Die Philosophie der Freiheit.
Grundzüge einer
modernen Weltanschauung.
Seelische
Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode.
INHALT
Vorrede
zur Neuausgabe 1918
I. Teil:
Wissenschaft der
Freiheit
Das bewusste
menschliche Handeln
Der Grundtrieb zur
Wissenschaft
Das Denken im Dienste
der Weltauffassung
Die Welt als
Wahrnehmung
Das Erkennen der Welt
Die menschliche
Individualität
Gibt es Grenzen des
Erkennens
II. Teil:
Die Wirklichkeit
der Freiheit
Die Faktoren des
Lebens
Die Idee der Freiheit
Freiheitsphilosophie
und Monismus
Weltzweck und
Lebenszweck (Bestimmung des Menschen)
Die moralische
Phantasie (Darwinismus und Sittlichkeit)
Der Wert des Lebens
(Pessimismus und Optimismus)
Individualität und
Gattung
Die letzten
Fragen - Die Konsequenzen des Monismus
Erster
Anhang (Zusatz zur Neuausgabe 1918)
Zweiter
Anhang (Vorrede zur 1. Auflage von 1884)
Zwei Wurzelfragen des
menschlichen Seelenlebens sind es, nach denen hingeordnet ist alles, was durch
dieses Buch besprochen werden soll.
Die eine ist, ob es
eine Möglichkeit gibt, die menschliche Wesenheit so anzuschauen, daß diese
Anschauung sich als Stütze erweist für alles andere, was durch Erleben oder
Wissenschaft an den Menschen herankommt, wovon er aber die Empfindung hat, es
könne sich nicht selber stützen.
Es könne von Zweifel
und kritischem Urteil in den Bereich des Ungewissen getrieben werden.
Die andere Frage ist
die:
Darf sich der Mensch
als wollendes Wesen die Freiheit zuschreiben, oder ist diese Freiheit eine
bloße Illusion, die in ihm entsteht, weil er die Fäden der Notwendigkeit nicht
durchschaut, an denen sein Wollen ebenso hängt wie ein Naturgeschehen?
Nicht ein künstliches
Gedankengespinst ruft diese Frage hervor.
Sie tritt ganz
naturgemäß in einer bestimmten Verfassung der Seele vor diese hin.
Und man kann fühlen,
es ginge der Seele etwas ab von dem, was sie sein soll, wenn sie nicht vor die
zwei Möglichkeiten:
Freiheit oder
Notwendigkeit des Wollens, einmal mit einem möglichst großen Frageernst sich
gestellt sähe.
In dieser Schrift soll
gezeigt werden, daß die Seelenerlebnisse, welche der Mensch durch die zweite
Frage erfahren muß, davon abhängen, welchen Gesichtspunkt er gegenüber der
ersten einzunehmen vermag.
Der Versuch wird
gemacht, nachzuweisen, daß es eine Anschauung über die menschliche Wesenheit
gibt, welche die übrige Erkenntnis stützen kann; und der weitere, darauf
hinzudeuten, daß mit dieser Anschauung für die Idee der Freiheit des Willens
eine volle Berechtigung gewonnen wird, wenn nur erst das Seelengebiet gefunden
ist, auf dem das freie Wollen sich entfalten kann.
Die Anschauung, von
der hier mit Bezug auf diese beiden Fragen die Rede ist, stellt sich als eine
solche dar, welche, einmal gewonnen, ein Glied lebendigen Seelenlebens selbst
werden kann.
Es wird nicht eine
theoretische Antwort gegeben, die man, einmal erworben, bloß als vom Gedächtnis
bewahrte Überzeugung mit sich trägt.
Für die
Vorstellungsart, die diesem Buche zugrunde liegt, wäre eine solche Antwort nur
eine scheinbare.
Nicht eine solch
fertige, abgeschlossene Antwort wird gegeben, sondern auf ein Erlebnisgebiet
der Seele wird verwiesen, auf dem sich durch die innere Seelentätigkeit selbst
in jedem Augenblicke, in dem der Mensch dessen bedarf, die Frage erneut
lebendig beantwortet.
Wer das Seelengebiet
einmal gefunden hat, auf dem sich diese Fragen entwickeln, dem gibt eben die
wirkliche Anschauung dieses Gebietes dasjenige, was er für diese beiden
Lebensrätsel braucht, um mit dem Errungenen das rätselvolle Leben weiter in die
Breiten und in die Tiefen zu wandeln, in die ihn zu wandeln Bedürfnis und
Schicksal veranlassen. - Eine Erkenntnis, die durch ihr Eigenleben und durch
die Verwandtschaft dieses Eigenlebens mit dem ganzen menschlichen Seelenleben
ihre Berechtigung und Geltung erweist, scheint damit aufgezeigt zu sein.
So dachte ich über den
Inhalt dieses Buches, als ich ihn vor fünfundzwanzig Jahren niederschrieb.
Auch heute muß ich
solche Sätze niederschreiben, wenn ich die Zielgedanken der Schrift
kennzeichnen will.
Ich habe mich bei der
damaligen Niederschrift darauf beschränkt, nicht mehr zu sagen als dasjenige,
was im engsten Sinne mit den gekennzeichneten beiden Wurzelfragen zusammenhängt.
Wenn jemand verwundert
darüber sein sollte, daß man in diesem Buche noch keinen Hinweis findet auf das
Gebiet der geistigen Erfahrungswelt, das in späteren Schriften von mir zur
Darstellung gekommen ist, so möge er bedenken, daß ich damals eben nicht eine
Schilderung geistiger Forschungsergebnisse geben, sondern erst die Grundlage
erbauen wollte, auf der solche Ergebnisse ruhen können.
Diese «Philosophie der
Freiheit» enthält keine solchen speziellen Ergebnisse, ebensowenig als sie
spezielle naturwissenschaftliche Ergebnisse enthält; aber was sie enthält, wird
derjenige nach meiner Meinung nicht entbehren können, der Sicherheit für solche
Erkenntnisse anstrebt.
Was in dem Buche
gesagt ist, kann auch für manchen Menschen annehmbar sein, der aus irgend
welchen ihm geltenden Gründen mit meinen geisteswissenschaftlichen
Forschungsergebnissen nichts zu tun haben will.
Demjenigen aber, der
diese geisteswissenschaftlichen Ergebnisse als etwas betrachten kann, zu dem es
ihn hinzieht, dem wird auch wichtig sein können, was hier versucht wurde.
Es ist dies: nachzuweisen,
wie eine unbefangene Betrachtung, die sich bloß über die beiden
gekennzeichneten für alles Erkennen grundlegenden Fragen erstreckt, zu der
Anschauung führt, daß der Mensch in einer wahrhaftigen Geistwelt drinnen lebt.
In diesem Buche ist
erstrebt, eine Erkenntnis des Geistgebietes vor dem Eintritte in die geistige
Erfahrung zu rechtfertigen.
Und diese
Rechtfertigung ist so unternommen, daß man wohl nirgends bei diesen
Ausführungen schon auf die später von mir geltend gemachten Erfahrungen
hinzuschielen braucht, um, was hier gesagt ist, annehmbar zu finden, wenn man
auf die Art dieser Ausführungen selbst eingehen kann oder mag.
So scheint mir denn
dieses Buch auf der einen Seite eine von meinen eigentlich
geisteswissenschaftlichen Schriften völlig abgesonderte Stellung einzunehmen;
und auf der andern Seite doch auch aufs allerengste mit ihnen verbunden zu sein.
Dies alles hat mich
veranlaßt, jetzt, nach fünfundzwanzig Jahren, den Inhalt der Schrift im
wesentlichen fast ganz unverändert wieder zu veröffentlichen.
Nur längere Zusätze
habe ich zu einer ganzen Reihe von Abschnitten gemacht.
Die Erfahrungen, die
ich über mißverständliche Auffassungen des von mir Gesagten gemacht habe,
ließen mir solche ausführliche Erweiterungen nötig erscheinen.
Geändert habe ich nur
da, wo mir heute das ungeschickt gesagt schien, was ich vor einem
Vierteljahrhundert habe sagen wollen.
(Aus dem so Geänderten
wird wohl nur ein Übelwollender sich veranlaßt finden zu sagen, ich habe meine
Grundüberzeugung geändert.)
Das Buch ist schon
seit vielen Jahren ausverkauft.
Trotzdem, wie aus dem
eben Gesagten hervorgeht, mir scheint, daß heute ebenso noch ausgesprochen
werden soll, was ich vor fünfundzwanzig Jahren über die gekennzeichneten Fragen
ausgesprochen habe, zögerte ich durch lange Zeit mit der Fertigstellung dieser
Neuauflage.
Ich fragte mich immer
wieder, ob ich nicht müsse an dieser oder jener Stelle mich mit den zahlreichen
seit dem Erscheinen der ersten Auflage zutage getretenen philosophischen
Anschauungen auseinandersetzen.
Dies in der mir
wünschenswerten Weise zu tun, verhinderte mich die Inanspruchnahme durch meine
rein geisteswissenschaftlichen Forschungen in der letzten Zeit.
Allein ich habe mich
nun nach möglichst gründlicher Umschau in der philosophischen Arbeit der
Gegenwart davon überzeugt, daß, so verlockend eine solche Auseinandersetzung an
sich wäre, sie für das, was durch mein Buch gesagt werden soll, nicht in
dasselbe aufzunehmen ist.
Was von dem in der
«Philosophie der Freiheit» eingenommenen Gesichtspunkt aus über neuere
philosophische Richtungen mir nötig schien, gesagt zu werden, findet man im
zweiten Bande meiner «Rätsel der Philosophie».
April 1918
Rudolf Steiner
Ist der Mensch in seinem Denken
und Handeln ein geistig freies Wesen oder steht er unter dem Zwange
einer rein naturgesetzlichen ehernen Notwendigkeit?
Auf wenige Fragen ist so viel
Scharfsinn gewendet worden als auf diese.
Die Idee der Freiheit des
menschlichen Willens hat warme Anhänger wie hartnäckige Gegner in reicher Zahl
gefunden.
Es gibt Menschen, die in ihrem
sittlichen Pathos jeden für einen beschränkten Geist erklären, der eine so
offenkundige Tatsache wie die Freiheit zu leugnen vermag.
Ihnen stehen andere gegenüber,
die darin den Gipfel der Unwissenschaftlichkeit erblicken, wenn jemand die
Gesetzmäßigkeit der Natur auf dem Gebiete des menschlichen Handelns und Denkens
unterbrochen glaubt.
Ein und dasselbe Ding wird hier
gleich oft für das kostbarste Gut der Menschheit wie für die ärgste Illusion
erklärt.
Unendliche Spitzfindigkeit
wurde aufgewendet, um zu erklären, wie sich die menschliche Freiheit mit dem
Wirken in der Natur, der doch auch der Mensch angehört, verträgt.
Nicht geringer ist die Mühe,
mit der von anderer Seite begreiflich zu machen gesucht wurde, wie eine solche
Wahnidee hat entstehen können.
Daß man es hier mit einer der
wichtigsten Fragen des Lebens, der Religion, der Praxis und der Wissenschaft zu
tun hat, das fühlt jeder, bei dem nicht das Gegenteil von Gründlichkeit der
hervorstechendste Zug seines Charakters ist.
Und es gehört zu den traurigen
Zeichen der Oberflächlichkeit gegenwärtigen Denkens, daß ein Buch, das aus den
Ergebnissen neuerer Naturforschung einen «neuen Glauben» prägen will (David
Friedrich Strauß, Der alte und der neue Glaube), über diese Frage nichts
enthält als die Worte:
«Auf die Frage nach der
Freiheit des menschlichen Willens haben wir uns hiebei nicht einzulassen.
Die vermeintlich indifferente
Wahlfreiheit ist von jeder Philosophie, die des Namens wert war, immer als ein
leeres Phantom erkannt worden; die sittliche Wertbestimmung der menschlichen
Handlungen und Gesinnungen aber bleibt von jener Frage unberührt.»
Nicht weil ich glaube, daß das
Buch, in dem sie steht, eine besondere Bedeutung hat, führe ich diese Stelle
hier an, sondern weil sie mir die Meinung auszusprechen scheint, bis zu der
sich in der fraglichen Angelegenheit die Mehrzahl unserer denkenden
Zeitgenossen aufzuschwingen vermag.
Daß die Freiheit darin nicht
bestehen könne, von zwei möglichen Handlungen ganz nach Belieben die eine oder
die andere zu wählen, scheint heute jeder zu wissen, der darauf Anspruch macht,
den wissenschaftlichen Kinderschuhen entwachsen zu sein.
Es ist immer, so behauptet man,
ein ganz bestimmter Grund vorhanden, warum man von mehreren möglichen
Handlungen gerade eine bestimmte zur Ausführung bringt.
Das scheint einleuchtend.
Trotzdem richten sich bis zum
heutigen Tage die Hauptangriffe der Freiheitsgegner nur gegen die Wahlfreiheit.
Sagt doch Herbert Spencer, der
in Ansichten lebt, die mit jedem Tage an Verbreitung gewinnen (Die Prinzipien
der Psychologie, von Herbert Spencer, deutsche Ausgabe von Dr. B. Vetter,
Stuttgart 1882):
«Daß aber Jedermann auch nach
Belieben begehren oder nicht begehren könne, was der
eigentliche im Dogma vom freien Willen liegende Satz ist, das wird freilich
ebensosehr durch die Analyse des Bewußtseins, als durch den Inhalt der
vorhergehenden Kapitel (der Psychologie) verneint.»
Von demselben Gesichtspunkte
gehen auch andere aus, wenn sie den Begriff des freien Willens bekämpfen.
Im Keime finden sich alle
diesbezüglichen Ausführungen schon bei Spinoza.
Was dieser klar und einfach
gegen die Idee der Freiheit vorbrachte, das wurde seitdem unzählige Male
wiederholt, nur eingehüllt zumeist in die spitzfindigsten theoretischen Lehren,
so daß es schwer wird, den schlichten Gedankengang, auf den es allein ankommt,
zu erkennen.
Spinoza schreibt in einem
Briefe vom Oktober oder November 1674:
«Ich nenne nämlich die Sache frei,
die aus der bloßen Notwendigkeit ihrer Natur besteht und handelt, und gezwungen
nenne ich die, welche von etwas anderem zum Dasein und Wirken in genauer
und fester Weise bestimmt wird.
So besteht zum Beispiel Gott,
obgleich notwendig, doch frei, weil er nur aus der Notwendigkeit seiner Natur
allein besteht.
Ebenso erkennt Gott sich selbst
und alles andere frei, weil es aus der Notwendigkeit seiner Natur allein folgt,
daß er alles erkennt.
Sie sehen also, daß ich die
Freiheit nicht in ein freies Beschließen, sondern in eine freie Notwendigkeit
setze.
Doch wir wollen zu den
erschaffenen Dingen herabsteigen, welche sämtlich von äußern Ursachen bestimmt
werden, in fester und genauer Weise zu bestehen und zu wirken.
Um dies deutlicher einzusehen,
wollen wir uns eine ganz einfache Sache vorstellen.
So erhält zum Beispiel ein
Stein von einer äußeren, ihn stoßenden Ursache eine gewisse Menge von Bewegung,
mit der er nachher, wenn der Stoß der äußern Ursache aufgehört hat, notwendig
fortfährt, sich zu bewegen.
Dieses Beharren des Steines in
seiner Bewegung ist deshalb ein erzwungenes und kein notwendiges, weil es durch
den Stoß einer äußern Ursache definiert werden muß.
Was hier von dem Stein gilt,
gilt von jeder andern einzelnen Sache, und mag sie noch so zusammengesetzt und zu
vielem geeignet sein, nämlich, daß jede Sache notwendig von einer äußern
Ursache bestimmt wird, in fester und genauer Weise zu bestehen und zu wirken.
Nehmen Sie nun, ich bitte, an,
daß der Stein, während er sich bewegt, denkt und weiß, er bestrebe sich, soviel
er kann, in dem Bewegen fortzufahren.
Dieser Stein, der nur seines
Strebens sich bewußt ist und keineswegs gleichgültig sich verhält, wird
glauben, daß er ganz frei sei und daß er aus keinem andern Grunde in seiner
Bewegung fort fahre , als weil er es wolle.
Dies ist aber jene menschliche
Freiheit, die alle zu besitzen behaupten und die nur darin besteht, daß die
Menschen ihres Begehrens sich bewußt sind, aber die Ursachen, von denen sie
bestimmt werden, nicht kennen.
So glaubt das Kind, daß es die
Milch frei begehre und der zornige Knabe, daß er frei die Rache verlange, und
der Furchtsame die Flucht.
Ferner glaubt der Betrunkene,
daß er nach freiem Entschluß dies spreche, was er, wenn er nüchtern geworden,
gern nicht gesprochen hätte; und da dieses Vorurteil allen Menschen angeboren
ist, so kann man sich nicht leicht davon befreien.
Denn wenn auch die Erfahrung
genügend lehrt, daß die Menschen am wenigsten ihr Begehren mäßigen können und
daß sie, von entgegengesetzten Leidenschaften bewegt, das Bessere einsehen und
das Schlechtere tun, so halten sie sich doch für frei und zwar, weil sie
manches weniger stark begehren und manches Begehren leicht durch die Erinnerung
an anderes, dessen man sich oft entsinnt, gehemmt werden kann.»
Weil hier eine klar und
bestimmt ausgesprochene Ansicht vorliegt, wird es auch leicht, den Grundirrtum,
der darin steckt, aufzudecken.
So notwendig, wie der Stein auf
einen Anstoß hin eine bestimmte Bewegung ausführt, ebenso notwendig soll der
Mensch eine Handlung ausführen, wenn er durch irgendeinen Grund dazu getrieben
wird.
Nur weil der Mensch ein
Bewußtsein von seiner Handlung hat, halte er sich für den freien Veranlasser
derselben.
Er übersehe dabei aber, daß eine
Ursache ihn treibt, der er unbedingt folgen muß.
Der Irrtum in diesem
Gedankengange ist bald gefunden.
Spinoza und alle, die denken
wie er, übersehen, daß der Mensch nicht nur ein Bewußtsein von seiner Handlung
hat, sondern es auch von den Ursachen haben kann, von denen er geleitet wird.
Niemand wird es bestreiten, daß
das Kind unfrei ist, wenn es die Milch begehrt, daß der Betrunkene es
ist, wenn er Dinge spricht, die er später bereut.
Beide wissen nichts von den
Ursachen, die in den Tiefen ihres Organismus tätig sind, und unter deren
unwiderstehlichem Zwange sie stehen.
Aber ist es berechtigt,
Handlungen dieser Art in einen Topf zu werfen mit solchen, bei denen sich der
Mensch nicht nur seines Handelns bewußt ist, sondern auch der Gründe, die ihn
veranlassen?
Sind die Handlungen der
Menschen denn von einerlei Art?
Darf die Tat des Kriegers auf
dem Schlachtfelde, die des wissenschaftlichen Forschers im Laboratorium, des
Staatsmannes in verwickelten diplomatischen Angelegenheiten wissenschaftlich
auf gleiche Stufe gestellt werden mit der des Kindes, wenn es nach Milch
begehrt?
Wohl ist es wahr, daß man die
Lösung einer Aufgabe da am besten versucht, wo die Sache am einfachsten ist.
Aber oft schon hat der Mangel
an Unterscheidungsvermögen endlose Verwirrung gebracht.
Und ein tiefgreifender
Unterschied ist es doch, ob ich weiß, warum ich etwas tue, oder ob das nicht
der Fall ist.
Zunächst scheint das eine ganz
selbstverständliche Wahrheit zu sein.
Und doch wird von den Gegnern
der Freiheit nie danach gefragt, ob denn ein Beweggrund meines Handelns, den
ich erkenne und durchschaue, für mich in gleichem Sinne einen Zwang bedeutet,
wie der organische Prozeß, der das Kind veranlaßt, nach Milch zu schreien.
Eduard von Hartmann behauptet
in seiner «Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins» (S. 451), das menschliche
Wollen hänge von zwei Hauptfaktoren ab: von den Beweggründen und von dem
Charakter.
Betrachtet man die Menschen
alle als gleich oder doch ihre Verschiedenheiten als unerheblich, so erscheint
ihr Wollen als von außen bestimmt, nämlich durch die Umstände, die an
sie herantreten.
Erwägt man aber, daß
verschiedene Menschen eine Vorstellung erst dann zum Beweggrund ihres Handelns
machen, wenn ihr Charakter ein solcher ist, der durch die entsprechende Vorstellung
zu einer Begehrung veranlaßt wird, so erscheint der Mensch von innen bestimmt
und nicht von außen.
Der Mensch glaubt nun, weil er,
gemäß seinem Charakter, eine ihm von außen aufgedrängte Vorstellung erst zum
Beweggrund machen muß: er sei frei, das heißt unabhängig von äußeren
Beweggründen.
Die Wahrheit aber ist, nach
Eduard von Hartmann, daß:
«Wenn aber auch wir selbst die
Vorstellungen erst zu Motiven erheben, so tun wir dies doch nicht willkürlich,
sondern nach der Notwendigkeit unserer charakterologischen Veranlagung, also
nichts weniger als frei.»
Auch hier bleibt der
Unterschied ohne alle Berücksichtigung, der besteht zwischen Beweggründen, die
ich erst auf mich wirken lasse, nachdem ich sie mit meinem Bewußtsein
durchdrungen habe, und solchen, denen ich folge, ohne daß ich ein klares Wissen
von ihnen besitze.
Und dies führt unmittelbar auf
den Standpunkt, von dem aus hier die Sache angesehen werden soll.
Darf die Frage nach der
Freiheit unseres Willens überhaupt einseitig für sich gestellt werden?
Und wenn nicht: mit welcher
andern muß sie notwendig verknüpft werden?
Ist ein Unterschied zwischen
einem bewußten Beweggrund meines Handelns und einem unbewußten Antrieb, dann
wird der erstere auch eine Handlung nach sich ziehen, die anders beurteilt
werden muß als eine solche aus blindem Drange.
Die Frage nach diesem
Unterschied wird also die erste sein.
Und was sie ergibt, davon wird
es erst abhängen, wie wir uns zu der eigentlichen Freiheitsfrage zu stellen
haben.
Was heißt es, ein Wissen von
den Gründen seines Handelns haben?
Man hat diese Frage zu wenig
berücksichtigt, weil man leider immer in zwei Teile zerrissen hat, was ein
untrennbares Ganzes ist: den Menschen.
Den Handelnden und den
Erkennenden unterschied man, und leer ausgegangen ist dabei nur der, auf den es
vor allen andern Dingen ankommt: der aus Erkenntnis Handelnde.
Man sagt frei sei der Mensch,
wenn er nur unter der Herrschaft seiner Vernunft stehe und nicht unter der der
animalischen Begierden.
Oder auch: Freiheit bedeute,
sein Leben und Handeln nach Zwecken und Entschlüssen bestimmen zu können.
Mit Behauptungen solcher Art
ist aber gar nichts gewonnen.
Denn das ist ja eben die Frage,
ob die Vernunft, ob Zwecke und Entschlüsse in gleicher Weise auf den Menschen
einen Zwang ausüben wie animalische Begierden.
Wenn ohne mein Zutun ein
vernünftiger Entschluß in mir auftaucht, gerade mit derselben Notwendigkeit wie
Hunger und Durst, dann kann ich ihm nur notgedrungen folgen, und meine Freiheit
ist eine Illusion.
Eine andere Redewendung lautet:
Freisein heißt nicht wollen
können, was man will, sondern tun können, was man will.
Diesen Gedanken hat der
Dichterphilosoph Robert Hamerling in seiner «Atomistik des Willens» in
scharf- umrissenen Worten gekennzeichnet:
«Der Mensch kann allerdings tun,
was er will - aber er kann nicht wollen, was er will, weil sein
Wille durch Motive bestimmt ist! - Er kann nicht wollen, was er will?
Sehe man sich diese Worte doch
einmal näher an.
Ist ein vernünftiger Sinn darin?
Freiheit des Willens müßte also
darin bestehen, daß man ohne Grund, ohne Motiv etwas wollen könnte?
Aber was heißt denn Wollen
anders, als einen Grund haben, dies lieber zu tun oder anzustreben als
jenes?
Ohne Grund, ohne Motiv etwas
wollen, hieße etwas wollen, ohne es zu wollen.
Mit dem Begriffe des Wollens
ist der des Motivs unzertrennlich verknüpft.
Ohne ein bestimmendes Motiv ist
der Wille ein leeres Vermögen: erst durch das Motiv wird er tätig und
reell.
Es ist also ganz richtig, daß
der menschliche Wille insofern nicht «frei» ist, als seine Richtung immer durch
das stärkste der Motive bestimmt ist.
Aber es muß andererseits
zugegeben werden, daß es absurd ist, dieser «Unfreiheit» gegenüber von einer
denkbaren «Freiheit» des Willens zu reden, welche dahin ginge, wollen zu
können, was man nicht will.» (Atomistik des Willens, 2. Band S. 213 f.)
Auch hier wird nur von Motiven
im allgemeinen gesprochen, ohne auf den Unterschied zwischen unbewußten und
bewußten Rücksicht zu nehmen.
Wenn ein Motiv auf mich wirkt
und ich gezwungen bin, ihm zu folgen, weil es sich als das «stärkste» unter
seinesgleichen erweist, dann hört der Gedanke an Freiheit auf, einen Sinn zu
haben.
Wie soll es für mich eine
Bedeutung haben, ob ich etwas tun kann oder nicht, wenn ich von dem Motive gezwungen
werde, es zu tun?
Nicht darauf kommt es zunächst
an: ob ich dann, wenn das Motiv auf mich gewirkt hat, etwas tun kann oder
nicht, sondern ob es nur solche Motive gibt, die mit zwingender Notwendigkeit
wirken.
Wenn ich etwas wollen muß, dann
ist es mir unter Umständen höchst gleichgültig, ob ich es auch tun kann.
Wenn mir wegen meines
Charakters und wegen der in meiner Umgebung herrschenden Umstände ein Motiv
aufgedrängt wird, das sich meinem Denken gegenüber als unvernünftig erweist,
dann müßte ich sogar froh sein, wenn ich nicht könnte, was ich will.
Nicht darauf kommt es an, ob
ich einen gefaßten Entschluß zur Ausführung bringen kann, sondern wie der
Entschluß in mir entsteht.
Was den Menschen von allen
andern organischen Wesen unterscheidet, ruht auf seinem vernünftigen Denken.
Tätig zu sein, hat er mit
anderen Organismen gemein.
Nichts ist damit gewonnen, wenn
man zur Aufhellung des Freiheitsbegriffes für das Handeln des Menschen nach
Analogien im Tierreiche sucht.
Die moderne Naturwissenschaft
liebt solche Analogien.
Und wenn es ihr gelungen ist,
bei den Tieren etwas dem menschlichen Verhalten Ähnliches gefunden zu haben,
glaubt sie, die wichtigste Frage der Wissenschaft vom Menschen berührt zu haben.
Zu welchen Mißverständnissen
diese Meinung führt, zeigt sich zum Beispiel in dem Buche: «Die Illusion der
Willensfreiheit» von P. Rée, 1885, der (S. 5) über die Freiheit
folgendes sagt:
«Daß es uns so scheint, als ob
die Bewegung des Steines notwendig, des Esels Wollen nicht notwendig wäre, ist
leicht erklärlich.
Die Ursachen, welche den Stein
bewegen, sind ja draußen und sichtbar, Die Ursachen aber, vermöge deren der
Esel will, sind drinnen und unsichtbar: zwischen uns und der Stätte ihrer
Wirksamkeit befindet sich die Hirnschale des Man sieht die kausale Bedingtheit
nicht, und meint daher, sie sei nicht vorhanden.
Das Wollen, erklärt man, sei
zwar die Ursache der Umdrehung (des Esels), selbst aber sei es unbedingt; es
sei ein absoluter Anfang., Also auch hier wieder wird über Handlungen des
Menschen, bei denen er ein Bewußtsein von den Gründen seines Handelns hat,
einfach hinweggegangen, denn Rée erklärt:
«Zwischen uns und der Stätte
ihrer Wirksamkeit befindet sich die Hirnschale des Esels.»
Daß es, zwar nicht Handlungen
des Esels, wohl aber solche der Menschen gibt, bei denen zwischen uns und der
Handlung das bewußt gewordene Motiv liegt, davon hat, schon nach diesen
Worten zu schließen, Rée keine Ahnung.
Er beweist das einige Seiten
später auch noch durch die Worte:
«Wir nehmen die Ursachen nicht
wahr, durch welche unser Wollen bedingt wird, daher meinen wir, es sei
überhaupt nicht ursächlich bedingt.»
Doch genug der Beispiele,
welche beweisen, daß viele gegen die Freiheit kämpfen, ohne zu wissen, was
Freiheit überhaupt ist.
Daß eine Handlung nicht frei
sein kann, von der der Täter nicht weiß, warum er sie vollbringt, ist ganz
selbstverständlich.
Wie verhält es sich aber mit
einer solchen, von deren Gründen gewußt wird?
Das führt uns auf die Frage: welches
ist der Ursprung und die Bedeutung des Denkens?
Denn ohne die Erkenntnis der denkenden
Betätigung der Seele ist ein Begriff des Wissens von etwas, also auch von
einer Handlung nicht möglich.
Wenn wir erkennen, was Denken
im allgemeinen bedeutet, dann wird es auch leicht sein, klar darüber zu werden,
was für eine Rolle das Denken beim menschlichen Handeln spielt.
«Das Denken macht die Seele,
womit auch das Tier begabt ist, erst zum Geiste», sagt Hegel mit Recht,
und deshalb wird das Denken auch dem menschlichen Handeln sein eigentümliches
Gepräge geben.
Keineswegs soll behauptet
werden, daß all unser Handeln nur aus der nüchternen Überlegung unseres
Verstandes fließe.
Nur diejenigen Handlungen als
im höchsten Sinne menschlichen hinzustellen, die aus dem abstrakten
Urteil hervorgehen, liegt mir ganz fern.
Aber sobald sich unser Handeln
herauferhebt aus dem Gebiete der Befriedigung rein animalischer Begierden, sind
unsere Beweggründe immer von Gedanken durchsetzt.
Liebe, Mitleid, Patriotismus
sind Triebfedern des Handelns, die sich nicht in kalte Verstandesbegriffe auflösen
lassen.
Man sagt das Herz, das Gemüt
treten da in ihre Rechte.
Ohne Zweifel.
Aber das Herz und das Gemüt
schaffen nicht die Beweggründe des Handelns.
Sie setzen dieselben voraus und
nehmen sie in ihren Bereich auf.
In meinem Herzen stellt sich
das Mitleid ein, wenn in meinem Bewußtsein die Vorstellung einer
mitleiderregenden Person aufgetreten ist.
Der Weg zum Herzen geht durch
den Kopf.
Davon macht auch die Liebe
keine Ausnahme.
Wenn sie nicht die bloße
Äußerung des Geschlechtstriebes ist, dann beruht sie auf den Vorstellungen, die
wir uns von dem geliebten Wesen machen.
Und je idealistischer diese
Vorstellungen sind, desto beseligender ist die Liebe.
Auch hier ist der Gedanke der
Vater des Gefühles.
Man sagt: die Liebe mache blind
für die Schwächen des geliebten Wesens.
Die Sache kann auch umgekehrt
angefaßt werden und behauptet: die Liebe öffne gerade für dessen Vorzüge das
Auge.
Viele gehen ahnungslos an
diesen Vorzügen vorbei, ohne sie zu bemerken.
Der eine sieht sie, und eben
deswegen erwacht die Liebe in seiner Seele.
Was hat er anderes getan: als
von dem sich eine Vorstellung gemacht, wovon hundert andere keine haben.
Sie haben die Liebe nicht, weil
ihnen die Vorstellung mangelt.
Wir mögen die Sache anfassen
wie wir wollen: immer klarer muß es werden, daß die Frage nach dem Wesen des
menschlichen Handelns die andere voraussetzt nach dem Ursprünge des Denkens.
Ich wende mich daher zunächst
dieser Frage zu.
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.
(Faust I, 1112-1117)
Mit diesen Worten spricht
Goethe einen tief in der menschlichen Natur begründeten Charakterzug aus.
Nicht ein einheitlich
organisiertes Wesen ist der Mensch.
Er verlangt stets mehr, als die
Welt ihm freiwillig gibt.
Bedürfnisse hat die Natur uns
gegeben; unter diesen sind solche, deren Befriedigung sie unserer eigenen
Tätigkeit überläßt.
Reichlich sind die Gaben, die
uns zugeteilt, aber noch reichlicher ist unser Begehren.
Wir scheinen zur
Unzufriedenheit geboren.
Nur ein besonderer Fall dieser
Unzufriedenheit ist unser Erkenntnisdrang.
Wir blicken einen Baum zweimal
an.
Wir sehen das eine Mal seine
Aste in Ruhe, das andere Mal in Bewegung.
Wir geben uns mit dieser
Beobachtung nicht zufrieden.
Warum stellt sich uns der Baum
das eine Mal ruhend, das andere Mal in Bewegung dar?
So fragen wir.
Jeder Blick in die Natur
erzeugt in uns eine Summe von Fragen.
Mit jeder Erscheinung, die uns
entgegentritt, ist uns eine Aufgabe mitgegeben.
Jedes Erlebnis wird uns zum
Rätsel.
Wir sehen aus dem Ei ein dem
Muttertiere ähnliches Wesen hervorgehen; wir fragen nach dem Grunde dieser
Ähnlichkeit.
Wir beobachten an einem
Lebewesen Wachstum und Entwickelung bis zu einem bestimmten Grade der Vollkommenheit:
wir suchen nach den Bedingungen dieser Erfahrung.
Nirgends sind wir mit dem
zufrieden, was die Natur vor unseren Sinnen ausbreitet.
Wir suchen überall nach dem,
was wir Erklärung der Tatsachen nennen.
Der Überschuß dessen, was wir
in den Dingen suchen, über das, was uns in ihnen unmittelbar gegeben ist,
spaltet unser ganzes Wesen in zwei Teile; wir werden uns unseres Gegensatzes
zur Welt bewußt.
Wir stellen uns als ein
selbständiges Wesen der Welt gegenüber.
Das Universum erscheint uns in
den zwei Gegensätzen: Ich und Welt.
Diese Scheidewand zwischen uns
und der Welt errichten wir, sobald das Bewußtsein in uns aufleuchtet.
Aber niemals verlieren wir das
Gefühl, daß wir doch zur Welt gehören, daß ein Band besteht, das uns mit ihr
verbindet, daß wir nicht ein Wesen außerhalb, sondern innerhalb des
Universums sind.
Dieses Gefühl erzeugt das
Streben, den Gegensatz zu überbrücken.
Und in der Überbrückung dieses
Gegensatzes besteht im letzten Grunde das ganze geistige Streben der Menschheit.
Die Geschichte des geistigen
Lebens ist ein fortwährendes Suchen der Einheit zwischen uns und der Welt.
Religion, Kunst und
Wissenschaft verfolgen gleichermaßen dieses Ziel.
Der Religiös-Gläubige sucht in
der Offenbarung, die ihm Gott zuteil werden läßt, die Lösung der Welträtsel,
die ihm sein mit der bloßen Erscheinungswelt unzufriedenes Ich aufgibt.
Der Künstler sucht dem Stoffe
die Ideen seines Ich einzubilden, um das in seinem Innern Lebende mit der
Außenwelt zu versöhnen.
Auch er fühlt sich unbefriedigt
von der bloßen Erscheinungswelt und sucht ihr jenes Mehr einzuformen, das sein
Ich, über sie hinausgehend, birgt.
Der Denker sucht nach den
Gesetzen der Erscheinungen, er strebt denkend zu durchdringen, was er
beobachtend erfährt.
Erst wenn wir den Weltinhalt
zu unserem Gedankeninhalt gemacht haben, erst dann finden wir den
Zusammenhang wieder, aus dem wir uns selbst gelöst haben.
Wir werden später sehen, daß
dieses Ziel nur erreicht wird, wenn die Aufgabe des wissenschaftlichen
Forschers allerdings viel tiefer aufgefaßt wird, als dies oft geschieht.
Das ganze Verhältnis, das ich
hier dargelegt habe, tritt uns in einer weltgeschichtlichen Erscheinung
entgegen: in dem Gegensatz der einheitlichen Weltauffassung oder des Monismus
und der Zweiweltentheorie oder des Dualismus.
Der Dualismus richtet den Blick
nur auf die von dem Bewußtsein des Menschen vollzogene Trennung zwischen Ich
und Welt.
Sein ganzes Streben ist ein
ohnmächtiges Ringen nach der Versöhnung dieser Gegensätze, die er bald Geist
und Materie, bald Subjekt und Objekt, bald Denken und
Erscheinung nennt.
Er hat ein Gefühl, daß es eine
Brücke geben muß zwischen den beiden Welten, aber er ist nicht imstande, sie zu
finden.
Indem der Mensch sich als «Ich»
erlebt, kann er nicht anders als dieses «Ich» auf der Seite des Geistes denken;
und indem er diesem Ich die Welt entgegensetzt, muß er zu dieser die den Sinnen
gegebene Wahrnehmungswelt rechnen, die materielle Welt Dadurch stellt
sich der Mensch selbst in den Gegensatz Geist und Materie hinein.
Er muß dies um so mehr tun, als
zur materiellen Welt sein eigener Leib gehört.
Das «Ich gehört so dem
Geistigen als ein Teil an; die materiellen Dinge und Vorgänge, die von
den Sinnen wahrgenommen werden, der «Welt».
Alle Rätsel, die sich auf Geist
und Materie beziehen, muß der Mensch in dem Grundrätsel seines eigenen Wesens wiederfinden.
Der Monismus richtet den
Blick allein auf die Einheit und sucht die einmal vorhandenen Gegensätze zu
leugnen oder zu verwischen.
Keine von den beiden
Anschauungen kann befriedigen, denn sie werden den Tatsachen nicht gerecht.
Der Dualismus sieht Geist (Ich)
und Materie (Welt) als zwei grundverschiedene Wesenheiten an, und kann deshalb
nicht begreifen, wie beide aufeinander wirken können.
Wie soll der Geist wissen, was
in der Materie vorgeht, wenn ihm deren eigentümliche Natur ganz fremd ist?
Oder wie soll er unter diesen
Umständen auf sie wirken, so daß sich seine Absichten in Taten umsetzen?
Die scharfsinnigsten und die
widersinnigsten Hypothesen wurden aufgestellt, um diese Fragen zu lösen.
Aber auch mit dem Monismus
steht es bis heute nicht viel besser.
Er hat sich bis jetzt in einer
dreifachen Art zu helfen gesucht:
Entweder er leugnet den Geist
und wird zum Materialismus; oder er leugnet die Materie, um im Spiritualismus
sein Heil zu suchen; oder aber er behauptet, daß auch schon in dem einfachsten
Weltwesen Materie und Geist untrennbar verbunden seien, weswegen man gar nicht
erstaunt zu sein brauchte, wenn in dem Menschen diese zwei Daseinsweisen
auftreten, die ja nirgends getrennt sind.
Der Materialismus kann
niemals eine befriedigende Welterklärung liefern.
Denn jeder Versuch einer
Erklärung muß damit beginnen, daß man sich Gedanken über die
Welterscheinungen bildet.
Der Materialismus macht deshalb
den Anfang mit dem Gedanken der Materie oder der materiellen Vorgänge.
Damit hat er bereits zwei
verschiedene Tatsachengebiete vor sich: die materielle Welt und die Gedanken
über sie.
Er sucht die letzteren dadurch
zu begreifen, daß er sie als einen rein materiellen Prozeß auffaßt.
Er glaubt, daß das Denken im
Gehirne etwa so zustande komme, wie die Verdauung in den animalischen Organen.
So wie er der Materie
mechanische und organische Wirkungen zuschreibt, so legt er ihr auch die
Fähigkeit bei, unter bestimmten Bedingungen zu denken.
Er vergißt, daß er nun das
Problem nur an einen andern Ort verlegt hat.
Statt sich selbst, schreibt er
die Fähigkeit des Denkens der Materie zu.
Und damit ist er wieder an
seinem Ausgangspunkte.
Wie kommt die Materie dazu,
über ihr eigenes Wesen nachzudenken?
Warum ist sie nicht einfach mit
sich zufrieden und nimmt ihr Dasein hin?
Von dem bestimmten Subjekt, von
unserem eigenen Ich hat der Materialist den Blick abgewandt und auf ein
unbestimmtes, nebelhaftes Gebilde ist er gekommen.
Und hier tritt ihm dasselbe
Rätsel entgegen.
Die materialistische Anschauung
vermag das Problem nicht zu lösen, sondern nur zu verschieben.
Wie steht es mit der
spiritualistischen?
Der reine Spiritualist leugnet
die Materie in ihrem selbständigen Dasein und faßt sie nur als Produkt des
Geistes auf.
Wendet er diese Weltanschauung
auf die Enträtselung der eigenen menschlichen Wesenheit an, so wird er in die
Enge getrieben.
Dem Ich, das auf die Seite des
Geistes gestellt werden kann, steht unvermittelt gegenüber die sinnliche Welt.
Zu dieser scheint ein geistiger
Zugang sich nicht zu eröffnen, sie muß durch materielle Prozesse von dem
Ich wahrgenommen und erlebt werden.
Solche materielle Prozesse
findet das «Ich» in sich nicht, wenn es sich nur als geistige Wesenheit gelten
lassen will.
Was es geistig sich erarbeitet,
in dem ist nie die SinnesweIt drinnen.
Es scheint das «Ich» zugeben zu
müssen, daß ihm die Welt verschlossen bliebe, wenn es nicht sich auf ungeistige
Art zu ihr in ein Verhältnis setzte.
Ebenso müssen wir, wenn wir ans
Handeln gehen, unsere Absichten mit Hilfe der materiellen Stoffe und Kräfte in
Wirklichkeit umsetzen.
Wir sind also auf die Außenwelt
angewiesen.
Der extremste Spiritualist,
oder wenn man will, der durch den absoluten Idealismus sich als extremer
Spiritualist darstellende Denker ist Johann Gottlieb Fichte.
Er versuchte das ganze
Weltgebäude aus dem «Ich» abzuleiten.
Was ihm dabei wirklich gelungen
ist, ist ein großartiges Gedankenbild der Welt, ohne allen
Erfahrungsinhalt.
So wenig es dem Materialisten
möglich ist, den Geist, ebensowenig ist es dem Spiritualisten möglich, die
materielle Außenwelt wegzudekretieren.
Weil der Mensch, wenn er die
Erkenntnis auf das «Ich» lenkt, zunächst das Wirken dieses «Ich» in der
gedanklichen Ausgestaltung der Ideenwelt wahrnimmt, kann sich die
spiritualistisch gerichtete Weltanschauung beim Hinblicke auf die eigene
menschliche Wesenheit versucht fühlen, von dem Geiste nur diese Ideenwelt
anzuerkennen.
Der Spiritualismus wird auf
diese Art zum einseitigen Idealismus.
Er kommt nicht dazu, durch die
Ideenwelt eine geistige Welt zu suchen; er sieht in der Ideenwelt selbst
die geistige Welt.
Dadurch wird er dazu getrieben,
innerhalb der Wirksamkeit des «Ich» selbst, wie festgebannt, mit seiner
Weltanschauung stehen bleiben zu müssen.
Eine merkwürdige Abart des
Idealismus ist die Anschauung Friedrich Albert Langes, wie er sie in
seiner vielgelesenen «Geschichte des Materialismus» vertreten hat, er nimmt an,
daß der Materialismus ganz recht habe, wenn er alle Welterscheinungen,
einschließlich unseres Denkens, für das Produkt rein stofflicher Vorgänge
erklärt; nur sei umgekehrt die Materie und ihre Vorgänge selbst wieder ein
Produkt unseres Denkens.
«Die Sinne geben uns ... Wirkungen
der Dinge, nicht getreue Bilder, oder gar die Dinge selbst.
Zu diesen bloßen Wirkungen
gehören aber auch die Sinne selbst samt dem Hirn und den in ihm gedachten
Molekularbewegungen.»
Das heißt, unser Denken wird
von den materiellen Prozessen erzeugt und diese von dem Denken des «Ich».
Langes Philosophie ist somit
nichts anderes, als die in Begriffe umgesetzte Geschichte des wackeren
Münchhausen, der sich an seinem eigenen Haarschopf frei in der Luft festhält.
Die dritte Form des Monismus
ist die, welche in dem einfachsten Wesen (Atom) bereits die beiden Wesenheiten,
Materie und Geist, vereinigt sieht.
Damit ist aber auch nichts
erreicht, als daß die Frage, die eigentlich in unserem Bewußtsein entsteht, auf
einen anderen Schauplatz versetzt wird.
Wie kommt das einfache Wesen
dazu, sich in einer zweifachen Weise zu äußern, wenn es eine ungetrennte Einheit
ist?
Allen diesen Standpunkten
gegenüber muß geltend gemacht werden, daß uns der Grund- und Urgegensatz zuerst
in unserem eigenen Bewußtsein entgegentritt.
Wir sind es selbst, die wir uns
von dem Mutterboden der Natur loslösen, und uns als «Ich» der «Welt»
gegenüberstellen.
Klassisch spricht das Goethe
in seinem Aufsatz «Die Natur» aus, wenn auch seine Art zunächst als ganz
unwissenschaftlich gelten mag:
«Wir leben mitten in ihr (der
Natur) und sind ihr fremde.
Sie spricht unaufhörlich mit
uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht.»
Aber auch die Kehrseite kennt
Goethe: «Die Menschen sind alle in ihr und sie in allen.»
So wahr es ist, daß wir uns der
Natur entfremdet haben, so wahr ist es, daß wir fühlen: wir sind in ihr und
gehören zu ihr.
Es kann nur ihr eigenes Wirken
sein, das auch in uns lebt.
Wir müssen den Weg zu ihr
zurück wieder finden.
Eine einfache Überlegung kann
uns diesen Weg weisen.
Wir haben uns zwar losgerissen
von der Natur; aber wir müssen doch etwas mit herübergenommen haben in unser eigenes
Wesen.
Dieses Naturwesen in uns müssen
wir aufsuchen, dann werden wir den Zusammenhang auch wieder finden.
Das versäumt der Dualismus.
Er hält das menschliche Innere
für ein der Natur ganz fremdes Geistwesen und sucht dieses an die Natur
anzukoppeln.
Kein Wunder, daß er das
Bindeglied nicht finden kann.
Wir können die Natur außer uns
nur finden, wenn wir sie in uns erst kennen.
Das ihr Gleiche in unserem
eigenen Innern wird uns der Führer sein.
Damit ist uns unsere Bahn
vorgezeichnet.
Wir wollen keine Spekulationen
anstellen über die Wechselwirkung von Natur und Geist.
Wir wollen aber hinuntersteigen
in die Tiefen unseres eigenen Wesens, um da jene Elemente zu finden, die wir
herübergerettet haben bei unserer Flucht aus der Natur.
Die Erforschung unseres Wesens
muß uns die Lösung des Rätsels bringen.
Wir müssen an einen Punkt
kommen, wo wir uns sagen können:
Hier sind wir nicht mehr bloß
«Ich», hier liegt etwas, was mehr als «Ich» ist.
Ich bin darauf gefaßt, daß
mancher, der bis hierher gelesen hat, meine Ausführungen nicht «dem
gegenwärtigen Stande der Wissenschaft, gemäß findet.
Ich kann dem gegenüber nur
erwidern, daß ich es bisher mit keinerlei wissenschaftlichen Resultaten zu tun
haben wollte, sondern mit der einfachen Beschreibung dessen, was jedermann in
seinem eigenen Bewußtsein erlebt.
Daß dabei auch einzelne Sätze
über Versöhnungsversuche des Bewußtseins mit der Welt eingeflossen sind, hat
nur den Zweck, die eigentlichen Tatsachen zu verdeutlichen.
Ich habe deshalb auch keinen
Wert darauf gelegt, die einzelnen Ausdrücke, wie «Ich», «Geist», «Welt»,
«Natur» und so weiter in der präzisen Weise zu gebrauchen, wie es in der
Psychologie und Philosophie üblich ist.
Das alltägliche Bewußtsein
kennt die scharfen Unterschiede der Wissenschaft nicht, und um eine Aufnahme
des alltäglichen Tatbestandes handelte es sich bisher bloß.
Nicht wie die Wissenschaft
bisher das Bewußtsein interpretiert hat, geht mich an, sondern wie sich
dasselbe stündlich darlebt.
Wenn ich beobachte, wie eine
Billardkugel, die gestoßen wird, ihre Bewegung auf eine andere überträgt, so
bleibe ich auf den Verlauf dieses beobachteten Vorganges ganz ohne Einfluß.
Die Bewegungsrichtung und
Schnelligkeit der zweiten Kugel ist durch die Richtung und Schnelligkeit der
ersten bestimmt.
Solange ich mich bloß als
Beobachter verhalte, weiß ich über die Bewegung der zweiten Kugel erst dann
etwas zu sagen, wenn dieselbe eingetreten ist.
Anders ist die Sache, wenn ich
über den Inhalt meiner Beobachtung nachzudenken beginne.
Mein Nachdenken hat den Zweck,
von dem Vorgange Begriffe zu bilden.
Ich bringe den Begriff einer
elastischen Kugel in Verbindung mit gewissen anderen Begriffen der Mechanik und
ziehe die besonderen Umstände in Erwägung, die in dem vorkommenden Falle
obwalten.
Ich suche also zu dem Vorgange,
der sich ohne mein Zutun abspielt, einen zweiten hinzuzufügen, der sich in der
begrifflichen Sphäre vollzieht.
Der letztere ist von mir
abhängig.
Das zeigt sich dadurch, daß ich
mich mit der Beobachtung begnügen und auf alles Begriffe suchen verzichten
kann, wenn ich kein Bedürfnis danach habe.
Wenn dieses Bedürfnis aber
vorhanden ist, dann beruhige ich mich erst, wenn ich die Begriffe:
Kugel, Elastizität, Bewegung,
Stoß, Geschwindigkeit usw. in eine gewisse Verbindung gebracht habe, zu welcher
der beobachtete Vorgang in einem bestimmten Verhältnisse steht.
So gewiß es nun ist, daß sich
der Vorgang unabhängig von mir vollzieht, so gewiß ist es, daß sich der
begriffliche Prozeß ohne mein Zutun nicht abspielen kann.
Ob diese meine Tätigkeit
wirklich der Ausfluß meines selbständigen Wesens ist, oder ob die modernen
Physiologen recht haben, welche sagen, daß wir nicht denken können, wie wir
wollen, sondern denken müssen, wie es die gerade unserem Bewußtsein vorhandenen
Gedanken und Gedankenverbindungen bestimmen (vergleiche Ziehen, Leitfaden
der physiologischen Psychologie, Jena 1893, S. 171), wird Gegenstand einer
späteren Auseinandersetzung sein.
Vorläufig wollen wir bloß die
Tatsache feststellen, daß wir ans fortwährend gezwungen fühlen, zu den ohne
unser Zutun uns gegebenen Gegenständen und Vorgängen Begriffe sind
Begriffsverbindungen zu suchen, die zu jenen in einer gewissen Beziehung stehen.
Ob dies Tun in Wahrheit unser
Tun ist, oder ob wir es einer unabänderlichen Notwendigkeit gemäß
vollziehen, lassen wir vorläufig dahingestellt.
Daß es uns zunächst als das
unsrige erscheint, ist ohne Frage.
Wir wissen ganz genau, daß uns
mit den Gegenständen nicht gleich deren Begriffe mitgegeben werden.
Daß ich selbst der Tätige bin,
mag auf einem Schein beruhen; der unmittelbaren Beobachtung stellt sich die
Sache jedenfalls so dar.
Die Frage ist nun: was gewinnen
wir dadurch, daß wir zu einem Vorgange ein begriffliches Gegenstück
hinzufinden?
Es ist ein tiefgreifender
Unterschied zwischen der Art, wie sich für mich die Teile eines Vorganges
zueinander verhalten vor und nach der Auffindung der entsprechenden Begriffe.
Die bloße Beobachtung kann die
Teile eines gegebenen Vorganges in ihrem Verlaufe verfolgen; ihr Zusammenhang
bleibt aber vor der Zuhilfenahme von Begriffen dunkel.
Ich sehe die erste Billardkugel
in einer gewissen Richtung und mit einer bestimmten Geschwindigkeit gegen die
'weite sich bewegen; was nach erfolgtem Stoß geschieht, muß ich abwarten und
kann es dann auch wieder nur mit den Augen verfolgen.
Nehmen wir an, es verdecke mir
im Augenblicke des Stoßes jemand das Feld, auf dem der Vorgang sich abspielt,
so bin ich – als bloßer Beobachter - ohne Kenntnis, was nachher geschieht.
Anders ist das, wenn ich für
die Konstellation der Verhältnisse vor dem Verdecken die entsprechenden
Begriffe gefunden habe.
In diesem Falle kann ich
angeben, was geschieht, auch wenn die Möglichkeit der Beobachtung aufhört.
Ein bloß beobachteter Vorgang
oder Gegenstand ergibt aus sich selbst nichts über seinen Zusammenhang mit
anderen Vorgängen oder Gegenständen.
Dieser Zusammenhang wird erst
ersichtlich, wenn sich die Beobachtung mit dem Denken verbindet.
Beobachtung und Denken sind die beiden Ausgangspunkte für alles geistige Streben des Menschen,
insoferne er sich eines solchen bewußt ist.
Die Verrichtungen des gemeinen
Menschenverstandes und die verwickeltesten wissenschaftlichen Forschungen ruhen
auf diesen beiden Grundsäulen unseres Geistes.
Die Philosophen sind von
verschiedenen Urgegensätzen ausgegangen:
Idee und Wirklichkeit, Subjekt
und Objekt, Erscheinung und Ding an sich, Ich und Nicht-Ich, Idee und Wille,
Begriff und Materie, Kraft und Stoff, Bewußtes und Unbewußtes.
Es läßt sich aber leicht
zeigen, daß allen diesen Gegensätzen der von Beobachtung und Denken, als
der für den Menschen wichtigste, vorangehen muß.
Was für ein Prinzip wir auch
aufstellen mögen: wir müssen es irgendwo als von uns beobachtet nachweisen,
oder in Form eines klaren Gedankens, der von jedem anderen nachgedacht werden
kann, aussprechen.
Jeder Philosoph, der anfängt
über seine Urprinzipien zu sprechen, muß sich der begrifflichen Form, und damit
des Denkens bedienen.
Er gibt damit indirekt zu, daß
er zu seiner Betätigung das Denken bereits voraussetzt.
Ob das Denken oder irgend etwas
anderes Hauptelement der Weltentwickelung ist, darüber werde hier noch nichts
ausgemacht.
Daß aber der Philosoph ohne das
Denken kein Wissen darüber gewinnen kann, das ist von vornherein klar.
Beim Zustandekommen der
Welterscheinungen mag das Denken eine Nebenrolle spielen, beim Zustandekommen
einer Ansicht darüber kommt ihm aber sicher eine Hauptrolle zu.
Was nun die Beobachtung
betrifft, so liegt es in unserer Organisation, daß wir derselben bedürfen,
Unser Denken über ein Pferd und der Gegenstand Pferd sind zwei Dinge, die für
uns getrennt auftreten.
Und dieser Gegenstand ist uns
nur durch Beobachtung zugänglich.
So wenig wir durch das bloße
Anstarren eines Pferdes uns einen Begriff von demselben machen können,
ebensowenig sind wir imstande, durch bloßes Denken einen entsprechenden
Gegenstand hervorzubringen.
Zeitlich geht die Beobachtung
sogar dem Denken voraus.
Denn auch das Denken müssen wir
erst durch Beobachtung kennenlernen.
Es war wesentlich die
Beschreibung einer Beobachtung, als wir am Eingange dieses Kapitels
darstellten, wie sich das Denken an einem Vorgange entzündet und über das ohne
sein Zutun Gegebene hinausgeht.
Alles was in den Kreis unserer
Erlebnisse eintritt, werden wir durch die Beobachtung erst gewahr.
Der Inhalt von Empfindungen,
Wahrnehmungen, Anschauungen, die Gefühle, Willensakte, Traum- und
Phantasiegebilde, Vorstellungen, Begriffe und Ideen, sämtliche Illusionen und
Halluzinationen werden uns durch die Beobachtung gegeben.
Nur unterscheidet sich das
Denken als Beobachtungsobjekt doch wesentlich von allen andern Dingen.
Die Beobachtung eines Tisches,
eines Baumes tritt bei mir ein, sobald diese Gegenstände auf dem Horizonte
meiner Erlebnisse auftauchen.
Das Denken aber über diese
Gegenstände beobachte ich nicht gleichzeitig.
Den Tisch beobachte ich, das
Denken über den Tisch führe ich aus, aber ich beobachte es nicht in demselben
Augenblicke.
Ich muß mich erst auf einen
Standpunkt außerhalb meiner eigenen Tätigkeit versetzen, wenn ich neben dem
Tische auch mein Denken über den Tisch beobachten will.
Während das Beobachten der
Gegenstände und Vorgänge und das Denken darüber ganz alltägliche, mein
fortlaufendes Leben ausfüllende Zustände sind, ist die Beobachtung des Denkens
eine Art Ausnahmezustand.
Diese Tatsache muß in
entsprechender Weise berücksichtigt werden, wenn es sich darum handelt, das
Verhältnis des Denkens zu allen anderen Beobachtungsinhalten zu bestimmen.
Man muß sich klar darüber sein,
daß man bei der Beobachtung des Denkens auf dieses ein Verfahren anwendet, das
für die Betrachtung des ganzen übrigen Weltinhaltes den normalen Zustand
bildet, das aber im Verfolge dieses normalen Zustandes für das Denken selbst
nicht eintritt.
Es könnte jemand den Einwand
machen, daß das gleiche, was ich hier von dem Denken bemerkt habe, auch von dem
Fühlen und den übrigen geistigen Tätigkeiten gelte.
Wenn wir zum Beispiel das
Gefühl der Lust haben, so entzünde sich das auch an einem Gegenstande, und ich
beobachte zwar diesen Gegenstand, nicht aber das Gefühl der Lust.
Dieser Einwand beruht aber auf
einem Irrtum.
Die Lust steht durchaus nicht
in demselben Verhältnisse zu ihrem Gegenstande wie der Begriff, den das Denken
bildet.
Ich bin mir auf das
bestimmteste bewußt, daß der Begriff einer Sache durch meine Tätigkeit gebildet
wird, während die Lust in mir auf ähnliche Art durch einen Gegenstand erzeugt
wird, wie zum Beispiel die Veränderung, die ein fallender Stein in einem
Gegenstande bewirkt, auf den er auffällt.
Für die Beobachtung ist die
Lust in genau derselben Weise gegeben, wie der sie veranlassende Vorgang.
Ein gleiches gilt nicht vom
Begriffe.
Ich kann fragen: warum erzeugt
ein bestimmter Vorgang bei mir das Gefühl der Lust?
Aber ich kann durchaus nicht
fragen: warum erzeugt ein Vorgang bei mir eine bestimmte Summe von Begriffen?
Das hätte einfach keinen Sinn.
Bei dem Nachdenken über einen
Vorgang handelt es sich gar nicht um eine Wirkung auf mich.
Ich kann dadurch nichts über
mich erfahren, daß ich für die beobachtete Veränderung, die ein gegen eine
Fensterscheibe geworfener Stein in dieser bewirkt, die entsprechenden Begriffe
kenne.
Aber ich erfahre sehr wohl
etwas über meine Persönlichkeit, wenn ich das Gefühl kenne, das ein bestimmter
Vorgang in mir erweckt.
Wenn ich einem beobachteten
Gegenstand gegenüber sage: dies ist eine Rose, so sage ich über mich selbst
nicht das geringste aus; wenn ich aber von demselben Dinge sage: es bereitet
mir das Gefühl der Lust, so habe ich nicht nur die Rose, sondern auch mich
selbst in meinem Verhältnis zur Rose charakterisiert.
Von einer Gleichstellung des
Denkens mit dem Fühlen der Beobachtung gegenüber kann also nicht die Rede sein.
Dasselbe ließe sich leicht auch
für die andern Tätigkeiten des menschlichen Geistes ableiten.
Sie gehören dem Denken
gegenüber in eine Reihe mit anderen beobachteten Gegenständen und Vorgängen.
Es gehört eben zu der
eigentümlichen Natur des Denkens, daß es eine Tätigkeit ist, die bloß auf den
beobachteten Gegenstand gelenkt ist und nicht auf die denkende Persönlichkeit.
Das spricht sich schon in der
Art aus, wie wir unsere Gedanken über eine Sache zum Ausdruck bringen im
Gegensatz zu unseren Gefühlen oder Willensakten.
Wenn ich einen Gegenstand sehe
und diesen als einen Tisch erkenne, werde ich im allgemeinen nicht sagen: ich
denke über einen Tisch, sondern: dies ist ein Tisch.
Wohl aber werde ich sagen: ich
freue mich über den Tisch.
Im ersteren Falle kommt es mir
eben gar nicht darauf an, auszusprechen, daß ich zu dem Tisch in ein Verhältnis
trete; in dem zweiten Falle handelt es sich aber gerade um dieses Verhältnis.
Mit dem Ausspruch: ich denke
über einen Tisch, trete ich bereits in den oben charakterisierten
Ausnahmezustand ein, wo etwas zum Gegenstand der Beobachtung gemacht wird, was
in unserer geistigen Tätigkeit immer mitenthalten ist, aber nicht als
beobachtetes Objekt.
Das ist die eigentümliche Natur
des Denkens, daß der Denkende das Denken vergißt, während er es ausübt.
Nicht das Denken beschäftigt
ihn, sondern der Gegenstand des Denkens, den er beobachtet.
Die erste Beobachtung, die wir
über das Denken machen, ist also die, daß es das unbeobachtete Element unseres
gewöhnlichen Geisteslebens ist.
Der Grund, warum wir das Denken
im alltäglichen Geistesleben nicht beobachten, ist kein anderer als der, daß es
auf unserer eigenen Tätigkeit beruht.
Was ich nicht selbst
hervorbringe, tritt als ein Gegenständliches in mein Beobachtungsfeld ein.
Ich sehe mich ihm als einem
ohne mich zustande Gekommenen gegenüber; es tritt an mich heran; ich muß es als
die Voraussetzung meines Denkprozesses hinnehmen.
Während ich über den Gegenstand
nachdenke, bin ich mit diesem beschäftigt, mein Blick ist ihm zugewandt.
Diese Beschäftigung ist eben
die denkende Betrachtung.
Nicht auf meine Tätigkeit,
sondern auf das Objekt dieser Tätigkeit ist meine Aufmerksamkeit gerichtet.
Mit anderen Worten: während ich
denke, sehe ich nicht auf mein Denken, das ich selbst hervorbringe, sondern auf
das Objekt des Denkens, das ich nicht hervorbringe.
Ich bin sogar in demselben Fall,
wenn ich den Ausnahmezustand eintreten lasse, und über mein Denken selbst
nachdenke.
Ich kann mein gegenwärtiges
Denken nie beobachten; sondern nur die Erfahrungen, die ich über meinen
Denkprozeß gemacht habe, kann ich nachher zum Objekt des Denkens machen.
Ich müßte mich in zwei
Persönlichkeiten spalten: in eine, die denkt, und in die andere, welche sich
bei diesem Denken selbst zusieht, wenn ich mein gegenwärtiges Denken beobachten
wollte.
Das kann ich nicht.
Ich kann das nur in zwei
getrennten Akten ausführen.
Das Denken, das beobachtet
werden soll, ist nie das dabei in Tätigkeit befindliche, sondern ein anderes.
Ob ich zu diesem Zwecke meine
Beobachtungen an meinem eigenen früheren Denken mache, oder ob ich den
Gedankenprozeß einer anderen Person verfolge, oder endlich, ob ich, wie im
obigen Falle mit der Bewegung der Billardkugeln, einen fingierten
Gedankenprozeß voraussetze, darauf kommt es nicht an.
Zwei Dinge vertragen sich nicht:
tätiges Hervorbringen und beschauliches Gegenüberstellen.
Das weiß schon das erste Buch
Moses.
An den ersten sechs Welttagen
läßt es Gott die Welt hervorbringen, und erst als sie da ist, ist die
Möglichkeit vorhanden, sie zu beschauen:
«Und Gott sahe an alles, was er
gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut.»
So ist es auch mit unserem
Denken.
Es muß erst da sein, wenn wir
es beobachten wollen.
Der Grund, der es uns unmöglich
macht, das Denken in seinem jeweilig gegenwärtigen Verlauf zu beobachten, ist
der gleiche wie der, der es uns unmittelbarer und intimer erkennen läßt als
jeden andern Prozeß der Welt.
Eben weil wir es selbst
hervorbringen, kennen wir das Charakteristische seines Verlaufs, die Art, wie
sich das dabei in Betracht kommende Geschehen vollzieht.
Was in den übrigen
Beobachtungssphären nur auf mittelbare Weise gefunden werden kann: der
sachlich-entsprechende Zusammenhang und das Verhältnis der einzelnen
Gegenstände, das wissen wir beim Denken auf ganz unmittelbare Weise.
Warum für meine Beobachtung der
Donner auf den Blitz folgt, weiß ich nicht ohne weiteres; warum mein Denken den
Begriff Donner mit dem des Blitzes verbindet, weiß ich unmittelbar aus
den Inhalten der beiden Begriffe.
Es kommt natürlich gar nicht
darauf an, ob ich die richtigen Begriffe von Blitz und Donner habe.
Der Zusammenhang derer, die ich
habe, ist mir klar, und zwar durch sie selbst.
Diese durchsichtige Klarheit in
bezug auf den Denkprozeß ist ganz unabhängig von unserer Kenntnis der
physiologischen Grundlagen des Denkens.
Ich spreche hier von dem
Denken, insoferne es sich aus der Beobachtung unserer geistigen Tätigkeit
ergibt.
Wie ein materieller Vorgang
meines Gehirns einen andern veranlaßt oder beeinflußt, während ich eine
Gedankenoperation ausführe, kommt dabei gar nicht in Betracht.
Was ich am Denken beobachte,
ist nicht: welcher Vorgang in meinem Gehirne den Begriff des Blitzes mit dem
des Donners verbindet, sondern, was mich veranlaßt, die beiden Begriffe in ein
bestimmtes Verhältnis zu bringen.
Meine Beobachtung ergibt, daß
mir für meine Gedankenverbindungen nichts vorliegt, nach dem ich mich richte,
als der Inhalt meiner Gedanken; nicht nach den materiellen Vorgängen in meinem
Gehirn richte ich mich.
Für ein weniger
materialistisches Zeitalter als das unsrige wäre diese Bemerkung natürlich
vollständig überflüssig.
Gegenwärtig aber, wo es Leute
gibt, die glauben: wenn wir wissen, was Materie ist, werden wir auch wissen,
wie die Materie denkt, muß doch gesagt werden, daß man vom Denken reden kann,
ohne sogleich mit der Gehirnphysiologie in Kollision zu treten.
Es wird heute sehr vielen
Menschen schwer, den Begriff des Denkens in seiner Reinheit zu fassen.
Wer der Vorstellung, die ich
hier vom Denken entwickelt habe, sogleich den Satz des Cabanis entgegensetzt:
«Das Gehirn sondert Gedanken ab wie die Leber Galle, die Speicheldrüse Speichel
usw.», der weiß einfach nicht, wovon ich rede.
Er sucht das Denken durch einen
bloßen Beobachtungsprozeß zu finden in derselben Art, wie wir bei anderen
Gegenständen des Weltinhaltes verfahren.
Er kann es aber auf diesem Wege
nicht finden, weil es sich, wie ich nachgewiesen habe, gerade da der normalen
Beobachtung entzieht.
Wer den Materialismus nicht
überwinden kann, dem fehlt die Fähigkeit, bei sich den geschilderten
Ausnahmezustand herbeizuführen, der ihm zum Bewußtsein bringt, was bei aller
andern Geistestätigkeit unbewußt bleibt.
Wer den guten Willen nicht hat,
sich in diesen Standpunkt zu versetzen, mit dem könnte man über das Denken so
wenig wie mit dem Blinden über die Farbe sprechen.
Er möge nur aber nicht glauben,
daß wir physiologische Prozesse für Denken halten.
Er erklärt das Denken nicht,
weil er es überhaupt nicht sieht.
Für jeden aber, der die
Fähigkeit hat, das Denken zu beobachten - und bei gutem Willen hat sie jeder
normal organisierte Mensch -, ist diese Beobachtung die allerwichtigste, die er
machen kann.
Denn er beobachtet etwas,
dessen Hervorbringer er selbst ist; er sieht sich nicht einem zunächst fremden
Gegenstande, sondern seiner eigenen Tätigkeit gegenüber.
Er weiß, wie das zustande
kommt, was er beobachtet.
Er durchschaut die Verhältnisse
und Beziehungen.
Es ist ein fester Punkt
gewonnen, von dem aus man mit begründeter Hoffnung nach der Erklärung der
übrigen Welterscheinungen suchen kann.
Das Gefühl, einen solchen
festen Punkt zu haben, veranlaßte den Begründer der neueren Philosophie,
Renatus Cartesius, das ganze menschliche Wissen auf den Satz zu gründen: Ich
denke, also bin ich.
Alle andern Dinge, alles andere
Geschehen ist ohne mich da; ich weiß nicht, ob als Wahrheit, ob als Gaukelspiel
und Traum.
Nur eines weiß ich ganz
unbedingt sicher, denn ich bringe es selbst zu seinem sichern Dasein: mein
Denken.
Mag es noch einen andern
Ursprung seines Daseins haben, mag es von Gott oder anderswoher kommen; daß es
in dem Sinne da ist, in dem ich es selbst hervorbringe, dessen bin ich gewiß.
Einen andern Sinn seinem Satze
unterzulegen hatte Cartesius zunächst keine Berechtigung.
Nur daß ich mich innerhalb des
Weltinhaltes in meinem Denken als in meiner ureigensten Tätigkeit erfasse,
konnte er behaupten.
Was das daran gehängte: also
bin ich heißen soll, darüber ist viel gestritten worden.
Einen Sinn kann es aber nur
unter einer einzigen Bedingung haben.
Die einfachste Aussage, die ich
von einem Dinge machen kann, ist die, daß es ist, daß es existiert.
Wie dann dieses Dasein näher zu
bestimmen ist, das ist bei keinem Dinge, das in den Horizont meiner Erlebnisse
eintritt, sogleich im Augenblicke zu sagen.
Es wird jeder Gegenstand erst
in seinem Verhältnisse zu andern zu untersuchen sein, um bestimmen zu können,
in welchem Sinne von ihm als einem existierenden gesprochen werden kann.
Ein erlebter Vorgang kann eine
Summe von Wahrnehmungen, aber auch ein Traum, eine Halluzination und so weiter
sein.
Kurz, ich kann nicht sagen, in
welchem Sinne er existiert.
Das werde ich dem Vorgange
selbst nicht entnehmen können, sondern ich werde es erfahren, wenn ich ihn im
Verhältnisse zu andern Dingen betrachte.
Da kann ich aber wieder nicht mehr
wissen, als wie er im Verhältnisse zu diesen Dingen steht.
Mein Suchen kommt erst auf
einen festen Grund, wenn ich ein Objekt finde, bei dem ich den Sinn seines
Daseins aus ihm selbst schöpfen kann.
Das bin ich aber selbst als
Denkender, denn ich gebe meinem Dasein den bestimmten, in sich beruhenden
Inhalt der denkenden Tätigkeit.
Nun kann ich von da ausgehen
und fragen: Existieren die andern Dinge in dem gleichen oder in einem andern
Sinne?
Wenn man das Denken zum Objekt
der Beobachtung macht, fügt man zu dem übrigen beobachteten Weltinhalte etwas
dazu, was sonst der Aufmerksamkeit entgeht; man ändert aber nicht die Art, wie
sich der Mensch auch den andern Dingen gegenüber verhält.
Man vermehrt die Zahl der
Beobachtungsobjekte, aber nicht die Methode des Beobachtens.
Während wir die andern Dinge
beobachten, mischt sich in das Weltgeschehen - zu dem ich jetzt das Beobachten
mitzähle - ein Prozeß, der übersehen wird.
Es ist etwas von allem andern
Geschehen verschiedenes vorhanden, das nicht mitberücksichtigt wird.
Wenn ich aber mein Denken
betrachte, so ist kein solches unberücksichtigtes Element vorhanden.
Denn was jetzt im Hintergrunde
schwebt, ist selbst wieder nur das Denken.
Der beobachtete Gegenstand ist
qualitativ derselbe wie die Tätigkeit, die sich auf ihn richtet.
Und das ist wieder eine
charakteristische Eigentümlichkeit des Denkens.
Wenn wir es zum
Betrachtungsobjekt machen, sehen wir uns nicht gezwungen, dies mit Hilfe eines
Oualitativ-Verschiedenen zu tun, sondern wir können in demselben Element
verbleiben.
Wenn ich einen ohne mein Zutun
gegebenen Gegenstand in mein Denken einspinne, so gehe ich über meine
Beobachtung hinaus, und es wird sich darum handeln: was gibt mir ein Recht dazu?
Warum lasse ich den Gegenstand
nicht einfach auf mich einwirken?
Auf welche Weise ist es
möglich, daß mein Denken einen Bezug zu dem Gegenstande hat?
Das sind Fragen, die sich jeder
stellen muß, der über seine eigenen Gedankenprozesse nachdenkt.
Sie fallen weg, wenn man über
das Denken selbst nachdenkt.
Wir fügen zu dem Denken nichts
ihm Fremdes hinzu, haben uns also auch über ein solches Hinzufügen nicht zu
rechtfertigen.
Schelling sagt: Die Natur erkennen, heißt die Natur schaffen. - Wer diese Worte des
kühnen Naturphilosophen wörtlich nimmt, wird wohl zeitlebens auf alles
Naturerkennen verzichten müssen.
Denn die Natur ist einmal da,
und um sie ein zweites Mal zu schaffen, muß man die Prinzipien erkennen, nach
denen sie entstanden ist.
Für die Natur, die man erst
schaffen wollte, müßte man der bereits bestehenden die Bedingungen ihres
Daseins abgucken.
Dieses Abgucken, das dem
Schaffen vorausgehen müßte, wäre aber das Erkennen der Natur, und zwar auch
dann, wenn nach erfolgtem Abgucken das Schaffen ganz unterbliebe.
Nur eine noch nicht vorhandene
Natur könnte man schaffen, ohne sie vorher zu erkennen.
Was bei der Natur unmöglich ist:
das Schaffen vor dem Erkennen; beim Denken vollbringen wir es.
Wollten wir mit dem Denken
warten, bis wir es erkannt haben, dann kämen wir nie dazu.
Wir müssen resolut darauf
losdenken, um hinterher mittels der Beobachtung des Selbstgetanen zu seiner
Erkenntnis zu kommen.
Der Beobachtung des Denkens
schaffen wir selbst erst ein Objekt.
Für das Vorhandensein aller
anderen Objekte ist ohne unser Zutun gesorgt worden.
Leicht könnte jemand meinem
Satze: wir müssen denken, bevor wir das Denken betrachten können, den andern
als gleichberechtigt entgegenstellen: wir können auch mit dem Verdauen nicht
warten, bis wir den Vorgang des Verdauens beobachtet haben.
Das wäre ein Einwand ähnlich
dem, den Pascal dem Cartesius machte, indem er behauptete, man könne auch sagen:
ich gehe spazieren, also bin ich.
Ganz gewiß muß ich auch resolut
verdauen, bevor ich den physiologischen Prozeß der Verdauung studiert habe.
Aber mit der Betrachtung des
Denkens ließe sich das nur vergleichen, wenn ich die Verdauung hinterher nicht
denkend betrachten, sondern essen und verdauen wollte.
Das ist doch eben auch nicht
ohne Grund, daß das Verdauen zwar nicht Gegenstand des Verdauens, das Denken
aber sehr wohl Gegenstand des Denkens werden kann.
Es ist also zweifellos: in dem
Denken halten wir das Weltgeschehen an einem Zipfel, wo wir dabei sein müssen,
wenn etwas zustandekommen soll.
Und das ist doch gerade das,
worauf es ankommt.
Das ist gerade der Grund, warum
mir die Dinge so rätselhaft gegenüberstehen: daß ich an ihrem Zustandekommen so
unbeteiligt bin.
Ich finde sie einfach vor; beim
Denken aber weiß ich, wie es gemacht wird.
Daher gibt es keinen
ursprünglicheren Ausgangspunkt für das Betrachten alles Weltgeschehens als das
Denken.
Ich möchte nun einen
weitverbreiteten Irrtum noch erwähnen, der in bezug auf das Denken herrscht.
Er besteht darin, daß man sagt:
das Denken, so wie es an sich selbst ist, ist uns nirgends gegeben.
Das Denken, das die
Beobachtungen unserer Erfahrungen verbindet und mit einem Netz von Begriffen
durchspinnt, sei durchaus nicht dasselbe, wie dasjenige, das wir hinterher
wieder von den Gegenständen der Beobachtung herausschälen und zum Gegenstande
unserer Betrachtung machen.
Was wir erst unbewußt in die
Dinge hineinweben, sei ein ganz anderes, als was wir dann mit Bewußtsein wieder
herauslösen.
Wer so schließt, der begreift
nicht, daß es ihm auf diese Art gar nicht möglich ist, dem Denken zu
entschlüpfen.
Ich kann aus dem Denken gar
nicht herauskommen, wenn ich das Denken betrachten will.
Wenn man das vorbewußte Denken
von dem nachher bewußten Denken unterscheidet, so sollte man doch nicht
vergessen, daß diese Unterscheidung eine ganz äußerliche ist, die mit der Sache
selbst gar nichts zu tun hat.
Ich mache eine Sache dadurch
überhaupt nicht zu einer andern, daß ich sie denkend betrachte.
Ich kann mir denken, daß ein
Wesen mit ganz anders gearteten Sinnesorganen und mit einer anders
funktionierenden Intelligenz von einem Pferde eine ganz andere Vorstellung habe
als ich, aber ich kann mir nicht denken, daß mein eigenes Denken dadurch ein
anderes wird, daß ich es beobachte.
Ich beobachte selbst, was ich
selbst vollbringe.
Wie mein Denken sich für eine
andere Intelligenz ausnimmt als die meine, davon ist jetzt nicht die Rede;
sondern davon, wie es sich für mich ausnimmt.
Jedenfalls aber kann das Bild meines
Denkens in einer andern Intelligenz nicht ein wahreres sein als mein
eigenes.
Nur wenn ich nicht selbst das
denkende Wesen wäre, sondern das Denken mir als Tätigkeit eines mir
fremdartigen Wesens gegenüberträte, könnte ich davon sprechen, daß mein Bild
des Denkens zwar auf eine bestimmte Weise auftrete; wie das Denken des Wesens
aber an sich selber sei, das könne ich nicht wissen.
Mein eigenes Denken von einem
anderen Standpunkte aus anzusehen, liegt aber vorläufig für mich nicht die
geringste Veranlassung vor.
Ich betrachte ja die ganze
übrige Welt mit Hilfe des Denkens.
Wie sollte ich bei meinem
Denken hiervon eine Ausnahme machen?
Damit betrachte ich für
genügend gerechtfertigt, wenn ich in meiner Weltbetrachtung von dem Denken
ausgehe.
Als Archimedes den Hebel
erfunden hatte, da glaubte er mit seiner Hilfe den ganzen Kosmos aus den Angeln
heben zu können, wenn er nur einen Punkt fände, wo er sein Instrument
aufstützen könnte.
Er brauchte etwas, was durch
sich selbst, nicht durch anderes getragen wird.
Im Denken haben wir ein
Prinzip, das durch sich selbst besteht.
Von hier aus sei es versucht,
die Welt zu begreifen.
Das Denken können wir durch es
selbst erfassen.
Die Frage ist nur, ob wir durch
dasselbe auch noch etwas anderes ergreifen können.
Ich habe bisher von dem Denken
gesprochen, ohne auf seinen Träger, das menschliche Bewußtsein, Rücksicht zu
nehmen.
Die meisten Philosophen der
Gegenwart werden mir einwenden:
bevor es ein Denken gibt, muß
es ein Bewußtsein geben.
Deshalb sei vom Bewußtsein und
nicht vom Denken auszugehen.
Es gebe kein Denken ohne
Bewußtsein.
Ich muß dem gegenüber erwidern:
Wenn ich darüber Aufklärung
haben will, welches Verhältnis zwischen Denken und Bewußtsein besteht, so muß
ich darüber nachdenken.
Ich setze das Denken damit
voraus.
Nun kann man darauf allerdings
antworten:
Wenn der Philosoph das
Bewußtsein begreifen will, dann bedient er sich des Denkens; er setzt es
insoferne voraus; im gewöhnlichen Verlaufe des Lebens aber entsteht das Denken
innerhalb des Bewußtseins und setzt also dieses voraus.
Wenn diese Antwort dem
Weltschöpfer gegeben würde, der das Denken schaffen will, so wäre sie ohne
Zweifel berechtigt.
Man kann natürlich das Denken
nicht entstehen lassen, ohne vorher das Bewußtsein zustande zu bringen.
Dem Philosophen aber handelt es
sich nicht um die Weltschöpfung, sondern um das Begreifen derselben.
Er hat daher auch nicht die
Ausgangspunkte für das Schaffen, sondern für das Begreifen der Welt zu suchen.
Ich finde es ganz sonderbar, wenn
man dem Philosophen vorwirft, daß er sich vor allen andern Dingen um die
Richtigkeit seiner Prinzipien, nicht aber sogleich um die Gegenstände
bekümmert, die er begreifen will.
Der Weltschöpfer mußte vor
allem wissen, wie er einen Träger für das Denken findet, der Philosoph aber muß
nach einer sichern Grundlage suchen, von der aus er das Vorhandene begreifen
kann.
Was frommt es uns, wenn wir vom
Bewußtsein ausgehen und es der denkenden Betrachtung unterwerfen, wenn wir
vorher über die Möglichkeit, durch denkende Betrachtung Aufschluß über
die Dinge zu bekommen, nichts wissen?
Wir müssen erst das Denken ganz
neutral, ohne Beziehung auf ein denkendes Subjekt oder ein gedachtes Objekt
betrachten.
Denn in Subjekt und Objekt
haben wir bereits Begriffe, die durch das Denken gebildet sind.
Es ist nicht zu leugnen: Ehe
anderes begriffen werden kann, muß es das Denken werden.
Wer es leugnet, der übersieht,
daß er als Mensch nicht ein Anfangsglied der Schöpfung, sondern deren Endglied
ist.
Man kann deswegen behufs
Erklärung der Welt durch Begriffe nicht von den zeitlich ersten Elementen des
Daseins ausgehen, sondern von dem, was uns als das Nächste, als das Intimste
gegeben ist.
Wir können uns nicht mit einem
Sprunge an den Anfang der Welt versetzen, um da unsere Betrachtung anzufangen,
sondern wir müssen von dem gegenwärtigen Augenblick ausgehen und sehen, ob wir
von dem Späteren zu dem Früheren aufsteigen können.
Solange die Geologie von
erdichteten Revolutionen gesprochen hat, um den gegenwärtigen Zustand der Erde
zu erklären, solange tappte sie in der Finsternis.
Erst als sie, ihren Anfang
damit machte, zu untersuchen, welche Vorgänge gegenwärtig noch auf der Erde
sich abspielen und von diesen zurückschloß auf das Vergangene, hatte sie einen
sicheren Boden gewonnen.
Solange die Philosophie alle
möglichen Prinzipien annehmen wird, wie Atom, Bewegung, Materie, Wille,
Unbewußtes, wird sie in der Luft schweben.
Erst wenn der Philosoph das
absolut Letzte als sein Erstes ansehen wird, kann er zum Ziele kommen.
Dieses absolut Letzte, zu dem
es die Weltentwickelung gebracht hat, ist aber das Denken.
Es gibt Leute, die sagen: ob
unser Denken an sich richtig sei oder nicht, können wir aber doch nicht mit
Sicherheit feststellen.
Insoferne bleibt also der
Ausgangspunkt jedenfalls ein zweifelhafter.
Das ist gerade so vernünftig
gesprochen, wie wenn man Zweifel hegt, ob ein Baum an sich richtig sei oder
nicht.
Das Denken ist eine Tatsache;
und über die Richtigkeit oder Falschheit einer solchen zu sprechen, ist sinnlos.
Ich kann höchstens darüber
Zweifel haben, ob das Denken richtig verwendet wird, wie ich zweifeln kann, ob
ein gewisser Baum ein entsprechendes Holz zu einem zweckmäßigen Gerät gibt.
Zu zeigen, inwieferne die
Anwendung des Denkens auf die Welt eine richtige oder falsche ist, wird gerade
Aufgabe dieser Schrift sein.
Ich kann es verstehen, wenn
jemand Zweifel hegt, daß durch das Denken über die Welt etwas ausgemacht werden
kann; das aber ist mir unbegreiflich, wie jemand die Richtigkeit des Denkens an
sich anzweifeln kann.
Zusatz zur Neuauflage (1918).
In den vorangehenden
Ausführungen wird auf den bedeutungsvollen Unterschied zwischen dem Denken und
allen andern Seelentätigkeiten hingewiesen als auf eine Tatsache, die sich
einer wirklich unbefangenen Beobachtung ergibt.
Wer diese unbefangene
Beobachtung nicht anstrebt, der wird gegen diese Ausführungen versucht sein,
Einwendungen zu machen wie diese:
wenn ich über eine Rose denke,
so ist damit doch auch nur ein Verhältnis meines «Ich» zur Rose ausgedrückt,
wie wenn ich die Schönheit der Rose fühle.
Es bestehe geradeso ein
Verhältnis zwischen «Ich» und Gegenstand beim Denken, wie zum Beispiel beim
Fühlen oder Wahrnehmen.
Wer diesen Einwand macht, der
zieht nicht in Erwägung, daß nur in der Betätigung des Denkens das «Ich» bis in
alle Verzweigungen der Tätigkeit sich mit dem Tätigen als ein Wesen weiß.
Bei keiner andern
Seelentätigkeit ist dies restlos der Fall.
Wenn zum Beispiel eine Lust
gefühlt wird, kann eine feinere Beobachtung sehr wohl unterscheiden, inwieferne
das «Ich» sich mit einem Tätigen eins weiß und inwiefern in ihm ein Passives
vorhanden ist, so daß die Lust für das «Ich» bloß auftritt.
Und so ist es auch bei den
andern Seelenbetätigungen.
Man sollte nur nicht
verwechseln: «Gedankenbilder haben» und Gedanken durch das Denken verarbeiten.
Gedankenbilder können
traumhaft, wie vage Eingebungen in der Seele auftreten.
Ein Denken ist dieses
nicht. - Allerdings könnte nun jemand sagen:
wenn das Denken so gemeint ist,
steckt das Wollen in dem Denken drinnen, und man habe es dann nicht bloß mit
dem Denken, sondern auch mit dem Wollen des Denkens zu tun.
Doch würde dies nur berechtigen
zu sagen: das wirkliche Denken muß immer gewollt sein.
Nur hat dies mit der
Kennzeichnung des Denkens, wie sie in diesen Ausführungen gemacht ist, nichts
zu schaffen.
Mag es das Wesen des Denkens
immerhin notwendig machen, daß dieses gewollt wird: es kommt darauf an,
daß nichts gewollt wird, was, indem es sich vollzieht, vor dem «Ich» nicht
restlos als seine eigene, von ihm überschaubare Tätigkeit erscheint.
Man muß sogar sagen, wegen der
hier geltend gemachten Wesenheit des Denkens erscheint dieses dem Beobachter
als durch und durch gewollt.
Wer alles, was für die
Beurteilung des Denkens in Betracht kommt, wirklich zu durchschauen sich
bemüht, der wird nicht umhin können, zu bemerken, daß dieser Seelenbetätigung
die Eigenheit zukommt, von der hier gesprochen ist.
Von einer Persönlichkeit,
welche der Verfasser dieses Buches als Denker sehr hochschätzt, ist ihm
eingewendet worden, daß so, wie es hier geschieht, nicht über das Denken
gesprochen werden könne, weil es nur ein Schein sei, was man als tätiges Denken
zu beobachten glaube.
In Wirklichkeit beobachte man
nur die Ergebnisse einer nicht bewußten Tätigkeit, die dem Denken zugrunde
liegt.
Nur weil diese nicht bewußte
Tätigkeit eben nicht beobachtet werde, entstehe die Täuschung, es bestehe das
beobachtete Denken durch sich selbst, wie wenn man bei rasch
aufeinanderfolgender Beleuchtung durch elektrische Funken eine Bewegung zu
sehen glaubt.
Auch dieser Einwand beruht nur
auf einer ungenauen Anschauung der Sachlage.
Wer ihn macht, berücksichtigt
nicht, daß es das «Ich» selbst ist, das im Denken drinnen stehend seine
Tätigkeit beobachtet.
Es müßte das «Ich» außer dem
Denken stehen, wenn es so getäuscht werden könnte, wie bei rasch
aufeinanderfolgender Beleuchtung durch elektrische Funken.
Man könnte vielmehr sagen: wer
einen solchen Vergleich macht, der täuscht sich gewaltsam etwa wie jemand, der
von einem in Bewegung begriffenen Licht durchaus sagen wollte: es wird an jedem
Orte, an dem es erscheint, von unbekannter Hand neu angezündet. - Nein, wer in
dem Denken etwas anderes sehen will als das im « Ich» selbst als überschaubare
Tätigkeit Hervorgebrachte, der muß sich erst für den einfachen, der Beobachtung
vorliegenden Tatbestand blind machen, um dann eine hypothetische Tätigkeit dem
Denken zugrunde legen zu können.
Wer sich nicht so blind macht,
der muß erkennen, daß alles, was er in dieser Art zu dem Denken «hinzudenkt», aus
dem Wesen des Denkens herausführt.
Die unbefangene Beobachtung
ergibt, daß nichts zum Wesen des Denkens gerechnet werden kann, was nicht im
Denken selbst gefunden wird.
Man kann nicht zu etwas kommen,
was das Denken bewirkt, wenn man den Bereich des Denkens verläßt.
Durch das Denken entstehen Begriffe
und Ideen.
Was ein Begriff ist, kann nicht
mit Worten gesagt werden.
Worte können nur den Menschen
darauf aufmerksam machen, daß er Begriffe habe.
Wenn jemand einen Baum sieht,
so reagiert sein Denken auf seine Beobachtung; zu dem Gegenstande tritt ein
ideelles Gegenstück hinzu, und er betrachtet den Gegenstand und das ideelle
Gegenstück als zusammengehörig.
Wenn der Gegenstand aus seinem
Beobachtungsfelde verschwindet, so bleibt nur das ideelle Gegenstück davon
zurück.
Das letztere ist der Begriff
des Gegenstandes.
Je mehr sich unsere Erfahrung
erweitert, desto größer wird die Summe unserer Begriffe.
Die Begriffe stehen aber
durchaus nicht vereinzelt da.
Sie schließen sich zu einem
gesetzmäßigen Ganzen zusammen.
Der Begriff «Organismus»
schließt sich zum Beispiel an die andern: «gesetzmäßige Entwickelung, Wachstum»
an.
Andere an Einzeldingen
gebildete Begriffe fallen völlig in eins zusammen.
Alle Begriffe, die ich mir von
Löwen bilde, fallen in den Gesamtbegriff «Löwe» zusammen.
Auf diese Weise verbinden sich
die einzelnen Begriffe zu einem geschlossenen Begriffssystem, in dem jeder
seine besondere Stelle hat.
Ideen sind qualitativ von
Begriffen nicht verschieden.
Sie sind nur inhaltsvollere,
gesättigtere und umfangreichere Begriffe.
Ich muß einen besonderen Wert
darauf legen, daß hier an dieser Stelle beachtet werde, daß ich als meinen
Ausgangspunkt das Denken bezeichnet habe und nicht Begriffe und Ideen,
die erst durch das Denken gewonnen werden.
Diese setzen das Denken bereits
voraus.
Es kann daher, was ich in bezug
auf die in sich selbst ruhende, durch nichts bestimmte Natur des Denkens gesagt
habe, nicht einfach auf die Begriffe übertragen werden.
(Ich bemerke das hier ausdrücklich,
weil hier meine Differenz mit Hegel liegt. Dieser setzt den Begriff als
Erstes und Ursprüngliches.)
Der Begriff kann nicht aus der
Beobachtung gewonnen werden.
Das geht schon aus dem Umstande
hervor, daß der heranwachsende Mensch sich langsam und allmählich erst die
Begriffe zu den Gegenständen bildet, die ihn umgeben.
Die Begriffe werden zu der
Beobachtung hinzugefügt.
Ein vielgelesener Philosoph der
Gegenwart (Herbert Spencer) schildert den geistigen Prozeß, den wir
gegenüber der Beobachtung vollziehen, folgendermaßen:
«Wenn wir an einem Septembertag
durch die Felder wandelnd, wenige Schritte vor uns ein Geräusch hören und an
der Seite des Grabens, von dem es herzukommen schien, das Gras in Bewegung
sehen, so werden wir wahrscheinlich auf die Stelle losgehen, um zu erfahren,
was das Geräusch und die Bewegung hervorbrachte.
Bei unserer Annäherung flattert
ein Rebhuhn in den Graben, und damit ist unsere Neugierde befriedigt: wir
haben, was wir eine Erklärung der Erscheinungen nennen.
Diese Erklärung läuft,
wohlgemerkt, auf folgendes hinaus: weil wir im Leben unendlich oft erfahren
haben, daß eine Störung der ruhigen Lage kleiner Körper die Bewegung anderer
zwischen ihnen befindlicher Körper begleitet, und weil wir deshalb die
Beziehungen zwischen solchen Störungen und solchen Bewegungen verallgemeinert
haben, so halten wir diese besondere Störung für erklärt, sobald wir finden,
daß sie ein Beispiel eben dieser Beziehung darbietet.»
Genauer besehen stellt sich die
Sache ganz anders dar, als sie hier beschrieben ist.
Wenn ich ein Geräusch höre, so
suche ich zunächst den Begriff für diese Beobachtung.
Dieser Begriff erst weist mich
über das Geräusch hinaus.
Wer nicht weiter nachdenkt, der
hört eben das Geräusch und gibt sich damit zufrieden.
Durch mein Nachdenken aber ist
mir klar, daß ich ein Geräusch als Wirkung aufzufassen habe.
Also erst wenn ich den Begriff
der Wirkung mit der Wahrnehmung des Geräusches verbinde, werde ich
veranlaßt, über die Einzelbeobachtung hinauszugehen und nach der Ursache zu
suchen.
Der Begriff der Wirkung ruft
den der Ursache hervor, und ich suche dann nach dem verursachenden Gegenstande,
den ich in der Gestalt des Rebhuhns finde.
Diese Begriffe, Ursache und
Wirkung, kann ich aber niemals durch bloße Beobachtung, und erstrecke sie sich
auf noch so viele Fälle, gewinnen.
Die Beobachtung fordert das
Denken heraus, und erst dieses ist es, das mir den Weg weist, das einzelne
Erlebnis an ein anderes anzuschließen.
Wenn man von einer «streng
objektiven Wissenschaft» fordert, daß sie ihren Inhalt nur der Beobachtung
entnehme, so muß man zugleich fordern, daß sie auf alles Denken verzichte.
Denn dieses geht seiner Natur
nach über das Beobachtete hinaus.
Nun ist es am Platze, von dem
Denken auf das denkende Wesen überzugehen.
Denn durch dieses wird das
Denken mit der Beobachtung verbunden.
Das menschliche Bewußtsein ist
der Schauplatz, wo Begriff und Beobachtung einander begegnen und wo sie
miteinander verknüpft werden.
Dadurch ist aber dieses
(menschliche) Bewußtsein zugleich charakterisiert.
Es ist der Vermittler zwischen
Denken und Beobachtung.
Insoferne der Mensch einen
Gegenstand beobachtet, erscheint ihm dieser als gegeben, insoferne er denkt,
erscheint er sich selbst als tätig.
Er betrachtet den Gegenstand als
Objekt, sich selbst als das denkende Subjekt.
Weil er sein Denken auf die
Beobachtung richtet, hat er Bewußtsein von den Objekten; weil er sein Denken
auf sich richtet, hat er Bewußtsein seiner selbst oder Selbstbewußtsein.
Das menschliche Bewußtsein muß
notwendig zugleich Selbstbewußtsein sein, weil es denkendes Bewußtsein
ist.
Denn wenn das Denken den Blick
auf seine eigene Tätigkeit richtet, dann hat es seine ureigene Wesenheit, also
sein Subjekt, als Objekt zum Gegenstande.
Nun darf aber nicht übersehen
werden, daß wir uns nur mit Hilfe des Denkens als Subjekt bestimmen und uns den
Objekten entgegensetzen können.
Deshalb darf das Denken niemals
als eine bloß subjektive Tätigkeit aufgefaßt werden.
Das Denken ist jenseits von
Subjekt und Objekt.
Es bildet diese beiden Begriffe
ebenso wie alle anderen.
Wenn wir als denkendes Subjekt
also den Begriff auf ein Objekt beziehen, so dürfen wir diese Beziehung nicht
als etwas bloß Subjektives auffassen.
Nicht das Subjekt ist es,
welches die Beziehung herbeiführt, sondern das Denken.
Das Subjekt denkt nicht
deshalb, weil es Subjekt ist; sondern es erscheint sich als ein Subjekt, weil
es zu denken vermag.
Die Tätigkeit, die der Mensch
als denkendes Wesen ausübt, ist also keine bloß subjektive, sondern eine
solche, die weder subjektiv noch objektiv ist, eine über diese beiden Begriffe
hinausgehende.
Ich darf niemals sagen, daß
mein individuelles Subjekt denkt; dieses lebt vielmehr selbst von des Denkens
Gnaden.
Das Denken ist somit ein
Element, das mich über mein Selbst hinausführt und mit den Objekten verbindet.
Aber es trennt mich zugleich
von ihnen, indem es mich ihnen als Subjekt gegenüberstellt.
Darauf beruht die Doppelnatur
des Menschen: er denkt und umschließt damit sich selbst und die übrige Welt;
aber er muß sich mittels des Denkens zugleich als ein den Dingen
gegenüberstehendes Individuum bestimmen.
Das nächste wird nun sein, uns
zu fragen:
Wie kommt das andere Element,
das wir bisher bloß als Beobachtungsobjekt bezeichnet haben, und das sich mit
dem Denken im Bewußtsein begegnet, in das letztere?
Wir müssen, um diese Frage zu
beantworten, aus unserem Beobachtungsfelde alles aussondern, was durch das
Denken bereits in dasselbe hineingetragen worden ist.
Denn unser jeweiliger
Bewußtseinsinhalt ist immer schon mit Begriffen in der mannigfachsten Weise
durchsetzt.
Wir müssen uns vorstellen, daß
ein Wesen mit vollkommen entwickelter menschlicher Intelligenz aus dem Nichts
entstehe und der Welt gegenübertrete.
Was es da gewahr würde, bevor
es das Denken in Tätigkeit bringt, das ist der reine Beobachtungsinhalt.
Die Welt zeigte dann diesem
Wesen nur das bloße zusammenhanglose Aggregat von Empfindungsobjekten:
Farben, Töne, Druck-, Wärme-,
Geschmacks- und Geruchsempfindungen; dann Lust- und Unlustgefühle.
Dieses Aggregat ist der Inhalt
der reinen, gedankenlosen Beobachtung.
Ihm gegenüber steht das Denken,
das bereit ist, seine Tätigkeit zu entfalten, wenn sich ein Angriffspunkt dazu
findet.
Die Erfahrung lehrt bald, daß
er sich findet.
Das Denken ist imstande, Fäden
zu ziehen von einem Beobachtungselement zum andern.
Es verknüpft mit diesen
Elementen bestimmte Begriffe und bringt sie dadurch in ein Verhältnis.
Wir haben oben bereits gesehen,
wie ein uns begegnendes Geräusch mit einer anderen Beobachtung dadurch
verbunden wird, daß wir das erstere als Wirkung der letzteren bezeichnen.
Wenn wir uns nun daran
erinnern, daß die Tätigkeit des Denkens durchaus nicht als eine subjektive
aufzufassen ist, so werden wir auch nicht versucht sein zu glauben, daß solche
Beziehungen, die durch das Denken hergestellt sind, bloß eine subjektive
Geltung haben.
Es wird sich jetzt darum
handeln, durch denkende Überlegung die Beziehung zu suchen, die der oben
angegebene unmittelbar gegebene Beobachtungsinhalt zu unserem bewußten Subjekt
hat.
Bei dem Schwanken des
Sprachgebrauches erscheint es mir geboten, daß ich mich mit meinem Leser über
den Gebrauch eines Wortes verständige, das ich im folgenden anwenden muß.
Ich werde die unmittelbaren
Empfindungsobjekte, die ich oben genannt habe, insoferne das bewußte Subjekt
von ihnen durch Beobachtung Kenntnis nimmt, Wahrnehmungen nennen.
Also nicht den Vorgang der
Beobachtung, sondern das Objekt dieser Beobachtung bezeichne ich mit
diesem Namen.
Ich wähle den Ausdruck Empfindung
nicht, weil dieser in der Physiologie eine bestimmte Bedeutung hat, die
enger ist als die meines Begriffes von Wahrnehmung.
Ein Gefühl in mir selbst kann
ich wohl als Wahrnehmung, nicht aber als Empfindung im physiologischen Sinne
bezeichnen.
Auch von meinem Gefühle erhalte
ich dadurch Kenntnis, daß es Wahrnehmung für mich wird.
Und die Art, wie wir durch
Beobachtung Kenntnis von unserem Denken erhalten, ist eine solche, daß wir auch
das Denken in seinem ersten Auftreten für unser Bewußtsein Wahrnehmung nennen
können.
Der naive Mensch betrachtet
seine Wahrnehmungen in dem Sinne, wie sie ihm unmittelbar erscheinen, als
Dinge, die ein von ihm ganz unabhängiges Dasein haben.
Wenn er einen Baum sieht, so
glaubt er zunächst, daß dieser in der Gestalt, die er sieht, mit den Farben, die
seine Teile haben usw., dort an dem Orte stehe, wohin der Blick gerichtet ist.
Wenn derselbe Mensch morgens
die Sonne als eine Scheibe am Horizonte erscheinen sieht und den Lauf dieser
Scheibe verfolgt, so ist er der Meinung, daß das alles in dieser Weise (an
sich) bestehe und vorgehe, wie er es beobachtet.
Er hält so lange an diesem
Glauben fest, bis er anderen Wahrnehmungen begegnet, die jenen widersprechen.
Das Kind, das noch keine
Erfahrungen über Entfernungen hat, greift nach dem Monde und stellt das, was es
nach dem ersten Augenschein für wirklich gehalten hat, erst richtig, wenn eine
zweite Wahrnehmung sich mit der ersten im Widerspruch befindet.
Jede Erweiterung des Kreises
meiner Wahrnehmungen nötigt mich, mein Bild der Welt zu berichtigen.
Das zeigt sich im täglichen
Leben ebenso wie in der Geistesentwickelung der Menschheit.
Das Bild, das sich die Alten
von der Beziehung der Erde zu der Sonne und den andern Himmelskörpern machten,
mußte von Kopernikus durch ein anderes ersetzt werden, weil es mit
Wahrnehmungen, die früher unbekannt waren, nicht zusammenstimmte.
Als Dr. Franz einen
Blindgeborenen operierte, sagte dieser, daß er sich vor seiner Operation durch
die Wahrnehmungen seines Tastsinnes ein ganz anderes Bild von der Größe der
Gegenstände gemacht habe.
Er mußte seine
Tastwahrnehmungen durch seine Gesichtswahrnehmungen berichtigen.
Woher kommt es, daß wir zu
solchen fortwährenden Richtigstellungen unserer Beobachtungen gezwungen sind?
Eine einfache Überlegung bringt
die Antwort auf diese Frage.
Wenn ich an dem einen Ende
einer Allee stehe, so erscheinen mir die Bäume an dem andern, von mir
entfernten Ende kleiner und näher aneinandergerückt als da, wo ich stehe.
Mein Wahrnehmungsbild wird ein
anderes, wenn ich den Ort ändere, von dem aus ich meine Beobachtungen mache.
Es ist also in der Gestalt, in
der es an mich herantritt, abhängig von einer Bestimmung, die nicht an dem
Objekte hängt, sondern die mir, dem Wahrnehmenden, zukommt.
Es ist für eine Allee ganz
gleichgültig, wo ich stehe.
Das Bild aber, das ich von ihr
erhalte, ist wesentlich davon abhängig.
Ebenso ist es für die Sonne und
das Planetensystem gleichgültig, daß die Menschen sie gerade von der Erde aus
ansehen.
Das Wahrnehmungsbild aber, das
sich diesen darbietet, ist durch diesen ihren Wohnsitz bestimmt.
Diese Abhängigkeit des
Wahrnehmungsbildes von unserem Beobachtungsorte ist diejenige, die am
leichtesten zu durchschauen ist.
Schwieriger wird die Sache
schon, wenn wir die Abhängigkeit unserer Wahrnehmungswelt von unserer leiblichen
und geistigen Organisation kennen lernen.
Der Physiker zeigt uns, daß
innerhalb des Raumes, in dem wir einen Schall hören, Schwingungen der Luft
stattfinden, und daß auch der Körper, in dem wir den Ursprung des Schalles
suchen, eine schwingende Bewegung seiner Teile aufweist.
Wir nehmen diese Bewegung nur
als Schall wahr, wenn wir ein normal organisiertes Ohr haben.
Ohne ein solches bliebe uns die
ganze Welt ewig stumm.
Die Physiologie belehrt uns
darüber, daß es Menschen gibt, die nichts wahrnehmen von der herrlichen
Farbenpracht, die uns umgibt.
Ihr Wahrnehmungsbild weist nur
Nuancen von Hell und Dunkel auf Andere nehmen nur eine bestimmte Farbe, zum
Beispiel das Rot, nicht wahr.
Ihrem Weltbilde fehlt dieser
Farbenton, und es ist daher tatsächlich ein anderes als das eines
Durchschnittsmenschen.
Ich möchte die Abhängigkeit
meines Wahrnehmungsbildes von meinem Beobachtungsorte eine mathematische, die
von meiner Organisation eine qualitative nennen.
Durch jene werden die
Größenverhältnisse und gegenseitigen Entfernungen meiner Wahrnehmungen
bestimmt, durch diese die Qualität derselben.
Daß ich eine rote Fläche rot
sehe - diese qualitative Bestimmung - hängt von der Organisation meines Auges
ab.
Meine Wahrnehmungsbilder sind
also zunächst subjektiv.
Die Erkenntnis von dem
subjektiven Charakter unserer Wahrnehmungen kann leicht zu Zweifeln darüber
führen, ob überhaupt etwas Objektives denselben zum Grunde liegt.
Wenn wir wissen, daß eine
Wahrnehmung, zum Beispiel die der roten Farbe, oder eines bestimmten Tones
nicht möglich ist ohne eine bestimmte Einrichtung unseres Organismus, so kann
man zu dem Glauben kommen, daß dieselbe, abgesehen von unserem subjektiven
Organismus, keinen Bestand habe, daß sie ohne den Akt des Wahrnehmens, dessen
Objekt sie ist, keine Art des Daseins hat.
Diese Ansicht hat in George
Berkeley einen klassischen Vertreter gefunden, der der Meinung war, daß der
Mensch von dem Augenblicke an, wo er sich der Bedeutung des Subjekts für die
Wahrnehmung bewußt geworden ist, nicht mehr an eine ohne den bewußten Geist
vorhandene Welt glauben könne.
Er sagt «Einige Wahrheiten
liegen so nahe und sind so einleuchtend, daß man nur die Augen zu öffnen
braucht, um sie zu sehen.
Für eine solche halte ich den
wichtigen Satz, daß der ganze Chor am Himmel und alles, was zur Erde gehört,
mit einem Worte alle die Körper, die den gewaltigen Bau der Welt
zusammensetzen, keine Subsistenz außerhalb des Geistes haben, daß ihr Sein in
ihrem Wahrgenommen- oder Erkanntwerden besteht, daß sie folglich, solange sie nicht
wirklich von mir wahrgenommen werden oder in meinem Bewußtsein oder dem eines
anderen geschaffenen Geistes existieren, entweder überhaupt keine Existenz
haben oder in dem Bewußtsein eines ewigen Geistes existieren.»
Für diese Ansicht bleibt von der
Wahrnehmung nichts mehr übrig, wenn man von dem Wahrgenommenwerden absieht.
Es gibt keine Farbe, wenn keine
gesehen, keinen Ton, wenn keiner gehört wird.
Ebensowenig wie Farbe und Ton
existieren Ausdehnung, Gestalt und Bewegung außerhalb des Wahrnehmungsaktes.
Wir sehen nirgends bloße
Ausdehnung oder Gestalt, sondern diese immer mit Farbe oder andern
unbestreitbar von unserer Subjektivität abhängigen Eigenschaften verknüpft.
Wenn die letzteren mit unserer
Wahrnehmung verschwinden, so muß das auch bei den ersteren der Fall sein, die
an sie gebunden sind.
Dem Einwand, daß, wenn auch
Figur, Farbe, Ton usw. keine andere Existenz als die innerhalb des
Wahrnehmungsaktes haben, es doch Dinge geben müsse, die ohne das Bewußtsein da
sind und denen die bewußten Wahrnehmungsbilder ähnlich seien, begegnet die
geschilderte Ansicht damit, daß sie sagt: eine Farbe kann nur ähnlich einer
Farbe, eine Figur ähnlich einer Figur sein.
Unsere Wahrnehmungen können nur
unseren Wahrnehmungen, aber keinerlei anderen Dingen ähnlich sein.
Auch was wir einen Gegenstand
nennen, ist nichts anderes als eine Gruppe von Wahrnehmungen, die in einer
bestimmten Weise verbunden sind.
Nehme ich von einem Tische
Gestalt, Ausdehnung, Farbe usw., kurz alles, was nur meine Wahrnehmung ist,
weg, so bleibt nichts mehr übrig.
Diese Ansicht führt, konsequent
verfolgt, zu der Behauptung:
Die Objekte meiner
Wahrnehmungen sind nur durch mich vorhanden, und zwar nur insoferne und solange
ich sie wahrnehme; sie verschwinden mit dem Wahrnehmen und haben keinen Sinn
ohne dieses.
Außer meinen Wahrnehmungen weiß
ich aber von keinen Gegenständen und kann von keinen wissen.
Gegen diese Behauptung ist so
lange nichts einzuwenden, als ich bloß im allgemeinen den Umstand in Betracht
ziehe, daß die Wahrnehmung von der Organisation meines Subjektes mitbestimmt
wird.
Wesentlich anders stellte sich
die Sache aber, wenn wir imstande wären, anzugeben, welches die Funktion
unseres Wahrnehmens beim Zustandekommen einer Wahrnehmung ist.
Wir wüßten dann, was an der
Wahrnehmung während des Wahrnehmens geschieht, und könnten auch bestimmen, was
an ihr schon sein muß, bevor sie wahrgenommen wird.
Damit wird unsere Betrachtung
von dem Objekt der Wahrnehmung auf das Subjekt derselben abgeleitet.
Ich nehme nicht nur andere
Dinge wahr, sondern ich nehme mich selbst wahr.
Die Wahrnehmung meiner selbst
hat zunächst den Inhalt, daß ich das Bleibende bin gegenüber den immer
kommenden und gehenden Wahrnehmungsbildern.
Die Wahrnehmung des Ich kann in
meinem Bewußtsein stets auftreten, während ich andere Wahrnehmungen habe.
Wenn ich in die Wahrnehmung
eines gegebenen Gegenstandes vertieft bin, so habe ich vorläufig nur von diesem
ein Bewußtsein.
Dazu kann dann die Wahrnehmung
meines Selbst treten.
Ich bin mir nunmehr nicht bloß
des Gegenstandes bewußt, sondern auch meiner Persönlichkeit, die dem Gegenstand
gegenüber steht und ihn beobachtet.
Ich sehe nicht bloß einen Baum,
sondern ich weiß auch, daß ich es bin, der ihn sieht.
Ich erkenne auch, daß in mir
etwas vorgeht, während ich den Baum beobachte.
Wenn der Baum aus meinem
Gesichtskreise verschwindet, bleibt für mein Bewußtsein ein Rückstand von
diesem Vorgange: ein Bild des Baumes.
Dieses Bild hat sich während
meiner Beobachtung mit meinem Selbst verbunden.
Mein Selbst hat sich bereichert;
sein Inhalt hat ein neues Element in sich aufgenommen.
Dieses Element nenne ich meine Vorstellung
von dem Baume.
Ich käme nie in die Lage, von Vorstellungen
zu sprechen, wenn ich diese nicht in der Wahrnehmung meines Selbst erlebte.
Wahrnehmungen würden kommen und
gehen; ich ließe sie vorüberziehen.
Nur dadurch, daß ich mein
Selbst wahrnehme und merke, daß mit jeder Wahrnehmung sich auch dessen Inhalt
ändert, sehe ich mich gezwungen, die Beobachtung des Gegenstandes mit meiner
eigenen Zustandsveränderung in Zusammenhang zu bringen und von meiner
Vorstellung zu sprechen.
Die Vorstellung nehme ich an
meinem Selbst wahr, in dem Sinne, wie Farbe, Ton usw. an andern Gegenständen.
Ich kann jetzt auch den
Unterschied machen, daß ich diese andern Gegenstände, die sich mir
gegenüberstellen, Außenwelt nenne, während ich den Inhalt meiner
Selbstwahrnehmung als Innenwelt bezeichne.
Die Verkennung des
Verhältnisses von Vorstellung und Gegenstand hat die größten Mißverständnisse
in der neueren Philosophie herbeigeführt.
Die Wahrnehmung einer
Veränderung in uns, die Modifikation, die mein Selbst erfährt, wurde in den
Vordergrund gedrängt und das diese Modifikation veranlassende Objekt ganz aus
dem Auge verloren.
Man hat gesagt: wir nehmen
nicht die Gegenstände wahr, sondern nur unsere Vorstellungen.
Ich soll nichts wissen von dem
Tische an sich, der Gegenstand meiner Beobachtung ist, sondern nur von der
Veränderung, die mit mir selbst vorgeht, während ich den Tisch wahrnehme.
Diese Anschauung darf nicht mit
der vorhin erwähnten Berkeleyschen verwechselt werden.
Berkeley behauptet die
subjektive Natur meines Wahrnehmungsinhaltes, aber er sagt nicht, daß ich nur
von meinen Vorstellungen wissen kann.
Er schränkt mein Wissen auf
deine Vorstellungen ein, weil er der Meinung ist, daß es keine Gegenstände
außerhalb des Vorstellens gibt.
Was ich als Tisch ansehe, das
ist im Sinne Berkeleys nicht mehr vorfanden, sobald ich meinen Blick nicht mehr
darauf richte.
Deshalb läßt Berkeley meine
Wahrnehmungen unmittelbar durch die Macht Gottes entstehen.
Ich sehe einen Tisch, weil Gott
diese Wahrnehmung in mir hervorruft.
Berkeley kennt daher keine
anderen realen Wesen als Gott und die menschlichen Geister.
Was wir Welt nennen, ist nur
innerhalb der meister vorhanden.
Was der naive Mensch Außenwelt,
körperliche Natur nennt, ist für Berkeley nicht vorhanden.
Dieser Ansicht steht die jetzt
herrschende Kantsche gegenüber, welche unsere Erkenntnis von der Welt nicht
deshalb auf unsere Vorstellungen einschränkt, weil sie überzeugt ist, daß es
außer diesen Vorstellungen keine Dinge geben kann, sondern weil sie uns so
organisiert glaubt, daß wir nur von den Veränderungen unseres eigenen Selbst,
nicht von den diese Veränderungen veranlassenden Dingen an sich erfahren können.
Sie folgert aus dem Umstande,
daß ich nur meine Vorstellungen kenne, nicht, daß es keine von diesen
Vorstellungen unabhängige Existenz gibt, sondern nur, daß das Subjekt eine
solche nicht unmittelbar in sich aufnehmen, die nicht anders als durch das
«Medium seiner subjektiven Gedanken imaginieren, fingieren, denken, erkennen,
vielleicht auch nicht erkennen kann» (O. Liebmann, Zur Analysis der
Wirklichkeit, Seite 28).
Diese Anschauung glaubt etwas unbedingt
Gewisses zu sagen, etwas, was ohne alle Beweise unmittelbar einleuchtet.
«Der erste Fundamentalsatz, den
sich der Philosoph zu deutlichem Bewußtsein zu bringen hat, besteht in der
Erkenntnis, daß unser Wissen sich zunächst auf nichts weiter als auf
unsere Vorstellungen erstreckt.
Unsere Vorstellungen sind das
Einzige, was wir unmittelbar erfahren, unmittelbar erleben; und eben weil wir
sie unmittelbar erfahren, deswegen vermag uns auch der radikalste Zweifel das
Wissen von denselben nicht zu entreißen.
Dagegen ist das Wissen, das
über unser Vorstellen - ich nehme diesen Ausdruck hier überall im weitesten
Sinne, so daß alles psychische Geschehen darunter fällt - hinausgeht, vor dem
Zweifel nicht geschützt.
Daher muß zu Beginn des
Philosophierens alles über die Vorstellungen hinausgehende Wissen
ausdrücklich als bezweifelbar hingestellt werden», so beginnt Volkelt sein
Buch über «Immanuel Kants Erkenntnistheorie».
Was hiermit so hingestellt
wird, als ob es eine unmittelbare und selbstverständliche Wahrheit sei, ist
aber in Wirklichkeit das Resultat einer Gedankenoperation, die folgendermaßen
verläuft:
Der naive Mensch glaubt, daß
die Gegenstände, so wie er sie wahrnimmt, auch außerhalb seines Bewußtseins
vorhanden sind.
Die Physik, Physiologie und
Psychologie scheinen aber zu lehren, daß zu unseren Wahrnehmungen unsere Organisation
notwendig ist, daß wir folglich von nichts wissen können, als von dem, was
unsere Organisation uns von den Dingen überliefert.
Unsere Wahrnehmungen sind somit
Modifikationen unserer Organisation, nicht Dinge an sich.
Den hier angedeuteten Gedankengang
hat Eduard von Hartmann in der Tat als denjenigen charakterisiert, der
zur Überzeugung von dem Satze führen muß, daß wir ein direktes Wissen nur von unseren
Vorstellungen haben können (vergleiche dessen «Grundproblem der
Erkenntnistheorie», S. 16-40).
Weil wir außerhalb unseres
Organismus Schwingungen der Körper und der Luft finden, die sich uns als Schall
darstellen, so wird gefolgert, daß das, was wir Schall nennen, nichts weiter
sei als eine subjektive Reaktion unseres Organismus auf jene Bewegungen in der
Außenwelt.
In derselben Weise findet man,
daß Farbe und Wärme nur Modifikationen unseres Organismus seien.
Und zwar ist man der Ansicht,
daß diese beiden Wahrnehmungsarten in uns hervorgerufen werden durch die
Wirkung von Vorgängen in der Außenwelt, die von dem, was Wärmeerlebnis oder
Farbenerlebnis ist, durchaus verschieden sind.
Wenn solche Vorgänge die
Hautnerven meines Körpers erregen, so habe ich die subjektive Wahrnehmung der
Wärme, wenn solche Vorgänge den Sehnerv treffen, nehme ich Licht und Farbe wahr.
Licht, Farbe und Wärme sind
also das, womit meine Sinnesnerven auf den Reiz von außen antworten.
Auch der Tastsinn liefert mir
nicht die Gegenstände der Außenwelt, sondern nur meine eigenen Zustände.
Im Sinne der modernen Physik
könnte man etwa denken, daß die Körper aus unendlich kleinen Teilen, den
Molekülen bestehen, und daß diese Moleküle nicht unmittelbar aneinandergrenzen,
sondern gewisse Entfernungen voneinander haben.
Es ist also zwischen ihnen der
leere Raum.
Durch diese wirken sie
aufeinander mittelst anziehender und abstoßender Kräfte.
Wenn ich meine Hand einem
Körper nähere, so berühren die Moleküle meiner Hand keineswegs unmittelbar
diejenigen des Körpers, sondern es bleibt eine gewisse Entfernung zwischen
Körper und Hand, und was ich als Widerstand des Körpers empfinde, das ist
nichts weiter als die Wirkung der abstoßenden Kraft, die seine Moleküle auf
meine Hand ausüben.
Ich bin schlechthin außerhalb
des Körpers und nehme nur seine Wirkung auf meinen Organismus wahr.
Ergänzend zu diesen
Überlegungen tritt die Lehre von den sogenannten spezifischen Sinnesenergien,
die J. Müller (1801-1858) aufgestellt hat.
Sie besteht darin, daß jeder
Sinn die Eigentümlichkeit hat, auf alle äußeren Reize nur in einer bestimmten
Weise zu antworten.
Wird auf den Sehnerv eine
Wirkung ausgeübt, so entsteht Lichtwahrnehmung, gleichgültig ob die Erregung
durch das geschieht, was wir Licht nennen, oder ob ein mechanischer Druck oder
ein elektrischer Strom auf den Nerv einwirkt.
Andrerseits werden in
verschiedenen Sinnen durch die gleichen äußeren Reize verschiedene
Wahrnehmungen hervorgerufen.
Daraus scheint hervorzugehen,
daß unsere Sinne nur das überliefern können, was in ihnen selbst vorgeht,
nichts aber von der Außenwelt.
Sie bestimmen die Wahrnehmungen
je nach ihrer Natur.
Die Physiologie zeigt, daß auch
von einem direkten Wissen dessen keine Rede sein kann, was die Gegenstände in
unseren Sinnesorganen bewirken.
Indem der Physiologe die
Vorgänge in unserem eigenen Leibe verfolgt, findet er, daß schon in den
Sinnesorganen die Wirkungen der äußeren Bewegung in der mannigfaltigsten Weise
umgeändert werden.
Wir sehen das am deutlichsten
an Auge und Ohr.
Beide sind sehr komplizierte
Organe, die den äußeren Reiz wesentlich verändern, ehe sie ihn zum entsprechenden
Nerv bringen.
Von dem peripherischen Ende des
Nervs wird nun der schon veränderte Reiz weiter zum Gehirn geleitet.
Hier erst müssen wieder die
Zentralorgane erregt werden.
Daraus wird geschlossen, daß
der äußere Vorgang eine Reihe von Umwandlungen erfahren hat, ehe er zum
Bewußtsein kommt.
Was da im Gehirne sich
abspielt, ist durch so viele Zwischenvorgänge mit dem äußeren Vorgang
verbunden, daß an eine Ähnlichkeit mit demselben nicht mehr gedacht werden kann.
Was das Gehirn der Seele zuletzt
vermittelt, sind weder äußere Vorgänge, noch Vorgänge in den Sinnesorganen,
sondern nur solche innerhalb des Gehirnes.
Aber auch die letzteren nimmt
die Seele noch nicht unmittelbar wahr.
Was wir im Bewußtsein zuletzt
haben, sind gar keine Gehirnvorgänge, sondern Empfindungen.
Meine Empfindung des Rot hat
gar keine Ähnlichkeit mit dem Vorgange, der sich im Gehirn abspielt, wenn ich
das Rot empfinde.
Das letztere tritt erst wieder
als Wirkung in der Seele auf und wird nur verursacht durch den Hirnvorgang.
Deshalb sagt Hartmann (Grundproblem
der Erkenntnistheorie, 3. 37):
«Was das Subjekt wahrnimmt,
sind also immer nur Modifikationen seiner eigenen psychischen Zustände und
nichts anderes.»
Wenn ich die Empfindungen habe,
dann sind diese aber noch lange nicht zu dem gruppiert, was ich als Dinge
wahrnehme.
Es können mir ja nur einzelne
Empfindungen durch das Gehirn vermittelt werden.
Die Empfindungen der Härte und
Weichheit werden mir durch den Tast-, die Farben- und Lichtempfindungen durch
den Gesichtssinn vermittelt.
Doch finden sich dieselben an
einem und demselben Gegenstande vereinigt.
Diese Vereinigung muß also erst
von der Seele selbst bewirkt werden.
Das heißt, die Seele setzt die
einzelnen durch das Gehirn vermittelten Empfindungen zu Körpern zusammen.
Mein Gehirn überliefert mir
einzeln die Gesichts-, Tast- und Gehörempfindungen, und zwar auf ganz
verschiedenen Wegen, die dann die Seele zu der Vorstellung Trompete
zusammensetzt.
Dieses Endglied (Vorstellung
der Trompete) eines Prozesses ist es, was für mein Bewußtsein zu allererst
gegeben ist.
Es ist in demselben nichts mehr
von dem zu finden, was außer mir ist und ursprünglich einen Eindruck auf meine
Sinne gemacht hat.
Der äußere Gegenstand ist auf
dem Wege zum Gehirn und durch das Gehirn zur Seele vollständig
verlorengegangen.
Es wird schwer sein, ein
zweites Gedankengebäude in der Geschichte des menschlichen Geisteslebens zu
finden, das mit größerem Scharfsinn zusammengetragen ist, und das bei genauerer
Prüfung doch in nichts zerfällt.
Sehen wir einmal näher zu, wie
es zustande kommt.
Man geht zunächst von dem aus,
was dem naiven Bewußtsein gegeben ist, von dem wahrgenommenen Dinge.
Dann zeigt man, daß alles, was
an diesem Dinge sich findet, für uns nicht da wäre, wenn wir keine Sinne hätten.
Kein Auge: keine Farbe.
Also ist die Farbe in dem noch
nicht vorhanden, was auf das Auge wirkt.
Sie entsteht erst durch die
Wechselwirkung des Auges mit dem Gegenstande.
Dieser ist also farblos.
Aber auch im Auge ist die Farbe
nicht vorhanden; denn da ist ein chemischer oder physikalischer Vorgang
vorhanden, der erst durch den Nerv zum Gehirn geleitet wird, und da einen
andern auslöst.
Dieser ist noch immer nicht die
Farbe.
Sie wird erst durch den
Hirnprozeß in der Seele hervorgerufen.
Da tritt sie mir noch immer
nicht ins Bewußtsein, sondern wird erst durch die Seele nach außen an einen
Körper verlegt.
An diesem glaube ich sie
endlich wahrzunehmen.
Wir haben einen vollständigen
Kreisgang durchgemacht.
Wir sind uns eines farbigen
Körpers bewußt geworden.
Das ist das Erste.
Nun hebt die Gedankenoperation
an.
Wenn ich keine Augen hätte,
wäre der Körper für mich farblos.
Ich kann die Farbe also nicht
in den Körper verlegen.
Ich gehe auf die Suche nach ihr.
Ich suche sie im Auge: vergebens;
im Nerv: vergebens; im Gehirne: ebenso vergebens; in der Seele: hier finde ich
sie zwar, aber nicht mit dem Körper verbunden.
Den farbigen Körper finde ich
erst wieder da, wo ich ausgegangen bin.
Der Kreis ist geschlossen.
Ich glaube das als Erzeugnis
meiner Seele zu erkennen, was der naive Mensch sich als draußen im Raume
vorhanden denkt.
So lange man dabei stehen
bleibt, scheint alles in schönster Ordnung.
Aber die Sache muß noch einmal
von vorne angefangen werden.
Ich habe ja bis jetzt mit einem
Dinge gewirtschaftet: mit der äußeren Wahrnehmung, von dem ich früher, als
naiver Mensch, eine ganz falsche Ansicht gehabt habe.
Ich war der Meinung: sie hätte
so, wie ich sie wahrnehme, einen objektiven Bestand.
Nun merke ich, daß sie mit
meinem Vorstellen verschwindet, daß sie nur eine Modifikation meiner seelischen
Zustände ist.
Habe ich nun überhaupt noch ein
Recht, in meinen Betrachtungen von ihr auszugehen?
Kann ich von ihr sagen, daß sie
auf meine Seele wirkt?
Ich muß von jetzt ab den Tisch,
von dem ich früher geglaubt habe, daß er auf mich wirkt und in mir eine
Vorstellung von sich hervorbringt, selbst als Vorstellung behandeln.
Konsequenterweise sind dann
aber auch meine Sinnesorgane und die Vorgänge in ihnen bloß subjektiv.
Ich habe kein Recht, von einem
wirklichen Auge zu sprechen, sondern nur von meiner Vorstellung des Auges.
Ebenso ist es mit der
Nervenleitung und dem Gehirnprozeß und nicht weniger mit dem Vorgange in der
Seele selbst, durch den aus dem Chaos der mannigfaltigen Empfindungen Dinge
aufgebaut werden sollen.
Durchlaufe ich unter
Voraussetzung der Richtigkeit des ersten Gedankenkreisganges die Glieder meines
Erkenntnisaktes nochmals, so zeigt sich der letztere als ein Gespinst von
Vorstellungen, die doch als solche nicht aufeinander wirken können.
Ich kann nicht sagen: meine
Vorstellung des Gegenstandes wirkt auf meine Vorstellung des Auges, und aus
dieser Wechselwirkung geht die Vorstellung der Farbe hervor.
Aber ich habe es auch nicht
nötig.
Denn sobald mir klar ist, daß
mir meine Sinnesorgane und deren Tätigkeiten, mein Nerven- und Seelenprozeß
auch nur durch die Wahrnehmung gegeben werden können, zeigt sich der
geschilderte Gedankengang in seiner vollen Unmöglichkeit.
Es ist richtig: für mich ist
keine Wahrnehmung ohne das entsprechende Sinnesorgan gegeben.
Aber ebensowenig ein
Sinnesorgan ohne Wahrnehmung.
Ich kann von meiner Wahrnehmung
des Tisches auf das Auge übergehen, das ihn sieht, auf die Hautnerven, die ihn
tasten; aber was in diesen vorgeht, kann ich wieder nur aus der Wahrnehmung
erfahren.
Und da bemerke ich denn bald,
daß in dem Prozeß, der sich im Auge vollzieht, nicht eine Spur von Ähnlichkeit
ist mit dem, was ich als Farbe wahrnehme.
Ich kann meine
Farbenwahrnehmung nicht dadurch vernichten, daß ich den Prozeß im Auge
aufzeige, der sich während dieser Wahrnehmung darin abspielt.
Ebensowenig finde ich in den
Nerven- und Gehirnprozessen die Farbe wieder; ich verbinde nur neue
Wahrnehmungen innerhalb meines Organismus mit der ersten, die der naive Mensch
außerhalb seines Organismus verlegt.
Ich gehe nur von einer
Wahrnehmung zur andern über.
Außerdem enthält die ganze
Schlußfolgerung einen Sprung.
Ich bin in der Lage, die
Vorgänge in meinem Organismus bis zu den Prozessen in meinem Gehirne zu
verfolgen, wenn auch meine Annahmen immer hypothetischer werden, je mehr ich
mich den zentralen Vorgängen des Gehirnes nähere.
Der Weg der äußeren Beobachtung
hört mit dem Vorgange in meinem Gehirne auf, und zwar mit jenem, den ich
wahrnehmen würde, wenn ich mit physikalischen, chemischen usw.
Hilfsmitteln und Methoden das
Gehirn behandeln könnte.
Der Weg der inneren Beobachtung
fängt mit der Empfindung an und reicht bis zum Aufbau der Dinge aus dem
Empfindungsmaterial.
Beim Übergang von dem
Hirnprozeß zur Empfindung ist der Beobachtungsweg unterbrochen.
Die charakterisierte Denkart,
die sich im Gegensatz zum Standpunkte des naiven Bewußtseins, den sie naiven
Realismus nennt, als kritischen Idealismus bezeichnet, macht den Fehler, daß
sie die eine Wahrnehmung als Vorstellung charakterisiert, aber die
andere gerade in dem Sinne hinnimmt, wie es der von ihr scheinbar widerlegte
naive Realismus tut.
Sie will den
Vorstellungscharakter der Wahrnehmungen beweisen, indem sie in naiver Weise die
Wahrnehmungen am eigenen Organismus als objektiv gültige Tatsachen hinnimmt und
zu alledem noch übersieht, daß sie zwei Beobachtungsgebiete durcheinander
wirft, zwischen denen sie keine Vermittlung finden kann.
Der kritische Idealismus kann
den naiven Realismus nur widerlegen, wenn er selbst in naiv-realistischer Weise
seinen eigenen Organismus als objektiv existierend annimmt.
In demselben Augenblicke, wo er
sich der vollständigen Gleichartigkeit der Wahrnehmungen am eigenen Organismus
mit den vom naiven Realismus als objektiv existierend angenommenen
Wahrnehmungen bewußt wird, kann er sich nicht mehr auf die ersteren als auf
eine sichere Grundlage stützen.
Er müßte auch seine subjektive
Organisation als bloßen Vorstellungskomplex ansehen.
Damit geht aber die Möglichkeit
verloren, den Inhalt der wahrgenommenen Welt durch die geistige Organisation
bewirkt zu denken.
Man müßte annehmen, daß die
Vorstellung «Farbe» nur eine Modifikation der Vorstellung «Auge» sei.
Der sogenannte kritische
Idealismus kann nicht bewiesen werden, ohne eine Anleihe beim naiven Realismus
zu machen.
Der letztere wird nur dadurch
widerlegt, daß man dessen eigene Voraussetzungen auf einem anderen Gebiete
ungeprüft gelten läßt.
Soviel ist hieraus gewiß durch
Untersuchungen innerhalb des Wahrnehmungsgebietes kann der kritische Idealismus
nicht bewiesen, somit die Wahrnehmung ihres objektiven Charakters nicht
entkleidet werden.
Noch weniger aber darf der Satz:
«Die wahrgenommene Welt ist
meine Vorstellung» als durch sich selbst einleuchtend und
keines Beweises bedürftig hingestellt werden.
Schopenhauer beginnt sein Hauptwerk «Die Welt als Wille und Vorstellung» mit den Worten:
«,Die Welt ist meine
Vorstellung:, - dies ist eine Wahrheit, welche in Beziehung auf jedes lebende
und erkennende Wesen gilt; wiewohl der Mensch allein sie in das reflektierte
abstrakte Bewußtsein bringen kann: und tut er dies wirklich; so ist die
philosophische Besonnenheit bei ihm eingetreten.
Es wird ihm dann deutlich und
gewiß, daß er keine Sonne kennt und keine Erde; sondern immer nur ein Auge, das
eine Sonne sieht, eine Hand, die eine Erde fühlt; daß die Welt, welche ihn
umgibt, nur als Vorstellung da ist, d. h. durchweg nur in Beziehung auf ein
Anderes, das Vorstellende, welches er selbst ist. - Wenn irgend eine Wahrheit a
priori ausgesprochen werden kann, so ist es diese: denn sie ist die Aussage
derjenigen Form aller möglichen und erdenklichen Erfahrung, welche allgemeiner,
als alle andern, als Zeit, Raum und Kausalität ist: denn alle diese setzen jene
eben schon voraus ... »
Der ganze Satz scheitert an dem
oben bereits von mir angeführten Umstande, daß das Auge und die Hand nicht
weniger Wahrnehmungen sind als die Sonne und die Erde.
Und man könnte im Sinne
Schopenhauers und mit Anlehnung an seine Ausdrucksweise seinen Sätzen
entgegenhalten:
Mein Auge, das die Sonne sieht,
und meine Hand, die die Erde fühlt, sind meine Vorstellungen gerade so wie die
Sonne und die Erde selbst.
Daß ich damit aber den Satz
wieder aufhebe, ist ohne weiteres klar.
Denn nur mein wirkliches Auge
und meine wirkliche Hand könnten die Vorstellungen Sonne und Erde als ihre
Modifikationen an sich haben, nicht aber meine Vorstellungen Auge und Hand.
Nur von diesen aber darf
der kritische Idealismus sprechen.
Der kritische Idealismus ist
völlig ungeeignet, eine Ansicht über das Verhältnis von Wahrnehmung und
Vorstellung zu gewinnen.
Die auf Seite 66 f. angedeutete
Scheidung dessen, was an der Wahrnehmung während des Wahrnehmens geschieht und
was an ihr schon sein muß, bevor sie wahrgenommen wird, kann er nicht vornehmen.
Dazu muß also ein anderer Weg
eingeschlagen werden.
Aus den vorhergehenden
Betrachtungen folgt die Unmöglichkeit, durch Untersuchung unseres
Beobachtungsinhalts den Beweis zu erbringen, daß unsere Wahrnehmungen
Vorstellungen sind.
Dieser Beweis soll nämlich
dadurch erbracht werden, daß man zeigt: wenn der Wahrnehmungsprozeß in der Art
erfolgt, wie man ihn gemäß den naiv-realistischen Annahmen über die
psychologische und physiologische Konstitution unseres Individuums sich
vorstellt, dann haben wir es nicht mit Dingen an sich, sondern bloß mit unseren
Vorstellungen von den Dingen zu tun.
Wenn nun der naive Realismus,
konsequent verfolgt, zu Resultaten führt, die das gerade Gegenteil seiner
Voraussetzungen darstellen, so müssen diese Voraussetzungen als ungeeignet zur
Begründung einer Weltanschauung bezeichnet und fallen gelassen werden.
Jedenfalls ist es unstatthaft,
die Voraussetzungen zu verwerfen und die Folgerungen gelten zu lassen, wie es
der kritische Idealist tut, der seiner Behauptung: die Welt ist meine
Vorstellung, den obigen Beweisgang zugrunde legt. (Eduard von Hartmann gibt in
seiner Schrift «Das Grundproblem der Erkenntnistheorie» eine ausführliche
Darstellung dieses Beweisganges.)
Ein anderes ist die Richtigkeit
des kritischen Idealismus, ein anderes die Überzeugungskraft seiner Beweise.
Wie es mit der ersteren steht,
wird sich später im Zusammenhange unserer Ausführungen ergeben.
Die Überzeugungskraft seines
Beweises ist aber gleich Null.
Wenn man ein Haus baut, und bei
Herstellung des ersten Stockwerkes bricht das Erdgeschoß in sich zusammen, so
stürzt das erste Stockwerk mit.
Der naive Realismus und der
kritische Idealismus verhalten sich wie dies Erdgeschoß zum ersten Stockwerk.
Wer der Ansicht ist, daß die
ganze wahrgenommene Welt nur eine vorgestellte ist, und zwar die Wirkung der
mir unbekannten Dinge auf meine Seele, für den geht die eigentliche
Erkenntnisfrage natürlich nicht auf die nur in der Seele vorhandenen
Vorstellungen, sondern auf die jenseits unseres Bewußtseins liegenden, von uns
unabhängigen Dinge.
Er fragt: Wieviel können wir
von den letzteren mittelbar erkennen, da sie unserer Beobachtung unmittelbar
nicht zugänglich sind?
Der auf diesem Standpunkt
Stehende kümmert sich nicht um den inneren Zusammenhang seiner bewußten Wahrnehmungen,
sondern um deren nicht mehr bewußte Ursachen, die ein von ihm unabhängiges
Dasein haben, während, nach seiner Ansicht, die Wahrnehmungen verschwinden,
sobald er seine Sinne von den Dingen abwendet.
Unser Bewußtsein wirkt, von
diesem Gesichtspunkte aus, wie ein Spiegel, dessen Bilder von bestimmten Dingen
auch in dem Augenblicke verschwinden, in dem seine spiegelnde Fläche ihnen
nicht zugewandt ist.
Wer aber die Dinge selbst nicht
sieht, sondern nur ihre Spiegelbilder, der muß aus dem Verhalten der letzteren
über die Beschaffenheit der ersteren durch Schlüsse indirekt sich unterrichten.
Auf diesem Standpunkte steht
die neuere Naturwissenschaft, welche die Wahrnehmungen nur als letztes Mittel
benutzt, um Aufschluß über die hinter denselben stehenden und allein wahrhaft
seienden Vorgänge des Stoffes zu gewinnen.
Wenn der Philosoph als
kritischer Idealist überhaupt ein Sein gelten läßt, dann geht sein
Erkenntnisstreben mit mittelbarer Benutzung der Vorstellungen allein auf dieses
Sein.
Sein Interesse überspringt die
subjektive Welt der Vorstellungen und geht auf das Erzeugende dieser
Vorstellungen los.
Der kritische Idealist kann
aber so weit gehen, daß er sagt ich bin in meine Vorstellungswelt
eingeschlossen und kann aus ihr nicht hinaus.
Wenn ich ein Ding hinter meinen
Vorstellungen denke, so ist dieser Gedanke doch auch weiter nichts als meine
Vorstellung.
Ein solcher Idealist wird dann
das Ding an sich entweder ganz leugnen oder wenigstens davon erklären, daß es
für uns Menschen gar keine Bedeutung habe, das ist, so gut wie nicht da sei,
weil wir nichts von ihm wissen können.
Einem kritischen Idealisten
dieser Art erscheint die ganze Welt als ein Traum, dem gegenüber jeder
Erkenntnisdrang einfach sinnlos wäre.
Für ihn kann es nur zwei
Gattungen von Menschen geben:
Befangene, die ihre eigenen
Traumgespinste für wirkliche Dinge halten, und Weise, die die Nichtigkeit
dieser Traumwelt durchschauen, und die nach und nach alle Lust verlieren
müssen, sich weiter darum zu bekümmern.
Für diesen Standpunkt kann auch
die eigene Persönlichkeit zum bloßen Traumbilde werden.
Gerade so wie unter den Bildern
des Schlaftraums unser eigenes Traumbild erscheint, so tritt im wachen
Bewußtsein die Vorstellung des eigenen Ich zu der Vorstellung der Außenwelt
hinzu.
Wir haben im Bewußtsein dann
nicht unser wirkliches Ich, sondern nur unsere Ichvorstellung gegeben.
Wer nun leugnet, daß es Dinge
gibt, oder wenigstens, daß wir von ihnen etwas wissen können: der muß auch das
Dasein beziehungsweise die Erkenntnis der eigenen Persönlichkeit leugnen.
Der kritische Idealist kommt
dann zu der Behauptung: ,Alle Realität verwandelt sich in einen wunderbaren
Traum, ohne ein Leben, von welchem geträumt wird, und ohne einen Geist, dem da
träumt; in einen Traum, der in einem Traume von sich selbst zusammenhängt»
(vergleiche Fichte, Die Bestimmung des Menschen).
Gleichgültig, ob derjenige, der
das unmittelbare Leben als Traum zu erkennen glaubt, hinter diesem Traum nichts
mehr vermutet, oder ob er seine Vorstellungen auf wirkliche Dinge bezieht: das
Leben selbst muß für ihn alles wissenschaftliche Interesse verlieren.
Während aber für denjenigen,
der mit dem Traume das uns zugängliche All erschöpft glaubt, alle Wissenschaft
ein Unding ist, wird für den andern, der sich befugt glaubt, von den
Vorstellungen auf die Dinge zu schließen, die Wissenschaft in der Erforschung
dieser «Dinge an sich» bestehen.
Die erstere Weltansicht kann
mit dem Namen absoluter Illusionismus bezeichnet werden, die zweite
nennt ihr konsequentester Vertreter, Eduard von Hartmann, transzendentalen
Realismus. (1)
Diese beiden Ansichten haben
mit dem naiven Realismus das gemein, daß sie Fuß in der Welt zu fassen suchen
durch eine Untersuchung der Wahrnehmungen.
Sie können aber innerhalb
dieses Gebietes nirgends einen festen Punkt finden.
Eine Hauptfrage für den
Bekenner des transzendentalen Realismus müßte sein: wie bringt das Ich aus sich
selbst die Vorstellungswelt zustande?
Für eine uns gegebene Welt von
Vorstellungen, die verschwindet, sobald wir unsere Sinne der Außenwelt
verschließen, kann ein ernstes Erkenntnisstreben sich insofern erwärmen, als
sie das Mittel ist, die Welt des an sich seienden Ich mittelbar zu erforschen.
Wenn die Dinge unserer
Erfahrung Vorstellungen wären, dann gliche unser alltägliches Leben einem
Traume und die Erkenntnis des wahren Tatbestandes dem Erwachen.
Auch unsere Traumbilder
interessieren uns so lange, als wir träumen, folglich die Traumnatur nicht
durchschauen.
In dem Augenblicke des
Erwachens fragen wir nicht mehr nach dem inneren Zusammenhange unserer
Traumbilder, sondern nach den physikalischen, physiologischen und
psychologischen Vorgängen, die ihnen zum Grunde liegen.
Ebensowenig kann sich der
Philosoph, der die Welt für seine Vorstellung hält, für den inneren
Zusammenhang der Einzelheiten in derselben interessieren.
Falls er überhaupt ein seiendes
Ich gelten läßt, dann wird er nicht fragen, wie hängt eine seiner Vorstellungen
mit einer anderen zusammen, sondern was geht in der von ihm unabhängigen Seele
vor, während sein Bewußtsein einen bestimmten Vorstellungsablauf enthält.
Wenn ich träume, daß ich Wein
trinke, der mir ein Brennen im Kehlkopf verursache und dann mit Hustenreiz
aufwache (vergleiche Weygandt, Entstehung der Träume, 1893), so hört im
Augenblicke des Erwachens die Traumhandlung auf, für mich ein Interesse zu
haben.
Mein Augenmerk ist nur noch auf
die physiologischen und psychologischen Prozesse gerichtet, durch die der
Hustenreiz sich symbolisch in dem Traumbilde zum Ausdruck bringt.
In ähnlicher Weise muß der Philosoph,
sobald er von dem Vorstellungscharakter der gegebenen Welt überzeugt ist, von
dieser sofort auf die dahinter steckende wirkliche Seele überspringen.
Schlimmer steht die Sache
allerdings, wenn der Illusionismus das Ich an sich hinter den Vorstellungen
ganz leugnet, oder es wenigstens für unerkennbar hält.
Zu einer solchen Ansicht kann
sehr leicht die Beobachtung führen, daß es dem Träumen gegenüber zwar den
Zustand des Wachens gibt, in dem wir Gelegenheit haben, die Träume zu
durchschauen und auf reale Verhältnisse zu beziehen, daß wir aber keinen zu dem
wachen Bewußtseinsleben in einem ähnlichen Verhältnisse stehenden Zustand haben.
Wer zu dieser Ansicht sich
bekennt, dem geht die Einsicht ab, daß es etwas gibt, das sich in der Tat zum
bloßen Wahrnehmen verhält wie das Erfahren im wachen Zustande zum Träumen.
Dieses Etwas ist das Denken.
Dem naiven Menschen kann der
Mangel an Einsicht, auf den hier gedeutet wird, nicht angerechnet werden.
Er gibt sich dem Leben hin und
hält die Dinge so für wirklich, wie sie sich ihm in der Erfahrung darbieten.
Der erste Schritt aber, der
über diesen Standpunkt hinaus unternommen wird, kann nur in der Frage bestehen:
wie verhält sich das Denken zur Wahrnehmung?
Ganz einerlei, ob die
Wahrnehmung in der mir gegebenen Gestalt vor und nach meinem Vorstellen
weiterbesteht oder nicht: wenn ich irgend etwas über sie aussagen will, so kann
es nur mit Hilfe des Denkens geschehen.
Wenn ich sage: die Welt ist
meine Vorstellung, so habe ich das Ergebnis eines Denkprozesses ausgesprochen,
und wenn mein Denken auf die Welt nicht anwendbar ist, so ist dieses Ergebnis
ein Irrtum.
Zwischen die Wahrnehmung und
jede Art von Aussage über dieselbe schiebt sich das Denken ein.
Den Grund, warum das Denken bei
der Betrachtung der Dinge zumeist übersehen wird, haben wir bereits angegeben
(vergleiche Seite 42 f.).
Er liegt in dem Umstande, daß
wir nur auf den Gegenstand, über den wir denken, nicht aber zugleich auf das
Denken unsere Aufmerksamkeit richten.
Das naive Bewußtsein behandelt
daher das Denken wie etwas, das mit den Dingen nichts zu tun hat,
sondern ganz abseits von denselben steht und seine Betrachtungen über die Welt
anstellt.
Das Bild, das der Denker von
den Erscheinungen der Welt entwirft, gilt nicht als etwas, was zu den Dingen
gehört, sondern als ein nur im Kopfe des Menschen existierendes; die Welt ist
auch fertig ohne dieses Bild.
Die Welt ist fix und fertig in
allen ihren Substanzen und Kräften; und von dieser fertigen Welt entwirft der
Mensch ein Bild.
Die so denken, muß man nur
fragen: mit welchem Rechte erklärt ihr die Welt für fertig, ohne das Denken?
Bringt nicht mit der gleichen
Notwendigkeit die Welt das Denken im Kopfe des Menschen hervor, wie die Blüte
an der Pflanze?
Pflanzet ein Samenkorn in den
Boden.
Es treibt Wurzel und Stengel.
Es entfaltet sich zu Blättern
und Blüten.
Stellet die Pflanze euch selbst
gegenüber.
Sie verbindet sich in eurer
Seele mit einem bestimmten Begriffe.
Warum gehört dieser Begriff
weniger zur ganzen Pflanze als Blatt und Blüte?
Ihr saget: die Blätter und
Blüten sind ohne ein wahrnehmendes Subjekt da; der Begriff erscheint erst, wenn
sich der Mensch der Pflanze gegenüberstellt.
Ganz wohl.
Aber auch Blüten und Blätter
entstehen an der Pflanze nur, wenn Erde da ist, in die der Keim gelegt werden
kann, wenn Licht und Luft da sind, in denen sich Blätter und Blüten entfalten
können.
Gerade so entsteht der Begriff
der Pflanze, wenn ein denkendes Bewußtsein an die Pflanze herantritt.
Es ist ganz willkürlich, die
Summe dessen, was wir von einem Dinge durch die bloße Wahrnehmung erfahren, für
eine Totalität, für ein Ganzes zu halten, und dasjenige, was sich durch die denkende
Betrachtung ergibt, als ein solches Hinzugekommenes, das mit der Sache
selbst nichts zu tun habe.
Wenn ich heute eine Rosenknospe
erhalte, so ist das Bild, das sich meiner Wahrnehmung darbietet, nur zunächst
ein abgeschlossenes.
Wenn ich die Knospe in Wasser
setze, so werde ich morgen ein ganz anderes Bild meines Objektes erhalten, wenn
ich mein Auge von der Rosenknospe nicht abwendet, So sehe ich den heutigen
Zustand in den morgigen durch unzählige Zwischenstufen kontinuierlich übergehen.
Das Bild, das sich mir in einem
bestimmten Augenblicke darbietet, ist nur ein zufälliger Ausschnitt aus dem in
einem fortwährenden Werden begriffenen Gegenstande.
Setze ich die Knospe nicht in
Wasser, so bringt sie eine ganze Reihe von Zuständen nicht zur Entwickelung,
die der Möglichkeit nach in ihr lagen.
Ebenso kann ich morgen
verhindert sein, die Blüte weiter zu beobachten und dadurch ein unvollständiges
Bild haben.
Es ist eine ganz unsachliche,
an Zufälligkeiten sich heftende Meinung, die von dem in einer gewissen Zeit
sich darbietenden Bilde erklärte: das ist die Sache.
Ebensowenig ist es statthaft,
die Summe der Wahrnehmungsmerkmale für die Sache zu erklären.
Es wäre sehr wohl möglich, daß
ein Geist zugleich und ungetrennt von der Wahrnehmung den Begriff mitempfangen
könnte.
Ein solcher Geist würde gar
nicht auf den Einfall kommen, den Begriff als etwas nicht zur Sache Gehöriges
zu betrachten.
Er müßte ihm ein mit der Sache
unzertrennlich verbundenes Dasein zuschreiben.
Ich will mich noch durch ein
Beispiel deutlicher machen.
Wenn ich einen Stein in
horizontaler Richtung durch die Luft werfe, so sehe ich ihn nacheinander an
verschiedenen Orten.
Ich verbinde diese Orte zu
einer Linie.
In der Mathematik lerne ich
verschiedene Linienformen kennen, darunter auch die Parabel.
Ich kenne die Parabel als eine
Linie, die entsteht, wenn sich ein Punkt in einer gewissen gesetzmäßigen Art bewegt.
Wenn ich die Bedingungen
untersuche, unter denen sich der geworfene Stein bewegt, so finde ich, daß die
Linie seiner Bewegung mit der identisch ist, die ich als Parabel kenne.
Daß sich der Stein gerade in
einer Parabel bewegt, das ist eine Folge der gegebenen Bedingungen und folgt
mit Notwendigkeit aus diesen.
Die Form der Parabel gehört zur
ganzen Erscheinung, wie alles andere, was an derselben in Betracht kommt.
Dem oben beschriebenen Geist,
der nicht den Umweg des Denkens nehmen müßte, wäre nicht nur eine Summe von
Gesichtsempfindungen an verschiedenen Orten gegeben, sondern ungetrennt von der
Erscheinung auch die parabolische Form der Wurflinie, die wir erst durch
Denken zu der Erscheinung hinzufügen.
Nicht an den Gegenständen liegt
es, daß sie uns zunächst ohne die entsprechenden Begriffe gegeben werden,
sondern an unserer geistigen Organisation.
Unsere totale Wesenheit
funktioniert in der Weise, daß ihr bei jedem Dinge der Wirklichkeit von zwei
Seiten her die Elemente zufließen, die für die Sache in Betracht kommen: von
seiten des Wahrnehmens und des Denkens.
Es hat mit der Natur der Dinge
nichts zu tun, wie ich organisiert bin, sie zu erfassen.
Der Schnitt zwischen Wahrnehmen
und Denken ist erst in dem Augenblicke vorhanden, wo ich, der Betrachtende, den
Dingen gegenübertrete.
Welche Elemente dem Dinge
angehören und welche nicht, kann aber durchaus nicht davon abhängen, auf welche
Weise ich zur Kenntnis dieser Elemente gelange.
Der Mensch ist ein
eingeschränktes Wesen.
Zunächst ist er ein Wesen unter
anderen Wesen.
Sein Dasein gehört dem Raum und
der Zeit an.
Dadurch kann ihm auch immer nur
ein beschränkter Teil des gesamten Universums gegeben sein.
Dieser beschränkte Teil
schließt sich aber ringsherum sowohl zeitlich wie räumlich an anderes an.
Wäre unser Dasein so mit den
Dingen verknüpft, daß jedes Weltgeschehen zugleich unser Geschehen wäre,
dann gäbe es den Unterschied zwischen uns und den Dingen nicht.
Dann aber gäbe es für uns auch
keine Einzeldinge.
Da ginge alles Geschehen
kontinuierlich ineinander über.
Der Kosmos wäre eine Einheit
und eine in sich beschlossene Ganzheit.
Der Strom des Geschehens hätte
nirgends eine Unterbrechung.
Wegen unserer Beschränkung
erscheint uns als Einzelheit, was in Wahrheit nicht Einzelheit ist.
Nirgends ist zum Beispiel die
Einzelqualität des Rot abgesondert für sich vorhanden.
Sie ist allseitig von anderen
Qualitäten umgeben, zu denen sie gehört, und ohne die sie nicht bestehen könnte.
Für uns aber ist es eine
Notwendigkeit, gewisse Ausschnitte aus der Welt herauszuheben, und sie für sich
zu betrachten.
Unser Auge kann nur einzelne
Farben nacheinander aus einem vielgliedrigen Farbenganzen, unser Verstand nur
einzelne Begriffe aus einem zusammenhängenden Begriffssysteme erfassen.
Diese Absonderung ist ein subjektiver
Akt, bedingt durch den Umstand, daß wir nicht identisch sind mit dem
Weltprozeß, sondern ein Wesen unter anderen Wesen.
Es kommt nun alles darauf an,
die Stellung des Wesens, das wir selbst sind, zu den anderen Wesen zu bestimmen.
Diese Bestimmung muß
unterschieden werden von dem bloßen Bewußtwerden unseres Selbst.
Das letztere beruht auf dem
Wahrnehmen wie das Bewußtwerden jedes anderen Dinges.
Die Selbstwahrnehmung zeigt mir
eine Summe von Eigenschaften, die ich ebenso zu dem Ganzen meiner Persönlichkeit
zusammenfasse, wie ich die Eigenschaften: gelb, metallglänzend, hart usw. zu
der Einheit «Gold» zusammenfasse.
Die Selbstwahrnehmung führt
mich nicht aus dem Bereiche dessen hinaus, was zu mir gehört.
Dieses Selbstwahrnehmen ist zu
unterscheiden von dem denkenden Selbstbestimmen.
Wie ich eine einzelne
Wahrnehmung der Außenwelt durch das Denken eingliedere in den Zusammenhang der
Welt, so gliedere ich die an mir selbst gemachten Wahrnehmungen in den
Weltprozeß durch das Denken ein.
Mein Selbstwahrnehmen schließt
mich innerhalb bestimmter Grenzen ein; mein Denken hat nichts zu tun mit diesen
Grenzen.
In diesem Sinne bin ich ein
Doppelwesen.
Ich bin eingeschlossen in das
Gebiet, das ich als das meiner Persönlichkeit wahrnehme, aber ich bin Träger einer
Tätigkeit, die von einer höheren Sphäre aus mein begrenztes Dasein bestimmt.
Unser Denken ist nicht
individuell wie unser Empfinden und Fühlen.
Es ist universell.
Es erhält ein individuelles
Gepräge in jedem einzelnen Menschen nur dadurch, daß es auf sein individuelles
Fühlen und Empfinden bezogen ist.
Durch diese besonderen
Färbungen des universellen Denkens unterscheiden sich die einzelnen Menschen
voneinander.
Ein Dreieck hat nur einen
einzigen Begriff.
Für den Inhalt dieses Begriffes
ist es gleichgültig, ob ihn der menschliche Bewußtseinsträger A oder B faßt.
Er wird aber von jedem der zwei
Bewußtseinsträger in individueller Weise erfaßt werden.
Diesem Gedanken steht ein
schwer zu überwindendes Vorurteil der Menschen gegenüber.
Die Befangenheit kommt nicht
bis zu der Einsicht, daß der Begriff des Dreieckes, den mein Kopf erfaßt,
derselbe ist, wie der durch den Kopf meines Nebenmenschen ergriffene.
Der naive Mensch hält sich für
den Bildner seiner Begriffe.
Er glaubt deshalb, jede Person
habe ihre eigenen Begriffe.
Es ist eine Grundforderung des
philosophischen Denkens, dieses Vorurteil zu überwinden.
Der eine einheitliche Begriff
des Dreiecks wird nicht dadurch zu einer Vielheit, daß er von vielen gedacht
wird.
Denn das Denken der Vielen
selbst ist eine Einheit.
In dem Denken haben wir das
Element gegeben, das unsere besondere Individualität mit dem Kosmos zu einem
Ganzen zusammenschließt.
Indem wir empfinden und fühlen
(auch wahrnehmen), sind wir einzelne, indem wir denken, sind wir das all-eine Wesen,
das alles durchdringt.
Dies ist der tiefere Grund
unserer Doppelnatur:
Wir sehen in uns eine
schlechthin absolute Kraft zum Dasein kommen, eine Kraft, die universell ist,
aber wir lernen sie nicht bei ihrem Ausströmen aus dem Zentrum der Welt kennen,
sondern in einem Punkte der Peripherie.
Wäre das erstere der Fall, dann
wüßten wir in dem Augenblicke, in dem wir zum Bewußtsein kommen, das ganze
Welträtsel.
Da wir aber in einem Punkte der
Peripherie stehen und unser eigenes Dasein in bestimmte Grenzen eingeschlossen
finden, müssen wir das außerhalb unseres eigenen Wesens gelegene Gebiet mit
Hilfe des aus dem allgemeinen Weltensein in uns hereinragenden Denkens kennen
lernen.
Dadurch, daß das Denken in uns
übergreift über unser Sondersein und auf das allgemeine Weltensein sich
bezieht, entsteht in uns der Trieb der Erkenntnis.
Wesen ohne Denken haben diesen
Trieb nicht.
Wenn sich ihnen andere Dinge
gegenüberstellen, so sind dadurch keine Fragen gegeben.
Diese anderen Dinge bleiben
solchen Wesen äußerlich.
Bei denkenden Wesen stößt dem
Außendinge gegenüber der Begriff auf.
Er ist dasjenige, was wir von
dem Dinge nicht von außen, sondern von innen empfangen.
Den Ausgleich, die Vereinigung
der beiden Elemente, des inneren und des äußeren, soll die Erkenntnis liefern.
Die Wahrnehmung ist also nichts
Fertiges, Abgeschlossenes, sondern die eine Seite der totalen Wirklichkeit.
Die andere Seite ist der
Begriff.
Der Erkenntnisakt ist die
Synthese von Wahrnehmung und Begriff.
Wahrnehmung und Begriff eines
Dinges machen aber erst das ganze Ding aus.
Die vorangehenden Ausführungen
liefern den Beweis, daß es ein Unding ist, etwas anderes Gemeinsames in den
Einzelwesen der Welt zu suchen, als den ideellen Inhalt, den uns das Denken
darbietet.
Alle Versuche müssen scheitern,
die nach einer anderen Welteinheit streben als nach diesem in sich
zusammenhängenden ideellen Inhalt, welchen wir uns durch denkende Betrachtung
unserer Wahrnehmungen erwerben.
Nicht ein
menschlich-persönlicher Gott, nicht Kraft oder Stoff, noch der ideenlose Wille
(Schopenhauers) können uns als eine universelle Welteinheit gelten.
Diese Wesenheiten gehören
sämtlich nur einem beschränkten Gebiet unserer Beobachtung an.
Menschlich begrenzte
Persönlichkeit nehmen wir nur an uns, Kraft und Stoff an den Außendingen wahr.
Was den Willen betrifft, so
kann er nur als die Tätigkeitsäußerung unserer beschränkten Persönlichkeit
gelten.
Schopenhauer will es vermeiden, das «abstrakte» Denken zum Träger der Welteinheit zu
machen und sucht statt dessen etwas, das sich ihm unmittelbar als ein Reales
darbietet.
Dieser Philosoph glaubt, daß
wir der Welt nimmermehr beikommen, wenn wir sie als Außenwelt ansehen.
«In der Tat würde die
nachgeforschte Bedeutung der mir lediglich als meine Vorstellung
gegenüberstehenden Welt, oder der Übergang von ihr, als bloßer Vorstellung des
erkennenden Subjekts, zu dem, was sie noch außerdem sein mag, nimmermehr zu
finden sein, wenn der Forscher selbst nichts weiter als das rein erkennende
Subjekt (geflügelter Engelskopf ohne Leib) wäre.
Nun aber wurzelt er selbst in
jener Welt, findet sich nämlich in ihr als Individuum, das heißt sein
Erkennen, welches der bedingende Träger der ganzen Welt als Vorstellung ist,
ist dennoch durchaus vermittelt durch einen Leib, dessen Affektionen, wie
gezeigt, dem Verstande der Ausgangspunkt der Anschauung jener Welt sind.
Dieser Leib ist dem rein
erkennenden Subjekt als solchem eine Vorstellung wie jede andere, ein Objekt
unter Objekten: die Bewegungen, die Aktionen desselben sind ihm insoweit nicht
anders, als wie die Veränderungen aller anderen anschaulichen Objekte bekannt,
und wären ihm ebenso fremd und unverständlich, wenn die Bedeutung derselben ihm
nicht etwa auf eine ganz andere Art enträtselt wäre. ...
Dem Subjekt des Erkennens,
welches durch seine Identität mit dem Leibe als Individuum auftritt, ist dieser
Leib auf zwei ganz verschiedene Weisen gegeben: einmal als Vorstellung in
verständiger Anschauung, als Objekt unter Objekten, und den Gesetzen dieser
unterworfen; sodann aber auch zugleich auf eine ganz andere Weise, nämlich als
jenes jedem unmittelbar Bekannte, welches das Wort Wille bezeichnet.
Jeder wahre Akt seines Willens
ist sofort und unausbleiblich auch eine Bewegung seines Leibes: er kann den Akt
nicht wirklich wollen, ohne zugleich wahrzunehmen, daß er als Bewegung des
Leibes erscheint.
Der Willensakt und die Aktion
des Leibes sind nicht zwei objektiv erkannte verschiedene Zustände, die das
Band der Kausalität verknüpft, stehen nicht im Verhältnis der Ursache und
Wirkung; sondern sie sind eines und dasselbe, nur auf zwei gänzlich
verschiedene Weisen gegeben: einmal ganz unmittelbar und einmal in der
Anschauung für den Verstand.»
Durch diese
Auseinandersetzungen glaubt sich Schopenhauer berechtigt, in dem Leibe
des Menschen die «Objektivität» des Willens zu finden.
Er ist der Meinung, in den
Aktionen des Leibes unmittelbar eine Realität, das Ding an sich in
concreto zu fühlen.
Gegen diese Ausführungen muß
eingewendet werden, daß uns die Aktionen unseres Leibes nur durch Selbstwahrnehmungen
zum Bewußtsein kommen und als solche nichts voraus haben vor anderen
Wahrnehmungen.
Wenn wir ihre Wesenheit erkennen
wollen, so können wir dies nur durch denkende Betrachtung, das heißt
durch Eingliederung derselben in das ideelle System unserer Begriffe und Ideen.
Am tiefsten eingewurzelt in das
naive Menschheitsbewußtsein ist die Meinung: das Denken sei abstrakt, ohne
allen konkreten Inhalt.
Es könne höchstens ein
«ideelles» Gegenbild der Welteinheit liefern, nicht etwa diese selbst.
Wer so urteilt, hat sich
niemals klar gemacht, was die Wahrnehmung ohne den Begriff ist.
Sehen wir uns nur diese Welt
der Wahrnehmung an: als ein bloßes Nebeneinander im Raum und Nacheinander in
der Zeit, ein Aggregat zusammenhangloser Einzelheiten erscheint sie.
Keines der Dinge, die da
auftreten und abgehen auf der Wahrnehmungsbühne, hat mit dem andern unmittelbar
etwas zu tun, was sich wahrnehmen läßt.
Die Welt ist da eine
Mannigfaltigkeit von gleichwertigen Gegenständen.
Keiner spielt eine größere
Rolle als der andere im Getriebe der Welt.
Soll uns klar werden, daß diese
oder jene Tatsache größere Bedeutung hat als die andere, so müssen wir unser
Denken befragen.
Ohne das funktionierende Denken
erscheint uns das rudimentäre Organ des Tieres, das ohne Bedeutung für dessen
Leben ist, gleichwertig mit dem wichtigsten Körpergliede.
Die einzelnen Tatsachen treten
in ihrer Bedeutung in sich und für die übrigen Teile der Welt erst hervor, wenn
das Denken seine Fäden zieht von Wesen zu Wesen.
Diese Tätigkeit des Denkens ist
eine inhaltvolle.
Denn nur durch einen ganz
bestimmten konkreten Inhalt kann ich wissen, warum die Schnecke auf einer
niedrigeren Organisationsstufe steht als der Löwe.
Der bloße Anblick, die
Wahrnehmung gibt mir keinen Inhalt, der mich über die Vollkommenheit der
Organisation belehren könnte.
Diesen Inhalt bringt das Denken
der Wahrnehmung aus der Begriffs- und Ideenwelt des Menschen entgegen.
Im Gegensatz zum
Wahrnehmungsinhalte, der uns von außen gegeben ist, erscheint der
Gedankeninhalt im Innern.
Die Form, in der er zunächst
auftritt, wollen wir als Intuition bezeichnen.
Sie ist für das Denken, was die
Beobachtung für die Wahrnehmung ist.
Intuition und Beobachtung sind
die Quellen unserer Erkenntnis.
Wir stehen einem beobachteten
Dinge der Welt so lange fremd gegenüber, so lange wir in unserem Innern nicht
die entsprechende Intuition haben, die uns das in der Wahrnehmung fehlende
Stück der Wirklichkeit ergänzt.
Wer nicht die Fähigkeit hat,
die den Dingen entsprechenden Intuitionen zu finden, dem bleibt die volle
Wirklichkeit verschlossen.
Wie der Farbenblinde nur
Helligkeitsunterschiede ohne Farbenqualitäten sieht, so kann der Intuitionslose
nur unzusammenhängende Wahrnehmungsfragmente beobachten.
Ein Ding erklären, verständlich
machen heißt nichts anderes, als es in den
Zusammenhang hineinversetzen, aus dem es durch die oben geschilderte
Einrichtung unserer Organisation herausgerissen ist.
Ein von dem Weltganzen
abgetrenntes Ding gibt es nicht.
Alle Sonderung hat bloß
subjektive Geltung für unsere Organisation.
Für uns legt sich das Weltganze
auseinander in: oben und unten, vor und nach, Ursache und Wirkung, Gegenstand
und Vorstellung, Stoff und Kraft, Objekt und Subjekt usw.
Was uns in der Beobachtung an
Einzelheiten gegenübertritt, das verbindet sich durch die zusammenhängende,
einheitliche Welt unserer Intuitionen Glied für Glied; und wir fügen durch das
Denken alles wieder in eins zusammen, was wir durch das Wahrnehmen getrennt
haben.
Die Rätselhaftigkeit eines
Gegenstandes liegt in seinem Sonderdasein.
Diese ist aber von uns
hervorgerufen und kann, innerhalb der Begriffswelt, auch wieder aufgehoben
werden.
Außer durch Denken und
Wahrnehmen ist uns direkt nichts gegeben.
Es entsteht nun die Frage: wie
steht es gemäß unseren Ausführungen mit der Bedeutung der Wahrnehmung?
Wir haben zwar erkannt, daß der
Beweis, den der kritische Idealismus für die subjektive Natur der Wahrnehmungen
vorbringt, in sich zerfällt; aber mit der Einsicht in die Unrichtigkeit des
Beweises ist noch nicht ausgemacht, daß die Sache selbst auf einem Irrtume
beruht.
Der kritische Idealismus geht
in seiner Beweisführung nicht von der absoluten Natur des Denkens aus, sondern
stützt sich darauf, daß der naive Realismus, konsequent verfolgt, sich selbst
aufhebe.
Wie stellt sich die Sache, wenn
die Absolutheit des Denkens erkannt ist?
Nehmen wir an, es trete eine
bestimmte Wahrnehmung, zum Beispiel Rot, in meinem Bewußtsein auf.
Die Wahrnehmung erweist sich
bei fortgehender Betrachtung in Zusammenhang stehend mit anderen Wahrnehmungen,
zum Beispiel einer bestimmten Figur, mit gewissen Temperatur- und
Tastwahrnehmungen.
Diesen Zusammenhang bezeichne
ich als einen Gegenstand der Sinnenwelt.
Ich kann mich nun fragen: was
findet sich außer dem angeführten noch in jenem Raumausschnitte, in dem mir
obige Wahrnehmungen erscheinen.
Ich werde mechanische,
chemische und andere Vorgänge innerhalb des Raumteiles finden.
Nun gehe ich weiter und
untersuche die Vorgänge, die ich auf dem Wege von dem Gegenstande zu meinem
Sinnesorgane finde.
Ich kann Bewegungsvorgänge in
einem elastischen Mittel finden, die ihrer Wesenheit nach nicht das geringste
mit den ursprünglichen Wahrnehmungen gemein haben.
Das gleiche Resultat erhalte
ich, wenn ich die weitere Vermittelung vom Sinnesorgane zum Gehirn untersuche.
Auf jedem dieser Gebiete mache
ich neue Wahrnehmungen; aber was als bindendes Mittel sich durch alle diese
räumlich und zeitlich auseinanderlegenden Wahrnehmungen hindurchgeht, das ist
das Denken.
Die den Schall vermittelnden
Schwingungen der Luft sind mir gerade so als Wahrnehmungen gegeben wie der
Schall selbst.
Nur das Denken gliedert alle
diese Wahrnehmungen aneinander und zeigt sie in ihren gegenseitigen Beziehungen.
Wir können nicht davon
sprechen, daß es außer dem unmittelbar Wahrgenommenen noch anderes gibt, als
dasjenige, was durch die ideellen (durch das Denken aufzudeckenden)
Zusammenhänge der Wahrnehmungen erkannt wird.
Die über das bloß Wahrgenommene
hinausgehende Beziehung der Wahrnehmungsobjekte zum Wahrnehmungssubjekte ist
also eine bloß ideelle, das heißt nur durch Begriffe ausdrückbare.
Nur in dem Falle, wenn ich
wahrnehmen könnte, wie das Wahrnehmungsobjekt das Wahrnehmungssubjekt
affiziert, oder umgekehrt, wenn ich den Aufbau des Wahrnehmungsgebildes durch
das Subjekt beobachten könnte, wäre es möglich, so zu sprechen, wie es die
moderne Physiologie und der auf sie gebaute kritische Idealismus tun.
Diese Ansicht verwechselt einen
ideellen Bezug (des Objekts auf das Subjekt) mit einem Prozeß, von dem nur
gesprochen werden könnte, wenn er wahrzunehmen wäre.
Der Satz «Keine Farbe ohne
farbenempfindendes Auge» kann daher nicht die Bedeutung haben, daß das Auge die
Farbe hervorbringt, sondern nur die, daß ein durch das Denken erkennbarer
ideeller Zusammenhang besteht zwischen der Wahrnehmung Farbe und der
Wahrnehmung Auge.
Die empirische Wissenschaft
wird festzustellen haben, wie sich die Eigenschaften des Auges und die der
Farben zueinander verhalten; durch welche Einrichtungen das Sehorgan die
Wahrnehmung der Farben vermittelt usw.
Ich kann verfolgen, wie eine
Wahrnehmung auf die andere folgt, wie sie räumlich mit andern in Beziehung
steht; und dies dann in einen begrifflichen Ausdruck bringen; aber ich kann
nicht wahrnehmen, wie eine Wahrnehmung aus dem Unwahrnehmbaren hervorgeht.
Alle Bemühungen, zwischen den
Wahrnehmungen andere als Gedankenbezüge zu suchen, müssen notwendig scheitern.
Was ist also die Wahrnehmung?
Diese Frage ist, im allgemeinen
gestellt, absurd.
Die Wahrnehmung tritt immer als
eine ganz bestimmte, als konkreter Inhalt auf.
Dieser Inhalt ist unmittelbar
gegeben, und erschöpft sich in dem Gegebenen.
Man kann in bezug auf dieses
Gegebene nur fragen, was es außerhalb der Wahrnehmung, das ist: für das Denken
ist.
Die Frage nach dem «Was» einer
Wahrnehmung kann also nur auf die begriffliche Intuition gehen, die ihr
entspricht.
Unter diesem Gesichtspunkte
kann die Frage nach der Subjektivität der Wahrnehmung im Sinne des kritischen
Idealismus gar nicht aufgeworfen werden.
Als subjektiv darf nur
bezeichnet werden, was als zum Subjekte gehörig wahrgenommen wird.
Das Band zu bilden zwischen
Subjektivem und Objektivem kommt keinem im naiven Sinn realen Prozeß, das heißt
einem wahrnehmbaren Geschehen zu, sondern allein dem Denken.
Es ist also für uns objektiv,
was sich für die Wahrnehmung als außerhalb des Wahrnehmungssubjektes gelegen
darstellt.
Mein Wahrnehmungssubjekt bleibt
für mich wahrnehmbar, wenn der Tisch, der soeben vor mir steht, aus dem Kreise
meiner Beobachtung verschwunden sein wird.
Die Beobachtung des Tisches hat
eine, ebenfalls bleibende, Veränderung in mir hervorgerufen.
Ich behalte die Fähigkeit
zurück, ein Bild des Tisches später wieder zu erzeugen.
Diese Fähigkeit der
Hervorbringung eines Bildes bleibt mit mir verbunden.
Die Psychologie bezeichnet dieses
Bild als Erinnerungsvorstellung.
Es ist aber dasjenige, was
allein mit Recht Vorstellung des Tisches genannt werden kann.
Es entspricht dies nämlich der
wahrnehmbaren Veränderung meines eigenen Zustandes durch die Anwesenheit des
Tisches in meinem Gesichtsfelde.
Und zwar bedeutet sie nicht die
Veränderung irgendeines hinter dem Wahrnehmungssubjekte stehenden «Ich an
sich», sondern die Veränderung des wahrnehmbaren Subjektes selbst.
Die Vorstellung ist also eine
subjektive Wahrnehmung im Gegensatz zur objektiven Wahrnehmung bei Anwesenheit
des Gegenstandes im Wahrnehmungshorizonte.
Das Zusammenwerfen jener
subjektiven mit dieser objektiven Wahrnehmung führt zu dem Mißverständnisse des
Idealismus: die Welt ist meine Vorstellung.
Es wird sich nun zunächst darum
handeln, den Begriff der Vorstellung näher zu bestimmen.
Was wir bisher über sie
vorgebracht haben, ist nicht der Begriff derselben, sondern weist nur den Weg,
wo sie im Wahrnehmungsfelde zu finden ist.
Der genaue Begriff der
Vorstellung wird es uns dann auch möglich machen, einen befriedigenden
Aufschluß über das Verhältnis von Vorstellung und Gegenstand zu gewinnen.
Dies wird uns dann auch über
die Grenze führen, wo das Verhältnis zwischen menschlichem Subjekt und der Welt
angehörigem Objekt von dem rein begrifflichen Felde des Erkennens hinabgeführt
wird in das konkrete individuelle Leben.
Wissen wir erst, was wir von
der Welt zu halten haben, dann wird es ein leichtes sein, auch uns danach
einzurichten.
Wir können erst mit voller
Kraft tätig sein, wenn wir das der Welt angehörige Objekt kennen, dem wir
unsere Tätigkeit widmen.
Zusatz zur Neuauflage (1918).
Die Anschauung, die hier
gekennzeichnet ist, kann als eine solche angesehen werden, zu welcher der
Mensch wie naturgemäß zunächst getrieben wird, wenn er beginnt, über sein
Verhältnis zur Welt nachzudenken.
Er sieht sich da in eine
Gedankengestaltung verstrickt, die sich ihm auflöst, indem er sie bildet.
Diese Gedankengestaltung ist
eine solche, mit deren bloßer theoretischer Widerlegung nicht alles für sie
Notwendige getan ist.
Man muß sie durchleben, um aus
der Einsicht in die Verirrung, in die sie führt, den Ausweg zu finden.
Sie muß in einer
Auseinandersetzung über das Verhältnis des Menschen zur Welt erscheinen nicht
darum, weil man andere widerlegen will, von denen man glaubt, daß sie über
dieses Verhältnis eine unrichtige Ansicht haben, sondern weil man kennen muß,
in welche Verwirrung sich jedes erste Nachdenken über ein solches Verhältnis
bringen kann.
Man muß die Einsicht
gewinnen, wie man sich selbst in bezug auf dieses erste Nachdenken
widerlegt.
Von einem solchen
Gesichtspunkte aus sind die obigen Ausführungen gemeint.
Wer sich eine Anschauung über
das Verhältnis des Menschen zur Welt erarbeiten will, wird sich bewußt, daß er
mindestens einen Teil dieses Verhältnisses dadurch herstellt, daß er sich über
die Weltdinge und Weltvorgänge Vorstellungen macht.
Dadurch wird sein Blick von
dem, was draußen in der Welt ist, abgezogen und auf seine Innenwelt, auf sein
Vorstellungsleben gelenkt.
Er beginnt sich zu sagen: ich
kann zu keinem Ding und zu keinem Vorgang eine Beziehung haben, wenn nicht in
mir eine Vorstellung auftritt.
Von dem Bemerken dieses
Tatbestandes ist dann nur ein Schritt zu der Meinung: ich erlebe aber doch nur
meine Vorstellungen; von einer Welt draußen weiß ich nur, insofern sie
Vorstellung in mir ist.
Mit dieser Meinung ist der
naive Wirklichkeitsstandpunkt verlassen, den der Mensch vor allem Nachsinnen
über sein Verhältnis zur Welt einnimmt.
Von diesem Standpunkt aus
glaubt er, er habe es mit den wirklichen Dingen zu tun.
Von diesem Standpunkt drängt
die Selbstbesinnung ab.
Sie läßt den Menschen gar nicht
hinblicken auf eine Wirklichkeit, wie sie das naive Bewußtsein vor sieh zu
haben meint.
Sie läßt ihn bloß auf seine
Vorstellungen blicken; diese schieben sich ein zwischen die eigene
Wesenheit und eine etwa wirkliche Welt, wie sie der naive Standpunkt glaubt
behaupten zu dürfen.
Der Mensch kann nicht mehr
durch die eingeschobene Vorstellungswelt auf eine solche Wirklichkeit schauen.
Er muß annehmen er sei blind
für diese Wirklichkeit.
So entsteht der Gedanke von
einem für die Erkenntnis unerreichbaren «Ding an sich». - Solange man bei der
Betrachtung des Verhältnisses stehenbleibt, in das der Mensch durch sein Vorstellungsleben
mit der Welt zu treten scheint, wird man dieser Gedankengestaltung nicht
entgehen können.
Auf dem naiven
Wirklichkeitsstandpunkt kann man nicht bleiben, wenn man sich dem Drang nach
Erkenntnis nicht künstlich verschließen will.
Daß dieser Drang nach
Erkenntnis des Verhältnisses von Mensch und Welt vorhanden ist, zeigt, daß
dieser naive Standpunkt verlassen werden muß.
Gäbe der naive Standpunkt
etwas, was man als Wahrheit anerkennen kann, so könnte man diesen Drang nicht
empfinden. - Aber man kommt nun nicht zu etwas anderem, das man als Wahrheit
ansehen könnte, wenn man bloß den naiven Standpunkt verläßt, aber - ohne es zu
bemerken - die Gedankenart beibehält, die er aufnötigt.
Man verfällt in einen solchen
Fehler, wenn man sich sagt: ich erlebe nur meine Vorstellungen, und während ich
glaube, ich habe es mit Wirklichkeiten zu tun, sind mir nur meine Vorstellungen
von Wirklichkeiten bewußt; ich muß deshalb annehmen, daß außerhalb des
Umkreises meines Bewußtseins erst wahre Wirklichkeiten, «Dinge an sich» liegen,
von denen ich unmittelbar gar nichts weiß, die irgendwie an mich herankommen
und mich so beeinflussen, daß in mir meine Vorstellungswelt auflebt.
Wer so denkt, der setzt in
Gedanken zu der ihm vorliegenden Welt nur eine andere hinzu; aber er müßte
bezüglich dieser Welt eigentlich mit seiner Gedankenarbeit wieder von vorne
beginnen.
Denn das unbekannte «Ding an
sich» wird dabei gar nicht anders gedacht in seinem Verhältnisse zur
Eigenwesenheit des Menschen als das bekannte des naiven Wirklichkeitsstandpunktes.
- Man entgeht der Verwirrung, in die man durch die kritische Besonnenheit in
bezug auf diesen Standpunkt gerät, nur, wenn man bemerkt, daß es innerhalb dessen,
was man innen in sich und außen in der Welt wahrnehmend erleben kann, etwas
gibt, das dem Verhängnis gar nicht verfallen kann, daß sich zwischen Vorgang
und betrachtenden Menschen die Vorstellung einschiebt.
Und dieses ist das Denken.
Dem Denken gegenüber kann der
Mensch auf dem naiven Wirklichkeitsstandpunkt verbleiben.
Tut er es nicht, so geschieht
das nur deshalb, weil er bemerkt hat, daß er für anderes diesen Standpunkt
verlassen muß, aber nicht gewahr wird, daß die so gewonnene Einsicht nicht
anwendbar auf das Denken ist.
Wird er dies gewahr, dann
eröffnet er sich den Zugang zu der anderen Einsicht, daß im Denken und durch
das Denken dasjenige erkannt werden muß, wofür sich der Mensch blind zu
machen scheint, indem er zwischen der Welt und sich das Vorstellungsleben
einschieben muß. - Von durch den Verfasser dieses Buches sehr geschätzter Seite
ist diesem der Vorwurf gemacht worden, daß er mit seiner Ausführung über das
Denken bei einem naiven Realismus des Denkens stehenbleibe, wie ein solcher
vorliege, wenn man die wirkliche Welt und die vorgestellte Welt für eines hält.
Doch der Verfasser dieser
Ausführungen glaubt eben in ihnen erwiesen zu haben, daß die Geltung dieses
«naiven Realismus» für das Denken sich aus einer unbefangenen
Beobachtung desselben notwendig ergibt; und daß der für anderes nicht geltende
naive Realismus durch die Erkenntnis der wahren Wesenheit des Denkens
überwunden wird.
Anmerkungen:
(1) Tranzendental wird
im Sinne dieser Weltanschauung eine Erkenntnis genannt welche sich bewußt
glaubt, daß über die Dinge an sich nicht direkt etwas ausgesagt werden könne,
sondern welche indirekt Schlüsse von dem bekannten subjektiven auf das
Unbekannte, jenseits des subjektiven Liegende (Transzendente) macht.
Das Ding an sich ist
nach dieser Ansicht jenseits des Gebietes der uns unmittelbar erkennbaren
Welt, d. i. transzendent.
Unsere Welt kann aber
auf das Transzendente transzendental bezogen werden.
Realismus heißt
Hartmanns Anschauung, weil sie über das subjektive, Ideale hinaus, auf das
Transzendente, Reale geht.
Die Hauptschwierigkeit bei der
Erklärung der Vorstellungen wird von den Philosophen in dem Umstande gefunden,
daß wir die äußeren Dinge nicht selbst sind, und unsere Vorstellungen doch eine
den Dingen entsprechende Gestalt haben sollen.
Bei genauerem Zusehen stellt
sich aber heraus, daß diese Schwierigkeit gar nicht besteht.
Die äußeren Dinge sind wir
allerdings nicht, aber wir gehören mit den äußeren Dingen zu ein und derselben
Welt.
Der Ausschnitt aus der Welt,
den ich als mein Subjekt wahrnehme, wird von dem Strome des allgemeinen
Weltgeschehens durchzogen.
Für mein Wahrnehmen bin ich
zunächst innerhalb der Grenzen meiner Leibeshaut eingeschlossen.
Aber was da drinnen steckt in
dieser Leibeshaut, gehört zu dem Kosmos als einem Ganzen.
Damit also eine Beziehung
bestehe zwischen meinem Organismus und dem Gegenstande außer mir, ist es gar
nicht nötig, daß etwas von dem Gegenstande in mich hereinschlüpfe oder in
meinen Geist einen Eindruck mache, wie ein Siegelring in Wachs.
Die Frage: wie bekomme ich Kunde
von dem Baume, der zehn Schritte von mir entfernt steht, ist völlig schief
gestellt.
Sie entspringt aus der
Anschauung, daß meine Leibesgrenzen absolute Scheidewände seien, durch die die
Nachrichten von den Dingen in mich hereinwandern.
Die Kräfte, welche innerhalb
meiner Leibeshaut wirken, sind die gleichen wie die außerhalb bestehenden.
Ich bin also wirklich die
Dinge; allerdings nicht Ich, insoferne ich Wahrnehmungssubjekt bin, aber Ich,
insofern ich ein Teil innerhalb des allgemeinen Weltgeschehens bin.
Die Wahrnehmung des Baumes
liegt mit meinem Ich in demselben Ganzen.
Dieses allgemeine Weltgeschehen
ruft in gleichem Maße dort die Wahrnehmung des Baumes hervor, wie hier die
Wahrnehmung meines Ich.
Wäre ich nicht Welterkenner,
sondern Weltschöpfer, so entstünde Objekt und Subjekt (Wahrnehmung und Ich) in
einem Akte.
Denn sie bedingen einander
gegenseitig.
Als Welterkenner kann ich das
Gemeinsame der beiden als zusammengehöriger Wesenseiten nur durch Denken
finden, das durch Begriffe beide aufeinander bezieht.
Am schwierigsten aus dem Felde
zu schlagen werden die Sogenannten physiologischen Beweise für die
Subjektivität unserer Wahrnehmungen sein.
Wenn ich einen Druck auf die
Haut meines Körpers ausführe, so nehme ich ihn als Druckempfindung wahr.
Denselben Druck kann ich durch
das Auge als Licht, durch das Ohr als Ton wahrnehmen.
Einen elektrischen Schlag nehme
ich durch das Auge als Licht, durch das Ohr als Schall, durch die Hautnerven
als Stoß, durch das Geruchsorgan als Phosphorgeruch wahr.
Was folgt aus dieser Tatsache?
Nur dieses: Ich nehme einen
elektrischen Schlag wahr (respektive einen Druck) und darauf eine
Lichtqualität, oder einen Ton beziehungsweise einen gewissen Geruch und so
weiter.
Wenn kein Auge da wäre, so
gesellte sich zu der Wahrnehmung der mechanischen Erschütterung in der Umgebung
nicht die Wahrnehmung einer Lichtqualität, ohne die Anwesenheit eines
Gehörorgans keine Tonwahrnehmung usw.
Mit welchem Rechte kann man
sagen, ohne Wahrnehmungsorgane wäre der ganze Vorgang nicht vorhanden?
Wer von dem Umstande, daß ein
elektrischer Vorgang im Auge Licht hervorruft, zurückschließt also ist das, was
wir als Licht empfinden, außer unserem Organismus nur ein mechanischer
Bewegungsvorgang, der vergißt, daß er nur von einer Wahrnehmung auf die andere
übergeht und durchaus nicht auf etwas außerhalb der Wahrnehmung.
Ebensogut wie man sagen kann: das
Auge nimmt einen mechanischen Bewegungsvorgang seiner Umgebung als Licht wahr,
ebenso gut kann man behaupten: eine gesetzmäßige Veränderung eines Gegenstandes
wird von uns als Bewegungsvorgang wahrgenommen.
Wenn ich auf den Umfang einer
rotierenden Scheibe ein Pferd zwölfmal male, und zwar genau in den Gestalten,
die sein Körper im fortgehenden Laufe annimmt, so kann ich durch Rotieren der
Scheibe den Schein der Bewegung hervorrufen.
Ich brauche nur durch eine
Öffnung zu blicken und zwar so, daß ich in den entsprechenden Zwischenzeiten
die aufeinanderfolgenden Stellungen des Pferdes sehe.
Ich sehe nicht zwölf
Pferdebilder, sondern das Bild eines dahineilenden Pferdes.
Die erwähnte physiologische
Tatsache kann also kein Licht auf das Verhältnis von Wahrnehmung und
Vorstellung werfen.
Wir müssen uns auf andere Weise
zurechtfinden.
In dem Augenblicke, wo eine
Wahrnehmung in meinem Beobachtungshorizonte auftaucht, betätigt sich durch mich
auch das Denken.
Ein Glied in meinem
Gedankensysteme, eine bestimmte Intuition, ein Begriff verbindet sich mit der
Wahrnehmung.
Wenn dann die Wahrnehmung aus
meinem Gesichtskreise verschwindet: was bleibt zurück?
Meine Intuition mit der
Beziehung auf die bestimmte Wahrnehmung, die sich im Momente des Wahrnehmens
gebildet hat.
Mit welcher Lebhaftigkeit ich
dann später diese Beziehung mir wieder vergegenwärtigen kann, das hängt von der
Art ab, in der mein geistiger und körperlicher Organismus funktioniert.
Die Vorstellung ist
nichts anderes als eine auf eine bestimmte Wahrnehmung bezogene Intuition, ein
Begriff, der einmal mit einer Wahrnehmung verknüpft war, und dem der Bezug auf
diese Wahrnehmung geblieben ist.
Mein Begriff eines Löwen ist
nicht aus meinen Wahrnehmungen von Löwen gebildet.
Wohl aber ist meine Vorstellung
vom Löwen an der Wahrnehmung gebildet.
Ich kann jemandem den Begriff
eines Löwen beibringen, der nie einen Löwen gesehen hat.
Eine lebendige Vorstellung ihm
beizubringen, wird mir ohne sein eigenes Wahrnehmen nicht gelingen.
Die Vorstellung ist also
ein individualisierter Begriff.
Und nun ist es uns erklärlich,
daß für uns die Dinge der Wirklichkeit durch Vorstellungen repräsentiert werden
können.
Die volle Wirklichkeit eines
Dinges ergibt sich uns im Augenblicke der Beobachtung aus dem Zusammengehen von
Begriff und Wahrnehmung.
Der Begriff erhält durch eine
Wahrnehmung eine individuelle Gestalt, einen Bezug zu dieser bestimmten
Wahrnehmung.
In dieser individuellen
Gestalt, die den Bezug auf die Wahrnehmung als eine Eigentümlichkeit in sich
trägt, lebt er in uns fort und bildet die Vorstellung des betreffenden Dinges.
Treffen wir auf ein zweites
Ding, mit dem sich derselbe Begriff verbindet, so erkennen wir es mit dem
ersten als zu derselben Art gehörig; treffen wir dasselbe Ding ein zweites Mal
wieder, so finden wir in unserem Begriffssysteme nicht nur überhaupt einen
entsprechenden Begriff, sondern den individualisierten Begriff mit dem ihm
eigentümlichen Bezug auf denselben Gegenstand, und wir erkennen den Gegenstand
wieder.
Die Vorstellung steht also
zwischen Wahrnehmung und Begriff.
Sie ist der bestimmte, auf die
Wahrnehmung deutende Begriff.
Die Summe desjenigen, worüber
ich Vorstellungen bilden kann, darf ich meine Erfahrung nennen.
Derjenige Mensch wird die
reichere Erfahrung haben, der eine größere Zahl individualisierter Begriffe hat.
Ein Mensch, dem jedes
Intuitionsvermögen fehlt, ist nicht geeignet, sich Erfahrung zu erwerben.
Er verliert die Gegenstände
wieder aus seinem Gesichtskreise, weil ihm die Begriffe fehlen, die er zu ihnen
in Beziehung setzen soll.
Ein Mensch mit gut entwickeltem
Denkvermögen, aber mit einem infolge grober Sinneswerkzeuge schlecht
funktionierenden Wahrnehmen, wird ebensowenig Erfahrung sammeln können.
Er kann sich zwar auf
irgendeine Weise Begriffe erwerben; aber seinen Intuitionen fehlt der lebendige
Bezug auf bestimmte Dinge.
Der gedankenlose Reisende und
der in abstrakten Begriffssystemen lebende Gelehrte sind gleich unfähig, sich
eine reiche Erfahrung zu erwerben.
Als Wahrnehmung und Begriff
stellt sich uns die Wirklichkeit, als Vorstellung die subjektive Repräsentation
dieser Wirklichkeit dar.
Wenn sich unsere Persönlichkeit
bloß als erkennend äußerte, so wäre die Summe alles Objektiven in Wahrnehmung,
Begriff und Vorstellung gegeben.
Wir begnügen uns aber nicht
damit, die Wahrnehmung mit Hilfe des Denkens auf den Begriff zu beziehen,
sondern wir beziehen sie auch auf unsere besondere Subjektivität, auf unser
individuelles Ich.
Der Ausdruck dieses
individuellen Bezuges ist das Gefühl, das sich als Lust oder Unlust auslebt.
Denken und Fühlen entsprechen der Doppelnatur unseres Wesens, der wir
schon gedacht haben.
Das Denken ist das
Element, durch das wir das allgemeine Geschehen des Kosmos mitmachen; das Fühlen
das, wodurch wir uns in die Enge des eigenen Wesens zurückziehen können.
Unser Denken verbindet uns mit
der Welt; unser Fühlen fährt uns in uns selbst zurück, macht uns erst zum
Individuum.
Wären wir bloß denkende und
wahrnehmende Wesen, so müßte unser ganzes Leben in unterschiedloser
Gleichgültigkeit dahinfließen.
Wenn wir uns bloß als Selbst erkennen
könnten, so wären wir uns vollständig gleichgültig.
Erst dadurch, daß wir mit der
Selbsterkenntnis das Selbstgefühl, mit der Wahrnehmung der Dinge Lust und
Schmerz empfinden, leben wir als individuelle Wesen, deren Dasein nicht mit dem
Begriffsverhältnis erschöpft ist, in dem sie zu der übrigen Welt stehen,
sondern die noch einen besonderen Wert für sich haben.
Man könnte versucht sein, in
dem Gefühlsleben ein Element zu sehen, das reicher mit Wirklichkeit gesättigt
ist als das denkende Betrachten der Welt.
Darauf ist zu erwidern, daß das
Gefühlsleben eben doch nur für mein Individuum diese reichere Bedeutung hat.
Für das Weltganze kann mein
Gefühlsleben nur einen Wert erhalten, wenn das Gefühl, als Wahrnehmung an
meinem Selbst, mit einem Begriffe in Verbindung tritt und sich auf diesem
Umwege dem Kosmos eingliedert.
Unser Leben ist ein
fortwährendes Hin- und Herpendeln zwischen dem Mitleben des allgemeinen
Weltgeschehens und unserem individuellen Sein.
Je weiter wir hinaufsteigen in
die allgemeine Natur des Denkens, wo uns das Individuelle zuletzt nur mehr als
Beispiel, als Exemplar des Begriffes interessiert, desto mehr verliert sich in
uns der Charakter des besonderen Wesens, der ganz bestimmten einzelnen
Persönlichkeit.
Je weiter wir herabsteigen in
die Tiefen des Eigenlebens und unsere Gefühle mitklingen lassen mit den
Erfahrungen der Außenwelt, desto mehr sondern wir uns ab von dem universellen
Sein.
Eine wahrhafte Individualität
wird derjenige sein, der am weitesten hinaufreicht mit seinen Gefühlen in die
Region des Ideellen.
Es gibt Menschen, bei denen
auch die allgemeinsten Ideen, die in ihrem Kopfe sich festsetzen, noch jene
besondere Färbung tragen, die sie unverkennbar als mit ihrem Träger im
Zusammenhange zeigt.
Andere existieren, deren
Begriffe so ohne jede Spur einer Eigentümlichkeit an uns herankommen, als wären
sie gar nicht aus einem Menschen entsprungen, der Fleisch und Blut hat.
Das Vorstellen gibt unserem
Begriffsleben bereits ein individuelles Gepräge.
Jedermann hat ja einen eigenen
Standort, von dem aus er die Welt betrachtet.
An seine Wahrnehmungen
schließen sich seine Begriffe an.
Er wird auf seine besondere Art
die allgemeinen Begriffe denken.
Diese besondere Bestimmtheit
ist ein Ergebnis unseres Standortes in der Welt, der an unseren Lebensplatz
sich anschließenden Wahrnehmungssphäre.
Dieser Bestimmtheit steht
entgegen eine andere, von unserer besonderen Organisation abhängige.
Unsere Organisation ist ja eine
spezielle, vollbestimmte Einzelheit.
Wir verbinden jeder besondere
Gefühle, und zwar in den verschiedensten Stärkegraden mit unseren
Wahrnehmungen.
Dies ist das Individuelle
unserer Eigenpersönlichkeit.
Es bleibt als Rest zurück, wenn
wir die Bestimmtheiten des Lebensschauplatzes alle in Rechnung gebracht haben.
Ein völlig gedankenleeres
Gefühlsleben müßte allmählich allen Zusammenhang mit der Welt verlieren.
Die Erkenntnis der Dinge wird
bei dem auf Totalität angelegten Menschen Hand in Hand gehen mit der Ausbildung
und Entwickelung des Gefühlslebens.
Das Gefühl ist das Mittel,
wodurch die Begriffe zunächst konkretes Leben gewinnen.
Wir haben festgestellt, daß die
Elemente zur Erklärung der Wirklichkeit den beiden Sphären: dem Wahrnehmen und
dem Denken zu entnehmen sind.
Unsere Organisation bedingt es,
wie wir gesehen haben, daß uns die volle, totale Wirklichkeit, einschließlich
unseres eigenen Subjektes, zunächst als Zweiheit erscheint.
Das Erkennen überwindet diese
Zweiheit, indem es aus den beiden Elementen der Wirklichkeit: der Wahrnehmung
und dem durch das Denken erarbeiteten Begriff das ganze Ding zusammenfügt.
Nennen wir die Weise, in der
uns die Welt entgegentritt, bevor sie durch das Erkennen ihre rechte Gestalt
gewonnen hat, die Welt der Erscheinung im Gegensatz zu der aus Wahrnehmung und
Begriff einheitlich zusammengesetzten Wesenheit.
Dann können wir sagen: Die Welt
ist uns als Zweiheit (dualistisch) gegeben, und das Erkennen verarbeitet sie
zur Einheit (monistisch).
Eine Philosophie, welche von
diesem Grundprinzip ausgeht, kann als monistische Philosophie oder Monismus bezeichnet
werden.
Ihr steht gegenüber die Zweiweltentheorie
oder der Dualismus.
Der letztere nimmt nicht etwa
zwei bloß durch unsere Organisation auseinandergehaltene Seiten der
einheitlichen Wirklichkeit an, sondern zwei voneinander absolut verschiedene
Welten.
Er sucht dann
Erklärungsprinzipien für die eine Welt in der andern.
Der Dualismus beruht auf einer
falschen Auffassung dessen, was wir Erkenntnis nennen.
Er trennt das gesamte Sein in
zwei Gebiete, von denen jedes seine eigenen Gesetze hat, und läßt diese Gebiete
einander äußerlich gegenüberstehen Einem solchen Dualismus entspringt die durch
Kant in die Wissenschaft eingeführte und bis heute nicht wieder herausgebrachte
Unterscheidung von Wahrnehmungsobjekt und «Ding an sich».
Unseren Ausführungen gemäß
liegt es in der Natur unserer geistigen Organisation, daß ein besonderes Ding
nur als Wahrnehmung gegeben sein kann.
Das Denken überwindet dann die
Besonderung, indem es jeder Wahrnehmung ihre gesetzmäßige Stelle im Weltganzen
anweist.
Solange die gesonderten Teile
des Weltganzen als Wahrnehmungen bestimmt werden, folgen wir einfach in der
Aussonderung einem Gesetze unserer Subjektivität.
Betrachten wir aber die Summe
aller Wahrnehmungen als den einen Teil und stellen diesem dann einen zweiten in
den «Dingen an sich» gegenüber, so philosophieren wir ins Blaue hinein.
Wir haben es dann mit einem
bloßen Begriffsspiel zu tun.
Wir konstruieren einen
künstlichen Gegensatz, können aber für das zweite Glied desselben keinen Inhalt
gewinnen, denn ein solcher kann für ein besonderes Ding nur aus der Wahrnehmung
geschöpft werden.
Jede Art des Seins, das
außerhalb des Gebietes von Wahrnehmung und Begriff angenommen wird, ist in die
Sphäre der unberechtigten Hypothesen zu verweisen.
In diese Kategorie gehört das
«Ding an sich».
Es ist nur ganz natürlich, daß
der dualistische Denker den Zusammenhang des hypothetisch angenommenen
Weltprinzipes und des erfahrungsmäßig Gegebenen nicht finden kann.
Für das hypothetische
Weltprinzip läßt sich nur ein Inhalt gewinnen, wenn man ihn aus der
Erfahrungswelt entlehnt und sich über diese Tatsache hinwegtäuscht.
Sonst bleibt es ein
inhaltsleerer Begriff, ein Unbegriff, der nur die Form des Begriffes hat.
Der dualistische Denker
behauptet dann gewöhnlich: der Inhalt dieses Begriffes sei unserer Erkenntnis
unzugänglich; wir könnten nur wissen, daß ein solcher Inhalt vorhanden
ist, nicht was vorhanden ist.
In beiden Fällen ist die
Überwindung des Dualismus unmöglich.
Bringt man ein paar abstrakte
Elemente der Erfahrungswelt in den Begriff des Dinges an sich hinein, dann
bleibt es doch unmöglich, das reiche konkrete Leben der Erfahrung auf ein paar
Eigenschaften zurückzuführen, die selbst nur aus dieser Wahrnehmung entnommen
sind.
Du Bois-Reymond denkt, daß die unwahrnehmbaren Atome der Materie durch ihre Lage und Bewegung
Empfindung und Gefühl erzeugen, um dann zu dem Schlusse zu kommen:
Wir können niemals zu einer
befriedigenden Erklärung darüber kommen, wie Materie und Bewegung Empfindung
und Gefühl erzeugen, denn «es ist eben durchaus und für immer unbegreiflich, daß
es einer Anzahl von Kohlenstoff-, Wasserstoff-, Stickstoff-, Sauerstoff- usw.
Atomen nicht sollte
gleichgültig sein, wie sie liegen und sich bewegen, wie sie lagen und sich
bewegten, wie sie liegen und sich bewegen werden.
Es ist in keiner Weise einzusehen,
wie aus ihrem Zusammenwirken Bewußt sein entstehen könne».
Diese Schlußfolgerung ist
charakteristisch für die ganze Denkrichtung.
Aus der reichen Welt der
Wahrnehmungen wird abgesondert:
Lage und Bewegung.
Diese werden auf die erdachte
Welt der Atome übertragen.
Dann tritt die Verwunderung
darüber ein, daß man aus diesem selbstgemachten und aus der Wahrnehmungswelt
entlehnten Prinzip das konkrete Leben nicht herauswickeln kann.
Daß der Dualist, der mit einem
vollständig inhaltleeren Begriff vom An-sich arbeitet, zu keiner Welterklärung
kommen kann, folgt schon aus der oben angegebenen Definition seines Prinzipes.
In jedem Falle sieht sich der
Dualist gezwungen, unserem Erkenntnisvermögen unübersteigliche Schranken zu
setzen.
Der Anhänger einer monistischen
Weltanschauung weiß, daß alles, was er zur Erklärung einer ihm gegebenen
Erscheinung der Welt braucht, im Bereiche der letztern liegen müsse.
Was ihn hindert, dazu zu
gelangen, können nur zufällige zeitliche oder räumliche Schranken oder Mängel
seiner Organisation sein.
Und zwar nicht der menschlichen
Organisation im allgemeinen, sondern nur seiner besonderen individuellen.
Es folgt aus dem Begriffe des
Erkennens, wie wir ihn bestimmt haben, daß von Erkenntnisgrenzen nicht
gesprochen werden kann.
Das Erkennen ist keine
allgemeine Weltangelegenheit, sondern ein Geschäft, das der Mensch mit sich
selbst abzumachen hat.
Die Dinge verlangen keine
Erklärung.
Sie existieren und wirken
aufeinander nach den Gesetzen, die durch das Denken auffindbar sind.
Sie existieren in
unzertrennlicher Einheit mit diesen Gesetzen.
Da tritt ihnen unsere Ichheit
gegenüber und erfaßt von ihnen zunächst nur das, was wir als Wahrnehmung
bezeichnet haben.
Aber in dem Innern dieser
Ichheit findet sich die Kraft, um auch den andern Teil der Wirklichkeit zu
finden.
Erst wenn die Ichheit die
beiden Elemente der Wirklichkeit, die in der Welt unzertrennlich verbunden
sind, auch für sich vereinigt hat, dann ist die Erkenntnisbefriedigung
eingetreten: das Ich ist wieder bei der Wirklichkeit angelangt.
Die Vorbedingungen zum
Entstehen des Erkennens sind also durch und für das Ich.
Das letztere gibt sich selbst
die Fragen des Erkennens auf.
Und zwar entnimmt es sie aus
dem in sich vollständig klaren und durchsichtigen Elemente des Denkens.
Stellen wir uns Fragen, die wir
nicht beantworten können, so kann der Inhalt der Frage nicht in allen seinen
Teilen klar und deutlich sein.
Nicht die Welt stellt an uns
die Fragen, sondern wir selbst stellen sie.
Ich kann mir denken, daß mir
jede Möglichkeit fehlt, eine Frage zu beantworten, die ich irgendwo
aufgeschrieben finde, ohne daß ich die Sphäre kenne, aus der der Inhalt der
Frage genommen ist.
Bei unserer Erkenntnis handelt
es sich um Fragen, die uns dadurch aufgegeben werden, daß einer durch Ort, Zeit
und subjektive Organisation bedingten Wahrnehmungssphäre eine auf die Allheit
der Welt weisende Begriffssphäre gegenübersteht.
Meine Aufgabe besteht in dem
Ausgleich dieser beiden mir wohlbekannten Sphären.
Von einer Grenze der Erkenntnis
kann da nicht gesprochen werden.
Es kann zu irgendeiner Zeit
dieses oder jenes unaufgeklärt bleiben, weil wir durch den Lebensschauplatz
verhindert sind, die Dinge wahrzunehmen, die dabei im Spiele sind.
Was aber heute nicht gefunden
ist, kann es morgen werden.
Die hierdurch bedingten
Schranken sind nur vergängliche, die mit dem Fortschreiten von Wahrnehmung und
Denken überwunden werden können.
Der Dualismus begeht den
Fehler, daß er den Gegensatz von Objekt und Subjekt, der nur innerhalb des
Wahrnehmungsgebietes eine Bedeutung hat, auf rein erdachte Wesenheiten
außerhalb desselben überträgt.
Da aber die innerhalb des
Wahrnehmungshorizontes gesonderten Dinge nur solange gesondert sind, als der
Wahrnehmende sich des Denkens enthält, das alle Sonderung aufhebt und als eine
bloß subjektiv bedingte erkennen läßt, so überträgt der Dualist Bestimmungen
auf Wesenheiten hinter den Wahrnehmungen, die selbst für diese keine absolute,
sondern nur eine relative Geltung haben.
Er zerlegt dadurch die zwei für
den Erkenntnisprozeß in Betracht kommenden Faktoren, Wahrnehmung und Begriff,
in vier: 1. Das Objekt an sich; 2. die Wahrnehmung, die das Subjekt von dem
Objekt hat; 3. das Subjekt; 4. den Begriff, der die Wahrnehmung auf das Objekt
an sich bezieht.
Die Beziehung zwischen dem
Objekt und Subjekt ist eine reale; das Subjekt wird wirklich (dynamisch)
durch das Objekt beeinflußt.
Dieser reale Prozeß soll nicht
in unser Bewußtsein fallen.
Aber er soll im Subjekt eine
Gegenwirkung auf die vom Objekt ausgehende Wirkung hervorrufen.
Das Resultat dieser
Gegenwirkung soll die Wahrnehmung sein.
Diese falle erst ins Bewußtsein.
Das Objekt habe eine objektive
(vom Subjekt unabhängige), die Wahrnehmung eine subjektive Realität.
Diese subjektive Realität
beziehe das Subjekt auf das Objekt.
Die letztere Beziehung sei eine
ideelle.
Der Dualismus spaltet somit den
Erkenntnisprozeß in zwei Teile.
Den einen, Erzeugung des
Wahrnehmungsobjektes aus dem «Ding an sich», läßt er außerhalb, den
andern, Verbindung der Wahrnehmung mit dem Begriff und Beziehung desselben auf
das Objekt, innerhalb des Bewußtseins sich abspielen.
Unter diesen Voraussetzungen
ist es klar, daß der Dualist in seinen Begriffen nur subjektive Repräsentanten
dessen zu gewinnen glaubt, was vor seinem Bewußtsein liegt.
Der objektiv-reale Vorgang im
Subjekte, durch den die Wahrnehmung zustande kommt, und um so mehr die
objektiven Beziehungen der «Dinge an sich» bleiben für einen solchen Dualisten
direkt unerkennbar; seiner Meinung nach kann sich der Mensch nur begriffliche
Repräsentanten für das objektiv Reale verschaffen.
Das Einheitsband der Dinge, das
diese unter sich und objektiv mit unserem Individualgeist (als «Ding an sich»)
verbindet, liegt jenseits des Bewußtseins in einem Wesen an sich, von dem wir
in unserem Bewußtsein ebenfalls nur einen begrifflichen Repräsentanten haben
könnten.
Der Dualismus glaubt die ganze
Welt zu einem abstrakten Begriffsschema zu verflüchtigen, wenn er nicht neben
den begrifflichen Zusammenhängen der Gegenstände noch reale Zusammenhänge statuiert.
Mit andern Worten: dem
Dualisten erscheinen die durch das Denken auffindbaren Idealprinzipien zu
luftig, und er sucht noch Realprinzipien, von denen sie gestützt werden können.
Wir wollen uns diese
Realprinzipien einmal näher anschauen.
Der naive Mensch (naive
Realist) betrachtet die Gegenstände der äußeren Erfahrung als Realitäten.
Der Umstand, daß er diese Dinge
mit seinen Händen greifen, mit seinen Augen sehen kann, gilt ihm als Zeugnis
der Realität.
«Nichts existiert, was man
nicht wahrnehmen kann», ist geradezu als das erste Axiom des naiven Menschen
anzusehen, das ebensogut in seiner Umkehrung anerkannt wird:
«Alles, was wahrgenommen werden
kann, existiert.»
Der beste Beweis für diese
Behauptung ist der Unsterblichkeits- und Geisterglaube des naiven Menschen.
Er stellt sich die Seele als
feine sinnliche Materie vor, die unter besonderen Bedingungen sogar für den
gewöhnlichen Menschen sichtbar werden kann (naiver Gespensterglaube).
Dieser seiner realen Welt
gegenüber ist für den naiven Realisten alles andere, namentlich die Welt der
Ideen, unreal, «bloß ideell».
Was wir zu den Gegenständen
hinzudenken, das ist bloßer Gedanke über die Dinge.
Der Gedanke fügt nichts Reales
zu der Wahrnehmung hinzu.
Aber nicht nur in bezug auf das
Sein der Dinge hält der naive Mensch die Sinneswahrnehmung für das einzige
Zeugnis der Realität, sondern auch in bezug auf das Geschehen.
Ein Ding kann, nach seiner
Ansicht, nur dann auf ein anderes wirken, wenn eine für die Sinneswahrnehmung
vorhandene Kraft von dem einen ausgeht und das andere ergreift.
Die ältere Physik glaubte, daß
sehr feine Stoffe von den Körpern ausströmen und durch unsere Sinnesorgane in
die Seele eindringen.
Das wirkliche Sehen dieser
Stoffe ist nur durch die Grobheit unserer Sinne im Verhältnis zu der Reinheit
dieser Stoffe unmöglich.
Prinzipiell gestand man Stoffen
aus demselben Grunde Realität zu, warum es den Gegenständen der Sinnenwelt
zugesteht, nämlich wegen ihrer Seinsform, die derjenigen der sinnenfälligen
Realität analog gedacht wurde.
Die in sich beruhende Wesenheit
des ideell Erlebbaren gilt dem naiven Bewußtsein nicht in gleichem Sinne als
real wie das sinnlich Erlebbare.
Ein in der «bloßen Idee»
gefaßter Gegenstand gilt so lange als bloße Schimäre, bis durch die
Sinneswahrnehmung die Überzeugung von der Realität geliefert werden kann.
Der naive Mensch verlangt, um
es kurz zu sagen, zum ideellen Zeugnis seines Denkens noch das reale der Sinne.
In diesem Bedürfnisse des
naiven Menschen liegt der Grund zur Entstehung der primitiven Formen des
Offenbarungsglaubens.
Der Gott, der durch das Denken
gegeben ist, bleibt dem naiven Bewußtsein immer nur ein ‘gedachter’ Gott.
Das naive Bewußtsein verlangt
die Kundgebung durch Mittel, die der sinnlichen Wahrnehmung zugänglich sind.
Der Gott muß leibhaftig
erscheinen, und man will auf das Zeugnis des Denkens wenig geben, nur etwa
darauf, daß die Göttlichkeit durch sinnenfällig konstatierbares Verwandeln von
Wasser in Wein erwiesen wird.
Auch das Erkennen selbst stellt
sich der naive Mensch als einen den Sinnesprozessen analogen Vorgang vor.
Die Dinge machen einen Eindruck
in der Seele, oder sie senden Bilder aus, die durch die Sinne eindringen
und so weiter.
Dasjenige, was der naive Mensch
mit den Sinnen wahrnehmen kann, das hält er für wirklich, und dasjenige, wo von
er keine solche Wahrnehmung hat (Gott, Seele, das Erkennen usw.), das stellt er
sich analog dem Wahrgenommenen vor.
Will der naive Realismus eine
Wissenschaft begründen, so kann er eine solche nur in einer genauen Beschreibung
des Wahrnehmungsinhaltes sehen.
Die Begriffe sind ihm nur
Mittel zum Zweck.
Sie sind da, um ideelle
Gegenbilder für die Wahrnehmungen zu schaffen.
Für die Dinge selbst bedeuten
sie nichts.
Als real gelten dem naiven
Realisten nur die Tulpenindividuen, die gesehen werden, oder gesehen werden
können; die eine Idee der Tulpe gilt ihm als Abstraktum, als das unreale
Gedankenbild, das sich die Seele aus den allen Tulpen gemeinsamen Merkmalen
zusammengefügt hat.
Den naiven Realismus mit seinem
Grundsatz von der Wirklichkeit alles Wahrgenommenen widerlegt die Erfahrung,
welche lehrt, daß der Inhalt der Wahrnehmungen vergänglicher Natur ist.
Die Tulpe, die ich sehe, ist
heute wirklich; nach einem Jahr wird sie in Nichts verschwunden sein.
Was sich behauptet hat, ist die
Gattung Tulpe.
Diese Gattung ist aber für den
naiven Realismus «nur» eine Idee, keine Wirklichkeit.
So sieht sich denn diese
Weltanschauung in der Lage, ihre Wirklichkeiten kommen und verschwinden zu
sehen, während sich das nach ihrer Meinung Unwirkliche dem Wirklichen gegenüber
behauptet.
Der naive Realismus muß also
neben den Wahrnehmungen auch noch etwas Ideelles gelten lassen.
Er muß Wesenheiten in sich
aufnehmen, die er nicht mit den Sinnen wahrnehmen kann.
Er findet sich dadurch mit sich
selbst ab, daß er deren Daseinsform analog mit derjenigen der Sinnesobjekte
denkt.
Solche hypothetisch
angenommenen Realitäten sind die unsichtbaren Kräfte, durch die die sinnlich
wahrzunehmenden Dinge aufeinander wirken.
Ein solches Ding ist die
Vererbung, die über das Individuum hinaus fortwirkt, und die der Grund ist, daß
sich aus dem Individuum ein neues entwickelt, das ihm ähnlich ist, wodurch sich
die Gattung erhält.
Ein solches Ding ist das den
organischen Leib durchdringende Lebensprinzip, die Seele, für die man im naiven
Bewußtsein stets einen nach Analogie mit Sinnesrealitäten gebildeten Begriff
findet, und ist endlich das göttliche Wesen des naiven Menschen.
Dieses göttliche Wesen wird in
einer Weise wirksam gedacht, die ganz dem entspricht, was als Wirkungsart des
Menschen selbst wahrgenommen werden kann:
anthropomorphisch.
Die moderne Physik führt die
Sinnesempfindungen auf Vorgänge der kleinsten Teile der Körper und eines
unendlich feinen Stoffes, des Äthers oder auf Ähnliches zurück.
Was wir zum Beispiel als Wärme
empfinden, ist innerhalb des Raumes, den der wärmeverursachende Körper
einnimmt, Bewegung seiner Teile.
Auch hier wird wieder ein
Unwahrnehmbares in Analogie mit dem Wahrnehmbaren gedacht.
Das sinnliche Analogon des
Begriffs «Körper» ist in diesem Sinne etwa das Innere eines allseitig
geschlossenen Raumes, in dem sich nach allen Richtungen elastische Kugeln
bewegen, die einander stoßen, an die Wände an- und von ihnen abprallen und so
weiter.
Ohne solche Annahmen zerfiele
dem naiven Realismus die Welt in ein unzusammenhängendes Aggregat von
Wahrnehmungen ohne gegenseitige Beziehungen, das sich zu keiner Einheit
zusammenschließt.
Es ist aber klar, daß der naive
Realismus nur durch eine Inkonsequenz zu dieser Annahme kommen kann.
Wenn er seinem Grundsatz: nur
das Wahrgenommene ist wirklich, treu bleiben will, dann darf er doch, wo er
nichts wahrnimmt, kein Wirkliches annehmen.
Die unwahrnehmbaren Kräfte, die
von den wahrnehmbaren Dingen aus wirken, sind eigentlich unberechtigte
Hypothesen vom Standpunkte des naiven Realismus.
Und weil er keine anderen
Realitäten kennt, so stattet er seine hypothetischen Kräfte mit
Wahrnehmungsinhalt aus.
Er wendet also eine Seinsform
(das Wahrnehmungsdasein) auf ein Gebiet an, wo ihm das Mittel fehlt, das allein
über diese Seinsform eine Aussage zu machen hat: das sinnliche Wahrnehmen.
Diese in sich widerspruchsvolle
Weltanschauung führt zum metaphysischen Realismus.
Der konstruiert neben der
wahrnehmbaren Realität noch eine unwahrnehmbare, die er der erstern analog
denkt.
Der metaphysische Realismus ist
deshalb notwendig Dualismus.
Wo der metaphysische Realismus
eine Beziehung zwischen wahrnehmbaren Dingen bemerkt (Annäherung durch
Bewegung, Bewußtwerden eines Objektiven usw.), da setzt er eine Realität hin.
Die Beziehung, die er bemerkt,
kann er jedoch nur durch das Denken ausdrücken, nicht aber wahrnehmen.
Die ideelle Beziehung wird
willkürlich zu einem dem Wahrnehmbaren Ähnlichen gemacht.
So ist für diese Denkrichtung
die wirkliche Welt zusammengesetzt aus den Wahrnehmungsobjekten, die im ewigen
Werden sind, kommen und verschwinden, und aus den unwahrnehmbaren Kräften, von
denen die Wahrnehmungsobjekte hervorgebracht werden, und die das Bleibende
sind.
Der metaphysische Realismus ist
eine widerspruchsvolle Mischung des naiven Realismus mit dem Idealismus.
Seine hypothetischen Kräfte
sind unwahrnehmbare Wesenheiten mit Wahrnehmungsqualitäten.
Er hat sich entschlossen, außer
dem Weltgebiete, für dessen Daseinsform er in dem Wahrnehmen ein
Erkenntnismittel hat, noch ein Gebiet gelten zu lassen, bei dem dieses Mittel
versagt, und das nur durch das Denken zu ermitteln ist.
Er kann sich aber nicht zu
gleicher Zeit auch entschließen, die Form des Seins, die ihm das Denken
vermittelt, den Begriff (die Idee), auch als gleichberechtigten Faktor neben
der Wahrnehmung anzuerkennen.
Will man den Widerspruch der
unwahrnehmbaren Wahrnehmung vermeiden, so muß man zugestehen, daß es für die
durch das Denken vermittelten Beziehungen zwischen den Wahrnehmungen für uns
keine andere Existenzform als die des Begriffes gibt.
Als die Summe von Wahrnehmungen
und ihrer begrifflichen (ideellen) Bezüge stellt sich die Welt dar, wenn man
aus dem metaphysischen Realismus den unberechtigten Bestandteil hinauswirft.
So läuft der metaphysische
Realismus in eine Weltanschauung ein, welche für die Wahrnehmung das Prinzip
der Wahrnehmbarkeit, für die Beziehungen unter den Wahrnehmungen die
Denkbarkeit fordert.
Diese Weltanschauung kann kein
drittes Weltgebiet neben der Wahrnehmungs- und Begriffswelt gelten lassen, für
das beide Prinzipien, das sogenannte Realprinzip und das Idealprinzip, zugleich
Geltung haben.
Wenn der metaphysische
Realismus behauptet, daß neben der ideellen Beziehung zwischen dem
Wahrnehmungsobjekt und seinem Wahrnehmungssubjekt noch eine reale Beziehung
zwischen dem «Ding an sich» der Wahrnehmung und dem «Ding an sich» des
wahrnehmbaren Subjektes (des sogenannten Individualgeistes) bestehen muß, so
beruht diese Behauptung auf der falschen Annahme eines den Prozessen der
Sinnenwelt analogen, nicht wahrnehmbaren Seinsprozesses.
Wenn ferner der metaphysische
Realismus sagt: Mit meiner Wahrnehmungswelt komme ich in ein bewußt-ideelles
Verhältnis; mit der wirklichen Welt kann ich aber nur in ein dynamisches
(Kräfte-)Verhältnis kommen, - so begeht er nicht weniger den schon gerügten
Fehler.
Von einem Kräfteverhältnis kann
nur innerhalb der Wahrnehmungswelt (dem Gebiete des Tastsinnes), nicht aber
außerhalb desselben die Rede sein.
Wir wollen die oben
charakterisierte Weltanschauung, in die der metaphysische Realismus zuletzt
einmündet, wenn er seine widerspruchsvollen Elemente abstreift, Monismus nennen,
weil sie den einseitigen Realismus mit dem Idealismus zu einer höheren Einheit
vereinigt.
Für den naiven Realismus ist
die wirkliche Welt eine Summe von Wahrnehmungsobjekten; für den metaphysischen
Realismus kommt außer den Wahrnehmungen auch noch den unwahrnehmbaren Kräften
Realität zu; der Monismus setzt an die Stelle von Kräften die ideellen
Zusammenhänge, die er durch sein Denken gewinnt.
Solche Zusammenhänge aber sind
die Naturgesetze.
Ein Naturgesetz ist ja nichts
anderes als der begriffliche Ausdruck für den Zusammenhang gewisser
Wahrnehmungen.
Der Monismus kommt gar nicht in
die Lage, außer Wahrnehmung und Begriff nach anderen Erklärungsprinzipien der
Wirklichkeit zu fragen.
Er weiß, daß sich im ganzen
Bereiche der Wirklichkeit kein Anlaß dazu findet.
Er sieht in der
Wahrnehmungswelt, wie sie unmittelbar dem Wahrnehmen vorliegt, ein halbes
Wirkliches; in der Vereinigung derselben mit der Begriffswelt findet er die
volle Wirklichkeit.
Der metaphysische Realist kann
dem Anhänger des Monismus einwenden:
Es mag sein, daß für deine
Organisation deine Erkenntnis in sich vollkommen ist, daß kein Glied fehlt; du
weißt aber nicht, wie sich die Welt in einer Intelligenz abspiegelt, die anders
organisiert ist als die deinige.
Die Antwort des Monismus wird
sein:
Wenn es andere Intelligenzen
gibt als die menschlichen, wenn ihre Wahrnehmungen eine andere Gestalt haben
als die unsrigen, so hat für mich Bedeutung nur dasjenige, was von ihnen zu mir
durch Wahrnehmen und Begriff gelangt.
Ich bin durch mein Wahrnehmen,
und zwar durch dieses spezifische menschliche Wahrnehmen als Subjekt dem Objekt
gegenübergestellt.
Der Zusammenhang der Dinge ist
damit unterbrochen.
Das Subjekt stellt durch das
Denken diesen Zusammenhang wieder her.
Damit hat es sich dem
Weltganzen wieder eingefügt.
Da nur durch unser Subjekt
dieses Ganze an der Stelle zwischen unserer Wahrnehmung und unserem Begriff
zerschnitten erscheint, so ist in der Vereinigung dieser beiden auch eine wahre
Erkenntnis gegeben.
Für Wesen mit einer andern
Wahrnehmungswelt (zum Beispiel mit der doppelten Anzahl von Sinnesorganen)
erschiene der Zusammenhang an einer andern Stelle unterbrochen, und die
Wiederherstellung müßte demnach auch eine diesen Wesen spezifische Gestalt
haben.
Nur für den naiven und den
metaphysischen Realismus, die beide in dem Inhalte der Seele nur eine ideelle
Repräsentation der Welt sehen, besteht die Frage nach der Grenze des Erkennens.
Für sie ist nämlich das
außerhalb des Subjektes Befindliche ein Absolutes, ein in sich Beruhendes, und
der Inhalt des Subjektes ein Bild desselben, das schlechthin außerhalb dieses
Absoluten steht.
Die Vollkommenheit der Erkenntnis
beruht auf der größeren oder geringeren Ähnlichkeit des Bildes mit dem
absoluten Objekte.
Ein Wesen, bei dem die Zahl der
Sinne kleiner ist, als beim Menschen, wird weniger, eines, bei dem sie größer
ist, mehr von der Welt wahrnehmen.
Das erstere wird demnach eine
unvollkommenere Erkenntnis haben als das letztere.
Für den Monismus liegt die
Sache anders.
Durch die Organisation des
wahrnehmenden Wesens wird die Gestalt bestimmt, wo der Weltzusammenhang in
Subjekt und Objekt auseinandergerissen erscheint.
Das Objekt ist kein absolutes,
sondern nur ein relatives, in bezug auf dieses bestimmte Subjekt.
Die Überbrückung des
Gegensatzes kann demnach auch nur wieder in der ganz spezifischen, gerade dem
menschlichen Subjekt eigenen Weise geschehen.
Sobald das Ich, das in dem
Wahrnehmen von der Welt abgetrennt ist, in der denkenden Betrachtung wieder in
den Weltzusammenhang sich einfügt, dann hört alles weitere Fragen, das nur eine
Folge der Trennung war, auf.
Ein anders geartetes Wesen
hätte eine anders geartete Erkenntnis.
Die unsrige ist ausreichend, um
die durch unser eigenes Wesen aufgestellten Fragen zu beantworten.
Der metaphysische Realismus muß
fragen: Wodurch ist das als Wahrnehmung Gegebene gegeben; wodurch wird das
Subjekt affiziert?
Für den Monismus ist die
Wahrnehmung durch das Subjekt bestimmt.
Dieses hat aber in dem Denken
zugleich das Mittel, die durch es selbst hervorgerufene Bestimmtheit wieder
aufzuheben.
Der metaphysische Realismus
steht vor einer weiteren Schwierigkeit, wenn er die Ähnlichkeit der Weltbilder
verschiedener menschlicher Individuen erklären will.
Er muß sich fragen: Wie kommt
es, daß das Weltbild, das ich aus meiner subjektiv bestimmten Wahrnehmung und
meinen Begriffen aufbaue, gleichkommt dem, das ein anderes menschliches Individuum
aus denselben beiden subjektiven Faktoren aufbaut?
Wie kann ich überhaupt aus
meinem subjektiven Weltbilde auf das eines andern Menschen schließen?
Daraus, daß die Menschen sich
miteinander praktisch abfinden, glaubt der metaphysische Realist die
Ähnlichkeit ihrer subjektiven Weltbilder erschließen zu können.
Aus der Ähnlichkeit dieser
Weltbilder schließt er dann weiter auf die Gleichheit der den einzelnen
menschlichen Wahrnehmungssubjekten zugrunde liegenden Individualgeister oder
der den Subjekten zugrunde liegenden «Ich an sich».
Dieser Schluß ist also ein
solcher aus einer Summe von Wirkungen auf den Charakter der ihnen zugrunde
liegenden Ursachen.
Wir glauben aus einer
hinreichend großen Anzahl von Fällen den Sachverhalt so zu erkennen, daß wir
wissen, wie sich die erschlossenen Ursachen in andern Fällen verhalten werden.
Einen solchen Schluß nennen wir
einen Induktionsschluß.
Wir werden uns genötigt sehen,
die Resultate desselben zu modifizieren, wenn in einer weitern Beobachtung
etwas Unerwartetes sich ergibt, weil der Charakter des Resultates doch nur
durch die individuelle Gestalt der geschehenen Beobachtungen bestimmt ist.
Diese bedingte Erkenntnis der
Ursachen reiche aber für das praktische Leben vollständig aus, behauptet der
metaphysische Realist.
Der Induktionsschluß ist die
methodische Grundlage des modernen metaphysischen Realismus.
Es gab eine Zeit, in der man
aus Begriffen glaubte etwas herauswickeln zu können, was nicht mehr Begriff ist.
Man glaubte aus den Begriffen
die metaphysischen Realwesen, deren der metaphysische Realismus einmal bedarf,
erkennen zu können.
Diese Art des Philosophierens
gehört heute zu den überwundenen Dingen.
Dafür aber glaubt man, aus
einer genügend großen Anzahl von Wahrnehmungstatsachen auf den Charakter des
Dinges an sich schließen zu können, das diesen Tatsachen zugrunde liegt.
Wie früher aus dem Begriffe, so
meint man heute das Metaphysische aus den Wahrnehmungen herauswickeln zu können.
Da man die Begriffe in
durchsichtiger Klarheit vor sich hat, so glaubte man aus ihnen auch das
Metaphysische mit absoluter Sicherheit ableiten zu können.
Die Wahrnehmungen liegen nicht
mit gleich durchsichtiger Klarheit vor.
Jede folgende stellt sich
wieder etwas anders dar, als die gleichartigen vorhergehenden.
Im Grunde wird daher das aus
den vorhergehenden Erschlossene durch jede folgende etwas modifiziert.
Die Gestalt, die man auf diese
Weise für das Metaphysische gewinnt, ist also nur eine relativ richtige zu
nennen; sie unterliegt der Korrektur durch künftige Fälle.
Einen durch diesen methodischen
Grundsatz bestimmten Charakter trägt die Metaphysik Eduard von Hartmanns, der
als Motto auf das Titelblatt seines ersten Hauptwerkes gesetzt hat: «Spekulative
Resultate nach induktiv naturwissenschaftlicher Methode.»
Die Gestalt, die der
metaphysische Realist gegenwärtig seinen Dingen an sich gibt, ist eine durch
Induktionsschlüsse gewonnene.
Von dem Vorhandensein eines
objektiv-realen Zusammenhanges der Welt neben dem «subjektiven» durch
Wahrnehmung und Begriff erkennbaren, ist er durch Erwägungen über den
Erkenntnisprozeß überzeugt.
Wie diese objektive Realität
beschaffen ist, das glaubt er durch Induktionsschlüsse aus seinen Wahrnehmungen
heraus bestimmen zu können.
Zusatz zur Neuauflage (1918).
Für die unbefangene Beobachtung
des Erlebens in Wahrnehmung und Begriff, wie sie in den vorangehenden
Ausführungen zu schildern versucht worden ist, werden gewisse Vorstellungen
immer wieder störend sein, die auf dem Boden der Naturbetrachtung entstehen.
Man sagt sich, auf diesem Boden
stehend, durch das Auge werden im Lichtspektrum Farben wahrgenommen vom Rot bis
zum Violett.
Aber über das Violett hinaus
liegen im Strahlungsraum des Spektrums Kräfte, welchen keine Farbwahrnehmung
des Auges, wohl aber eine chemische Wirkung entspricht; ebenso liegen über die
Grenze der Rotwirksamkeit hinaus Strahlungen, die nur Wärmewirkungen haben.
Man kommt durch Überlegungen,
die auf solche und ähnliche Erscheinungen gerichtet sind, zu der Ansicht: der
Umfang der menschlichen Wahrnehmungswelt ist durch den Umfang der Sinne des
Menschen bestimmt, und dieser würde eine ganz andere Welt vor sich haben, wenn
er zu den seinigen noch andere, oder wenn er überhaupt andere Sinne hätte.
Wer sich ergehen mag in den
ausschweifenden Phantasien, zu denen, nach dieser Richtung hin, namentlich die
glänzenden Entdeckungen der neueren Naturforschung eine recht verführerische
Veranlassung bieten, der kann wohl zu dem Bekenntnisse kommen:
In des Menschen
Beobachtungsfeld fällt doch nur dasjenige herein, was auf die aus seiner
Organisation heraus gestalteten Sinne zu wirken vermag.
Er hat kein Recht, dieses von
ihm durch seine Organisation begrenzte Wahrgenommene als irgendwie maßgeblich
für die Wirklichkeit anzusehen.
Jeder neue Sinn müßte ihn
vor ein anderes Bild der Wirklichkeit stellen. - Dies alles ist, in den
entsprechenden Grenzen gedacht, eine durchaus berechtigte Meinung.
Wenn aber jemand sich durch
diese Meinung in der unbefangenen Beobachtung des in diesen Ausführungen
geltend gemachten Verhältnisses von Wahrnehmung und Begriff beirren läßt, so
verbaut er sich den Weg zu einer in der Wirklichkeit wurzelnden Welt- und
Menschenerkenntnis.
Das Erleben der Wesenheit des
Denkens, also die tätige Erarbeitung der Begriffswelt ist etwas durchaus anderes
als das Erleben eines Wahrnehmbaren durch die Sinne.
Welche Sinne immer der Mensch
noch haben könnte: keiner gäbe ihm eine Wirklichkeit, wenn er nicht das durch
ihn vermittelte Wahrgenommene denkend mit Begriffen durchsetzte; und jeder wie
immer geartete Sinn gibt, so durchsetzt, dem Menschen die Möglichkeit, in der
Wirklichkeit drinnen zu leben.
Mit der Frage: wie der Mensch
in der wirklichen Welt steht, hat die Phantasie von dem möglichen ganz anderen
Wahrnehmungsbild bei anderen Sinnen nichts zu tun.
Man muß eben einsehen, daß jedes
Wahrnehmungsbild seine Gestalt erhält von der Organisation des
wahrnehmenden Wesens, daß aber das von der erlebten denkenden Betrachtung
durchsetzte Wahrnehmungsbild den Menschen in die Wirklichkeit führt.
Nicht die phantastische
Ausmalung, wie anders eine Welt für andere als die menschlichen Sinne aussehen
müßte, kann den Menschen veranlassen, Erkenntnis zu suchen über sein Verhältnis
zur Welt, sondern die Einsicht, daß jede Wahrnehmung nur einen Teil der
in ihr steckenden Wirklichkeit gibt, daß sie also von ihrer eigenen
Wirklichkeit hinwegführt.
Dieser Einsicht tritt dann die
andere zur Seite, daß das Denken in den durch die Wahrnehmung an ihr selbst
verborgenen Teil der Wirklichkeit hineinführt.
Störend für die unbefangene
Beobachtung des hier dargestellten Verhältnisses zwischen Wahrnehmung und
denkend erarbeitetem Begriff kann auch werden, wenn im Gebiete der
physikalischen Erfahrung sich die Nötigung ergibt, gar nicht von unmittelbar
anschaulich wahrnehmbaren Elementen, sondern von unanschaulichen Größen wie
elektrischen oder magnetischen Kraftlinien und so weiter zu sprechen.
Es kann scheinen, als ob
die Wirklichkeitselemente, von denen die Physik spricht, weder mit dem
Wahrnehmbaren, noch mit dem im tätigen Denken erarbeiteten Begriff etwas zu tun
hätten.
Doch beruhte eine solche
Meinung auf einer Selbsttäuschung.
Zunächst kommt es darauf an,
daß alles in der Physik Erarbeitete, insofern es nicht unberechtigte
Hypothesen darstellt, die ausgeschlossen bleiben sollten, durch Wahrnehmung und
Begriff gewonnen ist.
Was scheinbar unanschaulicher
Inhalt ist, das wird aus einem richtigen Erkenntnisinstinkt des Physikers
heraus durchaus in das Feld versetzt, auf dem die Wahrnehmungen liegen, und es
wird in Begriffen gedacht, mit denen man sich auf diesem Felde betätigt.
Die Kraftstärken im
elektrischen und magnetischen Felde und so weiter werden, dem Wesen nach, nicht
durch einen andern Erkenntnisvorgang gewonnen als durch denjenigen, der sich
zwischen Wahrnehmung und Begriff abspielt. - Eine Vermehrung oder
Andersgestaltung der menschlichen Sinne würde ein anderes Wahrnehmungsbild
ergeben, eine Bereicherung oder Andersgestaltung der menschlichen Erfahrung;
aber eine wirkliche Erkenntnis müßte auch dieser Erfahrung gegenüber durch
die Wechselwirkung von Begriff und Wahrnehmung gewonnen werden.
Die Vertiefung der
Erkenntnis hängt von den im Denken sich auslebenden Kräften der Intuition (vergleiche
Seite 95) ab.
Diese Intuition kann in
demjenigen Erleben, das im Denken sich ausgestaltet, in tiefere oder
weniger tiefe Untergründe der Wirklichkeit tauchen.
Durch die Erweiterung des
Wahrnehmungsbildes kann dieses Untertauchen Anregungen empfangen und auf diese
Art mittelbar gefördert werden.
Allein niemals sollte
das Tauchen in die Tiefe, als das Erreichen der Wirklichkeit, verwechselt
werden mit dem Gegenüberstehen von weiterem oder engerem Wahrnehmungsbild, in
dem stets nur eine halbe Wirklichkeit, wie sie von der erkennenden
Organisation bedingt wird, vorliegt.
Wer nicht in Abstraktionen sich
verliert, der wird einsehen, wie auch die Tatsache für die Erkenntnis des
Menschenwesens in Betracht kommt, daß für die Physik im Wahrnehmungsfelde
Elemente erschlossen werden müssen, für welche nicht ein Sinn wie für
Farbe oder Ton unmittelbar abgestimmt ist.
Das konkrete Wesen des
Menschen ist nicht nur durch dasjenige bestimmt, was er durch seine
Organisation sich als unmittelbare Wahrnehmung gegenüberstellt, sondern auch
dadurch, daß er anderes von dieser unmittelbaren Wahrnehmung ausschließt.
Wie dem Leben neben dem
bewußten Wachzustande der unbewußte Schlafzustand notwendig ist, so ist dem
Sich-Erleben des Menschen neben dem Umkreis seiner Sinneswahrnehmung notwendig
ein - viel größerer sogar - Umkreis von nicht sinnlich wahrnehmbaren Elementen
in dem Felde, aus dem die Sinneswahrnehmungen stammen.
Dies alles ist mittelbar schon
ausgesprochen in der ursprünglichen Darstellung dieser Schrift.
Deren Verfasser fügt hier diese
Erweiterung des Inhaltes an, weil er die Erfahrung gemacht hat, daß mancher
Leser nicht genau genug gelesen hat. - Bedacht sollte auch werden, daß die Idee
von der Wahrnehmung, wie sie in dieser Schrift entwickelt wird, nicht
verwechselt werden darf mit derjenigen von äußerer Sinneswahrnehmung, die nur
ein Spezialfall von ihr ist.
Man wird aus dem schon
Vorangehenden, aber noch mehr aus dem später Ausgeführten ersehen, daß hier
alles sinnlich und geistig an den Menschen Herantretende als Wahrnehmung
aufgefaßt wird, bevor es von dem tätig erarbeiteten Begriff erfaßt ist.
Um Wahrnehmungen seelischer
oder geistiger Art zu haben, sind nicht Sinne von gewöhnlich gemeinter Art
nötig.
Man könnte sagen, solche
Erweiterung des üblichen Sprachgebrauches sei unstatthaft.
Allein sie ist unbedingt
notwendig, wenn man sich nicht auf gewissen Gebieten eben durch den
Sprachgebrauch in der Erkenntniserweiterung fesseln lassen will.
Wer von Wahrnehmung nur im
Sinne von sinnlicher Wahrnehmung spricht, der kommt auch über diese sinnliche
Wahrnehmung nicht zu einem für die Erkenntnis brauchbaren Begriff.
Man muß manchmal einen
Begriff erweitern, damit er auf einem engeren Gebiete seinen ihm angemessenen
Sinn erhält.
Man muß auch zuweilen zu dem,
was in einem Begriffe zunächst gedacht wird, anderes hinzufügen, damit das so
Gedachte seine Rechtfertigung oder auch Zurechtrückung findet.
So findet man auf Seite 107
dieses Buches gesagt: «Die Vorstellung ist also ein individualisierter Begriff.»
Demgegenüber wurde mir
eingewendet, das sei ein ungewöhnlicher Wortgebrauch.
Aber dieser Wortgebrauch ist
notwendig, wenn man dahinterkommen will, was Vorstellung eigentlich ist.
Was sollte aus dem Fortgang der
Erkenntnis werden, wenn man jedem, der in die Notwendigkeit versetzt ist,
Begriffe zurechtzurücken, den Einwand machte: «Das ist ein ungewöhnlicher
Wortgebrauch.»
Rekapitulieren wir das in den
vorangehenden Kapiteln Gewonnene.
Die Welt tritt dem Menschen als
eine Vielheit gegenüber, als eine Summe von Einzelheiten.
Eine von diesen Einzelheiten,
ein Wesen unter Wesen, ist er selbst.
Diese Gestalt der Welt
bezeichnen wir schlechthin als gegeben, und insofern wir sie nicht durch
bewußte Tätigkeit entwickeln, sondern vorfinden, als Wahrnehmung.
Innerhalb der Welt der Wahrnehmungen
nehmen wir uns selbst wahr.
Diese Selbstwahrnehmung bliebe
einfach als eine unter den vielen anderen Wahrnehmungen stehen, wenn nicht aus
der Mitte dieser Selbstwahrnehmung etwas auftauchte, das sich geeignet erweist,
die Wahrnehmungen überhaupt, also auch die Summe aller anderen Wahrnehmungen
mit der unseres Selbst zu verbinden.
Dieses auftauchende Etwas ist
nicht mehr bloße Wahrnehmung; es wird auch nicht gleich den Wahrnehmungen
einfach vorgefunden.
Es wird durch Tätigkeit
hervorgebracht.
Es erscheint zunächst an das
gebunden, was wir als unser Selbst wahrnehmen.
Seiner inneren Bedeutung nach
greift es aber über das Selbst hinaus.
Es fügt den einzelnen
Wahrnehmungen ideelle Bestimmtheiten bei, die sich aber aufeinander beziehen,
die in einem Ganzen gegründet sind.
Das durch Selbstwahrnehmung
Gewonnene bestimmt es auf gleiche Weise ideell wie alle andern Wahrnehmungen
und stellt es als Subjekt oder «Ich» den Objekten gegenüber.
Dieses Etwas ist das Denken,
und die ideellen Bestimmtheiten sind die Begriffe und Ideen.
Das Denken äußert sich daher
zunächst an der Wahrnehmung des Selbst; ist aber nicht bloß subjektiv; denn das
Selbst bezeichnet sich erst mit Hilfe des Denkens als Subjekt.
Diese gedankliche Beziehung auf
sich selbst ist eine Lebensbestimmung unserer Persönlichkeit.
Durch sie führen wir ein rein
ideelles Dasein.
Wir fühlen uns durch sie als
denkende Wesen.
Diese Lebensbestimmung bliebe
eine rein begriffliche (logische), wenn keine anderen Bestimmungen unseres
Selbst hinzuträten.
Wir wären dann Wesen, deren
Leben sich in der Herstellung rein ideeller Beziehungen zwischen den
Wahrnehmungen untereinander und den letztern und uns selbst erschöpfte.
Nennt man die Herstellung eines
solchen gedanklichen Verhältnisses ein Erkennen, und den durch dieselbe
gewonnenen Zustand unseres Selbst Wissen, so müßten wir uns beim Eintreffen der
obigen Voraussetzung als bloß erkennende oder wissende Wesen ansehen.
Die Voraussetzung trifft aber
nicht zu.
Wir beziehen die Wahrnehmungen
nicht bloß ideell auf uns, durch den Begriff, sondern auch noch durch das
Gefühl, wie wir gesehen haben.
Wir sind also nicht Wesen mit
bloß begrifflichem Lebensinhalt.
Der naive Realist sieht sogar
in dem Gefühlsleben ein wirklicheres Leben der Persönlichkeit als in dem rein ideellen
Element des Wissens.
Und er hat von seinem
Standpunkte aus ganz recht, wenn er in dieser Weise sich die Sache zurechtlegt.
Das Gefühl ist auf subjektiver
Seite zunächst genau dasselbe, was die Wahrnehmung auf objektiver Seite ist.
Nach dem Grundsatz des naiven
Realismus:
Alles ist wirklich, was
wahrgenommen werden kann, ist daher das Gefühl die Bürgschaft der Realität der
eigenen Persönlichkeit.
Der hier gemeinte Monismus muß
aber dem Gefühle die gleiche Ergänzung angedeihen lassen, die er für die Wahrnehmung
notwendig erachtet, wenn sie als vollkommene Wirklichkeit sich darstellen soll.
Für diesen Monismus ist das
Gefühl ein unvollständiges Wirkliches, das in der ersten Form, in der es uns
gegeben ist, seinen zweiten Faktor, den Begriff oder die Idee, noch nicht
mitenthält.
Deshalb tritt im Leben auch
überall das Fühlen gleichwie das Wahrnehmen vor dem Erkennen auf.
Wir fühlen uns zuerst als
Daseiende; und im Laufe der allmählichen Entwicklung ringen wir uns erst zu dem
Punkte durch, wo uns in dem dumpf gefühlten eigenen Dasein der Begriff unseres
Selbst aufgeht.
Was für uns erst später
hervortritt, ist aber ursprünglich mit dem Gefühle unzertrennlich verbunden.
Der naive Mensch gerät durch
diesen Umstand auf den Glauben: in dem Fühlen stelle sich ihm das Dasein
unmittelbar, in dem Wissen nur mittelbar dar.
Die Ausbildung des
Gefühlslebens wird ihm daher vor allen andern Dingen wichtig erscheinen.
Er wird den Zusammenhang der
Welt erst erfaßt zu haben glauben, wenn er ihn in sein Fühlen aufgenommen hat.
Er sucht nicht das Wissen,
sondern das Fühlen zum Mittel der Erkenntnis zu machen.
Da das Gefühl etwas ganz
Individuelles ist, etwas der Wahrnehmung Gleichkommendes, so macht der
Gefühlsphilosoph ein Prinzip, das nur innerhalb seiner Persönlichkeit eine
Bedeutung hat, zum Weltprinzipe.
Er sucht die ganze Welt mit
seinem eigenen Selbst zu durchdringen.
Was der hier gemeinte Monismus
im Begriffe zu erfassen strebt, das sucht der Gefühlsphilosoph mit dem Gefühle
zu erreichen, und sieht dieses sein Zusammensein mit den Objekten als das
unmittelbarere an.
Die hiermit gekennzeichnete
Richtung, die Philosophie des Gefühls, wird oft als Mystik bezeichnet.
Der Irrtum einer bloß auf das
Gefühl gebauten mystischen Anschauungsweise besteht darinnen, daß sie erleben
will, was sie wissen soll, daß sie ein Individuelles, das Gefühl, zu einem
Universellen erziehen will.
Das Fühlen ist ein rein
individueller Akt, die Beziehung der Außenwelt auf unser Subjekt, insofern
diese Beziehung ihren Ausdruck findet in einem bloß subjektiven Erleben.
Es gibt noch eine andere
Äußerung der menschlichen Persönlichkeit.
Das Ich lebt durch sein Denken
das allgemeine Weltleben mit; es bezieht durch dasselbe rein ideell
(begrifflich) die Wahrnehmungen auf sich, sich auf die Wahrnehmungen.
Im Gefühl erlebt es einen Bezug
der Objekte auf sein Subjekt; im Willen ist das Umgekehrte der Fall.
Im Wollen haben wir ebenfalls
eine Wahrnehmung vor uns, nämlich die des individuellen Bezugs unseres Selbstes
auf das Objektive.
Was am Wollen nicht rein
ideeller Faktor ist, das ist ebenso bloß Gegenstand des Wahrnehmens wie das bei
irgendeinem Dinge der Außenwelt der Fall ist.
Dennoch wird der naive
Realismus auch hier wieder ein weit wirklicheres Sein vor sich zu haben
glauben, als durch das Denken erlangt werden kann.
Er wird in dem Willen ein
Element erblicken, in dem er ein Geschehen, ein Verursachen unmittelbar gewahr
wird, im Gegensatz zum Denken, das das Geschehen erst in Begriffe faßt.
Was das Ich durch seinen Willen
vollbringt, stellt für eine solche Anschauungsweise einen Prozeß dar, der
unmittelbar erlebt wird.
In dem Wollen glaubt der
Bekenner dieser Philosophie das Weltgeschehen wirklich an einem Zipfel erfaßt
zu haben.
Während er die anderen
Geschehnisse nur durch Wahrnehmen von außen verfolgen kann, glaubt er in seinem
Wollen ein reales Geschehen ganz unmittelbar zu erleben.
Die Seinsform, in der ihm der
Wille innerhalb des Selbst erscheint, wird für ihn zu einem Realprinzip der Wirklichkeit.
Sein eigenes Wollen erscheint
ihm als Spezialfall des allgemeinen Weltgeschehens; dieses letztere somit als
allgemeines Wollen.
Der Wille wird zum Weltprinzip
wie in der Gefühlsmystik das Gefühl zum Erkenntnisprinzip.
Diese Anschauungsweise ist Willensphilosophie
(Thelismus).
Was sich nur individuell
erleben läßt, das wird durch die zum konstituierenden Faktor der Welt gemacht.
So wenig die Gefühlsmystik
Wissenschaft genannt werden kann, so wenig kann es die Willensphilosophie.
Denn beide behaupten mit dem
begrifflichen Durchdringen der Welt nicht auskommen zu können.
Beide fordern neben dem
Idealprinzip des Seins noch ein Realprinzip.
Das mit einem gewissen Recht.
Da wir aber für diese
sogenannten Realprinzipien nur das Wahrnehmen als Auffassungsmittel haben, so
ist die Behauptung der Gefühlsmystik und der Willensphilosophie identisch mit
der Ansicht: Wir haben zwei Quellen der Erkenntnis: die des Denkens und die des
Wahrnehmens, welches letztere sich im Gefühl und Willen als individuelles
Erleben darstellt.
Da die Ausflüsse der einen
Quelle, die Erlebnisse, von diesen Weltanschauungen nicht direkt in die der
andern, des Denkens, aufgenommen werden können, so bleiben die beiden
Erkenntnisweisen, Wahrnehmen und Denken ohne höhere Vermittlung nebeneinander
bestehen.
Neben dem durch das Wissen erreichbaren
Idealprinzip soll es noch ein zu erlebendes nicht im Denken erfaßbares
Realprinzip der Welt geben.
Mit andern Worten: die
Gefühlsmystik und Willensphilosophie sind naiver Realismus, weil sie dem Satz
huldigen: Das unmittelbar Wahrgenommene ist wirklich.
Sie begehen dem ursprünglichen
naiven Realismus gegenüber nur noch die Inkonsequenz, daß sie eine bestimmte
Form des Wahrnehmens (das Fühlen, beziehungsweise Wollen) zum alleinigen
Erkenntnismittel des Seins machen, während sie das doch nur können, wenn sie im
allgemeinen dem Grundsatz huldigen:
Das Wahrgenommene ist wirklich.
Sie müßten somit auch dem
äußeren Wahrnehmen einen gleichen Erkenntniswert zuschreiben.
Die Willensphilosophie wird zum
metaphysischen Realismus, wenn sie den Willen auch in die Daseinssphären
verlegt, in denen ein unmittelbares Erleben desselben nicht wie in dem eigenen
Subjekt möglich ist.
Sie nimmt ein Prinzip außer dem
Subjekt hypothetisch an, für das das subjektive Erleben das einzige
Wirklichkeitskriterium ist.
Als metaphysischer Realismus
verfällt die Willensphilosophie der im vorhergehenden Kapitel angegebenen
Kritik, welche das widerspruchsvolle Moment jedes metaphysischen Realismus
überwinden und anerkennen muß, daß der Wille nur insofern ein allgemeines
Weltgeschehen ist, als er sich ideell auf die übrige Welt bezieht.
Zusatz zur Neuauflage (1918).
Die Schwierigkeit, das Denken
in seinem Wesen beobachtend zu erfassen, liegt darin, daß dieses Wesen der
betrachtenden Seele nur allzu leicht schon entschlüpft ist, wenn diese es in
die Richtung ihrer Aufmerksamkeit bringen will.
Dann bleibt ihr nur das tote
Abstrakte, die Leichname des lebendigen Denkens.
Sieht man nur auf dieses
Abstrakte, so wird man leicht ihm gegenüber sich gedrängt finden, in das
«lebensvolle» Element der Gefühlsmystik, oder auch der Willensmetaphysik
einzutreten.
Man wird es absonderlich
finden, wenn jemand in «bloßen Gedanken» das Wesen der Wirklichkeit ergreifen
will.
Aber wer sich dazu bringt, das Leben
im Denken wahrhaft zu haben, der gelangt zur Einsicht, daß dem inneren Reichtum
und der in sich ruhenden, aber zugleich in sich bewegten Erfahrung innerhalb
dieses Lebens das Weben in bloßen Gefühlen oder das Anschauen des
Willenselementes nicht einmal verglichen werden kann, geschweige denn, daß
diese über jenes gesetzt werden dürften.
Gerade von diesem Reichtum, von
dieser inneren Fülle des Erlebens rührt es her, daß sein Gegenbild in der
gewöhnlichen Seeleneinstellung tot, abstrakt aussieht.
Keine andere menschliche
Seelenbetätigung wird so leicht zu verkennen sein wie das Denken.
Das Wollen, das Fühlen, sie
erwärmen die Menschenseele auch noch im Nacherleben ihres Ursprungszustandes.
Das Denken läßt nur allzuleicht
in diesem Nacherleben kalt; es scheint das Seelenleben auszutrocknen.
Doch dies ist eben nur der
stark sich geltend machende Schatten seiner lichtdurchwobenen, warm in die
Welterscheinungen untertauchenden Wirklichkeit.
Dieses Untertauchen geschieht
mit einer in der Denkbetätigung selbst dahinfließenden Kraft, welche Kraft der Liebe
in geistiger Art ist.
Man darf nicht einwendend
sagen, wer so Liebe im tätigen Denken sieht, der verlegt ein Gefühl, die Liebe,
in dasselbe.
Denn dieser Einwand ist in
Wahrheit eine Bestätigung des hier geltend Gemachten.
Wer nämlich zum wesenhaften Denken
sich hinwendet der findet in demselben sowohl Gefühl wie Willen, die
letztern auch in den Tiefen ihrer Wirklichkeit; wer von dem Denken sich ab- und
nur dem «bloßen» Fühlen und Wollen zuwendet, der verliert aus diesen die wahre
Wirklichkeit.
Wer im Denken intuitiv
erleben will, der wird auch dem gefühlsmäßigen und willensartigen Erleben
gerecht; nicht aber kann gerecht sein gegen die intuitiv-denkerische
Durchdringung des Daseins die Gefühlsmystik und die Willensmetaphysik.
Die letztern werden nur allzuleicht
zu dem Urteil kommen, daß sie im Wirklichen stehen; der intuitiv
Denkende aber gefühllos und wirklichkeitsfremd in abstrakten Gedanken, ein
schattenhaftes, kaltes Weltbild formt.
Der Begriff des Baumes ist für
das Erkennen durch die Wahrnehmung des Baumes bedingt.
Ich kann der bestimmten
Wahrnehmung gegenüber nur einen ganz bestimmten Begriff aus dem allgemeinen
Begriffssystem herausheben.
Der Zusammenhang von Begriff
und Wahrnehmung wird durch das Denken an der Wahrnehmung mittelbar und objektiv
bestimmt Die Verbindung der Wahrnehmung mit ihrem Begriffe wird nach dem
Wahrnehmungsakte erkannt; die Zusammengehörigkeit ist aber in der Sache selbst
bestimmt.
Anders stellt sich der Vorgang
dar, wenn die Erkenntnis, wenn das in ihr auftretende Verhältnis des Menschen
zur Welt betrachtet wird.
In den vorangehenden
Ausführungen ist der Versuch gemacht worden, zu zeigen, daß die Aufhellung
dieses Verhältnisses durch eine auf dasselbe gehende unbefangene Beobachtung möglich
ist.
Ein richtiges Verständnis
dieser Beobachtung kommt zu der Einsicht, daß das Denken als eine in sich
beschlossene Wesenheit unmittelbar angeschaut werden kann.
Wer nötig findet, zur Erklärung
des Denkens als solchem etwas anderes herbeizuziehen, wie etwa physische
Gehirnvorgänge, oder hinter dem beobachteten bewußten Denken liegende unbewußte
geistige Vorgänge, der verkennt, was ihm die unbefangene Beobachtung des
Denkens gibt.
Wer das Denken beobachtet, lebt
während der Beobachtung unmittelbar in einem geistigen, sich selbst tragenden
Wesensweben darinnen.
Ja, man kann sagen, wer die
Wesenheit des Geistigen in der Gestalt, in der sie sich dem Menschen zunächst
darbietet, erfassen will, kann dies in dem auf sich selbst beruhenden
Denken.
Im Betrachten des Denkens
selbst fallen in eines zusammen, was sonst immer getrennt auftreten muß:
Begriff und Wahrnehmung.
Wer dies nicht durchschaut, der
wird in an Wahrnehmungen erarbeiteten Begriffen nur schattenhafte Nachbildungen
dieser Wahrnehmungen sehen können, und die Wahrnehmungen werden ihm die wahre
Wirklichkeit vergegenwärtigen.
Er wird auch eine metaphysische
Welt nach dem Muster der wahrgenommenen Welt sich auferbauen; er wird diese
Welt Atomenwelt, Willenswelt, unbewußte Geistwelt und so weiter nennen, je nach
seiner Vorstellungsart.
Und es wird ihm entgehen, daß
er sich mit alledem nur eine metaphysische Welt hypothetisch nach dem Muster seiner
Wahrnehmungswelt auferbaut hat.
Wer aber durchschaut, was
bezüglich des Denkens vorliegt, der wird erkennen, daß in der Wahrnehmung nur
ein Teil der Wirklichkeit vorliegt und daß der andere zu ihr gehörige Teil, der
sie erst als volle Wirklichkeit erscheinen läßt, in der denkenden Durchsetzung
der Wahrnehmung erlebt wird.
Er wird in demjenigen, das als Denken
im Bewußtsein auftritt, nicht ein schattenhaftes Nachbild einer Wirklichkeit
sehen, sondern eine auf sich ruhende geistige Wesenhaftigkeit.
Und von dieser kann er sagen,
daß sie ihm durch Intuition im Bewußtsein gegenwärtig wird.
Intuition ist das im rein Geistigen verlaufende bewußte Erleben eines rein geistigen
Inhaltes.
Nur durch eine Intuition kann
die Wesenheit des Denkens erfaßt werden.
Nur wenn man sich zu der in der
unbefangenen Beobachtung gewonnenen Anerkennung dieser Wahrheit über die intuitive
Wesenheit des Denkens hindurchgerungen hat, gelingt es, den Weg frei zu
bekommen für eine Anschauung der menschlichen leiblich seelischen Organisation.
Man erkennt, daß diese
Organisation an dem Wesen des Denkens nichts bewirken kann.
Dem scheint zunächst der
ganz offenbare Tatbestand zu widersprechen.
Das menschliche Denken tritt
für die gewöhnliche Erfahrung nur an und durch diese Organisation auf.
Dieses Auftreten macht sich so
stark geltend, daß es in seiner wahren Bedeutung nur von demjenigen durchschaut
werden kann, der erkannt hat, wie im Wesenhaften des Denkens nichts von dieser
Organisation mitspielt Einem solchen wird es dann aber auch nicht mehr entgehen
können, wie eigentümlich geartet das Verhältnis der menschlichen Organisation
zum Denken ist.
Diese bewirkt nämlich nichts an
dem Wesenhaften des Denkens, sondern sie weicht, wenn die Tätigkeit des Denkens
auftritt, zurück; sie hebt ihre eigene Tätigkeit auf, sie macht einen Platz
frei; und an dem freigewordenen Platz tritt das Denken auf.
Dem Wesenhaften, das im Denken
wirkt, obliegt ein Doppeltes: Erstens drängt es die menschliche Organisation in
deren eigener Tätigkeit zurück, und zweitens setzt es sich selbst an deren
Stelle.
Denn auch das erste, die
Zurückdrängung der Leibesorganisation, ist Folge der Denktätigkeit.
Und zwar desjenigen Teiles
derselben, der das erscheinen des Denkens vorbereitet.
Man ersieht aus diesem, in
welchem Sinne das Denken in der Leibesorganisation sein Gegenbild findet.
Und wenn man dieses ersieht,
wird man nicht mehr die Bedeutung dieses Gegenbildes für das Denken selbst
verkennen können.
Wer über einen erweichten Boden
geht, dessen Fußspuren graben sich in dem Boden ein.
Man wird nicht versucht sein,
zu sagen, die Fußspurenformen seien von Kräften des Bodens, von unten herauf,
getrieben worden.
Man wird diesen Kräften
keinen Anteil an dem Zustandekommen der Spurenformen zuschreiben.
Ebensowenig wird, wer die
Wesenheit des Denkens unbefangen beobachtet, den Spuren im Leibesorganismus an
dieser Wesenheit einen Anteil zuschreiben, die dadurch entstehen, daß das
Denken sein Erscheinen durch den Leib vorbereitet.
(1) Aber eine bedeutungsvolle
Frage taucht hier auf.
Wenn an dem Wesen des
Denkens der menschlichen Organisation kein Anteil zukommt, welche Bedeutung hat
diese Organisation innerhalb der Gesamtwesenheit des Menschen?
Nun, was in dieser Organisation
durch das Denken geschieht, hat wohl mit der Wesenheit des Denkens nichts zu
tun, wohl aber mit der Entstehung des Ich-Bewußtseins aus diesem Denken heraus.
Innerhalb des Eigenwesens des
Denkens liegt wohl das wirkliche «Ich», nicht aber das Ich-Bewußtsein.
Dies durchschaut derjenige, der
eben unbefangen das Denken beobachtet.
Das «Ich» ist innerhalb des
Denkens zu finden; das «Ich-Bewußtsein» tritt dadurch auf, daß im allgemeinen
Bewußtsein sich die Spuren der Denktätigkeit in dem oben gekennzeichneten Sinne
eingraben.
(Durch die Leibesorganisation
entsteht also das Ich-Bewußtsein.
Man verwechsele das aber nicht
etwa mit der Behauptung, daß das einmal entstandene Ich-Bewußtsein von der
Leibesorganisation abhängig bleibe.
Einmal entstanden, wird es in
das Denken aufgenommen und teilt fortan dessen geistige Wesenheit.)
Das «Ich-Bewußtsein» ist auf
die menschliche Organisation gebaut.
Aus dieser erfließen die
Willenshandlungen.
In der Richtung der
vorangegangenen Darlegungen wird ein Einblick in den Zusammenhang zwischen
Denken, bewußtem Ich und Willenshandlung nur zu gewinnen sein, wenn erst
beobachtet wird, wie die Willenshandlung aus der menschlichen Organisation
hervorgeht.
(2) Für den einzelnen
Willensakt kommt in Betracht: das Motiv und die Triebfeder.
Das Motiv ist ein begrifflicher
oder vorstellungsgemäßer Faktor; die Triebfeder ist der in der menschlichen
Organisation unmittelbar bedingte Faktor des Wollens.
Der begriffliche Faktor oder
das Motiv ist der augenblickliche Bestimmungsgrund des Wollens; die Triebfeder
der bleibende Bestimmungsgrund des Individuums.
Motiv des Wollens kann ein
reiner Begriff oder ein Begriff mit einem bestimmten Bezug auf das Wahrnehmen
sein, das ist eine Vorstellung.
Allgemeine und individuelle
Begriffe (Vorstellungen) werden dadurch zu Motiven des Wollens, daß sie auf das
menschliche Individuum wirken und dasselbe in einer gewissen Richtung zum
Handeln bestimmen.
Ein und derselbe Begriff,
beziehungsweise eine und dieselbe Vorstellung wirkt aber auf verschiedene
Individuen verschieden.
Sie veranlassen verschiedene
Menschen zu verschiedenen Handlungen.
Das Wollen ist also nicht bloß
ein Erlebnis des Begriffes oder der Vorstellung, sondern auch der individuellen
Beschaffenheit des Menschen.
Diese individuelle
Beschaffenheit wollen wir - man kann in bezug darauf Eduard von Hartmann folgen
- die charakterologische Anlage nennen.
Die Art, wie Begriff und
Vorstellung auf die charakterologische Anlage des Menschen wirken, gibt seinem
Leben ein bestimmtes moralisches oder ethisches Gepräge.
Die charakterologische Anlage
wird gebildet durch den mehr oder weniger bleibenden Lebensgehalt unseres
Subjektes, das ist durch unseren Vorstellungs- und Gefühlsinhalt.
Ob mich eine in mir gegenwärtig
auftretende Vorstellung zu einem Wollen anregt, das hängt davon ab, wie sie
sich zu meinem übrigen Vorstellungsinhalte und auch zu meinen
Gefühlseigentümlichkeiten verhält.
Mein Vorstellungsinhalt ist
aber wieder bedingt durch die Summe derjenigen Begriffe, die im Verlaufe meines
individuellen Lebens mit Wahrnehmungen in Berührung gekommen, das heißt zu
Vorstellungen geworden sind.
Diese hängt wieder ab von
meiner größeren oder geringeren Fähigkeit der Intuition und von dem Umkreis
meiner Beobachtungen, das ist von dem subjektiven und dem objektiven Faktor der
Erfahrungen, von der inneren Bestimmtheit und dem Lebensschauplatz.
Ganz besonders ist meine
charakterologische Anlage durch mein Gefühlsleben bestimmt.
Ob ich an einer bestimmten
Vorstellung oder einem Begriff Freude oder Schmerz empfinde, davon wird es
abhängen, ob ich sie zum Motiv meines Handelns machen will oder nicht. - Dies
sind die Elemente, die bei einem Willensakte in Betracht kommen.
Die unmittelbar gegenwärtige
Vorstellung oder der Begriff, die zum Motiv werden, bestimmen das Ziel, den
Zweck meines Wollens; meine charakterologische Anlage bestimmt mich, auf dieses
Ziel meine Tätigkeit zu richten.
Die Vorstellung, in der
nächsten halben Stunde einen Spaziergang zu machen, bestimmt das Ziel meines
Handelns.
Diese Vorstellung wird aber nur
dann zum Motiv des Wollens erhoben, wenn sie auf eine geeignete
charakterologische Anlage auftrifft, das ist, wenn sich durch mein bisheriges
Leben in mir etwa die Vorstellungen gebildet haben von der Zweckmäßigkeit des
Spazierengehens, von dem Wert der Gesundheit, und ferner, wenn sich mit der
Vorstellung des Spazierengehens in mir das Gefühl der Lust verbindet.
Wir haben somit zu unterscheiden:
1. Die möglichen subjektiven Anlagen, die geeignet sind, bestimmte
Vorstellungen und Begriffe zu Motiven zu machen; und 2. die möglichen
Vorstellungen und Begriffe, die imstande sind ,meine charakterologische Anlage
so zu beeinflussen, daß sich ein Wollen ergibt.
Jene stellen die Triebfedern,
diese die Ziele der Sittlichkeit dar.
Die Triebfedern der
Sittlichkeit können wir dadurch finden, daß wir nachsehen, aus welchen
Elementen sich das individuelle Leben zusammensetzt.
Die erste Stufe des individuellen
Lebens ist das Wahrnehmen, und zwar das Wahrnehmen der Sinne.
Wir stehen hier in jener Region
unseres individuellen Lebens, wo sich das Wahrnehmen unmittelbar, ohne
Dazwischentreten eines Gefühles oder Begriffes in Wollen umsetzt.
Die Triebfeder des Menschen,
die hierbei in Betracht kommt, wird als Trieb schlechthin bezeichnet.
Die Befriedigung unserer
niederen, rein animalischen Bedürfnisse (Hunger, Geschlechtsverkehr usw.) kommt
auf diesem Wege zustande.
Das Charakteristische des
Trieblebens besteht in der Unmittelbarkeit, mit der die Einzelwahrnehmung das
Wollen auslöst.
Diese Art der Bestimmung des
Wollens, die ursprünglich nur dem niedrigeren Sinnenleben eigen ist, kann auch
auf die Wahrnehmungen der höheren Sinne ausgedehnt werden.
Wir lassen auf die Wahrnehmung
irgendeines Geschehens in der Außenwelt, ohne weiter nachzudenken und ohne daß
sich uns an die Wahrnehmung ein besonderes Gefühl knüpft, eine Handlung folgen,
wie das namentlich im konventionellen Umgange mit Menschen geschieht.
Die Triebfeder dieses Handelns
bezeichnet man als Takt oder sittlichen Geschmack.
Je öfter sich ein solches
unmittelbares Auslösen einer Handlung durch eine Wahrnehmung vollzieht, desto
geeigneter wird sich der betreffende Mensch erweisen, rein unter dem Einfluß des
Taktes zu handeln, das ist: der Takt wird zu seiner charakterologischen
Anlage.
Die zweite Sphäre des
menschlichen Lebens ist das Fühlen.
An die Wahrnehmungen der
Außenwelt knüpfen sich bestimmte Gefühle.
Diese Gefühle können zu
Triebfedern des Handelns werden.
Wenn ich einen hungernden
Menschen sehe, so kann mein Mitgefühl mit demselben die Triebfeder meines
Handelns bilden.
Solche Gefühle sind etwa:
das Schamgefühl, der Stolz, das
Ehrgefühl, die Demut, die Reue, das Mitgefühl, das Rache- und Dankbarkeitsgefühl,
die Pietät, die Treue, das Liebes- und Pflichtgefühl.
(3) Die dritte Stufe des Lebens
endlich ist das Denken und Vorstellen.
Durch bloße Überlegung kann
eine Vorstellung oder ein Begriff zum Motiv einer Handlung werden.
Vorstellungen werden dadurch
Motive, daß wir im Laufe des Lebens fortwährend gewisse Ziele des Wollens an
Wahrnehmungen knüpfen, die in mehr oder weniger modifizierter Gestalt immer
wiederkehren.
Daher kommt es, daß bei
Menschen, die nicht ganz ohne Erfahrung sind, stets mit bestimmten
Wahrnehmungen auch die Vorstellungen von Handlungen ins Bewußtsein treten, die
sie in einem ähnlichen Fall ausgeführt oder ausführen gesehen haben.
Diese Vorstellungen schweben
ihnen als bestimmende Muster bei allen späteren Entschließungen vor, sie werden
Glieder ihrer charakterologischen Anlage.
Wir können die damit
bezeichnete Triebfeder des Wollens die praktische Erfahrung nennen.
Die praktische Erfahrung geht
allmählich in das rein taktvolle Handeln über.
Wenn sich bestimmte typische
Bilder von Handlungen mit Vorstellungen von gewissen Situationen des Lebens in
unserem Bewußtsein so fest verbunden haben, daß wir gegebenen Falles mit
Überspringung aller auf Erfahrung sich gründenden Überlegung unmittelbar auf
die Wahrnehmung hin ins Wollen übergehen, dann ist dies der Fall.
Die höchste Stufe des
individuellen Lebens ist das begriffliche Denken ohne Rücksicht auf einen
bestimmten Wahrnehmungsgehalt.
Wir bestimmen den Inhalt eines
Begriffes durch reine Intuition aus der ideellen Sphäre heraus.
Ein solcher Begriff enthält
dann zunächst keinen Bezug auf bestimmte Wahrnehmungen.
Wenn wir unter dem Einflusse
eines auf eine Wahrnehmung deutenden Begriffes, das ist einer Vorstellung, in
das Wollen eintreten, so ist es diese Wahrnehmung, die uns auf dem Umwege durch
das begriffliche Denken bestimmt Wenn wir unter dem Einflusse von Intuitionen
handeln, so ist die Triebfeder unseres Handelns das reine Denken.
Da man gewohnt ist, das reine
Denkvermögen in der Philosophie als Vernunft zu bezeichnen, so ist es wohl auch
berechtigt, die auf dieser Stufe gekennzeichnete moralische Triebfeder die
praktische Vernunft zu nennen.
Am klarsten hat von dieser
Triebfeder des Wollens Kreyenbühl (Philosophische Monatshefte, Bd. XVIII,
Heft 3) gehandelt.
Ich rechne seinen darüber
geschriebenen Aufsatz zu den bedeutsamsten Erzeugnissen der gegenwärtigen
Philosophie, namentlich der Ethik.
Kreyenbühl bezeichnet die in
Rede stehende Triebfeder als praktisches Apriori, das heißt unmittelbar
aus meiner Intuition fließenden Antrieb zum Handeln.
Es ist klar, daß ein solcher
Antrieb nicht mehr im strengen Wortsinne zu dem Gebiete der charakterologischen
Anlagen gerechnet werden kann.
Denn was hier als Triebfeder
wirkt, ist nicht mehr ein bloß Individuelles in mir, sondern der ideelle und
folglich allgemeine Inhalt meiner Intuition.
Sobald ich die Berechtigung
dieses Inhaltes als Grundlage und Ausgangspunkt einer Handlung ansehe, trete
ich in das Wollen ein, gleichgültig ob der Begriff bereits zeitlich vorher in
mir da war, oder erst unmittelbar vor dem Handeln in mein Bewußtsein eintritt,
das ist: gleichgültig, ob er bereits als Anlage in mir vorhanden war oder
nicht.
Zu einem wirklichen Willensakt
kommt es nur dann, wenn ein augenblicklicher Antrieb des Handelns in Form eines
Begriffes oder einer Vorstellung auf die charakterologische Anlage einwirkt.
Ein solcher Antrieb wird dann
zum Motiv des Wollens.
Die Motive der Sittlichkeit
sind Vorstellungen und Begriffe.
Es gibt Ethiker, die auch im
Gefühle ein Motiv der Sittlichkeit sehen; sie behaupten zum Beispiel, Ziel des
sittlichen Handelns sei die Beförderung des größtmöglichen Quantums von Lust im
handelnden Individuum.
Die Lust selbst aber kann nicht
Motiv werden, sondern nur eine vorgestellte Lust.
Die Vorstellung eines
künftigen Gefühles, nicht aber das Gefühl selbst kann auf meine
charakterologische Anlage einwirken.
Denn das Gefühl selbst ist im
Augenblicke der Handlung noch nicht da, soll vielmehr erst durch die Handlung
hervorgebracht werden.
Die Vorstellung des
eigenen oder fremden Wohles wird aber mit Recht als ein Motiv des Wollens
angesehen.
Das Prinzip, durch sein Handeln
die größte Summe eigener Lust zu bewirken, das ist: die individuelle
Glückseligkeit zu erreichen, heißt Egoismus.
Diese individuelle Glückseligkeit
wird entweder dadurch zu erreichen gesucht, daß man in rücksichtsloser Weise
nur auf das eigene Wohl bedacht ist und dieses auch auf Kosten des Glückes
fremder Individualitäten erstrebt (reiner Egoismus), oder dadurch, daß man das
fremde Wohl aus dem Grunde befördert, weil man sich dann mittelbar von den
glücklichen fremden Individualitäten einen günstigen Einfluß auf die eigene
Person verspricht, oder weil man durch Schädigung fremder Individuen auch eine
Gefährdung des eigenen Interesses befürchtet (Klugheitsmoral).
Der besondere Inhalt der
egoistischen Sittlichkeitsprinzipien wird davon abhängen, welche Vorstellung
sich der Mensch von seiner eigenen oder der fremden Glückseligkeit macht.
Nach dem, was einer als ein Gut
des Lebens ansieht (Wohlleben, Hoffnung auf Glückseligkeit, Erlösung von
verschiedenen Übeln usw.), wird er den Inhalt seines egoistischen Strebens
bestimmen.
Als ein weiteres Motiv ist dann
der rein begriffliche Inhalt einer Handlung anzusehen.
Dieser Inhalt bezieht sich
nicht wie die Vorstellung der eigenen Lust auf die einzelne Handlung allein,
sondern auf die Begründung einer Handlung aus einem Systeme sittlicher
Prinzipien.
Diese Moralprinzipien können in
Form abstrakter Begriffe das sittliche Leben regeln, ohne daß der einzelne sich
um den Ursprung der Begriffe kümmert.
Wir empfinden dann einfach die
Unterwerfung unter den sittlichen Begriff, der als Gebot über unserem Handeln
schwebt, als sittliche Notwendigkeit.
Die Begründung dieser
Notwendigkeit überlassen wir dem, der die sittliche Unterwerfung fordert, das
ist der sittlichen Autorität, die wir anerkennen (Familienoberhaupt, Staat,
gesellschaftliche Sitte, kirchliche Autorität, göttliche Offenbarung).
Eine besondere Art dieser
Sittlichkeitsprinzipien ist die, wo das Gebot sich nicht durch eine äußere
Autorität für uns kundgibt, sondern durch unser eigenes Innere (sittliche
Autonomie).
Wir vernehmen dann die Stimme
in unserem eigenen Innern, der wir uns zu unterwerfen haben.
Der Ausdruck dieser Stimme ist
das Gewissen.
Es bedeutet einen sittlichen
Fortschritt, wenn der Mensch zum Motiv seines Handelns nicht einfach das Gebot
einer äußeren oder der inneren Autorität macht, sondern wenn er den Grund
einzusehen bestrebt ist, aus dem irgendeine Maxime des Handelns als Motiv in ihm
wirken soll.
Dieser Fortschritt ist der von
der autoritativen Moral zu dem Handeln aus sittlicher Einsicht.
Der Mensch wird auf dieser
Stufe der Sittlichkeit die Bedürfnisse des sittlichen Lebens aufsuchen und sich
von der Erkenntnis derselben zu seinen Handlungen bestimmen lassen.
Solche Bedürfnisse sind: 1. das
größtmögliche Wohl der Gesamtmenschheit rein um dieses Wohles willen; 2. der
Kulturfortschritt oder die sittliche Entwicklung der Menschheit zu immer
größerer Vollkommenheit; 3. die Verwirklichung rein intuitiv erfaßter
individueller Sittlichkeitsziele.
Das größtmögliche Wohl der
Gesamtmenschheit wird natürlich von verschiedenen Menschen in
verschiedener Weise aufgefaßt werden.
Die obige Maxime bezieht sich nicht
auf eine bestimmte Vorstellung von diesem Wohl, sondern darauf, daß jeder
einzelne, der dies Prinzip anerkennt, bestrebt ist, dasjenige zu tun, was nach
seiner Ansicht das Wohl der Gesamtmenschheit am meisten fördert.
Der Kulturfortschritt
erweist sich für denjenigen, dem sich an die Güter der Kultur ein Lustgefühl
knüpft, als ein spezieller Fall des vorigen Moralprinzips.
Er wird nur den Untergang und
die Zerstörung mancher Dinge, die auch zum Wohle der Menschheit beitragen, mit
in Kauf nehmen müssen.
Es ist aber auch möglich, daß
jemand in dem Kulturfortschritt, abgesehen von dem damit verbundenen
Lustgefühl, eine sittliche Notwendigkeit erblickt.
Dann ist derselbe für ihn ein
besonderes Moralprinzip neben dem vorigen.
Sowohl die Maxime des
Gesamtwohles wie auch jene des Kulturfortschrittes beruht auf der Vorstellung,
das ist auf der Beziehung, die man dem Inhalt der sittlichen Ideen zu
bestimmten Erlebnissen (Wahrnehmungen) gibt.
Das höchste denkbare
Sittlichkeitsprinzip ist aber das, welches keine solche Beziehung von
vornherein enthält, sondern aus dem Quell der reinen Intuition entspringt und
erst nachher die Beziehung zur Wahrnehmung (zum Leben) sucht.
Die Bestimmung, was zu wollen
ist, geht hier von einer andern Instanz aus als in den vorhergehenden Fällen.
Wer dem sittlichen Prinzip des
Gesamtwohles huldigt, der wird bei allen seinen Handlungen zuerst fragen, was
zu diesem Gesamtwohl seine Ideale beitragen.
Wer sich zu dem sittlichen
Prinzip des Kulturfortschrittes bekennt, wird es hier ebenso machen.
Es gibt aber ein höheres, das in
dem einzelnen Falle nicht von einem bestimmten einzelnen Sittlichkeitsziel
ausgeht, sondern welches allen Sittlichkeitsmaximen einen gewissen Wert
beilegt, und im gegebenen Falle immer fragt, ob denn hier das eine oder das
andere Moralprinzip das wichtigere ist.
Es kann vorkommen, daß jemand
unter gegebenen Verhältnissen die Förderung des Kulturfortschrittes, unter
andern die des Gesamtwohls, im dritten Falle die Förderung des eigenen Wohles
für das richtige ansieht und zum Motiv seines Handelns macht.
Wenn aber alle andern
Bestimmungsgründe erst an zweite Stelle treten, dann kommt in erster Linie die
begriffliche Intuition selbst in Betracht.
Damit treten die andern Motive
von der leitenden Stelle ab, und nur der Ideengehalt der Handlung wirkt als Motiv
derselben.
Wir haben unter den Stufen der
charakterologischen Anlage diejenige als die höchste bezeichnet, die als reines
Denken, als praktische Vernunft wirkt.
Unter den Motiven haben wir
jetzt als das höchste die begriffliche Intuition bezeichnet.
Bei genauerer Überlegung stellt
sich alsbald heraus, daß auf dieser Stufe der Sittlichkeit Triebfeder und Motiv
zusammenfallen, das ist, daß weder eine vorher bestimmte charakterologische
Anlage, noch ein äußeres, normativ angenommenes sittliches Prinzip auf unser
Handeln wirken.
Die Handlung ist also keine
schablonenmäßige, die nach irgendwelchen Regeln ausgeführt wird, und auch keine
solche, die der Mensch auf äußeren Anstoß hin automatenhaft vollzieht. sondern
eine schlechthin durch ihren idealen Gehalt bestimmte.
Zur Voraussetzung hat eine
solche Handlung die Fähigkeit der moralischen Intuitionen.
Wem die Fähigkeit fehlt; für
den einzelnen Fall die besondere Sittlichkeitsmaxime zu erleben, der wird es
auch nie zum wahrhaft individuellen Wollen bringen.
Der gerade Gegensatz dieses
Sittlichkeitsprinzips ist das Kantsche: Handle so, daß die Grundsätze deines
Handelns für alle Menschen gelten können.
Dieser Satz ist der Tod aller
individuellen Antriebe des Handelns.
Nicht wie alle Menschen
handeln würden, kann für mich maßgebend sein, sondern was für mich in dem
individuellen Falle zu tun ist.
Ein oberflächliches Urteil
könnte vielleicht diesen Ausführungen einwenden: Wie kann das Handeln zugleich
individuell auf den besonderen Fall und die besondere Situation geprägt und
doch rein ideell aus der Intuition heraus bestimmt sein?
Dieser Einwand beruht auf einer
Verwechselung von sittlichem Motiv und wahrnehmbarem Inhalt der Handlung.
Der letztere kann Motiv
sein, und ist es auch zum Beispiel beim Kulturfortschritt, beim Handeln aus
Egoismus usw.; beim Handeln auf Grund rein sittlicher Intuition ist er es nicht.
Mein Ich richtet seinen Blick
natürlich auf diesen Wahrnehmungsinhalt, bestimmen läßt es sich durch
denselben nicht.
Dieser Inhalt wird nur benützt,
um sich einen Erkenntnisbegriff zu bilden, den dazu gehörigen moralischen
Begriff entnimmt das Ich nicht aus dem Objekte.
Der Erkenntnisbegriff aus einer
bestimmten Situation, der ich gegenüberstehe, ist nur dann zugleich ein
moralischer Begriff, wenn ich auf dem Standpunkte eines bestimmten
Moralprinzips stehe.
Wenn ich auf dem Boden der
allgemeinen Kulturentwicklungsmoral allein stehen möchte, dann ginge ich mit
gebundener Marschroute in der Welt umher.
Aus jedem Geschehen, das ich
wahrnehme und das mich beschäftigen kann, entspringt zugleich eine sittliche
Pflicht; nämlich mein Scherflein beizutragen, damit das betreffende Geschehen
in den Dienst der Kulturentwickelung gestellt werde.
Außer dem Begriff, der mir den
naturgesetzlichen Zusammenhang eines Geschehens oder Dinges enthüllt, haben die
letztern auch noch eine sittliche Etikette umgehängt, die für mich, das
moralische Wesen, eine ethische Anweisung enthält, wie ich mich zu benehmen
habe.
Diese sittliche Etikette ist in
ihrem Gebiete berechtigt, sie fällt aber auf einem höheren Standpunkte mit der
Idee zusammen, die mir dem konkreten Fall gegenüber aufgeht.
Die Menschen sind dem
Intuitionsvermögen nach verschieden.
Dem einen sprudeln die Ideen
zu, der andere erwirbt sie sich mühselig.
Die Situationen, in denen die
Menschen leben, und die den Schauplatz ihres Handelns abgeben, sind nicht
weniger verschieden.
Wie ein Mensch handelt, wird
also abhängen von der Art, wie sein Intuitionsvermögen einer bestimmten
Situation gegenüber wirkt.
Die Summe der in uns wirksamen
Ideen, den realen Inhalt unserer Intuitionen, macht das aus, was bei aller
Allgemeinheit der Ideenwelt in jedem Menschen individuell geartet ist.
Insofern dieser intuitive
Inhalt auf das Handeln geht, ist er der Sittlichkeitsgehalt des Individuums.
Das Auslebenlassen dieses
Gehalts ist die höchste moralische Triebfeder und zugleich das höchste Motiv
dessen, der einsieht, daß alle andern Moralprinzipien sich letzten Endes in
diesem Gehalte vereinigen.
Man kann diesen Standpunkt den ethischen
Individualismus nennen.
Das Maßgebende einer intuitiv
bestimmten Handlung im konkreten Falle ist das Auffinden der entsprechenden,
ganz individuellen Intuition.
Auf dieser Stufe der
Sittlichkeit kann von allgemeinen Sittlichkeitsbegriffen (Normen, Gesetzen) nur
insofern die Rede sein, als sich diese aus der Verallgemeinerung der
individuellen Antriebe ergeben.
Allgemeine Normen setzen immer
konkrete Tatsachen voraus, aus denen sie abgeleitet werden können.
Durch das menschliche Handeln
werden aber Tatsachen erst geschaffen.
Wenn wir das Gesetzmäßige
(Begriffliche in dem Handeln der Individuen, Völker und Zeitalter) aufsuchen,
so erhalten wir eine Ethik, aber nicht als Wissenschaft von sittlichen Normen,
sondern als Naturlehre der Sittlichkeit.
Erst die hierdurch gewonnenen
Gesetze verhalten sich zum menschlichen Handeln so wie die Naturgesetze zu
einer besonderen Erscheinung.
Sie sind aber durchaus nicht
identisch mit den Antrieben, die wir unserm Handeln zugrunde legen.
Will man erfassen, wodurch eine
Handlung des Menschen dessen sittlichem Wollen entspringt, so muß man
zunächst auf das Verhältnis dieses Wollens zu der Handlung sehen.
Man muß zunächst Handlungen ins
Auge fassen, bei denen dieses Verhältnis das Bestimmende ist.
Wenn ich oder ein anderer
später über eine solche Handlung nachdenken, kann es herauskommen, welche
Sittlichkeitsmaximen bei derselben in Betracht kommen.
Während ich handle, bewegt mich
die Sittlichkeitsmaxime, insoferne sie intuitiv in mir leben kann; sie ist
verbunden mit der Liebe zu dem Objekt, das ich durch meine Handlung
verwirklichen will.
Ich frage keinen Menschen und
auch keine Regel: soll ich diese Handlung ausführen? - sondern ich führe sie
aus, sobald ich die Idee davon gefaßt habe.
Nur dadurch ist sie meine Handlung.
Wer nur handelt, weil er
bestimmte sittliche Normen anerkennt, dessen Handlung ist das Ergebnis der in
seinem Moralkodex stehenden Prinzipien.
Er ist bloß der Vollstrecker.
Er ist ein höherer Automat.
Werfet einen Anlaß zum Handeln
in sein Bewußtsein, und alsbald setzt sich das Räderwerk seiner Moralprinzipien
in Bewegung und läuft in gesetzmäßiger Weise ab, um eine christliche, humane,
ihm selbstlos geltende, oder eine Handlung des kulturgeschichtlichen
Fortschrittes zu vollbringen.
Nur wenn ich meiner Liebe zu
dem Objekte folge, dann bin ich es selbst, der handelt.
Ich handle auf dieser Stufe der
Sittlichkeit nicht, weil ich einen Herrn über mich anerkenne, nicht die äußere
Autorität, nicht eine sogenannte innere Stimme.
Ich erkenne kein äußeres Prinzip
meines Handelns an, weil ich in mir selbst den Grund des Handelns, die Liebe
zur Handlung gefunden habe.
Ich prüfe nicht
verstandesmäßig, ob meine Handlung gut oder böse ist; ich vollziehe sie, weil
ich sie liebe.
Sie wird «gut», wenn meine in
Liebe getauchte Intuition in der rechten Art in dem intuitiv zu erlebenden
Weltzusammenhang drinnensteht; «böse», wenn das nicht der Fall ist.
Ich frage mich auch nicht: wie
würde ein anderer Mensch in meinem Falle handeln? - sondern ich handle, wie
ich, diese besondere Individualität, zu wollen mich veranlaßt sehe.
Nicht das allgemein Übliche,
die allgemeine Sitte, eine allgemein-menschliche Maxime, eine sittliche Norm
leitet mich in unmittelbarer Art, sondern meine Liebe zur Tat.
Ich fühle keinen Zwang, nicht den
Zwang der Natur, die mich bei meinen Trieben leitet, nicht den Zwang der
sittlichen Gebote, sondern ich will einfach ausführen, was in mir liegt.
Die Verteidiger der allgemeinen
sittlichen Normen könnten etwa zu diesen Ausführungen sagen:
Wenn jeder Mensch nur darnach
strebt, sich auszuleben und zu tun, was ihm beliebt, dann ist kein Unterschied
zwischen guter Handlung und Verbrechen; jede Gaunerei, die in mir liegt, hat
gleichen Anspruch sich auszuleben, wie die Intention, dem allgemeinen Besten zu
dienen.
Nicht der Umstand, daß ich eine
Handlung der Idee nach ins Auge gefaßt habe, kann für mich als sittlichen
Menschen maßgebend sein, sondern die Prüfung, ob sie gut oder böse ist.
Nur im ersteren Falle werde ich
sie ausführen.
Meine Entgegnung auf diesen
naheliegenden und doch nur aus einer Verkennung des hier Gemeinten
entspringenden Einwand ist diese:
Wer das Wesen des menschlichen
Wollens erkennen will, der muß unterscheiden zwischen dem Weg, der dieses
Wollen bis zu einem bestimmten Grad der Entwickelung bringt, und der Eigenart,
welche das Wollen annimmt, indem es sich diesem Ziele annähert.
Auf dem Wege zu diesem Ziele
spielen Normen ihre berechtigte Rolle.
Das Ziel besteht in der
Verwirklichung rein intuitiv erfaßter Sittlichkeitsziele.
Der Mensch erreicht solche
Ziele in dem Maße, in dem er die Fähigkeit besitzt, sich überhaupt zum
intuitiven Ideengehalte der Welt zu erheben.
Im einzelnen Wollen wird
zumeist anderes als Triebfeder oder Motiv solchen Zielen beigemischt sein.
Aber Intuitives kann im
menschlichen Wollen doch bestimmend oder mitbestimmend sein.
Was man soll, das tut
man; man gibt den Schauplatz ab, auf dem das Sollen zum Tun wird; eigene
Handlung ist, was man als solche aus sich entspringen läßt.
Der Antrieb kann da nur ein
ganz individueller sein.
Und in Wahrheit kann nur eine
aus der Intuition entspringende Willenshandlung eine individuelle sein.
Daß die Tat des Verbrechers,
daß das Böse in gleichem Sinne ein Ausleben der Individualität genannt wird wie
die Verkörperung reiner Intuition, ist nur möglich, wenn die blinden Triebe zur
menschlichen Individualität gezählt werden.
Aber der blinde Trieb, der zum
Verbrechen treibt, stammt nicht aus Intuitivem, und gehört nicht zum
Individuellen des Menschen, sondern zum Allgemeinsten in ihm, zu dem, was bei
allen Individuen in gleichem Maße geltend ist und aus dem sich der Mensch durch
sein Individuelles heraus arbeitet.
Das Individuelle in mir ist
nicht mein Organismus mit seinen Trieben und Gefühlen, sondern das ist die
einige Ideenwelt, die in diesem Organismus aufleuchtet.
Meine Triebe, Instinkte,
Leidenschaften begründen nichts weiter in mir, als daß ich zur allgemeinen
Gattung Mensch gehöre; der Umstand, daß sich ein Ideelles in diesen
Trieben, Leidenschaften und Gefühlen auf eine besondere Art auslebt, begründet
meine Individualität.
Durch meine Instinkte, Triebe
bin ich ein Mensch, von denen zwölf ein Dutzend machen; durch die besondere
Form der Idee, durch die ich mich innerhalb des Dutzend als Ich bezeichne, bin
ich Individuum.
Nach der Verschiedenheit meiner
tierischen Natur könnte mich nur ein mir fremdes Wesen von andern
unterscheiden; durch mein Denken, das heißt durch das tätige Erfassen dessen,
was sich als Ideelles in meinem Organismus auslebt, unterscheide ich mich selbst
von andern.
Man kann also von der Handlung
des Verbrechers gar nicht sagen, daß sie aus der Idee hervorgeht.
Ja, das ist gerade das
Charakteristische der Verbrecherhandlungen, daß sie aus den außerideellen
Elementen des Menschen sich herleiten.
Eine Handlung wird als eine
freie empfunden, soweit deren Grund aus dem ideellen Teil meines individuellen
Wesens hervorgeht; jeder andere Teil einer Handlung, gleichgültig, ob er aus
dem Zwange der Natur oder aus der Nötigung einer sittlichen Norm vollzogen wird,
wird als unfrei empfunden.
Frei ist nur der Mensch,
insofern er in jedem Augenblicke seines Lebens sich selbst zu folgen in der
Lage ist.
Eine sittliche Tat ist nur meine
Tat, wenn sie in dieser Auffassung eine freie genannt werden kann.
Hier ist zunächst die Rede davon,
unter welchen Voraussetzungen eine gewollte Handlung als eine freie empfunden
wird; wie diese rein ethisch gefaßte Freiheitsidee in der menschlichen
Wesenheit sich verwirklicht, soll im folgenden sich zeigen.
Die Handlung aus Freiheit
schließt die sittlichen Gesetze nicht etwa aus, sondern ein; sie erweist sich
nur als höherstehend gegenüber derjenigen, die nur von diesen Gesetzen diktiert
ist.
Warum sollte meine Handlung
denn weniger dem Gesamtwohle dienen, wenn ich sie aus Liebe getan habe, als
dann, wenn ich sie nur aus dem Grunde vollbracht habe, weil dem
Gesamtwohle zu dienen ich als Pflicht empfinde?
Der bloße Pflichtbegriff
schließt die Freiheit aus, weil er das Individuelle nicht anerkennen
will, sondern Unterwerfung des letztern unter eine allgemeine Norm fordert.
Die Freiheit des Handelns ist
nur denkbar vom Standpunkte des ethischen Individualismus aus.
Wie ist aber ein Zusammenleben
der Menschen möglich, wenn jeder nur bestrebt ist, seine Individualität zur
Geltung zu bringen?
Damit ist ein Einwand des
falsch verstandenen Moralismus gekennzeichnet.
Dieser glaubt, eine
Gemeinschaft von Menschen sei nur möglich, wenn sie alle vereinigt sind durch
eine gemeinsam festgelegte sittliche Ordnung.
Dieser Moralismus versteht eben
die Einigkeit der Ideenwelt nicht Er begreift nicht, daß die Ideenwelt, die in
mir tätig ist, keine andere ist, als die in meinem Mitmenschen.
Diese Einheit ist allerdings
bloß ein Ergebnis der Welterfahrung.
Allein sie muß ein
solches sein.
Denn wäre sie durch irgend
etwas anderes als durch Beobachtung zu erkennen, so wäre in ihrem Bereich nicht
individuelles Erleben, sondern allgemeine Norm geltend.
Individualität ist nur möglich,
wenn jedes individuelle Wesen vom andern nur durch individuelle Beobachtung
weiß.
Der Unterschied zwischen mir
und meinem Mitmenschen liegt durchaus nicht darin, daß wir in zwei ganz
verschiedenen Geisteswelten leben, sondern daß er aus der uns gemeinsamen
Ideenwelt andere Intuitionen empfängt als ich.
Er will seine Intuitionen
ausleben, ich die meinigen.
Wenn wir beide wirklich aus der
Idee schöpfen und keinen äußeren (physischen oder geistigen) Antrieben folgen,
so können wir uns nur in dem gleichen Streben, in denselben Intentionen
begegnen.
Ein sittliches Mißverstehen,
ein Aufeinanderprallen ist bei sittlich freien Menschen ausgeschlossen.
Nur der sittlich Unfreie, der
dem Naturtrieb oder einem angenommenen Pflichtgebot folgt, stößt den
Nebenmenschen zurück, wenn er nicht dem gleichen Instinkt und dem gleichen
Gebot folgt.
Leben in der
Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens
ist die Grundmaxime der freien Menschen.
Sie kennen kein anderes Sollen
als dasjenige, mit dem sich ihr Wollen in intuitiven Einklang versetzt; wie
sie in einem besonderen Falle wollen werden, das wird ihnen ihr
Ideenvermögen sagen.
Läge nicht in der menschlichen
Wesenheit der Urgrund zur Verträglichkeit, man würde sie ihr durch keine
äußeren Gesetze einimpfen!
Nur weil die menschlichen
Individuen eines Geistes sind, können sie sich auch nebeneinander
ausleben.
Der Freie lebt in dem Vertrauen
darauf, daß der andere Freie mit ihm einer geistigen Welt angehört und sich in
seinen Intentionen mit ihm begegnen wird.
Der Freie verlangt von seinen
Mitmenschen keine Übereinstimmung, aber er erwartet sie, weil sie in der
menschlichen Natur liegt.
Damit ist nicht auf die
Notwendigkeiten gedeutet, die für diese oder jene äußeren Einrichtungen
bestehen, sondern auf die Gesinnung, auf die Seelenverfassung, durch die der
Mensch in seinem Sich-Erleben unter von ihm geschätzten Mitmenschen der
menschlichen Würde am meisten gerecht wird.
Es wird viele geben, die da
sagen: der Begriff des freien Menschen, den du da entwirfst, ist eine
Schimäre, ist nirgends verwirklicht.
Wir haben es aber mit
wirklichen Menschen zu tun, und bei denen ist auf Sittlichkeit nur zu hoffen,
wenn sie einem Sittengebote gehorchen, wenn sie ihre sittliche Mission als
Pflicht auffassen und nicht frei ihren Neigungen und ihrer Liebe folgen. - Ich
bezweifle das keineswegs.
Nur ein Blinder könnte es.
Aber dann hinweg mit aller
Heuchelei der Sittlichkeit, wenn dieses letzte Einsicht sein sollte.
Saget dann einfach: die
menschliche Natur muß zu ihren Handlungen gezwungen werden, solange sie
nicht frei ist.
Ob man die Unfreiheit durch
physische Mittel oder durch Sittengesetze bezwingt, ob der Mensch unfrei ist,
weil er seinem maßlosen Geschlechtstrieb folgt oder darum, weil er in den
Fesseln konventioneller Sittlichkeit eingeschnürt ist, ist für einen gewissen
Gesichtspunkt ganz gleichgültig.
Man behaupte aber nur nicht,
daß ein solcher Mensch mit Recht eine Handlung die seinige nennt, da er
doch von einer fremden Gewalt dazu getrieben ist.
Aber mitten aus der
Zwangsordnung heraus erheben sich die Menschen, die freien Geister, die sich
selbst finden in dem Wust von Sitte, Gesetzeszwang, Religionsübung und so
weiter.
Frei sind
sie, insofern sie nur sich folgen, unfrei, insofern sie sich unterwerfen.
Wer von uns kann sagen, daß er
in allen seinen Handlungen wirklich frei ist?
Aber in jedem von uns wohnt
eine tiefere Wesenheit, in der sich der freie Mensch ausspricht.
Aus Handlungen der Freiheit und
der Unfreiheit setzt sich unser Leben zusammen.
Wir können aber den Begriff des
Menschen nicht uzende denken, ohne auf den freien Geist als die reinste
Ausprägung der menschlichen Natur zu kommen.
Wahrhaft Menschen sind wir doch
nur, insofern wir frei sind.
Das ist ein Ideal, werden viele
sagen.
Ohne Zweifel, aber ein solches,
das sich in unserer Wesenheit als reales Element an die Oberfläche arbeitet.
Es ist kein erdachtes oder
erträumtes Ideal, sondern ein solches, das Leben hat und das sich auch in der
unvollkommensten Form seines Daseins deutlich ankündigt.
Wäre der Mensch ein bloßes
Naturwesen, dann wäre das Aufsuchen von Idealen, das ist von Ideen, die
augenblicklich unwirksam sind, deren Verwirklichung aber gefordert wird, ein
Unding.
An dem Dinge der Außenwelt ist
die Idee durch die Wahrnehmung bestimmt; wir haben das unserige getan. wenn wir
den Zusammenhang von Idee und Wahrnehmung erkannt haben.
Beim Menschen ist das nicht so.
Die Summe seines Daseins ist
nicht ohne ihn selbst bestimmt; sein wahrer Begriff als sittlicher Mensch
(freier Geist) ist mit dem Wahrnehmungsbilde «Mensch» nicht im voraus objektiv
vereinigt, um bloß nachher durch die Erkenntnis festgestellt zu werden.
Der Mensch muß selbsttätig
seinen Begriff mit der Wahrnehmung Mensch vereinigen.
Begriff und Wahrnehmung decken
sich hier nur, wenn sie der Mensch selbst zur Deckung bringt.
Er kann es aber nur, wenn er
den Begriff des freien Geistes, das ist seinen eigenen Begriff gefunden hat.
In der objektiven Welt ist uns
durch unsere Organisation ein Grenzstrich gezogen zwischen Wahrnehmung und
Begriff; das Erkennen überwindet diese Grenze.
In der subjektiven Natur ist
diese Grenze nicht minder vorhanden; der Mensch überwindet sie im Laufe seiner
Entwicklung, indem er in seiner Erscheinung seinen Begriff zur Ausgestaltung
bringt.
So führt uns sowohl das
intellektuelle wie das sittliche Leben des Menschen auf seine Doppelnatur: das
Wahrnehmen (unmittelbares Erleben) und Denken.
Das intellektuelle Leben
überwindet die Doppelnatur durch die Erkenntnis, das sittliche durch die
tatsächliche Verwirklichung des freien Geistes.
Jedes Wesen hat seinen
eingeborenen Begriff (das Gesetz seines Seins und Wirkens); aber er ist in den
Außendingen unzertrennlich mit der Wahrnehmung verbunden und nur innerhalb
unseres geistigen Organismus von dieser abgesondert.
Beim Menschen selbst ist
Begriff und Wahrnehmung zunächst tatsächlich getrennt, um von ihm ebenso
tatsächlich vereinigt zu werden.
Man kann einwenden: unserer
Wahrnehmung des Menschen entspricht in jedem Augenblicke seines Lebens ein
bestimmter Begriff, so wie jedem anderen Dinge auch.
Ich kann mir den Begriff eines
Schablonenmenschen bilden und kann einen solchen auch als Wahrnehmung gegeben
haben; wenn ich zu diesem auch noch den Begriff des freien Geistes bringe, so
habe ich zwei Begriffe für dasselbe Objekt.
Das ist einseitig gedacht.
Ich bin als Wahrnehmungsobjekt
einer fortwährenden Veränderung unterworfen.
Als Kind war ich ein anderer,
ein anderer als Jüngling und als Mann.
Ja, in jedem Augenblicke ist
mein Wahrnehmungsbild ein anderes als in den vorangehenden.
Diese Veränderungen können sich
in dem Sinne vollziehen, daß sich in ihnen nur immer derselbe
(Schablonenmensch) ausspricht, oder daß sie den Ausdruck des freien Geistes
darstellen.
Diesen Veränderungen ist das
Wahrnehmungsobjekt meines Handelns unterworfen.
Es ist in dem
Wahrnehmungsobjekt Mensch die Möglichkeit gegeben, sich umzubilden, wie im
Pflanzenkeim die Möglichkeit liegt, zur ganzen Pflanze zu werden.
Die Pflanze wird sich umbilden
wegen der objektiven, in ihr liegenden Gesetzmäßigkeit; der Mensch bleibt in
seinem unvollendeten Zustande, wenn er nicht den Umbildungsstoff in sich selbst
aufgreift, und sich durch eigene Kraft umbildet.
Die Natur macht aus dem
Menschen bloß ein Naturwesen; die Gesellschaft ein gesetzmäßig handelndes; ein freies
Wesen kann er nur selbst aus sich machen.
Die Natur läßt den Menschen in
einem gewissen Stadium seiner Entwicklung aus ihren Fesseln los; die
Gesellschaft führt diese Entwicklung bis zu einem weiteren Punkte; den letzten
Schliff kann nur der Mensch selbst sich geben.
Der Standpunkt der freien
Sittlichkeit behauptet also nicht, daß der freie Geist die einzige Gestalt ist,
in der ein Mensch existieren kann.
Sie sieht in der freien
Geistigkeit nur das letzte Entwicklungsstadium des Menschen.
Damit ist nicht geleugnet, daß
das Handeln nach Normen als Entwicklungsstufe seine Berechtigung habe.
Es kann nur nicht als absoluter
Sittlichkeitsstandpunkt anerkannt werden.
Der freie Geist aber überwindet
die Normen in dem Sinne, daß er nicht nur Gebote als Motive empfindet, sondern
sein Handeln nach seinen Impulsen (Intuitionen) einrichtet.
Wenn Kant von der Pflicht sagt:
«Pflicht! du erhabener, großer Name, der du nichts Beliebtes, was
Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung
verlangst» der du «ein Gesetz aufstellst..., vor dem alle Neigungen Verstummen,
wenn sie gleich in Geheim ihm entgegenwirken» so erwidert der Mensch aus dem
Bewußtsein des freien Geistes:
«Freiheit! du freundlicher,
menschlicher Name, der du alles sittlich Beliebte, was mein Menschentum am
meisten würdigt, in dir fassest, und mich zu niemandes Diener machst, der du
nicht bloß ein Gesetz aufstellst, sondern abwartest, was meine sittliche Liebe
selbst als Gesetz erkennen wird, weil sie jedem nur auferzwungenen Gesetze
gegenüber sich unfrei fühlt.»
Das ist der Gegensatz von bloß
gesetzmäßiger und freier Sittlichkeit.
Der Philister, der in einem
äußerlich Festgestellten die verkörperte Sittlichkeit sieht, wird in dem freien
Geist vielleicht sogar einen gefährlichen Menschen sehen.
Er tut es aber nur, weil sein
Blick eingeengt ist in eine bestimmte Zeitepoche.
Wenn er über dieselbe
hinausblicken könnte, so müßte er alsbald finden, daß der freie Geist ebenso
wenig nötig hat, über die Gesetze seines Staates hinauszugehen, wie der
Philister selbst, nie aber sich mit ihnen in einen wirklichen Widerspruch zu
setzen.
Denn die Staatsgesetze sind
sämtlich aus Intuitionen freier Geister entsprungen, ebenso wie alle anderen
objektiven Sittlichkeitsgesetze.
Kein Gesetz wird durch
Familienautorität ausgeübt, das nicht einmal von einem Ahnherrn als solches
intuitiv erfaßt und festgesetzt worden wäre; auch die konventionellen Gesetze
der Sittlichkeit werden von bestimmten Menschen zuerst aufgestellt; und die
Staatsgesetze entstehen stets im Kopfe eines Staatsmannes.
Diese Geister haben die Gesetze
über die anderen Menschen gesetzt, und unfrei wird nur der, welcher diesen
Ursprung vergißt, und sie entweder zu außermenschlichen Geboten, zu objektiven
vom Menschlichen unabhängigen sittlichen Pflichtbegriffen oder zur befehlenden
Stimme seines eigenen falsch mystisch zwingend gedachten Innern macht.
Wer den Ursprung aber nicht
übersieht, sondern ihn in dem Menschen sucht, der wird damit rechnen als mit
einem Gliede derselben Ideenwelt, aus der auch er seine sittlichen Intuitionen
holt.
Glaubt er bessere zu haben, so
sucht er sie an die Stelle der bestehenden zu bringen; findet er diese
berechtigt, dann handelt er ihnen gemäß, als wenn sie seine eigenen wären.
Es darf nicht die Formel
geprägt werden, der Mensch sei dazu da, um eine von ihm abgesonderte sittliche
Weltordnung zu verwirklichen.
Wer dies behauptete, stünde in
bezug auf Menschheitswissenschaft noch auf demselben Standpunkt, auf dem jene
Naturwissenschaft stand, die da glaubte: der Stier habe Hörner, damit er stoßen
könne.
Die Naturforscher haben
glücklich einen solchen Zweckbegriff zu den Toten geworfen.
Die Ethik kann sich schwerer
davon frei machen.
Aber so wie die Hörner nicht wegen
des Stoßens da sind, sondern das Stoßen durch die Hörner, so ist der
Mensch nicht wegen der Sittlichkeit da, sondern die Sittlichkeit durch den
Menschen.
Der freie Mensch handelt
sittlich, weil er eine sittliche Idee hat; aber er handelt nicht, damit
Sittlichkeit entstehe.
Die menschlichen Individuen mit
ihren zu ihrem Wesen gehörigen sittlichen Ideen sind die Voraussetzung der
sittlichen Weltordnung.
Das menschliche Individuum ist
Quell aller Sittlichkeit und Mittelpunkt des Erdenlebens.
Der Staat, die Gesellschaft
sind nur da, weil sie sich als notwendige Folge des Individuallebens ergeben.
Daß dann der Staat und die
Gesellschaft wieder zurückwirken auf das Individualleben, ist ebenso
begreiflich, wie der Umstand, daß das Stoßen, das durch die Hörner da ist,
wieder zurückwirkt auf die weitere Entwicklung der Hörner des Stieres, die bei
längerem Nichtgebrauch verkümmern würden.
Ebenso müßte das Individuum
verkümmern, wenn es außerhalb der menschlichen Gemeinschaft ein abgesondertes
Dasein führte.
Darum bildet sich ja gerade die
gesellschaftliche Ordnung, um im günstigen Sinne wieder zurück auf das Individuum
zu wirken.
Anmerkungen:
Hier sollte nur das gekennzeichnet werden, was die
unbefangene Beobachtung des Denkens selbst ergibt.
(2) S. 145
bis zur obigen Stelle ist Zusatz, beziehungsweise Umarbeitung für diese
Neuausgabe (1918).
(3)
Eine vollständige Zusammenstellung der Prinzipien der Sittlichkeit findet man
(vom Standpunkte des metaphysischen Realismus aus) in Eduard von Hartmanns
«Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins».
Der naive Mensch, der nur als
wirklich gelten läßt, was er mit Augen sehen und mit Händen greifen kann,
fordert auch für sein sittliches Leben Beweggründe, die mit den Sinnen
wahrnehmbar sind.
Er fordert ein Wesen, das ihm
diese Beweggründe auf eine seinen Sinnen verständliche Weise mitteilt.
Er wird von einem Menschen, den
er für weiser und mächtiger hält als sich selbst, oder den er aus einem andern
Grunde als eine über ihm stehende Macht anerkennt, diese Beweggründe als Gebote
sich diktieren lassen.
Es ergeben sich auf diese Weise
als sittliche Prinzipien die schon früher genannten der Familien-, staatlichen,
gesellschaftlichen, kirchlichen und göttlichen Autorität.
Der befangenste Mensch glaubt
noch einem einzelnen andern Menschen; der etwas fortgeschrittenere läßt sich
sein sittliches Verhalten von einer Mehrheit (Staat, Gesellschaft) diktieren.
Immer sind es wahrnehmbare
Mächte, auf die er baut.
Wem endlich die Überzeugung
aufdämmert, daß dies doch im Grunde ebenso schwache Menschen sind wie er, der
sucht bei einer höheren Macht Auskunft, bei einem göttlichen Wesen, das er sich
aber mit sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften ausstattet.
Er läßt sich von diesem Wesen
den begrifflichen Inhalt seines sittlichen Lebens wieder auf wahrnehmbare Weise
vermitteln, sei es, daß der Gott im brennenden Dornbusche erscheint, sei es,
daß er in leibhaftig-menschlicher Gestalt unter den Menschen wandelt und ihren
Ohren vernehmbar sagt, was sie tun und nicht tun sollen.
Die höchste Entwickelungsstufe
des naiven Realismus auf dem Gebiete der Sittlichkeit ist die, wo das
Sittengebot (sittliche Idee) von jeder fremden Wesenheit abgetrennt und
hypothetisch als absolute Kraft im eigenen Innern gedacht wird.
Was der Mensch zuerst als
äußere Stimme Gottes vernahm, das vernimmt er jetzt als selbständige Macht in
seinem Innern und spricht von dieser innern Stimme so, daß er sie dem Gewissen
gleichsetzt.
Damit ist aber die Stufe des
naiven Bewußtseins bereits verlassen, und wir sind eingetreten in die Region,
wo die Sittengesetze als Normen verselbständigt werden.
Sie haben dann keinen Träger
mehr, sondern werden zu metaphysischen Wesenheiten, die durch sich selbst
existieren.
Sie sind analog den
unsichtbar-sichtbaren Kräften des metaphysischen Realismus, der die
Wirklichkeit nicht durch den Anteil sucht, den die menschliche Wesenheit im
Denken an dieser Wirklichkeit hat, sondern der sie hypothetisch zu dem Erlebten
hinzudenkt.
Die außermenschlichen
Sittennormen treten auch immer als Begleiterscheinung dieses metaphysischen
Realismus auf.
Dieser metaphysische Realismus
muß auch den Ursprung der Sittlichkeit im Felde des außermenschlichen
Wirklichen suchen.
Es gibt da verschiedene
Möglichkeiten.
Ist das vorausgesetzte Wesen
als ein an sich gedankenloses, nach rein mechanischen Gesetzen wirkendes
gedacht, wie es das des Materialismus sein soll, dann wird es auch das
menschliche Individuum durch rein mechanische Notwendigkeit aus sich
hervorbringen samt allem, was an diesem ist.
Das Bewußtsein der Freiheit
kann dann nur eine Illusion sein.
Denn während ich mich für den
Schöpfer meiner Handlung halte, wirkt in mir die mich zusammensetzende Materie
und ihre Bewegungsvorgänge.
Ich glaube mich frei; alle
meine Handlungen sind aber tatsächlich nur Ergebnisse der meinem leiblichen und
geistigen Organismus zugrunde liegenden materiellen Vorgänge.
Nur weil wir die uns zwingenden
Motive nicht kennen, haben wir das Gefühl der Freiheit, meint diese Ansicht.
«Wir müssen hier wieder
hervorheben, daß dieses Gefühl der Freiheit auf der Abwesenheit äußerer
zwingender Motive... beruht., «Unser Handeln ist necessitiert wie unser Denken.»
(Ziehen, Leitfaden der
physiologischen Psychologie Seite 207f.) (1)
Eine andere Möglichkeit ist
die, daß jemand in einem geistigen Wesen das hinter den Erscheinungen steckende
außermenschliche Absolute sieht.
Dann wird er auch den Antrieb
zum Handeln in einer solchen geistigen Kraft suchen.
Er wird die in seiner Vernunft
auffindbaren Sittenprinzipien für einen Ausfluß dieses Wesens an sich ansehen,
das mit dem Menschen seine besonderen Absichten hat.
Die Sittengesetze erscheinen
dem Dualisten dieser Richtung als von dem Absoluten diktiert, und der Mensch
hat durch seine Vernunft einfach diese Ratschlüsse des absoluten Wesens zu
erforschen und auszuführen.
Die sittliche Weltordnung
erscheint dem Dualisten als wahrnehmbarer Abglanz einer hinter derselben
stehenden höheren Ordnung.
Die irdische Sittlichkeit ist
die Erscheinung der außermenschlichen Weltordnung.
Nicht der Mensch ist es, auf
den es in dieser sittlichen Ordnung ankommt, sondern auf das Wesen an sich, auf
das außermenschliche Wesen.
Der Mensch soll das, was
dieses Wesen will.
Eduard von Hartmann, der das Wesen an sich als Gottheit vorstellt, für die das eigene Dasein
Leiden ist, glaubt, dieses göttliche Wesen habe die Welt erschaffen, damit es
durch dieselbe von seinem unendlich großen Leiden erlöst werde.
Dieser Philosoph sieht daher
die sittliche Entwicklung der Menschheit als einen Prozeß an, der dazu da ist,
die Gottheit zu erlösen.
«Nur durch den Aufbau einer
sittlichen Weltordnung von seiten vernünftiger selbstbewußter Individuen kann
der Weltprozeß seinem Ziel entgegengeführt... werden., «Das reale Dasein ist
die Inkarnation der Gottheit, der Weltprozeß die Passionsgeschichte des
fleischgewordenen Gottes, und zugleich der Weg zur Erlösung des im Fleische
Gekreuzigten; die Sittlichkeit aber ist die Mitarbeit an der Abkürzung
dieses Leidens- und Erlösungsweges.»
(Hartmann, Phänomenologie des
sittlichen Bewußtseins S. 871).
Hier handelt der Mensch nicht,
weil er will, sondern er soll handeln, weil Gott erlöst sein will.
Wie der materialistische
Dualist den Menschen zum Automaten macht, dessen Handeln nur das Ergebnis rein
mechanischer Gesetzmäßigkeit ist, so macht ihn der spiritualistische Dualist
(das ist derjenige, der das Absolute, das Wesen an sich, in einem Geistigen sieht,
an dem der Mensch mit seinem bewußten Erleben keinen Anteil hat) zum Sklaven
des Willens jenes Absoluten.
Freiheit ist innerhalb des
Materialismus sowie des einseitigen Spiritualismus, überhaupt innerhalb des auf
Außermenschliches als wahre Wirklichkeit schließenden, diese nicht erlebenden
metaphysischen Realismus, ausgeschlossen.
Der naive wie dieser
metaphysische Realismus müssen konsequenterweise aus einem und demselben Grunde
die Freiheit leugnen, weil sie in dem Menschen nur den Vollstrecker oder Vollzieher
von notwendig ihm aufgedrängten Prinzipien sehen.
Der naive Realismus tötet die
Freiheit durch Unterwerfung unter die Autorität eines wahrnehmbaren oder nach
Analogie der Wahrnehmungen gedachten Wesens oder endlich unter die abstrakte
innere Stimme, die er als «Gewissen» deutet; der bloß das
Außermenschliche erschließende Metaphysiker kann die Freiheit nicht anerkennen,
weil er den Menschen von einem «Wesen an sich» mechanisch oder moralisch
bestimmt sein läßt.
Der Monismus wird die
teilweise Berechtigung des naiven Realismus anerkennen müssen, weil er die
Berechtigung der Wahrnehmungswelt anerkennt.
Wer unfähig ist, die sittlichen
Ideen durch Intuition hervorzubringen, der muß sie von andern empfangen.
Insoweit der Mensch seine
sittlichen Prinzipien von außen empfängt, ist er tatsächlich unfrei.
Aber der Monismus schreibt der
Idee neben der Wahrnehmung eine gleiche Bedeutung zu.
Die Idee kann aber im
menschlichen Individuum zur Erscheinung kommen.
Insofern der Mensch den
Antrieben von dieser Seite folgt, empfindet er sich als frei.
Der Monismus spricht aber der
bloß schlußfolgernden Metaphysik alle Berechtigung ab, folglich auch den von
sogenannten «Wesen an sich» herrührenden Antrieben des Handelns.
Der Mensch kann nach
monistischer Auffassung unfrei handeln, wenn er einem wahrnehmbaren äußeren
Zwange folgt; er kann frei handeln, wenn er nur sich selbst gehorcht.
Einen unbewußten, hinter
Wahrnehmung und Begriff steckenden Zwang kann der Monismus nicht anerkennen.
Wenn jemand von einer Handlung seines
Mitmenschen behauptet: sie sei unfrei vollbracht, so muß er innerhalb
der wahrnehmbaren Welt das Ding, oder den Menschen, oder die Einrichtung
nachweisen, die jemand zu seiner Handlung veranlaßt haben; wenn der Behauptende
sich auf Ursachen des Handelns außerhalb der sinnlich und geistig wirklichen
Welt beruft, dann kann sich der Monismus auf eine solche Behauptung nicht
einlassen.
Nach monistischer Auffassung
handelt der Mensch teils, unfrei, teils frei.
Er findet sich als unfrei in
der Welt der Wahrnehmungen vor und verwirklicht in sich den freien Geist.
Die sittlichen Gebote, die der
bloß schlußfolgernde Metaphysiker als Ausflüsse einer höheren Macht ansehen
muß, sind dem Bekenner des Monismus Gedanken der Menschen; die sittliche
Weltordnung ist ihm weder der Abklatsch einer rein mechanischen Naturordnung,
noch einer außermenschlichen Weltordnung, sondern durchaus freies Menschenwerk.
Der Mensch hat nicht den Willen
eines außer ihm liegenden Wesens in der Welt, sondern seinen eigenen durchzusetzen;
er verwirklicht nicht die Ratschlüsse und Intentionen eines andern Wesens,
sondern seine eigenen.
Hinter den handelnden Menschen
sieht der Monismus nicht die Zwecke einer ihm fremden Weltenlenkung, die die
Menschen nach ihrem Willen bestimmt, sondern die Menschen verfolgen, insofern
sie intuitive Ideen verwirklichen, nur ihre eigenen, menschlichen Zwecke.
Und zwar verfolgt jedes
Individuum seine besonderen Zwecke.
Denn die Ideenwelt lebt sich
nicht in einer Gemeinschaft von Menschen, sondern nur in menschlichen
Individuen aus.
Was als gemeinsames Ziel einer
menschlichen Gesamtheit sich ergibt, das ist nur die Folge der einzelnen
Willenstaten der Individuen, und zwar meist einiger weniger Auserlesener, denen
die anderen, als ihren Autoritäten, folgen.
Jeder von uns ist berufen zum
freien Geiste, wie jeder Rosenkeim berufen ist, Rose zu werden.
Der Monismus ist also im
Gebiete des wahrhaft sittlichen Handelns Freiheitsphilosophie.
Weil er
Wirklichkeitsphilosophie ist, so weist er ebenso gut die metaphysischen,
unwirklichen Einschränkungen des freien Geistes zurück, wie er die physischen
und historischen (naiv-wirklichen) des naiven Menschen anerkennt.
Weil er den Menschen nicht als
abgeschlossenes Produkt, das in jedem Augenblicke seines Lebens sein volles
Wesen entfaltet, betrachtet, so scheint ihm der Streit, ob der Mensch als
solcher frei ist oder nicht, wichtig.
Er sieht in dem Menschen ein
sich entwickelndes Wesen und fragt, ob auf dieser Entwickelungsbahn auch die
Stufe des freien Geistes erreicht werden kann.
Der Monismus weiß, daß die
Natur den Menschen nicht als freien Geist fix und fertig aus ihren Armen
entläßt, sondern daß sie ihn bis zu einer gewissen Stufe führt, von der aus er
noch immer als unfreies Wesen sich weiter entwickelt, bis er an den Punkt
kommt, wo er sich selbst findet.
Der Monismus ist sich klar
darüber, daß ein Wesen, das unter einem physischen oder moralischen Zwange
handelt, nicht wahrhaftig sittlich sein kann.
Er betrachtet den Durchgang
durch das automatische Handeln (nach natürlichen Trieben und Instinkten) und
denjenigen durch das gehorsame Handeln (nach sittlichen Normen) als notwendige
Vorstufen der Sittlichkeit, aber er sieht die Möglichkeit ein, beide
Durchgangsstadien durch den freien Geist zu überwinden.
Der Monismus befreit die
wahrhaft sittliche Weltanschauung im allgemeinen von den innerweltlichen
Fesseln der naiven Sittlichkeitsmaximen und von den außerweltlichen
Sittlichkeitsmaximen der spekulierenden Metaphysiker.
Jene kann er nicht aus der Welt
schaffen, wie er die Wahrnehmung nicht aus der Welt schaffen kann, diese lehnt
er ab, weil er alle Erklärungsprinzipien zur Aufhellung der Welterscheinungen
innerhalb der Welt sucht und keine außerhalb derselben.
Ebenso wie der Monismus es
ablehnt, an andere Erkenntnisprinzipien als solche für Menschen auch nur zu
denken (vergleiche S. 126 f.), so weist er auch den Gedanken an andere
Sittlichkeitsmaximen als solche für Menschen entschieden zurück.
Die menschliche Sittlichkeit
ist wie die menschliche Erkenntnis bedingt durch die menschliche Natur.
Und so wie andere Wesen unter
Erkenntnis etwas ganz anderes verstehen werden als wir, so werden andere Wesen
auch eine andere Sittlichkeit haben.
Sittlichkeit ist dem Anhänger
des Monismus eine spezifisch menschliche Eigenschaft, und Freiheit die
menschliche Form, sittlich zu sein.
1. Zusatz zur Neuauflage
(1918).
Eine Schwierigkeit in der Beurteilung des in beiden vorangehenden Abschnitten Dargestellten kann
dadurch entstehen, daß man sich einem Widerspruch gegenübergestellt glaubt.
Auf der einen Seite wird von
dem Erleben des Denkens gesprochen, das von allgemeiner, für jedes menschliche
Bewußtsein gleich geltender Bedeutung empfunden wird; auf der andern Seite wird
hier darauf hingewiesen, daß die Ideen, welche im sittlichen Leben verwirklicht
werden und die mit den im Denken erarbeiteten Ideen von gleicher Art sind, auf
individuelle Art sich in jedem menschlichen Bewußtsein ausleben.
Wer sich gedrängt fühlt, bei
dieser Gegenüberstellung als bei einem «Widerspruch» stehen zu bleiben, und wer
nicht erkennt, daß eben in der lebendigen Anschauung dieses tatsächlich
vorhandenen Gegensatzes ein Stück vom Wesen des Menschen sich enthüllt, dem
wird weder die Idee der Erkenntnis, noch die der Freiheit im rechten Lichte
erscheinen können.
Für diejenige Ansicht, welche
ihre Begriffe bloß als von der Sinneswelt abgezogen (abstrahiert) denkt und
welche die Intuition nicht zu ihrem Rechte kommen läßt, bleibt der hier für
eine Wirklichkeit in Anspruch genommene Gedanke als ein «bloßer Widerspruch»
bestehen.
Für eine Einsicht, die
durchschaut, wie Ideen intuitiv erlebt werden als ein auf sich selbst
beruhendes Wesenhaftes, wird klar, daß der Mensch im Umkreis der Ideenwelt beim
Erkennen sich in ein für alle Menschen Einheitliches hineinlebt, daß er
aber, wenn er aus dieser Ideenwelt die Intuitionen für seine Willensakte
entlehnt, ein Glied dieser Ideenwelt durch dieselbe Tätigkeit individualisiert,
die er im geistig-ideellen Vorgang beim Erkennen als eine allgemein-menschliche
entfaltet.
Was als logischer Widerspruch
erscheint, die allgemeine Artung der Erkenntnis-Ideen und die individuelle der
Sitten-Ideen: das wird, indem es in seiner Wirklichkeit angeschaut wird,
gerade zum lebendigen Begriff.
Darin liegt ein Kennzeichen der
menschlichen Wesenheit, daß das intuitiv zu Erfassende im Menschen wie
im lebendigen Pendelschlag sich hin- und herbewegt zwischen der allgemein
geltenden Erkenntnis und dem individuellen Erleben dieses Allgemeinen.
Wer den einen Pendelausschlag
in seiner Wirklichkeit nicht schauen kann, für den bleibt das Denken nur eine
subjektive menschliche Betätigung; wer den andern nicht erfassen kann, für den
scheint mit der Betätigung des Menschen im Denken alles individuelle Leben
verloren.
Für einen Denker der erstern Art
ist das Erkennen, für den andern das sittliche Leben eine undurchschaubare
Tatsache.
Beide werden für die Erklärung
des einen oder des andern allerlei Vorstellungen beibringen, die alle
unzutreffend sind, weil von beiden eigentlich die Erlebbarkeit des Denkens
entweder gar nicht erfaßt, oder als bloß abstrahierende Betätigung verkannt
wird.
2. Zusatz zur Neuauflage
(1918).
Auf S. 175 f. wird von Materialismus
gesprochen.
Es ist mir wohl bewußt, daß es
Denker gibt - wie der eben angeführte Th. Ziehen –, die sich selbst durchaus
nicht als Materialisten bezeichnen, die aber doch von dem in diesem Buche
geltend gemachten Gesichtspunkte mit diesem Begriffe bezeichnet werden müssen.
Es kommt nicht darauf an, ob
jemand sagt, für ihn sei die Welt nicht im bloß materiellen Sein beschlossen;
er sei deshalb kein Materialist.
Sondern es kommt darauf an, ob
er Begriffe entwickelt, die nur auf ein materielles Sein anwendbar sind.
Wer ausspricht: «Unser Handeln
ist necessitiert wie unser Denken», der hat einen Begriff hingestellt, der bloß
auf materielle Vorgänge, aber weder auf das Handeln, noch auf das Sein
anwendbar ist; und er müßte, wenn er seinen Begriff zu Ende dächte, eben
materialistisch denken.
Daß er es nicht tut, ergibt
sich nur aus derjenigen Inkonsequenz, die so oft die Folge des nicht zu Ende
geführten Denkens ist. – Man hört jetzt oft, der Materialismus des 19. Jahrhunderts
sei wissenschaftlich abgetan.
In Wahrheit ist er es aber
durchaus nicht.
Man bemerkt in der Gegenwart
oft nur nicht, daß man keine anderen Ideen als solche hat, mit denen man nur an
Materielles heran kann.
Dadurch verhüllt sich jetzt der
Materialismus, während er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sich offen
zur Schau gestellt hat.
Gegen eine geistig die Welt
erfassende Anschauung ist der verhüllte Materialismus der Gegenwart nicht
weniger intolerant als der eingestandene des vorigen Jahrhunderts.
Er täuscht nur viele, die da
glauben, eine auf Geistiges gehende Weltauffassung ablehnen zu dürfen, weil ja
die naturwissenschaftliche den «Materialismus längst verlassen hat» –
Anmerkungen:
(1) Über die Art, wie
hier von «Materialismus» gesprochen wird, und die Berechtigung, von ihm so zu
sprechen, vgl. «Zusatz» zu diesem Kapitel am Schluß desselben.
Unter den mannigfaltigen
Strömungen in dem geistigen Leben der Menschheit ist eine zu verfolgen, die man
nennen kann die Überwindung des Zweckbegriffes auf Gebieten, in die er nicht
gehört.
Die Zweckmäßigkeit ist eine
bestimmte Art in der Abfolge von Erscheinungen.
Wahrhaft wirklich ist die
Zweckmäßigkeit nur dann, wenn im Gegensatz zu dem Verhältnis von Ursache und
Wirkung, wo das vorhergehende Ereignis ein späteres bestimmt, umgekehrt das
folgende Ereignis bestimmend auf das frühere einwirkt.
Dies liegt zunächst nur bei
menschlichen Handlungen vor.
Der Mensch vollbringt eine
Handlung, die er sich vorher vorstellt, und läßt sich von dieser
Vorstellung zur Handlung bestimmen.
Das Spätere, die Handlung,
wirkt mit Hilfe der Vorstellung auf das Frühere, den handelnden Menschen.
Dieser Umweg durch das
Vorstellen ist aber zum zweckmäßigen Zusammenhange durchaus notwendig.
In dem Prozesse, der in Ursache
und Wirkung zerfällt, ist zu unterscheiden die Wahrnehmung von dem Begriff.
Die Wahrnehmung der Ursache
geht der Wahrnehmung der Wirkung vorher; Ursache und Wirkung blieben in unserem
Bewußtsein einfach nebeneinander bestehen, wenn wir sie nicht durch ihre
entsprechenden Begriffe miteinander verbinden könnten.
Die Wahrnehmung der Wirkung
kann stets nur auf die Wahrnehmung der Ursache folgen.
Wenn die Wirkung einen realen
Einfluß auf die Ursache haben soll, so kann dies nur durch den begrifflichen
Faktor sein.
Denn der Wahrnehmungsfaktor der
Wirkung ist vor dem der Ursache einfach gar nicht vorhanden.
Wer behauptet, die Blüte sei
der Zweck der Wurzel, das heißt, die erstere habe auf die letztere einen
Einfluß, der kann das nur von dem Faktor an der Blüte behaupten, den er durch
sein Denken an derselben konstatiert.
Der Wahrnehmungsfaktor der
Blüte hat zur Zeit der Entstehungszeit der Wurzel noch kein Dasein.
Zum zweckmäßigen Zusammenhange
ist aber nicht bloß der ideelle, gesetzmäßige Zusammenhang des Späteren mit dem
Früheren notwendig, sondern der Begriff (das Gesetz) der Wirkung muß real,
durch einen wahrnehmbaren Prozeß die Ursache beeinflussen.
Einen wahrnehmbaren Einfluß von
einem Begriff auf etwas anderes können wir aber nur bei den menschlichen
Handlungen beobachten.
Hier ist also der Zweckbegriff
allein anwendbar.
Das naive Bewußtsein, das nur
das Wahrnehmbare gelten läßt, sucht - wie wir wiederholt bemerkt - auch dorthin
Wahrnehmbares zu versetzen, wo nur Ideelles zu erkennen ist.
In dem wahrnehmbaren Geschehen
sucht es wahrnehmbare Zusammenhänge oder, wenn es solche nicht findet, träumt
es sie hinein.
Der im subjektiven Handeln
geltende Zweckbegriff ist ein geeignetes Element für solche erträumte
Zusammenhänge.
Der naive Mensch weiß, wie er
ein Geschehen zustandebringt und folgert daraus, daß es die Natur ebenso machen
wird.
In den rein ideellen
Naturzusammenhängen sieht er nicht nur unsichtbare Kräfte, sondern auch
unwahrnehmbare reale Zwecke.
Der Mensch macht seine
Werkzeuge zweckmäßig; nach demselben Rezept läßt der naive Realist den Schöpfer
die Organismen bauen.
Nur ganz allmählich
verschwindet dieser falsche Zweckbegriff aus den Wissenschaften.
In der Philosophie treibt er
auch heute noch ziemlich arg sein Unwesen.
Da wird gefragt nach dem
außerweltlichen Zweck der Welt, nach der außermenschlichen Bestimmung (folglich
auch dem Zweck) des Menschen und so weiter.
Der Monismus weist den
Zweckbegriff auf allen Gebieten mit alleiniger Ausnahme des menschlichen
Handelns zurück.
Er sucht nach Naturgesetzen,
aber nicht nach Naturzwecken.
Naturzwecke sind willkürliche Annahmen wie die unwahrnehmbaren Kräfte (S. 120 f.).
Aber auch Lebenszwecke, die der
Mensch sich nicht selbst setzt, sind vom Standpunkte des Monismus unberechtigte
Annahmen.
Zweckvoll ist nur dasjenige,
was der Mensch erst dazu gemacht hat, denn nur durch Verwirklichung einer Idee
entsteht Zweckmäßiges.
Wirksam im realistischen Sinne
wird die Idee aber nur im Menschen.
Deshalb hat das Menschenleben
nur den Zweck und die Bestimmung, die der Mensch ihm gibt.
Auf die Frage: was hat der
Mensch für eine Aufgabe im Leben? kann der Monismus nur antworten: die, die er
sich selbst setzt.
Meine Sendung in der Welt ist
keine vorherbestimmte, sondern sie ist jeweilig die, die ich mir erwähle.
Ich trete nicht mit gebundener
Marschroute meinen Lebensweg an.
Ideen werden zweckmäßig nur
durch Menschen verwirklicht.
Es ist also unstatthaft, von
der Verkörperung von Ideen durch die Geschichte zu sprechen.
Alle solche Wendungen wie: «die
Geschichte ist die Entwicklung der Menschen zur Freiheit», oder die
Verwirklichung der sittlichen Weltordnung und so weiter sind von monistischen
Gesichtspunkten aus unhaltbar.
Die Anhänger des Zweckbegriffes
glauben mit demselben zugleich alle Ordnung und Einheitlichkeit der Welt
preisgeben zu müssen.
Man höre zum Beispiel Robert
Hamerling (Atomistik des Willens, 11. Band, S. 201):
«So lange es Triebe in
der Natur gibt, ist es Torheit, Zwecke in derselben zu leugnen. – Wie
die Gestaltung eines Gliedes des menschlichen Körpers nicht bestimmt und
bedingt ist durch eine in der Luft schwebende Idee dieses Gliedes,
sondern durch den Zusammenhang mit dem größeren Ganzen, dem Körper, welchem das
Glied angehört, so ist die Gestaltung jedes Naturwesens, sei es Pflanze, Tier,
Mensch, nicht bestimmt und bedingt durch eine in der Luft schwebende Idee desselben,
sondern durch das Formprinzip des größeren, sich zweckmäßig auslebenden und
ausgestaltenden Ganzen der Natur.
Und Seite 191 desselben Bandes:
«Die Zwecktheorie behauptet
nur, daß trotz der tausend Unbequemlichkeiten und Qualen dieses kreatürlichen
Lebens eine hohe Zweck- und Planmäßigkeit unverkennbar in den Gebilden und in
den Entwicklungen der Natur vorhanden ist - eine Plan- und Zweckmäßigkeit
jedoch, welche sich nur innerhalb der Naturgesetze verwirklicht, und welche
nicht auf eine Schlaraffenwelt abzielen kann, in welcher dem Leben kein Tod,
dem Werden kein Vergehen mit allen mehr oder weniger unerfreulichen, aber
schlechterdings unvermeidlichen Mittelstufen gegenüberstünde.
Wenn die Gegner des
Zweckbegriffs ein mühsam zusammengebrachtes Kehrichthäufchen von halben oder
ganzen, vermeintlichen oder wirklichen Unzweckmäßigkeiten einer Welt von
Wundern der Zweckmäßigkeit, wie sie die Natur in allen Bereichen aufweist,
entgegenstellen, so finde ich das ebenso drollig.» – Was wird hier Zweckmäßigkeit
genannt?
Ein Zusammenstimmen von
Wahrnehmungen zu einem Ganzen.
Da aber allen Wahrnehmungen
Gesetze (Ideen) zugrunde liegen, die wir durch unser Denken finden, so ist das
planmäßige Zusammenstimmen der Glieder eines Wahrnehmungsganzen eben das
ideelle Zusammenstimmen der in diesem Wahrnehmungsganzen enthaltenen Glieder
eines Ideenganzen.
Wenn gesagt wird, das Tier oder
der Mensch sei nicht bestimmt durch eine in der Luft schwebende Idee, so
ist das schief ausgedrückt, und die verurteilte Ansicht verliert bei der
Richtigstellung des Ausdruckes von selbst den absurden Charakter.
Das Tier ist allerdings nicht
durch eine in der Luft schwebende Idee, wohl aber durch eine ihm eingeborene
und seine gesetzmäßige Wesenheit ausmachende Idee bestimmt.
Gerade weil die Idee nicht
außer dem Dinge ist, sondern in demselben als dessen Wesen wirkt, kann nicht
von Zweckmäßigkeit gesprochen werden.
Gerade derjenige, der leugnet,
daß das Naturwesen von außen bestimmt ist (ob durch eine in der Luft schwebende
Idee oder eine außerhalb des Geschöpfes im Geiste eines Weltschöpfers
existierende ist in dieser Beziehung ganz gleichgültig), muß zugeben, daß
dieses Wesen nicht zweckmäßig und planvoll von außen, sondern ursächlich und
gesetzmäßig von innen bestimmt wird.
Eine Maschine gestalte ich dann
zweckmäßig, wenn ich die Teile in einen Zusammenhang bringe, den sie von Natur
aus nicht haben.
Das Zweckmäßige der Einrichtung
besteht dann darin, daß ich die Wirkungsweise der Maschine als deren Idee ihr
zugrunde gelegt habe.
Die Maschine ist dadurch ein
Wahrnehmungsobjekt mit entsprechender Idee geworden.
Solche Wesen sind auch die
Naturwesen.
Wer ein Ding deshalb zweckmäßig
nennt, weil es gesetzmäßig gebildet ist, der mag die Naturwesen eben auch mit
dieser Bezeichnung belegen.
Nur darf diese Gesetzmäßigkeit
nicht mit jener des subjektiven menschlichen Handelns verwechselt werden.
Zum Zweck ist eben durchaus
notwendig, daß die wirkende Ursache ein Begriff ist, und zwar der der Wirkung.
In der Natur sind aber nirgends
Begriffe als Ursachen nachzuweisen; der Begriff erweist sich stets nur als der
ideelle Zusammenhang von Ursache und Wirkung.
Ursachen sind in der Natur nur
in Form von Wahrnehmungen vorhanden.
Der Dualismus kann von Welt-
und Naturzwecken reden.
Wo für unsere Wahrnehmung eine
gesetzmäßige Verknüpfung von Ursache und Wirkung sich äußert, da kann der
Dualist annehmen, daß wir nur den Abklatsch eines Zusammenhanges sehen, in dem
das absolute Weltwesen seine Zwecke verwirklichte.
Für den Monismus entfällt mit
dem absoluten nicht erlebbaren, sondern nur hypothetisch erschlossenen
Weltwesen auch der Grund zur Annahme von Welt- und Naturzwecken.
Zusatz zur Neuausgabe 1918.
Man wird bei vorurteilslosem
Durchdenken des hier Ausgeführten nicht zu der Ansicht kommen können, daß der
Verfasser dieser Darstellung mit seiner Ablehnung des Zweckbegriffs für
außermenschliche Tatsachen auf dem Boden derjenigen Denker stand, die durch das
Verwerfen dieses Begriffes sich die Möglichkeit schaffen, alles außerhalb des
Menschenhandelns liegende - und dann dieses selbst - als nur natürliches
Geschehen aufzufassen.
Davor sollte schon der Umstand
schützen, daß in diesem Buche der Denkvorgang als ein rein geistiger
dargestellt wird.
Wenn hier auch für die geistige,
außerhalb des menschlichen Handelns liegende Welt der Zweckgedanke
abgelehnt wird, so geschieht es, weil in dieser Welt ein höheres als der
Zweck, der sich im Menschentum verwirklicht, zur Offenbarung kommt.
Und wenn von einer nach dem
Muster der menschlichen Zweckmäßigkeit gedachten zweckmäßigen Bestimmung des
Menschengeschlechtes als von einem irrigen Gedanken gesprochen ist, so Ist
gemeint, daß der Einzelmensch sich Zwecke setzt, aus diesen setzt sich das
Ergebnis der Gesamtwirksamkeit der Menschheit zusammen.
Dieses Ergebnis ist dann ein höheres
als seine Glieder, die Menschenzwecke.
Der freie Geist handelt
nach seinen Impulsen, das sind Intuitionen, die aus dem Ganzen seiner Ideenwelt
durch das Denken ausgewählt sind.
Für den unfreien Geist liegt
der Grund, warum er aus seiner Ideenwelt eine bestimmte Intuition aussondert,
um sie einer Handlung zugrunde zu legen, in der ihm gegebenen Wahrnehmungswelt,
das heißt in seinen bisherigen Erlebnissen.
Er erinnert sich, bevor er zu
einem Entschluß kommt, daran, was jemand in einem dem seinigen analogen Falle
getan oder zu tun für gut geheißen hat, oder was Gott für diesen Fall befohlen
hat und so weiter, und danach handelt er.
Dem freien Geist sind diese
Vorbedingungen nicht einzige Antriebe des Handelns.
Er faßt einen schlechthin ersten
Entschluß.
Es kümmert ihn dabei
ebensowenig, was andere in diesem Falle getan, noch was sie dafür befohlen
haben.
Er hat rein ideelle Gründe, die
ihn bewegen, aus der Summe seiner Begriffe gerade einen bestimmten
herauszuheben und ihn in Handlung umzusetzen.
Seine Handlung wird aber der
wahrnehmbaren Wirklichkeit angehören.
Was er vollbringt, wird also
mit einem ganz bestimmten Wahrnehmungsinhalte identisch sein.
Der Begriff wird sich in einem
konkreten Einzelgeschehnis zu verwirklichen haben.
Er wird als Begriff diesen
Einzelfall nicht enthalten können.
Er wird sich darauf nur in der
Art beziehen können, wie überhaupt ein Begriff sich auf eine Wahrnehmung
bezieht, zum Beispiel wie der Begriff des Löwen auf einen einzelnen Löwen.
Das Mittelglied zwischen Begriff
und Wahrnehmung ist die Vorstellung (vgl. S. 106 ff.).
Dem unfreien Geist ist dieses
Mittelglied von vornherein gegeben.
Die Motive sind von vornherein
als Vorstellungen in seinem Bewußtsein vorhanden.
Wenn er etwas ausführen will,
so macht er das so, wie er es gesehen hat, oder wie es ihm für den einzelnen
Fall befohlen wird.
Die Autorität wirkt daher am
besten durch Beispiele, das heißt durch Überlieferung ganz bestimmter
Einzelhandlungen an das Bewußtsein des unfreien Geistes.
Der Christ handelt weniger nach
den Lehren als nach dem Vorbilde des Erlösers.
Regeln haben für das positive
Handeln weniger Wert als für das Unterlassen bestimmter Handlungen.
Gesetze treten nur dann in die
allgemeine Begriffsform, wenn sie Handlungen verbieten, nicht aber wenn sie sie
zu tun gebieten.
Gesetze über das, was er tun
soll, müssen dem unfreien Geiste in ganz konkreter Form gegeben werden:
Reinige die Straße vor deinem
Haustore!
Zahle deine Steuern in dieser
bestimmten Höhe bei dem Steueramte X! und so weiter.
Begriffsform haben die Gesetze
zur Verhinderung von Handlungen:
Du sollst nicht stehlen!
Du sollst nicht ehebrechen!
Diese Gesetze wirken auf den
unfreien Geist aber auch nur durch den Hinweis auf eine konkrete Vorstellung,
zum Beispiel die der entsprechenden zeitlichen Strafen, oder der Gewissensqual,
oder der ewigen Verdammnis, und so weiter.
Sobald der Antrieb zu einer
Handlung in der allgemein-begrifflichen Form vorhanden ist (zum Beispiel: du
sollst deinen Mitmenschen Gutes tun! du sollst so leben, daß du dein Wohlsein
am besten beförderst!), dann muß in jedem einzelnen Fall die konkrete
Vorstellung des Handelns (die Beziehung des Begriffes auf einen
Wahrnehmungsinhalt) erst gefunden werden.
Bei dem freien Geiste, den
kein Vorbild und keine Furcht vor Strafe usw. treibt, ist diese Umsetzung des
Begriffes in die Vorstellung immer notwendig.
Konkrete Vorstellungen aus der
Summe seiner Ideen heraus produziert der Mensch zunächst durch die Phantasie.
Was der freie Geist nötig hat,
um seine Ideen zu verwirklichen, um sich durchzusetzen, ist also die moralische
Phantasie.
Sie ist die Quelle für das
Handeln des freien Geistes.
Deshalb sind auch nur Menschen
mit moralischer Phantasie eigentlich sittlich produktiv.
Die bloßen Moralprediger, das
ist: die Leute, die sittliche Regeln ausspinnen, ohne sie zu konkreten
Vorstellungen verdichten zu können, sind moralisch unproduktiv.
Sie gleichen den Kritikern, die
verständig auseinanderzusetzen wissen, wie ein Kunstwerk beschaffen sein soll,
selbst aber auch nicht das geringste zustande bringen können.
Die moralische Phantasie muß,
um ihre Vorstellung zu verwirklichen, in ein bestimmtes Gebiet von
Wahrnehmungen eingreifen.
Die Handlung des Menschen
schafft keine Wahrnehmungen, sondern prägt die Wahrnehmungen, die bereits
vorhanden sind, um, erteilt ihnen eine neue Gestalt.
Um ein bestimmtes
Wahrnehmungsobjekt oder eine Summe von solchen, einer moralischen Vorstellung
gemäß, umbilden zu können, muß man den gesetzmäßigen Inhalt (die bisherige
Wirkungsweise, die man neu gestalten oder der man eine neue Richtung geben
will) dieses Wahrnehmungsbildes begriffen haben.
Man muß ferner den Modus
finden, nach dem sich diese Gesetzmäßigkeit in eine neue verwandeln läßt.
Dieser Teil der moralischen
Wirksamkeit beruht auf Kenntnis der Erscheinungswelt, mit der man es zu tun hat.
Er ist also zu suchen in einem
Zweige der wissenschaftlichen Erkenntnis überhaupt.
Das moralische Handeln setzt
also voraus neben dem moralischen Ideenvermögen (1) und der moralischen
Phantasie die Fähigkeit, die Welt der Wahrnehmungen umzuformen, ohne ihren
naturgesetzlichen Zusammenhang zu durchbrechen.
Diese Fähigkeit ist moralische
Technik.
Sie ist in dem Sinne lernbar,
wie Wissenschaft überhaupt lernbar ist.
Im allgemeinen sind Menschen
nämlich geeigneter, die Begriffe für die schon fertige Welt zu finden, als
produktiv aus der Phantasie die noch nicht vorhandenen zukünftigen Handlungen
zu bestimmen.
Deshalb ist es sehr wohl
möglich, daß Menschen ohne moralische Phantasie die moralischen Vorstellungen
von andern empfangen und diese geschickt der Wirklichkeit einprägen.
Auch der umgekehrte Fall kann
vorkommen, daß Menschen mit moralischer Phantasie ohne die technische Geschicklichkeit
sind und sich dann anderer Menschen zur Verwirklichung ihrer Vorstellungen
bedienen müssen.
Insofern zum moralischen
Handeln die Kenntnis der Objekte unseres Handelnsgebietes notwendig ist, beruht
unser Handeln auf dieser Kenntnis.
Was hier in Betracht kommt,
sind Naturgesetze.
Wir haben es mit
Naturwissenschaft zu tun, nicht mit Ethik.
Die moralische Phantasie und
das moralische Ideenvermögen können erst Gegenstand des Wissens werden, nachdem
sie vom Individuum produziert sind.
Dann aber regeln sie nicht mehr
das Leben, sondern haben es bereits geregelt.
Sie sind als wirkende Ursachen
wie alle andern aufzufassen (Zwecke sind sie bloß für das Subjekt).
Wir beschäftigen uns mit ihnen
als mit einer Naturlehre der moralischen Vorstellungen.
Eine Ethik als Normwissenschaft
kann es daneben nicht geben.
Man hat den normativen
Charakter der moralischen Gesetze wenigstens insofern halten wollen, daß man
die Ethik im Sinne der Diätetik auffaßte, welche aus den Lebensbedingungen des
Organismus allgemeine Regeln ableitet, um auf Grund derselben dann den Körper
im besonderen zu beeinflussen (Paulsen, System der Ethik).
Dieser Vergleich ist falsch,
weil unser moralisches Leben sich nicht mit dem Leben des Organismus
vergleichen läßt.
Die Wirksamkeit des Organismus
ist ohne unser Zutun da; wir finden dessen Gesetze in der Welt fertig vor,
können sie also suchen, und dann die gefundenen anwenden.
Die moralischen Gesetze werden
aber von uns erst geschaffen.
Wir können sie nicht
anwenden, bevor sie geschaffen sind.
Der Irrtum entsteht dadurch,
daß die moralischen Gesetze nicht in jedem Momente inhaltlich neu geschaffen
werden, sondern sich forterben.
Die von den Vorfahren
übernommenen erscheinen dann gegeben wie die Naturgesetze des Organismus.
Sie werden aber durchaus nicht
mit demselben Rechte von einer späteren Generation wie diätetische Regeln
angewendet.
Denn sie gehen auf das
Individuum und nicht wie das Naturgesetz auf das Exemplar einer Gattung.
Als Organismus bin ich ein
solches Gattungsexemplar, und ich werde naturgemäß leben, wenn ich die
Naturgesetze der Gattung in meinem besonderen Falle anwende; als sittliches Wesen
bin ich Individuum und habe meine ganz eigenen Gesetze.
(2) Die hier vertretene Ansicht
scheint in Widerspruch zustehen mit jener Grundlehre der modernen
Naturwissenschaft, die man als Entwicklungstheorie bezeichnet.
Aber sie scheint es nur.
Unter Entwicklung wird
verstanden das reale Hervorgehen des Späteren aus dem Früheren auf
naturgesetzlichem Wege.
Unter Entwicklung in der organischen
Welt versteht man den Umstand, daß die späteren (vollkommeneren) organischen
Formen reale Abkömmlinge der früheren (unvollkommenen) sind und auf
naturgesetzliche Weise aus ihnen hervorgegangen sind.
Die Bekenner der organischen
Entwicklungstheorie müßten sich eigentlich vorstellen, daß es auf der Erde
einmal eine Zeitepoche gegeben hat, wo ein Wesen das allmähliche Hervorgehen
der Reptilien aus den Uramnioten mit Augen hätte verfolgen können, wenn es
damals als Beobachter hätte dabei sein können und mit entsprechend langer
Lebensdauer ausgestattet gewesen wäre.
Ebenso müßten sich die
Entwicklungstheoretiker vorstellen, daß ein Wesen das Hervorgehen des
Sonnensystems aus dem Kant-Laplaceschen Urnebel hätte beobachten können, wenn
es während der unendlich langen Zeit frei im Gebiet des Weltäthers sich an
einem entsprechenden Orte hätte aufhalten können.
Daß bei solcher Vorstellung sowohl
die Wesenheit der Uramnioten wie auch die des Kant-Laplaceschen Weltnebels anders
gedacht werden müßte als die materialistischen Denker dies tun, kommt hier
nicht in Betracht.
Keinem Entwicklungstheoretiker
sollte es aber einfallen, zu behaupten, daß er aus seinem Begriffe des
Uramniontieres den des Reptils mit allen seinen Eigenschaften herausholen kann,
auch wenn er nie ein Reptil gesehen hat Ebensowenig sollte aus dem Begriff des
Kant-Laplaceschen Urnebels das Sonnensystem abgeleitet werden, wenn dieser
Begriff des Urnebels direkt nur an der Wahrnehmung des Urnebels bestimmt
gedacht ist.
Das heißt mit anderen Worten: der
Entwicklungstheoretiker muß, wenn er konsequent denkt, behaupten, daß aus
früheren Entwicklungsphasen spätere sich real ergeben, daß wir, wenn wir den
Begriff des Unvollkommenen und den des Vollkommenen gegeben haben, den
Zusammenhang einsehen können; keineswegs aber sollte er zugeben, daß der an dem
Früheren erlangte Begriff hinreicht, um das Spätere daraus zu entwickeln.
Daraus folgt für den Ethiker,
daß er zwar den Zusammenhang späterer moralischer Begriffe mit früheren
einsehen kann; aber nicht, daß auch nur eine einzige neue moralische Idee aus
früheren geholt werden kann.
Als moralisches Wesen
produziert das Individuum seinen Inhalt.
Dieser produzierte Inhalt ist
für den Ethiker gerade so ein Gegebenes, wie für den Naturforscher die Reptilien
ein Gegebenes sind.
Die Reptilien sind aus den
Uramnioten hervorgegangen; aber der Naturforscher kann aus dem Begriff der
Uramnioten den der Reptilien nicht herausholen.
Spätere moralische Ideen
entwickeln sich aus früheren; der Ethiker kann aber aus den sittlichen
Begriffen einer früheren Kulturperiode die der späteren nicht herausholen.
Die Verwirrung wird dadurch
hervorgerufen, daß wir als Naturforscher die Tatsachen bereits vor uns haben
und hinterher sie erst erkennend betrachten; während wir beim sittlichen
Handeln selbst erst die Tatsachen schaffen, die wir hinterher erkennen.
Beim Entwicklungsprozeß der
sittlichen Weltordnung verrichten wir das, was die Natur auf niedrigerer Stufe
verrichtet: wir verändern ein Wahrnehmbares.
Die ethische Norm kann also
zunächst nicht wie ein Naturgesetz erkannt, sondern sie muß geschaffen
werden.
Erst wenn sie da ist, kann sie
Gegenstand des Erkennens werden.
Aber können wir denn nicht das
Neue an dem Alten messen?
Wird nicht jeder Mensch
gezwungen sein, das durch seine moralische Phantasie Produzierte an den
hergebrachten sittlichen Lehren zu bemessen?
Für dasjenige, was als sittlich
Produktives sich offenbaren soll, ist das ein ebensolches Unding, wie es das
andere wäre, wenn man eine neue Naturform an der alten bemessen wollte und
sagte:
weil die Reptilien mit den
Uramnioten nicht übereinstimmen, sind sie eine unberechtigte (krankhafte) Form.
Der ethische Individualismus
steht also nicht im Gegensatz zu einer recht verstandenen Entwickelungstheorie,
sondern folgt direkt aus ihr.
Der Haeckelsche Stammbaum von
den Urtieren bis hinauf zum Menschen als organischem Wesen müßte sich ohne
Unterbrechung der natürlichen Gesetzlichkeit und ohne eine Durchbrechung der
einheitlichen Entwicklung heraufverfolgen lassen bis zu dem Individuum als
einem im bestimmten Sinne sittlichen Wesen.
Nirgends aber würde aus dem Wesen
einer Vorfahrenart das Wesen einer nachfolgenden Art sich ableiten
lassen.
So wahr es aber ist, daß die
sittlichen Ideen des Individuums wahrnehmbar aus denen seiner Vorfahren
hervorgegangen sind, so wahr ist es auch, daß dasselbe sittlich unfruchtbar
ist, wenn es nicht selbst moralische Ideen hat.
Derselbe ethische
Individualismus, den ich auf Grund der vorangehenden Anschauungen entwickelt
habe, würde sich auch aus der Entwicklungstheorie ableiten lassen.
Die schließliche Überzeugung
wäre dieselbe; nur der Weg ein anderer, auf dem sie erlangt ist.
Das Hervortreten völlig neuer
sittlicher Ideen aus der moralischen Phantasie ist für die Entwickelungstheorie
gerade so wenig wunderbar, wie das Hervorgehen einer neuen Tierart aus einer
andern.
Nur muß diese Theorie als
monistische Weltanschauung im sittlichen Leben ebenso wie im natürlichen jeden
bloß erschlossenen, nicht ideell erlebbaren jenseitigen (metaphysischen)
Einfluß abweisen.
Sie folgt dabei demselben
Prinzip, das sie antreibt, wenn sie die Ursachen neuer organischer Formen sucht
und dabei nicht auf das Eingreifen eines außerweltlichen Wesens sich beruft,
das jede neue Art nach einem neuen Schöpfungsgedanken durch übernatürlichen
Einfluß hervorruft.
So wie der Monismus zur
Erklärung des Lebewesens keinen übernatürlichen Schöpfungsgedanken brauchen
kann, so ist es ihm auch unmöglich, die sittliche Weltordnung von Ursachen
abzuleiten, die nicht innerhalb der erlebbaren Welt liegen.
Er kann das Wesen eines Wollens
als eines sittlichen nicht damit erschöpft finden, daß er es auf einen
fortdauernden übernatürlichen Einfluß auf das sittliche Leben (göttliche
Weltregierung von außen) zurückführt, oder auf eine zeitliche besondere
Offenbarung (Erteilung der zehn Gebote) oder auf die Erscheinung Gottes auf der
Erde (Christi).
Was durch alles dieses
geschieht an und in dem Menschen, wird erst zum Sittlichen, wenn es im
menschlichen Erlebnis zu einem individuellen Eigenen wird.
Die sittlichen Prozesse sind
dem Monismus Weltprodukte wie alles andere Bestehende, und ihre Ursachen müssen
in der Welt, das heißt, weil der Mensch der Träger der Sittlichkeit ist,
im Menschen gesucht werden.
Der ethische Individualismus
ist somit die Krönung des Gebäudes, das Darwin und Haeckel für
die Naturwissenschaft erstrebt haben.
Er ist vergeistigte
Entwicklungslehre auf das sittliche Leben übertragen.
Wer dem Begriff des Natürlichen
von vornherein in engherziger Weise ein willkürlich begrenztes Gebiet
anweist, der kann dann leicht dazu kommen, für die freie individuelle Handlung
keinen Raum darin zu finden.
Der konsequent verfahrende
Entwicklungstheoretiker kann in solche Engherzigkeit nicht verfallen.
Er kann die natürliche Entwickelungsweise
beim Affen nicht abschließen und dem Menschen einen «übernatürlichen» Ursprung
zugestehen; er muß, auch indem er die natürlichen Vorfahren des Menschen sucht,
in der Natur schon den Geist suchen; er kann auch bei den organischen Verrichtungen
des Menschen nicht stehen bleiben und nur diese natürlich finden, sondern er
muß auch das sittlich-freie Leben als geistige Fortsetzung des organischen
ansehen.
Der Entwicklungstheoretiker
kann, seiner Grundauffassung gemäß, nur behaupten, daß das gegenwärtige
sittliche Handeln aus anderen Arten des Weltgeschehens hervorgeht; die
Charakteristik des Handelns, das ist seine Bestimmung als eines freien, muß
er der unmittelbaren Beobachtung des Handelns überlassen.
Er behauptet ja auch nur, daß
Menschen aus noch nicht menschlichen Vorfahren sich entwickelt haben.
Wie die Menschen beschaffen
sind, das muß durch Beobachtung dieser selbst festgestellt werden.
Die Ergebnisse dieser
Beobachtung können nicht in Widerspruch geraten mit einer richtig angesehenen
Entwicklungsgeschichte.
Nur die Behauptung, daß die
Ergebnisse solche sind, die eine natürliche Weltordnung ausschließen, könnte
nicht in Übereinstimmung mit der neueren Richtung der Naturwissenschaft
gebracht werden.
(3) Von einer sich selbst
verstehenden Naturwissenschaft hat der ethische Individualismus nichts zu
fürchten: die Beobachtung ergibt als Charakteristikum der vollkommenen Form des
menschlichen Handelns die Freiheit.
Diese Freiheit muß dem
menschlichen Wollen zugesprochen werden, insoferne dieses rein ideelle
Intuitionen verwirklicht.
Denn diese sind nicht
Ergebnisse einer von außen auf sie wirkenden Notwendigkeit, sondern ein auf
sich selbst Stehendes.
Findet der Mensch, daß eine
Handlung das Abbild einer solchen ideellen Intuition ist, so empfindet
er sie als eine freie.
In diesem Kennzeichen einer
Handlung liegt die Freiheit.
Wie steht es nun, von diesem
Standpunkte aus, mit der bereits oben (S. 21 f.) erwähnten Unterscheidung
zwischen den beiden Sätzen: «Frei sein heißt tun können, was man will,
und dem andern: «nach Belieben begehren können und nicht begehren können sei
der eigentliche Sinn des Dogmas vom freien Willen»?
Hamerling begründet gerade seine Ansicht vom freien Willen auf diese Unterscheidung,
indem er das erste für richtig, das zweite für eine absurde Tautologie erklärt.
Er sagt «Ich kann tun, was
ich will.
Aber zu sagen: ich kann wollen,
was ich will, ist eine leere Tautologie, Ob ich tun, das heißt, in Wirklichkeit
umsetzen kann, was ich will, was ich mir also als Idee meines Tuns vorgesetzt
habe, das hängt von äußeren Umständen und von meiner technischen
Geschicklichkeit (vgl. S. 193 f.) ab.
Frei sein heißt die dem Handeln
zugrunde liegenden Vorstellungen (Beweggründe) durch die moralische Phantasie
von sich aus bestimmen können.
Freiheit ist unmöglich, wenn
etwas außer mir (mechanischer Prozeß oder nur erschlossener außerweltlicher
Gott) meine moralischen Vorstellungen bestimmt.
Ich bin also nur dann frei,
wenn ich selbst diese Vorstellungen produziere, nicht, wenn ich die
Beweggründe, die ein anderes Wesen in mich gesetzt hat, ausführen kann.
Ein freies Wesen ist dasjenige,
welches wollen kann, was es selbst für richtig hält.
Wer etwas anderes tut, als er
will, der muß zu diesem anderen durch Motive getrieben werden, die nicht in ihm
liegen.
Ein solcher handelt unfrei.
Nach Belieben wollen können,
was man für richtig oder nicht richtig hält, heißt also: nach Belieben frei
oder unfrei sein können.
Das ist natürlich ebenso
absurd, wie die Freiheit in dem Vermögen zu sehen, tun zu können, was man
wollen muß.
Das letztere aber behauptet
Hamerling, wenn er sagt Es ist vollkommen wahr, daß der Wille immer durch
Beweggründe bestimmt wird, aber es ist absurd zu sagen, daß er deshalb unfrei
sei; denn eine größere Freiheit läßt sich für ihn weder wünschen noch denken,
als die, sich nach Maßgabe seiner eigenen Stärke und Entschiedenheit zu
verwirklichen. - Jawohl: es läßt sich eine größere Freiheit wünschen, und das
ist erst die wahre.
Nämlich die: sich die Gründe
seines Wollens selbst zu bestimmen.
Von der Ausführung dessen
abzusehen, was er will, dazu läßt sich der Mensch unter Umständen bewegen.
Sich vorschreiben zu lassen,
was er tun soll, das ist, zu wollen, was ein andrer und nicht er für
richtig hält, dazu ist er nur zu haben, insofern er sich nicht frei fühlt.
Die äußeren Gewalten können
mich hindern, zu tun, was ich will.
Dann verdammen sie mich einfach
zum Nichtstun oder zur Unfreiheit.
Erst wenn sie meinen Geist
knechten und mir meine Beweggründe aus dem Kopfe jagen und an deren Stelle die
ihrigen setzen wollen, dann beabsichtigen sie meine Unfreiheit.
Die Kirche wendet sich daher
nicht bloß gegen das Tu, sondern namentlich gegen die unreinen
Gedanken, das ist: die Beweggründe meines Handelns.
Unfrei macht sie mich, wenn ihr
alle Beweggründe, die sie nicht angibt, als unrein erscheinen.
Eine Kirche oder eine andere
Gemeinschaft erzeugt dann Unfreiheit, wenn ihre Priester oder Lehrer sich zu
Gewissensgebietern machen, das ist, wenn die Gläubigen sich von ihnen (aus dem
Beichtstuhle) die Beweggründe ihres Handelns holen müssen.
Zusatz zur Neuausgabe (1918):
In diesen Ausführungen über
das menschliche Wollen ist dargestellt, was der Mensch an seinen Handlungen
erleben kann, um durch dieses Erlebnis zu dem Bewußtsein zu kommen: mein Wollen
ist frei.
Von besonderer Bedeutung ist,
daß die Berechtigung, ein Wollen als frei zu bezeichnen, durch das Erlebnis
erreicht wird: in dem Wollen verwirklicht sich eine ideelle Intuition.
Dies kann nur
Beobachtungsresultat sein, ist es aber in dem Sinne, in dem das
menschliche Wollen sich in einer Entwickelungsströmung beobachtet, deren Ziel
darin liegt, solche von rein ideeller Intuition getragene Möglichkeit des
Wollens zu erreichen.
Sie kann erreicht werden, weil
in der ideellen Intuition nichts als deren eigene auf sich gebaute Wesenheit
wirkt.
Ist eine solche Intuition im
menschlichen Bewußtsein anwesend, dann ist sie nicht aus den Vorgängen des
Organismus heraus entwickelt (s. S. 145 ff.), sondern die organische Tätigkeit
hat sich zurückgezogen, um der ideellen Platz zu machen.
Beobachte ich ein Wollen, das
Abbild der Intuition ist, dann ist auch aus diesem Wollen die organisch
notwendige Tätigkeit zurückgezogen.
Das Wollen ist frei.
Diese Freiheit des Wollens wird
der nicht beobachten können, der nicht zu schauen vermag, wie das freie Wollen
darin besteht, daß erst durch das intuitive Element das notwendige
Wirken des menschlichen Organismus abgelähmt, zurückgedrängt, und an seine
stelle die geistige Tätigkeit des idee-erfüllten Willens gesetzt wird.
Nur wer diese Beobachtung
der Zweigliedrigkeit eines freien Wollens nicht machen kann, glaubt an die
Unfreiheit jedes Wollens.
Wer sie machen kann, ringt sich
zu der Einsicht durch, daß der Mensch, insofern er den Zurückdämmungsvorgang
der organischen Tätigkeit nicht zu Ende führen kann, unfrei ist; daß aber diese
Unfreiheit der Freiheit zustrebt, und diese Freiheit keineswegs ein abstraktes
Ideal ist, sondern eine in der menschlichen Wesenheit liegende Richtkraft.
Frei ist der Mensch in dem
Maße, als er in seinem Wollen dieselbe Seelenstimmung verwirklichen kann, die
in ihm lebt, wenn er sich der Ausgestaltung rein ideeller (geistiger)
Intuitionen bewußt ist.
Anmerkungen:
(1) Nur
Oberflächlichkeit könnte im Gebrauch des Wortes Vermögen an dieser und andern
Stellen dieser Schrift einen Rückfall in die Lehre der alten Psychologie von
den Seelenvermögen erblicken.
Der Zusammenhang mit
dem S. 95 f. Gesagten ergibt genau die Bedeutung des Wortes.
(2) Wenn Paulsen (S. 15
des angeführten Buches) sagt «Verschiedene Naturanlagen und Lebensbedingungen
erfordern wie eine verschiedene leibliche so auch eine verschiedene
geistig-moralische Diät», so ist er der richtigen Erkenntnis ganz nahe, trifft
aber den entscheidenden Punkt doch nicht.
Insofern ich
Individuum bin, brauche ich keine Diät.
Diätetik heißt die
Kunst, das besondere Exemplar mit den allgemeinen Gesetzen der Gattung in
Einklang zu bringen.
Als Individuum bin ich
aber kein Exemplar der Gattung.
(3) Daß wir Gedanken
(ethische Ideen) als Objekte der Beobachtung bezeichnen, geschieht mit Recht.
Denn wenn auch die
Gebilde des Denkens während der gedanklichen Tätigkeit nicht mit ins
Beobachtungsfeld eintreten, so können sie doch nachher Gegenstand der
Beobachtung werden.
Und auf diesem Wege
haben wir unsere Charakteristik des Handelns gewonnen.
Ein Gegenstück zu der Frage
nach dem Zwecke oder der Bestimmung des Lebens (vgl. S. 184 ff.) ist die nach
dessen Wert.
Zwei entgegengesetzten
Ansichten begegnen wir in dieser Beziehung, und dazwischen allen denkbaren
Vermittlungsversuchen.
Eine Ansicht sagt Die Welt ist
die denkbar beste, die es geben kann, und das Leben und Handeln in derselben
ein Gut von unschätzbarem Werte.
Alles bietet sich als
harmonisches und zweckmäßiges Zusammenwirken dar und ist der Bewunderung wert.
Auch das scheinbar Böse und
Üble ist von einem höheren Standpunkte als gut erkennbar; denn es stellt einen
wohltuenden Gegensatz zum Guten dar; wir können dies um so besser schätzen,
wenn es sich von jenem abhebt.
Auch ist das Übel kein wahrhaft
wirkliches; wir empfinden nur einen geringeren Grad des Wohles als Übel.
Das Übel ist Abwesenheit des
Guten; nichts was an sich Bedeutung hat.
Die andere Ansicht ist die, welche
behauptet: das Leben ist voll Qual und Elend, die Unlust überwiegt überall die
Lust, der Schmerz die Freude.
Das Dasein ist eine Last, und
das Nichtsein wäre dem Sein unter allen Umständen vorzuziehen.
Als die Hauptvertreter der
ersteren Ansicht, des Optimismus, haben wir Shaftesbury und Leibniz, als
die der zweiten, des Pessimismus, Schopenhauer und Eduard von
Hartmann aufzufassen.
Leibniz meint, die Welt ist die beste, die es geben kann.
Eine bessere ist unmöglich.
Denn Gott ist gut und weise.
Ein guter Gott will die
beste der Welten schaffen; ein weiser kennt sie; er kann sie von allen
anderen möglichen schlechteren unterscheiden.
Nur ein böser oder unweiser
Gott könnte eine schlechtere als die bestmögliche Welt schaffen.
Wer von diesem Gesichtspunkte
ausgeht, wird leicht dem menschlichen Handeln die Richtung vorzeichnen können,
die es einschlagen muß, um zum Besten der Welt das Seinige beizutragen.
Der Mensch wird nur die
Ratschlüsse Gottes zu erforschen und sich danach zu benehmen haben.
Wenn er weiß, was Gott mit der
Welt und dem Menschengeschlecht für Absichten hat, dann wird er auch das
Richtige tun.
Und er wird sich glücklich
fühlen, zu dem andern Guten auch das Seinige hinzuzufügen.
Vom optimistischen Standpunkt
aus ist also das Leben des Lebens wert.
Es muß uns zur mitwirkenden
Anteilnahme anregen.
Anders stellt sich Schopenhauer
die Sache vor.
Er denkt sich den Weltengrund
nicht als allweises und allgütiges Wesen, sondern als blinden Drang oder Willen.
Ewiges Streben, unaufhörliches
Schmachten nach Befriedigung, die doch nie erreicht werden kann, ist der
Grundzug alles Wollens.
Denn ist ein erstrebtes Ziel
erreicht, so entsteht ein neues Bedürfnis und so weiter.
Die Befriedigung kann immer nur
von verschwindend kleiner Dauer sein.
Der ganze übrige Inhalt unseres
Lebens ist unbefriedigtes Drängen, das ist Unzufriedenheit, Leiden.
Stumpft sich der blinde Drang
endlich ab, so fehlt uns jeglicher Inhalt; eine unendliche Langeweile erfüllt
unser Dasein.
Daher ist das relativ Beste,
Wünsche und Bedürfnisse in sich zu ersticken, das Wollen zu ertöten.
Der Schopenhauersche
Pessimismus führt zur Tatenlosigkeit, sein sittliches Ziel ist Universalfaulheit.
In wesentlich anderer Art sucht
Hartmann den Pessimismus zu begründen und für die Ethik auszunutzen.
Hartmann sucht, einem
Lieblingsstreben unserer Zeit folgend, seine Weltanschauung auf Erfahrung zu
begründen.
Aus der Beobachtung des
Lebens will er Aufschluß darüber gewinnen, ob die Lust oder die Unlust in der
Welt überwiege.
Er läßt, was den Menschen als
Gut und Glück erscheint, vor der Vernunft Revue passieren, um zu zeigen, daß
alle vermeintliche Befriedigung bei genauerem Zusehen sich als Illusion erweist.
Illusion ist es, wenn wir
glauben, in Gesundheit, Jugend, Freiheit, auskömmlicher Existenz, Liebe
(Geschlechtsgenuß), Mitleid, Freundschaft und Familienleben, Ehrgefühl, Ehre,
Ruhm, Herrschaft, religiöser Erbauung, Wissenschafts- und Kunstbetrieb,
Hoffnung auf jenseitiges Leben, Beteiligung am Kulturfortschritt - Quellen des
Glückes und der Befriedigung zu haben.
Vor einer nüchternen
Betrachtung bringt jeder Genuß viel mehr Übel und Elend als Lust in die Welt.
Die Unbehaglicbkeit des
Katzenjammers ist stets größer als die Behaglichkeit des Rausches.
Die Unlust überwiegt bei weitem
in der Welt.
Kein Mensch, auch der relativ
glücklichste, würde, gefragt, das elende Leben ein zweites Mal durchmachen
wollen.
Da nun aber Hartmann die
Anwesenheit des Ideellen (der Weisheit) in der Welt nicht leugnet, ihm vielmehr
eine gleiche Berechtigung neben dem blinden Drange (Willen) zugesteht, so kann
er seinem Urwesen die Schöpfung der Welt nur zumuten, wenn er den Schmerz der
Welt in einen weisen Weltzweck auslaufen läßt.
Der Schmerz der Weltwesen sei
aber kein anderer als der Gottesschmerz selbst, denn das Leben der Welt als
Ganzes ist identisch mit dem Leben Gottes.
Ein allweises Wesen kann aber
sein Ziel nur in der Befreiung vom Leid sehen, und da alles Dasein Leid ist, in
der Befreiung vom Dasein.
Das Sein in das weit bessere
Nichtsein überzuführen, ist der Zweck der Weltschöpfung.
Der Weltprozeß ist ein
fortwährendes Ankämpfen gegen den Gottesschmerz, das zuletzt mit der
Vernichtung alles Daseins endet.
Das sittliche Leben der
Menschen wird also sein:
Teilnahme an der Vernichtung
des Daseins.
Gott hat die Welt erschaffen,
damit er sich durch dieselbe von seinem unendlichen Schmerze befreie.
Diese ist «gewissermaßen wie
ein juckender Ausschlag am Absoluten zu betrachten», durch den dessen unbewußte
Heilkraft sich von einer innern Krankheit befreit, «oder auch als ein
schmerzhaftes Zugpflaster, welches das all-eine Wesen sich selbst appliziert,
um einen innern Schmerz zunächst nach außen abzulenken und für die Folge zu
beseitigen».
Die Menschen sind Glieder der
Welt.
In ihnen leidet Gott.
Er hat sie geschaffen, um
seinen unendlichen Schmerz zu zersplittern.
Der Schmerz, den jeder einzelne
von uns leidet, ist nur ein Tropfen in dem unendlichen Meere des
Gottesschmerzes (Hartmann, Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins, S. 866
ff.).
Der Mensch hat sich mit der
Erkenntnis zu durchdringen, daß das Jagen nach individueller Befriedigung (der
Egoismus) eine Torheit ist, und hat sich einzig von der Aufgabe leiten zu
lassen, durch selbstlose Hingabe an den Weltprozeß der Erlösung Gottes sich zu
widmen.
Im Gegensatz zu dem
Schopenhauers führt uns Hartmanns Pessimismus zu einer hingebenden Tätigkeit
für eine erhabene Aufgabe.
Wie steht es aber mit der
Begründung auf Erfahrung?
Streben nach Befriedigung ist
Hinausgreifen der Lebenstätigkeit über den Lebensinhalt.
Ein Wesen ist hungrig, das
heißt, es strebt nach Sättigung, wenn seine organischen Funktionen zu ihrem
weiteren Verlauf Zuführung neuen Lebensinhaltes in Form von Nahrungsmitteln
verlangen.
Das Streben nach Ehre besteht
darin, daß der Mensch sein persönliches Tun und Lassen erst dann für wertvoll
ansieht, wenn zu seiner Betätigung die Anerkennung von außen kommt.
Das Streben nach Erkenntnis
entsteht, wenn dem Menschen zu der Welt, die er sehen, hören usw. kann, solange
etwas fehlt, als er sie nicht begriffen hat.
Die Erfüllung des Strebens
erzeugt in dem strebenden Individuum Lust, die Nichtbefriedigung Unlust.
Es ist dabei wichtig zu
beobachten, daß Lust oder Unlust erst von der Erfüllung oder Nichterfüllung
meines Strebens abhängt.
Das Streben selbst kann
keineswegs als Unlust gelten.
Wenn es sich also herausstellt,
daß in dem Momente des Erfüllens einer Bestrebung sich sogleich wieder eine
neue einstellt, so darf ich nicht sagen, die Lust hat für mich Unlust geboren,
weil unter allen Umständen der Genuß das Begehren nach seiner Wiederholung oder
nach einer neuen Lust erzeugt.
Erst wenn dieses Begehren auf
die Unmöglichkeit seiner Erfüllung stößt, kann ich von Unlust sprechen.
Selbst dann, wenn ein erlebter
Genuß in mir das Verlangen nach einem größeren oder raffinierteren Lusterlebnis
erzeugt, kann ich von einer durch die erste Lust erzeugten Unlust erst in dem
Augenblicke sprechen, wenn mir die Mittel versagt sind, die größere oder
raffiniertere Lust zu erleben.
Nur dann, wenn als
naturgesetzliche Folge des Genusses Unlust eintritt, wie etwa beim
Geschlechtsgenuß des Weibes durch die Leiden des Wochenbettes und die Mühen der
Kinderpflege, kann ich in dem Genuß den Schöpfer des Schmerzes finden.
Wenn Streben als solches Unlust
hervorriefe, so müßte jede Beseitigung des Strebens von Lust begleitet sein.
Es ist aber das Gegenteil der
Fall.
Der Mangel an Streben in
unserem Lebensinhalte erzeugt Langeweile, und diese ist mit Unlust verbunden.
Da aber das Streben naturgemäß
lange Zeit dauern kann, bevor ihm die Erfüllung zuteil wird und sich dann
vorläufig mit der Hoffnung auf dieselbe zufrieden- gibt, so muß anerkannt
werden, daß die Unlust mit dem Streben als solchem gar nichts zu tun hat,
sondern lediglich an der Nichterfüllung desselben hängt.
Schopenhauer hat also unter
allen Umständen unrecht, wenn er das Begehren oder Streben (den Willen) an sich
für den Quell des Schmerzes hält.
In Wahrheit ist sogar das
Gegenteil richtig.
Streben (Begehren) an sich
macht Freude.
Wer kennt nicht den Genuß, den
die Hoffnung auf ein entferntes, aber stark begehrtes Ziel bereitet?
Diese Freude ist die
Begleiterin der Arbeit, deren Früchte uns in Zukunft erst zuteil werden sollen.
Diese Lust ist ganz unabhängig
von der Erreichung des Zieles.
Wenn dann das Ziel erreicht
ist, dann kommt zu der Lust des Strebens die der Erfüllung als etwas Neues
hinzu.
Wer aber sagen wollte: zur
Unlust durch ein nichtbefriedigtes Ziel kommt auch noch die über die getäuschte
Hoffnung und mache zuletzt die Unlust an der Nichterfüllung doch größer, als
die etwaige Lust an der Erfüllung, dem ist zu erwidern: es kann auch das
Gegenteil der Fall sein; der Rückblick auf den Genuß in der Zeit des
unerfüllten Begehrens wird ebenso oft lindernd auf die Unlust durch
Nichterfüllung wirken.
Wer im Anblicke gescheiterter
Hoffnungen ausruft:
Ich habe das Meinige getan! der
ist ein Beweisobjekt für diese Behauptung.
Das beseligende Gefühl, nach
Kräften das Beste gewollt zu haben, übersehen diejenigen, welche an jedes
nichterfüllte Begehren die Behauptung knüpfen, daß nicht nur allein die Freude
an der Erfüllung ausgeblieben, sondern auch der Genuß des Begehrens selbst
zerstört ist.
Erfüllung eines Begehrens ruft
Lust und Nichterfüllung eines solchen Unlust hervor.
Daraus darf nicht geschlossen
werden:
Lust ist Befriedigung eines
Begehrens, Unlust Nichtbefriedigung.
Sowohl Lust wie Unlust können
sich in einem Wesen einstellen, auch ohne daß sie Folgen eines Begehrens sind.
Krankheit ist Unlust, der kein
Begehren vorausgeht.
Wer behaupten wollte: Krankheit
sei unbefriedigtes Begehren nach Gesundheit, der beginge den Fehler, daß er den
selbstverständlichen und nicht zum Bewußtsein gebrachten Wunsch, nicht krank zu
werden, für ein positives Begehren hielte.
Wenn jemand von einem reichen
Verwandten; von dessen Existenz er nicht die geringste Ahnung hatte, eine
Erbschaft macht, so erfüllt ihn diese Tatsache ohne vorangegangenes Begehren
mit Lust.
Wer also untersuchen will, ob
auf Seite der Lust oder der Unlust ein Überschuß zu finden ist, der muß in
Rechnung bringen: die Lust am Begehren, die an der Erfüllung des Begehrens, und
diejenige, die uns unerstrebt zuteil wird.
Auf die andere Seite des
Kontobuches wird zu stehen kommen:
Unlust aus Langeweile, solche
aus nicht erfülltem Streben, und endlich solche, die ohne unser Begehren an uns
herantritt.
Zu der letzteren Gattung gehört
auch die Unlust, die uns aufgedrängte, nicht selbst gewählte Arbeit verursacht.
Nun entsteht die Frage: welches
ist das rechte Mittel, um aus diesem Soll und Haben die Bilanz
zu erhalten?
Eduard von Hartmann ist der
Meinung, daß es die abwägende Vernunft ist.
Er sagt zwar (Philosophie des
Unbewußten, 7. Auflage 11. Band, S. 290):
«Schmerz und Lust sind nur,
insofern sie empfunden werden.»
Hieraus folgt, daß es für die
Lust keinen andern Maßstab gibt als den subjektiven des Gefühles.
Ich muß empfinden, ob die Summe
meiner Unlustgefühle zusammengestellt mit meinen Lustgefühlen in mir einen
Überschuß von Freude oder Schmerz ergibt.
Dessen ungeachtet behauptet
Hartmann:
«Wenn ... der Lebenswert jedes
Wesens nur nach seinem eigenen subjektiven Maßstäbe in Anschlag gebracht werden
kann ..., so ist doch damit keineswegs gesagt, daß jedes Wesen aus den
sämtlichen Affektionen seines Lebens die richtige algebraische Summe ziehe,
oder mit anderen Worten, daß sein Gesamturteil über sein eigenes Leben ein in
bezug auf seine subjektiven Erlebnisse richtiges sei.»
Damit wird doch wieder die
vernunftgemäße Beurteilung des Gefühles zum Wertschätzer gemacht.
(1) Wer sich der
Vorstellungsrichtung solcher Denker wie Eduard von Hartmann mehr oder weniger
genau anschließt, der kann glauben, er müsse, um zu einer richtigen Bewertung
des Lebens zu kommen, die Faktoren aus dem Wege räumen, die unser Urteil über
die Lust- und Unlustbilanz verfälschen.
Er kann das auf zwei Wegen zu
erreichen suchen.
Erstens indem er nachweist, daß unser Begehren (Trieb, Wille) sich störend in
unsere nüchterne Beurteilung des Gefühlswertes einmischt.
Während wir uns zum Beispiel
sagen müßten, daß der Geschlechtsgenuß eine Quelle des Übels ist, verführt uns
der Umstand, daß der Geschlechtstrieb in uns mächtig ist, dazu, uns eine Lust
vorzugaukeln, die in dem Maße gar nicht da ist.
Wir wollen genießen; deshalb
gestehen wir uns nicht, daß wir unter dem Genusse leiden.
Zweitens indem er die Gefühle einer Kritik unterwirft und nachzuweisen sucht, daß
die Gegenstände, an die sich die Gefühle knüpfen, vor der Vernunfterkenntnis
sich als Illusionen erweisen, und daß sie in dem Augenblicke zerstört
werden, wenn unsere stets wachsende Intelligenz die Illusionen durchschaut.
Er kann sich die Sache
folgendermaßen denken.
Wenn ein Ehrgeiziger sich
darüber klar werden will, ob bis zu dem Augenblicke, in dem er seine
Betrachtung anstellt, die Lust oder die Unlust den überwiegenden Anteil an seinem
Leben gehabt hat, dann muß er sich von zwei Fehlerquellen bei seiner
Beurteilung frei machen.
Da er ehrgeizig ist, wird
dieser Grundzug seines Charakters ihm die Freuden über Anerkennung seiner
Leistungen durch ein Vergrößerungsglas, die Kränkungen durch Zurücksetzungen
aber durch ein Verkleinerungsglas zeigen.
Damals, als er die
Zurücksetzungen erfuhr, fühlte er die Kränkungen, gerade weil er ehrgeizig ist;
in der Erinnerung erscheinen sie in milderem Lichte, während sich die Freuden
über Anerkennungen, für die er so zugänglich ist, um so tiefer einprägen.
Nun ist es zwar für den
Ehrgeizigen eine wahre Wohltat, daß es so ist.
Die Täuschung vermindert sein
Unlustgefühl in dem Augenblicke der Selbstbeobachtung.
Dennoch ist seine Beurteilung
eine falsche.
Die Leiden, über die sich ihm
ein Schleier breitet, hat er wirklich durchmachen müssen in ihrer ganzen
Stärke, und er setzt sie somit in das Kontobuch seines Lebens tatsächlich
falsch ein.
Um zu einem richtigen Urteile
zu kommen, müßte der Ehrgeizige für den Moment seiner Betrachtung sich seines
Ehrgeizes entledigen.
Er müßte ohne Gläser vor seinem
geistigen Auge sein bisher abgelaufenes Leben betrachten.
Er gleicht sonst dem Kaufmanne,
der beim Abschluß seiner Bücher seinen Geschäftseifer mit auf die Einnahmeseite
setzt.
Er kann aber noch weiter gehen.
Er kann sagen: Der Ehrgeizige
wird sich auch klarmachen, daß die Anerkennungen, nach denen er jagt, wertlose
Dinge sind.
Er wird selbst zur Einsicht
kommen, oder von andern dazu gebracht werden, daß einem vernünftigen Menschen
an der Anerkennung von seiten der Menschen nichts liegen könne, da man ja «in
allen solchen Sachen, die nicht Lebensfragen der Entwicklung, oder gar von der
Wissenschaft schon endgültig gelöst sind», immer darauf schwören kann, «daß die
Majoritäten unrecht und die Minoritäten recht haben».
«Einem solchen Urteile gibt
derjenige sein Lebensglück in die Hände, welcher den Ehrgeiz zu seinem
Leitstern macht.»
(Philosophie des Unbewußten, 11.
Band, S. 332.) Wenn sich der Ehrgeizige das alles sagt, dann muß er als eine
Illusion bezeichnen, was ihm sein Ehrgeiz als Wirklichkeit vorgestellt hat,
folglich auch die Gefühle, die sich an die entsprechenden Illusionen seines
Ehrgeizes knüpfen.
Aus diesem Grunde könnte dann
gesagt werden: es muß auch noch das aus dem Konto der Lebenswerte gestrichen
werden, was sich an Lustgefühlen aus Illusionen ergibt; was dann übrig bleibt,
stelle die illusionsfreie Lustsumme des Lebens dar, und diese sei gegen die
Unlustsumme so klein, daß das Leben kein Genuß, und Nichtsein dem Sein
vorzuziehen sei.
Aber während es unmittelbar
einleuchtend ist, daß die durch Einmischung des ehrgeizigen Triebes bewirkte
Täuschung bei Aufstellung der Lustbilanz ein falsches Resultat bewirkt, muß das
von der Erkenntnis des illusorischen Charakters der Gegenstände der Lust
Gesagte jedoch bestritten werden.
Ein Ausscheiden aller an
wirkliche oder vermeintliche Illusionen sich knüpfenden Lustgefühle von der
Lustbilanz des Lebens würde die letztere geradezu verfälschen.
Denn der Ehrgeizige hat über
die Anerkennung der Menge wirklich seine Freude gehabt, ganz gleichgültig, ob
er selbst später, oder ein anderer diese Anerkennung als Illusion erkennt.
Damit wird die genossene
freudige Empfindung nicht um das geringste kleiner gemacht.
Die Ausscheidung aller solche
«illusorischen» Gefühle aus der Lebensbilanz stellt nicht etwa unser Urteil
über die Gefühle richtig, sondern löscht wirklich vorhandene Gefühle aus dem
Leben aus.
Und warum sollen diese Gefühle
ausgeschieden werden?
Wer sie hat, bei dem sind sie
eben lustbereitend; wer sie überwunden hat, bei dem tritt durch das Erlebnis
der Überwindung (nicht durch die selbstgefällige Empfindung:
Was bin ich doch für ein Mensch!
- sondern durch die objektiven Lustquellen, die in der Überwindung liegen) eine
allerdings vergeistigte, aber darum nicht minder bedeutsame Lust ein.
Wenn Gefühle aus der Lustbilanz
gestrichen werden, weil sie sich an Gegenstände heften, die sich als Illusionen
entpuppen, so wird der Wert des Lebens nicht von der Menge der Lust, sondern
von der Qualität der Lust und diese von dem Werte der die Lust verursachenden
Dinge abhängig gemacht.
Wenn ich den Wert des Lebens
aber erst aus der Menge der Lust oder Unlust bestimmen will, das es mir bringt,
dann darf ich nicht etwas anderes voraussetzen, wodurch ich erst wieder den
Wert oder Unwert der Lust bestimme.
Wenn ich sage: ich will die
Lustmenge mit der Unlustmenge vergleichen und sehen, welche größer ist, dann
muß ich auch alle Lust und Unlust in ihren wirklichen Größen in Rechnung
bringen, ganz abgesehen davon, ob ihnen eine Illusion zugrunde liegt oder nicht.
Wer einer auf Illusion
beruhenden Lust einen geringeren Wert für das Leben zuschreibt, als einer
solchen, die sich vor der Vernunft rechtfertigen läßt, der macht eben den Wert
des Lebens noch von anderen Faktoren abhängig als von der Lust.
Wer die Lust deshalb geringer
veranschlägt, weil sie sich an einen eitlen Gegenstand knüpft, der gleicht
einem Kaufmanne, der das bedeutende Erträgnis einer Spielwarenfabrik deshalb
mit dem Viertel des Betrages in sein Konto einsetzt, weil in derselben
Gegenstände zur Tändelei für Kinder produziert werden.
Wenn es sich bloß darum
handelt, die Lust- und Unlustmenge gegeneinander abzuwägen, dann ist also der
illusorische Charakter der Gegenstände gewisser Lustempfindungen völlig aus dem
Spiele zu lassen.
Der von Hartmann empfohlene Weg
vernünftiger Betrachtung der vom Leben erzeugten Lust- und Unlustmenge hat uns
also bisher so weit geführt, daß wir wissen, wie wir die Rechnung aufzustellen
haben, was wir auf die eine, was auf die andere Seite unseres Kontobuches zu
setzen haben.
Wie soll aber nun die Rechnung
gemacht werden?
Ist die Vernunft auch geeignet,
die Bilanz zu bestimmen?
Der Kaufmann hat in seiner
Rechnung einen Fehler gemacht, wenn der berechnete Gewinn sich mit den
durch das Geschäft nachweislich genossenen oder noch zu genießenden Gütern
nicht deckt.
Auch der Philosoph wird
unbedingt einen Fehler in seiner Beurteilung gemacht haben, wenn er den etwa
ausgeklügelten Überschuß an Lust beziehungsweise Unlust in der Empfindung nicht
nachweisen kann.
Ich will vorläufig die Rechnung
der auf vernunftgemäße Weltbetrachtung sich stützenden Pessimisten nicht
kontrollieren; wer aber sich entscheiden soll, ob er das Lebensgeschäft
weiterführen soll oder nicht, der wird erst den Nachweis verlangen, wo der
berechnete Überschuß an Unlust steckt.
Hiermit haben wir den Punkt
berührt, wo die Vernunft nicht in der Lage ist, den Überschuß an Lust
oder Unlust allein von sich aus zu bestimmen, sondern wo sie diesen Überschuß
im Leben als Wahrnehmung zeigen muß.
Nicht in dem Begriff allein,
sondern in dem durch das Denken vermittelten Ineinandergreifen von Begriff und
Wahrnehmung (und Gefühl ist Wahrnehmung) ist dem Menschen das Wirkliche erreichbar
(vgl. S. 88 ff.).
Der Kaufmann wird ja auch sein
Geschäft erst dann aufgeben, wenn der von seinem Buchhalter berechnete Verlust
an Gütern sich durch die Tatsachen bestätigt.
Wenn das nicht der Fall ist,
dann läßt er den Buchhalter die Rechnung nochmals machen.
Genau in derselben Weise wird
es der im Leben stehende Mensch machen.
Wenn der Philosoph ihm beweisen
will, daß die Unlust weit größer ist als die Lust, er jedoch das nicht
empfindet, dann wird er sagen: du hast dich in deinem Grübeln geirrt, denke die
Sache nochmals durch.
Sind aber in einem Geschäfte zu
einem bestimmten Zeitpunkte wirklich solche Verluste vorhanden, daß kein Kredit
mehr ausreicht, um die Gläubiger zu befriedigen, so tritt auch dann der
Bankerott ein, wenn der Kaufmann es vermeidet, durch Führung der Bücher
Klarheit über seine Angelegenheiten zu haben.
Ebenso müßte es, wenn das
Unlustquantum bei einem Menschen in einem bestimmten Zeitpunkte so groß würde,
daß keine Hoffnung (Kredit) auf künftige Lust ihn über den Schmerz hinwegsetzen
könnte, zum Bankerott des Lebensgeschäftes führen.
Nun ist aber die Zahl der
Selbstmörder doch eine relativ geringe im Verhältnis zu der Menge derjenigen,
die mutig weiterleben.
Die wenigsten Menschen stellen
das Lebensgeschäft der vorhandenen Unlust willen ein.
Was folgt daraus?
Entweder, daß es nicht richtig
ist, zu sagen, die Unlustmenge sei größer als die Lustmenge, oder daß wir unser
Weiterleben gar nicht von der empfundenen Lust- oder Unlustmenge abhängig
machen.
Auf eine ganz eigenartige Weise
kommt der Pessimismus Eduard von Hartmanns dazu, das Leben wertlos zu erklären,
weil darinnen der Schmerz überwiegt, und doch die Notwendigkeit zu behaupten,
es durchzumachen.
Diese Notwendigkeit liegt
darin, daß der oben (S. 207 f.) angegebene Weltzweck nur durch rastlose,
hingebungsvolle Arbeit der Menschen erreicht werden kann.
Solange aber die Menschen noch
ihren egoistischen Gelüsten nachgehen, sind sie zu solcher selbstlosen Arbeit
untauglich.
Erst wenn sie sich durch
Erfahrung und Vernunft überzeugt haben, daß die vom Egoismus erstrebten
Lebensgenüsse nicht erlangt werden können, widmen sie sich ihrer eigentlichen
Aufgabe.
Auf diese Weise soll die
pessimistische Überzeugung der Quell der Selbstlosigkeit sein.
Eine Erziehung auf Grund des
Pessimismus soll den Egoismus dadurch ausrotten, daß sie ihm seine
Aussichtslosigkeit vor Augen stellt.
Nach dieser Ansicht liegt also
das Streben nach Lust ursprünglich in der Menschennatur begründet.
Nur aus Einsicht in die
Unmöglichkeit der Erfüllung dankt dieses Streben zugunsten höherer
Menschheitsaufgaben ab.
Von der sittlichen
Weltanschauung, die von der Anerkennung des Pessimismus die Hingabe an
unegoistische Lebensziele erhofft, kann nicht gesagt werden, daß sie den
Egoismus im wahren Sinne des Wortes überwinde.
Die sittlichen Ideale sollen
erst dann stark genug sein, sich des Willens zu mächtigen, wenn der Mensch
eingesehen hat, daß das selbstsüchtige Streben nach Lust zu keiner Befriedigung
führen kann.
Der Mensch, dessen Selbstsucht
nach den Trauben der Lust begehrt, findet sie sauer, weil er sie nicht er-
reichen kann: er geht von ihnen und widmet sich einem selbstlosen Lebenswandel.
Die sittlichen Ideale sind,
nach der Meinung der Pessimisten, nicht stark genug, den Egoismus zu
überwinden; aber sie errichten ihre Herrschaft auf dem Boden, den ihnen vorher
die Erkenntnis von der Aussichtslosigkeit der Selbstsucht frei gemacht hat.
Wenn die Menschen ihrer
Naturanlage nach die Lust erstrebten, sie aber unmöglich erreichen können, dann
wäre Vernichtung des Daseins und Erlösung durch das Nichtsein das einzig
vernünftige Ziel.
Und wenn man der Ansicht ist,
daß der eigentliche Träger des Weltschmerzes Gott sei, so müßten die Menschen
es sich zur Aufgabe machen, die Erlösung Gottes herbeizuführen.
Durch den Selbstmord des
einzelnen wird die Erreichung dieses Zieles nicht gefördert, sondern
beeinträchtigt.
Gott kann vernünftigerweise die
Menschen nur geschaffen haben, damit sie durch ihr Handeln seine Erlösung
herbeiführen.
Sonst wäre die Schöpfung zwecklos.
Und an außermenschliche Zwecke
denkt eine solche Weltansicht.
Jeder muß in dem allgemeinen
Erlösungswerke seine bestimmte Arbeit verrichten.
Entzieht er sich derselben
durch den Selbstmord, so muß die ihm zugedachte Arbeit von einem andern
verrichtet werden.
Dieser muß statt ihm die
Daseinsqual ertragen.
Und da in jedem Wesen Gott
steckt als der eigentliche Schmerzträger, so hat der Selbstmörder die Menge des
Gottesschmerzes nicht im geringsten vermindert, vielmehr Gott die neue
Schwierigkeit auferlegt, für ihn einen Ersatzmann zu schaffen.
Dies alles setzt voraus, daß
die Lust ein Wertmaßstab für das Leben sei.
Das Leben äußert sich durch
eine Summe von Trieben (Bedürfnissen).
Wenn der Wert des Lebens davon
abhinge, ob es mehr Lust oder Unlust bringt, dann ist der Trieb als wertlos zu
bezeichnen, der seinem Träger einen Überschuß der letzteren einträgt.
Wir wollen einmal Trieb und
Lust daraufhin ansehen, ob der erste durch die zweite gemessen werden kann.
Um nicht den Verdacht zu
erwecken, das Leben erst mit der Sphäre der «Geistesaristokratie» anfangen zu
lassen, beginnen wir mit einem «rein tierischen» Bedürfnis, dem Hunger.
Der Hunger entsteht, wenn
unsere Organe ohne neue Stoffzufuhr nicht weiter ihrem Wesen gemäß
funktionieren können.
Was der Hungrige zunächst
erstrebt, ist die Sättigung.
Sobald die Nahrungszufuhr in
dem Maße erfolgt ist, daß der Hunger aufhört, ist alles erreicht, was der
Ernährungstrieb erstrebt.
Der Genuß, der sich an die
Sättigung knüpft, besteht fürs erste in der Beseitigung des Schmerzes, den der
Hunger bereitet.
Zu dem bloßen Ernährungstriebe
tritt ein anderes Bedürfnis.
Der Mensch will durch die
Nahrungsaufnahme nicht bloß seine gestörten Organfunktionen wieder in Ordnung
bringen, beziehungsweise den Schinerz des Hungers überwinden: er sucht dies
auch unter Begleitung angenehmer Geschmacksempfindungen zu bewerkstelligen.
Er kann sogar, wenn er Hunger
hat und eine halbe Stunde vor einer genußreichen Mahlzeit steht, es vermeiden,
durch minderwertige Kost, die ihn früher befriedigen könnte, sich die Lust für
das Bessere zu verderben.
Er braucht den Hunger, um von
seiner Mahlzeit den vollen Genuß zu haben.
Dadurch wird ihm der Hunger
zugleich zum Veranlasser der Lust.
Wenn nun aller in der Welt
vorhandene Hunger gestillt werden könnte, dann ergäbe sich die volle
Genußmenge, die dem Vorhandensein des Nahrungsbedürfnisses zu verdanken ist.
Hinzuzurechnen wäre noch der
besondere Genuß, den Leckermäuler durch eine über das Gewöhnliche hinausgehende
Kultur ihrer Geschmacksnerven erzielen.
Den denkbar größten Wert hätte
diese Genußmenge, wenn kein auf die in Betracht kommende Genußart hinzielendes
Bedürfnis unbefriedigt bliebe, und wenn mit dem Genuß nicht zugleich eine
gewisse Menge Unlust in den Kauf genommen werden müßte.
Die moderne Naturwissenschaft
ist der Ansicht, daß die Natur mehr Leben erzeugt, als sie erhalten kann, das
heißt, auch mehr Hunger hervorbringt, als sie zu befriedigen in der Lage ist.
Der Überschuß an Leben, der
erzeugt wird, muß unter Schmerzen im Kampf ums Dasein zugrunde gehen.
Zugegeben: die
Lebensbedürfnisse seien in jedem Augenblicke des Weltgeschehens größer, als den
vorhandenen Befriedigungsmitteln entspricht, und der Lebensgenuß werde dadurch
beeinträchtigt.
Der wirklich vorhandene
einzelne Lebensgenuß wird aber nicht um das geringste kleiner gemacht.
Wo Befriedigung des Begehrens
eintritt, da ist die entsprechende Genußmenge vorhanden, auch wenn es in dem
begehrenden Wesen selbst oder in andern daneben eine reiche Zahl unbefriedigter
Triebe gibt.
Was aber dadurch vermindert
wird, ist der Wert des Lebensgenusses.
Wenn nur ein Teil der
Bedürfnisse eines Lebewesens Befriedigung findet, so hat dieses einen
dementsprechenden Genuß.
Dieser hat einen um so
geringeren Wert, je kleiner er ist im Verhältnis zur Gesamtforderung des Lebens
im Gebiete der in Frage kommenden Begierden.
Man kann sich diesen Wert durch
einen Bruch dargestellt denken, dessen Zähler der wirklich vorhandene Genuß und
dessen Nenner die Bedürfnissumme ist.
Der Bruch hat den Wert 1, wenn
Zähler und Nenner gleich sind, das heißt, wenn alle Bedürfnisse auch befriedigt
werden.
Er wird größer als 1, wenn in
einem Lebewesen mehr Lust vorhanden ist, als seine Begierden fordern; und er
ist kleiner als 1, wenn die Genußmenge hinter der Summe der Begierden
zurückbleibt.
Der Bruch kann aber nie Null
werden, solange der Zähler auch nur den geringsten Wert hat.
Wenn ein Mensch vor seinem Tode
den Rechnungsabschluß machte, und die auf einen bestimmten Trieb (zum Beispiel
den Hunger) kommende Menge des Genusses sich über das ganze Leben mit allen
Forderungen dieses Triebes verteilt dächte, so hätte die erlebte Lust
vielleicht nur einen geringen Wert; wertlos aber kann sie nie werden.
Bei gleichbleibender Genußmenge
nimmt mit der Vermehrung der Bedürfnisse eines Lebewesens der Wert der
Lebenslust ab.
Ein gleiches gilt für die Summe
alles Lebens in der Natur.
Je größer die Zahl der
Lebewesen ist im Verhältnis zu der Zahl derer, die volle Befriedigung ihrer
Triebe finden können, desto geringer ist der durchschnittliche Lustwert des
Lebens.
Die Wechsel auf den
Lebensgenuß, die uns in unseren Trieben ausgestellt sind, werden eben billiger,
wenn man nicht hoffen kann, sie für den vollen Betrag einzulösen.
Wenn ich drei Tage lang genug
zu essen habe und dafür dann weitere drei Tage hungern muß, so wird der Genuß
an den drei Eßtagen dadurch nicht geringer.
Aber ich muß mir ihn dann auf
sechs Tage verteilt denken, wodurch sein Wert für meinen Ernährungstrieb
auf die Hälfte herabgemindert wird.
Ebenso verhält es sich mit der
Größe der Lust im Verhältnis zum Grade meines Bedürfnisses. denn ich
Hunger für zwei Butterbrote habe, und nur eines bekommen kann, so hat der aus
dem einen gezogene Genuß nur die Hälfte des Wertes, den er haben würde, wenn
ich nach der Aufzehrung satt wäre.
Dies ist die Art, wie im geben
der Wert einer Lust bestimmt wird.
Sie wird bemessen an den
Bedürfnissen des Lebens.
Unsere Begierden sind der
Maßstab; die Lust ist das Gemessene.
Der Sättigungsgenuß erhält nur
dadurch einen Wert, daß Hunger vorhanden ist; und er erhält einen Wert von
bestimmter Größe durch das Verhältnis, in dem er zu der Größe des vorhandenen
Hungers steht.
Unerfüllte Forderungen unseres
Lebens werfen ihre Schatten auch auf die befriedigten Begierden und
beeinträchtigen den Wert genußreicher Stunden.
Man kann aber auch von dem gegenwärtigen
Wert eines Lustgefühles sprechen.
Dieser Wert ist um so geringer,
je kleiner die Lust im Verhältnis zur Dauer und Stärke unserer Begierde ist.
Vollen Wert hat für uns eine
Lustmenge, die an Dauer und Grad genau mit unserer Begierde übereinstimmt.
Eine genuiner unserem Begehren
kleinere Lustmenge vermindert den Lustwert; eine größere erzeugt einen nicht
verlangten Überschuß, der nur so lange als Lust empfunden wird, als wir während
des Genießens unsere Begierde zu steigern vermögen.
Sind wir nicht imstande, in der
Steigerung unseres Verlangens mit der zunehmenden Lust gleichen Schritt zu
halten, so verwandelt sich die Lust in Unlust.
Der Gegenstand, der uns sonst
befriedigen würde, stürmt auf uns ein, ohne daß wir es wollen, und wir leiden
darunter.
Dies ist ein Beweis dafür, daß
die Lust nur so lange für uns einen Wert hat, als wir sie an unserer Begierde
messen können.
Ein Übermaß von angenehmem
Gefühl schlägt in Schmerz um.
Wir können das besonders bei
Menschen beobachten, deren Verlangen nach irgendeiner Art von Lust sehr gering
ist.
Leuten, deren Nahrungstrieb
abgestumpft ist, wird das Essen leicht zum Ekel.
Auch daraus geht hervor, daß
die Begierde der Wertmesser der Lust ist.
Nun kann der Pessimismus sagen:
der unbefriedigte Nahrungstrieb bringe nicht nur die Unlust über den entbehrten
Genuß, sondern positive Schmerzen, Qual und Elend in die Welt.
Er kann sich hierbei berufen
auf das namenlose Elend der von Nahrungssorgen heimgesuchten Menschen; auf die
Summe von Unlust, die solchen Menschen mittelbar aus dem Nahrungsmangel
erwächst.
Und wenn er seine Behauptung
auch auf die außermenschliche Natur anwenden will, kann er hinweisen auf die
Qualen der Tiere, die in gewissen Jahreszeiten aus Nahrungsmangel verhungern.
Von diesen Übeln behauptet der
Pessimist, daß sie die durch den Nahrungstrieb in die Welt gesetzte Genußmenge
reichlich überwiegen.
Es ist ja zweifellos, daß man Lust
und Unlust miteinander vergleichen und den Überschuß der einen oder
der andern bestimmen kann, wie das bei Gewinn und Verlust geschieht.
Wenn aber der Pessimismus
glaubt, daß auf Seite der Unlust sich ein Überschuß ergibt, und er daraus auf
die Wertlosigkeit des Lebens schließen zu können meint, so ist er schon
insofern im Irrtum, als er eine Rechnung macht, die im wirklichen Leben nicht
ausgeführt wird.
Unsere Begierde richtet sich im
einzelnen Falle auf einen bestimmten Gegenstand.
Der Lustwert der Befriedigung
wird, wie wir gesehen haben, um so größer sein, je größer die Lustmenge im
Verhältnis zur Größe unseres Begehrens ist.
(2) Von der Größe unseres
Begehrens hängt es aber auch ab, wie groß die Menge der Unlust ist, die wir mit
in Kauf nehmen wollen, um die Lust zu erreichen.
Wir vergleichen die Menge der
Unlust nicht mit der der Lust, sondern mit der Größe unserer Begierde.
Wer große Freude am Essen hat,
der wird wegen des Genusses in besseren Zeiten sich leichter über eine Periode
des Hungers hinweghelfen, als ein anderer, dem diese Freude an der Befriedigung
des Nahrungstriebes fehlt.
Das Weib, das ein Kind haben
will, vergleicht nicht die Lust, die ihm aus dessen Besitz erwächst, mit den
Unlustmengen, die aus Schwangerschaft, Kindbett, Kinderpflege und so weiter
sich ergeben, sondern mit seiner Begierde nach dem Besitz des Kindes.
Wir erstreben niemals eine
abstrakte Lust von bestimmter Größe, sondern die konkrete Befriedigung in einer
ganz bestimmten Weise.
Wenn wir nach einer Lust
streben, die durch einen bestimmten Gegenstand oder eine bestimmte Empfindung
befriedigt werden muß, so können wir nicht dadurch befriedigt werden, daß uns
ein anderer Gegenstand oder eine andere Empfindung zuteil wird, die uns eine
Lust von gleicher Größe bereitet.
Wer nach Sättigung strebt, dem
kann man die Lust an derselben nicht durch eine gleich große, aber durch einen
Spaziergang erzeugte ersetzen.
Nur wenn unsere Begierde ganz
allgemein nach einem bestimmten Lustquantum strebte, dann müßte sie sofort
verstummen, wenn diese Lust nicht ohne ein sie an Größe überragendes
Unlustquantum zu erreichen wäre.
Da aber die Befriedigung auf
eine bestimmte Art erstrebt wird, so tritt die Lust mit der Erfüllung auch dann
ein, wenn mit ihr eine sie überwiegende Unlust in Kauf genommen werden muß.
Dadurch, daß sich die Triebe
der Lebewesen in einer bestimmten Richtung bewegen und auf ein konkretes Ziel
losgehen, hört die Möglichkeit auf, die auf dem Wege zu diesem Ziele sich
entgegenstellende Unlustmenge als gleichgeltenden Faktor mit in Rechnung zu
bringen.
Wenn die Begierde nur stark
genug ist, um nach Überwindung der Unlust - und sei sie absolut genommen noch
so groß - noch in irgendeinem Grade vorhanden zu sein, so kann die Lust an der
Befriedigung doch noch in voller Größe durchgerostet werden.
Die Begierde bringt also die
Unlust nicht direkt in Beziehung zu der erreichten Lust, sondern indirekt,
indem sie ihre eigene Größe (im Verhältnis) zu der der Unlust in eine Beziehung
bringt.
Nicht darum handelt es sich, ob
die zu erreichende Lust oder Unlust größer ist, sondern darum, ob die Begierde
nach dem erstrebten Ziele oder der Widerstand der entgegentretenden Unlust
größer ist.
Ist dieser Widerstand größer
als die Begierde, dann ergibt sich die letztere in das Unvermeidliche, erlahmt
und strebt nicht weiter.
Dadurch, daß Befriedigung in
einer bestimmten Art verlangt wird, gewinnt die mit ihr zusammenhängende Lust
eine Bedeutung, die es ermöglicht, nach eingetretener Befriedigung das
notwendige Unlustquantum nur insofern in die Rechnung einzustellen, als es das
Maß unserer Begierde verringert hat.
Wenn ich ein leidenschaftlicher
Freund von Fernsichten bin, so berechne ich niemals: wieviel Lust macht mir der
Blick von dem Berggipfel aus, direkt verglichen mit der Unlust des mühseligen
Auf- und Abstiegs.
Ich überlege aber: ob nach
Überwindung der Schwierigkeiten meine Begierde nach der Fernsicht noch lebhaft
genug sein wird.
Nur mittelbar durch die Größe
der Begierde können Lust und Unlust zusammen ein Ergebnis liefern.
Es fragt sich also gar nicht,
ob Lust oder Unlust im Übermaße vorhanden ist, sondern ob das Wollen der Lust
stark genug ist, die Unlust zu überwinden.
Ein Beweis für die Richtigkeit
dieser Behauptung ist der Umstand, daß der Wert der Lust höher angeschlagen
wird, wenn sie durch große Unlust erkauft werden muß, als dann, wenn sie uns
gleichsam wie ein Geschenk des Himmels in den Schoß fällt.
Wenn Leiden und Qualen unsere
Begierde herabgestimmt haben, und dann das Ziel doch noch erreicht wird, dann
ist eben die Lust im Verhältnis zu dem noch übriggebliebenen Quantum der
Begierde um so größer.
Dieses Verhältnis stellt aber,
wie ich gezeigt habe, den Wert der Lust dar (vgl. S. 221 f.).
Ein weiterer Beweis ist dadurch
gegeben, daß die Lebewesen (einschließlich des Menschen) ihre Triebe so lange
zur Entfaltung bringen, als sie imstande sind, die entgegenstehenden Schmerzen
und Qualen zu er- tragen.
Und der Kampf ums Dasein ist
nur die Folge dieser Tatsache.
Das vorhandene Leben strebt
nach Entfaltung, und nur derjenige Teil gibt den Kampf auf, dessen Begierden
durch die Gewalt der sich auftürmenden Schwierigkeiten erstickt werden.
Jedes Lebewesen sucht so lange
nach Nahrung, bis der Nahrungsmangel sein Leben zerstört.
Und auch der Mensch legt erst
Hand an sich selber, wenn er (mit Recht oder Unrecht) glaubt, die ihm erstrebenswerten
Lebensziele nicht erreichen zu können.
Solange er aber noch an die
Möglichkeit glaubt, das nach seiner Ansicht Erstrebenswerte zu erreichen,
kämpft er gegen alle Qualen und Schmerzen an.
Die Philosophie müßte dem
Menschen erst
die Meinung beibringen, daß
Wollen nur dann einen Sinn hat, wenn die Lust größer als die Unlust ist; seiner
Natur nach will er die Gegenstände seines Begehrens erreichen, wenn er die
dabei notwendig werdende Unlust ertragen kann, sei sie dann auch noch so groß.
Eine solche Philosophie wäre
aber irrtümlich, weil sie das menschliche Wollen von einem Umstande abhängig
macht (Überschuß der Lust über die Unlust), der dem Menschen ursprünglich fremd
ist.
Der ursprüngliche Maßstab des
Wollens ist die Begierde, und diese setzt sich durch, solange sie kann.
Man kann die Rechnung, welche
das Leben, nicht eine verstandesmäßige Philosophie, anstellt, wenn Lust
und Unlust bei Befriedigung eines Begehrens in Frage kommen, mit dem folgenden
vergleichen.
Wenn ich gezwungen bin, beim
Einkaufe eines bestimmten Quantums Apfel doppelt so viele schlechte als gute
mitzunehmen - weil der Verkäufer seinen Platz frei bekommen will - so werde ich
mich keinen Moment besinnen, die schlechten Apfel mitzunehmen, wenn ich den
Wert der geringeren Menge guter für mich so hoch veranschlagen darf, daß ich zu
dem Kaufpreis auch noch die Auslagen für Hinwegschaffung der schlechten Ware
auf mich nehmen will.
Dies Beispiel veranschaulicht
die Beziehung zwischen den durch einen Trieb bereiteten Lust- und Unlustmengen.
Ich bestimme den Wert der guten
Apfel nicht dadurch, daß ich ihre Summe von der der schlechten subtrahiere,
sondern danach, ob die ersteren trotz des Vorhandenseins der letzteren noch
einen Wert behalten.
Ebenso wie ich bei dem Genuß
der guten Apfel die schlechten unberücksichtigt lasse, so gebe ich mich der
Befriedigung einer Begierde hin, nachdem ich die notwendigen Qualen
abgeschüttelt habe.
Wenn der Pessimismus auch recht
hätte mit seiner Behauptung, daß in der Welt mehr Unlust als Lust vorhanden ist:
auf das Wollen wäre das ohne Einfluß, denn die Lebewesen streben nach der
übrigbleibenden Lust doch.
Der empirische Nachweis, daß
der Schmerz die Freude überwiegt, wäre, wenn er gelänge, zwar geeignet, die
Aussichtslosigkeit jener philosophischen Richtung zu zeigen, die den Wert des
Lebens in dem Überschuß der Lust sieht (Eudämonismus), nicht aber das Wollen
überhaupt als unvernünftig hinzustellen; denn dieses geht nicht auf einen
Überschuß von Lust, sondern auf die nach Abzug der Unlust noch übrigbleibende
Lustmenge.
Diese erscheint noch immer als
ein erstrebenswertes Ziel.
Man hat den Pessimismus dadurch
zu widerlegen versucht, daß man behauptete, es sei unmöglich, den Überschuß von
Lust oder Unlust in der Welt auszurechnen.
Die Möglichkeit einer jeden
Berechnung beruht darauf, daß die in Rechnung zu stellenden Dinge ihrer Größe
nach miteinander verglichen werden können.
Nun hat jede Unlust und jede
Lust eine bestimmte Größe (Stärke und Dauer).
Auch Lustempfindungen
verschiedener Art können wir ihrer Größe nach wenigstens schätzungsweise
vergleichen.
Wir wissen, ob uns eine gute
Zigarre oder ein guter Witz mehr Vergnügen macht Gegen die Vergleichbarkeit
verschiedener Lust- und Unlustsorten, ihrer Größe nach, läßt sich somit nichts
einwenden.
Und der Forscher, der es sich
zur Aufgabe macht, den Lust- oder Unlustüberschuß in der Welt zu bestimmen,
geht von durchaus berechtigten Voraussetzungen aus.
Man kann die Irrtümlichkeit der
pessimistischen Resultate behaupten, aber man darf die Möglichkeit einer
wissenschaftlichen Abschätzung der Lust- und Unlustmengen und damit die
Bestimmung der Lustbilanz nicht anzweifeln.
Unrichtig aber ist es, wenn
behauptet wird, daß aus dem Ergebnisse dieser Rechnung für das menschliche
Wollen etwas folge.
Die Fälle, wo wir den Wert
unserer Betätigung wirklich davon abhängig machen, ob die Lust oder die Unlust
einen Überschuß zeigt, sind die, in denen uns die Gegenstände, auf die unser
Tun sich richtet, gleichgültig sind.
Wenn es sich mir darum handelt,
nach meiner Arbeit mir ein Vergnügen durch ein Spiel oder eine leichte
Unterhaltung zu bereiten, und es mir völlig gleichgültig ist, was ich zu diesem
Zwecke tue, so frage ich mich: was bringt mir den größten Überschuß an Lust?
Und ich unterlasse eine
Betätigung unbedingt, wenn sich die Waage nach der Unlustseite hin neigt.
Bei einem Kinde, dem wir ein
Spielzeug kaufen wollen, denken wir bei der Wahl nach, was ihm die meiste
Freude bereitet.
In allen anderen Fällen
bestimmen wir uns nicht ausschließlich nach der Lustbilanz.
Wenn also die pessimistischen
Ethiker der Ansicht sind, durch den Nachweis, daß die Unlust in größerer Menge
vorhanden ist als die Lust, den Boden für die selbstlose Hingabe an die
Kulturarbeit zu bereiten, so bedenken sie nicht, daß sich das menschliche
Wollen seiner Natur nach von dieser Erkenntnis nicht beeinflussen läßt.
Das Streben der Menschen
richtet sich nach dem Maße der nach Überwindung aller Schwierigkeiten möglichen
Befriedigung.
Die Hoffnung auf diese
Befriedigung ist der Grund der menschlichen Betätigung.
Die Arbeit jedes einzelnen und
die ganze Kulturarbeit entspringt aus dieser Hoffnung.
Die pessimistische Ethik glaubt
dem Menschen die Jagd nach dem Glücke als eine unmögliche hinstellen zu müssen,
damit er sich seinen eigentlichen sittlichen Aufgaben widme.
Aber diese sittlichen Aufgaben
sind nichts anderes als die konkreten natürlichen und geistigen Triebe; und die
Befriedigung derselben wird angestrebt trotz der Unlust, die dabei abfällt.
Die Jagd nach dem Glücke, die
der Pessimismus ausrotten will, ist also gar nicht vorhanden.
Die Aufgaben aber, die der
Mensch zu vollbringen hat, vollbringt er, weil er sie kraft seines Wesens, wenn
er ihr Wesen wirklich erkannt hat, vollbringen will.
Die pessimistische Ethik
behauptet, der Mensch könne erst dann sich dem hingeben, was er als seine
Lebensaufgabe erkennt, wenn er das Streben nach Lust aufgegeben hat.
Keine Ethik aber kann je andere
Lebensaufgaben ersinnen als die Verwirklichung der von den menschlichen
Begierden geforderten Befriedigungen und die Erfüllung seiner sittlichen Ideale.
Keine Ethik kann ihm die Lust
nehmen, die er an dieser Erfüllung des von ihm Begehrten hat.
Wenn der Pessimist sagt: strebe
nicht nach Lust, denn du kannst sie nie erreichen; strebe nach dem, was du als
deine Aufgabe erkennst, so ist darauf zu erwidern: das ist Menschenart, und es
ist die Erfindung einer auf Irrwegen wandelnden Philosophie, wenn behauptet
wird, der Mensch strebe bloß nach dem Glücke.
Er strebt nach Befriedigung
dessen, was sein Wesen begehrt und hat die konkreten Gegenstände dieses
Strebens im Auge, nicht ein abstraktes ‘Glück’; und die Erfüllung ist ihm eine
Lust.
Was die pessimistische Ethik
verlangt nicht Streben nach Lust, sondern nach Erreichung dessen, was du als
deine Lebensaufgabe erkennst, so trifft sie damit dasjenige, was der Mensch
seinem Wesen nach will.
Der Mensch braucht durch die
Philosophie nicht erst umgekrempelt zu werden, er braucht seine Natur nicht
erst abzuwerfen, um sittlich zu sein.
Sittlichkeit liegt in dem
Streben nach einem als berechtigt erkannten Ziel; ihm zu folgen, liegt im
Menschenwesen, solange eine damit verknüpfte Unlust die Begierde danach nicht
lähmt.
Und dieses ist das Wesen alles
wirklichen Wollens.
Die Ethik beruht nicht auf der
Ausrottung alles Strebens nach Lust, damit bleichsüchtige abstrakte Ideen ihre
Herrschaft da aufschlagen können, wo ihnen keine starke Sehnsucht nach
Lebensgenuß entgegensteht, sondern auf dem starken, von ideeller
Intuition getragenen Wollen, das sein Ziel erreicht, auch wenn der Weg
dazu ein dornenvoller ist.
Die sittlichen Ideale
entspringen aus der moralischen Phantasie des Menschen.
Ihre Verwirklichung hängt davon
ab, daß sie von dem Menschen stark genug begehrt werden, um Schmerzen und
Qualen zu überwinden.
Sie sind seine Intuitionen,
die Triebfedern, die sein Geist spannt; er will sie, weil ihre
Verwirklichung seine höchste Lust ist.
Er hat es nicht nötig, sich von
der Ethik erst verbieten zu lassen, daß er nach Lust strebe, um sich dann
gebieten zu lassen, wonach er streben soll.
Er wird nach sittlichen Idealen
streben, wenn seine moralische Phantasie tätig genug ist, um ihm Intuitionen
einzugeben, die seinem Wollen die Stärke verleihen, sich gegen die in seiner
Organisation liegenden Widerstände, wozu auch notwendige Unlust gehört,
durchzusetzen.
Wer nach Idealen von hehrer
Größe strebt, der tut es, weil sie der Inhalt seines Wesens sind, und die
Verwirklichung wird ihm ein Genuß sein, gegen den die Lust, welche die
Armseligkeit aus der Befriedigung der alltäglichen Triebe zieht, eine
Kleinigkeit ist.
Idealisten schwelgen geistig
bei der Umsetzung ihrer Ideale in Wirklichkeit.
Wer die Lust an der
Befriedigung des menschlichen Begehrens ausrotten will, muß den Menschen erst
zum Sklaven machen, der nicht handelt, weil er will, sondern nur, weil er soll.
Denn die Erreichung des
Gewollten macht Lust.
Was man das Gute nennt,
ist nicht das, was der Mensch soll, sondern das, was er will, wenn
er die volle wahre Menschennatur zur Entfaltung bringt.
Wer dies nicht anerkennt, der
muß dem Menschen erst das austreiben, was er will, und ihm dann von außen das
vorschreiben lassen, was er seinem Wollen zum Inhalt zu geben hat.
Der Mensch verleiht der
Erfüllung einer Begierde einen Wert, weil sie aus seinem Wesen entspringt.
Das Erreichte hat seinen Wert,
weil es gewollt ist.
Spricht man dem Ziel des
menschlichen Wollens als solchem seinen Wert ab, dann muß man die wertvollen
Ziele von etwas nehmen, das der Mensch nicht will.
Die auf den Pessimismus sich
aufbauende Ethik entspringt aus der Mißachtung der moralischen Phantasie.
Wer den individuellen
Menschengeist nicht für fähig hält, sich selbst den Inhalt seines Strebens zu
geben, nur der kann die Summe des Wollens in der Sehnsucht nach Lust suchen.
Der phantasielose Mensch schafft
keine sittlichen Ideen.
Sie müssen ihm gegeben werden.
Daß er nach Befriedigung seiner
niederen Begierden strebt: dafür aber sorgt die physische Natur.
Zur Entfaltung des ganzen Menschen
gehören aber auch die aus dem Geiste stammenden Begierden.
Nur wenn man der Meinung ist,
daß diese der Mensch überhaupt nicht hat, kann man behaupten, daß er sie von
außen empfangen soll.
Dann ist man auch berechtigt,
zu sagen, daß er verpflichtet ist, etwas zu tun, was er nicht will.
Jede Ethik, die von dem Menschen
fordert, daß er sein Wollen zurückdränge, um Aufgaben zu erfüllen, die er nicht
will, rechnet nicht mit dem ganzen Menschen, sondern mit einem solchen,
dem das geistige Begehrungsvermögen fehlt.
Für den harmonisch entwickelten
Menschen sind die sogenannten Ideen des Guten nicht außerhalb, sondern innerhalb
des Kreises seines Wesens.
Nicht in der Austilgung eines
einseitigen Eigenwillens liegt das sittliche Handeln, sondern in der vollen Entwickelung
der Menschennatur.
Wer die sittlichen Ideale nur für
erreichbar hält, wenn der Mensch seinen Eigenwillen ertötet, der weiß nicht,
daß diese Ideale ebenso von dem Menschen gewollt sind, wie die Befriedigung der
sogenannten tierischen Triebe.
Es ist nicht zu leugnen, daß
die hiermit charakterisierten Anschauungen leicht mißverstanden werden können.
Unreife Menschen ohne
moralische Phantasie sehen gerne die Instinkte ihrer Halbnatur für den vollen
Menschheitsgehalt an, und lehnen alle nicht von ihnen erzeugten sittlichen
Ideen ab, damit sie ungestört «sich ausleben» können.
Daß für die halbentwickelte
Menschennatur nicht gilt, was für den Vollmenschen richtig ist, ist
selbstverständlich.
Wer durch Erziehung erst noch
dahin gebracht werden soll, daß seine sittliche Natur die Eischalen der
niederen Leidenschaften durchbricht: von dem darf nicht in Anspruch genommen
werden, was für den reifen Menschen gilt.
Hier sollte aber nicht
verzeichnet werden, was dem unentwickelten Menschen einzuprägen ist, sondern
das, was in dem Wesen des ausgereiften Menschen liegt.
Denn es sollte die Möglichkeit
der Freiheit nachgewiesen werden; diese erscheint aber nicht an Handlungen aus
sinnlicher oder seelischer Nötigung, sondern an solchen, die von geistigen
Intuitionen getragen sind.
Dieser ausgereifte Mensch gibt
seinen Wert sich selbst.
Nicht die Lust erstrebt er, die
ihm als Gnadengeschenk von der Natur oder von dem Schöpfer gereicht wird; und
auch nicht die abstrakte Pflicht erfüllt er, die er als solche erkennt, nachdem
er das Streben nach Lust abgestreift hat.
Er handelt, wie er will, das
ist nach Maßgabe seiner ethischen Intuitionen; und er empfindet die Erreichung
dessen, was er will, als seinen wahren Lebensgenuß.
Den Wert des Lebens bestimmt er
an dem Verhältnis des Erreichten zu dem Erstrebten.
Die Ethik, welche an die Stelle
des Wollens das bloße Sollen, an die Stelle der Neigung die bloße Pflicht
setzt, bestimmt folgerichtig den Wert des Menschen an dem Verhältnis dessen,
was die Pflicht fordert, zu dem, was er erfüllt.
Sie mißt den Menschen an einem
außerhalb seines Wesens gelegenen Maßstab. - Die hier entwickelte Ansicht weist
den Menschen auf sich selbst zurück.
Sie erkennt nur das als den
wahren Wert des Lebens an, was der einzelne nach Maßgabe seines Wollens als
solchen ansieht.
Sie weiß ebensowenig von einem
nicht vom Individuum anerkannten Wert des Lebens wie von einem nicht aus diesem
entsprungenen Zweck des Lebens.
Sie sieht in dem allseitig
durchschauten wesenhaften Individuum seinen eigenen Herrn und seinen eigenen
Schätzer.
Zusatz zur Neuausgabe 1918.
Verkennen
kann man das in diesem Abschnitt Dargestellte, wenn man sich festbeißt in den
scheinbaren Einwand: das Wollen des Menschen als solches ist eben das
Unvernünftige; man müsse ihm diese Unvernünftigkeit nachweisen, dann wird er
einsehen, daß in der endlichen Befreiung von dem Wollen das Ziel des ethischen
Strebens liegen müsse.
Mir wurde von berufener Seite
allerdings ein solcher Schein-Einwand entgegengehalten, in dem mir gesagt
wurde, es sei eben die Sache des Philosophen, nachzuholen, was die Gedankenlosigkeit
der Tiere und der meisten Menschen versäumt, eine wirkliche Lebensbilanz zu
ziehen.
Doch wer diesen Einwand macht,
sieht eben die Hauptsache nicht: soll Freiheit sich verwirklichen, so muß in
der Menschennatur das Wollen von dem intuitiven Denken getragen sein; zugleich
aber ergibt sich, daß ein Wollen auch von anderem als von der Intuition
bestimmt werden kann, und nur in der aus der Menschenwesenheit
erfließenden freien Verwirklichung der Intuition ergibt sich das Sittliche und
sein Wert.
Der ethische Individualismus
ist geeignet, die Sittlichkeit in ihrer vollen Würde darzustellen, denn er ist
nicht der Ansicht, daß wahrhaft sittlich ist, was in äußerer Art
Zusammenstimmung eines Wollens mit einer Norm herbeiführt, sondern was aus dem
Menschen dann ersteht, wenn er das sittliche Wollen als ein Glied seines vollen
Wesens in sich entfaltet, so daß das Unsittliche zu tun ihm als Verstümmelung,
Verkrüppelung seines Wesens erscheint.
Anmerkungen:
(1) Wer ausrechnen will,
ob die Gesamtsumme der Lust oder die der Unlust überwiegt, der beachtet eben
nicht, daß er eine Rechnung anstellt über etwas, das nirgends erlebt wird.
Das Gefühl rechnet
nicht, und für die wirkliche Bewertung des Lebens kommt das wirkliche Erlebnis,
nicht das Ergebnis einer erträumten Rechnung in Betracht.
(2) Von dem Falle, wo
durch übermäßige Steigerung der Lust diese in Unlust umschlägt, sehen wir hier
ab.
Der Ansicht, daß der Mensch zu
einer vollständigen in sich geschlossenen, freien Individualität veranlagt ist,
stehen scheinbar die Tatsachen entgegen, daß er als Glied innerhalb eines
natürlichen Ganzen auftritt (Rasse, Stamm, Volk, Familie, männliches und
weibliches Geschlecht), und daß er innerhalb eines Ganzen wirkt (Staat, Kirche
und so weiter).
Er trägt die allgemeinen
Charaktereigentümlichkeiten der Gemeinschaft, der er angehört, und gibt seinem
Handeln einen Inhalt, der durch den Platz, den er innerhalb einer Mehrheit
einnimmt, bestimmt ist.
Ist dabei überhaupt noch
Individualität möglich?
Kann man den Menschen selbst
als ein Ganzes für sich ansehen, wenn er aus einem Ganzen herauswächst, und in
ein Ganzes sich eingliedert?
Das Glied eines Ganzen wird
seinen Eigenschaften und Funktionen nach durch das Ganze bestimmt.
Ein Volksstamm ist ein Ganzes,
und alle zu ihm gehörigen Menschen tragen die Eigentümlichkeiten an sich, die
im Wesen des Stammes bedingt sind.
Wie der einzelne beschaffen ist
und wie er sich betätigt, ist durch den Stammescharakter bedingt.
Dadurch erhält die Physiognomie
und das Tun des einzelnen etwas Gattungsmäßiges.
Wenn wir nach dem Grunde
fragen, warum dies und jenes an dem Menschen so oder so ist, so werden wir aus
dem Einzelwesen hinaus auf die Gattung verwiesen.
Diese erklärt es uns, warum
etwas an ihm in der von uns beobachteten Form auftritt.
Von diesem Gattungsmäßigen
macht sich aber der Mensch frei.
Denn das menschlich
Gattungsmäßige ist, vom Menschen richtig erlebt, nichts seine Freiheit
Einschränkendes, und soll es auch nicht durch künstliche Veranstaltungen sein.
Der Mensch entwickelt
Eigenschaften und Funktionen an sich, deren Bestimmungsgrund wir nur in ihm
selbst suchen können.
Das Gattungsmäßige dient ihm
dabei nur als Mittel, um seine besondere Wesenheit in ihm auszudrücken.
Er gebraucht die ihm von der
Natur mitgegebenen Eigentümlichkeiten als Grundlage und gibt ihm die seinem
eigenen Wesen gemäße Form.
Wir suchen nun vergebens den
Grund für eine Äußerung dieses Wesens in den Gesetzen der Gattung.
Wir haben es mit einem
Individuum zu tun, das nur durch sich selbst erklärt werden kann.
Ist ein Mensch bis zu dieser
Loslösung von dem Gattungsmäßigen durchgedrungen, und wir wollen alles, was an
ihm ist, auch dann noch aus dem Charakter der Gattung erklären, so haben wir
für das Individuelle kein Organ.
Es ist unmöglich, einen
Menschen ganz zu verstehen, wenn man seiner Beurteilung einen Gattungsbegriff
zugrunde legt.
Am hartnäckigsten im Beurteilen
nach der Gattung ist man da, wo es sich um das Geschlecht des Menschen handelt.
Der Mann sieht im Weibe, das
Weib in dem Manne fast immer zuviel von dem allgemeinen Charakter des anderen
Geschlechtes und zu wenig von dem Individuellen.
Im praktischen Leben schadet
das den Männern weniger als den Frauen.
Die soziale Stellung der Frau
ist zumeist deshalb eine so unwürdige, weil sie in vielen Punkten, wo sie es
sein sollte, nicht bedingt ist durch die individuellen Eigentümlichkeiten der
einzelnen Frau, sondern durch die allgemeinen Vorstellungen, die man sich von
der natürlichen Aufgabe und den Bedürfnissen des Weibes macht.
Die Betätigung des Mannes im
Leben richtet sich nach dessen individuellen Fähigkeiten und Neigungen, die des
Weibes soll ausschließlich durch den Umstand bedingt sein, daß es eben Weib ist.
Das Weib soll der Sklave des
Gattungsmäßigen, des Allgemein-Weiblichen sein.
Solange von Männern darüber
debattiert wird, ob die Frau «ihrer Naturanlage nach» zu diesem oder jenem
Beruf tauge, solange kann die sogenannte Frauenfrage aus ihrem elementarsten
Stadium nicht herauskommen.
Was die Frau ihrer Natur nach
wollen kann, das überlasse man der Frau zu beurteilen.
Wenn es wahr ist, daß die
Frauen nur zu dem Berufe taugen, der ihnen jetzt zukommt, dann werden sie aus
sich selbst heraus kaum einen anderen erreichen.
Sie müssen es aber selbst entscheiden
können, was ihrer Natur gemäß ist.
Wer eine Erschütterung unserer
sozialen Zustände davon befürchtet, daß die Frauen nicht als Gattungsmenschen,
sondern als Individuen genommen werden, dem muß entgegnet werden, daß soziale
Zustände, innerhalb welcher die Hälfte der Menschheit ein menschenunwürdiges
Dasein hat, eben der Verbesserung gar sehr bedürftig sind.
(1) Wer die Menschen nach
Gattungscharakteren beurteilt, der kommt eben gerade bis zu der Grenze, über
welcher sie anfangen, Wesen zu sein, deren Betätigung auf freier
Selbstbestimmung beruht.
Was unterhalb dieser Grenze
liegt, das kann natürlich Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung sein.
Die Rassen-, Stammes-, Volks-
und Geschlechtseigentümlichkeiten sind der Inhalt besonderer Wissenschaften.
Nur Menschen, die allein als
Exemplare der Gattung leben wollten, könnten sich mit einem allgemeinen Bilde
decken, das durch solche wissenschaftliche Betrachtung zustande kommt.
Aber alle diese Wissenschaften
können nicht vordringen bis zu dem besonderen Inhalt des einzelnen Individuums.
Da, wo das Gebiet der Freiheit
(des Denkens und Handelns) beginnt, hört das Bestimmen des Individuums nach
Gesetzen der Gattung auf.
Den begrifflichen Inhalt, den
der Mensch durch das Denken mit der Wahrnehmung in Verbindung bringen muß, um
der vollen Wirklichkeit sich zu bemächtigen (vgl. S. 88 ff.), kann niemand ein
für allemal festsetzen und der Menschheit fertig hinterlassen.
Das Individuum muß seine
Begriffe durch eigene Intuition gewinnen.
Wie der einzelne zu denken hat,
läßt sich nicht aus irgendeinem Gattungsbegriffe ableiten.
Dafür ist einzig und allein das
Individuum maßgebend.
Ebensowenig ist aus allgemeinen
Menschencharakteren zu bestimmen, welche konkrete Ziele das Individuum seinem
Wollen vorsetzen will.
Wer das einzelne Individuum
verstehen will, muß bis in dessen besondere Wesenheit dringen, und nicht bei
typischen Eigentümlichkeiten stehen bleiben.
In diesem Sinne ist jeder
einzelne Mensch ein Problem.
Und alle Wissenschaft, die sich
mit abstrakten Gedanken und Gattungsbegriffen befaßt, ist nur eine Vorbereitung
zu jener Erkenntnis, die uns zuteil wird, wenn uns eine menschliche
Individualität ihre Art, die Welt anzuschauen, mitteilt, und zu der anderen,
die wir aus dem Inhalt ihres Wollens gewinnen.
Wo wir die Empfindung haben: hier
haben wir es mit demjenigen an einem Menschen zu tun, das frei ist von
typischer Denkungsart und gattungsmäßigem Wollen, da müssen wir aufhören,
irgendwelche Begriffe aus unserem Geiste zu Hilfe zu nehmen, wenn wir sein Wesen
verstehen wollen.
Das Erkennen besteht in der
Verbindung des Begriffes mit der Wahrnehmung durch das Denken.
Bei allen anderen Objekten muß
der Beobachter die Begriffe durch seine Intuition gewinnen; beim Verstehen
einer freien Individualität handelt es sich nur darum, deren Begriffe, nach
denen sie sich ja selbst bestimmt, rein (ohne Vermischung mit eigenem
Begriffsinhalt) herüberzunehmen in unseren Geist.
Menschen, die in jede
Beurteilung eines anderen sofort ihre eigenen Begriffe einmischen, können nie
zu dem Verständnisse einer Individualität gelangen.
So wie die freie Individualität
sich frei macht von den Eigentümlichkeiten der Gattung, so muß das Erkennen
sich frei machen von der Art, wie das Gattungsmäßige verstanden wird.
Nur in dem Grade, in dem der
Mensch sich in der gekennzeichneten Weise frei gemacht hat vom Gattungsmäßigen,
kommt er als freier Geist innerhalb eines menschlichen Gemeinwesens in Betracht.
Kein Mensch ist vollständig
Gattung, keiner ganz Individualität.
Aber eine größere oder
geringere Sphäre seines Wesens löst jeder Mensch allmählich ab, ebenso von dem
Gattungsmäßigen des animalischen Lebens, wie von den ihn beherrschenden Geboten
menschlicher Autoritäten.
Für den Teil, für den sich der
Mensch aber eine solche Freiheit nicht erobern kann, bildet er ein Glied
innerhalb des Natur- und Geistesorganismus.
Er lebt in dieser Hinsicht, wie
er es andern abguckt, oder wie sie es ihm befehlen.
Einen im wahren Sinne ethischen
Wert hat nur der Teil seines Handelns, der aus seinen Intuitionen entspringt.
Und was er an moralischen
Instinkten durch Vererbung sozialer Instinkte an sich hat, wird ein Ethisches
dadurch, daß er es in seine Intuitionen aufnimmt.
Aus individuellen ethischen
Intuitionen und deren Aufnahme in Menschengemeinschaften entspringt alle
sittliche Betätigung der Menschheit.
Man kann auch sagen: das
sittliche Leben der Menschheit ist die Gesamtsumme der moralischen
Phantasieerzeugnisse der freien menschlichen Individuen.
Dies ist das Ergebnis des
Monismus.
Anmerkungen:
(1) Man hat mir auf
die obigen Ausführungen gleich beim Erscheinen (1894) dieses Buches
eingewendet, innerhalb des Gattungsmäßigen könne sich die Frau schon jetzt so
individuell ausleben, wie sie nur will, weit freier als der Mann, der schon
durch die Schule und dann durch Krieg und Beruf entindividualisiert werde.
Ich weiß, daß man
diesen Einwand vielleicht heute noch stärker erheben wird.
Ich muß die Sätze doch
hier stehen lassen und möchte hoffen, daß es auch Leser gibt, die verstehen,
wie stark ein solcher Einwand gegen den Freiheitsbegriff, der in dieser Schrift
entwickelt wird, verstößt, und die meine obigen Sätze an anderem beurteilen als
an der Entindividualisierung des Mannes durch die Schule und den Beruf.
Die einheitliche Welterklärung
oder der hier gemeinte Monismus entnimmt der menschlichen Erfahrung die
Prinzipien, die er zur Erklärung der Welt braucht.
Die Quellen des Handelns sucht
er ebenfalls innerhalb der Beobachtungswelt, nämlich in der unserer
Selbsterkenntnis zugänglichen menschlichen Natur, und zwar in der moralischen
Phantasie.
Er lehnt es ab, durch abstrakte
Schlußfolgerungen die letzten Gründe für die dem Wahrnehmen und Denken
vorliegende Welt außerhalb derselben zu suchen.
Für den Monismus ist die
Einheit, welche die erlebbare denkende Beobachtung zu der mannigfaltigen
Vielheit der Wahrnehmungen hinzubringt, zugleich diejenige, die das menschliche
Erkenntnisbedürfnis verlangt und durch die es den Eingang in die physischen und
geistigen Weltbereiche sucht.
Wer hinter dieser so zu
suchenden Einheit noch eine andere sucht, der beweist damit nur, daß er die
Übereinstimmung des durch das Denken Gefundenen mit dem vom Erkenntnis- trieb
Geforderten nicht erkennt.
Das einzelne menschliche
Individuum ist von der Welt nicht tatsächlich abgesondert.
Es ist ein Teil der Welt, und
es besteht ein Zusammenhang mit dem Ganzen des Kosmos der Wirklichkeit nach,
der nur für unsere Wahrnehmung unterbrochen ist.
Wir sehen fürs erste diesen Teil
als für sich existierendes Wesen, weil wir die Riemen und Seile nicht sehen,
durch welche die Bewegung unseres Lebensrades von den Grundkräften des Kosmos
bewirkt wird.
Wer auf diesem Standpunkt
stehen bleibt, der sieht den Teil eines Ganzen für ein wirklich selbständig
existierendes Wesen, für die Monade an, welches die Kunde von der übrigen Welt
auf irgendeine Weise von außen erhält.
Der hier gemeinte Monismus
zeigt, daß die Selbständigkeit nur so lange geglaubt werden kann, als das
Wahrgenommene nicht durch das Denken in das Netz der Begriffswelt eingespannt
wird.
Geschieht dies, so entpuppt
sich die Teilexistenz als ein bloßer Schein des Wahrnehmens.
Seine in sich geschlossene
Totalexistenz im Universum kann der Mensch nur finden durch intuitives
Denkerlebnis.
Das Denken zerstört den Schein
des Wahrnehmens und gliedert unsere individuelle Existenz in das Leben des
Kosmos ein.
Die Einheit der Begriffswelt,
welche die objektiven Wahrnehmungen enthält, nimmt auch den Inhalt unserer
subjektiven Persönlichkeit in sich auf.
Das Denken gibt uns von der
Wirklichkeit die wahre Gestalt, als einer in sich geschlossenen Einheit,
während die Mannigfaltigkeit der Wahrnehmungen nur ein durch unsere
Organisation bedingter Schein ist (vgl. S. 174 ff.).
Die Erkenntnis des Wirklichen
gegenüber dem Schein des Wahrnehmens bildete zu allen Zeiten das Ziel des
menschlichen Denkens.
Die Wissenschaft bemühte sich,
die Wahrnehmungen durch Aufdeckung der gesetzmäßigen Zusammenhänge innerhalb
derselben als Wirklichkeit zu erkennen.
Wo man aber der Ansicht war,
daß der von dem menschlichen Denken ermittelte Zusammenhang nur eine subjektive
Bedeutung habe, suchte man den wahren Grund der Einheit in einem jenseits
unserer Erfahrungswelt gelegenen Objekte (erschlossener Gott, Wille, absoluter
Geist usw.). - Und, auf diese Meinung gestützt, bestrebte man sich zu dem
Wissen über die innerhalb der Erfahrung erkennbaren Zusammenhänge noch ein
zweites zu gewinnen, das über die Erfahrung hinausgeht, und den Zusammenhang
derselben mit den nicht mehr erfahrbaren Wesenheiten aufdeckt (nicht durch
Erleben, sondern durch Schlußfolgerung gewonnene Metaphysik).
Den Grund, warum wir durch
geregeltes Denken den Weltzusammenhang begreifen, sah man von diesem
Standpunkte aus darin, daß ein Urwesen nach logischen Gesetzen die Welt
aufgebaut hat, und den Grund für unser Handeln sah man in dem Wollen des
Urwesens.
Doch erkannte man nicht, daß
das Denken Subjektives und Objektives zugleich umspannt, und daß in dem
Zusammenschluß der Wahrnehmung mit dem Begriff die totale Wirklichkeit
vermittelt wird.
Nur solange wir die die
Wahrnehmung durchdringende und bestimmende Gesetzmäßigkeit in der abstrakten
Form des Begriffes betrachten, solange haben wir es in der Tat mit etwas rein
Subjektivem zu tun.
Subjektiv ist aber nicht der
Inhalt des Begriffes, der mit Hilfe des Denkens zu der Wahrnehmung
hinzugewonnen wird.
Dieser Inhalt ist nicht aus dem
Subjekte, sondern aus der Wirklichkeit genommen.
Er ist der Teil der
Wirklichkeit, den das Wahrnehmen nicht erreichen kann.
Er ist Erfahrung, aber nicht
durch das Wahrnehmen vermittelte Erfahrung.
Wer sich nicht vorstellen kann,
daß der Begriff ein Wirkliches ist, der denkt nur an die abstrakte Form, wie er
denselben in seinem Geiste festhält.
Aber in solcher Absonderung ist
er ebenso nur durch unsere Organisation vorhanden, wie die Wahrnehmung es ist.
Auch der Baum, den man
wahrnimmt, hat abgesondert für sich keine Existenz.
Er ist nur innerhalb des großen
Räderwerkes der Natur ein Glied, und nur in realem Zusammenhang mit ihr möglich.
Ein abstrakter Begriff hat für
sich keine Wirklichkeit, ebensowenig wie eine Wahrnehmung für sich.
Die Wahrnehmung ist der Teil
der Wirklichkeit, der objektiv, der Begriff derjenige, der subjektiv (durch
Intuition, vgl. Seite 95 ff.) gegeben wird.
Unsere geistige Organisation reißt
die Wirklichkeit in diese beiden Faktoren auseinander.
Der eine Faktor erscheint dem
Wahrnehmen, der andere der Intuition.
Erst der Zusammenhang der
beiden, die gesetzmäßig sich in das Universum eingliedernde Wahrnehmung, ist
volle Wirklichkeit.
Betrachten wir die bloße
Wahrnehmung für sich, so haben wir keine Wirklichkeit, sondern ein
zusammenhangloses Chaos; betrachten wir die Gesetzmäßigkeit der Wahrnehmungen
für sich, dann haben wir es bloß mit abstrakten Begriffen zu tun.
Nicht der abstrakte Begriff
enthält die Wirklichkeit; wohl aber die denkende Beobachtung, die weder
einseitig den Begriff, noch die Wahrnehmung für sich betrachtet, sondern den
Zusammenhang beider.
Daß wir in der Wirklichkeit
leben (mit unserer realen Existenz in derselben wurzeln), wird selbst der
orthodoxeste subjektive Idealist nicht leugnen.
Er wird nur bestreiten, daß wir
ideell mit unserem Erkennen auch das erreichen, was wir real durchleben.
Demgegenüber zeigt der
Monismus, daß das Denken weder subjektiv, noch objektiv, sondern ein beide
Seiten der Wirklichkeit umspannendes Prinzip ist.
Wenn wir denkend beobachten,
vollziehen wir einen Prozeß, der selbst in die Reihe des wirklichen Geschehens
gehört.
Wir überwinden durch das Denken
innerhalb der Erfahrung selbst die Einseitigkeit des bloßen Wahrnehmens.
Wir können durch abstrakte,
begriffliche Hypothesen (durch rein begriffliches Nachdenken) das Wesen des
Wirklichen nicht erklügeln, aber wir leben, indem wir zu den
Wahrnehmungen die Ideen finden, in dem Wirklichen.
Der Monismus sucht zu der
Erfahrung kein Unerfahrbares (Jenseitiges), sondern sieht in Begriff und
Wahrnehmung das Wirkliche.
Er spinnt aus bloßen abstrakten
Begriffen keine Metaphysik, weil er in dem Begriffe an sich nur die eine Seite
der Wirklichkeit sieht, die dem Wahrnehmen verborgen bleibt und nur im
Zusammenhang mit der Wahrnehmung einen Sinn hat.
Er ruft aber in dem Menschen
die Überzeugung hervor, daß er in der Welt der Wirklichkeit lebt und nicht
außerhalb seiner Welt eine unerlebbare höhere Wirklichkeit zu suchen hat.
Er hält davon ab, das
Absolut-Wirkliche anderswo als in der Erfahrung zu suchen, weil er den Inhalt
der Erfahrung selbst als das Wirkliche erkennt.
Und er ist befriedigt durch
diese Wirklichkeit, weil er weiß, daß das Denken die Kraft hat, sie zu
verbürgen.
Was der Dualismus erst hinter
der Beobachtungswelt sucht, das findet der Monismus in dieser selbst.
Der Monismus zeigt, daß wir mit
unserem Erkennen die Wirklichkeit in ihrer wahren Gestalt ergreifen, nicht in
einem subjektiven Bilde, das sich zwischen den Menschen und die Wirklichkeit
einschöbe.
Für den Monismus ist der
Begriffsinhalt der Welt für alle menschlichen Individuen derselbe (vgl. S. 89
ff.).
Nach monistischen Prinzipien
betrachtet ein menschliches Individuum ein anderes als seinesgleichen, weil es
derselbe Weltinhalt ist, der sich in ihm auslebt.
Es gibt in der einigen
Begriffswelt nicht etwa so viele Begriffe des Löwen, wie es Individuen gibt,
die einen Löwen denken, sondern nur einen.
Und der Begriff, den A zu der
Wahrnehmung des Löwen hinzufügt, ist derselbe, wie der des B, nur durch ein
anderes Wahrnehmungssubjekt aufgefaßt (vgl. S.90 f.).
Das Denken führt alle
Wahrnehmungssubjekte auf die gemeinsame ideelle Einheit aller Mannigfaltigkeit.
Die einige Ideenwelt lebt sich
in ihnen als in einer Vielheit von Individuen aus.
Solange sich der Mensch bloß
durch Selbstwahrnehmung erfaßt, sieht er sich als diesen besonderen Menschen
an; sobald er auf die in ihm aufleuchtende, alles Besondere umspannende
Ideenwelt blickt, sieht er in sich das absolut Wirkliche lebendig aufleuchten.
Der Dualismus bestimmt das
göttliche Urwesen als dasjenige, was alle Menschen durchdringt und in ihnen
allen lebt.
Der Monismus findet dieses
gemeinsame göttliche Leben in der Wirklichkeit selbst.
Der ideelle Inhalt eines andern
Menschen ist auch der meinige, und ich sehe ihn nur so lange als einen andern
an, als ich wahrnehme, nicht mehr aber, sobald ich denke.
Jeder Mensch umspannt mit
seinem Denken nur einen Teil der gesamten Ideenwelt, und insofern unterscheiden
sich die Individuen auch durch den tatsächlichen Inhalt ihres Denkens.
Aber diese Inhalte sind in
einem in sich geschlossenen Ganzen, das die Denkinhalte aller Menschen umfaßt.
Das gemeinsame Urwesen, das
alle Menschen durchdringt, ergreift somit der Mensch in seinem Denken.
Das mit dem Gedankeninhalt
erfüllte Leben in der Wirklichkeit ist zugleich das Leben in Gott.
Das bloß erschlossene, nicht zu
erlebende Jenseits beruht auf einem Mißverständnis derer, die glauben, daß das
Diesseits den Grund seines Bestandes nicht in sich hat.
Sie sehen nicht ein, daß sie
durch das Denken das finden, was sie zur Erklärung der Wahrnehmung verlangen.
Deshalb hat aber auch noch
keine Spekulation einen Inhalt zutage gefördert, der nicht aus der uns
gegebenen Wirklichkeit entlehnt wäre.
Der durch abstrakte
Schlußfolgerung angenommene Gott ist nur der in ein Jenseits versetzte Mensch;
der Wille Schopenhauers die verabsolutierte menschliche Willenskraft; das aus
Idee und Wille zusammengesetzte unbewußte Urwesen Hartmanns eine
Zusammensetzung zweier Abstraktionen aus der Erfahrung.
Genau dasselbe ist von allen
anderen auf nicht erlebtem Denken ruhenden jenseitigen Prinzipien zu sagen.
Der menschliche Geist kommt in
Wahrheit nie über die Wirklichkeit hinaus, in der wir leben, und er hat es auch
nicht nötig, da alles in dieser Welt liegt, was er zu ihrer Erklärung braucht.
Wenn sich die Philosophen
zuletzt befriedigt erklären mit der Herleitung der Welt aus Prinzipien, die sie
der Erfahrung entlehnen und in ein hypothetisches Jenseits versetzen, so muß
eine solche Befriedigung auch möglich sein, wenn der gleiche Inhalt im
Diesseits belassen wird, wohin er für das erlebbare Denken gehört.
Alles Hinausgehen über die Welt
ist nur ein scheinbares, und die aus der Welt hinausversetzten Prinzipien
erklären die Welt nicht besser, als die in derselben liegenden.
Das sich selbst verstehende
Denken fordert aber auch gar nicht zu einem solchen Hinausgehen auf, da ein
Gedankeninhalt nur innerhalb der Welt, nicht außerhalb derselben einen
Wahrnehmungsinhalt suchen muß, mit dem zusammen er ein Wirkliches bildet.
Auch die Objekte der Phantasie
sind nur Inhalte, die ihre Berechtigung erst haben, wenn sie zu Vorstellungen
werden, die auf einen Wahrnehmungsinhalt hinweisen.
Durch diesen Wahrnehmungsinhalt
gliedern sie sich der Wirklichkeit ein.
Ein Begriff, der mit einem
Inhalt erfüllt werden sollte, der außerhalb der uns gegebenen Welt liegen soll,
ist eine Abstraktion, der keine Wirklichkeit entspricht Ersinnen können wir nur
die Begriffe der Wirklichkeit; um diese selbst zu finden, bedarf es auch
noch des Wahrnehmens.
Ein Urwesen der Welt, für das
ein Inhalt erdacht wird, ist für ein sich selbst verstehendes Denken
eine unmögliche Annahme.
Der Monismus leugnet nicht das
Ideelle, er sieht sogar einen Wahrnehmungsinhalt, zu dem das ideelle Gegenstück
fehlt, nicht für volle Wirklichkeit an; aber er findet im ganzen Gebiet des
Denkens nichts, das nötigen könnte, aus dem Erlebnisbereich des Denkens durch
Verleugnung der objektiv geistigen Wirklichkeit des Denkens herauszutreten.
Der Monismus sieht in einer
Wissenschaft, die sich darauf beschränkt, die Wahrnehmungen zu beschreiben,
ohne zu den ideellen Ergänzungen derselben vorzudringen, eine Halbheit.
Aber er betrachtet ebenso als
Halbheiten alle abstrakten Begriffe, die ihre Ergänzung nicht in der
Wahrnehmung finden und sich nirgends in das die beobachtbare Welt umspannende
Begriffsnetz einfügen.
Er kennt daher keine Ideen, die
auf ein jenseits unserer Erfahrung liegendes Objektives hindeuten, und die den
Inhalt einer bloß hypothetischen Metaphysik bilden sollen.
Alles, was die Menschheit an
solchen Ideen erzeugt hat, sind ihm Abstraktionen aus der Erfahrung, deren
Entlehnung aus derselben von ihren Urhebern nur übersehen wird.
Ebensowenig können nach
monistischen Grundsätzen die Ziele unseres Handelns aus einem außermenschlichen
Jenseits entnommen werden.
Sie müssen, insofern sie
gedacht sind, aus der menschlichen Intuition stammen.
Der Mensch macht nicht die
Zwecke eines objektiven (jenseitigen) Urwesens zu seinen individuellen Zwecken,
sondern er verfolgt seine eigenen, ihm von seiner moralischen Phantasie
gegebenen.
Die in einer Handlung sich
verwirklichende Idee löst der Mensch aus der einigen Ideenwelt los und legt sie
seinem Wollen zugrunde.
In seinem Handeln leben sich
also nicht die aus dem Jenseits dem Diesseits eingeimpften Gebote aus, sondern
die der diesseitigen Welt angehörigen menschlichen Intuitionen.
Der Monismus kennt keinen
solchen Weltenlenker, der außerhalb unserer selbst unseren Handlungen Ziel und
Richtung setzte.
Der Mensch findet keinen
solchen jenseitigen Urgrund des Daseins, dessen Ratschlüsse er erforschen
könnte, um von ihm die Ziele zu erfahren, nach denen er mit seinen Handlungen
hinzusteuern hat.
Er ist auf sich selbst
zurückgewiesen.
Er selbst muß seinem Handeln
einen Inhalt geben.
Wenn er außerhalb der Welt, in
der er lebt, nach Bestimmungsgründen seines Wollens sucht, so forscht er
vergebens.
Er muß sie, wenn er über die
Befriedigung seiner natürlichen Triebe, für die Mutter Natur vorgesorgt hat,
hinausgeht, in seiner eigenen moralischen Phantasie suchen, wenn es nicht seine
Bequemlichkeit vorzieht, von der moralischen Phantasie anderer sich bestimmen zu
lassen, das heißt er muß alles Handeln unterlassen oder nach Bestimmungsgründen
handeln, die er sich selbst aus der Welt seiner Ideen heraus gibt, oder die ihm
andere aus derselben heraus geben.
Er wird, wenn er über sein
sinnliches Triebleben und über die Ausführung der Befehle anderer Menschen
hinauskommt, durch nichts, als durch sich selbst bestimmt.
Er muß aus einem von ihm selbst
gesetzten, durch nichts anderes bestimmten Antrieb handeln.
Ideell ist dieser Antrieb
allerdings in der einigen Ideenwelt bestimmt; aber faktisch kann er nur durch
den Menschen aus dieser abgeleitet und in Wirklichkeit umgesetzt werden.
Für die aktuelle Umsetzung
einer Idee in Wirklichkeit durch den Menschen kann der Monismus nur in dem
Menschen selbst den Grund finden.
Daß eine Idee zur Handlung
werde, muß der Mensch erst wollen, bevor es geschehen kann.
Ein solches Wollen hat seinen
Grund also nur in dem Menschen selbst.
Der Mensch ist dann das letzte
Bestimmende seiner Handlung.
Er ist frei.
1. Zusatz zur Neuausgabe (1918).
Im zweiten Teile dieses Buches
wurde versucht, eine Begründung dafür zu geben, daß die Freiheit in der
Wirklichkeit des menschlichen Handelns zu finden ist.
Dazu war notwendig, aus dem
Gesamtgebiete des menschlichen Handelns diejenigen Teile auszusondern, denen
gegenüber bei unbefangener Selbstbeobachtung von Freiheit gesprochen werden
kann.
Es sind diejenigen Handlungen,
die sich als Verwirklichungen ideeller Intuitionen darstellen.
Andere Handlungen wird kein
unbefangenes Betrachten als freie ansprechen.
Aber der Mensch wird eben bei
unbefangener Selbstbeobachtung sich für veranlagt halten müssen zum
Fortschreiten auf der Bahn nach ethischen Intuitionen und deren Verwirklichung.
Diese unbefangene
Beobachtung des ethischen Wesens des Menschen kann aber für sich keine letzte
Entscheidung über die Freiheit bringen.
Denn wäre das intuitive Denken
selbst aus irgendeiner andern Wesenheit entspringend, wäre seine Wesenheit
nicht eine auf sich selbst ruhende, so erwiese sich das aus dem Ethischen
fließende Freiheitsbewußtsein als ein Scheingebilde.
Aber der zweite Teil dieses
Buches findet seine naturgemäße Stütze in dem ersten.
Dieser stellt das intuitive
Denken als erlebte innere Geistbetätigung des Menschen hin, Diese Wesenheit
des Denkens erlebend verstehen, kommt aber der Erkenntnis von der Freiheit
des intuitiven Denkens gleich.
Und weiß man, daß dieses Denken
frei ist, dann sieht man auch den Umkreis des Wollens, dem die Freiheit
zuzusprechen ist.
Den handelnden Menschen wird
für frei halten derjenige, welcher dem intuitiven Denkerleben eine in
sich ruhende Wesenheit auf Grund der inneren Erfahrung zuschreiben darf.
Wer solches nicht vermag, der
wird wohl keinen irgendwie unanfechtbaren Weg zur Annahme der Freiheit finden
können.
Die hier geltend gemachte
Erfahrung findet im Bewußtsein das intuitive Denken, das nicht bloß im
Bewußtsein Wirklichkeit hat.
Und sie findet damit die
Freiheit als Kennzeichen der aus den Intuitionen des Bewußtseins fließenden
Handlungen.
2. Zusatz zur Neuausgabe
(1918).
Die Darstellung dieses Buches
ist aufgebaut auf dem rein geistig erlebbaren intuitiven Denken, durch das eine
jegliche Wahrnehmung in die Wirklichkeit erkennend hineingestellt wird.
Es sollte in dem Buche mehr
nicht dargestellt werden, als sich von dem Erlebnis des intuitiven Denkens aus
überschauen läßt.
Aber es sollte auch geltend
gemacht werden, welche Gedankengestaltung dieses erlebte Denken erfordert.
Und es fordert, daß es im
Erkenntnisvorgang als in sich ruhendes Erlebnis nicht verleugnet werde.
Daß ihm die Fähigkeit nicht
abgesprochen werde, zusammen mit der Wahrnehmung die Wirklichkeit zu erleben,
statt diese erst zu suchen in einer außerhalb dieses Erlebens liegenden, zu
erschließenden Welt, der gegenüber die menschliche Denkbetätigung nur ein Subjektives
sei.
-
Damit ist in dem Denken das
Element gekennzeichnet, durch das der Mensch in die Wirklichkeit sich geistig
hineinlebt (Und niemand sollte eigentlich diese auf das erlebte Denken gebaute
Weltanschauung mit einem bloßen Rationalismus verwechseln.) Aber andrerseits
geht doch wohl aus dem ganzen Geiste dieser Darlegungen hervor, daß das
Wahrnehmungselement für die menschliche Erkenntnis eine Wirklichkeitsbestimmung
erst erhält, wenn es im Denken ergriffen wird.
Außer dem
Denken kann die Kennzeichnung als Wirklichkeit nicht liegen.
Also darf nicht etwa
vorgestellt werden, daß die sinnliche Art des Wahrnehmens die einzige
Wirklichkeit verbürge.
Was als Wahrnehmung auftritt,
das muß der Mensch auf seinem Lebenswege schlechterdings erwarten.
Es könnte sich nur fragen: darf
aus dem Gesichtspunkte, der sich bloß aus dem intuitiv erlebten Denken ergibt,
berechtigt erwartet werden, daß der Mensch außer dem Sinnlichen auch
Geistiges wahrnehmen könne?
Dies darf erwartet werden.
Denn, wenn auch einerseits das
intuitiv erlebte Denken ein im Menschengeiste sich vollziehender tätiger
Vorgang ist, so ist es andererseits zugleich eine geistige, ohne
sinnliches Organ erfaßte Wahrnehmung.
Es ist eine Wahrnehmung, in der
der Wahrnehmende selbst tätig ist, und es ist eine Selbstbetätigung, die
zugleich wahrgenommen wird.
Im intuitiv erlebten Denken ist
der Mensch in eine geistige Welt auch als Wahrnehmender versetzt.
Was ihm innerhalb dieser Welt
als Wahrnehmung so entgegentritt wie die geistige Welt seines eigenen Denkens,
das erkennt der Mensch als geistige Wahrnehmungswelt.
Zu dem Denken hätte diese Wahrnehmungswelt
dasselbe Verhältnis wie nach der Sinnenseite hin die sinnliche Wahrnehmungswelt.
Die geistige Wahrnehmungswelt
kann dem Menschen, sobald er sie erlebt, nichts Fremdes sein, weil er im
intuitiven Denken schon ein Erlebnis hat, das rein geistigen Charakter trägt.
Von einer solchen geistigen
Wahrnehmungswelt sprechen eine Anzahl der von mir nach diesem Buche
veröffentlichten Schriften.
Diese «Philosophie der
Freiheit» ist die philosophische Grundlegung für diese späteren Schriften.
Denn in diesem Buche wird
versucht, zu zeigen, daß richtig verstandenes Denk-Erleben schon Geist-Erleben ist.
Deshalb scheint es dem
Verfasser, daß derjenige nicht vor dem Betreten der geistigen Wahrnehmungswelt
haltmachen wird, der in vollem Ernste den Gesichtspunkt des Verfassers dieser «Philosophie
der Freiheit» einnehmen kann.
Logisch ableiten - durch
Schlußfolgerungen - läßt sich aus dem Inhalte dieses Buches allerdings nicht,
was in des Verfassers späteren Büchern dargestellt ist.
Vom lebendigen Ergreifen des in
diesem Buche gemeinten intuitiven Denkens wird sich aber naturgemäß der weitere
lebendige Eintritt in die geistige Wahrnehmungswelt ergeben.
Einwendungen, die mir gleich
nach dem Erscheinen dieses Buches von philosophischer Seite her gemacht worden
sind, veranlassen mich, die folgende kurze Ausführung dieser Neuausgabe
hinzuzufügen.
Ich kann mir gut denken, daß es
Leser gibt, die für den übrigen Inhalt dieses Buches Interesse haben, die aber
das Folgende als ein ihnen überflüssiges und fernliegendes abstraktes
Begriffsgespinst ansehen.
Sie können diese kurze
Darstellung ungelesen lassen.
Allein innerhalb der
philosophischen Weltbetrachtung tauchen Probleme auf, die mehr in gewissen
Vorurteilen der Denker als im naturgemäßen Gang jedes menschlichen Denkens
selbst ihren Ursprung haben.
Was sonst in diesem Buche
behandelt ist, das scheint mir eine Aufgabe zu sein, die jeden Menschen
angeht, der nach Klarheit ringt in bezug auf das Wesen des Menschen und dessen
Verhältnis zur Welt.
Das Folgende aber ist mehr ein
Problem, von dem gewisse Philosophen fordern, daß es behandelt werde, wenn von
den in diesem Buche dargestellten Dingen die Rede ist, weil diese Philosophen
sich durch ihre Vorstellungsart gewisse nicht allgemein vorhandene
Schwierigkeiten geschaffen haben.
Geht man ganz an solchen
Problemen vorbei, so sind dann gewisse Persönlichkeiten schnell mit dem Vorwurf
des Dilettantismus und dergleichen bei der Hand.
Und es entsteht die Meinung,
als ob der Verfasser einer Darstellung wie der in diesem Buche gegebenen mit
Ansichten sich nicht auseinandergesetzt hätte, die er in dem Buche selbst nicht
besprochen hat.
Das Problem, das ich hier
meine, ist dieses:
Es gibt Denker, welche der
Meinung sind, daß sich eine besondere Schwierigkeit ergäbe, wenn man begreifen
will, wie ein anderes menschliches Seelenleben auf das eigene (des Betrachters)
wirken könne.
Sie sagen: meine bewußte Welt
ist in mir abgeschlossen; eine andere bewußte Welt ebenso in sich.
Ich kann in die Bewußtseinswelt
eines andern nicht hineinsehen.
Wie komme ich dazu, mich mit
ihm in einer gemeinsamen Welt zu wissen?
Diejenige Weltansicht, welche
es für möglich hält, von der bewußten Welt aus auf eine unbewußte zu schließen,
die nie bewußt werden kann, versucht diese Schwierigkeit in der folgenden Art
zu lösen.
Sie sagt: die Welt, die ich in
meinem Bewußtsein habe, ist die in mir repräsentierte Welt einer von mir bewußt
nicht zu erreichenden Wirklichkeitswelt.
In dieser liegen die mir
unbekannten Veranlasser meiner Bewußtseinswelt.
In dieser liegt auch meine
wirkliche Wesenheit, von der ich ebenfalls nur einen Repräsentanten in meinem
Bewußtsein habe.
In dieser liegt aber auch die
Wesenheit des andern Menschen, der mir gegenübertritt.
Was nun im Bewußtsein dieses
andern Menschen erlebt wird, das hat seine von diesem Bewußtsein unabhängige
entsprechende Wirklichkeit in seiner Wesenheit.
Diese wirkt in dem Gebiet, das
nicht bewußt werden kann, auf meine prinzipielle unbewußte Wesenheit, und
dadurch wird in meinem Bewußtsein eine Repräsentanz geschaffen für das, was in
einem von meinem bewußten Erleben ganz unabhängigen Bewußtsein gegenwärtig ist.
Man sieht: es wird hier zu der
von meinem Bewußtsein erreichbaren Welt eine für dieses im Erleben
unerreichbare hypothetisch hinzugedacht, weil man sonst sich zu der Behauptung
gedrängt glaubt, alle Außenwelt, die ich meine vor mir zu haben, sei nur meine
Bewußtseinswelt, und das ergäbe die - sophistische – Absurdität, auch die
andern Personen lebten nur innerhalb meines Bewußtseins.
Klarheit über diese durch
manche erkenntnistheoretische Strömungen der neueren Zeit geschaffene Frage
kann man gewinnen, wenn man vom Gesichtspunkte der geistgemäßen Beobachtung,
der in der Darstellung dieses Buches eingenommen ist, die Sache zu überschauen
trachtet.
Was habe ich denn zunächst vor
mir, wenn ich einer andern Persönlichkeit gegenüberstehe?
Ich sehe auf das nächste.
Es ist die mir als Wahrnehmung
gegebene sinnliche Leibeserscheinung der andern Person; dann noch etwa die
Gehörwahrnehmung dessen, was sie sagt, und so weiter.
Alles dies starre ich nicht
bloß an, sondern es setzt meine denkende Tätigkeit in Bewegung.
Indem ich denkend vor der
andern Persönlichkeit stehe, kennzeichnet sich mir die Wahrnehmung
gewissermaßen als seelisch durchsichtig.
Ich bin genötigt, im denkenden
Ergreifen der Wahrnehmung mir zu sagen, daß sie dasjenige gar nicht ist, als
was sie den äußeren Sinnen erscheint.
Die Sinneserscheinung offenbart
in dem, was sie unmittelbar ist, ein anderes, was sie mittelbar ist.
Ihr Sich-vor-mich Hinstellen
ist zugleich ihr Auslöschen als bloße Sinneserscheinung.
Aber was sie in diesem
Auslöschen zur Erscheinung bringt, das zwingt mich als denkendes Wesen, mein
Denken für die Zeit ihres Wirkens auszulöschen und an dessen Stelle ihr Denken
zu setzen.
Dieses ihr Denken aber
ergreife ich in meinem Denken als Erlebnis wie mein eigenes.
Ich habe das Denken des andern
wirklich wahrgenommen.
Denn die als Sinneserscheinung
sich auslöschende unmittelbare Wahrnehmung wird von meinem Denken ergriffen,
und es ist ein vollkommen in meinem Bewußtsein liegender Vorgang, der
darin besteht, daß sich an die Stelle meines Denkens das andere Denken setzt.
Durch das Sich-Auslöschen der
Sinneserscheinung wird die Trennung zwischen den beiden Bewußtseinssphären
tatsächlich aufgehoben.
Das repräsentiert sich in
meinem Bewußtsein dadurch, daß ich im Erleben des andern Bewußtseinsinhaltes
mein eigenes Bewußtsein ebensowenig erlebe, wie ich es im traumlosen Schlafe
erlebe.
Wie in diesem mein
Tagesbewußtsein ausgeschaltet ist, so im Wahrnehmen des fremden
Bewußtseinsinhaltes der eigene.
Die Täuschung, als ob dies
nicht so sei, rührt nur davon her, daß im Wahrnehmen der andern Person erstens
an die Stelle der Auslöschung des eigenen Bewußtseinsinhaltes nicht
Bewußtlosigkeit tritt wie im Schlafe, sondern der andere Bewußtseinsinhalt, und
zweitens, daß die Wechselzustände zwischen Auslöschen und Wieder-Aufleuchten
des Bewußtseins von mir selbst zu schnell aufeinander folgen, um für gewöhnlich
bemerkt zu werden. - Das ganze hier vorliegende Problem löst man nicht durch
künstliche Begriffskonstruktionen, die von Bewußtem auf solches schließen, das
nie bewußt werden kann, sondern durch wahres Erleben dessen, was sich in der
Verbindung von Denken und Wahrnehmung ergibt.
Es ist dies bei sehr vielen
Fragen der Fall, die in der philosophischen Literatur auftreten.
Die Denker sollten den Weg
suchen zu unbefangener geistgemäßer Beobachtung; statt dessen schieben sie vor
die Wirklichkeit eine künstliche Begriffskonstruktion hin.
In einer Abhandlung Eduard von
Hartmanns «Die letzten Fragen der Erkenntnistheorie und Metaphysik» (in der
Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, 108. Bd. S. 55 ff.) wird
meine «Philosophie der Freiheit» in die philosophische Gedankenrichtung
eingereiht, die sich auf einen «erkenntnistheoretischen Monismus» stützen will.
Ein solcher Standpunkt wird von
Eduard von Hartmann als ein unmöglicher abgelehnt.
Dem liegt folgendes zugrunde.
Gemäß der Vorstellungsart,
welche sich in dem genannten Aufsatze zum Ausdruck bringt, gibt es nur drei
mögliche erkenntnistheoretische Standpunkte.
Entweder man bleibt auf dem naiven
Standpunkt stehen, welcher die wahrgenommenen Erscheinungen als wirkliche Dinge
außer dem menschlichen Bewußtsein nimmt.
Dann fehlte es einem an
kritischer Erkenntnis.
Man sehe nicht ein, daß man mit
seinem Bewußtseinsinhalt doch nur in dem eigenen Bewußtsein sei.
Man durchschaue nicht, daß man
es nicht mit einem «Tische an sich» zu tun habe, sondern nur mit dem eigenen
Bewußtseinsobjekte.
Wer auf diesem Standpunkte
bleibe oder durch irgendwelche Erwägungen zu ihm wieder zurückkehre, der sei
naiver Realist.
Allein dieser Standpunkt sei
eben unmöglich, denn er verkenne, daß das Bewußtsein nur seine eigenen
Bewußtseinsobjekte habe.
Oder man durchschaue diesen
Sachverhalt und gestehe sich ihn voll ein.
Dann werde man zunächst
transzendentaler Idealist.
Man müsse dann aber ablehnen,
daß von einem «Dinge an sich» jemals etwas im menschlichen Bewußtsein auftreten
könne.
Dadurch entgehe man aber nicht
dem absoluten Illusionismus, wenn man nur konsequent genug dazu sei.
Denn es verwandelt sich einem
die Welt, der man gegenübersteht, in eine bloße Summe von Bewußtseinsobjekten,
und zwar nur von Objekten des eigenen Bewußtseins.
Auch die anderer Menschen sei
man dann - absurderweise - gezwungen, nur als im eigenen Bewußtseinsinhalt
allein anwesend zu denken.
Ein möglicher Standpunkt sei
nur der dritte, der transzendentale Realismus.
Dieser nimmt an, es gibt «Dinge
an sich», aber das Bewußtsein kann in keiner Weise im unmittelbaren Erleben mit
ihnen zu tun haben.
Sie bewirken jenseits des
menschlichen Bewußtseins auf eine Art, die nicht ins Bewußtsein fällt, daß in
diesem die Bewußtseinsobjekte auftreten.
Man kann auf diese «Dinge an
sich» nur durch Schlußfolgerung aus dem allein erlebten, aber eben bloß
vorgestellten Bewußtseinsinhalt kommen.
Eduard von Hartmann behauptet
nun in dem genannten Aufsatze, ein «erkenntnistheoretischer Monismus», als den
er meinen Standpunkt auffaßt, müsse sich in Wirklichkeit zu einem der drei
Standpunkte bekennen; er tue es nur nicht, weil er die tatsächlichen
Konsequenzen seiner Voraussetzungen nicht ziehe.
Und dann wird in dem Aufsatz
gesagt:
«Wenn man herausbekommen will,
welchem erkenntnistheoretischen Standpunkt ein angeblicher
erkenntnistheoretischer Monist angehört, so braucht man ihm nur einige Fragen
vorzulegen und ihn zur Beantwortung derselben zu zwingen.
Denn von selbst läßt sich kein
solcher zur Äußerung über diese Punkte herbei, und auch der Beantwortung
direkter Fragen wird er auf alle Weise auszuweichen suchen, weil jede Antwort
den Anspruch auf erkenntnistheoretischen Monismus als einen von den drei
anderen verschiedenen Standpunkt aufhebt.
Diese Fragen sind folgende: 1. Sind
die Dinge in ihrem Bestande kontinuierlich oder intermittierend?
Wenn die Antwort lautet: sie
sind kontinuierlich so hat man es mit irgendeiner Form des naiven Realismus zu
tun.
Wenn sie lautet: sie sind
intermittierend, so liegt transzendentaler Idealismus vor.
Wenn sie aber lautet: sie sind
einerseits (als Inhalte des absoluten Bewußtseins, oder als unbewußte
Vorstellungen oder als Wahrnehmungsmöglichkeiten) kontinuierlich, andererseits
(als Inhalte des beschränkten Bewußtseins) intermittierend, so ist
transzendentaler Realismus konstatiert. - 2. Wenn drei Personen an einem Tisch
sitzen, wieviele Exemplare des Tisches sind vorhanden?
Wer antwortet: eines, ist
naiver Realist; wer antwortet: drei, ist transzendentaler Idealist; wer aber
antwortet: vier, der ist transzendentaler Realist.
Es ist dabei allerdings
vorausgesetzt, daß man so ungleichartiges wie den einen Tisch als Ding an sich
und die drei Tische als Wahrnehmungsobjekte in den drei Bewußtseinen unter die
gemeinsame Bezeichnung «Exemplare des Tisches» zusammenfassen dürfe.
Wem dies als eine zu große
Freiheit erscheint, der wird die Antwort «einer und drei» geben müssen, anstatt
«vier». - 3. Wenn zwei Personen allein in einem Zimmer zusammen sind, wieviel
Exemplare dieser Personen sind vorhanden?
Wer antwortet: zwei, ist naiver
Realist; wer antwortet: vier (nämlich in jedem der beiden Bewußtseine ein Ich
und ein anderer), der ist transzendentaler Idealist; wer aber antwortet: sechs
(nämlich zwei Personen als Dinge an sich und vier Vorstellungsobjekte von
Personen in den zwei Bewußtseinen), der ist transzendentaler Realist.
Wer den erkenntnistheoretischen
Monismus als einen von diesen drei Standpunkten verschiedenen erweisen wollte,
der müßte auf jede dieser drei Fragen eine andere Antwort geben; ich wüßte aber
nicht wie diese lauten könnte.»
Die Antworten der «Philosophie
der Freiheit» müßten so lauten:
1. Wer von den Dingen nur die
Wahrnehmungsinhalte erfaßt und diese für Wirklichkeit nimmt, ist naiver
Realist, und er macht sich nicht klar, daß er eigentlich diese
Wahrnehmungsinhalte nur so lange für bestehend ansehen dürfte, als er auf
die Dinge hinsieht, daß er also, was er vor sich hat, als intermittierend
denken müßte.
Sobald er sich aber klar
darüber wird, daß Wirklichkeit nur im gedankendurchsetzten Wahrnehmbaren
vorhanden ist, gelangt er zu der Einsicht, daß der als intermittierend auftretende
Wahrnehmungsinhalt durchsetzt von dem im Denken Erarbeiteten sich als
kontinuierlich offenbart.
Als kontinuierlich muß also
gelten: der von dem erlebten Denken erfaßte Wahrnehmungsgehalt, von dem das,
was nur wahrgenommen wird, als intermittierend zu denken wäre, wenn es - was
nicht der Fall ist - wirklich wäre. - 2. Wenn drei Personen an einem Tisch
sitzen, wieviel Exemplare des Tisches sind vorhanden?
Es ist nur ein Tisch
vorhanden; aber so lange die drei Personen bei ihren Wahrnehmungsbildern
stehen bleiben wollten, müßten sie sagen: diese Wahrnehmungsbilder sind
überhaupt keine Wirklichkeit.
Sobald sie zu dem in ihrem
Denken erfaßten Tisch übergehen, offenbart sich ihnen die eine Wirklichkeit
des Tisches; sie sind mit ihren drei Bewußtseinsinhalten in dieser Wirklichkeit
vereinigt. - 3. Wenn zwei Personen allein in einem Zimmer zusammen sind,
wieviel Exemplare dieser Personen sind vorhanden?
Es sind ganz gewiß nicht sechs
- auch nicht im Sinne des transzendentalen Realisten - Exemplare vorhanden,
sondern nur zwei.
Nur hat jede der Personen
zunächst sowohl von sich von der anderen Person nur das unwirkliche
Wahrnehmungsbild.
Von diesen Bildern sind
vier vorhanden, bei deren Anwesenheit in den Denktätigkeiten der zwei Personen
sich die Ergreifung der Wirklichkeit abspielt.
In dieser Denktätigkeit
übergreift eine jede der Personen ihre Bewußtseinssphäre; die der anderen und
der eigenen Person lebt in ihr auf.
In den Augenblicken dieses
Auflebens sind die Personen ebensowenig in ihrem Bewußtsein beschlossen wie im
Schlafe.
Nur tritt in den anderen
Augenblicken das Bewußtsein von diesem Aufgehen in dem andern wieder auf, so
daß das Bewußtsein einer jeden der Personen im denkenden Erleben sich und den
andern ergreift.
Ich weiß, daß der
transzendentale Realist dieses als einen Rückall in den naiven Realismus
bezeichnet.
Doch habe ich bereits in dieser
Schrift darauf hingewiesen, daß der naive Realismus für das erlebte Denken
seine Berechtigung behält.
Der transzendentale Realist
läßt sich auf den wahren Sachverhalt im Erkenntnisvorgang gar nicht ein; er
schließt sich von diesem durch ein Gedankengespinst ab und verstrickt sich in
diesem.
Es sollte der in der
«Philosophie der Freiheit» auftretende Monismus auch nicht
«erkenntnistheoretischer» genannt werden, sondern, wenn man einen Beinamen will,
Gedanken-Monismus.
Das alles wurde durch Eduard
von Hartmann verkannt.
Er ging auf das Spezifische der
Darstellung in der «Philosophie der Freiheit» nicht ein, sondern behauptete: ich
hätte den Versuch gemacht, den Hegelschen universalistischen Panlogismus mit Humes
individualistischem Phänomenalismus zu verbinden (S. 71 der Zeitschrift für
Philosophie, 108. Bd., Anmerkung), während in der Tat die «Philosophie der
Freiheit» als solche gar nichts mit diesen zwei Standpunkten, die sie angeblich
zu vereinigen bestrebt ist, zu tun hat.
(Hier liegt auch der Grund,
warum es mir nicht naheliegen konnte, mich zum Beispiel mit dem
«erkenntnistheoretischen Monismus, Johannes Rehmkes auseinanderzusetzen.
Es ist eben der Gesichtspunkt
der «Philosophie der Freiheit» ein ganz anderer, als was Eduard von Hartmann
und andere erkenntnistheoretischen Monismus nennen.)
In dem Folgenden wird in allem
Wesentlichen wiedergegeben, was als eine Art «Vorrede» in der ersten Auflage
dieses Buches stand.
Da es mehr die Gedankenstimmung
gibt, aus der ich vor fünfundzwanzig Jahren das Buch niederschrieb, als daß es
mit dem Inhalte desselben unmittelbar etwas zu tun hätte, setze ich es hier als
«Anhang» her.
Ganz weglassen möchte ich es
aus dem Grunde nicht, weil immer wieder die Ansicht auftaucht, ich habe wegen
meiner späteren geisteswissenschaftlichen Schriften etwas von meinen früheren
Schriften zu unterdrücken.
Unser Zeitalter kann die Wahrheit
nur aus der Tiefe des menschlichen Wesens schöpfen wollen.
Von Schillers bekannten zwei
Wegen:
«Wahrheit suchen wir beide, du
außen im Leben, ich innen
In dem Herzen, und so
findet sie jeder gewiß.
Ist das Auge gesund,
so begegnet es außen dem Schöpfer;
Ist es das Herz, dann
gewiß spiegelt es innen die Welt»
wird der Gegenwart vorzüglich
der zweite frommen.
Eine Wahrheit, die uns von
außen kommt, trägt immer den Stempel der Unsicherheit an sich.
Nur was einem jeden von uns in
seinem eigenen Innern als Wahrheit erscheint, daran wir glauben.
Nur die Wahrheit kann uns
Sicherheit bringen im Entwickeln unserer individuellen Kräfte.
Wer von Zweifeln gequält ist,
dessen Kräfte sind gelähmt.
In einer Welt, die ihm
rätselhaft ist, kann er kein Ziel seines Schaffens finden.
Wir wollen nicht mehr bloß glauben;
wir wollen wissen.
Der Glaube fordert Anerkennung
von Wahrheiten, die wir nicht ganz durchschauen.
Was wir aber nicht ganz
durchschauen, widerstrebt dem Individuellen, das alles mit seinem tiefsten
Innern durchleben will.
Nur das Wissen befriedigt
uns, das keiner äußeren Norm sich unterwirft, sondern aus dem Innenleben der
Persönlichkeit entspringt.
Wir wollen auch kein solches
Wissen, das in eingefrorenen Schulregeln sich ein für allemal ausgestaltet hat,
und in für alle Zeiten gültigen Kompendien aufbewahrt ist.
Wir halten uns jeder
berechtigt, von seinen nächsten Erfahrungen, seinen unmittelbaren Erlebnissen
auszugehen, und von da aus zur Erkenntnis des ganzen Universums aufzusteigen.
Wir erstreben ein sicheres
Wissen, aber jeder auf seine eigene Art.
Unsere wissenschaftlichen
Lehren sollen auch nicht mehr eine solche Gestalt annehmen, als wenn ihre
Anerkennung Sache eines unbedingten Zwanges wäre.
Keiner von uns möchte einer
wissenschaftlichen Schrift einen Titel geben, wie einst Fichte:
«Sonnenklarer Bericht an das
größere Publikum über das eigentliche Wesen der neuesten Philosophie.
Ein Versuch, die Leser zum
Verstehen zu zwingen.»
Heute soll niemand zum
Verstehen gezwungen werden.
Wen nicht ein besonderes,
individuelles Bedürfnis zu einer Anschauung treibt, von dem fordern wir keine
Anerkennung, noch Zustimmung.
Auch dem noch unreifen
Menschen, dem Kinde, wollen wir gegenwärtig keine Erkenntnisse eintrichtern,
sondern wir suchen seine Fähigkeiten zu entwickeln, damit es nicht mehr zum
Verstehen gezwungen zu werden braucht, sondern verstehen will.
Ich gebe mich keiner Illusion
hin in bezug auf diese Charakteristik meines Zeitalters.
Ich weiß, wie viel
individualitätloses Schablonentum lebt und sich breit macht.
Aber ich weiß ebenso gut, daß
viele meiner Zeitgenossen im Sinne der angedeuteten Richtung ihr Leben
einzurichten suchen.
Ihnen möchte ich diese Schrift
widmen.
Sie soll nicht «den einzig
möglichen» Weg zur Wahrheit führen, aber sie soll von demjenigen erzählen, den
einer eingeschlagen hat, dem es um Wahrheit zu tun ist.
Die Schrift führt zuerst in
abstraktere Gebiete, wo der Gedanke scharfe Konturen ziehen muß, um zu sichern
Punkten zu kommen.
Aber der Leser wird aus den
dürren Begriffen heraus auch in das konkrete Leben geführt.
Ich bin eben durchaus der
Ansicht, daß man auch in das Ätherreich der Begriffe sich erheben muß, wenn man
das Dasein nach allen Richtungen durchleben will.
Wer nur mit den Sinnen zu
genießen versteht, der kennt die Leckerbissen des Lebens nicht.
Die orientalischen Gelehrten
lassen die Lernenden erst Jahre eines entsagenden und asketischen Lebens
verbringen, bevor sie ihnen mitteilen, was sie selbst wissen.
Das Abendland fordert zur
Wissenschaft keine frommen Übungen und keine Askese mehr, aber es verlangt
dafür den guten Willen, kurze Zeit sich den unmittelbaren Eindrücke des Lebens
zu entziehen, und in das Gebiet der reinen Gedankenwelt sich zu begeben.
Der Gebiete des Lebens sind
viele.
Für jedes einzelne entwickeln
sich besondere Wissenschaften.
Das Leben selbst aber ist eine
Einheit, und je mehr die Wissenschaften bestrebt sind, sich in die einzelnen
Gebiete zu vertiefen, desto mehr entfernen sie sich von der Anschauung des
lebendigen Weltganzen.
Es muß ein Wissen geben, das in
den einzelnen Wissenschaften die Elemente sucht, um den Menschen zum vollen
Leben wieder zurückzuführen.
Der wissenschaftliche
Spezialforscher will sich durch seine Erkenntnisse ein Bewußtsein von der Welt
und ihren Wirkungen erwerben; in dieser Schrift ist das Ziel ein philosophisches:
die Wissenschaft soll selbst organisch-lebendig werden.
Die Einzelwissenschaften sind
Vorstufen der hier angestrebten Wissenschaft.
Ein ähnliches Verhältnis
herrscht in den Künsten.
Der Komponist arbeitet auf
Grund der Kompositionslehre.
Die letztere ist eine Summe von
Kenntnissen, deren Besitz eine notwendige Vorbedingung des Komponierens ist.
Im Komponieren dienen die
Gesetze der Kompositionslehre dem Leben, der realen Wirklichkeit.
Genau in demselben Sinne ist
die Philosophie eine Kunst.
Alle wirklichen Philosophen
waren Begriffskünstler.
Für sie wurden die menschlichen
Ideen zum Kunstmateriale und die wissenschaftliche Methode zur künstlerischen
Technik.
Das abstrakte Denken gewinnt
dadurch konkretes, individuelles Leben.
Die Ideen werden Lebensmächte.
Wir haben dann nicht bloß ein
Wissen von den Dingen, sondern wir haben das Wissen zum realen, sich selbst
beherrschenden Organismus gemacht; unser wirkliches, tätiges Bewußtsein hat
sich über ein bloß passives Aufnehmen von Wahrheiten gestellt.
Wie sich die Philosophie als
Kunst zur Freiheit des Menschen verhält, was die letztere ist, und ob
wir ihrer teilhaftig sind oder es werden können: das ist die Hauptfrage meiner
Schrift.
Alle anderen wissenschaftlichen
Ausführungen stehen hier nur, weil sie zuletzt Aufklärung geben über jene, meiner
Meinung nach, den Menschen am nächsten liegenden Fragen.
Eine «Philosophie der
Freiheit» soll in diesen Blättern gegeben werden.
Alle Wissenschaft wäre nur
Befriedigung müßiger Neugierde, wenn sie nicht auf die Erhöhung des Daseinswertes
der mernchlichen Persönlichkeit hinstrebte.
Den wahren Wert erhalten die
Wissenschaften erst durch eine Darstellung der menschlichen Bedeutung ihrer
Resultate.
Nicht die Veredlung eines
einzelnen Seelenvermögens kann Endzweck des Individuums sein, sondern die
Entwicklung aller in uns schlummernden Fähigkeiten.
Das Wissen hat nur dadurch
Wert, daß es einen Beitrag liefert zur allseitigen Entfaltung der ganzen
Menschennatur.
Diese Schrift faßt deshalb die
Beziehung zwischen Wissenschaft und Leben nicht so auf, daß der Mensch sich der
Idee zu beugen hat und seine Kräfte ihrem Dienst weihen soll, sondern in dem
Sinne, daß er sich der Ideenwelt bemächtigt, um sie zu seinen menschlichen Zielen,
die über die bloß wissenschaftlichen hinausgehen, zu gebrauchen.
Man muß sich der Idee erlebend
gegenüberstellen können; sonst gerät man unter ihre Knechtschaft.
Anmerkungen:
(1)
Ganz weggelassen sind hier nur die allerersten Eingangssatze (der ersten
Auflage) dieser Ausführungen, die mir heute ganz unwesentlich erscheinen.
Was aber
des weiteren darin gesagt ist, scheint mir auch gegenwärtig trotz der
naturwissenschaftlichen Denkart unserer Zeitgenossen, ja gerade wegen
derselben, zu sagen notwendig.