- Die Philosophie der Freiheit
- Grundzüge
einer modernen Weltanschauung
- Seelische
Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode
- © Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung. 13. Auflage
-
- Vorrede zur
Neuausgabe 1918
- Zwei Wurzelfragen des menschlichen Seelenlebens sind es,
nach denen hingeordnet ist alles, was durch dieses Buch besprochen werden soll.
- Die eine ist, ob es eine Möglichkeit gibt, die
menschliche Wesenheit so anzuschauen, daß diese Anschauung sich als Stütze
erweist für alles andere, was durch Erleben oder Wissenschaft an den Menschen
herankommt, wovon er aber die Empfindung hat, es könne sich nicht selber
stützen.
- Es könne von Zweifel und kritischem Urteil in den Bereich
des Ungewissen getrieben werden.
- Die andere Frage ist die: Darf sich der Mensch als
wollendes Wesen die Freiheit zuschreiben, oder ist diese Freiheit eine bloße
Illusion, die in ihm entsteht, weil er die Fäden der Notwendigkeit nicht
durchschaut, an denen sein Wollen ebenso hängt wie ein Naturgeschehen?
- Nicht ein künstliches Gedankengespinst ruft diese Frage
hervor.
- Sie tritt ganz naturgemäß in einer bestimmten Verfassung
der Seele vor diese hin.
- Und man kann fühlen, es ginge der Seele etwas ab von dem,
was sie sein soll, wenn sie nicht vor die zwei Möglichkeiten: Freiheit oder
Notwendigkeit des Wollens, einmal mit einem möglichst großen Frageernst sich
gestellt sähe.
- In dieser Schrift soll gezeigt werden, daß die
Seelenerlebnisse, welche der Mensch durch die zweite Frage erfahren muß, davon
abhängen, welchen Gesichtspunkt er gegenüber der ersten einzunehmen vermag.
- Der Versuch wird gemacht, nachzuweisen, daß es eine
Anschauung über die menschliche Wesenheit gibt, welche die übrige Erkenntnis
stützen kann; und der weitere, darauf hinzudeuten, daß mit dieser Anschauung
für die Idee der Freiheit des Willens eine volle Berechtigung gewonnen wird,
wenn nur erst das Seelengebiet gefunden ist, auf dem das freie Wollen sich
entfalten kann.
- Die Anschauung, von der hier mit Bezug auf diese beiden
Fragen die Rede ist, stellt sich als eine solche dar, welche, einmal gewonnen,
ein Glied lebendigen Seelenlebens selbst werden kann.
- Es wird nicht eine theoretische Antwort gegeben, die man,
einmal erworben, bloß als vom Gedächtnis bewahrte Überzeugung mit sich trägt.
- Für die Vorstellungsart, die diesem Buche zugrunde liegt,
wäre eine solche Antwort nur eine scheinbare.
- Nicht eine solch fertige, abgeschlossene Antwort wird
gegeben, sondern auf ein Erlebnisgebiet der Seele wird verwiesen, auf dem sich
durch die innere Seelentätigkeit selbst in jedem Augenblicke, in dem der Mensch
dessen bedarf, die Frage erneut lebendig beantwortet.
- Wer das Seelengebiet einmal gefunden hat, auf dem sich
diese Fragen entwickeln, dem gibt eben die wirkliche Anschauung dieses Gebietes
dasjenige, was er für diese beiden Lebensrätsel braucht, um mit dem Errungenen
das rätselvolle Leben weiter in die Breiten und in die Tiefen zu wandeln, in
die ihn zu wandeln Bedürfnis und Schicksal veranlassen.
- — Eine Erkenntnis, die durch ihr Eigenleben und durch die
Verwandtschaft dieses Eigenlebens mit dem ganzen menschlichen Seelenleben ihre
Berechtigung und Geltung erweist, scheint damit aufgezeigt zu sein.
- So dachte ich über den Inhalt dieses Buches, als ich ihn
vor fünfundzwanzig Jahren niederschrieb.
- Auch heute muß ich solche Sätze niederschreiben, wenn ich
die Zielgedanken der Schrift kennzeichnen will.
- Ich habe mich bei der damaligen Niederschrift darauf
beschränkt, nicht mehr zu sagen als
dasjenige, was im engsten Sinne mit
den gekennzeichneten beiden Wurzelfragen zusammenhängt.
- Wenn jemand verwundert darüber sein sollte, daß man in
diesem Buche noch keinen Hinweis findet auf das Gebiet der geistigen
Erfahrungswelt, das in späteren Schriften von mir zur Darstellung gekommen ist,
so möge er bedenken, daß ich damals eben nicht eine Schilderung geistiger
Forschungsergebnisse geben, sondern erst die Grundlage erbauen wollte, auf der
solche Ergebnisse ruhen können.
- Diese «Philosophie der Freiheit» enthält keine solchen
speziellen Ergebnisse, ebensowenig als sie spezielle naturwissenschaftliche
Ergebnisse enthält; aber was sie enthält, wird derjenige nach meiner Meinung
nicht entbehren können, der Sicherheit für solche Erkenntnisse anstrebt.
- Was in dem Buche gesagt ist, kann auch für manchen
Menschen annehmbar sein, der aus irgend welchen ihm geltenden Gründen mit
meinen geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnissen nichts zu tun haben
will.
- Demjenigen aber, der diese geisteswissenschaftlichen
Ergebnisse als etwas betrachten kann, zu dem es ihn hinzieht, dem wird auch
wichtig sein können, was hier versucht wurde.
- Es ist dies: nachzuweisen, wie eine unbefangene
Betrachtung, die sich bloß über die beiden gekennzeichneten für alles Erkennen grundlegenden Fragen
erstreckt, zu der Anschauung führt, daß der Mensch in einer wahrhaftigen
Geistwelt drinnen lebt.
- In diesem Buche ist erstrebt, eine Erkenntnis des
Geistgebietes vor dem Eintritte in
die geistige Erfahrung zu rechtfertigen.
- Und diese Rechtfertigung ist so unternommen, daß man wohl
nirgends bei diesen Ausführungen schon auf die später von mir geltend gemachten
Erfahrungen hinzuschielen braucht, um, was hier gesagt ist, annehmbar zu
finden, wenn man auf die Art dieser Ausführungen selbst eingehen kann oder mag.
- So scheint mir denn dieses Buch auf der einen Seite eine
von meinen eigentlich geisteswissenschaftlichen Schriften völlig abgesonderte
Stellung einzunehmen; und auf der andern Seite doch auch aufs allerengste mit
ihnen verbunden zu sein.
- Dies alles hat mich veranlaßt, jetzt, nach fünfundzwanzig
Jahren, den Inhalt der Schrift im wesentlichen fast ganz unverändert wieder zu
veröffentlichen.
- Nur längere Zusätze habe ich zu einer ganzen Reihe von
Abschnitten gemacht.
- Die Erfahrungen, die ich über mißverständliche
Auffassungen des von mir Gesagten gemacht habe, ließen mir solche ausführliche
Erweiterungen nötig erscheinen.
- Geändert habe ich nur da, wo mir heute das ungeschickt
gesagt schien, was ich vor einem Vierteljahrhundert habe sagen wollen.
- (Aus dem so Geänderten wird wohl nur ein Übelwollender
sich veranlaßt finden zu sagen, ich habe meine Grundüberzeugung geändert.)
- Das Buch ist schon seit vielen Jahren ausverkauft.
- Trotzdem, wie aus dem eben Gesagten hervorgeht, mir
scheint, daß heute ebenso noch ausgesprochen werden soll, was ich vor
fünfundzwanzig Jahren über die gekennzeichneten Fragen ausgesprochen habe,
zögerte ich durch lange Zeit mit der Fertigstellung dieser Neuauflage.
- Ich fragte mich immer wieder, ob ich nicht müsse an
dieser oder jener Stelle mich mit den zahlreichen seit dem Erscheinen der
ersten Auflage zutage getretenen philosophischen Anschauungen
auseinandersetzen.
- Dies in der mir wünschenswerten Weise zu tun, verhinderte
mich die Inanspruchnahme durch meine rein geisteswissenschaftlichen Forschungen
in der letzten Zeit.
- Allein ich habe mich nun nach möglichst gründlicher
Umschau in der philosophischen Arbeit der Gegenwart davon überzeugt, daß, so
verlockend eine solche Auseinandersetzung an sich wäre, sie für das, was durch
mein Buch gesagt werden soll, nicht in dasselbe aufzunehmen ist.
- Was von dem in der «Philosophie der Freiheit»
eingenommenen Gesichtspunkt aus über neuere philosophische Richtungen mir nötig
schien, gesagt zu werden, findet man im zweiten Bande meiner «Rätsel der
Philosophie».
- Rudolf Steiner
- April 1918
-
- Teil I — Wissenschaft der Freiheit
-
- Kapitel 1 - Das bewußte menschliche Handeln
- Ist der Mensch in seinem Denken und Handeln ein geistig freies Wesen oder steht er unter dem
Zwange einer rein naturgesetzlichen ehernen Notwendigkeit?
- Auf wenige Fragen ist so viel Scharfsinn gewendet worden
als auf diese.
- Die Idee der Freiheit des menschlichen Willens hat warme
Anhänger wie hartnäckige Gegner in reicher Zahl gefunden.
- Es gibt Menschen, die in ihrem sittlichen Pathos jeden
für einen beschränkten Geist erklären, der eine so offenkundige Tatsache wie die Freiheit zu leugnen
vermag.
- Ihnen stehen andere gegenüber, die darin den Gipfel der
Unwissenschaftlichkeit erblicken, wenn jemand die Gesetzmäßigkeit der Natur auf
dem Gebiete des menschlichen Handelns und Denkens unterbrochen glaubt.
- Ein und dasselbe Ding wird hier gleich oft für das
kostbarste Gut der Menschheit wie für die ärgste Illusion erklärt.
- Unendliche Spitzfindigkeit wurde aufgewendet, um zu
erklären, wie sich die menschliche Freiheit mit dem Wirken in der Natur, der
doch auch der Mensch angehört, verträgt.
- Nicht geringer ist die Mühe, mit der von anderer Seite
begreiflich zu machen gesucht wurde, wie eine solche Wahnidee hat entstehen
können.
- Daß man es hier mit einer der wichtigsten Fragen des
Lebens, der Religion, der Praxis und der Wissenschaft zu tun hat, das fühlt
jeder, bei dem nicht das Gegenteil von Gründlichkeit der hervorstechendste Zug
seines Charakters ist.
- Und es gehört zu den traurigen Zeichen der
Oberflächlichkeit gegenwärtigen Denkens, daß ein Buch, das aus den Ergebnissen
neuerer Naturforschung einen «neuen Glauben» prägen will (David Friedrich Strauß, Der alte und der neue Glaube), über diese
Frage nichts enthält als die Worte:
- «Auf die Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens
haben wir uns hiebei nicht einzulassen.
- Die vermeintlich indifferente Wahlfreiheit ist von jeder
Philosophie, die des Namens wert war, immer als ein leeres Phantom erkannt
worden; die sittliche Wertbestimmung der menschlichen Handlungen und
Gesinnungen aber bleibt von jener Frage unberührt.»
- Nicht weil ich
glaube, daß das Buch, in dem sie steht, eine besondere Bedeutung hat, führe ich
diese Stelle hier an, sondern weil sie mir die Meinung auszusprechen scheint,
bis zu der sich in der fraglichen Angelegenheit die Mehrzahl unserer denkenden
Zeitgenossen aufzuschwingen vermag.
- Daß die Freiheit darin nicht bestehen könne, von zwei
möglichen Handlungen ganz nach Belieben die eine oder die andere zu wählen,
scheint heute jeder zu wissen, der darauf Anspruch macht, den
wissenschaftlichen Kinderschuhen entwachsen zu sein.
- Es ist immer, so behauptet man, ein ganz bestimmter Grund vorhanden, warum man von mehreren
möglichen Handlungen gerade eine bestimmte zur Ausführung bringt.
- Das scheint einleuchtend.
- Trotzdem richten sich bis zum heutigen Tage die
Hauptangriffe der Freiheitsgegner nur gegen die Wahlfreiheit.
- Sagt doch Herbert Spencer, der in Ansichten lebt, die mit
jedem Tage an Verbreitung gewinnen (Die Prinzipien der Psychologie, von Herbert Spencer, deutsche Ausgabe von
Dr. B. Vetter, Stuttgart 1882): «Daß aber
jedermann auch nach Belieben begehren oder nicht begehren könne, was der
eigentliche im Dogma vom freien Willen liegende Satz ist, das wird freilich
ebensosehr durch die Analyse des Bewußtseins, als durch den Inhalt der
vorhergehenden Kapitel (der Psychologie) verneint.»
- Von demselben Gesichtspunkte gehen auch andere aus, wenn
sie den Begriff des freien Willens bekämpfen.
- Im Keime finden sich alle diesbezüglichen Ausführungen
schon bei Spinoza.
- Was dieser klar und einfach gegen die Idee der Freiheit
vorbrachte, das wurde seitdem unzählige Male wiederholt, nur eingehüllt zumeist
in die spitzfindigsten theoretischen Lehren, so daß es schwer wird, den
schlichten Gedankengang, auf den es allein ankommt, zu erkennen.
- Spinoza schreibt in einem Briefe vom Oktober oder
November 1674: «Ich nenne nämlich die Sache frei,
die aus der bloßen Notwendigkeit ihrer Natur besteht und handelt, und gezwungen nenne ich die, welche von
etwas anderem zum Dasein und Wirken in genauer und fester Weise bestimmt wird.
- So besteht zum Beispiel Gott, obgleich notwendig, doch
frei, weil er nur aus der Notwendigkeit seiner Natur allein besteht.
- Ebenso erkennt Gott sich selbst und alles andere frei,
weil es aus der Notwendigkeit seiner Natur allein folgt, daß er alles erkennt.
- Sie sehen also, daß ich die Freiheit nicht in ein freies
Beschließen, sondern in eine freie Notwendigkeit setze.»
- «Doch wir wollen zu den erschaffenen Dingen herabsteigen,
welche sämtlich von äußern Ursachen bestimmt werden, in fester und genauer
Weise zu bestehen und zu wirken.
- Um dies deutlicher einzusehen, wollen wir uns eine ganz
einfache Sache vorstellen.
- So erhält zum Beispiel ein Stein von einer äußeren, ihn
stoßenden Ursache eine gewisse Menge von Bewegung, mit der er nachher, wenn der
Stoß der äußern Ursache aufgehört hat, notwendig fortfährt, sich zu bewegen.
- Dieses Beharren des Steines in seiner Bewegung ist deshalb
ein erzwungenes und kein notwendiges, weil es durch den Stoß einer äußern
Ursache definiert werden muß.
- Was hier von dem Stein gilt, gilt von jeder andern
einzelnen Sache, und mag sie noch so zusammengesetzt und zu vielem geeignet
sein, nämlich, daß jede Sache notwendig von einer äußern Ursache bestimmt wird,
in fester und genauer Weise zu bestehen und zu wirken.»
- «Nehmen Sie nun, ich bitte, an, daß der
Stein, während er sich bewegt, denkt und weiß, er bestrebe sich, soviel er
kann, in dem Bewegen fortzufahren.
- Dieser Stein, der nur seines Strebens sich bewußt ist und
keineswegs gleichgültig sich verhält, wird glauben, daß er ganz frei sei und
daß er aus keinem andern Grunde in seiner Bewegung fort fahre, als weil er es
wolle.
- Dies ist aber jene menschliche Freiheit, die alle zu
besitzen behaupten und die nur darin besteht, daß die Menschen ihres Begehrens
sich bewußt sind, aber die Ursachen, von denen sie bestimmt werden, nicht
kennen.
- So glaubt das
Kind, daß es die Milch frei begehre und der zornige Knabe, daß er frei die
Rache verlange, und der Furchtsame die Flucht.
- Ferner glaubt
der Betrunkene, daß er nach freiem Entschluß dies spreche, was er, wenn er
nüchtern geworden, gern nicht gesprochen hätte; und da dieses Vorurteil allen
Menschen angeboren ist, so kann man sich nicht leicht davon befreien.
- Denn wenn auch
die Erfahrung genügend lehrt, daß die Menschen am wenigsten ihr Begehren
mäßigen können und daß sie, von entgegengesetzten Leidenschaften bewegt, das
Bessere einsehen und das Schlechtere tun, so halten sie sich doch für frei und
zwar, weil sie manches weniger stark begehren und manches Begehren leicht durch
die Erinnerung an anderes, dessen man sich oft entsinnt, gehemmt werden kann.»
- — Weil
hier eine klar und bestimmt ausgesprochene Ansicht vorliegt, wird es auch
leicht, den Grundirrtum, der darin steckt, aufzudecken.
- So notwendig, wie der Stein auf einen Anstoß hin eine
bestimmte Bewegung ausführt, ebenso notwendig soll der Mensch eine Handlung
ausführen, wenn er durch irgendeinen Grund dazu getrieben wird.
- Nur weil der Mensch ein Bewußtsein von seiner Handlung
hat, halte er sich für den freien Veranlasser derselben.
- Er übersehe dabei aber, daß eine Ursache ihn treibt, der
er unbedingt folgen muß.
- Der Irrtum in diesem Gedankengange ist bald gefunden.
- Spinoza und alle, die denken wie er, übersehen, daß der
Mensch nicht nur ein Bewußtsein von seiner Handlung hat, sondern es auch von
den Ursachen haben kann, von denen er geleitet wird.
- Niemand wird es bestreiten, daß das Kind unfrei ist, wenn es die Milch begehrt,
daß der Betrunkene es ist, wenn er Dinge spricht, die er später bereut.
- Beide wissen nichts von den Ursachen, die in den Tiefen
ihres Organismus tätig sind, und unter deren unwiderstehlichem Zwange sie
stehen.
- Aber ist es berechtigt, Handlungen dieser Art in einen
Topf zu werfen mit solchen, bei denen sich der Mensch nicht nur seines Handelns
bewußt ist, sondern auch der Gründe, die ihn veranlassen?
- Sind die Handlungen der Menschen denn von einerlei Art?
- Darf die Tat des Kriegers auf dem Schlachtfelde, die des
wissenschaftlichen Forschers im Laboratorium, des Staatsmannes in verwickelten
diplomatischen Angelegenheiten wissenschaftlich auf gleiche Stufe gestellt
werden mit der des Kindes, wenn es nach Milch begehrt?
- Wohl ist es wahr, daß man die Lösung einer Aufgabe da am
besten versucht, wo die Sache am einfachsten ist.
- Aber oft schon hat der Mangel an Unterscheidungsvermögen
endlose Verwirrung gebracht.
- Und ein tiefgreifender Unterschied ist es doch, ob ich
weiß, warum ich etwas tue, oder ob das nicht der Fall ist.
- Zunächst scheint das eine ganz selbstverständliche
Wahrheit zu sein.
- Und doch wird von den Gegnern der Freiheit nie danach
gefragt, ob denn ein Beweggrund meines Handelns, den ich erkenne und
durchschaue, für mich in gleichem Sinne einen Zwang bedeutet, wie der
organische Prozeß, der das Kind veranlaßt, nach Milch zu schreien.
- Eduard von
Hartmann behauptet in seiner «Phänomenologie des sittlichen
Bewußtseins» (S. 451), das menschliche Wollen hänge von zwei Hauptfaktoren ab:
von den Beweggründen und von dem Charakter.
- Betrachtet man die Menschen alle als gleich oder doch
ihre Verschiedenheiten als unerheblich, so erscheint ihr Wollen als von außen bestimmt, nämlich durch die
Umstände, die an sie herantreten.
- Erwägt man aber, daß verschiedene Menschen eine
Vorstellung erst dann zum Beweggrund ihres Handelns machen, wenn ihr Charakter
ein solcher ist, der durch die entsprechende Vorstellung zu einer Begehrung
veranlaßt wird, so erscheint der Mensch von innen
bestimmt und nicht von außen.
- Der Mensch glaubt nun, weil er, gemäß seinem Charakter,
eine ihm von außen aufgedrängte Vorstellung erst zum Beweggrund machen muß: er
sei frei, das heißt unabhängig von äußeren Beweggründen.
- Die Wahrheit aber ist, nach Eduard von Hartmann, daß:
«Wenn aber auch wir selbst die Vorstellungen erst zu Motiven erheben, so tun
wir dies doch nicht willkürlich, sondern nach der Notwendigkeit unserer
charakterologischen Veranlagung, also
nichts weniger als frei».
- Auch hier bleibt der Unterschied ohne alle
Berücksichtigung, der besteht zwischen Beweggründen, die ich erst auf mich
wirken lasse, nachdem ich sie mit meinem Bewußtsein durchdrungen habe, und
solchen, denen ich folge, ohne daß ich ein klares Wissen von ihnen besitze.
- Und dies führt unmittelbar auf den Standpunkt, von dem
aus hier die Sache angesehen werden soll.
- Darf die Frage nach der Freiheit unseres Willens
überhaupt einseitig für sich gestellt werden?
- Und wenn nicht: mit welcher andern muß sie notwendig
verknüpft werden?
- Ist ein Unterschied zwischen einem bewußten Beweggrund
meines Handelns und einem unbewußten Antrieb, dann wird der erstere auch eine
Handlung nach sich ziehen, die anders beurteilt werden muß als eine solche aus
blindem Drange.
- Die Frage nach diesem Unterschied wird also die erste
sein.
- Und was sie ergibt, davon wird es erst abhängen, wie wir
uns zu der eigentlichen Freiheitsfrage zu stellen haben.
- Was heißt es, ein Wissen
von den Gründen seines Handelns haben?
- Man hat diese Frage zu wenig berücksichtigt, weil man
leider immer in zwei Teile zerrissen hat, was ein untrennbares Ganzes ist: den
Menschen.
- Den Handelnden und den Erkennenden unterschied man, und
leer ausgegangen ist dabei nur der, auf den es vor allen andern Dingen ankommt:
der aus Erkenntnis Handelnde.
- Man sagt: frei sei der Mensch, wenn er nur unter der
Herrschaft seiner Vernunft stehe und nicht unter der der animalischen
Begierden.
- Oder auch: Freiheit bedeute, sein Leben und Handeln nach
Zwecken und Entschlüssen bestimmen zu können.
- Mit Behauptungen solcher Art ist aber gar nichts
gewonnen.
- Denn das ist ja eben die Frage, ob die Vernunft, ob
Zwecke und Entschlüsse in gleicher Weise auf den Menschen einen Zwang ausüben
wie animalische Begierden.
- Wenn ohne mein Zutun ein vernünftiger Entschluß in mir
auftaucht, gerade mit derselben Notwendigkeit wie Hunger und Durst, dann kann
ich ihm nur notgedrungen folgen, und meine Freiheit ist eine Illusion.
- Eine andere Redewendung lautet:
Freisein heißt nicht wollen können, was man will, sondern tun können, was man
will.
- Diesen Gedanken hat der Dichterphilosoph Robert Hamerling in seiner «Atomistik
des Willens» in scharfumrissenen Worten gekennzeichnet: «Der Mensch kann
allerdings tun, was er will — aber er
kann nicht wollen, was er will, weil sein Wille durch Motive bestimmt ist! — Er kann nicht wollen, was er will?
- Sehe man sich diese Worte doch einmal näher an.
- Ist ein vernünftiger Sinn darin?
- Freiheit des Wollens müßte also darin bestehen, daß man
ohne Grund, ohne Motiv etwas wollen könnte?
- Aber was heißt denn Wollen anders, als einen Grund haben, dies lieber zu tun
oder anzustreben als jenes?
- Ohne Grund, ohne Motiv etwas wollen, hieße etwas wollen, ohne es zu wollen.
- Mit dem Begriffe des Wollens ist der des Motivs unzertrennlich verknüpft.
- Ohne ein bestimmendes Motiv ist der Wille ein leeres Vermögen: erst durch das Motiv wird er
tätig und reell.
- Es ist also ganz richtig, daß der menschliche Wille
insofern nicht ‹frei› ist, als seine Richtung immer durch das stärkste der
Motive bestimmt ist.
- Aber es muß andererseits zugegeben werden, daß es absurd
ist, dieser ‹Unfreiheit› gegenüber von einer denkbaren ‹Freiheit› des Willens
zu reden, welche dahin ginge, wollen zu können, was man nicht will.» (Atomistik des Willens, 2. Band 5. 213 f.)
- Auch hier wird nur von Motiven im allgemeinen gesprochen,
ohne auf den Unterschied zwischen unbewußten und bewußten Rücksicht zu nehmen.
- Wenn ein Motiv auf mich wirkt und ich gezwungen bin, ihm
zu folgen, weil es sich als das «stärkste» unter seinesgleichen erweist, dann
hört der Gedanke an Freiheit auf, einen Sinn zu haben.
- Wie soll es für mich eine Bedeutung haben, ob ich etwas
tun kann oder nicht, wenn ich von dem Motive gezwungen werde, es zu tun?
- Nicht darauf kommt es zunächst an: ob ich dann, wenn das
Motiv auf mich gewirkt hat, etwas tun kann oder nicht, sondern ob es nur solche
Motive gibt, die mit zwingender Notwendigkeit wirken.
- Wenn ich etwas wollen muß,
dann ist es mir unter Umständen höchst gleichgültig, ob ich es auch tun kann.
- Wenn mir wegen meines Charakters und wegen der in meiner
Umgebung herrschenden Umstände ein Motiv aufgedrängt wird, das sich meinem
Denken gegenüber als unvernünftig erweist, dann müßte ich sogar froh sein, wenn
ich nicht könnte, was ich will.
- Nicht darauf kommt es an, ob ich einen gefaßten Entschluß
zur Ausführung bringen kann, sondern wie der
Entschluß in mir entsteht.
- Was den Menschen von allen andern organischen Wesen
unterscheidet, ruht auf seinem vernünftigen Denken.
- Tätig zu sein, hat er mit anderen Organismen gemein.
- Nichts ist damit gewonnen, wenn man zur Aufhellung des
Freiheitsbegriffes für das Handeln des Menschen nach Analogien im Tierreiche
sucht.
- Die moderne Naturwissenschaft liebt solche Analogien.
- Und wenn es ihr gelungen ist, bei den Tieren etwas dem
menschlichen Verhalten Ähnliches gefunden zu haben, glaubt sie, die wichtigste
Frage der Wissenschaft vom Menschen berührt zu haben.
- Zu welchen Mißverständnissen diese Meinung führt, zeigt
sich zum Beispiel in dem Buche: «Die Illusion der Willensfreiheit» von P. Rée, 1885, der (S. 5) über die
Freiheit folgendes sagt: «Daß es uns so scheint, als ob die Bewegung des
Steines notwendig, des Esels Wollen nicht notwendig wäre, ist leicht
erklärlich.
- Die Ursachen, welche den Stein bewegen, sind ja draußen
und sichtbar.
- Die Ursachen aber, vermöge deren der Esel will, sind
drinnen und unsichtbar: zwischen uns und der Stätte ihrer Wirksamkeit befindet
sich die Hirnschale des Esels. ...
- Man sieht die kausale Bedingtheit nicht, und meint daher,
sie sei nicht vorhanden.
- Das Wollen, erklärt man, sei zwar die Ursache der
Umdrehung (des Esels), selbst aber sei es unbedingt; es sei ein absoluter Anfang.»
- Also auch hier
wieder wird über Handlungen des Menschen, bei denen er ein Bewußtsein von den
Gründen seines Handelns hat, einfach hinweggegangen, denn Rée erklärt:
- «Zwischen uns und der Stätte ihrer Wirksamkeit befindet
sich die Hirnschale des Esels.»
- Daß es, zwar nicht
Handlungen des Esels, wohl aber solche der Menschen gibt, bei denen zwischen
uns und der Handlung das bewußt gewordene
Motiv liegt, davon hat, schon nach diesen Worten zu schließen, Rée keine
Ahnung.
- Er beweist das einige Seiten später auch noch durch die
Worte:
- «Wir nehmen die Ursachen
nicht wahr, durch welche unser Wollen bedingt wird, daher meinen wir, es
sei überhaupt nicht ursachlich bedingt.»
- Doch genug der Beispiele, welche beweisen, daß viele
gegen die Freiheit kämpfen, ohne zu wissen, was Freiheit überhaupt ist.
- Daß eine Handlung nicht frei sein kann, von der der Täter nicht weiß, warum er sie
vollbringt, ist ganz selbstverständlich.
- Wie verhält es sich aber mit einer solchen, von deren
Gründen gewußt wird?
- Das führt uns auf die Frage: welches ist der Ursprung und
die Bedeutung des Denkens?
- Denn ohne die Erkenntnis der denkenden Betätigung der Seele ist ein Begriff des Wissens von
etwas, also auch von einer Handlung nicht möglich.
- Wenn wir erkennen, was Denken im allgemeinen bedeutet,
dann wird es auch leicht sein, klar darüber zu werden, was für eine Rolle das
Denken beim menschlichen Handeln spielt.
- «Das Denken macht die Seele, womit auch das Tier begabt
ist, erst zum Geiste», sagt Hegel mit
Recht, und deshalb wird das Denken auch dem menschlichen Handeln sein
eigentümliches Gepräge geben.
- Keineswegs soll behauptet werden, daß all unser Handeln
nur aus der nüchternen Überlegung unseres Verstandes fließe.
- Nur diejenigen Handlungen als im höchsten Sinne menschlich hinzustellen, die aus dem
abstrakten Urteil hervorgehen, liegt mir ganz fern.
- Aber sobald sich unser Handeln herauferhebt aus dem
Gebiete der Befriedigung rein animalischer Begierden, sind unsere Beweggründe
immer von Gedanken durchsetzt.
- Liebe, Mitleid, Patriotismus sind Triebfedern des
Handelns, die sich nicht in kalte Verstandesbegriffe auflösen lassen.
- Man sagt: das Herz, das Gemüt treten da in ihre Rechte.
- Ohne Zweifel.
- Aber das Herz und das Gemüt schaffen nicht die
Beweggründe des Handelns.
- Sie setzen dieselben voraus und nehmen sie in ihren
Bereich auf.
- In meinem Herzen stellt sich das Mitleid ein, wenn in
meinem Bewußtsein die Vorstellung einer mitleiderregenden Person aufgetreten
ist.
- Der Weg zum Herzen geht durch den Kopf.
- Davon macht auch die Liebe keine Ausnahme.
- Wenn sie nicht die bloße Äußerung des Geschlechtstriebes
ist, dann beruht sie auf den Vorstellungen, die wir uns von dem geliebten Wesen
machen.
- Und je idealistischer diese Vorstellungen sind, desto
beseligender ist die Liebe.
- Auch hier ist der Gedanke der Vater des Gefühles.
- Man sagt: die Liebe mache blind für die Schwächen des
geliebten Wesens.
- Die Sache kann auch umgekehrt angefaßt werden und
behauptet: die Liebe öffne gerade für dessen Vorzüge das Auge.
- Viele gehen ahnungslos an diesen Vorzügen vorbei, ohne
sie zu bemerken.
- Der eine sieht sie, und eben deswegen erwacht die Liebe
in seiner Seele.
- Was hat er anderes getan: als von dem sich eine
Vorstellung gemacht, wovon hundert andere keine haben.
- Sie haben die Liebe nicht, weil ihnen die Vorstellung mangelt.
- Wir mögen die Sache anfassen wie wir wollen: immer klarer
muß es werden, daß die Frage nach dem Wesen des menschlichen Handelns die
andere voraussetzt nach dem Ursprunge des Denkens.
- Ich wende mich daher zunächst dieser Frage zu.
-
- Kapitel
2 - Der Grundtrieb zur Wissenschaft
- «Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
- Die eine will sich von der andern trennen;
- Die eine hält, in derber Liebeslust,
- Sich an die Welt mit klammernden Organen;
- Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust
- Zu den Gefilden hoher Ahnen.»
- (Faust I, 1112-1117)
- Mit diesen Worten spricht Goethe einen tief in der
menschlichen Natur begründeten Charakterzug aus.
- Nicht ein einheitlich organisiertes Wesen ist der Mensch.
- Er verlangt stets mehr, als die Welt ihm freiwillig gibt.
- Bedürfnisse hat die Natur uns gegeben; unter diesen sind
solche, deren Befriedigung sie unserer eigenen Tätigkeit überläßt.
- Reichlich sind die Gaben, die uns zugeteilt, aber noch
reichlicher ist unser Begehren.
- Wir scheinen zur Unzufriedenheit geboren.
- Nur ein besonderer Fall dieser Unzufriedenheit ist unser
Erkenntnisdrang.
- Wir blicken einen Baum zweimal an.
- Wir sehen das eine Mal seine Aste in Ruhe, das andere Mal
in Bewegung.
- Wir geben uns mit dieser Beobachtung nicht zufrieden.
- Warum stellt sich uns der Baum das eine Mal ruhend, das
andere Mal in Bewegung dar?
- So fragen wir.
- Jeder Blick in die Natur erzeugt in uns eine Summe von
Fragen.
- Mit jeder Erscheinung, die uns entgegentritt, ist uns
eine Aufgabe mitgegeben.
- Jedes Erlebnis wird uns zum Rätsel.
- Wir sehen aus dem Ei ein dem Muttertiere ähnliches Wesen
hervorgehen; wir fragen nach dem Grunde dieser Ähnlichkeit.
- Wir beobachten an einem Lebewesen Wachsrum und
Entwickelung bis zu einem bestimmten Grade der Vollkommenheit: wir suchen nach
den Bedingungen dieser Erfahrung.
- Nirgends sind wir mit dem zufrieden, was die Natur vor
unseren Sinnen ausbreitet.
- Wir suchen überall nach dem, was wir Erklärung der Tatsachen nennen.
- Der Überschuß dessen, was wir in den Dingen suchen, über
das, was uns in ihnen unmittelbar gegeben ist, spaltet unser ganzes Wesen in
zwei Teile; wir werden uns unseres Gegensatzes zur Welt bewußt.
- Wir stellen uns als ein selbständiges Wesen der Welt gegenüber.
- Das Universum erscheint uns in den zwei Gegensätzen: Ich und Welt.
- Diese Scheidewand zwischen uns und der Welt errichten
wir, sobald das Bewußtsein in uns aufleuchtet.
- Aber niemals verlieren wir das Gefühl, daß wir doch zur
Welt gehören, daß ein Band besteht, das uns mit ihr verbindet, daß wir nicht
ein Wesen außerhalb, sondern
innerhalb des Universums sind.
- Dieses Gefühl erzeugt das Streben, den Gegensatz zu
überbrücken.
- Und in der Überbrückung dieses Gegensatzes besteht im
letzten Grunde das ganze geistige Streben der Menschheit.
- Die Geschichte des geistigen Lebens ist ein fortwährendes
Suchen der Einheit zwischen uns und der Welt.
- Religion, Kunst und Wissenschaft verfolgen gleichermaßen
dieses Ziel.
- Der Religiös- Gläubige sucht in der Offenbarung, die ihm
Gott zuteil werden läßt, die Lösung der Welträtsel, die ihm sein mit der bloßen
Erscheinungswelt unzufriedenes Ich aufgibt.
- Der Künstler sucht dem Stoffe die Ideen seines Ich
einzubilden, um das in seinem Innern Lebende mit der Außenwelt zu versöhnen.
- Auch er fühlt sich unbefriedigt von der bloßen
Erscheinungswelt und sucht ihr jenes Mehr einzuformen, das sein Ich, über sie
hinausgehend, birgt.
- Der Denker sucht nach den Gesetzen der Erscheinungen, er
strebt denkend zu durchdringen, was er beobachtend erfährt.
- Erst wenn wir den Weltinhalt
zu unserem Gedankeninhalt gemacht
haben, erst dann finden wir den Zusammenhang wieder, aus dem wir uns selbst
gelöst haben.
- Wir werden später sehen, daß dieses Ziel nur erreicht
wird, wenn die Aufgabe des wissenschaftlichen Forschers allerdings viel tiefer
aufgefaßt wird, als dies oft geschieht.
- Das ganze Verhältnis, das ich hier dargelegt habe, tritt
uns in einer weltgeschichtlichen Erscheinung entgegen: in dem Gegensatz der
einheitlichen Weltauffassung oder des Monismus
und der Zweiweltentheorie oder des Dualismus.
- Der Dualismus richtet den Blick nur auf die von dem
Bewußtsein des Menschen vollzogene Trennung zwischen Ich und Welt.
- Sein ganzes Streben ist ein ohnmächtiges Ringen nach der
Versöhnung dieser Gegensätze, die er bald Geist
und Materie, bald Subjekt und Objekt, bald Denken und Erscheinung nennt.
- Er hat ein Gefühl, daß es eine Brücke geben muß zwischen
den beiden Welten, aber er ist nicht imstande, sie zu finden.
- Indem der Mensch sich als «Ich» erlebt, kann er nicht
anders als dieses «Ich» auf der Seite des Geistes
denken; und indem er diesem Ich die Welt entgegensetzt, muß er zu dieser
die den Sinnen gegebene Wahrnehmungswelt rechnen, die materielle Welt.
- Dadurch stellt sich der Mensch selbst in den Gegensatz
Geist und Materie hinein.
- Er muß dies um so mehr tun, als zur materiellen Welt sein
eigener Leib gehört.
- Das «Ich» gehört so dem Geistigen als ein Teil an; die materiellen Dinge und Vorgänge, die von
den Sinnen wahrgenommen werden, der «Welt».
- Alle Rätsel, die sich auf Geist und Materie beziehen, muß
der Mensch in dem Grundrätsel seines eigenen Wesens wiederfinden.
- Der Monismus richtet
den Blick allein auf die Einheit und sucht die einmal vorhandenen Gegensätze zu
leugnen oder zu verwischen.
- Keine von den beiden Anschauungen kann befriedigen, denn
sie werden den Tatsachen nicht gerecht.
- Der Dualismus sieht Geist (Ich) und Materie (Welt) als
zwei grundverschiedene Wesenheiten an, und kann deshalb nicht begreifen, wie
beide aufeinander wirken können.
- Wie soll der Geist wissen, was in der Materie vorgeht,
wenn ihm deren eigentümliche Natur ganz fremd ist?
- Oder wie soll er unter diesen Umständen auf sie wirken,
so daß sich seine Absichten in Taten umsetzen?
- Die scharfsinnigsten und die widersinnigsten Hypothesen
wurden aufgestellt, um diese Fragen zu lösen.
- Aber auch mit dem Monismus steht es bis heute nicht viel
besser.
- Er hat sich bis jetzt in einer dreifachen Art zu helfen
gesucht: Entweder er leugnet den Geist und wird zum Materialismus; oder er
leugnet die Materie, um im Spiritualismus sein Heil zu suchen; oder aber er
behauptet, daß auch schon in dem einfachsten Weltwesen Materie und Geist
untrennbar verbunden seien, weswegen man gar nicht erstaunt zu sein brauchte,
wenn in dem Menschen diese zwei Daseinsweisen auftreten, die ja nirgends
getrennt sind.
- Der Materialismus kann
niemals eine befriedigende Welterklärung liefern.
- Denn jeder Versuch einer Erklärung muß damit beginnen,
daß man sich Gedanken über die
Welterscheinungen bildet.
- Der Materialismus macht deshalb den Anfang mit dem Gedanken der Materie oder der
materiellen Vorgänge.
- Damit hat er bereits zwei verschiedene Tatsachengebiete
vor sich: die materielle Welt und die Gedanken über sie.
- Er sucht die letzteren dadurch zu begreifen, daß er sie
als einen rein materiellen Prozeß auffaßt.
- Er glaubt, daß das Denken im Gehirne etwa so zustande
komme, wie die Verdauung in den animalischen Organen.
- So wie er der Materie mechanische und organische
Wirkungen zuschreibt, so legt er ihr auch die Fähigkeit bei, unter bestimmten
Bedingungen zu denken.
- Er vergißt, daß er nun das Problem nur an einen andern
Ort verlegt hat.
- Statt sich selbst, schreibt er die Fähigkeit des Denkens
der Materie zu.
- Und damit ist er wieder an seinem Ausgangspunkte.
- Wie kommt die Materie dazu, über ihr eigenes Wesen
nachzudenken?
- Warum ist sie nicht einfach mit sich zufrieden und nimmt
ihr Dasein hin?
- Von dem bestimmten Subjekt, von unserem eigenen Ich hat
der Materialist den Blick abgewandt und auf ein unbestimmtes, nebelhaftes
Gebilde ist er gekommen.
- Und hier tritt ihm dasselbe Rätsel entgegen.
- Die materialistische Anschauung vermag das Problem nicht
zu lösen, sondern nur zu verschieben.
- Wie steht es mit der spiritualistischen?
- Der reine Spiritualist
leugnet die Materie in ihrem selbständigen Dasein und faßt sie nur als
Produkt des Geistes auf.
- Wendet er diese Weltanschauung auf die Enträtselung der
eigenen menschlichen Wesenheit an, so wird er in die Enge getrieben.
- Dem Ich, das auf die Seite des Geistes gestellt werden
kann, steht unvermittelt gegenüber die sinnliche Welt.
- Zu dieser scheint ein geistiger
Zugang sich nicht zu eröffnen, sie muß durch materielle Prozesse von dem
Ich wahrgenommen und erlebt werden.
- Solche materielle Prozesse findet das «Ich» in sich
nicht, wenn es sich nur als geistige Wesenheit gelten lassen will.
- Was es geistig sich erarbeitet, in dem ist nie die
Sinneswelt drinnen.
- Es scheint das «Ich» zugeben zu müssen, daß ihm die Welt
verschlossen bliebe, wenn es nicht sich auf ungeistige Art zu ihr in ein
Verhältnis setzte.
- Ebenso müssen wir, wenn wir ans Handeln gehen, unsere Absichten
mit Hilfe der materiellen Stoffe und Kräfte in Wirklichkeit um setzen.
- Wir sind also auf die Außenwelt angewiesen.
- Der extremste Spiritualist, oder wenn man will, der durch
den absoluten Idealismus sich als extremer Spiritualist darstellende Denker ist
Johann Gottlieb Fichte.
- Er versuchte das ganze Weltgebäude aus dem «Ich»
abzuleiten.
- Was ihm dabei wirklich gelungen ist, ist ein großartiges Gedankenbild der Welt, ohne allen
Erfahrungsinhalt.
- So wenig es dem Materialisten möglich ist, den Geist,
ebensowenig ist es dem Spiritualisten möglich, die materielle Außenwelt
wegzudekretieren.
- Weil der Mensch, wenn er die Erkenntnis auf das «Ich»
lenkt, zunächst das Wirken dieses «Ich» in der gedanklichen Ausgestaltung der
Ideenwelt wahrnimmt, kann sich die spiritualistisch gerichtete Weltanschauung
beim Hinblicke auf die eigene menschliche Wesenheit versucht fühlen, von dem
Geiste nur diese Ideenwelt anzuerkennen.
- Der Spiritualismus wird auf diese Art zum einseitigen
Idealismus.
- Er kommt nicht dazu, durch
die Ideenwelt eine geistige Welt
zu suchen; er sieht in der Ideenwelt selbst die geistige Welt.
- Dadurch wird er dazu getrieben, innerhalb der Wirksamkeit
des «Ich» selbst, wie festgebannt, mit seiner Weltanschauung stehen bleiben zu
müssen.
- Eine merkwürdige Abart des Idealismus ist die Anschauung Friedrich Albert Langes, wie er sie in
seiner vielgelesenen «Geschichte des Materialismus» vertreten hat.
- Er nimmt an, daß der Materialismus ganz recht habe, wenn
er alle Welterscheinungen, einschließlich unseres Denkens, für das Produkt rein
stofflicher Vorgänge erklärt; nur sei umgekehrt die Materie und ihre Vorgänge
selbst wieder ein Produkt unseres Denkens.
- «Die Sinne geben uns ... Wirkungen der Dinge, nicht getreue Bilder, oder gar die Dinge
selbst.
- Zu diesen bloßen Wirkungen gehören aber auch die Sinne
selbst samt dem Hirn und den in ihm gedachten Molekularbewegungen.»
- Das heißt, unser
Denken wird von den materiellen Prozessen erzeugt und diese von dem Denken des
«Ich».
- Langes Philosophie ist somit nichts anderes, als die in
Begriffe umgesetzte Geschichte des wackeren Münchhausen, der sich an seinem
eigenen Haarschopf frei in der Luft festhält.
- Die dritte Form des Monismus ist die, welche in dem
einfachsten Wesen (Atom) bereits die beiden Wesenheiten, Materie und Geist,
vereinigt sieht.
- Damit ist aber auch nichts erreicht, als daß die Frage,
die eigentlich in unserem Bewußtsein entsteht, auf einen anderen Schauplatz
versetzt wird.
- Wie kommt das einfache Wesen dazu, sich in einer
zweifachen Weise zu äußern, wenn es eine ungetrennte Einheit ist?
- Allen diesen Standpunkten gegenüber muß geltend gemacht
werden, daß uns der Grund, und Urgegensatz zuerst in unserem eigenen Bewußtsein
entgegentritt.
- Wir sind es selbst, die wir uns von dem Mutterboden der
Natur loslösen, und uns als «Ich» der «Welt» gegenüberstellen.
- Klassisch spricht das Goethe
in seinem Aufsatz «Die Natur» aus, wenn auch seine Art zunächst als ganz
unwissenschaftlich gelten mag: «Wir leben mitten in ihr (der Natur) und sind
ihr fremde.
- Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr
Geheimnis nicht.»
- Aber auch die
Kehrseite kennt Goethe: «Die Menschen sind alle in ihr und sie in allen.»
- So wahr es ist, daß wir uns der Natur entfremdet haben,
so wahr ist es, daß wir fühlen: wir sind in ihr und gehören zu ihr.
- Es kann nur ihr eigenes Wirken sein, das auch in uns
lebt.
- Wir müssen den Weg zu ihr zurück wieder finden.
- Eine einfache Überlegung kann uns diesen Weg weisen.
- Wir haben uns zwar losgerissen von der Natur; aber wir
müssen doch etwas mit herübergenommen haben in unser eigenes Wesen.
- Dieses Naturwesen in uns müssen wir aufsuchen, dann
werden wir den Zusammenhang auch wieder finden.
- Das versäumt der Dualismus.
- Er hält das menschliche Innere für ein der Natur ganz
fremdes Geistwesen und sucht dieses an die Natur anzukoppeln.
- Kein Wunder, daß er das Bindeglied nicht finden kann.
- Wir können die Natur außer uns nur finden, wenn wir sie in uns erst kennen.
- Das ihr Gleiche in unserem eigenen Innern wird uns der
Führer sein.
- Damit ist uns unsere Bahn vorgezeichnet.
- Wir wollen keine Spekulationen anstellen über die
Wechselwirkung von Natur und Geist.
- Wir wollen aber hinuntersteigen in die Tiefen unseres
eigenen Wesens, um da jene Elemente zu finden, die wir herübergerettet haben
bei unserer Flucht aus der Natur.
- Die Erforschung unseres Wesens muß uns die Lösung des
Rätsels bringen.
- Wir müssen an einen Punkt kommen, wo wir uns sagen
können: Hier sind wir nicht mehr bloß «Ich», hier liegt etwas, was mehr als
«Ich» ist.
- Ich bin darauf gefaßt, daß mancher, der bis hierher
gelesen hat, meine Ausführungen nicht «dem gegenwärtigen Stande der
Wissenschaft» gemäß findet.
- Ich kann dem gegenüber nur erwidern, daß ich es bisher
mit keinerlei wissenschaftlichen Resultaten zu tun haben wollte, sondern mit
der einfachen Beschreibung dessen, was jedermann in seinem eigenen Bewußtsein
erlebt.
- Daß dabei auch einzelne Sätze über Versöhnungsversuche
des Bewußtseins mit der Welt eingeflossen sind, hat nur den Zweck, die
eigentlichen Tatsachen zu verdeutlichen.
- Ich habe deshalb auch keinen Wert darauf gelegt, die
einzelnen Ausdrücke, wie «Ich», «Geist», «Welt», «Natur» und so weiter in der
präzisen Weise zu gebrauchen, wie es in der Psychologie und Philosophie üblich
ist.
- Das alltägliche Bewußtsein kennt die scharfen
Unterschiede der Wissenschaft nicht, und um eine Aufnahme des alltäglichen
Tatbestandes handelte es sich bisher bloß.
- Nicht wie die Wissenschaft bisher das Bewußtsein interpretiert
hat, geht mich an, sondern wie sich dasselbe stündlich darlebt.
-
- Kapitel
3 - Das Denken im Dienste der Weltauffassung
- Wenn ich beobachte, wie eine Billardkugel, die gestoßen
wird, ihre Bewegung auf eine andere überträgt, so bleibe ich auf den Verlauf
dieses beobachteten Vorganges ganz ohne Einfluß.
- Die Bewegungsrichtung und Schnelligkeit der zweiten Kugel
ist durch die Richtung und Schnelligkeit der ersten bestimmt.
- Solange ich mich bloß als Beobachter verhalte, weiß ich
über die Bewegung der zweiten Kugel erst dann etwas zu sagen, wenn dieselbe
eingetreten ist.
- Anders ist die Sache, wenn ich über den Inhalt meiner
Beobachtung nachzudenken beginne.
- Mein Nachdenken hat den Zweck, von dem Vorgange Begriffe
zu bilden.
- Ich bringe den Begriff einer elastischen Kugel in
Verbindung mit gewissen anderen Begriffen der Mechanik und ziehe die besonderen
Umstände in Erwägung, die in dem vorkommenden Falle obwalten.
- Ich suche also zu dem Vorgange, der sich ohne mein Zutun
abspielt, einen zweiten hinzuzufügen, der sich in der begrifflichen Sphäre
vollzieht.
- Der letztere ist von mir abhängig.
- Das zeigt sich dadurch, daß ich mich mit der Beobachtung
begnügen und auf alles Begriffesuchen verzichten kann, wenn ich kein Bedürfnis
danach habe.
- Wenn dieses Bedürfnis aber vorhanden ist, dann beruhige
ich mich erst, wenn ich die Begriffe: Kugel, Elastizität, Bewegung, Stoß,
Geschwindigkeit usw.
- in eine gewisse Verbindung gebracht habe, zu welcher der
beobachtete Vorgang in einem bestimmten Verhältnisse steht.
- So gewiß es nun ist, daß sich der Vorgang unabhängig von
mir vollzieht, so gewiß ist es, daß sich der begriffliche Prozeß ohne mein
Zutun nicht abspielen kann.
- Ob diese meine Tätigkeit wirklich der Ausfluß meines
selbständigen Wesens ist, oder ob die modernen Physiologen recht haben, welche
sagen, daß wir nicht denken können, wie wir wollen, sondern denken müssen, wie
es die gerade in unserem Bewußtsein vorhandenen Gedanken und
Gedankenverbindungen bestimmen (vergleiche Ziehen,
Leitfaden der physiologischen Psychologie, Jena 1893, S. 171), wird Gegenstand
einer späteren Auseinandersetzung sein.
- Vorläufig wollen wir bloß die Tatsache feststellen, daß
wir uns fortwährend gezwungen fühlen, zu den ohne unser Zutun uns gegebenen
Gegenständen und Vorgängen Begriffe und Begriffsverbindungen zu suchen, die zu
jenen in einer gewissen Beziehung stehen.
- Ob dies Tun in Wahrheit unser Tun ist, oder ob wir es einer unabänderlichen Notwendigkeit
gemäß vollziehen, lassen wir vorläufig dahingestellt.
- Daß es uns zunächst als das unsrige erscheint, ist ohne
Frage.
- Wir wissen ganz genau, daß uns mit den Gegenständen nicht
zugleich deren Begriffe mitgegeben werden.
- Daß ich selbst der Tätige bin, mag auf einem Schein
beruhen; der unmittelbaren Beobachtung stellt sich die Sache jedenfalls so dar.
- Die Frage ist nun: was gewinnen wir dadurch, daß wir zu
einem Vorgange ein begriffliches Gegenstück hinzufinden?
- Es ist ein tiefgreifender Unterschied zwischen der Art,
wie sich für mich die Teile eines Vorganges zueinander verhalten vor und nach
der Auffindung der entsprechenden Begriffe.
- Die bloße Beobachtung kann die Teile eines gegebenen
Vorganges in ihrem Verlaufe verfolgen; ihr Zusammenhang bleibt aber vor der
Zuhilfenahme von Begriffen dunkel.
- Ich sehe die erste Billardkugel in einer gewissen
Richtung und mit einer bestimmten Geschwindigkeit gegen die zweite sich
bewegen; was nach erfolgtem Stoß geschieht, muß ich abwarten und kann es dann
auch wieder nur mit den Augen verfolgen.
- Nehmen wir an, es verdecke mir im Augenblicke des Stoßes
jemand das Feld, auf dem der Vorgang sich abspielt, so bin ich — als bloßer
Beobachter — ohne Kenntnis, was nachher geschieht.
- Anders ist das, wenn ich für die Konstellation der
Verhältnisse vor dem Verdecken die entsprechenden Begriffe gefunden habe.
- In diesem Falle kann ich angeben, was geschieht, auch
wenn die Möglichkeit der Beobachtung aufhört.
- Ein bloß beobachteter Vorgang oder Gegenstand ergibt aus
sich selbst nichts über seinen Zusammenhang mit anderen Vorgängen oder
Gegenständen.
- Dieser Zusammenhang wird erst ersichtlich, wenn sich die
Beobachtung mit dem Denken verbindet.
- Beobachtung
und Denken sind die beiden Ausgangspunkte für alles geistige Streben
des Menschen, insoferne er sich eines solchen bewußt ist.
- Die Verrichtungen des gemeinen Menschenverstandes und die
verwickeltesten wissenschaftlichen Forschungen ruhen auf diesen beiden
Grundsäulen unseres Geistes.
- Die Philosophen sind von verschiedenen Urgegensätzen
ausgegangen: Idee und Wirklichkeit, Subjekt und Objekt, Erscheinung und Ding an
sich, Ich und Nicht-Ich, Idee und Wille, Begriff und Materie, Kraft und Stoff,
Bewußtes und Unbewußtes.
- Es läßt sich aber leicht zeigen, daß allen diesen
Gegensätzen der von Beobachtung und Denken, als der für den Menschen
wichtigste, vorangehen muß.
- Was für ein Prinzip wir auch aufstellen mögen: wir müssen
es irgendwo als von uns beobachtet nachweisen, oder in Form eines klaren
Gedankens, der von jedem anderen nachgedacht werden kann, aussprechen.
- Jeder Philosoph, der anfängt über seine Urprinzipien zu
sprechen, muß sich der begrifflichen Form, und damit des Denkens bedienen.
- Er gibt damit indirekt zu, daß er zu seiner Betätigung
das Denken bereits voraussetzt.
- Ob das Denken oder irgend etwas anderes Hauptelement der
Weltentwickelung ist, darüber werde hier noch nichts ausgemacht.
- Daß aber der Philosoph ohne das Denken kein Wissen
darüber gewinnen kann, das ist von vornherein klar.
- Beim Zustandekommen der Welterscheinungen mag das Denken
eine Nebenrolle spielen, beim Zustandekommen einer Ansicht darüber kommt ihm
aber sicher eine Hauptrolle zu.
- Was nun die Beobachtung betrifft, so liegt es in unserer
Organisation, daß wir derselben bedürfen.
- Unser Denken über ein Pferd und der Gegenstand Pferd sind
zwei Dinge, die für uns getrennt auftreten.
- Und dieser Gegenstand ist uns nur durch Beobachtung
zugänglich.
- So wenig wir durch das bloße Anstarren eines Pferdes uns
einen Begriff von demselben machen können, ebensowenig sind wir imstande, durch
bloßes Denken einen entsprechenden Gegenstand hervorzubringen.
- Zeitlich geht die Beobachtung sogar dem Denken voraus.
- Denn auch das Denken müssen wir erst durch Beobachtung
kennenlernen.
- Es war wesentlich die Beschreibung einer Beobachtung, als
wir am Eingange dieses Kapitels darstellten, wie sich das Denken an einem
Vorgange entzündet und über das ohne sein Zutun Gegebene hinausgeht.
- Alles was in den Kreis unserer Erlebnisse eintritt,
werden wir durch die Beobachtung erst gewahr.
- Der Inhalt von Empfindungen, Wahrnehmungen, Anschauungen,
die Gefühle, Willensakte, Traum- und Phantasiegebilde, Vorstellungen, Begriffe
und Ideen, sämtliche Illusionen und Halluzinationen werden uns durch die Beobachtung gegeben.
- Nur unterscheidet sich das Denken als Beobachtungsobjekt
doch wesentlich von allen andern Dingen.
- Die Beobachtung eines Tisches, eines Baumes tritt bei mir
ein, sobald diese Gegenstände auf dem Horizonte meiner Erlebnisse auftauchen.
- Das Denken aber über diese Gegenstände beobachte ich
nicht gleichzeitig.
- Den Tisch beobachte ich, das Denken über den Tisch führe
ich aus, aber ich beobachte es nicht in demselben Augenblicke.
- Ich muß mich erst auf einen Standpunkt außerhalb meiner
eigenen Tätigkeit versetzen, wenn ich neben dem Tische auch mein Denken über den
Tisch beobachten will.
- Während das Beobachten der Gegenstände und Vorgänge und
das Denken darüber ganz alltägliche, mein fortlaufendes Leben ausfüllende
Zustände sind, ist die Beobachtung des Denkens eine Art Ausnahmezustand.
- Diese Tatsache muß in entsprechender Weise berücksichtigt
werden, wenn es sich darum handelt, das Verhältnis des Denkens zu allen anderen
Beobachtungsinhalten zu bestimmen.
- Man muß sich klar darüber sein, daß man bei der
Beobachtung des Denkens auf dieses ein Verfahren anwendet, das für die
Betrachtung des ganzen übrigen Weltinhaltes den normalen Zustand bildet, das
aber im Verfolge dieses normalen Zustandes für das Denken selbst nicht
eintritt.
- Es könnte jemand den Einwand machen, daß das gleiche, was
ich hier von dem Denken bemerkt habe, auch von dem Fühlen und den übrigen
geistigen Tätigkeiten gelte.
- Wenn wir zum Beispiel das Gefühl der Lust haben, so
entzünde sich das auch an einem Gegenstande, und ich beobachte zwar diesen
Gegenstand, nicht aber das Gefühl der Lust.
- Dieser Einwand beruht aber auf einem Irrtum.
- Die Lust steht durchaus nicht in demselben Verhältnisse
zu ihrem Gegenstande wie der Begriff, den das Denken bildet.
- Ich bin mir auf das bestimmteste bewußt, daß der Begriff
einer Sache durch meine Tätigkeit gebildet wird, während die Lust in mir auf
ähnliche Art durch einen Gegenstand erzeugt wird, wie zum Beispiel die
Veränderung, die ein fallender Stein in einem Gegenstande bewirkt, auf den er
auffällt.
- Für die Beobachtung ist die Lust in genau derselben Weise
gegeben, wie der sie veranlassende Vorgang.
- Ein gleiches gilt nicht vom Begriffe.
- Ich kann fragen: warum erzeugt ein bestimmter Vorgang bei
mir das Gefühl der Lust?
- Aber ich kann durchaus nicht fragen: warum erzeugt ein
Vorgang bei mir eine bestimmte Summe von Begriffen?
- Das hätte einfach keinen Sinn.
- Bei dem Nachdenken über einen Vorgang handelt es sich gar
nicht um eine Wirkung auf mich.
- Ich kann dadurch nichts über mich erfahren, daß ich für
die beobachtete Veränderung, die ein gegen eine Fensterscheibe geworfener Stein
in dieser bewirkt, die entsprechenden Begriffe kenne.
- Aber ich erfahre sehr wohl etwas über meine
Persönlichkeit, wenn ich das Gefühl kenne, das ein bestimmter Vorgang in mir
erweckt.
- Wenn ich einem beobachteten Gegenstand gegenüber sage:
dies ist eine Rose, so sage ich über mich selbst nicht das geringste aus; wenn
ich aber von demselben Dinge sage: es bereitet mir das Gefühl der Lust, so habe
ich nicht nur die Rose, sondern auch mich selbst in meinem Verhältnis zur Rose
charakterisiert.
- Von einer Gleichstellung des Denkens mit dem Fühlen der
Beobachtung gegenüber kann also nicht die Rede sein.
- Dasselbe ließe sich leicht auch für die andern
Tätigkeiten des menschlichen Geistes ableiten.
- Sie gehören dem Denken gegenüber in eine Reihe mit
anderen beobachteten Gegenständen und Vorgängen.
- Es gehört eben zu der eigentümlichen Natur des Denkens,
daß es eine Tätigkeit ist, die bloß auf den beobachteten Gegenstand gelenkt ist
und nicht auf die denkende Persönlichkeit.
- Das spricht sich schon in der Art aus, wie wir unsere
Gedanken über eine Sache zum Ausdruck bringen im Gegensatz zu unseren Gefühlen
oder Willensakten.
- Wenn ich einen Gegenstand sehe und diesen als einen Tisch
erkenne, werde ich im allgemeinen nicht sagen: ich denke über einen Tisch,
sondern: dies ist ein Tisch.
- Wohl aber werde ich sagen: ich freue mich über den Tisch.
- Im ersteren Falle kommt es mir eben gar nicht darauf an,
auszusprechen, daß ich zu dem Tisch in ein Verhältnis trete; in dem zweiten
Falle handelt es sich aber gerade um dieses Verhältnis.
- Mit dem Ausspruch: ich denke über einen Tisch, trete ich
bereits in den oben charakterisierten Ausnahmezustand ein, wo etwas zum
Gegenstand der Beobachtung gemacht wird, was in unserer geistigen Tätigkeit
immer mitenthalten ist, aber nicht als beobachtetes Objekt.
- Das ist die eigentümliche Natur
des Denkens, daß der Denkende das Denken vergißt, während er es ausübt.
- Nicht das Denken beschäftigt ihn, sondern der Gegenstand
des Denkens, den er beobachtet.
- Die erste Beobachtung, die wir über das Denken machen,
ist also die, daß es das unbeobachtete Element unseres gewöhnlichen
Geisteslebens ist.
- Der Grund, warum wir das Denken im alltäglichen
Geistesleben nicht beobachten, ist kein anderer als der, daß es auf unserer
eigenen Tätigkeit beruht.
- Was ich nicht selbst hervorbringe, tritt als ein
Gegenständliches in mein Beobachtungsfeld ein.
- Ich sehe mich ihm als einem ohne mich zustande Gekommenen
gegenüber; es tritt an mich heran; ich muß es als die Voraussetzung meines
Denkprozesses hinnehmen.
- Während ich über den Gegenstand nachdenke, bin ich mit
diesem beschäftigt, mein Blick ist ihm zugewandt.
- Diese Beschäftigung ist eben die denkende Betrachtung.
- Nicht auf meine Tätigkeit, sondern auf das Objekt dieser
Tätigkeit ist meine Aufmerksamkeit gerichtet.
- Mit anderen Worten: während ich denke, sehe ich nicht auf
mein Denken, das ich selbst hervorbringe, sondern auf das Objekt des Denkens,
das ich nicht hervorbringe.
- Ich bin sogar in demselben Fall, wenn ich den
Ausnahmezustand eintreten lasse, und über mein Denken selbst nachdenke.
- Ich kann mein gegenwärtiges Denken nie beobachten;
sondern nur die Erfahrungen, die ich über meinen Denkprozeß gemacht habe, kann
ich nachher zum Objekt des Denkens machen.
- Ich müßte mich in zwei Persönlichkeiten spalten: in eine,
die denkt, und in die andere, welche sich bei diesem Denken selbst zusieht,
wenn ich mein gegenwärtiges Denken beobachten wollte.
- Das kann ich nicht.
- Ich kann das nur in zwei getrennten Akten ausführen.
- Das Denken, das beobachtet werden soll, ist nie das dabei
in Tätigkeit befindliche, sondern ein anderes.
- Ob ich zu diesem Zwecke meine Beobachtungen an meinem
eigenen früheren Denken mache, oder ob ich den Gedankenprozeß einer anderen
Person verfolge, oder endlich, ob ich, wie im obigen Falle mit der Bewegung der
Billardkugeln, einen fingierten Gedankenprozeß voraussetze, darauf kommt es
nicht an.
- Zwei Dinge vertragen sich nicht: tätiges Hervorbringen
und beschauliches Gegenüberstellen.
- Das weiß schon das erste Buch Moses.
- An den ersten sechs Welttagen läßt es Gott die Welt
hervorbringen, und erst als sie da ist, ist die Möglichkeit vorhanden, sie zu
beschauen: «Und Gott sahe an alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es war
sehr gut.»
- So ist es auch mit unserem Denken.
- Es muß erst da sein, wenn wir es beobachten wollen.
- Der Grund, der es uns unmöglich macht, das Denken in
seinem jeweilig gegenwärtigen Verlauf zu beobachten, ist der gleiche wie der,
der es uns unmittelbarer und intimer erkennen läßt als jeden andern Prozeß der
Welt.
- Eben weil wir es selbst hervorbringen, kennen wir das
Charakteristische seines Verlaufs, die Art, wie sich das dabei in Betracht
kommende Geschehen vollzieht.
- Was in den übrigen Beobachtungssphären nur auf mittelbare
Weise gefunden werden kann: der sachlich-entsprechende Zusammenhang und das
Verhältnis der einzelnen Gegenstände, das wissen wir beim Denken auf ganz
unmittelbare Weise.
- Warum für meine Beobachtung der Donner auf den Blitz
folgt, weiß ich nicht ohne weiteres; warum mein Denken den Begriff Donner mit dem des Blitzes verbindet, weiß ich unmittelbar
aus den Inhalten der beiden Begriffe.
- Es kommt natürlich gar nicht darauf an, ob ich die
richtigen Begriffe von Blitz und Donner habe.
- Der Zusammenhang derer, die ich habe, ist mir klar, und
zwar durch sie selbst.
- Diese durchsichtige Klarheit in bezug auf den Denkprozeß
ist ganz unabhängig von unserer Kenntnis der physiologischen Grundlagen des
Denkens.
- Ich spreche hier von dem Denken, insoferne es sich aus
der Beobachtung unserer geistigen Tätigkeit ergibt.
- Wie ein materieller Vorgang meines Gehirns einen andern
veranlaßt oder beeinflußt, während ich eine Gedankenoperation ausführe, kommt
dabei gar nicht in Betracht.
- Was ich am Denken beobachte, ist nicht: welcher Vorgang
in meinem Gehirne den Begriff des Blitz es mit dem des Donners verbindet,
sondern, was mich veranlaßt, die beiden Begriffe in ein bestimmtes Verhältnis
zu bringen.
- Meine Beobachtung ergibt, daß mir für meine
Gedankenverbindungen nichts vorliegt, nach dem ich mich richte, als der Inhalt
meiner Gedanken; nicht nach den materiellen Vorgängen in meinem Gehirn richte
ich mich.
- Für ein weniger materialistisches Zeitalter als das
unsrige wäre diese Bemerkung natürlich vollständig überflüssig.
- Gegenwärtig aber, wo es Leute gibt, die glauben: wenn wir
wissen, was Materie ist, werden wir auch wissen, wie die Materie denkt, muß
doch gesagt werden, daß man vom Denken reden kann, ohne sogleich mit der
Gehirnphysiologie in Kollision zu treten.
- Es wird heute sehr vielen Menschen schwer, den Begriff
des Denkens in seiner Reinheit zu fassen.
- Wer der Vorstellung, die ich hier vom Denken entwickelt
habe, sogleich den Satz des Cabanis entgegensetzt:
«Das Gehirn sondert Gedanken ab wie die Leber Galle, die Speicheldrüse Speichel
usw.», der weiß einfach nicht, wovon ich rede.
- Er sucht das Denken durch einen bloßen Beobachtungsprozeß
zu finden in derselben Art, wie wir bei anderen Gegenständen des Weltinhaltes
verfahren.
- Er kann es aber auf diesem Wege nicht finden, weil es
sich, wie ich nachgewiesen habe, gerade da der normalen Beobachtung entzieht.
- Wer den Materialismus nicht überwinden kann, dem fehlt
die Fähigkeit, bei sich den geschilderten Ausnahmezustand herbeizuführen, der
ihm zum Bewußtsein bringt, was bei aller andern Geistestätigkeit unbewußt
bleibt.
- Wer den guten Willen nicht hat, sich in diesen Standpunkt
zu versetzen, mit dem könnte man über das Denken so wenig wie mit dem Blinden
über die Farbe sprechen.
- Er möge nur aber nicht glauben, daß wir physiologische
Prozesse für Denken halten.
- Er erklärt das Denken nicht, weil er es überhaupt nicht
sieht.
- Für jeden aber, der die Fähigkeit hat, das Denken zu
beobachten — und bei gutem Willen hat sie jeder normal organisierte Mensch —,
ist diese Beobachtung die allerwichtigste, die er machen kann.
- Denn er beobachtet etwas, dessen Hervorbringer er selbst
ist; er sieht sich nicht einem zunächst fremden Gegenstande, sondern seiner eigenen
Tätigkeit gegenüber.
- Er weiß, wie das zustande kommt, was er beobachtet.
- Er durchschaut die Verhältnisse und Beziehungen.
- Es ist ein fester Punkt gewonnen, von dem aus man mit
begründeter Hoffnung nach der Erklärung der übrigen Welterscheinungen suchen
kann.
- Das Gefühl, einen solchen festen Punkt zu haben,
veranlaßte den Begründer der neueren Philosophie, Renatus Cartesius, das ganze
menschliche Wissen auf den Satz zu gründen: Ich
denke, also bin ich.
- Alle andern Dinge, alles andere Geschehen ist ohne mich
da; ich weiß nicht, ob als Wahrheit, ob als Gaukelspiel und Traum.
- Nur eines weiß ich ganz unbedingt sicher, denn ich bringe
es selbst zu seinem sichern Dasein: mein Denken.
- Mag es noch einen andern Ursprung seines Daseins haben,
mag es von Gott oder anderswoher kommen; daß es in dem Sinne da ist, in dem ich
es selbst hervorbringe, dessen bin ich gewiß.
- Einen andern Sinn seinem Satze unterzulegen hatte
Cartesius zunächst keine Berechtigung.
- Nur daß ich mich innerhalb des Weltinhaltes in meinem Denken
als in meiner ureigensten Tätigkeit erfasse, konnte er behaupten.
- Was das darangehängte: also bin ich heißen soll, darüber ist viel gestritten worden.
- Einen Sinn kann es aber nur unter einer einzigen
Bedingung haben.
- Die einfachste Aussage, die ich von einem Dinge machen
kann, ist die, daß es ist, daß es
existiert.
- Wie dann dieses Dasein näher zu bestimmen ist, das ist
bei keinem Dinge, das in den Horizont meiner Erlebnisse eintritt, sogleich im
Augenblicke zu sagen.
- Es wird jeder Gegenstand erst in seinem Verhältnisse zu
andern zu untersuchen sein, um bestimmen zu können, in welchem Sinne von ihm
als einem existierenden gesprochen werden kann.
- Ein erlebter Vorgang kann eine Summe von Wahrnehmungen,
aber auch ein Traum, eine Halluzination und so weiter sein.
- Kurz, ich kann nicht sagen, in welchem Sinne er
existiert.
- Das werde ich dem Vorgange selbst nicht entnehmen können,
sondern ich werde es erfahren, wenn ich ihn im Verhältnisse zu andern Dingen
betrachte.
- Da kann ich aber wieder nicht mehr wissen, als wie er im Verhältnisse zu diesen Dingen steht.
- Mein Suchen kommt erst auf einen festen Grund, wenn ich
ein Objekt finde, bei dem ich den Sinn seines Daseins aus ihm selbst schöpfen
kann.
- Das bin ich aber selbst als Denkender, denn ich gebe
meinem Dasein den bestimmten, in sich beruhenden Inhalt der denkenden
Tätigkeit.
- Nun kann ich von da ausgehen und fragen: Existieren die
andern Dinge in dem gleichen oder in einem andern Sinne?
- Wenn man das Denken zum Objekt der Beobachtung macht,
fügt man zu dem übrigen beobachteten Weltinhalte etwas dazu, was sonst der
Aufmerksamkeit entgeht; man ändert aber nicht die Art, wie sich der Mensch auch
den andern Dingen gegenüber verhält.
- Man vermehrt die Zahl der Beobachtungsobjekte, aber nicht
die Methode des Beobachtens.
- Während wir die andern Dinge beobachten, mischt sich in
das Weltgeschehen — zu dem ich jetzt das Beobachten mitzähle — ein Prozeß, der
übersehen wird.
- Es ist etwas von allem andern Geschehen verschiedenes
vorhanden, das nicht mitberücksichtigt wird.
- Wenn ich aber mein Denken betrachte, so ist kein solches
unberücksichtigtes Element vorhanden.
- Denn was jetzt im Hintergrunde schwebt, ist selbst wieder
nur das Denken.
- Der beobachtete Gegenstand ist qualitativ derselbe wie
die Tätigkeit, die sich auf ihn richtet.
- Und das ist wieder eine charakteristische
Eigentümlichkeit des Denkens.
- Wenn wir es zum Betrachtungsobjekt machen, sehen wir uns
nicht gezwungen, dies mit Hilfe eines Qualitativ-Verschiedenen zu tun, sondern
wir können in demselben Element verbleiben.
- Wenn ich einen ohne mein Zutun gegebenen Gegenstand in
mein Denken einspinne, so gehe ich über meine Beobachtung hinaus, und es wird
sich darum handeln: was gibt mir ein Recht dazu?
- Warum lasse ich den Gegenstand nicht einfach auf mich
einwirken?
- Auf welche Weise ist es möglich, daß mein Denken einen
Bezug zu dem Gegenstande hat?
- Das sind Fragen, die sich jeder stellen muß, der über
seine eigenen Gedankenprozesse nachdenkt.
- Sie fallen weg, wenn man über das Denken selbst
nachdenkt.
- Wir fügen zu dem Denken nichts ihm Fremdes hinzu, haben
uns also auch über ein solches Hinzufügen nicht zu rechtfertigen.
- Schelling sagt:
Die Natur erkennen, heißt die Natur schaffen.
- — Wer diese Worte des kühnen Naturphilosophen wörtlich
nimmt, wird wohl zeitlebens auf alles Naturerkennen verzichten müssen.
- Denn die Natur ist einmal da, und um sie ein zweites Mal
zu schaffen, muß man die Prinzipien erkennen, nach denen sie entstanden ist.
- Für die Natur, die man erst schaffen wollte, müßte man
der bereits bestehenden die Bedingungen ihres Daseins abgucken.
- Dieses Abgucken, das dem Schaffen vorausgehen müßte, wäre
aber das Erkennen der Natur, und zwar auch dann, wenn nach erfolgtem Abgucken
das Schaffen ganz unterbliebe.
- Nur eine noch nicht vorhandene Natur könnte man schaffen,
ohne sie vorher zu erkennen.
- Was bei der Natur unmöglich ist: das Schaffen vor dem
Erkennen; beim Denken vollbringen wir es.
- Wollten wir mit dem Denken warten, bis wir es erkannt
haben, dann kämen wir nie dazu.
- Wir müssen resolut darauf losdenken, um hinterher mittels
der Beobachtung des Selbstgetanen zu seiner Erkenntnis zu kommen.
- Der Beobachtung des Denkens schaffen wir selbst erst ein
Objekt.
- Für das Vorhandensein aller anderen Objekte ist ohne
unser Zutun gesorgt worden.
- Leicht könnte jemand meinem Satze: wir müssen denken,
bevor wir das Denken betrachten können, den andern als gleichberechtigt
entgegenstellen: wir können auch mit dem Verdauen nicht warten, bis wir den
Vorgang des Verdauens beobachtet haben.
- Das wäre ein Einwand ähnlich dem, den Pascal dem
Cartesius machte, indem er behauptete, man könne auch sagen: ich gehe
spazieren, also bin ich.
- Ganz gewiß muß ich auch resolut verdauen, bevor ich den
physiologischen Prozeß der Verdauung studiert habe.
- Aber mit der Betrachtung des Denkens ließe sich das nur
vergleichen, wenn ich die Verdauung hinterher nicht denkend betrachten, sondern
essen und verdauen wollte.
- Das ist doch eben auch nicht ohne Grund, daß das Verdauen
zwar nicht Gegenstand des Verdauens, das Denken aber sehr wohl Gegenstand des
Denkens werden kann.
- Es ist also zweifellos: in dem Denken halten wir das
Weltgeschehen an einem Zipfel, wo wir dabei sein müssen, wenn etwas
zustandekommen soll.
- Und das ist doch gerade das, worauf es ankommt.
- Das ist gerade der Grund, warum mir die Dinge so
rätselhaft gegenüberstehen: daß ich an ihrem Zustandekommen so unbeteiligt bin.
- Ich finde sie einfach vor; beim Denken aber weiß ich, wie
es gemacht wird.
- Daher gibt es keinen ursprünglicheren Ausgangspunkt für
das Betrachten alles Weltgeschehens als das Denken.
- Ich möchte nun einen weitverbreiteten Irrtum noch
erwähnen, der in bezug auf das Denken herrscht.
- Er besteht darin, daß man sagt: das Denken, so wie es an
sich selbst ist, ist uns nirgends gegeben.
- Das Denken, das die Beobachtungen unserer Erfahrungen
verbindet und mit einem Netz von Begriffen durchspinnt, sei durchaus nicht
dasselbe, wie dasjenige, das wir hinterher wieder von den Gegenständen der
Beobachtung herausschälen und zum Gegenstande unserer Betrachtung machen.
- Was wir erst unbewußt in die Dinge hineinweben, sei ein
ganz anderes, als was wir dann mit Bewußtsein wieder herauslösen.
- Wer so schließt, der begreift nicht, daß es ihm auf diese
Art gar nicht möglich ist, dem Denken zu entschlüpfen.
- Ich kann aus dem Denken gar nicht herauskommen, wenn ich
das Denken betrachten will.
- Wenn man das vorbewußte Denken von dem nachher bewußten
Denken unterscheidet, so sollte man doch nicht vergessen, daß diese
Unterscheidung eine ganz äußerliche ist, die mit der Sache selbst gar nichts zu
tun hat.
- Ich mache eine Sache dadurch überhaupt nicht zu einer
andern, daß ich sie denkend betrachte.
- Ich kann mir denken, daß ein Wesen mit ganz anders
gearteten Sinnesorganen und mit einer anders funktionierenden Intelligenz von
einem Pferde eine ganz andere Vorstellung habe als ich, aber ich kann mir nicht
denken, daß mein eigenes Denken dadurch ein anderes wird, daß ich es beobachte.
- Ich beobachte selbst, was ich selbst vollbringe.
- Wie mein Denken sich für eine andere Intelligenz ausnimmt
als die meine, davon ist jetzt nicht die Rede; sondern davon, wie es sich für
mich ausnimmt.
- Jedenfalls aber kann das Bild meines Denkens in einer andern Intelligenz nicht ein wahreres sein
als mein eigenes.
- Nur wenn ich nicht selbst das denkende Wesen wäre,
sondern das Denken mir als Tätigkeit eines mir fremdartigen Wesens
gegenüberträte, könnte ich davon sprechen, daß mein Bild des Denkens zwar auf
eine bestimmte Weise auftrete; wie das Denken des Wesens aber an sich selber
sei, das könne ich nicht wissen.
- Mein eigenes Denken von einem anderen Standpunkte aus
anzusehen, liegt aber vorläufig für mich nicht die geringste Veranlassung vor.
- Ich betrachte ja die ganze übrige Welt mit Hilfe des
Denkens.
- Wie sollte ich bei meinem Denken hiervon eine Ausnahme
machen?
- Damit betrachte ich für genügend gerechtfertigt, wenn ich
in meiner Weltbetrachtung von dem Denken ausgehe.
- Als Archimedes den Hebel erfunden hatte, da glaubte er
mit seiner Hilfe den ganzen Kosmos aus den Angeln heben zu können, wenn er nur
einen Punkt fände, wo er sein Instrument aufstützen könnte.
- Er brauchte etwas, was durch sich selbst, nicht durch
anderes getragen wird.
- Im Denken haben wir ein Prinzip, das durch sich selbst
besteht.
- Von hier aus sei es versucht, die Welt zu begreifen.
- Das Denken können wir durch es selbst erfassen.
- Die Frage ist nur, ob wir durch dasselbe auch noch etwas
anderes ergreifen können.
- Ich habe bisher von dem Denken gesprochen, ohne auf
seinen Träger, das menschliche Bewußtsein, Rücksicht zu nehmen.
- Die meisten Philosophen der Gegenwart werden mir
einwenden: bevor es ein Denken gibt, muß es ein Bewußtsein geben.
- Deshalb sei vom Bewußtsein und nicht vom Denken
auszugehen.
- Es gebe kein Denken ohne Bewußtsein.
- Ich muß dem gegenüber erwidern: Wenn ich darüber
Aufklärung haben will, welches Verhältnis zwischen Denken und Bewußtsein
besteht, so muß ich darüber nachdenken.
- Ich setze das Denken damit voraus.
- Nun kann man darauf allerdings antworten: Wenn der
Philosoph das Bewußtsein begreifen will,
dann bedient er sich des Denkens; er setzt es insoferne voraus; im gewöhnlichen
Verlaufe des Lebens aber entsteht das Denken innerhalb des Bewußtseins und
setzt also dieses voraus.
- Wenn diese Antwort dem Weltschöpfer gegeben würde, der
das Denken schaffen will, so wäre sie ohne Zweifel berechtigt.
- Man kann natürlich das Denken nicht entstehen lassen,
ohne vorher das Bewußtsein zustande zu bringen.
- Dem Philosophen aber handelt es sich nicht um die
Weltschöpfung, sondern um das Begreifen derselben.
- Er hat daher auch nicht die Ausgangspunkte für das
Schaffen, sondern für das Begreifen der Welt zu suchen.
- Ich finde es ganz sonderbar, wenn man dem Philosophen
vorwirft, daß er sich vor allen andern Dingen um die Richtigkeit seiner
Prinzipien, nicht aber sogleich um die Gegenstände bekümmert, die er begreifen
will.
- Der Weltschöpfer mußte vor allem wissen, wie er einen
Träger für das Denken findet, der Philosoph aber muß nach einer sichern
Grundlage suchen, von der aus er das Vorhandene begreifen kann.
- Was frommt es uns, wenn wir vom Bewußtsein ausgehen und
es der denkenden Betrachtung unterwerfen, wenn wir vorher über die Möglichkeit,
durch denkende Betrachtung Aufschluß
über die Dinge zu bekommen, nichts wissen?
- Wir müssen erst das Denken ganz neutral, ohne Beziehung
auf ein denkendes Subjekt oder ein gedachtes Objekt betrachten.
- Denn in Subjekt und Objekt haben wir bereits Begriffe,
die durch das Denken gebildet sind.
- Es ist nicht zu leugnen: Ehe anderes begriffen werden kann, muß es das Denken werden.
- Wer es leugnet, der übersieht, daß er als Mensch nicht
ein Anfangsglied der Schöpfung, sondern deren Endglied ist.
- Man kann deswegen behufs Erklärung der Welt durch
Begriffe nicht von den zeitlich ersten Elementen des Daseins ausgehen, sondern
von dem, was uns als das Nächste, als das Intimste gegeben ist.
- Wir können uns nicht mit einem Sprunge an den Anfang der
Welt versetzen, um da unsere Betrachtung anzufangen, sondern wir müssen von dem
gegenwärtigen Augenblick ausgehen und sehen, ob wir von dem Späteren zu dem
Früheren aufsteigen können.
- Solange die Geologie von erdichteten Revolutionen
gesprochen hat, um den gegenwärtigen Zustand der Erde zu erklären, solange
tappte sie in der Finsternis.
- Erst als sie ihren Anfang damit machte, zu untersuchen,
welche Vorgänge gegenwärtig noch auf der Erde sich abspielen und von diesen
zurückschloß auf das Vergangene, hatte sie einen sicheren Boden gewonnen.
- Solange die Philosophie alle möglichen Prinzipien
annehmen wird, wie Atom, Bewegung, Materie, Wille, Unbewußtes, wird sie in der
Luft schweben.
- Erst wenn der Philosoph das absolut Letzte als sein
Erstes ansehen wird, kann er zum Ziele kommen.
- Dieses absolut Letzte, zu dem es die Weltentwickelung
gebracht hat, ist aber das Denken.
- Es gibt Leute, die sagen: ob unser Denken an sich richtig
sei oder nicht, können wir aber doch nicht mit Sicherheit feststellen.
- Insoferne bleibt also der Ausgangspunkt jedenfalls ein
zweifelhafter.
- Das ist gerade so vernünftig gesprochen, wie wenn man
Zweifel hegt, ob ein Baum an sich richtig sei oder nicht.
- Das Denken ist eine Tatsache; und über die Richtigkeit
oder Falschheit einer solchen zu sprechen, ist sinnlos.
- Ich kann höchstens darüber Zweifel haben, ob das Denken
richtig verwendet wird, wie ich zweifeln kann, ob ein gewisser Baum ein
entsprechendes Holz zu einem zweckmäßigen Gerät gibt.
- Zu zeigen, inwieferne die Anwendung des Denkens auf die
Welt eine richtige oder falsche ist, wird gerade Aufgabe dieser Schrift sein.
- Ich kann es verstehen, wenn jemand Zweifel hegt, daß
durch das Denken über die Welt etwas ausgemacht werden kann; das aber ist mir
unbegreiflich, wie jemand die Richtigkeit des Denkens an sich anzweifeln kann.
-
- Zusatz zur
Neuausgabe 1918
- In den vorangehenden Ausführungen wird auf den
bedeutungsvollen Unterschied zwischen dem Denken und allen andern
Seelentätigkeiten hingewiesen als auf eine Tatsache, die sich einer wirklich
unbefangenen Beobachtung ergibt.
- Wer diese unbefangene Beobachtung nicht anstrebt, der
wird gegen diese Ausführungen versucht sein, Einwendungen zu machen wie diese:
wenn ich über eine Rose denke, so ist damit doch auch nur ein Verhältnis meines
«Ich» zur Rose ausgedrückt, wie wenn ich die Schönheit der Rose fühle.
- Es bestehe geradeso ein Verhältnis zwischen «Ich» und
Gegenstand beim Denken, wie zum Beispiel beim Fühlen oder Wahrnehmen.
- Wer diesen Einwand macht, der zieht nicht in Erwägung,
daß nur in der Betätigung des Denkens
das «Ich» bis in alle Verzweigungen der Tätigkeit sich mit dem Tätigen als ein Wesen weiß.
- Bei keiner andern Seelentätigkeit ist dies restlos der
Fall.
- Wenn zum Beispiel eine Lust gefühlt wird, kann eine
feinere Beobachtung sehr wohl unterscheiden, inwieferne das
- «Ich» sich mit einem Tätigen eins weiß und inwiefern in
ihm ein Passives vorhanden ist, so daß die Lust für das «Ich» bloß auftritt.
- Und so ist es auch bei den andern Seelenbetätigungen.
- Man sollte nur nicht verwechseln: «Gedankenbilder haben»
und Gedanken durch das Denken verarbeiten.
- Gedankenbilder können traumhaft, wie vage Eingebungen in
der Seele auftreten.
- Ein Denken ist
dieses nicht.
- — Allerdings könnte nun jemand sagen: wenn das Denken so
gemeint ist, steckt das Wollen in dem Denken drinnen, und man habe es dann
nicht bloß mit dem Denken, sondern auch mit dem Wollen des Denkens zu tun.
- Doch würde dies nur berechtigen zu sagen: das wirkliche
Denken muß immer gewollt sein.
- Nur hat dies mit der Kennzeichnung des Denkens, wie sie
in diesen Ausführungen gemacht ist, nichts zu schaffen.
- Mag es das Wesen des Denkens immerhin notwendig machen,
daß dieses gewollt wird: es kommt
darauf an, daß nichts gewollt wird, was, indem es sich vollzieht, vor dem «Ich»
nicht restlos als seine eigene, von ihm überschaubare Tätigkeit erscheint.
- Man muß sogar sagen, wegen
der hier geltend gemachten Wesenheit des Denkens erscheint dieses dem
Beobachter als durch und durch gewollt.
- Wer alles, was für die Beurteilung des Denkens in
Betracht kommt, wirklich zu durchschauen sich bemüht, der wird nicht umhin
können, zu bemerken, daß dieser Seelenbetätigung die Eigenheit zukommt, von der
hier gesprochen ist.
- Von einer Persönlichkeit, welche der Verfasser dieses
Buches als Denker sehr hochschätzt, ist ihm eingewendet worden, daß so, wie es
hier geschieht, nicht über das Denken gesprochen werden könne, weil es nur ein
Schein sei, was man als tätiges Denken zu beobachten glaube.
- In Wirklichkeit beobachte man nur die Ergebnisse einer
nicht bewußten Tätigkeit, die dem Denken zugrunde liegt.
- Nur weil diese nicht bewußte Tätigkeit eben nicht
beobachtet werde, entstehe die Täuschung, es bestehe das beobachtete Denken
durch sich selbst, wie wenn man bei rasch aufeinanderfolgender Beleuchtung durch
elektrische Funken eine Bewegung zu sehen glaubt.
- Auch dieser Einwand beruht nur auf einer ungenauen
Anschauung der Sachlage.
- Wer ihn macht, berücksichtigt nicht, daß es das «Ich»
selbst ist, das im Denken drinnen
stehend seine Tätigkeit beobachtet.
- Es müßte das «Ich» außer dem Denken stehen, wenn es so
getäuscht werden könnte, wie bei rasch aufeinanderfolgender Beleuchtung durch
elektrische Funken.
- Man könnte vielmehr sagen: wer einen solchen Vergleich
macht, der täuscht sich gewaltsam etwa wie jemand, der von einem in Bewegung
begriffenen Licht durchaus sagen wollte: es wird an jedem Orte, an dem es
erscheint, von unbekannter Hand neu angezündet.
- — Nein, wer in dem Denken etwas anderes sehen will als
das im «Ich» selbst als überschaubare Tätigkeit Hervorgebrachte, der muß sich
erst für den einfachen, der Beobachtung vorliegenden Tatbestand blind machen,
um dann eine hypothetische Tätigkeit dem Denken zugrunde legen zu können.
- Wer sich nicht so blind macht, der muß erkennen, daß
alles, was er in dieser Art zu dem Denken «hinzudenkt», aus dem Wesen des
Denkens herausführt.
- Die unbefangene Beobachtung ergibt, daß nichts zum Wesen
des Denkens gerechnet werden kann, was nicht im Denken selbst gefunden wird.
- Man kann nicht zu etwas kommen, was das Denken bewirkt, wenn man den Bereich des
Denkens verläßt.
-
- Kapitel
4 - Die Welt als Wahrnehmung
- Durch das Denken entstehen Begriffe und Ideen.
- Was ein Begriff ist, kann nicht mit Worten gesagt werden.
- Worte können nur den Menschen darauf aufmerksam machen,
daß er Begriffe habe.
- Wenn jemand einen Baum sieht, so reagiert sein Denken auf
seine Beobachtung; zu dem Gegenstande tritt ein ideelles Gegenstück hinzu, und
er betrachtet den Gegenstand und das ideelle Gegenstück als zusammengehörig.
- Wenn der Gegenstand aus seinem Beobachtungsfelde
verschwindet, so bleibt nur das ideelle Gegenstück davon zurück.
- Das letztere ist der Begriff des Gegenstandes.
- Je mehr sich unsere Erfahrung erweitert, desto größer wird
die Summe unserer Begriffe.
- Die Begriffe stehen aber durchaus nicht vereinzelt da.
- Sie schließen sich zu einem gesetzmäßigen Ganzen
zusammen.
- Der Begriff «Organismus» schließt sich zum Beispiel an
die andern: «gesetzmäßige Entwickelung, Wachstum» an.
- Andere an Einzeldingen gebildete Begriffe fallen völlig
in eins zusammen.
- Alle Begriffe, die ich mir von Löwen bilde, fallen in den
Gesamtbegriff «Löwe» zusammen.
- Auf diese Weise verbinden sich die einzelnen Begriffe zu
einem geschlossenen Begriffssystem, in dem jeder seine besondere Stelle hat.
- Ideen sind qualitativ von Begriffen nicht verschieden.
- Sie sind nur inhaltsvollere, gesättigtere und
umfangreichere Begriffe.
- Ich muß einen besonderen Wert darauf legen, daß hier an
dieser Stelle beachtet werde, daß ich als meinen Ausgangspunkt das Denken bezeichnet habe und nicht Begriffe und Ideen, die erst durch das Denken gewonnen werden.
- Diese setzen das Denken bereits voraus.
- Es kann daher, was ich in bezug auf die in sich selbst
ruhende, durch nichts bestimmte Natur des Denkens gesagt habe, nicht einfach
auf die Begriffe übertragen werden.
- (Ich bemerke das hier ausdrücklich, weil hier meine
Differenz mit Hegel liegt.
- Dieser setzt den Begriff als Erstes und Ursprüngliches.)
- Der Begriff kann nicht aus der Beobachtung gewonnen
werden.
- Das geht schon aus dem Umstande hervor, daß der
heranwachsende Mensch sich langsam und allmählich erst die Begriffe zu den
Gegenständen bildet, die ihn umgeben.
- Die Begriffe werden zu der Beobachtung hinzugefügt.
- Ein vielgelesener Philosoph der Gegenwart (Herbert Spencer) schildert den geistigen
Prozeß, den wir gegenüber der Beobachtung vollziehen, folgendermaßen:
- «Wenn wir an einem Septembertag durch die Felder
wandelnd, wenige Schritte vor uns ein Geräusch hören und an der Seite des
Grabens, von dem es herzukommen schien, das Gras in Bewegung sehen, so werden
wir wahrscheinlich auf die Stelle losgehen, um zu erfahren, was das Geräusch
und die Bewegung hervorbrachte.
- Bei unserer Annäherung flattert ein Rebhuhn in den
Graben, und damit ist unsere Neugierde befriedigt: wir haben, was wir eine
Erklärung der Erscheinungen nennen.
- Diese Erklärung läuft, wohlgemerkt, auf folgendes hinaus:
weil wir im Leben unendlich oft erfahren haben, daß eine Störung der ruhigen
Lage kleiner Körper die Bewegung anderer zwischen ihnen befindlicher Körper
begleitet, und weil wir deshalb die Beziehungen zwischen solchen Störungen und
solchen Bewegungen verallgemeinert haben, so halten wir diese besondere Störung
für erklärt, sobald wir finden, daß sie ein Beispiel eben dieser Beziehung
darbietet.»
- Genauer besehen
stellt sich die Sache ganz anders dar, als sie hier beschrieben ist.
- Wenn ich ein Geräusch höre, so suche ich zunächst den
Begriff für diese Beobachtung.
- Dieser Begriff erst weist mich über das Geräusch hinaus.
- Wer nicht weiter nachdenkt, der hört eben das Geräusch
und gibt sich damit zufrieden.
- Durch mein Nachdenken aber ist mir klar, daß ich ein
Geräusch als Wirkung aufzufassen habe.
- Also erst wenn ich den Begriff der Wirkung mit der Wahrnehmung des Geräusches verbinde, werde ich
veranlaßt, über die Einzelbeobachtung hinauszugehen und nach der Ursache zu suchen.
- Der Begriff der Wirkung ruft den der Ursache hervor, und
ich suche dann nach dem verursachenden Gegenstande, den ich in der Gestalt des
Rebhuhns finde.
- Diese Begriffe, Ursache und Wirkung, kann ich aber
niemals durch bloße Beobachtung, und erstrecke sie sich auf noch so viele
Fälle, gewinnen.
- Die Beobachtung fordert das Denken heraus, und erst
dieses ist es, das mir den Weg weist, das einzelne Erlebnis an ein anderes
anzuschließen.
- Wenn man von einer «streng objektiven Wissenschaft»
fordert, daß sie ihren Inhalt nur der Beobachtung entnehme, so muß man zugleich
fordern, daß sie auf alles Denken verzichte.
- Denn dieses geht seiner Natur nach über das Beobachtete
hinaus.
- Nun ist es am Platze, von dem Denken auf das denkende
Wesen überzugehen.
- Denn durch dieses wird das Denken mit der Beobachtung
verbunden.
- Das menschliche Bewußtsein ist der Schauplatz, wo Begriff
und Beobachtung einander begegnen und wo sie miteinander verknüpft werden.
- Dadurch ist aber dieses (menschliche) Bewußtsein zugleich
charakterisiert.
- Es ist der Vermittler zwischen Denken und Beobachtung.
- Insoferne der Mensch einen Gegenstand beobachtet,
erscheint ihm dieser als gegeben, insoferne er denkt, erscheint er sich selbst
als tätig.
- Er betrachtet den Gegenstand als Objekt, sich selbst als das denkende Subjekt.
- Weil er sein Denken auf die Beobachtung richtet, hat er
Bewußtsein von den Objekten; weil er sein Denken auf sich richtet, hat er
Bewußtsein seiner selbst oder Selbstbewußtsein.
- Das menschliche Bewußtsein muß notwendig zugleich
Selbstbewußtsein sein, weil es denkendes Bewußtsein
ist.
- Denn wenn das Denken den Blick auf seine eigene Tätigkeit
richtet, dann hat es seine ureigene Wesenheit, also sein Subjekt, als Objekt
zum Gegenstande.
- Nun darf aber nicht übersehen werden, daß wir uns nur mit
Hilfe des Denkens als Subjekt bestimmen und uns den Objekten entgegensetzen
können.
- Deshalb darf das Denken niemals als eine bloß subjektive
Tätigkeit aufgefaßt werden.
- Das Denken ist jenseits
von Subjekt und Objekt.
- Es bildet diese beiden Begriffe ebenso wie alle anderen.
- Wenn wir als denkendes Subjekt also den Begriff auf ein
Objekt beziehen, so dürfen wir diese Beziehung nicht als etwas bloß Subjektives
auffassen.
- Nicht das Subjekt ist es, welches die Beziehung
herbeiführt, sondern das Denken.
- Das Subjekt denkt nicht deshalb, weil es Subjekt ist;
sondern es erscheint sich als ein Subjekt, weil es zu denken vermag.
- Die Tätigkeit, die der Mensch als denkendes Wesen ausübt, ist also keine bloß subjektive, sondern
eine solche, die weder subjektiv noch objektiv ist, eine über diese beiden
Begriffe hinausgehende.
- Ich darf niemals sagen, daß mein individuelles Subjekt
denkt; dieses lebt vielmehr selbst von des Denkens Gnaden.
- Das Denken ist somit ein Element, das mich über mein
Selbst hinausführt und mit den Objekten verbindet.
- Aber es trennt mich zugleich von ihnen, indem es mich
ihnen als Subjekt gegenüberstellt.
- Darauf beruht die Doppelnatur des Menschen: er denkt und
umschließt damit sich selbst und die übrige Welt; aber er muß sich mittels des
Denkens zugleich als ein den Dingen gegenüberstehendes Individuum bestimmen.
- Das nächste wird nun sein, uns zu fragen: Wie kommt das
andere Element, das wir bisher bloß als Beobachtungsobjekt bezeichnet haben,
und das sich mit dem Denken im Bewußtsein begegnet, in das letztere?
- Wir müssen, um diese Frage zu beantworten, aus unserem
Beobachtungsfelde alles aussondern, was durch das Denken bereits in dasselbe
hineingetragen worden ist.
- Denn unser jeweiliger Bewußtseinsinhalt ist immer schon
mit Begriffen in der mannigfachsten Weise durchsetzt.
- Wir müssen uns vorstellen, daß ein Wesen mit vollkommen
entwickelter menschlicher Intelligenz aus dem Nichts entstehe und der Welt
gegenübertrete.
- Was es da gewahr würde, bevor es das Denken in Tätigkeit
bringt, das ist der reine Beobachtungsinhalt.
- Die Welt zeigte dann diesem Wesen nur das bloße
zusammenhanglose Aggregat von Empfindungsobjekten:
Farben, Töne, Druck-, Wärme-, Geschmacks- und Geruchsempfindungen; dann Lust
und Unlustgefühle.
- Dieses Aggregat ist der Inhalt der reinen, gedankenlosen
Beobachtung.
- Ihm gegenüber steht das Denken, das bereit ist, seine
Tätigkeit zu entfalten, wenn sich ein Angriffspunkt dazu findet.
- Die Erfahrung lehrt bald, daß er sich findet.
- Das Denken ist imstande, Fäden zu ziehen von einem
Beobachtungselement zum andern.
- Es verknüpft mit diesen Elementen bestimmte Begriffe und
bringt sie dadurch in ein Verhältnis.
- Wir haben oben bereits gesehen, wie ein uns begegnendes
Geräusch mit einer anderen Beobachtung dadurch verbunden wird, daß wir das erstere
als Wirkung der letzteren bezeichnen.
- Wenn wir uns nun daran erinnern, daß die Tätigkeit des
Denkens durchaus nicht als eine subjektive aufzufassen ist, so werden wir auch
nicht versucht sein zu glauben, daß solche Beziehungen, die durch das Denken
hergestellt sind, bloß eine subjektive Geltung haben.
- Es wird sich jetzt darum handeln, durch denkende
Überlegung die Beziehung zu suchen, die der oben angegebene unmittelbar
gegebene Beobachtungsinhalt zu unserem bewußten Subjekt hat.
- Bei dem Schwanken des Sprachgebrauches erscheint es mir
geboten, daß ich mich mit meinem Leser über den Gebrauch eines Wortes
verständige, das ich im folgenden anwenden muß.
- Ich werde die unmittelbaren Empfindungsobjekte, die ich
oben genannt habe, insoferne das bewußte Subjekt von ihnen durch Beobachtung
Kenntnis nimmt, Wahrnehmungen nennen.
- Also nicht den Vorgang der Beobachtung, sondern das Objekt dieser Beobachtung bezeichne ich
mit diesem Namen.
- Ich wähle den Ausdruck Empfindung nicht, weil dieser in der Physiologie eine bestimmte
Bedeutung hat, die enger ist als die meines Begriffes von Wahrnehmung.
- Ein Gefühl in mir selbst kann ich wohl als Wahrnehmung,
nicht aber als Empfindung im physiologischen Sinne bezeichnen.
- Auch von meinem Gefühle erhalte ich dadurch Kenntnis, daß
es Wahrnehmung für mich wird.
- Und die Art, wie wir durch Beobachtung Kenntnis von
unserem Denken erhalten, ist eine solche, daß wir auch das Denken in seinem
ersten Auftreten für unser Bewußtsein Wahrnehmung nennen können.
- Der naive Mensch betrachtet seine Wahrnehmungen in dem
Sinne, wie sie ihm unmittelbar erscheinen, als Dinge, die ein von ihm ganz
unabhängiges Dasein haben.
- Wenn er einen Baum sieht, so glaubt er zunächst, daß
dieser in der Gestalt, die er sieht, mit den Farben, die seine Teile haben
usw., dort an dem Orte stehe, wohin der Blick gerichtet ist.
- Wenn derselbe Mensch morgens die Sonne als eine Scheibe
am Horizonte erscheinen sieht und den Lauf dieser Scheibe verfolgt, so ist er
der Meinung, daß das alles in dieser Weise (an sich) bestehe und vorgehe, wie
er es beobachtet.
- Er hält so lange an diesem Glauben fest, bis er anderen
Wahrnehmungen begegnet, die jenen widersprechen.
- Das Kind, das noch keine Erfahrungen über Entfernungen
hat, greift nach dem Monde und stellt das, was es nach dem ersten Augenschein
für wirklich gehalten hat, erst richtig, wenn eine zweite Wahrnehmung sich mit
der ersten im Widerspruch befindet.
- Jede Erweiterung des Kreises meiner Wahrnehmungen nötigt
mich, mein Bild der Welt zu berichtigen.
- Das zeigt sich im täglichen Leben ebenso wie in der
Geistesentwickelung der Menschheit.
- Das Bild, das sich die Alten von der Beziehung der Erde
zu der Sonne und den andern Himmelskörpern machten, mußte von Kopernikus durch
ein anderes ersetzt werden, weil es mit Wahrnehmungen, die früher unbekannt
waren, nicht zusammenstimmte.
- Als Dr. Franz einen Blindgeborenen operierte, sagte
dieser, daß er sich vor seiner Operation durch die Wahrnehmungen seines
Tastsinnes ein ganz anderes Bild von der Größe der Gegenstände gemacht habe.
- Er mußte seine Tastwahrnehmungen durch seine
Gesichtswahrnehmungen berichtigen.
- Woher kommt es, daß wir zu solchen fortwährenden
Richtigstellungen unserer Beobachtungen gezwungen sind?
- Eine einfache Überlegung bringt die Antwort auf diese
Frage.
- Wenn ich an dem einen Ende einer Allee stehe, so
erscheinen mir die Bäume an dem andern, von mir entfernten Ende kleiner und
näher aneinandergerückt als da, wo ich stehe.
- Mein Wahrnehmungsbild wird ein anderes, wenn ich den Ort
ändere, von dem aus ich meine Beobachtungen mache.
- Es ist also in der Gestalt, in der es an mich herantritt,
abhängig von einer Bestimmung, die nicht an dem Objekte hängt, sondern die mir,
dem Wahrnehmenden, zukommt.
- Es ist für eine Allee ganz gleichgültig, wo ich stehe.
- Das Bild aber, das ich von ihr erhalte, ist wesentlich
davon abhängig.
- Ebenso ist es für die Sonne und das Planetensystem
gleichgültig, daß die Menschen sie gerade von der Erde aus ansehen.
- Das Wahrnehmungsbild aber, das sich diesen darbietet, ist
durch diesen ihren Wohnsitz bestimmt.
- Diese Abhängigkeit des Wahrnehmungsbildes von unserem
Beobachtungsorte ist diejenige, die am leichtesten zu durchschauen ist.
- Schwieriger wird die Sache schon, wenn wir die
Abhängigkeit unserer Wahrnehmungswelt von unserer leiblichen und geistigen
Organisation kennen lernen.
- Der Physiker zeigt uns, daß innerhalb des Raumes, in dem
wir einen Schall hören, Schwingungen der Luft stattfinden, und daß auch der
Körper, in dem wir den Ursprung des Schalles suchen, eine schwingende Bewegung
seiner Teile aufweist.
- Wir nehmen diese Bewegung nur als Schall wahr, wenn wir
ein normal organisiertes Ohr haben.
- Ohne ein solches bliebe uns die ganze Welt ewig stumm.
- Die Physiologie belehrt uns darüber, daß es Menschen
gibt, die nichts wahrnehmen von der herrlichen Farbenpracht, die uns umgibt.
- Ihr Wahrnehmungsbild weist nur Nuancen von Hell und
Dunkel auf.
- Andere nehmen nur eine bestimmte Farbe, zum Beispiel das
Rot, nicht wahr.
- Ihrem Weltbilde fehlt dieser Farbenton, und es ist daher tatsächlich
ein anderes als das eines Durchschnittsmenschen.
- Ich möchte die Abhängigkeit meines Wahrnehmungsbildes von
meinem Beobachtungsorte eine mathematische, die von meiner Organisation eine
qualitative nennen.
- Durch jene werden die Größenverhältnisse und
gegenseitigen Entfernungen meiner Wahrnehmungen bestimmt, durch diese die
Qualität derselben.
- Daß ich eine rote Fläche rot sehe — diese qualitative
Bestimmung — hängt von der Organisation meines Auges ab.
- Meine Wahrnehmungsbilder sind also zunächst subjektiv.
- Die Erkenntnis von dem subjektiven Charakter unserer
Wahrnehmungen kann leicht zu Zweifeln darüber führen, ob überhaupt etwas
Objektives denselben zum Grunde liegt.
- Wenn wir wissen, daß eine Wahrnehmung, zum Beispiel die
der roten Farbe, oder eines bestimmten Tones nicht möglich ist ohne eine
bestimmte Einrichtung unseres Organismus, so kann man zu dem Glauben kommen,
daß dieselbe, abgesehen von unserem subjektiven Organismus, keinen Bestand
habe, daß sie ohne den Akt des Wahrnehmens, dessen Objekt sie ist, keine Art
des Daseins hat.
- Diese Ansicht hat in George
Berkeley einen klassischen Vertreter gefunden, der der Meinung war, daß der
Mensch von dem Augenblicke an, wo er sich der Bedeutung des Subjekts für die
Wahrnehmung bewußt geworden ist, nicht mehr an eine ohne den bewußten Geist
vorhandene Welt glauben könne.
- Er sagt: «Einige Wahrheiten liegen so nahe und sind so
einleuchtend, daß man nur die Augen zu öffnen braucht, um sie zu sehen.
- Für eine solche halte ich den wichtigen Satz, daß der
ganze Chor am Himmel und alles, was zur Erde gehört, mit einem Worte alle die
Körper, die den gewaltigen Bau der Welt zusammensetzen, keine Subsistenz
außerhalb des Geistes haben, daß ihr Sein in ihrem Wahrgenommen- oder
Erkanntwerden besteht, daß sie folglich, solange sie nicht wirklich von mir
wahrgenommen werden oder in meinem Bewußtsein oder dem eines anderen
geschaffenen Geistes existieren, entweder überhaupt keine Existenz haben oder
in dem Bewußtsein eines ewigen Geistes existieren.»
- Für diese Ansicht bleibt von der Wahrnehmung nichts mehr
übrig, wenn man von dem Wahrgenommenwerden absieht.
- Es gibt keine Farbe, wenn keine gesehen, keinen Ton, wenn
keiner gehört wird.
- Ebensowenig wie Farbe und Ton existieren Ausdehnung,
Gestalt und Bewegung außerhalb des Wahrnehmungsaktes.
- Wir sehen nirgends bloße Ausdehnung oder Gestalt, sondern
diese immer mit Farbe oder andern unbestreitbar von unserer Subjektivität
abhängigen Eigenschaften verknüpft.
- Wenn die letzteren mit unserer Wahrnehmung verschwinden,
so muß das auch bei den ersteren der Fall sein, die an sie gebunden sind.
- Dem Einwand, daß, wenn auch Figur, Farbe, Ton usw. keine
andere Existenz als die innerhalb des Wahrnehmungsaktes haben, es doch Dinge
geben müsse, die ohne das Bewußtsein da sind und denen die bewußten
Wahrnehmungsbilder ähnlich seien, begegnet die geschilderte Ansicht damit, daß
sie sagt: eine Farbe kann nur ähnlich einer Farbe, eine Figur ähnlich einer
Figur sein.
- Unsere Wahrnehmungen können nur unseren Wahrnehmungen,
aber keinerlei anderen Dingen ähnlich sein.
- Auch was wir einen Gegenstand nennen, ist nichts anderes
als eine Gruppe von Wahrnehmungen, die in einer bestimmten Weise verbunden
sind.
- Nehme ich von einem Tische Gestalt, Ausdehnung, Farbe
usw., kurz alles, was nur meine Wahrnehmung ist, weg, so bleibt nichts mehr
übrig.
- Diese Ansicht führt, konsequent verfolgt, zu der
Behauptung: Die Objekte meiner Wahrnehmungen sind nur durch mich vorhanden, und
zwar nur insoferne und solange ich sie wahrnehme; sie verschwinden mit dem
Wahrnehmen und haben keinen Sinn ohne dieses.
- Außer meinen Wahrnehmungen weiß ich aber von keinen
Gegenständen und kann von keinen wissen.
- Gegen diese Behauptung ist so lange nichts einzuwenden,
als ich bloß im allgemeinen den Umstand in Betracht ziehe, daß die Wahrnehmung
von der Organisation meines Subjektes mitbestimmt wird.
- Wesentlich anders stellte sich die Sache aber, wenn wir
imstande wären, anzugeben, welches die Funktion unseres Wahrnehmens beim
Zustandekommen einer Wahrnehmung ist.
- Wir wüßten dann, was an der Wahrnehmung während des
Wahrnehmens geschieht, und könnten auch bestimmen, was an ihr schon sein muß,
bevor sie wahrgenommen wird.
- Damit wird unsere Betrachtung von dem Objekt der
Wahrnehmung auf das Subjekt derselben abgeleitet.
- Ich nehme nicht nur andere Dinge wahr, sondern ich nehme
mich selbst wahr.
- Die Wahrnehmung meiner selbst hat zunächst den Inhalt,
daß ich das Bleibende bin gegenüber den immer kommenden und gehenden
Wahrnehmungsbildern.
- Die Wahrnehmung des Ich kann in meinem Bewußtsein stets
auftreten, während ich andere Wahrnehmungen habe.
- Wenn ich in die Wahrnehmung eines gegebenen Gegenstandes
vertieft bin, so habe ich vorläufig nur von diesem ein Bewußtsein.
- Dazu kann dann die Wahrnehmung meines Selbst treten.
- Ich bin mir nunmehr nicht bloß des Gegenstandes bewußt,
sondern auch meiner Persönlichkeit, die dem Gegenstand gegenüber steht und ihn
beobachtet.
- Ich sehe nicht bloß einen Baum, sondern ich weiß auch,
daß ich es bin, der ihn sieht.
- Ich erkenne auch, daß in mir etwas vorgeht, während ich
den Baum beobachte.
- Wenn der Baum aus meinem Gesichtskreise verschwindet,
bleibt für mein Bewußtsein ein Rückstand von diesem Vorgange: ein Bild des
Baumes.
- Dieses Bild hat sich während meiner Beobachtung mit
meinem Selbst verbunden.
- Mein Selbst hat sich bereichert; sein Inhalt hat ein
neues Element in sich aufgenommen.
- Dieses Element nenne ich meine Vorstellung von dem Baume.
- Ich käme nie in die Lage, von Vorstellungen zu sprechen, wenn ich diese nicht in der Wahrnehmung
meines Selbst erlebte.
- Wahrnehmungen würden kommen und gehen; ich ließe sie
vorüberziehen.
- Nur dadurch, daß ich mein Selbst wahrnehme und merke, daß
mit jeder Wahrnehmung sich auch dessen Inhalt
ändert, sehe ich mich gezwungen, die Beobachtung des Gegenstandes mit meiner
eigenen Zustandsveränderung in Zusammenhang zu bringen und von meiner
Vorstellung zu sprechen.
- Die Vorstellung nehme ich an meinem Selbst wahr, in dem
Sinne, wie Farbe, Ton usw. an andern Gegenständen.
- Ich kann jetzt auch den Unterschied machen, daß ich diese
andern Gegenstände, die sich mir gegenüberstellen, Außenwelt nenne, während ich den Inhalt meiner Selbstwahrnehmung
als Innenwelt bezeichne.
- Die Verkennung des Verhältnisses von Vorstellung und
Gegenstand hat die größten Mißverständnisse in der neueren Philosophie
herbeigeführt.
- Die Wahrnehmung einer Veränderung in uns, die
Modifikation, die mein Selbst erfährt, wurde in den Vordergrund gedrängt und
das diese Modifikation veranlassende Objekt ganz aus dem Auge verloren.
- Man hat gesagt: wir nehmen nicht die Gegenstände wahr,
sondern nur unsere Vorstellungen.
- Ich soll nichts wissen von dem Tische an sich, der
Gegenstand meiner Beobachtung ist, sondern nur von der Veränderung, die mit mir
selbst vorgeht, während ich den Tisch wahrnehme.
- Diese Anschauung darf nicht mit der vorhin erwähnten
Berkeleyschen verwechselt werden.
- Berkeley behauptet die subjektive Natur meines
Wahrnehmungsinhaltes, aber er sagt nicht, daß ich nur von meinen Vorstellungen
wissen kann.
- Er schränkt mein Wissen auf meine Vorstellungen ein, weil
er der Meinung ist, daß es keine Gegenstände außerhalb des Vorstellens gibt.
- Was ich als Tisch ansehe, das ist im Sinne Berkeleys
nicht mehr vorhanden, sobald ich meinen Blick nicht mehr darauf richte.
- Deshalb läßt Berkeley meine Wahrnehmungen unmittelbar
durch die Macht Gottes entstehen.
- Ich sehe einen Tisch, weil Gott diese Wahrnehmung in mir
hervorruft.
- Berkeley kennt daher keine anderen realen Wesen als Gott
und die menschlichen Geister.
- Was wir Welt nennen, ist nur innerhalb der Geister
vorhanden.
- Was der naive Mensch Außenwelt, körperliche Natur nennt,
ist für Berkeley nicht vorhanden.
- Dieser Ansicht steht die jetzt herrschende Kantsche
gegenüber, welche unsere Erkenntnis von der Welt nicht deshalb auf unsere
Vorstellungen einschränkt, weil sie überzeugt ist, daß es außer diesen Vorstellungen
keine Dinge geben kann, sondern weil sie uns so organisiert glaubt, daß wir nur
von den Veränderungen unseres eigenen Selbst, nicht von den diese Veränderungen
veranlassenden Dingen an sich erfahren können.
- Sie folgert aus dem Umstande, daß ich nur meine
Vorstellungen kenne, nicht, daß es keine von diesen Vorstellungen unabhängige
Existenz gibt, sondern nur, daß das Subjekt eine solche nicht unmittelbar in
sich aufnehmen, sie nicht anders als durch das «Medium seiner subjektiven
Gedanken imaginieren, fingieren, denken, erkennen, vielleicht auch nicht
erkennen kann» (O. Liebmann, Zur
Analysis der Wirklichkeit, Seite 28).
- Diese Anschauung glaubt etwas unbedingt Gewisses zu
sagen, etwas, was ohne alle Beweise unmittelbar einleuchtet.
- «Der erste Fundamentalsatz, den sich der Philosoph zu
deutlichem Bewußtsein zu bringen hat, besteht in der Erkenntnis, daß unser
Wissen sich zunächst auf nichts
weiter als auf unsere Vorstellungen erstreckt.
- Unsere Vorstellungen sind das Einzige, was wir unmittelbar
erfahren, unmittelbar erleben; und eben weil wir sie unmittelbar erfahren,
deswegen vermag uns auch der radikalste Zweifel das Wissen von denselben nicht
zu entreißen.
- Dagegen ist das Wissen, das über unser Vorstellen — ich
nehme diesen Ausdruck hier überall im weitesten Sinne, so daß alles psychische
Geschehen darunter fällt — hinausgeht, vor dem Zweifel nicht geschützt.
- Daher muß zu Beginn
des Philosophierens alles über die Vorstellungen hinausgehende Wissen
ausdrücklich als bezweifelbar hingestellt werden», so beginnt Volkelt sein Buch über «Immanuel Kants
Erkenntnistheorie».
- Was hiermit so hingestellt wird, als ob es eine
unmittelbare und selbstverständliche Wahrheit sei, ist aber in Wirklichkeit das
Resultat einer Gedankenoperation, die folgendermaßen verläuft: Der naive Mensch
glaubt, daß die Gegenstände, so wie er sie wahrnimmt, auch außerhalb seines
Bewußtseins vorhanden sind.
- Die Physik, Physiologie und Psychologie scheinen aber zu
lehren, daß zu unseren Wahrnehmungen unsere Organisation notwendig ist, daß wir
folglich von nichts wissen können, als von dem, was unsere Organisation uns von
den Dingen überliefert.
- Unsere Wahrnehmungen sind somit Modifikationen unserer
Organisation, nicht Dinge an sich.
- Den hier angedeuteten Gedankengang hat Eduard von Hartmann in der Tat als
denjenigen charakterisiert, der zur Überzeugung von dem Satze führen muß, daß
wir ein direktes Wissen nur von unseren Vorstellungen haben können (vergleiche
dessen «Grundproblem der Erkenntnistheorie», S. 16-40).
- Weil wir außerhalb unseres Organismus Schwingungen der
Körper und der Luft finden, die sich uns als Schall darstelle n, so wird
gefolgert, daß das, was wir Schall nennen, nichts weiter sei als eine
subjektive Reaktion unseres Organismus auf jene Bewegungen in der Außenwelt.
- In derselben Weise findet man, daß Farbe und Wärme nur
Modifikationen unseres Organismus seien.
- Und zwar ist man der Ansicht, daß diese beiden
Wahrnehmungsarten in uns hervorgerufen werden durch die Wirkung von Vorgängen
in der Außenwelt, die von dem, was Wärmeerlebnis oder Farbenerlebnis ist,
durchaus verschieden sind.
- Wenn solche Vorgänge die Hautnerven meines Körpers
erregen, so habe ich die subjektive Wahrnehmung der Wärme, wenn solche Vorgänge
den Sehnerv treffen, nehme ich Licht und Farbe wahr.
- Licht, Farbe und Wärme sind also das, womit meine
Sinnesnerven auf den Reiz von außen antworten.
- Auch der Tastsinn liefert mir nicht die Gegenstände der
Außenwelt, sondern nur meine eigenen Zustände.
- Im Sinne der modernen Physik könnte man etwa denken, daß
die Körper aus unendlich kleinen Teilen, den Molekülen bestehen, und daß diese
Moleküle nicht unmittelbar aneinandergrenzen, sondern gewisse Entfernungen
voneinander haben.
- Es ist also zwischen ihnen der leere Raum.
- Durch diese wirken sie aufeinander mittelst anziehender
und abstoßender Kräfte.
- Wenn ich meine Hand einem Körper nähere, so berühren die
Moleküle meiner Hand keineswegs unmittelbar diejenigen des Körpers, sondern es
bleibt eine gewisse Entfernung zwischen Körper und Hand, und was ich als
Widerstand des Körpers empfinde, das ist nichts weiter als die Wirkung der
abstoßenden Kraft, die seine Moleküle auf meine Hand ausüben.
- Ich bin schlechthin außerhalb des Körpers und nehme nur
seine Wirkung auf meinen Organismus wahr.
- Ergänzend zu diesen Überlegungen tritt die Lehre von den
sogenannten spezifischen Sinnesenergien, die J. Müller (1801-1858) aufgestellt hat.
- Sie besteht darin, daß jeder Sinn die Eigentümlichkeit
hat, auf alle äußeren Reize nur in einer bestimmten Weise zu antworten.
- Wird auf den Sehnerv eine Wirkung ausgeübt, so entsteht
Lichtwahrnehmung, gleichgültig ob die Erregung durch das geschieht, was wir
Licht nennen, oder ob ein mechanischer Druck oder ein elektrischer Strom auf
den Nerv einwirkt.
- Andrerseits werden in verschiedenen Sinnen durch die
gleichen äußeren Reize verschiedene Wahrnehmungen hervorgerufen.
- Daraus scheint hervorzugehen, daß unsere Sinne nur das
überliefern können, was in ihnen selbst vorgeht, nichts aber von der Außenwelt.
- Sie bestimmen die Wahrnehmungen je nach ihrer Natur.
- Die Physiologie zeigt, daß auch von einem direkten Wissen
dessen keine Rede sein kann, was die Gegenstände in unseren Sinnesorganen
bewirken.
- Indem der Physiologe die Vorgänge in unserem eigenen
Leibe verfolgt, findet er, daß schon in den Sinnesorganen die Wirkungen der
äußeren Bewegung in der mannigfaltigsten Weise umgeändert werden.
- Wir sehen das am deutlichsten an Auge und Ohr.
- Beide sind sehr komplizierte Organe, die den äußeren Reiz
wesentlich verändern, ehe sie ihn zum entsprechenden Nerv bringen.
- Von dem peripherischen Ende des Nervs wird nun der schon
veränderte Reiz weiter zum Gehirn geleitet.
- Hier erst müssen wieder die Zentralorgane erregt werden.
- Daraus wird geschlossen, daß der äußere Vorgang eine
Reihe von Umwandlungen erfahren hat, ehe er zum Bewußtsein kommt.
- Was da im Gehirne sich abspielt, ist durch so viele
Zwischenvorgänge mit dem äußeren Vorgang verbunden, daß an eine Ähnlichkeit mit
demselben nicht mehr gedacht werden kann.
- Was das Gehirn der Seele zuletzt vermittelt, sind weder äußere
Vorgänge, noch Vorgänge in den Sinnesorganen, sondern nur solche innerhalb des
Gehirnes.
- Aber auch die letzteren nimmt die Seele noch nicht
unmittelbar wahr.
- Was wir im Bewußtsein zuletzt haben, sind gar keine
Gehirnvorgänge, sondern Empfindungen.
- Meine Empfindung des Rot hat gar keine Ähnlichkeit mit
dem Vorgange, der sich im Gehirn abspielt, wenn ich das Rot empfinde.
- Das letztere tritt erst wieder als Wirkung in der Seele
auf und wird nur verursacht durch den Hirnvorgang.
- Deshalb sagt Hartmann
(Grundproblem der Erkenntnistheorie, S. 37): «Was das Subjekt wahrnimmt,
sind also immer nur Modifikationen seiner eigenen psychischen Zustände und
nichts anderes.»
- Wenn ich die Empfindungen habe, dann sind diese aber noch
lange nicht zu dem gruppiert, was ich als Dinge wahrnehme.
- Es können mir ja nur einzelne Empfindungen durch das
Gehirn vermittelt werden.
- Die Empfindungen der Härte und Weichheit werden mir durch
den Tast-, die Farben- und Lichtempfindungen durch den Gesichtssinn vermittelt.
- Doch finden sich dieselben an einem und demselben
Gegenstande vereinigt.
- Diese Vereinigung muß also erst von der Seele selbst
bewirkt werden.
- Das heißt, die Seele setzt die einzelnen durch das Gehirn
vermittelten Empfindungen zu Körpern zusammen.
- Mein Gehirn überliefert mir einzeln die Gesichts-, Tast-
und Gehörempfindungen, und zwar auf ganz verschiedenen Wegen, die dann die
Seele zu der Vorstellung Trompete zusammensetzt.
- Dieses Endglied (Vorstellung der Trompete) eines
Prozesses ist es, was für mein Bewußtsein zu allererst gegeben ist.
- Es ist in demselben nichts mehr von dem zu finden, was
außer mir ist und ursprünglich einen Eindruck auf meine Sinne gemacht hat.
- Der äußere Gegenstand ist auf dem Wege zum Gehirn und
durch das Gehirn zur Seele vollständig verlorengegangen.
- Es wird schwer sein, ein zweites Gedankengebäude in der
Geschichte des menschlichen Geisteslebens zu finden, das mit größerem
Scharfsinn zusammengetragen ist, und das bei genauerer Prüfung doch in nichts
zerfällt.
- Sehen wir einmal näher zu, wie es zustande kommt.
- Man geht zunächst von dem aus, was dem naiven Bewußtsein
gegeben ist, von dem wahrgenommenen Dinge.
- Dann zeigt man, daß alles, was an diesem Dinge sich
findet, für uns nicht da wäre, wenn wir keine Sinne hätten.
- Kein Auge: keine Farbe.
- Also ist die Farbe in dem noch nicht vorhanden, was auf
das Auge wirkt.
- Sie entsteht erst durch die Wechselwirkung des Auges mit
dem Gegenstande.
- Dieser ist also farblos.
- Aber auch im Auge ist die Farbe nicht vorhanden; denn da
ist ein chemischer oder physikalischer Vorgang vorhanden, der erst durch den
Nerv zum Gehirn geleitet wird, und da einen andern auslöst.
- Dieser ist noch immer nicht die Farbe.
- Sie wird erst durch den Hirnprozeß in der Seele
hervorgerufen.
- Da tritt sie mir noch immer nicht ins Bewußtsein, sondern
wird erst durch die Seele nach außen an einen Körper verlegt.
- An diesem glaube ich sie endlich wahrzunehmen.
- Wir haben einen vollständigen Kreisgang durchgemacht.
- Wir sind uns eines farbigen Körpers bewußt geworden.
- Das ist das Erste.
- Nun hebt die Gedankenoperation an.
- Wenn ich keine Augen hätte, wäre der Körper für mich
farblos.
- Ich kann die Farbe also nicht in den Körper verlegen.
- Ich gehe auf die Suche nach ihr.
- Ich suche sie im Auge: vergebens; im Nerv: vergebens; im
Gehirne: ebenso vergebens; in der Seele: hier finde ich sie zwar, aber nicht
mit dem Körper verbunden.
- Den farbigen Körper finde ich erst wieder da, wo ich
ausgegangen bin.
- Der Kreis ist geschlossen.
- Ich glaube das als Erzeugnis meiner Seele zu erkennen,
was der naive Mensch sich als draußen im Raume vorhanden denkt.
- So lange man dabei stehen bleibt, scheint alles in
schönster Ordnung.
- Aber die Sache muß noch einmal von vorne angefangen
werden.
- Ich habe ja bis jetzt mit einem Dinge gewirtschaftet: mit
der äußeren Wahrnehmung, von dem ich früher, als naiver Mensch, eine ganz
falsche Ansicht gehabt habe.
- Ich war der Meinung: sie hätte so, wie ich sie wahrnehme,
einen objektiven Bestand.
- Nun merke ich, daß sie mit meinem Vorstellen
verschwindet, daß sie nur eine Modifikation meiner seelischen Zustände ist.
- Habe ich nun überhaupt noch ein Recht, in meinen
Betrachtungen von ihr auszugehen?
- Kann ich von ihr sagen, daß sie auf meine Seele wirkt?
- Ich muß von jetzt ab den Tisch, von dem ich früher
geglaubt habe, daß er auf mich wirkt und in mir eine Vorstellung von sich
hervorbringt, selbst als Vorstellung behandeln.
- Konsequenterweise sind dann aber auch meine Sinnesorgane
und die Vorgänge in ihnen bloß subjektiv.
- Ich habe kein Recht, von einem wirklichen Auge zu
sprechen, sondern nur von meiner Vorstellung des Auges.
- Ebenso ist es mit der Nervenleitung und dem Gehirnprozeß
und nicht weniger mit dem Vorgange in der Seele selbst, durch den aus dem Chaos
der mannigfaltigen Empfindungen Dinge aufgebaut werden sollen.
- Durchlaufe ich unter Voraussetzung der Richtigkeit des
ersten Gedankenkreisganges die Glieder meines Erkenntnisaktes nochmals, so
zeigt sich der letztere als ein Gespinst von Vorstellungen, die doch als solche
nicht aufeinander wirken können.
- Ich kann nicht sagen: meine Vorstellung des Gegenstandes
wirkt auf meine Vorstellung des Auges, und aus dieser Wechselwirkung geht die
Vorstellung der Farbe hervor.
- Aber ich habe es auch nicht nötig.
- Denn sobald mir klar ist, daß mir meine Sinnesorgane und
deren Tätigkeiten, mein
- Nerven- und Seelenprozeß auch nur durch die Wahrnehmung
gegeben werden können, zeigt sich der geschilderte Gedankengang in seiner
vollen Unmöglichkeit.
- Es ist richtig: für mich ist keine Wahrnehmung ohne das
entsprechende Sinnesorgan gegeben.
- Aber ebensowenig ein Sinnesorgan ohne Wahrnehmung.
- Ich kann von meiner Wahrnehmung des Tisches auf das Auge
übergehen, das ihn sieht, auf die Hautnerven, die ihn tasten; aber was in diesen
vorgeht, kann ich wieder nur aus der Wahrnehmung erfahren.
- Und da bemerke ich denn bald, daß in dem Prozeß, der sich
im Auge vollzieht, nicht eine Spur von Ähnlichkeit ist mit dem, was ich als
Farbe wahrnehme.
- Ich kann meine Farbenwahrnehmung nicht dadurch
vernichten, daß ich den Prozeß im Auge aufzeige, der sich während dieser
Wahrnehmung darin abspielt.
- Ebensowenig finde ich in den Nerven- und Gehirnprozessen
die Farbe wieder; ich verbinde nur neue Wahrnehmungen innerhalb meines
Organismus mit der ersten, die der naive Mensch außerhalb seines Organismus
verlegt.
- Ich gehe nur von einer Wahrnehmung zur andern über.
- Außerdem enthält die ganze Schlußfolgerung einen Sprung.
- Ich bin in der Lage, die Vorgänge in meinem Organismus
bis zu den Prozessen in meinem Gehirne zu verfolgen, wenn auch meine Annahmen
immer hypothetischer werden, je mehr ich mich den zentralen Vorgängen des
Gehirn es nähere.
- Der Weg der äußeren
Beobachtung hört mit dem Vorgange in meinem Gehirne auf, und zwar mit
jenem, den ich wahrnehmen würde, wenn ich mit physikalischen, chemischen usw.
- Hilfsmitteln und Methoden das Gehirn behandeln könnte.
- Der Weg der inneren
Beobachtung fängt mit der Empfindung an und reicht bis zum Aufbau der Dinge
aus dem Empfindungsmaterial.
- Beim Übergang von dem Hirnprozeß zur Empfindung ist der
Beobachtungsweg unterbrochen.
- Die charakterisierte Denkart, die sich im Gegensatz zum
Standpunkte des naiven Bewußtseins, den sie naiven Realismus nennt, als
kritischen Idealismus bezeichnet, macht den Fehler, daß sie die eine Wahrnehmung als Vorstellung
charakterisiert, aber die andere gerade in dem Sinne hinnimmt, wie es der von
ihr scheinbar widerlegte naive Realismus tut.
- Sie will den Vorstellungscharakter der Wahrnehmungen
beweisen, indem sie in naiver Weise die Wahrnehmungen am eigenen Organismus als
objektiv gültige Tatsachen hinnimmt und zu alledem noch übersieht, daß sie zwei
Beobachtungsgebiete durcheinander wirft, zwischen denen sie keine Vermittlung
finden kann.
- Der kritische Idealismus kann den naiven Realismus nur
widerlegen, wenn er selbst in naiv- realistischer Weise seinen eigenen
Organismus als objektiv existierend annimmt.
- In demselben Augenblicke, wo er sich der vollständigen
Gleichartigkeit der Wahrnehmungen am eigenen Organismus mit den vom naiven
Realismus als objektiv existierend angenommenen Wahrnehmungen bewußt wird, kann
er sich nicht mehr auf die ersteren als auf eine sichere Grundlage stützen.
- Er müßte auch seine subjektive Organisation als bloßen
Vorstellungskomplex ansehen.
- Damit geht aber die Möglichkeit verloren, den Inhalt der
wahrgenommenen Welt durch die geistige Organisation bewirkt zu denken.
- Man müßte annehmen, daß die Vorstellung «Farbe» nur eine
Modifikation der Vorstellung «Auge» sei.
- Der sogenannte kritische Idealismus kann nicht bewiesen
werden, ohne eine Anleihe beim naiven Realismus zu machen.
- Der letztere wird nur dadurch widerlegt, daß man dessen
eigene Voraussetzungen auf einem anderen Gebiete ungeprüft gelten läßt.
- Soviel ist hieraus gewiß: durch Untersuchungen innerhalb
des Wahrnehmungsgebietes kann der kritische Idealismus nicht bewiesen, somit
die Wahrnehmung ihres objektiven Charakters nicht entkleidet werden.
- Noch weniger aber darf der Satz: «Die wahrgenommene Welt ist meine Vorstellung» als durch sich
selbst einleuchtend und keines Beweises bedürftig hingestellt werden.
- Schopenhauer
beginnt sein Hauptwerk «Die Welt als Wille und
Vorstellung» mit den Worten: «‹Die Welt ist meine Vorstellung:› — dies ist die
Wahrheit, welche in Beziehung auf jedes lebende und erkennende Wesen gilt;
wiewohl der Mensch allein sie in das reflektierte abstrakte Bewußtsein bringen
kann: und tut er dies wirklich, so ist die philosophische Besonnenheit bei ihm
eingetreten.
- Es wird ihm dann deutlich und gewiß, daß er keine Sonne
kennt und keine Erde; sondern immer nur ein Auge, das eine Sonne sieht, eine
Hand, die eine Erde fühlt; daß die Welt, welche ihn umgibt, nur als Vorstellung
da ist, das heißt durchweg nur in Beziehung auf ein Anderes, das Vorstehende,
welches er selbst ist.
- — Wenn irgend eine Wahrheit a priori ausgesprochen werden
kann, so ist es diese: denn sie ist die Aussage derjenigen Form aller möglichen
und erdenklichen Erfahrung, welche allgemeiner als alle andern, als Zeit, Raum
und Kausalität ist: denn alle diese setzen jene eben schon voraus ...»
- — Der ganze Satz scheitert an dem oben bereits von mir
angeführten Umstande, daß das Auge und die Hand nicht weniger Wahrnehmungen
sind als die Sonne und die Erde.
- Und man könnte im Sinne Schopenhauers und mit Anlehnung
an seine Ausdrucksweise seinen Sätzen entgegenhalten: Mein Auge, das die Sonne
sieht, und meine Hand, die die Erde fühlt, sind meine Vorstellungen gerade so
wie die Sonne und die Erde selbst.
- Daß ich damit aber den Satz wieder aufhebe, ist ohne
weiteres klar.
- Denn nur mein wirkliches Auge und meine wirkliche Hand
könnten die Vorstellungen Sonne und Erde als ihre Modifikationen an sich haben,
nicht aber meine Vorstellungen Auge und Hand.
- Nur von diesen aber
darf der kritische Idealismus sprechen.
- Der kritische Idealismus ist völlig ungeeignet, eine
Ansicht über das Verhältnis von Wahrnehmung und Vorstellung zu gewinnen.
- Die auf Seite 66 f. angedeutete
Scheidung dessen, was an der Wahrnehmung während des Wahrnehmens geschieht und
was an ihr schon sein muß, bevor sie wahrgenommen wird, kann er nicht
vornehmen.
- Dazu muß also ein anderer Weg eingeschlagen werden.
-
- Kapitel
5 - Das Erkennen der Welt
- Aus den vorhergehenden Betrachtungen folgt die
Unmöglichkeit, durch Untersuchung unseres Beobachtungsinhalts den Beweis zu
erbringen, daß unsere Wahrnehmungen Vorstellungen sind.
- Dieser Beweis soll nämlich dadurch erbracht werden, daß
man zeigt: wenn der Wahrnehmungsprozeß in der Art erfolgt, wie man ihn gemäß
den naiv-realistischen Annahmen über die psychologische und physiologische
Konstitution unseres Individuums sich vorstellt, dann haben wir es nicht mit
Dingen an sich, sondern bloß mit unseren Vorstellungen von den Dingen zu tun.
- Wenn nun der naive Realismus, konsequent verfolgt, zu
Resultaten führt, die das gerade Gegenteil seiner Voraussetzungen darstellen,
so müssen diese Voraussetzungen als ungeeignet zur Begründung einer
Weltanschauung bezeichnet und fallen gelassen werden.
- Jedenfalls ist es unstatthaft, die Voraussetzungen zu
verwerfen und die Folgerungen gelten zu lassen, wie es der kritische Idealist
tut, der seiner Behauptung: die Welt ist meine Vorstellung, den obigen
Beweisgang zugrunde legt.
- (Eduard von Hartmann gibt in seiner Schrift «Das
Grundproblem der Erkenntnistheorie» eine ausführliche Darstellung dieses
Beweisganges.)
- Ein anderes ist die Richtigkeit des kritischen
Idealismus, ein anderes die Überzeugungskraft seiner Beweise.
- Wie es mit der ersteren steht, wird sich später im
Zusammenhange unserer Ausführungen ergeben.
- Die Überzeugungskraft seines Beweises ist aber gleich
Null.
- Wenn man ein Haus baut, und bei Herstellung des ersten
Stockwerkes bricht das Erdgeschoß in sich zusammen, so stürzt das erste
Stockwerk mit.
- Der naive Realismus und der kritische Idealismus
verhalten sich wie dies Erdgeschoß zum ersten Stockwerk.
- Wer der Ansicht ist, daß die ganze wahrgenommene Welt nur
eine vorgestellte ist, und zwar die Wirkung der mir unbekannten Dinge auf meine
Seele, für den geht die eigentliche Erkenntnisfrage natürlich nicht auf die nur
in der Seele vorhandenen Vorstellungen, sondern auf die jenseits unseres
Bewußtseins liegenden, von uns unabhängigen Dinge.
- Er fragt: Wieviel können wir von den letzteren mittelbar erkennen, da sie unserer
Beobachtung unmittelbar nicht
zugänglich sind?
- Der auf diesem Standpunkt Stehende kümmert sich nicht um
den inneren Zusammenhang seiner bewußten Wahrnehmungen, sondern um deren nicht
mehr bewußte Ursachen, die ein von ihm unabhängiges Dasein haben, während, nach
seiner Ansicht, die Wahrnehmungen verschwinden, sobald er seine Sinne von den Dingen
abwendet.
- Unser Bewußtsein wirkt, von diesem Gesichtspunkte aus,
wie ein Spiegel, dessen Bilder von bestimmten Dingen auch in dem Augenblicke
verschwinden, in dem seine spiegelnde Fläche ihnen nicht zugewandt ist.
- Wer aber die Dinge selbst nicht sieht, sondern nur ihre
Spiegelbilder, der muß aus dem Verhalten der letzteren über die Beschaffenheit
der ersteren durch Schlüsse indirekt sich unterrichten.
- Auf diesem Standpunkte steht die neuere
Naturwissenschaft, welche die Wahrnehmungen nur als letztes Mittel benutzt, um
Aufschluß über die hinter denselben stehenden und allein wahrhaft seienden
Vorgänge des Stoffes zu gewinnen.
- Wenn der Philosoph als kritischer Idealist überhaupt ein
Sein gelten läßt, dann geht sein Erkenntnisstreben mit mittelbarer Benutzung
der Vorstellungen allein auf dieses Sein.
- Sein Interesse überspringt die subjektive Welt der
Vorstellungen und geht auf das Erzeugende dieser Vorstellungen los.
- Der kritische Idealist kann aber so weit gehen, daß er
sagt: ich bin in meine Vorstellungswelt eingeschlossen und kann aus ihr nicht
hinaus.
- Wenn ich ein Ding hinter meinen Vorstellungen denke, so
ist dieser Gedanke doch auch weiter nichts als meine Vorstellung.
- Ein solcher Idealist wird dann das Ding an sich entweder
ganz leugnen oder wenigstens davon erklären, daß es für uns Menschen gar keine
Bedeutung habe, das ist, so gut wie nicht da sei, weil wir nichts von ihm
wissen können.
- Einem kritischen Idealisten dieser Art erscheint die
ganze Welt als ein Traum, dem gegenüber jeder Erkenntnisdrang einfach sinnlos
wäre.
- Für ihn kann es nur zwei Gattungen von Menschen geben:
Befangene, die ihre eigenen Traumgespinste für wirkliche Dinge halten, und
Weise, die die Nichtigkeit dieser Traumwelt durchschauen, und die nach und nach
alle Lust verlieren müssen, sich weiter darum zu bekümmern.
- Für diesen Standpunkt kann auch die eigene Persönlichkeit
zum bloßen Traumbilde werden.
- Gerade so wie unter den Bildern des Schlaftraums unser
eigenes Traumbild erscheint, so tritt im wachen Bewußtsein die Vorstellung des
eigenen Ich zu der Vorstellung der Außenwelt hinzu.
- Wir haben im Bewußtsein dann nicht unser wirkliches Ich,
sondern nur unsere Ichvorstellung gegeben.
- Wer nun leugnet, daß es Dinge gibt, oder wenigstens, daß
wir von ihnen etwas wissen können: der muß auch das Dasein beziehungsweise die
Erkenntnis der eigenen Persönlichkeit leugnen.
- Der kritische Idealist kommt dann zu der Behauptung:
«Alle Realität verwandelt sich in einen wunderbaren Traum, ohne ein Leben, von
welchem geträumt wird, und ohne einen Geist, dem da träumt; in einen Traum, der
in einem Traume von sich selbst zusammenhängt» (vergleiche Fichte, Die Bestimmung des Menschen).
- Gleichgültig, ob derjenige, der das unmittelbare Leben
als Traum zu erkennen glaubt, hinter diesem Traum nichts mehr vermutet, oder ob
er seine Vorstellungen auf wirkliche Dinge bezieht: das Leben selbst muß für
ihn alles wissenschaftliche Interesse verlieren.
- Während aber für denjenigen, der mit dem Traume das uns
zugängliche All erschöpft glaubt, alle Wissenschaft ein Unding ist, wird für
den andern, der sich befugt glaubt, von den Vorstellungen auf die Dinge zu
schließen, die Wissenschaft in der Erforschung dieser «Dinge an sich» bestehen.
- Die erstere Weltansicht kann mit dem Namen absoluter Illusionismus bezeichnet werden, die
zweite nennt ihr konsequentester Vertreter, Eduard von Hartmann, transzendentalen Realismus. (1)
- Fußnoten: (1) Transzendental wird im Sinne dieser Weltanschauung eine Erkenntnis
genannt, welche sich bewußt glaubt, daß über die Dinge an sich nicht direkt
etwas ausgesagt werden könne, sondern welche indirekt Schlüsse von dem
bekannten Subjektiven auf das Unbekannte, jenseits des Subjektiven Liegende
(Transzendente) macht. Das Ding an sich ist nach dieser Ansicht jenseits des
Gebietes der uns unmittelbar erkennbaren
Welt, d.i. transzendent. Unsere Welt kann aber auf das Transzendente
transzendental bezogen werden. Realismus heißt Hartmanns Anschauung, weil sie
über das Subjektive, Ideale hinaus, auf das Transzendente, Reale geht.
- Diese beiden Ansichten haben mit dem naiven Realismus das
gemein, daß sie Fuß in der Welt zu fassen suchen durch eine Untersuchung der
Wahrnehmungen.
- Sie können aber innerhalb dieses Gebietes nirgends einen
festen Punkt finden.
- Eine Hauptfrage für den Bekenner des transzendentalen
Realismus müßte sein: wie bringt das Ich aus sich selbst die Vorstellungswelt
zustande?
- Für eine uns gegebene Welt von Vorstellungen, die
verschwindet, sobald wir unsere Sinne der Außenwelt verschließen, kann ein
ernstes Erkenntnisstreben sich insofern erwärmen, als sie das Mittel ist, die
Welt des an sich seienden Ich mittelbar zu erforschen.
- Wenn die Dinge unserer Erfahrung Vorstellungen wären,
dann gliche unser alltägliches Leben einem Traume und die Erkenntnis des wahren
Tatbestandes dem Erwachen.
- Auch unsere Traumbilder interessieren uns so lange, als
wir träumen, folglich die Traumnatur nicht durchschauen.
- In dem Augenblicke des Erwachens fragen wir nicht mehr
nach dem inneren Zusammenhange unserer Traumbilder, sondern nach den
physikalischen, physiologischen und psychologischen Vorgängen, die ihnen zum
Grunde liegen.
- Ebensowenig kann sich der Philosoph, der die Welt für seine
Vorstellung hält, für den inneren Zusammenhang der Einzelheiten in derselben
interessieren.
- Falls er überhaupt ein seiendes Ich gelten läßt, dann
wird er nicht fragen, wie hängt eine seiner Vorstellungen mit einer anderen
zusammen, sondern was geht in der von ihm unabhängigen Seele vor, während sein
Bewußtsein einen bestimmten Vorstellungsablauf enthält.
- Wenn ich träume, daß ich Wein trinke, der mir ein Brennen
im Kehlkopf verursache und dann mit Hustenreiz aufwache (vergleiche Weygandt, Entstehung der Träume, 1893),
so hört im Augenblicke des Erwachens die Traumhandlung auf, für mich ein
Interesse zu haben.
- Mein Augenmerk ist nur noch auf die physiologischen und
psychologischen Prozesse gerichtet, durch die der Hustenreiz sich symbolisch in
dem Traumbilde zum Ausdruck bringt.
- In ähnlicher Weise muß der Philosoph, sobald er von dem
Vorstellungscharakter der gegebenen Welt überzeugt ist, von dieser sofort auf
die dahinter steckende wirkliche Seele überspringen.
- Schlimmer steht die Sache allerdings, wenn der
Illusionismus das Ich an sich hinter den Vorstellungen ganz leugnet, oder es
wenigstens für unerkennbar hält.
- Zu einer solchen Ansicht kann sehr leicht die Beobachtung
führen, daß es dem Träumen gegenüber zwar den Zustand des Wachens gibt, in dem wir
Gelegenheit haben, die Träume zu durchschauen und auf reale Verhältnisse zu
beziehen, daß wir aber keinen zu dem wachen Bewußtseinsleben in einem ähnlichen
Verhältnisse stehenden Zustand haben.
- Wer zu dieser Ansicht sich bekennt, dem geht die Einsicht
ab, daß es etwas gibt, das sich in der Tat zum bloßen Wahrnehmen verhält wie
das Erfahren im wachen Zustande zum Träumen.
- Dieses Etwas ist das Denken.
- Dem naiven Menschen kann der Mangel an Einsicht, auf den
hier gedeutet wird, nicht angerechnet werden.
- Er gibt sich dem Leben hin und hält die Dinge so für
wirklich, wie sie sich ihm in der Erfahrung darbieten.
- Der erste Schritt aber, der über diesen Standpunkt hinaus
unternommen wird, kann nur in der Frage bestehen: wie verhält sich das Denken
zur Wahrnehmung?
- Ganz einerlei, ob die Wahrnehmung in der mir gegebenen
Gestalt vor und nach meinem Vorstellen weiterbesteht oder nicht: wenn ich
irgend etwas über sie aussagen will, so kann es nur mit Hilfe des Denkens
geschehen.
- Wenn ich sage: die Welt ist meine Vorstellung, so habe
ich das Ergebnis eines Denkprozesses ausgesprochen, und wenn mein Denken auf
die Welt nicht anwendbar ist, so ist dieses Ergebnis ein Irrtum.
- Zwischen die Wahrnehmung und jede Art von Aussage über
dieselbe schiebt sich das Denken ein.
- Den Grund, warum das Denken bei der Betrachtung der Dinge
zumeist übersehen wird, haben wir bereits angegeben (vergleiche
Seite 42 f.).
- Er liegt in dem Umstande, daß wir nur auf den Gegenstand,
über den wir denken, nicht aber zugleich auf das Denken unsere Aufmerksamkeit
richten.
- Das naive Bewußtsein behandelt daher das Denken wie
etwas, das mit den Dingen nichts zu tun hat, sondern ganz abseits von denselben
steht und seine Betrachtungen über die Welt anstellt.
- Das Bild, das der Denker von den Erscheinungen der Welt
entwirft, gilt nicht als etwas, was zu den Dingen gehört, sondern als ein nur
im Kopfe des Menschen existierendes; die Welt ist auch fertig ohne dieses Bild.
- Die Welt ist fix und fertig in allen ihren Substanzen und
Kräften; und von dieser fertigen Welt entwirft der Mensch ein Bild.
- Die so denken, muß man nur fragen: mit welchem Rechte
erklärt ihr die Welt für fertig, ohne das Denken?
- Bringt nicht mit der gleichen Notwendigkeit die Welt das
Denken im Kopfe des Menschen hervor, wie die Blüte an der Pflanze?
- Pflanzet ein Samenkorn in den Boden.
- Es treibt Wurzel und Stengel.
- Es entfaltet sich zu Blättern und Blüten.
- Stellet die Pflanze euch selbst gegenüber.
- Sie verbindet sich in eurer Seele mit einem bestimmten
Begriffe.
- Warum gehört dieser Begriff weniger zur ganzen Pflanze
als Blatt und Blüte?
- Ihr saget: die Blätter und Blüten sind ohne ein
wahrnehmendes Subjekt da; der Begriff erscheint erst, wenn sich der Mensch der
Pflanze gegenüberstellt.
- Ganz wohl.
- Aber auch Blüten und Blätter entstehen an der Pflanze
nur, wenn Erde da ist, in die der Keim gelegt werden kann, wenn Licht und Luft
da sind, in denen sich Blätter und Blüten entfalten können.
- Gerade so entsteht der Begriff der Pflanze, wenn ein
denkendes Bewußtsein an die Pflanze herantritt.
- Es ist ganz willkürlich, die
Summe dessen, was wir von einem Dinge durch die bloße Wahrnehmung erfahren, für
eine Totalität, für ein Ganzes zu halten, und dasjenige, was sich durch die denkende Betrachtung ergibt, als ein
solches Hinzugekommenes, das mit der Sache selbst nichts zu tun habe.
- Wenn ich heute eine Rosenknospe erhalte, so ist das Bild,
das sich meiner Wahrnehmung darbietet, nur zunächst ein abgeschlossenes.
- Wenn ich die Knospe in Wasser setze, so werde ich morgen
ein ganz anderes Bild meines Objektes erhalten.
- Wenn ich mein Auge von der Rosenknospe nicht abwende, so
sehe ich den heutigen Zustand in den morgigen durch unzählige Zwischenstufen
kontinuierlich übergehen.
- Das Bild, das sich mir in einem bestimmten Augenblicke
darbietet, ist nur ein zufälliger Ausschnitt aus dem in einem fortwährenden
Werden begriffenen Gegenstande.
- Setze ich die Knospe nicht in Wasser, so bringt sie eine
ganze Reihe von Zuständen nicht zur Entwickelung, die der Möglichkeit nach in
ihr lagen.
- Ebenso kann ich morgen verhindert sein, die Blüte weiter
zu beobachten und dadurch ein unvollständiges Bild haben.
- Es ist eine ganz unsachliche, an Zufälligkeiten sich
heftende Meinung, die von dem in einer gewissen Zeit sich darbietenden Bilde
erklärte: das ist die Sache.
- Ebensowenig ist es statthaft, die Summe der
Wahrnehmungsmerkmale für die Sache zu erklären.
- Es wäre sehr wohl möglich, daß ein Geist zugleich und
ungetrennt von der Wahrnehmung den Begriff mitempfangen könnte.
- Ein solcher Geist würde gar nicht auf den Einfall kommen,
den Begriff als etwas nicht zur Sache Gehöriges zu betrachten.
- Er müßte ihm ein mit der Sache unzertrennlich verbundenes
Dasein zuschreiben.
- Ich will mich noch durch ein Beispiel deutlicher machen.
- Wenn ich einen Stein in horizontaler Richtung durch die
Luft werfe, so sehe ich ihn nacheinander an verschiedenen Orten.
- Ich verbinde diese Orte zu einer Linie.
- In der Mathematik lerne ich verschiedene Linienformen
kennen, darunter auch die Parabel.
- Ich kenne die Parabel als eine Linie, die entsteht, wenn
sich ein Punkt in einer gewissen gesetzmäßigen Art bewegt.
- Wenn ich die Bedingungen untersuche, unter denen sich der
geworfene Stein bewegt, so finde ich, daß die Linie seiner Bewegung mit der
identisch ist, die ich als Parabel kenne.
- Daß sich der Stein gerade in einer Parabel bewegt, das
ist eine Folge der gegebenen Bedingungen und folgt mit Notwendigkeit aus
diesen.
- Die Form der Parabel gehört zur ganzen Erscheinung, wie
alles andere, was an derselben in Betracht kommt.
- Dem oben beschriebenen Geist, der nicht den Umweg des
Denkens nehmen müßte, wäre nicht nur eine Summe von Gesichtsempfindungen an
verschiedenen Orten gegeben, sondern ungetrennt von der Erscheinung auch die
parabolische Form der Wurflinie, die wir erst
durch Denken zu der Erscheinung hinzufügen.
- Nicht an den Gegenständen liegt
es, daß sie uns zunächst ohne die entsprechenden Begriffe gegeben werden,
sondern an unserer geistigen Organisation.
- Unsere totale Wesenheit funktioniert in der Weise, daß
ihr bei jedem Dinge der Wirklichkeit von zwei Seiten her die Elemente
zufließen, die für die Sache in Betracht kommen: von seiten des Wahrnehmens und des Denkens.
- Es hat mit der Natur der Dinge nichts zu tun, wie ich
organisiert bin, sie zu erfassen.
- Der Schnitt zwischen Wahrnehmen und Denken ist erst in
dem Augenblicke vorhanden, wo ich, der Betrachtende, den Dingen gegenübertrete.
- Welche Elemente dem Dinge angehören und welche nicht,
kann aber durchaus nicht davon abhängen, auf welche Weise ich zur Kenntnis
dieser Elemente gelange.
- Der Mensch ist ein
eingeschränktes Wesen.
- Zunächst ist er ein Wesen unter anderen Wesen.
- Sein Dasein gehört dem Raum und der Zeit an.
- Dadurch kann ihm auch immer nur ein beschränkter Teil des
gesamten Universums gegeben sein.
- Dieser beschränkte Teil schließt sich aber ringsherum
sowohl zeitlich wie räumlich an anderes an.
- Wäre unser Dasein so mit den Dingen verknüpft, daß jedes
Weltgeschehen zugleich unser Geschehen
wäre, dann gäbe es den Unterschied zwischen uns und den Dingen nicht.
- Dann aber gäbe es für uns auch keine Einzeldinge.
- Da ginge alles Geschehen kontinuierlich ineinander über.
- Der Kosmos wäre eine Einheit und eine in sich
beschlossene Ganzheit.
- Der Strom des Geschehens hätte nirgends eine
Unterbrechung.
- Wegen unserer Beschränkung erscheint uns als Einzelheit,
was in Wahrheit nicht Einzelheit ist.
- Nirgends ist zum Beispiel die Einzelqualität des Rot
abgesondert für sich vorhanden.
- Sie ist allseitig von anderen Qualitäten umgeben, zu
denen sie gehört, und ohne die sie nicht bestehen könnte.
- Für uns aber ist es eine Notwendigkeit, gewisse
Ausschnitte aus der Welt herauszuheben, und sie für sich zu betrachten.
- Unser Auge kann nur einzelne Farben nacheinander aus
einem vielgliedrigen Farbenganzen, unser Verstand nur einzelne Begriffe aus
einem zusammenhängenden Begriffssysteme erfassen.
- Diese Absonderung ist ein subjektiver Akt, bedingt durch
den Umstand, daß wir nicht identisch sind mit dem Weltprozeß, sondern ein Wesen
unter anderen Wesen.
- Es kommt nun alles darauf an, die Stellung des Wesens,
das wir selbst sind, zu den anderen Wesen zu bestimmen.
- Diese Bestimmung muß unterschieden werden von dem bloßen
Bewußtwerden unseres Selbst.
- Das letztere beruht auf dem Wahrnehmen wie das
Bewußtwerden jedes anderen Dinges.
- Die Selbstwahrnehmung zeigt mir eine Summe von
Eigenschaften, die ich ebenso zu dem Ganzen meiner Persönlichkeit
zusammenfasse, wie ich die Eigenschaften: gelb, metallglänzend, hart usw. zu
der Einheit «Gold» zusammenfasse.
- Die Selbstwahrnehmung führt mich nicht aus dem Bereiche
dessen hinaus, was zu mir gehört.
- Dieses Selbstwahrnehmen ist zu unterscheiden von dem denkenden Selbstbestimmen.
- Wie ich eine einzelne Wahrnehmung der Außenwelt durch das
Denken eingliedere in den Zusammenhang der Welt, so gliedere ich die an mir
selbst gemachten Wahrnehmungen in den Weltprozeß durch das Denken ein.
- Mein Selbstwahrnehmen schließt mich innerhalb bestimmter
Grenzen ein; mein Denken hat nichts zu tun mit diesen Grenzen.
- In diesem Sinne bin ich ein Doppelwesen.
- Ich bin eingeschlossen in das Gebiet, das ich als das
meiner Persönlichkeit wahrnehme, aber ich bin Träger einer Tätigkeit, die von
einer höheren Sphäre aus mein begrenztes Dasein bestimmt.
- Unser Denken ist nicht
individuell wie unser Empfinden und Fühlen.
- Es ist universell.
- Es erhält ein individuelles Gepräge in jedem einzelnen
Menschen nur dadurch, daß es auf sein individuelles Fühlen und Empfinden
bezogen ist.
- Durch diese besonderen Färbungen des universellen Denkens
unterscheiden sich die einzelnen Menschen voneinander.
- Ein Dreieck hat nur einen einzigen Begriff.
- Für den Inhalt dieses Begriffes ist es gleichgültig, ob
ihn der menschliche Bewußtseinsträger A oder B faßt.
- Er wird aber von jedem der zwei Bewußtseinsträger in
individueller Weise erfaßt werden.
- Diesem Gedanken steht ein schwer zu überwindendes
Vorurteil der Menschen gegenüber.
- Die Befangenheit kommt nicht bis zu der Einsicht, daß der
Begriff des Dreieckes, den mein Kopf erfaßt, derselbe ist, wie der durch den
Kopf meines Nebenmenschen ergriffene.
- Der naive Mensch hält sich für den Bildner seiner
Begriffe.
- Er glaubt deshalb, jede Person habe ihre eigenen
Begriffe.
- Es ist eine Grundforderung des philosophischen Denkens,
dieses Vorurteil zu überwinden.
- Der eine einheitliche Begriff des Dreiecks wird nicht
dadurch zu einer Vielheit, daß er von vielen gedacht wird.
- Denn das Denken der Vielen selbst ist eine Einheit.
- In dem Denken haben wir das Element gegeben, das unsere
besondere Individualität mit dem Kosmos zu einem Ganzen zusammenschließt.
- Indem wir empfinden und fühlen (auch wahrnehmen), sind
wir einzelne, indem wir denken, sind wir das all-eine Wesen, das alles
durchdringt.
- Dies ist der tiefere Grund unserer Doppelnatur: Wir sehen
in uns eine schlechthin absolute Kraft zum Dasein kommen, eine Kraft, die
universell ist, aber wir lernen sie nicht bei ihrem Ausströmen aus dem Zentrum
der Welt kennen, sondern in einem Punkte der Peripherie.
- Wäre das erstere der Fall, dann wüßten wir in dem
Augenblicke, in dem wir zum Bewußtsein kommen, das ganze Welträtsel.
- Da wir aber in einem Punkte der Peripherie stehen und
unser eigenes Dasein in bestimmte Grenzen eingeschlossen finden, müssen wir das
außerhalb unseres eigenen Wesens gelegene Gebiet mit Hilfe des aus dem
allgemeinen Weltensein in uns hereinragenden Denkens kennen lernen.
- Dadurch, daß das Denken in uns übergreift über unser
Sondersein und auf das allgemeine Weltensein sich bezieht, entsteht in uns der
Trieb der Erkenntnis.
- Wesen ohne Denken haben diesen Trieb nicht.
- Wenn sich ihnen andere Dinge gegenüberstellen, so sind
dadurch keine Fragen gegeben.
- Diese anderen Dinge bleiben solchen Wesen äußerlich.
- Bei denkenden Wesen stößt dem Außendinge gegenüber der
Begriff auf.
- Er ist dasjenige, was wir von dem Dinge nicht von außen,
sondern von innen empfangen.
- Den Ausgleich, die Vereinigung der beiden Elemente, des
inneren und des äußeren, soll die Erkenntnis
liefern.
- Die Wahrnehmung ist also nichts Fertiges,
Abgeschlossenes, sondern die eine Seite der totalen Wirklichkeit.
- Die andere Seite ist der Begriff.
- Der Erkenntnisakt ist die Synthese von Wahrnehmung und
Begriff.
- Wahrnehmung und Begriff eines Dinges machen aber erst das
ganze Ding aus.
- Die vorangehenden Ausführungen liefern den Beweis, daß es
ein Unding ist, etwas anderes Gemeinsames in den Einzelwesen der Welt zu
suchen, als den ideellen Inhalt, den uns das Denken darbietet.
- Alle Versuche müssen scheitern, die nach einer anderen
Welteinheit streben als nach diesem in sich zusammenhängenden ideellen Inhalt,
welchen wir uns durch denkende Betrachtung unserer Wahrnehmungen erwerben.
- Nicht ein menschlich-persönlicher Gott, nicht Kraft oder
Stoff, noch der ideenlose Wille (Schopenhauers) können uns als eine universelle
Welteinheit gelten.
- Diese Wesenheiten gehören sämtlich nur einem beschränkten
Gebiet unserer Beobachtung an.
- Menschlich begrenzte Persönlichkeit nehmen wir nur an
uns, Kraft und Stoff an den Außendingen wahr.
- Was den Willen betrifft, so kann er nur als die
Tätigkeitsäußerung unserer beschränkten Persönlichkeit gelten.
- Schopenhauer
will es vermeiden, das «abstrakte» Denken zum Träger der
Welteinheit zu machen und sucht statt dessen etwas, das sich ihm unmittelbar
als ein Reales darbietet.
- Dieser Philosoph glaubt, daß wir der Welt nimmermehr
beikommen, wenn wir sie als Außenwelt ansehen.
- «In der Tat würde die nachgeforschte Bedeutung der mir
lediglich als meine Vorstellung gegenüberstehenden Welt, oder der Übergang von
ihr, als bloßer Vorstellung des erkennenden Subjekts, zu dem, was sie noch
außerdem sein mag, nimmermehr zu finden sein, wenn der Forscher selbst nichts
weiter als das rein erkennende Subjekt (geflügelter Engelskopf ohne Leib) wäre.
- Nun aber wurzelt er selbst in jener Welt, findet sich
nämlich in ihr als Individuum, das
heißt sein Erkennen, welches der bedingende Träger der ganzen Welt als
Vorstellung ist, ist dennoch durchaus vermittelt durch einen Leib, dessen
Affektionen, wie gezeigt, dem Verstande der Ausgangspunkt der Anschauung jener
Welt sind.
- Dieser Leib ist dem rein erkennenden Subjekt als solchem
eine Vorstellung wie jede andere, ein Objekt unter Objekten: die Bewegungen,
die Aktionen desselben sind ihm insoweit nicht anders als wie die Veränderungen
aller anderen anschaulichen Objekte bekannt, und wären ihm ebenso fremd und
unverständlich, wenn die Bedeutung derselben ihm nicht etwa auf eine ganz
andere Art enträtselt wäre. ...
- Dem Subjekt des Erkennens, welches durch seine Identität
mit dem Leibe als Individuum auftritt, ist dieser Leib auf zwei ganz
verschiedene Weisen gegeben: einmal als Vorstellung in verständiger Anschauung,
als Objekt unter Objekten, und dem Gesetzen dieser unterworfen; sodann aber
auch zugleich auf eine ganz andere Weise, nämlich als jenes jedem unmittelbar
Bekannte, welches das Wort Wille bezeichnet.
- Jeder wahre Akt seines Willens ist sofort und
unausbleiblich auch eine Bewegung seines Leibes: er kann den Akt nicht wirklich
wollen, ohne zugleich wahrzunehmen, daß er als Bewegung des Leibes erscheint.
- Der Willensakt und die Aktion des Leibes sind nicht zwei
objektiv erkannte verschiedene Zustände, die das Band der Kausalität verknüpft,
stehen nicht im Verhältnis der Ursache und Wirkung; sondern sie sind eines und
dasselbe, nur auf zwei gänzlich verschiedene Weisen gegeben: einmal ganz
unmittelbar und einmal in der Anschauung für den Verstand.»
- Durch diese
Auseinandersetzungen glaubt sich Schopenhauer
berechtigt, in dem Leibe des Menschen die «Objektität» des Willens zu
finden.
- Er ist der Meinung, in den Aktionen des Leibes unmittelbar eine Realität, das Ding an
sich in concreto zu fühlen.
- Gegen diese Ausführungen muß eingewendet werden, daß uns
die Aktionen unseres Leibes nur durch Selbstwahrnehmungen zum Bewußtsein kommen
und als solche nichts voraus haben vor anderen Wahrnehmungen.
- Wenn wir ihre Wesenheit erkennen wollen, so können wir dies nur durch denkende Betrachtung, das heißt durch Eingliederung derselben in
das ideelle System unserer Begriffe und Ideen.
- Am tiefsten eingewurzelt in das naive Menschheitsbewußtsein
ist die Meinung: das Denken sei abstrakt, ohne allen konkreten Inhalt.
- Es könne höchstens ein «ideelles» Gegenbild der
Welteinheit liefern, nicht etwa diese selbst.
- Wer so urteilt, hat sich niemals klar gemacht, was die
Wahrnehmung ohne den Begriff ist.
- Sehen wir uns nur diese Welt der Wahrnehmung an: als ein
bloßes Nebeneinander im Raum und Nacheinander in der Zeit, ein Aggregat
zusammenhangloser Einzelheiten erscheint sie.
- Keines der Dinge, die da auftreten und abgehen auf der
Wahrnehmungsbühne, hat mit dem andern unmittelbar etwas zu tun, was sich
wahrnehmen läßt.
- Die Welt ist da eine Mannigfaltigkeit von gleichwertigen
Gegenständen.
- Keiner spielt eine größere Rolle als der andere im
Getriebe der Welt.
- Soll uns klar werden, daß diese oder jene Tatsache
größere Bedeutung hat als die andere, so müssen wir unser Denken befragen.
- Ohne das funktionierende Denken erscheint uns das
rudimentäre Organ des Tieres, das ohne Bedeutung für dessen Leben ist,
gleichwertig mit dem wichtigsten Körpergliede.
- Die einzelnen Tatsachen treten in ihrer Bedeutung in sich
und für die übrigen Teile der Welt erst hervor, wenn das Denken seine Fäden
zieht von Wesen zu Wesen.
- Diese Tätigkeit des Denkens ist eine inhaltvolle.
- Denn nur durch einen ganz bestimmten konkreten Inhalt
kann ich wissen, warum die Schnecke auf einer niedrigeren Organisationsstufe
steht als der Löwe.
- Der bloße Anblick, die Wahrnehmung gibt mir keinen
Inhalt, der mich über die Vollkommenheit der Organisation belehren könnte.
- Diesen Inhalt bringt das Denken
der Wahrnehmung aus der Begriffs- und Ideenwelt des Menschen entgegen.
- Im Gegensatz zum Wahrnehmungsinhalte, der uns von außen
gegeben ist, erscheint der Gedankeninhalt im Innern.
- Die Form, in der er zunächst auftritt, wollen wir als Intuition bezeichnen.
- Sie ist für das Denken, was die Beobachtung für die Wahrnehmung ist.
- Intuition und Beobachtung sind die Quellen unserer
Erkenntnis.
- Wir stehen einem beobachteten Dinge der Welt so lange
fremd gegenüber, so lange wir in unserem Innern nicht die entsprechende
Intuition haben, die uns das in der Wahrnehmung fehlende Stück der Wirklichkeit
ergänzt.
- Wer nicht die Fähigkeit hat, die den Dingen
entsprechenden Intuitionen zu finden, dem bleibt die volle Wirklichkeit
verschlossen.
- Wie der Farbenblinde nur Helligkeitsunterschiede ohne
Farbenqualitäten sieht, so kann der Intuitionslose nur unzusammenhängende
Wahrnehmungsfragmente beobachten.
- Ein Ding erklären,
verständlich machen heißt nichts anderes, als es in den Zusammenhang hinein
versetzen, aus dem es durch die oben geschilderte Einrichtung unserer
Organisation herausgerissen ist.
- Ein von dem Weltganzen abgetrenntes Ding gibt es nicht.
- Alle Sonderung hat bloß subjektive Geltung für unsere
Organisation.
- Für uns legt sich das Weltganze auseinander in: oben und
unten, vor und nach, Ursache und Wirkung, Gegenstand und Vorstellung, Stoff und
Kraft, Objekt und Subjekt usw. Was uns in der Beobachtung an Einzelheiten
gegenübertritt, das verbindet sich durch die zusammenhängende, einheitliche
Welt unserer Intuitionen Glied für Glied; und wir fügen durch das Denken alles
wieder in eins zusammen, was wir durch das Wahrnehmen getrennt haben.
- Die Rätselhaftigkeit eines Gegenstandes liegt in seinem
Sonderdasein.
- Diese ist aber von uns hervorgerufen und kann, innerhalb
der Begriffswelt, auch wieder aufgehoben werden.
- Außer durch Denken und Wahrnehmen ist uns direkt nichts
gegeben.
- Es entsteht nun die Frage: wie steht es gemäß unseren
Ausführungen mit der Bedeutung der Wahrnehmung?
- Wir haben zwar erkannt, daß der Beweis, den der kritische
Idealismus für die subjektive Natur der Wahrnehmungen vorbringt, in sich
zerfällt; aber mit der Einsicht in die Unrichtigkeit des Beweises ist noch
nicht ausgemacht, daß die Sache selbst auf einem Irrtume beruht.
- Der kritische Idealismus geht in seiner Beweisführung
nicht von der absoluten Natur des Denkens aus, sondern stützt sich darauf, daß
der naive Realismus, konsequent verfolgt, sich selbst aufhebe.
- Wie stellt sich die Sache, wenn die Absolutheit des
Denkens erkannt ist?
- Nehmen wir an, es trete eine bestimmte Wahrnehmung, zum
Beispiel Rot, in meinem Bewußtsein auf.
- Die Wahrnehmung erweist sich bei fortgehender Betrachtung
in Zusammenhang stehend mit anderen Wahrnehmungen, zum Beispiel einer
bestimmten Figur, mit gewissen Temperatur- und Tastwahrnehmungen.
- Diesen Zusammenhang bezeichne ich als einen Gegenstand
der Sinnenwelt.
- Ich kann mich nun fragen: was findet sich außer dem
angeführten noch in jenem Raumausschnitte, in dem mir obige Wahrnehmungen
erscheinen.
- Ich werde mechanische, chemische und andere Vorgänge
innerhalb des Raumteiles finden.
- Nun gehe ich weiter und untersuche die Vorgänge, die ich
auf dem Wege von dem Gegenstande zu meinem Sinnesorgane finde.
- Ich kann Bewegungsvorgänge in einem elastischen Mittel
finden, die ihrer Wesenheit nach nicht das geringste mit den ursprünglichen
Wahrnehmungen gemein haben.
- Das gleiche Resultat erhalte ich, wenn ich die weitere
Vermittelung vom Sinnesorgane zum Gehirn untersuche.
- Auf jedem dieser Gebiete mache ich neue Wahrnehmungen;
aber was als bindendes Mittel sich durch alle diese räumlich und zeitlich
auseinanderliegenden Wahrnehmungen hindurchwebt, das ist das Denken.
- Die den Schall vermittelnden Schwingungen der Luft sind
mir gerade so als Wahrnehmungen gegeben wie der Schall selbst.
- Nur das Denken gliedert alle diese Wahrnehmungen
aneinander und zeigt sie in ihren gegenseitigen Beziehungen.
- Wir können nicht davon sprechen, daß es außer dem
unmittelbar Wahrgenommenen noch anderes gibt, als dasjenige, was durch die
ideellen (durch das Denken aufzudeckenden) Zusammenhänge der Wahrnehmungen
erkannt wird.
- Die über das bloß Wahrgenommene hinausgehende Beziehung
der Wahrnehmungsobjekte zum Wahrnehmungssubjekte ist also eine bloß ideelle,
das heißt nur durch Begriffe ausdrückbare.
- Nur in dem Falle, wenn ich wahrnehmen könnte, wie das
Wahrnehmungsobjekt das Wahrnehmungssubjekt affiziert, oder umgekehrt, wenn ich
den Aufbau des Wahrnehmungsgebildes durch das Subjekt beobachten könnte, wäre
es möglich, so zu sprechen, wie es die moderne Physiologie und der auf sie
gebaute kritische Idealismus tun.
- Diese Ansicht verwechselt einen ideellen Bezug (des
Objekts auf das Subjekt) mit einem Prozeß, von dem nur gesprochen werden
könnte, wenn er wahrzunehmen wäre.
- Der Satz «Keine Farbe ohne farbenempfindendes Auge» kann
daher nicht die Bedeutung haben, daß das Auge die Farbe hervorbringt, sondern
nur die, daß ein durch das Denken erkennbarer ideeller Zusammenhang besteht
zwischen der Wahrnehmung Farbe und der Wahrnehmung Auge.
- Die empirische Wissenschaft wird festzustellen haben, wie
sich die Eigenschaften des Auges und die der Farben zueinander verhalten; durch
welche Einrichtungen das Sehorgan die Wahrnehmung der Farben vermittelt usw.
- Ich kann verfolgen, wie eine Wahrnehmung auf die andere
folgt, wie sie räumlich mit andern in Beziehung steht; und dies dann in einen
begrifflichen Ausdruck bringen; aber ich kann nicht wahrnehmen, wie eine
Wahrnehmung aus dem Unwahrnehmbaren hervorgeht.
- Alle Bemühungen, zwischen den Wahrnehmungen andere als
Gedankenbezüge zu suchen, müssen notwendig scheitern.
- Was ist also die Wahrnehmung?
- Diese Frage ist, im allgemeinen gestellt, absurd.
- Die Wahrnehmung tritt immer als eine ganz bestimmte, als
konkreter Inhalt auf.
- Dieser Inhalt ist unmittelbar gegeben, und erschöpft sich
in dem Gegebenen.
- Man kann in bezug auf dieses Gegebene nur fragen, was es
außerhalb der Wahrnehmung, das ist: für das Denken ist.
- Die Frage nach dem «Was» einer Wahrnehmung kann also nur
auf die begriffliche Intuition gehen, die ihr entspricht.
- Unter diesem Gesichtspunkte kann die Frage nach der
Subjektivität der Wahrnehmung im Sinne des kritischen Idealismus gar nicht
aufgeworfen werden.
- Als subjektiv darf nur bezeichnet werden, was als zum
Subjekte gehörig wahrgenommen wird.
- Das Band zu bilden zwischen Subjektivem und Objektivem
kommt keinem im naiven Sinn realen Prozeß, das heißt einem wahrnehmbaren
Geschehen zu, sondern allein dem Denken.
- Es ist also für uns objektiv, was sich für die
Wahrnehmung als außerhalb des Wahrnehmungssubjektes gelegen darstellt.
- Mein Wahrnehmungssubjekt bleibt für mich wahrnehmbar,
wenn der Tisch, der soeben vor mir steht, aus dem Kreise meiner Beobachtung
verschwunden sein wird.
- Die Beobachtung des Tisches hat eine, ebenfalls
bleibende, Veränderung in mir hervorgerufen.
- Ich behalte die Fähigkeit zurück, ein Bild des Tisches
später wieder zu erzeugen.
- Diese Fähigkeit der Hervorbringung eines Bildes bleibt
mit mir verbunden.
- Die Psychologie bezeichnet dieses Bild als
Erinnerungsvorstellung.
- Es ist aber dasjenige, was allein mit Recht Vorstellung des Tisches genannt werden
kann.
- Es entspricht dies nämlich der wahrnehmbaren Veränderung
meines eigenen Zustandes durch die Anwesenheit des Tisches in meinem
Gesichtsfelde.
- Und zwar bedeutet sie nicht die Veränderung irgendeines
hinter dem Wahrnehmungssubjekte stehenden
- «Ich an sich», sondern die Veränderung des wahrnehmbaren
Subjektes selbst.
- Die Vorstellung ist also eine subjektive Wahrnehmung im
Gegensatz zur objektiven Wahrnehmung bei Anwesenheit des Gegenstandes im
Wahrnehmungshorizonte.
- Das Zusammenwerfen jener subjektiven mit dieser
objektiven Wahrnehmung führt zu dem Mißverständnisse des Idealismus: die Welt
ist meine Vorstellung.
- Es wird sich nun zunächst darum handeln, den Begriff der
Vorstellung näher zu bestimmen.
- Was wir bisher über sie vorgebracht haben, ist nicht der
Begriff derselben, sondern weist nur den Weg, wo sie im Wahrnehmungsfelde zu
finden ist.
- Der genaue Begriff der Vorstellung wird es uns dann auch
möglich machen, einen befriedigenden Aufschluß über das Verhältnis von
Vorstellung und Gegenstand zu gewinnen.
- Dies wird uns dann auch über die Grenze führen, wo das
Verhältnis zwischen menschlichem Subjekt und der Welt angehörigem Objekt von
dem rein begrifflichen Felde des Erkennens hinabgeführt wird in das konkrete
individuelle Leben.
- Wissen wir erst, was wir von der Welt zu halten haben,
dann wird es ein leichtes sein, auch uns danach einzurichten.
- Wir können erst mit voller Kraft tätig sein, wenn wir das
der Welt angehörige Objekt kennen, dem wir unsere Tätigkeit widmen.
-
- Zusatz zur
Neuausgabe 1918
- Die Anschauung, die hier gekennzeichnet ist, kann als
eine solche angesehen werden, zu welcher der Mensch wie naturgemäß zunächst
getrieben wird, wenn er beginnt, über sein Verhältnis zur Welt nachzudenken.
- Er sieht sich da in eine Gedankengestaltung verstrickt,
die sich ihm auflöst, indem er sie bildet.
- Diese Gedankengestaltung ist eine solche, mit deren
bloßer theoretischer Widerlegung nicht alles für sie Notwendige getan ist.
- Man muß sie durchleben,
um aus der Einsicht in die Verirrung, in die sie führt, den Ausweg zu finden.
- Sie muß in einer Auseinandersetzung über das Verhältnis
des Menschen zur Welt erscheinen nicht darum, weil man andere widerlegen will,
von denen man glaubt, daß sie über dieses Verhältnis eine unrichtige Ansicht
haben, sondern weil man kennen muß, in welche Verwirrung sich jedes erste
Nachdenken über ein solches Verhältnis bringen kann.
- Man muß die Einsicht
gewinnen, wie man sich selbst in
bezug auf dieses erste Nachdenken widerlegt.
- Von einem solchen Gesichts punkte aus sind die obigen
Ausführungen gemeint.
- Wer sich eine Anschauung über das Verhältnis des Menschen
zur Welt erarbeiten will, wird sich bewußt, daß er mindestens einen Teil dieses
Verhältnisses dadurch herstellt, daß er sich über die Weltdinge und
Weltvorgänge Vorstellungen macht.
- Dadurch wird sein Blick von dem, was draußen in der Welt ist, abgezogen und auf seine Innenwelt, auf
sein Vorstellungsleben gelenkt.
- Er beginnt sich zu sagen: ich kann zu keinem Ding und zu
keinem Vorgang eine Beziehung haben, wenn nicht in mir eine Vorstellung
auftritt.
- Von dem Bemerken dieses Tatbestandes ist dann nur ein
Schritt zu der Meinung: ich erlebe aber doch nur meine Vorstellungen; von einer
Welt draußen weiß ich nur, insofern sie Vorstellung in mir ist.
- Mit dieser Meinung ist der naive Wirklichkeitsstandpunkt
verlassen, den der Mensch vor allem Nachsinnen über sein Verhältnis zur Welt
einnimmt.
- Von diesem Standpunkt aus glaubt er, er habe es mit den
wirklichen Dingen zu tun.
- Von diesem Standpunkt drängt die Selbstbesinnung ab.
- Sie läßt den Menschen gar nicht hinblicken auf eine
Wirklichkeit, wie sie das naive Bewußtsein vor sich zu haben meint.
- Sie läßt ihn bloß auf seine Vorstellungen blicken; diese schieben sich ein zwischen die
eigene Wesenheit und eine etwa wirkliche Welt, wie sie der naive Standpunkt
glaubt behaupten zu dürfen.
- Der Mensch kann nicht mehr durch die eingeschobene
Vorstellungswelt auf eine solche Wirklichkeit schauen.
- Er muß annehmen: er sei blind für diese Wirklichkeit.
- So entsteht der Gedanke von einem für die Erkenntnis
unerreichbaren «Ding an sich».
- — Solange man bei der Betrachtung des Verhältnisses
stehenbleibt, in das der Mensch durch sein Vorstellungsleben mit der Welt zu
treten scheint, wird man dieser Gedankengestaltung nicht entgehen können.
- Auf dem naiven Wirklichkeitsstandpunkt kann man nicht
bleiben, wenn man sich dem Drang nach Erkenntnis nicht künstlich verschließen
will.
- Daß dieser Drang nach Erkenntnis des Verhältnisses von
Mensch und Welt vorhanden ist, zeigt, daß dieser naive Standpunkt verlassen
werden muß.
- Gäbe der naive Standpunkt etwas, was man als Wahrheit
anerkennen kann, so könnte man diesen Drang nicht empfinden.
- — Aber man kommt nun nicht zu etwas anderem, das man als
Wahrheit ansehen könnte, wenn man bloß den naiven Standpunkt verläßt, aber —
ohne es zu bemerken — die Gedankenart beibehält, die er aufnötigt.
- Man verfällt in einen solchen Fehler, wenn man sich sagt:
ich erlebe nur meine Vorstellungen, und während ich glaube, ich habe es mit
Wirklichkeiten zu tun, sind mir nur meine Vorstellungen von Wirklichkeiten
bewußt; ich muß deshalb annehmen, daß außerhalb des Umkreises meines
Bewußtseins erst wahre Wirklichkeiten, «Dinge an sich» liegen, von denen ich
unmittelbar gar nichts weiß, die irgendwie an mich herankommen und mich so
beeinflussen, daß in mir meine Vorstellungswelt auflebt.
- Wer so denkt, der setzt in Gedanken zu der ihm
vorliegenden Welt nur eine andere hinzu; aber er müßte bezüglich dieser Welt
eigentlich mit seiner Gedankenarbeit wieder von vorne beginnen.
- Denn das unbekannte «Ding an sich» wird dabei gar nicht
anders gedacht in seinem Verhältnisse zur Eigenwesenheit des Menschen als das
bekannte des naiven Wirklichkeitsstandpunktes.
- — Man entgeht der Verwirrung, in die man durch die
kritische Besonnenheit in bezug auf diesen Standpunkt gerät, nur, wenn man
bemerkt, daß es innerhalb dessen, was
man innen in sich und außen in der Welt wahrnehmend erleben kann, etwas gibt,
das dem Verhängnis gar nicht verfallen kann, daß sich zwischen Vorgang und
betrachtenden Menschen die Vorstellung einschiebt.
- Und dieses ist
das Denken.
- Dem Denken gegenüber kann
der Mensch auf dem naiven Wirklichkeitsstandpunkt verbleiben.
- Tut er es nicht, so geschieht das nur deshalb, weil er
bemerkt hat, daß er für anderes diesen Standpunkt verlassen muß, aber nicht
gewahr wird, daß die so gewonnene Einsicht nicht anwendbar auf das Denken ist.
- Wird er dies gewahr, dann eröffnet er sich den Zugang zu
der anderen Einsicht, daß im Denken
und durch das Denken dasjenige
erkannt werden muß, wofür sich der Mensch blind zu machen scheint, indem er
zwischen der Welt und sich das Vorstellungsleben einschieben muß.
- — Von durch den Verfasser dieses Buches sehr geschätzter
Seite ist diesem der Vorwurf gemacht worden, daß er mit seiner Ausführung über
das Denken bei einem naiven Realismus des Denkens stehenbleibe, wie ein solcher
vorliege, wenn man die wirkliche Welt und die vorgestellte Welt für eines hält.
- Doch der Verfasser dieser Ausführungen glaubt eben in
ihnen erwiesen zu haben, daß die Geltung dieses «naiven Realismus» für das Denken sich aus einer
unbefangenen Beobachtung desselben notwendig ergibt; und daß der für anderes
nicht geltende naive Realismus durch die Erkenntnis der wahren Wesenheit des
Denkens überwunden wird.
-
- Kapitel
6 - Die menschliche Individualität
- Die Hauptschwierigkeit bei der Erklärung der
Vorstellungen wird von den Philosophen in dem Umstande gefunden, daß wir die
äußeren Dinge nicht selbst sind, und unsere Vorstellungen doch eine den Dingen
entsprechende Gestalt haben sollen.
- Bei genauerem Zusehen stellt sich aber heraus, daß diese
Schwierigkeit gar nicht besteht.
- Die äußeren Dinge sind wir allerdings nicht, aber wir
gehören mit den äußeren Dingen zu ein und derselben Welt.
- Der Ausschnitt aus der Welt, den ich als mein Subjekt
wahrnehme, wird von dem Strome des allgemeinen Weltgeschehens durchzogen.
- Für mein Wahrnehmen bin ich zunächst innerhalb der
Grenzen meiner Leibeshaut eingeschlossen.
- Aber was da drinnen steckt in dieser Leibeshaut, gehört
zu dem Kosmos als einem Ganzen.
- Damit also eine Beziehung bestehe zwischen meinem
Organismus und dem Gegenstande außer mir, ist es gar nicht nötig, daß etwas von
dem Gegenstande in mich hereinschlüpfe oder in meinen Geist einen Eindruck
mache, wie ein Siegelring in Wachs.
- Die Frage: wie bekomme ich Kunde von dem Baume, der zehn
Schritte von mir entfernt steht, ist völlig schief gestellt.
- Sie entspringt aus der Anschauung, daß meine
Leibesgrenzen absolute Scheidewände seien, durch die die Nachrichten von den
Dingen in mich hereinwandern.
- Die Kräfte, welche innerhalb meiner Leibeshaut wirken,
sind die gleichen wie die außerhalb bestehenden.
- Ich bin also wirklich die Dinge; allerdings nicht Ich,
insoferne ich Wahrnehmungssubjekt bin, aber ich, insofern ich ein Teil
innerhalb des allgemeinen Weltgeschehens bin.
- Die Wahrnehmung des Baumes liegt mit meinem Ich in
demselben Ganzen.
- Dieses allgemeine Weltgeschehen ruft in gleichem Maße
dort die Wahrnehmung des Baumes hervor, wie hier die Wahrnehmung meines Ich.
- Wäre ich nicht Welterkenner, sondern Weltschöpfer, so
entstünde Objekt und Subjekt (Wahrnehmung und Ich) in einem Akte.
- Denn sie bedingen einander gegenseitig.
- Als Welterkenner kann ich das Gemeinsame der beiden als
zusammengehöriger Wesenseiten nur durch Denken finden, das durch Begriffe beide
aufeinander bezieht.
- Am schwierigsten aus dem Felde zu schlagen werden die
sogenannten physiologischen Beweise für die Subjektivität unserer Wahrnehmungen
sein.
- Wenn ich einen Druck auf die Haut meines Körpers
ausführe, so nehme ich ihn als Druckempfindung wahr.
- Denselben Druck kann ich durch das Auge als Licht, durch
das Ohr als Ton wahrnehmen.
- Einen elektrischen Schlag nehme ich durch das Auge als
Licht, durch das Ohr als Schall, durch die Hautnerven als Stoß, durch das
Geruchsorgan als Phosphorgeruch wahr.
- Was folgt aus dieser Tatsache?
- Nur dieses: Ich nehme einen elektrischen Schlag wahr
(respektive einen Druck) und darauf eine Lichtqualität, oder einen Ton
beziehungsweise einen gewissen Geruch und so weiter.
- Wenn kein Auge da wäre, so gesellte sich zu der
Wahrnehmung der mechanischen Erschütterung in der Umgebung nicht die
Wahrnehmung einer Lichtqualität, ohne die Anwesenheit eines Gehörorgans keine
Tonwahrnehmung usw.
- Mit welchem Rechte kann man sagen, ohne
Wahrnehmungsorgane wäre der ganze Vorgang nicht vorhanden?
- Wer von dem Umstande, daß ein elektrischer Vorgang im
Auge Licht hervorruft, zurückschließt: also ist das, was wir als Licht
empfinden, außer unserem Organismus nur ein mechanischer Bewegungsvorgang, —
der vergißt, daß er nur von einer Wahrnehmung auf die andere übergeht und
durchaus nicht auf etwas außerhalb der Wahrnehmung.
- Ebensogut wie man sagen kann: das Auge nimmt einen
mechanischen Bewegungsvorgang seiner Umgebung als Licht wahr, ebenso gut kann
man behaupten: eine gesetzmäßige Veränderung eines Gegenstandes wird von uns
als Bewegungsvorgang wahrgenommen.
- Wenn ich auf den Umfang einer rotierenden Scheibe ein
Pferd zwölfmal male, und zwar genau in den Gestalten, die sein Körper im
fortgehenden Laufe annimmt, so kann ich durch Rotieren der Scheibe den Schein
der Bewegung hervorrufen.
- Ich brauche nur durch eine Öffnung zu blicken und zwar
so, daß ich in den entsprechenden Zwischenzeiten die aufeinanderfolgenden
Stellungen des Pferdes sehe.
- Ich sehe nicht zwölf Pferdebilder, sondern das Bild eines
dahineilenden Pferdes.
- Die erwähnte physiologische Tatsache kann also kein Licht
auf das Verhältnis von Wahrnehmung und Vorstellung werfen.
- Wir müssen uns auf andere Weise zurechtfinden.
- In dem Augenblicke, wo eine
Wahrnehmung in meinem Beobachtungshorizonte auftaucht, betätigt sich durch mich
auch das Denken.
- Ein Glied in meinem Gedankensysteme, eine bestimmte
Intuition, ein Begriff verbindet sich mit der Wahrnehmung.
- Wenn dann die Wahrnehmung aus meinem Gesichtskreise
verschwindet: was bleibt zurück?
- Meine Intuition mit der Beziehung auf die bestimmte
Wahrnehmung, die sich im Momente des Wahrnehmens gebildet hat.
- Mit welcher Lebhaftigkeit ich dann später diese Beziehung
mir wieder vergegenwärtigen kann, das hängt von der Art ab, in der mein
geistiger und körperlicher Organismus funktioniert.
- Die Vorstellung ist
nichts anderes als eine auf eine bestimmte Wahrnehmung bezogene Intuition, ein
Begriff, der einmal mit einer Wahrnehmung verknüpft war, und dem der Bezug auf
diese Wahrnehmung geblieben ist.
- Mein Begriff eines Löwen ist nicht aus meinen Wahrnehmungen von Löwen gebildet.
- Wohl aber ist meine Vorstellung vom Löwen an der Wahrnehmung gebildet.
- Ich kann jemandem den Begriff eines Löwen beibringen, der
nie einen Löwen gesehen hat.
- Eine lebendige Vorstellung ihm beizubringen, wird mir
ohne sein eigenes Wahrnehmen nicht gelingen.
- Die Vorstellung ist also ein individualisierter Begriff.
- Und nun ist es uns erklärlich, daß für uns die Dinge der
Wirklichkeit durch Vorstellungen repräsentiert werden können.
- Die volle Wirklichkeit eines Dinges ergibt sich uns im
Augenblicke der Beobachtung aus dem Zusammengehen von Begriff und Wahrnehmung.
- Der Begriff erhält durch eine Wahrnehmung eine
individuelle Gestalt, einen Bezug zu dieser bestimmten Wahrnehmung.
- In dieser individuellen Gestalt, die den Bezug auf die
Wahrnehmung als eine Eigentümlichkeit in sich trägt, lebt er in uns fort und
bildet die Vorstellung des betreffenden Dinges.
- Treffen wir auf ein zweites Ding, mit dem sich derselbe
Begriff verbindet, so erkennen wir es mit dem ersten als zu derselben Art
gehörig; treffen wir dasselbe Ding ein zweites Mal wieder, so finden wir in
unserem Begriffssysteme nicht nur überhaupt einen entsprechenden Begriff,
sondern den individualisierten Begriff mit dem ihm eigentümlichen Bezug auf
denselben Gegenstand, und wir erkennen den Gegenstand wieder.
- Die Vorstellung steht also zwischen Wahrnehmung und
Begriff.
- Sie ist der bestimmte, auf die Wahrnehmung deutende
Begriff.
- Die Summe desjenigen, worüber ich Vorstellungen bilden
kann, darf ich meine Erfahrung nennen.
- Derjenige Mensch wird die reichere Erfahrung haben, der
eine größere Zahl individualisierter Begriffe hat.
- Ein Mensch, dem jedes Intuitionsvermögen fehlt, ist nicht
geeignet, sich Erfahrung zu erwerben.
- Er verliert die Gegenstände wieder aus seinem
Gesichtskreise, weil ihm die Begriffe fehlen, die er zu ihnen in Beziehung
setzen soll.
- Ein Mensch mit gut entwickeltem Denkvermögen, aber mit
einem infolge grober Sinneswerkzeuge schlecht funktionierenden Wahrnehmen, wird
ebensowenig Erfahrung sammeln können.
- Er kann sich zwar auf irgendeine Weise Begriffe erwerben;
aber seinen Intuitionen fehlt der lebendige Bezug auf bestimmte Dinge.
- Der gedankenlose Reisende und der in abstrakten
Begriffssystemen lebende Gelehrte sind gleich unfähig, sich eine reiche
Erfahrung zu erwerben.
- Als Wahrnehmung und Begriff stellt sich uns die
Wirklichkeit, als Vorstellung die subjektive Repräsentation dieser Wirklichkeit
dar.
- Wenn sich unsere Persönlichkeit bloß als erkennend äußerte,
so wäre die Summe alles Objektiven in Wahrnehmung, Begriff und Vorstellung
gegeben.
- Wir begnügen uns aber nicht damit, die Wahrnehmung mit
Hilfe des Denkens auf den Begriff zu beziehen, sondern wir beziehen sie auch
auf unsere besondere Subjektivität, auf unser individuelles Ich.
- Der Ausdruck dieses individuellen Bezuges ist das Gefühl,
das sich als Lust oder Unlust auslebt.
- Denken und Fühlen entsprechen der Doppelnatur
unseres Wesens, der wir schon gedacht haben.
- Das Denken ist
das Element, durch das wir das allgemeine Geschehen des Kosmos mitmachen; das Fühlen das, wodurch wir uns in die Enge
des eigenen Wesens zurückziehen können.
- Unser Denken verbindet uns mit der Welt; unser Fühlen
führt uns in uns selbst zurück, macht uns erst zum Individuum.
- Wären wir bloß denkende und wahrnehmende Wesen, so müßte
unser ganzes Leben in unterschiedloser Gleichgültigkeit dahinfließen.
- Wenn wir uns bloß als Selbst erkennen könnten, so wären wir uns vollständig gleichgültig.
- Erst dadurch, daß wir mit der Selbsterkenntnis das
Selbstgefühl, mit der Wahrnehmung der Dinge Lust und Schmerz empfinden, leben
wir als individuelle Wesen, deren Dasein nicht mit dem Begriffsverhältnis
erschöpft ist, in dem sie zu der übrigen Welt stehen, sondern die noch einen
besonderen Wert für sich haben.
- Man könnte versucht sein, in dem Gefühlsleben ein Element
zu sehen, das reicher mit Wirklichkeit gesättigt ist als das denkende
Betrachten der Welt.
- Darauf ist zu erwidern, daß das Gefühlsleben eben doch
nur für mein Individuum diese reichere Bedeutung hat.
- Für das Weltganze kann mein Gefühlsleben nur einen Wert
erhalten, wenn das Gefühl, als Wahrnehmung an meinem Selbst, mit einem Begriffe
in Verbindung tritt und sich auf diesem Umwege dem Kosmos eingliedert.
- Unser Leben ist ein fortwährendes Hin, und Herpendeln
zwischen dem Mitleben des allgemeinen Weltgeschehens und unserem individuellen
Sein.
- Je weiter wir hinaufsteigen in die allgemeine Natur des
Denkens, wo uns das Individuelle zuletzt nur mehr als Beispiel, als Exemplar
des Begriffes interessiert, desto mehr verliert sich in uns der Charakter des
besonderen Wesens, der ganz bestimmten einzelnen Persönlichkeit.
- Je weiter wir herabsteigen in die Tiefen des Eigenlebens
und unsere Gefühle mitklingen lassen mit den Erfahrungen der Außenwelt, desto
mehr sondern wir uns ab von dem universellen Sein.
- Eine wahrhafte Individualität wird derjenige sein, der am
weitesten hinaufreicht mit seinen Gefühlen in die Region des Ideellen.
- Es gibt Menschen, bei denen auch die allgemeinsten Ideen,
die in ihrem Kopfe sich festsetzen, noch jene besondere Färbung tragen, die sie
unverkennbar als mit ihrem Träger im Zusammenhange zeigt.
- Andere existieren, deren Begriffe so ohne jede Spur einer
Eigentümlichkeit an uns herankommen, als wären sie gar nicht aus einem Menschen
entsprungen, der Fleisch und Blut hat.
- Das Vorstellen gibt unserem Begriffsleben bereits ein
individuelles Gepräge.
- Jedermann hat ja einen eigenen Standort, von dem aus er
die Welt betrachtet.
- An seine Wahrnehmungen schließen sich seine Begriffe an.
- Er wird auf seine besondere Art die allgemeinen Begriffe
denken.
- Diese besondere Bestimmtheit ist ein Ergebnis unseres
Standortes in der Welt, der an unseren Lebensplatz sich anschließenden
Wahrnehmungssphäre.
- Dieser Bestimmtheit steht entgegen eine andere, von
unserer besonderen Organisation abhängige.
- Unsere Organisation ist ja eine spezielle, vollbestimmte
Einzelheit.
- Wir verbinden jeder besondere Gefühle, und zwar in den
verschiedensten Stärkegraden mit unseren Wahrnehmungen.
- Dies ist das Individuelle unserer Eigenpersönlichkeit.
- Es bleibt als Rest zurück, wenn wir die Bestimmtheiten
des Lebensschauplatzes alle in Rechnung gebracht haben.
- Ein völlig gedankenleeres Gefühlsleben müßte allmählich
allen Zusammenhang mit der Welt verlieren.
- Die Erkenntnis der Dinge wird bei dem auf Totalität
angelegten Menschen Hand in Hand gehen mit der Ausbildung und Entwickelung des
Gefühlslebens.
- Das Gefühl ist das Mittel, wodurch die Begriffe zunächst
konkretes Leben gewinnen.
-
- Kapitel
7 - Gibt es Grenzen des Erkennens?
- Wir haben festgestellt, daß die Elemente zur Erklärung
der Wirklichkeit den beiden Sphären: dem Wahrnehmen und dem Denken zu entnehmen
sind.
- Unsere Organisation bedingt es, wie wir gesehen haben,
daß uns die volle, totale Wirklichkeit, einschließlich unseres eigenen
Subjektes, zunächst als Zweiheit erscheint.
- Das Erkennen überwindet diese Zweiheit, indem es aus den
beiden Elementen der Wirklichkeit: der Wahrnehmung und dem durch das Denken
erarbeiteten Begriff das ganze Ding zusammenfügt.
- Nennen wir die Weise, in der uns die Welt entgegentritt,
bevor sie durch das Erkennen ihre rechte Gestalt gewonnen hat, die Welt der
Erscheinung im Gegensatz zu der aus Wahrnehmung und Begriff einheitlich
zusammengesetzten Wesenheit.
- Dann können wir sagen: Die Welt ist uns als Zweiheit
(dualistisch) gegeben, und das Erkennen verarbeitet sie zur Einheit
(monistisch).
- Eine Philosophie, welche von diesem Grundprinzip ausgeht,
kann als monistische Philosophie oder Monismus
bezeichnet werden.
- Ihr steht gegenüber die Zweiweltentheorie oder der Dualismus.
- Der letztere nimmt nicht etwa zwei bloß durch unsere
Organisation auseinandergehaltene Seiten der einheitlichen Wirklichkeit an,
sondern zwei voneinander absolut verschiedene Welten.
- Er sucht dann Erklärungsprinzipien für die eine Welt in
der andern.
- Der Dualismus beruht auf einer falschen Auffassung
dessen, was wir Erkenntnis nennen.
- Er trennt das gesamte Sein in zwei Gebiete, von denen
jedes seine eigenen Gesetze hat, und läßt diese Gebiete einander äußerlich
gegenüberstehen.
- Einem solchen Dualismus entspringt die durch Kant in die
Wissenschaft eingeführte und bis heute nicht wieder herausgebrachte
Unterscheidung von Wahrnehmungsobjekt und «Ding an sich».
- Unseren Ausführungen gemäß liegt es in der Natur unserer
geistigen Organisation, daß ein besonderes Ding, nur als Wahrnehmung gegeben
sein kann.
- Das Denken überwindet dann die Besonderung, indem es
jeder Wahrnehmung ihre gesetzmäßige Stelle im Weltganzen anweist.
- Solange die gesonderten Teile des Weltganzen als
Wahrnehmungen bestimmt werden, folgen wir einfach in der Aussonderung einem
Gesetze unserer Subjektivität.
- Betrachten wir aber die Summe aller Wahrnehmungen als den
einen Teil und stellen diesem dann einen zweiten in den
- «Dingen an sich» gegenüber, so philosophieren wir ins
Blaue hinein.
- Wir haben es dann mit einem bloßen Begriffsspiel zu tun.
- Wir konstruieren einen künstlichen Gegensatz, können aber
für das zweite Glied desselben keinen Inhalt gewinnen, denn ein solcher kann
für ein besonderes Ding nur aus der Wahrnehmung geschöpft werden.
- Jede Art des Seins, das außerhalb des Gebietes von
Wahrnehmung und Begriff angenommen wird, ist in die Sphäre der unberechtigten
Hypothesen zu verweisen.
- In diese Kategorie gehört das «Ding an sich».
- Es ist nur ganz natürlich, daß der dualistische Denker
den Zusammenhang des hypothetisch angenommenen Weltprinzipes und des
erfahrungsmäßig Gegebenen nicht finden kann.
- Für das hypothetische Weltprinzip läßt sich nur ein
Inhalt gewinnen, wenn man ihn aus der Erfahrungswelt entlehnt und sich über
diese Tatsache hinwegtäuscht.
- Sonst bleibt es ein inhaltsleerer Begriff, ein Unbegriff,
der nur die Form des Begriffes hat.
- Der dualistische Denker behauptet dann gewöhnlich: der
Inhalt dieses Begriffes sei unserer Erkenntnis unzugänglich; wir könnten nur
wissen, daß ein solcher Inhalt
vorhanden ist, nicht was vorhanden
ist.
- In beiden Fällen ist die Überwindung des Dualismus
unmöglich.
- Bringt man ein paar abstrakte Elemente der Erfahrungswelt
in den Begriff des Dinges an sich hinein, dann bleibt es doch unmöglich, das
reiche konkrete Leben der Erfahrung auf ein paar Eigenschaften zurückzuführen,
die selbst nur aus dieser Wahrnehmung entnommen sind.
- Du
Bois-Reymond denkt, daß die unwahrnehmbaren Atome der Materie durch
ihre Lage und Bewegung Empfindung und Gefühl erzeugen, um dann zu dem Schlusse
zu kommen: Wir können niemals zu einer befriedigenden Erklärung darüber kommen,
wie Materie und Bewegung Empfindung und Gefühl erzeugen, denn «es ist eben
durchaus und für immer unbegreiflich, daß es einer Anzahl von Kohlenstoff,
Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, usw. Atomen nicht sollte gleichgültig
sein, wie sie liegen und sich bewegen, wie sie lagen und sich bewegten, wie sie
liegen und sich bewegen werden.
- Es ist in keiner Weise einzusehen, wie aus ihrem
Zusammenwirken Bewußtsein entstehen könne».
- Diese Schlußfolgerung ist charakteristisch für die ganze
Denkrichtung.
- Aus der reichen Welt der Wahrnehmungen wird abgesondert:
Lage und Bewegung.
- Diese werden auf die erdachte Welt der Atome übertragen.
- Dann tritt die Verwunderung darüber ein, daß man aus
diesem selbstgemachten und aus der Wahrnehmungswelt entlehnten Prinzip das
konkrete Leben nicht herauswickeln kann.
- Daß der Dualist, der mit einem vollständig inhaltleeren
Begriff vom Ansich arbeitet, zu keiner Welterklärung kommen kann, folgt schon
aus der oben angegebenen Definition seines Prinzipes.
- In jedem Falle sieht sich der Dualist gezwungen, unserem
Erkenntnisvermögen unübersteigliche Schranken zu setzen.
- Der Anhänger einer monistischen Weltanschauung weiß, daß
alles, was er zur Erklärung einer ihm gegebenen Erscheinung der Welt braucht,
im Bereiche der letztem liegen müsse.
- Was ihn hindert, dazu zu gelangen, können nur zufällige
zeitliche oder räumliche Schranken oder Mängel seiner Organisation sein.
- Und zwar nicht der menschlichen Organisation im
allgemeinen, sondern nur seiner besonderen individuellen.
- Es folgt aus dem Begriffe des Erkennens, wie wir ihn
bestimmt haben, daß von Erkenntnisgrenzen nicht gesprochen werden kann.
- Das Erkennen ist keine allgemeine Weltangelegenheit,
sondern ein Geschäft, das der Mensch mit sich selbst abzumachen hat.
- Die Dinge verlangen keine Erklärung.
- Sie existieren und wirken aufeinander nach den Gesetzen,
die durch das Denken auffindbar sind.
- Sie existieren in unzertrennlicher Einheit mit diesen
Gesetzen.
- Da tritt ihnen unsere Ichheit gegenüber und erfaßt von
ihnen zunächst nur das, was wir als Wahrnehmung bezeichnet haben.
- Aber in dem Innern dieser Ichheit findet sich die Kraft,
um auch den andern Teil der Wirklichkeit zu finden.
- Erst wenn die Ichheit die beiden Elemente der
Wirklichkeit, die in der Welt unzertrennlich verbunden sind, auch für sich
vereinigt hat, dann ist die Erkenntnisbefriedigung eingetreten: das Ich ist
wieder bei der Wirklichkeit angelangt.
- Die Vorbedingungen zum Entstehen des Erkennens sind also durch und für das Ich.
- Das letztere gibt sich selbst die Fragen des Erkennens
auf.
- Und zwar entnimmt es sie aus dem in sich vollständig
klaren und durchsichtigen Elemente des Denkens.
- Stellen wir uns Fragen, die wir nicht beantworten können,
so kann der Inhalt der Frage nicht in allen seinen Teilen klar und deutlich
sein.
- Nicht die Welt stellt an uns die Fragen, sondern wir
selbst stellen sie.
- Ich kann mir denken, daß mir jede Möglichkeit fehlt, eine
Frage zu beantworten, die ich irgendwo aufgeschrieben finde, ohne daß ich die
Sphäre kenne, aus der der Inhalt der Frage genommen ist.
- Bei unserer Erkenntnis handelt es sich um Fragen, die uns
dadurch aufgegeben werden, daß einer durch Ort, Zeit und subjektive
Organisation bedingten Wahrnehmungssphäre eine auf die Allheit der Welt
weisende Begriffssphäre gegenübersteht.
- Meine Aufgabe besteht in dem Ausgleich dieser beiden mir
wohlbekannten Sphären.
- Von einer Grenze der Erkenntnis kann da nicht gesprochen
werden.
- Es kann zu irgendeiner Zeit dieses oder jenes
unaufgeklärt bleiben, weil wir durch den Lebensschauplatz verhindert sind, die
Dinge wahrzunehmen, die dabei im Spiele sind.
- Was aber heute nicht gefunden ist, kann es morgen werden.
- Die hierdurch bedingten Schranken sind nur vergängliche,
die mit dem Fortschreiten von Wahrnehmung und Denken überwunden werden können.
- Der Dualismus begeht den Fehler, daß er den Gegensatz von
Objekt und Subjekt, der nur innerhalb des Wahrnehmungsgebietes eine Bedeutung
hat, auf rein erdachte Wesenheiten außerhalb desselben überträgt.
- Da aber die innerhalb des Wahrnehmungshorizontes
gesonderten Dinge nur solange gesondert sind, als der Wahrnehmende sich des
Denkens enthält, das alle Sonderung aufhebt und als eine bloß subjektiv
bedingte erkennen läßt, so überträgt der Dualist Bestimmungen auf Wesenheiten
hinter den Wahrnehmungen, die selbst für diese keine absolute, sondern nur eine
relative Geltung haben.
- Er zerlegt dadurch die zwei für den Erkenntnisprozeß in
Betracht kommenden Faktoren, Wahrnehmung und Begriff, in vier: 1. Das Objekt an
sich; 2. die Wahrnehmung, die das Subjekt von dem Objekt hat; 3. das Subjekt;
4. den Begriff, der die Wahrnehmung auf das Objekt an sich bezieht.
- Die Beziehung zwischen dem Objekt und Subjekt ist eine reale; das Subjekt wird wirklich
(dynamisch) durch das Objekt beeinflußt.
- Dieser reale Prozeß soll nicht in unser Bewußtsein
fallen.
- Aber er soll im Subjekt eine Gegenwirkung auf die vom
Objekt ausgehende Wirkung hervorrufen.
- Das Resultat dieser Gegenwirkung soll die Wahrnehmung
sein.
- Diese falle erst ins Bewußtsein.
- Das Objekt habe eine objektive (vom Subjekt unabhängige),
die Wahrnehmung eine subjektive Realität.
- Diese subjektive Realität beziehe das Subjekt auf das
Objekt.
- Die letztere Beziehung sei eine ideelle.
- Der Dualismus spaltet somit den Erkenntnisprozeß in zwei
Teile.
- Den einen, Erzeugung des Wahrnehmungsobjektes aus dem
«Ding an sich», läßt er außerhalb,
den andern, Verbindung der Wahrnehmung mit dem Begriff und Beziehung desselben
auf das Objekt, innerhalb des Bewußtseins
sich abspielen.
- Unter diesen Voraussetzungen ist es klar, daß der Dualist
in seinen Begriffen nur subjektive Repräsentanten dessen zu gewinnen glaubt,
was vor seinem Bewußtsein liegt.
- Der objektiv-reale Vorgang im Subjekte, durch den die
Wahrnehmung zustande kommt, und um so mehr die objektiven Beziehungen der
«Dinge an sich» bleiben für einen solchen Dualisten direkt unerkennbar; seiner
Meinung nach kann sich der Mensch nur begriffliche Repräsentanten für das
objektiv Reale verschaffen.
- Das Einheitsband der Dinge, das diese unter sic h und
objektiv mit unserem Individualgeist (als «Ding an sich») verbindet, liegt
jenseits des Bewußtseins in einem Wesen an sich, von dem wir in unserem
Bewußtsein ebenfalls nur einen begrifflichen Repräsentanten haben könnten.
- Der Dualismus glaubt die ganze Welt zu einem abstrakten
Begriffsschema zu verflüchtigen, wenn er nicht neben den begrifflichen
Zusammenhängen der Gegenstände noch reale Zusammenhänge statuiert.
- Mit andern Worten: dem Dualisten erscheinen die durch das
Denken auffindbaren Idealprinzipien zu luftig, und er sucht noch
Realprinzipien, von denen sie gestützt werden können.
- Wir wollen uns diese Realprinzipien einmal näher
anschauen.
- Der naive Mensch (naive Realist) betrachtet die
Gegenstände der äußeren Erfahrung als Realitäten.
- Der Umstand, daß er diese Dinge mit seinen Händen
greifen, mit seinen Augen sehen kann, gilt ihm als Zeugnis der Realität.
- «Nichts existiert, was man nicht wahrnehmen kann», ist
geradezu als das erste Axiom des naiven Menschen anzusehen, das ebensogut in
seiner Umkehrung anerkannt wird: «Alles, was wahrgenommen werden kann,
existiert.»
- Der beste Beweis für diese Behauptung ist der
Unsterblichkeits- und Geisterglaube des naiven Menschen.
- Er stellt sich die Seele als feine sinnliche Materie vor,
die unter besonderen Bedingungen sogar für den gewöhnlichen Menschen sichtbar
werden kann (naiver Gespensterglaube).
- Dieser seiner realen Welt gegenüber ist für den naiven
Realisten alles andere, namentlich die Welt der Ideen, unreal, «bloß ideell».
- Was wir zu den Gegenständen hinzudenken, das ist bloßer
Gedanke über die Dinge.
- Der Gedanke fügt nichts Reales zu der Wahrnehmung hinzu.
- Aber nicht nur in bezug auf das Sein der Dinge hält der
naive Mensch die Sinneswahrnehmung für das einzige Zeugnis der Realität,
sondern auch in bezug auf das Geschehen.
- Ein Ding kann, nach seiner Ansicht, nur dann auf ein
anderes wirken, wenn eine für die Sinneswahrnehmung vorhandene Kraft von dem
einen ausgeht und das andere ergreift.
- Die ältere Physik glaubte, daß sehr feine Stoffe von den
Körpern ausströmen und durch unsere Sinnesorgane in die Seele eindringen.
- Das wirkliche Sehen dieser Stoffe ist nur durch die
Grobheit unserer Sinne im Verhältnis zu der Feinheit dieser Stoffe unmöglich.
- Prinzipiell gestand man diesen Stoffen aus demselben
Grunde Realität zu, warum man es den Gegenständen der Sinnenwelt zugesteht,
nämlich wegen ihrer Seinsform, die derjenigen der sinnenfälligen Realität
analog gedacht wurde.
- Die in sich beruhende Wesenheit des ideell Erlebbaren
gilt dem naiven Bewußtsein nicht in gleichem Sinne als real wie das sinnlich
Erlebbare.
- Ein in der «bloßen Idee» gefaßter Gegenstand gilt so
lange als bloße Schimäre, bis durch die Sinneswahrnehmung die Überzeugung von
der Realität geliefert werden kann.
- Der naive Mensch verlangt, um es kurz zu sagen, zum
ideellen Zeugnis seines Denkens noch das reale der Sinne.
- In diesem Bedürfnisse des naiven Menschen liegt der Grund
zur Entstehung der primitiven Formen des Offenbarungsglaubens.
- Der Gott, der durch das Denken gegeben ist, bleibt dem
naiven Bewußtsein immer nur ein «gedachter»
Gott.
- Das naive Bewußtsein verlangt die Kundgebung durch
Mittel, die der sinnlichen Wahrnehmung zugänglich sind.
- Der Gott muß leibhaftig erscheinen, und man will auf das
Zeugnis des Denkens wenig geben, nur etwa darauf, daß die Göttlichkeit durch
sinnenfällig konstatierbares Verwandeln von Wasser in Wein erwiesen wird.
- Auch das Erkennen selbst stellt sich der naive Mensch als
einen den Sinnesprozessen analogen Vorgang vor.
- Die Dinge machen einen Eindruck in der Seele, oder sie senden Bilder aus, die durch die
Sinne eindringen und so weiter.
- Dasjenige, was der naive Mensch mit den Sinnen wahrnehmen
kann, das hält er für wirklich, und dasjenige, wovon er keine solche
Wahrnehmung hat (Gott, Seele, das Erkennen usw.), das stellt er sich analog dem
Wahrgenommenen vor.
- Will der naive Realismus eine Wissenschaft begründen, so
kann er eine solche nur in einer genauen Beschreibung
des Wahrnehmungsinhaltes sehen.
- Die Begriffe sind ihm nur Mittel zum Zweck.
- Sie sind da, um ideelle Gegenbilder für die Wahrnehmungen
zu schaffen.
- Für die Dinge selbst bedeuten sie nichts.
- Als real gelten dem naiven Realisten nur die
Tulpenindividuen, die gesehen werden, oder gesehen werden können; die eine Idee
der Tulpe gilt ihm als Abstraktum, als das unreale Gedankenbild, das sich die
Seele aus den allen Tulpen gemeinsamen Merkmalen zusammengefügt hat.
- Den naiven Realismus mit seinem Grundsatz von der
Wirklichkeit alles Wahrgenommenen widerlegt die Erfahrung, welche lehrt, daß
der Inhalt der Wahrnehmungen vergänglicher Natur ist.
- Die Tulpe, die ich sehe, ist heute wirklich; nach einem
Jahr wird sie in Nichts verschwunden sein.
- Was sich behauptet hat, ist die Gattung Tulpe.
- Diese Gattung ist aber für den naiven Realismus «nur» eine Idee, keine Wirklichkeit.
- So sieht sich denn diese Weltanschauung in der Lage, ihre
Wirklichkeiten kommen und verschwinden zu sehen, während sich das nach ihrer
Meinung Unwirkliche dem Wirklichen gegenüber behauptet.
- Der naive Realismus muß also neben den Wahrnehmungen auch
noch etwas Ideelles gelten lassen.
- Er muß Wesenheiten in sich aufnehmen, die er nicht mit
den Sinnen wahrnehmen kann.
- Er findet sich dadurch mit sich selbst ab, daß er deren Daseinsform
analog mit derjenigen der Sinnesobjekte denkt.
- Solche hypothetisch
angenommenen Realitäten sind die unsichtbaren Kräfte, durch die die sinnlich
wahrzunehmenden Dinge aufeinander wirken.
- Ein solches Ding ist die Vererbung, die über das Individuum
hinaus fortwirkt, und die der Grund ist, daß sich aus dem Individuum ein neues
entwickelt, das ihm ähnlich ist, wodurch sich die Gattung erhält.
- Ein solches Ding ist das den organischen Leib
durchdringende Lebensprinzip, die Seele, für die man im naiven Bewußtsein stets
einen nach Analogie mit Sinnesrealitäten gebildeten Begriff findet, und ist
endlich das göttliche Wesen des naiven Menschen.
- Dieses göttliche Wesen wird in einer Weise wirksam
gedacht, die ganz dem entspricht, was als Wirkungsart des Menschen selbst wahrgenommen werden kann:
anthropomorphisch.
- Die moderne Physik führt die Sinnesempfindungen auf
Vorgänge der kleinsten Teile der Körper und eines unendlich feinen Stoffes, des
Äthers oder auf Ähnliches zurück.
- Was wir zum Beispiel als Wärme empfinden, ist innerhalb
des Raumes, den der wärmeverursachende Körper einnimmt, Bewegung seiner Teile.
- Auch hier wird wieder ein Unwahrnehmbares in Analogie mit
dem Wahrnehmbaren gedacht.
- Das sinnliche Analogon des Begriffs «Körper» ist in
diesem Sinne etwa das Innere eines allseitig geschlossenen Raumes, in dem sich
nach allen Richtungen elastische Kugeln bewegen, die einander stoßen, an die
Wände an- und von ihnen abprallen und so weiter.
- Ohne solche Annahmen zerfiele dem naiven Realismus die
Welt in ein unzusammenhängendes Aggregat von Wahrnehmungen ohne gegenseitige
Beziehungen, das sich zu keiner Einheit zusammenschließt.
- Es ist aber klar, daß der naive Realismus nur durch eine
Inkonsequenz zu dieser Annahme kommen kann.
- Wenn er seinem Grundsatz: nur das Wahrgenommene ist
wirklich, treu bleiben will, dann darf er doch, wo er nichts wahrnimmt, kein
Wirkliches annehmen.
- Die unwahrnehmbaren Kräfte, die von den wahrnehmbaren
Dingen aus wirken, sind eigentlich unberechtigte Hypothesen vom Standpunkte des
naiven Realismus.
- Und weil er keine anderen Realitäten kennt, so stattet er
seine hypothetischen Kräfte mit Wahrnehmungsinhalt aus.
- Er wendet also eine Seinsform (das Wahrnehmungsdasein)
auf ein Gebiet an, wo ihm das Mittel fehlt, das allein über diese Seinsform
eine Aussage zu machen hat: das sinnliche Wahrnehmen.
- Diese in sich widerspruchsvolle Weltanschauung führt zum
metaphysischen Realismus.
- Der konstruiert neben der wahrnehmbaren Realität noch
eine unwahrnehmbare, die er der erstem analog denkt.
- Der metaphysische Realismus ist deshalb notwendig
Dualismus.
- Wo der metaphysische Realismus eine Beziehung zwischen
wahrnehmbaren Dingen bemerkt (Annäherung durch Bewegung, Bewußtwerden eines
Objektiven usw.), da setzt er eine Realität hin.
- Die Beziehung, die er bemerkt, kann er jedoch nur durch
das Denken ausdrücken, nicht aber wahrnehmen.
- Die ideelle Beziehung wird willkürlich zu einem dem
Wahrnehmbaren Ähnlichen gemacht.
- So ist für diese Denkrichtung die wirkliche Welt
zusammengesetzt aus den Wahrnehmungsobjekten, die im ewigen Werden sind, kommen
und verschwinden, und aus den unwahrnehmbaren Kräften, von denen die
Wahrnehmungsobjekte hervorgebracht werden, und die das Bleibende sind.
- Der metaphysische Realismus ist eine widerspruchsvolle
Mischung des naiven Realismus mit dem Idealismus.
- Seine hypothetischen Kräfte sind unwahrnehmbare
Wesenheiten mit Wahrnehmungsqualitäten.
- Er hat sich entschlossen, außer dem Weltgebiete, für
dessen Daseinsform er in dem Wahrnehmen ein Erkenntnismittel hat, noch ein
Gebiet gelten zu lassen, bei dem dieses Mittel versagt, und das nur durch das
Denken zu ermitteln ist.
- Er kann sich aber nicht zu gleicher Zeit auch
entschließen, die Form des Seins, die ihm das Denken vermittelt, den Begriff
(die Idee), auch als gleichberechtigten Faktor neben der Wahrnehmung
anzuerkennen.
- Will man den Widerspruch der unwahrnehmbaren Wahrnehmung
vermeiden, so muß man zugestehen, daß es für die durch das Denken vermittelten
Beziehungen zwischen den Wahrnehmungen für uns keine andere Existenzform als
die des Begriffes gibt.
- Als die Summe von Wahrnehmungen und ihrer begrifflichen
(ideellen) Bezüge stellt sich die Welt dar, wenn man aus dem metaphysischen
Realismus den unberechtigten Bestandteil hinauswirft.
- So läuft der metaphysische Realismus in eine
Weltanschauung ein, welche für die Wahrnehmung das Prinzip der Wahrnehmbarkeit,
für die Beziehungen unter den Wahrnehmungen die Denkbarkeit fordert.
- Diese Weltanschauung kann kein drittes Weltgebiet neben
der Wahrnehmungs- und Begriffswelt gelten lassen, für das beide Prinzipien, das
sogenannte Realprinzip und das Idealprinzip, zugleich Geltung haben.
- Wenn der metaphysische Realismus behauptet, daß neben der
ideellen Beziehung zwischen dem Wahrnehmungsobjekt und seinem
Wahrnehmungssubjekt noch eine reale Beziehung zwischen dem «Ding an sich» der
Wahrnehmung und dem «Ding an sich» des wahrnehmbaren Subjektes (des sogenannten
Individualgeistes) bestehen muß, so beruht diese Behauptung auf der falschen
Annahme eines den Prozessen der Sinnenwelt analogen, nicht wahrnehmbaren
Seinsprozesses.
- Wenn ferner der metaphysische Realismus sagt: Mit meiner
Wahrnehmungswelt komme ich in ein bewußt-ideelles Verhältnis; mit der
wirklichen Welt kann ich aber nur in ein dynamisches (Kräfte-) Verhältnis
kommen, — so begeht er nicht weniger den schon gerügten Fehler.
- Von einem Kräfteverhältnis kann nur innerhalb der Wahrnehmungswelt
(dem Gebiete des Tastsinnes), nicht aber außerhalb desselben die Rede sein.
- Wir wollen die oben charakterisierte Weltanschauung, in
die der metaphysische Realismus zuletzt einmündet, wenn er seine
widerspruchsvollen Elemente abstreift, Monismus
nennen, weil sie den einseitigen Realismus mit dem Idealismus zu einer
höheren Einheit vereinigt.
- Für den naiven Realismus ist die wirkliche Welt eine
Summe von Wahrnehmungsobjekten; für den metaphysischen Realismus kommt außer
den Wahrnehmungen auch noch den unwahrnehmbaren Kräften Realität zu; der
Monismus setzt an die Stelle von Kräften die ideellen Zusammenhänge, die er
durch sein Denken gewinnt.
- Solche Zusammenhänge aber sind die Naturgesetze.
- Ein Naturgesetz ist ja nichts anderes als der
begriffliche Ausdruck für den Zusammenhang gewisser Wahrnehmungen.
- Der Monismus kommt gar nicht in die Lage, außer
Wahrnehmung und Begriff nach anderen Erklärungsprinzipien der Wirklichkeit zu
fragen.
- Er weiß, daß sich im ganzen Bereiche der Wirklichkeit kein Anlaß dazu findet.
- Er sieht in der Wahrnehmungswelt, wie sie unmittelbar dem
Wahrnehmen vorliegt, ein halbes Wirkliches; in der Vereinigung derselben mit
der Begriffswelt findet er die volle Wirklichkeit.
- Der metaphysische Realist kann dem Anhänger des Monismus
einwenden: Es mag sein, daß für deine Organisation deine Erkenntnis in sich
vollkommen ist, daß kein Glied fehlt; du weißt aber nicht, wie sich die Welt in
einer Intelligenz abspiegelt, die anders organisiert ist als die deinige.
- Die Antwort des Monismus wird sein: Wenn es andere
Intelligenzen gibt als die menschlichen, wenn ihre Wahrnehmungen eine andere
Gestalt haben als die unsrigen, so hat für mich Bedeutung nur dasjenige, was
von ihnen zu mir durch Wahrnehmen und Begriff gelangt.
- Ich bin durch mein Wahrnehmen, und zwar durch dieses
spezifische menschliche Wahrnehmen als Subjekt dem Objekt gegenübergestellt.
- Der Zusammenhang der Dinge ist damit unterbrochen.
- Das Subjekt stellt durch das Denken diesen Zusammenhang
wieder her.
- Damit hat es sich dem Weltganzen wieder eingefügt.
- Da nur durch unser Subjekt dieses Ganze an der Stelle
zwischen unserer Wahrnehmung und unserem Begriff zerschnitten erscheint, so ist
in der Vereinigung dieser beiden auch eine wahre Erkenntnis gegeben.
- Für Wesen mit einer andern Wahrnehmungswelt (zum Beispiel
mit der doppelten Anzahl von Sinnesorganen) erschiene der Zusammenhang an einer
andern Stelle unterbrochen, und die Wiederherstellung müßte demnach auch eine
diesen Wesen spezifische Gestalt haben.
- Nur für den naiven und den metaphysischen Realismus, die
beide in dem Inhalte der Seele nur eine ideelle Repräsentation der Welt sehen,
besteht die Frage nach der Grenze des Erkennens.
- Für sie ist nämlich das außerhalb des Subjektes
Befindliche ein Absolutes, ein in sich Beruhendes, und der Inhalt des Subjektes
ein Bild desselben, das schlechthin außerhalb dieses Absoluten steht.
- Die Vollkommenheit der Erkenntnis beruht auf der größeren
oder geringeren Ähnlichkeit des Bildes mit dem absoluten Objekte.
- Ein Wesen, bei dem die Zahl der Sinne kleiner ist, als
beim Menschen, wird weniger, eines, bei dem sie größer ist, mehr von der Welt
wahrnehmen.
- Das erstere wird demnach eine unvollkommenere Erkenntnis
haben als das letztere.
- Für den Monismus liegt die
Sache anders.
- Durch die Organisation des wahrnehmenden Wesens wird die
Gestalt bestimmt, wo der Weltzusammenhang in Subjekt und Objekt
auseinandergerissen erscheint.
- Das Objekt ist kein absolutes, sondern nur ein relatives,
in bezug auf dieses bestimmte Subjekt.
- Die Überbrückung des Gegensatzes kann demnach auch nur
wieder in der ganz spezifischen, gerade dem menschlichen Subjekt eigenen Weise
geschehen.
- Sobald das Ich, das in dem Wahrnehmen von der Welt
abgetrennt ist, in der denkenden Betrachtung wieder in den Weltzusammenhang sich
einfügt, dann hört alles weitere Fragen, das nur eine Folge der Trennung war,
auf.
- Ein anders geartetes Wesen hätte eine anders geartete
Erkenntnis.
- Die unsrige ist ausreichend, um die durch unser eigenes
Wesen aufgestellten Fragen zu beantworten.
- Der metaphysische Realismus muß fragen: Wodurch ist das
als Wahrnehmung Gegebene gegeben; wodurch wird das Subjekt affiziert?
- Für den Monismus ist die Wahrnehmung durch das Subjekt
bestimmt.
- Dieses hat aber in dem Denken zugleich das Mittel, die
durch es selbst hervorgerufene Bestimmtheit wieder aufzuheben.
- Der metaphysische Realismus steht vor einer weiteren
Schwierigkeit, wenn er die Ähnlichkeit der Weltbilder verschiedener
menschlicher Individuen erklären will.
- Er muß sich fragen: Wie kommt es, daß das Weltbild, das
ich aus meiner subjektiv bestimmten Wahrnehmung und meinen Begriffen aufbaue,
gleichkommt dem, das ein anderes menschliches Individuum aus denselben beiden
subjektiven Faktoren aufbaut?
- Wie kann ich überhaupt aus meinem subjektiven Weltbilde auf
das eines andern Menschen schließen?
- Daraus, daß die Menschen sich miteinander praktisch
abfinden, glaubt der metaphysische Realist die Ähnlichkeit ihrer subjektiven
Weltbilder erschließen zu können.
- Aus der Ähnlichkeit dieser Weltbilder schließt er dann
weiter auf die Gleichheit der den einzelnen menschlichen Wahrnehmungssubjekten
zugrunde liegenden Individualgeister oder der den Subjekten zugrunde liegenden
«Ich an sich».
- Dieser Schluß ist also ein solcher aus einer Summe von
Wirkungen auf den Charakter der ihnen zugrunde liegenden Ursachen.
- Wir glauben aus einer hinreichend großen Anzahl von
Fällen den Sachverhalt so zu erkennen, daß wir wissen, wie sich die
erschlossenen Ursachen in andern Fällen verhalten werden.
- Einen solchen Schluß nennen wir einen Induktionsschluß.
- Wir werden uns genötigt sehen, die Resultate desselben zu
modifizieren, wenn in einer weitern Beobachtung etwas Unerwartetes sich ergibt,
weil der Charakter des Resultates doch nur durch die individuelle Gestalt der
geschehenen Beobachtungen bestimmt ist.
- Diese bedingte Erkenntnis der Ursachen reiche aber für
das praktische Leben vollständig aus, behauptet der metaphysische Realist.
- Der Induktionsschluß ist die methodische Grundlage des
modernen metaphysischen Realismus.
- Es gab eine Zeit, in der man aus Begriffen glaubte etwas
herauswickeln zu können, was nicht mehr Begriff ist.
- Man glaubte aus den Begriffen die metaphysischen
Realwesen, deren der metaphysische Realismus einmal bedarf, erkennen zu können.
- Diese Art des Philosophierens gehört heute zu den
überwundenen Dingen.
- Dafür aber glaubt man, aus einer genügend großen Anzahl
von Wahrnehmungstatsachen auf den Charakter des Dinges an sich schließen zu
können, das diesen Tatsachen zugrunde liegt.
- Wie früher aus dem Begriffe, so meint man heute das
Metaphysische aus den Wahrnehmungen herauswickeln zu können.
- Da man die Begriffe in durchsichtiger Klarheit vor sich
hat, so glaubte man aus ihnen auch das Metaphysische mit absoluter Sicherheit
ableiten zu können.
- Die Wahrnehmungen liegen nicht mit gleich durchsichtiger
Klarheit vor.
- Jede folgende stellt sich wieder etwas anders dar, als
die gleichartigen vorhergehenden.
- Im Grunde wird daher das aus den vorhergehenden
Erschlossene durch jede folgende etwas modifiziert.
- Die Gestalt, die man auf diese Weise für das
Metaphysische gewinnt, ist also nur eine relativ richtige zu nennen; sie
unterliegt der Korrektur durch künftige Fälle.
- Einen durch diesen methodischen Grundsatz bestimmten
Charakter trägt die Metaphysik Eduard von Hartmanns, der als Motto auf das
Titelblatt seines ersten Hauptwerkes gesetzt hat: «Spekulative Resultate nach
induktiv naturwissenschaftlicher Methode.»
- Die Gestalt, die der metaphysische Realist gegenwärtig
seinen Dingen an sich gibt, ist eine durch Induktionsschlüsse gewonnene.
- Von dem Vorhandensein eines objektiv-realen
Zusammenhanges der Welt neben dem «subjektiven» durch Wahrnehmung und Begriff
erkennbaren, ist er durch Erwägungen über den Erkenntnisprozeß überzeugt.
- Wie diese objektive Realität beschaffen ist, das glaubt
er durch Induktionsschlüsse aus seinen Wahrnehmungen heraus bestimmen zu
können.
-
- Zusatz zur
Neuausgabe 1918
- Für die unbefangene Beobachtung des Erlebens in
Wahrnehmung und Begriff, wie sie in den vorangehenden Ausführungen zu schildern
versucht worden ist, werden gewisse Vorstellungen immer wieder störend sein,
die auf dem Boden der Naturbetrachtung entstehen.
- Man sagt sich, auf diesem Boden stehend, durch das Auge
werden im Lichtspektrum Farben wahrgenommen vom Rot bis zum Violett.
- Aber über das Violett hinaus liegen im Strahlungsraum des
Spektrums Kräfte, welchen keine Farbwahrnehmung des Auges, wohl aber eine
chemische Wirkung entspricht; ebenso liegen über die Grenze der Rotwirksamkeit
hinaus Strahlungen, die nur Wärmewirkungen haben.
- Man kommt durch Überlegungen, die auf solche und ähnliche
Erscheinungen gerichtet sind, zu der Ansicht: der Umfang der menschlichen
Wahrnehmungswelt ist durch den Umfang der Sinne des Menschen bestimmt, und
dieser würde eine ganz andere Welt vor sich haben, wenn er zu den seinigen noch
andere, oder wenn er überhaupt andere Sinne hätte.
- Wer sich ergehen mag in den ausschweifenden Phantasien,
zu denen, nach dieser Richtung hin, namentlich die glänzenden Entdeckungen der
neueren Naturforschung eine recht verführerische Veranlassung bieten, der kann
wohl zu dem Bekenntnisse kommen: In des Menschen Beobachtungsfeld fällt doch
nur dasjenige herein, was auf die aus seiner Organisation heraus gestalteten
Sinne zu wirken vermag.
- Er hat kein Recht, dieses von ihm durch seine
Organisation begrenzte Wahrgenommene als irgendwie maßgeblich für die
Wirklichkeit anzusehen.
- Jeder neue Sinn müßte ihn vor ein anderes Bild der
Wirklichkeit stellen.
- — Dies alles ist, in den entsprechenden Grenzen gedacht,
eine durchaus berechtigte Meinung.
- Wenn aber jemand sich durch diese Meinung in der
unbefangenen Beobachtung des in diesen Ausführungen geltend gemachten
Verhältnisses von Wahrnehmung und Begriff beirren läßt, so verbaut er sich den
Weg zu einer in der Wirklichkeit wurzelnden Welt- und Menschenerkenntnis.
- Das Erleben der Wesenheit des Denkens, also die tätige
Erarbeitung der Begriffswelt ist etwas durchaus anderes als das Erleben eines
Wahrnehmbaren durch die Sinne.
- Welche Sinne immer der Mensch noch haben könnte: keiner
gäbe ihm eine Wirklichkeit, wenn er nicht das durch ihn vermittelte
Wahrgenommene denkend mit Begriffen durchsetzte; und jeder wie immer geartete
Sinn gibt, so durchsetzt, dem Menschen die Möglichkeit, in der Wirklichkeit
drinnen zu leben.
- Mit der Frage: wie der Mensch in der wirklichen Welt
steht, hat die Phantasie von dem möglichen ganz anderen Wahrnehmungsbild bei
anderen Sinnen nichts zu tun.
- Man muß eben einsehen, daß jedes Wahrnehmungsbild seine Gestalt erhält von der Organisation
des wahrnehmenden Wesens, daß aber das von der erlebten denkenden Betrachtung
durchsetzte Wahrnehmungsbild den Menschen in die Wirklichkeit führt.
- Nicht die phantastische Ausmalung, wie anders eine Welt
für andere als die menschlichen Sinne aussehen müßte, kann den Menschen
veranlassen, Erkenntnis zu suchen über sein Verhältnis zur Welt, sondern die
Einsicht, daß jede Wahrnehmung nur
einen Teil der in ihr steckenden Wirklichkeit gibt, daß sie also von ihrer eigenen Wirklichkeit hinwegführt.
- Dieser Einsicht tritt dann die andere zur Seite, daß das
Denken in den durch die Wahrnehmung an ihr selbst verborgenen Teil der
Wirklichkeit hineinführt.
- Störend für die unbefangene Beobachtung des hier
dargestellten Verhältnisses zwischen Wahrnehmung und denkend erarbeitetem
Begriff kann auch werden, wenn im Gebiete der physikalischen Erfahrung sich die
Nötigung ergibt, gar nicht von unmittelbar anschaulich-wahrnehmbaren Elementen,
sondern von unanschaulichen Größen wie elektrischen oder magnetischen
Kraftlinien und so weiter zu sprechen.
- Es kann scheinen,
als ob die Wirklichkeitselemente, von denen die Physik spricht, weder mit dem
Wahrnehmbaren, noch mit dem im tätigen Denken erarbeiteten Begriff etwas zu tun
hätten.
- Doch beruhte eine solche Meinung auf einer
Selbsttäuschung.
- Zunächst kommt es darauf an, daß alles in der Physik Erarbeitete, insofern es nicht unberechtigte
Hypothesen darstellt, die ausgeschlossen bleiben sollten, durch Wahrnehmung und
Begriff gewonnen ist.
- Was scheinbar unanschaulicher Inhalt ist, das wird aus
einem richtigen Erkenntnisinstinkt des Physikers heraus durchaus in das Feld
versetzt, auf dem die Wahrnehmungen liegen, und es wird in Begriffen gedacht,
mit denen man sich auf diesem Felde betätigt.
- Die Kraftstärken im elektrischen und magnetischen Felde
und so weiter werden, dem Wesen nach,
nicht durch einen andern Erkenntnisvorgang gewonnen als durch denjenigen, der
sich zwischen Wahrnehmung und Begriff abspielt.
- — Eine Vermehrung oder Andersgestaltung der menschlichen
Sinne würde ein anderes Wahrnehmungsbild ergeben, eine Bereicherung oder
Andersgestaltung der menschlichen Erfahrung; aber eine wirkliche Erkenntnis
müßte auch dieser Erfahrung gegenüber
durch die Wechselwirkung von Begriff und Wahrnehmung gewonnen werden.
- Die Vertiefung der
Erkenntnis hängt von den im Denken sich auslebenden Kräften der Intuition (vergleiche
Seite 95) ab.
- Diese Intuition kann in demjenigen Erleben, das im Denken sich ausgestaltet, in tiefere oder weniger
tiefe Untergründe der Wirklichkeit tauchen.
- Durch die Erweiterung des Wahrnehmungsbildes kann dieses
Untertauchen Anregungen empfangen und auf diese Art mittelbar gefördert werden.
- Allein niemals sollte
das Tauchen in die Tiefe, als das Erreichen der Wirklichkeit, verwechselt
werden mit dem Gegenüberstehen von weiterem oder engerem Wahrnehmungsbild, in
dem stets nur eine halbe Wirklichkeit,
wie sie von der erkennenden Organisation bedingt wird, vorliegt.
- Wer nicht in Abstraktionen
sich verliert, der wird einsehen, wie auch die Tatsache für die Erkenntnis
des Menschenwesens in Betracht kommt, daß für die Physik im Wahrnehmungsfelde
Elemente erschlossen werden müssen,
für welche nicht ein Sinn wie für Farbe oder Ton unmittelbar abgestimmt ist.
- Das konkrete Wesen
des Menschen ist nicht nur durch dasjenige bestimmt, was er durch seine
Organisation sich als unmittelbare Wahrnehmung gegenüberstellt, sondern auch
dadurch, daß er anderes von dieser unmittelbaren Wahrnehmung ausschließt.
- Wie dem Leben neben dem bewußten Wachzustande der
unbewußte Schlafzustand notwendig ist, so ist dem Sich-Erleben des Menschen
neben dem Umkreis seiner Sinneswahrnehmung notwendig ein — viel größerer sogar
— Umkreis von nicht sinnlich wahrnehmbaren Elementen in dem Felde, aus dem die
Sinneswahrnehmungen stammen.
- Dies alles ist mittelbar schon ausgesprochen in der
ursprünglichen Darstellung dieser Schrift.
- Deren Verfasser fügt hier diese Erweiterung des Inhaltes
an, weil er die Erfahrung gemacht hat, daß mancher Leser nicht genau genug
gelesen hat.
- — Bedacht sollte auch werden, daß die Idee von der Wahrnehmung, wie sie in dieser Schrift
entwickelt wird, nicht verwechselt werden darf mit derjenigen von äußerer
Sinneswahrnehmung, die nur ein Spezialfall von ihr ist.
- Man wird aus dem schon Vorangehenden, aber noch mehr aus
dem später Ausgeführten ersehen, daß hier alles sinnlich und geistig an den Menschen Herantretende als Wahrnehmung aufgefaßt
wird, bevor es von dem tätig erarbeiteten Begriff erfaßt ist.
- Um Wahrnehmungen seelischer oder geistiger Art zu haben,
sind nicht Sinne von gewöhnlich gemeinter Art nötig.
- Man könnte sagen, solche Erweiterung des üblichen
Sprachgebrauches sei unstatthaft.
- Allein sie ist unbedingt
notwendig, wenn man sich nicht auf gewissen Gebieten eben durch den
Sprachgebrauch in der Erkenntniserweiterung fesseln lassen will.
- Wer von Wahrnehmung nur
im Sinne von sinnlicher Wahrnehmung spricht, der kommt auch über diese sinnliche Wahrnehmung nicht zu
einem für die Erkenntnis brauchbaren Begriff.
- Man muß manchmal
einen Begriff erweitern, damit er auf einem engeren Gebiete seinen ihm
angemessenen Sinn erhält.
- Man muß auch zuweilen zu dem, was in einem Begriffe
zunächst gedacht wird, anderes hinzufügen, damit das so Gedachte seine
Rechtfertigung oder auch Zurechtrückung findet.
- So findet man auf Seite 107 dieses
Buches gesagt: «Die Vorstellung ist also ein individualisierter Begriff.»
- Demgegenüber wurde
mir eingewendet, das sei ein ungewöhnlicher Wortgebrauch.
- Aber dieser Wortgebrauch ist notwendig, wenn man
dahinterkommen will, was Vorstellung eigentlich ist.
- Was sollte aus dem Fortgang der Erkenntnis werden, wenn
man jedem, der in die Notwendigkeit versetzt ist, Begriffe zurechtzurücken, den
Einwand machte: «Das ist ein ungewöhnlicher Wortgebrauch.»
-
- Teil II — Die Wirklichkeit der Freiheit
-
- Kapitel 8 - Die Faktoren des Lebens
- Rekapitulieren wir das in den vorangehenden Kapiteln
Gewonnene.
- Die Welt tritt dem Menschen als eine Vielheit gegenüber,
als eine Summe von Einzelheiten.
- Eine von diesen Einzelheiten, ein Wesen unter Wesen, ist
er selbst.
- Diese Gestalt der Welt bezeichnen wir schlechthin als gegeben, und insofern wir sie nicht
durch bewußte Tätigkeit entwickeln, sondern vorfinden, als Wahrnehmung.
- Innerhalb der Welt der Wahrnehmungen nehmen wir uns
selbst wahr.
- Diese Selbstwahrnehmung bliebe einfach als eine unter den
vielen anderen Wahrnehmungen stehen, wenn nicht aus der Mitte dieser
Selbstwahrnehmung etwas auftauchte, das sich geeignet erweist, die
Wahrnehmungen überhaupt, also auch die Summe aller anderen Wahrnehmungen mit
der unseres Selbst zu verbinden.
- Dieses auftauchende Etwas ist nicht mehr bloße
Wahrnehmung; es wird auch nicht gleich den Wahrnehmungen einfach vorgefunden.
- Es wird durch Tätigkeit hervorgebracht.
- Es erscheint zunächst an das gebunden, was wir als unser
Selbst wahrnehmen.
- Seiner inneren Bedeutung nach greift es aber über das
Selbst hinaus.
- Es fügt den einzelnen Wahrnehmungen ideelle
Bestimmtheiten bei, die sich aber aufeinander beziehen, die in einem Ganzen
gegründet sind.
- Das durch Selbstwahrnehmung Gewonnene bestimmt es auf
gleiche Weise ideell wie alle andern Wahrnehmungen und stellt es als Subjekt
oder «Ich» den Objekten gegenüber.
- Dieses Etwas ist das Denken, und die ideellen
Bestimmtheiten sind die Begriffe und Ideen.
- Das Denken äußert sich daher zunächst an der Wahrnehmung
des Selbst; ist aber nicht bloß subjektiv; denn das Selbst bezeichnet sich erst
mit Hilfe des Denkens als Subjekt.
- Diese gedankliche Beziehung auf sich selbst ist eine
Lebensbestimmung unserer Persönlichkeit.
- Durch sie führen wir ein rein ideelles Dasein.
- Wir fühlen uns durch sie als denkende Wesen.
- Diese Lebensbestimmung bliebe eine rein begriffliche
(logische), wenn keine anderen Bestimmungen unseres Selbst hinzuträten.
- Wir wären dann Wesen, deren Leben sich in der Herstellung
rein ideeller Beziehungen zwischen den Wahrnehmungen untereinander und den
letztem und uns selbst erschöpfte.
- Nennt man die Herstellung eines solchen gedanklichen
Verhältnisses ein Erkennen, und den durch dieselbe gewonnenen Zustand unseres
Selbst Wissen, so müßten wir uns beim Eintreffen der obigen Voraussetzung als
bloß erkennende oder wissende Wesen ansehen.
- Die Voraussetzung trifft aber nicht zu.
- Wir beziehen die Wahrnehmungen nicht bloß ideell auf uns,
durch den Begriff, sondern auch noch durch das Gefühl, wie wir gesehen haben.
- Wir sind also nicht Wesen mit bloß begrifflichem
Lebensinhalt.
- Der naive Realist sieht sogar in dem Gefühlsleben ein
wirklicheres Leben der Persönlichkeit als in dem rein ideellen Element des
Wissens.
- Und er hat von seinem Standpunkte aus ganz recht, wenn er
in dieser Weise sich die Sache zurechtlegt.
- Das Gefühl ist auf subjektiver Seite zunächst genau
dasselbe, was die Wahrnehmung auf objektiver Seite ist.
- Nach dem Grundsatz des naiven Realismus: Alles ist
wirklich, was wahrgenommen werden kann, ist daher das Gefühl die Bürgschaft der
Realität der eigenen Persönlichkeit.
- Der hier gemeinte Monismus muß aber dem Gefühle die
gleiche Ergänzung angedeihen lassen, die er für die Wahrnehmung notwendig erachtet,
wenn sie als vollkommene Wirklichkeit sich darstellen soll.
- Für diesen Monismus ist das Gefühl ein unvollständiges
Wirkliches, das in der ersten Form, in der es uns gegeben ist, seinen zweiten
Faktor, den Begriff oder die Idee, noch nicht mitenthält.
- Deshalb tritt im Leben auch überall das Fühlen gleichwie
das Wahrnehmen vor dem Erkennen auf.
- Wir fühlen uns zuerst als Daseiende; und im Laufe der
allmählichen Entwickelung ringen wir uns erst zu dem Punkte durch, wo uns in
dem dumpf gefühlten eigenen Dasein der Begriff unseres Selbst aufgeht.
- Was für uns erst
später hervortritt, ist aber ursprünglich mit dem Gefühle unzertrennlich
verbunden.
- Der naive Mensch gerät durch diesen Umstand auf den
Glauben: in dem Fühlen stelle sich ihm das Dasein unmittelbar, in dem Wissen
nur mittelbar dar.
- Die Ausbildung des Gefühlslebens wird ihm daher vor allen
andern Dingen wichtig erscheinen.
- Er wird den Zusammenhang der Welt erst erfaßt zu haben
glauben, wenn er ihn in sein Fühlen aufgenommen hat.
- Er sucht nicht das Wissen, sondern das Fühlen zum Mittel
der Erkenntnis zu machen.
- Da das Gefühl etwas ganz Individuelles ist, etwas der
Wahrnehmung gleichkommendes, so macht der Gefühlsphilosoph ein Prinzip, das nur
innerhalb seiner Persönlichkeit eine Bedeutung hat, zum Weltprinzipe.
- Er sucht die ganze Welt mit seinem eigenen Selbst zu
durchdringen.
- Was der hier gemeinte Monismus im Begriffe zu erfassen
strebt, das sucht der Gefühlsphilosoph mit dem Gefühle zu erreichen, und sieht
dieses sein Zusammensein mit den Objekten als das unmittelbarere an.
- Die hiermit gekennzeichnete Richtung, die Philosophie des
Gefühls, wird oft als Mystik bezeichnet.
- Der Irrtum einer bloß auf das Gefühl gebauten mystischen
Anschauungsweise besteht darinnen, daß sie erleben
will, was sie wissen soll, daß sie ein Individuelles, das Gefühl, zu einem
Universellen erziehen will.
- Das Fühlen ist ein rein individueller Akt, die Beziehung
der Außenwelt auf unser Subjekt, insofern diese Beziehung ihren Ausdruck findet
in einem bloß subjektiven Erleben.
- Es gibt noch eine andere Äußerung der menschlichen
Persönlichkeit.
- Das Ich lebt durch sein Denken das allgemeine Weltleben
mit; es bezieht durch dasselbe rein ideell (begrifflich) die Wahrnehmungen auf
sich, sich auf die Wahrnehmungen.
- Im Gefühl erlebt es einen Bezug der Objekte auf sein
Subjekt; im Willen ist das Umgekehrte
der Fall.
- Im Wollen haben wir ebenfalls eine Wahrnehmung vor uns,
nämlich die des individuellen Bezugs unseres Selbstes auf das Objektive.
- Was am Wollen nicht rein ideeller Faktor ist, das ist
ebenso bloß Gegenstand des Wahrnehmens wie das bei irgendeinem Dinge der
Außenwelt der Fall ist.
- Dennoch wird der naive Realismus auch hier wieder ein
weit wirklicheres Sein vor sich zu haben glauben, als durch das Denken erlangt
werden kann.
- Er wird in dem Willen ein Element erblicken, in dem er
ein Geschehen, ein Verursachen unmittelbar
gewahr wird, im Gegensatz zum Denken, das das Geschehen erst in Begriffe
faßt.
- Was das Ich durch seinen Willen vollbringt, stellt für
eine solche Anschauungsweise einen Prozeß dar, der unmittelbar erlebt wird.
- In dem Wollen glaubt der Bekenner dieser Philosophie das
Weltgeschehen wirklich an einem Zipfel erfaßt zu haben.
- Während er die anderen Geschehnisse nur durch Wahrnehmen
von außen verfolgen kann, glaubt er in seinem Wollen ein reales Geschehen ganz
unmittelbar zu erleben.
- Die Seinsform, in der ihm der Wille innerhalb des Selbst
erscheint, wird für ihn zu einem Realprinzip der Wirklichkeit.
- Sein eigenes Wollen erscheint ihm als Spezialfall des
allgemeinen Weltgeschehens; dieses letztere somit als allgemeines Wollen.
- Der Wille wird zum Weltprinzip wie in der Gefühlsmystik
das Gefühl zum Erkenntnisprinzip.
- Diese Anschauungsweise ist Willensphilosophie (Thelismus).
- Was sich nur individuell erleben läßt, das wird durch sie
zum konstituierenden Faktor der Welt gemacht.
- So wenig die Gefühlsmystik Wissenschaft genannt werden
kann, so wenig kann es die Willensphilosophie.
- Denn beide behaupten mit dem begrifflichen Durchdringen
der Welt nicht auskommen zu können.
- Beide fordern neben dem Idealprinzip des Seins noch ein
Realprinzip.
- Das mit einem gewissen Recht.
- Da wir aber für diese sogenannten Realprinzipien nur das
Wahrnehmen als Auffassungsmittel haben, so ist die Behauptung der Gefühlsmystik
und der Willensphilosophie identisch mit der Ansicht: Wir haben zwei Quellen
der Erkenntnis: die des Denkens und die des Wahrnehmens, welches letztere sich
im Gefühl und Willen als individuelles Erleben darstellt.
- Da die Ausflüsse der einen Quelle, die Erlebnisse, von
diesen Weltanschauungen nicht direkt in die der andern, des Denkens,
aufgenommen werden können, so bleiben die beiden Erkenntnisweisen, Wahrnehmen
und Denken ohne höhere Vermittlung nebeneinander bestehen.
- Neben dem durch das Wissen erreichbaren Idealprinzip soll
es noch ein zu erlebendes nicht im Denken erfaßbares Realprinzip der Welt
geben.
- Mit andern Worten: die Gefühlsmystik und
Willensphilosophie sind naiver Realismus, weil sie dem Satz huldigen: Das
unmittelbar Wahrgenommene ist wirklich.
- Sie begehen dem ursprünglichen naiven Realismus gegenüber
nur noch die Inkonsequenz, daß sie eine bestimmte Form des Wahrnehmens (das
Fühlen, beziehungsweise Wollen) zum alleinigen Erkenntnismittel des Seins
machen, während sie das doch nur können, wenn sie im allgemeinen dem Grundsatz
huldigen: Das Wahrgenommene ist wirklich.
- Sie müßten somit auch dem äußeren Wahrnehmen einen
gleichen Erkenntniswert zuschreiben.
- Die Willensphilosophie wird zum metaphysischen Realismus,
wenn sie den Willen auch in die Daseinssphären
verlegt, in denen ein unmittelbares Erleben desselben nicht wie in dem eigenen
Subjekt möglich ist.
- Sie nimmt ein Prinzip außer dem Subjekt hypothetisch an,
für das das subjektive Erleben das einzige Wirklichkeitskriterium ist.
- Als metaphysischer Realismus verfällt die
Willensphilosophie der im vorhergehenden Kapitel angegebenen Kritik, welche das
widerspruchsvolle Moment jedes metaphysischen Realismus überwinden und
anerkennen muß, daß der Wille nur insofern ein allgemeines Weltgeschehen ist,
als er sich ideell auf die übrige Welt bezieht.
-
- Zusatz zur
Neuausgabe 1918
- Die Schwierigkeit, das Denken in seinem Wesen beobachtend
zu erfassen, liegt darin, daß dieses Wesen der betrachtenden Seele nur allzu
leicht schon entschlüpft ist, wenn diese es in die Richtung ihrer
Aufmerksamkeit bringen will.
- Dann bleibt ihr nur das tote Abstrakte, die Leichname des
lebendigen Denkens.
- Sieht man nur auf dieses Abstrakte, so wird man leicht
ihm gegenüber sich gedrängt finden, in das «lebensvolle» Element der
Gefühlsmystik, oder auch der Willensmetaphysik einzutreten.
- Man wird es absonderlich finden, wenn jemand in «bloßen
Gedanken» das Wesen der Wirklichkeit ergreifen will.
- Aber wer sich dazu bringt, das Leben im Denken wahrhaft zu haben, der gelangt zur Einsicht, daß
dem inneren Reichtum und der in sich ruhenden, aber zugleich in sich bewegten Erfahrung innerhalb dieses Lebens das
Weben in bloßen Gefühlen oder das Anschauen des Willenselementes nicht einmal
verglichen werden kann, geschweige denn, daß diese über jenes gesetzt werden
dürften.
- Gerade von diesem Reichtum, von dieser inneren Fülle des
Erlebens rührt es her, daß sein Gegenbild in der gewöhnlichen Seeleneinstellung
tot, abstrakt aussieht.
- Keine andere menschliche Seelenbetätigung wird so leicht
zu verkennen sein wie das Denken.
- Das Wollen, das Fühlen, sie erwarmen die Menschenseele
auch noch im Nacherleben ihres Ursprungszustandes.
- Das Denken läßt nur allzuleicht in diesem Nacherleben
kalt; es scheint das Seelenleben auszutrocknen.
- Doch dies ist eben nur der stark sich geltend machende
Schatten seiner lichtdurchwobenen, warm in die Welterscheinungen untertauchenden
Wirklichkeit.
- Dieses Untertauchen geschieht mit einer in der
Denkbetätigung selbst dahinfließenden Kraft, welche Kraft der Liebe in
geistiger Art ist.
- Man darf nicht einwendend sagen, wer so Liebe im tätigen
Denken sieht, der verlegt ein Gefühl, die Liebe, in dasselbe.
- Denn dieser Einwand ist in Wahrheit eine Bestätigung des
hier geltend Gemachten.
- Wer nämlich zum wesenhaften
Denken sich hinwendet, der findet
in demselben sowohl Gefühl wie Willen, die letztern auch in den Tiefen ihrer
Wirklichkeit; wer von dem Denken sich ab, und nur dem «bloßen» Fühlen und
Wollen zuwendet, der verliert aus diesen die wahre Wirklichkeit.
- Wer im Denken intuitiv
erleben will, der wird auch dem gefühlsmäßigen und willensartigen Erleben
gerecht; nicht aber kann gerecht sein gegen die intuitiv-denkerische
Durchdringung des Daseins die Gefühlsmystik und die Willensmetaphysik.
- Die letztem werden nur allzuleicht zu dem Urteil kommen,
daß sie im Wirklichen stehen; der
intuitiv Denkende aber gefühllos und wirklichkeitsfremd in «abstrakten
Gedanken» ein schattenhaftes, kaltes Weltbild formt.
-
- Kapitel 9 - Die Idee der Freiheit
- Der Begriff des Baumes ist für
das Erkennen durch die Wahrnehmung des Baumes bedingt.
- Ich kann der bestimmten Wahrnehmung gegenüber nur einen
ganz bestimmten Begriff aus dem allgemeinen Begriffssystem herausheben.
- Der Zusammenhang von Begriff und Wahrnehmung wird durch
das Denken an der Wahrnehmung mittelbar und objektiv bestimmt.
- Die Verbindung der Wahrnehmung mit ihrem Begriffe wird
nach dem Wahrnehmungsakte erkannt; die Zusammengehörigkeit ist aber in der
Sache selbst bestimmt.
- Anders stellt sich der Vorgang
dar, wenn die Erkenntnis, wenn das in ihr auftretende Verhältnis des Menschen
zur Welt betrachtet wird.
- In den vorangehenden Ausführungen ist der Versuch gemacht
worden, zu zeigen, daß die Aufhellung dieses Verhältnisses durch eine auf
dasselbe gehende unbefangene Beobachtung möglich ist.
- Ein richtiges Verständnis dieser Beobachtung kommt zu der
Einsicht, daß das Denken als eine in sich beschlossene Wesenheit unmittelbar
angeschaut werden kann.
- Wer nötig findet, zur Erklärung des Denkens als solchem
etwas anderes herbeizuziehen, wie etwa physische Gehirnvorgänge, oder hinter
dem beobachteten bewußten Denken liegende unbewußte geistige Vorgänge, der
verkennt, was ihm die unbefangene Beobachtung des Denkens gibt.
- Wer das Denken beobachtet, lebt während der Beobachtung
unmittelbar in einem geistigen, sich selbst tragenden Wesensweben darinnen.
- Ja, man kann sagen, wer die Wesenheit des Geistigen in
der Gestalt, in der sie sich dem Menschen zunächst
darbietet, erfassen will, kann dies in dem auf sich selbst beruhenden
Denken.
- Im Betrachten des Denkens selbst fallen in eines
zusammen, was sonst immer getrennt auftreten muß: Begriff und Wahrnehmung.
- Wer dies nicht durchschaut, der wird in an Wahrnehmungen
erarbeiteten Begriffen nur schattenhafte Nachbildungen dieser Wahrnehmungen
sehen können, und die Wahrnehmungen werden ihm die wahre Wirklichkeit
vergegenwärtigen.
- Er wird auch eine metaphysische Welt nach dem Muster der
wahrgenommenen Welt sich auferbauen; er wird diese Welt Atomenwelt,
Willenswelt, unbewußte Geistwelt und so weiter nennen, je nach seiner
Vorstellungsart.
- Und es wird ihm entgehen, daß er sich mit alledem nur
eine metaphysische Welt hypothetisch nach dem Muster seiner Wahrnehmungswelt auferbaut hat.
- Wer aber durchschaut, was bezüglich des Denkens vorliegt,
der wird erkennen, daß in der Wahrnehmung nur ein Teil der Wirklichkeit
vorliegt und daß der andere zu ihr gehörige Teil, der sie erst als volle
Wirklichkeit erscheinen läßt, in der denkenden Durchsetzung der Wahrnehmung erlebt wird.
- Er wird in demjenigen, das als Denken im Bewußtsein
auftritt, nicht ein schattenhaftes Nachbild einer Wirklichkeit sehen, sondern
eine auf sich ruhende geistige Wesenhaftigkeit.
- Und von dieser kann er sagen, daß sie ihm durch Intuition im Bewußtsein gegenwärtig
wird.
- Intuition ist
das im rein Geistigen verlaufende bewußte Erleben eines rein geistigen
Inhaltes.
- Nur durch eine Intuition kann die Wesenheit des Denkens
erfaßt werden.
- Nur wenn man sich zu der in der unbefangenen Beobachtung
gewonnenen Anerkennung dieser Wahrheit über die intuitive Wesenheit des Denkens
hindurchgerungen hat, gelingt es, den Weg frei zu bekommen für eine Anschauung
der menschlichen leiblich-seelischen Organisation.
- Man erkennt, daß diese Organisation an dem Wesen des Denkens nichts bewirken kann.
- Dem scheint zunächst
der ganz offenbare Tatbestand zu widersprechen.
- Das menschliche Denken tritt für die gewöhnliche
Erfahrung nur an und durch diese Organisation auf.
- Dieses Auftreten macht sich so stark geltend, daß es in
seiner wahren Bedeutung nur von demjenigen durchschaut werden kann, der erkannt
hat, wie im Wesenhaften des Denkens nichts von dieser Organisation mitspielt.
- Einem solchen wird es dann aber auch nicht mehr entgehen
können, wie eigentümlich geartet das Verhältnis der menschlichen Organisation
zum Denken ist.
- Diese bewirkt nämlich nichts an dem Wesenhaften des
Denkens, sondern sie weicht, wenn die Tätigkeit des Denkens auftritt, zurück;
sie hebt ihre eigene Tätigkeit auf, sie macht einen Platz frei; und an dem freigewordenen
Platz tritt das Denken auf.
- Dem Wesenhaften, das im Denken wirkt, obliegt ein
Doppeltes: Erstens drängt es die menschliche Organisation in deren eigener
Tätigkeit zurück, und zweitens setzt es sich selbst an deren Stelle.
- Denn auch das erste, die Zurückdrängung der
Leibesorganisation, ist Folge der Denktätigkeit.
- Und zwar desjenigen Teiles derselben, der das Erscheinen des Denkens vorbereitet.
- Man ersieht aus diesem, in welchem Sinne das Denken in
der Leibesorganisation sein Gegenbild findet.
- Und wenn man dieses ersieht, wird man nicht mehr die
Bedeutung dieses Gegenbildes für das Denken selbst verkennen können.
- Wer über einen erweichten Boden geht, dessen Fußspuren
graben sich in dem Boden ein.
- Man wird nicht versucht sein, zu sagen, die Fußspurenformen
seien von Kräften des Bodens, von unten herauf, getrieben worden.
- Man wird diesen Kräften
keinen Anteil an dem Zustandekommen der Spurenformen zuschreiben.
- Ebensowenig wird, wer die Wesenheit des Denkens
unbefangen beobachtet, den Spuren im Leibesorganismus an dieser Wesenheit einen
Anteil zuschreiben, die dadurch entstehen, daß das Denken sein Erscheinen durch
den Leib vorbereitet. (1)
- Fußnoten: (1) Wie innerhalb der
Psychologie, der Physiologie usw. sich die obige Anschauung geltend macht, hat
der Verfasser in Schriften, die auf dieses Buch gefolgt sind, nach
verschiedenen Richtungen dargestellt. Hier sollte nur das gekennzeichnet
werden, was die unbefangene Beobachtung des Denkens selbst ergibt.
- Aber eine bedeutungsvolle Frage taucht hier auf.
- Wenn an dem Wesen des
Denkens der menschlichen Organisation kein Anteil zukommt, welche Bedeutung hat
diese Organisation innerhalb der Gesamtwesenheit des Menschen?
- Nun, was in dieser Organisation durch das Denken
geschieht, hat wohl mit der Wesenheit des Denkens nichts zu tun, wohl aber mit
der Entstehung des Ich-Bewußtseins aus diesem Denken heraus.
- Innerhalb des Eigenwesens des Denkens liegt wohl das
wirkliche «Ich», nicht aber das Ich-Bewußtsein.
- Dies durchschaut derjenige, der eben unbefangen das
Denken beobachtet.
- Das «Ich» ist innerhalb des Denkens zu finden; das
«Ich-Bewußtsein» tritt dadurch auf, daß im allgemeinen Bewußtsein sich die
Spuren der Denktätigkeit in dem oben gekennzeichneten Sinne eingraben.
- (Durch die Leibesorganisation entsteht also das
Ich-Bewußtsein.
- Man verwechsele das aber nicht etwa mit der Behauptung,
daß das einmal entstandene Ich-Bewußtsein von der Leibesorganisation abhängig
bleibe.
- Einmal entstanden, wird es in das Denken aufgenommen und
teilt fortan dessen geistige Wesenheit.)
- Das «Ich-Bewußtsein» ist auf die menschliche Organisation
gebaut.
- Aus dieser erfließen die Willenshandlungen.
- In der Richtung der vorangegangenen Darlegungen wird ein
Einblick in den Zusammenhang zwischen Denken, bewußtem Ich und Willenshandlung
nur zu gewinnen sein, wenn erst beobachtet wird, wie die Willenshandlung aus
der menschlichen Organisation hervorgeht. (2)
- Fußnoten: (2) S. 145 bis zur obigen Stelle ist Zusatz,
beziehungsweise Umarbeitung für die Neuausgabe 1918.
- Für den einzelnen Willensakt kommt in Betracht: das Motiv
und die Triebfeder.
- Das Motiv ist ein begrifflicher oder vorstellungsgemäßer
Faktor; die Triebfeder ist der in der menschlichen Organisation unmittelbar
bedingte Faktor des Wollens.
- Der begriffliche Faktor oder das Motiv ist der
augenblickliche Bestimmungsgrund des Wollens; die Triebfeder der bleibende
Bestimmungsgrund des Individuums.
- Motiv des Wollens kann ein reiner Begriff oder ein
Begriff mit einem bestimmten Bezug auf das Wahrnehmen sein, das ist eine
Vorstellung.
- Allgemeine und individuelle Begriffe (Vorstellungen)
werden dadurch zu Motiven des Wollens, daß sie auf das menschliche Individuum
wirken und dasselbe in einer gewissen Richtung zum Handeln bestimmen.
- Ein und derselbe Begriff, beziehungsweise eine und
dieselbe Vorstellung wirkt aber auf verschiedene Individuen verschieden.
- Sie veranlassen verschiedene Menschen zu verschiedenen
Handlungen.
- Das Wollen ist also nicht bloß ein Ergebnis des Begriffes
oder der Vorstellung, sondern auch der individuellen Beschaffenheit des
Menschen.
- Diese individuelle Beschaffenheit wollen wir — man kann
in bezug darauf Eduard von Hartmann folgen — die charakterologische Anlage
nennen.
- Die Art, wie Begriff und Vorstellung auf die charakterologische
Anlage des Menschen wirken, gibt seinem Leben ein bestimmtes moralisches oder
ethisches Gepräge.
- Die charakterologische Anlage wird gebildet durch den
mehr oder weniger bleibenden Lebensgehalt unseres Subjektes, das ist durch
unseren Vorstellungs- und Gefühlsinhalt.
- Ob mich eine in mir gegenwärtig auftretende Vorstellung
zu einem Wollen anregt, das hängt davon ab, wie sie sich zu meinem übrigen
Vorstellungsinhalte und auch zu meinen Gefühlseigentümlichkeiten verhält.
- Mein Vorstellungsinhalt ist aber wieder bedingt durch die
Summe derjenigen Begriffe, die im Verlaufe meines individuellen Lebens mit
Wahrnehmungen in Berührung gekommen, das heißt zu Vorstellungen geworden sind.
- Diese hängt wieder ab von meiner größeren oder geringeren
Fähigkeit der Intuition und von dem Umkreis meiner Beobachtungen, das ist von
dem subjektiven und dem objektiven Faktor der Erfahrungen, von der inneren
Bestimmtheit und dem Lebensschauplatz.
- Ganz besonders ist meine charakterologische Anlage durch
mein Gefühlsleben bestimmt.
- Ob ich an einer bestimmten Vorstellung oder einem Begriff
Freude oder Schmerz empfinde, davon wird es abhängen, ob ich sie zum Motiv
meines Handelns machen will oder nicht.
- — Dies sind die Elemente, die bei einem Willensakte in
Betracht kommen.
- Die unmittelbar gegenwärtige Vorstellung oder der
Begriff, die zum Motiv werden, bestimmen das Ziel, den Zweck meines Wollens;
meine charakterologische Anlage bestimmt mich, auf dieses Ziel meine Tätigkeit
zu richten.
- Die Vorstellung, in der nächsten halben Stunde einen
Spaziergang zu machen, bestimmt das Ziel meines Handelns.
- Diese Vorstellung wird aber nur dann zum Motiv des
Wollens erhoben, wenn sie auf eine geeignete charakterologische Anlage
auftrifft, das ist, wenn sich durch mein bisheriges Leben in mir etwa die
Vorstellungen gebildet haben von der Zweckmäßigkeit des Spazierengehens, von
dem Wert der Gesundheit, und ferner, wenn sich mit der Vorstellung des
Spazierengehens in mir das Gefühl der Lust verbindet.
- Wir haben somit zu unterscheiden: 1. Die möglichen
subjektiven Anlagen, die geeignet sind, bestimmte Vorstellungen und Begriffe zu
Motiven zu machen; und 2. die möglichen Vorstellungen und Begriffe, die
imstande sind, meine charakterologische Anlage so zu beeinflussen, daß sich ein
Wollen ergibt.
- Jene stellen die Triebfedern,
diese die Ziele der Sittlichkeit dar.
- Die Triebfedern der Sittlichkeit können wir dadurch
finden, daß wir nachsehen, aus welchen Elementen sich das individuelle Leben
zusammensetzt.
- Die erste Stufe des individuellen Lebens ist das Wahrnehmen, und zwar das Wahrnehmen der
Sinne.
- Wir stehen hier in jener Region unseres individuellen
Lebens, wo sich das Wahrnehmen unmittelbar, ohne Dazwischentreten eines
Gefühles oder Begriffes in Wollen umsetzt.
- Die Triebfeder des Menschen, die hierbei in Betracht
kommt, wird als Trieb schlechthin
bezeichnet.
- Die Befriedigung unserer niederen, rein animalischen
Bedürfnisse (Hunger, Geschlechtsverkehr usw.) kommt auf diesem Wege zustande.
- Das Charakteristische des Trieblebens besteht in der
Unmittelbarkeit, mit der die Einzelwahrnehmung das Wollen auslöst.
- Diese Art der Bestimmung des Wollens, die ursprünglich
nur dem niedrigeren Sinnenleben eigen ist, kann auch auf die Wahrnehmungen der
höheren Sinne ausgedehnt werden.
- Wir lassen auf die Wahrnehmung irgendeines Geschehens in
der Außenwelt, ohne weiter nachzudenken und ohne daß sich uns an die
Wahrnehmung ein besonderes Gefühl knüpft, eine Handlung folgen, wie das
namentlich im konventionellen Umgange mit Menschen geschieht.
- Die Triebfeder dieses Handelns bezeichnet man als Takt oder sittlichen Geschmack.
- Je öfter sich ein solches unmittelbares Auslösen einer
Handlung durch eine Wahrnehmung vollzieht, desto geeigneter wird sich der
betreffende Mensch erweisen, rein unter dem Einfluß des Taktes zu handeln, das
ist: der Takt wird zu seiner
charakterologischen Anlage.
- Die zweite Sphäre des menschlichen Lebens ist das Fühlen.
- An die Wahrnehmungen der Außenwelt knüpfen sich bestimmte
Gefühle.
- Diese Gefühle können zu Triebfedern des Handelns werden.
- Wenn ich einen hungernden Menschen sehe, so kann mein
Mitgefühl mit demselben die Triebfeder meines Handelns bilden.
- Solche Gefühle sind etwa: das Schamgefühl, der Stolz, das
Ehrgefühl, die Demut, die Reue, das Mitgefühl, das Rache- und
Dankbarkeitsgefühl, die Pietät, die Treue, das Liebes- und Pflichtgefühl. (3)
- Fußnoten: (3) Eine vollständige
Zusammenstellung der Prinzipien der Sittlichkeit findet man (vom Standpunkte
des metaphysischen Realismus aus) in Eduard von Hartmanns «Phänomenologie des
sittlichen Bewußtseins».
- Die dritte Stufe des Lebens endlich ist das Denken und Vorstellen.
- Durch bloße Überlegung kann eine Vorstellung oder ein
Begriff zum Motiv einer Handlung werden.
- Vorstellungen werden dadurch Motive, daß wir im Laufe des
Lebens fortwährend gewisse Ziele des Wollens an Wahrnehmungen knüpfen, die in
mehr oder weniger modifizierter Gestalt immer wiederkehren.
- Daher kommt es, daß bei Menschen, die nicht ganz ohne
Erfahrung sind, stets mit bestimmten Wahrnehmungen auch die Vorstellungen von
Handlungen ins Bewußtsein treten, die sie in einem ähnlichen Fall ausgeführt
oder ausführen gesehen haben.
- Diese Vorstellungen schweben ihnen als bestimmende Muster
bei allen späteren Entschließungen vor, sie werden Glieder ihrer
charakterologischen Anlage.
- Wir können die damit bezeichnete Triebfeder des Wollens
die praktische Erfahrung nennen.
- Die praktische Erfahrung geht allmählich in das rein
taktvolle Handeln über.
- Wenn sich bestimmte typische Bilder von Handlungen mit
Vorstellungen von gewissen Situationen des Lebens in unserem Bewußtsein so fest
verbunden haben, daß wir gegebenen Falles mit Überspringung aller auf Erfahrung
sich gründenden Überlegung unmittelbar auf die Wahrnehmung hin ins Wollen
übergehen, dann ist dies der Fall.
- Die höchste Stufe des individuellen Lebens ist das
begriffliche Denken ohne Rücksicht auf einen bestimmten Wahrnehmungsgehalt.
- Wir bestimmen den Inhalt eines Begriffes durch reine
Intuition aus der ideellen Sphäre heraus.
- Ein solcher Begriff enthält dann zunächst keinen Bezug
auf bestimmte Wahrnehmungen.
- Wenn wir unter dem Einflusse eines auf eine Wahrnehmung
deutenden Begriffes, das ist einer Vorstellung, in das Wollen eintreten, so ist
es diese Wahrnehmung, die uns auf dem Umwege durch das begriffliche Denken
bestimmt.
- Wenn wir unter dem Einflusse von Intuitionen handeln, so
ist die Triebfeder unseres Handelns das reine
Denken.
- Da man gewohnt ist, das reine Denkvermögen in der
Philosophie als Vernunft zu bezeichnen, so ist es wohl auch berechtigt, die auf
dieser Stufe gekennzeichnete moralische Triebfeder die praktische Vernunft zu nennen.
- Am klarsten hat von dieser Triebfeder des Wollens Kreyenbühl (Philosophische Monatshefte,
Bd. XVIII, Heft 3) gehandelt.
- Ich rechne seinen darüber geschriebenen Aufsatz zu den
bedeutsamsten Erzeugnissen der gegenwärtigen Philosophie, namentlich der Ethik.
- Kreyenbühl bezeichnet die in Rede stehende Triebfeder als
praktisches Apriori, das heißt
unmittelbar aus meiner Intuition fließenden Antrieb zum Handeln.
- Es ist klar, daß ein solcher Antrieb nicht mehr im
strengen Wortsinne zu dem Gebiete der charakterologischen Anlagen gerechnet
werden kann.
- Denn was hier als Triebfeder wirkt, ist nicht mehr ein
bloß Individuelles in mir, sondern der ideelle und folglich allgemeine Inhalt
meiner Intuition.
- Sobald ich die Berechtigung dieses Inhaltes als Grundlage
und Ausgangspunkt einer Handlung ansehe, trete ich in das Wollen ein,
gleichgültig ob der Begriff bereits zeitlich vorher in mir da war, oder erst
unmittelbar vor dem Handeln in mein Bewußtsein eintritt, das ist: gleichgültig,
ob er bereits als Anlage in mir vorhanden war oder nicht.
- Zu einem wirklichen Willensakt kommt es nur dann, wenn
ein augenblicklicher Antrieb des Handelns in Form eines Begriffes oder einer
Vorstellung auf die charakterologische Anlage einwirkt.
- Ein solcher Antrieb wird dann zum Motiv des Wollens.
- Die Motive der Sittlichkeit sind Vorstellungen und
Begriffe.
- Es gibt Ethiker, die auch im Gefühle ein Motiv der Sittlichkeit
sehen; sie behaupten zum Beispiel, Ziel des sittlichen Handelns sei die
Beförderung des größtmöglichen Quantums von Lust im handelnden Individuum.
- Die Lust selbst aber kann nicht Motiv werden, sondern nur
eine vorgestellte Lust.
- Die Vorstellung eines
künftigen Gefühles, nicht aber das Gefühl selbst kann auf meine
charakterologische Anlage einwirken.
- Denn das Gefühl selbst ist im Augenblicke der Handlung
noch nicht da, soll vielmehr erst durch die Handlung hervorgebracht werden.
- Die Vorstellung des
eigenen oder fremden Wohles wird aber mit Recht als ein Motiv des Wollens
angesehen.
- Das Prinzip, durch sein Handeln die größte Summe eigener
Lust zu bewirken, das ist: die individuelle Glückseligkeit zu erreichen, heißt Egoismus.
- Diese individuelle Glückseligkeit wird entweder dadurch
zu erreichen gesucht, daß man in rücksichtsloser Weise nur auf das eigene Wohl
bedacht ist und dieses auch auf Kosten des Glückes fremder Individualitäten
erstrebt (reiner Egoismus), oder dadurch, daß man das fremde Wohl aus dem
Grunde befördert, weil man sich dann mittelbar von den glücklichen fremden
Individualitäten einen günstigen Einfluß auf die eigene Person verspricht, oder
weil man durch Schädigung fremder Individuen auch eine Gefährdung des eigenen
Interesses befürchtet (Klugheitsmoral).
- Der besondere Inhalt der egoistischen
Sittlichkeitsprinzipien wird davon abhängen, welche Vorstellung sich der Mensch
von seiner eigenen oder der fremden Glückseligkeit macht.
- Nach dem, was einer als ein Gut des Lebens ansieht
(Wohlleben, Hoffnung auf Glückseligkeit, Erlösung von verschiedenen Übeln
usw.), wird er den Inhalt seines egoistischen Strebens bestimmen.
- Als ein weiteres Motiv ist dann der rein begriffliche
Inhalt einer Handlung anzusehen.
- Dieser Inhalt bezieht sich nicht wie die Vorstellung der
eigenen Lust auf die einzelne Handlung allein, sondern auf die Begründung einer
Handlung aus einem Systeme sittlicher Prinzipien.
- Diese Moralprinzipien können in Form abstrakter Begriffe
das sittliche Leben regeln, ohne daß der einzelne sich um den Ursprung der
Begriffe kümmert.
- Wir empfinden dann einfach die Unterwerfung unter den
sittlichen Begriff, der als Gebot über unserem Handeln schwebt, als sittliche
Notwendigkeit.
- Die Begründung dieser Notwendigkeit überlassen wir dem,
der die sittliche Unterwerfung fordert, das ist der sittlichen Autorität, die
wir anerkennen (Familienoberhaupt, Staat, gesellschaftliche Sitte, kirchliche
Autorität, göttliche Offenbarung).
- Eine besondere Art dieser Sittlichkeitsprinzipien ist
die, wo das Gebot sich nicht durch eine äußere Autorität für uns kundgibt,
sondern durch unser eigenes Innere (sittliche Autonomie).
- Wir vernehmen dann die Stimme in unserem eigenen Innern,
der wir uns zu unterwerfen haben.
- Der Ausdruck dieser Stimme ist das Gewissen.
- Es bedeutet einen sittlichen Fortschritt, wenn der Mensch
zum Motiv seines Handelns nicht einfach das Gebot einer äußeren oder der
inneren Autorität macht, sondern wenn er den Grund einzusehen bestrebt ist, aus
dem irgendeine Maxime des Handelns als Motiv in ihm wirken soll.
- Dieser Fortschritt ist der von der autoritativen Moral zu
dem Handeln aus sittlicher Einsicht.
- Der Mensch wird auf dieser Stufe der Sittlichkeit die
Bedürfnisse des sittlichen Lebens aufsuchen und sich von der Erkenntnis
derselben zu seinen Handlungen bestimmen lassen.
- Solche Bedürfnisse sind: 1. das größtmögliche Wohl der
Gesamtmenschheit rein um dieses Wohles willen; 2. der Kulturfortschritt oder
die sittliche Entwickelung der
Menschheit zu immer größerer Vollkommenheit; 3. die Verwirklichung rein
intuitiv erfaßter individueller Sittlichkeitsziele.
- Das größtmögliche
Wohl der Gesamtmenschheit wird natürlich von verschiedenen Menschen in
verschiedener Weise aufgefaßt werden.
- Die obige Maxime bezieht sich nicht auf eine bestimmte
Vorstellung von diesem Wohl, sondern darauf, daß jeder einzelne, der dies
Prinzip anerkennt, bestrebt ist, dasjenige zu tun, was nach seiner Ansicht das
Wohl der Gesamtmenschheit am meisten fördert.
- Der
Kulturfortschritt erweist sich für denjenigen, dem sich an die Güter der
Kultur ein Lustgefühl knüpft, als ein spezieller Fall des vorigen
Moralprinzips.
- Er wird nur den Untergang und die Zerstörung mancher
Dinge, die auch zum Wohle der Menschheit beitragen, mit in Kauf nehmen müssen.
- Es ist aber auch möglich, daß jemand in dem
Kulturfortschritt, abgesehen von dem damit verbundenen Lustgefühl, eine sittliche
Notwendigkeit erblickt.
- Dann ist derselbe für ihn ein besonderes Moralprinzip
neben dem vorigen.
- Sowohl die Maxime des Gesamtwohles wie auch jene des
Kulturfortschrittes beruht auf der Vorstellung, das ist auf der Beziehung, die
man dem Inhalt der sittlichen Ideen zu bestimmten Erlebnissen (Wahrnehmungen)
gibt.
- Das höchste denkbare Sittlichkeitsprinzip ist aber das,
welches keine solche Beziehung von vornherein enthält, sondern aus dem Quell
der reinen Intuition entspringt und erst nachher die Beziehung zur Wahrnehmung
(zum Leben) sucht.
- Die Bestimmung, was zu wollen ist, geht hier von einer
andern Instanz aus als in den vorhergehenden Fällen.
- Wer dem sittlichen Prinzip des Gesamtwohles huldigt, der
wird bei allen seinen Handlungen zuerst fragen, was zu diesem Gesamtwohl seine
Ideale beitragen.
- Wer sich zu dem sittlichen Prinzip des
Kulturfortschrittes bekennt, wird es hier ebenso machen.
- Es gibt aber ein höheres, das in dem einzelnen Falle
nicht von einem bestimmten einzelnen Sittlichkeitsziel ausgeht, sondern welches
allen Sittlichkeitsmaximen einen gewissen Wert beilegt, und im gegebenen Falle
immer fragt, ob denn hier das eine oder das andere Moralprinzip das wichtigere
ist.
- Es kann vorkommen, daß jemand unter gegebenen
Verhältnissen die Förderung des Kulturfortschrittes, unter andern die des
Gesamtwohls, im dritten Falle die Förderung des eigenen Wohles für das richtige
ansieht und zum Motiv seines Handelns macht.
- Wenn aber alle andern Bestimmungsgründe erst an zweite
Stelle treten, dann kommt in erster Linie die begriffliche Intuition selbst in
Betracht.
- Damit treten die andern Motive von der leitenden Stelle
ab, und nur der Ideengehalt der Handlung wirkt als Motiv derselben.
- Wir haben unter den Stufen der charakterologischen Anlage
diejenige als die höchste bezeichnet, die als reines Denken, als praktische
Vernunft wirkt.
- Unter den Motiven haben wir jetzt als das höchste die begriffliche Intuition bezeichnet.
- Bei genauerer Überlegung stellt sich alsbald heraus, daß
auf dieser Stufe der Sittlichkeit Triebfeder und Motiv zusammenfallen, das ist,
daß weder eine vorher bestimmte charakterologische Anlage, noch ein äußeres,
normativ angenommenes sittliches Prinzip auf unser Handeln wirken.
- Die Handlung ist also keine schablonenmäßige, die nach
irgendwelchen Regeln ausgeführt wird, und auch keine solche, die der Mensch auf
äußeren Anstoß hin automatenhaft vollzieht, sondern eine schlechthin durch
ihren idealen Gehalt bestimmte.
- Zur Voraussetzung hat eine solche Handlung die Fähigkeit
der moralischen Intuitionen.
- Wem die Fähigkeit fehlt für den einzelnen Fall die
besondere Sittlichkeitsmaxime zu erleben, der wird es auch nie zum wahrhaft
individuellen Wollen bringen.
- Der gerade Gegensatz dieses Sittlichkeitsprinzips ist das
Kantsche: Handle so, daß die Grundsätze deines Handelns für alle Menschen
gelten können.
- Dieser Satz ist der Tod aller individuellen Antriebe des
Handelns.
- Nicht wie alle Menschen
handeln würden, kann für mich maßgebend sein, sondern was für mich in dem
individuellen Falle zu tun ist.
- Ein oberflächliches Urteil könnte vielleicht diesen
Ausführungen einwenden: Wie kann das Handeln zugleich individuell auf den
besonderen Fall und die besondere Situation geprägt und doch rein ideell aus
der Intuition heraus bestimmt sein?
- Dieser Einwand beruht auf einer Verwechselung von
sittlichem Motiv und wahrnehmbarem Inhalt der Handlung.
- Der letztere kann Motiv
sein, und ist es auch zum Beispiel beim Kulturfortschritt, beim Handeln aus
Egoismus usw.; beim Handeln auf Grund rein sittlicher Intuition ist er es nicht.
- Mein Ich richtet seinen Blick natürlich auf diesen
Wahrnehmungsinhalt, bestimmen läßt es
sich durch denselben nicht.
- Dieser Inhalt wird nur benützt, um sich einen Erkenntnisbegriff zu bilden, den dazu
gehörigen moralischen Begriff entnimmt
das Ich nicht aus dem Objekte.
- Der Erkenntnisbegriff aus einer bestimmten Situation, der
ich gegenüberstehe, ist nur dann zugleich ein moralischer Begriff, wenn ich auf
dem Standpunkte eines bestimmten Moralprinzips stehe.
- Wenn ich auf dem Boden der allgemeinen
Kulturentwickelungsmoral allein stehen möchte, dann ginge ich mit gebundener
Marschroute in der Welt umher.
- Aus jedem Geschehen, das ich wahrnehme und das mich
beschäftigen kann, entspringt zugleich eine sittliche Pflicht; nämlich mein
Scherflein beizutragen, damit das betreffende Geschehen in den Dienst der
Kulturentwickelung gestellt werde.
- Außer dem Begriff, der mir den naturgesetzlichen
Zusammenhang eines Geschehens oder Dinges enthüllt, haben die letztem auch noch
eine sittliche Etikette umgehängt, die für mich, das moralische Wesen, eine
ethische Anweisung enthält, wie ich mich zu benehmen habe.
- Diese sittliche Etikette ist in ihrem Gebiete berechtigt,
sie fällt aber auf einem höheren Standpunkte mit der Idee zusammen, die mir dem
konkreten Fall gegenüber aufgeht.
- Die Menschen sind dem Intuitionsvermögen nach
verschieden.
- Dem einen sprudeln die Ideen zu, der andere erwirbt sie
sich mühselig.
- Die Situationen, in denen die Menschen leben, und die den
Schauplatz ihres Handelns abgeben, sind nicht weniger verschieden.
- Wie ein Mensch handelt, wird also abhängen von der Art,
wie sein Intuitionsvermögen einer bestimmten Situation gegenüber wirkt.
- Die Summe der in uns wirksamen Ideen, den realen Inhalt
unserer Intuitionen, macht das aus, was bei aller Allgemeinheit der Ideenwelt
in jedem Menschen individuell geartet ist.
- Insofern dieser intuitive Inhalt auf das Handeln geht,
ist er der Sittlichkeitsgehalt des Individuums.
- Das Auslebenlassen dieses Gehalts ist die höchste
moralische Triebfeder und zugleich das höchste Motiv dessen, der einsieht, daß
alle andern Moralprinzipien sich letzten Endes in diesem Gehalte vereinigen.
- Man kann diesen Standpunkt den ethischen Individualismus nennen.
- Das Maßgebende einer intuitiv bestimmten Handlung im
konkreten Falle ist das Auffinden der entsprechenden, ganz individuellen
Intuition.
- Auf dieser Stufe der Sittlichkeit kann von allgemeinen
Sittlichkeitsbegriffen (Normen, Gesetzen) nur insofern die Rede sein, als sich
diese aus der Verallgemeinerung der individuellen Antriebe ergeben.
- Allgemeine Normen setzen immer konkrete Tatsachen voraus,
aus denen sie abgeleitet werden können.
- Durch das menschliche Handeln werden aber Tatsachen erst geschaffen.
- Wenn wir das Gesetzmäßige (Begriffliche in dem Handeln
der Individuen, Völker und Zeitalter) aufsuchen, so erhalten wir eine Ethik,
aber nicht als Wissenschaft von sittlichen Normen, sondern als Naturlehre der
Sittlichkeit.
- Erst die hierdurch gewonnenen Gesetze verhalten sich zum
menschlichen Handeln so wie die Naturgesetze zu einer besonderen Erscheinung.
- Sie sind aber durchaus nicht identisch mit den Antrieben,
die wir unserm Handeln zugrunde legen.
- Will man erfassen, wodurch eine Handlung des Menschen
dessen sittlichem Wollen entspringt,
so muß man zunächst auf das Verhältnis dieses Wollens zu der Handlung sehen.
- Man muß zunächst Handlungen ins Auge fassen, bei denen
dieses Verhältnis das Bestimmende ist.
- Wenn ich oder ein anderer später über eine solche
Handlung nachdenken, kann es herauskommen, welche Sittlichkeitsmaximen bei
derselben in Betracht kommen.
- Während ich handle, bewegt mich die Sittlichkeitsmaxime,
insoferne sie intuitiv in mir leben kann; sie ist verbunden mit der Liebe zu dem Objekt, das ich durch meine
Handlung verwirklichen will.
- Ich frage keinen Menschen und auch keine Regel: soll ich
diese Handlung ausführen?— sondern ich führe sie aus, sobald ich die Idee davon
gefaßt habe.
- Nur dadurch ist sie meine
Handlung.
- Wer nur handelt, weil er bestimmte sittliche Normen
anerkennt, dessen Handlung ist das Ergebnis der in seinem Moralkodex stehenden
Prinzipien.
- Er ist bloß der Vollstrecker.
- Er ist ein höherer Automat.
- Werfet einen Anlaß zum Handeln in sein Bewußtsein, und
alsbald setzt sich das Räderwerk seiner Moralprinzipien in Bewegung und läuft
in gesetzmäßiger Weise ab, um eine christliche, humane, ihm selbstlos geltende,
oder eine Handlung des kulturgeschichtlichen Fortschrittes zu vollbringen.
- Nur wenn ich meiner Liebe zu dem Objekte folge, dann bin
ich es selbst, der handelt.
- Ich handle auf dieser Stufe der Sittlichkeit nicht, weil
ich einen Herrn über mich anerkenne, nicht die äußere Autorität, nicht eine
sogenannte innere Stimme.
- Ich erkenne kein äußeres Prinzip meines Handelns an, weil
ich in mir selbst den Grund des Handelns, die Liebe zur Handlung gefunden habe.
- Ich prüfe nicht verstandesmäßig, ob meine Handlung gut
oder böse ist; ich vollziehe sie, weil ich sie liebe.
- Sie wird «gut», wenn meine in Liebe getauchte Intuition
in der rechten Art in dem intuitiv zu erlebenden Weltzusammenhang drinnensteht;
«böse», wenn das nicht der Fall ist.
- Ich frage mich auch nicht: wie würde ein anderer Mensch
in meinem Falle handeln? — sondern ich
handle, wie ich, diese besondere Individualität, zu wollen mich veranlaßt sehe.
- Nicht das allgemein Übliche, die allgemeine Sitte, eine
allgemeinmenschliche Maxime, eine sittliche Norm leitet mich in unmittelbarer
Art, sondern meine Liebe zur Tat.
- Ich fühle keinen Zwang, nicht den Zwang der Natur, die
mich bei meinen Trieben leitet, nicht den Zwang der sittlichen Gebote, sondern
ich will einfach ausführen, was in mir liegt.
- Die Verteidiger der allgemeinen sittlichen Normen könnten
etwa zu diesen Ausführungen sagen: Wenn jeder Mensch nur darnach strebt, sich
auszuleben und zu tun, was ihm beliebt, dann ist kein Unterschied zwischen
guter Handlung und Verbrechen; jede Gaunerei, die in mir liegt, hat gleichen
Anspruch sich auszuleben, wie die Intention, dem allgemeinen Besten zu dienen.
- Nicht der Umstand, daß ich eine Handlung der Idee nach
ins Auge gefaßt habe, kann für mich als sittlichen Menschen maßgebend sein,
sondern die Prüfung, ob sie gut oder böse
ist.
- Nur im ersteren Falle werde ich sie ausführen.
- Meine Entgegnung auf diesen naheliegenden und doch nur
aus einer Verkennung des hier Gemeinten entspringenden Einwand ist diese: Wer
das Wesen des menschlichen Wollens erkennen will, der muß unterscheiden
zwischen dem Weg, der dieses Wollen bis zu einem bestimmten Grad der
Entwickelung bringt, und der Eigenart, welche das Wollen annimmt, indem es sich
diesem Ziele annähert.
- Auf dem Wege zu diesem Ziele spielen Normen ihre berechtigte
Rolle.
- Das Ziel besteht in der Verwirklichung rein intuitiv
erfaßter Sittlichkeitsziele.
- Der Mensch erreicht solche Ziele in dem Maße, in dem er
die Fähigkeit besitzt, sich überhaupt zum intuitiven Ideengehalte der Welt zu
erheben.
- Im einzelnen Wollen wird zumeist anderes als Triebfeder
oder Motiv solchen Zielen beigemischt sein.
- Aber Intuitives kann im menschlichen Wollen doch
bestimmend oder mitbestimmend sein.
- Was man soll,
das tut man; man gibt den Schauplatz ab, auf dem das Sollen zum Tun wird;
eigene Handlung ist, was man als solche aus sich entspringen läßt.
- Der Antrieb kann da nur ein ganz individueller sein.
- Und in Wahrheit kann nur eine aus der Intuition
entspringende Willenshandlung eine individuelle sein.
- Daß die Tat des Verbrechers, daß das Böse in gleichem
Sinne ein Ausleben der Individualität genannt wird wie die Verkörperung reiner
Intuition, ist nur möglich, wenn die blinden Triebe zur menschlichen
Individualität gezählt werden.
- Aber der blinde Trieb, der zum Verbrechen treibt, stammt
nicht aus Intuitivem, und gehört nicht zum Individuellen des Menschen, sondern
zum Allgemeinsten in ihm, zu dem, was bei allen Individuen in gleichem Maße
geltend ist und aus dem sich der Mensch durch sein Individuelles heraus
arbeitet.
- Das Individuelle in mir ist nicht mein Organismus mit
seinen Trieben und Gefühlen, sondern das ist die einige Ideenwelt, die in
diesem Organismus aufleuchtet.
- Meine Triebe, Instinkte, Leidenschaften begründen nichts
weiter in mir, als daß ich zur allgemeinen Gattung Mensch gehöre; der Umstand, daß sich ein Ideelles in diesen
Trieben, Leidenschaften und Gefühlen auf eine besondere Art auslebt, begründet
meine Individualität.
- Durch meine Instinkte, Triebe bin ich ein Mensch, von
denen zwölf ein Dutzend machen; durch die besondere Form der Idee, durch die
ich mich innerhalb des Dutzend als Ich bezeichne, bin ich Individuum.
- Nach der Verschiedenheit meiner tierischen Natur könnte
mich nur ein mir fremdes Wesen von andern unterscheiden; durch mein Denken, das
heißt durch das tätige Erfassen dessen, was sich als Ideelles in meinem
Organismus auslebt, unterscheide ich mich selbst von andern.
- Man kann also von der Handlung des Verbrechers gar nicht
sagen, daß sie aus der Idee hervorgeht.
- Ja, das ist gerade das Charakteristische der
Verbrecherhandlungen, daß sie aus den außerideellen Elementen des Menschen sich
herleiten.
- Eine Handlung wird als eine freie empfunden, soweit deren
Grund aus dem ideellen Teil meines individuellen Wesens hervorgeht; jeder
andere Teil einer Handlung, gleichgültig, ob er aus dem Zwange der Natur oder
aus der Nötigung einer sittlichen Norm vollzogen wird, wird als unfrei empfunden.
- Frei ist nur der Mensch, insofern er in jedem Augenblicke
seines Lebens sich selbst zu folgen in der Lage ist.
- Eine sittliche Tat ist nur meine Tat, wenn sie in dieser Auffassung eine freie genannt werden
kann.
- Hier ist zunächst die Rede davon, unter welchen
Voraussetzungen eine gewollte Handlung als eine freie empfunden wird; wie diese
rein ethisch gefaßte Freiheitsidee in der menschlichen Wesenheit sich
verwirklicht, soll im folgenden sich zeigen.
- Die Handlung aus Freiheit schließt die sittlichen Gesetze
nicht etwa aus, sondern ein; sie erweist sich nur als höherstehend gegenüber
derjenigen, die nur von diesen Gesetzen diktiert ist.
- Warum sollte meine Handlung denn weniger dem Gesamtwohle
dienen, wenn ich sie aus Liebe getan habe, als dann, wenn ich sie nur aus dem Grunde vollbracht habe, weil
dem Gesamtwohle zu dienen ich als Pflicht empfinde?
- Der bloße Pflichtbegriff schließt die Freiheit aus, weil er das Individuelle
nicht anerkennen will, sondern Unterwerfung des letztem unter eine allgemeine
Norm fordert.
- Die Freiheit des Handelns ist nur denkbar vom Standpunkte
des ethischen Individualismus aus.
- Wie ist aber ein Zusammenleben der Menschen möglich, wenn
jeder nur bestrebt ist, seine Individualität zur Geltung zu bringen?
- Damit ist ein Einwand des falsch verstandenen Moralismus
gekennzeichnet.
- Dieser glaubt, eine Gemeinschaft von Menschen sei nur
möglich, wenn sie alle vereinigt sind durch eine gemeinsam festgelegte
sittliche Ordnung.
- Dieser Moralismus versteht eben die Einigkeit der
Ideenwelt nicht.
- Er begreift nicht, daß die Ideenwelt, die in mir tätig
ist, keine andere ist, als die in meinem Mitmenschen.
- Diese Einheit ist allerdings bloß ein Ergebnis der
Welterfahrung.
- Allein sie muß ein
solches sein.
- Denn wäre sie durch irgend etwas anderes als durch
Beobachtung zu erkennen, so wäre in ihrem Bereich nicht individuelles Erleben,
sondern allgemeine Norm geltend.
- Individualität ist nur möglich, wenn jedes individuelle
Wesen vom andern nur durch individuelle Beobachtung weiß.
- Der Unterschied zwischen mir und meinem Mitmenschen liegt
durchaus nicht darin, daß wir in zwei ganz verschiedenen Geisteswelten leben,
sondern daß er aus der uns gemeinsamen Ideenwelt andere Intuitionen empfängt
als ich.
- Er will seine Intuitionen
ausleben, ich die meinigen.
- Wenn wir beide wirklich aus der Idee schöpfen und keinen
äußeren (physischen oder geistigen) Antrieben folgen, so können wir uns nur in
dem gleichen Streben, in denselben Intentionen begegnen.
- Ein sittliches Mißverstehen, ein Aufeinanderprallen ist
bei sittlich freien Menschen
ausgeschlossen.
- Nur der sittlich Unfreie, der dem Naturtrieb oder einem
angenommenen Pflichtgebot folgt, stößt den Nebenmenschen zurück, wenn er nicht
dem gleichen Instinkt und dem gleichen Gebot folgt.
- Leben in
der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im
Verständnisse des fremden Wollens ist die Grundmaxime der freien Menschen.
- Sie kennen kein anderes Sollen als dasjenige, mit dem sich ihr Wollen in intuitiven
Einklang versetzt; wie sie in einem besonderen Falle wollen werden, das wird ihnen ihr Ideenvermögen sagen.
- Läge nicht in der menschlichen Wesenheit der Urgrund zur
Verträglichkeit, man würde sie ihr durch keine äußeren Gesetze einimpfen! Nur
weil die menschlichen Individuen eines Geistes sind, können sie sich auch nebeneinander ausleben.
- Der Freie lebt in dem Vertrauen darauf, daß der andere
Freie mit ihm einer geistigen Welt angehört und sich in seinen Intentionen mit
ihm begegnen wird.
- Der Freie verlangt von seinen Mitmenschen keine
Übereinstimmung, aber er erwartet sie, weil sie in der menschlichen Natur
liegt.
- Damit ist nicht auf die Notwendigkeiten gedeutet, die für
diese oder jene äußeren Einrichtungen bestehen, sondern auf die Gesinnung, auf die Seelenverfassung, durch die der Mensch in seinem Sich-Erleben unter
von ihm geschätzten Mitmenschen der menschlichen Würde am meisten gerecht wird.
- Es wird viele geben, die da sagen: der Begriff des freien Menschen, den du da entwirfst,
ist eine Schimäre, ist nirgends verwirklicht.
- Wir haben es aber mit wirklichen Menschen zu tun, und bei
denen ist auf Sittlichkeit nur zu hoffen, wenn sie einem Sittengebote
gehorchen, wenn sie ihre sittliche Mission als Pflicht auffassen und nicht frei
ihren Neigungen und ihrer Liebe folgen.
- — Ich bezweifle das keineswegs.
- Nur ein Blinder könnte es.
- Aber dann hinweg mit aller Heuchelei der Sittlichkeit,
wenn dieses letzte Einsicht sein
sollte.
- Saget dann einfach: die menschliche Natur muß zu ihren
Handlungen gezwungen werden, solange
sie nicht frei ist.
- Ob man die Unfreiheit durch physische Mittel oder durch
Sittengesetze bezwingt, ob der Mensch unfrei ist, weil er seinem maßlosen
Geschlechtstrieb folgt oder darum, weil er in den Fesseln konventioneller
Sittlichkeit eingeschnürt ist, ist für einen gewissen Gesichtspunkt ganz
gleichgültig.
- Man behaupte aber nur nicht, daß ein solcher Mensch mit
Recht eine Handlung die seinige nennt,
da er doch von einer fremden Gewalt dazu getrieben ist.
- Aber mitten aus der Zwangsordnung heraus erheben sich die
Menschen, die freien Geister, die sich selbst finden in dem Wust von
Sitte, Gesetzeszwang, Religionsübung und so weiter.
- Frei sind
sie, insofern sie nur sich folgen, unfrei,
insofern sie sich unterwerfen.
- Wer von uns kann sagen, daß er in allen seinen Handlungen
wirklich frei ist?
- Aber in jedem von uns wohnt eine tiefere Wesenheit, in
der sich der freie Mensch ausspricht.
- Aus Handlungen der Freiheit und der Unfreiheit setzt sich
unser Leben zusammen.
- Wir können aber den Begriff des Menschen nicht zuende
denken, ohne auf den freien Geist als
die reinste Ausprägung der menschlichen Natur zu kommen.
- Wahrhaft Menschen sind wir doch nur, insofern wir frei
sind.
- Das ist ein Ideal, werden viele sagen.
- Ohne Zweifel, aber ein solches, das sich in unserer
Wesenheit als reales Element an die Oberfläche arbeitet.
- Es ist kein erdachtes oder erträumtes Ideal, sondern ein
solches, das Leben hat und das sich auch in der unvollkommensten Form seines
Daseins deutlich ankündigt.
- Wäre der Mensch ein bloßes Naturwesen, dann wäre das
Aufsuchen von Idealen, das ist von Ideen, die augenblicklich unwirksam sind,
deren Verwirklichung aber gefordert wird, ein Unding.
- An dem Dinge der Außenwelt ist die Idee durch die
Wahrnehmung bestimmt; wir haben das unserige getan, wenn wir den Zusammenhang
von Idee und Wahrnehmung erkannt haben.
- Beim Menschen ist das nicht so.
- Die Summe seines Daseins ist nicht ohne ihn selbst
bestimmt; sein wahrer Begriff als sittlicher
Mensch (freier Geist) ist mit dem Wahrnehmungsbilde «Mensch» nicht im
voraus objektiv vereinigt, um bloß nachher durch die Erkenntnis festgestellt zu
werden.
- Der Mensch muß selbsttätig seinen Begriff mit der
Wahrnehmung Mensch vereinigen.
- Begriff und Wahrnehmung decken sich hier nur, wenn sie
der Mensch selbst zur Deckung bringt.
- Er kann es aber nur, wenn er den Begriff des freien
Geistes, das ist seinen eigenen Begriff gefunden hat.
- In der objektiven Welt ist uns durch unsere Organisation
ein Grenzstrich gezogen zwischen Wahrnehmung und Begriff; das Erkennen
überwindet diese Grenze.
- In der subjektiven Natur ist diese Grenze nicht minder
vorhanden; der Mensch überwindet sie im Laufe seiner Entwickelung, indem er in
seiner Erscheinung seinen Begriff zur Ausgestaltung bringt.
- So führt uns sowohl das intellektuelle wie das sittliche Leben
des Menschen auf seine Doppelnatur: das Wahrnehmen (unmittelbares Erleben) und
Denken.
- Das intellektuelle Leben überwindet die Doppelnatur durch
die Erkenntnis, das sittliche durch die tatsächliche Verwirklichung des freien
Geistes.
- Jedes Wesen hat seinen eingeborenen Begriff (das Gesetz
seines Seins und Wirkens); aber er ist in den Außendingen unzertrennlich mit
der Wahrnehmung verbunden und nur innerhalb unseres geistigen Organismus von
dieser abgesondert.
- Beim Menschen selbst ist Begriff und Wahrnehmung zunächst
tatsächlich getrennt, um von ihm
ebenso tatsächlich vereinigt zu
werden.
- Man kann einwenden: unserer Wahrnehmung des Menschen
entspricht in jedem Augenblicke seines Lebens ein bestimmter Begriff, so wie
jedem anderen Dinge auch.
- Ich kann mir den Begriff eines Schablonenmenschen bilden
und kann einen solchen auch als Wahrnehmung gegeben haben; wenn ich zu diesem
auch noch den Begriff des freien Geistes bringe, so habe ich zwei Begriffe für
dasselbe Objekt.
- Das ist einseitig gedacht.
- Ich bin als Wahrnehmungsobjekt einer fortwährenden
Veränderung unterworfen.
- Als Kind war ich ein anderer, ein anderer als Jüngling
und als Mann.
- Ja, in jedem Augenblicke ist mein Wahrnehmungsbild ein
anderes als in den vorangehenden.
- Diese Veränderungen können sich in dem Sinne vollziehen,
daß sich in ihnen nur immer derselbe (Schablonenmensch) ausspricht, oder daß
sie den Ausdruck des freien Geistes darstellen.
- Diesen Veränderungen ist das Wahrnehmungsobjekt meines
Handelns unterworfen.
- Es ist in dem Wahrnehmungsobjekt Mensch die Möglichkeit
gegeben, sich umzubilden, wie im Pflanzenkeim die Möglichkeit liegt, zur ganzen
Pflanze zu werden.
- Die Pflanze wird sich umbilden wegen der objektiven, in
ihr liegenden Gesetzmäßigkeit; der Mensch bleibt in seinem unvollendeten
Zustande, wenn er nicht den Umbildungsstoff in sich selbst aufgreift, und sich
durch eigene Kraft umbildet.
- Die Natur macht aus dem Menschen bloß ein Naturwesen; die
Gesellschaft ein gesetzmäßig handelndes; ein freies Wesen kann er nur selbst
aus sich machen.
- Die Natur läßt den Menschen in einem gewissen Stadium
seiner Entwickelung aus ihren Fesseln los; die Gesellschaft führt diese
Entwickelung bis zu einem weiteren Punkte; den letzten Schliff kann nur der
Mensch selbst sich geben.
- Der Standpunkt der freien Sittlichkeit behauptet also
nicht, daß der freie Geist die einzige Gestalt ist, in der ein Mensch
existieren kann.
- Sie sieht in der freien Geistigkeit nur das letzte
Entwickelungsstadium des Menschen.
- Damit ist nicht geleugnet, daß das Handeln nach Normen
als Entwickelungsstufe seine Berechtigung habe.
- Es kann nur nicht als absoluter Sittlichkeitsstandpunkt
anerkannt werden.
- Der freie Geist aber überwindet die Normen in dem Sinne,
daß er nicht nur Gebote als Motive empfindet, sondern sein Handeln nach seinen
Impulsen (Intuitionen) einrichtet.
- Wenn Kant von der Pflicht sagt: «Pflicht! du erhabener,
großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in
dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst», der du «ein Gesetz aufstellst
..., vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich in Geheim ihm
entgegenwirken», so erwidert der Mensch aus dem Bewußtsein des freien Geistes:
«Freiheit! du freundlicher, menschlicher Name, der du alles sittlich Beliebte,
was mein Menschentum am meisten würdigt, in dir fassest, und mich zu niemandes
Diener machst, der du nicht bloß ein Gesetz aufstellst, sondern abwartest, was
meine sittliche Liebe selbst als Gesetz erkennen wird, weil sie jedem nur
auferzwungenen Gesetze gegenüber sich unfrei fühlt.»
- Das ist der Gegensatz von bloß gesetzmäßiger und freier
Sittlichkeit.
- Der Philister, der in einem äußerlich Festgestellten die
verkörperte Sittlichkeit sieht, wird in dem freien Geist vielleicht sogar einen
gefährlichen Menschen sehen.
- Er tut es aber nur, weil sein Blick eingeengt ist in eine
bestimmte Zeitepoche.
- Wenn er über dieselbe hinausblicken könnte, so müßte er
alsbald finden, daß der freie Geist ebenso wenig nötig hat, über die Gesetze
seines Staates hinauszugehen, wie der Philister selbst, nie aber sich mit ihnen
in einen wirklichen Widerspruch zu setzen.
- Denn die Staatsgesetze sind sämtlich aus Intuitionen
freier Geister entsprungen, ebenso wie alle anderen objektiven
Sittlichkeitsgesetze.
- Kein Gesetz wird durch Familienautorität ausgeübt, das
nicht einmal von einem Ahnherrn als solches intuitiv erfaßt und festgesetzt
worden wäre; auch die konventionellen Gesetze der Sittlichkeit werden von
bestimmten Menschen zuerst aufgestellt; und die Staatsgesetze entstehen stets
im Kopfe eines Staatsmannes.
- Diese Geister haben die Gesetze über die anderen Menschen
gesetzt, und unfrei wird nur der, welcher diesen Ursprung vergißt, und sie
entweder zu außermenschlichen Geboten, zu objektiven vom Menschlichen
unabhängigen sittlichen Pflichtbegriffen oder zur befehlenden Stimme seines
eigenen falsch mystisch zwingend gedachten Innern macht.
- Wer den Ursprung aber nicht übersieht, sondern ihn in dem
Menschen sucht, der wird damit rechnen als mit einem Gliede derselben
Ideenwelt, aus der auch er seine sittlichen Intuitionen holt.
- Glaubt er bessere zu haben, so sucht er sie an die Stelle
der bestehenden zu bringen; findet er diese berechtigt, dann handelt er ihnen
gemäß, als wenn sie seine eigenen wären.
- Es darf nicht die Formel geprägt werden, der Mensch sei
dazu da, um eine von ihm abgesonderte sittliche Weltordnung zu verwirklichen.
- Wer dies behauptete, stünde in bezug auf
Menschheitswissenschaft noch auf demselben Standpunkt, auf dem jene
Naturwissenschaft stand, die da glaubte: der Stier habe Hörner, damit er stoßen
könne.
- Die Naturforscher haben glücklich einen solchen
Zweckbegriff zu den Toten geworfen.
- Die Ethik kann sich schwerer davon frei machen.
- Aber so wie die Hörner nicht wegen des Stoßens da sind, sondern das Stoßen durch die Hörner, so ist der Mensch nicht wegen der Sittlichkeit
da, sondern die Sittlichkeit durch den
Menschen.
- Der freie Mensch handelt sittlich, weil er eine sittliche
Idee hat; aber er handelt nicht, damit Sittlichkeit entstehe.
- Die menschlichen Individuen mit ihren zu ihrem Wesen
gehörigen sittlichen Ideen sind die Voraussetzung der sittlichen Weltordnung.
- Das menschliche Individuum ist Quell aller Sittlichkeit
und Mittelpunkt des Erdenlebens.
- Der Staat, die Gesellschaft sind nur da, weil sie sich
als notwendige Folge des Individuallebens ergeben.
- Daß dann der Staat und die Gesellschaft wieder
zurückwirken auf das Individualleben, ist ebenso begreiflich, wie der Umstand,
daß das Stoßen, das durch die Hörner da ist, wieder zurückwirkt auf die weitere
Entwickelung der Hörner des Stieres, die bei längerem Nichtgebrauch verkümmern
würden.
- Ebenso müßte das Individuum verkümmern, wenn es außerhalb
der menschlichen Gemeinschaft ein abgesondertes Dasein führte.
- Darum bildet sich ja gerade die gesellschaftliche
Ordnung, um im günstigen Sinne wieder zurück auf das Individuum zu wirken.
-
- Kapitel 10 - Freiheitsphilosophie und Monismus
- Der naive Mensch, der nur als wirklich gelten läßt, was
er mit Augen sehen und mit Händen greifen kann, fordert auch für sein
sittliches Leben Beweggründe, die mit den Sinnen wahrnehmbar sind.
- Er fordert ein Wesen, das ihm diese Beweggründe auf eine
seinen Sinnen verständliche Weise mitteilt.
- Er wird von einem Menschen, den er für weiser und
mächtiger hält als sich selbst, oder den er aus einem andern Grunde als eine
über ihm stehende Macht anerkennt, diese Beweggründe als Gebote sich diktieren
lassen.
- Es ergeben sich auf diese Weise als sittliche Prinzipien
die schon früher genannten der Familien-, staatlichen, gesellschaftlichen,
kirchlichen und göttlichen Autorität.
- Der befangenste Mensch glaubt noch einem einzelnen andern
Menschen; der etwas fortgeschrittenere läßt sich sein sittliches Verhalten von
einer Mehrheit (Staat, Gesellschaft) diktieren.
- Immer sind es wahrnehmbare Mächte, auf die er baut.
- Wem endlich die Überzeugung aufdämmert, daß dies doch im
Grunde ebenso schwache Menschen sind wie er, der sucht bei einer höheren Macht
Auskunft, bei einem göttlichen Wesen, das er sich aber mit sinnlich
wahrnehmbaren Eigenschaften ausstattet.
- Er läßt sich von diesem Wesen den begrifflichen Inhalt
seines sittlichen Lebens wieder auf wahrnehmbare Weise vermitteln, sei es, daß
der Gott im brennenden Dornbusche erscheint, sei es, daß er in leibhaftig-
menschlicher Gestalt unter den Menschen wandelt und ihren Ohren vernehmbar
sagt, was sie tun und nicht tun sollen.
- Die höchste Entwickelungsstufe des naiven Realismus auf
dem Gebiete der Sittlichkeit ist die, wo das Sittengebot (sittliche Idee) von
jeder fremden Wesenheit abgetrennt und hypothetisch als absolute Kraft im
eigenen Innern gedacht wird.
- Was der Mensch zuerst als äußere Stimme Gottes vernahm,
das vernimmt er jetzt als selbständige Macht in seinem Innern und spricht von
dieser innern Stimme so, daß er sie dem Gewissen gleichsetzt.
- Damit ist aber die Stufe des naiven Bewußtseins bereits
verlassen, und wir sind eingetreten in die Region, wo die Sittengesetze als
Normen verselbständigt werden.
- Sie haben dann keinen Träger mehr, sondern werden zu
metaphysischen Wesenheiten, die durch sich selbst existieren.
- Sie sind analog den unsichtbar-sichtbaren Kräften des
metaphysischen Realismus, der die Wirklichkeit nicht durch den Anteil sucht,
den die menschliche Wesenheit im Denken an dieser Wirklichkeit hat, sondern der
sie hypothetisch zu dem Erlebten hinzudenkt.
- Die außermenschlichen Sittennormen treten auch immer als
Begleiterscheinung dieses metaphysischen Realismus auf.
- Dieser metaphysische Realismus muß auch den Ursprung der
Sittlichkeit im Felde des außermenschlichen Wirklichen suchen.
- Es gibt da verschiedene Möglichkeiten.
- Ist das vorausgesetzte Wesen
als ein an sich gedankenloses, nach rein mechanischen Gesetzen wirkendes
gedacht, wie es das des Materialismus sein soll, dann wird es auch das
menschliche Individuum durch rein mechanische Notwendigkeit aus sich
hervorbringen samt allem, was an diesem ist.
- Das Bewußtsein der Freiheit kann dann nur eine Illusion
sein.
- Denn während ich mich für den Schöpfer meiner Handlung
halte, wirkt in mir die mich zusammensetzende Materie und ihre
Bewegungsvorgänge.
- Ich glaube mich frei; alle meine Handlungen sind aber
tatsächlich nur Ergebnisse der meinem leiblichen und geistigen Organismus
zugrunde liegenden materiellen Vorgänge.
- Nur weil wir die uns zwingenden Motive nicht kennen,
haben wir das Gefühl der Freiheit, meint diese Ansicht.
- «Wir müssen hier wieder hervorheben, daß dieses Gefühl der
Freiheit auf der Abwesenheit äußerer zwingender Motive ... beruht.»
- «Unser Handeln ist
necessitiert wie unser Denken.» (Ziehen,
Leitfaden der physiologischen Psychologie Seite 207 f.) (1)
- Fußnoten: (1) Über die Art, wie hier von
«Materialismus» gesprochen wird, und die Berechtigung, von ihm so zu sprechen,
vgl. «Zusatz» zu diesem Kapitel am Schluß desselben.
- Eine andere Möglichkeit ist die, daß jemand in einem
geistigen Wesen das hinter den Erscheinungen steckende außermenschliche
Absolute sieht.
- Dann wird er auch den Antrieb zum Handeln in einer
solchen geistigen Kraft suchen.
- Er wird die in seiner Vernunft auffindbaren
Sittenprinzipien für einen Ausfluß dieses Wesens an sich ansehen, das mit dem
Menschen seine besonderen Absichten hat.
- Die Sittengesetze erscheinen dem Dualisten dieser
Richtung als von dem Absoluten diktiert, und der Mensch hat durch seine
Vernunft einfach diese Ratschlüsse des absoluten Wesens zu erforschen und
auszuführen.
- Die sittliche Weltordnung erscheint dem Dualisten als
wahrnehmbarer Abglanz einer hinter derselben stehenden höheren Ordnung.
- Die irdische Sittlichkeit ist die Erscheinung der
außermenschlichen Weltordnung.
- Nicht der Mensch ist es, auf den es in dieser sittlichen
Ordnung ankommt, sondern auf das Wesen an sich, auf das außermenschliche Wesen.
- Der Mensch soll das,
was dieses Wesen will.
- Eduard von
Hartmann, der das Wesen an sich als Gottheit vorstellt, für die
das eigene Dasein Leiden ist, glaubt, dieses göttliche Wesen habe die Welt
erschaffen, damit es durch dieselbe von seinem unendlich großen Leiden erlöst
werde.
- Dieser Philosoph sieht daher die sittliche Entwickelung
der Menschheit als einen Prozeß an, der dazu da ist, die Gottheit zu erlösen.
- «Nur durch den Aufbau einer sittlichen Weltordnung von
seiten vernünftiger selbstbewußter Individuen kann der Weltprozeß seinem Ziel
entgegengeführt ... werden.»
- «Das reale Dasein
ist die Inkarnation der Gottheit, der Weltprozeß die Passionsgeschichte des
fleischgewordenen Gottes, und zugleich der Weg zur Erlösung des im Fleische
Gekreuzigten; die Sittlichkeit aber ist
die Mitarbeit an der Abkürzung dieses Leidens- und Erlösungsweges.» (Hartmann, Phänomenologie des sittlichen
Bewußtseins S.871).
- Hier handelt der Mensch nicht, weil er will, sondern er soll handeln, weil Gott erlöst sein
will.
- Wie der materialistische Dualist den Menschen zum
Automaten macht, dessen Handeln nur das Ergebnis rein mechanischer
Gesetzmäßigkeit ist, so macht ihn der spiritualistische Dualist (das ist
derjenige, der das Absolute, das Wesen an sich, in einem Geistigen sieht, an
dem der Mensch mit seinem bewußten Erleben keinen Anteil hat) zum Sklaven des
Willens jenes Absoluten.
- Freiheit ist innerhalb des Materialismus sowie des
einseitigen Spiritualismus, überhaupt innerhalb des auf Außermenschliches als
wahre Wirklichkeit schließenden, diese nicht erlebenden metaphysischen
Realismus, ausgeschlossen.
- Der naive wie dieser metaphysische Realismus müssen
konsequenterweise aus einem und demselben Grunde die Freiheit leugnen, weil sie
in dem Menschen nur den Vollstrecker oder Vollzieher von notwendig ihm
aufgedrängten Prinzipien sehen.
- Der naive Realismus tötet die Freiheit durch Unterwerfung
unter die Autorität eines wahrnehmbaren oder nach Analogie der Wahrnehmungen
gedachten Wesens oder endlich unter die abstrakte innere Stimme, die er als
«Gewissen» deutet; der bloß das
Außermenschliche erschließende Metaphysiker kann die Freiheit nicht anerkennen,
weil er den Menschen von einem «Wesen an sich» mechanisch oder moralisch
bestimmt sein läßt.
- Der Monismus wird
die teilweise Berechtigung des naiven Realismus anerkennen müssen, weil er die
Berechtigung der Wahrnehmungswelt anerkennt.
- Wer unfähig ist, die sittlichen Ideen durch Intuition
hervorzubringen, der muß sie von andern empfangen.
- Insoweit der Mensch seine sittlichen Prinzipien von außen
empfängt, ist er tatsächlich unfrei.
- Aber der Monismus schreibt der Idee neben der Wahrnehmung
eine gleiche Bedeutung zu.
- Die Idee kann aber im menschlichen Individuum zur
Erscheinung kommen.
- Insofern der Mensch den Antrieben von dieser Seite folgt,
empfindet er sich als frei.
- Der Monismus spricht aber der bloß schlußfolgernden
Metaphysik alle Berechtigung ab, folglich auch den von sogenannten «Wesen an
sich» herrührenden Antrieben des Handelns.
- Der Mensch kann nach monistischer Auffassung unfrei
handeln, wenn er einem wahrnehmbaren äußeren Zwange folgt; er kann frei
handeln, wenn er nur sich selbst gehorcht.
- Einen unbewußten, hinter Wahrnehmung und Begriff
steckenden Zwang kann der Monismus nicht anerkennen.
- Wenn jemand von einer Handlung seines Mitmenschen
behauptet: sie sei unfrei vollbracht,
so muß er innerhalb der wahrnehmbaren Welt das Ding, oder den Menschen, oder
die Einrichtung nachweisen, die jemand zu seiner Handlung veranlaßt haben; wenn
der Behauptende sich auf Ursachen des Handelns außerhalb der sinnlich und
geistig wirklichen Welt beruft, dann kann sich der Monismus auf eine solche
Behauptung nicht einlassen.
- Nach monistischer Auffassung handelt der Mensch teils
unfrei, teils frei.
- Er findet sich als unfrei in der Welt der Wahrnehmungen
vor und verwirklicht in sich den freien Geist.
- Die sittlichen Gebote, die der bloß schlußfolgernde
Metaphysiker als Ausflüsse einer höheren Macht ansehen muß, sind dem Bekenner
des Monismus Gedanken der Menschen;
die sittliche Weltordnung ist ihm weder der Abklatsch einer rein mechanischen
Naturordnung, noch einer außermenschlichen Weltordnung, sondern durchaus freies
Menschenwerk.
- Der Mensch hat nicht den Willen eines außer ihm liegenden
Wesens in der Welt, sondern seinen eigenen durchzusetzen; er verwirklicht nicht
die Ratschlüsse und Intentionen eines andern Wesens, sondern seine eigenen.
- Hinter den handelnden Menschen sieht der Monismus nicht
die Zwecke einer ihm fremden Weltenlenkung, die die Menschen nach ihrem Willen
bestimmt, sondern die Menschen verfolgen, insofern sie intuitive Ideen
verwirklichen, nur ihre eigenen, menschlichen
Zwecke.
- Und zwar verfolgt jedes Individuum seine besonderen
Zwecke.
- Denn die Ideenwelt lebt sich nicht in einer Gemeinschaft
von Menschen, sondern nur in menschlichen Individuen aus.
- Was als gemeinsames Ziel einer menschlichen Gesamtheit
sich ergibt, das ist nur die Folge der einzelnen Willenstaten der Individuen,
und zwar meist einiger weniger Auserlesener, denen die anderen, als ihren
Autoritäten, folgen.
- Jeder von uns ist berufen zum freien Geiste, wie jeder Rosenkeim berufen ist, Rose zu werden.
- Der Monismus ist also im Gebiete des wahrhaft sittlichen
Handelns Freiheitsphilosophie.
- Weil er Wirklichkeitsphilosophie ist, so weist er ebenso
gut die metaphysischen, unwirklichen Einschränkungen des freien Geistes zurück,
wie er die physischen und historischen (naiv- wirklichen) des naiven Menschen
anerkennt.
- Weil er den Menschen nicht als abgeschlossenes Produkt,
das in jedem Augenblicke seines Lebens sein volles Wesen entfaltet, betrachtet,
so scheint ihm der Streit, ob der Mensch als solcher frei ist oder nicht, nichtig.
- Er sieht in dem Menschen ein sich entwickelndes Wesen und
fragt, ob auf dieser Entwickelungsbahn auch die Stufe des freien Geistes
erreicht werden kann.
- Der Monismus weiß, daß die Natur den Menschen nicht als
freien Geist fix und fertig aus ihren Armen entläßt, sondern daß sie ihn bis zu
einer gewissen Stufe führt, von der aus er noch immer als unfreies Wesen sich
weiter entwickelt, bis er an den Punkt kommt, wo er sich selbst findet.
- Der Monismus ist sich klar darüber, daß ein Wesen, das
unter einem physischen oder moralischen Zwange handelt, nicht wahrhaftig
sittlich sein kann.
- Er betrachtet den Durchgang durch das automatische
Handeln (nach natürlichen Trieben und Instinkten) und denjenigen durch das
gehorsame Handeln (nach sittlichen Normen) als notwendige Vorstufen der
Sittlichkeit, aber er sieht die Möglichkeit ein, beide Durchgangsstadien durch
den freien Geist zu überwinden.
- Der Monismus befreit die wahrhaft sittliche
Weltanschauung im allgemeinen von den innerweltlichen Fesseln der naiven
Sittlichkeitsmaximen und von den außerweltlichen Sittlichkeitsmaximen der
spekulierenden Metaphysiker.
- Jene kann er nicht aus der Welt schaffen, wie er die
Wahrnehmung nicht aus der Welt schaffen kann, diese lehnt er ab, weil er alle
Erklärungsprinzipien zur Aufhellung der Welterscheinungen innerhalb der Welt
sucht und keine außerhalb derselben.
- Ebenso wie der Monismus es ablehnt, an andere
Erkenntnisprinzipien als solche für Menschen auch nur zu denken (vergleiche
S. 126 f.), so weist
er auch den Gedanken an andere Sittlichkeitsmaximen als solche für Menschen
entschieden zurück.
- Die menschliche Sittlichkeit ist wie die menschliche
Erkenntnis bedingt durch die menschliche Natur.
- Und so wie andere Wesen unter Erkenntnis etwas ganz
anderes verstehen werden als wir, so werden andere Wesen auch eine andere
Sittlichkeit haben.
- Sittlichkeit ist dem Anhänger des Monismus eine
spezifisch menschliche Eigenschaft, und Freiheit
die menschliche Form, sittlich zu sein.
-
- 1. Zusatz
zur Neuausgabe 1918
- Eine Schwierigkeit in der Beurteilung des in beiden
vorangehenden Abschnitten Dargestellten kann dadurch entstehen, daß man sich
einem Widerspruch gegenübergestellt glaubt.
- Auf der einen Seite wird von dem Erleben des Denkens
gesprochen, das von allgemeiner, für jedes menschliche Bewußtsein gleich
geltender Bedeutung empfunden wird; auf der andern Seite wird hier darauf
hingewiesen, daß die Ideen, welche im sittlichen Leben verwirklicht werden und die
mit den im Denken erarbeiteten Ideen von gleicher Art sind, auf individuelle
Art sich in jedem menschlichen Bewußtsein ausleben.
- Wer sich gedrängt fühlt, bei dieser Gegenüberstellung als
bei einem «Widerspruch» stehen zu bleiben, und wer nicht erkennt, daß eben in
der lebendigen Anschauung dieses tatsächlich vorhandenen Gegensatzes ein
Stück vom Wesen des Menschen sich enthüllt, dem wird weder die Idee der
Erkenntnis, noch die der Freiheit im rechten Lichte erscheinen können.
- Für diejenige Ansicht, welche ihre Begriffe bloß als von
der Sinneswelt abgezogen (abstrahiert) denkt und welche die Intuition nicht zu
ihrem Rechte kommen läßt, bleibt der hier für eine Wirklichkeit in Anspruch
genommene Gedanke als ein «bloßer Widerspruch» bestehen.
- Für eine Einsicht, die durchschaut, wie Ideen intuitiv erlebt werden als ein auf sich selbst
beruhendes Wesenhaftes, wird klar, daß der Mensch im Umkreis der Ideenwelt beim Erkennen sich in ein für alle
Menschen Einheitliches hineinlebt, daß er aber, wenn er aus dieser Ideenwelt
die Intuitionen für seine Willensakte entlehnt, ein Glied dieser Ideenwelt durch dieselbe Tätigkeit individualisiert,
die er im geistig-ideellen Vorgang beim Erkennen als eine allgemeinmenschliche
entfaltet.
- Was als logischer Widerspruch erscheint, die allgemeine
Artung der Erkenntnis-Ideen und die individuelle der Sitten-Ideen: das wird,
indem es in seiner Wirklichkeit angeschaut
wird, gerade zum lebendigen Begriff.
- Darin liegt ein Kennzeichen der menschlichen Wesenheit,
daß das intuitiv zu Erfassende im
Menschen wie im lebendigen Pendelschlag sich hin- und herbewegt zwischen
der allgemein geltenden Erkenntnis und dem individuellen Erleben dieses
Allgemeinen.
- Wer den einen Pendelausschlag in seiner Wirklichkeit
nicht schauen kann, für den bleibt das Denken nur eine subjektive menschliche
Betätigung; wer den andern nicht erfassen kann, für den scheint mit der
Betätigung des Menschen im Denken alles individuelle Leben verloren.
- Für einen Denker der erstem Art ist das Erkennen, für den
andern das sittliche Leben eine undurchschaubare Tatsache.
- Beide werden für die Erklärung des einen oder des andern
allerlei Vorstellungen beibringen, die alle unzutreffend sind, weil von beiden
eigentlich die Erlebbarkeit des Denkens entweder gar nicht erfaßt, oder als
bloß abstrahierende Betätigung verkannt wird.
-
- 2. Zusatz
zur Neuausgabe 1918
- Auf S. 175 f. wird
von Materialismus gesprochen.
- Es ist mir wohl bewußt, daß es Denker gibt — wie der eben
angeführte Th.
- Ziehen —, die sich selbst durchaus nicht als
Materialisten bezeichnen, die aber doch von dem in diesem Buche geltend
gemachten Gesichtspunkte mit diesem Begriffe bezeichnet werden müssen.
- Es kommt nicht darauf an, ob jemand sagt, für ihn sei die
Welt nicht im bloß materiellen Sein beschlossen; er sei deshalb kein
Materialist.
- Sondern es kommt darauf an, ob er Begriffe entwickelt,
die nur auf ein materielles Sein
anwendbar sind.
- Wer ausspricht: «Unser Handeln ist necessitiert wie unser
Denken», der hat einen Begriff hingestellt, der bloß auf materielle Vorgänge,
aber weder auf das Handeln, noch auf das Sein anwendbar ist; und er müßte, wenn
er seinen Begriff zu Ende dächte, eben materialistisch denken.
- Daß er es nicht tut, ergibt sich nur aus derjenigen
Inkonsequenz, die so oft die Folge des nicht zu Ende geführten Denkens ist.
- — Man hört jetzt oft, der Materialismus des 19.
Jahrhunderts sei wissenschaftlich abgetan.
- In Wahrheit ist er es aber durchaus nicht.
- Man bemerkt in der Gegenwart oft nur nicht, daß man keine
anderen Ideen als solche hat, mit denen man nur an Materielles heran kann.
- Dadurch verhüllt sich jetzt der Materialismus, während er
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sich offen zur Schau gestellt hat.
- Gegen eine geistig die Welt erfassende Anschauung ist der
verhüllte Materialismus der Gegenwart nicht weniger intolerant als der
eingestandene des vorigen Jahrhunderts.
- Er täuscht nur viele, die da glauben, eine auf Geistiges
gehende Weltauffassung ablehnen zu dürfen, weil ja die naturwissenschaftliche
den «Materialismus längst verlassen hat». —
-
- Kapitel 11 - Weltzweck und Lebenszweck (Bestimmung des
Menschen)
- Unter den mannigfaltigen
Strömungen in dem geistigen Leben der Menschheit ist eine zu verfolgen, die man
nennen kann die Überwindung des Zweckbegriffes auf Gebieten, in die er nicht
gehört.
- Die Zweckmäßigkeit ist
eine bestimmte Art in der Abfolge von Erscheinungen.
- Wahrhaft wirklich ist die Zweckmäßigkeit nur dann, wenn
im Gegensatz zu dem Verhältnis von Ursache und Wirkung, wo das vorhergehende
Ereignis ein späteres bestimmt, umgekehrt das folgende Ereignis bestimmend auf
das frühere einwirkt.
- Dies liegt zunächst nur bei menschlichen Handlungen vor.
- Der Mensch vollbringt eine Handlung, die er sich vorher vorstellt, und läßt sich von
dieser Vorstellung zur Handlung bestimmen.
- Das Spätere, die Handlung, wirkt mit Hilfe der
Vorstellung auf das Frühere, den handelnden Menschen.
- Dieser Umweg durch das Vorstellen ist aber zum
zweckmäßigen Zusammenhange durchaus notwendig.
- In dem Prozesse, der in Ursache und Wirkung zerfällt, ist
zu unterscheiden die Wahrnehmung von dem Begriff.
- Die Wahrnehmung der Ursache geht der Wahrnehmung der
Wirkung vorher; Ursache und Wirkung blieben in unserem Bewußtsein einfach
nebeneinander bestehen, wenn wir sie nicht durch ihre entsprechenden Begriffe
miteinander verbinden könnten.
- Die Wahrnehmung der Wirkung kann stets nur auf die
Wahrnehmung der Ursache folgen.
- Wenn die Wirkung einen realen Einfluß auf die Ursache
haben soll, so kann dies nur durch den begrifflichen Faktor sein.
- Denn der Wahrnehmungsfaktor der Wirkung ist vor dem der
Ursache einfach gar nicht vorhanden.
- Wer behauptet, die Blüte sei der Zweck der Wurzel, das
heißt, die erstere habe auf die letztere einen Einfluß, der kann das nur von
dem Faktor an der Blüte behaupten, den er durch sein Denken an derselben
konstatiert.
- Der Wahrnehmungsfaktor der Blüte hat zur Zeit der
Entstehungszeit der Wurzel noch kein Dasein.
- Zum zweckmäßigen Zusammenhange ist aber nicht bloß der
ideelle, gesetzmäßige Zusammenhang des Späteren mit dem Früheren notwendig,
sondern der Begriff (das Gesetz) der Wirkung muß real, durch einen
wahrnehmbaren Prozeß die Ursache beeinflussen.
- Einen wahrnehmbaren Einfluß von einem Begriff auf etwas
anderes können wir aber nur bei den menschlichen Handlungen beobachten.
- Hier ist also der Zweckbegriff allein anwendbar.
- Das naive Bewußtsein, das nur das Wahrnehmbare gelten
läßt, sucht — wie wir wiederholt bemerkt — auch dorthin Wahrnehmbares zu
versetzen, wo nur Ideelles zu erkennen ist.
- In dem wahrnehmbaren Geschehen sucht es wahrnehmbare
Zusammenhänge oder, wenn es solche nicht findet, träumt es sie hinein.
- Der im subjektiven Handeln geltende Zweckbegriff ist ein
geeignetes Element für solche erträumte Zusammenhänge.
- Der naive Mensch weiß, wie er ein Geschehen
zustandebringt und folgert daraus, daß es die Natur ebenso machen wird.
- In den rein ideellen Naturzusammenhängen sieht er nicht
nur unsichtbare Kräfte, sondern auch unwahrnehmbare reale Zwecke.
- Der Mensch macht seine Werkzeuge zweckmäßig; nach
demselben Rezept läßt der naive Realist den Schöpfer die Organismen bauen.
- Nur ganz allmählich verschwindet dieser falsche
Zweckbegriff aus den Wissenschaften.
- In der Philosophie treibt er auch heute noch ziemlich arg
sein Unwesen.
- Da wird gefragt nach dem außerweltlichen Zweck der Welt,
nach der außermenschlichen Bestimmung (folglich auch dem Zweck) des Menschen
und so weiter.
- Der Monismus weist den Zweckbegriff auf allen Gebieten
mit alleiniger Ausnahme des menschlichen Handelns zurück.
- Er sucht nach Naturgesetzen, aber nicht nach
Naturzwecken.
- Naturzwecke sind
willkürliche Annahmen wie die unwahrnehmbaren Kräfte (S. 121 f.).
- Aber auch Lebenszwecke, die der Mensch sich nicht selbst
setzt, sind vom Standpunkte des Monismus unberechtigte Annahmen.
- Zweckvoll ist nur dasjenige, was der Mensch erst dazu
gemacht hat, denn nur durch Verwirklichung einer Idee entsteht Zweckmäßiges.
- Wirksam im realistischen Sinne wird die Idee aber nur im
Menschen.
- Deshalb hat das Menschenleben nur den Zweck und die
Bestimmung, die der Mensch ihm gibt.
- Auf die Frage: was hat der Mensch für eine Aufgabe im
Leben?
- kann der Monismus nur antworten: die, die er sich selbst
setzt.
- Meine Sendung in der Welt ist keine vorherbestimmte,
sondern sie ist jeweilig die, die ich mir erwähle.
- Ich trete nicht mit gebundener Marschroute meinen
Lebensweg an.
- Ideen werden zweckmäßig nur durch Menschen verwirklicht.
- Es ist also unstatthaft, von der Verkörperung von Ideen
durch die Geschichte zu sprechen.
- Alle solche Wendungen wie: «die Geschichte ist die
Entwickelung der Menschen zur Freiheit», oder die Verwirklichung der sittlichen
Weltordnung und so weiter sind von monistischen Gesichtspunkten aus unhaltbar.
- Die Anhänger des Zweckbegriffes glauben mit demselben
zugleich alle Ordnung und Einheitlichkeit der Welt preisgeben zu müssen.
- Man höre zum Beispiel Robert
Hamerling (Atomistik des Willens, II. Band, S. 201): «Solange es Triebe in der Natur gibt, ist es
Torheit, Zwecke in derselben zu
leugnen.»
- «Wie die Gestaltung eines Gliedes des menschlichen Körpers nicht bestimmt und bedingt ist
durch eine in der Luft schwebende Idee dieses
Gliedes, sondern durch den Zusammenhang mit dem größeren Ganzen, dem Körper,
welchem das Glied angehört, so ist die Gestaltung jedes Naturwesens, sei es
Pflanze, Tier, Mensch, nicht bestimmt und bedingt durch eine in der Luft
schwebende Idee desselben, sondern
durch das Formprinzip des größeren, sich zweckmäßig auslebenden und
ausgestaltenden Ganzen der Natur.»
- Und Seite 191 desselben Bandes: «Die Zwecktheorie
behauptet nur, daß trotz der tausend
Unbequemlichkeiten und Qualen dieses kreatürlichen Lebens eine hohe Zweck- und
Planmäßigkeit unverkennbar in den Gebilden und in den Entwicklungen der Natur
vorhanden ist — eine Plan — und Zweckmäßigkeit jedoch, welche sich nur
innerhalb der Naturgesetze verwirklicht, und welche nicht auf eine
Schlaraffenwelt abzielen kann, in welcher dem Leben kein Tod, dem Werden kein
Vergehen mit allen mehr oder weniger unerfreulichen, aber schlechterdings
unvermeidlichen Mittelstufen gegenüberstünde.»
- «Wenn die Gegner des Zweckbegriffs ein mühsam
zusammengebrachtes Kehrichthäufchen von halben oder ganzen, vermeintlichen oder
wirklichen Unzweckmäßigkeiten einer Welt von Wundern der Zweckmäßigkeit, wie
sie die Natur in allen Bereichen aufweist, entgegenstellen, so finde ich das
ebenso drollig.»
- Was wird hier Zweckmäßigkeit genannt?
- Ein Zusammenstimmen von Wahrnehmungen zu einem Ganzen.
- Da aber allen Wahrnehmungen Gesetze (Ideen) zugrunde
liegen, die wir durch unser Denken finden, so ist das planmäßige
Zusammenstimmen der Glieder eines Wahrnehmungsganzen eben das ideelle
Zusammenstimmen der in diesem Wahrnehmungsganzen enthaltenen Glieder eines
Ideenganzen.
- Wenn gesagt wird, das Tier oder der Mensch sei nicht
bestimmt durch eine in der Luft
schwebende Idee, so ist das schief ausgedrückt, und die verurteilte Ansicht
verliert bei der Richtigstellung des Ausdruckes von selbst den absurden
Charakter.
- Das Tier ist allerdings nicht durch eine in der Luft
schwebende Idee, wohl aber durch eine ihm eingeborene und seine gesetzmäßige
Wesenheit ausmachende Idee bestimmt.
- Gerade weil die Idee nicht außer dem Dinge ist, sondern
in demselben als dessen Wesen wirkt, kann nicht von Zweckmäßigkeit gesprochen
werden.
- Gerade derjenige, der leugnet, daß das Naturwesen von außen
bestimmt ist (ob durch eine in der Luft schwebende Idee oder eine außerhalb des Geschöpfes im Geiste eines
Weltschöpfers existierende ist in dieser Beziehung ganz gleichgültig), muß
zugeben, daß dieses Wesen nicht zweckmäßig und planvoll von außen, sondern
ursächlich und gesetzmäßig von innen bestimmt wird.
- Eine Maschine gestalte ich dann zweckmäßig, wenn ich die
Teile in einen Zusammenhang bringe, den sie von Natur aus nicht haben.
- Das Zweckmäßige der Einrichtung besteht dann darin, daß
ich die Wirkungsweise der Maschine als deren Idee ihr zugrunde gelegt habe.
- Die Maschine ist dadurch ein Wahrnehmungsobjekt mit
entsprechender Idee geworden.
- Solche Wesen sind auch die Naturwesen.
- Wer ein Ding deshalb zweckmäßig nennt, weil es
gesetzmäßig gebildet ist, der mag die Naturwesen eben auch mit dieser
Bezeichnung belegen.
- Nur darf diese Gesetzmäßigkeit nicht mit jener des
subjektiven menschlichen Handelns verwechselt werden.
- Zum Zweck ist eben durchaus notwendig, daß die wirkende
Ursache ein Begriff ist, und zwar der der Wirkung.
- In der Natur sind aber nirgends Begriffe als Ursachen
nachzuweisen; der Begriff erweist sich stets nur als der ideelle Zusammenhang
von Ursache und Wirkung.
- Ursachen sind in der Natur nur in Form von Wahrnehmungen
vorhanden.
- Der Dualismus kann von Welt- und Naturzwecken reden.
- Wo für unsere Wahrnehmung eine gesetzmäßige Verknüpfung
von Ursache und Wirkung sich äußert, da kann der Dualist annehmen, daß wir nur den
Abklatsch eines Zusammenhanges sehen, in dem das absolute Weltwesen seine
Zwecke verwirklichte.
- Für den Monismus entfällt mit dem absoluten nicht
erlebbaren, sondern nur hypothetisch erschlossenen Weltwesen auch der Grund zur
Annahme von Welt- und Naturzwecken.
-
- Zusatz zur
Neuausgabe 1918
- Man wird bei vorurteilslosem Durchdenken des hier
Ausgeführten nicht zu der Ansicht kommen können, daß der Verfasser dieser
Darstellung mit seiner Ablehnung des Zweckbegriffs für außermenschliche
Tatsachen auf dem Boden derjenigen Denker stand, die durch das Verwerfen dieses
Begriffes sich die Möglichkeit schaffen, alles außerhalb des Menschenhandelns
liegende — und dann dieses selbst — als nur
natürliches Geschehen aufzufassen.
- Davor sollte schon der Umstand schützen, daß in diesem
Buche der Denkvorgang als ein rein geistiger dargestellt wird.
- Wenn hier auch für die geistige, außerhalb des menschlichen Handelns liegende Welt der
Zweckgedanke abgelehnt wird, so geschieht es, weil in dieser Welt ein höheres als der Zweck, der sich im
Menschentum verwirklicht, zur Offenbarung kommt.
- Und wenn von einer nach dem Muster der menschlichen
Zweckmäßigkeit gedachten zweckmäßigen Bestimmung des Menschengeschlechtes als
von einem irrigen Gedanken gesprochen ist, so ist gemeint, daß der Einzelmensch
sich Zwecke setzt, aus diesen setzt sich das Ergebnis der Gesamtwirksamkeit der
Menschheit zusammen.
- Dieses Ergebnis ist dann ein höheres als seine Glieder, die Menschenzwecke.
-
- Kapitel 12 - Die moralische Phantasie (Darwinismus und Sittlichkeit)
- Der freie Geist handelt
nach seinen Impulsen, das sind Intuitionen, die aus dem Ganzen seiner Ideenwelt
durch das Denken ausgewählt sind.
- Für den unfreien
Geist liegt der Grund, warum er aus seiner Ideenwelt eine bestimmte
Intuition aussondert, um sie einer Handlung zugrunde zu legen, in der ihm
gegebenen Wahrnehmungswelt, das heißt in seinen bisherigen Erlebnissen.
- Er erinnert sich, bevor er zu einem Entschluß kommt,
daran, was jemand in einem dem seinigen analogen Falle getan oder zu tun für
gut geheißen hat, oder was Gott für diesen Fall befohlen hat und so weiter, und
danach handelt er.
- Dem freien Geist sind diese Vorbedingungen nicht einzige
Antriebe des Handelns.
- Er faßt einen schlechthin ersten Entschluß.
- Es kümmert ihn dabei ebensowenig, was andere in diesem
Falle getan, noch was sie dafür befohlen haben.
- Er hat rein ideelle Gründe, die ihn bewegen, aus der
Summe seiner Begriffe gerade einen bestimmten herauszuheben und ihn in Handlung
umzusetzen.
- Seine Handlung wird aber der wahrnehmbaren Wirklichkeit
angehören.
- Was er vollbringt, wird also mit einem ganz bestimmten
Wahrnehmungsinhalte identisch sein.
- Der Begriff wird sich in einem konkreten Einzelgeschehnis
zu verwirklichen haben.
- Er wird als Begriff diesen Einzelfall nicht enthalten
können.
- Er wird sich darauf nur in der Art beziehen können, wie
überhaupt ein Begriff sich auf eine Wahrnehmung bezieht, zum Beispiel wie der
Begriff des Löwen auf einen einzelnen Löwen.
- Das Mittelglied zwischen Begriff und Wahrnehmung ist die Vorstellung (vgl. S. 106 ff.).
- Dem unfreien Geist ist dieses Mittelglied von vornherein
gegeben.
- Die Motive sind von vornherein als Vorstellungen in
seinem Bewußtsein vorhanden.
- Wenn er etwas ausführen will, so macht er das so, wie er
es gesehen hat, oder wie es ihm für den einzelnen Fall befohlen wird.
- Die Autorität wirkt daher am besten durch Beispiele, das heißt durch Überlieferung
ganz bestimmter Einzelhandlungen an das Bewußtsein des unfreien Geistes.
- Der Christ handelt weniger nach den Lehren als nach dem Vorbilde des Erlösers.
- Regeln haben für das positive Handeln weniger Wert als
für das Unterlassen bestimmter Handlungen.
- Gesetze treten nur dann in die allgemeine Begriffsform,
wenn sie Handlungen verbieten, nicht aber wenn sie sie zu tun gebieten.
- Gesetze über das, was er tun soll, müssen dem unfreien
Geiste in ganz konkreter Form gegeben werden: Reinige die Straße vor deinem
Haustore! Zahle deine Steuern in dieser bestimmten Höhe bei dem Steueramte X!
und so weiter.
- Begriffsform haben die Gesetze zur Verhinderung von
Handlungen: Du sollst nicht stehlen!
Du sollst nicht ehebrechen! Diese Gesetze
wirken auf den unfreien Geist aber auch nur durch den Hinweis auf eine konkrete
Vorstellung, zum Beispiel die der entsprechenden zeitlichen Strafen, oder der
Gewissensqual, oder der ewigen Verdammnis, und so weiter.
- Sobald der Antrieb zu einer Handlung in der
allgemeinbegrifflichen Form vorhanden ist (zum Beispiel: du sollst deinen
Mitmenschen Gutes tun! du sollst so leben, daß du dein Wohlsein am besten
beförderst!), dann muß in jedem einzelnen Fall die konkrete Vorstellung des
Handelns (die Beziehung des Begriffes auf einen Wahrnehmungsinhalt) erst
gefunden werden.
- Bei dem freien
Geiste, den kein Vorbild und keine Furcht vor Strafe usw. treibt, ist diese
Umsetzung des Begriffes in die Vorstellung immer notwendig.
- Konkrete Vorstellungen aus der Summe seiner Ideen heraus
produziert der Mensch zunächst durch die Phantasie.
- Was der freie Geist nötig hat, um seine Ideen zu
verwirklichen, um sich durchzusetzen, ist also die moralische Phantasie.
- Sie ist die Quelle für das Handeln des freien Geistes.
- Deshalb sind auch nur Menschen mit moralischer Phantasie
eigentlich sittlich produktiv.
- Die bloßen Moralprediger, das ist: die Leute, die
sittliche Regeln ausspinnen, ohne sie zu konkreten Vorstellungen verdichten zu
können, sind moralisch unproduktiv.
- Sie gleichen den Kritikern, die verständig
auseinanderzusetzen wissen, wie ein Kunstwerk beschaffen sein soll, selbst aber
auch nicht das geringste zustande bringen können.
Die
moralische Phantasie muß, um ihre Vorstellung zu verwirklichen, in ein
bestimmtes Gebiet von Wahrnehmungen eingreifen. - Die Handlung des Menschen schafft keine Wahrnehmungen,
sondern prägt die Wahrnehmungen, die bereits vorhanden sind, um, erteilt ihnen
eine neue Gestalt.
- Um ein bestimmtes Wahrnehmungsobjekt oder eine Summe von
solchen, einer moralischen Vorstellung gemäß, umbilden zu können, muß man den
gesetzmäßigen Inhalt (die bisherige Wirkungsweise, die man neu gestalten oder
der man eine neue Richtung geben will) dieses Wahrnehmungsbildes begriffen
haben.
- Man muß ferner den Modus finden, nach dem sich diese
Gesetzmäßigkeit in eine neue verwandeln läßt.
- Dieser Teil der moralischen Wirksamkeit beruht auf
Kenntnis der Erscheinungswelt, mit der man es zu tun hat.
- Er ist also zu suchen in einem Zweige der
wissenschaftlichen Erkenntnis überhaupt.
- Das moralische Handeln setzt also voraus neben dem
moralischen Ideenvermögen (1) und der moralischen Phantasie die Fähigkeit, die
Welt der Wahrnehmungen umzuformen, ohne ihren naturgesetzlichen Zusammenhang zu
durchbrechen.
- Diese Fähigkeit ist moralische
Technik.
- Sie ist in dem Sinne lernbar, wie Wissenschaft überhaupt
lernbar ist.
- Im allgemeinen sind Menschen nämlich geeigneter, die
Begriffe für die schon fertige Welt zu finden, als produktiv aus der Phantasie
die noch nicht vorhandenen zukünftigen Handlungen zu bestimmen.
- Deshalb ist es sehr wohl möglich, daß Menschen ohne
moralische Phantasie die moralischen Vorstellungen von andern empfangen und
diese geschickt der Wirklichkeit einprägen.
- Auch der umgekehrte Fall kann vorkommen, daß Menschen mit
moralischer Phantasie ohne die technische Geschicklichkeit sind und sich dann
anderer Menschen zur Verwirklichung ihrer Vorstellungen bedienen müssen.
- Fußnoten: (1) Nur Oberflächlichkeit
könnte im Gebrauch des Wortes Vermögen an dieser und andern Stellen dieser
Schrift einen Rückfall in die Lehre der alten Psychologie von den
Seelenvermögen erblicken. Der Zusammenhang mit dem S. 95
f. Gesagten
ergibt genau die Bedeutung des Wortes.
- Insofern zum moralischen Handeln die Kenntnis der Objekte
unseres Handelnsgebietes notwendig ist, beruht unser Handeln auf dieser
Kenntnis.
- Was hier in Betracht kommt, sind Naturgesetze.
- Wir haben es mit Naturwissenschaft zu tun, nicht mit
Ethik.
- Die moralische Phantasie und das moralische Ideenvermögen
können erst Gegenstand des Wissens werden, nachdem
sie vom Individuum produziert sind.
- Dann aber regeln sie nicht mehr das Leben, sondern haben
es bereits geregelt.
- Sie sind als wirkende Ursachen wie alle andern
aufzufassen (Zwecke sind sie bloß für das Subjekt).
- Wir beschäftigen uns mit ihnen als mit einer Naturlehre der moralischen Vorstellungen.
- Eine Ethik als Normwissenschaft kann es daneben nicht
geben.
- Man hat den normativen Charakter der moralischen Gesetze
wenigstens insofern halten wollen, daß man die Ethik im Sinne der Diätetik
auffaßte, welche aus den Lebensbedingungen des Organismus allgemeine Regeln
ableitet, um auf Grund derselben dann den Körper im besonderen zu beeinflussen
(Paulsen, System der Ethik).
- Dieser Vergleich ist falsch, weil unser moralisches
Leben sich
nicht mit dem Leben des Organismus vergleichen läßt. - Die Wirksamkeit des Organismus ist ohne unser Zutun da;
wir finden dessen Gesetze in der Welt fertig vor, können sie also suchen, und
dann die gefundenen anwenden.
- Die moralischen Gesetze werden aber von uns erst geschaffen.
- Wir können sie nicht anwenden, bevor sie geschaffen sind.
- Der Irrtum entsteht dadurch, daß die moralischen Gesetze
nicht in jedem Momente inhaltlich neu geschaffen werden, sondern sich
forterben.
- Die von den Vorfahren übernommenen erscheinen dann
gegeben wie die Naturgesetze des Organismus.
- Sie werden aber durchaus nicht mit demselben Rechte von
einer späteren Generation wie diätetische Regeln angewendet.
- Denn sie gehen auf das Individuum und nicht wie das
Naturgesetz auf das Exemplar einer Gattung.
- Als Organismus bin ich ein solches Gattungsexemplar, und
ich werde naturgemäß leben, wenn ich die Naturgesetze der Gattung in meinem
besonderen Falle anwende; als sittliches Wesen bin ich Individuum und habe
meine ganz eigenen Gesetze. (2)
- Fußnoten: (2) Wenn Paulsen (S. 15 des
angeführten Buches) sagt: «Verschiedene Naturanlagen und Lebensbedingungen
erfordern wie eine verschiedene leibliche so auch eine verschiedene
geistig-moralische Diät», so ist er der richtigen Erkenntnis ganz nahe, trifft
aber den entscheidenden Punkt doch nicht. Insofern ich Individuum bin, brauche
ich keine Diät. Diätetik heißt die Kunst, das besondere Exemplar mit den
allgemeinen Gesetzen der Gattung in Einklang zu bringen. Als Individuum bin ich
aber kein Exemplar der Gattung.
- Die hier vertretene Ansicht scheint in Widerspruch zu
stehen mit jener Grundlehre der modernen Naturwissenschaft, die man als Entwickelungstheorie bezeichnet.
- Aber sie scheint es
nur.
- Unter Entwickelung wird
verstanden das reale Hervorgehen des
Späteren aus dem Früheren auf naturgesetzlichem Wege.
- Unter Entwickelung in der organischen Welt versteht man
den Umstand, daß die späteren (vollkommeneren) organischen Formen reale
Abkömmlinge der früheren (unvollkommenen) sind und auf naturgesetzliche Weise
aus ihnen hervorgegangen sind.
- Die Bekenner der organischen Entwickelungstheorie müßten
sich eigentlich vorstellen, daß es auf der Erde einmal eine Zeitepoche gegeben
hat, wo ein Wesen das allmähliche Hervorgehen der Reptilien aus den Uramnioten
mit Augen hätte verfolgen können, wenn er damals als Beobachter hätte dabei
sein können und mit entsprechend langer Lebensdauer ausgestattet gewesen wäre.
- Ebenso müßten sich die Entwickelungstheoretiker
vorstellen, daß ein Wesen das Hervorgehen des Sonnensystems aus dem
Kant-Laplaceschen Urnebel hätte beobachten können, wenn es während der
unendlich langen Zeit frei im Gebiet des Weltäthers sich an einem
entsprechenden Orte hätte aufhalten können.
- Daß bei solcher Vorstellung sowohl die Wesenheit der
Uramnioten wie auch die des Kant-Laplaceschen Weltnebels anders gedacht werden müßte als die materialistischen Denker dies
tun, kommt hier nicht in Betracht.
- Keinem Entwickelungstheoretiker sollte es aber einfallen,
zu behaupten, daß er aus seinem Begriffe des Uramniontieres den des Reptils mit
allen seinen Eigenschaften herausholen kann, auch wenn er nie ein Reptil
gesehen hat.
- Ebensowenig sollte aus dem Begriff des Kant-Laplaceschen
Urnebels das Sonnensystem abgeleitet werden, wenn dieser Begriff des Urnebels
direkt nur an der Wahrnehmung des Urnebels bestimmt gedacht ist.
- Das heißt mit anderen Worten: der
Entwickelungstheoretiker muß, wenn er konsequent denkt, behaupten, daß aus
früheren Entwickelungsphasen spätere sich real ergeben, daß wir, wenn wir den
Begriff des Unvollkommenen und den
des Vollkommenen gegeben haben, den Zusammenhang einsehen können; keineswegs
aber sollte er zugeben, daß der an dem Früheren erlangte Begriff hinreicht, um
das Spätere daraus zu entwickeln.
- Daraus folgt für den Ethiker, daß er zwar den
Zusammenhang späterer moralischer Begriffe mit früheren einsehen kann; aber
nicht, daß auch nur eine einzige neue moralische Idee aus früheren geholt
werden kann.
- Als moralisches Wesen produziert das Individuum seinen
Inhalt.
- Dieser produzierte Inhalt ist für den Ethiker gerade so
ein Gegebenes, wie für den Naturforscher die Reptilien ein Gegebenes sind.
- Die Reptilien sind aus den Uramnioten hervorgegangen;
aber der Naturforscher kann aus dem Begriff der Uramnioten den der Reptilien
nicht herausholen.
- Spätere moralische Ideen entwickeln sich aus früheren;
der Ethiker kann aber aus den sittlichen Begriffen einer früheren Kulturperiode
die der späteren nicht herausholen.
- Die Verwirrung wird dadurch hervorgerufen, daß wir als
Naturforscher die Tatsachen bereits vor uns haben und hinterher sie erst
erkennend betrachten; während wir beim sittlichen Handeln selbst erst die
Tatsachen schaffen, die wir hinterher erkennen.
- Beim Entwickelungsprozeß der sittlichen Weltordnung
verrichten wir das, was die Natur auf niedrigerer Stufe verrichtet: wir
verändern ein Wahrnehmbares.
- Die ethische Norm kann also zunächst nicht wie ein
Naturgesetz erkannt, sondern sie muß
geschaffen werden.
- Erst wenn sie da ist, kann sie Gegenstand des Erkennens
werden.
- Aber können wir denn nicht das Neue an dem Alten messen?
- Wird nicht jeder Mensch gezwungen sein, das durch seine
moralische Phantasie Produzierte an den hergebrachten sittlichen Lehren zu
bemessen?
- Für dasjenige, was als sittlich Produktives sich
offenbaren soll, ist das ein ebensolches Unding, wie es das andere wäre, wenn
man eine neue Naturform an der alten bemessen wollte und sagte: weil die
Reptilien mit den Uramnioten nicht übereinstimmen, sind sie eine unberechtigte
(krankhafte) Form.
- Der ethische Individualismus steht also nicht im
Gegensatz zu einer recht verstandenen Entwickelungstheorie, sondern folgt
direkt aus ihr.
- Der Haeckelsche Stammbaum von den Urtieren bis hinauf zum
Menschen als organisches Wesen müßte sich ohne Unterbrechung der natürlichen
Gesetzlichkeit und ohne eine Durchbrechung der einheitlichen Entwickelung
heraufverfolgen lassen bis zu dem Individuum als einem im bestimmten Sinne
sittlichen Wesen.
- Nirgends aber würde aus dem Wesen einer Vorfahrenart das Wesen
einer nachfolgenden Art sich ableiten lassen.
- So wahr es aber ist, daß die sittlichen Ideen des
Individuums wahrnehmbar aus denen seiner Vorfahren hervorgegangen sind, so wahr
ist es auch, daß dasselbe sittlich unfruchtbar ist, wenn es nicht selbst
moralische Ideen hat.
- Derselbe ethische Individualismus, den ich auf Grund der
vorangehenden Anschauungen entwickelt habe, würde sich auch aus der
Entwickelungstheorie ableiten lassen.
- Die schließliche Überzeugung wäre dieselbe; nur der Weg
ein anderer, auf dem sie erlangt ist.
- Das Hervortreten völlig neuer sittlicher Ideen aus der
moralischen Phantasie ist für die Entwickelungstheorie gerade so wenig
wunderbar, wie das Hervorgehen einer neuen Tierart aus einer andern.
- Nur muß diese Theorie als monistische Weltanschauung im
sittlichen Leben ebenso wie im natürlichen jeden bloß erschlossenen, nicht
ideell erlebbaren jenseitigen (metaphysischen) Einfluß abweisen.
- Sie folgt dabei demselben Prinzip, das sie antreibt, wenn
sie die Ursachen neuer organischer Formen sucht und dabei nicht auf das
Eingreifen eines außerweltlichen Wesens sich beruft, das jede neue Art nach
einem neuen Schöpfungsgedanken durch übernatürlichen Einfluß hervorruft.
- So wie der Monismus zur Erklärung des Lebewesens keinen
übernatürlichen Schöpfungsgedanken brauchen kann, so ist es ihm auch unmöglich,
die sittliche Weltordnung von Ursachen abzuleiten, die nicht innerhalb der
erlebbaren Welt liegen.
- Er kann das Wesen eines Wollens als eines sittlichen
nicht damit erschöpft finden, daß er es auf einen fortdauernden übernatürlichen
Einfluß auf das sittliche Leben (göttliche Weltregierung von außen)
zurückführt, oder auf eine zeitliche besondere Offenbarung (Erteilung der zehn
Gebote) oder auf die Erscheinung Gottes auf der Erde (Christi).
- Was durch alles dieses geschieht an und in dem Menschen,
wird erst zum Sittlichen, wenn es im menschlichen Erlebnis zu einem
individuellen Eigenen wird.
- Die sittlichen Prozesse sind dem Monismus Weltprodukte
wie alles andere Bestehende und ihre Ursachen müssen in der Welt, das heißt, weil der Mensch der Träger der Sittlichkeit
ist, im Menschen gesucht werden.
- Der ethische Individualismus ist somit die Krönung des
Gebäudes, das Darwin und Haeckel für die Naturwissenschaft
erstrebt haben.
- Er ist vergeistigte Entwickelungslehre auf das sittliche
Leben übertragen.
- Wer dem Begriff des Natürlichen
von vornherein in engherziger Weise ein willkürlich begrenztes Gebiet
anweist, der kann dann leicht dazu kommen, für die freie individuelle Handlung
keinen Raum darin zu finden.
- Der konsequent verfahrende Entwickelungstheoretiker kann
in solche Engherzigkeit nicht verfallen.
- Er kann die natürliche Entwickelungsweise beim Affen nicht
abschließen und dem Menschen einen «übernatürlichen» Ursprung zugestehen; er
muß, auch indem er die natürlichen Vorfahren des Menschen sucht, in der Natur
schon den Geist suchen; er kann auch bei den organischen Verrichtungen des
Menschen nicht stehen bleiben und nur diese natürlich finden, sondern er muß
auch das sittlich-freie Leben als geistige Fortsetzung des organischen ansehen.
Der
Entwickelungstheoretiker kann, seiner Grundauffassung gemäß, nur behaupten, daß
das gegenwärtige sittliche Handeln aus anderen Arten des Weltgeschehens
hervorgeht; die Charakteristik des Handelns, das ist seine Bestimmung als eines
freien, muß er der unmittelbaren Beobachtung des Handelns
überlassen. - Er behauptet ja auch nur, daß Menschen aus noch nicht
menschlichen Vorfahren sich entwickelt haben.
- Wie die Menschen beschaffen sind, das muß durch
Beobachtung dieser selbst festgestellt werden.
- Die Ergebnisse dieser Beobachtung können nicht in
Widerspruch geraten mit einer richtig angesehenen Entwickelungsgeschichte.
- Nur die Behauptung, daß die Ergebnisse solche sind, die
eine natürliche Weltordnung ausschließen, könnte nicht in Übereinstimmung mit
der neueren Richtung der Naturwissenschaft gebracht werden. (3)
- Fußnoten: (3) Daß wir Gedanken (ethische
Ideen) als Objekte der Beobachtung bezeichnen, geschieht mit Recht. Denn wenn
auch die Gebilde des Denkens während der gedanklichen Tätigkeit nicht mit ins
Beobachtungsfeld eintreten, so können sie doch nachher Gegenstand der
Beobachtung werden. Und auf diesem Wege haben wir unsere Charakteristik des
Handelns gewonnen.
- Von einer sich selbst verstehenden Naturwissenschaft hat
der ethische Individualismus nichts zu fürchten: die Beobachtung ergibt als
Charakteristikum der vollkommenen Form des menschlichen Handelns die Freiheit.
- Diese Freiheit muß dem menschlichen Wollen zugesprochen
werden, insoferne dieses rein ideelle Intuitionen verwirklicht.
- Denn diese sind nicht Ergebnisse einer von außen auf sie
wirkenden Notwendigkeit, sondern ein auf sich selbst Stehendes.
- Findet der Mensch, daß eine Handlung das Abbild einer solchen ideellen Intuition
ist, so empfindet er sie als eine freie.
- In diesem Kennzeichen einer Handlung liegt die Freiheit.
- Wie steht es nun, von diesem Standpunkte aus, mit der
bereits oben (S. 22 und 16)
erwähnten Unterscheidung zwischen den beiden Sätzen: «Frei sein heißt tun können, was man will» und dem
andern: «nach Belieben begehren können und nicht begehren können sei der
eigentliche Sinn des Dogmas vom freien Willen»?
- Hamerling begründet
gerade seine Ansicht vom freien Willen auf diese Unterscheidung, indem er das
erste für richtig, das zweite für eine absurde Tautologie erklärt.
- Er sagt: «Ich kann tun,
was ich will.
- Aber zu sagen: ich kann wollen, was ich will, ist eine
leere Tautologie.»
- Ob ich tun, das
heißt, in Wirklichkeit umsetzen kann, was ich will, was ich mir also als Idee
meines Tuns vorgesetzt habe, das hängt von äußeren Umständen und von meiner
technischen Geschicklichkeit (vgl. S. 193 f.) ab.
- Frei sein heißt die dem Handeln zugrunde liegenden
Vorstellungen (Beweggründe) durch die moralische Phantasie von sich aus
bestimmen können.
- Freiheit ist unmöglich, wenn etwas außer mir
(mechanischer Prozeß oder nur erschlossener außerweltlicher Gott) meine
moralischen Vorstellungen bestimmt.
- Ich bin also nur dann frei, wenn ich selbst diese Vorstellungen produziere, nicht, wenn ich die
Beweggründe, die ein anderes Wesen in mich gesetzt hat, ausführen kann.
- Ein freies Wesen ist dasjenige, welches wollen kann, was es selbst für richtig
hält.
- Wer etwas anderes tut, als er will, der muß zu diesem
anderen durch Motive getrieben werden, die nicht in ihm liegen.
- Ein solcher handelt unfrei.
- Nach Belieben wollen können, was man für richtig oder
nicht richtig hält, heißt also: nach Belieben frei oder unfrei sein können.
- Das ist natürlich ebenso absurd, wie die Freiheit in dem
Vermögen zu sehen, tun zu können, was man wollen muß.
- Das letztere aber behauptet Hamerling, wenn er sagt: Es
ist vollkommen wahr, daß der Wille immer durch Beweggründe bestimmt wird, aber
es ist absurd zu sagen, daß er deshalb unfrei sei; denn eine größere Freiheit
läßt sich für ihn weder wünschen noch denken, als die, sich nach Maßgabe seiner
eigenen Stärke und Entschiedenheit zu verwirklichen.
- — Jawohl: es läßt sich eine größere Freiheit wünschen,
und das ist erst die wahre.
- Nämlich die: sich die Gründe seines Wollens selbst zu
bestimmen.
- Von der Ausführung dessen abzusehen, was er will, dazu
läßt sich der Mensch unter Umständen bewegen.
- Sich vorschreiben zu lassen, was er tun soll, das ist, zu wollen, was ein andrer
und nicht er für richtig hält, dazu ist er nur zu haben, insofern er sich nicht
frei fühlt.
- Die äußeren Gewalten können mich hindern, zu tun, was ich
will.
- Dann verdammen sie mich einfach zum Nichtstun oder zur
Unfreiheit.
- Erst wenn sie meinen Geist knechten und mir meine
Beweggründe aus dem Kopfe jagen und an deren Stelle die ihrigen setzen wollen,
dann beabsichtigen sie meine Unfreiheit.
- Die Kirche wendet sich daher nicht bloß gegen das Tun, sondern namentlich gegen die unreinen Gedanken, das ist: die
Beweggründe meines Handelns.
- Unfrei macht sie mich, wenn ihr alle Beweggründe, die sie
nicht angibt, als unrein erscheinen.
- Eine Kirche oder eine andere Gemeinschaft erzeugt dann
Unfreiheit, wenn ihre Priester oder Lehrer sich zu Gewissensgebietern machen,
das ist, wenn die Gläubigen sich von ihnen (aus dem Beichtstuhle) die
Beweggründe ihres Handelns holen müssen.
-
- Zusatz zur
Neuausgabe 1918
- In diesen Ausführungen über das menschliche Wollen ist
dargestellt, was der Mensch an seinen Handlungen erleben kann, um durch dieses
Erlebnis zu dem Bewußtsein zu kommen: mein Wollen ist frei.
- Von besonderer Bedeutung ist, daß die Berechtigung, ein
Wollen als frei zu bezeichnen, durch das Erlebnis erreicht wird: in dem Wollen
verwirklicht sich eine ideelle Intuition.
- Dies kann nur
Beobachtungsresultat sein, ist es
aber in dem Sinne, in dem das menschliche Wollen sich in einer
Entwickelungsströmung beobachtet, deren Ziel darin liegt, solche von rein
ideeller Intuition getragene Möglichkeit des Wollens zu erreichen.
- Sie kann erreicht werden, weil in der ideellen Intuition
nichts als deren eigene auf sich gebaute Wesenheit wirkt.
- Ist eine solche Intuition im menschlichen Bewußtsein
anwesend, dann ist sie nicht aus den Vorgängen des Organismus heraus entwickelt
(s. S. 145 ff.), sondern die organische
Tätigkeit hat sich zurückgezogen, um der ideellen Platz zu machen.
- Beobachte ich ein Wollen, das Abbild der Intuition ist,
dann ist auch aus diesem Wollen die organisch notwendige Tätigkeit
zurückgezogen.
- Das Wollen ist frei.
- Diese Freiheit des Wollens wird der nicht beobachten
können, der nicht zu schauen vermag, wie das freie Wollen darin besteht, daß erst durch das intuitive Element das
notwendige Wirken des menschlichen Organismus abgelähmt, zurückgedrängt, und an
seine Stelle die geistige Tätigkeit des idee-erfüllten Willens gesetzt wird.
- Nur wer diese Beobachtung
der Zweigliedrigkeit eines freien Wollens nicht machen kann, glaubt an die
Unfreiheit jedes Wollens.
- Wer sie machen kann, ringt sich zu der Einsicht durch,
daß der Mensch, insofern er den Zurückdämmungsvorgang der organischen Tätigkeit
nicht zu Ende führen kann, unfrei ist; daß aber diese Unfreiheit der Freiheit
zustrebt, und diese Freiheit keineswegs ein abstraktes Ideal ist, sondern eine
in der menschlichen Wesenheit liegende Richtkraft.
- Frei ist der Mensch in dem Maße, als er in seinem Wollen
dieselbe Seelenstimmung verwirklichen kann, die in ihm lebt, wenn er sich der
Ausgestaltung rein ideeller (geistiger) Intuitionen bewußt ist.
-
- Kapitel 13 - Der Wert des Lebens (Pessimismus und
Optimismus)
- Ein Gegenstück zu der Frage nach dem Zwecke oder der
Bestimmung des Lebens (vgl. S. 184 ff.) ist die nach dessen Wert.
- Zwei entgegengesetzten Ansichten begegnen wir in dieser
Beziehung, und dazwischen allen denkbaren Vermittlungsversuchen.
- Eine Ansicht sagt: Die Welt ist die denkbar beste, die es
geben kann, und das Leben und Handeln in derselben ein Gut von unschätzbarem
Werte.
- Alles bietet sich als harmonisches und zweckmäßiges
Zusammenwirken dar und ist der Bewunderung wert.
- Auch das scheinbar Böse und Üble ist von einem höheren
Standpunkte als gut erkennbar; denn es stellt einen wohltuenden Gegensatz zum
Guten dar; wir können dies um so besser schätzen, wenn es sich von jenem
abhebt.
- Auch ist das Übel kein wahrhaft wirkliches; wir empfinden
nur einen geringeren Grad des Wohles als Übel.
- Das Übel ist Abwesenheit des Guten; nichts was an sich
Bedeutung hat.
- Die andere Ansicht ist die, welche behauptet: das Leben
ist voll Qual und Elend, die Unlust überwiegt überall die Lust, der Schmerz die
Freude.
- Das Dasein ist eine Last, und das Nichtsein wäre dem Sein
unter allen Umständen vorzuziehen.
- Als die Hauptvertreter der ersteren Ansicht, des
Optimismus, haben wir Shaftesbury und
Leibniz, als die der zweiten, des
Pessimismus, Schopenhauer und Eduard von Hartmann aufzufassen.
- Leibniz meint,
die Welt ist die beste, die es geben kann.
- Eine bessere ist unmöglich.
- Denn Gott ist gut und weise.
- Ein guter Gott will
die beste der Welten schaffen; ein weiser kennt sie; er kann sie von allen anderen möglichen schlechteren
unterscheiden.
- Nur ein böser oder unweiser Gott könnte eine schlechtere
als die bestmögliche Welt schaffen.
- Wer von diesem Gesichtspunkte ausgeht, wird leicht dem
menschlichen Handeln die Richtung vorzeichnen können, die es einschlagen muß,
um zum Besten der Welt das Seinige beizutragen.
- Der Mensch wird nur die Ratschlüsse Gottes zu erforschen
und sich danach zu benehmen haben.
- Wenn er weiß, was Gott mit der Welt und dem
Menschengeschlecht für Absichten hat, dann wird er auch das Richtige tun.
- Und er wird sich glücklich fühlen, zu dem andern Guten
auch das Seinige hinzuzufügen.
- Vom optimistischen Standpunkt aus ist also das Leben des
Lebens wert.
- Es muß uns zur mitwirkenden Anteilnahme anregen.
- Anders stellt sich Schopenhauer
die Sache vor.
- Er denkt sich den Weltengrund nicht als allweises und
allgütiges Wesen, sondern als blinden Drang oder Willen.
- Ewiges Streben, unaufhörliches Schmachten nach
Befriedigung, die doch nie erreicht werden kann, ist der Grundzug alles
Wollens.
- Denn ist ein erstrebtes Ziel erreicht, so entsteht ein
neues Bedürfnis und so weiter.
- Die Befriedigung kann immer nur von verschwindend kleiner
Dauer sein.
- Der ganze übrige Inhalt unseres Lebens ist unbefriedigtes
Drängen, das ist Unzufriedenheit, Leiden.
- Stumpft sich der blinde Drang endlich ab, so fehlt uns
jeglicher Inhalt; eine unendliche Langeweile erfüllt unser Dasein.
- Daher ist das relativ Beste, Wünsche und Bedürfnisse in
sich zu ersticken, das Wollen zu ertöten.
- Der Schopenhauersche Pessimismus führt zur
Tatenlosigkeit, sein sittliches Ziel ist Universalfaulheit.
- In wesentlich anderer Art sucht Hartmann den Pessimismus zu begründen und für die Ethik
auszunutzen.
- Hartmann sucht, einem Lieblingsstreben unserer Zeit
folgend, seine Weltanschauung auf Erfahrung
zu begründen.
- Aus der Beobachtung
des Lebens will er Aufschluß darüber gewinnen, ob die Lust oder die Unlust
in der Welt überwiege.
- Er läßt, was den Menschen als Gut und Glück erscheint,
vor der Vernunft Revue passieren, um zu zeigen, daß alle vermeintliche
Befriedigung bei genauerem Zusehen sich als Illusion
erweist.
- Illusion ist es, wenn wir glauben, in Gesundheit, Jugend,
Freiheit, auskömmlicher Existenz, Liebe (Geschlechtsgenuß), Mitleid,
Freundschaft und Familienleben, Ehrgefühl, Ehre, Ruhm, Herrschaft, religiöser
Erbauung, Wissenschafts- und Kunstbetrieb, Hoffnung auf jenseitiges Leben,
Beteiligung am Kulturfortschritt — Quellen des Glückes und der Befriedigung zu
haben.
- Vor einer nüchternen Betrachtung bringt jeder Genuß viel
mehr Übel und Elend als Lust in die Welt.
- Die
Unbehaglichkeit des Katzenjammers ist stets größer als die Behaglichkeit des
Rausches.
- Die Unlust überwiegt bei weitem in der Welt.
- Kein Mensch, auch der relativ glücklichste, würde,
gefragt, das elende Leben ein zweites Mal durchmachen wollen.
- Da nun aber Hartmann die
Anwesenheit des Ideellen (der Weisheit) in der Welt nicht leugnet, ihm vielmehr
eine gleiche Berechtigung neben dem blinden Drange (Willen) zugesteht, so kann
er seinem Urwesen die Schöpfung der Welt nur zumuten, wenn er den Schmerz der
Welt in einen weisen Weltzweck auslaufen läßt.
- Der Schmerz der Weltwesen sei aber kein anderer als der
Gottesschmerz selbst, denn das Leben der Welt als Ganzes ist identisch mit dem
Leben Gottes.
- Ein allweises Wesen kann aber sein Ziel nur in der
Befreiung vom Leid sehen, und da alles Dasein Leid ist, in der Befreiung vom
Dasein.
- Das Sein in das weit bessere Nichtsein überzuführen, ist
der Zweck der Weltschöpfung.
- Der Weltprozeß ist ein fortwährendes Ankämpfen gegen den
Gottesschmerz, das zuletzt mit der Vernichtung alles Daseins endet.
- Das sittliche Leben der Menschen wird also sein: Teilnahme
an der Vernichtung des Daseins.
- Gott hat die Welt erschaffen, damit er sich durch
dieselbe von seinem unendlichen Schmerze befreie.
- Diese ist «gewissermaßen wie ein juckender Ausschlag am
Absoluten zu betrachten», durch den dessen unbewußte Heilkraft sich von einer
innern Krankheit befreit, «oder auch als ein schmerzhaftes Zugpflaster, welches
das all-eine Wesen sich selbst appliziert, um einen innern Schmerz zunächst
nach außen abzulenken und für die Folge zu beseitigen».
- Die Menschen sind Glieder der Welt.
- In ihnen leidet Gott.
- Er hat sie geschaffen, um seinen unendlichen Schmerz zu
zersplittern.
- Der Schmerz, den jeder einzelne von uns leidet, ist nur
ein Tropfen in dem unendlichen Meere des Gottesschmerzes (Hartmann,
Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins, S. 866 ff.).
- Der Mensch hat sich mit der Erkenntnis zu durchdringen,
daß das Jagen nach individueller Befriedigung (der Egoismus) eine Torheit ist,
und hat sich einzig von der Aufgabe leiten zu lassen, durch selbstlose Hingabe
an den Weltprozeß der Erlösung Gottes sich zu widmen.
- Im Gegensatz zu dem Schopenhauers führt uns Hartmanns
Pessimismus zu einer hingebenden Tätigkeit für eine erhabene Aufgabe.
- Wie steht es aber mit der Begründung auf Erfahrung?
- Streben nach Befriedigung ist Hinausgreifen der
Lebenstätigkeit über den Lebensinhalt.
- Ein Wesen ist hungrig, das heißt, es strebt nach
Sättigung, wenn seine organischen Funktionen zu ihrem weiteren Verlauf
Zuführung neuen Lebensinhaltes in Form von Nahrungsmitteln verlangen.
- Das Streben nach Ehre besteht darin, daß der Mensch sein
persönliches Tun und Lassen erst dann für wertvoll ansieht, wenn zu seiner
Betätigung die Anerkennung von außen kommt.
- Das Streben nach Erkenntnis entsteht, wenn dem Menschen
zu der Welt, die er sehen, hören usw. kann, solange etwas fehlt, als er sie
nicht begriffen hat.
- Die Erfüllung des Strebens erzeugt in dem strebenden
Individuum Lust, die Nichtbefriedigung Unlust.
- Es ist dabei wichtig zu beobachten, daß Lust oder Unlust
erst von der Erfüllung oder Nichterfüllung meines Strebens abhängt.
- Das Streben selbst kann keineswegs als Unlust gelten.
- Wenn es sich also herausstellt, daß in dem Momente des
Erfüllens einer Bestrebung sich sogleich wieder eine neue einstellt, so darf
ich nicht sagen, die Lust hat für mich Unlust geboren, weil unter allen
Umständen der Genuß das Begehren nach seiner Wiederholung oder nach einer neuen
Lust erzeugt.
- Erst wenn dieses Begehren auf die Unmöglichkeit seiner
Erfüllung stößt, kann ich von Unlust sprechen.
- Selbst dann, wenn ein erlebter Genuß in mir das Verlangen
nach einem größeren oder raffinierteren Lusterlebnis erzeugt, kann ich von
einer durch die erste Lust erzeugten Unlust erst in dem Augenblicke sprechen,
wenn mir die Mittel versagt sind, die größere oder raffiniertere Lust zu
erleben.
- Nur dann, wenn als naturgesetzliche Folge des Genusses
Unlust eintritt, wie etwa beim Geschlechtsgenuß des Weibes durch die Leiden des
Wochenbettes und die Mühen der Kinderpflege, kann ich in dem Genuß den Schöpfer
des Schmerzes finden.
- Wenn Streben als solches Unlust hervorriefe, so müßte
jede Beseitigung des Strebens von Lust begleitet sein.
- Es ist aber das Gegenteil der Fall.
- Der Mangel an Streben in unserem Lebensinhalte erzeugt
Langeweile, und diese ist mit Unlust verbunden.
- Da aber das Streben naturgemäß lange Zeit dauern kann,
bevor ihm die Erfüllung zuteil wird und sich dann vorläufig mit der Hoffnung
auf dieselbe zufriedengibt, so muß anerkannt werden, daß die Unlust mit dem
Streben als solchem gar nichts zu tun hat, sondern lediglich an der
Nichterfüllung desselben hängt.
- Schopenhauer hat also unter allen Umständen unrecht, wenn
er das Begehren oder Streben (den Willen) an sich für den Quell des Schmerzes
hält.
- In Wahrheit ist sogar das Gegenteil richtig.
- Streben (Begehren) an sich macht Freude.
- Wer kennt nicht den Genuß, den die Hoffnung auf ein
entferntes, aber stark begehrtes Ziel bereitet?
- Diese Freude ist die Begleiterin der Arbeit, deren
Früchte uns in Zukunft erst zuteil werden sollen.
- Diese Lust ist ganz unabhängig von der Erreichung des
Zieles.
- Wenn dann das Ziel erreicht ist, dann kommt zu der Lust
des Strebens die der Erfüllung als etwas Neues hinzu.
- Wer aber sagen wollte: zur Unlust durch ein
nichtbefriedigtes Ziel kommt auch noch die über die getäuschte Hoffnung und
mache zuletzt die Unlust an der Nichterfüllung doch größer, als die etwaige
Lust an der Erfüllung, dem ist zu erwidern: es kann auch das Gegenteil der Fall
sein; der Rückblick auf den Genuß in der Zeit des unerfüllten Begehrens wird
ebenso oft lindernd auf die Unlust durch Nichterfüllung wirken.
- Wer im Anblicke gescheiterter Hoffnungen ausruft: Ich
habe das Meinige getan! der ist ein Beweisobjekt für diese Behauptung.
- Das beseligende Gefühl, nach Kräften das Beste gewollt zu
haben, übersehen diejenigen, welche an jedes nichterfüllte Begehren die
Behauptung knüpfen, daß nicht nur allein die Freude an der Erfüllung
ausgeblieben, sondern auch der Genuß des Begehrens selbst zerstört ist.
- Erfüllung eines Begehrens ruft Lust und Nichterfüllung
eines solchen Unlust hervor.
- Daraus darf nicht geschlossen werden: Lust ist
Befriedigung eines Begehrens, Unlust Nichtbefriedigung.
- Sowohl Lust wie Unlust können sich in einem Wesen
einstellen, auch ohne daß sie Folgen eines Begehrens sind.
- Krankheit ist Unlust, der kein Begehren vorausgeht.
- Wer behaupten wollte: Krankheit sei unbefriedigtes
Begehren nach Gesundheit, der beginge den Fehler, daß er den
selbstverständlichen und nicht zum Bewußtsein gebrachten Wunsch, nicht krank zu
werden, für ein positives Begehren hielte.
- Wenn jemand von einem reichen Verwandten, von dessen
Existenz er nicht die geringste Ahnung hatte, eine Erbschaft macht, so erfüllt
ihn diese Tatsache ohne vorangegangenes Begehren mit Lust.
- Wer also untersuchen will, ob auf Seite der Lust oder der
Unlust ein Überschuß zu finden ist, der muß in Rechnung bringen: die Lust am
Begehren, die an der Erfüllung des Begehrens, und diejenige, die uns unerstrebt
zuteil wird.
- Auf die andere Seite des Kontobuches wird zu stehen
kommen: Unlust aus Langeweile, solche aus nicht erfülltem Streben, und endlich
solche, die ohne unser Begehren an uns herantritt.
- Zu der letzteren Gattung gehört auch die Unlust, die uns
aufgedrängte, nicht selbst gewählte Arbeit verursacht.
- Nun entsteht die Frage: welches ist das rechte Mittel, um
aus diesem Soll und Haben die Bilanz zu erhalten?
- Eduard von Hartmann ist der Meinung, daß es die abwägende
Vernunft ist.
- Er sagt zwar (Philosophie des Unbewußten, 7. Auflage II.
Band, S. 290): «Schmerz und Lust sind nur,
insofern sie empfunden werden.»
- Hieraus folgt, daß
es für die Lust keinen andern Maßstab gibt als den subjektiven des Gefühles.
- Ich muß empfinden,
ob die Summe meiner Unlustgefühle zusammengestellt mit meinen Lustgefühlen in
mir einen Überschuß von Freude oder Schmerz ergibt.
- Dessen ungeachtet behauptet Hartmann: «Wenn ... der
Lebenswert jedes Wesens nur nach seinem eigenen subjektiven Maßstabe in
Anschlag gebracht werden kann ..., so ist doch damit keineswegs gesagt, daß
jedes Wesen aus den sämtlichen Affektionen seines Lebens die richtige algebraische Summe ziehe, oder
mit anderen Worten, daß sein Gesamturteil
über sein eigenes Leben ein in bezug auf seine subjektiven Erlebnisse
richtiges sei.»
- Damit wird doch
wieder die vernunftgemäße Beurteilung des
Gefühles zum Wertschätzer gemacht. (1)
- Fußnoten: (1) Wer ausrechnen will, ob
die Gesamtsumme der Lust oder die der Unlust überwiegt, der beachtet eben
nicht, daß er eine Rechnung anstellt über etwas, das nirgends erlebt wird. Das
Gefühl rechnet nicht, und für die wirkliche Bewertung des Lebens kommt das
wirkliche Erlebnis, nicht das Ergebnis einer erträumten Rechnung in Betracht.
- Wer sich der Vorstellungsrichtung solcher Denker wie
Eduard von Hartmann mehr oder weniger genau anschließt, der kann glauben, er
müsse, um zu einer richtigen Bewertung des Lebens zu kommen, die Faktoren aus
dem Wege räumen, die unser Urteil über
die Lust- und Unlustbilanz verfälschen.
- Er kann das auf zwei Wegen zu erreichen suchen.
- Erstens indem
er nachweist, daß unser Begehren (Trieb, Wille) sich störend in unsere
nüchterne Beurteilung des Gefühlswertes einmischt.
- Während wir uns zum Beispiel sagen müßten, daß der
Geschlechtsgenuß eine Quelle des Übels ist, verführt uns der Umstand, daß der
Geschlechtstrieb in uns mächtig ist, dazu, uns eine Lust vorzugaukeln, die in
dem Maße gar nicht da ist.
- Wir wollen genießen; deshalb gestehen wir uns nicht, daß
wir unter dem Genusse leiden.
- Zweitens indem
er die Gefühle einer Kritik unterwirft und nachzuweisen sucht, daß die
Gegenstände, an die sich die Gefühle knüpfen, vor der Vernunfterkenntnis sich
als Illusionen erweisen, und daß sie in
dem Augenblicke zerstört werden, wenn unsere stets wachsende Intelligenz die
Illusionen durchschaut.
- Er kann sich die Sache folgendermaßen denken.
- Wenn ein Ehrgeiziger sich darüber klar werden will, ob
bis zu dem Augenblicke, in dem er seine Betrachtung anstellt, die Lust oder die
Unlust den überwiegenden Anteil an seinem Leben gehabt hat, dann muß er sich
von zwei Fehlerquellen bei seiner Beurteilung frei machen.
- Da er ehrgeizig ist, wird dieser Grundzug seines
Charakters ihm die Freuden über Anerkennung seiner Leistungen durch ein
Vergrößerungsglas, die Kränkungen durch Zurücksetzungen aber durch ein
Verkleinerungsglas zeigen.
- Damals, als er die Zurücksetzungen erfuhr, fühlte er die
Kränkungen, gerade weil er ehrgeizig ist; in der Erinnerung erscheinen sie in
milderem Lichte, während sich die Freuden über Anerkennungen, für die er so
zugänglich ist, um so tiefer einprägen.
- Nun ist es zwar für den Ehrgeizigen eine wahre Wohltat,
daß es so ist.
- Die Täuschung vermindert sein Unlustgefühl in dem
Augenblicke der Selbstbeobachtung.
- Dennoch ist seine Beurteilung eine falsche.
- Die Leiden, über die sich ihm ein Schleier breitet, hat
er wirklich durchmachen müssen in ihrer ganzen Stärke, und er setzt sie somit
in das Kontobuch seines Lebens tatsächlich falsch ein.
- Um zu einem richtigen Urteile zu kommen, müßte der
Ehrgeizige für den Moment seiner Betrachtung sich seines Ehrgeizes entledigen.
- Er müßte ohne Gläser vor seinem geistigen Auge sein
bisher abgelaufenes Leben betrachten.
- Er gleicht sonst dem Kaufmanne, der beim Abschluß seiner
Bücher seinen Geschäftseifer mit auf die Einnahmeseite setzt.
- Er kann aber noch weiter gehen.
- Er kann sagen: Der Ehrgeizige wird sich auch klarmachen,
daß die Anerkennungen, nach denen er jagt, wertlose Dinge sind.
- Er wird selbst zur Einsicht kommen, oder von andern dazu
gebracht werden, daß einem vernünftigen Menschen an der Anerkennung von seiten
der Menschen nichts liegen könne, da man ja «in allen solchen Sachen, die nicht
Lebensfragen der Entwickelung, oder gar von der Wissenschaft schon endgültig
gelöst sind», immer darauf schwören kann, «daß die Majoritäten unrecht und die
Minoritäten recht haben».
- «Einem solchen Urteile gibt derjenige sein Lebensglück in
die Hände, welcher den Ehrgeiz zu seinem Leitstern macht.» (Philosophie des Unbewußten, II. Band, S.
332.)
- Wenn sich der Ehrgeizige das alles sagt, dann muß er als
eine Illusion bezeichnen, was ihm sein Ehrgeiz als Wirklichkeit vorgestellt
hat, folglich auch die Gefühle, die sich an die entsprechenden Illusionen
seines Ehrgeizes knüpfen.
- Aus diesem Grunde könnte dann gesagt werden: es muß auch
noch das aus dem Konto der Lebenswerte gestrichen werden, was sich an
Lustgefühlen aus Illusionen ergibt; was dann übrig bleibt, stelle die
illusionsfreie Lustsumme des Lebens dar, und diese sei gegen die Unlustsumme so
klein, daß das Leben kein Genuß, und Nichtsein dem Sein vorzuziehen sei.
- Aber während es unmittelbar einleuchtend ist, daß die
durch Einmischung des ehrgeizigen Triebes bewirkte Täuschung bei Aufstellung
der Lustbilanz ein falsches Resultat bewirkt, muß das von der Erkenntnis des
illusorischen Charakters der Gegenstände der Lust Gesagte jedoch bestritten
werden.
- Ein Ausscheiden aller an wirkliche oder vermeintliche
Illusionen sich knüpfenden Lustgefühle von der Lustbilanz des Lebens würde die
letztere geradezu verfälschen.
- Denn der Ehrgeizige hat über die Anerkennung der Menge
wirklich seine Freude gehabt, ganz gleichgültig, ob er selbst später, oder ein
anderer diese Anerkennung als Illusion erkennt.
- Damit wird die genossene freudige Empfindung nicht um das
geringste kleiner gemacht.
- Die Ausscheidung aller solchen «illusorischen» Gefühle
aus der Lebensbilanz stellt nicht etwa unser Urteil über die Gefühle richtig,
sondern löscht wirklich vorhandene Gefühle aus dem Leben aus.
- Und warum sollen diese Gefühle ausgeschieden werden?
- Wer sie hat, bei dem sind sie eben lustbereitend; wer sie
überwunden hat, bei dem tritt durch das Erlebnis der Überwindung (nicht durch
die selbstgefällige Empfindung: Was bin ich doch für ein Mensch! — sondern
durch die objektiven Lustquellen, die in der Überwindung liegen) eine
allerdings vergeistigte, aber darum nicht minder bedeutsame Lust ein.
- Wenn Gefühle aus der Lustbilanz gestrichen werden, weil
sie sich an Gegenstände heften, die sich als Illusionen entpuppen, so wird der
Wert des Lebens nicht von der Menge der Lust, sondern von der Qualität der Lust
und diese von dem Werte der die Lust verursachenden Dinge abhängig gemacht.
- Wenn ich den Wert des Lebens aber erst aus der Menge der
Lust oder Unlust bestimmen will, das es mir bringt, dann darf ich nicht etwas
anderes voraussetzen, wodurch ich erst wieder den Wert oder Unwert der Lust
bestimme.
- Wenn ich sage: ich will die Lustmenge mit der Unlustmenge
vergleichen und sehen, welche größer ist, dann muß ich auch alle Lust und
Unlust in ihren wirklichen Größen in Rechnung bringen, ganz abgesehen davon, ob
ihnen eine Illusion zugrunde liegt oder nicht.
- Wer einer auf Illusion beruhenden Lust einen geringeren
Wert für das Leben zuschreibt, als einer solchen, die sich vor der Vernunft
rechtfertigen läßt, der macht eben den Wert des Lebens noch von anderen
Faktoren abhängig als von der Lust.
- Wer die Lust deshalb geringer veranschlägt, weil sie sich
an einen eitlen Gegenstand knüpft, der gleicht einem Kaufmanne, der das
bedeutende Erträgnis einer Spielwarenfabrik deshalb mit dem Viertel des
Betrages in sein Konto einsetzt, weil in derselben Gegenstände zur Tändelei für
Kinder produziert werden.
- Wenn es sich bloß darum handelt, die Lust- und
Unlustmenge gegeneinander abzuwägen, dann ist also der illusorische Charakter
der Gegenstände gewisser Lustempfindungen völlig aus dem Spiele zu lassen.
- Der von Hartmann empfohlene Weg vernünftiger Betrachtung
der vom Leben erzeugten Lust- und Unlustmenge hat uns also bisher so weit
geführt, daß wir wissen, wie wir die Rechnung aufzustellen haben, was wir auf
die eine, was auf die andere Seite unseres Kontobuches zu setzen haben.
- Wie soll aber nun die Rechnung gemacht werden?
- Ist die Vernunft auch geeignet, die Bilanz zu bestimmen?
- Der Kaufmann hat in seiner Rechnung einen Fehler gemacht,
wenn der berechnete Gewinn sich mit
den durch das Geschäft nachweislich genossenen oder noch zu genießenden Gütern
nicht deckt.
- Auch der Philosoph wird unbedingt einen Fehler in seiner
Beurteilung gemacht haben, wenn er den etwa ausgeklügelten Überschuß an Lust
beziehungsweise Unlust in der Empfindung nicht nachweisen kann.
- Ich will vorläufig die Rechnung der auf vernunftgemäße
Weltbetrachtung sich stütz enden Pessimisten nicht kontrollieren; wer aber sich
entscheiden soll, ob er das Lebensgeschäft weiterführen soll oder nicht, der
wird erst den Nachweis verlangen, wo der berechnete Überschuß an Unlust steckt.
- Hiermit haben wir den Punkt berührt, wo die Vernunft nicht in der Lage ist, den Überschuß an
Lust oder Unlust allein von sich aus zu bestimmen, sondern wo sie diesen
Überschuß im Leben als Wahrnehmung zeigen muß.
- Nicht in dem Begriff allein, sondern in dem durch das
Denken vermittelten Ineinandergreifen von Begriff und Wahrnehmung (und Gefühl
ist Wahrnehmung) ist dem Menschen das Wirkliche erreichbar (vgl. S. 88 ff.).
- Der Kaufmann wird ja auch sein Geschäft erst dann
aufgeben, wenn der von seinem Buchhalter berechnete Verlust an Gütern sich
durch die Tatsachen bestätigt.
- Wenn das nicht der Fall ist, dann läßt er den Buchhalter
die Rechnung nochmals machen.
- Genau in derselben Weise wird es der im Leben stehende
Mensch machen.
- Wenn der Philosoph ihm beweisen will, daß die Unlust weit
größer ist als die Lust, er jedoch das nicht empfindet, dann wird er sagen: du
hast dich in deinem Grübeln geirrt, denke die Sache nochmals durch.
- Sind aber in einem Geschäfte zu einem bestimmten
Zeitpunkte wirklich solche Verluste vorhanden, daß kein Kredit mehr ausreicht,
um die Gläubiger zu befriedigen, so tritt auch dann der Bankerott ein, wenn der
Kaufmann es vermeidet, durch Führung der Bücher Klarheit über seine
Angelegenheiten zu haben.
- Ebenso müßte es, wenn das Unlustquantum bei einem
Menschen in einem bestimmten Zeitpunkte so groß würde, daß keine Hoffnung
(Kredit) auf künftige Lust ihn über den Schmerz hinwegsetzen könnte, zum Bankerott
des Lebensgeschäftes führen.
- Nun ist aber die Zahl der Selbstmörder doch eine relativ
geringe im Verhältnis zu der Menge derjenigen, die mutig weiterleben.
- Die wenigsten Menschen stellen das Lebensgeschäft der
vorhandenen Unlust willen ein.
- Was folgt daraus?
- Entweder, daß es nicht richtig ist, zu sagen, die
Unlustmenge sei größer als die Lustmenge, oder daß wir unser Weiterleben gar
nicht von der empfundenen Lust- oder Unlustmenge abhängig machen.
- Auf eine ganz eigenartige Weise kommt der Pessimismus
Eduard von Hartmanns dazu, das Leben wertlos zu erklären, weil darinnen der
Schmerz überwiegt, und doch die Notwendigkeit zu behaupten, es durchzumachen.
- Diese Notwendigkeit liegt darin, daß der oben (S. 207 f.) angegebene Weltzweck nur
durch rastlose, hingebungsvolle Arbeit der Menschen erreicht werden kann.
- Solange aber die Menschen noch ihren egoistischen
Gelüsten nachgehen, sind sie zu solcher selbstlosen Arbeit untauglich.
- Erst wenn sie sich durch Erfahrung und Vernunft überzeugt
haben, daß die vom Egoismus erstrebten Lebensgenüsse nicht erlangt werden
können, widmen sie sich ihrer eigentlichen Aufgabe.
- Auf diese Weise soll die pessimistische Überzeugung der
Quell der Selbstlosigkeit sein.
- Eine Erziehung auf Grund des Pessimismus soll den
Egoismus dadurch ausrotten, daß sie ihm seine Aussichtslosigkeit vor Augen
stellt.
- Nach dieser Ansicht liegt also das Streben nach Lust
ursprünglich in der Menschennatur begründet.
- Nur aus Einsicht in die Unmöglichkeit der Erfüllung dankt
dieses Streben zugunsten höherer Menschheitsaufgaben ab.
- Von der sittlichen Weltanschauung, die von der
Anerkennung des Pessimismus die Hingabe an unegoistische Lebensziele erhofft,
kann nicht gesagt werden, daß sie den Egoismus im wahren Sinne des Wortes
überwinde.
- Die sittlichen Ideale sollen erst dann stark genug sein,
sich des Willens zu bemächtigen, wenn der Mensch eingesehen hat, daß das
selbstsüchtige Streben nach Lust zu keiner Befriedigung führen kann.
- Der Mensch, dessen Selbstsucht nach den Trauben der Lust
begehrt, findet sie sauer, weil er sie nicht erreichen kann: er geht von ihnen
und widmet sich einem selbstlosen Lebenswandel.
- Die sittlichen Ideale sind, nach der Meinung der
Pessimisten, nicht stark genug, den Egoismus zu überwinden; aber sie errichten
ihre Herrschaft auf dem Boden, den ihnen vorher die Erkenntnis von der
Aussichtslosigkeit der Selbstsucht frei gemacht hat.
- Wenn die Menschen ihrer Naturanlage nach die Lust
erstrebten, sie aber unmöglich erreichen können, dann wäre Vernichtung des
Daseins und Erlösung durch das Nichtsein das einzig vernünftige Ziel.
- Und wenn man der Ansicht ist, daß der eigentliche Träger
des Weltschmerzes Gott sei, so müßten die Menschen es sich zur Aufgabe machen,
die Erlösung Gottes herbeizuführen.
- Durch den Selbstmord des einzelnen wird die Erreichung
dieses Zieles nicht gefördert, sondern beeinträchtigt.
- Gott kann vernünftigerweise die Menschen nur geschaffen
haben, damit sie durch ihr Handeln seine Erlösung herbeiführen.
- Sonst wäre die Schöpfung zwecklos.
- Und an außermenschliche Zwecke denkt eine solche
Weltansicht.
- Jeder muß in dem allgemeinen Erlösungswerke seine
bestimmte Arbeit verrichten.
- Entzieht er sich derselben durch den Selbstmord, so muß
die ihm zugedachte Arbeit von einem andern verrichtet werden.
- Dieser muß statt ihm die Daseinsqual ertragen.
- Und da in jedem Wesen Gott steckt als der eigentliche
Schmerzträger, so hat der Selbstmörder die Menge des Gottesschmerzes nicht im
geringsten vermindert, vielmehr Gott die neue Schwierigkeit auferlegt, für ihn
einen Ersatzmann zu schaffen.
- Dies alles setzt voraus, daß die Lust ein Wertmaßstab für
das Leben sei.
- Das Leben äußert sich durch eine Summe von Trieben
(Bedürfnissen).
- Wenn der Wert des Lebens davon abhinge, ob es mehr Lust
oder Unlust bringt, dann ist der Trieb als wertlos zu bezeichnen, der seinem
Träger einen Überschuß der letzteren einträgt.
- Wir wollen einmal Trieb und Lust daraufhin ansehen, ob
der erste durch die zweite gemessen werden kann.
- Um nicht den Verdacht zu erwecken, das Leben erst mit der
Sphäre der «Geistesaristokratie» anfangen zu lassen, beginnen wir mit einem
«rein tierischen» Bedürfnis, dem Hunger.
- Der Hunger entsteht, wenn unsere Organe ohne neue
Stoffzufuhr nicht weiter ihrem Wesen gemäß funktionieren können.
- Was der Hungrige zunächst erstrebt, ist die Sättigung.
- Sobald die Nahrungszufuhr in dem Maße erfolgt ist, daß
der Hunger aufhört, ist alles erreicht, was der Ernährungstrieb erstrebt.
- Der Genuß, der sich an die Sättigung knüpft, besteht fürs
erste in der Beseitigung des Schmerzes, den der Hunger bereitet.
- Zu dem bloßen Ernährungstriebe tritt ein anderes
Bedürfnis.
- Der Mensch will durch die Nahrungsaufnahme nicht bloß
seine gestörten Organfunktionen wieder in Ordnung bringen, beziehungsweise den
Schmerz des Hungers überwinden: er sucht dies auch unter Begleitung angenehmer
Geschmacksempfindungen zu bewerkstelligen.
- Er kann sogar, wenn er Hunger hat und eine halbe Stunde
vor einer genußreichen Mahlzeit steht, es vermeiden, durch minderwertige Kost,
die ihn früher befriedigen könnte, sich die Lust für das Bessere zu verderben.
- Er braucht den Hunger, um von seiner Mahlzeit den vollen
Genuß zu haben.
- Dadurch wird ihm der Hunger zugleich zum Veranlasser der
Lust.
- Wenn nun aller in der Welt vorhandene Hunger gestillt
werden könnte, dann ergäbe sich die volle Genußmenge, die dem Vorhandensein des
Nahrungsbedürfnisses zu verdanken ist.
- Hinzuzurechnen wäre noch der besondere Genuß, den
Leckermäuler durch eine über das Gewöhnliche hinausgehende Kultur ihrer
Geschmacksnerven erzielen.
- Den denkbar größten Wert hätte diese Genußmenge, wenn
kein auf die in Betracht kommende Genußart hinzielendes Bedürfnis unbefriedigt
bliebe, und wenn mit dem Genuß nicht zugleich eine gewisse Menge Unlust in den
Kauf genommen werden müßte.
- Die moderne Naturwissenschaft ist der Ansicht, daß die
Natur mehr Leben erzeugt, als sie erhalten kann, das heißt, auch mehr Hunger
hervorbringt, als sie zu befriedigen in der Lage ist.
- Der Überschuß an Leben, der erzeugt wird, muß unter
Schmerzen im Kampf ums Dasein zugrunde gehen.
- Zugegeben: die Lebensbedürfnisse seien in jedem
Augenblicke des Weltgeschehens größer, als den vorhandenen Befriedigungsmitteln
entspricht, und der Lebensgenuß werde dadurch beeinträchtigt.
- Der wirklich vorhandene einzelne Lebensgenuß wird aber
nicht um das geringste kleiner gemacht.
- Wo Befriedigung des Begehrens eintritt, da ist die
entsprechende Genußmenge vorhanden, auch wenn es in dem begehrenden Wesen
selbst oder in andern daneben eine reiche Zahl unbefriedigter Triebe gibt.
- Was aber dadurch vermindert
wird, ist der Wert des
Lebensgenusses.
- Wenn nur ein Teil der Bedürfnisse eines Lebewesens
Befriedigung findet, so hat dieses einen dementsprechenden Genuß.
- Dieser hat einen um so geringeren Wert, je kleiner er ist
im Verhältnis zur Gesamtforderung des Lebens im Gebiete der in Frage kommenden
Begierden.
- Man kann sich diesen Wert durch einen Bruch dargestellt
denken, dessen Zähler der wirklich vorhandene Genuß und dessen Nenner die
Bedürfnissumme ist.
- Der Bruch hat den Wert 1, wenn Zähler und Nenner gleich
sind, das heißt, wenn alle Bedürfnisse auch befriedigt werden.
- Er wird größer als 1, wenn in einem Lebewesen mehr Lust
vorhanden ist, als seine Begierden fordern; und er ist kleiner als 1, wenn die
Genußmenge hinter der Summe der Begierden zurückbleibt.
- Der Bruch kann aber nie Null werden, solange der Zähler auch nur den geringsten Wert hat.
- Wenn ein Mensch vor seinem Tode den Rechnungsabschluß
machte, und die auf einen bestimmten Trieb (zum Beispiel den Hunger) kommende
Menge des Genusses sich über das ganze Leben mit allen Forderungen dieses
Triebes verteilt dächte, so hätte die erlebte Lust vielleicht nur einen
geringen Wert; wertlos aber kann sie nie werden.
- Bei gleichbleibender Genußmenge nimmt mit der Vermehrung
der Bedürfnisse eines Lebewesens der Wert der Lebenslust ab.
- Ein gleiches gilt für die Summe alles Lebens in der
Natur.
- Je größer die Zahl der Lebewesen ist im Verhältnis zu der
Zahl derer, die volle Befriedigung ihrer Triebe finden können, desto geringer
ist der durchschnittliche Lustwert des Lebens.
- Die Wechsel auf den Lebensgenuß, die uns in unseren
Trieben ausgestellt sind, werden eben billiger, wenn man nicht hoffen kann, sie
für den vollen Betrag einzulösen.
- Wenn ich drei Tage lang genug zu essen habe und dafür
dann weitere drei Tage hungern muß, so wird der Genuß an den drei Eßtagen
dadurch nicht geringer.
- Aber ich muß mir ihn dann auf sechs Tage verteilt denken,
wodurch sein Wert für meinen
Ernährungstrieb auf die Hälfte herabgemindert wird.
- Ebenso verhält es sich mit der Größe der Lust im
Verhältnis zum Grade meines
Bedürfnisses.
- Wenn ich Hunger für zwei Butterbrote habe, und nur eines
bekommen kann, so hat der aus dem einen gezogene Genuß nur die Hälfte des
Wertes, den er haben würde, wenn ich nach der Aufzehrung satt wäre.
- Dies ist die Art, wie im Leben der Wert einer Lust bestimmt wird.
- Sie wird bemessen an den Bedürfnissen des Lebens.
- Unsere Begierden sind der Maßstab; die Lust ist das Gemessene.
- Der Sättigungsgenuß erhält nur dadurch einen Wert, daß
Hunger vorhanden ist; und er erhält einen Wert von bestimmter Größe durch das
Verhältnis, in dem er zu der Größe des vorhandenen Hungers steht.
- Unerfüllte Forderungen unseres Lebens werfen ihre
Schatten auch auf die befriedigten Begierden und beeinträchtigen den Wert genußreicher Stunden.
- Man kann aber auch von dem gegenwärtigen Wert eines Lustgefühles sprechen.
- Dieser Wert ist um so geringer, je kleiner die Lust im
Verhältnis zur Dauer und Stärke unserer Begierde ist.
- Vollen Wert hat für uns eine Lustmenge, die an Dauer und
Grad genau mit unserer Begierde übereinstimmt.
- Eine gegenüber unserem Begehren kleinere Lustmenge
vermindert den Lustwert; eine größere erzeugt einen nicht verlangten Überschuß,
der nur so lange als Lust empfunden wird, als wir während des Genießens unsere
Begierde zu steigern vermögen.
- Sind wir nicht imstande, in der Steigerung unseres
Verlangens mit der zunehmenden Lust gleichen Schritt zu halten, so verwandelt
sich die Lust in Unlust.
- Der Gegenstand, der uns sonst befriedigen würde, stürmt
auf uns ein, ohne daß wir es wollen, und wir leiden darunter.
- Dies ist ein Beweis dafür, daß die Lust nur so lange für
uns einen Wert hat, als wir sie an unserer Begierde messen können.
- Ein Übermaß von angenehmem Gefühl schlägt in Schmerz um.
- Wir können das besonders bei Menschen beobachten, deren
Verlangen nach irgendeiner Art von Lust sehr gering ist.
- Leuten, deren Nahrungstrieb abgestumpft ist, wird das
Essen leicht zum Ekel.
- Auch daraus geht hervor, daß die Begierde der Wertmesser
der Lust ist.
- Nun kann der Pessimismus sagen: der unbefriedigte
Nahrungstrieb bringe nicht nur die Unlust über den entbehrten Genuß, sondern
positive Schmerzen, Qual und Elend in die Welt.
- Er kann sich hierbei berufen auf das namenlose Elend der
von Nahrungssorgen heimgesuchten Menschen; auf die Summe von Unlust, die
solchen Menschen mittelbar aus dem Nahrungsmangel erwächst.
- Und wenn er seine Behauptung auch auf die
außermenschliche Natur anwenden will, kann er hinweisen auf die Qualen der
Tiere, die in gewissen Jahreszeiten aus Nahrungsmangel verhungern.
- Von diesen Übeln behauptet der Pessimist, daß sie die
durch den Nahrungstrieb in die Welt gesetzte Genußmenge reichlich überwiegen.
- Es ist ja zweifellos, daß man Lust und Unlust miteinander
vergleichen und den Überschuß der einen oder der andern bestimmen kann, wie das
bei Gewinn und Verlust geschieht.
- Wenn aber der Pessimismus glaubt, daß auf Seite der
Unlust sich ein Überschuß ergibt, und er daraus auf die Wertlosigkeit des
Lebens schließen zu können meint, so ist er schon insofern im Irrtum, als er
eine Rechnung macht, die im wirklichen Leben nicht ausgeführt wird.
- Unsere Begierde richtet sich im einzelnen Falle auf einen
bestimmten Gegenstand.
- Der Lustwert der Befriedigung wird, wie wir gesehen
haben, um so größer sein, je größer die Lustmenge im Verhältnis zur Größe
unseres Begehrens ist. (2)
- Von der Größe unseres Begehrens hängt es aber auch ab,
wie groß die Menge der Unlust ist, die wir mit in Kauf nehmen wollen, um die
Lust zu erreichen.
- Wir vergleichen die Menge der Unlust nicht mit der der
Lust, sondern mit der Größe unserer Begierde.
- Wer große Freude am Essen hat, der wird wegen des
Genusses in besseren Zeiten sich leichter über eine Periode des Hungers
hinweghelfen, als ein anderer, dem diese Freude an der Befriedigung des
Nahrungstriebes fehlt.
- Das Weib, das ein Kind haben will, vergleicht nicht die
Lust, die ihm aus dessen Besitz erwächst, mit den Unlustmengen, die aus
Schwangerschaft, Kindbett, Kinderpflege und so weiter sich ergeben, sondern mit
seiner Begierde nach dem Besitz des Kindes.
- Fußnoten: (2) Von dem Falle, wo durch
übermäßige Steigerung der Lust diese in Unlust umschlägt, sehen wir hier ab.
- Wir erstreben niemals eine abstrakte Lust von bestimmter
Größe, sondern die konkrete Befriedigung in einer ganz bestimmten Weise.
- Wenn wir nach einer Lust streben, die durch einen
bestimmten Gegenstand oder eine bestimmte Empfindung befriedigt werden muß, so
können wir nicht dadurch befriedigt werden, daß uns ein anderer Gegenstand oder
eine andere Empfindung zuteil wird, die uns eine Lust von gleicher Größe
bereitet.
- Wer nach Sättigung strebt, dem kann man die Lust an
derselben nicht durch eine gleich große, aber durch einen Spaziergang erzeugte
ersetzen.
- Nur wenn unsere Begierde ganz allgemein nach einem
bestimmten Lustquantum strebte, dann müßte sie sofort verstummen, wenn diese
Lust nicht ohne ein sie an Größe überragendes Unlustquantum zu erreichen wäre.
- Da aber die Befriedigung auf eine bestimmte Art erstrebt
wird, so tritt die Lust mit der Erfüllung auch dann ein, wenn mit ihr eine sie
überwiegende Unlust in Kauf genommen werden muß.
- Dadurch, daß sich die Triebe der Lebewesen in einer
bestimmten Richtung bewegen und auf ein konkretes Ziel losgehen, hört die
Möglichkeit auf, die auf dem Wege zu diesem Ziele sich entgegenstellende
Unlustmenge als gleichgeltenden Faktor mit in Rechnung zu bringen.
- Wenn die Begierde nur stark genug ist, um nach
Überwindung der Unlust — und sei sie absolut genommen noch so groß — noch in
irgendeinem Grade vorhanden zu sein, so kann die Lust an der Befriedigung doch
noch in voller Größe durchgekostet werden.
- Die Begierde bringt also die Unlust nicht direkt in
Beziehung zu der erreichten Lust, sondern indirekt, indem sie ihre eigene Größe
(im Verhältnis) zu der der Unlust in eine Beziehung bringt.
- Nicht darum handelt es sich, ob die zu erreichende Lust
oder Unlust größer ist, sondern darum, ob die Begierde nach dem erstrebten
Ziele oder der Widerstand der entgegentretenden Unlust größer ist.
- Ist dieser Widerstand größer als die Begierde, dann ergibt
sich die letztere in das Unvermeidliche, erlahmt und strebt nicht weiter.
- Dadurch, daß Befriedigung in einer bestimmten Art
verlangt wird, gewinnt die mit ihr zusammenhängende Lust eine Bedeutung, die es
ermöglicht, nach eingetretener Befriedigung das notwendige Unlustquantum nur
insofern in die Rechnung einzustellen, als es das Maß unserer Begierde
verringert hat.
- Wenn ich ein leidenschaftlicher Freund von Fernsichten
bin, so berechne ich niemals: wieviel Lust macht mir der Blick von dem
Berggipfel aus, direkt verglichen mit der Unlust des mühseligen Auf- und
Abstiegs.
- Ich überlege aber: ob nach Überwindung der
Schwierigkeiten meine Begierde nach der Fernsicht noch lebhaft genug sein wird.
- Nur mittelbar durch die Größe der Begierde können Lust
und Unlust zusammen ein Ergebnis liefern.
- Es fragt sich also gar nicht, ob Lust oder Unlust im
Übermaße vorhanden ist, sondern ob das Wollen der Lust stark genug ist, die
Unlust zu überwinden.
- Ein Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung ist der
Umstand, daß der Wert der Lust höher angeschlagen wird, wenn sie durch große
Unlust erkauft werden muß, als dann, wenn sie uns gleichsam wie ein Geschenk
des Himmels in den Schoß fällt.
- Wenn Leiden und Qualen unsere Begierde herabgestimmt
haben, und dann das Ziel doch noch erreicht wird, dann ist eben die Lust im Verhältnis zu dem noch
übriggebliebenen Quantum der Begierde um so größer.
- Dieses Verhältnis stellt aber, wie ich gezeigt habe, den
Wert der Lust dar (vgl. S. 221 f.).
- Ein weiterer Beweis ist dadurch gegeben, daß die
Lebewesen (einschließlich des Menschen) ihre Triebe so lange zur Entfaltung
bringen, als sie imstande sind, die entgegenstehenden Schmerzen und Qualen zu
ertragen.
- Und der Kampf ums Dasein ist nur die Folge dieser
Tatsache.
- Das vorhandene Leben strebt nach Entfaltung, und nur
derjenige Teil gibt den Kampf auf, dessen Begierden durch die Gewalt der sich
auftürmenden Schwierigkeiten erstickt werden.
- Jedes Lebewesen sucht so lange nach Nahrung, bis der
Nahrungsmangel sein Leben zerstört.
- Und auch der Mensch legt erst Hand an sich selber, wenn
er (mit Recht oder Unrecht) glaubt, die ihm erstrebenswerten Lebensziele nicht
erreichen zu können.
- Solange er aber noch an die Möglichkeit glaubt, das nach
seiner Ansicht Erstrebenswerte zu erreichen, kämpft er gegen alle Qualen und
Schmerzen an.
- Die Philosophie müßte dem Menschen erst die Meinung
beibringen, daß Wollen nur dann einen Sinn hat, wenn die Lust größer als die
Unlust ist; seiner Natur nach will er die Gegenstände seines Begehrens
erreichen, wenn er die dabei notwendig werdende Unlust ertragen kann, sei sie
dann auch noch so groß.
- Eine solche Philosophie wäre aber irrtümlich, weil sie
das menschliche Wollen von einem Umstande abhängig macht (Überschuß der Lust
über die Unlust), der dem Menschen ursprünglich fremd ist.
- Der ursprüngliche Maßstab des Wollens ist die Begierde,
und diese setzt sich durch, solange sie kann.
- Man kann die Rechnung, welche das Leben, nicht eine verstandesmäßige Philosophie, anstellt, wenn Lust
und Unlust bei Befriedigung eines Begehrens in Frage kommen, mit dem folgenden
vergleichen.
- Wenn ich gezwungen bin, beim Einkaufe eines bestimmten
Quantums Apfel doppelt so viele schlechte als gute mitzunehmen — weil der
Verkäufer seinen Platz frei bekommen will — so werde ich mich keinen Moment
besinnen, die schlechten Apfel mitzunehmen, wenn ich den Wert der geringeren
Menge guter für mich so hoch veranschlagen darf, daß ich zu dem Kaufpreis auch
noch die Auslagen für Hinwegschaffung der schlechten Ware auf mich nehmen will.
- Dies Beispiel veranschaulicht die Beziehung zwischen den
durch einen Trieb bereiteten Lust- und Unlustmengen.
- Ich bestimme den Wert der guten Apfel nicht dadurch, daß
ich ihre Summe von der der schlechten subtrahiere, sondern danach, ob die
ersteren trotz des Vorhandenseins der letzteren noch einen Wert behalten.
- Ebenso wie ich bei dem Genuß der guten Apfel die
schlechten unberücksichtigt lasse, so gebe ich mich der Befriedigung einer
Begierde hin, nachdem ich die notwendigen Qualen abgeschüttelt habe.
- Wenn der Pessimismus auch recht hätte mit seiner
Behauptung, daß in der Welt mehr Unlust als Lust vorhanden ist: auf das Wollen
wäre das ohne Einfluß, denn die Lebewesen streben nach der übrigbleibenden Lust
doch.
- Der empirische Nachweis, daß der Schmerz die Freude
überwiegt, wäre, wenn er gelänge, zwar geeignet, die Aussichtslosigkeit jener
philosophischen Richtung zu zeigen, die den Wert des Lebens in dem Überschuß
der Lust sieht (Eudämonismus), nicht aber das Wollen überhaupt als unvernünftig
hinzustellen; denn dieses geht nicht auf einen Überschuß von Lust, sondern auf
die nach Abzug der Unlust noch übrigbleibende Lustmenge.
- Diese erscheint noch immer als ein erstrebenswertes Ziel.
- Man hat den Pessimismus dadurch zu widerlegen versucht,
daß man behauptete, es sei unmöglich, den Überschuß von Lust oder Unlust in der
Welt auszurechnen.
- Die Möglichkeit einer jeden Berechnung beruht darauf, daß
die in Rechnung zu stellenden Dinge ihrer Größe nach miteinander verglichen
werden können.
- Nun hat jede Unlust und jede Lust eine bestimmte Größe
(Stärke und Dauer).
- Auch Lustempfindungen verschiedener Art können wir ihrer
Größe nach wenigstens schätzungsweise vergleichen.
- Wir wissen, ob uns eine gute Zigarre oder ein guter Witz
mehr Vergnügen macht.
- Gegen die Vergleichbarkeit verschiedener Lust- und
Unlustsorten, ihrer Größe nach, läßt sich somit nichts einwenden.
- Und der Forscher, der es sich zur Aufgabe macht, den
Lust- oder Unlustüberschuß in der Welt zu bestimmen, geht von durchaus
berechtigten Voraussetzungen aus.
- Man kann die Irrtümlichkeit der pessimistischen Resultate
behaupten, aber man darf die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Abschätzung
der Lust- und Unlustmengen und damit die Bestimmung der Lustbilanz nicht
anzweifeln.
- Unrichtig aber ist es, wenn behauptet wird, daß aus dem
Ergebnisse dieser Rechnung für das menschliche Wollen etwas folge.
- Die Fälle, wo wir den Wert unserer Betätigung wirklich
davon abhängig machen, ob die Lust oder die Unlust einen Überschuß zeigt, sind
die, in denen uns die Gegenstände, auf die unser Tun sich richtet, gleichgültig
sind.
- Wenn es sich mir darum handelt, nach meiner Arbeit mir
ein Vergnügen durch ein Spiel oder eine leichte Unterhaltung zu bereiten, und
es mir völlig gleichgültig ist, was ich zu diesem Zwecke tue, so frage ich
mich: was bringt mir den größten Überschuß an Lust?
- Und ich unterlasse eine Betätigung unbedingt, wenn sich
die Waage nach der Unlustseite hin neigt.
- Bei einem Kinde, dem wir ein Spielzeug kaufen wollen,
denken wir bei der Wahl nach, was ihm die meiste Freude bereitet.
- In allen anderen Fällen bestimmen wir uns nicht
ausschließlich nach der Lustbilanz.
- Wenn also die pessimistischen Ethiker der Ansicht sind,
durch den Nachweis, daß die Unlust in größerer Menge vorhanden ist als die
Lust, den Boden für die selbstlose Hingabe an die Kulturarbeit zu bereiten, so
bedenken sie nicht, daß sich das menschliche Wollen seiner Natur nach von
dieser Erkenntnis nicht beeinflussen läßt.
- Das Streben der Menschen richtet sich nach dem Maße der
nach Überwindung aller Schwierigkeiten möglichen Befriedigung.
- Die Hoffnung auf diese Befriedigung ist der Grund der
menschlichen Betätigung.
- Die Arbeit jedes einzelnen und die ganze Kulturarbeit
entspringt aus dieser Hoffnung.
- Die pessimistische Ethik glaubt dem Menschen die Jagd
nach dem Glücke als eine unmögliche hinstellen zu müssen, damit er sich seinen
eigentlichen sittlichen Aufgaben widme.
- Aber diese sittlichen Aufgaben sind nichts anderes als
die konkreten natürlichen und geistigen Triebe; und die Befriedigung derselben
wird angestrebt trotz der Unlust, die dabei abfällt.
- Die Jagd nach dem Glücke, die der Pessimismus ausrotten
will, ist also gar nicht vorhanden.
- Die Aufgaben aber, die der Mensch zu vollbringen hat, vollbringt
er, weil er sie kraft seines Wesens, wenn er ihr Wesen wirklich erkannt hat,
vollbringen will.
- Die pessimistische Ethik behauptet, der Mensch könne erst
dann sich dem hingeben, was er als seine Lebensaufgabe erkennt, wenn er das
Streben nach Lust aufgegeben hat.
- Keine Ethik aber kann je andere Lebensaufgaben ersinnen
als die Verwirklichung der von den menschlichen Begierden geforderten
Befriedigungen und die Erfüllung seiner sittlichen Ideale.
- Keine Ethik kann ihm die Lust nehmen, die er an dieser
Erfüllung des von ihm Begehrten hat.
- Wenn der Pessimist sagt: strebe nicht nach Lust, denn du
kannst sie nie erreichen; strebe nach dem, was du als deine Aufgabe erkennst,
so ist darauf zu erwidern: das ist Menschenart, und es ist die Erfindung einer
auf Irrwegen wandelnden Philosophie, wenn behauptet wird, der Mensch strebe
bloß nach dem Glücke.
- Er strebt nach Befriedigung dessen, was sein Wesen
begehrt und hat die konkreten Gegenstände dieses Strebens im Auge, nicht ein
abstraktes «Glück»; und die Erfüllung ist ihm eine Lust.
- Was die pessimistische Ethik verlangt: nicht Streben nach
Lust, sondern nach Erreichung dessen, was du als deine Lebensaufgabe erkennst,
so trifft sie damit dasjenige, was der Mensch seinem Wesen nach will.
- Der Mensch braucht durch die Philosophie nicht erst
umgekrempelt zu werden, er braucht seine Natur nicht erst abzuwerfen, um
sittlich zu sein, Sittlichkeit liegt in dem Streben nach einem als berechtigt
erkannten Ziel; ihm zu folgen, liegt im Menschenwesen, solange eine damit verknüpfte
Unlust die Begierde danach nicht lähmt.
- Und dieses ist das Wesen alles wirklichen Wollens.
- Die Ethik beruht nicht auf der Ausrottung alles Strebens
nach Lust, damit bleichsüchtige abstrakte Ideen ihre Herrschaft da aufschlagen
können, wo ihnen keine starke Sehnsucht nach Lebensgenuß entgegensteht, sondern
auf dem starken, von ideeller
Intuition getragenen Wollen, das sein
Ziel erreicht, auch wenn der Weg dazu ein dornenvoller ist.
- Die sittlichen Ideale entspringen aus der moralischen
Phantasie des Menschen.
- Ihre Verwirklichung hängt davon ab, daß sie von dem
Menschen stark genug begehrt werden, um Schmerzen und Qualen zu überwinden.
- Sie sind seine Intuitionen,
die Triebfedern, die sein Geist spannt; er will
sie, weil ihre Verwirklichung seine höchste Lust ist.
- Er hat es nicht nötig, sich von der Ethik erst verbieten
zu lassen, daß er nach Lust strebe, um sich dann gebieten zu lassen, wonach er
streben soll.
- Er wird nach sittlichen Idealen streben, wenn seine
moralische Phantasie tätig genug ist, um ihm Intuitionen einzugeben, die seinem
Wollen die Stärke verleihen, sich gegen die in seiner Organisation liegenden
Widerstände, wozu auch notwendige Unlust gehört, durchzusetzen.
- Wer nach Idealen von hehrer Größe strebt, der tut es,
weil sie der Inhalt seines Wesens sind, und die Verwirklichung wird ihm ein
Genuß sein, gegen den die Lust, welche die Armseligkeit aus der Befriedigung
der alltäglichen Triebe zieht, eine Kleinigkeit ist.
- Idealisten schwelgen
geistig bei der Umsetzung ihrer Ideale in Wirklichkeit.
- Wer die Lust an der Befriedigung des menschlichen
Begehrens ausrotten will, muß den Menschen erst zum Sklaven machen, der nicht
handelt, weil er will, sondern nur, weil er soll.
- Denn die Erreichung des Gewollten macht Lust.
- Was man das Gute nennt,
ist nicht das, was der Mensch soll,
sondern das, was er will, wenn er die
volle wahre Menschennatur zur Entfaltung bringt.
- Wer dies nicht anerkennt, der muß dem Menschen erst das austreiben,
was er will, und ihm dann von außen das
vorschreiben lassen, was er seinem Wollen zum Inhalt zu geben hat.
- Der Mensch verleiht der Erfüllung einer Begierde einen
Wert, weil sie aus seinem Wesen entspringt.
- Das Erreichte hat seinen Wert, weil es gewollt ist.
- Spricht man dem Ziel des menschlichen Wollens als solchem
seinen Wert ab, dann muß man die wertvollen Ziele von etwas nehmen, das der
Mensch nicht will.
- Die auf den Pessimismus sich aufbauende Ethik entspringt
aus der Mißachtung der moralischen Phantasie.
- Wer den individuellen Menschengeist nicht für fähig hält,
sich selbst den Inhalt seines Strebens zu geben, nur der kann die Summe des
Wollens in der Sehnsucht nach Lust suchen.
- Der phantasielose Mensch schafft keine sittlichen Ideen.
- Sie müssen ihm gegeben werden.
- Daß er nach Befriedigung seiner niederen Begierden
strebt: dafür aber sorgt die physische Natur.
- Zur Entfaltung des ganzen
Menschen gehören aber auch die aus dem Geiste stammenden Begierden.
- Nur wenn man der Meinung ist, daß diese der Mensch
überhaupt nicht hat, kann man behaupten, daß er sie von außen empfangen soll.
- Dann ist man auch berechtigt, zu sagen, daß er
verpflichtet ist, etwas zu tun, was er nicht will.
- Jede Ethik, die von dem Menschen fordert, daß er sein
Wollen zurückdränge, um Aufgaben zu erfüllen, die er nicht will, rechnet nicht
mit dem ganzen Menschen, sondern mit
einem solchen, dem das geistige Begehrungsvermögen fehlt.
- Für den harmonisch entwickelten Menschen sind die sogenannten
Ideen des Guten nicht außerhalb,
sondern innerhalb des Kreises seines
Wesens.
- Nicht in der Austilgung eines einseitigen Eigenwillens
liegt das sittliche Handeln, sondern in der vollen
Entwickelung der Menschennatur.
- Wer die sittlichen Ideale nur für erreichbar hält, wenn
der Mensch seinen Eigenwillen ertötet, der weiß nicht, daß diese Ideale ebenso
von dem Menschen gewollt sind, wie die Befriedigung der sogenannten tierischen
Triebe.
- Es ist nicht zu leugnen, daß die hiermit
charakterisierten Anschauungen leicht mißverstanden werden können.
- Unreife Menschen ohne moralische Phantasie sehen gerne
die Instinkte ihrer Halbnatur für den vollen Menschheitsgehalt an, und lehnen
alle nicht von ihnen erzeugten sittlichen Ideen ab, damit sie ungestört «sich
ausleben» können.
- Daß für die halbentwickelte Menschennatur nicht gilt, was
für den Vollmenschen richtig ist, ist selbstverständlich.
- Wer durch Erziehung erst noch dahin gebracht werden soll,
daß seine sittliche Natur die Eischalen der niederen Leidenschaften
durchbricht: von dem darf nicht in Anspruch genommen werden, was für den reifen
Menschen gilt.
- Hier sollte aber nicht verzeichnet werden, was dem
unentwickelten Menschen einzuprägen ist, sondern das, was in dem Wesen des
ausgereiften Menschen liegt.
- Denn es sollte die Möglichkeit der Freiheit nachgewiesen
werden; diese erscheint aber nicht an Handlungen aus sinnlicher oder seelischer
Nötigung, sondern an solchen, die von geistigen Intuitionen getragen sind.
- Dieser ausgereifte Mensch gibt seinen Wert sich selbst.
- Nicht die Lust erstrebt er, die ihm als Gnadengeschenk
von der Natur oder von dem Schöpfer gereicht wird; und auch nicht die abstrakte
Pflicht erfüllt er, die er als solche erkennt, nachdem er das Streben nach Lust
abgestreift hat.
- Er handelt, wie er will, das ist nach Maßgabe seiner
ethischen Intuitionen; und er empfindet die Erreichung dessen, was er will, als
seinen wahren Lebensgenuß.
- Den Wert des Lebens bestimmt er an dem Verhältnis des
Erreichten zu dem Erstrebten.
- Die Ethik, welche an die Stelle des Wollens das bloße
Sollen, an die Stelle der Neigung die bloße Pflicht setzt, bestimmt
folgerichtig den Wert des Menschen an dem Verhältnis dessen, was die Pflicht
fordert, zu dem, was er erfüllt.
- Sie mißt den Menschen an einem außerhalb seines Wesens
gelegenen Maßstab.
- — Die hier entwickelte Ansicht weist den Menschen auf
sich selbst zurück.
- Sie erkennt nur das als den wahren Wert des Lebens an,
was der einzelne nach Maßgabe seines Wollens als solchen ansieht.
- Sie weiß ebensowenig von einem nicht vom Individuum
anerkannten Wert des Lebens wie von einem nicht aus diesem entsprungenen Zweck
des Lebens.
- Sie sieht in dem allseitig durchschauten wesenhaften
Individuum seinen eigenen Herrn und seinen eigenen Schätzer.
-
- Zusatz zur
Neuausgabe 1918
- Verkennen kann man das in diesem Abschnitt Dargestellte,
wenn man sich festbeißt in den scheinbaren Einwand: das Wollen des Menschen als
solches ist eben das Unvernünftige; man müsse ihm diese Unvernünftigkeit
nachweisen, dann wird er einsehen, daß in der endlichen Befreiung von dem
Wollen das Ziel des ethischen Strebens liegen müsse.
- Mir wurde von berufener Seite allerdings ein solcher
Schein-Einwand entgegengehalten, indem mir gesagt wurde, es sei eben die Sache
des Philosophen, nachzuholen, was die Gedankenlosigkeit der Tiere und der
meisten Menschen versäumt, eine wirkliche Lebensbilanz zu ziehen.
- Doch wer diesen Einwand macht, sieht eben die Hauptsache
nicht: soll Freiheit sich verwirklichen, so muß in der Menschennatur das Wollen
von dem intuitiven Denken getragen sein; zugleich aber ergibt sich, daß ein
Wollen auch von anderem als von der Intuition bestimmt werden kann, und nur in der aus der Menschenwesenheit
erfließenden freien Verwirklichung der Intuition ergibt sich das Sittliche und
sein Wert.
- Der ethische Individualismus ist geeignet, die
Sittlichkeit in ihrer vollen Würde darzustellen, denn er ist nicht der Ansicht,
daß wahrhaft sittlich ist, was in äußerer Art Zusammenstimmung eines Wollens
mit einer Norm herbeiführt, sondern was aus dem Menschen dann ersteht, wenn er
das sittliche Wollen als ein Glied seines vollen Wesens in sich entfaltet, so
daß das Unsittliche zu tun ihm als Verstümmelung, Verkrüppelung seines Wesens
erscheint.
-
- Kapitel
14 - Individualität und Gattung
- Der Ansicht, daß der Mensch zu einer vollständigen in
sich geschlossenen, freien Individualität veranlagt ist, stehen scheinbar die
Tatsachen entgegen, daß er als Glied innerhalb eines natürlichen Ganzen
auftritt (Rasse, Stamm, Volk, Familie, männliches und weibliches Geschlecht),
und daß er innerhalb eines Ganzen wirkt (Staat, Kirche und so weiter).
- Er trägt die allgemeinen Charaktereigentümlichkeiten der
Gemeinschaft, der er angehört, und gibt seinem Handeln einen Inhalt, der durch
den Platz, den er innerhalb einer Mehrheit einnimmt, bestimmt ist.
- Ist dabei überhaupt noch Individualität möglich?
- Kann man den Menschen selbst als ein Ganzes für sich
ansehen, wenn er aus einem Ganzen herauswächst, und in ein Ganzes sich
eingliedert?
- Das Glied eines Ganzen wird seinen Eigenschaften und
Funktionen nach durch das Ganze bestimmt.
- Ein Volksstamm ist ein Ganzes, und alle zu ihm gehörigen
Menschen tragen die Eigentümlichkeiten an sich, die im Wesen des Stammes
bedingt sind.
- Wie der einzelne beschaffen ist und wie er sich betätigt,
ist durch den Stammescharakter bedingt.
- Dadurch erhält die Physiognomie und das Tun des einzelnen
etwas Gattungsmäßiges.
- Wenn wir nach dem Grunde fragen, warum dies und jenes an
dem Menschen so oder so ist, so werden wir aus dem Einzelwesen hinaus auf die
Gattung verwiesen.
- Diese erklärt es uns, warum etwas an ihm in der von uns
beobachteten Form auftritt.
- Von diesem Gattungsmäßigen macht sich aber der Mensch
frei.
- Denn das menschlich Gattungsmäßige ist, vom Menschen
richtig erlebt, nichts seine Freiheit Einschränkendes, und soll es auch nicht
durch künstliche Veranstaltungen sein.
- Der Mensch entwickelt Eigenschaften und Funktionen an
sich, deren Bestimmungsgrund wir nur in ihm selbst suchen können.
- Das Gattungsmäßige dient ihm dabei nur als Mittel, um
seine besondere Wesenheit in ihm auszudrücken.
- Er gebraucht die ihm von der Natur mitgegebenen
Eigentümlichkeiten als Grundlage und gibt ihm die seinem eigenen Wesen gemäße
Form.
- Wir suchen nun vergebens den Grund für eine Äußerung
dieses Wesens in den Gesetzen der Gattung.
- Wir haben es mit einem Individuum zu tun, das nur durch
sich selbst erklärt werden kann.
- Ist ein Mensch bis zu dieser Loslösung von dem
Gattungsmäßigen durchgedrungen, und wir wollen alles, was an ihm ist, auch dann
noch aus dem Charakter der Gattung erklären, so haben wir für das Individuelle
kein Organ.
- Es ist unmöglich, einen Menschen ganz zu verstehen, wenn
man seiner Beurteilung einen Gattungsbegriff zugrunde legt.
- Am hartnäckigsten im Beurteilen nach der Gattung ist man
da, wo es sich um das Geschlecht des Menschen handelt.
- Der Mann sieht im Weibe, das Weib in dem Manne fast immer
zuviel von dem allgemeinen Charakter des anderen Geschlechtes und zu wenig von
dem Individuellen.
- Im praktischen Leben schadet das den Männern weniger als
den Frauen.
- Die soziale Stellung der Frau ist zumeist deshalb eine so
unwürdige, weil sie in vielen Punkten, wo sie es sein sollte, nicht bedingt ist
durch die individuellen Eigentümlichkeiten der einzelnen Frau, sondern durch
die allgemeinen Vorstellungen, die man sich von der natürlichen Aufgabe und den
Bedürfnissen des Weibes macht.
- Die Betätigung des Mannes im Leben richtet sich nach
dessen individuellen Fähigkeiten und Neigungen, die des Weibes soll
ausschließlich durch den Umstand bedingt sein, daß es eben Weib ist.
- Das Weib soll der Sklave des
Gattungsmäßigen, des Allgemein-Weiblichen
sein. - Solange von Männern darüber debattiert wird, ob die Frau
«ihrer Naturanlage nach» zu diesem oder jenem Beruf tauge, solange kann die
sogenannte Frauenfrage aus ihrem elementarsten Stadium nicht herauskommen.
- Was die Frau ihrer Natur nach wollen kann, das überlasse
man der Frau zu beurteilen.
- Wenn es wahr ist, daß die Frauen nur zu dem Berufe
taugen, der ihnen jetzt zukommt, dann werden sie aus sich selbst heraus kaum
einen anderen erreichen, Sie müssen es aber selbst entscheiden können, was
ihrer Natur gemäß ist.
- Wer eine Erschütterung unserer sozialen Zustände davon
befürchtet, daß die Frauen nicht als Gattungsmenschen, sondern als Individuen
genommen werden, dem muß entgegnet werden, daß soziale Zustände, innerhalb
welcher die Hälfte der Menschheit ein menschenunwürdiges Dasein hat, eben der
Verbesserung gar sehr bedürftig sind.
(1)
- Fußnoten: (1) Man hat mir auf die obigen
Ausführungen gleich beim Erscheinen (1894) dieses Buches eingewendet, innerhalb
des Gattungsmäßigen könne sich die Frau schon jetzt 50 individuell ausleben,
wie sie nur will, weit freier als der Mann, der schon durch die Schule und dann
durch Krieg und Beruf entindividualisiert werde. Ich weiß, daß man diesen
Einwand vielleicht heute noch stärker erheben wird. Ich muß die Sätze doch hier
stehen lassen und möchte hoffen, daß es auch Leser gibt, die verstehen, wie
stark ein solcher Einwand gegen den Freiheitsbegriff, der in dieser Schrift
entwickelt wird, verstößt, und die meine obigen Sätze an anderem beurteilen als
an der Entindividualisierung des Mannes durch die Schule und den Beruf.
- Wer die Menschen nach Gattungscharakteren beurteilt, der
kommt eben gerade bis zu der Grenze, über welcher sie anfangen, Wesen zu sein,
deren Betätigung auf freier Selbstbestimmung beruht.
- Was unterhalb dieser Grenze liegt, das kann natürlich
Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung sein.
- Die Rassen-, Stammes-, Volks- und
Geschlechtseigentümlichkeiten sind der Inhalt besonderer Wissenschaften.
- Nur Menschen, die allein als Exemplare der Gattung leben
wollten, könnten sich mit einem allgemeinen Bilde decken, das durch solche
wissenschaftliche Betrachtung zustande kommt.
- Aber alle diese Wissenschaften können nicht vordringen
bis zu dem besonderen Inhalt des einzelnen Individuums.
- Da, wo das Gebiet der Freiheit (des Denkens und Handelns)
beginnt, hört das Bestimmen des Individuums nach Gesetzen der Gattung auf.
- Den begrifflichen Inhalt, den der Mensch durch das Denken
mit der Wahrnehmung in Verbindung bringen muß, um der vollen Wirklichkeit sich
zu bemächtigen (vgl. S. 88 ff.), kann niemand ein für allemal
festsetzen und der Menschheit fertig hinterlassen.
- Das Individuum muß seine Begriffe durch eigene Intuition
gewinnen.
- Wie der einzelne zu denken hat, läßt sich nicht aus
irgendeinem Gattungsbegriffe ableiten.
- Dafür ist einzig und allein das Individuum maßgebend.
- Ebensowenig ist aus allgemeinen Menschencharakteren zu
bestimmen, welche konkrete Ziele das Individuum seinem Wollen vorsetzen will.
- Wer das einzelne Individuum verstehen will, muß bis in
dessen besondere Wesenheit dringen, und nicht bei typischen Eigentümlichkeiten
stehen bleiben.
- In diesem Sinne ist jeder einzelne Mensch ein Problem.
- Und alle Wissenschaft, die sich mit abstrakten Gedanken
und Gattungsbegriffen befaßt, ist nur eine Vorbereitung zu jener Erkenntnis,
die uns zuteil wird, wenn uns eine menschliche Individualität ihre Art, die
Welt anzuschauen, mitteilt, und zu der anderen, die wir aus dem Inhalt ihres
Wollens gewinnen.
- Wo wir die Empfindung haben: hier haben wir es mit
demjenigen an einem Menschen zu tun, das frei ist von typischer Denkungsart und
gattungsmäßigem Wollen, da müssen wir aufhören, irgendwelche Begriffe aus
unserem Geiste zu Hilfe zu nehmen, wenn wir sein Wesen verstehen wollen.
- Das Erkennen besteht in der Verbindung des Begriffes mit
der Wahrnehmung durch das Denken.
- Bei allen anderen Objekten muß der Beobachter die
Begriffe durch seine Intuition gewinnen; beim Verstehen einer freien Individualität
handelt es sich nur darum, deren Begriffe, nach denen sie sich ja selbst
bestimmt, rein (ohne Vermischung mit eigenem Begriffsinhalt) herüberzunehmen in
unseren Geist.
- Menschen, die in jede Beurteilung eines anderen sofort
ihre eigenen Begriffe einmischen, können nie zu dem Verständnisse einer
Individualität gelangen.
- So wie die freie Individualität sich frei macht von den
Eigentümlichkeiten der Gattung, so muß das Erkennen sich frei machen von der
Art, wie das Gattungsmäßige verstanden wird.
- Nur in dem Grade, in dem der Mensch sich in der
gekennzeichneten Weise frei gemacht hat vom Gattungsmäßigen, kommt er als
freier Geist innerhalb eines menschlichen Gemeinwesens in Betracht.
- Kein Mensch ist vollständig Gattung, keiner ganz
Individualität.
- Aber eine größere oder geringere Sphäre seines Wesens
löst jeder Mensch allmählich ab, ebenso von dem Gattungsmäßigen des
animalischen Lebens, wie von den ihn beherrschenden Geboten menschlicher
Autoritäten.
- Für den Teil, für den sich der Mensch aber eine solche
Freiheit nicht erobern kann, bildet er ein Glied innerhalb des Natur- und
Geistesorganismus.
- Er lebt in dieser Hinsicht, wie er es andern abguckt,
oder wie sie es ihm befehlen.
- Einen im wahren Sinne ethischen Wert hat nur der Teil
seines Handelns, der aus seinen Intuitionen entspringt.
- Und was er an moralischen Instinkten durch Vererbung
sozialer Instinkte an sich hat, wird ein Ethisches dadurch, daß er es in seine
Intuitionen aufnimmt.
- Aus individuellen ethischen Intuitionen und deren
Aufnahme in Menschengemeinschaften entspringt alle sittliche Betätigung der
Menschheit.
- Man kann auch sagen: das sittliche Leben der Menschheit
ist die Gesamtsumme der moralischen Phantasieerzeugnisse der freien
menschlichen Individuen.
- Dies ist das Ergebnis des Monismus.
-
- Die letzten
Fragen
-
- Die
Konsequenzen des Monismus
- Die einheitliche Welterklärung oder der hier gemeinte
Monismus entnimmt der menschlichen Erfahrung die Prinzipien, die er zur
Erklärung der Welt braucht.
- Die Quellen des Handelns sucht er ebenfalls innerhalb der
Beobachtungswelt, nämlich in der unserer Selbsterkenntnis zugänglichen
menschlichen Natur, und zwar in der moralischen Phantasie.
- Er lehnt es ab, durch abstrakte Schlußfolgerungen die
letzten Gründe für die dem Wahrnehmen und Denken vorliegende Welt außerhalb derselben zu suchen.
- Für den Monismus ist die Einheit, welche die erlebbare
denkende Beobachtung zu der mannigfaltigen Vielheit der Wahrnehmungen
hinzubringt, zugleich diejenige, die das menschliche Erkenntnisbedürfnis
verlangt und durch die es den Eingang in die physischen und geistigen
Weltbereiche sucht.
- Wer hinter dieser so zu suchenden Einheit noch eine
andere sucht, der beweist damit nur, daß er die Übereinstimmung des durch das
Denken Gefundenen mit dem vom Erkenntnistrieb Geforderten nicht erkennt.
- Das einzelne menschliche Individuum ist von der Welt
nicht tatsächlich abgesondert.
- Es ist ein Teil der Welt, und es besteht ein Zusammenhang
mit dem Ganzen des Kosmos der Wirklichkeit nach, der nur für unsere Wahrnehmung
unterbrochen ist.
- Wir sehen fürs erste diesen Teil als für sich
existierendes Wesen, weil wir die Riemen und Seile nicht sehen, durch welche
die Bewegung unseres Lebensrades von den Grundkräften des Kosmos bewirkt wird.
- Wer auf diesem Standpunkt stehen bleibt, der sieht den
Teil eines Ganzen für ein wirklich selbständig existierendes Wesen, für die
Monade an, welches die Kunde von der übrigen Welt auf irgendeine Weise von
außen erhält.
- Der hier gemeinte Monismus zeigt, daß die Selbständigkeit
nur so lange geglaubt werden kann, als das Wahrgenommene nicht durch das Denken
in das Netz der Begriffswelt eingespannt wird.
- Geschieht dies, so entpuppt sich die Teilexistenz als ein
bloßer Schein des Wahrnehmens.
- Seine in sich geschlossene Totalexistenz im Universum
kann der Mensch nur finden durch intuitives Denkerlebnis.
- Das Denken zerstört den Schein des Wahrnehmens und
gliedert unsere individuelle Existenz in das Leben des Kosmos ein.
- Die Einheit der Begriffswelt, welche die objektiven
Wahrnehmungen enthält, nimmt auch den Inhalt unserer subjektiven Persönlichkeit
in sich auf.
- Das Denken gibt uns von der Wirklichkeit die wahre
Gestalt, als einer in sich geschlossenen Einheit, während die Mannigfaltigkeit
der Wahrnehmungen nur ein durch unsere Organisation bedingter Schein ist (vgl. S. 86 ff.).
- Die Erkenntnis des Wirklichen gegenüber dem Schein des
Wahrnehmens bildete zu allen Zeiten das Ziel des menschlichen Denkens.
- Die Wissenschaft bemühte sich, die Wahrnehmungen durch
Aufdeckung der gesetzmäßigen Zusammenhänge innerhalb derselben als Wirklichkeit
zu erkennen.
- Wo man aber der Ansicht war, daß der von dem menschlichen
Denken ermittelte Zusammenhang nur eine subjektive Bedeutung habe, suchte man
den wahren Grund der Einheit in einem jenseits unserer Erfahrungswelt gelegenen
Objekte (erschlossener Gott, Wille, absoluter Geist usw.).
- — Und, auf diese Meinung gestützt, bestrebte man sich zu
dem Wissen über die innerhalb der Erfahrung erkennbaren Zusammenhänge noch ein
zweites zu gewinnen, das über die Erfahrung hinausgeht, und den Zusammenhang
derselben mit den nicht mehr erfahrbaren Wesenheiten aufdeckt (nicht durch
Erleben, sondern durch Schlußfolgerung gewonnene Metaphysik).
- Den Grund, warum wir durch geregeltes Denken den
Weltzusammenhang begreifen, sah man von diesem Standpunkte aus darin, daß ein
Urwesen nach logischen Gesetzen die Welt aufgebaut hat, und den Grund für unser
Handeln sah man in dem Wollen des Urwesens.
- Doch erkannte man nicht, daß das Denken Subjektives und
Objektives zugleich umspannt, und daß in dem Zusammenschluß der Wahrnehmung mit
dem Begriff die totale Wirklichkeit vermittelt wird.
- Nur solange wir die die Wahrnehmung durchdringende und
bestimmende Gesetzmäßigkeit in der abstrakten Form des Begriffes betrachten,
solange haben wir es In der Tat mit etwas rein Subjektivem zu tun.
- Subjektiv ist aber nicht der Inhalt des Begriffes, der
mit Hilfe des Denkens zu der Wahrnehmung hinzugewonnen wird.
- Dieser Inhalt ist nicht aus dem Subjekte, sondern aus der
Wirklichkeit genommen.
- Er ist der Teil der Wirklichkeit, den das Wahrnehmen nicht
erreichen kann.
- Er ist Erfahrung, aber nicht durch das Wahrnehmen
vermittelte Erfahrung.
- Wer sich nicht vorstellen kann, daß der Begriff ein
Wirkliches ist, der denkt nur an die abstrakte Form, wie er denselben in seinem
Geiste festhält.
- Aber in solcher Absonderung ist er ebenso nur durch
unsere Organisation vorhanden, wie die Wahrnehmung es ist.
- Auch der Baum, den man wahrnimmt, hat abgesondert für
sich keine Existenz.
- Er ist nur innerhalb des großen Räderwerkes der Natur ein
Glied, und nur in realem Zusammenhang mit ihr möglich.
- Ein abstrakter Begriff hat für sich keine Wirklichkeit,
ebensowenig wie eine Wahrnehmung für sich.
- Die Wahrnehmung ist der Teil der Wirklichkeit, der
objektiv, der Begriff derjenige, der subjektiv (durch Intuition, vgl. Seite 95 ff.) gegeben
wird.
- Unsere geistige Organisation reißt die Wirklichkeit in
diese beiden Faktoren auseinander.
- Der eine Faktor erscheint dem Wahrnehmen, der andere der
Intuition.
- Erst der Zusammenhang der beiden, die gesetzmäßig sich in
das Universum eingliedernde Wahrnehmung, ist volle Wirklichkeit.
- Betrachten wir die bloße Wahrnehmung für sich, so haben
wir keine Wirklichkeit, sondern ein zusammenhangloses Chaos; betrachten wir die
Gesetzmäßigkeit der Wahrnehmungen für sich, dann haben wir es bloß mit
abstrakten Begriffen zu tun.
- Nicht der abstrakte Begriff enthält die Wirklichkeit;
wohl aber die denkende Beobachtung, die weder einseitig den Begriff, noch die
Wahrnehmung für sich betrachtet, sondern den Zusammenhang beider.
- Daß wir in der Wirklichkeit leben (mit unserer realen
Existenz in derselben wurzeln), wird selbst der orthodoxeste subjektive
Idealist nicht leugnen.
- Er wird nur bestreiten, daß wir ideell mit unserem
Erkennen auch das erreichen, was wir real durchleben.
- Demgegenüber zeigt der Monismus, daß das Denken weder
subjektiv, noch objektiv, sondern ein beide Seiten der Wirklichkeit
umspannendes Prinzip ist.
- Wenn wir denkend beobachten, vollziehen wir einen Prozeß,
der selbst in die Reihe des wirklichen Geschehens gehört.
- Wir überwinden durch das Denken innerhalb der Erfahrung
selbst die Einseitigkeit des bloßen Wahrnehmens.
- Wir können durch abstrakte, begriffliche Hypothesen
(durch rein begriffliches Nachdenken) das Wesen des Wirklichen nicht erklügeln,
aber wir leben, indem wir zu den
Wahrnehmungen die Ideen finden, in dem Wirklichen.
- Der Monismus sucht zu der Erfahrung kein Unerfahrbares
(Jenseitiges), sondern sieht in Begriff und Wahrnehmung das Wirkliche.
- Er spinnt aus bloßen abstrakten Begriffen keine
Metaphysik, weil er in dem Begriffe an sich nur die eine Seite der Wirklichkeit sieht, die dem Wahrnehmen verborgen
bleibt und nur im Zusammenhang mit der Wahrnehmung einen Sinn hat.
- Er ruft aber in dem Menschen die Überzeugung hervor, daß
er in der Welt der Wirklichkeit lebt und nicht außerhalb seiner Welt eine
unerlebbare höhere Wirklichkeit zu suchen hat.
- Er hält davon ab, das Absolut-Wirkliche anderswo als in
der Erfahrung zu suchen, weil er den Inhalt der Erfahrung selbst als das
Wirkliche erkennt.
- Und er ist befriedigt durch diese Wirklichkeit, weil er
weiß, daß das Denken die Kraft hat, sie zu verbürgen.
- Was der Dualismus erst hinter der Beobachtungswelt sucht,
das findet der Monismus in dieser selbst.
- Der Monismus zeigt, daß wir mit unserem Erkennen die
Wirklichkeit in ihrer wahren Gestalt ergreifen, nicht in einem subjektiven
Bilde, das sich zwischen den Menschen und die Wirklichkeit einschöbe.
- Für den Monismus ist der Begriffsinhalt der Welt für alle
menschlichen Individuen derselbe (vgl. S. 89 ff.).
- Nach monistischen Prinzipien betrachtet ein menschliches
Individuum ein anderes als seinesgleichen, weil es derselbe Weltinhalt ist, der
sich in ihm auslebt.
- Es gibt in der einigen Begriffswelt nicht etwa so viele
Begriffe des Löwen, wie es Individuen gibt, die einen Löwen denken, sondern nur
einen.
- Und der Begriff, den A zu der Wahrnehmung des Löwen
hinzufügt, ist derselbe, wie der des B, nur durch ein anderes
Wahrnehmungssubjekt aufgefaßt (vgl. S. 90 f.).
- Das Denken führt alle Wahrnehmungssubjekte auf die
gemeinsame ideelle Einheit aller Mannigfaltigkeit.
- Die einige Ideenwelt lebt sich in ihnen als in einer
Vielheit von Individuen aus.
- Solange sich der Mensch bloß durch Selbstwahrnehmung
erfaßt, sieht er sich als diesen besonderen Menschen an; sobald er auf die in
ihm aufleuchtende, alles Besondere umspannende Ideenwelt blickt, sieht er in
sich das absolut Wirkliche lebendig aufleuchten.
- Der Dualismus bestimmt das göttliche Urwesen als
dasjenige, was alle Menschen durchdringt und in ihnen allen lebt.
- Der Monismus findet dieses gemeinsame göttliche Leben in
der Wirklichkeit selbst.
- Der ideelle Inhalt eines andern Menschen ist auch der
meinige, und ich sehe ihn nur so lange als einen andern an, als ich wahrnehme,
nicht mehr aber, sobald ich denke.
- Jeder Mensch umspannt mit seinem Denken nur einen Teil
der gesamten Ideenwelt, und insofern unterscheiden sich die Individuen auch
durch den tatsächlichen Inhalt ihres Denkens.
- Aber diese Inhalte sind in einem in sich geschlossenen
Ganzen, das die Denkinhalte aller Menschen umfaßt.
- Das gemeinsame Urwesen, das alle Menschen durchdringt,
ergreift somit der Mensch in seinem Denken.
- Das mit dem Gedankeninhalt erfüllte Leben in der
Wirklichkeit ist zugleich das Leben in Gott.
- Das bloß erschlossene, nicht zu erlebende Jenseits beruht
auf einem Mißverständnis derer, die glauben, daß das Diesseits den Grund seines
Bestandes nicht in sich hat.
- Sie sehen nicht ein, daß sie durch das Denken das finden,
was sie zur Erklärung der Wahrnehmung verlangen.
- Deshalb hat aber auch noch keine Spekulation einen Inhalt
zutage gefördert, der nicht aus der uns gegebenen Wirklichkeit entlehnt wäre.
- Der durch abstrakte Schlußfolgerung angenommene Gott ist
nur der in ein Jenseits versetzte Mensch; der Wille Schopenhauers die
verabsolutierte menschliche Willenskraft; das aus Idee und Wille
zusammengesetzte unbewußte Urwesen Hartmanns eine Zusammensetzung zweier
Abstraktionen aus der Erfahrung.
- Genau dasselbe ist von allen anderen auf nicht erlebtem
Denken ruhenden jenseitigen Prinzipien zu sagen.
- Der menschliche Geist kommt in Wahrheit nie über die
Wirklichkeit hinaus, in der wir leben, und er hat es auch nicht nötig, da alles
in dieser Welt liegt, was er zu ihrer Erklärung braucht.
- Wenn sich die Philosophen zuletzt befriedigt erklären mit
der Herleitung der Welt aus Prinzipien, die sie der Erfahrung entlehnen und in
ein hypothetisches Jenseits versetzen, so muß eine solche Befriedigung auch
möglich sein, wenn der gleiche Inhalt im Diesseits belassen wird, wohin er für
das erlebbare Denken gehört.
- Alles Hinausgehen über die Welt ist nur ein scheinbares,
und die aus der Weit hinausversetzten Prinzipien erklären die Welt nicht
besser, als die in derselben liegenden.
- Das sich selbst verstehende Denken fordert aber auch gar
nicht zu einem solchen Hinausgehen auf, da ein Gedankeninhalt nur innerhalb der
Welt, nicht außerhalb derselben einen Wahrnehmungsinhalt suchen muß, mit dem
zusammen er ein Wirkliches bildet.
- Auch die Objekte der Phantasie sind nur Inhalte, die ihre
Berechtigung erst haben, wenn sie zu Vorstellungen werden, die auf einen
Wahrnehmungsinhalt hinweisen.
- Durch diesen Wahrnehmungsinhalt gliedern sie sich der
Wirklichkeit ein.
- Ein Begriff, der mit einem Inhalt erfüllt werden sollte,
der außerhalb der uns gegebenen Welt liegen soll, ist eine Abstraktion, der
keine Wirklichkeit entspricht.
- Ersinnen können wir nur die Begriffe der Wirklichkeit; um diese selbst zu finden, bedarf es
auch noch des Wahrnehmens.
- Ein Urwesen der Welt, für das ein Inhalt erdacht wird, ist für ein sich selbst
verstehendes Denken eine unmögliche Annahme.
- Der Monismus leugnet nicht das Ideelle, er sieht sogar
einen Wahrnehmungsinhalt, zu dem das ideelle Gegenstück fehlt, nicht für volle
Wirklichkeit an; aber er findet im ganzen Gebiet des Denkens nichts, das
nötigen könnte, aus dem Erlebnisbereich des Denkens durch Verleugnung der
objektiv geistigen Wirklichkeit des Denkens herauszutreten.
- Der Monismus sieht in einer Wissenschaft, die sich darauf
beschränkt, die Wahrnehmungen zu beschreiben, ohne zu den ideellen Ergänzungen
derselben vorzudringen, eine Halbheit.
- Aber er betrachtet ebenso als Halbheiten alle abstrakten
Begriffe, die ihre Ergänzung nicht in der Wahrnehmung finden und sich nirgends
in das die beobachtbare Welt umspannende Begriffsnetz einfügen.
- Er kennt daher keine Ideen, die auf ein jenseits unserer
Erfahrung liegendes Objektives hindeuten, und die den Inhalt einer bloß
hypothetischen Metaphysik bilden sollen.
- Alles, was die Menschheit an solchen Ideen erzeugt hat,
sind ihm Abstraktionen aus der Erfahrung, deren Entlehnung aus derselben von
ihren Urhebern nur übersehen wird.
- Ebensowenig können nach monistischen Grundsätzen die
Ziele unseres Handelns aus einem außermenschlichen Jenseits entnommen werden.
- Sie müssen, insofern sie gedacht sind, aus der
menschlichen Intuition stammen.
- Der Mensch macht nicht die Zwecke eines objektiven
(jenseitigen) Urwesens zu seinen individuellen Zwecken, sondern er verfolgt
seine eigenen, ihm von seiner moralischen Phantasie gegebenen.
- Die in einer Handlung sich verwirklichende Idee löst der
Mensch aus der einigen Ideenwelt los und legt sie seinem Wollen zugrunde.
- In seinem Handeln leben sich also nicht die aus dem
Jenseits dem Diesseits eingeimpften Gebote aus, sondern die der diesseitigen
Welt angehörigen menschlichen Intuitionen.
- Der Monismus kennt keinen solchen Weltenlenker, der
außerhalb unserer selbst unseren Handlungen Ziel und Richtung setzte.
- Der Mensch findet keinen solchen jenseitigen Urgrund des
Daseins, dessen Ratschlüsse er erforschen könnte, um von ihm die Ziele zu
erfahren, nach denen er mit seinen Handlungen hinzusteuern hat.
- Er ist auf sich selbst zurückgewiesen.
- Er selbst muß seinem Handeln einen Inhalt geben.
- Wenn er außerhalb der Welt, in der er lebt, nach
Bestimmungsgründen seines Wollens sucht, so forscht er vergebens.
- Er muß sie, wenn er über die Befriedigung seiner
natürlichen Triebe, für die Mutter Natur vorgesorgt hat, hinausgeht, in seiner
eigenen moralischen Phantasie suchen, wenn es nicht seine Bequemlichkeit
vorzieht, von der moralischen Phantasie anderer sich bestimmen zu lassen, das
heißt: er muß alles Handeln unterlassen oder nach Bestimmungsgründen handeln,
die er sich selbst aus der Welt seiner Ideen heraus gibt, oder die ihm andere
aus derselben heraus geben.
- Er wird, wenn er über sein sinnliches Triebleben und über
die Ausführung der Befehle anderer Menschen hinauskommt, durch nichts, als
durch sich selbst bestimmt.
- Er muß aus einem von ihm selbst gesetzten, durch nichts
anderes bestimmten Antrieb handeln.
- Ideell ist dieser Antrieb allerdings in der einigen
Ideenwelt bestimmt; aber faktisch kann er nur durch den Menschen aus dieser
abgeleitet und in Wirklichkeit umgesetzt werden.
- Für die aktuelle Umsetzung einer Idee in Wirklichkeit
durch den Menschen kann der Monismus nur in dem Menschen selbst den Grund
finden.
- Daß eine Idee zur Handlung werde, muß der Mensch erst wollen, bevor es geschehen kann.
- Ein solches Wollen hat seinen Grund also nur in dem
Menschen selbst.
- Der Mensch ist dann das letzte Bestimmende seiner Handlung.
- Er ist frei.
-
- 1. Zusatz
zur Neuausgabe 1918
- Im zweiten Teile dieses Buches wurde versucht, eine
Begründung dafür zu geben, daß die Freiheit in der Wirklichkeit des
menschlichen Handelns zu finden ist.
- Dazu war notwendig, aus dem Gesamtgebiete des
menschlichen Handelns diejenigen Teile auszusondern, denen gegenüber bei
unbefangener Selbstbeobachtung von Freiheit gesprochen werden kann.
- Es sind diejenigen Handlungen, die sich als
Verwirklichungen ideeller Intuitionen darstellen.
- Andere Handlungen wird kein unbefangenes Betrachten als
freie ansprechen.
- Aber der Mensch wird eben bei unbefangener
Selbstbeobachtung sich für veranlagt halten müssen zum Fortschreiten auf der
Bahn nach ethischen Intuitionen und deren Verwirklichung.
- Diese unbefangene
Beobachtung des ethischen Wesens des Menschen kann aber für sich keine letzte
Entscheidung über die Freiheit bringen.
- Denn wäre das intuitive Denken selbst aus irgendeiner
andern Wesenheit entspringend, wäre seine Wesenheit nicht eine auf sich selbst
ruhende, so erwiese sich das aus dem Ethischen fließende Freiheitsbewußtsein
als ein Scheingebilde.
- Aber der zweite Teil dieses Buches findet seine
naturgemäße Stütze in dem ersten.
- Dieser stellt das intuitive Denken als erlebte innere
Geistbetätigung des Menschen hin.
- Diese Wesenheit
des Denkens erlebend verstehen, kommt
aber der Erkenntnis von der Freiheit des
intuitiven Denkens gleich.
- Und weiß man, daß dieses Denken frei ist, dann sieht man
auch den Umkreis des Wollens, dem die Freiheit zuzusprechen ist.
- Den handelnden Menschen wird für frei halten derjenige, welcher dem intuitiven Denkerleben eine in
sich ruhende Wesenheit auf Grund der inneren Erfahrung zuschreiben darf.
- Wer solches nicht vermag, der wird wohl keinen irgendwie
unanfechtbaren Weg zur Annahme der Freiheit finden können.
- Die hier geltend gemachte Erfahrung findet im Bewußtsein das intuitive Denken, das
nicht bloß im Bewußtsein Wirklichkeit hat.
- Und sie findet damit die Freiheit als Kennzeichen der aus den
Intuitionen des Bewußtseins fließenden Handlungen.
-
- 2. Zusatz zur Neuausgabe 1918
- Die Darstellung dieses Buches ist aufgebaut auf dem rein
geistig erlebbaren intuitiven Denken, durch das eine jegliche Wahrnehmung in
die Wirklichkeit erkennend hineingestellt wird.
- Es sollte in dem Buche mehr nicht dargestellt werden, als
sich von dem Erlebnis des intuitiven Denkens aus überschauen läßt.
- Aber es sollte auch geltend gemacht werden, welche
Gedankengestaltung dieses erlebte Denken erfordert.
- Und es fordert, daß es im Erkenntnisvorgang als in sich
ruhendes Erlebnis nicht verleugnet werde.
- Daß ihm die Fähigkeit nicht abgesprochen werde, zusammen
mit der Wahrnehmung die Wirklichkeit zu erleben, statt diese erst zu suchen in
einer außerhalb dieses Erlebens liegenden, zu erschließenden Welt, der
gegenüber die menschliche Denkbetätigung nur ein Subjektives sei.
- — Damit ist in dem Denken das Element gekennzeichnet,
durch das der Mensch in die Wirklichkeit sich geistig hineinlebt.
- (Und niemand sollte eigentlich diese auf das erlebte
Denken gebaute Weltanschauung mit einem bloßen Rationalismus verwechseln.) Aber
andrerseits geht doch wohl aus dem ganzen Geiste dieser Darlegungen hervor, daß
das Wahrnehmungselement für die menschliche Erkenntnis eine
Wirklichkeitsbestimmung erst erhält, wenn es im Denken ergriffen wird.
- Außer dem
Denken kann die Kennzeichnung als Wirklichkeit nicht liegen.
- Also darf nicht etwa vorgestellt werden, daß die
sinnliche Art des Wahrnehmens die einzige Wirklichkeit verbürge.
- Was als Wahrnehmung auftritt, das muß der Mensch auf
seinem Lebenswege schlechterdings erwarten.
- Es könnte sich nur fragen: darf aus dem Gesichtspunkte,
der sich bloß aus dem intuitiv erlebten Denken ergibt, berechtigt erwartet werden, daß der Mensch außer
dem Sinnlichen auch Geistiges wahrnehmen könne?
- Dies darf erwartet werden.
- Denn, wenn auch einerseits
das intuitiv erlebte Denken ein im Menschengeiste sich vollziehender
tätiger Vorgang ist, so ist es andererseits
zugleich eine geistige, ohne sinnliches Organ erfaßte Wahrnehmung.
- Es ist eine Wahrnehmung, in der der Wahrnehmende selbst
tätig ist, und es ist eine Selbstbetätigung, die zugleich wahrgenommen wird.
- Im intuitiv erlebten Denken ist derMensch in eine
geistige Welt auch als Wahrnehmender versetzt.
- Was ihm innerhalb dieser Welt als Wahrnehmung so
entgegentritt wie die geistige Welt seines eigenen Denkens, das erkennt der
Mensch als geistige Wahrnehmungswelt.
- Zu dem Denken hätte diese
Wahrnehmungswelt dasselbe Verhältnis wie nach der Sinnenseite hin die
sinnliche Wahrnehmungswelt.
- Die geistige Wahrnehmungswelt kann dem Menschen, sobald
er sie erlebt, nichts Fremdes sein, weil er im intuitiven Denken schon ein
Erlebnis hat, das rein geistigen Charakter trägt.
- Von einer solchen geistigen Wahrnehmungswelt sprechen
eine Anzahl der von mir nach diesem Buche veröffentlichten Schriften.
- Diese «Philosophie der Freiheit» ist die philosophische
Grundlegung für diese späteren Schriften.
- Denn in diesem Buche wird versucht, zu zeigen, daß
richtig verstandenes Denk-Erleben schon Geist-Erleben ist.
- Deshalb scheint es dem Verfasser, daß derjenige nicht vor
dem Betreten der geistigen Wahrnehmungswelt haltmachen wird, der in vollem
Ernste den Gesichtspunkt des Verfassers dieser «Philosophie der Freiheit»
einnehmen kann.
- Logisch ableiten — durch Schlußfolgerungen — läßt sich
aus dem Inhalte dieses Buches allerdings nicht, was in des Verfassers späteren
Büchern dargestellt ist.
- Vom lebendigen Ergreifen des in diesem Buche gemeinten
intuitiven Denkens wird sich aber naturgemäß der weitere lebendige Eintritt in
die geistige Wahrnehmungswelt ergeben.
-
- Erster Anhang — Zusatz
zur Neuausgabe 1918
- Einwendungen, die mir gleich nach dem Erscheinen dieses
Buches von philosophischer Seite her gemacht worden sind, veranlassen mich, die
folgende kurze Ausführung dieser Neuausgabe hinzuzufügen.
- Ich kann mir gut denken, daß es Leser gibt, die für den
übrigen Inhalt dieses Buches Interesse haben, die aber das Folgende als ein
ihnen überflüssiges und fernliegendes abstraktes Begriffsgespinst ansehen.
- Sie können diese kurze Darstellung ungelesen lassen.
- Allein innerhalb der philosophischen Weltbetrachtung tauchen
Probleme auf, die mehr in gewissen Vorurteilen der Denker als im naturgemäßen
Gang jedes menschlichen Denkens selbst ihren Ursprung haben.
- Was sonst in diesem Buche behandelt ist, das scheint mir
eine Aufgabe zu sein, die jeden Menschen
angeht, der nach Klarheit ringt in bezug auf das Wesen des Menschen und dessen
Verhältnis zur Welt.
- Das Folgende aber ist mehr ein Problem, von dem gewisse
Philosophen fordern, daß es behandelt werde, wenn von den in diesem Buche
dargestellten Dingen die Rede ist, weil diese Philosophen sich durch ihre
Vorstellungsart gewisse nicht allgemein vorhandene Schwierigkeiten geschaffen
haben.
- Geht man ganz an solchen Problemen vorbei, so sind dann
gewisse Persönlichkeiten schnell mit dem Vorwurf des Dilettantismus und dergleichen
bei der Hand.
- Und es entsteht die Meinung, als ob der Verfasser einer
Darstellung wie der in diesem Buche gegebenen mit Ansichten sich nicht
auseinandergesetzt hätte, die er in dem Buche selbst nicht besprochen hat.
- Das Problem, das ich hier meine, ist dieses: Es gibt
Denker, welche der Meinung sind, daß sich eine besondere Schwierigkeit ergäbe,
wenn man begreifen will, wie ein anderes menschliches Seelenleben auf das
eigene (des Betrachters) wirken könne.
- Sie sagen: meine bewußte Welt ist in mir abgeschlossen;
eine andere bewußte Welt ebenso in sich.
- Ich kann in die Bewußtseinswelt eines andern nicht
hineinsehen.
- Wie komme ich dazu, mich mit ihm in einer gemeinsamen
Welt zu wissen?
- Diejenige Weltansicht, welche es für möglich hält, von
der bewußten Welt aus auf eine unbewußte zu schließen, die nie bewußt werden
kann, versucht diese Schwierigkeit in der folgenden Art zu lösen.
- Sie sagt: die Welt, die ich in meinem Bewußtsein habe,
ist die in mir repräsentierte Welt einer von mir bewußt nicht zu erreichenden
Wirklichkeitswelt.
- In dieser liegen die mir unbekannten Veranlasser meiner
Bewußtseinswelt.
- In dieser liegt auch meine wirkliche Wesenheit, von der
ich ebenfalls nur einen Repräsentanten in meinem Bewußtsein habe.
- In dieser liegt aber auch die Wesenheit des andern
Menschen, der mir gegenüber tritt.
- Was nun im Bewußtsein dieses andern Menschen erlebt wird,
das hat seine von diesem Bewußtsein unabhängige entsprechende Wirklichkeit in
seiner Wesenheit.
- Diese wirkt in dem Gebiet, das nicht bewußt werden kann,
auf meine prinzipielle unbewußte Wesenheit, und dadurch wird in meinem
Bewußtsein eine Repräsentanz geschaffen für das, was in einem von meinem
bewußten Erleben ganz unabhängigen Bewußtsein gegenwärtig ist.
- Man sieht: es wird hier zu der von meinem Bewußtsein
erreichbaren Welt eine für dieses im Erleben unerreichbare hypothetisch
hinzugedacht, weil man sonst sich zu der Behauptung gedrängt glaubt, alle
Außenwelt, die ich meine vor mir zu haben, sei nur meine Bewußtseinswelt, und
das ergäbe die — solipsistsche — Absurdität, auch die andern Personen lebten
nur innerhalb meines Bewußtseins.
- Klarheit über diese durch manche erkenntnistheoretische
Strömungen der neueren Zeit geschaffene Frage kann man gewinnen, wenn man vom
Gesichtspunkte der geistgemäßen Beobachtung, der in der Darstellung dieses
Buches eingenommen ist, die Sache zu überschauen trachtet.
- Was habe ich denn zunächst vor mir, wenn ich einer andern
Persönlichkeit gegenüberstehe?
- Ich sehe auf das nächste.
- Es ist die mir als Wahrnehmung gegebene sinnliche
Leibeserscheinung der andern Person; dann noch etwa die Gehörwahrnehmung
dessen, was sie sagt, und so weiter.
- Alles dies starre ich nicht bloß an, sondern es setzt
meine denkende Tätigkeit in Bewegung.
- Indem ich denkend vor der andern Persönlichkeit stehe,
kennzeichnet sich mir die Wahrnehmung gewissermaßen als seelisch durchsichtig.
- Ich bin genötigt, im denkenden Ergreifen der Wahrnehmung
mir zu sagen, daß sie dasjenige gar nicht ist, als was sie den äußeren Sinnen
erscheint.
- Die Sinneserscheinung offenbart in dem, was sie
unmittelbar ist, ein anderes, was sie mittelbar ist.
- Ihr Sich-vor-mich Hinstellen ist zugleich ihr Auslöschen
als bloße Sinneserscheinung.
- Aber was sie in diesem Auslöschen zur Erscheinung bringt,
das zwingt mich als denkendes Wesen, mein Denken für die Zeit ihres Wirkens
auszulöschen und an dessen Stelle ihr Denken
zu setzen.
- Dieses ihr Denken
aber ergreife ich in meinem Denken als Erlebnis wie mein eigenes.
- Ich habe das Denken des andern wirklich wahrgenommen.
- Denn die als Sinneserscheinung sich auslöschende
unmittelbare Wahrnehmung wird von meinem Denken ergriffen, und es ist ein
vollkommen in meinem Bewußtsein
liegender Vorgang, der darin besteht, daß sich an die Stelle meines Denkens das
andere Denken setzt.
- Durch das Sich-Auslöschen der Sinneserscheinung wird die
Trennung zwischen den beiden Bewußtseinssphären tatsächlich aufgehoben.
- Das repräsentiert sich in meinem Bewußtsein dadurch, daß
ich im Erleben des andern Bewußtseinsinhaltes mein eigenes Bewußtsein
ebensowenig erlebe, wie ich es im traumlosen Schlafe erlebe.
- Wie in diesem mein Tagesbewußtsein ausgeschaltet ist, so
im Wahrnehmen des fremden Bewußtseinsinhaltes der eigene.
- Die Täuschung, als ob dies nicht so sei, rührt nur davon
her, daß im Wahrnehmen der andern Person erstens an die Stelle der Auslöschung
des eigenen Bewußtseinsinhaltes nicht Bewußtlosigkeit tritt wie im Schlafe, sondern
der andere Bewußtseinsinhalt, und zweitens, daß die Wechselzustände zwischen
Auslöschen und Wieder-Aufleuchten des Bewußtseins von mir selbst zu schnell
aufeinander folgen, um für gewöhnlich bemerkt zu werden.
- — Das ganze hier vorliegende Problem löst man nicht durch
künstliche Begriffskonstruktionen, die von Bewußtem auf solches schließen, das
nie bewußt werden kann, sondern durch wahres Erleben dessen, was sich in der
Verbindung von Denken und Wahrnehmung ergibt.
- Es ist dies bei sehr vielen Fragen der Fall, die in der
philosophischen Literatur auftreten.
- Die Denker sollten den Weg suchen zu unbefangener
geistgemäßer Beobachtung; statt dessen schieben sie vor die Wirklichkeit eine
künstliche Begriffskonstruktion hin.
- In einer Abhandlung Eduard von Hartmanns «Die letzten
Fragen der Erkenntnistheorie und Metaphysik» (in der Zeitschrift für
Philosophie und philosophische Kritik, 108. Bd. S. 55 ff.) wird meine
«Philosophie der Freiheit» in die philosophische Gedankenrichtung eingereiht,
die sich auf einen «erkenntnistheoretischen Monismus» stützen will.
- Ein solcher Standpunkt wird von Eduard von Hartmann als
ein unmöglicher abgelehnt.
- Dem liegt folgendes zugrunde.
- Gemäß der Vorstellungsart, welche sich in dem genannten
Aufsatze zum Ausdruck bringt, gibt es nur drei mögliche erkenntnistheoretische
Standpunkte.
- Entweder man bleibt auf dem naiven Standpunkt stehen,
welcher die wahrgenommenen Erscheinungen als wirkliche Dinge außer dem
menschlichen Bewußtsein nimmt.
- Dann fehlte es einem an kritischer Erkenntnis.
- Man sehe nicht ein, daß man mit seinem Bewußtseinsinhalt
doch nur in dem eigenen Bewußtsein sei.
- Man durchschaue nicht, daß man es nicht mit einem «Tische
an sich» zu tun habe, sondern nur mit dem eigenen Bewußtseinsobjekte.
- Wer auf diesem Standpunkte bleibe oder durch irgendwelche
Erwägungen zu ihm wieder zurückkehre, der sei naiver Realist.
- Allein dieser Standpunkt sei eben unmöglich, denn er
verkenne, daß das Bewußtsein nur seine eigenen Bewußtseinsobjekte habe.
- Oder man durchschaue diesen Sachverhalt und gestehe sich
ihn voll ein.
- Dann werde man zunächst transzendentaler Idealist.
- Man müsse dann aber ablehnen, daß von einem «Dinge an
sich» jemals etwas im menschlichen Bewußtsein auftreten könne.
- Dadurch entgehe man aber nicht dem absoluten
Illusionismus, wenn man nur konsequent genug dazu sei.
- Denn es verwandelt sich einem die Welt, der man
gegenübersteht, in eine bloße Summe von Bewußtseinsobjekten, und zwar nur von
Objekten des eigenen Bewußtseins.
- Auch die anderer Menschen sei man dann — absurderweise —
gezwungen, nur als im eigenen Bewußtseinsinhalt allein anwesend zu denken.
- Ein möglicher Standpunkt sei nur der dritte, der
transzendentale Realismus.
- Dieser nimmt an, es gibt «Dinge an sich», aber das
Bewußtsein kann in keiner Weise im unmittelbaren Erleben mit ihnen zu tun
haben.
- Sie bewirken jenseits des menschlichen Bewußtseins auf
eine Art, die nicht ins Bewußtsein fällt, daß in diesem die Bewußtseinsobjekte
auftreten.
- Man kann auf diese «Dinge an sich» nur durch
Schlußfolgerung aus dem allein erlebten, aber eben bloß vorgestellten
Bewußtseinsinhalt kommen.
- Eduard von Hartmann behauptet nun in dem genannten
Aufsatze, ein «erkenntnistheoretischer Monismus», als den er meinen Standpunkt
auffaßt, müsse sich in Wirklichkeit zu einem der drei Standpunkte bekennen; er
tue es nur nicht, weil er die tatsächlichen Konsequenzen seiner Voraussetzungen
nicht ziehe.
- Und dann wird in dem Aufsatz gesagt: «Wenn man
herausbekommen will, welchem erkenntnistheoretischen Standpunkt ein angeblicher
erkenntnistheoretischer Monist angehört, so braucht man ihm nur einige Fragen
vorzulegen und ihn zur Beantwortung derselben zu zwingen.
- Denn von selbst läßt sich kein solcher zur Äußerung über
diese Punkte herbei, und auch der Beantwortung direkter Fragen wird er auf alle
Weise auszuweichen suchen, weil jede Antwort den Anspruch auf
erkenntnistheoretische Monismus als einen von den drei anderen verschiedenen
Standpunkt aufhebt.
- Diese Fragen sind folgende: 1. Sind die Dinge in ihrem
Bestande kontinuierlich oder intermittierend?
- Wenn die Antwort lautet: sie sind kontinuierlich, so hat
man es mit irgendeiner Form des naiven Realismus zu tun.
- Wenn sie lautet: sie sind intermittierend, so liegt
transzendentaler Idealismus vor.
- Wenn sie aber lautet: sie sind einerseits (als Inhalte
des absoluten Bewußtseins, oder als unbewußte Vorstellungen oder als
Wahrnehmungsmöglichkeiten) kontinuierlich, andererseits (als Inhalte des
beschränkten Bewußtseins) intermittierend, so ist transzendentaler Realismus
konstatiert.
- — 2. Wenn drei
Personen an einem Tisch sitzen, wieviele
Exemplare des Tisches sind vorhanden?
- Wer antwortet: eines, ist naiver Realist; wer antwortet:
drei, ist transzendentaler Idealist; wer aber antwortet: vier, der ist
transzendentaler Realist.
- Es ist dabei allerdings vorausgesetzt, daß man so
ungleichartiges wie den einen Tisch als Ding an sich und die drei Tische als
Wahrnehmungsobjekte in den drei Bewußtseinen unter die gemeinsame Bezeichnung
- «Exemplare des Tisches» zusammenfassen dürfe.
- Wem dies als eine zu große Freiheit erscheint, der wird
die Antwort «einer und drei» geben müssen, anstatt «vier».
- — 3. Wenn zwei Personen allein in einem Zimmer zusammen
sind, wieviel Exemplare dieser Personen sind
vorhanden?
- Wer antwortet: zwei, ist naiver Realist; wer antwortet:
vier (nämlich in jedem der beiden Bewußtseine ein Ich und ein anderer), der ist
transzendentaler Idealist; wer aber antwortet: sechs (nämlich zwei Personen als
Dinge an sich und vier Vorstellungsobjekte von Personen in den zwei
Bewußtseinen), der ist transzendentaler Realist.
- Wer den erkenntnistheoretischen Monismus als einen von
diesen drei Standpunkten verschiedenen erweisen wollte, der müßte auf jede
dieser drei Fragen eine andere Antwort geben; ich wüßte aber nicht wie diese
lauten könnte.»
- Die Antworten der «Philosophie der Freiheit» müßten so
lauten:
- 1. Wer von den Dingen nur die Wahrnehmungsinhalte erfaßt
und diese für Wirklichkeit nimmt, ist naiver Realist, und er macht sich nicht
klar, daß er eigentlich diese Wahrnehmungsinhalte
nur so lange für bestehend ansehen dürfte, als er auf die Dinge hinsieht,
daß er also, was er vor sich hat, als intermittierend denken müßte.
- Sobald er sich aber klar darüber wird, daß Wirklichkeit
nur im gedankendurchsetzten Wahrnehmbaren vorhanden ist, gelangt er zu der
Einsicht, daß der als intermittierend auftretende
Wahrnehmungsinhalt durchsetzt von dem im Denken Erarbeiteten sich als
kontinuierlich offenbart.
- Als kontinuierlich muß also gelten: der von dem erlebten
Denken erfaßte Wahrnehmungsgehalt, von dem das, was nur wahrgenommen wird, als
intermittierend zu denken wäre, wenn es — was nicht der Fall ist — wirklich
wäre.
- — 2. Wenn drei Personen an einem Tisch sitzen, wieviel
Exemplare des Tisches sind vorhanden?
- Es ist nur ein Tisch
vorhanden; aber so lange die drei
Personen bei ihren Wahrnehmungsbildern stehen bleiben wollten, müßten sie
sagen: diese Wahrnehmungsbilder sind
überhaupt keine Wirklichkeit.
- Sobald sie zu dem in ihrem Denken erfaßten Tisch
übergehen, offenbart sich ihnen die eine Wirklichkeit
des Tisches; sie sind mit ihren drei Bewußtseinsinhalten in dieser Wirklichkeit
vereinigt.
- — 3. Wenn zwei Personen allein in einem Zimmer zusammen
sind, wieviel Exemplare dieser Personen sind vorhanden?
- Es sind ganz gewiß nicht sechs — auch nicht im Sinne des
transzendentalen Realisten — Exemplare vorhanden, sondern nur zwei.
- Nur hat jede der Personen zunächst sowohl von sich wie
von der anderen Person nur das unwirkliche Wahrnehmungsbild.
- Von diesen Bildern sind
vier vorhanden, bei deren Anwesenheit in den Denktätigkeiten der zwei Personen
sich die Ergreifung der Wirklichkeit abspielt.
- In dieser Denktätigkeit übergreift eine jede der Personen
ihre Bewußtseinssphäre; die der anderen und der eigenen Person lebt in ihr auf.
- In den Augenblicken dieses Auflebens sind die Personen
ebensowenig in ihrem Bewußtsein beschlossen wie im Schlafe.
- Nur tritt in den anderen Augenblicken das Bewußtsein von
diesem Aufgehen in dem andern wieder auf, so daß das Bewußtsein einer jeden der
Personen im denkenden Erleben sich und den andern ergreift.
- Ich weiß, daß der transzendentale Realist dieses als
einen Rückfall in den naiven Realismus bezeichnet.
- Doch habe ich bereits in dieser Schrift darauf
hingewiesen, daß der naive Realismus für das erlebte Denken seine Berechtigung
behält.
- Der transzendentale Realist läßt sich auf den wahren
Sachverhalt im Erkenntnisvorgang gar nicht ein; er schließt sich von diesem
durch ein Gedankengespinst ab und verstrickt sich in diesem.
- Es sollte der in der «Philosophie der Freiheit»
auftretende Monismus auch nicht «erkenntnistheoretischer» genannt werden,
sondern, wenn man einen Beinamen will, Gedanken-Monismus.
- Das alles wurde durch Eduard von Hartmann verkannt.
- Er ging auf das Spezifische der Darstellung in der «Philosophie
der Freiheit» nicht ein, sondern behauptete: ich hätte den Versuch gemacht, den
Hegelschen universalistischen
Panlogismus mit Humes individualistischem
Phänomenalismus zu verbinden (S. 71 der Zeitschrift für Philosophie, 108.
- Bd., Anmerkung), während in der Tat die «Philosophie der
Freiheit» als solche gar nichts mit diesen zwei Standpunkten, die sie angeblich
zu vereinigen bestrebt ist, zu tun hat.
- (Hier liegt auch der Grund, warum es mir nicht naheliegen
konnte, mich zum Beispiel mit dem «erkenntnistheoretischen Monismus» Johannes
Rehmkes auseinanderzusetzen.
- Es ist eben der Gesichtspunkt der «Philosophie der
Freiheit» ein ganz anderer, als was Eduard von Hartmann und andere
erkenntnistheoretischen Monismus nennen.)
-
- Zweiter Anhang
- In dem Folgenden wird in allem Wesentlichen
wiedergegeben, was als eine Art «Vorrede» in der ersten Auflage dieses Buches
stand.
- Da es mehr die Gedankenstimmung gibt, aus der ich vor
fünfundzwanzig Jahren das Buch niederschrieb, als daß es mit dem Inhalte
desselben unmittelbar etwas zu tun hätte, setze ich es hier als «Anhang» her.
- Ganz weglassen möchte ich es aus dem Grunde nicht, weil
immer wieder die Ansicht auftaucht, ich habe wegen meiner späteren
geisteswissenschaftlichen Schriften etwas von meinen früheren Schriften zu
unterdrücken.
Unser
Zeitalter kann die Wahrheit nur aus
der Tiefe des menschlichen Wesens schöpfen wollen. (1) - Von Schillers bekannten zwei Wegen:
- «Wahrheit suchen wir beide, du außen im Leben,
- ich innen In dem Herzen, und so findet sie jeder gewiß.
- Ist das Auge gesund, so begegnet es außen dem Schöpfer;
- Ist es das Herz, dann gewiß spiegelt es innen die Welt»
- wird der Gegenwart vorzüglich der zweite frommen.
- Eine Wahrheit, die uns von außen kommt, trägt immer den
Stempel der Unsicherheit an sich.
- Nur was einem jeden von uns in seinem eigenen Innern als
Wahrheit erscheint, daran mögen wir glauben.
- Fußnoten: (1) Ganz weggelassen sind hier
nur die allerersten Eingangssätze (der ersten Auflage) dieser Ausführungen, die
mir heute ganz unwesentlich erscheinen. Was aber des weiteren darin gesagt ist,
scheint mir auch gegenwärtig trotz der naturwissenschaftlichen Denkart unserer
Zeitgenossen, ja gerade wegen derselben, zu sagen notwendig.
- Nur die Wahrheit kann uns Sicherheit bringen im
Entwickeln unserer individuellen Kräfte.
- Wer von Zweifeln gequält ist, dessen Kräfte sind gelähmt.
- In einer Welt, die ihm rätselhaft ist, kann er kein Ziel
seines Schaffens finden.
- Wir wollen nicht mehr bloß glauben; wir wollen wissen.
- Der Glaube fordert Anerkennung von Wahrheiten, die wir
nicht ganz durchschauen.
- Was wir aber nicht ganz durchschauen, widerstrebt dem
Individuellen, das alles mit seinem tiefsten Innern durchleben will.
- Nur das Wissen befriedigt
uns, das keiner äußeren Norm sich unterwirft, sondern aus dem Innenleben der
Persönlichkeit entspringt.
- Wir wollen auch kein solches Wissen, das in eingefrorenen
Schulregeln sich ein für allemal ausgestaltet hat, und in für alle Zeiten
gültigen Kompendien aufbewahrt ist.
- Wir halten uns jeder berechtigt, von seinen nächsten
Erfahrungen, seinen unmittelbaren Erlebnissen auszugehen, und von da aus zur
Erkenntnis des ganzen Universums aufzusteigen.
- Wir erstreben ein sicheres Wissen, aber jeder auf seine
eigene Art.
- Unsere wissenschaftlichen Lehren sollen auch nicht mehr
eine solche Gestalt annehmen, als wenn ihre Anerkennung Sache eines unbedingten
Zwanges wäre.
- Keiner von uns möchte einer wissenschaftlichen Schrift einen
Titel geben, wie einst Fichte:
«Sonnenklarer Bericht an das größere Publikum über das eigentliche Wesen der
neuesten Philosophie.
- Ein Versuch,
die Leser zum Verstehen zu zwingen.»
- Heute soll niemand
zum Verstehen gezwungen werden.
- Wen nicht ein besonderes, individuelles Bedürfnis zu
einer Anschauung treibt, von dem fordern wir keine Anerkennung, noch
Zustimmung.
- Auch dem noch unreifen Menschen, dem Kinde, wollen wir
gegenwärtig keine Erkenntnisse eintrichtern, sondern wir suchen seine
Fähigkeiten zu entwickeln, damit es nicht mehr zum Verstehen gezwungen zu werden braucht, sondern
verstehen will.
- Ich gebe mich keiner Illusion hin in bezug auf diese
Charakteristik meines Zeitalters.
- Ich weiß, wie viel individualitätloses Schablonentum lebt
und sich breit macht.
- Aber ich weiß ebenso gut, daß viele meiner Zeitgenossen
im Sinne der angedeuteten Richtung ihr Leben einzurichten suchen.
- Ihnen möchte ich diese Schrift widmen.
- Sie soll nicht «den einzig möglichen» Weg zur Wahrheit
führen, aber sie soll von demjenigen erzählen,
den einer eingeschlagen hat, dem es um Wahrheit zu tun ist.
- Die Schrift führt zuerst in abstraktere Gebiete, wo der
Gedanke scharfe Konturen ziehen muß, um zu sichern Punkten zu kommen.
- Aber der Leser wird aus den dürren Begriffen heraus auch
in das konkrete Leben geführt.
- Ich bin eben durchaus der Ansicht, daß man auch in das
Ätherreich der Begriffe sich erheben muß, wenn man das Dasein nach allen
Richtungen durchleben will.
- Wer nur mit den Sinnen zu genießen versteht, der kennt
die Leckerbissen des Lebens nicht.
- Die orientalischen Gelehrten lassen die Lernenden erst
Jahre eines entsagenden und asketischen Lebens verbringen, bevor sie ihnen
mitteilen, was sie selbst wissen.
- Das Abendland fordert zur Wissenschaft keine frommen
Übungen und keine Askese mehr, aber es verlangt dafür den guten Willen, kurze
Zeit sich den unmittelbaren Eindrücken des Lebens zu entziehen, und in das
Gebiet der reinen Gedankenwelt sich zu begeben.
- Der Gebiete des Lebens sind viele.
- Für jedes einzelne entwickeln sich besondere
Wissenschaften.
- Das Leben selbst aber ist eine Einheit, und je mehr die
Wissenschaften bestrebt sind, sich in die einzelnen Gebiete zu vertiefen, desto
mehr entfernen sie sich von der Anschauung des lebendigen Weltganzen.
- Es muß ein Wissen geben, das in den einzelnen
Wissenschaften die Elemente sucht, um den Menschen zum vollen Leben wieder
zurückzuführen.
- Der wissenschaftliche Spezialforscher will sich durch seine
Erkenntnisse ein Bewußtsein von der Welt und ihren Wirkungen erwerben; in
dieser Schrift ist das Ziel ein philosophisches: die Wissenschaft soll selbst
organisch-lebendig werden.
- Die Einzelwissenschaften sind Vorstufen der hier
angestrebten Wissenschaft.
- Ein ähnliches Verhältnis herrscht in den Künsten.
- Der Komponist arbeitet auf Grund der Kompositionslehre.
- Die letztere ist eine Summe von Kenntnissen, deren Besitz
eine notwendige Vorbedingung des Komponierens ist.
- Im Komponieren dienen die Gesetze der Kompositionslehre
dem Leben, der realen Wirklichkeit.
- Genau in demselben Sinne ist die Philosophie eine Kunst.
- Alle wirklichen Philosophen waren Begriffskünstler.
- Für sie wurden die menschlichen Ideen zum Kunstmateriale
und die wissenschaftliche Methode zur künstlerischen Technik.
- Das abstrakte Denken gewinnt dadurch konkretes,
individuelles Leben.
- Die Ideen werden Lebensmächte.
- Wir haben dann nicht bloß ein Wissen von den Dingen,
sondern wir haben das Wissen zum realen, sich selbst beherrschenden Organismus
gemacht; unser wirkliches, tätiges Bewußtsein hat sich über ein bloß passives
Aufnehmen von Wahrheiten gestellt.
- Wie sich die Philosophie als Kunst zur Freiheit des Menschen verhält, was die
letztere ist, und ob wir ihrer teilhaftig sind oder es werden können: das ist
die Hauptfrage meiner Schrift.
- Alle anderen wissenschaftlichen Ausführungen stehen hier
nur, weil sie zuletzt Aufklärung geben über jene, meiner Meinung nach, den
Menschen am nächsten liegenden Fragen.
- Eine «Philosophie
der Freiheit» soll in diesen Blättern gegeben werden.
- Alle Wissenschaft wäre nur Befriedigung müßiger
Neugierde, wenn sie nicht auf die Erhöhung des Daseinswertes der menschlichen Persönlichkeit hinstrebte.
- Den wahren Wert erhalten die Wissenschaften erst durch
eine Darstellung der menschlichen Bedeutung ihrer Resultate.
- Nicht die Veredlung eines einzelnen Seelenvermögens kann
Endzweck des Individuums sein, sondern die Entwickelung aller in uns
schlummernden Fähigkeiten.
- Das Wissen hat nur dadurch Wert, daß es einen Beitrag
liefert zur allseitigen Entfaltung
der ganzen Menschennatur.
- Diese Schrift faßt deshalb die Beziehung zwischen
Wissenschaft und Leben nicht so auf, daß der Mensch sich der Idee zu beugen hat
und seine Kräfte ihrem Dienst weihen soll, sondern in dem Sinne, daß er sich
der Ideenwelt bemächtigt, um sie zu seinen menschlichen
Zielen, die über die bloß wissenschaftlichen hinausgehen, zu gebrauchen.
- Man muß sich der Idee erlebend gegenüberstellen können; sonst gerät man unter ihre Knechtschaft.
-