Immanuel Kants Erkenntnistheorie”.
- Was
hiermit so hingestellt wird, als ob es eine unmittelbare und
selbstverständliche Wahrheit sei, ist aber in Wirklichkeit das Resultat
einer Gedankenoperation, die folgendermaßen verläuft:
- Der
naive Mensch glaubt, daß die Gegenstände, so wie er sie wahrnimmt, auch
außerhalb seines Bewußtseins vorhanden sind.
- Die
Physik, Physiologie und Psychologie scheinen aber zu lehren, daß zu
unseren Wahrnehmungen unsere Organisation notwendig ist, daß wir folglich
von nichts wissen können, als von dem, was unsere Organisation uns von den
Dingen überliefert.
- Unsere
Wahrnehmungen sind somit Modifikationen unserer Organisation, nicht Dinge
an sich.
- Den
hier angedeuteten Gedankengang hat Eduard von Hartmann in der Tat
als denjenigen charakterisiert, der zur Überzeugung von dem Satze führen
muß, daß wir ein direktes Wissen nur von unseren Vorstellungen haben
können (vergleiche dessen “Grundproblem der Erkenntnistheorie”, S. 16-40).
- Weil
wir außerhalb unseres Organismus Schwingungen der Körper und der Luft
finden, die sich uns als Schall darstelle n, so wird gefolgert, daß das,
was wir Schall nennen, nichts weiter sei als eine subjektive Reaktion
unseres Organismus auf jene Bewegungen in der Außenwelt.
- In
derselben Weise findet man, daß Farbe und Wärme nur Modifikationen unseres
Organismus seien.
- Und
zwar ist man der Ansicht, daß diese beiden Wahrnehmungsarten in uns
hervorgerufen werden durch die Wirkung von Vorgängen in der Außenwelt, die
von dem, was Wärmeerlebnis oder Farbenerlebnis ist, durchaus verschieden
sind.
- Wenn
solche Vorgänge die Hautnerven meines Körpers erregen, so habe ich die
subjektive Wahrnehmung der Wärme, wenn solche Vorgänge den Sehnerv
treffen, nehme ich Licht und Farbe wahr.
- Licht,
Farbe und Wärme sind also das, womit meine Sinnesnerven auf den Reiz von
außen antworten.
- Auch
der Tastsinn liefert mir nicht die Gegenstände der Außenwelt, sondern nur
meine eigenen Zustände.
- Im
Sinne der modernen Physik könnte man etwa denken, daß die Körper aus
unendlich kleinen Teilen, den Molekülen bestehen, und daß diese Moleküle
nicht unmittelbar aneinandergrenzen, sondern gewisse Entfernungen
voneinander haben.
- Es
ist also zwischen ihnen der leere Raum.
- Durch
diese wirken sie aufeinander mittelst anziehender und abstoßender Kräfte.
- Wenn
ich meine Hand einem Körper nähere, so berühren die Moleküle meiner Hand
keineswegs unmittelbar diejenigen des Körpers, sondern es bleibt eine
gewisse Entfernung zwischen Körper und Hand, und was ich als Widerstand
des Körpers empfinde, das ist nichts weiter als die Wirkung der
abstoßenden Kraft, die seine Moleküle auf meine Hand ausüben.
- Ich
bin schlechthin außerhalb des Körpers und nehme nur seine Wirkung auf
meinen Organismus wahr.
- Ergänzend
zu diesen Überlegungen tritt die Lehre von den sogenannten spezifischen
Sinnesenergien, die J. Müller (1801-1858) aufgestellt hat.
- Sie
besteht darin, daß jeder Sinn die Eigentümlichkeit hat, auf alle äußeren
Reize nur in einer bestimmten Weise zu antworten.
- Wird
auf den Sehnerv eine Wirkung ausgeübt, so entsteht Lichtwahrnehmung,
gleichgültig ob die Erregung durch das geschieht, was wir Licht nennen,
oder ob ein mechanischer Druck oder ein elektrischer Strom auf den Nerv
einwirkt.
- Andrerseits
werden in verschiedenen Sinnen durch die gleichen äußeren Reize
verschiedene Wahrnehmungen hervorgerufen.
- Daraus
scheint hervorzugehen, daß unsere Sinne nur das überliefern können, was in
ihnen selbst vorgeht, nichts aber von der Außenwelt.
- Sie
bestimmen die Wahrnehmungen je nach ihrer Natur.
- Die
Physiologie zeigt, daß auch von einem direkten Wissen dessen keine Rede
sein kann, was die Gegenstände in unseren Sinnesorganen bewirken.
- Indem
der Physiologe die Vorgänge in unserem eigenen Leibe verfolgt, findet er,
daß schon in den Sinnesorganen die Wirkungen der äußeren Bewegung in der
mannigfaltigsten Weise umgeändert werden.
- Wir
sehen das am deutlichsten an Auge und Ohr.
- Beide
sind sehr komplizierte Organe, die den äußeren Reiz wesentlich verändern,
ehe sie ihn zum entsprechenden Nerv bringen.
- Von
dem peripherischen Ende des Nervs wird nun der schon veränderte Reiz
weiter zum Gehirn geleitet.
- Hier
erst müssen wieder die Zentralorgane erregt werden.
- Daraus
wird geschlossen, daß der äußere Vorgang eine Reihe von Umwandlungen erfahren
hat, ehe er zum Bewußtsein kommt.
- Was
da im Gehirne sich abspielt, ist durch so viele Zwischenvorgänge mit dem
äußeren Vorgang verbunden, daß an eine Ähnlichkeit mit demselben nicht
mehr gedacht werden kann.
- Was
das Gehirn der Seele zuletzt vermittelt, sind weder äußere Vorgänge, noch
Vorgänge in den Sinnesorganen, sondern nur solche innerhalb des Gehirnes.
- Aber
auch die letzteren nimmt die Seele noch nicht unmittelbar wahr.
- Was
wir im Bewußtsein zuletzt haben, sind gar keine Gehirnvorgänge, sondern Empfindungen.
- Meine
Empfindung des Rot hat gar keine Ähnlichkeit mit dem Vorgange, der sich im
Gehirn abspielt, wenn ich das Rot empfinde.
- Das
letztere tritt erst wieder als Wirkung in der Seele auf und wird nur
verursacht durch den Hirnvorgang.
- Deshalb
sagt Hartmann (Grundproblem der Erkenntnistheorie, S. 37): “Was das
Subjekt wahrnimmt, sind also immer nur Modifikationen seiner eigenen
psychischen Zustände und nichts anderes.”
- Wenn
ich die Empfindungen habe, dann sind diese aber noch lange nicht zu dem
gruppiert, was ich als Dinge wahrnehme.
- Es
können mir ja nur einzelne Empfindungen durch das Gehirn vermittelt werden.
- Die
Empfindungen der Härte und Weichheit werden mir durch den Tast-, die
Farben- und Lichtempfindungen durch den Gesichtssinn vermittelt.
- Doch
finden sich dieselben an einem und demselben Gegenstande vereinigt.
- Diese
Vereinigung muß also erst von der Seele selbst bewirkt werden.
- Das
heißt, die Seele setzt die einzelnen durch das Gehirn vermittelten
Empfindungen zu Körpern zusammen.
- Mein
Gehirn überliefert mir einzeln die Gesichts-, Tast- und Gehörempfindungen,
und zwar auf ganz verschiedenen Wegen, die dann die Seele zu der
Vorstellung Trompete zusammensetzt.
- Dieses
Endglied (Vorstellung der Trompete) eines Prozesses ist es, was für mein
Bewußtsein zu allererst gegeben ist.
- Es
ist in demselben nichts mehr von dem zu finden, was außer mir ist und
ursprünglich einen Eindruck auf meine Sinne gemacht hat.
- Der
äußere Gegenstand ist auf dem Wege zum Gehirn und durch das Gehirn zur
Seele vollständig verlorengegangen.
- Es
wird schwer sein, ein zweites Gedankengebäude in der Geschichte des
menschlichen Geisteslebens zu finden, das mit größerem Scharfsinn
zusammengetragen ist, und das bei genauerer Prüfung doch in nichts
zerfällt.
- Sehen
wir einmal näher zu, wie es zustande kommt.
- Man
geht zunächst von dem aus, was dem naiven Bewußtsein gegeben ist, von dem
wahrgenommenen Dinge.
- Dann
zeigt man, daß alles, was an diesem Dinge sich findet, für uns nicht da
wäre, wenn wir keine Sinne hätten.
- Kein
Auge: keine Farbe.
- Also
ist die Farbe in dem noch nicht vorhanden, was auf das Auge wirkt.
- Sie
entsteht erst durch die Wechselwirkung des Auges mit dem Gegenstande.
- Dieser
ist also farblos.
- Aber
auch im Auge ist die Farbe nicht vorhanden; denn da ist ein chemischer
oder physikalischer Vorgang vorhanden, der erst durch den Nerv zum Gehirn
geleitet wird, und da einen andern auslöst.
- Dieser
ist noch immer nicht die Farbe.
- Sie
wird erst durch den Hirnprozeß in der Seele hervorgerufen.
- Da
tritt sie mir noch immer nicht ins Bewußtsein, sondern wird erst durch die
Seele nach außen an einen Körper verlegt.
- An
diesem glaube ich sie endlich wahrzunehmen.
- Wir
haben einen vollständigen Kreisgang durchgemacht.
- Wir
sind uns eines farbigen Körpers bewußt geworden.
- Das
ist das Erste.
- Nun
hebt die Gedankenoperation an.
- Wenn
ich keine Augen hätte, wäre der Körper für mich farblos.
- Ich
kann die Farbe also nicht in den Körper verlegen.
- Ich
gehe auf die Suche nach ihr.
- Ich
suche sie im Auge: vergebens; im Nerv: vergebens; im Gehirne: ebenso
vergebens; in der Seele: hier finde ich sie zwar, aber nicht mit dem
Körper verbunden.
- Den
farbigen Körper finde ich erst wieder da, wo ich ausgegangen bin.
- Der
Kreis ist geschlossen.
- Ich
glaube das als Erzeugnis meiner Seele zu erkennen, was der naive Mensch
sich als draußen im Raume vorhanden denkt.
- So
lange man dabei stehen bleibt, scheint alles in schönster Ordnung.
- Aber
die Sache muß noch einmal von vorne angefangen werden.
- Ich
habe ja bis jetzt mit einem Dinge gewirtschaftet: mit der äußeren
Wahrnehmung, von dem ich früher, als naiver Mensch, eine ganz falsche
Ansicht gehabt habe.
- Ich
war der Meinung: sie hätte so, wie ich sie wahrnehme, einen objektiven
Bestand.
- Nun
merke ich, daß sie mit meinem Vorstellen verschwindet, daß sie nur eine
Modifikation meiner seelischen Zustände ist.
- Habe
ich nun überhaupt noch ein Recht, in meinen Betrachtungen von ihr
auszugehen?
- Kann
ich von ihr sagen, daß sie auf meine Seele wirkt?
- Ich
muß von jetzt ab den Tisch, von dem ich früher geglaubt habe, daß er auf
mich wirkt und in mir eine Vorstellung von sich hervorbringt, selbst als
Vorstellung behandeln.
- Konsequenterweise
sind dann aber auch meine Sinnesorgane und die Vorgänge in ihnen bloß subjektiv.
- Ich
habe kein Recht, von einem wirklichen Auge zu sprechen, sondern nur von
meiner Vorstellung des Auges.
- Ebenso
ist es mit der Nervenleitung und dem Gehirnprozeß und nicht weniger mit
dem Vorgange in der Seele selbst, durch den aus dem Chaos der
mannigfaltigen Empfindungen Dinge aufgebaut werden sollen.
- Durchlaufe
ich unter Voraussetzung der Richtigkeit des ersten Gedankenkreisganges die
Glieder meines Erkenntnisaktes nochmals, so zeigt sich der letztere als
ein Gespinst von Vorstellungen, die doch als solche nicht aufeinander
wirken können.
- Ich
kann nicht sagen: meine Vorstellung des Gegenstandes wirkt auf meine
Vorstellung des Auges, und aus dieser Wechselwirkung geht die Vorstellung
der Farbe hervor.
- Aber
ich habe es auch nicht nötig.
- Denn
sobald mir klar ist, daß mir meine Sinnesorgane und deren Tätigkeiten, mein Nerven- und Seelenprozeß auch nur durch die Wahrnehmung gegeben werden
können, zeigt sich der geschilderte Gedankengang in seiner vollen
Unmöglichkeit.
- Es
ist richtig: für mich ist keine Wahrnehmung ohne das entsprechende
Sinnesorgan gegeben.
- Aber
ebensowenig ein Sinnesorgan ohne Wahrnehmung.
- Ich
kann von meiner Wahrnehmung des Tisches auf das Auge übergehen, das ihn
sieht, auf die Hautnerven, die ihn tasten; aber was in diesen vorgeht,
kann ich wieder nur aus der Wahrnehmung erfahren.
- Und
da bemerke ich denn bald, daß in dem Prozeß, der sich im Auge vollzieht,
nicht eine Spur von Ähnlichkeit ist mit dem, was ich als Farbe wahrnehme.
- Ich
kann meine Farbenwahrnehmung nicht dadurch vernichten, daß ich den Prozeß
im Auge aufzeige, der sich während dieser Wahrnehmung darin abspielt.
- Ebensowenig
finde ich in den Nerven- und Gehirnprozessen die Farbe wieder; ich
verbinde nur neue Wahrnehmungen innerhalb meines Organismus mit der ersten,
die der naive Mensch außerhalb seines Organismus verlegt.
- Ich
gehe nur von einer Wahrnehmung zur andern über.
- Außerdem
enthält die ganze Schlußfolgerung einen Sprung.
- Ich
bin in der Lage, die Vorgänge in meinem Organismus bis zu den Prozessen in
meinem Gehirne zu verfolgen, wenn auch meine Annahmen immer hypothetischer
werden, je mehr ich mich den zentralen Vorgängen des Gehirn es nähere.
- Der
Weg der äußeren Beobachtung hört mit dem Vorgange in meinem Gehirne
auf, und zwar mit jenem, den ich wahrnehmen würde, wenn ich mit
physikalischen, chemischen usw. Hilfsmitteln und Methoden das
Gehirn behandeln könnte.
- Der
Weg der inneren Beobachtung fängt mit der Empfindung an und reicht
bis zum Aufbau der Dinge aus dem Empfindungsmaterial.
- Beim
Übergang von dem Hirnprozeß zur Empfindung ist der Beobachtungsweg
unterbrochen.
- Die
charakterisierte Denkart, die sich im Gegensatz zum Standpunkte des naiven
Bewußtseins, den sie naiven Realismus nennt, als kritischen Idealismus
bezeichnet, macht den Fehler, daß sie die eine Wahrnehmung als
Vorstellung charakterisiert, aber die andere gerade in dem Sinne hinnimmt,
wie es der von ihr scheinbar widerlegte naive Realismus tut.
- Sie
will den Vorstellungscharakter der Wahrnehmungen beweisen, indem sie in
naiver Weise die Wahrnehmungen am eigenen Organismus als objektiv gültige
Tatsachen hinnimmt und zu alledem noch übersieht, daß sie zwei
Beobachtungsgebiete durcheinander wirft, zwischen denen sie keine
Vermittlung finden kann.
- Der
kritische Idealismus kann den naiven Realismus nur widerlegen, wenn er
selbst in naiv- realistischer Weise seinen eigenen Organismus als objektiv
existierend annimmt.
- In
demselben Augenblicke, wo er sich der vollständigen Gleichartigkeit der
Wahrnehmungen am eigenen Organismus mit den vom naiven Realismus als
objektiv existierend angenommenen Wahrnehmungen bewußt wird, kann er sich
nicht mehr auf die ersteren als auf eine sichere Grundlage stützen.
- Er
müßte auch seine subjektive Organisation als bloßen Vorstellungskomplex
ansehen.
- Damit
geht aber die Möglichkeit verloren, den Inhalt der wahrgenommenen Welt
durch die geistige Organisation bewirkt zu denken.
- Man
müßte annehmen, daß die Vorstellung “Farbe” nur eine Modifikation der
Vorstellung “Auge” sei.
- Der
sogenannte kritische Idealismus kann nicht bewiesen werden, ohne eine
Anleihe beim naiven Realismus zu machen.
- Der
letztere wird nur dadurch widerlegt, daß man dessen eigene Voraussetzungen
auf einem anderen Gebiete ungeprüft gelten läßt.
- Soviel
ist hieraus gewiß: durch Untersuchungen innerhalb des Wahrnehmungsgebietes
kann der kritische Idealismus nicht bewiesen, somit die Wahrnehmung ihres
objektiven Charakters nicht entkleidet werden.
- Noch
weniger aber darf der Satz: “Die wahrgenommene Welt ist meine
Vorstellung” als durch sich selbst einleuchtend und keines Beweises
bedürftig hingestellt werden.
- Schopenhauer
beginnt sein Hauptwerk “Die Welt als Wille und
Vorstellung” mit den Worten:
- “‹Die
Welt ist meine Vorstellung:› — dies ist die Wahrheit, welche in Beziehung
auf jedes lebende und erkennende Wesen gilt; wiewohl der Mensch allein sie
in das reflektierte abstrakte Bewußtsein bringen kann: und tut er dies
wirklich, so ist die philosophische Besonnenheit bei ihm eingetreten.
- Es
wird ihm dann deutlich und gewiß, daß er keine Sonne kennt und keine Erde;
sondern immer nur ein Auge, das eine Sonne sieht, eine Hand, die eine Erde
fühlt; daß die Welt, welche ihn umgibt, nur als Vorstellung da ist, das
heißt durchweg nur in Beziehung auf ein Anderes, das Vorstehende, welches
er selbst ist.
- —
Wenn irgend eine Wahrheit a priori ausgesprochen werden kann, so ist es
diese: denn sie ist die Aussage derjenigen Form aller möglichen und
erdenklichen Erfahrung, welche allgemeiner als alle andern, als Zeit, Raum
und Kausalität ist: denn alle diese setzen jene eben schon voraus ...”
- —
Der ganze Satz scheitert an dem oben bereits von mir angeführten Umstande,
daß das Auge und die Hand nicht weniger Wahrnehmungen sind als die Sonne
und die Erde.
- Und
man könnte im Sinne Schopenhauers und mit Anlehnung an seine
Ausdrucksweise seinen Sätzen entgegenhalten: Mein Auge, das die Sonne
sieht, und meine Hand, die die Erde fühlt, sind meine Vorstellungen gerade
so wie die Sonne und die Erde selbst.
- Daß
ich damit aber den Satz wieder aufhebe, ist ohne weiteres klar.
- Denn
nur mein wirkliches Auge und meine wirkliche Hand könnten die
Vorstellungen Sonne und Erde als ihre Modifikationen an sich haben, nicht
aber meine Vorstellungen Auge und Hand.
- Nur
von diesen aber darf der kritische Idealismus sprechen.
- Der
kritische Idealismus ist völlig ungeeignet, eine Ansicht über das
Verhältnis von Wahrnehmung und Vorstellung zu gewinnen.
- Die
auf Seite 66 f. angedeutete
Scheidung dessen, was an der Wahrnehmung während des Wahrnehmens geschieht
und was an ihr schon sein muß, bevor sie wahrgenommen wird, kann er nicht
vornehmen.
- Dazu
muß also ein anderer Weg eingeschlagen werden.
-
- Kapitel 5 - Das Erkennen der Welt
- Aus
den vorhergehenden Betrachtungen folgt die Unmöglichkeit, durch
Untersuchung unseres Beobachtungsinhalts den Beweis zu erbringen, daß
unsere Wahrnehmungen Vorstellungen sind.
- Dieser
Beweis soll nämlich dadurch erbracht werden, daß man zeigt: wenn der Wahrnehmungsprozeß
in der Art erfolgt, wie man ihn gemäß den naiv-realistischen Annahmen über
die psychologische und physiologische Konstitution unseres Individuums
sich vorstellt, dann haben wir es nicht mit Dingen an sich, sondern bloß
mit unseren Vorstellungen von den Dingen zu tun.
- Wenn
nun der naive Realismus, konsequent verfolgt, zu Resultaten führt, die das
gerade Gegenteil seiner Voraussetzungen darstellen, so müssen diese
Voraussetzungen als ungeeignet zur Begründung einer Weltanschauung
bezeichnet und fallen gelassen werden.
- Jedenfalls
ist es unstatthaft, die Voraussetzungen zu verwerfen und die Folgerungen
gelten zu lassen, wie es der kritische Idealist tut, der seiner
Behauptung: die Welt ist meine Vorstellung, den obigen Beweisgang zugrunde
legt.
- (Eduard
von Hartmann gibt in seiner Schrift “Das Grundproblem der
Erkenntnistheorie” eine ausführliche Darstellung dieses Beweisganges.)
- Ein
anderes ist die Richtigkeit des kritischen Idealismus, ein anderes die
Überzeugungskraft seiner Beweise.
- Wie
es mit der ersteren steht, wird sich später im Zusammenhange unserer
Ausführungen ergeben.
- Die
Überzeugungskraft seines Beweises ist aber gleich Null.
- Wenn
man ein Haus baut, und bei Herstellung des ersten Stockwerkes bricht das
Erdgeschoß in sich zusammen, so stürzt das erste Stockwerk mit.
- Der
naive Realismus und der kritische Idealismus verhalten sich wie dies
Erdgeschoß zum ersten Stockwerk.
- Wer
der Ansicht ist, daß die ganze wahrgenommene Welt nur eine vorgestellte
ist, und zwar die Wirkung der mir unbekannten Dinge auf meine Seele, für
den geht die eigentliche Erkenntnisfrage natürlich nicht auf die nur in
der Seele vorhandenen Vorstellungen, sondern auf die jenseits unseres
Bewußtseins liegenden, von uns unabhängigen Dinge.
- Er
fragt: Wieviel können wir von den letzteren mittelbar erkennen, da
sie unserer Beobachtung unmittelbar nicht zugänglich sind?
- Der
auf diesem Standpunkt Stehende kümmert sich nicht um den inneren
Zusammenhang seiner bewußten Wahrnehmungen, sondern um deren nicht mehr
bewußte Ursachen, die ein von ihm unabhängiges Dasein haben, während, nach
seiner Ansicht, die Wahrnehmungen verschwinden, sobald er seine Sinne von
den Dingen abwendet.
- Unser
Bewußtsein wirkt, von diesem Gesichtspunkte aus, wie ein Spiegel, dessen
Bilder von bestimmten Dingen auch in dem Augenblicke verschwinden, in dem
seine spiegelnde Fläche ihnen nicht zugewandt ist.
- Wer
aber die Dinge selbst nicht sieht, sondern nur ihre Spiegelbilder, der muß
aus dem Verhalten der letzteren über die Beschaffenheit der ersteren durch
Schlüsse indirekt sich unterrichten.
- Auf
diesem Standpunkte steht die neuere Naturwissenschaft, welche die
Wahrnehmungen nur als letztes Mittel benutzt, um Aufschluß über die hinter
denselben stehenden und allein wahrhaft seienden Vorgänge des Stoffes zu
gewinnen.
- Wenn
der Philosoph als kritischer Idealist überhaupt ein Sein gelten läßt, dann
geht sein Erkenntnisstreben mit mittelbarer Benutzung der Vorstellungen
allein auf dieses Sein.
- Sein
Interesse überspringt die subjektive Welt der Vorstellungen und geht auf
das Erzeugende dieser Vorstellungen los.
- Der
kritische Idealist kann aber so weit gehen, daß er sagt: ich bin in meine
Vorstellungswelt eingeschlossen und kann aus ihr nicht hinaus.
- Wenn
ich ein Ding hinter meinen Vorstellungen denke, so ist dieser Gedanke doch
auch weiter nichts als meine Vorstellung.
- Ein
solcher Idealist wird dann das Ding an sich entweder ganz leugnen oder
wenigstens davon erklären, daß es für uns Menschen gar keine Bedeutung
habe, das ist, so gut wie nicht da sei, weil wir nichts von ihm wissen
können.
- Einem
kritischen Idealisten dieser Art erscheint die ganze Welt als ein Traum,
dem gegenüber jeder Erkenntnisdrang einfach sinnlos wäre.
- Für
ihn kann es nur zwei Gattungen von Menschen geben: Befangene, die ihre
eigenen Traumgespinste für wirkliche Dinge halten, und Weise, die die
Nichtigkeit dieser Traumwelt durchschauen, und die nach und nach alle Lust
verlieren müssen, sich weiter darum zu bekümmern.
- Für
diesen Standpunkt kann auch die eigene Persönlichkeit zum bloßen
Traumbilde werden.
- Gerade
so wie unter den Bildern des Schlaftraums unser eigenes Traumbild
erscheint, so tritt im wachen Bewußtsein die Vorstellung des eigenen Ich
zu der Vorstellung der Außenwelt hinzu.
- Wir
haben im Bewußtsein dann nicht unser wirkliches Ich, sondern nur unsere
Ichvorstellung gegeben.
- Wer
nun leugnet, daß es Dinge gibt, oder wenigstens, daß wir von ihnen etwas
wissen können: der muß auch das Dasein beziehungsweise die Erkenntnis der
eigenen Persönlichkeit leugnen.
- Der
kritische Idealist kommt dann zu der Behauptung: “Alle Realität verwandelt
sich in einen wunderbaren Traum, ohne ein Leben, von welchem geträumt
wird, und ohne einen Geist, dem da träumt; in einen Traum, der in einem
Traume von sich selbst zusammenhängt” (vergleiche Fichte, Die
Bestimmung des Menschen).
- Gleichgültig,
ob derjenige, der das unmittelbare Leben als Traum zu erkennen glaubt,
hinter diesem Traum nichts mehr vermutet, oder ob er seine Vorstellungen
auf wirkliche Dinge bezieht: das Leben selbst muß für ihn alles
wissenschaftliche Interesse verlieren.
- Während
aber für denjenigen, der mit dem Traume das uns zugängliche All erschöpft
glaubt, alle Wissenschaft ein Unding ist, wird für den andern, der sich
befugt glaubt, von den Vorstellungen auf die Dinge zu schließen, die
Wissenschaft in der Erforschung dieser “Dinge an sich” bestehen.
- Die
erstere Weltansicht kann mit dem Namen absoluter Illusionismus bezeichnet
werden, die zweite nennt ihr konsequentester Vertreter, Eduard von
Hartmann, transzendentalen Realismus. (*)
(*) Transzendental wird im
Sinne dieser Weltanschauung eine Erkenntnis genannt, welche sich bewußt
glaubt, daß über die Dinge an sich nicht direkt etwas ausgesagt werden
könne, sondern welche indirekt Schlüsse von dem bekannten Subjektiven auf
das Unbekannte, jenseits des Subjektiven Liegende (Transzendente) macht.
Das Ding an sich ist nach dieser Ansicht jenseits des Gebietes der uns unmittelbar
erkennbaren Welt, d.i. transzendent. Unsere Welt kann aber auf das
Transzendente transzendental bezogen werden. Realismus heißt Hartmanns
Anschauung, weil sie über das Subjektive, Ideale hinaus, auf das
Transzendente, Reale geht.
- Diese
beiden Ansichten haben mit dem naiven Realismus das gemein, daß sie Fuß in
der Welt zu fassen suchen durch eine Untersuchung der Wahrnehmungen.
- Sie
können aber innerhalb dieses Gebietes nirgends einen festen Punkt finden.
- Eine
Hauptfrage für den Bekenner des transzendentalen Realismus müßte sein: wie
bringt das Ich aus sich selbst die Vorstellungswelt zustande?
- Für
eine uns gegebene Welt von Vorstellungen, die verschwindet, sobald wir
unsere Sinne der Außenwelt verschließen, kann ein ernstes
Erkenntnisstreben sich insofern erwärmen, als sie das Mittel ist, die Welt
des an sich seienden Ich mittelbar zu erforschen.
- Wenn
die Dinge unserer Erfahrung Vorstellungen wären, dann gliche unser
alltägliches Leben einem Traume und die Erkenntnis des wahren Tatbestandes
dem Erwachen.
- Auch
unsere Traumbilder interessieren uns so lange, als wir träumen, folglich
die Traumnatur nicht durchschauen.
- In
dem Augenblicke des Erwachens fragen wir nicht mehr nach dem inneren
Zusammenhange unserer Traumbilder, sondern nach den physikalischen,
physiologischen und psychologischen Vorgängen, die ihnen zum Grunde
liegen.
- Ebensowenig
kann sich der Philosoph, der die Welt für seine Vorstellung hält, für den
inneren Zusammenhang der Einzelheiten in derselben interessieren.
- Falls
er überhaupt ein seiendes Ich gelten läßt, dann wird er nicht fragen, wie
hängt eine seiner Vorstellungen mit einer anderen zusammen, sondern was
geht in der von ihm unabhängigen Seele vor, während sein Bewußtsein einen
bestimmten Vorstellungsablauf enthält.
- Wenn
ich träume, daß ich Wein trinke, der mir ein Brennen im Kehlkopf
verursache und dann mit Hustenreiz aufwache (vergleiche Weygandt,
Entstehung der Träume, 1893), so hört im Augenblicke des Erwachens die
Traumhandlung auf, für mich ein Interesse zu haben.
- Mein
Augenmerk ist nur noch auf die physiologischen und psychologischen
Prozesse gerichtet, durch die der Hustenreiz sich symbolisch in dem
Traumbilde zum Ausdruck bringt.
- In
ähnlicher Weise muß der Philosoph, sobald er von dem Vorstellungscharakter
der gegebenen Welt überzeugt ist, von dieser sofort auf die dahinter
steckende wirkliche Seele überspringen.
- Schlimmer
steht die Sache allerdings, wenn der Illusionismus das Ich an sich hinter
den Vorstellungen ganz leugnet, oder es wenigstens für unerkennbar hält.
- Zu
einer solchen Ansicht kann sehr leicht die Beobachtung führen, daß es dem
Träumen gegenüber zwar den Zustand des Wachens gibt, in dem wir
Gelegenheit haben, die Träume zu durchschauen und auf reale Verhältnisse
zu beziehen, daß wir aber keinen zu dem wachen Bewußtseinsleben in einem
ähnlichen Verhältnisse stehenden Zustand haben.
- Wer
zu dieser Ansicht sich bekennt, dem geht die Einsicht ab, daß es etwas
gibt, das sich in der Tat zum bloßen Wahrnehmen verhält wie das Erfahren
im wachen Zustande zum Träumen.
- Dieses
Etwas ist das Denken.
- Dem
naiven Menschen kann der Mangel an Einsicht, auf den hier gedeutet wird,
nicht angerechnet werden.
- Er
gibt sich dem Leben hin und hält die Dinge so für wirklich, wie sie sich
ihm in der Erfahrung darbieten.
- Der
erste Schritt aber, der über diesen Standpunkt hinaus unternommen wird,
kann nur in der Frage bestehen: wie verhält sich das Denken zur
Wahrnehmung?
- Ganz
einerlei, ob die Wahrnehmung in der mir gegebenen Gestalt vor und nach
meinem Vorstellen weiterbesteht oder nicht: wenn ich irgend etwas über sie
aussagen will, so kann es nur mit Hilfe des Denkens geschehen.
- Wenn
ich sage: die Welt ist meine Vorstellung, so habe ich das Ergebnis eines
Denkprozesses ausgesprochen, und wenn mein Denken auf die Welt nicht
anwendbar ist, so ist dieses Ergebnis ein Irrtum.
- Zwischen
die Wahrnehmung und jede Art von Aussage über dieselbe schiebt sich das
Denken ein.
- Den
Grund, warum das Denken bei der Betrachtung der Dinge zumeist übersehen
wird, haben wir bereits angegeben (vergleiche
Seite 42 f.).
- Er
liegt in dem Umstande, daß wir nur auf den Gegenstand, über den wir
denken, nicht aber zugleich auf das Denken unsere Aufmerksamkeit richten.
- Das
naive Bewußtsein behandelt daher das Denken wie etwas, das mit den Dingen
nichts zu tun hat, sondern ganz abseits von denselben steht und seine
Betrachtungen über die Welt anstellt.
- Das
Bild, das der Denker von den Erscheinungen der Welt entwirft, gilt nicht
als etwas, was zu den Dingen gehört, sondern als ein nur im Kopfe des
Menschen existierendes; die Welt ist auch fertig ohne dieses Bild.
- Die
Welt ist fix und fertig in allen ihren Substanzen und Kräften; und von
dieser fertigen Welt entwirft der Mensch ein Bild.
- Die
so denken, muß man nur fragen: mit welchem Rechte erklärt ihr die Welt für
fertig, ohne das Denken?
- Bringt
nicht mit der gleichen Notwendigkeit die Welt das Denken im Kopfe des
Menschen hervor, wie die Blüte an der Pflanze?
- Pflanzet
ein Samenkorn in den Boden.
- Es
treibt Wurzel und Stengel.
- Es
entfaltet sich zu Blättern und Blüten.
- Stellet
die Pflanze euch selbst gegenüber.
- Sie
verbindet sich in eurer Seele mit einem bestimmten Begriffe.
- Warum
gehört dieser Begriff weniger zur ganzen Pflanze als Blatt und Blüte?
- Ihr
saget: die Blätter und Blüten sind ohne ein wahrnehmendes Subjekt da; der
Begriff erscheint erst, wenn sich der Mensch der Pflanze gegenüberstellt.
- Ganz
wohl.
- Aber
auch Blüten und Blätter entstehen an der Pflanze nur, wenn Erde da ist, in
die der Keim gelegt werden kann, wenn Licht und Luft da sind, in denen
sich Blätter und Blüten entfalten können.
- Gerade
so entsteht der Begriff der Pflanze, wenn ein denkendes Bewußtsein an die
Pflanze herantritt.
- Es
ist ganz willkürlich, die Summe dessen, was wir von einem Dinge durch die
bloße Wahrnehmung erfahren, für eine Totalität, für ein Ganzes zu halten,
und dasjenige, was sich durch die denkende Betrachtung ergibt, als
ein solches Hinzugekommenes, das mit der Sache selbst nichts zu tun habe.
- Wenn
ich heute eine Rosenknospe erhalte, so ist das Bild, das sich meiner
Wahrnehmung darbietet, nur zunächst ein abgeschlossenes.
- Wenn
ich die Knospe in Wasser setze, so werde ich morgen ein ganz anderes Bild
meines Objektes erhalten.
- Wenn
ich mein Auge von der Rosenknospe nicht abwende, so sehe ich den heutigen
Zustand in den morgigen durch unzählige Zwischenstufen kontinuierlich
übergehen.
- Das
Bild, das sich mir in einem bestimmten Augenblicke darbietet, ist nur ein
zufälliger Ausschnitt aus dem in einem fortwährenden Werden begriffenen
Gegenstande.
- Setze
ich die Knospe nicht in Wasser, so bringt sie eine ganze Reihe von
Zuständen nicht zur Entwickelung, die der Möglichkeit nach in ihr lagen.
- Ebenso
kann ich morgen verhindert sein, die Blüte weiter zu beobachten und
dadurch ein unvollständiges Bild haben.
- Es
ist eine ganz unsachliche, an Zufälligkeiten sich heftende Meinung, die
von dem in einer gewissen Zeit sich darbietenden Bilde erklärte: das ist
die Sache.
- Ebensowenig
ist es statthaft, die Summe der Wahrnehmungsmerkmale für die Sache zu
erklären.
- Es
wäre sehr wohl möglich, daß ein Geist zugleich und ungetrennt von der
Wahrnehmung den Begriff mitempfangen könnte.
- Ein
solcher Geist würde gar nicht auf den Einfall kommen, den Begriff als
etwas nicht zur Sache Gehöriges zu betrachten.
- Er
müßte ihm ein mit der Sache unzertrennlich verbundenes Dasein zuschreiben.
- Ich
will mich noch durch ein Beispiel deutlicher machen.
- Wenn
ich einen Stein in horizontaler Richtung durch die Luft werfe, so sehe ich
ihn nacheinander an verschiedenen Orten.
- Ich
verbinde diese Orte zu einer Linie.
- In
der Mathematik lerne ich verschiedene Linienformen kennen, darunter auch
die Parabel.
- Ich
kenne die Parabel als eine Linie, die entsteht, wenn sich ein Punkt in
einer gewissen gesetzmäßigen Art bewegt.
- Wenn
ich die Bedingungen untersuche, unter denen sich der geworfene Stein
bewegt, so finde ich, daß die Linie seiner Bewegung mit der identisch ist,
die ich als Parabel kenne.
- Daß
sich der Stein gerade in einer Parabel bewegt, das ist eine Folge der
gegebenen Bedingungen und folgt mit Notwendigkeit aus diesen.
- Die
Form der Parabel gehört zur ganzen Erscheinung, wie alles andere, was an
derselben in Betracht kommt.
- Dem
oben beschriebenen Geist, der nicht den Umweg des Denkens nehmen müßte,
wäre nicht nur eine Summe von Gesichtsempfindungen an verschiedenen Orten
gegeben, sondern ungetrennt von der Erscheinung auch die parabolische Form
der Wurflinie, die wir erst durch Denken zu der Erscheinung hinzufügen.
- Nicht
an den Gegenständen liegt es, daß sie uns zunächst ohne die entsprechenden
Begriffe gegeben werden, sondern an unserer geistigen Organisation.
- Unsere
totale Wesenheit funktioniert in der Weise, daß ihr bei jedem Dinge der
Wirklichkeit von zwei Seiten her die Elemente zufließen, die für die Sache
in Betracht kommen: von seiten des Wahrnehmens und des Denkens.
- Es
hat mit der Natur der Dinge nichts zu tun, wie ich organisiert bin, sie zu
erfassen.
- Der
Schnitt zwischen Wahrnehmen und Denken ist erst in dem Augenblicke
vorhanden, wo ich, der Betrachtende, den Dingen gegenübertrete.
- Welche
Elemente dem Dinge angehören und welche nicht, kann aber durchaus nicht
davon abhängen, auf welche Weise ich zur Kenntnis dieser Elemente gelange.
- Der
Mensch ist ein eingeschränktes Wesen.
- Zunächst
ist er ein Wesen unter anderen Wesen.
- Sein
Dasein gehört dem Raum und der Zeit an.
- Dadurch
kann ihm auch immer nur ein beschränkter Teil des gesamten Universums
gegeben sein.
- Dieser
beschränkte Teil schließt sich aber ringsherum sowohl zeitlich wie
räumlich an anderes an.
- Wäre
unser Dasein so mit den Dingen verknüpft, daß jedes Weltgeschehen zugleich
unser Geschehen wäre, dann gäbe es den Unterschied zwischen uns und
den Dingen nicht.
- Dann
aber gäbe es für uns auch keine Einzeldinge.
- Da
ginge alles Geschehen kontinuierlich ineinander über.
- Der
Kosmos wäre eine Einheit und eine in sich beschlossene Ganzheit.
- Der
Strom des Geschehens hätte nirgends eine Unterbrechung.
- Wegen
unserer Beschränkung erscheint uns als Einzelheit, was in Wahrheit nicht
Einzelheit ist.
- Nirgends
ist zum Beispiel die Einzelqualität des Rot abgesondert für sich
vorhanden.
- Sie
ist allseitig von anderen Qualitäten umgeben, zu denen sie gehört, und
ohne die sie nicht bestehen könnte.
- Für
uns aber ist es eine Notwendigkeit, gewisse Ausschnitte aus der Welt
herauszuheben, und sie für sich zu betrachten.
- Unser
Auge kann nur einzelne Farben nacheinander aus einem vielgliedrigen
Farbenganzen, unser Verstand nur einzelne Begriffe aus einem zusammenhängenden
Begriffssysteme erfassen.
- Diese
Absonderung ist ein subjektiver Akt, bedingt durch den Umstand, daß wir
nicht identisch sind mit dem Weltprozeß, sondern ein Wesen unter anderen
Wesen.
- Es
kommt nun alles darauf an, die Stellung des Wesens, das wir selbst sind,
zu den anderen Wesen zu bestimmen.
- Diese
Bestimmung muß unterschieden werden von dem bloßen Bewußtwerden unseres
Selbst.
- Das
letztere beruht auf dem Wahrnehmen wie das Bewußtwerden jedes anderen
Dinges.
- Die
Selbstwahrnehmung zeigt mir eine Summe von Eigenschaften, die ich ebenso
zu dem Ganzen meiner Persönlichkeit zusammenfasse, wie ich die
Eigenschaften: gelb, metallglänzend, hart usw. zu der Einheit “Gold”
zusammenfasse.
- Die
Selbstwahrnehmung führt mich nicht aus dem Bereiche dessen hinaus, was zu
mir gehört.
- Dieses
Selbstwahrnehmen ist zu unterscheiden von dem denkenden Selbstbestimmen.
- Wie
ich eine einzelne Wahrnehmung der Außenwelt durch das Denken eingliedere
in den Zusammenhang der Welt, so gliedere ich die an mir selbst gemachten
Wahrnehmungen in den Weltprozeß durch das Denken ein.
- Mein
Selbstwahrnehmen schließt mich innerhalb bestimmter Grenzen ein; mein
Denken hat nichts zu tun mit diesen Grenzen.
- In
diesem Sinne bin ich ein Doppelwesen.
- Ich
bin eingeschlossen in das Gebiet, das ich als das meiner Persönlichkeit
wahrnehme, aber ich bin Träger einer Tätigkeit, die von einer höheren
Sphäre aus mein begrenztes Dasein bestimmt.
- Unser
Denken ist nicht individuell wie unser Empfinden und Fühlen.
- Es
ist universell.
- Es
erhält ein individuelles Gepräge in jedem einzelnen Menschen nur dadurch,
daß es auf sein individuelles Fühlen und Empfinden bezogen ist.
- Durch
diese besonderen Färbungen des universellen Denkens unterscheiden sich die
einzelnen Menschen voneinander.
- Ein
Dreieck hat nur einen einzigen Begriff.
- Für
den Inhalt dieses Begriffes ist es gleichgültig, ob ihn der menschliche
Bewußtseinsträger A oder B faßt.
- Er
wird aber von jedem der zwei Bewußtseinsträger in individueller Weise
erfaßt werden.
- Diesem
Gedanken steht ein schwer zu überwindendes Vorurteil der Menschen
gegenüber.
- Die
Befangenheit kommt nicht bis zu der Einsicht, daß der Begriff des
Dreieckes, den mein Kopf erfaßt, derselbe ist, wie der durch den Kopf
meines Nebenmenschen ergriffene.
- Der
naive Mensch hält sich für den Bildner seiner Begriffe.
- Er
glaubt deshalb, jede Person habe ihre eigenen Begriffe.
- Es
ist eine Grundforderung des philosophischen Denkens, dieses Vorurteil zu
überwinden.
- Der
eine einheitliche Begriff des Dreiecks wird nicht dadurch zu einer
Vielheit, daß er von vielen gedacht wird.
- Denn
das Denken der Vielen selbst ist eine Einheit.
- In
dem Denken haben wir das Element gegeben, das unsere besondere
Individualität mit dem Kosmos zu einem Ganzen zusammenschließt.
- Indem
wir empfinden und fühlen (auch wahrnehmen), sind wir einzelne, indem wir
denken, sind wir das all-eine Wesen, das alles durchdringt.
- Dies
ist der tiefere Grund unserer Doppelnatur: Wir sehen in uns eine
schlechthin absolute Kraft zum Dasein kommen, eine Kraft, die universell
ist, aber wir lernen sie nicht bei ihrem Ausströmen aus dem Zentrum der
Welt kennen, sondern in einem Punkte der Peripherie.
- Wäre
das erstere der Fall, dann wüßten wir in dem Augenblicke, in dem wir zum
Bewußtsein kommen, das ganze Welträtsel.
- Da
wir aber in einem Punkte der Peripherie stehen und unser eigenes Dasein in
bestimmte Grenzen eingeschlossen finden, müssen wir das außerhalb unseres
eigenen Wesens gelegene Gebiet mit Hilfe des aus dem allgemeinen
Weltensein in uns hereinragenden Denkens kennen lernen.
- Dadurch,
daß das Denken in uns übergreift über unser Sondersein und auf das
allgemeine Weltensein sich bezieht, entsteht in uns der Trieb der
Erkenntnis.
- Wesen
ohne Denken haben diesen Trieb nicht.
- Wenn
sich ihnen andere Dinge gegenüberstellen, so sind dadurch keine Fragen
gegeben.
- Diese
anderen Dinge bleiben solchen Wesen äußerlich.
- Bei
denkenden Wesen stößt dem Außendinge gegenüber der Begriff auf.
- Er
ist dasjenige, was wir von dem Dinge nicht von außen, sondern von innen
empfangen.
- Den
Ausgleich, die Vereinigung der beiden Elemente, des inneren und des
äußeren, soll die Erkenntnis liefern.
- Die
Wahrnehmung ist also nichts Fertiges, Abgeschlossenes, sondern die eine
Seite der totalen Wirklichkeit.
- Die
andere Seite ist der Begriff.
- Der
Erkenntnisakt ist die Synthese von Wahrnehmung und Begriff.
- Wahrnehmung
und Begriff eines Dinges machen aber erst das ganze Ding aus.
- Die
vorangehenden Ausführungen liefern den Beweis, daß es ein Unding ist,
etwas anderes Gemeinsames in den Einzelwesen der Welt zu suchen, als den
ideellen Inhalt, den uns das Denken darbietet.
- Alle
Versuche müssen scheitern, die nach einer anderen Welteinheit streben als
nach diesem in sich zusammenhängenden ideellen Inhalt, welchen wir uns
durch denkende Betrachtung unserer Wahrnehmungen erwerben.
- Nicht
ein menschlich-persönlicher Gott, nicht Kraft oder Stoff, noch der
ideenlose Wille (Schopenhauers) können uns als eine universelle
Welteinheit gelten.
- Diese
Wesenheiten gehören sämtlich nur einem beschränkten Gebiet unserer
Beobachtung an.
- Menschlich
begrenzte Persönlichkeit nehmen wir nur an uns, Kraft und Stoff an den
Außendingen wahr.
- Was
den Willen betrifft, so kann er nur als die Tätigkeitsäußerung unserer
beschränkten Persönlichkeit gelten.
- Schopenhauer
will es vermeiden, das “abstrakte” Denken zum Träger
der Welteinheit zu machen und sucht statt dessen etwas, das sich ihm
unmittelbar als ein Reales darbietet.
- Dieser
Philosoph glaubt, daß wir der Welt nimmermehr beikommen, wenn wir sie als
Außenwelt ansehen.
- “In
der Tat würde die nachgeforschte Bedeutung der mir lediglich als meine
Vorstellung gegenüberstehenden Welt, oder der Übergang von ihr, als bloßer
Vorstellung des erkennenden Subjekts, zu dem, was sie noch außerdem sein
mag, nimmermehr zu finden sein, wenn der Forscher selbst nichts weiter als
das rein erkennende Subjekt (geflügelter Engelskopf ohne Leib) wäre.
- Nun
aber wurzelt er selbst in jener Welt, findet sich nämlich in ihr als Individuum,
das heißt sein Erkennen, welches der bedingende Träger der ganzen Welt als
Vorstellung ist, ist dennoch durchaus vermittelt durch einen Leib, dessen
Affektionen, wie gezeigt, dem Verstande der Ausgangspunkt der Anschauung
jener Welt sind.
- Dieser
Leib ist dem rein erkennenden Subjekt als solchem eine Vorstellung wie
jede andere, ein Objekt unter Objekten: die Bewegungen, die Aktionen
desselben sind ihm insoweit nicht anders als wie die Veränderungen aller
anderen anschaulichen Objekte bekannt, und wären ihm ebenso fremd und
unverständlich, wenn die Bedeutung derselben ihm nicht etwa auf eine ganz
andere Art enträtselt wäre. ...
- Dem
Subjekt des Erkennens, welches durch seine Identität mit dem Leibe als
Individuum auftritt, ist dieser Leib auf zwei ganz verschiedene Weisen
gegeben: einmal als Vorstellung in verständiger Anschauung, als Objekt
unter Objekten, und dem Gesetzen dieser unterworfen; sodann aber auch
zugleich auf eine ganz andere Weise, nämlich als jenes jedem unmittelbar
Bekannte, welches das Wort Wille bezeichnet.
- Jeder
wahre Akt seines Willens ist sofort und unausbleiblich auch eine Bewegung
seines Leibes: er kann den Akt nicht wirklich wollen, ohne zugleich
wahrzunehmen, daß er als Bewegung des Leibes erscheint.
- Der
Willensakt und die Aktion des Leibes sind nicht zwei objektiv erkannte
verschiedene Zustände, die das Band der Kausalität verknüpft, stehen nicht
im Verhältnis der Ursache und Wirkung; sondern sie sind eines und
dasselbe, nur auf zwei gänzlich verschiedene Weisen gegeben: einmal ganz
unmittelbar und einmal in der Anschauung für den Verstand.”
- Durch
diese Auseinandersetzungen glaubt sich Schopenhauer berechtigt, in
dem Leibe des Menschen die “Objektität” des Willens zu finden.
- Er
ist der Meinung, in den Aktionen des Leibes unmittelbar eine
Realität, das Ding an sich in concreto zu fühlen.
- Gegen
diese Ausführungen muß eingewendet werden, daß uns die Aktionen unseres
Leibes nur durch Selbstwahrnehmungen zum Bewußtsein kommen und als solche
nichts voraus haben vor anderen Wahrnehmungen.
- Wenn
wir ihre Wesenheit erkennen wollen, so können wir dies nur durch denkende
Betrachtung, das heißt durch Eingliederung derselben in das ideelle
System unserer Begriffe und Ideen.
- Am
tiefsten eingewurzelt in das naive Menschheitsbewußtsein ist die Meinung:
das Denken sei abstrakt, ohne allen konkreten Inhalt.
- Es
könne höchstens ein “ideelles” Gegenbild der Welteinheit liefern, nicht
etwa diese selbst.
- Wer
so urteilt, hat sich niemals klar gemacht, was die Wahrnehmung ohne den
Begriff ist.
- Sehen
wir uns nur diese Welt der Wahrnehmung an: als ein bloßes Nebeneinander im
Raum und Nacheinander in der Zeit, ein Aggregat zusammenhangloser
Einzelheiten erscheint sie.
- Keines
der Dinge, die da auftreten und abgehen auf der Wahrnehmungsbühne, hat mit
dem andern unmittelbar etwas zu tun, was sich wahrnehmen läßt.
- Die
Welt ist da eine Mannigfaltigkeit von gleichwertigen Gegenständen.
- Keiner
spielt eine größere Rolle als der andere im Getriebe der Welt.
- Soll
uns klar werden, daß diese oder jene Tatsache größere Bedeutung hat als
die andere, so müssen wir unser Denken befragen.
- Ohne
das funktionierende Denken erscheint uns das rudimentäre Organ des Tieres,
das ohne Bedeutung für dessen Leben ist, gleichwertig mit dem wichtigsten
Körpergliede.
- Die
einzelnen Tatsachen treten in ihrer Bedeutung in sich und für die übrigen
Teile der Welt erst hervor, wenn das Denken seine Fäden zieht von Wesen zu
Wesen.
- Diese
Tätigkeit des Denkens ist eine inhaltvolle.
- Denn
nur durch einen ganz bestimmten konkreten Inhalt kann ich wissen, warum
die Schnecke auf einer niedrigeren Organisationsstufe steht als der Löwe.
- Der
bloße Anblick, die Wahrnehmung gibt mir keinen Inhalt, der mich über die
Vollkommenheit der Organisation belehren könnte.
- Diesen
Inhalt bringt das Denken der Wahrnehmung aus der Begriffs- und Ideenwelt
des Menschen entgegen.
- Im
Gegensatz zum Wahrnehmungsinhalte, der uns von außen gegeben ist,
erscheint der Gedankeninhalt im Innern.
- Die
Form, in der er zunächst auftritt, wollen wir als Intuition bezeichnen.
- Sie
ist für das Denken, was die Beobachtung für die Wahrnehmung ist.
- Intuition
und Beobachtung sind die Quellen unserer Erkenntnis.
- Wir
stehen einem beobachteten Dinge der Welt so lange fremd gegenüber, so
lange wir in unserem Innern nicht die entsprechende Intuition haben, die
uns das in der Wahrnehmung fehlende Stück der Wirklichkeit ergänzt.
- Wer
nicht die Fähigkeit hat, die den Dingen entsprechenden Intuitionen zu
finden, dem bleibt die volle Wirklichkeit verschlossen.
- Wie
der Farbenblinde nur Helligkeitsunterschiede ohne Farbenqualitäten sieht,
so kann der Intuitionslose nur unzusammenhängende Wahrnehmungsfragmente beobachten.
- Ein
Ding erklären, verständlich machen heißt nichts anderes, als es in
den Zusammenhang hinein versetzen, aus dem es durch die oben geschilderte
Einrichtung unserer Organisation herausgerissen ist.
- Ein
von dem Weltganzen abgetrenntes Ding gibt es nicht.
- Alle
Sonderung hat bloß subjektive Geltung für unsere Organisation.
- Für
uns legt sich das Weltganze auseinander in: oben und unten, vor und nach,
Ursache und Wirkung, Gegenstand und Vorstellung, Stoff und Kraft, Objekt
und Subjekt usw. Was uns in der Beobachtung an Einzelheiten
gegenübertritt, das verbindet sich durch die zusammenhängende,
einheitliche Welt unserer Intuitionen Glied für Glied; und wir fügen durch
das Denken alles wieder in eins zusammen, was wir durch das Wahrnehmen
getrennt haben.
- Die
Rätselhaftigkeit eines Gegenstandes liegt in seinem Sonderdasein.
- Diese
ist aber von uns hervorgerufen und kann, innerhalb der Begriffswelt, auch
wieder aufgehoben werden.
- Außer
durch Denken und Wahrnehmen ist uns direkt nichts gegeben.
- Es
entsteht nun die Frage: wie steht es gemäß unseren Ausführungen mit der
Bedeutung der Wahrnehmung?
- Wir
haben zwar erkannt, daß der Beweis, den der kritische Idealismus für die
subjektive Natur der Wahrnehmungen vorbringt, in sich zerfällt; aber mit
der Einsicht in die Unrichtigkeit des Beweises ist noch nicht ausgemacht,
daß die Sache selbst auf einem Irrtume beruht.
- Der
kritische Idealismus geht in seiner Beweisführung nicht von der absoluten
Natur des Denkens aus, sondern stützt sich darauf, daß der naive
Realismus, konsequent verfolgt, sich selbst aufhebe.
- Wie
stellt sich die Sache, wenn die Absolutheit des Denkens erkannt ist?
- Nehmen
wir an, es trete eine bestimmte Wahrnehmung, zum Beispiel Rot, in meinem
Bewußtsein auf.
- Die
Wahrnehmung erweist sich bei fortgehender Betrachtung in Zusammenhang
stehend mit anderen Wahrnehmungen, zum Beispiel einer bestimmten Figur,
mit gewissen Temperatur- und Tastwahrnehmungen.
- Diesen
Zusammenhang bezeichne ich als einen Gegenstand der Sinnenwelt.
- Ich
kann mich nun fragen: was findet sich außer dem angeführten noch in jenem
Raumausschnitte, in dem mir obige Wahrnehmungen erscheinen.
- Ich
werde mechanische, chemische und andere Vorgänge innerhalb des Raumteiles
finden.
- Nun
gehe ich weiter und untersuche die Vorgänge, die ich auf dem Wege von dem
Gegenstande zu meinem Sinnesorgane finde.
- Ich
kann Bewegungsvorgänge in einem elastischen Mittel finden, die ihrer
Wesenheit nach nicht das geringste mit den ursprünglichen Wahrnehmungen
gemein haben.
- Das
gleiche Resultat erhalte ich, wenn ich die weitere Vermittelung vom
Sinnesorgane zum Gehirn untersuche.
- Auf
jedem dieser Gebiete mache ich neue Wahrnehmungen; aber was als bindendes
Mittel sich durch alle diese räumlich und zeitlich auseinanderliegenden
Wahrnehmungen hindurchwebt, das ist das Denken.
- Die
den Schall vermittelnden Schwingungen der Luft sind mir gerade so als
Wahrnehmungen gegeben wie der Schall selbst.
- Nur
das Denken gliedert alle diese Wahrnehmungen aneinander und zeigt sie in ihren
gegenseitigen Beziehungen.
- Wir
können nicht davon sprechen, daß es außer dem unmittelbar Wahrgenommenen
noch anderes gibt, als dasjenige, was durch die ideellen (durch das Denken
aufzudeckenden) Zusammenhänge der Wahrnehmungen erkannt wird.
- Die
über das bloß Wahrgenommene hinausgehende Beziehung der
Wahrnehmungsobjekte zum Wahrnehmungssubjekte ist also eine bloß ideelle,
das heißt nur durch Begriffe ausdrückbare.
- Nur
in dem Falle, wenn ich wahrnehmen könnte, wie das Wahrnehmungsobjekt das
Wahrnehmungssubjekt affiziert, oder umgekehrt, wenn ich den Aufbau des
Wahrnehmungsgebildes durch das Subjekt beobachten könnte, wäre es möglich,
so zu sprechen, wie es die moderne Physiologie und der auf sie gebaute
kritische Idealismus tun.
- Diese
Ansicht verwechselt einen ideellen Bezug (des Objekts auf das Subjekt) mit
einem Prozeß, von dem nur gesprochen werden könnte, wenn er wahrzunehmen
wäre.
- Der
Satz “Keine Farbe ohne farbenempfindendes Auge” kann daher nicht die
Bedeutung haben, daß das Auge die Farbe hervorbringt, sondern nur die, daß
ein durch das Denken erkennbarer ideeller Zusammenhang besteht zwischen
der Wahrnehmung Farbe und der Wahrnehmung Auge.
- Die
empirische Wissenschaft wird festzustellen haben, wie sich die
Eigenschaften des Auges und die der Farben zueinander verhalten; durch
welche Einrichtungen das Sehorgan die Wahrnehmung der Farben vermittelt
usw.
- Ich
kann verfolgen, wie eine Wahrnehmung auf die andere folgt, wie sie
räumlich mit andern in Beziehung steht; und dies dann in einen begrifflichen
Ausdruck bringen; aber ich kann nicht wahrnehmen, wie eine Wahrnehmung aus
dem Unwahrnehmbaren hervorgeht.
- Alle
Bemühungen, zwischen den Wahrnehmungen andere als Gedankenbezüge zu
suchen, müssen notwendig scheitern.
- Was
ist also die Wahrnehmung?
- Diese
Frage ist, im allgemeinen gestellt, absurd.
- Die
Wahrnehmung tritt immer als eine ganz bestimmte, als konkreter Inhalt auf.
- Dieser
Inhalt ist unmittelbar gegeben, und erschöpft sich in dem Gegebenen.
- Man
kann in bezug auf dieses Gegebene nur fragen, was es außerhalb der
Wahrnehmung, das ist: für das Denken ist.
- Die
Frage nach dem “Was” einer Wahrnehmung kann also nur auf die begriffliche
Intuition gehen, die ihr entspricht.
- Unter
diesem Gesichtspunkte kann die Frage nach der Subjektivität der
Wahrnehmung im Sinne des kritischen Idealismus gar nicht aufgeworfen
werden.
- Als
subjektiv darf nur bezeichnet werden, was als zum Subjekte gehörig
wahrgenommen wird.
- Das
Band zu bilden zwischen Subjektivem und Objektivem kommt keinem im naiven
Sinn realen Prozeß, das heißt einem wahrnehmbaren Geschehen zu, sondern
allein dem Denken.
- Es
ist also für uns objektiv, was sich für die Wahrnehmung als außerhalb des
Wahrnehmungssubjektes gelegen darstellt.
- Mein
Wahrnehmungssubjekt bleibt für mich wahrnehmbar, wenn der Tisch, der
soeben vor mir steht, aus dem Kreise meiner Beobachtung verschwunden sein
wird.
- Die
Beobachtung des Tisches hat eine, ebenfalls bleibende, Veränderung in mir
hervorgerufen.
- Ich
behalte die Fähigkeit zurück, ein Bild des Tisches später wieder zu
erzeugen.
- Diese
Fähigkeit der Hervorbringung eines Bildes bleibt mit mir verbunden.
- Die
Psychologie bezeichnet dieses Bild als Erinnerungsvorstellung.
- Es
ist aber dasjenige, was allein mit Recht Vorstellung des Tisches
genannt werden kann.
- Es
entspricht dies nämlich der wahrnehmbaren Veränderung meines eigenen
Zustandes durch die Anwesenheit des Tisches in meinem Gesichtsfelde.
- Und
zwar bedeutet sie nicht die Veränderung irgendeines hinter dem Wahrnehmungssubjekte
stehenden
- “Ich
an sich”, sondern die Veränderung des wahrnehmbaren Subjektes selbst.
- Die
Vorstellung ist also eine subjektive Wahrnehmung im Gegensatz zur
objektiven Wahrnehmung bei Anwesenheit des Gegenstandes im
Wahrnehmungshorizonte.
- Das
Zusammenwerfen jener subjektiven mit dieser objektiven Wahrnehmung führt
zu dem Mißverständnisse des Idealismus: die Welt ist meine Vorstellung.
- Es
wird sich nun zunächst darum handeln, den Begriff der Vorstellung näher zu
bestimmen.
- Was
wir bisher über sie vorgebracht haben, ist nicht der Begriff derselben,
sondern weist nur den Weg, wo sie im Wahrnehmungsfelde zu finden ist.
- Der
genaue Begriff der Vorstellung wird es uns dann auch möglich machen, einen
befriedigenden Aufschluß über das Verhältnis von Vorstellung und
Gegenstand zu gewinnen.
- Dies
wird uns dann auch über die Grenze führen, wo das Verhältnis zwischen
menschlichem Subjekt und der Welt angehörigem Objekt von dem rein
begrifflichen Felde des Erkennens hinabgeführt wird in das konkrete individuelle
Leben.
- Wissen
wir erst, was wir von der Welt zu halten haben, dann wird es ein leichtes
sein, auch uns danach einzurichten.
- Wir
können erst mit voller Kraft tätig sein, wenn wir das der Welt angehörige
Objekt kennen, dem wir unsere Tätigkeit widmen.
-
- Zusatz
zur Neuausgabe 1918
- Die
Anschauung, die hier gekennzeichnet ist, kann als eine solche angesehen
werden, zu welcher der Mensch wie naturgemäß zunächst getrieben wird, wenn
er beginnt, über sein Verhältnis zur Welt nachzudenken.
- Er
sieht sich da in eine Gedankengestaltung verstrickt, die sich ihm auflöst,
indem er sie bildet.
- Diese
Gedankengestaltung ist eine solche, mit deren bloßer theoretischer
Widerlegung nicht alles für sie Notwendige getan ist.
- Man
muß sie durchleben, um aus der Einsicht in die Verirrung, in die
sie führt, den Ausweg zu finden.
- Sie
muß in einer Auseinandersetzung über das Verhältnis des Menschen zur Welt
erscheinen nicht darum, weil man andere widerlegen will, von denen man
glaubt, daß sie über dieses Verhältnis eine unrichtige Ansicht haben,
sondern weil man kennen muß, in welche Verwirrung sich jedes erste
Nachdenken über ein solches Verhältnis bringen kann.
- Man
muß die Einsicht gewinnen, wie man sich selbst in bezug auf
dieses erste Nachdenken widerlegt.
- Von
einem solchen Gesichts punkte aus sind die obigen Ausführungen gemeint.
- Wer
sich eine Anschauung über das Verhältnis des Menschen zur Welt erarbeiten
will, wird sich bewußt, daß er mindestens einen Teil dieses Verhältnisses
dadurch herstellt, daß er sich über die Weltdinge und Weltvorgänge
Vorstellungen macht.
- Dadurch
wird sein Blick von dem, was draußen in der Welt ist, abgezogen und
auf seine Innenwelt, auf sein Vorstellungsleben gelenkt.
- Er
beginnt sich zu sagen: ich kann zu keinem Ding und zu keinem Vorgang eine
Beziehung haben, wenn nicht in mir eine Vorstellung auftritt.
- Von
dem Bemerken dieses Tatbestandes ist dann nur ein Schritt zu der Meinung:
ich erlebe aber doch nur meine Vorstellungen; von einer Welt draußen weiß
ich nur, insofern sie Vorstellung in mir ist.
- Mit
dieser Meinung ist der naive Wirklichkeitsstandpunkt verlassen, den der
Mensch vor allem Nachsinnen über sein Verhältnis zur Welt einnimmt.
- Von
diesem Standpunkt aus glaubt er, er habe es mit den wirklichen Dingen zu
tun.
- Von
diesem Standpunkt drängt die Selbstbesinnung ab.
- Sie
läßt den Menschen gar nicht hinblicken auf eine Wirklichkeit, wie sie das
naive Bewußtsein vor sich zu haben meint.
- Sie
läßt ihn bloß auf seine Vorstellungen blicken; diese schieben sich
ein zwischen die eigene Wesenheit und eine etwa wirkliche Welt, wie sie
der naive Standpunkt glaubt behaupten zu dürfen.
- Der
Mensch kann nicht mehr durch die eingeschobene Vorstellungswelt auf eine
solche Wirklichkeit schauen.
- Er
muß annehmen: er sei blind für diese Wirklichkeit.
- So
entsteht der Gedanke von einem für die Erkenntnis unerreichbaren “Ding an
sich”.
- —
Solange man bei der Betrachtung des Verhältnisses stehenbleibt, in das der
Mensch durch sein Vorstellungsleben mit der Welt zu treten scheint, wird
man dieser Gedankengestaltung nicht entgehen können.
- Auf
dem naiven Wirklichkeitsstandpunkt kann man nicht bleiben, wenn man sich
dem Drang nach Erkenntnis nicht künstlich verschließen will.
- Daß
dieser Drang nach Erkenntnis des Verhältnisses von Mensch und Welt
vorhanden ist, zeigt, daß dieser naive Standpunkt verlassen werden muß.
- Gäbe
der naive Standpunkt etwas, was man als Wahrheit anerkennen kann, so könnte
man diesen Drang nicht empfinden.
- —
Aber man kommt nun nicht zu etwas anderem, das man als Wahrheit ansehen
könnte, wenn man bloß den naiven Standpunkt verläßt, aber — ohne es zu
bemerken — die Gedankenart beibehält, die er aufnötigt.
- Man
verfällt in einen solchen Fehler, wenn man sich sagt: ich erlebe nur meine
Vorstellungen, und während ich glaube, ich habe es mit Wirklichkeiten zu
tun, sind mir nur meine Vorstellungen von Wirklichkeiten bewußt; ich muß
deshalb annehmen, daß außerhalb des Umkreises meines Bewußtseins erst
wahre Wirklichkeiten, “Dinge an sich” liegen, von denen ich unmittelbar
gar nichts weiß, die irgendwie an mich herankommen und mich so
beeinflussen, daß in mir meine Vorstellungswelt auflebt.
- Wer
so denkt, der setzt in Gedanken zu der ihm vorliegenden Welt nur eine
andere hinzu; aber er müßte bezüglich dieser Welt eigentlich mit seiner
Gedankenarbeit wieder von vorne beginnen.
- Denn
das unbekannte “Ding an sich” wird dabei gar nicht anders gedacht in
seinem Verhältnisse zur Eigenwesenheit des Menschen als das bekannte des
naiven Wirklichkeitsstandpunktes.
- —
Man entgeht der Verwirrung, in die man durch die kritische Besonnenheit in
bezug auf diesen Standpunkt gerät, nur, wenn man bemerkt, daß es innerhalb
dessen, was man innen in sich und außen in der Welt wahrnehmend
erleben kann, etwas gibt, das dem Verhängnis gar nicht verfallen kann, daß
sich zwischen Vorgang und betrachtenden Menschen die Vorstellung
einschiebt.
- Und
dieses ist das Denken.
- Dem
Denken gegenüber kann der Mensch auf dem naiven
Wirklichkeitsstandpunkt verbleiben.
- Tut
er es nicht, so geschieht das nur deshalb, weil er bemerkt hat, daß er für
anderes diesen Standpunkt verlassen muß, aber nicht gewahr wird, daß die
so gewonnene Einsicht nicht anwendbar auf das Denken ist.
- Wird
er dies gewahr, dann eröffnet er sich den Zugang zu der anderen Einsicht,
daß im Denken und durch das Denken dasjenige erkannt werden
muß, wofür sich der Mensch blind zu machen scheint, indem er zwischen der
Welt und sich das Vorstellungsleben einschieben muß.
- —
Von durch den Verfasser dieses Buches sehr geschätzter Seite ist diesem
der Vorwurf gemacht worden, daß er mit seiner Ausführung über das Denken
bei einem naiven Realismus des Denkens stehenbleibe, wie ein solcher
vorliege, wenn man die wirkliche Welt und die vorgestellte Welt für eines
hält.
- Doch
der Verfasser dieser Ausführungen glaubt eben in ihnen erwiesen zu haben,
daß die Geltung dieses “naiven Realismus” für das Denken sich aus
einer unbefangenen Beobachtung desselben notwendig ergibt; und daß der für
anderes nicht geltende naive Realismus durch die Erkenntnis der wahren
Wesenheit des Denkens überwunden wird.
-
- Kapitel
6 - Die menschliche Individualität
- Die
Hauptschwierigkeit bei der Erklärung der Vorstellungen wird von den
Philosophen in dem Umstande gefunden, daß wir die äußeren Dinge nicht
selbst sind, und unsere Vorstellungen doch eine den Dingen entsprechende
Gestalt haben sollen.
- Bei
genauerem Zusehen stellt sich aber heraus, daß diese Schwierigkeit gar
nicht besteht.
- Die
äußeren Dinge sind wir allerdings nicht, aber wir gehören mit den äußeren
Dingen zu ein und derselben Welt.
- Der
Ausschnitt aus der Welt, den ich als mein Subjekt wahrnehme, wird von dem
Strome des allgemeinen Weltgeschehens durchzogen.
- Für
mein Wahrnehmen bin ich zunächst innerhalb der Grenzen meiner Leibeshaut
eingeschlossen.
- Aber
was da drinnen steckt in dieser Leibeshaut, gehört zu dem Kosmos als einem
Ganzen.
- Damit
also eine Beziehung bestehe zwischen meinem Organismus und dem Gegenstande
außer mir, ist es gar nicht nötig, daß etwas von dem Gegenstande in mich
hereinschlüpfe oder in meinen Geist einen Eindruck mache, wie ein
Siegelring in Wachs.
- Die
Frage: wie bekomme ich Kunde von dem Baume, der zehn Schritte von mir
entfernt steht, ist völlig schief gestellt.
- Sie
entspringt aus der Anschauung, daß meine Leibesgrenzen absolute
Scheidewände seien, durch die die Nachrichten von den Dingen in mich
hereinwandern.
- Die
Kräfte, welche innerhalb meiner Leibeshaut wirken, sind die gleichen wie
die außerhalb bestehenden.
- Ich
bin also wirklich die Dinge; allerdings nicht Ich, insoferne ich
Wahrnehmungssubjekt bin, aber ich, insofern ich ein Teil innerhalb des
allgemeinen Weltgeschehens bin.
- Die
Wahrnehmung des Baumes liegt mit meinem Ich in demselben Ganzen.
- Dieses
allgemeine Weltgeschehen ruft in gleichem Maße dort die Wahrnehmung des
Baumes hervor, wie hier die Wahrnehmung meines Ich.
- Wäre
ich nicht Welterkenner, sondern Weltschöpfer, so entstünde Objekt und
Subjekt (Wahrnehmung und Ich) in einem Akte.
- Denn
sie bedingen einander gegenseitig.
- Als
Welterkenner kann ich das Gemeinsame der beiden als zusammengehöriger
Wesenseiten nur durch Denken finden, das durch Begriffe beide aufeinander
bezieht.
- Am
schwierigsten aus dem Felde zu schlagen werden die sogenannten
physiologischen Beweise für die Subjektivität unserer Wahrnehmungen sein.
- Wenn
ich einen Druck auf die Haut meines Körpers ausführe, so nehme ich ihn als
Druckempfindung wahr.
- Denselben
Druck kann ich durch das Auge als Licht, durch das Ohr als Ton wahrnehmen.
- Einen
elektrischen Schlag nehme ich durch das Auge als Licht, durch das Ohr als
Schall, durch die Hautnerven als Stoß, durch das Geruchsorgan als
Phosphorgeruch wahr.
- Was
folgt aus dieser Tatsache?
- Nur
dieses: Ich nehme einen elektrischen Schlag wahr (respektive einen Druck)
und darauf eine Lichtqualität, oder einen Ton beziehungsweise einen
gewissen Geruch und so weiter.
- Wenn
kein Auge da wäre, so gesellte sich zu der Wahrnehmung der mechanischen
Erschütterung in der Umgebung nicht die Wahrnehmung einer Lichtqualität,
ohne die Anwesenheit eines Gehörorgans keine Tonwahrnehmung usw.
- Mit
welchem Rechte kann man sagen, ohne Wahrnehmungsorgane wäre der ganze
Vorgang nicht vorhanden?
- Wer
von dem Umstande, daß ein elektrischer Vorgang im Auge Licht hervorruft,
zurückschließt: also ist das, was wir als Licht empfinden, außer unserem
Organismus nur ein mechanischer Bewegungsvorgang, — der vergißt, daß er
nur von einer Wahrnehmung auf die andere übergeht und durchaus nicht auf
etwas außerhalb der Wahrnehmung.
- Ebensogut
wie man sagen kann: das Auge nimmt einen mechanischen Bewegungsvorgang
seiner Umgebung als Licht wahr, ebenso gut kann man behaupten: eine
gesetzmäßige Veränderung eines Gegenstandes wird von uns als
Bewegungsvorgang wahrgenommen.
- Wenn
ich auf den Umfang einer rotierenden Scheibe ein Pferd zwölfmal male, und
zwar genau in den Gestalten, die sein Körper im fortgehenden Laufe
annimmt, so kann ich durch Rotieren der Scheibe den Schein der Bewegung
hervorrufen.
- Ich
brauche nur durch eine Öffnung zu blicken und zwar so, daß ich in den
entsprechenden Zwischenzeiten die aufeinanderfolgenden Stellungen des
Pferdes sehe.
- Ich
sehe nicht zwölf Pferdebilder, sondern das Bild eines dahineilenden
Pferdes.
- Die
erwähnte physiologische Tatsache kann also kein Licht auf das Verhältnis
von Wahrnehmung und Vorstellung werfen.
- Wir
müssen uns auf andere Weise zurechtfinden.
- In
dem Augenblicke, wo eine Wahrnehmung in meinem Beobachtungshorizonte
auftaucht, betätigt sich durch mich auch das Denken.
- Ein
Glied in meinem Gedankensysteme, eine bestimmte Intuition, ein Begriff
verbindet sich mit der Wahrnehmung.
- Wenn
dann die Wahrnehmung aus meinem Gesichtskreise verschwindet: was bleibt zurück?
- Meine
Intuition mit der Beziehung auf die bestimmte Wahrnehmung, die sich im
Momente des Wahrnehmens gebildet hat.
- Mit
welcher Lebhaftigkeit ich dann später diese Beziehung mir wieder
vergegenwärtigen kann, das hängt von der Art ab, in der mein geistiger und
körperlicher Organismus funktioniert.
- Die
Vorstellung ist nichts anderes als eine auf eine bestimmte
Wahrnehmung bezogene Intuition, ein Begriff, der einmal mit einer
Wahrnehmung verknüpft war, und dem der Bezug auf diese Wahrnehmung
geblieben ist.
- Mein
Begriff eines Löwen ist nicht aus meinen Wahrnehmungen von Löwen
gebildet.
- Wohl
aber ist meine Vorstellung vom Löwen an der Wahrnehmung gebildet.
- Ich
kann jemandem den Begriff eines Löwen beibringen, der nie einen Löwen
gesehen hat.
- Eine
lebendige Vorstellung ihm beizubringen, wird mir ohne sein eigenes
Wahrnehmen nicht gelingen.
- Die
Vorstellung ist also ein individualisierter Begriff.
- Und
nun ist es uns erklärlich, daß für uns die Dinge der Wirklichkeit durch
Vorstellungen repräsentiert werden können.
- Die
volle Wirklichkeit eines Dinges ergibt sich uns im Augenblicke der
Beobachtung aus dem Zusammengehen von Begriff und Wahrnehmung.
- Der
Begriff erhält durch eine Wahrnehmung eine individuelle Gestalt, einen
Bezug zu dieser bestimmten Wahrnehmung.
- In
dieser individuellen Gestalt, die den Bezug auf die Wahrnehmung als eine
Eigentümlichkeit in sich trägt, lebt er in uns fort und bildet die
Vorstellung des betreffenden Dinges.
- Treffen
wir auf ein zweites Ding, mit dem sich derselbe Begriff verbindet, so
erkennen wir es mit dem ersten als zu derselben Art gehörig; treffen wir
dasselbe Ding ein zweites Mal wieder, so finden wir in unserem
Begriffssysteme nicht nur überhaupt einen entsprechenden Begriff, sondern
den individualisierten Begriff mit dem ihm eigentümlichen Bezug auf
denselben Gegenstand, und wir erkennen den Gegenstand wieder.
- Die
Vorstellung steht also zwischen Wahrnehmung und Begriff.
- Sie
ist der bestimmte, auf die Wahrnehmung deutende Begriff.
- Die
Summe desjenigen, worüber ich Vorstellungen bilden kann, darf ich meine
Erfahrung nennen.
- Derjenige
Mensch wird die reichere Erfahrung haben, der eine größere Zahl
individualisierter Begriffe hat.
- Ein
Mensch, dem jedes Intuitionsvermögen fehlt, ist nicht geeignet, sich
Erfahrung zu erwerben.
- Er
verliert die Gegenstände wieder aus seinem Gesichtskreise, weil ihm die
Begriffe fehlen, die er zu ihnen in Beziehung setzen soll.
- Ein
Mensch mit gut entwickeltem Denkvermögen, aber mit einem infolge grober Sinneswerkzeuge
schlecht funktionierenden Wahrnehmen, wird ebensowenig Erfahrung sammeln
können.
- Er
kann sich zwar auf irgendeine Weise Begriffe erwerben; aber seinen
Intuitionen fehlt der lebendige Bezug auf bestimmte Dinge.
- Der
gedankenlose Reisende und der in abstrakten Begriffssystemen lebende
Gelehrte sind gleich unfähig, sich eine reiche Erfahrung zu erwerben.
- Als
Wahrnehmung und Begriff stellt sich uns die Wirklichkeit, als Vorstellung
die subjektive Repräsentation dieser Wirklichkeit dar.
- Wenn
sich unsere Persönlichkeit bloß als erkennend äußerte, so wäre die Summe
alles Objektiven in Wahrnehmung, Begriff und Vorstellung gegeben.
- Wir
begnügen uns aber nicht damit, die Wahrnehmung mit Hilfe des Denkens auf
den Begriff zu beziehen, sondern wir beziehen sie auch auf unsere
besondere Subjektivität, auf unser individuelles Ich.
- Der
Ausdruck dieses individuellen Bezuges ist das Gefühl, das sich als Lust
oder Unlust auslebt.
- Denken
und Fühlen entsprechen der Doppelnatur
unseres Wesens, der wir schon gedacht haben.
- Das
Denken ist das Element, durch das wir das allgemeine Geschehen des
Kosmos mitmachen; das Fühlen das, wodurch wir uns in die Enge des
eigenen Wesens zurückziehen können.
- Unser
Denken verbindet uns mit der Welt; unser Fühlen führt uns in uns selbst
zurück, macht uns erst zum Individuum.
- Wären
wir bloß denkende und wahrnehmende Wesen, so müßte unser ganzes Leben in
unterschiedloser Gleichgültigkeit dahinfließen.
- Wenn
wir uns bloß als Selbst erkennen könnten, so wären wir uns
vollständig gleichgültig.
- Erst
dadurch, daß wir mit der Selbsterkenntnis das Selbstgefühl, mit der
Wahrnehmung der Dinge Lust und Schmerz empfinden, leben wir als
individuelle Wesen, deren Dasein nicht mit dem Begriffsverhältnis
erschöpft ist, in dem sie zu der übrigen Welt stehen, sondern die noch
einen besonderen Wert für sich haben.
- Man
könnte versucht sein, in dem Gefühlsleben ein Element zu sehen, das
reicher mit Wirklichkeit gesättigt ist als das denkende Betrachten der
Welt.
- Darauf
ist zu erwidern, daß das Gefühlsleben eben doch nur für mein Individuum
diese reichere Bedeutung hat.
- Für
das Weltganze kann mein Gefühlsleben nur einen Wert erhalten, wenn das
Gefühl, als Wahrnehmung an meinem Selbst, mit einem Begriffe in Verbindung
tritt und sich auf diesem Umwege dem Kosmos eingliedert.
- Unser
Leben ist ein fortwährendes Hin, und Herpendeln zwischen dem Mitleben des
allgemeinen Weltgeschehens und unserem individuellen Sein.
- Je
weiter wir hinaufsteigen in die allgemeine Natur des Denkens, wo uns das
Individuelle zuletzt nur mehr als Beispiel, als Exemplar des Begriffes
interessiert, desto mehr verliert sich in uns der Charakter des besonderen
Wesens, der ganz bestimmten einzelnen Persönlichkeit.
- Je
weiter wir herabsteigen in die Tiefen des Eigenlebens und unsere Gefühle mitklingen
lassen mit den Erfahrungen der Außenwelt, desto mehr sondern wir uns ab
von dem universellen Sein.
- Eine
wahrhafte Individualität wird derjenige sein, der am weitesten
hinaufreicht mit seinen Gefühlen in die Region des Ideellen.
- Es
gibt Menschen, bei denen auch die allgemeinsten Ideen, die in ihrem Kopfe
sich festsetzen, noch jene besondere Färbung tragen, die sie unverkennbar
als mit ihrem Träger im Zusammenhange zeigt.
- Andere
existieren, deren Begriffe so ohne jede Spur einer Eigentümlichkeit an uns
herankommen, als wären sie gar nicht aus einem Menschen entsprungen, der
Fleisch und Blut hat.
- Das
Vorstellen gibt unserem Begriffsleben bereits ein individuelles Gepräge.
- Jedermann
hat ja einen eigenen Standort, von dem aus er die Welt betrachtet.
- An
seine Wahrnehmungen schließen sich seine Begriffe an.
- Er
wird auf seine besondere Art die allgemeinen Begriffe denken.
- Diese
besondere Bestimmtheit ist ein Ergebnis unseres Standortes in der Welt,
der an unseren Lebensplatz sich anschließenden Wahrnehmungssphäre.
- Dieser
Bestimmtheit steht entgegen eine andere, von unserer besonderen
Organisation abhängige.
- Unsere
Organisation ist ja eine spezielle, vollbestimmte Einzelheit.
- Wir
verbinden jeder besondere Gefühle, und zwar in den verschiedensten
Stärkegraden mit unseren Wahrnehmungen.
- Dies
ist das Individuelle unserer Eigenpersönlichkeit.
- Es
bleibt als Rest zurück, wenn wir die Bestimmtheiten des Lebensschauplatzes
alle in Rechnung gebracht haben.
- Ein
völlig gedankenleeres Gefühlsleben müßte allmählich allen Zusammenhang mit
der Welt verlieren.
- Die
Erkenntnis der Dinge wird bei dem auf Totalität angelegten Menschen Hand
in Hand gehen mit der Ausbildung und Entwickelung des Gefühlslebens.
- Das
Gefühl ist das Mittel, wodurch die Begriffe zunächst konkretes Leben gewinnen.
-
- Kapitel
7 - Gibt es Grenzen des Erkennens?
- Wir
haben festgestellt, daß die Elemente zur Erklärung der Wirklichkeit den
beiden Sphären: dem Wahrnehmen und dem Denken zu entnehmen sind.
- Unsere
Organisation bedingt es, wie wir gesehen haben, daß uns die volle, totale
Wirklichkeit, einschließlich unseres eigenen Subjektes, zunächst als
Zweiheit erscheint.
- Das
Erkennen überwindet diese Zweiheit, indem es aus den beiden Elementen der
Wirklichkeit: der Wahrnehmung und dem durch das Denken erarbeiteten
Begriff das ganze Ding zusammenfügt.
- Nennen
wir die Weise, in der uns die Welt entgegentritt, bevor sie durch das
Erkennen ihre rechte Gestalt gewonnen hat, die Welt der Erscheinung im
Gegensatz zu der aus Wahrnehmung und Begriff einheitlich zusammengesetzten
Wesenheit.
- Dann
können wir sagen: Die Welt ist uns als Zweiheit (dualistisch) gegeben, und
das Erkennen verarbeitet sie zur Einheit (monistisch).
- Eine
Philosophie, welche von diesem Grundprinzip ausgeht, kann als monistische
Philosophie oder Monismus bezeichnet werden.
- Ihr
steht gegenüber die Zweiweltentheorie oder der Dualismus.
- Der
letztere nimmt nicht etwa zwei bloß durch unsere Organisation
auseinandergehaltene Seiten der einheitlichen Wirklichkeit an, sondern
zwei voneinander absolut verschiedene Welten.
- Er
sucht dann Erklärungsprinzipien für die eine Welt in der andern.
- Der
Dualismus beruht auf einer falschen Auffassung dessen, was wir Erkenntnis
nennen.
- Er
trennt das gesamte Sein in zwei Gebiete, von denen jedes seine eigenen
Gesetze hat, und läßt diese Gebiete einander äußerlich gegenüberstehen.
- Einem
solchen Dualismus entspringt die durch Kant in die Wissenschaft
eingeführte und bis heute nicht wieder herausgebrachte Unterscheidung von
Wahrnehmungsobjekt und “Ding an sich”.
- Unseren
Ausführungen gemäß liegt es in der Natur unserer geistigen Organisation,
daß ein besonderes Ding, nur als Wahrnehmung gegeben sein kann.
- Das
Denken überwindet dann die Besonderung, indem es jeder Wahrnehmung ihre
gesetzmäßige Stelle im Weltganzen anweist.
- Solange
die gesonderten Teile des Weltganzen als Wahrnehmungen bestimmt werden,
folgen wir einfach in der Aussonderung einem Gesetze unserer
Subjektivität.
- Betrachten
wir aber die Summe aller Wahrnehmungen als den einen Teil und stellen
diesem dann einen zweiten in den
- “Dingen
an sich” gegenüber, so philosophieren wir ins Blaue hinein.
- Wir
haben es dann mit einem bloßen Begriffsspiel zu tun.
- Wir
konstruieren einen künstlichen Gegensatz, können aber für das zweite Glied
desselben keinen Inhalt gewinnen, denn ein solcher kann für ein besonderes
Ding nur aus der Wahrnehmung geschöpft werden.
- Jede
Art des Seins, das außerhalb des Gebietes von Wahrnehmung und Begriff
angenommen wird, ist in die Sphäre der unberechtigten Hypothesen zu
verweisen.
- In
diese Kategorie gehört das “Ding an sich”.
- Es
ist nur ganz natürlich, daß der dualistische Denker den Zusammenhang des
hypothetisch angenommenen Weltprinzipes und des erfahrungsmäßig Gegebenen
nicht finden kann.
- Für
das hypothetische Weltprinzip läßt sich nur ein Inhalt gewinnen, wenn man
ihn aus der Erfahrungswelt entlehnt und sich über diese Tatsache
hinwegtäuscht.
- Sonst
bleibt es ein inhaltsleerer Begriff, ein Unbegriff, der nur die Form des
Begriffes hat.
- Der
dualistische Denker behauptet dann gewöhnlich: der Inhalt dieses Begriffes
sei unserer Erkenntnis unzugänglich; wir könnten nur wissen, daß ein
solcher Inhalt vorhanden ist, nicht was vorhanden ist.
- In
beiden Fällen ist die Überwindung des Dualismus unmöglich.
- Bringt
man ein paar abstrakte Elemente der Erfahrungswelt in den Begriff des
Dinges an sich hinein, dann bleibt es doch unmöglich, das reiche konkrete
Leben der Erfahrung auf ein paar Eigenschaften zurückzuführen, die selbst
nur aus dieser Wahrnehmung entnommen sind.
- Du
Bois-Reymond denkt, daß die unwahrnehmbaren Atome der Materie
durch ihre Lage und Bewegung Empfindung und Gefühl erzeugen, um dann zu
dem Schlusse zu kommen: Wir können niemals zu einer befriedigenden
Erklärung darüber kommen, wie Materie und Bewegung Empfindung und Gefühl
erzeugen, denn “es ist eben durchaus und für immer unbegreiflich, daß es
einer Anzahl von Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, usw.
Atomen nicht sollte gleichgültig sein, wie sie liegen und sich bewegen,
wie sie lagen und sich bewegten, wie sie liegen und sich bewegen werden.
- Es
ist in keiner Weise einzusehen, wie aus ihrem Zusammenwirken Bewußtsein
entstehen könne”.
- Diese
Schlußfolgerung ist charakteristisch für die ganze Denkrichtung.
- Aus
der reichen Welt der Wahrnehmungen wird abgesondert: Lage und Bewegung.
- Diese
werden auf die erdachte Welt der Atome übertragen.
- Dann
tritt die Verwunderung darüber ein, daß man aus diesem selbstgemachten und
aus der Wahrnehmungswelt entlehnten Prinzip das konkrete Leben nicht
herauswickeln kann.
- Daß
der Dualist, der mit einem vollständig inhaltleeren Begriff vom Ansich
arbeitet, zu keiner Welterklärung kommen kann, folgt schon aus der oben
angegebenen Definition seines Prinzipes.
- In
jedem Falle sieht sich der Dualist gezwungen, unserem Erkenntnisvermögen
unübersteigliche Schranken zu setzen.
- Der
Anhänger einer monistischen Weltanschauung weiß, daß alles, was er zur
Erklärung einer ihm gegebenen Erscheinung der Welt braucht, im Bereiche
der letztem liegen müsse.
- Was
ihn hindert, dazu zu gelangen, können nur zufällige zeitliche oder
räumliche Schranken oder Mängel seiner Organisation sein.
- Und
zwar nicht der menschlichen Organisation im allgemeinen, sondern nur
seiner besonderen individuellen.
- Es
folgt aus dem Begriffe des Erkennens, wie wir ihn bestimmt haben, daß von
Erkenntnisgrenzen nicht gesprochen werden kann.
- Das
Erkennen ist keine allgemeine Weltangelegenheit, sondern ein Geschäft, das
der Mensch mit sich selbst abzumachen hat.
- Die
Dinge verlangen keine Erklärung.
- Sie
existieren und wirken aufeinander nach den Gesetzen, die durch das Denken
auffindbar sind.
- Sie
existieren in unzertrennlicher Einheit mit diesen Gesetzen.
- Da
tritt ihnen unsere Ichheit gegenüber und erfaßt von ihnen zunächst nur
das, was wir als Wahrnehmung bezeichnet haben.
- Aber
in dem Innern dieser Ichheit findet sich die Kraft, um auch den andern
Teil der Wirklichkeit zu finden.
- Erst
wenn die Ichheit die beiden Elemente der Wirklichkeit, die in der Welt unzertrennlich
verbunden sind, auch für sich vereinigt hat, dann ist die
Erkenntnisbefriedigung eingetreten: das Ich ist wieder bei der
Wirklichkeit angelangt.
- Die
Vorbedingungen zum Entstehen des Erkennens sind also durch und für
das Ich.
- Das
letztere gibt sich selbst die Fragen des Erkennens auf.
- Und
zwar entnimmt es sie aus dem in sich vollständig klaren und durchsichtigen
Elemente des Denkens.
- Stellen
wir uns Fragen, die wir nicht beantworten können, so kann der Inhalt der
Frage nicht in allen seinen Teilen klar und deutlich sein.
- Nicht
die Welt stellt an uns die Fragen, sondern wir selbst stellen sie.
- Ich
kann mir denken, daß mir jede Möglichkeit fehlt, eine Frage zu
beantworten, die ich irgendwo aufgeschrieben finde, ohne daß ich die
Sphäre kenne, aus der der Inhalt der Frage genommen ist.
- Bei
unserer Erkenntnis handelt es sich um Fragen, die uns dadurch aufgegeben
werden, daß einer durch Ort, Zeit und subjektive Organisation bedingten
Wahrnehmungssphäre eine auf die Allheit der Welt weisende Begriffssphäre
gegenübersteht.
- Meine
Aufgabe besteht in dem Ausgleich dieser beiden mir wohlbekannten Sphären.
- Von
einer Grenze der Erkenntnis kann da nicht gesprochen werden.
- Es
kann zu irgendeiner Zeit dieses oder jenes unaufgeklärt bleiben, weil wir
durch den Lebensschauplatz verhindert sind, die Dinge wahrzunehmen, die
dabei im Spiele sind.
- Was
aber heute nicht gefunden ist, kann es morgen werden.
- Die
hierdurch bedingten Schranken sind nur vergängliche, die mit dem
Fortschreiten von Wahrnehmung und Denken überwunden werden können.
- Der
Dualismus begeht den Fehler, daß er den Gegensatz von Objekt und Subjekt,
der nur innerhalb des Wahrnehmungsgebietes eine Bedeutung hat, auf rein
erdachte Wesenheiten außerhalb desselben überträgt.
- Da
aber die innerhalb des Wahrnehmungshorizontes gesonderten Dinge nur
solange gesondert sind, als der Wahrnehmende sich des Denkens enthält, das
alle Sonderung aufhebt und als eine bloß subjektiv bedingte erkennen läßt,
so überträgt der Dualist Bestimmungen auf Wesenheiten hinter den
Wahrnehmungen, die selbst für diese keine absolute, sondern nur eine
relative Geltung haben.
- Er
zerlegt dadurch die zwei für den Erkenntnisprozeß in Betracht kommenden
Faktoren, Wahrnehmung und Begriff, in vier: 1. Das Objekt an sich; 2. die
Wahrnehmung, die das Subjekt von dem Objekt hat; 3. das Subjekt; 4. den
Begriff, der die Wahrnehmung auf das Objekt an sich bezieht.
- Die
Beziehung zwischen dem Objekt und Subjekt ist eine reale; das
Subjekt wird wirklich (dynamisch) durch das Objekt beeinflußt.
- Dieser
reale Prozeß soll nicht in unser Bewußtsein fallen.
- Aber
er soll im Subjekt eine Gegenwirkung auf die vom Objekt ausgehende Wirkung
hervorrufen.
- Das
Resultat dieser Gegenwirkung soll die Wahrnehmung sein.
- Diese
falle erst ins Bewußtsein.
- Das
Objekt habe eine objektive (vom Subjekt unabhängige), die Wahrnehmung eine
subjektive Realität.
- Diese
subjektive Realität beziehe das Subjekt auf das Objekt.
- Die
letztere Beziehung sei eine ideelle.
- Der
Dualismus spaltet somit den Erkenntnisprozeß in zwei Teile.
- Den
einen, Erzeugung des Wahrnehmungsobjektes aus dem “Ding an sich”, läßt er außerhalb,
den andern, Verbindung der Wahrnehmung mit dem Begriff und Beziehung
desselben auf das Objekt, innerhalb des Bewußtseins sich abspielen.
- Unter
diesen Voraussetzungen ist es klar, daß der Dualist in seinen Begriffen
nur subjektive Repräsentanten dessen zu gewinnen glaubt, was vor seinem
Bewußtsein liegt.
- Der
objektiv-reale Vorgang im Subjekte, durch den die Wahrnehmung zustande
kommt, und um so mehr die objektiven Beziehungen der “Dinge an sich”
bleiben für einen solchen Dualisten direkt unerkennbar; seiner Meinung
nach kann sich der Mensch nur begriffliche Repräsentanten für das objektiv
Reale verschaffen.
- Das
Einheitsband der Dinge, das diese unter sic h und objektiv mit unserem
Individualgeist (als “Ding an sich”) verbindet, liegt jenseits des
Bewußtseins in einem Wesen an sich, von dem wir in unserem Bewußtsein
ebenfalls nur einen begrifflichen Repräsentanten haben könnten.
- Der
Dualismus glaubt die ganze Welt zu einem abstrakten Begriffsschema zu
verflüchtigen, wenn er nicht neben den begrifflichen Zusammenhängen der
Gegenstände noch reale Zusammenhänge statuiert.
- Mit
andern Worten: dem Dualisten erscheinen die durch das Denken auffindbaren
Idealprinzipien zu luftig, und er sucht noch Realprinzipien, von denen sie
gestützt werden können.
- Wir
wollen uns diese Realprinzipien einmal näher anschauen.
- Der
naive Mensch (naive Realist) betrachtet die Gegenstände der äußeren
Erfahrung als Realitäten.
- Der
Umstand, daß er diese Dinge mit seinen Händen greifen, mit seinen Augen
sehen kann, gilt ihm als Zeugnis der Realität.
- “Nichts
existiert, was man nicht wahrnehmen kann”, ist geradezu als das erste
Axiom des naiven Menschen anzusehen, das ebensogut in seiner Umkehrung
anerkannt wird: “Alles, was wahrgenommen werden kann, existiert.”
- Der
beste Beweis für diese Behauptung ist der Unsterblichkeits- und
Geisterglaube des naiven Menschen.
- Er
stellt sich die Seele als feine sinnliche Materie vor, die unter
besonderen Bedingungen sogar für den gewöhnlichen Menschen sichtbar werden
kann (naiver Gespensterglaube).
- Dieser
seiner realen Welt gegenüber ist für den naiven Realisten alles andere,
namentlich die Welt der Ideen, unreal, “bloß ideell”.
- Was
wir zu den Gegenständen hinzudenken, das ist bloßer Gedanke über die
Dinge.
- Der
Gedanke fügt nichts Reales zu der Wahrnehmung hinzu.
- Aber
nicht nur in bezug auf das Sein der Dinge hält der naive Mensch die
Sinneswahrnehmung für das einzige Zeugnis der Realität, sondern auch in
bezug auf das Geschehen.
- Ein
Ding kann, nach seiner Ansicht, nur dann auf ein anderes wirken, wenn eine
für die Sinneswahrnehmung vorhandene Kraft von dem einen ausgeht und das
andere ergreift.
- Die
ältere Physik glaubte, daß sehr feine Stoffe von den Körpern ausströmen
und durch unsere Sinnesorgane in die Seele eindringen.
- Das
wirkliche Sehen dieser Stoffe ist nur durch die Grobheit unserer Sinne im
Verhältnis zu der Feinheit dieser Stoffe unmöglich.
- Prinzipiell
gestand man diesen Stoffen aus demselben Grunde Realität zu, warum man es
den Gegenständen der Sinnenwelt zugesteht, nämlich wegen ihrer Seinsform,
die derjenigen der sinnenfälligen Realität analog gedacht wurde.
- Die
in sich beruhende Wesenheit des ideell Erlebbaren gilt dem naiven
Bewußtsein nicht in gleichem Sinne als real wie das sinnlich Erlebbare.
- Ein
in der “bloßen Idee” gefaßter Gegenstand gilt so lange als bloße Schimäre,
bis durch die Sinneswahrnehmung die Überzeugung von der Realität geliefert
werden kann.
- Der
naive Mensch verlangt, um es kurz zu sagen, zum ideellen Zeugnis seines
Denkens noch das reale der Sinne.
- In
diesem Bedürfnisse des naiven Menschen liegt der Grund zur Entstehung der
primitiven Formen des Offenbarungsglaubens.
- Der
Gott, der durch das Denken gegeben ist, bleibt dem naiven Bewußtsein immer
nur ein “gedachter” Gott.
- Das
naive Bewußtsein verlangt die Kundgebung durch Mittel, die der sinnlichen
Wahrnehmung zugänglich sind.
- Der
Gott muß leibhaftig erscheinen, und man will auf das Zeugnis des Denkens
wenig geben, nur etwa darauf, daß die Göttlichkeit durch sinnenfällig
konstatierbares Verwandeln von Wasser in Wein erwiesen wird.
- Auch
das Erkennen selbst stellt sich der naive Mensch als einen den
Sinnesprozessen analogen Vorgang vor.
- Die
Dinge machen einen Eindruck in der Seele, oder sie senden Bilder
aus, die durch die Sinne eindringen und so weiter.
- Dasjenige,
was der naive Mensch mit den Sinnen wahrnehmen kann, das hält er für
wirklich, und dasjenige, wovon er keine solche Wahrnehmung hat (Gott,
Seele, das Erkennen usw.), das stellt er sich analog dem Wahrgenommenen
vor.
- Will
der naive Realismus eine Wissenschaft begründen, so kann er eine solche
nur in einer genauen Beschreibung des Wahrnehmungsinhaltes sehen.
- Die
Begriffe sind ihm nur Mittel zum Zweck.
- Sie
sind da, um ideelle Gegenbilder für die Wahrnehmungen zu schaffen.
- Für
die Dinge selbst bedeuten sie nichts.
- Als
real gelten dem naiven Realisten nur die Tulpenindividuen, die gesehen
werden, oder gesehen werden können; die eine Idee der Tulpe gilt ihm als
Abstraktum, als das unreale Gedankenbild, das sich die Seele aus den allen
Tulpen gemeinsamen Merkmalen zusammengefügt hat.
- Den
naiven Realismus mit seinem Grundsatz von der Wirklichkeit alles
Wahrgenommenen widerlegt die Erfahrung, welche lehrt, daß der Inhalt der
Wahrnehmungen vergänglicher Natur ist.
- Die
Tulpe, die ich sehe, ist heute wirklich; nach einem Jahr wird sie in
Nichts verschwunden sein.
- Was
sich behauptet hat, ist die Gattung Tulpe.
- Diese
Gattung ist aber für den naiven Realismus “nur” eine Idee,
keine Wirklichkeit.
- So
sieht sich denn diese Weltanschauung in der Lage, ihre Wirklichkeiten
kommen und verschwinden zu sehen, während sich das nach ihrer Meinung
Unwirkliche dem Wirklichen gegenüber behauptet.
- Der
naive Realismus muß also neben den Wahrnehmungen auch noch etwas Ideelles
gelten lassen.
- Er
muß Wesenheiten in sich aufnehmen, die er nicht mit den Sinnen wahrnehmen
kann.
- Er
findet sich dadurch mit sich selbst ab, daß er deren Daseinsform analog
mit derjenigen der Sinnesobjekte denkt.
- Solche
hypothetisch angenommenen Realitäten sind die unsichtbaren Kräfte, durch
die die sinnlich wahrzunehmenden Dinge aufeinander wirken.
- Ein
solches Ding ist die Vererbung, die über das Individuum hinaus fortwirkt,
und die der Grund ist, daß sich aus dem Individuum ein neues entwickelt,
das ihm ähnlich ist, wodurch sich die Gattung erhält.
- Ein
solches Ding ist das den organischen Leib durchdringende Lebensprinzip,
die Seele, für die man im naiven Bewußtsein stets einen nach Analogie mit
Sinnesrealitäten gebildeten Begriff findet, und ist endlich das göttliche
Wesen des naiven Menschen.
- Dieses
göttliche Wesen wird in einer Weise wirksam gedacht, die ganz dem entspricht,
was als Wirkungsart des Menschen selbst wahrgenommen werden kann:
anthropomorphisch.
- Die
moderne Physik führt die Sinnesempfindungen auf Vorgänge der kleinsten
Teile der Körper und eines unendlich feinen Stoffes, des Äthers oder auf
Ähnliches zurück.
- Was
wir zum Beispiel als Wärme empfinden, ist innerhalb des Raumes, den der
wärmeverursachende Körper einnimmt, Bewegung seiner Teile.
- Auch
hier wird wieder ein Unwahrnehmbares in Analogie mit dem Wahrnehmbaren
gedacht.
- Das
sinnliche Analogon des Begriffs “Körper” ist in diesem Sinne etwa das
Innere eines allseitig geschlossenen Raumes, in dem sich nach allen
Richtungen elastische Kugeln bewegen, die einander stoßen, an die Wände
an- und von ihnen abprallen und so weiter.
- Ohne
solche Annahmen zerfiele dem naiven Realismus die Welt in ein
unzusammenhängendes Aggregat von Wahrnehmungen ohne gegenseitige
Beziehungen, das sich zu keiner Einheit zusammenschließt.
- Es
ist aber klar, daß der naive Realismus nur durch eine Inkonsequenz zu
dieser Annahme kommen kann.
- Wenn
er seinem Grundsatz: nur das Wahrgenommene ist wirklich, treu bleiben
will, dann darf er doch, wo er nichts wahrnimmt, kein Wirkliches annehmen.
- Die
unwahrnehmbaren Kräfte, die von den wahrnehmbaren Dingen aus wirken, sind
eigentlich unberechtigte Hypothesen vom Standpunkte des naiven Realismus.
- Und
weil er keine anderen Realitäten kennt, so stattet er seine hypothetischen
Kräfte mit Wahrnehmungsinhalt aus.
- Er
wendet also eine Seinsform (das Wahrnehmungsdasein) auf ein Gebiet an, wo
ihm das Mittel fehlt, das allein über diese Seinsform eine Aussage zu
machen hat: das sinnliche Wahrnehmen.
- Diese
in sich widerspruchsvolle Weltanschauung führt zum metaphysischen
Realismus.
- Der
konstruiert neben der wahrnehmbaren Realität noch eine unwahrnehmbare, die
er der erstem analog denkt.
- Der
metaphysische Realismus ist deshalb notwendig Dualismus.
- Wo
der metaphysische Realismus eine Beziehung zwischen wahrnehmbaren Dingen
bemerkt (Annäherung durch Bewegung, Bewußtwerden eines Objektiven usw.),
da setzt er eine Realität hin.
- Die
Beziehung, die er bemerkt, kann er jedoch nur durch das Denken ausdrücken,
nicht aber wahrnehmen.
- Die
ideelle Beziehung wird willkürlich zu einem dem Wahrnehmbaren Ähnlichen
gemacht.
- So
ist für diese Denkrichtung die wirkliche Welt zusammengesetzt aus den
Wahrnehmungsobjekten, die im ewigen Werden sind, kommen und verschwinden,
und aus den unwahrnehmbaren Kräften, von denen die Wahrnehmungsobjekte
hervorgebracht werden, und die das Bleibende sind.
- Der
metaphysische Realismus ist eine widerspruchsvolle Mischung des naiven
Realismus mit dem Idealismus.
- Seine
hypothetischen Kräfte sind unwahrnehmbare Wesenheiten mit
Wahrnehmungsqualitäten.
- Er
hat sich entschlossen, außer dem Weltgebiete, für dessen Daseinsform er in
dem Wahrnehmen ein Erkenntnismittel hat, noch ein Gebiet gelten zu lassen,
bei dem dieses Mittel versagt, und das nur durch das Denken zu ermitteln
ist.
- Er
kann sich aber nicht zu gleicher Zeit auch entschließen, die Form des
Seins, die ihm das Denken vermittelt, den Begriff (die Idee), auch als
gleichberechtigten Faktor neben der Wahrnehmung anzuerkennen.
- Will
man den Widerspruch der unwahrnehmbaren Wahrnehmung vermeiden, so muß man
zugestehen, daß es für die durch das Denken vermittelten Beziehungen zwischen
den Wahrnehmungen für uns keine andere Existenzform als die des Begriffes
gibt.
- Als
die Summe von Wahrnehmungen und ihrer begrifflichen (ideellen) Bezüge
stellt sich die Welt dar, wenn man aus dem metaphysischen Realismus den
unberechtigten Bestandteil hinauswirft.
- So
läuft der metaphysische Realismus in eine Weltanschauung ein, welche für
die Wahrnehmung das Prinzip der Wahrnehmbarkeit, für die Beziehungen unter
den Wahrnehmungen die Denkbarkeit fordert.
- Diese
Weltanschauung kann kein drittes Weltgebiet neben der Wahrnehmungs- und
Begriffswelt gelten lassen, für das beide Prinzipien, das sogenannte
Realprinzip und das Idealprinzip, zugleich Geltung haben.
- Wenn
der metaphysische Realismus behauptet, daß neben der ideellen Beziehung
zwischen dem Wahrnehmungsobjekt und seinem Wahrnehmungssubjekt noch eine
reale Beziehung zwischen dem “Ding an sich” der Wahrnehmung und dem “Ding
an sich” des wahrnehmbaren Subjektes (des sogenannten Individualgeistes)
bestehen muß, so beruht diese Behauptung auf der falschen Annahme eines
den Prozessen der Sinnenwelt analogen, nicht wahrnehmbaren Seinsprozesses.
- Wenn
ferner der metaphysische Realismus sagt: Mit meiner Wahrnehmungswelt komme
ich in ein bewußt-ideelles Verhältnis; mit der wirklichen Welt kann ich
aber nur in ein dynamisches (Kräfte-) Verhältnis kommen, — so begeht er
nicht weniger den schon gerügten Fehler.
- Von
einem Kräfteverhältnis kann nur innerhalb der Wahrnehmungswelt (dem
Gebiete des Tastsinnes), nicht aber außerhalb desselben die Rede sein.
- Wir
wollen die oben charakterisierte Weltanschauung, in die der metaphysische
Realismus zuletzt einmündet, wenn er seine widerspruchsvollen Elemente
abstreift, Monismus nennen, weil sie den einseitigen Realismus mit
dem Idealismus zu einer höheren Einheit vereinigt.
- Für
den naiven Realismus ist die wirkliche Welt eine Summe von
Wahrnehmungsobjekten; für den metaphysischen Realismus kommt außer den
Wahrnehmungen auch noch den unwahrnehmbaren Kräften Realität zu; der
Monismus setzt an die Stelle von Kräften die ideellen Zusammenhänge, die
er durch sein Denken gewinnt.
- Solche
Zusammenhänge aber sind die Naturgesetze.
- Ein
Naturgesetz ist ja nichts anderes als der begriffliche Ausdruck für den
Zusammenhang gewisser Wahrnehmungen.
- Der
Monismus kommt gar nicht in die Lage, außer Wahrnehmung und Begriff nach
anderen Erklärungsprinzipien der Wirklichkeit zu fragen.
- Er
weiß, daß sich im ganzen Bereiche der Wirklichkeit kein Anlaß dazu
findet.
- Er
sieht in der Wahrnehmungswelt, wie sie unmittelbar dem Wahrnehmen
vorliegt, ein halbes Wirkliches; in der Vereinigung derselben mit der
Begriffswelt findet er die volle Wirklichkeit.
- Der
metaphysische Realist kann dem Anhänger des Monismus einwenden: Es mag
sein, daß für deine Organisation deine Erkenntnis in sich vollkommen ist,
daß kein Glied fehlt; du weißt aber nicht, wie sich die Welt in einer
Intelligenz abspiegelt, die anders organisiert ist als die deinige.
- Die
Antwort des Monismus wird sein: Wenn es andere Intelligenzen gibt als die
menschlichen, wenn ihre Wahrnehmungen eine andere Gestalt haben als die
unsrigen, so hat für mich Bedeutung nur dasjenige, was von ihnen zu mir
durch Wahrnehmen und Begriff gelangt.
- Ich
bin durch mein Wahrnehmen, und zwar durch dieses spezifische menschliche
Wahrnehmen als Subjekt dem Objekt gegenübergestellt.
- Der
Zusammenhang der Dinge ist damit unterbrochen.
- Das
Subjekt stellt durch das Denken diesen Zusammenhang wieder her.
- Damit
hat es sich dem Weltganzen wieder eingefügt.
- Da
nur durch unser Subjekt dieses Ganze an der Stelle zwischen unserer
Wahrnehmung und unserem Begriff zerschnitten erscheint, so ist in der
Vereinigung dieser beiden auch eine wahre Erkenntnis gegeben.
- Für
Wesen mit einer andern Wahrnehmungswelt (zum Beispiel mit der doppelten
Anzahl von Sinnesorganen) erschiene der Zusammenhang an einer andern
Stelle unterbrochen, und die Wiederherstellung müßte demnach auch eine
diesen Wesen spezifische Gestalt haben.
- Nur
für den naiven und den metaphysischen Realismus, die beide in dem Inhalte
der Seele nur eine ideelle Repräsentation der Welt sehen, besteht die
Frage nach der Grenze des Erkennens.
- Für
sie ist nämlich das außerhalb des Subjektes Befindliche ein Absolutes, ein
in sich Beruhendes, und der Inhalt des Subjektes ein Bild desselben, das
schlechthin außerhalb dieses Absoluten steht.
- Die
Vollkommenheit der Erkenntnis beruht auf der größeren oder geringeren
Ähnlichkeit des Bildes mit dem absoluten Objekte.
- Ein
Wesen, bei dem die Zahl der Sinne kleiner ist, als beim Menschen, wird
weniger, eines, bei dem sie größer ist, mehr von der Welt wahrnehmen.
- Das
erstere wird demnach eine unvollkommenere Erkenntnis haben als das
letztere.
- Für
den Monismus liegt die Sache anders.
- Durch
die Organisation des wahrnehmenden Wesens wird die Gestalt bestimmt, wo
der Weltzusammenhang in Subjekt und Objekt auseinandergerissen erscheint.
- Das
Objekt ist kein absolutes, sondern nur ein relatives, in bezug auf dieses
bestimmte Subjekt.
- Die
Überbrückung des Gegensatzes kann demnach auch nur wieder in der ganz
spezifischen, gerade dem menschlichen Subjekt eigenen Weise geschehen.
- Sobald
das Ich, das in dem Wahrnehmen von der Welt abgetrennt ist, in der
denkenden Betrachtung wieder in den Weltzusammenhang sich einfügt, dann
hört alles weitere Fragen, das nur eine Folge der Trennung war, auf.
- Ein
anders geartetes Wesen hätte eine anders geartete Erkenntnis.
- Die
unsrige ist ausreichend, um die durch unser eigenes Wesen aufgestellten
Fragen zu beantworten.
- Der
metaphysische Realismus muß fragen: Wodurch ist das als Wahrnehmung
Gegebene gegeben; wodurch wird das Subjekt affiziert?
- Für
den Monismus ist die Wahrnehmung durch das Subjekt bestimmt.
- Dieses
hat aber in dem Denken zugleich das Mittel, die durch es selbst
hervorgerufene Bestimmtheit wieder aufzuheben.
- Der
metaphysische Realismus steht vor einer weiteren Schwierigkeit, wenn er
die Ähnlichkeit der Weltbilder verschiedener menschlicher Individuen
erklären will.
- Er
muß sich fragen: Wie kommt es, daß das Weltbild, das ich aus meiner subjektiv
bestimmten Wahrnehmung und meinen Begriffen aufbaue, gleichkommt dem, das
ein anderes menschliches Individuum aus denselben beiden subjektiven
Faktoren aufbaut?
- Wie
kann ich überhaupt aus meinem subjektiven Weltbilde auf das eines andern
Menschen schließen?
- Daraus,
daß die Menschen sich miteinander praktisch abfinden, glaubt der
metaphysische Realist die Ähnlichkeit ihrer subjektiven Weltbilder
erschließen zu können.
- Aus
der Ähnlichkeit dieser Weltbilder schließt er dann weiter auf die
Gleichheit der den einzelnen menschlichen Wahrnehmungssubjekten zugrunde
liegenden Individualgeister oder der den Subjekten zugrunde liegenden “Ich
an sich”.
- Dieser
Schluß ist also ein solcher aus einer Summe von Wirkungen auf den
Charakter der ihnen zugrunde liegenden Ursachen.
- Wir
glauben aus einer hinreichend großen Anzahl von Fällen den Sachverhalt so
zu erkennen, daß wir wissen, wie sich die erschlossenen Ursachen in andern
Fällen verhalten werden.
- Einen
solchen Schluß nennen wir einen Induktionsschluß.
- Wir
werden uns genötigt sehen, die Resultate desselben zu modifizieren, wenn
in einer weitern Beobachtung etwas Unerwartetes sich ergibt, weil der
Charakter des Resultates doch nur durch die individuelle Gestalt der
geschehenen Beobachtungen bestimmt ist.
- Diese
bedingte Erkenntnis der Ursachen reiche aber für das praktische Leben
vollständig aus, behauptet der metaphysische Realist.
- Der
Induktionsschluß ist die methodische Grundlage des modernen metaphysischen
Realismus.
- Es
gab eine Zeit, in der man aus Begriffen glaubte etwas herauswickeln zu
können, was nicht mehr Begriff ist.
- Man
glaubte aus den Begriffen die metaphysischen Realwesen, deren der
metaphysische Realismus einmal bedarf, erkennen zu können.
- Diese
Art des Philosophierens gehört heute zu den überwundenen Dingen.
- Dafür
aber glaubt man, aus einer genügend großen Anzahl von
Wahrnehmungstatsachen auf den Charakter des Dinges an sich schließen zu
können, das diesen Tatsachen zugrunde liegt.
- Wie
früher aus dem Begriffe, so meint man heute das Metaphysische aus den
Wahrnehmungen herauswickeln zu können.
- Da
man die Begriffe in durchsichtiger Klarheit vor sich hat, so glaubte man
aus ihnen auch das Metaphysische mit absoluter Sicherheit ableiten zu
können.
- Die
Wahrnehmungen liegen nicht mit gleich durchsichtiger Klarheit vor.
- Jede
folgende stellt sich wieder etwas anders dar, als die gleichartigen
vorhergehenden.
- Im
Grunde wird daher das aus den vorhergehenden Erschlossene durch jede
folgende etwas modifiziert.
- Die
Gestalt, die man auf diese Weise für das Metaphysische gewinnt, ist also
nur eine relativ richtige zu nennen; sie unterliegt der Korrektur durch
künftige Fälle.
- Einen
durch diesen methodischen Grundsatz bestimmten Charakter trägt die
Metaphysik Eduard von Hartmanns, der als Motto auf das Titelblatt seines
ersten Hauptwerkes gesetzt hat: “Spekulative Resultate nach induktiv
naturwissenschaftlicher Methode.”
- Die
Gestalt, die der metaphysische Realist gegenwärtig seinen Dingen an sich
gibt, ist eine durch Induktionsschlüsse gewonnene.
- Von
dem Vorhandensein eines objektiv-realen Zusammenhanges der Welt neben dem
“subjektiven” durch Wahrnehmung und Begriff erkennbaren, ist er durch
Erwägungen über den Erkenntnisprozeß überzeugt.
- Wie
diese objektive Realität beschaffen ist, das glaubt er durch
Induktionsschlüsse aus seinen Wahrnehmungen heraus bestimmen zu können.
-
- Zusatz
zur Neuausgabe 1918
- Für
die unbefangene Beobachtung des Erlebens in Wahrnehmung und Begriff, wie
sie in den vorangehenden Ausführungen zu schildern versucht worden ist,
werden gewisse Vorstellungen immer wieder störend sein, die auf dem Boden
der Naturbetrachtung entstehen.
- Man
sagt sich, auf diesem Boden stehend, durch das Auge werden im
Lichtspektrum Farben wahrgenommen vom Rot bis zum Violett.
- Aber
über das Violett hinaus liegen im Strahlungsraum des Spektrums Kräfte,
welchen keine Farbwahrnehmung des Auges, wohl aber eine chemische Wirkung
entspricht; ebenso liegen über die Grenze der Rotwirksamkeit hinaus
Strahlungen, die nur Wärmewirkungen haben.
- Man
kommt durch Überlegungen, die auf solche und ähnliche Erscheinungen
gerichtet sind, zu der Ansicht: der Umfang der menschlichen
Wahrnehmungswelt ist durch den Umfang der Sinne des Menschen bestimmt, und
dieser würde eine ganz andere Welt vor sich haben, wenn er zu den seinigen
noch andere, oder wenn er überhaupt andere Sinne hätte.
- Wer
sich ergehen mag in den ausschweifenden Phantasien, zu denen, nach dieser
Richtung hin, namentlich die glänzenden Entdeckungen der neueren
Naturforschung eine recht verführerische Veranlassung bieten, der kann
wohl zu dem Bekenntnisse kommen: In des Menschen Beobachtungsfeld fällt
doch nur dasjenige herein, was auf die aus seiner Organisation heraus
gestalteten Sinne zu wirken vermag.
- Er
hat kein Recht, dieses von ihm durch seine Organisation begrenzte
Wahrgenommene als irgendwie maßgeblich für die Wirklichkeit anzusehen.
- Jeder
neue Sinn müßte ihn vor ein anderes Bild der Wirklichkeit stellen.
- —
Dies alles ist, in den entsprechenden Grenzen gedacht, eine durchaus
berechtigte Meinung.
- Wenn
aber jemand sich durch diese Meinung in der unbefangenen Beobachtung des
in diesen Ausführungen geltend gemachten Verhältnisses von Wahrnehmung und
Begriff beirren läßt, so verbaut er sich den Weg zu einer in der
Wirklichkeit wurzelnden Welt- und Menschenerkenntnis.
- Das
Erleben der Wesenheit des Denkens, also die tätige Erarbeitung der
Begriffswelt ist etwas durchaus anderes als das Erleben eines
Wahrnehmbaren durch die Sinne.
- Welche
Sinne immer der Mensch noch haben könnte: keiner gäbe ihm eine
Wirklichkeit, wenn er nicht das durch ihn vermittelte Wahrgenommene
denkend mit Begriffen durchsetzte; und jeder wie immer geartete Sinn gibt,
so durchsetzt, dem Menschen die Möglichkeit, in der Wirklichkeit drinnen
zu leben.
- Mit
der Frage: wie der Mensch in der wirklichen Welt steht, hat die Phantasie
von dem möglichen ganz anderen Wahrnehmungsbild bei anderen Sinnen nichts
zu tun.
- Man
muß eben einsehen, daß jedes Wahrnehmungsbild seine Gestalt erhält
von der Organisation des wahrnehmenden Wesens, daß aber das von der
erlebten denkenden Betrachtung durchsetzte Wahrnehmungsbild den Menschen
in die Wirklichkeit führt.
- Nicht
die phantastische Ausmalung, wie anders eine Welt für andere als die
menschlichen Sinne aussehen müßte, kann den Menschen veranlassen,
Erkenntnis zu suchen über sein Verhältnis zur Welt, sondern die Einsicht,
daß jede Wahrnehmung nur einen Teil der in ihr steckenden
Wirklichkeit gibt, daß sie also von ihrer eigenen Wirklichkeit hinwegführt.
- Dieser
Einsicht tritt dann die andere zur Seite, daß das Denken in den durch die
Wahrnehmung an ihr selbst verborgenen Teil der Wirklichkeit hineinführt.
- Störend
für die unbefangene Beobachtung des hier dargestellten Verhältnisses
zwischen Wahrnehmung und denkend erarbeitetem Begriff kann auch werden,
wenn im Gebiete der physikalischen Erfahrung sich die Nötigung ergibt, gar
nicht von unmittelbar anschaulich-wahrnehmbaren Elementen, sondern von
unanschaulichen Größen wie elektrischen oder magnetischen Kraftlinien und
so weiter zu sprechen.
- Es
kann scheinen, als ob die Wirklichkeitselemente, von denen die
Physik spricht, weder mit dem Wahrnehmbaren, noch mit dem im tätigen
Denken erarbeiteten Begriff etwas zu tun hätten.
- Doch
beruhte eine solche Meinung auf einer Selbsttäuschung.
- Zunächst
kommt es darauf an, daß alles in der Physik Erarbeitete, insofern
es nicht unberechtigte Hypothesen darstellt, die ausgeschlossen bleiben
sollten, durch Wahrnehmung und Begriff gewonnen ist.
- Was
scheinbar unanschaulicher Inhalt ist, das wird aus einem richtigen
Erkenntnisinstinkt des Physikers heraus durchaus in das Feld versetzt, auf
dem die Wahrnehmungen liegen, und es wird in Begriffen gedacht, mit denen
man sich auf diesem Felde betätigt.
- Die
Kraftstärken im elektrischen und magnetischen Felde und so weiter werden, dem
Wesen nach, nicht durch einen andern Erkenntnisvorgang gewonnen als
durch denjenigen, der sich zwischen Wahrnehmung und Begriff abspielt.
- —
Eine Vermehrung oder Andersgestaltung der menschlichen Sinne würde ein
anderes Wahrnehmungsbild ergeben, eine Bereicherung oder Andersgestaltung
der menschlichen Erfahrung; aber eine wirkliche Erkenntnis müßte auch dieser
Erfahrung gegenüber durch die Wechselwirkung von Begriff und
Wahrnehmung gewonnen werden.
- Die
Vertiefung der Erkenntnis hängt von den im Denken sich auslebenden
Kräften der Intuition (vergleiche
Seite
95) ab.
- Diese
Intuition kann in demjenigen Erleben, das im Denken sich
ausgestaltet, in tiefere oder weniger tiefe Untergründe der Wirklichkeit
tauchen.
- Durch
die Erweiterung des Wahrnehmungsbildes kann dieses Untertauchen Anregungen
empfangen und auf diese Art mittelbar gefördert werden.
- Allein
niemals sollte das Tauchen in die Tiefe, als das Erreichen der
Wirklichkeit, verwechselt werden mit dem Gegenüberstehen von weiterem oder
engerem Wahrnehmungsbild, in dem stets nur eine halbe Wirklichkeit,
wie sie von der erkennenden Organisation bedingt wird, vorliegt.
- Wer
nicht in Abstraktionen sich verliert, der wird einsehen, wie auch
die Tatsache für die Erkenntnis des Menschenwesens in Betracht kommt, daß
für die Physik im Wahrnehmungsfelde Elemente erschlossen werden
müssen, für welche nicht ein Sinn wie für Farbe oder Ton unmittelbar
abgestimmt ist.
- Das
konkrete Wesen des Menschen ist nicht nur durch dasjenige bestimmt,
was er durch seine Organisation sich als unmittelbare Wahrnehmung
gegenüberstellt, sondern auch dadurch, daß er anderes von dieser
unmittelbaren Wahrnehmung ausschließt.
- Wie
dem Leben neben dem bewußten Wachzustande der unbewußte Schlafzustand
notwendig ist, so ist dem Sich-Erleben des Menschen neben dem Umkreis
seiner Sinneswahrnehmung notwendig ein — viel größerer sogar — Umkreis von
nicht sinnlich wahrnehmbaren Elementen in dem Felde, aus dem die Sinneswahrnehmungen
stammen.
- Dies
alles ist mittelbar schon ausgesprochen in der ursprünglichen Darstellung
dieser Schrift.
- Deren
Verfasser fügt hier diese Erweiterung des Inhaltes an, weil er die
Erfahrung gemacht hat, daß mancher Leser nicht genau genug gelesen hat.
- —
Bedacht sollte auch werden, daß die Idee von der Wahrnehmung, wie
sie in dieser Schrift entwickelt wird, nicht verwechselt werden darf mit
derjenigen von äußerer Sinneswahrnehmung, die nur ein Spezialfall von ihr
ist.
- Man
wird aus dem schon Vorangehenden, aber noch mehr aus dem später
Ausgeführten ersehen, daß hier alles sinnlich und geistig an den
Menschen Herantretende als Wahrnehmung aufgefaßt wird, bevor es von dem
tätig erarbeiteten Begriff erfaßt ist.
- Um
Wahrnehmungen seelischer oder geistiger Art zu haben, sind nicht Sinne von
gewöhnlich gemeinter Art nötig.
- Man
könnte sagen, solche Erweiterung des üblichen Sprachgebrauches sei
unstatthaft.
- Allein
sie ist unbedingt notwendig, wenn man sich nicht auf gewissen
Gebieten eben durch den Sprachgebrauch in der Erkenntniserweiterung
fesseln lassen will.
- Wer
von Wahrnehmung nur im Sinne von sinnlicher Wahrnehmung spricht,
der kommt auch über diese sinnliche Wahrnehmung nicht zu einem für
die Erkenntnis brauchbaren Begriff.
- Man
muß manchmal einen Begriff erweitern, damit er auf einem engeren
Gebiete seinen ihm angemessenen Sinn erhält.
- Man
muß auch zuweilen zu dem, was in einem Begriffe zunächst gedacht wird,
anderes hinzufügen, damit das so Gedachte seine Rechtfertigung oder auch
Zurechtrückung findet.
- So
findet man auf Seite 107 dieses
Buches gesagt: “Die Vorstellung ist also ein individualisierter Begriff.”
- Demgegenüber
wurde mir eingewendet, das sei ein ungewöhnlicher Wortgebrauch.
- Aber
dieser Wortgebrauch ist notwendig, wenn man dahinterkommen will, was
Vorstellung eigentlich ist.
- Was
sollte aus dem Fortgang der Erkenntnis werden, wenn man jedem, der in die
Notwendigkeit versetzt ist, Begriffe zurechtzurücken, den Einwand machte:
“Das ist ein ungewöhnlicher Wortgebrauch.”
-
- Teil
II — Die Wirklichkeit der Freiheit
-
- Kapitel
8 - Die Faktoren des Lebens
- Rekapitulieren
wir das in den vorangehenden Kapiteln Gewonnene.
- Die
Welt tritt dem Menschen als eine Vielheit gegenüber, als eine Summe von
Einzelheiten.
- Eine
von diesen Einzelheiten, ein Wesen unter Wesen, ist er selbst.
- Diese
Gestalt der Welt bezeichnen wir schlechthin als gegeben, und
insofern wir sie nicht durch bewußte Tätigkeit entwickeln, sondern
vorfinden, als Wahrnehmung.
- Innerhalb
der Welt der Wahrnehmungen nehmen wir uns selbst wahr.
- Diese
Selbstwahrnehmung bliebe einfach als eine unter den vielen anderen
Wahrnehmungen stehen, wenn nicht aus der Mitte dieser Selbstwahrnehmung
etwas auftauchte, das sich geeignet erweist, die Wahrnehmungen überhaupt,
also auch die Summe aller anderen Wahrnehmungen mit der unseres Selbst zu
verbinden.
- Dieses
auftauchende Etwas ist nicht mehr bloße Wahrnehmung; es wird auch nicht
gleich den Wahrnehmungen einfach vorgefunden.
- Es
wird durch Tätigkeit hervorgebracht.
- Es
erscheint zunächst an das gebunden, was wir als unser Selbst wahrnehmen.
- Seiner
inneren Bedeutung nach greift es aber über das Selbst hinaus.
- Es
fügt den einzelnen Wahrnehmungen ideelle Bestimmtheiten bei, die sich aber
aufeinander beziehen, die in einem Ganzen gegründet sind.
- Das
durch Selbstwahrnehmung Gewonnene bestimmt es auf gleiche Weise ideell wie
alle andern Wahrnehmungen und stellt es als Subjekt oder “Ich” den
Objekten gegenüber.
- Dieses
Etwas ist das Denken, und die ideellen Bestimmtheiten sind die Begriffe
und Ideen.
- Das
Denken äußert sich daher zunächst an der Wahrnehmung des Selbst; ist aber
nicht bloß subjektiv; denn das Selbst bezeichnet sich erst mit Hilfe des
Denkens als Subjekt.
- Diese
gedankliche Beziehung auf sich selbst ist eine Lebensbestimmung unserer
Persönlichkeit.
- Durch
sie führen wir ein rein ideelles Dasein.
- Wir
fühlen uns durch sie als denkende Wesen.
- Diese
Lebensbestimmung bliebe eine rein begriffliche (logische), wenn keine
anderen Bestimmungen unseres Selbst hinzuträten.
- Wir
wären dann Wesen, deren Leben sich in der Herstellung rein ideeller
Beziehungen zwischen den Wahrnehmungen untereinander und den letztem und
uns selbst erschöpfte.
- Nennt
man die Herstellung eines solchen gedanklichen Verhältnisses ein Erkennen,
und den durch dieselbe gewonnenen Zustand unseres Selbst Wissen, so müßten
wir uns beim Eintreffen der obigen Voraussetzung als bloß erkennende oder
wissende Wesen ansehen.
- Die
Voraussetzung trifft aber nicht zu.
- Wir
beziehen die Wahrnehmungen nicht bloß ideell auf uns, durch den Begriff,
sondern auch noch durch das Gefühl, wie wir gesehen haben.
- Wir
sind also nicht Wesen mit bloß begrifflichem Lebensinhalt.
- Der
naive Realist sieht sogar in dem Gefühlsleben ein wirklicheres Leben der
Persönlichkeit als in dem rein ideellen Element des Wissens.
- Und
er hat von seinem Standpunkte aus ganz recht, wenn er in dieser Weise sich
die Sache zurechtlegt.
- Das
Gefühl ist auf subjektiver Seite zunächst genau dasselbe, was die
Wahrnehmung auf objektiver Seite ist.
- Nach
dem Grundsatz des naiven Realismus: Alles ist wirklich, was wahrgenommen
werden kann, ist daher das Gefühl die Bürgschaft der Realität der eigenen
Persönlichkeit.
- Der
hier gemeinte Monismus muß aber dem Gefühle die gleiche Ergänzung
angedeihen lassen, die er für die Wahrnehmung notwendig erachtet, wenn sie
als vollkommene Wirklichkeit sich darstellen soll.
- Für
diesen Monismus ist das Gefühl ein unvollständiges Wirkliches, das in der
ersten Form, in der es uns gegeben ist, seinen zweiten Faktor, den Begriff
oder die Idee, noch nicht mitenthält.
- Deshalb
tritt im Leben auch überall das Fühlen gleichwie das Wahrnehmen vor dem
Erkennen auf.
- Wir
fühlen uns zuerst als Daseiende; und im Laufe der allmählichen
Entwickelung ringen wir uns erst zu dem Punkte durch, wo uns in dem dumpf
gefühlten eigenen Dasein der Begriff unseres Selbst aufgeht.
- Was
für uns erst später hervortritt, ist aber ursprünglich mit dem
Gefühle unzertrennlich verbunden.
- Der
naive Mensch gerät durch diesen Umstand auf den Glauben: in dem Fühlen
stelle sich ihm das Dasein unmittelbar, in dem Wissen nur mittelbar dar.
- Die
Ausbildung des Gefühlslebens wird ihm daher vor allen andern Dingen
wichtig erscheinen.
- Er
wird den Zusammenhang der Welt erst erfaßt zu haben glauben, wenn er ihn
in sein Fühlen aufgenommen hat.
- Er
sucht nicht das Wissen, sondern das Fühlen zum Mittel der Erkenntnis zu
machen.
- Da
das Gefühl etwas ganz Individuelles ist, etwas der Wahrnehmung
gleichkommendes, so macht der Gefühlsphilosoph ein Prinzip, das nur
innerhalb seiner Persönlichkeit eine Bedeutung hat, zum Weltprinzipe.
- Er
sucht die ganze Welt mit seinem eigenen Selbst zu durchdringen.
- Was
der hier gemeinte Monismus im Begriffe zu erfassen strebt, das sucht der
Gefühlsphilosoph mit dem Gefühle zu erreichen, und sieht dieses sein
Zusammensein mit den Objekten als das unmittelbarere an.
- Die
hiermit gekennzeichnete Richtung, die Philosophie des Gefühls, wird oft
als Mystik bezeichnet.
- Der
Irrtum einer bloß auf das Gefühl gebauten mystischen Anschauungsweise
besteht darinnen, daß sie erleben will, was sie wissen soll, daß
sie ein Individuelles, das Gefühl, zu einem Universellen erziehen will.
- Das
Fühlen ist ein rein individueller Akt, die Beziehung der Außenwelt auf
unser Subjekt, insofern diese Beziehung ihren Ausdruck findet in einem
bloß subjektiven Erleben.
- Es
gibt noch eine andere Äußerung der menschlichen Persönlichkeit.
- Das
Ich lebt durch sein Denken das allgemeine Weltleben mit; es bezieht durch
dasselbe rein ideell (begrifflich) die Wahrnehmungen auf sich, sich auf
die Wahrnehmungen.
- Im
Gefühl erlebt es einen Bezug der Objekte auf sein Subjekt; im Willen ist
das Umgekehrte der Fall.
- Im
Wollen haben wir ebenfalls eine Wahrnehmung vor uns, nämlich die des
individuellen Bezugs unseres Selbstes auf das Objektive.
- Was
am Wollen nicht rein ideeller Faktor ist, das ist ebenso bloß Gegenstand
des Wahrnehmens wie das bei irgendeinem Dinge der Außenwelt der Fall ist.
- Dennoch
wird der naive Realismus auch hier wieder ein weit wirklicheres Sein vor
sich zu haben glauben, als durch das Denken erlangt werden kann.
- Er
wird in dem Willen ein Element erblicken, in dem er ein Geschehen, ein
Verursachen unmittelbar gewahr wird, im Gegensatz zum Denken, das
das Geschehen erst in Begriffe faßt.
- Was
das Ich durch seinen Willen vollbringt, stellt für eine solche
Anschauungsweise einen Prozeß dar, der unmittelbar erlebt wird.
- In
dem Wollen glaubt der Bekenner dieser Philosophie das Weltgeschehen
wirklich an einem Zipfel erfaßt zu haben.
- Während
er die anderen Geschehnisse nur durch Wahrnehmen von außen verfolgen kann,
glaubt er in seinem Wollen ein reales Geschehen ganz unmittelbar zu
erleben.
- Die
Seinsform, in der ihm der Wille innerhalb des Selbst erscheint, wird für
ihn zu einem Realprinzip der Wirklichkeit.
- Sein
eigenes Wollen erscheint ihm als Spezialfall des allgemeinen
Weltgeschehens; dieses letztere somit als allgemeines Wollen.
- Der
Wille wird zum Weltprinzip wie in der Gefühlsmystik das Gefühl zum
Erkenntnisprinzip.
- Diese
Anschauungsweise ist Willensphilosophie (Thelismus).
- Was
sich nur individuell erleben läßt, das wird durch sie zum konstituierenden
Faktor der Welt gemacht.
- So
wenig die Gefühlsmystik Wissenschaft genannt werden kann, so wenig kann es
die Willensphilosophie.
- Denn
beide behaupten mit dem begrifflichen Durchdringen der Welt nicht
auskommen zu können.
- Beide
fordern neben dem Idealprinzip des Seins noch ein Realprinzip.
- Das
mit einem gewissen Recht.
- Da
wir aber für diese sogenannten Realprinzipien nur das Wahrnehmen als
Auffassungsmittel haben, so ist die Behauptung der Gefühlsmystik und der
Willensphilosophie identisch mit der Ansicht: Wir haben zwei Quellen der
Erkenntnis: die des Denkens und die des Wahrnehmens, welches letztere sich
im Gefühl und Willen als individuelles Erleben darstellt.
- Da
die Ausflüsse der einen Quelle, die Erlebnisse, von diesen
Weltanschauungen nicht direkt in die der andern, des Denkens, aufgenommen
werden können, so bleiben die beiden Erkenntnisweisen, Wahrnehmen und
Denken ohne höhere Vermittlung nebeneinander bestehen.
- Neben
dem durch das Wissen erreichbaren Idealprinzip soll es noch ein zu
erlebendes nicht im Denken erfaßbares Realprinzip der Welt geben.
- Mit
andern Worten: die Gefühlsmystik und Willensphilosophie sind naiver
Realismus, weil sie dem Satz huldigen: Das unmittelbar Wahrgenommene ist
wirklich.
- Sie
begehen dem ursprünglichen naiven Realismus gegenüber nur noch die
Inkonsequenz, daß sie eine bestimmte Form des Wahrnehmens (das Fühlen,
beziehungsweise Wollen) zum alleinigen Erkenntnismittel des Seins machen,
während sie das doch nur können, wenn sie im allgemeinen dem Grundsatz
huldigen: Das Wahrgenommene ist wirklich.
- Sie
müßten somit auch dem äußeren Wahrnehmen einen gleichen Erkenntniswert
zuschreiben.
- Die
Willensphilosophie wird zum metaphysischen Realismus, wenn sie den Willen
auch in die Daseinssphären verlegt, in denen ein unmittelbares
Erleben desselben nicht wie in dem eigenen Subjekt möglich ist.
- Sie
nimmt ein Prinzip außer dem Subjekt hypothetisch an, für das das
subjektive Erleben das einzige Wirklichkeitskriterium ist.
- Als
metaphysischer Realismus verfällt die Willensphilosophie der im
vorhergehenden Kapitel angegebenen Kritik, welche das widerspruchsvolle
Moment jedes metaphysischen Realismus überwinden und anerkennen muß, daß
der Wille nur insofern ein allgemeines Weltgeschehen ist, als er sich
ideell auf die übrige Welt bezieht.
-
- Zusatz
zur Neuausgabe 1918
- Die
Schwierigkeit, das Denken in seinem Wesen beobachtend zu erfassen, liegt
darin, daß dieses Wesen der betrachtenden Seele nur allzu leicht schon
entschlüpft ist, wenn diese es in die Richtung ihrer Aufmerksamkeit
bringen will.
- Dann
bleibt ihr nur das tote Abstrakte, die Leichname des lebendigen Denkens.
- Sieht
man nur auf dieses Abstrakte, so wird man leicht ihm gegenüber sich
gedrängt finden, in das “lebensvolle” Element der Gefühlsmystik, oder auch
der Willensmetaphysik einzutreten.
- Man
wird es absonderlich finden, wenn jemand in “bloßen Gedanken” das Wesen
der Wirklichkeit ergreifen will.
- Aber
wer sich dazu bringt, das Leben im Denken wahrhaft zu haben, der
gelangt zur Einsicht, daß dem inneren Reichtum und der in sich ruhenden,
aber zugleich in sich bewegten Erfahrung innerhalb dieses Lebens
das Weben in bloßen Gefühlen oder das Anschauen des Willenselementes nicht
einmal verglichen werden kann, geschweige denn, daß diese über jenes
gesetzt werden dürften.
- Gerade
von diesem Reichtum, von dieser inneren Fülle des Erlebens rührt es her,
daß sein Gegenbild in der gewöhnlichen Seeleneinstellung tot, abstrakt aussieht.
- Keine
andere menschliche Seelenbetätigung wird so leicht zu verkennen sein wie
das Denken.
- Das
Wollen, das Fühlen, sie erwarmen die Menschenseele auch noch im
Nacherleben ihres Ursprungszustandes.
- Das
Denken läßt nur allzuleicht in diesem Nacherleben kalt; es scheint das
Seelenleben auszutrocknen.
- Doch
dies ist eben nur der stark sich geltend machende Schatten seiner
lichtdurchwobenen, warm in die Welterscheinungen untertauchenden
Wirklichkeit.
- Dieses
Untertauchen geschieht mit einer in der Denkbetätigung selbst
dahinfließenden Kraft, welche Kraft der Liebe in geistiger Art ist.
- Man
darf nicht einwendend sagen, wer so Liebe im tätigen Denken sieht, der
verlegt ein Gefühl, die Liebe, in dasselbe.
- Denn
dieser Einwand ist in Wahrheit eine Bestätigung des hier geltend
Gemachten.
- Wer
nämlich zum wesenhaften Denken sich hinwendet, der findet in
demselben sowohl Gefühl wie Willen, die letztern auch in den Tiefen ihrer
Wirklichkeit; wer von dem Denken sich ab, und nur dem “bloßen” Fühlen und
Wollen zuwendet, der verliert aus diesen die wahre Wirklichkeit.
- Wer
im Denken intuitiv erleben will, der wird auch dem gefühlsmäßigen
und willensartigen Erleben gerecht; nicht aber kann gerecht sein gegen die
intuitiv-denkerische Durchdringung des Daseins die Gefühlsmystik und die
Willensmetaphysik.
- Die
letztem werden nur allzuleicht zu dem Urteil kommen, daß sie im
Wirklichen stehen; der intuitiv Denkende aber gefühllos und
wirklichkeitsfremd in “abstrakten Gedanken” ein schattenhaftes, kaltes
Weltbild formt.
-
- Kapitel
9 - Die Idee der Freiheit
- Der
Begriff des Baumes ist für das Erkennen durch die Wahrnehmung des Baumes
bedingt.
- Ich
kann der bestimmten Wahrnehmung gegenüber nur einen ganz bestimmten
Begriff aus dem allgemeinen Begriffssystem herausheben.
- Der
Zusammenhang von Begriff und Wahrnehmung wird durch das Denken an der
Wahrnehmung mittelbar und objektiv bestimmt.
- Die
Verbindung der Wahrnehmung mit ihrem Begriffe wird nach dem
Wahrnehmungsakte erkannt; die Zusammengehörigkeit ist aber in der Sache selbst
bestimmt.
- Anders
stellt sich der Vorgang dar, wenn die Erkenntnis, wenn das in ihr
auftretende Verhältnis des Menschen zur Welt betrachtet wird.
- In
den vorangehenden Ausführungen ist der Versuch gemacht worden, zu zeigen,
daß die Aufhellung dieses Verhältnisses durch eine auf dasselbe gehende
unbefangene Beobachtung möglich ist.
- Ein
richtiges Verständnis dieser Beobachtung kommt zu der Einsicht, daß das
Denken als eine in sich beschlossene Wesenheit unmittelbar angeschaut
werden kann.
- Wer
nötig findet, zur Erklärung des Denkens als solchem etwas anderes
herbeizuziehen, wie etwa physische Gehirnvorgänge, oder hinter dem
beobachteten bewußten Denken liegende unbewußte geistige Vorgänge, der
verkennt, was ihm die unbefangene Beobachtung des Denkens gibt.
- Wer
das Denken beobachtet, lebt während der Beobachtung unmittelbar in einem
geistigen, sich selbst tragenden Wesensweben darinnen.
- Ja,
man kann sagen, wer die Wesenheit des Geistigen in der Gestalt, in der sie
sich dem Menschen zunächst darbietet, erfassen will, kann dies in
dem auf sich selbst beruhenden Denken.
- Im
Betrachten des Denkens selbst fallen in eines zusammen, was sonst immer
getrennt auftreten muß: Begriff und Wahrnehmung.
- Wer
dies nicht durchschaut, der wird in an Wahrnehmungen erarbeiteten
Begriffen nur schattenhafte Nachbildungen dieser Wahrnehmungen sehen
können, und die Wahrnehmungen werden ihm die wahre Wirklichkeit
vergegenwärtigen.
- Er
wird auch eine metaphysische Welt nach dem Muster der wahrgenommenen Welt
sich auferbauen; er wird diese Welt Atomenwelt, Willenswelt, unbewußte
Geistwelt und so weiter nennen, je nach seiner Vorstellungsart.
- Und
es wird ihm entgehen, daß er sich mit alledem nur eine metaphysische Welt
hypothetisch nach dem Muster seiner Wahrnehmungswelt auferbaut hat.
- Wer
aber durchschaut, was bezüglich des Denkens vorliegt, der wird erkennen,
daß in der Wahrnehmung nur ein Teil der Wirklichkeit vorliegt und daß der
andere zu ihr gehörige Teil, der sie erst als volle Wirklichkeit
erscheinen läßt, in der denkenden Durchsetzung der Wahrnehmung erlebt wird.
- Er
wird in demjenigen, das als Denken im Bewußtsein auftritt, nicht ein
schattenhaftes Nachbild einer Wirklichkeit sehen, sondern eine auf sich
ruhende geistige Wesenhaftigkeit.
- Und
von dieser kann er sagen, daß sie ihm durch Intuition im Bewußtsein
gegenwärtig wird.
- Intuition
ist das im rein Geistigen verlaufende bewußte
Erleben eines rein geistigen Inhaltes.
- Nur
durch eine Intuition kann die Wesenheit des Denkens erfaßt werden.
- Nur
wenn man sich zu der in der unbefangenen Beobachtung gewonnenen
Anerkennung dieser Wahrheit über die intuitive Wesenheit des Denkens
hindurchgerungen hat, gelingt es, den Weg frei zu bekommen für eine
Anschauung der menschlichen leiblich-seelischen Organisation.
- Man
erkennt, daß diese Organisation an dem Wesen des Denkens nichts
bewirken kann.
- Dem
scheint zunächst der ganz offenbare Tatbestand zu widersprechen.
- Das
menschliche Denken tritt für die gewöhnliche Erfahrung nur an und durch
diese Organisation auf.
- Dieses
Auftreten macht sich so stark geltend, daß es in seiner wahren Bedeutung
nur von demjenigen durchschaut werden kann, der erkannt hat, wie im
Wesenhaften des Denkens nichts von dieser Organisation mitspielt.
- Einem
solchen wird es dann aber auch nicht mehr entgehen können, wie
eigentümlich geartet das Verhältnis der menschlichen Organisation zum
Denken ist.
- Diese
bewirkt nämlich nichts an dem Wesenhaften des Denkens, sondern sie weicht,
wenn die Tätigkeit des Denkens auftritt, zurück; sie hebt ihre eigene
Tätigkeit auf, sie macht einen Platz frei; und an dem freigewordenen Platz
tritt das Denken auf.
- Dem
Wesenhaften, das im Denken wirkt, obliegt ein Doppeltes: Erstens drängt es
die menschliche Organisation in deren eigener Tätigkeit zurück, und
zweitens setzt es sich selbst an deren Stelle.
- Denn
auch das erste, die Zurückdrängung der Leibesorganisation, ist Folge der
Denktätigkeit.
- Und
zwar desjenigen Teiles derselben, der das Erscheinen des Denkens
vorbereitet.
- Man
ersieht aus diesem, in welchem Sinne das Denken in der Leibesorganisation
sein Gegenbild findet.
- Und
wenn man dieses ersieht, wird man nicht mehr die Bedeutung dieses
Gegenbildes für das Denken selbst verkennen können.
- Wer
über einen erweichten Boden geht, dessen Fußspuren graben sich in dem
Boden ein.
- Man
wird nicht versucht sein, zu sagen, die Fußspurenformen seien von Kräften
des Bodens, von unten herauf, getrieben worden.
- Man
wird diesen Kräften keinen Anteil an dem Zustandekommen der
Spurenformen zuschreiben.
- Ebensowenig
wird, wer die Wesenheit des Denkens unbefangen beobachtet, den Spuren im
Leibesorganismus an dieser Wesenheit einen Anteil zuschreiben, die dadurch
entstehen, daß das Denken sein Erscheinen durch den Leib vorbereitet. (1)
- Fußnoten: (1) Wie innerhalb der Psychologie, der Physiologie
usw. sich die obige Anschauung geltend macht, hat der Verfasser in
Schriften, die auf dieses Buch gefolgt sind, nach verschiedenen Richtungen
dargestellt. Hier sollte nur das gekennzeichnet werden, was die
unbefangene Beobachtung des Denkens selbst ergibt.
- Aber
eine bedeutungsvolle Frage taucht hier auf.
- Wenn
an dem Wesen des Denkens der menschlichen Organisation kein Anteil
zukommt, welche Bedeutung hat diese Organisation innerhalb der
Gesamtwesenheit des Menschen?
- Nun,
was in dieser Organisation durch das Denken geschieht, hat wohl mit der
Wesenheit des Denkens nichts zu tun, wohl aber mit der Entstehung des
Ich-Bewußtseins aus diesem Denken heraus.
- Innerhalb
des Eigenwesens des Denkens liegt wohl das wirkliche “Ich”, nicht aber das
Ich-Bewußtsein.
- Dies
durchschaut derjenige, der eben unbefangen das Denken beobachtet.
- Das
“Ich” ist innerhalb des Denkens zu finden; das “Ich-Bewußtsein” tritt
dadurch auf, daß im allgemeinen Bewußtsein sich die Spuren der
Denktätigkeit in dem oben gekennzeichneten Sinne eingraben.
- (Durch
die Leibesorganisation entsteht also das Ich-Bewußtsein.
- Man
verwechsele das aber nicht etwa mit der Behauptung, daß das einmal
entstandene Ich-Bewußtsein von der Leibesorganisation abhängig bleibe.
- Einmal
entstanden, wird es in das Denken aufgenommen und teilt fortan dessen
geistige Wesenheit.)
- Das
“Ich-Bewußtsein” ist auf die menschliche Organisation gebaut.
- Aus
dieser erfließen die Willenshandlungen.
- In
der Richtung der vorangegangenen Darlegungen wird ein Einblick in den
Zusammenhang zwischen Denken, bewußtem Ich und Willenshandlung nur zu
gewinnen sein, wenn erst beobachtet wird, wie die Willenshandlung aus der
menschlichen Organisation hervorgeht. (2)
- Fußnoten: (2) S. 145 bis zur obigen Stelle ist Zusatz,
beziehungsweise Umarbeitung für die Neuausgabe 1918.
- Für
den einzelnen Willensakt kommt in Betracht: das Motiv und die Triebfeder.
- Das
Motiv ist ein begrifflicher oder vorstellungsgemäßer Faktor; die
Triebfeder ist der in der menschlichen Organisation unmittelbar bedingte
Faktor des Wollens.
- Der
begriffliche Faktor oder das Motiv ist der augenblickliche
Bestimmungsgrund des Wollens; die Triebfeder der bleibende
Bestimmungsgrund des Individuums.
- Motiv
des Wollens kann ein reiner Begriff oder ein Begriff mit einem bestimmten
Bezug auf das Wahrnehmen sein, das ist eine Vorstellung.
- Allgemeine
und individuelle Begriffe (Vorstellungen) werden dadurch zu Motiven des
Wollens, daß sie auf das menschliche Individuum wirken und dasselbe in
einer gewissen Richtung zum Handeln bestimmen.
- Ein
und derselbe Begriff, beziehungsweise eine und dieselbe Vorstellung wirkt
aber auf verschiedene Individuen verschieden.
- Sie
veranlassen verschiedene Menschen zu verschiedenen Handlungen.
- Das
Wollen ist also nicht bloß ein Ergebnis des Begriffes oder der
Vorstellung, sondern auch der individuellen Beschaffenheit des Menschen.
- Diese
individuelle Beschaffenheit wollen wir — man kann in bezug darauf Eduard
von Hartmann folgen — die charakterologische Anlage nennen.
- Die
Art, wie Begriff und Vorstellung auf die charakterologische Anlage des
Menschen wirken, gibt seinem Leben ein bestimmtes moralisches oder
ethisches Gepräge.
- Die
charakterologische Anlage wird gebildet durch den mehr oder weniger
bleibenden Lebensgehalt unseres Subjektes, das ist durch unseren
Vorstellungs- und Gefühlsinhalt.
- Ob
mich eine in mir gegenwärtig auftretende Vorstellung zu einem Wollen
anregt, das hängt davon ab, wie sie sich zu meinem übrigen
Vorstellungsinhalte und auch zu meinen Gefühlseigentümlichkeiten verhält.
- Mein
Vorstellungsinhalt ist aber wieder bedingt durch die Summe derjenigen
Begriffe, die im Verlaufe meines individuellen Lebens mit Wahrnehmungen in
Berührung gekommen, das heißt zu Vorstellungen geworden sind.
- Diese
hängt wieder ab von meiner größeren oder geringeren Fähigkeit der
Intuition und von dem Umkreis meiner Beobachtungen, das ist von dem
subjektiven und dem objektiven Faktor der Erfahrungen, von der inneren
Bestimmtheit und dem Lebensschauplatz.
- Ganz
besonders ist meine charakterologische Anlage durch mein Gefühlsleben
bestimmt.
- Ob
ich an einer bestimmten Vorstellung oder einem Begriff Freude oder Schmerz
empfinde, davon wird es abhängen, ob ich sie zum Motiv meines Handelns
machen will oder nicht.
- —
Dies sind die Elemente, die bei einem Willensakte in Betracht kommen.
- Die
unmittelbar gegenwärtige Vorstellung oder der Begriff, die zum Motiv
werden, bestimmen das Ziel, den Zweck meines Wollens; meine
charakterologische Anlage bestimmt mich, auf dieses Ziel meine Tätigkeit
zu richten.
- Die
Vorstellung, in der nächsten halben Stunde einen Spaziergang zu machen,
bestimmt das Ziel meines Handelns.
- Diese
Vorstellung wird aber nur dann zum Motiv des Wollens erhoben, wenn sie auf
eine geeignete charakterologische Anlage auftrifft, das ist, wenn sich
durch mein bisheriges Leben in mir etwa die Vorstellungen gebildet haben
von der Zweckmäßigkeit des Spazierengehens, von dem Wert der Gesundheit,
und ferner, wenn sich mit der Vorstellung des Spazierengehens in mir das
Gefühl der Lust verbindet.
- Wir
haben somit zu unterscheiden: 1. Die möglichen subjektiven Anlagen, die
geeignet sind, bestimmte Vorstellungen und Begriffe zu Motiven zu machen;
und 2. die möglichen Vorstellungen und Begriffe, die imstande sind, meine
charakterologische Anlage so zu beeinflussen, daß sich ein Wollen ergibt.
- Jene
stellen die Triebfedern, diese die Ziele der Sittlichkeit
dar.
- Die
Triebfedern der Sittlichkeit können wir dadurch finden, daß wir nachsehen,
aus welchen Elementen sich das individuelle Leben zusammensetzt.
- Die
erste Stufe des individuellen Lebens ist das Wahrnehmen, und zwar
das Wahrnehmen der Sinne.
- Wir
stehen hier in jener Region unseres individuellen Lebens, wo sich das
Wahrnehmen unmittelbar, ohne Dazwischentreten eines Gefühles oder
Begriffes in Wollen umsetzt.
- Die
Triebfeder des Menschen, die hierbei in Betracht kommt, wird als Trieb schlechthin
bezeichnet.
- Die
Befriedigung unserer niederen, rein animalischen Bedürfnisse (Hunger,
Geschlechtsverkehr usw.) kommt auf diesem Wege zustande.
- Das
Charakteristische des Trieblebens besteht in der Unmittelbarkeit, mit der
die Einzelwahrnehmung das Wollen auslöst.
- Diese
Art der Bestimmung des Wollens, die ursprünglich nur dem niedrigeren
Sinnenleben eigen ist, kann auch auf die Wahrnehmungen der höheren Sinne
ausgedehnt werden.
- Wir
lassen auf die Wahrnehmung irgendeines Geschehens in der Außenwelt, ohne
weiter nachzudenken und ohne daß sich uns an die Wahrnehmung ein besonderes
Gefühl knüpft, eine Handlung folgen, wie das namentlich im konventionellen
Umgange mit Menschen geschieht.
- Die
Triebfeder dieses Handelns bezeichnet man als Takt oder sittlichen
Geschmack.
- Je
öfter sich ein solches unmittelbares Auslösen einer Handlung durch eine
Wahrnehmung vollzieht, desto geeigneter wird sich der betreffende Mensch
erweisen, rein unter dem Einfluß des Taktes zu handeln, das ist: der Takt
wird zu seiner charakterologischen Anlage.
- Die
zweite Sphäre des menschlichen Lebens ist das Fühlen.
- An
die Wahrnehmungen der Außenwelt knüpfen sich bestimmte Gefühle.
- Diese
Gefühle können zu Triebfedern des Handelns werden.
- Wenn
ich einen hungernden Menschen sehe, so kann mein Mitgefühl mit demselben
die Triebfeder meines Handelns bilden.
- Solche
Gefühle sind etwa: das Schamgefühl, der Stolz, das Ehrgefühl, die Demut,
die Reue, das Mitgefühl, das Rache- und Dankbarkeitsgefühl, die Pietät,
die Treue, das Liebes- und Pflichtgefühl. (3)
- Fußnoten: (3) Eine vollständige Zusammenstellung der Prinzipien
der Sittlichkeit findet man (vom Standpunkte des metaphysischen Realismus
aus) in Eduard von Hartmanns “Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins”.
- Die
dritte Stufe des Lebens endlich ist das Denken und Vorstellen.
- Durch
bloße Überlegung kann eine Vorstellung oder ein Begriff zum Motiv einer
Handlung werden.
- Vorstellungen
werden dadurch Motive, daß wir im Laufe des Lebens fortwährend gewisse
Ziele des Wollens an Wahrnehmungen knüpfen, die in mehr oder weniger
modifizierter Gestalt immer wiederkehren.
- Daher
kommt es, daß bei Menschen, die nicht ganz ohne Erfahrung sind, stets mit
bestimmten Wahrnehmungen auch die Vorstellungen von Handlungen ins
Bewußtsein treten, die sie in einem ähnlichen Fall ausgeführt oder
ausführen gesehen haben.
- Diese
Vorstellungen schweben ihnen als bestimmende Muster bei allen späteren
Entschließungen vor, sie werden Glieder ihrer charakterologischen Anlage.
- Wir
können die damit bezeichnete Triebfeder des Wollens die praktische
Erfahrung nennen.
- Die
praktische Erfahrung geht allmählich in das rein taktvolle Handeln über.
- Wenn
sich bestimmte typische Bilder von Handlungen mit Vorstellungen von
gewissen Situationen des Lebens in unserem Bewußtsein so fest verbunden
haben, daß wir gegebenen Falles mit Überspringung aller auf Erfahrung sich
gründenden Überlegung unmittelbar auf die Wahrnehmung hin ins Wollen
übergehen, dann ist dies der Fall.
- Die
höchste Stufe des individuellen Lebens ist das begriffliche Denken ohne
Rücksicht auf einen bestimmten Wahrnehmungsgehalt.
- Wir
bestimmen den Inhalt eines Begriffes durch reine Intuition aus der
ideellen Sphäre heraus.
- Ein
solcher Begriff enthält dann zunächst keinen Bezug auf bestimmte
Wahrnehmungen.
- Wenn
wir unter dem Einflusse eines auf eine Wahrnehmung deutenden Begriffes,
das ist einer Vorstellung, in das Wollen eintreten, so ist es diese
Wahrnehmung, die uns auf dem Umwege durch das begriffliche Denken
bestimmt.
- Wenn
wir unter dem Einflusse von Intuitionen handeln, so ist die Triebfeder
unseres Handelns das reine Denken.
- Da
man gewohnt ist, das reine Denkvermögen in der Philosophie als Vernunft zu
bezeichnen, so ist es wohl auch berechtigt, die auf dieser Stufe
gekennzeichnete moralische Triebfeder die praktische Vernunft zu
nennen.
- Am
klarsten hat von dieser Triebfeder des Wollens Kreyenbühl (Philosophische
Monatshefte, Bd. XVIII, Heft 3) gehandelt.
- Ich
rechne seinen darüber geschriebenen Aufsatz zu den bedeutsamsten
Erzeugnissen der gegenwärtigen Philosophie, namentlich der Ethik.
- Kreyenbühl
bezeichnet die in Rede stehende Triebfeder als praktisches Apriori,
das heißt unmittelbar aus meiner Intuition fließenden Antrieb zum Handeln.
- Es
ist klar, daß ein solcher Antrieb nicht mehr im strengen Wortsinne zu dem
Gebiete der charakterologischen Anlagen gerechnet werden kann.
- Denn
was hier als Triebfeder wirkt, ist nicht mehr ein bloß Individuelles in
mir, sondern der ideelle und folglich allgemeine Inhalt meiner Intuition.
- Sobald
ich die Berechtigung dieses Inhaltes als Grundlage und Ausgangspunkt einer
Handlung ansehe, trete ich in das Wollen ein, gleichgültig ob der Begriff
bereits zeitlich vorher in mir da war, oder erst unmittelbar vor dem
Handeln in mein Bewußtsein eintritt, das ist: gleichgültig, ob er bereits
als Anlage in mir vorhanden war oder nicht.
- Zu
einem wirklichen Willensakt kommt es nur dann, wenn ein augenblicklicher
Antrieb des Handelns in Form eines Begriffes oder einer Vorstellung auf
die charakterologische Anlage einwirkt.
- Ein
solcher Antrieb wird dann zum Motiv des Wollens.
- Die
Motive der Sittlichkeit sind Vorstellungen und Begriffe.
- Es
gibt Ethiker, die auch im Gefühle ein Motiv der Sittlichkeit sehen; sie
behaupten zum Beispiel, Ziel des sittlichen Handelns sei die Beförderung
des größtmöglichen Quantums von Lust im handelnden Individuum.
- Die
Lust selbst aber kann nicht Motiv werden, sondern nur eine vorgestellte
Lust.
- Die
Vorstellung eines künftigen Gefühles, nicht aber das Gefühl selbst
kann auf meine charakterologische Anlage einwirken.
- Denn
das Gefühl selbst ist im Augenblicke der Handlung noch nicht da, soll
vielmehr erst durch die Handlung hervorgebracht werden.
- Die
Vorstellung des eigenen oder fremden Wohles wird aber mit Recht als
ein Motiv des Wollens angesehen.
- Das
Prinzip, durch sein Handeln die größte Summe eigener Lust zu bewirken, das
ist: die individuelle Glückseligkeit zu erreichen, heißt Egoismus.
- Diese
individuelle Glückseligkeit wird entweder dadurch zu erreichen gesucht,
daß man in rücksichtsloser Weise nur auf das eigene Wohl bedacht ist und
dieses auch auf Kosten des Glückes fremder Individualitäten erstrebt
(reiner Egoismus), oder dadurch, daß man das fremde Wohl aus dem Grunde
befördert, weil man sich dann mittelbar von den glücklichen fremden
Individualitäten einen günstigen Einfluß auf die eigene Person verspricht,
oder weil man durch Schädigung fremder Individuen auch eine Gefährdung des
eigenen Interesses befürchtet (Klugheitsmoral).
- Der
besondere Inhalt der egoistischen Sittlichkeitsprinzipien wird davon
abhängen, welche Vorstellung sich der Mensch von seiner eigenen oder der
fremden Glückseligkeit macht.
- Nach
dem, was einer als ein Gut des Lebens ansieht (Wohlleben, Hoffnung auf
Glückseligkeit, Erlösung von verschiedenen Übeln usw.), wird er den Inhalt
seines egoistischen Strebens bestimmen.
- Als
ein weiteres Motiv ist dann der rein begriffliche Inhalt einer Handlung
anzusehen.
- Dieser
Inhalt bezieht sich nicht wie die Vorstellung der eigenen Lust auf die
einzelne Handlung allein, sondern auf die Begründung einer Handlung aus
einem Systeme sittlicher Prinzipien.
- Diese
Moralprinzipien können in Form abstrakter Begriffe das sittliche Leben
regeln, ohne daß der einzelne sich um den Ursprung der Begriffe kümmert.
- Wir
empfinden dann einfach die Unterwerfung unter den sittlichen Begriff, der
als Gebot über unserem Handeln schwebt, als sittliche Notwendigkeit.
- Die
Begründung dieser Notwendigkeit überlassen wir dem, der die sittliche
Unterwerfung fordert, das ist der sittlichen Autorität, die wir anerkennen
(Familienoberhaupt, Staat, gesellschaftliche Sitte, kirchliche Autorität,
göttliche Offenbarung).
- Eine
besondere Art dieser Sittlichkeitsprinzipien ist die, wo das Gebot sich
nicht durch eine äußere Autorität für uns kundgibt, sondern durch unser
eigenes Innere (sittliche Autonomie).
- Wir
vernehmen dann die Stimme in unserem eigenen Innern, der wir uns zu
unterwerfen haben.
- Der
Ausdruck dieser Stimme ist das Gewissen.
- Es
bedeutet einen sittlichen Fortschritt, wenn der Mensch zum Motiv seines
Handelns nicht einfach das Gebot einer äußeren oder der inneren Autorität
macht, sondern wenn er den Grund einzusehen bestrebt ist, aus dem
irgendeine Maxime des Handelns als Motiv in ihm wirken soll.
- Dieser
Fortschritt ist der von der autoritativen Moral zu dem Handeln aus
sittlicher Einsicht.
- Der
Mensch wird auf dieser Stufe der Sittlichkeit die Bedürfnisse des
sittlichen Lebens aufsuchen und sich von der Erkenntnis derselben zu
seinen Handlungen bestimmen lassen.
- Solche
Bedürfnisse sind: 1. das größtmögliche Wohl der Gesamtmenschheit rein um
dieses Wohles willen; 2. der Kulturfortschritt oder die sittliche Entwickelung
der Menschheit zu immer größerer Vollkommenheit; 3. die Verwirklichung
rein intuitiv erfaßter individueller Sittlichkeitsziele.
- Das
größtmögliche Wohl der Gesamtmenschheit wird natürlich von
verschiedenen Menschen in verschiedener Weise aufgefaßt werden.
- Die
obige Maxime bezieht sich nicht auf eine bestimmte Vorstellung von diesem
Wohl, sondern darauf, daß jeder einzelne, der dies Prinzip anerkennt, bestrebt
ist, dasjenige zu tun, was nach seiner Ansicht das Wohl der
Gesamtmenschheit am meisten fördert.
- Der
Kulturfortschritt erweist sich für denjenigen, dem
sich an die Güter der Kultur ein Lustgefühl knüpft, als ein spezieller
Fall des vorigen Moralprinzips.
- Er
wird nur den Untergang und die Zerstörung mancher Dinge, die auch zum
Wohle der Menschheit beitragen, mit in Kauf nehmen müssen.
- Es
ist aber auch möglich, daß jemand in dem Kulturfortschritt, abgesehen von
dem damit verbundenen Lustgefühl, eine sittliche Notwendigkeit erblickt.
- Dann
ist derselbe für ihn ein besonderes Moralprinzip neben dem vorigen.
- Sowohl
die Maxime des Gesamtwohles wie auch jene des Kulturfortschrittes beruht
auf der Vorstellung, das ist auf der Beziehung, die man dem Inhalt der
sittlichen Ideen zu bestimmten Erlebnissen (Wahrnehmungen) gibt.
- Das
höchste denkbare Sittlichkeitsprinzip ist aber das, welches keine solche
Beziehung von vornherein enthält, sondern aus dem Quell der reinen
Intuition entspringt und erst nachher die Beziehung zur Wahrnehmung (zum
Leben) sucht.
- Die
Bestimmung, was zu wollen ist, geht hier von einer andern Instanz aus als
in den vorhergehenden Fällen.
- Wer
dem sittlichen Prinzip des Gesamtwohles huldigt, der wird bei allen seinen
Handlungen zuerst fragen, was zu diesem Gesamtwohl seine Ideale beitragen.
- Wer
sich zu dem sittlichen Prinzip des Kulturfortschrittes bekennt, wird es
hier ebenso machen.
- Es
gibt aber ein höheres, das in dem einzelnen Falle nicht von einem
bestimmten einzelnen Sittlichkeitsziel ausgeht, sondern welches allen
Sittlichkeitsmaximen einen gewissen Wert beilegt, und im gegebenen Falle
immer fragt, ob denn hier das eine oder das andere Moralprinzip das
wichtigere ist.
- Es
kann vorkommen, daß jemand unter gegebenen Verhältnissen die Förderung des
Kulturfortschrittes, unter andern die des Gesamtwohls, im dritten Falle
die Förderung des eigenen Wohles für das richtige ansieht und zum Motiv
seines Handelns macht.
- Wenn
aber alle andern Bestimmungsgründe erst an zweite Stelle treten, dann kommt
in erster Linie die begriffliche Intuition selbst in Betracht.
- Damit
treten die andern Motive von der leitenden Stelle ab, und nur der
Ideengehalt der Handlung wirkt als Motiv derselben.
- Wir
haben unter den Stufen der charakterologischen Anlage diejenige als die
höchste bezeichnet, die als reines Denken, als praktische
Vernunft wirkt.
- Unter
den Motiven haben wir jetzt als das höchste die begriffliche Intuition bezeichnet.
- Bei
genauerer Überlegung stellt sich alsbald heraus, daß auf dieser Stufe der
Sittlichkeit Triebfeder und Motiv zusammenfallen, das ist, daß weder eine
vorher bestimmte charakterologische Anlage, noch ein äußeres, normativ
angenommenes sittliches Prinzip auf unser Handeln wirken.
- Die
Handlung ist also keine schablonenmäßige, die nach irgendwelchen Regeln
ausgeführt wird, und auch keine solche, die der Mensch auf äußeren Anstoß
hin automatenhaft vollzieht, sondern eine schlechthin durch ihren idealen
Gehalt bestimmte.
- Zur
Voraussetzung hat eine solche Handlung die Fähigkeit der moralischen
Intuitionen.
- Wem
die Fähigkeit fehlt für den einzelnen Fall die besondere
Sittlichkeitsmaxime zu erleben, der wird es auch nie zum wahrhaft
individuellen Wollen bringen.
- Der
gerade Gegensatz dieses Sittlichkeitsprinzips ist das Kantsche: Handle so,
daß die Grundsätze deines Handelns für alle Menschen gelten können.
- Dieser
Satz ist der Tod aller individuellen Antriebe des Handelns.
- Nicht
wie alle Menschen handeln würden, kann für mich maßgebend sein,
sondern was für mich in dem individuellen Falle zu tun ist.
- Ein
oberflächliches Urteil könnte vielleicht diesen Ausführungen einwenden:
Wie kann das Handeln zugleich individuell auf den besonderen Fall und die
besondere Situation geprägt und doch rein ideell aus der Intuition heraus bestimmt
sein?
- Dieser
Einwand beruht auf einer Verwechselung von sittlichem Motiv und
wahrnehmbarem Inhalt der Handlung.
- Der
letztere kann Motiv sein, und ist es auch zum Beispiel beim
Kulturfortschritt, beim Handeln aus Egoismus usw.; beim Handeln auf Grund
rein sittlicher Intuition ist er es nicht.
- Mein
Ich richtet seinen Blick natürlich auf diesen Wahrnehmungsinhalt, bestimmen
läßt es sich durch denselben nicht.
- Dieser
Inhalt wird nur benützt, um sich einen Erkenntnisbegriff zu bilden,
den dazu gehörigen moralischen Begriff entnimmt das Ich nicht aus
dem Objekte.
- Der
Erkenntnisbegriff aus einer bestimmten Situation, der ich gegenüberstehe,
ist nur dann zugleich ein moralischer Begriff, wenn ich auf dem
Standpunkte eines bestimmten Moralprinzips stehe.
- Wenn
ich auf dem Boden der allgemeinen Kulturentwickelungsmoral allein stehen
möchte, dann ginge ich mit gebundener Marschroute in der Welt umher.
- Aus
jedem Geschehen, das ich wahrnehme und das mich beschäftigen kann,
entspringt zugleich eine sittliche Pflicht; nämlich mein Scherflein
beizutragen, damit das betreffende Geschehen in den Dienst der
Kulturentwickelung gestellt werde.
- Außer
dem Begriff, der mir den naturgesetzlichen Zusammenhang eines Geschehens
oder Dinges enthüllt, haben die letztem auch noch eine sittliche Etikette
umgehängt, die für mich, das moralische Wesen, eine ethische Anweisung
enthält, wie ich mich zu benehmen habe.
- Diese
sittliche Etikette ist in ihrem Gebiete berechtigt, sie fällt aber auf
einem höheren Standpunkte mit der Idee zusammen, die mir dem konkreten
Fall gegenüber aufgeht.
- Die
Menschen sind dem Intuitionsvermögen nach verschieden.
- Dem
einen sprudeln die Ideen zu, der andere erwirbt sie sich mühselig.
- Die
Situationen, in denen die Menschen leben, und die den Schauplatz ihres
Handelns abgeben, sind nicht weniger verschieden.
- Wie
ein Mensch handelt, wird also abhängen von der Art, wie sein
Intuitionsvermögen einer bestimmten Situation gegenüber wirkt.
- Die
Summe der in uns wirksamen Ideen, den realen Inhalt unserer Intuitionen,
macht das aus, was bei aller Allgemeinheit der Ideenwelt in jedem Menschen
individuell geartet ist.
- Insofern
dieser intuitive Inhalt auf das Handeln geht, ist er der
Sittlichkeitsgehalt des Individuums.
- Das
Auslebenlassen dieses Gehalts ist die höchste moralische Triebfeder und
zugleich das höchste Motiv dessen, der einsieht, daß alle andern
Moralprinzipien sich letzten Endes in diesem Gehalte vereinigen.
- Man
kann diesen Standpunkt den ethischen Individualismus nennen.
- Das
Maßgebende einer intuitiv bestimmten Handlung im konkreten Falle ist das
Auffinden der entsprechenden, ganz individuellen Intuition.
- Auf
dieser Stufe der Sittlichkeit kann von allgemeinen Sittlichkeitsbegriffen
(Normen, Gesetzen) nur insofern die Rede sein, als sich diese aus der
Verallgemeinerung der individuellen Antriebe ergeben.
- Allgemeine
Normen setzen immer konkrete Tatsachen voraus, aus denen sie abgeleitet
werden können.
- Durch
das menschliche Handeln werden aber Tatsachen erst geschaffen.
- Wenn
wir das Gesetzmäßige (Begriffliche in dem Handeln der Individuen, Völker
und Zeitalter) aufsuchen, so erhalten wir eine Ethik, aber nicht als
Wissenschaft von sittlichen Normen, sondern als Naturlehre der
Sittlichkeit.
- Erst
die hierdurch gewonnenen Gesetze verhalten sich zum menschlichen Handeln
so wie die Naturgesetze zu einer besonderen Erscheinung.
- Sie
sind aber durchaus nicht identisch mit den Antrieben, die wir unserm
Handeln zugrunde legen.
- Will
man erfassen, wodurch eine Handlung des Menschen dessen sittlichem Wollen
entspringt, so muß man zunächst auf das Verhältnis dieses Wollens zu der
Handlung sehen.
- Man
muß zunächst Handlungen ins Auge fassen, bei denen dieses Verhältnis das
Bestimmende ist.
- Wenn
ich oder ein anderer später über eine solche Handlung nachdenken, kann es
herauskommen, welche Sittlichkeitsmaximen bei derselben in Betracht
kommen.
- Während
ich handle, bewegt mich die Sittlichkeitsmaxime, insoferne sie intuitiv in
mir leben kann; sie ist verbunden mit der Liebe zu dem Objekt, das
ich durch meine Handlung verwirklichen will.
- Ich
frage keinen Menschen und auch keine Regel: soll ich diese Handlung
ausführen?— sondern ich führe sie aus, sobald ich die Idee davon gefaßt
habe.
- Nur
dadurch ist sie meine Handlung.
- Wer
nur handelt, weil er bestimmte sittliche Normen anerkennt, dessen Handlung
ist das Ergebnis der in seinem Moralkodex stehenden Prinzipien.
- Er
ist bloß der Vollstrecker.
- Er
ist ein höherer Automat.
- Werfet
einen Anlaß zum Handeln in sein Bewußtsein, und alsbald setzt sich das
Räderwerk seiner Moralprinzipien in Bewegung und läuft in gesetzmäßiger
Weise ab, um eine christliche, humane, ihm selbstlos geltende, oder eine
Handlung des kulturgeschichtlichen Fortschrittes zu vollbringen.
- Nur
wenn ich meiner Liebe zu dem Objekte folge, dann bin ich es selbst, der
handelt.
- Ich
handle auf dieser Stufe der Sittlichkeit nicht, weil ich einen Herrn über
mich anerkenne, nicht die äußere Autorität, nicht eine sogenannte innere
Stimme.
- Ich
erkenne kein äußeres Prinzip meines Handelns an, weil ich in mir selbst
den Grund des Handelns, die Liebe zur Handlung gefunden habe.
- Ich
prüfe nicht verstandesmäßig, ob meine Handlung gut oder böse ist; ich
vollziehe sie, weil ich sie liebe.
- Sie
wird “gut”, wenn meine in Liebe getauchte Intuition in der rechten Art in
dem intuitiv zu erlebenden Weltzusammenhang drinnensteht; “böse”, wenn das
nicht der Fall ist.
- Ich
frage mich auch nicht: wie würde ein anderer Mensch in meinem Falle
handeln? — sondern ich handle, wie ich, diese besondere
Individualität, zu wollen mich veranlaßt sehe.
- Nicht
das allgemein Übliche, die allgemeine Sitte, eine allgemeinmenschliche
Maxime, eine sittliche Norm leitet mich in unmittelbarer Art, sondern
meine Liebe zur Tat.
- Ich
fühle keinen Zwang, nicht den Zwang der Natur, die mich bei meinen Trieben
leitet, nicht den Zwang der sittlichen Gebote, sondern ich will einfach
ausführen, was in mir liegt.
- Die
Verteidiger der allgemeinen sittlichen Normen könnten etwa zu diesen
Ausführungen sagen: Wenn jeder Mensch nur darnach strebt, sich auszuleben
und zu tun, was ihm beliebt, dann ist kein Unterschied zwischen guter
Handlung und Verbrechen; jede Gaunerei, die in mir liegt, hat gleichen
Anspruch sich auszuleben, wie die Intention, dem allgemeinen Besten zu
dienen.
- Nicht
der Umstand, daß ich eine Handlung der Idee nach ins Auge gefaßt habe,
kann für mich als sittlichen Menschen maßgebend sein, sondern die Prüfung,
ob sie gut oder böse ist.
- Nur
im ersteren Falle werde ich sie ausführen.
- Meine
Entgegnung auf diesen naheliegenden und doch nur aus einer Verkennung des
hier Gemeinten entspringenden Einwand ist diese: Wer das Wesen des
menschlichen Wollens erkennen will, der muß unterscheiden zwischen dem
Weg, der dieses Wollen bis zu einem bestimmten Grad der Entwickelung
bringt, und der Eigenart, welche das Wollen annimmt, indem es sich diesem
Ziele annähert.
- Auf
dem Wege zu diesem Ziele spielen Normen ihre berechtigte Rolle.
- Das
Ziel besteht in der Verwirklichung rein intuitiv erfaßter
Sittlichkeitsziele.
- Der
Mensch erreicht solche Ziele in dem Maße, in dem er die Fähigkeit besitzt,
sich überhaupt zum intuitiven Ideengehalte der Welt zu erheben.
- Im
einzelnen Wollen wird zumeist anderes als Triebfeder oder Motiv solchen
Zielen beigemischt sein.
- Aber
Intuitives kann im menschlichen Wollen doch bestimmend oder mitbestimmend
sein.
- Was
man soll, das tut man; man gibt den Schauplatz ab, auf dem das
Sollen zum Tun wird; eigene Handlung ist, was man als solche aus sich
entspringen läßt.
- Der
Antrieb kann da nur ein ganz individueller sein.
- Und
in Wahrheit kann nur eine aus der Intuition entspringende Willenshandlung
eine individuelle sein.
- Daß
die Tat des Verbrechers, daß das Böse in gleichem Sinne ein Ausleben der
Individualität genannt wird wie die Verkörperung reiner Intuition, ist nur
möglich, wenn die blinden Triebe zur menschlichen Individualität gezählt
werden.
- Aber
der blinde Trieb, der zum Verbrechen treibt, stammt nicht aus Intuitivem,
und gehört nicht zum Individuellen des Menschen, sondern zum Allgemeinsten
in ihm, zu dem, was bei allen Individuen in gleichem Maße geltend ist und
aus dem sich der Mensch durch sein Individuelles heraus arbeitet.
- Das
Individuelle in mir ist nicht mein Organismus mit seinen Trieben und
Gefühlen, sondern das ist die einige Ideenwelt, die in diesem Organismus
aufleuchtet.
- Meine
Triebe, Instinkte, Leidenschaften begründen nichts weiter in mir, als daß
ich zur allgemeinen Gattung Mensch gehöre; der Umstand, daß sich
ein Ideelles in diesen Trieben, Leidenschaften und Gefühlen auf eine
besondere Art auslebt, begründet meine Individualität.
- Durch
meine Instinkte, Triebe bin ich ein Mensch, von denen zwölf ein Dutzend
machen; durch die besondere Form der Idee, durch die ich mich innerhalb
des Dutzend als Ich bezeichne, bin ich Individuum.
- Nach
der Verschiedenheit meiner tierischen Natur könnte mich nur ein mir
fremdes Wesen von andern unterscheiden; durch mein Denken, das heißt durch
das tätige Erfassen dessen, was sich als Ideelles in meinem Organismus
auslebt, unterscheide ich mich selbst von andern.
- Man
kann also von der Handlung des Verbrechers gar nicht sagen, daß sie aus
der Idee hervorgeht.
- Ja,
das ist gerade das Charakteristische der Verbrecherhandlungen, daß sie aus
den außerideellen Elementen des Menschen sich herleiten.
- Eine
Handlung wird als eine freie empfunden, soweit deren Grund aus dem
ideellen Teil meines individuellen Wesens hervorgeht; jeder andere Teil
einer Handlung, gleichgültig, ob er aus dem Zwange der Natur oder aus der
Nötigung einer sittlichen Norm vollzogen wird, wird als unfrei empfunden.
- Frei
ist nur der Mensch, insofern er in jedem Augenblicke seines Lebens sich
selbst zu folgen in der Lage ist.
- Eine
sittliche Tat ist nur meine Tat, wenn sie in dieser Auffassung eine
freie genannt werden kann.
- Hier
ist zunächst die Rede davon, unter welchen Voraussetzungen eine gewollte
Handlung als eine freie empfunden wird; wie diese rein ethisch gefaßte
Freiheitsidee in der menschlichen Wesenheit sich verwirklicht, soll im
folgenden sich zeigen.
- Die
Handlung aus Freiheit schließt die sittlichen Gesetze nicht etwa aus,
sondern ein; sie erweist sich nur als höherstehend gegenüber derjenigen,
die nur von diesen Gesetzen diktiert ist.
- Warum
sollte meine Handlung denn weniger dem Gesamtwohle dienen, wenn ich sie
aus Liebe getan habe, als dann, wenn ich sie nur aus dem Grunde
vollbracht habe, weil dem Gesamtwohle zu dienen ich als Pflicht empfinde?
- Der
bloße Pflichtbegriff schließt die Freiheit aus, weil er das
Individuelle nicht anerkennen will, sondern Unterwerfung des letztem unter
eine allgemeine Norm fordert.
- Die
Freiheit des Handelns ist nur denkbar vom Standpunkte des ethischen
Individualismus aus.
- Wie
ist aber ein Zusammenleben der Menschen möglich, wenn jeder nur bestrebt
ist, seine Individualität zur Geltung zu bringen?
- Damit
ist ein Einwand des falsch verstandenen Moralismus gekennzeichnet.
- Dieser
glaubt, eine Gemeinschaft von Menschen sei nur möglich, wenn sie alle
vereinigt sind durch eine gemeinsam festgelegte sittliche Ordnung.
- Dieser
Moralismus versteht eben die Einigkeit der Ideenwelt nicht.
- Er
begreift nicht, daß die Ideenwelt, die in mir tätig ist, keine andere ist,
als die in meinem Mitmenschen.
- Diese
Einheit ist allerdings bloß ein Ergebnis der Welterfahrung.
- Allein
sie muß ein solches sein.
- Denn
wäre sie durch irgend etwas anderes als durch Beobachtung zu erkennen, so
wäre in ihrem Bereich nicht individuelles Erleben, sondern allgemeine Norm
geltend.
- Individualität
ist nur möglich, wenn jedes individuelle Wesen vom andern nur durch
individuelle Beobachtung weiß.
- Der
Unterschied zwischen mir und meinem Mitmenschen liegt durchaus nicht
darin, daß wir in zwei ganz verschiedenen Geisteswelten leben, sondern daß
er aus der uns gemeinsamen Ideenwelt andere Intuitionen empfängt als ich.
- Er
will seine Intuitionen ausleben, ich die meinigen.
- Wenn
wir beide wirklich aus der Idee schöpfen und keinen äußeren (physischen
oder geistigen) Antrieben folgen, so können wir uns nur in dem gleichen
Streben, in denselben Intentionen begegnen.
- Ein
sittliches Mißverstehen, ein Aufeinanderprallen ist bei sittlich freien
Menschen ausgeschlossen.
- Nur
der sittlich Unfreie, der dem Naturtrieb oder einem angenommenen
Pflichtgebot folgt, stößt den Nebenmenschen zurück, wenn er nicht dem
gleichen Instinkt und dem gleichen Gebot folgt.
- Leben
in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im
Verständnisse des fremden Wollens ist die Grundmaxime der freien
Menschen.
- Sie
kennen kein anderes Sollen als dasjenige, mit dem sich ihr Wollen
in intuitiven Einklang versetzt; wie sie in einem besonderen Falle wollen
werden, das wird ihnen ihr Ideenvermögen sagen.
- Läge
nicht in der menschlichen Wesenheit der Urgrund zur Verträglichkeit, man
würde sie ihr durch keine äußeren Gesetze einimpfen! Nur weil die menschlichen
Individuen eines Geistes sind, können sie sich auch nebeneinander
ausleben.
- Der
Freie lebt in dem Vertrauen darauf, daß der andere Freie mit ihm einer
geistigen Welt angehört und sich in seinen Intentionen mit ihm begegnen
wird.
- Der
Freie verlangt von seinen Mitmenschen keine Übereinstimmung, aber er
erwartet sie, weil sie in der menschlichen Natur liegt.
- Damit
ist nicht auf die Notwendigkeiten gedeutet, die für diese oder jene
äußeren Einrichtungen bestehen, sondern auf die Gesinnung, auf die Seelenverfassung,
durch die der Mensch in seinem Sich-Erleben unter von ihm geschätzten
Mitmenschen der menschlichen Würde am meisten gerecht wird.
- Es
wird viele geben, die da sagen: der Begriff des freien Menschen,
den du da entwirfst, ist eine Schimäre, ist nirgends verwirklicht.
- Wir
haben es aber mit wirklichen Menschen zu tun, und bei denen ist auf
Sittlichkeit nur zu hoffen, wenn sie einem Sittengebote gehorchen, wenn
sie ihre sittliche Mission als Pflicht auffassen und nicht frei ihren
Neigungen und ihrer Liebe folgen.
- —
Ich bezweifle das keineswegs.
- Nur
ein Blinder könnte es.
- Aber
dann hinweg mit aller Heuchelei der Sittlichkeit, wenn dieses letzte Einsicht
sein sollte.
- Saget
dann einfach: die menschliche Natur muß zu ihren Handlungen gezwungen werden,
solange sie nicht frei ist.
- Ob
man die Unfreiheit durch physische Mittel oder durch Sittengesetze
bezwingt, ob der Mensch unfrei ist, weil er seinem maßlosen
Geschlechtstrieb folgt oder darum, weil er in den Fesseln konventioneller
Sittlichkeit eingeschnürt ist, ist für einen gewissen Gesichtspunkt ganz
gleichgültig.
- Man
behaupte aber nur nicht, daß ein solcher Mensch mit Recht eine Handlung
die seinige nennt, da er doch von einer fremden Gewalt dazu
getrieben ist.
- Aber
mitten aus der Zwangsordnung heraus erheben sich die Menschen, die freien
Geister, die sich selbst finden in dem Wust von Sitte,
Gesetzeszwang, Religionsübung und so weiter.
- Frei
sind sie, insofern sie nur sich folgen, unfrei,
insofern sie sich unterwerfen.
- Wer
von uns kann sagen, daß er in allen seinen Handlungen wirklich frei ist?
- Aber
in jedem von uns wohnt eine tiefere Wesenheit, in der sich der freie
Mensch ausspricht.
- Aus
Handlungen der Freiheit und der Unfreiheit setzt sich unser Leben
zusammen.
- Wir
können aber den Begriff des Menschen nicht zuende denken, ohne auf den freien
Geist als die reinste Ausprägung der menschlichen Natur zu kommen.
- Wahrhaft
Menschen sind wir doch nur, insofern wir frei sind.
- Das
ist ein Ideal, werden viele sagen.
- Ohne
Zweifel, aber ein solches, das sich in unserer Wesenheit als reales
Element an die Oberfläche arbeitet.
- Es
ist kein erdachtes oder erträumtes Ideal, sondern ein solches, das Leben
hat und das sich auch in der unvollkommensten Form seines Daseins deutlich
ankündigt.
- Wäre
der Mensch ein bloßes Naturwesen, dann wäre das Aufsuchen von Idealen, das
ist von Ideen, die augenblicklich unwirksam sind, deren Verwirklichung
aber gefordert wird, ein Unding.
- An
dem Dinge der Außenwelt ist die Idee durch die Wahrnehmung bestimmt; wir
haben das unserige getan, wenn wir den Zusammenhang von Idee und
Wahrnehmung erkannt haben.
- Beim
Menschen ist das nicht so.
- Die
Summe seines Daseins ist nicht ohne ihn selbst bestimmt; sein wahrer
Begriff als sittlicher Mensch (freier Geist) ist mit dem
Wahrnehmungsbilde “Mensch” nicht im voraus objektiv vereinigt, um bloß
nachher durch die Erkenntnis festgestellt zu werden.
- Der
Mensch muß selbsttätig seinen Begriff mit der Wahrnehmung Mensch
vereinigen.
- Begriff
und Wahrnehmung decken sich hier nur, wenn sie der Mensch selbst zur
Deckung bringt.
- Er
kann es aber nur, wenn er den Begriff des freien Geistes, das ist seinen
eigenen Begriff gefunden hat.
- In
der objektiven Welt ist uns durch unsere Organisation ein Grenzstrich
gezogen zwischen Wahrnehmung und Begriff; das Erkennen überwindet diese
Grenze.
- In
der subjektiven Natur ist diese Grenze nicht minder vorhanden; der Mensch
überwindet sie im Laufe seiner Entwickelung, indem er in seiner
Erscheinung seinen Begriff zur Ausgestaltung bringt.
- So
führt uns sowohl das intellektuelle wie das sittliche Leben des Menschen
auf seine Doppelnatur: das Wahrnehmen (unmittelbares Erleben) und Denken.
- Das
intellektuelle Leben überwindet die Doppelnatur durch die Erkenntnis, das
sittliche durch die tatsächliche Verwirklichung des freien Geistes.
- Jedes
Wesen hat seinen eingeborenen Begriff (das Gesetz seines Seins und
Wirkens); aber er ist in den Außendingen unzertrennlich mit der
Wahrnehmung verbunden und nur innerhalb unseres geistigen Organismus von
dieser abgesondert.
- Beim
Menschen selbst ist Begriff und Wahrnehmung zunächst tatsächlich getrennt,
um von ihm ebenso tatsächlich vereinigt zu werden.
- Man
kann einwenden: unserer Wahrnehmung des Menschen entspricht in jedem
Augenblicke seines Lebens ein bestimmter Begriff, so wie jedem anderen
Dinge auch.
- Ich
kann mir den Begriff eines Schablonenmenschen bilden und kann einen
solchen auch als Wahrnehmung gegeben haben; wenn ich zu diesem auch noch
den Begriff des freien Geistes bringe, so habe ich zwei Begriffe für
dasselbe Objekt.
- Das
ist einseitig gedacht.
- Ich
bin als Wahrnehmungsobjekt einer fortwährenden Veränderung unterworfen.
- Als
Kind war ich ein anderer, ein anderer als Jüngling und als Mann.
- Ja,
in jedem Augenblicke ist mein Wahrnehmungsbild ein anderes als in den
vorangehenden.
- Diese
Veränderungen können sich in dem Sinne vollziehen, daß sich in ihnen nur
immer derselbe (Schablonenmensch) ausspricht, oder daß sie den Ausdruck
des freien Geistes darstellen.
- Diesen
Veränderungen ist das Wahrnehmungsobjekt meines Handelns unterworfen.
- Es
ist in dem Wahrnehmungsobjekt Mensch die Möglichkeit gegeben, sich
umzubilden, wie im Pflanzenkeim die Möglichkeit liegt, zur ganzen Pflanze
zu werden.
- Die
Pflanze wird sich umbilden wegen der objektiven, in ihr liegenden
Gesetzmäßigkeit; der Mensch bleibt in seinem unvollendeten Zustande, wenn
er nicht den Umbildungsstoff in sich selbst aufgreift, und sich durch
eigene Kraft umbildet.
- Die
Natur macht aus dem Menschen bloß ein Naturwesen; die Gesellschaft ein
gesetzmäßig handelndes; ein freies Wesen kann er nur selbst aus
sich machen.
- Die
Natur läßt den Menschen in einem gewissen Stadium seiner Entwickelung aus
ihren Fesseln los; die Gesellschaft führt diese Entwickelung bis zu einem
weiteren Punkte; den letzten Schliff kann nur der Mensch selbst sich geben.
- Der
Standpunkt der freien Sittlichkeit behauptet also nicht, daß der freie
Geist die einzige Gestalt ist, in der ein Mensch existieren kann.
- Sie
sieht in der freien Geistigkeit nur das letzte Entwickelungsstadium des
Menschen.
- Damit
ist nicht geleugnet, daß das Handeln nach Normen als Entwickelungsstufe
seine Berechtigung habe.
- Es
kann nur nicht als absoluter Sittlichkeitsstandpunkt anerkannt werden.
- Der
freie Geist aber überwindet die Normen in dem Sinne, daß er nicht nur
Gebote als Motive empfindet, sondern sein Handeln nach seinen Impulsen
(Intuitionen) einrichtet.
- Wenn
Kant von der Pflicht sagt: “Pflicht! du erhabener, großer Name, der du
nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest,
sondern Unterwerfung verlangst”, der du “ein Gesetz aufstellst ..., vor
dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich in Geheim ihm
entgegenwirken”, so erwidert der Mensch aus dem Bewußtsein des freien
Geistes: “Freiheit! du freundlicher, menschlicher Name, der du alles
sittlich Beliebte, was mein Menschentum am meisten würdigt, in dir
fassest, und mich zu niemandes Diener machst, der du nicht bloß ein Gesetz
aufstellst, sondern abwartest, was meine sittliche Liebe selbst als Gesetz
erkennen wird, weil sie jedem nur auferzwungenen Gesetze gegenüber sich
unfrei fühlt.”
- Das
ist der Gegensatz von bloß gesetzmäßiger und freier Sittlichkeit.
- Der
Philister, der in einem äußerlich Festgestellten die verkörperte
Sittlichkeit sieht, wird in dem freien Geist vielleicht sogar einen
gefährlichen Menschen sehen.
- Er
tut es aber nur, weil sein Blick eingeengt ist in eine bestimmte
Zeitepoche.
- Wenn
er über dieselbe hinausblicken könnte, so müßte er alsbald finden, daß der
freie Geist ebenso wenig nötig hat, über die Gesetze seines Staates
hinauszugehen, wie der Philister selbst, nie aber sich mit ihnen in einen
wirklichen Widerspruch zu setzen.
- Denn
die Staatsgesetze sind sämtlich aus Intuitionen freier Geister
entsprungen, ebenso wie alle anderen objektiven Sittlichkeitsgesetze.
- Kein
Gesetz wird durch Familienautorität ausgeübt, das nicht einmal von einem
Ahnherrn als solches intuitiv erfaßt und festgesetzt worden wäre; auch die
konventionellen Gesetze der Sittlichkeit werden von bestimmten Menschen
zuerst aufgestellt; und die Staatsgesetze entstehen stets im Kopfe eines
Staatsmannes.
- Diese
Geister haben die Gesetze über die anderen Menschen gesetzt, und unfrei
wird nur der, welcher diesen Ursprung vergißt, und sie entweder zu
außermenschlichen Geboten, zu objektiven vom Menschlichen unabhängigen
sittlichen Pflichtbegriffen oder zur befehlenden Stimme seines eigenen
falsch mystisch zwingend gedachten Innern macht.
- Wer
den Ursprung aber nicht übersieht, sondern ihn in dem Menschen sucht, der
wird damit rechnen als mit einem Gliede derselben Ideenwelt, aus der auch
er seine sittlichen Intuitionen holt.
- Glaubt
er bessere zu haben, so sucht er sie an die Stelle der bestehenden zu
bringen; findet er diese berechtigt, dann handelt er ihnen gemäß, als wenn
sie seine eigenen wären.
- Es
darf nicht die Formel geprägt werden, der Mensch sei dazu da, um eine von
ihm abgesonderte sittliche Weltordnung zu verwirklichen.
- Wer
dies behauptete, stünde in bezug auf Menschheitswissenschaft noch auf
demselben Standpunkt, auf dem jene Naturwissenschaft stand, die da
glaubte: der Stier habe Hörner, damit er stoßen könne.
- Die
Naturforscher haben glücklich einen solchen Zweckbegriff zu den Toten
geworfen.
- Die
Ethik kann sich schwerer davon frei machen.
- Aber
so wie die Hörner nicht wegen des Stoßens da sind, sondern das
Stoßen durch die Hörner, so ist der Mensch nicht wegen der
Sittlichkeit da, sondern die Sittlichkeit durch den Menschen.
- Der
freie Mensch handelt sittlich, weil er eine sittliche Idee hat; aber er
handelt nicht, damit Sittlichkeit entstehe.
- Die
menschlichen Individuen mit ihren zu ihrem Wesen gehörigen sittlichen
Ideen sind die Voraussetzung der sittlichen Weltordnung.
- Das
menschliche Individuum ist Quell aller Sittlichkeit und Mittelpunkt des
Erdenlebens.
- Der
Staat, die Gesellschaft sind nur da, weil sie sich als notwendige Folge
des Individuallebens ergeben.
- Daß
dann der Staat und die Gesellschaft wieder zurückwirken auf das
Individualleben, ist ebenso begreiflich, wie der Umstand, daß das Stoßen,
das durch die Hörner da ist, wieder zurückwirkt auf die weitere
Entwickelung der Hörner des Stieres, die bei längerem Nichtgebrauch
verkümmern würden.
- Ebenso
müßte das Individuum verkümmern, wenn es außerhalb der menschlichen
Gemeinschaft ein abgesondertes Dasein führte.
- Darum
bildet sich ja gerade die gesellschaftliche Ordnung, um im günstigen Sinne
wieder zurück auf das Individuum zu wirken.
-
- Kapitel
10 - Freiheitsphilosophie und Monismus
- Der
naive Mensch, der nur als wirklich gelten läßt, was er mit Augen sehen und
mit Händen greifen kann, fordert auch für sein sittliches Leben
Beweggründe, die mit den Sinnen wahrnehmbar sind.
- Er
fordert ein Wesen, das ihm diese Beweggründe auf eine seinen Sinnen
verständliche Weise mitteilt.
- Er
wird von einem Menschen, den er für weiser und mächtiger hält als sich
selbst, oder den er aus einem andern Grunde als eine über ihm stehende
Macht anerkennt, diese Beweggründe als Gebote sich diktieren lassen.
- Es
ergeben sich auf diese Weise als sittliche Prinzipien die schon früher
genannten der Familien-, staatlichen, gesellschaftlichen, kirchlichen und
göttlichen Autorität.
- Der
befangenste Mensch glaubt noch einem einzelnen andern Menschen; der etwas
fortgeschrittenere läßt sich sein sittliches Verhalten von einer Mehrheit
(Staat, Gesellschaft) diktieren.
- Immer
sind es wahrnehmbare Mächte, auf die er baut.
- Wem
endlich die Überzeugung aufdämmert, daß dies doch im Grunde ebenso
schwache Menschen sind wie er, der sucht bei einer höheren Macht Auskunft,
bei einem göttlichen Wesen, das er sich aber mit sinnlich wahrnehmbaren
Eigenschaften ausstattet.
- Er
läßt sich von diesem Wesen den begrifflichen Inhalt seines sittlichen
Lebens wieder auf wahrnehmbare Weise vermitteln, sei es, daß der Gott im
brennenden Dornbusche erscheint, sei es, daß er in leibhaftig-
menschlicher Gestalt unter den Menschen wandelt und ihren Ohren vernehmbar
sagt, was sie tun und nicht tun sollen.
- Die
höchste Entwickelungsstufe des naiven Realismus auf dem Gebiete der
Sittlichkeit ist die, wo das Sittengebot (sittliche Idee) von jeder
fremden Wesenheit abgetrennt und hypothetisch als absolute Kraft im eigenen
Innern gedacht wird.
- Was
der Mensch zuerst als äußere Stimme Gottes vernahm, das vernimmt er jetzt
als selbständige Macht in seinem Innern und spricht von dieser innern
Stimme so, daß er sie dem Gewissen gleichsetzt.
- Damit
ist aber die Stufe des naiven Bewußtseins bereits verlassen, und wir sind
eingetreten in die Region, wo die Sittengesetze als Normen verselbständigt
werden.
- Sie
haben dann keinen Träger mehr, sondern werden zu metaphysischen
Wesenheiten, die durch sich selbst existieren.
- Sie
sind analog den unsichtbar-sichtbaren Kräften des metaphysischen
Realismus, der die Wirklichkeit nicht durch den Anteil sucht, den die
menschliche Wesenheit im Denken an dieser Wirklichkeit hat, sondern der
sie hypothetisch zu dem Erlebten hinzudenkt.
- Die
außermenschlichen Sittennormen treten auch immer als Begleiterscheinung
dieses metaphysischen Realismus auf.
- Dieser
metaphysische Realismus muß auch den Ursprung der Sittlichkeit im Felde
des außermenschlichen Wirklichen suchen.
- Es
gibt da verschiedene Möglichkeiten.
- Ist
das vorausgesetzte Wesen als ein an sich gedankenloses, nach rein
mechanischen Gesetzen wirkendes gedacht, wie es das des Materialismus sein
soll, dann wird es auch das menschliche Individuum durch rein mechanische
Notwendigkeit aus sich hervorbringen samt allem, was an diesem ist.
- Das
Bewußtsein der Freiheit kann dann nur eine Illusion sein.
- Denn
während ich mich für den Schöpfer meiner Handlung halte, wirkt in mir die
mich zusammensetzende Materie und ihre Bewegungsvorgänge.
- Ich
glaube mich frei; alle meine Handlungen sind aber tatsächlich nur
Ergebnisse der meinem leiblichen und geistigen Organismus zugrunde
liegenden materiellen Vorgänge.
- Nur
weil wir die uns zwingenden Motive nicht kennen, haben wir das Gefühl der
Freiheit, meint diese Ansicht.
- “Wir
müssen hier wieder hervorheben, daß dieses Gefühl der Freiheit auf der
Abwesenheit äußerer zwingender Motive ... beruht.”
- “Unser
Handeln ist necessitiert wie unser Denken.” (Ziehen, Leitfaden der
physiologischen Psychologie Seite 207 f.) (1)
- Fußnoten: (1) Über die Art, wie hier von “Materialismus”
gesprochen wird, und die Berechtigung, von ihm so zu sprechen, vgl.
“Zusatz” zu diesem Kapitel am Schluß desselben.
- Eine
andere Möglichkeit ist die, daß jemand in einem geistigen Wesen das hinter
den Erscheinungen steckende außermenschliche Absolute sieht.
- Dann
wird er auch den Antrieb zum Handeln in einer solchen geistigen Kraft
suchen.
- Er
wird die in seiner Vernunft auffindbaren Sittenprinzipien für einen
Ausfluß dieses Wesens an sich ansehen, das mit dem Menschen seine
besonderen Absichten hat.
- Die
Sittengesetze erscheinen dem Dualisten dieser Richtung als von dem
Absoluten diktiert, und der Mensch hat durch seine Vernunft einfach diese
Ratschlüsse des absoluten Wesens zu erforschen und auszuführen.
- Die
sittliche Weltordnung erscheint dem Dualisten als wahrnehmbarer Abglanz
einer hinter derselben stehenden höheren Ordnung.
- Die
irdische Sittlichkeit ist die Erscheinung der außermenschlichen
Weltordnung.
- Nicht
der Mensch ist es, auf den es in dieser sittlichen Ordnung ankommt,
sondern auf das Wesen an sich, auf das außermenschliche Wesen.
- Der
Mensch soll das, was dieses Wesen will.
- Eduard
von Hartmann, der das Wesen an sich als Gottheit vorstellt, für
die das eigene Dasein Leiden ist, glaubt, dieses göttliche Wesen habe die
Welt erschaffen, damit es durch dieselbe von seinem unendlich großen
Leiden erlöst werde.
- Dieser
Philosoph sieht daher die sittliche Entwickelung der Menschheit als einen
Prozeß an, der dazu da ist, die Gottheit zu erlösen.
- “Nur
durch den Aufbau einer sittlichen Weltordnung von seiten vernünftiger
selbstbewußter Individuen kann der Weltprozeß seinem Ziel entgegengeführt
... werden.”
- “Das
reale Dasein ist die Inkarnation der Gottheit, der Weltprozeß die
Passionsgeschichte des fleischgewordenen Gottes, und zugleich der Weg zur
Erlösung des im Fleische Gekreuzigten; die Sittlichkeit aber ist die
Mitarbeit an der Abkürzung dieses Leidens- und Erlösungsweges.”
(Hartmann, Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins S.871).
- Hier
handelt der Mensch nicht, weil er will, sondern er soll handeln,
weil Gott erlöst sein will.
- Wie
der materialistische Dualist den Menschen zum Automaten macht, dessen
Handeln nur das Ergebnis rein mechanischer Gesetzmäßigkeit ist, so macht
ihn der spiritualistische Dualist (das ist derjenige, der das Absolute,
das Wesen an sich, in einem Geistigen sieht, an dem der Mensch mit seinem
bewußten Erleben keinen Anteil hat) zum Sklaven des Willens jenes
Absoluten.
- Freiheit
ist innerhalb des Materialismus sowie des einseitigen Spiritualismus,
überhaupt innerhalb des auf Außermenschliches als wahre Wirklichkeit
schließenden, diese nicht erlebenden metaphysischen Realismus,
ausgeschlossen.
- Der
naive wie dieser metaphysische Realismus müssen konsequenterweise aus
einem und demselben Grunde die Freiheit leugnen, weil sie in dem Menschen
nur den Vollstrecker oder Vollzieher von notwendig ihm aufgedrängten
Prinzipien sehen.
- Der
naive Realismus tötet die Freiheit durch Unterwerfung unter die Autorität
eines wahrnehmbaren oder nach Analogie der Wahrnehmungen gedachten Wesens
oder endlich unter die abstrakte innere Stimme, die er als “Gewissen” deutet;
der bloß das Außermenschliche erschließende Metaphysiker kann die Freiheit
nicht anerkennen, weil er den Menschen von einem “Wesen an sich”
mechanisch oder moralisch bestimmt sein läßt.
- Der
Monismus wird die teilweise Berechtigung des naiven Realismus
anerkennen müssen, weil er die Berechtigung der Wahrnehmungswelt
anerkennt.
- Wer
unfähig ist, die sittlichen Ideen durch Intuition hervorzubringen, der muß
sie von andern empfangen.
- Insoweit
der Mensch seine sittlichen Prinzipien von außen empfängt, ist er
tatsächlich unfrei.
- Aber
der Monismus schreibt der Idee neben der Wahrnehmung eine gleiche
Bedeutung zu.
- Die
Idee kann aber im menschlichen Individuum zur Erscheinung kommen.
- Insofern
der Mensch den Antrieben von dieser Seite folgt, empfindet er sich als
frei.
- Der
Monismus spricht aber der bloß schlußfolgernden Metaphysik alle Berechtigung
ab, folglich auch den von sogenannten “Wesen an sich” herrührenden
Antrieben des Handelns.
- Der
Mensch kann nach monistischer Auffassung unfrei handeln, wenn er einem
wahrnehmbaren äußeren Zwange folgt; er kann frei handeln, wenn er nur sich
selbst gehorcht.
- Einen
unbewußten, hinter Wahrnehmung und Begriff steckenden Zwang kann der
Monismus nicht anerkennen.
- Wenn
jemand von einer Handlung seines Mitmenschen behauptet: sie sei unfrei vollbracht,
so muß er innerhalb der wahrnehmbaren Welt das Ding, oder den Menschen,
oder die Einrichtung nachweisen, die jemand zu seiner Handlung veranlaßt
haben; wenn der Behauptende sich auf Ursachen des Handelns außerhalb der
sinnlich und geistig wirklichen Welt beruft, dann kann sich der Monismus
auf eine solche Behauptung nicht einlassen.
- Nach
monistischer Auffassung handelt der Mensch teils unfrei, teils frei.
- Er
findet sich als unfrei in der Welt der Wahrnehmungen vor und verwirklicht
in sich den freien Geist.
- Die
sittlichen Gebote, die der bloß schlußfolgernde Metaphysiker als Ausflüsse
einer höheren Macht ansehen muß, sind dem Bekenner des Monismus Gedanken
der Menschen; die sittliche Weltordnung ist ihm weder der Abklatsch
einer rein mechanischen Naturordnung, noch einer außermenschlichen
Weltordnung, sondern durchaus freies Menschenwerk.
- Der
Mensch hat nicht den Willen eines außer ihm liegenden Wesens in der Welt,
sondern seinen eigenen durchzusetzen; er verwirklicht nicht die
Ratschlüsse und Intentionen eines andern Wesens, sondern seine eigenen.
- Hinter
den handelnden Menschen sieht der Monismus nicht die Zwecke einer ihm
fremden Weltenlenkung, die die Menschen nach ihrem Willen bestimmt,
sondern die Menschen verfolgen, insofern sie intuitive Ideen
verwirklichen, nur ihre eigenen, menschlichen Zwecke.
- Und
zwar verfolgt jedes Individuum seine besonderen Zwecke.
- Denn
die Ideenwelt lebt sich nicht in einer Gemeinschaft von Menschen, sondern
nur in menschlichen Individuen aus.
- Was
als gemeinsames Ziel einer menschlichen Gesamtheit sich ergibt, das ist
nur die Folge der einzelnen Willenstaten der Individuen, und zwar meist
einiger weniger Auserlesener, denen die anderen, als ihren Autoritäten,
folgen.
- Jeder
von uns ist berufen zum freien Geiste, wie jeder Rosenkeim berufen
ist, Rose zu werden.
- Der
Monismus ist also im Gebiete des wahrhaft sittlichen Handelns Freiheitsphilosophie.
- Weil
er Wirklichkeitsphilosophie ist, so weist er ebenso gut die
metaphysischen, unwirklichen Einschränkungen des freien Geistes zurück,
wie er die physischen und historischen (naiv- wirklichen) des naiven
Menschen anerkennt.
- Weil
er den Menschen nicht als abgeschlossenes Produkt, das in jedem
Augenblicke seines Lebens sein volles Wesen entfaltet, betrachtet, so
scheint ihm der Streit, ob der Mensch als solcher frei ist oder nicht,
nichtig.
- Er
sieht in dem Menschen ein sich entwickelndes Wesen und fragt, ob auf
dieser Entwickelungsbahn auch die Stufe des freien Geistes erreicht werden
kann.
- Der
Monismus weiß, daß die Natur den Menschen nicht als freien Geist fix und
fertig aus ihren Armen entläßt, sondern daß sie ihn bis zu einer gewissen
Stufe führt, von der aus er noch immer als unfreies Wesen sich weiter
entwickelt, bis er an den Punkt kommt, wo er sich selbst findet.
- Der
Monismus ist sich klar darüber, daß ein Wesen, das unter einem physischen
oder moralischen Zwange handelt, nicht wahrhaftig sittlich sein kann.
- Er
betrachtet den Durchgang durch das automatische Handeln (nach natürlichen
Trieben und Instinkten) und denjenigen durch das gehorsame Handeln (nach
sittlichen Normen) als notwendige Vorstufen der Sittlichkeit, aber er
sieht die Möglichkeit ein, beide Durchgangsstadien durch den freien Geist
zu überwinden.
- Der
Monismus befreit die wahrhaft sittliche Weltanschauung im allgemeinen von
den innerweltlichen Fesseln der naiven Sittlichkeitsmaximen und von den
außerweltlichen Sittlichkeitsmaximen der spekulierenden Metaphysiker.
- Jene
kann er nicht aus der Welt schaffen, wie er die Wahrnehmung nicht aus der
Welt schaffen kann, diese lehnt er ab, weil er alle Erklärungsprinzipien
zur Aufhellung der Welterscheinungen innerhalb der Welt sucht und keine
außerhalb derselben.
- Ebenso
wie der Monismus es ablehnt, an andere Erkenntnisprinzipien als solche für
Menschen auch nur zu denken (vergleiche
S. 126 f.), so weist er auch den Gedanken an andere
Sittlichkeitsmaximen als solche für Menschen entschieden zurück.
- Die
menschliche Sittlichkeit ist wie die menschliche Erkenntnis bedingt durch
die menschliche Natur.
- Und
so wie andere Wesen unter Erkenntnis etwas ganz anderes verstehen werden
als wir, so werden andere Wesen auch eine andere Sittlichkeit haben.
- Sittlichkeit
ist dem Anhänger des Monismus eine spezifisch menschliche Eigenschaft, und
Freiheit die menschliche Form, sittlich zu sein.
-
- 1.
Zusatz zur Neuausgabe 1918
- Eine
Schwierigkeit in der Beurteilung des in beiden vorangehenden Abschnitten
Dargestellten kann dadurch entstehen, daß man sich einem Widerspruch
gegenübergestellt glaubt.
- Auf
der einen Seite wird von dem Erleben des Denkens gesprochen, das von
allgemeiner, für jedes menschliche Bewußtsein gleich geltender Bedeutung
empfunden wird; auf der andern Seite wird hier darauf hingewiesen, daß die
Ideen, welche im sittlichen Leben verwirklicht werden und die mit den im
Denken erarbeiteten Ideen von gleicher Art sind, auf individuelle Art sich
in jedem menschlichen Bewußtsein ausleben.
- Wer
sich gedrängt fühlt, bei dieser Gegenüberstellung als bei einem
“Widerspruch” stehen zu bleiben, und wer nicht erkennt, daß eben in der lebendigen
Anschauung dieses tatsächlich vorhandenen Gegensatzes ein Stück
vom Wesen des Menschen sich enthüllt, dem wird weder die Idee der
Erkenntnis, noch die der Freiheit im rechten Lichte erscheinen können.
- Für
diejenige Ansicht, welche ihre Begriffe bloß als von der Sinneswelt
abgezogen (abstrahiert) denkt und welche die Intuition nicht zu ihrem
Rechte kommen läßt, bleibt der hier für eine Wirklichkeit in Anspruch
genommene Gedanke als ein “bloßer Widerspruch” bestehen.
- Für
eine Einsicht, die durchschaut, wie Ideen intuitiv erlebt werden
als ein auf sich selbst beruhendes Wesenhaftes, wird klar, daß der Mensch
im Umkreis der Ideenwelt beim Erkennen sich in ein für alle
Menschen Einheitliches hineinlebt, daß er aber, wenn er aus dieser
Ideenwelt die Intuitionen für seine Willensakte entlehnt, ein Glied dieser
Ideenwelt durch dieselbe Tätigkeit individualisiert, die er im
geistig-ideellen Vorgang beim Erkennen als eine allgemeinmenschliche
entfaltet.
- Was
als logischer Widerspruch erscheint, die allgemeine Artung der
Erkenntnis-Ideen und die individuelle der Sitten-Ideen: das wird, indem es
in seiner Wirklichkeit angeschaut wird, gerade zum lebendigen
Begriff.
- Darin
liegt ein Kennzeichen der menschlichen Wesenheit, daß das intuitiv zu Erfassende
im Menschen wie im lebendigen Pendelschlag sich hin- und herbewegt
zwischen der allgemein geltenden Erkenntnis und dem individuellen Erleben
dieses Allgemeinen.
- Wer
den einen Pendelausschlag in seiner Wirklichkeit nicht schauen kann, für
den bleibt das Denken nur eine subjektive menschliche Betätigung; wer den
andern nicht erfassen kann, für den scheint mit der Betätigung des
Menschen im Denken alles individuelle Leben verloren.
- Für
einen Denker der erstem Art ist das Erkennen, für den andern das sittliche
Leben eine undurchschaubare Tatsache.
- Beide
werden für die Erklärung des einen oder des andern allerlei Vorstellungen
beibringen, die alle unzutreffend sind, weil von beiden eigentlich die
Erlebbarkeit des Denkens entweder gar nicht erfaßt, oder als bloß
abstrahierende Betätigung verkannt wird.
-
- 2.
Zusatz zur Neuausgabe 1918
- Auf
S. 175 f. wird von Materialismus gesprochen.
- Es
ist mir wohl bewußt, daß es Denker gibt — wie der eben angeführte Th.
- Ziehen
—, die sich selbst durchaus nicht als Materialisten bezeichnen, die aber
doch von dem in diesem Buche geltend gemachten Gesichtspunkte mit diesem
Begriffe bezeichnet werden müssen.
- Es
kommt nicht darauf an, ob jemand sagt, für ihn sei die Welt nicht im bloß
materiellen Sein beschlossen; er sei deshalb kein Materialist.
- Sondern
es kommt darauf an, ob er Begriffe entwickelt, die nur auf ein
materielles Sein anwendbar sind.
- Wer
ausspricht: “Unser Handeln ist necessitiert wie unser Denken”, der hat
einen Begriff hingestellt, der bloß auf materielle Vorgänge, aber weder
auf das Handeln, noch auf das Sein anwendbar ist; und er müßte, wenn er
seinen Begriff zu Ende dächte, eben materialistisch denken.
- Daß
er es nicht tut, ergibt sich nur aus derjenigen Inkonsequenz, die so oft
die Folge des nicht zu Ende geführten Denkens ist.
- —
Man hört jetzt oft, der Materialismus des 19. Jahrhunderts sei
wissenschaftlich abgetan.
- In
Wahrheit ist er es aber durchaus nicht.
- Man
bemerkt in der Gegenwart oft nur nicht, daß man keine anderen Ideen als
solche hat, mit denen man nur an Materielles heran kann.
- Dadurch
verhüllt sich jetzt der Materialismus, während er in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts sich offen zur Schau gestellt hat.
- Gegen
eine geistig die Welt erfassende Anschauung ist der verhüllte
Materialismus der Gegenwart nicht weniger intolerant als der eingestandene
des vorigen Jahrhunderts.
- Er
täuscht nur viele, die da glauben, eine auf Geistiges gehende
Weltauffassung ablehnen zu dürfen, weil ja die naturwissenschaftliche den
“Materialismus längst verlassen hat”. —
-
- Kapitel
11 - Weltzweck und Lebenszweck (Bestimmung des Menschen)
- Unter
den mannigfaltigen Strömungen in dem geistigen Leben der Menschheit ist
eine zu verfolgen, die man nennen kann die Überwindung des Zweckbegriffes
auf Gebieten, in die er nicht gehört.
- Die
Zweckmäßigkeit ist eine bestimmte Art in der Abfolge von
Erscheinungen.
- Wahrhaft
wirklich ist die Zweckmäßigkeit nur dann, wenn im Gegensatz zu dem
Verhältnis von Ursache und Wirkung, wo das vorhergehende Ereignis ein
späteres bestimmt, umgekehrt das folgende Ereignis bestimmend auf das
frühere einwirkt.
- Dies
liegt zunächst nur bei menschlichen Handlungen vor.
- Der
Mensch vollbringt eine Handlung, die er sich vorher vorstellt, und
läßt sich von dieser Vorstellung zur Handlung bestimmen.
- Das
Spätere, die Handlung, wirkt mit Hilfe der Vorstellung auf das Frühere,
den handelnden Menschen.
- Dieser
Umweg durch das Vorstellen ist aber zum zweckmäßigen Zusammenhange
durchaus notwendig.
- In
dem Prozesse, der in Ursache und Wirkung zerfällt, ist zu unterscheiden
die Wahrnehmung von dem Begriff.
- Die
Wahrnehmung der Ursache geht der Wahrnehmung der Wirkung vorher; Ursache
und Wirkung blieben in unserem Bewußtsein einfach nebeneinander bestehen,
wenn wir sie nicht durch ihre entsprechenden Begriffe miteinander
verbinden könnten.
- Die
Wahrnehmung der Wirkung kann stets nur auf die Wahrnehmung der Ursache
folgen.
- Wenn
die Wirkung einen realen Einfluß auf die Ursache haben soll, so kann dies
nur durch den begrifflichen Faktor sein.
- Denn
der Wahrnehmungsfaktor der Wirkung ist vor dem der Ursache einfach gar
nicht vorhanden.
- Wer
behauptet, die Blüte sei der Zweck der Wurzel, das heißt, die erstere habe
auf die letztere einen Einfluß, der kann das nur von dem Faktor an der
Blüte behaupten, den er durch sein Denken an derselben konstatiert.
- Der
Wahrnehmungsfaktor der Blüte hat zur Zeit der Entstehungszeit der Wurzel
noch kein Dasein.
- Zum
zweckmäßigen Zusammenhange ist aber nicht bloß der ideelle, gesetzmäßige
Zusammenhang des Späteren mit dem Früheren notwendig, sondern der Begriff
(das Gesetz) der Wirkung muß real, durch einen wahrnehmbaren Prozeß die
Ursache beeinflussen.
- Einen
wahrnehmbaren Einfluß von einem Begriff auf etwas anderes können wir aber
nur bei den menschlichen Handlungen beobachten.
- Hier
ist also der Zweckbegriff allein anwendbar.
- Das
naive Bewußtsein, das nur das Wahrnehmbare gelten läßt, sucht — wie wir
wiederholt bemerkt — auch dorthin Wahrnehmbares zu versetzen, wo nur
Ideelles zu erkennen ist.
- In
dem wahrnehmbaren Geschehen sucht es wahrnehmbare Zusammenhänge oder, wenn
es solche nicht findet, träumt es sie hinein.
- Der
im subjektiven Handeln geltende Zweckbegriff ist ein geeignetes Element
für solche erträumte Zusammenhänge.
- Der
naive Mensch weiß, wie er ein Geschehen zustandebringt und folgert daraus,
daß es die Natur ebenso machen wird.
- In
den rein ideellen Naturzusammenhängen sieht er nicht nur unsichtbare
Kräfte, sondern auch unwahrnehmbare reale Zwecke.
- Der
Mensch macht seine Werkzeuge zweckmäßig; nach demselben Rezept läßt der
naive Realist den Schöpfer die Organismen bauen.
- Nur
ganz allmählich verschwindet dieser falsche Zweckbegriff aus den
Wissenschaften.
- In
der Philosophie treibt er auch heute noch ziemlich arg sein Unwesen.
- Da
wird gefragt nach dem außerweltlichen Zweck der Welt, nach der
außermenschlichen Bestimmung (folglich auch dem Zweck) des Menschen und so
weiter.
- Der
Monismus weist den Zweckbegriff auf allen Gebieten mit alleiniger Ausnahme
des menschlichen Handelns zurück.
- Er
sucht nach Naturgesetzen, aber nicht nach Naturzwecken.
- Naturzwecke
sind willkürliche Annahmen wie die unwahrnehmbaren
Kräfte (S. 121 f.).
- Aber
auch Lebenszwecke, die der Mensch sich nicht selbst setzt, sind vom
Standpunkte des Monismus unberechtigte Annahmen.
- Zweckvoll
ist nur dasjenige, was der Mensch erst dazu gemacht hat, denn nur durch
Verwirklichung einer Idee entsteht Zweckmäßiges.
- Wirksam
im realistischen Sinne wird die Idee aber nur im Menschen.
- Deshalb
hat das Menschenleben nur den Zweck und die Bestimmung, die der Mensch ihm
gibt.
- Auf
die Frage: was hat der Mensch für eine Aufgabe im Leben?
- kann
der Monismus nur antworten: die, die er sich selbst setzt.
- Meine
Sendung in der Welt ist keine vorherbestimmte, sondern sie ist jeweilig
die, die ich mir erwähle.
- Ich
trete nicht mit gebundener Marschroute meinen Lebensweg an.
- Ideen
werden zweckmäßig nur durch Menschen verwirklicht.
- Es
ist also unstatthaft, von der Verkörperung von Ideen durch die Geschichte
zu sprechen.
- Alle
solche Wendungen wie: “die Geschichte ist die Entwickelung der Menschen
zur Freiheit”, oder die Verwirklichung der sittlichen Weltordnung und so
weiter sind von monistischen Gesichtspunkten aus unhaltbar.
- Die
Anhänger des Zweckbegriffes glauben mit demselben zugleich alle Ordnung
und Einheitlichkeit der Welt preisgeben zu müssen.
- Man
höre zum Beispiel Robert Hamerling (Atomistik des Willens, II.
Band, S. 201): “Solange es Triebe in der Natur gibt, ist es Torheit,
Zwecke in derselben zu leugnen.”
- “Wie
die Gestaltung eines Gliedes des menschlichen Körpers nicht
bestimmt und bedingt ist durch eine in der Luft schwebende Idee dieses
Gliedes, sondern durch den Zusammenhang mit dem größeren Ganzen, dem
Körper, welchem das Glied angehört, so ist die Gestaltung jedes
Naturwesens, sei es Pflanze, Tier, Mensch, nicht bestimmt und bedingt
durch eine in der Luft schwebende Idee desselben, sondern durch das
Formprinzip des größeren, sich zweckmäßig auslebenden und ausgestaltenden
Ganzen der Natur.”
- Und
Seite 191 desselben Bandes: “Die Zwecktheorie behauptet nur, daß trotz der
tausend Unbequemlichkeiten und Qualen dieses kreatürlichen Lebens eine
hohe Zweck- und Planmäßigkeit unverkennbar in den Gebilden und in den
Entwicklungen der Natur vorhanden ist — eine Plan — und Zweckmäßigkeit
jedoch, welche sich nur innerhalb der Naturgesetze verwirklicht, und
welche nicht auf eine Schlaraffenwelt abzielen kann, in welcher dem Leben
kein Tod, dem Werden kein Vergehen mit allen mehr oder weniger
unerfreulichen, aber schlechterdings unvermeidlichen Mittelstufen
gegenüberstünde.”
- “Wenn
die Gegner des Zweckbegriffs ein mühsam zusammengebrachtes
Kehrichthäufchen von halben oder ganzen, vermeintlichen oder wirklichen
Unzweckmäßigkeiten einer Welt von Wundern der Zweckmäßigkeit, wie sie die
Natur in allen Bereichen aufweist, entgegenstellen, so finde ich das
ebenso drollig.”
- Was
wird hier Zweckmäßigkeit genannt?
- Ein
Zusammenstimmen von Wahrnehmungen zu einem Ganzen.
- Da
aber allen Wahrnehmungen Gesetze (Ideen) zugrunde liegen, die wir durch
unser Denken finden, so ist das planmäßige Zusammenstimmen der Glieder
eines Wahrnehmungsganzen eben das ideelle Zusammenstimmen der in diesem
Wahrnehmungsganzen enthaltenen Glieder eines Ideenganzen.
- Wenn
gesagt wird, das Tier oder der Mensch sei nicht bestimmt durch eine in der
Luft schwebende Idee, so ist das schief ausgedrückt, und die
verurteilte Ansicht verliert bei der Richtigstellung des Ausdruckes von
selbst den absurden Charakter.
- Das
Tier ist allerdings nicht durch eine in der Luft schwebende Idee, wohl
aber durch eine ihm eingeborene und seine gesetzmäßige Wesenheit
ausmachende Idee bestimmt.
- Gerade
weil die Idee nicht außer dem Dinge ist, sondern in demselben als dessen
Wesen wirkt, kann nicht von Zweckmäßigkeit gesprochen werden.
- Gerade
derjenige, der leugnet, daß das Naturwesen von außen bestimmt ist (ob
durch eine in der Luft schwebende Idee oder eine außerhalb des
Geschöpfes im Geiste eines Weltschöpfers existierende ist in dieser Beziehung
ganz gleichgültig), muß zugeben, daß dieses Wesen nicht zweckmäßig und
planvoll von außen, sondern ursächlich und gesetzmäßig von innen bestimmt
wird.
- Eine
Maschine gestalte ich dann zweckmäßig, wenn ich die Teile in einen
Zusammenhang bringe, den sie von Natur aus nicht haben.
- Das
Zweckmäßige der Einrichtung besteht dann darin, daß ich die Wirkungsweise
der Maschine als deren Idee ihr zugrunde gelegt habe.
- Die
Maschine ist dadurch ein Wahrnehmungsobjekt mit entsprechender Idee
geworden.
- Solche
Wesen sind auch die Naturwesen.
- Wer
ein Ding deshalb zweckmäßig nennt, weil es gesetzmäßig gebildet ist, der
mag die Naturwesen eben auch mit dieser Bezeichnung belegen.
- Nur
darf diese Gesetzmäßigkeit nicht mit jener des subjektiven menschlichen
Handelns verwechselt werden.
- Zum
Zweck ist eben durchaus notwendig, daß die wirkende Ursache ein Begriff
ist, und zwar der der Wirkung.
- In
der Natur sind aber nirgends Begriffe als Ursachen nachzuweisen; der
Begriff erweist sich stets nur als der ideelle Zusammenhang von Ursache
und Wirkung.
- Ursachen
sind in der Natur nur in Form von Wahrnehmungen vorhanden.
- Der
Dualismus kann von Welt- und Naturzwecken reden.
- Wo
für unsere Wahrnehmung eine gesetzmäßige Verknüpfung von Ursache und
Wirkung sich äußert, da kann der Dualist annehmen, daß wir nur den
Abklatsch eines Zusammenhanges sehen, in dem das absolute Weltwesen seine
Zwecke verwirklichte.
- Für
den Monismus entfällt mit dem absoluten nicht erlebbaren, sondern nur
hypothetisch erschlossenen Weltwesen auch der Grund zur Annahme von Welt-
und Naturzwecken.
-
- Zusatz
zur Neuausgabe 1918
- Man
wird bei vorurteilslosem Durchdenken des hier Ausgeführten nicht zu der
Ansicht kommen können, daß der Verfasser dieser Darstellung mit seiner
Ablehnung des Zweckbegriffs für außermenschliche Tatsachen auf dem Boden
derjenigen Denker stand, die durch das Verwerfen dieses Begriffes sich die
Möglichkeit schaffen, alles außerhalb des Menschenhandelns liegende — und
dann dieses selbst — als nur natürliches Geschehen aufzufassen.
- Davor
sollte schon der Umstand schützen, daß in diesem Buche der Denkvorgang als
ein rein geistiger dargestellt wird.
- Wenn
hier auch für die geistige, außerhalb des menschlichen Handelns
liegende Welt der Zweckgedanke abgelehnt wird, so geschieht es, weil in
dieser Welt ein höheres als der Zweck, der sich im Menschentum
verwirklicht, zur Offenbarung kommt.
- Und
wenn von einer nach dem Muster der menschlichen Zweckmäßigkeit gedachten
zweckmäßigen Bestimmung des Menschengeschlechtes als von einem irrigen
Gedanken gesprochen ist, so ist gemeint, daß der Einzelmensch sich Zwecke
setzt, aus diesen setzt sich das Ergebnis der Gesamtwirksamkeit der
Menschheit zusammen.
- Dieses
Ergebnis ist dann ein höheres als seine Glieder, die Menschenzwecke.
-
- Kapitel
12 - Die moralische Phantasie (Darwinismus und Sittlichkeit)
- Der
freie Geist handelt nach seinen Impulsen, das sind Intuitionen, die
aus dem Ganzen seiner Ideenwelt durch das Denken ausgewählt sind.
- Für
den unfreien Geist liegt der Grund, warum er aus seiner Ideenwelt
eine bestimmte Intuition aussondert, um sie einer Handlung zugrunde zu
legen, in der ihm gegebenen Wahrnehmungswelt, das heißt in seinen
bisherigen Erlebnissen.
- Er
erinnert sich, bevor er zu einem Entschluß kommt, daran, was jemand in
einem dem seinigen analogen Falle getan oder zu tun für gut geheißen hat,
oder was Gott für diesen Fall befohlen hat und so weiter, und danach
handelt er.
- Dem
freien Geist sind diese Vorbedingungen nicht einzige Antriebe des
Handelns.
- Er
faßt einen schlechthin ersten Entschluß.
- Es
kümmert ihn dabei ebensowenig, was andere in diesem Falle getan, noch was
sie dafür befohlen haben.
- Er
hat rein ideelle Gründe, die ihn bewegen, aus der Summe seiner Begriffe
gerade einen bestimmten herauszuheben und ihn in Handlung umzusetzen.
- Seine
Handlung wird aber der wahrnehmbaren Wirklichkeit angehören.
- Was
er vollbringt, wird also mit einem ganz bestimmten Wahrnehmungsinhalte
identisch sein.
- Der
Begriff wird sich in einem konkreten Einzelgeschehnis zu verwirklichen
haben.
- Er
wird als Begriff diesen Einzelfall nicht enthalten können.
- Er
wird sich darauf nur in der Art beziehen können, wie überhaupt ein Begriff
sich auf eine Wahrnehmung bezieht, zum Beispiel wie der Begriff des Löwen
auf einen einzelnen Löwen.
- Das
Mittelglied zwischen Begriff und Wahrnehmung ist die Vorstellung (vgl. S. 106 ff.).
- Dem
unfreien Geist ist dieses Mittelglied von vornherein gegeben.
- Die
Motive sind von vornherein als Vorstellungen in seinem Bewußtsein vorhanden.
- Wenn
er etwas ausführen will, so macht er das so, wie er es gesehen hat, oder
wie es ihm für den einzelnen Fall befohlen wird.
- Die
Autorität wirkt daher am besten durch Beispiele, das heißt durch
Überlieferung ganz bestimmter Einzelhandlungen an das Bewußtsein des
unfreien Geistes.
- Der
Christ handelt weniger nach den Lehren als nach dem Vorbilde des
Erlösers.
- Regeln
haben für das positive Handeln weniger Wert als für das Unterlassen
bestimmter Handlungen.
- Gesetze
treten nur dann in die allgemeine Begriffsform, wenn sie Handlungen
verbieten, nicht aber wenn sie sie zu tun gebieten.
- Gesetze
über das, was er tun soll, müssen dem unfreien Geiste in ganz konkreter
Form gegeben werden: Reinige die Straße vor deinem Haustore! Zahle deine
Steuern in dieser bestimmten Höhe bei dem Steueramte X! und so weiter.
- Begriffsform
haben die Gesetze zur Verhinderung von Handlungen: Du sollst nicht stehlen!
Du sollst nicht ehebrechen! Diese Gesetze wirken auf den unfreien
Geist aber auch nur durch den Hinweis auf eine konkrete Vorstellung, zum
Beispiel die der entsprechenden zeitlichen Strafen, oder der
Gewissensqual, oder der ewigen Verdammnis, und so weiter.
- Sobald
der Antrieb zu einer Handlung in der allgemeinbegrifflichen Form vorhanden
ist (zum Beispiel: du sollst deinen Mitmenschen Gutes tun! du sollst so
leben, daß du dein Wohlsein am besten beförderst!), dann muß in jedem
einzelnen Fall die konkrete Vorstellung des Handelns (die Beziehung des
Begriffes auf einen Wahrnehmungsinhalt) erst gefunden werden.
- Bei
dem freien Geiste, den kein Vorbild und keine Furcht vor Strafe
usw. treibt, ist diese Umsetzung des Begriffes in die Vorstellung immer
notwendig.
- Konkrete
Vorstellungen aus der Summe seiner Ideen heraus produziert der Mensch
zunächst durch die Phantasie.
- Was
der freie Geist nötig hat, um seine Ideen zu verwirklichen, um sich
durchzusetzen, ist also die moralische Phantasie.
- Sie
ist die Quelle für das Handeln des freien Geistes.
- Deshalb
sind auch nur Menschen mit moralischer Phantasie eigentlich sittlich
produktiv.
- Die
bloßen Moralprediger, das ist: die Leute, die sittliche Regeln ausspinnen,
ohne sie zu konkreten Vorstellungen verdichten zu können, sind moralisch
unproduktiv.
- Sie
gleichen den Kritikern, die verständig auseinanderzusetzen wissen, wie ein
Kunstwerk beschaffen sein soll, selbst aber auch nicht das geringste
zustande bringen können.
Die moralische Phantasie muß, um
ihre Vorstellung zu verwirklichen, in ein bestimmtes Gebiet von
Wahrnehmungen eingreifen.
- Die
Handlung des Menschen schafft keine Wahrnehmungen, sondern prägt die
Wahrnehmungen, die bereits vorhanden sind, um, erteilt ihnen eine neue
Gestalt.
- Um
ein bestimmtes Wahrnehmungsobjekt oder eine Summe von solchen, einer
moralischen Vorstellung gemäß, umbilden zu können, muß man den
gesetzmäßigen Inhalt (die bisherige Wirkungsweise, die man neu gestalten
oder der man eine neue Richtung geben will) dieses Wahrnehmungsbildes
begriffen haben.
- Man
muß ferner den Modus finden, nach dem sich diese Gesetzmäßigkeit in eine
neue verwandeln läßt.
- Dieser
Teil der moralischen Wirksamkeit beruht auf Kenntnis der Erscheinungswelt,
mit der man es zu tun hat.
- Er
ist also zu suchen in einem Zweige der wissenschaftlichen Erkenntnis
überhaupt.
- Das
moralische Handeln setzt also voraus neben dem moralischen Ideenvermögen
(1) und der moralischen Phantasie die Fähigkeit, die Welt der Wahrnehmungen
umzuformen, ohne ihren naturgesetzlichen Zusammenhang zu durchbrechen.
- Diese
Fähigkeit ist moralische Technik.
- Sie
ist in dem Sinne lernbar, wie Wissenschaft überhaupt lernbar ist.
- Im
allgemeinen sind Menschen nämlich geeigneter, die Begriffe für die schon
fertige Welt zu finden, als produktiv aus der Phantasie die noch nicht
vorhandenen zukünftigen Handlungen zu bestimmen.
- Deshalb
ist es sehr wohl möglich, daß Menschen ohne moralische Phantasie die
moralischen Vorstellungen von andern empfangen und diese geschickt der
Wirklichkeit einprägen.
- Auch
der umgekehrte Fall kann vorkommen, daß Menschen mit moralischer Phantasie
ohne die technische Geschicklichkeit sind und sich dann anderer Menschen
zur Verwirklichung ihrer Vorstellungen bedienen müssen.
- Fußnoten: (1) Nur Oberflächlichkeit könnte im Gebrauch des
Wortes Vermögen an dieser und andern Stellen dieser Schrift einen Rückfall
in die Lehre der alten Psychologie von den Seelenvermögen erblicken. Der
Zusammenhang mit dem S. 95 f. Gesagten ergibt genau die Bedeutung
des Wortes.
- Insofern
zum moralischen Handeln die Kenntnis der Objekte unseres Handelnsgebietes
notwendig ist, beruht unser Handeln auf dieser Kenntnis.
- Was
hier in Betracht kommt, sind Naturgesetze.
- Wir
haben es mit Naturwissenschaft zu tun, nicht mit Ethik.
- Die
moralische Phantasie und das moralische Ideenvermögen können erst
Gegenstand des Wissens werden, nachdem sie vom Individuum
produziert sind.
- Dann
aber regeln sie nicht mehr das Leben, sondern haben es bereits geregelt.
- Sie
sind als wirkende Ursachen wie alle andern aufzufassen (Zwecke sind sie
bloß für das Subjekt).
- Wir
beschäftigen uns mit ihnen als mit einer Naturlehre der moralischen
Vorstellungen.
- Eine
Ethik als Normwissenschaft kann es daneben nicht geben.
- Man
hat den normativen Charakter der moralischen Gesetze wenigstens insofern
halten wollen, daß man die Ethik im Sinne der Diätetik auffaßte, welche
aus den Lebensbedingungen des Organismus allgemeine Regeln ableitet, um
auf Grund derselben dann den Körper im besonderen zu beeinflussen
(Paulsen, System der Ethik).
- Dieser
Vergleich ist falsch, weil unser moralisches
Leben sich nicht mit dem Leben des
Organismus vergleichen läßt.
- Die
Wirksamkeit des Organismus ist ohne unser Zutun da; wir finden dessen
Gesetze in der Welt fertig vor, können sie also suchen, und dann die
gefundenen anwenden.
- Die
moralischen Gesetze werden aber von uns erst geschaffen.
- Wir
können sie nicht anwenden, bevor sie geschaffen sind.
- Der
Irrtum entsteht dadurch, daß die moralischen Gesetze nicht in jedem
Momente inhaltlich neu geschaffen werden, sondern sich forterben.
- Die
von den Vorfahren übernommenen erscheinen dann gegeben wie die
Naturgesetze des Organismus.
- Sie
werden aber durchaus nicht mit demselben Rechte von einer späteren
Generation wie diätetische Regeln angewendet.
- Denn
sie gehen auf das Individuum und nicht wie das Naturgesetz auf das
Exemplar einer Gattung.
- Als
Organismus bin ich ein solches Gattungsexemplar, und ich werde naturgemäß
leben, wenn ich die Naturgesetze der Gattung in meinem besonderen Falle
anwende; als sittliches Wesen bin ich Individuum und habe meine ganz
eigenen Gesetze. (2)
- Fußnoten: (2) Wenn Paulsen (S. 15 des angeführten Buches)
sagt: “Verschiedene Naturanlagen und Lebensbedingungen erfordern wie eine
verschiedene leibliche so auch eine verschiedene geistig-moralische Diät”,
so ist er der richtigen Erkenntnis ganz nahe, trifft aber den
entscheidenden Punkt doch nicht. Insofern ich Individuum bin, brauche ich
keine Diät. Diätetik heißt die Kunst, das besondere Exemplar mit den
allgemeinen Gesetzen der Gattung in Einklang zu bringen. Als Individuum
bin ich aber kein Exemplar der Gattung.
- Die
hier vertretene Ansicht scheint in Widerspruch zu stehen mit jener
Grundlehre der modernen Naturwissenschaft, die man als Entwickelungstheorie
bezeichnet.
- Aber
sie scheint es nur.
- Unter
Entwickelung wird verstanden das reale Hervorgehen des
Späteren aus dem Früheren auf naturgesetzlichem Wege.
- Unter
Entwickelung in der organischen Welt versteht man den Umstand, daß die
späteren (vollkommeneren) organischen Formen reale Abkömmlinge der
früheren (unvollkommenen) sind und auf naturgesetzliche Weise aus ihnen
hervorgegangen sind.
- Die
Bekenner der organischen Entwickelungstheorie müßten sich eigentlich
vorstellen, daß es auf der Erde einmal eine Zeitepoche gegeben hat, wo ein
Wesen das allmähliche Hervorgehen der Reptilien aus den Uramnioten mit
Augen hätte verfolgen können, wenn er damals als Beobachter hätte dabei
sein können und mit entsprechend langer Lebensdauer ausgestattet gewesen
wäre.
- Ebenso
müßten sich die Entwickelungstheoretiker vorstellen, daß ein Wesen das
Hervorgehen des Sonnensystems aus dem Kant-Laplaceschen Urnebel hätte
beobachten können, wenn es während der unendlich langen Zeit frei im
Gebiet des Weltäthers sich an einem entsprechenden Orte hätte aufhalten
können.
- Daß
bei solcher Vorstellung sowohl die Wesenheit der Uramnioten wie auch die
des Kant-Laplaceschen Weltnebels anders gedacht werden müßte als
die materialistischen Denker dies tun, kommt hier nicht in Betracht.
- Keinem
Entwickelungstheoretiker sollte es aber einfallen, zu behaupten, daß er
aus seinem Begriffe des Uramniontieres den des Reptils mit allen seinen
Eigenschaften herausholen kann, auch wenn er nie ein Reptil gesehen hat.
- Ebensowenig
sollte aus dem Begriff des Kant-Laplaceschen Urnebels das Sonnensystem
abgeleitet werden, wenn dieser Begriff des Urnebels direkt nur an der
Wahrnehmung des Urnebels bestimmt gedacht ist.
- Das
heißt mit anderen Worten: der Entwickelungstheoretiker muß, wenn er
konsequent denkt, behaupten, daß aus früheren Entwickelungsphasen spätere
sich real ergeben, daß wir, wenn wir den Begriff des Unvollkommenen und
den des Vollkommenen gegeben haben, den Zusammenhang einsehen können;
keineswegs aber sollte er zugeben, daß der an dem Früheren erlangte
Begriff hinreicht, um das Spätere daraus zu entwickeln.
- Daraus
folgt für den Ethiker, daß er zwar den Zusammenhang späterer moralischer
Begriffe mit früheren einsehen kann; aber nicht, daß auch nur eine einzige
neue moralische Idee aus früheren geholt werden kann.
- Als
moralisches Wesen produziert das Individuum seinen Inhalt.
- Dieser
produzierte Inhalt ist für den Ethiker gerade so ein Gegebenes, wie für
den Naturforscher die Reptilien ein Gegebenes sind.
- Die
Reptilien sind aus den Uramnioten hervorgegangen; aber der Naturforscher
kann aus dem Begriff der Uramnioten den der Reptilien nicht herausholen.
- Spätere
moralische Ideen entwickeln sich aus früheren; der Ethiker kann aber aus
den sittlichen Begriffen einer früheren Kulturperiode die der späteren
nicht herausholen.
- Die
Verwirrung wird dadurch hervorgerufen, daß wir als Naturforscher die
Tatsachen bereits vor uns haben und hinterher sie erst erkennend
betrachten; während wir beim sittlichen Handeln selbst erst die Tatsachen
schaffen, die wir hinterher erkennen.
- Beim
Entwickelungsprozeß der sittlichen Weltordnung verrichten wir das, was die
Natur auf niedrigerer Stufe verrichtet: wir verändern ein Wahrnehmbares.
- Die
ethische Norm kann also zunächst nicht wie ein Naturgesetz erkannt,
sondern sie muß geschaffen werden.
- Erst
wenn sie da ist, kann sie Gegenstand des Erkennens werden.
- Aber
können wir denn nicht das Neue an dem Alten messen?
- Wird
nicht jeder Mensch gezwungen sein, das durch seine moralische Phantasie
Produzierte an den hergebrachten sittlichen Lehren zu bemessen?
- Für
dasjenige, was als sittlich Produktives sich offenbaren soll, ist das ein
ebensolches Unding, wie es das andere wäre, wenn man eine neue Naturform
an der alten bemessen wollte und sagte: weil die Reptilien mit den
Uramnioten nicht übereinstimmen, sind sie eine unberechtigte (krankhafte)
Form.
- Der
ethische Individualismus steht also nicht im Gegensatz zu einer recht
verstandenen Entwickelungstheorie, sondern folgt direkt aus ihr.
- Der
Haeckelsche Stammbaum von den Urtieren bis hinauf zum Menschen als
organisches Wesen müßte sich ohne Unterbrechung der natürlichen
Gesetzlichkeit und ohne eine Durchbrechung der einheitlichen Entwickelung
heraufverfolgen lassen bis zu dem Individuum als einem im bestimmten Sinne
sittlichen Wesen.
- Nirgends
aber würde aus dem Wesen einer Vorfahrenart das Wesen einer
nachfolgenden Art sich ableiten lassen.
- So
wahr es aber ist, daß die sittlichen Ideen des Individuums wahrnehmbar aus
denen seiner Vorfahren hervorgegangen sind, so wahr ist es auch, daß
dasselbe sittlich unfruchtbar ist, wenn es nicht selbst moralische Ideen
hat.
- Derselbe
ethische Individualismus, den ich auf Grund der vorangehenden Anschauungen
entwickelt habe, würde sich auch aus der Entwickelungstheorie ableiten
lassen.
- Die
schließliche Überzeugung wäre dieselbe; nur der Weg ein anderer, auf dem
sie erlangt ist.
- Das
Hervortreten völlig neuer sittlicher Ideen aus der moralischen Phantasie
ist für die Entwickelungstheorie gerade so wenig wunderbar, wie das
Hervorgehen einer neuen Tierart aus einer andern.
- Nur
muß diese Theorie als monistische Weltanschauung im sittlichen Leben
ebenso wie im natürlichen jeden bloß erschlossenen, nicht ideell
erlebbaren jenseitigen (metaphysischen) Einfluß abweisen.
- Sie
folgt dabei demselben Prinzip, das sie antreibt, wenn sie die Ursachen
neuer organischer Formen sucht und dabei nicht auf das Eingreifen eines
außerweltlichen Wesens sich beruft, das jede neue Art nach einem neuen
Schöpfungsgedanken durch übernatürlichen Einfluß hervorruft.
- So
wie der Monismus zur Erklärung des Lebewesens keinen übernatürlichen
Schöpfungsgedanken brauchen kann, so ist es ihm auch unmöglich, die
sittliche Weltordnung von Ursachen abzuleiten, die nicht innerhalb der
erlebbaren Welt liegen.
- Er
kann das Wesen eines Wollens als eines sittlichen nicht damit erschöpft
finden, daß er es auf einen fortdauernden übernatürlichen Einfluß auf das
sittliche Leben (göttliche Weltregierung von außen) zurückführt, oder auf
eine zeitliche besondere Offenbarung (Erteilung der zehn Gebote) oder auf
die Erscheinung Gottes auf der Erde (Christi).
- Was
durch alles dieses geschieht an und in dem Menschen, wird erst zum
Sittlichen, wenn es im menschlichen Erlebnis zu einem individuellen
Eigenen wird.
- Die
sittlichen Prozesse sind dem Monismus Weltprodukte wie alles andere
Bestehende und ihre Ursachen müssen in der Welt, das heißt, weil
der Mensch der Träger der Sittlichkeit ist, im Menschen gesucht werden.
- Der
ethische Individualismus ist somit die Krönung des Gebäudes, das Darwin
und Haeckel für die Naturwissenschaft erstrebt haben.
- Er
ist vergeistigte Entwickelungslehre auf das sittliche Leben übertragen.
- Wer
dem Begriff des Natürlichen von vornherein in engherziger Weise ein
willkürlich begrenztes Gebiet anweist, der kann dann leicht dazu kommen,
für die freie individuelle Handlung keinen Raum darin zu finden.
- Der
konsequent verfahrende Entwickelungstheoretiker kann in solche
Engherzigkeit nicht verfallen.
- Er
kann die natürliche Entwickelungsweise beim Affen nicht abschließen und
dem Menschen einen “übernatürlichen” Ursprung zugestehen; er muß, auch
indem er die natürlichen Vorfahren des Menschen sucht, in der Natur schon
den Geist suchen; er kann auch bei den organischen Verrichtungen des
Menschen nicht stehen bleiben und nur diese natürlich finden, sondern er
muß auch das sittlich-freie Leben als geistige Fortsetzung des organischen
ansehen.
Der Entwickelungstheoretiker kann,
seiner Grundauffassung gemäß, nur behaupten, daß das gegenwärtige
sittliche Handeln aus anderen Arten des Weltgeschehens hervorgeht; die
Charakteristik des Handelns, das ist seine Bestimmung als eines freien,
muß er der unmittelbaren Beobachtung des Handelns überlassen.
- Er
behauptet ja auch nur, daß Menschen aus noch nicht menschlichen Vorfahren
sich entwickelt haben.
- Wie
die Menschen beschaffen sind, das muß durch Beobachtung dieser selbst
festgestellt werden.
- Die
Ergebnisse dieser Beobachtung können nicht in Widerspruch geraten mit
einer richtig angesehenen Entwickelungsgeschichte.
- Nur
die Behauptung, daß die Ergebnisse solche sind, die eine natürliche
Weltordnung ausschließen, könnte nicht in Übereinstimmung mit der neueren
Richtung der Naturwissenschaft gebracht werden. (3)
- Fußnoten: (3) Daß wir Gedanken (ethische Ideen) als Objekte
der Beobachtung bezeichnen, geschieht mit Recht. Denn wenn auch die
Gebilde des Denkens während der gedanklichen Tätigkeit nicht mit ins
Beobachtungsfeld eintreten, so können sie doch nachher Gegenstand der
Beobachtung werden. Und auf diesem Wege haben wir unsere Charakteristik
des Handelns gewonnen.
- Von
einer sich selbst verstehenden Naturwissenschaft hat der ethische
Individualismus nichts zu fürchten: die Beobachtung ergibt als
Charakteristikum der vollkommenen Form des menschlichen Handelns die Freiheit.
- Diese
Freiheit muß dem menschlichen Wollen zugesprochen werden, insoferne dieses
rein ideelle Intuitionen verwirklicht.
- Denn
diese sind nicht Ergebnisse einer von außen auf sie wirkenden
Notwendigkeit, sondern ein auf sich selbst Stehendes.
- Findet
der Mensch, daß eine Handlung das Abbild einer solchen ideellen
Intuition ist, so empfindet er sie als eine freie.
- In
diesem Kennzeichen einer Handlung liegt die Freiheit.
- Wie
steht es nun, von diesem Standpunkte aus, mit der bereits oben (S. 22 und 16) erwähnten Unterscheidung
zwischen den beiden Sätzen: “Frei sein heißt tun können, was man
will” und dem andern: “nach Belieben begehren können und nicht begehren
können sei der eigentliche Sinn des Dogmas vom freien Willen”?
- Hamerling
begründet gerade seine Ansicht vom freien Willen auf
diese Unterscheidung, indem er das erste für richtig, das zweite für eine
absurde Tautologie erklärt.
- Er
sagt: “Ich kann tun, was ich will.
- Aber
zu sagen: ich kann wollen, was ich will, ist eine leere Tautologie.”
- Ob
ich tun, das heißt, in Wirklichkeit umsetzen kann, was ich will, was ich
mir also als Idee meines Tuns vorgesetzt habe, das hängt von äußeren
Umständen und von meiner technischen Geschicklichkeit (vgl. S. 193 f.) ab.
- Frei
sein heißt die dem Handeln zugrunde liegenden Vorstellungen (Beweggründe)
durch die moralische Phantasie von sich aus bestimmen können.
- Freiheit
ist unmöglich, wenn etwas außer mir (mechanischer Prozeß oder nur
erschlossener außerweltlicher Gott) meine moralischen Vorstellungen
bestimmt.
- Ich
bin also nur dann frei, wenn ich selbst diese Vorstellungen
produziere, nicht, wenn ich die Beweggründe, die ein anderes Wesen in mich
gesetzt hat, ausführen kann.
- Ein
freies Wesen ist dasjenige, welches wollen kann, was es selbst für
richtig hält.
- Wer
etwas anderes tut, als er will, der muß zu diesem anderen durch Motive
getrieben werden, die nicht in ihm liegen.
- Ein
solcher handelt unfrei.
- Nach
Belieben wollen können, was man für richtig oder nicht richtig hält, heißt
also: nach Belieben frei oder unfrei sein können.
- Das
ist natürlich ebenso absurd, wie die Freiheit in dem Vermögen zu sehen,
tun zu können, was man wollen muß.
- Das
letztere aber behauptet Hamerling, wenn er sagt: Es ist vollkommen wahr,
daß der Wille immer durch Beweggründe bestimmt wird, aber es ist absurd zu
sagen, daß er deshalb unfrei sei; denn eine größere Freiheit läßt sich für
ihn weder wünschen noch denken, als die, sich nach Maßgabe seiner eigenen
Stärke und Entschiedenheit zu verwirklichen.
- —
Jawohl: es läßt sich eine größere Freiheit wünschen, und das ist erst die
wahre.
- Nämlich
die: sich die Gründe seines Wollens selbst zu bestimmen.
- Von
der Ausführung dessen abzusehen, was er will, dazu läßt sich der Mensch
unter Umständen bewegen.
- Sich
vorschreiben zu lassen, was er tun soll, das ist, zu wollen, was
ein andrer und nicht er für richtig hält, dazu ist er nur zu haben,
insofern er sich nicht frei fühlt.
- Die
äußeren Gewalten können mich hindern, zu tun, was ich will.
- Dann
verdammen sie mich einfach zum Nichtstun oder zur Unfreiheit.
- Erst
wenn sie meinen Geist knechten und mir meine Beweggründe aus dem Kopfe
jagen und an deren Stelle die ihrigen setzen wollen, dann beabsichtigen
sie meine Unfreiheit.
- Die
Kirche wendet sich daher nicht bloß gegen das Tun, sondern
namentlich gegen die unreinen Gedanken, das ist: die Beweggründe
meines Handelns.
- Unfrei
macht sie mich, wenn ihr alle Beweggründe, die sie nicht angibt, als
unrein erscheinen.
- Eine
Kirche oder eine andere Gemeinschaft erzeugt dann Unfreiheit, wenn ihre
Priester oder Lehrer sich zu Gewissensgebietern machen, das ist, wenn die
Gläubigen sich von ihnen (aus dem Beichtstuhle) die Beweggründe ihres
Handelns holen müssen.
-
- Zusatz
zur Neuausgabe 1918
- In
diesen Ausführungen über das menschliche Wollen ist dargestellt, was der
Mensch an seinen Handlungen erleben kann, um durch dieses Erlebnis zu dem
Bewußtsein zu kommen: mein Wollen ist frei.
- Von
besonderer Bedeutung ist, daß die Berechtigung, ein Wollen als frei zu
bezeichnen, durch das Erlebnis erreicht wird: in dem Wollen verwirklicht
sich eine ideelle Intuition.
- Dies
kann nur Beobachtungsresultat sein, ist es aber in dem
Sinne, in dem das menschliche Wollen sich in einer Entwickelungsströmung
beobachtet, deren Ziel darin liegt, solche von rein ideeller Intuition
getragene Möglichkeit des Wollens zu erreichen.
- Sie
kann erreicht werden, weil in der ideellen Intuition nichts als deren
eigene auf sich gebaute Wesenheit wirkt.
- Ist
eine solche Intuition im menschlichen Bewußtsein anwesend, dann ist sie
nicht aus den Vorgängen des Organismus heraus entwickelt (s. S. 145 ff.), sondern die organische
Tätigkeit hat sich zurückgezogen, um der ideellen Platz zu machen.
- Beobachte
ich ein Wollen, das Abbild der Intuition ist, dann ist auch aus diesem
Wollen die organisch notwendige Tätigkeit zurückgezogen.
- Das
Wollen ist frei.
- Diese
Freiheit des Wollens wird der nicht beobachten können, der nicht zu
schauen vermag, wie das freie Wollen darin besteht, daß erst durch
das intuitive Element das notwendige Wirken des menschlichen Organismus
abgelähmt, zurückgedrängt, und an seine Stelle die geistige Tätigkeit des
idee-erfüllten Willens gesetzt wird.
- Nur
wer diese Beobachtung der Zweigliedrigkeit eines freien Wollens
nicht machen kann, glaubt an die Unfreiheit jedes Wollens.
- Wer
sie machen kann, ringt sich zu der Einsicht durch, daß der Mensch, insofern
er den Zurückdämmungsvorgang der organischen Tätigkeit nicht zu Ende
führen kann, unfrei ist; daß aber diese Unfreiheit der Freiheit zustrebt,
und diese Freiheit keineswegs ein abstraktes Ideal ist, sondern eine in
der menschlichen Wesenheit liegende Richtkraft.
- Frei
ist der Mensch in dem Maße, als er in seinem Wollen dieselbe
Seelenstimmung verwirklichen kann, die in ihm lebt, wenn er sich der
Ausgestaltung rein ideeller (geistiger) Intuitionen bewußt ist.
-
- Kapitel
13 - Der Wert des Lebens (Pessimismus und Optimismus)
- Ein
Gegenstück zu der Frage nach dem Zwecke oder der Bestimmung des Lebens (vgl. S. 184 ff.) ist die nach dessen Wert.
- Zwei
entgegengesetzten Ansichten begegnen wir in dieser Beziehung, und
dazwischen allen denkbaren Vermittlungsversuchen.
- Eine
Ansicht sagt: Die Welt ist die denkbar beste, die es geben kann, und das
Leben und Handeln in derselben ein Gut von unschätzbarem Werte.
- Alles
bietet sich als harmonisches und zweckmäßiges Zusammenwirken dar und ist
der Bewunderung wert.
- Auch
das scheinbar Böse und Üble ist von einem höheren Standpunkte als gut
erkennbar; denn es stellt einen wohltuenden Gegensatz zum Guten dar; wir
können dies um so besser schätzen, wenn es sich von jenem abhebt.
- Auch
ist das Übel kein wahrhaft wirkliches; wir empfinden nur einen geringeren
Grad des Wohles als Übel.
- Das
Übel ist Abwesenheit des Guten; nichts was an sich Bedeutung hat.
- Die
andere Ansicht ist die, welche behauptet: das Leben ist voll Qual und
Elend, die Unlust überwiegt überall die Lust, der Schmerz die Freude.
- Das
Dasein ist eine Last, und das Nichtsein wäre dem Sein unter allen
Umständen vorzuziehen.
- Als
die Hauptvertreter der ersteren Ansicht, des Optimismus, haben wir Shaftesbury
und Leibniz, als die der zweiten, des Pessimismus, Schopenhauer
und Eduard von Hartmann aufzufassen.
- Leibniz
meint, die Welt ist die beste, die es geben kann.
- Eine
bessere ist unmöglich.
- Denn
Gott ist gut und weise.
- Ein
guter Gott will die beste der Welten schaffen; ein weiser kennt sie;
er kann sie von allen anderen möglichen schlechteren unterscheiden.
- Nur
ein böser oder unweiser Gott könnte eine schlechtere als die bestmögliche
Welt schaffen.
- Wer
von diesem Gesichtspunkte ausgeht, wird leicht dem menschlichen Handeln
die Richtung vorzeichnen können, die es einschlagen muß, um zum Besten der
Welt das Seinige beizutragen.
- Der
Mensch wird nur die Ratschlüsse Gottes zu erforschen und sich danach zu
benehmen haben.
- Wenn
er weiß, was Gott mit der Welt und dem Menschengeschlecht für Absichten
hat, dann wird er auch das Richtige tun.
- Und
er wird sich glücklich fühlen, zu dem andern Guten auch das Seinige
hinzuzufügen.
- Vom
optimistischen Standpunkt aus ist also das Leben des Lebens wert.
- Es
muß uns zur mitwirkenden Anteilnahme anregen.
- Anders
stellt sich Schopenhauer die Sache vor.
- Er
denkt sich den Weltengrund nicht als allweises und allgütiges Wesen,
sondern als blinden Drang oder Willen.
- Ewiges
Streben, unaufhörliches Schmachten nach Befriedigung, die doch nie
erreicht werden kann, ist der Grundzug alles Wollens.
- Denn
ist ein erstrebtes Ziel erreicht, so entsteht ein neues Bedürfnis und so
weiter.
- Die
Befriedigung kann immer nur von verschwindend kleiner Dauer sein.
- Der
ganze übrige Inhalt unseres Lebens ist unbefriedigtes Drängen, das ist
Unzufriedenheit, Leiden.
- Stumpft
sich der blinde Drang endlich ab, so fehlt uns jeglicher Inhalt; eine
unendliche Langeweile erfüllt unser Dasein.
- Daher
ist das relativ Beste, Wünsche und Bedürfnisse in sich zu ersticken, das
Wollen zu ertöten.
- Der
Schopenhauersche Pessimismus führt zur Tatenlosigkeit, sein sittliches
Ziel ist Universalfaulheit.
- In
wesentlich anderer Art sucht Hartmann den Pessimismus zu begründen
und für die Ethik auszunutzen.
- Hartmann
sucht, einem Lieblingsstreben unserer Zeit folgend, seine Weltanschauung
auf Erfahrung zu begründen.
- Aus
der Beobachtung des Lebens will er Aufschluß darüber gewinnen, ob
die Lust oder die Unlust in der Welt überwiege.
- Er
läßt, was den Menschen als Gut und Glück erscheint, vor der Vernunft Revue
passieren, um zu zeigen, daß alle vermeintliche Befriedigung bei genauerem
Zusehen sich als Illusion erweist.
- Illusion
ist es, wenn wir glauben, in Gesundheit, Jugend, Freiheit, auskömmlicher
Existenz, Liebe (Geschlechtsgenuß), Mitleid, Freundschaft und
Familienleben, Ehrgefühl, Ehre, Ruhm, Herrschaft, religiöser Erbauung,
Wissenschafts- und Kunstbetrieb, Hoffnung auf jenseitiges Leben,
Beteiligung am Kulturfortschritt — Quellen des Glückes und der
Befriedigung zu haben.
- Vor
einer nüchternen Betrachtung bringt jeder Genuß viel mehr Übel und Elend
als Lust in die Welt.
- Die
Unbehaglichkeit des Katzenjammers ist stets größer als die Behaglichkeit
des Rausches.
- Die
Unlust überwiegt bei weitem in der Welt.
- Kein
Mensch, auch der relativ glücklichste, würde, gefragt, das elende Leben
ein zweites Mal durchmachen wollen.
- Da
nun aber Hartmann die Anwesenheit des Ideellen (der Weisheit) in der Welt
nicht leugnet, ihm vielmehr eine gleiche Berechtigung neben dem blinden
Drange (Willen) zugesteht, so kann er seinem Urwesen die Schöpfung der
Welt nur zumuten, wenn er den Schmerz der Welt in einen weisen Weltzweck
auslaufen läßt.
- Der
Schmerz der Weltwesen sei aber kein anderer als der Gottesschmerz selbst,
denn das Leben der Welt als Ganzes ist identisch mit dem Leben Gottes.
- Ein
allweises Wesen kann aber sein Ziel nur in der Befreiung vom Leid sehen,
und da alles Dasein Leid ist, in der Befreiung vom Dasein.
- Das
Sein in das weit bessere Nichtsein überzuführen, ist der Zweck der
Weltschöpfung.
- Der
Weltprozeß ist ein fortwährendes Ankämpfen gegen den Gottesschmerz, das
zuletzt mit der Vernichtung alles Daseins endet.
- Das
sittliche Leben der Menschen wird also sein: Teilnahme an der Vernichtung
des Daseins.
- Gott
hat die Welt erschaffen, damit er sich durch dieselbe von seinem
unendlichen Schmerze befreie.
- Diese
ist “gewissermaßen wie ein juckender Ausschlag am Absoluten zu
betrachten”, durch den dessen unbewußte Heilkraft sich von einer innern
Krankheit befreit, “oder auch als ein schmerzhaftes Zugpflaster, welches
das all-eine Wesen sich selbst appliziert, um einen innern Schmerz
zunächst nach außen abzulenken und für die Folge zu beseitigen”.
- Die
Menschen sind Glieder der Welt.
- In
ihnen leidet Gott.
- Er
hat sie geschaffen, um seinen unendlichen Schmerz zu zersplittern.
- Der
Schmerz, den jeder einzelne von uns leidet, ist nur ein Tropfen in dem
unendlichen Meere des Gottesschmerzes (Hartmann, Phänomenologie des
sittlichen Bewußtseins, S. 866 ff.).
- Der
Mensch hat sich mit der Erkenntnis zu durchdringen, daß das Jagen nach
individueller Befriedigung (der Egoismus) eine Torheit ist, und hat sich
einzig von der Aufgabe leiten zu lassen, durch selbstlose Hingabe an den
Weltprozeß der Erlösung Gottes sich zu widmen.
- Im
Gegensatz zu dem Schopenhauers führt uns Hartmanns Pessimismus zu einer
hingebenden Tätigkeit für eine erhabene Aufgabe.
- Wie
steht es aber mit der Begründung auf Erfahrung?
- Streben
nach Befriedigung ist Hinausgreifen der Lebenstätigkeit über den
Lebensinhalt.
- Ein
Wesen ist hungrig, das heißt, es strebt nach Sättigung, wenn seine
organischen Funktionen zu ihrem weiteren Verlauf Zuführung neuen
Lebensinhaltes in Form von Nahrungsmitteln verlangen.
- Das
Streben nach Ehre besteht darin, daß der Mensch sein persönliches Tun und
Lassen erst dann für wertvoll ansieht, wenn zu seiner Betätigung die
Anerkennung von außen kommt.
- Das
Streben nach Erkenntnis entsteht, wenn dem Menschen zu der Welt, die er
sehen, hören usw. kann, solange etwas fehlt, als er sie nicht begriffen
hat.
- Die
Erfüllung des Strebens erzeugt in dem strebenden Individuum Lust, die
Nichtbefriedigung Unlust.
- Es
ist dabei wichtig zu beobachten, daß Lust oder Unlust erst von der
Erfüllung oder Nichterfüllung meines Strebens abhängt.
- Das
Streben selbst kann keineswegs als Unlust gelten.
- Wenn
es sich also herausstellt, daß in dem Momente des Erfüllens einer
Bestrebung sich sogleich wieder eine neue einstellt, so darf ich nicht
sagen, die Lust hat für mich Unlust geboren, weil unter allen Umständen
der Genuß das Begehren nach seiner Wiederholung oder nach einer neuen Lust
erzeugt.
- Erst
wenn dieses Begehren auf die Unmöglichkeit seiner Erfüllung stößt, kann
ich von Unlust sprechen.
- Selbst
dann, wenn ein erlebter Genuß in mir das Verlangen nach einem größeren
oder raffinierteren Lusterlebnis erzeugt, kann ich von einer durch die
erste Lust erzeugten Unlust erst in dem Augenblicke sprechen, wenn mir die
Mittel versagt sind, die größere oder raffiniertere Lust zu erleben.
- Nur
dann, wenn als naturgesetzliche Folge des Genusses Unlust eintritt, wie
etwa beim Geschlechtsgenuß des Weibes durch die Leiden des Wochenbettes
und die Mühen der Kinderpflege, kann ich in dem Genuß den Schöpfer des
Schmerzes finden.
- Wenn
Streben als solches Unlust hervorriefe, so müßte jede Beseitigung des
Strebens von Lust begleitet sein.
- Es
ist aber das Gegenteil der Fall.
- Der
Mangel an Streben in unserem Lebensinhalte erzeugt Langeweile, und diese
ist mit Unlust verbunden.
- Da
aber das Streben naturgemäß lange Zeit dauern kann, bevor ihm die
Erfüllung zuteil wird und sich dann vorläufig mit der Hoffnung auf
dieselbe zufriedengibt, so muß anerkannt werden, daß die Unlust mit dem
Streben als solchem gar nichts zu tun hat, sondern lediglich an der
Nichterfüllung desselben hängt.
- Schopenhauer
hat also unter allen Umständen unrecht, wenn er das Begehren oder Streben
(den Willen) an sich für den Quell des Schmerzes hält.
- In
Wahrheit ist sogar das Gegenteil richtig.
- Streben
(Begehren) an sich macht Freude.
- Wer
kennt nicht den Genuß, den die Hoffnung auf ein entferntes, aber stark
begehrtes Ziel bereitet?
- Diese
Freude ist die Begleiterin der Arbeit, deren Früchte uns in Zukunft erst
zuteil werden sollen.
- Diese
Lust ist ganz unabhängig von der Erreichung des Zieles.
- Wenn
dann das Ziel erreicht ist, dann kommt zu der Lust des Strebens die der
Erfüllung als etwas Neues hinzu.
- Wer
aber sagen wollte: zur Unlust durch ein nichtbefriedigtes Ziel kommt auch
noch die über die getäuschte Hoffnung und mache zuletzt die Unlust an der
Nichterfüllung doch größer, als die etwaige Lust an der Erfüllung, dem ist
zu erwidern: es kann auch das Gegenteil der Fall sein; der Rückblick auf
den Genuß in der Zeit des unerfüllten Begehrens wird ebenso oft lindernd
auf die Unlust durch Nichterfüllung wirken.
- Wer
im Anblicke gescheiterter Hoffnungen ausruft: Ich habe das Meinige getan!
der ist ein Beweisobjekt für diese Behauptung.
- Das
beseligende Gefühl, nach Kräften das Beste gewollt zu haben, übersehen
diejenigen, welche an jedes nichterfüllte Begehren die Behauptung knüpfen,
daß nicht nur allein die Freude an der Erfüllung ausgeblieben, sondern
auch der Genuß des Begehrens selbst zerstört ist.
- Erfüllung
eines Begehrens ruft Lust und Nichterfüllung eines solchen Unlust hervor.
- Daraus
darf nicht geschlossen werden: Lust ist Befriedigung eines Begehrens,
Unlust Nichtbefriedigung.
- Sowohl
Lust wie Unlust können sich in einem Wesen einstellen, auch ohne daß sie
Folgen eines Begehrens sind.
- Krankheit
ist Unlust, der kein Begehren vorausgeht.
- Wer
behaupten wollte: Krankheit sei unbefriedigtes Begehren nach Gesundheit,
der beginge den Fehler, daß er den selbstverständlichen und nicht zum
Bewußtsein gebrachten Wunsch, nicht krank zu werden, für ein positives
Begehren hielte.
- Wenn
jemand von einem reichen Verwandten, von dessen Existenz er nicht die
geringste Ahnung hatte, eine Erbschaft macht, so erfüllt ihn diese
Tatsache ohne vorangegangenes Begehren mit Lust.
- Wer
also untersuchen will, ob auf Seite der Lust oder der Unlust ein Überschuß
zu finden ist, der muß in Rechnung bringen: die Lust am Begehren, die an
der Erfüllung des Begehrens, und diejenige, die uns unerstrebt zuteil
wird.
- Auf
die andere Seite des Kontobuches wird zu stehen kommen: Unlust aus
Langeweile, solche aus nicht erfülltem Streben, und endlich solche, die
ohne unser Begehren an uns herantritt.
- Zu
der letzteren Gattung gehört auch die Unlust, die uns aufgedrängte, nicht
selbst gewählte Arbeit verursacht.
- Nun
entsteht die Frage: welches ist das rechte Mittel, um aus diesem Soll und
Haben die Bilanz zu erhalten?
- Eduard
von Hartmann ist der Meinung, daß es die abwägende Vernunft ist.
- Er
sagt zwar (Philosophie des Unbewußten, 7. Auflage II. Band, S. 290):
“Schmerz und Lust sind nur, insofern sie empfunden werden.”
- Hieraus
folgt, daß es für die Lust keinen andern Maßstab gibt als den subjektiven
des Gefühles.
- Ich
muß empfinden, ob die Summe meiner Unlustgefühle zusammengestellt
mit meinen Lustgefühlen in mir einen Überschuß von Freude oder Schmerz
ergibt.
- Dessen
ungeachtet behauptet Hartmann: “Wenn ... der Lebenswert jedes Wesens nur
nach seinem eigenen subjektiven Maßstabe in Anschlag gebracht werden kann
..., so ist doch damit keineswegs gesagt, daß jedes Wesen aus den
sämtlichen Affektionen seines Lebens die richtige algebraische
Summe ziehe, oder mit anderen Worten, daß sein Gesamturteil über
sein eigenes Leben ein in bezug auf seine subjektiven Erlebnisse richtiges
sei.”
- Damit
wird doch wieder die vernunftgemäße Beurteilung des Gefühles zum
Wertschätzer gemacht. (1)
- Fußnoten: (1) Wer ausrechnen will, ob die Gesamtsumme der Lust
oder die der Unlust überwiegt, der beachtet eben nicht, daß er eine
Rechnung anstellt über etwas, das nirgends erlebt wird. Das Gefühl rechnet
nicht, und für die wirkliche Bewertung des Lebens kommt das wirkliche Erlebnis,
nicht das Ergebnis einer erträumten Rechnung in Betracht.
- Wer
sich der Vorstellungsrichtung solcher Denker wie Eduard von Hartmann mehr
oder weniger genau anschließt, der kann glauben, er müsse, um zu einer
richtigen Bewertung des Lebens zu kommen, die Faktoren aus dem Wege
räumen, die unser Urteil über die Lust- und Unlustbilanz
verfälschen.
- Er
kann das auf zwei Wegen zu erreichen suchen.
- Erstens
indem er nachweist, daß unser Begehren (Trieb,
Wille) sich störend in unsere nüchterne Beurteilung des Gefühlswertes
einmischt.
- Während
wir uns zum Beispiel sagen müßten, daß der Geschlechtsgenuß eine Quelle
des Übels ist, verführt uns der Umstand, daß der Geschlechtstrieb in uns
mächtig ist, dazu, uns eine Lust vorzugaukeln, die in dem Maße gar nicht
da ist.
- Wir
wollen genießen; deshalb gestehen wir uns nicht, daß wir unter dem Genusse
leiden.
- Zweitens
indem er die Gefühle einer Kritik unterwirft und
nachzuweisen sucht, daß die Gegenstände, an die sich die Gefühle knüpfen,
vor der Vernunfterkenntnis sich als Illusionen erweisen, und daß sie in
dem Augenblicke zerstört werden, wenn unsere stets wachsende Intelligenz
die Illusionen durchschaut.
- Er
kann sich die Sache folgendermaßen denken.
- Wenn
ein Ehrgeiziger sich darüber klar werden will, ob bis zu dem Augenblicke,
in dem er seine Betrachtung anstellt, die Lust oder die Unlust den
überwiegenden Anteil an seinem Leben gehabt hat, dann muß er sich von zwei
Fehlerquellen bei seiner Beurteilung frei machen.
- Da
er ehrgeizig ist, wird dieser Grundzug seines Charakters ihm die Freuden
über Anerkennung seiner Leistungen durch ein Vergrößerungsglas, die
Kränkungen durch Zurücksetzungen aber durch ein Verkleinerungsglas zeigen.
- Damals,
als er die Zurücksetzungen erfuhr, fühlte er die Kränkungen, gerade weil
er ehrgeizig ist; in der Erinnerung erscheinen sie in milderem Lichte,
während sich die Freuden über Anerkennungen, für die er so zugänglich ist,
um so tiefer einprägen.
- Nun
ist es zwar für den Ehrgeizigen eine wahre Wohltat, daß es so ist.
- Die
Täuschung vermindert sein Unlustgefühl in dem Augenblicke der
Selbstbeobachtung.
- Dennoch
ist seine Beurteilung eine falsche.
- Die
Leiden, über die sich ihm ein Schleier breitet, hat er wirklich
durchmachen müssen in ihrer ganzen Stärke, und er setzt sie somit in das
Kontobuch seines Lebens tatsächlich falsch ein.
- Um
zu einem richtigen Urteile zu kommen, müßte der Ehrgeizige für den Moment
seiner Betrachtung sich seines Ehrgeizes entledigen.
- Er
müßte ohne Gläser vor seinem geistigen Auge sein bisher abgelaufenes Leben
betrachten.
- Er
gleicht sonst dem Kaufmanne, der beim Abschluß seiner Bücher seinen
Geschäftseifer mit auf die Einnahmeseite setzt.
- Er
kann aber noch weiter gehen.
- Er
kann sagen: Der Ehrgeizige wird sich auch klarmachen, daß die
Anerkennungen, nach denen er jagt, wertlose Dinge sind.
- Er
wird selbst zur Einsicht kommen, oder von andern dazu gebracht werden, daß
einem vernünftigen Menschen an der Anerkennung von seiten der Menschen
nichts liegen könne, da man ja “in allen solchen Sachen, die nicht
Lebensfragen der Entwickelung, oder gar von der Wissenschaft schon
endgültig gelöst sind”, immer darauf schwören kann, “daß die Majoritäten
unrecht und die Minoritäten recht haben”.
- “Einem
solchen Urteile gibt derjenige sein Lebensglück in die Hände, welcher den
Ehrgeiz zu seinem Leitstern macht.” (Philosophie des Unbewußten, II.
Band, S. 332.)
- Wenn
sich der Ehrgeizige das alles sagt, dann muß er als eine Illusion
bezeichnen, was ihm sein Ehrgeiz als Wirklichkeit vorgestellt hat, folglich
auch die Gefühle, die sich an die entsprechenden Illusionen seines
Ehrgeizes knüpfen.
- Aus
diesem Grunde könnte dann gesagt werden: es muß auch noch das aus dem
Konto der Lebenswerte gestrichen werden, was sich an Lustgefühlen aus
Illusionen ergibt; was dann übrig bleibt, stelle die illusionsfreie
Lustsumme des Lebens dar, und diese sei gegen die Unlustsumme so klein,
daß das Leben kein Genuß, und Nichtsein dem Sein vorzuziehen sei.
- Aber
während es unmittelbar einleuchtend ist, daß die durch Einmischung des
ehrgeizigen Triebes bewirkte Täuschung bei Aufstellung der Lustbilanz ein
falsches Resultat bewirkt, muß das von der Erkenntnis des illusorischen
Charakters der Gegenstände der Lust Gesagte jedoch bestritten werden.
- Ein
Ausscheiden aller an wirkliche oder vermeintliche Illusionen sich
knüpfenden Lustgefühle von der Lustbilanz des Lebens würde die letztere
geradezu verfälschen.
- Denn
der Ehrgeizige hat über die Anerkennung der Menge wirklich seine Freude
gehabt, ganz gleichgültig, ob er selbst später, oder ein anderer diese
Anerkennung als Illusion erkennt.
- Damit
wird die genossene freudige Empfindung nicht um das geringste kleiner
gemacht.
- Die
Ausscheidung aller solchen “illusorischen” Gefühle aus der Lebensbilanz stellt
nicht etwa unser Urteil über die Gefühle richtig, sondern löscht wirklich
vorhandene Gefühle aus dem Leben aus.
- Und
warum sollen diese Gefühle ausgeschieden werden?
- Wer
sie hat, bei dem sind sie eben lustbereitend; wer sie überwunden hat, bei
dem tritt durch das Erlebnis der Überwindung (nicht durch die
selbstgefällige Empfindung: Was bin ich doch für ein Mensch! — sondern
durch die objektiven Lustquellen, die in der Überwindung liegen) eine
allerdings vergeistigte, aber darum nicht minder bedeutsame Lust ein.
- Wenn
Gefühle aus der Lustbilanz gestrichen werden, weil sie sich an Gegenstände
heften, die sich als Illusionen entpuppen, so wird der Wert des Lebens
nicht von der Menge der Lust, sondern von der Qualität der Lust und diese
von dem Werte der die Lust verursachenden Dinge abhängig gemacht.
- Wenn
ich den Wert des Lebens aber erst aus der Menge der Lust oder Unlust
bestimmen will, das es mir bringt, dann darf ich nicht etwas anderes
voraussetzen, wodurch ich erst wieder den Wert oder Unwert der Lust
bestimme.
- Wenn
ich sage: ich will die Lustmenge mit der Unlustmenge vergleichen und
sehen, welche größer ist, dann muß ich auch alle Lust und Unlust in ihren
wirklichen Größen in Rechnung bringen, ganz abgesehen davon, ob ihnen eine
Illusion zugrunde liegt oder nicht.
- Wer
einer auf Illusion beruhenden Lust einen geringeren Wert für das Leben
zuschreibt, als einer solchen, die sich vor der Vernunft rechtfertigen
läßt, der macht eben den Wert des Lebens noch von anderen Faktoren
abhängig als von der Lust.
- Wer
die Lust deshalb geringer veranschlägt, weil sie sich an einen eitlen
Gegenstand knüpft, der gleicht einem Kaufmanne, der das bedeutende
Erträgnis einer Spielwarenfabrik deshalb mit dem Viertel des Betrages in
sein Konto einsetzt, weil in derselben Gegenstände zur Tändelei für Kinder
produziert werden.
- Wenn
es sich bloß darum handelt, die Lust- und Unlustmenge gegeneinander
abzuwägen, dann ist also der illusorische Charakter der Gegenstände
gewisser Lustempfindungen völlig aus dem Spiele zu lassen.
- Der
von Hartmann empfohlene Weg vernünftiger Betrachtung der vom Leben
erzeugten Lust- und Unlustmenge hat uns also bisher so weit geführt, daß
wir wissen, wie wir die Rechnung aufzustellen haben, was wir auf die eine,
was auf die andere Seite unseres Kontobuches zu setzen haben.
- Wie
soll aber nun die Rechnung gemacht werden?
- Ist
die Vernunft auch geeignet, die Bilanz zu bestimmen?
- Der
Kaufmann hat in seiner Rechnung einen Fehler gemacht, wenn der berechnete
Gewinn sich mit den durch das Geschäft nachweislich genossenen oder
noch zu genießenden Gütern nicht deckt.
- Auch
der Philosoph wird unbedingt einen Fehler in seiner Beurteilung gemacht
haben, wenn er den etwa ausgeklügelten Überschuß an Lust beziehungsweise
Unlust in der Empfindung nicht nachweisen kann.
- Ich
will vorläufig die Rechnung der auf vernunftgemäße Weltbetrachtung sich
stütz enden Pessimisten nicht kontrollieren; wer aber sich entscheiden
soll, ob er das Lebensgeschäft weiterführen soll oder nicht, der wird erst
den Nachweis verlangen, wo der berechnete Überschuß an Unlust steckt.
- Hiermit
haben wir den Punkt berührt, wo die Vernunft nicht in der Lage ist,
den Überschuß an Lust oder Unlust allein von sich aus zu bestimmen,
sondern wo sie diesen Überschuß im Leben als Wahrnehmung zeigen muß.
- Nicht
in dem Begriff allein, sondern in dem durch das Denken vermittelten
Ineinandergreifen von Begriff und Wahrnehmung (und Gefühl ist Wahrnehmung)
ist dem Menschen das Wirkliche erreichbar (vgl. S. 88 ff.).
- Der
Kaufmann wird ja auch sein Geschäft erst dann aufgeben, wenn der von
seinem Buchhalter berechnete Verlust an Gütern sich durch die Tatsachen
bestätigt.
- Wenn
das nicht der Fall ist, dann läßt er den Buchhalter die Rechnung nochmals
machen.
- Genau
in derselben Weise wird es der im Leben stehende Mensch machen.
- Wenn
der Philosoph ihm beweisen will, daß die Unlust weit größer ist als die
Lust, er jedoch das nicht empfindet, dann wird er sagen: du hast dich in
deinem Grübeln geirrt, denke die Sache nochmals durch.
- Sind
aber in einem Geschäfte zu einem bestimmten Zeitpunkte wirklich solche
Verluste vorhanden, daß kein Kredit mehr ausreicht, um die Gläubiger zu
befriedigen, so tritt auch dann der Bankerott ein, wenn der Kaufmann es
vermeidet, durch Führung der Bücher Klarheit über seine Angelegenheiten zu
haben.
- Ebenso
müßte es, wenn das Unlustquantum bei einem Menschen in einem bestimmten
Zeitpunkte so groß würde, daß keine Hoffnung (Kredit) auf künftige Lust
ihn über den Schmerz hinwegsetzen könnte, zum Bankerott des
Lebensgeschäftes führen.
- Nun
ist aber die Zahl der Selbstmörder doch eine relativ geringe im Verhältnis
zu der Menge derjenigen, die mutig weiterleben.
- Die
wenigsten Menschen stellen das Lebensgeschäft der vorhandenen Unlust
willen ein.
- Was
folgt daraus?
- Entweder,
daß es nicht richtig ist, zu sagen, die Unlustmenge sei größer als die
Lustmenge, oder daß wir unser Weiterleben gar nicht von der empfundenen
Lust- oder Unlustmenge abhängig machen.
- Auf
eine ganz eigenartige Weise kommt der Pessimismus Eduard von Hartmanns
dazu, das Leben wertlos zu erklären, weil darinnen der Schmerz überwiegt,
und doch die Notwendigkeit zu behaupten, es durchzumachen.
- Diese
Notwendigkeit liegt darin, daß der oben (S. 207 f.) angegebene Weltzweck nur durch
rastlose, hingebungsvolle Arbeit der Menschen erreicht werden kann.
- Solange
aber die Menschen noch ihren egoistischen Gelüsten nachgehen, sind sie zu
solcher selbstlosen Arbeit untauglich.
- Erst
wenn sie sich durch Erfahrung und Vernunft überzeugt haben, daß die vom
Egoismus erstrebten Lebensgenüsse nicht erlangt werden können, widmen sie
sich ihrer eigentlichen Aufgabe.
- Auf
diese Weise soll die pessimistische Überzeugung der Quell der
Selbstlosigkeit sein.
- Eine
Erziehung auf Grund des Pessimismus soll den Egoismus dadurch ausrotten,
daß sie ihm seine Aussichtslosigkeit vor Augen stellt.
- Nach
dieser Ansicht liegt also das Streben nach Lust ursprünglich in der
Menschennatur begründet.
- Nur
aus Einsicht in die Unmöglichkeit der Erfüllung dankt dieses Streben
zugunsten höherer Menschheitsaufgaben ab.
- Von
der sittlichen Weltanschauung, die von der Anerkennung des Pessimismus die
Hingabe an unegoistische Lebensziele erhofft, kann nicht gesagt werden,
daß sie den Egoismus im wahren Sinne des Wortes überwinde.
- Die
sittlichen Ideale sollen erst dann stark genug sein, sich des Willens zu
bemächtigen, wenn der Mensch eingesehen hat, daß das selbstsüchtige
Streben nach Lust zu keiner Befriedigung führen kann.
- Der
Mensch, dessen Selbstsucht nach den Trauben der Lust begehrt, findet sie
sauer, weil er sie nicht erreichen kann: er geht von ihnen und widmet sich
einem selbstlosen Lebenswandel.
- Die
sittlichen Ideale sind, nach der Meinung der Pessimisten, nicht stark
genug, den Egoismus zu überwinden; aber sie errichten ihre Herrschaft auf
dem Boden, den ihnen vorher die Erkenntnis von der Aussichtslosigkeit der
Selbstsucht frei gemacht hat.
- Wenn
die Menschen ihrer Naturanlage nach die Lust erstrebten, sie aber
unmöglich erreichen können, dann wäre Vernichtung des Daseins und Erlösung
durch das Nichtsein das einzig vernünftige Ziel.
- Und
wenn man der Ansicht ist, daß der eigentliche Träger des Weltschmerzes
Gott sei, so müßten die Menschen es sich zur Aufgabe machen, die Erlösung
Gottes herbeizuführen.
- Durch
den Selbstmord des einzelnen wird die Erreichung dieses Zieles nicht
gefördert, sondern beeinträchtigt.
- Gott
kann vernünftigerweise die Menschen nur geschaffen haben, damit sie durch
ihr Handeln seine Erlösung herbeiführen.
- Sonst
wäre die Schöpfung zwecklos.
- Und
an außermenschliche Zwecke denkt eine solche Weltansicht.
- Jeder
muß in dem allgemeinen Erlösungswerke seine bestimmte Arbeit verrichten.
- Entzieht
er sich derselben durch den Selbstmord, so muß die ihm zugedachte Arbeit
von einem andern verrichtet werden.
- Dieser
muß statt ihm die Daseinsqual ertragen.
- Und
da in jedem Wesen Gott steckt als der eigentliche Schmerzträger, so hat
der Selbstmörder die Menge des Gottesschmerzes nicht im geringsten
vermindert, vielmehr Gott die neue Schwierigkeit auferlegt, für ihn einen
Ersatzmann zu schaffen.
- Dies
alles setzt voraus, daß die Lust ein Wertmaßstab für das Leben sei.
- Das
Leben äußert sich durch eine Summe von Trieben (Bedürfnissen).
- Wenn
der Wert des Lebens davon abhinge, ob es mehr Lust oder Unlust bringt,
dann ist der Trieb als wertlos zu bezeichnen, der seinem Träger einen
Überschuß der letzteren einträgt.
- Wir
wollen einmal Trieb und Lust daraufhin ansehen, ob der erste durch die
zweite gemessen werden kann.
- Um
nicht den Verdacht zu erwecken, das Leben erst mit der Sphäre der
“Geistesaristokratie” anfangen zu lassen, beginnen wir mit einem “rein
tierischen” Bedürfnis, dem Hunger.
- Der
Hunger entsteht, wenn unsere Organe ohne neue Stoffzufuhr nicht weiter
ihrem Wesen gemäß funktionieren können.
- Was
der Hungrige zunächst erstrebt, ist die Sättigung.
- Sobald
die Nahrungszufuhr in dem Maße erfolgt ist, daß der Hunger aufhört, ist
alles erreicht, was der Ernährungstrieb erstrebt.
- Der
Genuß, der sich an die Sättigung knüpft, besteht fürs erste in der
Beseitigung des Schmerzes, den der Hunger bereitet.
- Zu
dem bloßen Ernährungstriebe tritt ein anderes Bedürfnis.
- Der
Mensch will durch die Nahrungsaufnahme nicht bloß seine gestörten
Organfunktionen wieder in Ordnung bringen, beziehungsweise den Schmerz des
Hungers überwinden: er sucht dies auch unter Begleitung angenehmer
Geschmacksempfindungen zu bewerkstelligen.
- Er
kann sogar, wenn er Hunger hat und eine halbe Stunde vor einer
genußreichen Mahlzeit steht, es vermeiden, durch minderwertige Kost, die
ihn früher befriedigen könnte, sich die Lust für das Bessere zu verderben.
- Er
braucht den Hunger, um von seiner Mahlzeit den vollen Genuß zu haben.
- Dadurch
wird ihm der Hunger zugleich zum Veranlasser der Lust.
- Wenn
nun aller in der Welt vorhandene Hunger gestillt werden könnte, dann
ergäbe sich die volle Genußmenge, die dem Vorhandensein des
Nahrungsbedürfnisses zu verdanken ist.
- Hinzuzurechnen
wäre noch der besondere Genuß, den Leckermäuler durch eine über das
Gewöhnliche hinausgehende Kultur ihrer Geschmacksnerven erzielen.
- Den
denkbar größten Wert hätte diese Genußmenge, wenn kein auf die in Betracht
kommende Genußart hinzielendes Bedürfnis unbefriedigt bliebe, und wenn mit
dem Genuß nicht zugleich eine gewisse Menge Unlust in den Kauf genommen
werden müßte.
- Die
moderne Naturwissenschaft ist der Ansicht, daß die Natur mehr Leben
erzeugt, als sie erhalten kann, das heißt, auch mehr Hunger hervorbringt,
als sie zu befriedigen in der Lage ist.
- Der
Überschuß an Leben, der erzeugt wird, muß unter Schmerzen im Kampf ums
Dasein zugrunde gehen.
- Zugegeben:
die Lebensbedürfnisse seien in jedem Augenblicke des Weltgeschehens
größer, als den vorhandenen Befriedigungsmitteln entspricht, und der
Lebensgenuß werde dadurch beeinträchtigt.
- Der
wirklich vorhandene einzelne Lebensgenuß wird aber nicht um das geringste
kleiner gemacht.
- Wo
Befriedigung des Begehrens eintritt, da ist die entsprechende Genußmenge
vorhanden, auch wenn es in dem begehrenden Wesen selbst oder in andern
daneben eine reiche Zahl unbefriedigter Triebe gibt.
- Was
aber dadurch vermindert wird, ist der Wert des Lebensgenusses.
- Wenn
nur ein Teil der Bedürfnisse eines Lebewesens Befriedigung findet, so hat
dieses einen dementsprechenden Genuß.
- Dieser
hat einen um so geringeren Wert, je kleiner er ist im Verhältnis zur
Gesamtforderung des Lebens im Gebiete der in Frage kommenden Begierden.
- Man
kann sich diesen Wert durch einen Bruch dargestellt denken, dessen Zähler
der wirklich vorhandene Genuß und dessen Nenner die Bedürfnissumme ist.
- Der
Bruch hat den Wert 1, wenn Zähler und Nenner gleich sind, das heißt, wenn
alle Bedürfnisse auch befriedigt werden.
- Er
wird größer als 1, wenn in einem Lebewesen mehr Lust vorhanden ist, als
seine Begierden fordern; und er ist kleiner als 1, wenn die Genußmenge
hinter der Summe der Begierden zurückbleibt.
- Der
Bruch kann aber nie Null werden, solange der Zähler auch nur den
geringsten Wert hat.
- Wenn
ein Mensch vor seinem Tode den Rechnungsabschluß machte, und die auf einen
bestimmten Trieb (zum Beispiel den Hunger) kommende Menge des Genusses
sich über das ganze Leben mit allen Forderungen dieses Triebes verteilt
dächte, so hätte die erlebte Lust vielleicht nur einen geringen Wert;
wertlos aber kann sie nie werden.
- Bei
gleichbleibender Genußmenge nimmt mit der Vermehrung der Bedürfnisse eines
Lebewesens der Wert der Lebenslust ab.
- Ein
gleiches gilt für die Summe alles Lebens in der Natur.
- Je
größer die Zahl der Lebewesen ist im Verhältnis zu der Zahl derer, die
volle Befriedigung ihrer Triebe finden können, desto geringer ist der
durchschnittliche Lustwert des Lebens.
- Die
Wechsel auf den Lebensgenuß, die uns in unseren Trieben ausgestellt sind,
werden eben billiger, wenn man nicht hoffen kann, sie für den vollen
Betrag einzulösen.
- Wenn
ich drei Tage lang genug zu essen habe und dafür dann weitere drei Tage
hungern muß, so wird der Genuß an den drei Eßtagen dadurch nicht geringer.
- Aber
ich muß mir ihn dann auf sechs Tage verteilt denken, wodurch sein Wert für
meinen Ernährungstrieb auf die Hälfte herabgemindert wird.
- Ebenso
verhält es sich mit der Größe der Lust im Verhältnis zum Grade meines
Bedürfnisses.
- Wenn
ich Hunger für zwei Butterbrote habe, und nur eines bekommen kann, so hat
der aus dem einen gezogene Genuß nur die Hälfte des Wertes, den er haben
würde, wenn ich nach der Aufzehrung satt wäre.
- Dies
ist die Art, wie im Leben der Wert einer Lust bestimmt wird.
- Sie
wird bemessen an den Bedürfnissen des Lebens.
- Unsere
Begierden sind der Maßstab; die Lust ist das Gemessene.
- Der
Sättigungsgenuß erhält nur dadurch einen Wert, daß Hunger vorhanden ist;
und er erhält einen Wert von bestimmter Größe durch das Verhältnis, in dem
er zu der Größe des vorhandenen Hungers steht.
- Unerfüllte
Forderungen unseres Lebens werfen ihre Schatten auch auf die befriedigten
Begierden und beeinträchtigen den Wert genußreicher Stunden.
- Man
kann aber auch von dem gegenwärtigen Wert eines Lustgefühles
sprechen.
- Dieser
Wert ist um so geringer, je kleiner die Lust im Verhältnis zur Dauer und
Stärke unserer Begierde ist.
- Vollen
Wert hat für uns eine Lustmenge, die an Dauer und Grad genau mit unserer
Begierde übereinstimmt.
- Eine
gegenüber unserem Begehren kleinere Lustmenge vermindert den Lustwert;
eine größere erzeugt einen nicht verlangten Überschuß, der nur so lange
als Lust empfunden wird, als wir während des Genießens unsere Begierde zu
steigern vermögen.
- Sind
wir nicht imstande, in der Steigerung unseres Verlangens mit der
zunehmenden Lust gleichen Schritt zu halten, so verwandelt sich die Lust
in Unlust.
- Der
Gegenstand, der uns sonst befriedigen würde, stürmt auf uns ein, ohne daß
wir es wollen, und wir leiden darunter.
- Dies
ist ein Beweis dafür, daß die Lust nur so lange für uns einen Wert hat,
als wir sie an unserer Begierde messen können.
- Ein
Übermaß von angenehmem Gefühl schlägt in Schmerz um.
- Wir
können das besonders bei Menschen beobachten, deren Verlangen nach
irgendeiner Art von Lust sehr gering ist.
- Leuten,
deren Nahrungstrieb abgestumpft ist, wird das Essen leicht zum Ekel.
- Auch
daraus geht hervor, daß die Begierde der Wertmesser der Lust ist.
- Nun
kann der Pessimismus sagen: der unbefriedigte Nahrungstrieb bringe nicht
nur die Unlust über den entbehrten Genuß, sondern positive Schmerzen, Qual
und Elend in die Welt.
- Er
kann sich hierbei berufen auf das namenlose Elend der von Nahrungssorgen
heimgesuchten Menschen; auf die Summe von Unlust, die solchen Menschen
mittelbar aus dem Nahrungsmangel erwächst.
- Und
wenn er seine Behauptung auch auf die außermenschliche Natur anwenden
will, kann er hinweisen auf die Qualen der Tiere, die in gewissen
Jahreszeiten aus Nahrungsmangel verhungern.
- Von
diesen Übeln behauptet der Pessimist, daß sie die durch den Nahrungstrieb
in die Welt gesetzte Genußmenge reichlich überwiegen.
- Es
ist ja zweifellos, daß man Lust und Unlust miteinander
vergleichen und den Überschuß der einen oder der andern bestimmen kann,
wie das bei Gewinn und Verlust geschieht.
- Wenn
aber der Pessimismus glaubt, daß auf Seite der Unlust sich ein Überschuß
ergibt, und er daraus auf die Wertlosigkeit des Lebens schließen zu können
meint, so ist er schon insofern im Irrtum, als er eine Rechnung macht, die
im wirklichen Leben nicht ausgeführt wird.
- Unsere
Begierde richtet sich im einzelnen Falle auf einen bestimmten Gegenstand.
- Der
Lustwert der Befriedigung wird, wie wir gesehen haben, um so größer sein,
je größer die Lustmenge im Verhältnis zur Größe unseres Begehrens ist. (2)
- Von
der Größe unseres Begehrens hängt es aber auch ab, wie groß die Menge der
Unlust ist, die wir mit in Kauf nehmen wollen, um die Lust zu erreichen.
- Wir
vergleichen die Menge der Unlust nicht mit der der Lust, sondern mit der
Größe unserer Begierde.
- Wer
große Freude am Essen hat, der wird wegen des Genusses in besseren Zeiten
sich leichter über eine Periode des Hungers hinweghelfen, als ein anderer,
dem diese Freude an der Befriedigung des Nahrungstriebes fehlt.
- Das
Weib, das ein Kind haben will, vergleicht nicht die Lust, die ihm aus
dessen Besitz erwächst, mit den Unlustmengen, die aus Schwangerschaft,
Kindbett, Kinderpflege und so weiter sich ergeben, sondern mit seiner
Begierde nach dem Besitz des Kindes.
- Fußnoten: (2) Von dem Falle, wo durch übermäßige Steigerung
der Lust diese in Unlust umschlägt, sehen wir hier ab.
- Wir
erstreben niemals eine abstrakte Lust von bestimmter Größe, sondern die
konkrete Befriedigung in einer ganz bestimmten Weise.
- Wenn
wir nach einer Lust streben, die durch einen bestimmten Gegenstand oder
eine bestimmte Empfindung befriedigt werden muß, so können wir nicht
dadurch befriedigt werden, daß uns ein anderer Gegenstand oder eine andere
Empfindung zuteil wird, die uns eine Lust von gleicher Größe bereitet.
- Wer
nach Sättigung strebt, dem kann man die Lust an derselben nicht durch eine
gleich große, aber durch einen Spaziergang erzeugte ersetzen.
- Nur
wenn unsere Begierde ganz allgemein nach einem bestimmten Lustquantum
strebte, dann müßte sie sofort verstummen, wenn diese Lust nicht ohne ein
sie an Größe überragendes Unlustquantum zu erreichen wäre.
- Da
aber die Befriedigung auf eine bestimmte Art erstrebt wird, so tritt die
Lust mit der Erfüllung auch dann ein, wenn mit ihr eine sie überwiegende
Unlust in Kauf genommen werden muß.
- Dadurch,
daß sich die Triebe der Lebewesen in einer bestimmten Richtung bewegen und
auf ein konkretes Ziel losgehen, hört die Möglichkeit auf, die auf dem
Wege zu diesem Ziele sich entgegenstellende Unlustmenge als
gleichgeltenden Faktor mit in Rechnung zu bringen.
- Wenn
die Begierde nur stark genug ist, um nach Überwindung der Unlust — und sei
sie absolut genommen noch so groß — noch in irgendeinem Grade vorhanden zu
sein, so kann die Lust an der Befriedigung doch noch in voller Größe
durchgekostet werden.
- Die
Begierde bringt also die Unlust nicht direkt in Beziehung zu der
erreichten Lust, sondern indirekt, indem sie ihre eigene Größe (im
Verhältnis) zu der der Unlust in eine Beziehung bringt.
- Nicht
darum handelt es sich, ob die zu erreichende Lust oder Unlust größer ist,
sondern darum, ob die Begierde nach dem erstrebten Ziele oder der
Widerstand der entgegentretenden Unlust größer ist.
- Ist
dieser Widerstand größer als die Begierde, dann ergibt sich die letztere
in das Unvermeidliche, erlahmt und strebt nicht weiter.
- Dadurch,
daß Befriedigung in einer bestimmten Art verlangt wird, gewinnt die mit
ihr zusammenhängende Lust eine Bedeutung, die es ermöglicht, nach
eingetretener Befriedigung das notwendige Unlustquantum nur insofern in
die Rechnung einzustellen, als es das Maß unserer Begierde verringert hat.
- Wenn
ich ein leidenschaftlicher Freund von Fernsichten bin, so berechne ich
niemals: wieviel Lust macht mir der Blick von dem Berggipfel aus, direkt
verglichen mit der Unlust des mühseligen Auf- und Abstiegs.
- Ich
überlege aber: ob nach Überwindung der Schwierigkeiten meine Begierde nach
der Fernsicht noch lebhaft genug sein wird.
- Nur
mittelbar durch die Größe der Begierde können Lust und Unlust zusammen ein
Ergebnis liefern.
- Es
fragt sich also gar nicht, ob Lust oder Unlust im Übermaße vorhanden ist,
sondern ob das Wollen der Lust stark genug ist, die Unlust zu überwinden.
- Ein
Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung ist der Umstand, daß der Wert
der Lust höher angeschlagen wird, wenn sie durch große Unlust erkauft
werden muß, als dann, wenn sie uns gleichsam wie ein Geschenk des Himmels
in den Schoß fällt.
- Wenn
Leiden und Qualen unsere Begierde herabgestimmt haben, und dann das Ziel
doch noch erreicht wird, dann ist eben die Lust im Verhältnis zu
dem noch übriggebliebenen Quantum der Begierde um so größer.
- Dieses
Verhältnis stellt aber, wie ich gezeigt habe, den Wert der Lust dar (vgl. S. 221 f.).
- Ein
weiterer Beweis ist dadurch gegeben, daß die Lebewesen (einschließlich des
Menschen) ihre Triebe so lange zur Entfaltung bringen, als sie imstande
sind, die entgegenstehenden Schmerzen und Qualen zu ertragen.
- Und
der Kampf ums Dasein ist nur die Folge dieser Tatsache.
- Das
vorhandene Leben strebt nach Entfaltung, und nur derjenige Teil gibt den
Kampf auf, dessen Begierden durch die Gewalt der sich auftürmenden
Schwierigkeiten erstickt werden.
- Jedes
Lebewesen sucht so lange nach Nahrung, bis der Nahrungsmangel sein Leben
zerstört.
- Und
auch der Mensch legt erst Hand an sich selber, wenn er (mit Recht oder
Unrecht) glaubt, die ihm erstrebenswerten Lebensziele nicht erreichen zu
können.
- Solange
er aber noch an die Möglichkeit glaubt, das nach seiner Ansicht
Erstrebenswerte zu erreichen, kämpft er gegen alle Qualen und Schmerzen
an.
- Die
Philosophie müßte dem Menschen erst die Meinung beibringen, daß Wollen nur
dann einen Sinn hat, wenn die Lust größer als die Unlust ist; seiner Natur
nach will er die Gegenstände seines Begehrens erreichen, wenn er die dabei
notwendig werdende Unlust ertragen kann, sei sie dann auch noch so groß.
- Eine
solche Philosophie wäre aber irrtümlich, weil sie das menschliche Wollen
von einem Umstande abhängig macht (Überschuß der Lust über die Unlust),
der dem Menschen ursprünglich fremd ist.
- Der
ursprüngliche Maßstab des Wollens ist die Begierde, und diese setzt sich
durch, solange sie kann.
- Man
kann die Rechnung, welche das Leben, nicht eine verstandesmäßige
Philosophie, anstellt, wenn Lust und Unlust bei Befriedigung eines
Begehrens in Frage kommen, mit dem folgenden vergleichen.
- Wenn
ich gezwungen bin, beim Einkaufe eines bestimmten Quantums Apfel doppelt
so viele schlechte als gute mitzunehmen — weil der Verkäufer seinen Platz
frei bekommen will — so werde ich mich keinen Moment besinnen, die
schlechten Apfel mitzunehmen, wenn ich den Wert der geringeren Menge guter
für mich so hoch veranschlagen darf, daß ich zu dem Kaufpreis auch noch
die Auslagen für Hinwegschaffung der schlechten Ware auf mich nehmen will.
- Dies
Beispiel veranschaulicht die Beziehung zwischen den durch einen Trieb
bereiteten Lust- und Unlustmengen.
- Ich
bestimme den Wert der guten Apfel nicht dadurch, daß ich ihre Summe von
der der schlechten subtrahiere, sondern danach, ob die ersteren trotz des
Vorhandenseins der letzteren noch einen Wert behalten.
- Ebenso
wie ich bei dem Genuß der guten Apfel die schlechten unberücksichtigt
lasse, so gebe ich mich der Befriedigung einer Begierde hin, nachdem ich
die notwendigen Qualen abgeschüttelt habe.
- Wenn
der Pessimismus auch recht hätte mit seiner Behauptung, daß in der Welt
mehr Unlust als Lust vorhanden ist: auf das Wollen wäre das ohne Einfluß,
denn die Lebewesen streben nach der übrigbleibenden Lust doch.
- Der
empirische Nachweis, daß der Schmerz die Freude überwiegt, wäre, wenn er
gelänge, zwar geeignet, die Aussichtslosigkeit jener philosophischen
Richtung zu zeigen, die den Wert des Lebens in dem Überschuß der Lust
sieht (Eudämonismus), nicht aber das Wollen überhaupt als unvernünftig
hinzustellen; denn dieses geht nicht auf einen Überschuß von Lust, sondern
auf die nach Abzug der Unlust noch übrigbleibende Lustmenge.
- Diese
erscheint noch immer als ein erstrebenswertes Ziel.
- Man
hat den Pessimismus dadurch zu widerlegen versucht, daß man behauptete, es
sei unmöglich, den Überschuß von Lust oder Unlust in der Welt
auszurechnen.
- Die
Möglichkeit einer jeden Berechnung beruht darauf, daß die in Rechnung zu
stellenden Dinge ihrer Größe nach miteinander verglichen werden können.
- Nun
hat jede Unlust und jede Lust eine bestimmte Größe (Stärke und Dauer).
- Auch
Lustempfindungen verschiedener Art können wir ihrer Größe nach wenigstens
schätzungsweise vergleichen.
- Wir
wissen, ob uns eine gute Zigarre oder ein guter Witz mehr Vergnügen macht.
- Gegen
die Vergleichbarkeit verschiedener Lust- und Unlustsorten, ihrer Größe
nach, läßt sich somit nichts einwenden.
- Und
der Forscher, der es sich zur Aufgabe macht, den Lust- oder
Unlustüberschuß in der Welt zu bestimmen, geht von durchaus berechtigten
Voraussetzungen aus.
- Man
kann die Irrtümlichkeit der pessimistischen Resultate behaupten, aber man
darf die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Abschätzung der Lust- und
Unlustmengen und damit die Bestimmung der Lustbilanz nicht anzweifeln.
- Unrichtig
aber ist es, wenn behauptet wird, daß aus dem Ergebnisse dieser Rechnung
für das menschliche Wollen etwas folge.
- Die
Fälle, wo wir den Wert unserer Betätigung wirklich davon abhängig machen,
ob die Lust oder die Unlust einen Überschuß zeigt, sind die, in denen uns
die Gegenstände, auf die unser Tun sich richtet, gleichgültig sind.
- Wenn
es sich mir darum handelt, nach meiner Arbeit mir ein Vergnügen durch ein
Spiel oder eine leichte Unterhaltung zu bereiten, und es mir völlig
gleichgültig ist, was ich zu diesem Zwecke tue, so frage ich mich: was
bringt mir den größten Überschuß an Lust?
- Und
ich unterlasse eine Betätigung unbedingt, wenn sich die Waage nach der
Unlustseite hin neigt.
- Bei
einem Kinde, dem wir ein Spielzeug kaufen wollen, denken wir bei der Wahl
nach, was ihm die meiste Freude bereitet.
- In
allen anderen Fällen bestimmen wir uns nicht ausschließlich nach der
Lustbilanz.
- Wenn
also die pessimistischen Ethiker der Ansicht sind, durch den Nachweis, daß
die Unlust in größerer Menge vorhanden ist als die Lust, den Boden für die
selbstlose Hingabe an die Kulturarbeit zu bereiten, so bedenken sie nicht,
daß sich das menschliche Wollen seiner Natur nach von dieser Erkenntnis
nicht beeinflussen läßt.
- Das
Streben der Menschen richtet sich nach dem Maße der nach Überwindung aller
Schwierigkeiten möglichen Befriedigung.
- Die
Hoffnung auf diese Befriedigung ist der Grund der menschlichen Betätigung.
- Die
Arbeit jedes einzelnen und die ganze Kulturarbeit entspringt aus dieser
Hoffnung.
- Die
pessimistische Ethik glaubt dem Menschen die Jagd nach dem Glücke als eine
unmögliche hinstellen zu müssen, damit er sich seinen eigentlichen
sittlichen Aufgaben widme.
- Aber
diese sittlichen Aufgaben sind nichts anderes als die konkreten
natürlichen und geistigen Triebe; und die Befriedigung derselben wird
angestrebt trotz der Unlust, die dabei abfällt.
- Die
Jagd nach dem Glücke, die der Pessimismus ausrotten will, ist also gar
nicht vorhanden.
- Die
Aufgaben aber, die der Mensch zu vollbringen hat, vollbringt er, weil er
sie kraft seines Wesens, wenn er ihr Wesen wirklich erkannt hat,
vollbringen will.
- Die
pessimistische Ethik behauptet, der Mensch könne erst dann sich dem
hingeben, was er als seine Lebensaufgabe erkennt, wenn er das Streben nach
Lust aufgegeben hat.
- Keine
Ethik aber kann je andere Lebensaufgaben ersinnen als die Verwirklichung
der von den menschlichen Begierden geforderten Befriedigungen und die
Erfüllung seiner sittlichen Ideale.
- Keine
Ethik kann ihm die Lust nehmen, die er an dieser Erfüllung des von ihm
Begehrten hat.
- Wenn
der Pessimist sagt: strebe nicht nach Lust, denn du kannst sie nie
erreichen; strebe nach dem, was du als deine Aufgabe erkennst, so ist
darauf zu erwidern: das ist Menschenart, und es ist die Erfindung einer
auf Irrwegen wandelnden Philosophie, wenn behauptet wird, der Mensch
strebe bloß nach dem Glücke.
- Er
strebt nach Befriedigung dessen, was sein Wesen begehrt und hat die
konkreten Gegenstände dieses Strebens im Auge, nicht ein abstraktes
“Glück”; und die Erfüllung ist ihm eine Lust.
- Was
die pessimistische Ethik verlangt: nicht Streben nach Lust, sondern nach
Erreichung dessen, was du als deine Lebensaufgabe erkennst, so trifft sie
damit dasjenige, was der Mensch seinem Wesen nach will.
- Der
Mensch braucht durch die Philosophie nicht erst umgekrempelt zu werden, er
braucht seine Natur nicht erst abzuwerfen, um sittlich zu sein,
Sittlichkeit liegt in dem Streben nach einem als berechtigt erkannten
Ziel; ihm zu folgen, liegt im Menschenwesen, solange eine damit verknüpfte
Unlust die Begierde danach nicht lähmt.
- Und
dieses ist das Wesen alles wirklichen Wollens.
- Die
Ethik beruht nicht auf der Ausrottung alles Strebens nach Lust, damit
bleichsüchtige abstrakte Ideen ihre Herrschaft da aufschlagen können, wo
ihnen keine starke Sehnsucht nach Lebensgenuß entgegensteht, sondern auf
dem starken, von ideeller Intuition getragenen Wollen, das
sein Ziel erreicht, auch wenn der Weg dazu ein dornenvoller ist.
- Die
sittlichen Ideale entspringen aus der moralischen Phantasie des Menschen.
- Ihre
Verwirklichung hängt davon ab, daß sie von dem Menschen stark genug
begehrt werden, um Schmerzen und Qualen zu überwinden.
- Sie
sind seine Intuitionen, die Triebfedern, die sein Geist spannt; er will
sie, weil ihre Verwirklichung seine höchste Lust ist.
- Er
hat es nicht nötig, sich von der Ethik erst verbieten zu lassen, daß er
nach Lust strebe, um sich dann gebieten zu lassen, wonach er streben soll.
- Er
wird nach sittlichen Idealen streben, wenn seine moralische Phantasie
tätig genug ist, um ihm Intuitionen einzugeben, die seinem Wollen die
Stärke verleihen, sich gegen die in seiner Organisation liegenden
Widerstände, wozu auch notwendige Unlust gehört, durchzusetzen.
- Wer
nach Idealen von hehrer Größe strebt, der tut es, weil sie der Inhalt
seines Wesens sind, und die Verwirklichung wird ihm ein Genuß sein, gegen
den die Lust, welche die Armseligkeit aus der Befriedigung der
alltäglichen Triebe zieht, eine Kleinigkeit ist.
- Idealisten
schwelgen geistig bei der Umsetzung ihrer Ideale in Wirklichkeit.
- Wer
die Lust an der Befriedigung des menschlichen Begehrens ausrotten will,
muß den Menschen erst zum Sklaven machen, der nicht handelt, weil er will,
sondern nur, weil er soll.
- Denn
die Erreichung des Gewollten macht Lust.
- Was
man das Gute nennt, ist nicht das, was der Mensch soll,
sondern das, was er will, wenn er die volle wahre Menschennatur zur
Entfaltung bringt.
- Wer
dies nicht anerkennt, der muß dem Menschen erst das austreiben, was er
will, und ihm dann von außen das vorschreiben lassen, was er seinem
Wollen zum Inhalt zu geben hat.
- Der
Mensch verleiht der Erfüllung einer Begierde einen Wert, weil sie aus
seinem Wesen entspringt.
- Das
Erreichte hat seinen Wert, weil es gewollt ist.
- Spricht
man dem Ziel des menschlichen Wollens als solchem seinen Wert ab, dann muß
man die wertvollen Ziele von etwas nehmen, das der Mensch nicht will.
- Die
auf den Pessimismus sich aufbauende Ethik entspringt aus der Mißachtung
der moralischen Phantasie.
- Wer
den individuellen Menschengeist nicht für fähig hält, sich selbst den
Inhalt seines Strebens zu geben, nur der kann die Summe des Wollens in der
Sehnsucht nach Lust suchen.
- Der
phantasielose Mensch schafft keine sittlichen Ideen.
- Sie
müssen ihm gegeben werden.
- Daß
er nach Befriedigung seiner niederen Begierden strebt: dafür aber sorgt
die physische Natur.
- Zur
Entfaltung des ganzen Menschen gehören aber auch die aus dem Geiste
stammenden Begierden.
- Nur
wenn man der Meinung ist, daß diese der Mensch überhaupt nicht hat, kann
man behaupten, daß er sie von außen empfangen soll.
- Dann
ist man auch berechtigt, zu sagen, daß er verpflichtet ist, etwas zu tun,
was er nicht will.
- Jede
Ethik, die von dem Menschen fordert, daß er sein Wollen zurückdränge, um
Aufgaben zu erfüllen, die er nicht will, rechnet nicht mit dem ganzen Menschen,
sondern mit einem solchen, dem das geistige Begehrungsvermögen fehlt.
- Für
den harmonisch entwickelten Menschen sind die sogenannten Ideen des Guten
nicht außerhalb, sondern innerhalb des Kreises seines
Wesens.
- Nicht
in der Austilgung eines einseitigen Eigenwillens liegt das sittliche
Handeln, sondern in der vollen Entwickelung der Menschennatur.
- Wer
die sittlichen Ideale nur für erreichbar hält, wenn der Mensch seinen
Eigenwillen ertötet, der weiß nicht, daß diese Ideale ebenso von dem
Menschen gewollt sind, wie die Befriedigung der sogenannten tierischen
Triebe.
- Es
ist nicht zu leugnen, daß die hiermit charakterisierten Anschauungen
leicht mißverstanden werden können.
- Unreife
Menschen ohne moralische Phantasie sehen gerne die Instinkte ihrer
Halbnatur für den vollen Menschheitsgehalt an, und lehnen alle nicht von
ihnen erzeugten sittlichen Ideen ab, damit sie ungestört “sich ausleben”
können.
- Daß
für die halbentwickelte Menschennatur nicht gilt, was für den Vollmenschen
richtig ist, ist selbstverständlich.
- Wer
durch Erziehung erst noch dahin gebracht werden soll, daß seine sittliche
Natur die Eischalen der niederen Leidenschaften durchbricht: von dem darf
nicht in Anspruch genommen werden, was für den reifen Menschen gilt.
- Hier
sollte aber nicht verzeichnet werden, was dem unentwickelten Menschen
einzuprägen ist, sondern das, was in dem Wesen des ausgereiften Menschen
liegt.
- Denn
es sollte die Möglichkeit der Freiheit nachgewiesen werden; diese
erscheint aber nicht an Handlungen aus sinnlicher oder seelischer
Nötigung, sondern an solchen, die von geistigen Intuitionen getragen sind.
- Dieser
ausgereifte Mensch gibt seinen Wert sich selbst.
- Nicht
die Lust erstrebt er, die ihm als Gnadengeschenk von der Natur oder von
dem Schöpfer gereicht wird; und auch nicht die abstrakte Pflicht erfüllt
er, die er als solche erkennt, nachdem er das Streben nach Lust
abgestreift hat.
- Er
handelt, wie er will, das ist nach Maßgabe seiner ethischen Intuitionen;
und er empfindet die Erreichung dessen, was er will, als seinen wahren
Lebensgenuß.
- Den
Wert des Lebens bestimmt er an dem Verhältnis des Erreichten zu dem
Erstrebten.
- Die
Ethik, welche an die Stelle des Wollens das bloße Sollen, an die Stelle
der Neigung die bloße Pflicht setzt, bestimmt folgerichtig den Wert des
Menschen an dem Verhältnis dessen, was die Pflicht fordert, zu dem, was er
erfüllt.
- Sie
mißt den Menschen an einem außerhalb seines Wesens gelegenen Maßstab.
- —
Die hier entwickelte Ansicht weist den Menschen auf sich selbst zurück.
- Sie
erkennt nur das als den wahren Wert des Lebens an, was der einzelne nach
Maßgabe seines Wollens als solchen ansieht.
- Sie
weiß ebensowenig von einem nicht vom Individuum anerkannten Wert des
Lebens wie von einem nicht aus diesem entsprungenen Zweck des Lebens.
- Sie
sieht in dem allseitig durchschauten wesenhaften Individuum seinen eigenen
Herrn und seinen eigenen Schätzer.
-
- Zusatz
zur Neuausgabe 1918
- Verkennen
kann man das in diesem Abschnitt Dargestellte, wenn man sich festbeißt in
den scheinbaren Einwand: das Wollen des Menschen als solches ist eben das
Unvernünftige; man müsse ihm diese Unvernünftigkeit nachweisen, dann wird
er einsehen, daß in der endlichen Befreiung von dem Wollen das Ziel des
ethischen Strebens liegen müsse.
- Mir
wurde von berufener Seite allerdings ein solcher Schein-Einwand
entgegengehalten, indem mir gesagt wurde, es sei eben die Sache des
Philosophen, nachzuholen, was die Gedankenlosigkeit der Tiere und der
meisten Menschen versäumt, eine wirkliche Lebensbilanz zu ziehen.
- Doch
wer diesen Einwand macht, sieht eben die Hauptsache nicht: soll Freiheit
sich verwirklichen, so muß in der Menschennatur das Wollen von dem
intuitiven Denken getragen sein; zugleich aber ergibt sich, daß ein Wollen
auch von anderem als von der Intuition bestimmt werden kann, und nur in
der aus der Menschenwesenheit erfließenden freien Verwirklichung der
Intuition ergibt sich das Sittliche und sein Wert.
- Der
ethische Individualismus ist geeignet, die Sittlichkeit in ihrer vollen
Würde darzustellen, denn er ist nicht der Ansicht, daß wahrhaft sittlich
ist, was in äußerer Art Zusammenstimmung eines Wollens mit einer Norm
herbeiführt, sondern was aus dem Menschen dann ersteht, wenn er das
sittliche Wollen als ein Glied seines vollen Wesens in sich entfaltet, so
daß das Unsittliche zu tun ihm als Verstümmelung, Verkrüppelung seines
Wesens erscheint.
-
- Kapitel
14 - Individualität und Gattung
- Der
Ansicht, daß der Mensch zu einer vollständigen in sich geschlossenen,
freien Individualität veranlagt ist, stehen scheinbar die Tatsachen
entgegen, daß er als Glied innerhalb eines natürlichen Ganzen auftritt
(Rasse, Stamm, Volk, Familie, männliches und weibliches Geschlecht), und
daß er innerhalb eines Ganzen wirkt (Staat, Kirche und so weiter).
- Er
trägt die allgemeinen Charaktereigentümlichkeiten der Gemeinschaft, der er
angehört, und gibt seinem Handeln einen Inhalt, der durch den Platz, den
er innerhalb einer Mehrheit einnimmt, bestimmt ist.
- Ist
dabei überhaupt noch Individualität möglich?
- Kann
man den Menschen selbst als ein Ganzes für sich ansehen, wenn er aus einem
Ganzen herauswächst, und in ein Ganzes sich eingliedert?
- Das
Glied eines Ganzen wird seinen Eigenschaften und Funktionen nach durch das
Ganze bestimmt.
- Ein
Volksstamm ist ein Ganzes, und alle zu ihm gehörigen Menschen tragen die
Eigentümlichkeiten an sich, die im Wesen des Stammes bedingt sind.
- Wie
der einzelne beschaffen ist und wie er sich betätigt, ist durch den
Stammescharakter bedingt.
- Dadurch
erhält die Physiognomie und das Tun des einzelnen etwas Gattungsmäßiges.
- Wenn
wir nach dem Grunde fragen, warum dies und jenes an dem Menschen so oder
so ist, so werden wir aus dem Einzelwesen hinaus auf die Gattung
verwiesen.
- Diese
erklärt es uns, warum etwas an ihm in der von uns beobachteten Form
auftritt.
- Von
diesem Gattungsmäßigen macht sich aber der Mensch frei.
- Denn
das menschlich Gattungsmäßige ist, vom Menschen richtig erlebt, nichts
seine Freiheit Einschränkendes, und soll es auch nicht durch künstliche
Veranstaltungen sein.
- Der
Mensch entwickelt Eigenschaften und Funktionen an sich, deren
Bestimmungsgrund wir nur in ihm selbst suchen können.
- Das
Gattungsmäßige dient ihm dabei nur als Mittel, um seine besondere Wesenheit
in ihm auszudrücken.
- Er
gebraucht die ihm von der Natur mitgegebenen Eigentümlichkeiten als
Grundlage und gibt ihm die seinem eigenen Wesen gemäße Form.
- Wir
suchen nun vergebens den Grund für eine Äußerung dieses Wesens in den
Gesetzen der Gattung.
- Wir
haben es mit einem Individuum zu tun, das nur durch sich selbst erklärt
werden kann.
- Ist
ein Mensch bis zu dieser Loslösung von dem Gattungsmäßigen durchgedrungen,
und wir wollen alles, was an ihm ist, auch dann noch aus dem Charakter der
Gattung erklären, so haben wir für das Individuelle kein Organ.
- Es
ist unmöglich, einen Menschen ganz zu verstehen, wenn man seiner
Beurteilung einen Gattungsbegriff zugrunde legt.
- Am
hartnäckigsten im Beurteilen nach der Gattung ist man da, wo es sich um
das Geschlecht des Menschen handelt.
- Der
Mann sieht im Weibe, das Weib in dem Manne fast immer zuviel von dem
allgemeinen Charakter des anderen Geschlechtes und zu wenig von dem
Individuellen.
- Im
praktischen Leben schadet das den Männern weniger als den Frauen.
- Die
soziale Stellung der Frau ist zumeist deshalb eine so unwürdige, weil sie
in vielen Punkten, wo sie es sein sollte, nicht bedingt ist durch die
individuellen Eigentümlichkeiten der einzelnen Frau, sondern durch die allgemeinen
Vorstellungen, die man sich von der natürlichen Aufgabe und den
Bedürfnissen des Weibes macht.
- Die
Betätigung des Mannes im Leben richtet sich nach dessen individuellen
Fähigkeiten und Neigungen, die des Weibes soll ausschließlich durch den Umstand
bedingt sein, daß es eben Weib ist.
- Das
Weib soll der Sklave des
Gattungsmäßigen, des
Allgemein-Weiblichen sein.
- Solange
von Männern darüber debattiert wird, ob die Frau “ihrer Naturanlage nach”
zu diesem oder jenem Beruf tauge, solange kann die sogenannte Frauenfrage
aus ihrem elementarsten Stadium nicht herauskommen.
- Was
die Frau ihrer Natur nach wollen kann, das überlasse man der Frau zu
beurteilen.
- Wenn
es wahr ist, daß die Frauen nur zu dem Berufe taugen, der ihnen jetzt
zukommt, dann werden sie aus sich selbst heraus kaum einen anderen
erreichen, Sie müssen es aber selbst entscheiden können, was ihrer Natur
gemäß ist.
- Wer
eine Erschütterung unserer sozialen Zustände davon befürchtet, daß die
Frauen nicht als Gattungsmenschen, sondern als Individuen genommen werden,
dem muß entgegnet werden, daß soziale Zustände, innerhalb welcher die
Hälfte der Menschheit ein menschenunwürdiges Dasein hat, eben der
Verbesserung gar sehr bedürftig sind. (1)
- Fußnoten: (1) Man hat mir auf die obigen Ausführungen gleich
beim Erscheinen (1894) dieses Buches eingewendet, innerhalb des
Gattungsmäßigen könne sich die Frau schon jetzt 50 individuell ausleben,
wie sie nur will, weit freier als der Mann, der schon durch die Schule und
dann durch Krieg und Beruf entindividualisiert werde. Ich weiß, daß man
diesen Einwand vielleicht heute noch stärker erheben wird. Ich muß die
Sätze doch hier stehen lassen und möchte hoffen, daß es auch Leser gibt,
die verstehen, wie stark ein solcher Einwand gegen den Freiheitsbegriff, der
in dieser Schrift entwickelt wird, verstößt, und die meine obigen Sätze an
anderem beurteilen als an der Entindividualisierung des Mannes durch die
Schule und den Beruf.
- Wer
die Menschen nach Gattungscharakteren beurteilt, der kommt eben gerade bis
zu der Grenze, über welcher sie anfangen, Wesen zu sein, deren Betätigung
auf freier Selbstbestimmung beruht.
- Was
unterhalb dieser Grenze liegt, das kann natürlich Gegenstand
wissenschaftlicher Betrachtung sein.
- Die
Rassen-, Stammes-, Volks- und Geschlechtseigentümlichkeiten sind der
Inhalt besonderer Wissenschaften.
- Nur
Menschen, die allein als Exemplare der Gattung leben wollten, könnten sich
mit einem allgemeinen Bilde decken, das durch solche wissenschaftliche
Betrachtung zustande kommt.
- Aber
alle diese Wissenschaften können nicht vordringen bis zu dem besonderen
Inhalt des einzelnen Individuums.
- Da,
wo das Gebiet der Freiheit (des Denkens und Handelns) beginnt, hört das
Bestimmen des Individuums nach Gesetzen der Gattung auf.
- Den
begrifflichen Inhalt, den der Mensch durch das Denken mit der Wahrnehmung
in Verbindung bringen muß, um der vollen Wirklichkeit sich zu bemächtigen
(vgl. S. 88 ff.), kann niemand ein für allemal festsetzen und der Menschheit fertig
hinterlassen.
- Das
Individuum muß seine Begriffe durch eigene Intuition gewinnen.
- Wie
der einzelne zu denken hat, läßt sich nicht aus irgendeinem
Gattungsbegriffe ableiten.
- Dafür
ist einzig und allein das Individuum maßgebend.
- Ebensowenig
ist aus allgemeinen Menschencharakteren zu bestimmen, welche konkrete
Ziele das Individuum seinem Wollen vorsetzen will.
- Wer
das einzelne Individuum verstehen will, muß bis in dessen besondere
Wesenheit dringen, und nicht bei typischen Eigentümlichkeiten stehen
bleiben.
- In
diesem Sinne ist jeder einzelne Mensch ein Problem.
- Und
alle Wissenschaft, die sich mit abstrakten Gedanken und Gattungsbegriffen
befaßt, ist nur eine Vorbereitung zu jener Erkenntnis, die uns zuteil
wird, wenn uns eine menschliche Individualität ihre Art, die Welt
anzuschauen, mitteilt, und zu der anderen, die wir aus dem Inhalt ihres
Wollens gewinnen.
- Wo
wir die Empfindung haben: hier haben wir es mit demjenigen an einem
Menschen zu tun, das frei ist von typischer Denkungsart und gattungsmäßigem
Wollen, da müssen wir aufhören, irgendwelche Begriffe aus unserem Geiste
zu Hilfe zu nehmen, wenn wir sein Wesen verstehen wollen.
- Das
Erkennen besteht in der Verbindung des Begriffes mit der Wahrnehmung durch
das Denken.
- Bei
allen anderen Objekten muß der Beobachter die Begriffe durch seine
Intuition gewinnen; beim Verstehen einer freien Individualität handelt es
sich nur darum, deren Begriffe, nach denen sie sich ja selbst bestimmt,
rein (ohne Vermischung mit eigenem Begriffsinhalt) herüberzunehmen in
unseren Geist.
- Menschen,
die in jede Beurteilung eines anderen sofort ihre eigenen Begriffe
einmischen, können nie zu dem Verständnisse einer Individualität gelangen.
- So
wie die freie Individualität sich frei macht von den Eigentümlichkeiten
der Gattung, so muß das Erkennen sich frei machen von der Art, wie das
Gattungsmäßige verstanden wird.
- Nur
in dem Grade, in dem der Mensch sich in der gekennzeichneten Weise frei
gemacht hat vom Gattungsmäßigen, kommt er als freier Geist innerhalb eines
menschlichen Gemeinwesens in Betracht.
- Kein
Mensch ist vollständig Gattung, keiner ganz Individualität.
- Aber
eine größere oder geringere Sphäre seines Wesens löst jeder Mensch
allmählich ab, ebenso von dem Gattungsmäßigen des animalischen Lebens, wie
von den ihn beherrschenden Geboten menschlicher Autoritäten.
- Für
den Teil, für den sich der Mensch aber eine solche Freiheit nicht erobern
kann, bildet er ein Glied innerhalb des Natur- und Geistesorganismus.
- Er
lebt in dieser Hinsicht, wie er es andern abguckt, oder wie sie es ihm
befehlen.
- Einen
im wahren Sinne ethischen Wert hat nur der Teil seines Handelns, der aus
seinen Intuitionen entspringt.
- Und
was er an moralischen Instinkten durch Vererbung sozialer Instinkte an
sich hat, wird ein Ethisches dadurch, daß er es in seine Intuitionen
aufnimmt.
- Aus
individuellen ethischen Intuitionen und deren Aufnahme in
Menschengemeinschaften entspringt alle sittliche Betätigung der
Menschheit.
- Man
kann auch sagen: das sittliche Leben der Menschheit ist die Gesamtsumme
der moralischen Phantasieerzeugnisse der freien menschlichen Individuen.
- Dies
ist das Ergebnis des Monismus.
-
- Die
letzten Fragen
-
- Die
Konsequenzen des Monismus
- Die
einheitliche Welterklärung oder der hier gemeinte Monismus entnimmt der
menschlichen Erfahrung die Prinzipien, die er zur Erklärung der Welt
braucht.
- Die
Quellen des Handelns sucht er ebenfalls innerhalb der Beobachtungswelt,
nämlich in der unserer Selbsterkenntnis zugänglichen menschlichen Natur,
und zwar in der moralischen Phantasie.
- Er
lehnt es ab, durch abstrakte Schlußfolgerungen die letzten Gründe für die
dem Wahrnehmen und Denken vorliegende Welt außerhalb derselben zu
suchen.
- Für
den Monismus ist die Einheit, welche die erlebbare denkende Beobachtung zu
der mannigfaltigen Vielheit der Wahrnehmungen hinzubringt, zugleich
diejenige, die das menschliche Erkenntnisbedürfnis verlangt und durch die
es den Eingang in die physischen und geistigen Weltbereiche sucht.
- Wer
hinter dieser so zu suchenden Einheit noch eine andere sucht, der beweist
damit nur, daß er die Übereinstimmung des durch das Denken Gefundenen mit
dem vom Erkenntnistrieb Geforderten nicht erkennt.
- Das
einzelne menschliche Individuum ist von der Welt nicht tatsächlich
abgesondert.
- Es
ist ein Teil der Welt, und es besteht ein Zusammenhang mit dem Ganzen des
Kosmos der Wirklichkeit nach, der nur für unsere Wahrnehmung unterbrochen
ist.
- Wir
sehen fürs erste diesen Teil als für sich existierendes Wesen, weil wir
die Riemen und Seile nicht sehen, durch welche die Bewegung unseres
Lebensrades von den Grundkräften des Kosmos bewirkt wird.
- Wer
auf diesem Standpunkt stehen bleibt, der sieht den Teil eines Ganzen für
ein wirklich selbständig existierendes Wesen, für die Monade an, welches
die Kunde von der übrigen Welt auf irgendeine Weise von außen erhält.
- Der
hier gemeinte Monismus zeigt, daß die Selbständigkeit nur so lange
geglaubt werden kann, als das Wahrgenommene nicht durch das Denken in das
Netz der Begriffswelt eingespannt wird.
- Geschieht
dies, so entpuppt sich die Teilexistenz als ein bloßer Schein des
Wahrnehmens.
- Seine
in sich geschlossene Totalexistenz im Universum kann der Mensch nur finden
durch intuitives Denkerlebnis.
- Das
Denken zerstört den Schein des Wahrnehmens und gliedert unsere
individuelle Existenz in das Leben des Kosmos ein.
- Die
Einheit der Begriffswelt, welche die objektiven Wahrnehmungen enthält,
nimmt auch den Inhalt unserer subjektiven Persönlichkeit in sich auf.
- Das
Denken gibt uns von der Wirklichkeit die wahre Gestalt, als einer in sich
geschlossenen Einheit, während die Mannigfaltigkeit der Wahrnehmungen nur
ein durch unsere Organisation bedingter Schein ist (vgl. S. 86 ff.).
- Die
Erkenntnis des Wirklichen gegenüber dem Schein des Wahrnehmens bildete zu allen
Zeiten das Ziel des menschlichen Denkens.
- Die
Wissenschaft bemühte sich, die Wahrnehmungen durch Aufdeckung der
gesetzmäßigen Zusammenhänge innerhalb derselben als Wirklichkeit zu
erkennen.
- Wo
man aber der Ansicht war, daß der von dem menschlichen Denken ermittelte
Zusammenhang nur eine subjektive Bedeutung habe, suchte man den wahren
Grund der Einheit in einem jenseits unserer Erfahrungswelt gelegenen
Objekte (erschlossener Gott, Wille, absoluter Geist usw.).
- —
Und, auf diese Meinung gestützt, bestrebte man sich zu dem Wissen über die
innerhalb der Erfahrung erkennbaren Zusammenhänge noch ein zweites zu
gewinnen, das über die Erfahrung hinausgeht, und den Zusammenhang
derselben mit den nicht mehr erfahrbaren Wesenheiten aufdeckt (nicht durch
Erleben, sondern durch Schlußfolgerung gewonnene Metaphysik).
- Den
Grund, warum wir durch geregeltes Denken den Weltzusammenhang begreifen,
sah man von diesem Standpunkte aus darin, daß ein Urwesen nach logischen
Gesetzen die Welt aufgebaut hat, und den Grund für unser Handeln sah man
in dem Wollen des Urwesens.
- Doch
erkannte man nicht, daß das Denken Subjektives und Objektives zugleich
umspannt, und daß in dem Zusammenschluß der Wahrnehmung mit dem Begriff
die totale Wirklichkeit vermittelt wird.
- Nur
solange wir die die Wahrnehmung durchdringende und bestimmende
Gesetzmäßigkeit in der abstrakten Form des Begriffes betrachten, solange
haben wir es In der Tat mit etwas rein Subjektivem zu tun.
- Subjektiv
ist aber nicht der Inhalt des Begriffes, der mit Hilfe des Denkens zu der
Wahrnehmung hinzugewonnen wird.
- Dieser
Inhalt ist nicht aus dem Subjekte, sondern aus der Wirklichkeit genommen.
- Er
ist der Teil der Wirklichkeit, den das Wahrnehmen nicht erreichen kann.
- Er
ist Erfahrung, aber nicht durch das Wahrnehmen vermittelte Erfahrung.
- Wer
sich nicht vorstellen kann, daß der Begriff ein Wirkliches ist, der denkt
nur an die abstrakte Form, wie er denselben in seinem Geiste festhält.
- Aber
in solcher Absonderung ist er ebenso nur durch unsere Organisation
vorhanden, wie die Wahrnehmung es ist.
- Auch
der Baum, den man wahrnimmt, hat abgesondert für sich keine Existenz.
- Er
ist nur innerhalb des großen Räderwerkes der Natur ein Glied, und nur in
realem Zusammenhang mit ihr möglich.
- Ein
abstrakter Begriff hat für sich keine Wirklichkeit, ebensowenig wie eine
Wahrnehmung für sich.
- Die
Wahrnehmung ist der Teil der Wirklichkeit, der objektiv, der Begriff
derjenige, der subjektiv (durch Intuition, vgl. Seite 95 ff.)
gegeben wird.
- Unsere
geistige Organisation reißt die Wirklichkeit in diese beiden Faktoren
auseinander.
- Der
eine Faktor erscheint dem Wahrnehmen, der andere der Intuition.
- Erst
der Zusammenhang der beiden, die gesetzmäßig sich in das Universum
eingliedernde Wahrnehmung, ist volle Wirklichkeit.
- Betrachten
wir die bloße Wahrnehmung für sich, so haben wir keine Wirklichkeit,
sondern ein zusammenhangloses Chaos; betrachten wir die Gesetzmäßigkeit
der Wahrnehmungen für sich, dann haben wir es bloß mit abstrakten
Begriffen zu tun.
- Nicht
der abstrakte Begriff enthält die Wirklichkeit; wohl aber die denkende
Beobachtung, die weder einseitig den Begriff, noch die Wahrnehmung für
sich betrachtet, sondern den Zusammenhang beider.
- Daß
wir in der Wirklichkeit leben (mit unserer realen Existenz in derselben
wurzeln), wird selbst der orthodoxeste subjektive Idealist nicht leugnen.
- Er
wird nur bestreiten, daß wir ideell mit unserem Erkennen auch das
erreichen, was wir real durchleben.
- Demgegenüber
zeigt der Monismus, daß das Denken weder subjektiv, noch objektiv, sondern
ein beide Seiten der Wirklichkeit umspannendes Prinzip ist.
- Wenn
wir denkend beobachten, vollziehen wir einen Prozeß, der selbst in die
Reihe des wirklichen Geschehens gehört.
- Wir
überwinden durch das Denken innerhalb der Erfahrung selbst die
Einseitigkeit des bloßen Wahrnehmens.
- Wir
können durch abstrakte, begriffliche Hypothesen (durch rein begriffliches
Nachdenken) das Wesen des Wirklichen nicht erklügeln, aber wir leben,
indem wir zu den Wahrnehmungen die Ideen finden, in dem Wirklichen.
- Der
Monismus sucht zu der Erfahrung kein Unerfahrbares (Jenseitiges), sondern
sieht in Begriff und Wahrnehmung das Wirkliche.
- Er
spinnt aus bloßen abstrakten Begriffen keine Metaphysik, weil er in dem
Begriffe an sich nur die eine Seite der Wirklichkeit sieht, die dem
Wahrnehmen verborgen bleibt und nur im Zusammenhang mit der Wahrnehmung
einen Sinn hat.
- Er
ruft aber in dem Menschen die Überzeugung hervor, daß er in der Welt der
Wirklichkeit lebt und nicht außerhalb seiner Welt eine unerlebbare höhere
Wirklichkeit zu suchen hat.
- Er
hält davon ab, das Absolut-Wirkliche anderswo als in der Erfahrung zu
suchen, weil er den Inhalt der Erfahrung selbst als das Wirkliche erkennt.
- Und
er ist befriedigt durch diese Wirklichkeit, weil er weiß, daß das Denken
die Kraft hat, sie zu verbürgen.
- Was
der Dualismus erst hinter der Beobachtungswelt sucht, das findet der
Monismus in dieser selbst.
- Der
Monismus zeigt, daß wir mit unserem Erkennen die Wirklichkeit in ihrer
wahren Gestalt ergreifen, nicht in einem subjektiven Bilde, das sich
zwischen den Menschen und die Wirklichkeit einschöbe.
- Für
den Monismus ist der Begriffsinhalt der Welt für alle menschlichen
Individuen derselbe (vgl. S. 89
ff.).
- Nach
monistischen Prinzipien betrachtet ein menschliches Individuum ein anderes
als seinesgleichen, weil es derselbe Weltinhalt ist, der sich in ihm
auslebt.
- Es
gibt in der einigen Begriffswelt nicht etwa so viele Begriffe des Löwen,
wie es Individuen gibt, die einen Löwen denken, sondern nur einen.
- Und
der Begriff, den A zu der Wahrnehmung des Löwen hinzufügt, ist derselbe,
wie der des B, nur durch ein anderes Wahrnehmungssubjekt aufgefaßt (vgl. S. 90 f.).
- Das
Denken führt alle Wahrnehmungssubjekte auf die gemeinsame ideelle Einheit
aller Mannigfaltigkeit.
- Die
einige Ideenwelt lebt sich in ihnen als in einer Vielheit von Individuen
aus.
- Solange
sich der Mensch bloß durch Selbstwahrnehmung erfaßt, sieht er sich als
diesen besonderen Menschen an; sobald er auf die in ihm aufleuchtende,
alles Besondere umspannende Ideenwelt blickt, sieht er in sich das absolut
Wirkliche lebendig aufleuchten.
- Der
Dualismus bestimmt das göttliche Urwesen als dasjenige, was alle Menschen
durchdringt und in ihnen allen lebt.
- Der
Monismus findet dieses gemeinsame göttliche Leben in der Wirklichkeit
selbst.
- Der
ideelle Inhalt eines andern Menschen ist auch der meinige, und ich sehe
ihn nur so lange als einen andern an, als ich wahrnehme, nicht mehr aber,
sobald ich denke.
- Jeder
Mensch umspannt mit seinem Denken nur einen Teil der gesamten Ideenwelt,
und insofern unterscheiden sich die Individuen auch durch den
tatsächlichen Inhalt ihres Denkens.
- Aber
diese Inhalte sind in einem in sich geschlossenen Ganzen, das die Denkinhalte
aller Menschen umfaßt.
- Das
gemeinsame Urwesen, das alle Menschen durchdringt, ergreift somit der
Mensch in seinem Denken.
- Das
mit dem Gedankeninhalt erfüllte Leben in der Wirklichkeit ist zugleich das
Leben in Gott.
- Das
bloß erschlossene, nicht zu erlebende Jenseits beruht auf einem
Mißverständnis derer, die glauben, daß das Diesseits den Grund seines
Bestandes nicht in sich hat.
- Sie
sehen nicht ein, daß sie durch das Denken das finden, was sie zur
Erklärung der Wahrnehmung verlangen.
- Deshalb
hat aber auch noch keine Spekulation einen Inhalt zutage gefördert, der
nicht aus der uns gegebenen Wirklichkeit entlehnt wäre.
- Der
durch abstrakte Schlußfolgerung angenommene Gott ist nur der in ein
Jenseits versetzte Mensch; der Wille Schopenhauers die verabsolutierte
menschliche Willenskraft; das aus Idee und Wille zusammengesetzte
unbewußte Urwesen Hartmanns eine Zusammensetzung zweier Abstraktionen aus
der Erfahrung.
- Genau
dasselbe ist von allen anderen auf nicht erlebtem Denken ruhenden jenseitigen
Prinzipien zu sagen.
- Der
menschliche Geist kommt in Wahrheit nie über die Wirklichkeit hinaus, in
der wir leben, und er hat es auch nicht nötig, da alles in dieser Welt
liegt, was er zu ihrer Erklärung braucht.
- Wenn
sich die Philosophen zuletzt befriedigt erklären mit der Herleitung der
Welt aus Prinzipien, die sie der Erfahrung entlehnen und in ein
hypothetisches Jenseits versetzen, so muß eine solche Befriedigung auch
möglich sein, wenn der gleiche Inhalt im Diesseits belassen wird, wohin er
für das erlebbare Denken gehört.
- Alles
Hinausgehen über die Welt ist nur ein scheinbares, und die aus der Weit
hinausversetzten Prinzipien erklären die Welt nicht besser, als die in
derselben liegenden.
- Das
sich selbst verstehende Denken fordert aber auch gar nicht zu einem
solchen Hinausgehen auf, da ein Gedankeninhalt nur innerhalb der Welt,
nicht außerhalb derselben einen Wahrnehmungsinhalt suchen muß, mit dem
zusammen er ein Wirkliches bildet.
- Auch
die Objekte der Phantasie sind nur Inhalte, die ihre Berechtigung erst
haben, wenn sie zu Vorstellungen werden, die auf einen Wahrnehmungsinhalt
hinweisen.
- Durch
diesen Wahrnehmungsinhalt gliedern sie sich der Wirklichkeit ein.
- Ein
Begriff, der mit einem Inhalt erfüllt werden sollte, der außerhalb der uns
gegebenen Welt liegen soll, ist eine Abstraktion, der keine Wirklichkeit
entspricht.
- Ersinnen
können wir nur die Begriffe der Wirklichkeit; um diese selbst zu
finden, bedarf es auch noch des Wahrnehmens.
- Ein
Urwesen der Welt, für das ein Inhalt erdacht wird, ist für ein sich
selbst verstehendes Denken eine unmögliche Annahme.
- Der
Monismus leugnet nicht das Ideelle, er sieht sogar einen
Wahrnehmungsinhalt, zu dem das ideelle Gegenstück fehlt, nicht für volle
Wirklichkeit an; aber er findet im ganzen Gebiet des Denkens nichts, das
nötigen könnte, aus dem Erlebnisbereich des Denkens durch Verleugnung der
objektiv geistigen Wirklichkeit des Denkens herauszutreten.
- Der
Monismus sieht in einer Wissenschaft, die sich darauf beschränkt, die
Wahrnehmungen zu beschreiben, ohne zu den ideellen Ergänzungen derselben
vorzudringen, eine Halbheit.
- Aber
er betrachtet ebenso als Halbheiten alle abstrakten Begriffe, die ihre
Ergänzung nicht in der Wahrnehmung finden und sich nirgends in das die
beobachtbare Welt umspannende Begriffsnetz einfügen.
- Er
kennt daher keine Ideen, die auf ein jenseits unserer Erfahrung liegendes
Objektives hindeuten, und die den Inhalt einer bloß hypothetischen
Metaphysik bilden sollen.
- Alles,
was die Menschheit an solchen Ideen erzeugt hat, sind ihm Abstraktionen
aus der Erfahrung, deren Entlehnung aus derselben von ihren Urhebern nur
übersehen wird.
- Ebensowenig
können nach monistischen Grundsätzen die Ziele unseres Handelns aus einem
außermenschlichen Jenseits entnommen werden.
- Sie
müssen, insofern sie gedacht sind, aus der menschlichen Intuition stammen.
- Der
Mensch macht nicht die Zwecke eines objektiven (jenseitigen) Urwesens zu
seinen individuellen Zwecken, sondern er verfolgt seine eigenen, ihm von
seiner moralischen Phantasie gegebenen.
- Die
in einer Handlung sich verwirklichende Idee löst der Mensch aus der
einigen Ideenwelt los und legt sie seinem Wollen zugrunde.
- In
seinem Handeln leben sich also nicht die aus dem Jenseits dem Diesseits
eingeimpften Gebote aus, sondern die der diesseitigen Welt angehörigen
menschlichen Intuitionen.
- Der
Monismus kennt keinen solchen Weltenlenker, der außerhalb unserer selbst
unseren Handlungen Ziel und Richtung setzte.
- Der
Mensch findet keinen solchen jenseitigen Urgrund des Daseins, dessen
Ratschlüsse er erforschen könnte, um von ihm die Ziele zu erfahren, nach
denen er mit seinen Handlungen hinzusteuern hat.
- Er
ist auf sich selbst zurückgewiesen.
- Er
selbst muß seinem Handeln einen Inhalt geben.
- Wenn
er außerhalb der Welt, in der er lebt, nach Bestimmungsgründen seines
Wollens sucht, so forscht er vergebens.
- Er
muß sie, wenn er über die Befriedigung seiner natürlichen Triebe, für die
Mutter Natur vorgesorgt hat, hinausgeht, in seiner eigenen moralischen
Phantasie suchen, wenn es nicht seine Bequemlichkeit vorzieht, von der
moralischen Phantasie anderer sich bestimmen zu lassen, das heißt: er muß
alles Handeln unterlassen oder nach Bestimmungsgründen handeln, die er
sich selbst aus der Welt seiner Ideen heraus gibt, oder die ihm andere aus
derselben heraus geben.
- Er
wird, wenn er über sein sinnliches Triebleben und über die Ausführung der
Befehle anderer Menschen hinauskommt, durch nichts, als durch sich selbst
bestimmt.
- Er
muß aus einem von ihm selbst gesetzten, durch nichts anderes bestimmten
Antrieb handeln.
- Ideell
ist dieser Antrieb allerdings in der einigen Ideenwelt bestimmt; aber
faktisch kann er nur durch den Menschen aus dieser abgeleitet und in
Wirklichkeit umgesetzt werden.
- Für
die aktuelle Umsetzung einer Idee in Wirklichkeit durch den Menschen kann
der Monismus nur in dem Menschen selbst den Grund finden.
- Daß
eine Idee zur Handlung werde, muß der Mensch erst wollen, bevor es
geschehen kann.
- Ein
solches Wollen hat seinen Grund also nur in dem Menschen selbst.
- Der
Mensch ist dann das letzte Bestimmende seiner Handlung.
- Er
ist frei.
-
- 1.
Zusatz zur Neuausgabe 1918
- Im
zweiten Teile dieses Buches wurde versucht, eine Begründung dafür zu
geben, daß die Freiheit in der Wirklichkeit des menschlichen Handelns zu
finden ist.
- Dazu
war notwendig, aus dem Gesamtgebiete des menschlichen Handelns diejenigen
Teile auszusondern, denen gegenüber bei unbefangener Selbstbeobachtung von
Freiheit gesprochen werden kann.
- Es
sind diejenigen Handlungen, die sich als Verwirklichungen ideeller
Intuitionen darstellen.
- Andere
Handlungen wird kein unbefangenes Betrachten als freie ansprechen.
- Aber
der Mensch wird eben bei unbefangener Selbstbeobachtung sich für veranlagt
halten müssen zum Fortschreiten auf der Bahn nach ethischen Intuitionen
und deren Verwirklichung.
- Diese
unbefangene Beobachtung des ethischen Wesens des
Menschen kann aber für sich keine letzte Entscheidung über die Freiheit
bringen.
- Denn
wäre das intuitive Denken selbst aus irgendeiner andern Wesenheit
entspringend, wäre seine Wesenheit nicht eine auf sich selbst ruhende, so
erwiese sich das aus dem Ethischen fließende Freiheitsbewußtsein als ein
Scheingebilde.
- Aber
der zweite Teil dieses Buches findet seine naturgemäße Stütze in dem
ersten.
- Dieser
stellt das intuitive Denken als erlebte innere Geistbetätigung des
Menschen hin.
- Diese
Wesenheit des Denkens erlebend verstehen,
kommt aber der Erkenntnis von der Freiheit des intuitiven Denkens
gleich.
- Und
weiß man, daß dieses Denken frei ist, dann sieht man auch den Umkreis des
Wollens, dem die Freiheit zuzusprechen ist.
- Den
handelnden Menschen wird für frei halten derjenige, welcher dem
intuitiven Denkerleben eine in sich ruhende Wesenheit auf Grund der
inneren Erfahrung zuschreiben darf.
- Wer
solches nicht vermag, der wird wohl keinen irgendwie unanfechtbaren Weg
zur Annahme der Freiheit finden können.
- Die
hier geltend gemachte Erfahrung findet im Bewußtsein das intuitive
Denken, das nicht bloß im Bewußtsein Wirklichkeit hat.
- Und
sie findet damit die Freiheit als Kennzeichen der aus den Intuitionen des
Bewußtseins fließenden Handlungen.
-
- 2.
Zusatz zur Neuausgabe 1918
- Die
Darstellung dieses Buches ist aufgebaut auf dem rein geistig erlebbaren
intuitiven Denken, durch das eine jegliche Wahrnehmung in die Wirklichkeit
erkennend hineingestellt wird.
- Es
sollte in dem Buche mehr nicht dargestellt werden, als sich von dem Erlebnis
des intuitiven Denkens aus überschauen läßt.
- Aber
es sollte auch geltend gemacht werden, welche Gedankengestaltung dieses
erlebte Denken erfordert.
- Und
es fordert, daß es im Erkenntnisvorgang als in sich ruhendes Erlebnis
nicht verleugnet werde.
- Daß
ihm die Fähigkeit nicht abgesprochen werde, zusammen mit der Wahrnehmung
die Wirklichkeit zu erleben, statt diese erst zu suchen in einer außerhalb
dieses Erlebens liegenden, zu erschließenden Welt, der gegenüber die
menschliche Denkbetätigung nur ein Subjektives sei.
- —
Damit ist in dem Denken das Element gekennzeichnet, durch das der Mensch
in die Wirklichkeit sich geistig hineinlebt.
- (Und
niemand sollte eigentlich diese auf das erlebte Denken gebaute
Weltanschauung mit einem bloßen Rationalismus verwechseln.) Aber
andrerseits geht doch wohl aus dem ganzen Geiste dieser Darlegungen
hervor, daß das Wahrnehmungselement für die menschliche Erkenntnis eine
Wirklichkeitsbestimmung erst erhält, wenn es im Denken ergriffen wird.
- Außer
dem Denken kann die Kennzeichnung als Wirklichkeit
nicht liegen.
- Also
darf nicht etwa vorgestellt werden, daß die sinnliche Art des Wahrnehmens
die einzige Wirklichkeit verbürge.
- Was
als Wahrnehmung auftritt, das muß der Mensch auf seinem Lebenswege
schlechterdings erwarten.
- Es
könnte sich nur fragen: darf aus dem Gesichtspunkte, der sich bloß aus dem
intuitiv erlebten Denken ergibt, berechtigt erwartet werden, daß
der Mensch außer dem Sinnlichen auch Geistiges wahrnehmen könne?
- Dies
darf erwartet werden.
- Denn,
wenn auch einerseits das intuitiv erlebte Denken ein im
Menschengeiste sich vollziehender tätiger Vorgang ist, so ist es andererseits
zugleich eine geistige, ohne sinnliches Organ erfaßte Wahrnehmung.
- Es
ist eine Wahrnehmung, in der der Wahrnehmende selbst tätig ist, und es ist
eine Selbstbetätigung, die zugleich wahrgenommen wird.
- Im
intuitiv erlebten Denken ist derMensch in eine geistige Welt auch als
Wahrnehmender versetzt.
- Was
ihm innerhalb dieser Welt als Wahrnehmung so entgegentritt wie die
geistige Welt seines eigenen Denkens, das erkennt der Mensch als geistige
Wahrnehmungswelt.
- Zu
dem Denken hätte diese Wahrnehmungswelt dasselbe Verhältnis wie
nach der Sinnenseite hin die sinnliche Wahrnehmungswelt.
- Die
geistige Wahrnehmungswelt kann dem Menschen, sobald er sie erlebt, nichts
Fremdes sein, weil er im intuitiven Denken schon ein Erlebnis hat, das
rein geistigen Charakter trägt.
- Von
einer solchen geistigen Wahrnehmungswelt sprechen eine Anzahl der von mir
nach diesem Buche veröffentlichten Schriften.
- Diese
“Philosophie der Freiheit” ist die philosophische Grundlegung für diese
späteren Schriften.
- Denn
in diesem Buche wird versucht, zu zeigen, daß richtig verstandenes
Denk-Erleben schon Geist-Erleben ist.
- Deshalb
scheint es dem Verfasser, daß derjenige nicht vor dem Betreten der
geistigen Wahrnehmungswelt haltmachen wird, der in vollem Ernste den
Gesichtspunkt des Verfassers dieser “Philosophie der Freiheit” einnehmen
kann.
- Logisch
ableiten — durch Schlußfolgerungen — läßt sich aus dem Inhalte dieses
Buches allerdings nicht, was in des Verfassers späteren Büchern
dargestellt ist.
- Vom
lebendigen Ergreifen des in diesem Buche gemeinten intuitiven Denkens wird
sich aber naturgemäß der weitere lebendige Eintritt in die geistige
Wahrnehmungswelt ergeben.
-
- Erster
Anhang — Zusatz zur Neuausgabe 1918
- Einwendungen,
die mir gleich nach dem Erscheinen dieses Buches von philosophischer Seite
her gemacht worden sind, veranlassen mich, die folgende kurze Ausführung
dieser Neuausgabe hinzuzufügen.
- Ich
kann mir gut denken, daß es Leser gibt, die für den übrigen Inhalt dieses
Buches Interesse haben, die aber das Folgende als ein ihnen überflüssiges
und fernliegendes abstraktes Begriffsgespinst ansehen.
- Sie
können diese kurze Darstellung ungelesen lassen.
- Allein
innerhalb der philosophischen Weltbetrachtung tauchen Probleme auf, die
mehr in gewissen Vorurteilen der Denker als im naturgemäßen Gang jedes
menschlichen Denkens selbst ihren Ursprung haben.
- Was
sonst in diesem Buche behandelt ist, das scheint mir eine Aufgabe zu sein,
die jeden Menschen angeht, der nach Klarheit ringt in bezug auf das
Wesen des Menschen und dessen Verhältnis zur Welt.
- Das
Folgende aber ist mehr ein Problem, von dem gewisse Philosophen fordern,
daß es behandelt werde, wenn von den in diesem Buche dargestellten Dingen
die Rede ist, weil diese Philosophen sich durch ihre Vorstellungsart
gewisse nicht allgemein vorhandene Schwierigkeiten geschaffen haben.
- Geht
man ganz an solchen Problemen vorbei, so sind dann gewisse Persönlichkeiten
schnell mit dem Vorwurf des Dilettantismus und dergleichen bei der Hand.
- Und
es entsteht die Meinung, als ob der Verfasser einer Darstellung wie der in
diesem Buche gegebenen mit Ansichten sich nicht auseinandergesetzt hätte,
die er in dem Buche selbst nicht besprochen hat.
- Das
Problem, das ich hier meine, ist dieses: Es gibt Denker, welche der
Meinung sind, daß sich eine besondere Schwierigkeit ergäbe, wenn man
begreifen will, wie ein anderes menschliches Seelenleben auf das eigene
(des Betrachters) wirken könne.
- Sie
sagen: meine bewußte Welt ist in mir abgeschlossen; eine andere bewußte
Welt ebenso in sich.
- Ich
kann in die Bewußtseinswelt eines andern nicht hineinsehen.
- Wie
komme ich dazu, mich mit ihm in einer gemeinsamen Welt zu wissen?
- Diejenige
Weltansicht, welche es für möglich hält, von der bewußten Welt aus auf
eine unbewußte zu schließen, die nie bewußt werden kann, versucht diese
Schwierigkeit in der folgenden Art zu lösen.
- Sie
sagt: die Welt, die ich in meinem Bewußtsein habe, ist die in mir
repräsentierte Welt einer von mir bewußt nicht zu erreichenden
Wirklichkeitswelt.
- In
dieser liegen die mir unbekannten Veranlasser meiner Bewußtseinswelt.
- In
dieser liegt auch meine wirkliche Wesenheit, von der ich ebenfalls nur
einen Repräsentanten in meinem Bewußtsein habe.
- In
dieser liegt aber auch die Wesenheit des andern Menschen, der mir
gegenüber tritt.
- Was
nun im Bewußtsein dieses andern Menschen erlebt wird, das hat seine von
diesem Bewußtsein unabhängige entsprechende Wirklichkeit in seiner
Wesenheit.
- Diese
wirkt in dem Gebiet, das nicht bewußt werden kann, auf meine prinzipielle
unbewußte Wesenheit, und dadurch wird in meinem Bewußtsein eine
Repräsentanz geschaffen für das, was in einem von meinem bewußten Erleben
ganz unabhängigen Bewußtsein gegenwärtig ist.
- Man
sieht: es wird hier zu der von meinem Bewußtsein erreichbaren Welt eine
für dieses im Erleben unerreichbare hypothetisch hinzugedacht, weil man
sonst sich zu der Behauptung gedrängt glaubt, alle Außenwelt, die ich
meine vor mir zu haben, sei nur meine Bewußtseinswelt, und das ergäbe die
— solipsistsche — Absurdität, auch die andern Personen lebten nur
innerhalb meines Bewußtseins.
- Klarheit
über diese durch manche erkenntnistheoretische Strömungen der neueren Zeit
geschaffene Frage kann man gewinnen, wenn man vom Gesichtspunkte der
geistgemäßen Beobachtung, der in der Darstellung dieses Buches eingenommen
ist, die Sache zu überschauen trachtet.
- Was
habe ich denn zunächst vor mir, wenn ich einer andern Persönlichkeit
gegenüberstehe?
- Ich
sehe auf das nächste.
- Es
ist die mir als Wahrnehmung gegebene sinnliche Leibeserscheinung der
andern Person; dann noch etwa die Gehörwahrnehmung dessen, was sie sagt,
und so weiter.
- Alles
dies starre ich nicht bloß an, sondern es setzt meine denkende Tätigkeit
in Bewegung.
- Indem
ich denkend vor der andern Persönlichkeit stehe, kennzeichnet sich mir die
Wahrnehmung gewissermaßen als seelisch durchsichtig.
- Ich
bin genötigt, im denkenden Ergreifen der Wahrnehmung mir zu sagen, daß sie
dasjenige gar nicht ist, als was sie den äußeren Sinnen erscheint.
- Die
Sinneserscheinung offenbart in dem, was sie unmittelbar ist, ein anderes,
was sie mittelbar ist.
- Ihr
Sich-vor-mich Hinstellen ist zugleich ihr Auslöschen als bloße
Sinneserscheinung.
- Aber
was sie in diesem Auslöschen zur Erscheinung bringt, das zwingt mich als
denkendes Wesen, mein Denken für die Zeit ihres Wirkens auszulöschen und
an dessen Stelle ihr Denken zu setzen.
- Dieses
ihr Denken aber ergreife ich in meinem Denken als Erlebnis wie mein
eigenes.
- Ich
habe das Denken des andern wirklich wahrgenommen.
- Denn
die als Sinneserscheinung sich auslöschende unmittelbare Wahrnehmung wird
von meinem Denken ergriffen, und es ist ein vollkommen in meinem
Bewußtsein liegender Vorgang, der darin besteht, daß sich an die Stelle
meines Denkens das andere Denken setzt.
- Durch
das Sich-Auslöschen der Sinneserscheinung wird die Trennung zwischen den
beiden Bewußtseinssphären tatsächlich aufgehoben.
- Das
repräsentiert sich in meinem Bewußtsein dadurch, daß ich im Erleben des
andern Bewußtseinsinhaltes mein eigenes Bewußtsein ebensowenig erlebe, wie
ich es im traumlosen Schlafe erlebe.
- Wie
in diesem mein Tagesbewußtsein ausgeschaltet ist, so im Wahrnehmen des
fremden Bewußtseinsinhaltes der eigene.
- Die
Täuschung, als ob dies nicht so sei, rührt nur davon her, daß im
Wahrnehmen der andern Person erstens an die Stelle der Auslöschung des
eigenen Bewußtseinsinhaltes nicht Bewußtlosigkeit tritt wie im Schlafe,
sondern der andere Bewußtseinsinhalt, und zweitens, daß die
Wechselzustände zwischen Auslöschen und Wieder-Aufleuchten des Bewußtseins
von mir selbst zu schnell aufeinander folgen, um für gewöhnlich bemerkt zu
werden.
- —
Das ganze hier vorliegende Problem löst man nicht durch künstliche
Begriffskonstruktionen, die von Bewußtem auf solches schließen, das nie
bewußt werden kann, sondern durch wahres Erleben dessen, was sich in der
Verbindung von Denken und Wahrnehmung ergibt.
- Es
ist dies bei sehr vielen Fragen der Fall, die in der philosophischen
Literatur auftreten.
- Die
Denker sollten den Weg suchen zu unbefangener geistgemäßer Beobachtung;
statt dessen schieben sie vor die Wirklichkeit eine künstliche
Begriffskonstruktion hin.
- In
einer Abhandlung Eduard von Hartmanns “Die letzten Fragen der
Erkenntnistheorie und Metaphysik” (in der Zeitschrift für Philosophie und
philosophische Kritik, 108. Bd. S. 55 ff.) wird meine “Philosophie der
Freiheit” in die philosophische Gedankenrichtung eingereiht, die sich auf
einen “erkenntnistheoretischen Monismus” stützen will.
- Ein
solcher Standpunkt wird von Eduard von Hartmann als ein unmöglicher
abgelehnt.
- Dem
liegt folgendes zugrunde.
- Gemäß
der Vorstellungsart, welche sich in dem genannten Aufsatze zum Ausdruck
bringt, gibt es nur drei mögliche erkenntnistheoretische Standpunkte.
- Entweder
man bleibt auf dem naiven Standpunkt stehen, welcher die wahrgenommenen
Erscheinungen als wirkliche Dinge außer dem menschlichen Bewußtsein nimmt.
- Dann
fehlte es einem an kritischer Erkenntnis.
- Man
sehe nicht ein, daß man mit seinem Bewußtseinsinhalt doch nur in dem
eigenen Bewußtsein sei.
- Man
durchschaue nicht, daß man es nicht mit einem “Tische an sich” zu tun
habe, sondern nur mit dem eigenen Bewußtseinsobjekte.
- Wer
auf diesem Standpunkte bleibe oder durch irgendwelche Erwägungen zu ihm
wieder zurückkehre, der sei naiver Realist.
- Allein
dieser Standpunkt sei eben unmöglich, denn er verkenne, daß das Bewußtsein
nur seine eigenen Bewußtseinsobjekte habe.
- Oder
man durchschaue diesen Sachverhalt und gestehe sich ihn voll ein.
- Dann
werde man zunächst transzendentaler Idealist.
- Man
müsse dann aber ablehnen, daß von einem “Dinge an sich” jemals etwas im
menschlichen Bewußtsein auftreten könne.
- Dadurch
entgehe man aber nicht dem absoluten Illusionismus, wenn man nur
konsequent genug dazu sei.
- Denn
es verwandelt sich einem die Welt, der man gegenübersteht, in eine bloße
Summe von Bewußtseinsobjekten, und zwar nur von Objekten des eigenen
Bewußtseins.
- Auch
die anderer Menschen sei man dann — absurderweise — gezwungen, nur als im
eigenen Bewußtseinsinhalt allein anwesend zu denken.
- Ein
möglicher Standpunkt sei nur der dritte, der transzendentale Realismus.
- Dieser
nimmt an, es gibt “Dinge an sich”, aber das Bewußtsein kann in keiner Weise
im unmittelbaren Erleben mit ihnen zu tun haben.
- Sie
bewirken jenseits des menschlichen Bewußtseins auf eine Art, die nicht ins
Bewußtsein fällt, daß in diesem die Bewußtseinsobjekte auftreten.
- Man
kann auf diese “Dinge an sich” nur durch Schlußfolgerung aus dem allein
erlebten, aber eben bloß vorgestellten Bewußtseinsinhalt kommen.
- Eduard
von Hartmann behauptet nun in dem genannten Aufsatze, ein
“erkenntnistheoretischer Monismus”, als den er meinen Standpunkt auffaßt,
müsse sich in Wirklichkeit zu einem der drei Standpunkte bekennen; er tue
es nur nicht, weil er die tatsächlichen Konsequenzen seiner
Voraussetzungen nicht ziehe.
- Und
dann wird in dem Aufsatz gesagt: “Wenn man herausbekommen will, welchem
erkenntnistheoretischen Standpunkt ein angeblicher erkenntnistheoretischer
Monist angehört, so braucht man ihm nur einige Fragen vorzulegen und ihn
zur Beantwortung derselben zu zwingen.
- Denn
von selbst läßt sich kein solcher zur Äußerung über diese Punkte herbei,
und auch der Beantwortung direkter Fragen wird er auf alle Weise
auszuweichen suchen, weil jede Antwort den Anspruch auf
erkenntnistheoretische Monismus als einen von den drei anderen
verschiedenen Standpunkt aufhebt.
- Diese
Fragen sind folgende: 1. Sind die Dinge in ihrem Bestande kontinuierlich
oder intermittierend?
- Wenn
die Antwort lautet: sie sind kontinuierlich, so hat man es mit irgendeiner
Form des naiven Realismus zu tun.
- Wenn
sie lautet: sie sind intermittierend, so liegt transzendentaler Idealismus
vor.
- Wenn
sie aber lautet: sie sind einerseits (als Inhalte des absoluten
Bewußtseins, oder als unbewußte Vorstellungen oder als
Wahrnehmungsmöglichkeiten) kontinuierlich, andererseits (als Inhalte des
beschränkten Bewußtseins) intermittierend, so ist transzendentaler Realismus
konstatiert.
- —
2. Wenn drei Personen an einem Tisch sitzen, wieviele Exemplare des
Tisches sind vorhanden?
- Wer
antwortet: eines, ist naiver Realist; wer antwortet: drei, ist
transzendentaler Idealist; wer aber antwortet: vier, der ist
transzendentaler Realist.
- Es
ist dabei allerdings vorausgesetzt, daß man so ungleichartiges wie den
einen Tisch als Ding an sich und die drei Tische als Wahrnehmungsobjekte
in den drei Bewußtseinen unter die gemeinsame Bezeichnung
- “Exemplare
des Tisches” zusammenfassen dürfe.
- Wem
dies als eine zu große Freiheit erscheint, der wird die Antwort “einer und
drei” geben müssen, anstatt “vier”.
- —
3. Wenn zwei Personen allein in einem Zimmer zusammen sind, wieviel
Exemplare dieser Personen sind vorhanden?
- Wer
antwortet: zwei, ist naiver Realist; wer antwortet: vier (nämlich in jedem
der beiden Bewußtseine ein Ich und ein anderer), der ist transzendentaler
Idealist; wer aber antwortet: sechs (nämlich zwei Personen als Dinge an
sich und vier Vorstellungsobjekte von Personen in den zwei Bewußtseinen),
der ist transzendentaler Realist.
- Wer
den erkenntnistheoretischen Monismus als einen von diesen drei
Standpunkten verschiedenen erweisen wollte, der müßte auf jede dieser drei
Fragen eine andere Antwort geben; ich wüßte aber nicht wie diese lauten
könnte.”
- Die
Antworten der “Philosophie der Freiheit” müßten so lauten:
- 1.
Wer von den Dingen nur die Wahrnehmungsinhalte erfaßt und diese für
Wirklichkeit nimmt, ist naiver Realist, und er macht sich nicht klar, daß
er eigentlich diese Wahrnehmungsinhalte nur so lange für bestehend
ansehen dürfte, als er auf die Dinge hinsieht, daß er also, was er vor
sich hat, als intermittierend denken müßte.
- Sobald
er sich aber klar darüber wird, daß Wirklichkeit nur im gedankendurchsetzten
Wahrnehmbaren vorhanden ist, gelangt er zu der Einsicht, daß der als intermittierend
auftretende Wahrnehmungsinhalt durchsetzt von dem im Denken
Erarbeiteten sich als kontinuierlich offenbart.
- Als
kontinuierlich muß also gelten: der von dem erlebten Denken erfaßte
Wahrnehmungsgehalt, von dem das, was nur wahrgenommen wird, als
intermittierend zu denken wäre, wenn es — was nicht der Fall ist —
wirklich wäre.
- —
2. Wenn drei Personen an einem Tisch sitzen, wieviel Exemplare des Tisches
sind vorhanden?
- Es
ist nur ein Tisch vorhanden; aber so lange die drei Personen
bei ihren Wahrnehmungsbildern stehen bleiben wollten, müßten sie sagen: diese
Wahrnehmungsbilder sind überhaupt keine Wirklichkeit.
- Sobald
sie zu dem in ihrem Denken erfaßten Tisch übergehen, offenbart sich ihnen
die eine Wirklichkeit des Tisches; sie sind mit ihren drei
Bewußtseinsinhalten in dieser Wirklichkeit vereinigt.
- —
3. Wenn zwei Personen allein in einem Zimmer zusammen sind, wieviel
Exemplare dieser Personen sind vorhanden?
- Es
sind ganz gewiß nicht sechs — auch nicht im Sinne des transzendentalen
Realisten — Exemplare vorhanden, sondern nur zwei.
- Nur
hat jede der Personen zunächst sowohl von sich wie von der anderen Person
nur das unwirkliche Wahrnehmungsbild.
- Von
diesen Bildern sind vier vorhanden, bei deren Anwesenheit in den
Denktätigkeiten der zwei Personen sich die Ergreifung der Wirklichkeit
abspielt.
- In
dieser Denktätigkeit übergreift eine jede der Personen ihre
Bewußtseinssphäre; die der anderen und der eigenen Person lebt in ihr auf.
- In
den Augenblicken dieses Auflebens sind die Personen ebensowenig in ihrem
Bewußtsein beschlossen wie im Schlafe.
- Nur
tritt in den anderen Augenblicken das Bewußtsein von diesem Aufgehen in
dem andern wieder auf, so daß das Bewußtsein einer jeden der Personen im
denkenden Erleben sich und den andern ergreift.
- Ich
weiß, daß der transzendentale Realist dieses als einen Rückfall in den
naiven Realismus bezeichnet.
- Doch
habe ich bereits in dieser Schrift darauf hingewiesen, daß der naive
Realismus für das erlebte Denken seine Berechtigung behält.
- Der
transzendentale Realist läßt sich auf den wahren Sachverhalt im
Erkenntnisvorgang gar nicht ein; er schließt sich von diesem durch ein
Gedankengespinst ab und verstrickt sich in diesem.
- Es
sollte der in der “Philosophie der Freiheit” auftretende Monismus auch
nicht “erkenntnistheoretischer” genannt werden, sondern, wenn man einen
Beinamen will, Gedanken-Monismus.
- Das
alles wurde durch Eduard von Hartmann verkannt.
- Er
ging auf das Spezifische der Darstellung in der “Philosophie der Freiheit”
nicht ein, sondern behauptete: ich hätte den Versuch gemacht, den Hegelschen
universalistischen Panlogismus mit Humes individualistischem Phänomenalismus
zu verbinden (S. 71 der Zeitschrift für Philosophie, 108.
- Bd.,
Anmerkung), während in der Tat die “Philosophie der Freiheit” als solche
gar nichts mit diesen zwei Standpunkten, die sie angeblich zu vereinigen
bestrebt ist, zu tun hat.
- (Hier
liegt auch der Grund, warum es mir nicht naheliegen konnte, mich zum
Beispiel mit dem “erkenntnistheoretischen Monismus” Johannes Rehmkes
auseinanderzusetzen.
- Es
ist eben der Gesichtspunkt der “Philosophie der Freiheit” ein ganz
anderer, als was Eduard von Hartmann und andere erkenntnistheoretischen
Monismus nennen.)
-
- Zweiter
Anhang
- In
dem Folgenden wird in allem Wesentlichen wiedergegeben, was als eine Art
“Vorrede” in der ersten Auflage dieses Buches stand.
- Da
es mehr die Gedankenstimmung gibt, aus der ich vor fünfundzwanzig Jahren
das Buch niederschrieb, als daß es mit dem Inhalte desselben unmittelbar
etwas zu tun hätte, setze ich es hier als “Anhang” her.
- Ganz
weglassen möchte ich es aus dem Grunde nicht, weil immer wieder die
Ansicht auftaucht, ich habe wegen meiner späteren
geisteswissenschaftlichen Schriften etwas von meinen früheren Schriften zu
unterdrücken.
Unser Zeitalter kann die Wahrheit
nur aus der Tiefe des menschlichen Wesens schöpfen wollen. (1)
- Von
Schillers bekannten zwei Wegen:
- “Wahrheit
suchen wir beide, du außen im Leben,
- ich
innen In dem Herzen, und so findet sie jeder gewiß.
- Ist
das Auge gesund, so begegnet es außen dem Schöpfer;
- Ist
es das Herz, dann gewiß spiegelt es innen die Welt”
- wird
der Gegenwart vorzüglich der zweite frommen.
- Eine
Wahrheit, die uns von außen kommt, trägt immer den Stempel der
Unsicherheit an sich.
- Nur
was einem jeden von uns in seinem eigenen Innern als Wahrheit erscheint,
daran mögen wir glauben.
- Fußnoten: (1) Ganz weggelassen sind hier nur die allerersten
Eingangssätze (der ersten Auflage) dieser Ausführungen, die mir heute ganz
unwesentlich erscheinen. Was aber des weiteren darin gesagt ist, scheint
mir auch gegenwärtig trotz der naturwissenschaftlichen Denkart unserer
Zeitgenossen, ja gerade wegen derselben, zu sagen notwendig.
- Nur
die Wahrheit kann uns Sicherheit bringen im Entwickeln unserer
individuellen Kräfte.
- Wer
von Zweifeln gequält ist, dessen Kräfte sind gelähmt.
- In
einer Welt, die ihm rätselhaft ist, kann er kein Ziel seines Schaffens
finden.
- Wir
wollen nicht mehr bloß glauben; wir wollen wissen.
- Der
Glaube fordert Anerkennung von Wahrheiten, die wir nicht ganz
durchschauen.
- Was
wir aber nicht ganz durchschauen, widerstrebt dem Individuellen, das alles
mit seinem tiefsten Innern durchleben will.
- Nur
das Wissen befriedigt uns, das keiner äußeren Norm sich unterwirft,
sondern aus dem Innenleben der Persönlichkeit entspringt.
- Wir
wollen auch kein solches Wissen, das in eingefrorenen Schulregeln sich ein
für allemal ausgestaltet hat, und in für alle Zeiten gültigen Kompendien
aufbewahrt ist.
- Wir
halten uns jeder berechtigt, von seinen nächsten Erfahrungen, seinen
unmittelbaren Erlebnissen auszugehen, und von da aus zur Erkenntnis des
ganzen Universums aufzusteigen.
- Wir
erstreben ein sicheres Wissen, aber jeder auf seine eigene Art.
- Unsere
wissenschaftlichen Lehren sollen auch nicht mehr eine solche Gestalt
annehmen, als wenn ihre Anerkennung Sache eines unbedingten Zwanges wäre.
- Keiner
von uns möchte einer wissenschaftlichen Schrift einen Titel geben, wie
einst Fichte: “Sonnenklarer Bericht an das größere Publikum über
das eigentliche Wesen der neuesten Philosophie.
- Ein
Versuch, die Leser zum Verstehen zu zwingen.”
- Heute
soll niemand zum Verstehen gezwungen werden.
- Wen
nicht ein besonderes, individuelles Bedürfnis zu einer Anschauung treibt,
von dem fordern wir keine Anerkennung, noch Zustimmung.
- Auch
dem noch unreifen Menschen, dem Kinde, wollen wir gegenwärtig keine
Erkenntnisse eintrichtern, sondern wir suchen seine Fähigkeiten zu
entwickeln, damit es nicht mehr zum Verstehen gezwungen zu werden
braucht, sondern verstehen will.
- Ich
gebe mich keiner Illusion hin in bezug auf diese Charakteristik meines
Zeitalters.
- Ich
weiß, wie viel individualitätloses Schablonentum lebt und sich breit
macht.
- Aber
ich weiß ebenso gut, daß viele meiner Zeitgenossen im Sinne der
angedeuteten Richtung ihr Leben einzurichten suchen.
- Ihnen
möchte ich diese Schrift widmen.
- Sie
soll nicht “den einzig möglichen” Weg zur Wahrheit führen, aber sie soll
von demjenigen erzählen, den einer eingeschlagen hat, dem es um
Wahrheit zu tun ist.
- Die
Schrift führt zuerst in abstraktere Gebiete, wo der Gedanke scharfe
Konturen ziehen muß, um zu sichern Punkten zu kommen.
- Aber
der Leser wird aus den dürren Begriffen heraus auch in das konkrete Leben
geführt.
- Ich
bin eben durchaus der Ansicht, daß man auch in das Ätherreich der Begriffe
sich erheben muß, wenn man das Dasein nach allen Richtungen durchleben
will.
- Wer
nur mit den Sinnen zu genießen versteht, der kennt die Leckerbissen des
Lebens nicht.
- Die
orientalischen Gelehrten lassen die Lernenden erst Jahre eines entsagenden
und asketischen Lebens verbringen, bevor sie ihnen mitteilen, was sie
selbst wissen.
- Das
Abendland fordert zur Wissenschaft keine frommen Übungen und keine Askese
mehr, aber es verlangt dafür den guten Willen, kurze Zeit sich den
unmittelbaren Eindrücken des Lebens zu entziehen, und in das Gebiet der
reinen Gedankenwelt sich zu begeben.
- Der
Gebiete des Lebens sind viele.
- Für
jedes einzelne entwickeln sich besondere Wissenschaften.
- Das
Leben selbst aber ist eine Einheit, und je mehr die Wissenschaften
bestrebt sind, sich in die einzelnen Gebiete zu vertiefen, desto mehr
entfernen sie sich von der Anschauung des lebendigen Weltganzen.
- Es
muß ein Wissen geben, das in den einzelnen Wissenschaften die Elemente
sucht, um den Menschen zum vollen Leben wieder zurückzuführen.
- Der
wissenschaftliche Spezialforscher will sich durch seine Erkenntnisse ein
Bewußtsein von der Welt und ihren Wirkungen erwerben; in dieser Schrift
ist das Ziel ein philosophisches: die Wissenschaft soll selbst organisch-lebendig
werden.
- Die
Einzelwissenschaften sind Vorstufen der hier angestrebten Wissenschaft.
- Ein
ähnliches Verhältnis herrscht in den Künsten.
- Der
Komponist arbeitet auf Grund der Kompositionslehre.
- Die
letztere ist eine Summe von Kenntnissen, deren Besitz eine notwendige
Vorbedingung des Komponierens ist.
- Im
Komponieren dienen die Gesetze der Kompositionslehre dem Leben, der realen
Wirklichkeit.
- Genau
in demselben Sinne ist die Philosophie eine Kunst.
- Alle
wirklichen Philosophen waren Begriffskünstler.
- Für
sie wurden die menschlichen Ideen zum Kunstmateriale und die
wissenschaftliche Methode zur künstlerischen Technik.
- Das
abstrakte Denken gewinnt dadurch konkretes, individuelles Leben.
- Die
Ideen werden Lebensmächte.
- Wir
haben dann nicht bloß ein Wissen von den Dingen, sondern wir haben das
Wissen zum realen, sich selbst beherrschenden Organismus gemacht; unser
wirkliches, tätiges Bewußtsein hat sich über ein bloß passives Aufnehmen
von Wahrheiten gestellt.
- Wie
sich die Philosophie als Kunst zur Freiheit des Menschen verhält,
was die letztere ist, und ob wir ihrer teilhaftig sind oder es werden
können: das ist die Hauptfrage meiner Schrift.
- Alle
anderen wissenschaftlichen Ausführungen stehen hier nur, weil sie zuletzt
Aufklärung geben über jene, meiner Meinung nach, den Menschen am nächsten
liegenden Fragen.
- Eine
“Philosophie der Freiheit” soll in diesen Blättern gegeben werden.
- Alle
Wissenschaft wäre nur Befriedigung müßiger Neugierde, wenn sie nicht auf
die Erhöhung des Daseinswertes der menschlichen Persönlichkeit hinstrebte.
- Den
wahren Wert erhalten die Wissenschaften erst durch eine Darstellung der
menschlichen Bedeutung ihrer Resultate.
- Nicht
die Veredlung eines einzelnen Seelenvermögens kann Endzweck des
Individuums sein, sondern die Entwickelung aller in uns schlummernden
Fähigkeiten.
- Das
Wissen hat nur dadurch Wert, daß es einen Beitrag liefert zur allseitigen
Entfaltung der ganzen Menschennatur.
- Diese
Schrift faßt deshalb die Beziehung zwischen Wissenschaft und Leben nicht
so auf, daß der Mensch sich der Idee zu beugen hat und seine Kräfte ihrem
Dienst weihen soll, sondern in dem Sinne, daß er sich der Ideenwelt
bemächtigt, um sie zu seinen menschlichen Zielen, die über die bloß
wissenschaftlichen hinausgehen, zu gebrauchen.
- Man
muß sich der Idee erlebend gegenüberstellen können; sonst gerät man
unter ihre Knechtschaft.