1.
Die
Philosophie der Freiheit
2.
Grundzüge einer modernen Weltanschauung
3.
Seelische Beobachtungsresultate nach
naturwissenschaftlicher Methode
4.
© 1962 by Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung. 13. Auflage
5.
6.
Vorrede zur Neuausgabe 1918
7.
Zwei Wurzelfragen des menschlichen Seelenlebens sind es,
nach denen hingeordnet ist alles, was durch dieses Buch besprochen werden soll.
8.
Die eine ist, ob es eine Möglichkeit gibt, die
menschliche Wesenheit so anzuschauen, daß diese Anschauung sich als Stütze
erweist für alles andere, was durch Erleben oder Wissenschaft an den Menschen
herankommt, wovon er aber die Empfindung hat, es könne sich nicht selber
stützen.
9.
Es könne von Zweifel und kritischem Urteil in den Bereich
des Ungewissen getrieben werden.
10.
Die andere Frage ist die: Darf sich der Mensch als
wollendes Wesen die Freiheit zuschreiben, oder ist diese Freiheit eine bloße
Illusion, die in ihm entsteht, weil er die Fäden der Notwendigkeit nicht
durchschaut, an denen sein Wollen ebenso hängt wie ein Naturgeschehen?
11.
Nicht ein künstliches Gedankengespinst ruft diese Frage
hervor.
12.
Sie tritt ganz naturgemäß in einer bestimmten Verfassung
der Seele vor diese hin.
13.
Und man kann fühlen, es ginge der Seele etwas ab von dem,
was sie sein soll, wenn sie nicht vor die zwei Möglichkeiten: Freiheit oder
Notwendigkeit des Wollens, einmal mit einem möglichst großen Frageernst sich
gestellt sähe.
14.
In dieser Schrift soll gezeigt werden, daß die
Seelenerlebnisse, welche der Mensch durch die zweite Frage erfahren muß, davon
abhängen, welchen Gesichtspunkt er gegenüber der ersten einzunehmen vermag.
15.
Der Versuch wird gemacht, nachzuweisen, daß es eine
Anschauung über die menschliche Wesenheit gibt, welche die übrige Erkenntnis
stützen kann; und der weitere, darauf hinzudeuten, daß mit dieser Anschauung
für die Idee der Freiheit des Willens eine volle Berechtigung gewonnen wird,
wenn nur erst das Seelengebiet gefunden ist, auf dem das freie Wollen sich
entfalten kann.
16.
Die Anschauung, von der hier mit Bezug auf diese beiden
Fragen die Rede ist, stellt sich als eine solche dar, welche, einmal gewonnen,
ein Glied lebendigen Seelenlebens selbst werden kann.
17.
Es wird nicht eine theoretische Antwort gegeben, die man,
einmal erworben, bloß als vom Gedächtnis bewahrte Überzeugung mit sich trägt.
18.
Für die Vorstellungsart, die diesem Buche zugrunde liegt,
wäre eine solche Antwort nur eine scheinbare.
19.
Nicht eine solch fertige, abgeschlossene Antwort wird
gegeben, sondern auf ein Erlebnisgebiet der Seele wird verwiesen, auf dem sich
durch die innere Seelentätigkeit selbst in jedem Augenblicke, in dem der Mensch
dessen bedarf, die Frage erneut lebendig beantwortet.
20.
Wer das Seelengebiet einmal gefunden hat, auf dem sich
diese Fragen entwickeln, dem gibt eben die wirkliche Anschauung dieses Gebietes
dasjenige, was er für diese beiden Lebensrätsel braucht, um mit dem Errungenen
das rätselvolle Leben weiter in die Breiten und in die Tiefen zu wandeln, in
die ihn zu wandeln Bedürfnis und Schicksal veranlassen.
21.
— Eine
Erkenntnis, die durch ihr Eigenleben und durch die Verwandtschaft dieses
Eigenlebens mit dem ganzen menschlichen Seelenleben ihre Berechtigung und
Geltung erweist, scheint damit aufgezeigt zu sein.
22.
So dachte ich über den Inhalt dieses Buches, als ich ihn
vor fünfundzwanzig Jahren niederschrieb.
23.
Auch heute muß ich solche Sätze niederschreiben, wenn ich
die Zielgedanken der Schrift kennzeichnen will.
24.
Ich habe mich bei der damaligen Niederschrift darauf
beschränkt, nicht mehr zu sagen als dasjenige, was im engsten Sinne mit
den gekennzeichneten beiden Wurzelfragen zusammenhängt.
25.
Wenn jemand verwundert darüber sein sollte, daß man in
diesem Buche noch keinen Hinweis findet auf das Gebiet der geistigen
Erfahrungswelt, das in späteren Schriften von mir zur Darstellung gekommen ist,
so möge er bedenken, daß ich damals eben nicht eine Schilderung geistiger
Forschungsergebnisse geben, sondern erst die Grundlage erbauen wollte, auf der
solche Ergebnisse ruhen können.
26.
Diese «Philosophie der Freiheit» enthält keine solchen
speziellen Ergebnisse, ebensowenig als sie spezielle naturwissenschaftliche
Ergebnisse enthält; aber was sie enthält, wird derjenige nach meiner Meinung
nicht entbehren können, der Sicherheit für solche Erkenntnisse anstrebt.
27.
Was in dem Buche gesagt ist, kann auch für manchen
Menschen annehmbar sein, der aus irgend welchen ihm geltenden Gründen mit
meinen geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnissen nichts zu tun haben
will.
28.
Demjenigen aber, der diese geisteswissenschaftlichen
Ergebnisse als etwas betrachten kann, zu dem es ihn hinzieht, dem wird auch
wichtig sein können, was hier versucht wurde.
29.
Es ist dies: nachzuweisen, wie eine unbefangene
Betrachtung, die sich bloß über die beiden gekennzeichneten für alles Erkennen
grundlegenden Fragen erstreckt, zu der Anschauung führt, daß der Mensch in
einer wahrhaftigen Geistwelt drinnen lebt.
30.
In diesem Buche ist erstrebt, eine Erkenntnis des
Geistgebietes vor dem Eintritte in die geistige Erfahrung zu
rechtfertigen.
31.
Und diese Rechtfertigung ist so unternommen, daß man wohl
nirgends bei diesen Ausführungen schon auf die später von mir geltend gemachten
Erfahrungen hinzuschielen braucht, um, was hier gesagt ist, annehmbar zu
finden, wenn man auf die Art dieser Ausführungen selbst eingehen kann oder mag.
32.
So scheint mir denn dieses Buch auf der einen Seite eine
von meinen eigentlich geisteswissenschaftlichen Schriften völlig abgesonderte
Stellung einzunehmen; und auf der andern Seite doch auch aufs allerengste mit
ihnen verbunden zu sein.
33.
Dies alles hat mich veranlaßt, jetzt, nach fünfundzwanzig
Jahren, den Inhalt der Schrift im wesentlichen fast ganz unverändert wieder zu
veröffentlichen.
34.
Nur längere Zusätze habe ich zu einer ganzen Reihe von
Abschnitten gemacht.
35.
Die Erfahrungen, die ich über mißverständliche
Auffassungen des von mir Gesagten gemacht habe, ließen mir solche ausführliche
Erweiterungen nötig erscheinen.
36.
Geändert habe ich nur da, wo mir heute das ungeschickt
gesagt schien, was ich vor einem Vierteljahrhundert habe sagen wollen.
37.
(Aus dem so Geänderten wird wohl nur ein Übelwollender
sich veranlaßt finden zu sagen, ich habe meine Grundüberzeugung geändert.)
38.
Das Buch ist schon seit vielen Jahren ausverkauft.
39.
Trotzdem, wie aus dem eben Gesagten hervorgeht, mir
scheint, daß heute ebenso noch ausgesprochen werden soll, was ich vor
fünfundzwanzig Jahren über die gekennzeichneten Fragen ausgesprochen habe,
zögerte ich durch lange Zeit mit der Fertigstellung dieser Neuauflage.
40.
Ich fragte mich immer wieder, ob ich nicht müsse an
dieser oder jener Stelle mich mit den zahlreichen seit dem Erscheinen der
ersten Auflage zutage getretenen philosophischen Anschauungen
auseinandersetzen.
41.
Dies in der mir wünschenswerten Weise zu tun, verhinderte
mich die Inanspruchnahme durch meine rein geisteswissenschaftlichen Forschungen
in der letzten Zeit.
42.
Allein ich habe mich nun nach möglichst gründlicher
Umschau in der philosophischen Arbeit der Gegenwart davon überzeugt, daß, so
verlockend eine solche Auseinandersetzung an sich wäre, sie für das, was durch
mein Buch gesagt werden soll, nicht in dasselbe aufzunehmen ist.
43.
Was von dem in der «Philosophie der Freiheit»
eingenommenen Gesichtspunkt aus über neuere philosophische Richtungen mir nötig
schien, gesagt zu werden, findet man im zweiten Bande meiner «Rätsel der
Philosophie».
44.
Rudolf Steiner
April 1918
45.
45.
Teil I — Wissenschaft der Freiheit
46.
47.
Kapitel 1 - Das bewußte menschliche Handeln
48.
Ist der Mensch in seinem Denken und Handeln ein geistig freies
Wesen oder steht er unter dem Zwange einer rein naturgesetzlichen ehernen
Notwendigkeit?
49.
Auf wenige Fragen ist so viel Scharfsinn gewendet worden
als auf diese.
50.
Die Idee der Freiheit des menschlichen Willens hat warme
Anhänger wie hartnäckige Gegner in reicher Zahl gefunden.
51.
Es gibt Menschen, die in ihrem sittlichen Pathos jeden
für einen beschränkten Geist erklären, der eine so offenkundige Tatsache wie
die Freiheit zu leugnen vermag.
52.
Ihnen stehen andere gegenüber, die darin den Gipfel der
Unwissenschaftlichkeit erblicken, wenn jemand die Gesetzmäßigkeit der Natur auf
dem Gebiete des menschlichen Handelns und Denkens unterbrochen glaubt.
53.
Ein und dasselbe Ding wird hier gleich oft für das
kostbarste Gut der Menschheit wie für die ärgste Illusion erklärt.
54.
Unendliche Spitzfindigkeit wurde aufgewendet, um zu
erklären, wie sich die menschliche Freiheit mit dem Wirken in der Natur, der
doch auch der Mensch angehört, verträgt.
55.
Nicht geringer ist die Mühe, mit der von anderer Seite
begreiflich zu machen gesucht wurde, wie eine solche Wahnidee hat entstehen
können.
56.
Daß man es hier mit einer der wichtigsten Fragen des
Lebens, der Religion, der Praxis und der Wissenschaft zu tun hat, das fühlt
jeder, bei dem nicht das Gegenteil von Gründlichkeit der hervorstechendste Zug
seines Charakters ist.
57.
Und es gehört zu den traurigen Zeichen der
Oberflächlichkeit gegenwärtigen Denkens, daß ein Buch, das aus den Ergebnissen
neuerer Naturforschung einen «neuen Glauben» prägen will (David Friedrich
Strauß, Der alte und der neue Glaube), über diese Frage nichts enthält als
die Worte:
58.
«Auf die Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens
haben wir uns hiebei nicht einzulassen.
59.
Die vermeintlich indifferente Wahlfreiheit ist von jeder
Philosophie, die des Namens wert war, immer als ein leeres Phantom erkannt
worden; die sittliche Wertbestimmung der menschlichen Handlungen und
Gesinnungen aber bleibt von jener Frage unberührt.»
60.
Nicht weil ich glaube, daß das Buch, in dem sie steht,
eine besondere Bedeutung hat, führe ich diese Stelle hier an, sondern weil sie
mir die Meinung auszusprechen scheint, bis zu der sich in der fraglichen
Angelegenheit die Mehrzahl unserer denkenden Zeitgenossen aufzuschwingen
vermag.
61.
Daß die Freiheit darin nicht bestehen könne, von zwei
möglichen Handlungen ganz nach Belieben die eine oder die andere zu wählen,
scheint heute jeder zu wissen, der darauf Anspruch macht, den
wissenschaftlichen Kinderschuhen entwachsen zu sein.
62.
Es ist immer, so behauptet man, ein ganz bestimmter Grund
vorhanden, warum man von mehreren möglichen Handlungen gerade eine
bestimmte zur Ausführung bringt.
64.
Trotzdem richten sich bis zum heutigen Tage die
Hauptangriffe der Freiheitsgegner nur gegen die Wahlfreiheit.
65.
Sagt doch Herbert Spencer, der in Ansichten lebt, die mit
jedem Tage an Verbreitung gewinnen (Die Prinzipien der Psychologie, von Herbert
Spencer, deutsche Ausgabe von Dr. B. Vetter, Stuttgart 1882): «Daß aber
jedermann auch nach Belieben begehren oder nicht begehren könne, was der
eigentliche im Dogma vom freien Willen liegende Satz ist, das wird freilich
ebensosehr durch die Analyse des Bewußtseins, als durch den Inhalt der
vorhergehenden Kapitel (der Psychologie) verneint.»
66.
Von demselben Gesichtspunkte gehen auch andere aus, wenn
sie den Begriff des freien Willens bekämpfen.
67.
Im Keime finden sich alle diesbezüglichen Ausführungen
schon bei Spinoza.
68.
Was dieser klar und einfach gegen die Idee der Freiheit
vorbrachte, das wurde seitdem unzählige Male wiederholt, nur eingehüllt zumeist
in die spitzfindigsten theoretischen Lehren, so daß es schwer wird, den
schlichten Gedankengang, auf den es allein ankommt, zu erkennen.
69.
Spinoza schreibt in einem Briefe vom Oktober oder
November 1674: «Ich nenne nämlich die Sache frei, die aus der bloßen
Notwendigkeit ihrer Natur besteht und handelt, und gezwungen nenne ich
die, welche von etwas anderem zum Dasein und Wirken in genauer und fester Weise
bestimmt wird.
70.
So besteht zum Beispiel Gott, obgleich notwendig, doch
frei, weil er nur aus der Notwendigkeit seiner Natur allein besteht.
71.
Ebenso erkennt Gott sich selbst und alles andere frei,
weil es aus der Notwendigkeit seiner Natur allein folgt, daß er alles erkennt.
72.
Sie sehen also, daß ich die Freiheit nicht in ein freies
Beschließen, sondern in eine freie Notwendigkeit setze.»
73.
«Doch wir wollen zu den erschaffenen Dingen herabsteigen,
welche sämtlich von äußern Ursachen bestimmt werden, in fester und genauer
Weise zu bestehen und zu wirken.
74.
Um dies deutlicher einzusehen, wollen wir uns eine ganz
einfache Sache vorstellen.
75.
So erhält zum Beispiel ein Stein von einer äußeren, ihn
stoßenden Ursache eine gewisse Menge von Bewegung, mit der er nachher, wenn der
Stoß der äußern Ursache aufgehört hat, notwendig fortfährt, sich zu bewegen.
76.
Dieses Beharren des Steines in seiner Bewegung ist
deshalb ein erzwungenes und kein notwendiges, weil es durch den Stoß einer
äußern Ursache definiert werden muß.
77.
Was hier von dem Stein gilt, gilt von jeder andern
einzelnen Sache, und mag sie noch so zusammengesetzt und zu vielem geeignet
sein, nämlich, daß jede Sache notwendig von einer äußern Ursache bestimmt wird,
in fester und genauer Weise zu bestehen und zu wirken.»
78.
«Nehmen Sie nun, ich bitte, an, daß der Stein, während
er sich bewegt, denkt und weiß, er bestrebe sich, soviel er kann, in dem
Bewegen fortzufahren.
79.
Dieser Stein, der nur seines Strebens sich bewußt ist und
keineswegs gleichgültig sich verhält, wird glauben, daß er ganz frei sei und
daß er aus keinem andern Grunde in seiner Bewegung fort fahre, als weil er es
wolle.
80.
Dies ist aber jene menschliche Freiheit, die alle zu
besitzen behaupten und die nur darin besteht, daß die Menschen ihres Begehrens
sich bewußt sind, aber die Ursachen, von denen sie bestimmt werden, nicht
kennen.
81.
So glaubt das Kind, daß es die Milch frei begehre und der
zornige Knabe, daß er frei die Rache verlange, und der Furchtsame die Flucht.
82.
Ferner glaubt der Betrunkene, daß er nach freiem
Entschluß dies spreche, was er, wenn er nüchtern geworden, gern nicht
gesprochen hätte; und da dieses Vorurteil allen Menschen angeboren ist, so kann
man sich nicht leicht davon befreien.
83.
Denn wenn auch die Erfahrung genügend lehrt, daß die
Menschen am wenigsten ihr Begehren mäßigen können und daß sie, von
entgegengesetzten Leidenschaften bewegt, das Bessere einsehen und das
Schlechtere tun, so halten sie sich doch für frei und zwar, weil sie manches
weniger stark begehren und manches Begehren leicht durch die Erinnerung an
anderes, dessen man sich oft entsinnt, gehemmt werden kann.»
84.
— Weil hier eine
klar und bestimmt ausgesprochene Ansicht vorliegt, wird es auch leicht, den
Grundirrtum, der darin steckt, aufzudecken.
85.
So notwendig, wie der Stein auf einen Anstoß hin eine
bestimmte Bewegung ausführt, ebenso notwendig soll der Mensch eine Handlung
ausführen, wenn er durch irgendeinen Grund dazu getrieben wird.
86.
Nur weil der Mensch ein Bewußtsein von seiner Handlung
hat, halte er sich für den freien Veranlasser derselben.
87.
Er übersehe dabei aber, daß eine Ursache ihn treibt, der
er unbedingt folgen muß.
88.
Der Irrtum in diesem Gedankengange ist bald gefunden.
89.
Spinoza und alle, die denken wie er, übersehen, daß der
Mensch nicht nur ein Bewußtsein von seiner Handlung hat, sondern es auch von
den Ursachen haben kann, von denen er geleitet wird.
90.
Niemand wird es bestreiten, daß das Kind unfrei ist,
wenn es die Milch begehrt, daß der Betrunkene es ist, wenn er Dinge spricht,
die er später bereut.
91.
Beide wissen nichts von den Ursachen, die in den Tiefen
ihres Organismus tätig sind, und unter deren unwiderstehlichem Zwange sie
stehen.
92.
Aber ist es berechtigt, Handlungen dieser Art in einen
Topf zu werfen mit solchen, bei denen sich der Mensch nicht nur seines Handelns
bewußt ist, sondern auch der Gründe, die ihn veranlassen?
93.
Sind die Handlungen der Menschen denn von einerlei Art?
94.
Darf die Tat des Kriegers auf dem Schlachtfelde, die des
wissenschaftlichen Forschers im Laboratorium, des Staatsmannes in verwickelten
diplomatischen Angelegenheiten wissenschaftlich auf gleiche Stufe gestellt
werden mit der des Kindes, wenn es nach Milch begehrt?
95.
Wohl ist es wahr, daß man die Lösung einer Aufgabe da am
besten versucht, wo die Sache am einfachsten ist.
96.
Aber oft schon hat der Mangel an Unterscheidungsvermögen
endlose Verwirrung gebracht.
97.
Und ein tiefgreifender Unterschied ist es doch, ob ich
weiß, warum ich etwas tue, oder ob das nicht der Fall ist.
98.
Zunächst scheint das eine ganz selbstverständliche
Wahrheit zu sein.
99.
Und doch wird von den Gegnern der Freiheit nie danach
gefragt, ob denn ein Beweggrund meines Handelns, den ich erkenne und
durchschaue, für mich in gleichem Sinne einen Zwang bedeutet, wie der
organische Prozeß, der das Kind veranlaßt, nach Milch zu schreien.
100.
Eduard von Hartmann behauptet in seiner
«Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins» (S. 451), das menschliche Wollen
hänge von zwei Hauptfaktoren ab: von den Beweggründen und von dem Charakter.
101.
Betrachtet man die Menschen alle als gleich oder doch
ihre Verschiedenheiten als unerheblich, so erscheint ihr Wollen als von außen
bestimmt, nämlich durch die Umstände, die an sie herantreten.
102.
Erwägt man aber, daß verschiedene Menschen eine
Vorstellung erst dann zum Beweggrund ihres Handelns machen, wenn ihr Charakter
ein solcher ist, der durch die entsprechende Vorstellung zu einer Begehrung
veranlaßt wird, so erscheint der Mensch von innen bestimmt und nicht von
außen.
103.
Der Mensch glaubt nun, weil er, gemäß seinem Charakter,
eine ihm von außen aufgedrängte Vorstellung erst zum Beweggrund machen muß: er
sei frei, das heißt unabhängig von äußeren Beweggründen.
104.
Die Wahrheit aber ist, nach Eduard von Hartmann, daß:
«Wenn aber auch wir selbst die Vorstellungen erst zu Motiven erheben, so tun
wir dies doch nicht willkürlich, sondern nach der Notwendigkeit unserer
charakterologischen Veranlagung, also nichts weniger als frei».
105.
Auch hier bleibt der Unterschied ohne alle
Berücksichtigung, der besteht zwischen Beweggründen, die ich erst auf mich
wirken lasse, nachdem ich sie mit meinem Bewußtsein durchdrungen habe, und
solchen, denen ich folge, ohne daß ich ein klares Wissen von ihnen besitze.
106.
Und dies führt unmittelbar auf den Standpunkt, von dem
aus hier die Sache angesehen werden soll.
107.
Darf die Frage nach der Freiheit unseres Willens
überhaupt einseitig für sich gestellt werden?
108.
Und wenn nicht: mit welcher andern muß sie notwendig
verknüpft werden?
109.
Ist ein Unterschied zwischen einem bewußten Beweggrund
meines Handelns und einem unbewußten Antrieb, dann wird der erstere auch eine
Handlung nach sich ziehen, die anders beurteilt werden muß als eine solche aus
blindem Drange.
110.
Die Frage nach diesem Unterschied wird also die erste
sein.
111.
Und was sie ergibt, davon wird es erst abhängen, wie wir
uns zu der eigentlichen Freiheitsfrage zu stellen haben.
112.
Was heißt es, ein Wissen von den Gründen seines
Handelns haben?
113.
Man hat diese Frage zu wenig berücksichtigt, weil man
leider immer in zwei Teile zerrissen hat, was ein untrennbares Ganzes ist: den
Menschen.
114.
Den Handelnden und den Erkennenden unterschied man, und
leer ausgegangen ist dabei nur der, auf den es vor allen andern Dingen ankommt:
der aus Erkenntnis Handelnde.
115.
Man sagt: frei sei der Mensch, wenn er nur unter der
Herrschaft seiner Vernunft stehe und nicht unter der der animalischen
Begierden.
116.
Oder auch: Freiheit bedeute, sein Leben und Handeln nach
Zwecken und Entschlüssen bestimmen zu können.
117.
Mit Behauptungen solcher Art ist aber gar nichts
gewonnen.
118.
Denn das ist ja eben die Frage, ob die Vernunft, ob
Zwecke und Entschlüsse in gleicher Weise auf den Menschen einen Zwang ausüben
wie animalische Begierden.
119.
Wenn ohne mein Zutun ein vernünftiger Entschluß in mir
auftaucht, gerade mit derselben Notwendigkeit wie Hunger und Durst, dann kann
ich ihm nur notgedrungen folgen, und meine Freiheit ist eine Illusion.
120.
Eine andere Redewendung lautet: Freisein heißt nicht
wollen können, was man will, sondern tun können, was man will.
121.
Diesen Gedanken hat der Dichterphilosoph Robert
Hamerling in seiner «Atomistik des Willens» in scharfumrissenen Worten
gekennzeichnet: «Der Mensch kann allerdings tun, was er will — aber er
kann nicht wollen, was er will, weil sein Wille durch Motive bestimmt
ist! — Er kann nicht wollen, was er will?
122.
Sehe man sich diese Worte doch einmal näher an.
123.
Ist ein vernünftiger Sinn darin?
124.
Freiheit des Wollens müßte also darin bestehen, daß man
ohne Grund, ohne Motiv etwas wollen könnte?
125.
Aber was heißt denn Wollen anders, als einen Grund
haben, dies lieber zu tun oder anzustreben als jenes?
126.
Ohne Grund, ohne Motiv etwas wollen, hieße etwas wollen, ohne
es zu wollen.
127.
Mit dem Begriffe des Wollens ist der des Motivs unzertrennlich
verknüpft.
128.
Ohne ein bestimmendes Motiv ist der Wille ein leeres Vermögen:
erst durch das Motiv wird er tätig und reell.
129.
Es ist also ganz richtig, daß der menschliche Wille insofern
nicht ‹frei› ist, als seine Richtung immer durch das stärkste der Motive
bestimmt ist.
130. Aber es muß
andererseits zugegeben werden, daß es absurd ist, dieser ‹Unfreiheit› gegenüber
von einer denkbaren ‹Freiheit› des Willens zu reden, welche dahin ginge, wollen
zu können, was man nicht will.» (Atomistik des Willens, 2. Band 5. 213
f.)
131.
Auch hier wird nur von Motiven im allgemeinen gesprochen,
ohne auf den Unterschied zwischen unbewußten und bewußten Rücksicht zu nehmen.
132.
Wenn ein Motiv auf mich wirkt und ich gezwungen bin, ihm
zu folgen, weil es sich als das «stärkste» unter seinesgleichen erweist, dann
hört der Gedanke an Freiheit auf, einen Sinn zu haben.
133.
Wie soll es für mich eine Bedeutung haben, ob ich etwas
tun kann oder nicht, wenn ich von dem Motive gezwungen werde, es zu tun?
134.
Nicht darauf kommt es zunächst an: ob ich dann, wenn das
Motiv auf mich gewirkt hat, etwas tun kann oder nicht, sondern ob es nur solche
Motive gibt, die mit zwingender Notwendigkeit wirken.
135.
Wenn ich etwas wollen muß, dann ist es mir unter
Umständen höchst gleichgültig, ob ich es auch tun kann.
136.
Wenn mir wegen meines Charakters und wegen der in meiner
Umgebung herrschenden Umstände ein Motiv aufgedrängt wird, das sich meinem
Denken gegenüber als unvernünftig erweist, dann müßte ich sogar froh sein, wenn
ich nicht könnte, was ich will.
137.
Nicht darauf kommt es an, ob ich einen gefaßten Entschluß
zur Ausführung bringen kann, sondern wie der Entschluß in mir entsteht.
138.
Was den Menschen von allen andern organischen Wesen
unterscheidet, ruht auf seinem vernünftigen Denken.
139.
Tätig zu sein, hat er mit anderen Organismen gemein.
140.
Nichts ist damit gewonnen, wenn man zur Aufhellung des
Freiheitsbegriffes für das Handeln des Menschen nach Analogien im Tierreiche
sucht.
141.
Die moderne Naturwissenschaft liebt solche Analogien.
142.
Und wenn es ihr gelungen ist, bei den Tieren etwas dem
menschlichen Verhalten Ähnliches gefunden zu haben, glaubt sie, die wichtigste
Frage der Wissenschaft vom Menschen berührt zu haben.
143.
Zu welchen Mißverständnissen diese Meinung führt, zeigt
sich zum Beispiel in dem Buche: «Die Illusion der Willensfreiheit» von P.
Rée, 1885, der (S. 5) über die Freiheit folgendes sagt: «Daß es uns so
scheint, als ob die Bewegung des Steines notwendig, des Esels Wollen nicht
notwendig wäre, ist leicht erklärlich.
144.
Die Ursachen, welche den Stein bewegen, sind ja draußen
und sichtbar.
145.
Die Ursachen aber, vermöge deren der Esel will, sind
drinnen und unsichtbar: zwischen uns und der Stätte ihrer Wirksamkeit befindet sich
die Hirnschale des Esels. ...
146.
Man sieht die kausale Bedingtheit nicht, und meint daher,
sie sei nicht vorhanden.
147.
Das Wollen, erklärt man, sei zwar die Ursache der
Umdrehung (des Esels), selbst aber sei es unbedingt; es sei ein absoluter
Anfang.»
148.
Also auch hier wieder wird über Handlungen des Menschen,
bei denen er ein Bewußtsein von den Gründen seines Handelns hat, einfach
hinweggegangen, denn Rée erklärt:
149.
«Zwischen uns und der Stätte ihrer Wirksamkeit befindet
sich die Hirnschale des Esels.»
150.
Daß es, zwar nicht Handlungen des Esels, wohl aber solche
der Menschen gibt, bei denen zwischen uns und der Handlung das bewußt
gewordene Motiv liegt, davon hat, schon nach diesen Worten zu schließen,
Rée keine Ahnung.
151.
Er beweist das einige Seiten später auch noch durch die
Worte:
152.
«Wir nehmen die Ursachen nicht wahr, durch welche
unser Wollen bedingt wird, daher meinen wir, es sei überhaupt nicht ursachlich
bedingt.»
153.
Doch genug der Beispiele, welche beweisen, daß viele gegen
die Freiheit kämpfen, ohne zu wissen, was Freiheit überhaupt ist.
154.
Daß eine Handlung nicht frei sein kann, von der
der Täter nicht weiß, warum er sie vollbringt, ist ganz selbstverständlich.
155.
Wie verhält es sich aber mit einer solchen, von deren
Gründen gewußt wird?
156.
Das führt uns auf die Frage: welches ist der Ursprung und
die Bedeutung des Denkens?
157.
Denn ohne die Erkenntnis der denkenden Betätigung
der Seele ist ein Begriff des Wissens von etwas, also auch von einer Handlung
nicht möglich.
158.
Wenn wir erkennen, was Denken im allgemeinen bedeutet,
dann wird es auch leicht sein, klar darüber zu werden, was für eine Rolle das
Denken beim menschlichen Handeln spielt.
159.
«Das Denken macht die Seele, womit auch das Tier begabt
ist, erst zum Geiste», sagt Hegel mit Recht, und deshalb wird das Denken
auch dem menschlichen Handeln sein eigentümliches Gepräge geben.
160.
Keineswegs soll behauptet werden, daß all unser Handeln
nur aus der nüchternen Überlegung unseres Verstandes fließe.
161.
Nur diejenigen Handlungen als im höchsten Sinne menschlich
hinzustellen, die aus dem abstrakten Urteil hervorgehen, liegt mir ganz
fern.
162.
Aber sobald sich unser Handeln herauferhebt aus dem
Gebiete der Befriedigung rein animalischer Begierden, sind unsere Beweggründe
immer von Gedanken durchsetzt.
163.
Liebe, Mitleid, Patriotismus sind Triebfedern des
Handelns, die sich nicht in kalte Verstandesbegriffe auflösen lassen.
164.
Man sagt: das Herz, das Gemüt treten da in ihre Rechte.
165.
Ohne Zweifel.
166.
Aber das Herz und das Gemüt schaffen nicht die Beweggründe
des Handelns.
167.
Sie setzen dieselben voraus und nehmen sie in ihren
Bereich auf.
168.
In meinem Herzen stellt sich das Mitleid ein, wenn in
meinem Bewußtsein die Vorstellung einer mitleiderregenden Person aufgetreten
ist.
169.
Der Weg zum Herzen geht durch den Kopf.
170.
Davon macht auch die Liebe keine Ausnahme.
171.
Wenn sie nicht die bloße Äußerung des Geschlechtstriebes
ist, dann beruht sie auf den Vorstellungen, die wir uns von dem geliebten Wesen
machen.
172.
Und je idealistischer diese Vorstellungen sind, desto
beseligender ist die Liebe.
173.
Auch hier ist der Gedanke der Vater des Gefühles.
174.
Man sagt: die Liebe mache blind für die Schwächen des
geliebten Wesens.
175.
Die Sache kann auch umgekehrt angefaßt werden und
behauptet: die Liebe öffne gerade für dessen Vorzüge das Auge.
176.
Viele gehen ahnungslos an diesen Vorzügen vorbei, ohne
sie zu bemerken.
177.
Der eine sieht sie, und eben deswegen erwacht die Liebe
in seiner Seele.
178.
Was hat er anderes getan: als von dem sich eine
Vorstellung gemacht, wovon hundert andere keine haben.
179.
Sie haben die Liebe nicht, weil ihnen die Vorstellung mangelt.
180.
Wir mögen die Sache anfassen wie wir wollen: immer klarer
muß es werden, daß die Frage nach dem Wesen des menschlichen Handelns die
andere voraussetzt nach dem Ursprunge des Denkens.
181.
Ich wende mich daher zunächst dieser Frage zu.
182.
183.
Kapitel 2 - Der Grundtrieb zur Wissenschaft
184.
«Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den
Gefilden hoher Ahnen.»
(Faust I,
1112-1117)
186.
Mit diesen Worten spricht Goethe einen tief in der
menschlichen Natur begründeten Charakterzug aus.
187.
Nicht ein einheitlich organisiertes Wesen ist der Mensch.
188.
Er verlangt stets mehr, als die Welt ihm freiwillig gibt.
189.
Bedürfnisse hat die Natur uns gegeben; unter diesen sind
solche, deren Befriedigung sie unserer eigenen Tätigkeit überläßt.
190.
Reichlich sind die Gaben, die uns zugeteilt, aber noch
reichlicher ist unser Begehren.
191.
Wir scheinen zur Unzufriedenheit geboren.
192.
Nur ein besonderer Fall dieser Unzufriedenheit ist unser
Erkenntnisdrang.
193.
Wir blicken einen Baum zweimal an.
194.
Wir sehen das eine Mal seine Aste in Ruhe, das andere Mal
in Bewegung.
195.
Wir geben uns mit dieser Beobachtung nicht zufrieden.
196.
Warum stellt sich uns der Baum das eine Mal ruhend, das
andere Mal in Bewegung dar?
197.
So fragen wir.
198.
Jeder Blick in die Natur erzeugt in uns eine Summe von
Fragen.
199.
Mit jeder Erscheinung, die uns entgegentritt, ist uns
eine Aufgabe mitgegeben.
200.
Jedes Erlebnis wird uns zum Rätsel.
201.
Wir sehen aus dem Ei ein dem Muttertiere ähnliches Wesen
hervorgehen; wir fragen nach dem Grunde dieser Ähnlichkeit.
202.
Wir beobachten an einem Lebewesen Wachsrum und
Entwickelung bis zu einem bestimmten Grade der Vollkommenheit: wir suchen nach
den Bedingungen dieser Erfahrung.
203.
Nirgends sind wir mit dem zufrieden, was die Natur vor
unseren Sinnen ausbreitet.
204.
Wir suchen überall nach dem, was wir Erklärung der
Tatsachen nennen.
205.
Der Überschuß dessen, was wir in den Dingen suchen, über
das, was uns in ihnen unmittelbar gegeben ist, spaltet unser ganzes Wesen in
zwei Teile; wir werden uns unseres Gegensatzes zur Welt bewußt.
206.
Wir stellen uns als ein selbständiges Wesen der Welt
gegenüber.
207.
Das Universum erscheint uns in den zwei Gegensätzen: Ich
und Welt.
208.
Diese Scheidewand zwischen uns und der Welt errichten
wir, sobald das Bewußtsein in uns aufleuchtet.
209.
Aber niemals verlieren wir das Gefühl, daß wir doch zur
Welt gehören, daß ein Band besteht, das uns mit ihr verbindet, daß wir nicht
ein Wesen außerhalb, sondern innerhalb des Universums sind.
210.
Dieses Gefühl erzeugt das Streben, den Gegensatz zu
überbrücken.
211.
Und in der Überbrückung dieses Gegensatzes besteht im
letzten Grunde das ganze geistige Streben der Menschheit.
212.
Die Geschichte des geistigen Lebens ist ein fortwährendes
Suchen der Einheit zwischen uns und der Welt.
213.
Religion, Kunst und Wissenschaft verfolgen gleichermaßen
dieses Ziel.
214.
Der Religiös- Gläubige sucht in der Offenbarung, die ihm
Gott zuteil werden läßt, die Lösung der Welträtsel, die ihm sein mit der bloßen
Erscheinungswelt unzufriedenes Ich aufgibt.
215.
Der Künstler sucht dem Stoffe die Ideen seines Ich einzubilden,
um das in seinem Innern Lebende mit der Außenwelt zu versöhnen.
216.
Auch er fühlt sich unbefriedigt von der bloßen
Erscheinungswelt und sucht ihr jenes Mehr einzuformen, das sein Ich, über sie
hinausgehend, birgt.
217.
Der Denker sucht nach den Gesetzen der Erscheinungen, er
strebt denkend zu durchdringen, was er beobachtend erfährt.
218.
Erst wenn wir den Weltinhalt zu unserem Gedankeninhalt
gemacht haben, erst dann finden wir den Zusammenhang wieder, aus dem wir
uns selbst gelöst haben.
219.
Wir werden später sehen, daß dieses Ziel nur erreicht
wird, wenn die Aufgabe des wissenschaftlichen Forschers allerdings viel tiefer
aufgefaßt wird, als dies oft geschieht.
220.
Das ganze Verhältnis, das ich hier dargelegt habe, tritt
uns in einer weltgeschichtlichen Erscheinung entgegen: in dem Gegensatz der
einheitlichen Weltauffassung oder des Monismus und der Zweiweltentheorie
oder des Dualismus.
221.
Der Dualismus richtet den Blick nur auf die von dem
Bewußtsein des Menschen vollzogene Trennung zwischen Ich und Welt.
222.
Sein ganzes Streben ist ein ohnmächtiges Ringen nach der
Versöhnung dieser Gegensätze, die er bald Geist und Materie, bald
Subjekt und Objekt, bald Denken und Erscheinung nennt.
223.
Er hat ein Gefühl, daß es eine Brücke geben muß zwischen
den beiden Welten, aber er ist nicht imstande, sie zu finden.
224.
Indem der Mensch sich als «Ich» erlebt, kann er nicht
anders als dieses «Ich» auf der Seite des Geistes denken; und indem er
diesem Ich die Welt entgegensetzt, muß er zu dieser die den Sinnen gegebene
Wahrnehmungswelt rechnen, die materielle Welt.
225.
Dadurch stellt sich der Mensch selbst in den Gegensatz
Geist und Materie hinein.
226.
Er muß dies um so mehr tun, als zur materiellen Welt sein
eigener Leib gehört.
227.
Das «Ich» gehört so dem Geistigen als ein Teil an; die materiellen
Dinge und Vorgänge, die von den Sinnen wahrgenommen werden, der «Welt».
228.
Alle Rätsel, die sich auf Geist und Materie beziehen, muß
der Mensch in dem Grundrätsel seines eigenen Wesens wiederfinden.
229.
Der Monismus richtet den Blick allein auf die
Einheit und sucht die einmal vorhandenen Gegensätze zu leugnen oder zu
verwischen.
230.
Keine von den beiden Anschauungen kann befriedigen, denn
sie werden den Tatsachen nicht gerecht.
231.
Der Dualismus sieht Geist (Ich) und Materie (Welt) als
zwei grundverschiedene Wesenheiten an, und kann deshalb nicht begreifen, wie
beide aufeinander wirken können.
232.
Wie soll der Geist wissen, was in der Materie vorgeht,
wenn ihm deren eigentümliche Natur ganz fremd ist?
233.
Oder wie soll er unter diesen Umständen auf sie wirken,
so daß sich seine Absichten in Taten umsetzen?
234.
Die scharfsinnigsten und die widersinnigsten Hypothesen
wurden aufgestellt, um diese Fragen zu lösen.
235.
Aber auch mit dem Monismus steht es bis heute nicht viel
besser.
236.
Er hat sich bis jetzt in einer dreifachen Art zu helfen
gesucht: Entweder er leugnet den Geist und wird zum Materialismus; oder er
leugnet die Materie, um im Spiritualismus sein Heil zu suchen; oder aber er
behauptet, daß auch schon in dem einfachsten Weltwesen Materie und Geist
untrennbar verbunden seien, weswegen man gar nicht erstaunt zu sein brauchte,
wenn in dem Menschen diese zwei Daseinsweisen auftreten, die ja nirgends
getrennt sind.
237.
Der Materialismus kann niemals eine befriedigende
Welterklärung liefern.
238.
Denn jeder Versuch einer Erklärung muß damit beginnen,
daß man sich Gedanken über die Welterscheinungen bildet.
239.
Der Materialismus macht deshalb den Anfang mit dem Gedanken
der Materie oder der materiellen Vorgänge.
240.
Damit hat er bereits zwei verschiedene Tatsachengebiete
vor sich: die materielle Welt und die Gedanken über sie.
241.
Er sucht die letzteren dadurch zu begreifen, daß er sie
als einen rein materiellen Prozeß auffaßt.
242.
Er glaubt, daß das Denken im Gehirne etwa so zustande
komme, wie die Verdauung in den animalischen Organen.
243.
So wie er der Materie mechanische und organische
Wirkungen zuschreibt, so legt er ihr auch die Fähigkeit bei, unter bestimmten
Bedingungen zu denken.
244.
Er vergißt, daß er nun das Problem nur an einen andern
Ort verlegt hat.
245.
Statt sich selbst, schreibt er die Fähigkeit des Denkens
der Materie zu.
246.
Und damit ist er wieder an seinem Ausgangspunkte.
247.
Wie kommt die Materie dazu, über ihr eigenes Wesen
nachzudenken?
248.
Warum ist sie nicht einfach mit sich zufrieden und nimmt
ihr Dasein hin?
249.
Von dem bestimmten Subjekt, von unserem eigenen Ich hat
der Materialist den Blick abgewandt und auf ein unbestimmtes, nebelhaftes
Gebilde ist er gekommen.
250.
Und hier tritt ihm dasselbe Rätsel entgegen.
251.
Die materialistische Anschauung vermag das Problem nicht
zu lösen, sondern nur zu verschieben.
252.
Wie steht es mit der spiritualistischen?
253.
Der reine Spiritualist leugnet die Materie in
ihrem selbständigen Dasein und faßt sie nur als Produkt des Geistes auf.
254.
Wendet er diese Weltanschauung auf die Enträtselung der
eigenen menschlichen Wesenheit an, so wird er in die Enge getrieben.
255.
Dem Ich, das auf die Seite des Geistes gestellt werden
kann, steht unvermittelt gegenüber die sinnliche Welt.
256.
Zu dieser scheint ein geistiger Zugang sich nicht
zu eröffnen, sie muß durch materielle Prozesse von dem Ich wahrgenommen und
erlebt werden.
257.
Solche materielle Prozesse findet das «Ich» in sich
nicht, wenn es sich nur als geistige Wesenheit gelten lassen will.
258.
Was es geistig sich erarbeitet, in dem ist nie die Sinneswelt
drinnen.
259.
Es scheint das «Ich» zugeben zu müssen, daß ihm die Welt
verschlossen bliebe, wenn es nicht sich auf ungeistige Art zu ihr in ein
Verhältnis setzte.
260.
Ebenso müssen wir, wenn wir ans Handeln gehen, unsere
Absichten mit Hilfe der materiellen Stoffe und Kräfte in Wirklichkeit um
setzen.
261.
Wir sind also auf die Außenwelt angewiesen.
262.
Der extremste Spiritualist, oder wenn man will, der durch
den absoluten Idealismus sich als extremer Spiritualist darstellende Denker ist
Johann Gottlieb Fichte.
263.
Er versuchte das ganze Weltgebäude aus dem «Ich»
abzuleiten.
264.
Was ihm dabei wirklich gelungen ist, ist ein großartiges Gedankenbild
der Welt, ohne allen Erfahrungsinhalt.
265.
So wenig es dem Materialisten möglich ist, den Geist,
ebensowenig ist es dem Spiritualisten möglich, die materielle Außenwelt
wegzudekretieren.
266.
Weil der Mensch, wenn er die Erkenntnis auf das «Ich»
lenkt, zunächst das Wirken dieses «Ich» in der gedanklichen Ausgestaltung der
Ideenwelt wahrnimmt, kann sich die spiritualistisch gerichtete Weltanschauung
beim Hinblicke auf die eigene menschliche Wesenheit versucht fühlen, von dem
Geiste nur diese Ideenwelt anzuerkennen.
267.
Der Spiritualismus wird auf diese Art zum einseitigen
Idealismus.
268.
Er kommt nicht dazu, durch die Ideenwelt eine geistige
Welt zu suchen; er sieht in der Ideenwelt selbst die geistige Welt.
269.
Dadurch wird er dazu getrieben, innerhalb der Wirksamkeit
des «Ich» selbst, wie festgebannt, mit seiner Weltanschauung stehen bleiben zu
müssen.
270.
Eine merkwürdige Abart des Idealismus ist die Anschauung Friedrich
Albert Langes, wie er sie in seiner vielgelesenen «Geschichte des
Materialismus» vertreten hat.
271.
Er nimmt an, daß der Materialismus ganz recht habe, wenn
er alle Welterscheinungen, einschließlich unseres Denkens, für das Produkt rein
stofflicher Vorgänge erklärt; nur sei umgekehrt die Materie und ihre Vorgänge
selbst wieder ein Produkt unseres Denkens.
272.
«Die Sinne geben uns ... Wirkungen der Dinge,
nicht getreue Bilder, oder gar die Dinge selbst.
273.
Zu diesen bloßen Wirkungen gehören aber auch die Sinne
selbst samt dem Hirn und den in ihm gedachten Molekularbewegungen.»
274.
Das heißt, unser Denken wird von den materiellen
Prozessen erzeugt und diese von dem Denken des «Ich».
275.
Langes Philosophie ist somit nichts anderes, als die in
Begriffe umgesetzte Geschichte des wackeren Münchhausen, der sich an seinem
eigenen Haarschopf frei in der Luft festhält.
276.
Die dritte Form des Monismus ist die, welche in dem
einfachsten Wesen (Atom) bereits die beiden Wesenheiten, Materie und Geist,
vereinigt sieht.
277.
Damit ist aber auch nichts erreicht, als daß die Frage,
die eigentlich in unserem Bewußtsein entsteht, auf einen anderen Schauplatz
versetzt wird.
278.
Wie kommt das einfache Wesen dazu, sich in einer
zweifachen Weise zu äußern, wenn es eine ungetrennte Einheit ist?
279.
Allen diesen Standpunkten gegenüber muß geltend gemacht
werden, daß uns der Grund, und Urgegensatz zuerst in unserem eigenen Bewußtsein
entgegentritt.
280.
Wir sind es selbst, die wir uns von dem Mutterboden der
Natur loslösen, und uns als «Ich» der «Welt» gegenüberstellen.
281.
Klassisch spricht das Goethe in seinem Aufsatz
«Die Natur» aus, wenn auch seine Art zunächst als ganz unwissenschaftlich gelten
mag: «Wir leben mitten in ihr (der Natur) und sind ihr fremde.
282.
Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr
Geheimnis nicht.»
283.
Aber auch die Kehrseite kennt Goethe: «Die Menschen sind
alle in ihr und sie in allen.»
284.
So wahr es ist, daß wir uns der Natur entfremdet haben,
so wahr ist es, daß wir fühlen: wir sind in ihr und gehören zu ihr.
285.
Es kann nur ihr eigenes Wirken sein, das auch in uns
lebt.
286.
Wir müssen den Weg zu ihr zurück wieder finden.
287.
Eine einfache Überlegung kann uns diesen Weg weisen.
288.
Wir haben uns zwar losgerissen von der Natur; aber wir
müssen doch etwas mit herübergenommen haben in unser eigenes Wesen.
289.
Dieses Naturwesen in uns müssen wir aufsuchen, dann
werden wir den Zusammenhang auch wieder finden.
290.
Das versäumt der Dualismus.
291.
Er hält das menschliche Innere für ein der Natur ganz
fremdes Geistwesen und sucht dieses an die Natur anzukoppeln.
292.
Kein Wunder, daß er das Bindeglied nicht finden kann.
293.
Wir können die Natur außer uns nur finden, wenn wir sie in
uns erst kennen.
294.
Das ihr Gleiche in unserem eigenen Innern wird uns der
Führer sein.
295.
Damit ist uns unsere Bahn vorgezeichnet.
296.
Wir wollen keine Spekulationen anstellen über die
Wechselwirkung von Natur und Geist.
297.
Wir wollen aber hinuntersteigen in die Tiefen unseres eigenen
Wesens, um da jene Elemente zu finden, die wir herübergerettet haben bei
unserer Flucht aus der Natur.
298.
Die Erforschung unseres Wesens muß uns die Lösung des
Rätsels bringen.
299.
Wir müssen an einen Punkt kommen, wo wir uns sagen
können: Hier sind wir nicht mehr bloß «Ich», hier liegt etwas, was mehr als
«Ich» ist.
300.
Ich bin darauf gefaßt, daß mancher, der bis hierher
gelesen hat, meine Ausführungen nicht «dem gegenwärtigen Stande der
Wissenschaft» gemäß findet.
301.
Ich kann dem gegenüber nur erwidern, daß ich es bisher
mit keinerlei wissenschaftlichen Resultaten zu tun haben wollte, sondern mit
der einfachen Beschreibung dessen, was jedermann in seinem eigenen Bewußtsein
erlebt.
302.
Daß dabei auch einzelne Sätze über Versöhnungsversuche
des Bewußtseins mit der Welt eingeflossen sind, hat nur den Zweck, die
eigentlichen Tatsachen zu verdeutlichen.
303.
Ich habe deshalb auch keinen Wert darauf gelegt, die
einzelnen Ausdrücke, wie «Ich», «Geist», «Welt», «Natur» und so weiter in der
präzisen Weise zu gebrauchen, wie es in der Psychologie und Philosophie üblich
ist.
304.
Das alltägliche Bewußtsein kennt die scharfen
Unterschiede der Wissenschaft nicht, und um eine Aufnahme des alltäglichen
Tatbestandes handelte es sich bisher bloß.
305.
Nicht wie die Wissenschaft bisher das Bewußtsein
interpretiert hat, geht mich an, sondern wie sich dasselbe stündlich darlebt.
306.
307.
Kapitel 3 - Das Denken im Dienste der Weltauffassung
308.
Wenn ich beobachte, wie eine Billardkugel, die gestoßen
wird, ihre Bewegung auf eine andere überträgt, so bleibe ich auf den Verlauf
dieses beobachteten Vorganges ganz ohne Einfluß.
309.
Die Bewegungsrichtung und Schnelligkeit der zweiten Kugel
ist durch die Richtung und Schnelligkeit der ersten bestimmt.
310.
Solange ich mich bloß als Beobachter verhalte, weiß ich
über die Bewegung der zweiten Kugel erst dann etwas zu sagen, wenn dieselbe
eingetreten ist.
311.
Anders ist die Sache, wenn ich über den Inhalt meiner
Beobachtung nachzudenken beginne.
312.
Mein Nachdenken hat den Zweck, von dem Vorgange Begriffe
zu bilden.
313.
Ich bringe den Begriff einer elastischen Kugel in
Verbindung mit gewissen anderen Begriffen der Mechanik und ziehe die besonderen
Umstände in Erwägung, die in dem vorkommenden Falle obwalten.
314.
Ich suche also zu dem Vorgange, der sich ohne mein Zutun
abspielt, einen zweiten hinzuzufügen, der sich in der begrifflichen Sphäre
vollzieht.
315.
Der letztere ist von mir abhängig.
316.
Das zeigt sich dadurch, daß ich mich mit der Beobachtung
begnügen und auf alles Begriffesuchen verzichten kann, wenn ich kein Bedürfnis
danach habe.
317.
Wenn dieses Bedürfnis aber vorhanden ist, dann beruhige
ich mich erst, wenn ich die Begriffe: Kugel, Elastizität, Bewegung, Stoß,
Geschwindigkeit usw.
318.
in eine gewisse Verbindung gebracht habe, zu welcher der
beobachtete Vorgang in einem bestimmten Verhältnisse steht.
319.
So gewiß es nun ist, daß sich der Vorgang unabhängig von
mir vollzieht, so gewiß ist es, daß sich der begriffliche Prozeß ohne mein
Zutun nicht abspielen kann.
320.
Ob diese meine Tätigkeit wirklich der Ausfluß meines
selbständigen Wesens ist, oder ob die modernen Physiologen recht haben, welche
sagen, daß wir nicht denken können, wie wir wollen, sondern denken müssen, wie
es die gerade in unserem Bewußtsein vorhandenen Gedanken und
Gedankenverbindungen bestimmen (vergleiche Ziehen, Leitfaden der physiologischen
Psychologie, Jena 1893, S. 171), wird Gegenstand einer späteren
Auseinandersetzung sein.
321.
Vorläufig wollen wir bloß die Tatsache feststellen, daß
wir uns fortwährend gezwungen fühlen, zu den ohne unser Zutun uns gegebenen
Gegenständen und Vorgängen Begriffe und Begriffsverbindungen zu suchen, die zu
jenen in einer gewissen Beziehung stehen.
322.
Ob dies Tun in Wahrheit unser Tun ist, oder ob wir
es einer unabänderlichen Notwendigkeit gemäß vollziehen, lassen wir vorläufig
dahingestellt.
323.
Daß es uns zunächst als das unsrige erscheint, ist ohne
Frage.
324.
Wir wissen ganz genau, daß uns mit den Gegenständen nicht
zugleich deren Begriffe mitgegeben werden.
325.
Daß ich selbst der Tätige bin, mag auf einem Schein
beruhen; der unmittelbaren Beobachtung stellt sich die Sache jedenfalls so dar.
326.
Die Frage ist nun: was gewinnen wir dadurch, daß wir zu
einem Vorgange ein begriffliches Gegenstück hinzufinden?
327.
Es ist ein tiefgreifender Unterschied zwischen der Art,
wie sich für mich die Teile eines Vorganges zueinander verhalten vor und nach
der Auffindung der entsprechenden Begriffe.
328.
Die bloße Beobachtung kann die Teile eines gegebenen
Vorganges in ihrem Verlaufe verfolgen; ihr Zusammenhang bleibt aber vor der
Zuhilfenahme von Begriffen dunkel.
329.
Ich sehe die erste Billardkugel in einer gewissen
Richtung und mit einer bestimmten Geschwindigkeit gegen die zweite sich
bewegen; was nach erfolgtem Stoß geschieht, muß ich abwarten und kann es dann
auch wieder nur mit den Augen verfolgen.
330.
Nehmen wir an, es verdecke mir im Augenblicke des Stoßes
jemand das Feld, auf dem der Vorgang sich abspielt, so bin ich — als bloßer
Beobachter — ohne Kenntnis, was nachher geschieht.
331.
Anders ist das, wenn ich für die Konstellation der
Verhältnisse vor dem Verdecken die entsprechenden Begriffe gefunden habe.
332.
In diesem Falle kann ich angeben, was geschieht, auch
wenn die Möglichkeit der Beobachtung aufhört.
333.
Ein bloß beobachteter Vorgang oder Gegenstand ergibt aus
sich selbst nichts über seinen Zusammenhang mit anderen Vorgängen oder
Gegenständen.
334.
Dieser Zusammenhang wird erst ersichtlich, wenn sich die
Beobachtung mit dem Denken verbindet.
335.
Beobachtung und Denken sind die beiden
Ausgangspunkte für alles geistige Streben des Menschen, insoferne er sich eines
solchen bewußt ist.
336.
Die Verrichtungen des gemeinen Menschenverstandes und die
verwickeltesten wissenschaftlichen Forschungen ruhen auf diesen beiden
Grundsäulen unseres Geistes.
337.
Die Philosophen sind von verschiedenen Urgegensätzen
ausgegangen: Idee und Wirklichkeit, Subjekt und Objekt, Erscheinung und Ding an
sich, Ich und Nicht-Ich, Idee und Wille, Begriff und Materie, Kraft und Stoff,
Bewußtes und Unbewußtes.
338.
Es läßt sich aber leicht zeigen, daß allen diesen
Gegensätzen der von Beobachtung und Denken, als der für den
Menschen wichtigste, vorangehen muß.
339.
Was für ein Prinzip wir auch aufstellen mögen: wir müssen
es irgendwo als von uns beobachtet nachweisen, oder in Form eines klaren
Gedankens, der von jedem anderen nachgedacht werden kann, aussprechen.
340.
Jeder Philosoph, der anfängt über seine Urprinzipien zu
sprechen, muß sich der begrifflichen Form, und damit des Denkens bedienen.
341.
Er gibt damit indirekt zu, daß er zu seiner Betätigung
das Denken bereits voraussetzt.
342.
Ob das Denken oder irgend etwas anderes Hauptelement der
Weltentwickelung ist, darüber werde hier noch nichts ausgemacht.
343.
Daß aber der Philosoph ohne das Denken kein Wissen
darüber gewinnen kann, das ist von vornherein klar.
344.
Beim Zustandekommen der Welterscheinungen mag das Denken
eine Nebenrolle spielen, beim Zustandekommen einer Ansicht darüber kommt ihm
aber sicher eine Hauptrolle zu.
345.
Was nun die Beobachtung betrifft, so liegt es in unserer
Organisation, daß wir derselben bedürfen.
346.
Unser Denken über ein Pferd und der Gegenstand Pferd sind
zwei Dinge, die für uns getrennt auftreten.
347.
Und dieser Gegenstand ist uns nur durch Beobachtung
zugänglich.
348.
So wenig wir durch das bloße Anstarren eines Pferdes uns
einen Begriff von demselben machen können, ebensowenig sind wir imstande, durch
bloßes Denken einen entsprechenden Gegenstand hervorzubringen.
349.
Zeitlich geht die Beobachtung sogar dem Denken voraus.
350.
Denn auch das Denken müssen wir erst durch Beobachtung
kennenlernen.
351.
Es war wesentlich die Beschreibung einer Beobachtung, als
wir am Eingange dieses Kapitels darstellten, wie sich das Denken an einem
Vorgange entzündet und über das ohne sein Zutun Gegebene hinausgeht.
352.
Alles was in den Kreis unserer Erlebnisse eintritt,
werden wir durch die Beobachtung erst gewahr.
353.
Der Inhalt von Empfindungen, Wahrnehmungen, Anschauungen,
die Gefühle, Willensakte, Traum- und Phantasiegebilde, Vorstellungen, Begriffe
und Ideen, sämtliche Illusionen und Halluzinationen werden uns durch die Beobachtung
gegeben.
354.
Nur unterscheidet sich das Denken als Beobachtungsobjekt
doch wesentlich von allen andern Dingen.
355.
Die Beobachtung eines Tisches, eines Baumes tritt bei mir
ein, sobald diese Gegenstände auf dem Horizonte meiner Erlebnisse auftauchen.
356.
Das Denken aber über diese Gegenstände beobachte ich
nicht gleichzeitig.
357.
Den Tisch beobachte ich, das Denken über den Tisch führe
ich aus, aber ich beobachte es nicht in demselben Augenblicke.
358.
Ich muß mich erst auf einen Standpunkt außerhalb meiner
eigenen Tätigkeit versetzen, wenn ich neben dem Tische auch mein Denken über
den Tisch beobachten will.
359.
Während das Beobachten der Gegenstände und Vorgänge und
das Denken darüber ganz alltägliche, mein fortlaufendes Leben ausfüllende
Zustände sind, ist die Beobachtung des Denkens eine Art Ausnahmezustand.
360.
Diese Tatsache muß in entsprechender Weise berücksichtigt
werden, wenn es sich darum handelt, das Verhältnis des Denkens zu allen anderen
Beobachtungsinhalten zu bestimmen.
361.
Man muß sich klar darüber sein, daß man bei der Beobachtung
des Denkens auf dieses ein Verfahren anwendet, das für die Betrachtung des
ganzen übrigen Weltinhaltes den normalen Zustand bildet, das aber im Verfolge
dieses normalen Zustandes für das Denken selbst nicht eintritt.
362.
Es könnte jemand den Einwand machen, daß das gleiche, was
ich hier von dem Denken bemerkt habe, auch von dem Fühlen und den übrigen
geistigen Tätigkeiten gelte.
363.
Wenn wir zum Beispiel das Gefühl der Lust haben, so
entzünde sich das auch an einem Gegenstande, und ich beobachte zwar diesen
Gegenstand, nicht aber das Gefühl der Lust.
364.
Dieser Einwand beruht aber auf einem Irrtum.
365.
Die Lust steht durchaus nicht in demselben Verhältnisse
zu ihrem Gegenstande wie der Begriff, den das Denken bildet.
366.
Ich bin mir auf das bestimmteste bewußt, daß der Begriff
einer Sache durch meine Tätigkeit gebildet wird, während die Lust in mir auf
ähnliche Art durch einen Gegenstand erzeugt wird, wie zum Beispiel die
Veränderung, die ein fallender Stein in einem Gegenstande bewirkt, auf den er
auffällt.
367.
Für die Beobachtung ist die Lust in genau derselben Weise
gegeben, wie der sie veranlassende Vorgang.
368.
Ein gleiches gilt nicht vom Begriffe.
369.
Ich kann fragen: warum erzeugt ein bestimmter Vorgang bei
mir das Gefühl der Lust?
370.
Aber ich kann durchaus nicht fragen: warum erzeugt ein
Vorgang bei mir eine bestimmte Summe von Begriffen?
371.
Das hätte einfach keinen Sinn.
372.
Bei dem Nachdenken über einen Vorgang handelt es sich gar
nicht um eine Wirkung auf mich.
373.
Ich kann dadurch nichts über mich erfahren, daß ich für
die beobachtete Veränderung, die ein gegen eine Fensterscheibe geworfener Stein
in dieser bewirkt, die entsprechenden Begriffe kenne.
374.
Aber ich erfahre sehr wohl etwas über meine
Persönlichkeit, wenn ich das Gefühl kenne, das ein bestimmter Vorgang in mir erweckt.
375.
Wenn ich einem beobachteten Gegenstand gegenüber sage:
dies ist eine Rose, so sage ich über mich selbst nicht das geringste aus; wenn
ich aber von demselben Dinge sage: es bereitet mir das Gefühl der Lust, so habe
ich nicht nur die Rose, sondern auch mich selbst in meinem Verhältnis zur Rose
charakterisiert.
376.
Von einer Gleichstellung des Denkens mit dem Fühlen der
Beobachtung gegenüber kann also nicht die Rede sein.
377.
Dasselbe ließe sich leicht auch für die andern Tätigkeiten
des menschlichen Geistes ableiten.
378.
Sie gehören dem Denken gegenüber in eine Reihe mit
anderen beobachteten Gegenständen und Vorgängen.
379.
Es gehört eben zu der eigentümlichen Natur des Denkens,
daß es eine Tätigkeit ist, die bloß auf den beobachteten Gegenstand gelenkt ist
und nicht auf die denkende Persönlichkeit.
380.
Das spricht sich schon in der Art aus, wie wir unsere
Gedanken über eine Sache zum Ausdruck bringen im Gegensatz zu unseren Gefühlen
oder Willensakten.
381.
Wenn ich einen Gegenstand sehe und diesen als einen Tisch
erkenne, werde ich im allgemeinen nicht sagen: ich denke über einen Tisch,
sondern: dies ist ein Tisch.
382.
Wohl aber werde ich sagen: ich freue mich über den Tisch.
383.
Im ersteren Falle kommt es mir eben gar nicht darauf an,
auszusprechen, daß ich zu dem Tisch in ein Verhältnis trete; in dem zweiten
Falle handelt es sich aber gerade um dieses Verhältnis.
384.
Mit dem Ausspruch: ich denke über einen Tisch, trete ich
bereits in den oben charakterisierten Ausnahmezustand ein, wo etwas zum Gegenstand
der Beobachtung gemacht wird, was in unserer geistigen Tätigkeit immer
mitenthalten ist, aber nicht als beobachtetes Objekt.
385.
Das ist die eigentümliche Natur des Denkens, daß der
Denkende das Denken vergißt, während er es ausübt.
386.
Nicht das Denken beschäftigt ihn, sondern der Gegenstand
des Denkens, den er beobachtet.
387.
Die erste Beobachtung, die wir über das Denken machen,
ist also die, daß es das unbeobachtete Element unseres gewöhnlichen
Geisteslebens ist.
388.
Der Grund, warum wir das Denken im alltäglichen
Geistesleben nicht beobachten, ist kein anderer als der, daß es auf unserer
eigenen Tätigkeit beruht.
389.
Was ich nicht selbst hervorbringe, tritt als ein
Gegenständliches in mein Beobachtungsfeld ein.
390.
Ich sehe mich ihm als einem ohne mich zustande Gekommenen
gegenüber; es tritt an mich heran; ich muß es als die Voraussetzung meines
Denkprozesses hinnehmen.
391.
Während ich über den Gegenstand nachdenke, bin ich mit
diesem beschäftigt, mein Blick ist ihm zugewandt.
392.
Diese Beschäftigung ist eben die denkende Betrachtung.
393.
Nicht auf meine Tätigkeit, sondern auf das Objekt dieser
Tätigkeit ist meine Aufmerksamkeit gerichtet.
394.
Mit anderen Worten: während ich denke, sehe ich nicht auf
mein Denken, das ich selbst hervorbringe, sondern auf das Objekt des Denkens, das
ich nicht hervorbringe.
395.
Ich bin sogar in demselben Fall, wenn ich den
Ausnahmezustand eintreten lasse, und über mein Denken selbst nachdenke.
396.
Ich kann mein gegenwärtiges Denken nie beobachten;
sondern nur die Erfahrungen, die ich über meinen Denkprozeß gemacht habe, kann
ich nachher zum Objekt des Denkens machen.
397.
Ich müßte mich in zwei Persönlichkeiten spalten: in eine,
die denkt, und in die andere, welche sich bei diesem Denken selbst zusieht,
wenn ich mein gegenwärtiges Denken beobachten wollte.
398.
Das kann ich nicht.
399.
Ich kann das nur in zwei getrennten Akten ausführen.
400.
Das Denken, das beobachtet werden soll, ist nie das dabei
in Tätigkeit befindliche, sondern ein anderes.
401.
Ob ich zu diesem Zwecke meine Beobachtungen an meinem
eigenen früheren Denken mache, oder ob ich den Gedankenprozeß einer anderen
Person verfolge, oder endlich, ob ich, wie im obigen Falle mit der Bewegung der
Billardkugeln, einen fingierten Gedankenprozeß voraussetze, darauf kommt es
nicht an.
402.
Zwei Dinge vertragen sich nicht: tätiges Hervorbringen
und beschauliches Gegenüberstellen.
403.
Das weiß schon das erste Buch Moses.
404.
An den ersten sechs Welttagen läßt es Gott die Welt
hervorbringen, und erst als sie da ist, ist die Möglichkeit vorhanden, sie zu beschauen:
«Und Gott sahe an alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut.»
405.
So ist es auch mit unserem Denken.
406.
Es muß erst da sein, wenn wir es beobachten wollen.
407.
Der Grund, der es uns unmöglich macht, das Denken in
seinem jeweilig gegenwärtigen Verlauf zu beobachten, ist der gleiche wie der,
der es uns unmittelbarer und intimer erkennen läßt als jeden andern Prozeß der
Welt.
408.
Eben weil wir es selbst hervorbringen, kennen wir das
Charakteristische seines Verlaufs, die Art, wie sich das dabei in Betracht
kommende Geschehen vollzieht.
409.
Was in den übrigen Beobachtungssphären nur auf mittelbare
Weise gefunden werden kann: der sachlich-entsprechende Zusammenhang und das
Verhältnis der einzelnen Gegenstände, das wissen wir beim Denken auf ganz unmittelbare
Weise.
410.
Warum für meine Beobachtung der Donner auf den Blitz
folgt, weiß ich nicht ohne weiteres; warum mein Denken den Begriff Donner
mit dem des Blitzes verbindet, weiß ich unmittelbar aus den Inhalten der beiden
Begriffe.
411.
Es kommt natürlich gar nicht darauf an, ob ich die
richtigen Begriffe von Blitz und Donner habe.
412.
Der Zusammenhang derer, die ich habe, ist mir klar, und
zwar durch sie selbst.
413.
Diese durchsichtige Klarheit in bezug auf den Denkprozeß
ist ganz unabhängig von unserer Kenntnis der physiologischen Grundlagen des
Denkens.
414.
Ich spreche hier von dem Denken, insoferne es sich aus
der Beobachtung unserer geistigen Tätigkeit ergibt.
415.
Wie ein materieller Vorgang meines Gehirns einen andern
veranlaßt oder beeinflußt, während ich eine Gedankenoperation ausführe, kommt
dabei gar nicht in Betracht.
416.
Was ich am Denken beobachte, ist nicht: welcher Vorgang
in meinem Gehirne den Begriff des Blitz es mit dem des Donners verbindet,
sondern, was mich veranlaßt, die beiden Begriffe in ein bestimmtes Verhältnis
zu bringen.
417.
Meine Beobachtung ergibt, daß mir für meine
Gedankenverbindungen nichts vorliegt, nach dem ich mich richte, als der Inhalt
meiner Gedanken; nicht nach den materiellen Vorgängen in meinem Gehirn richte
ich mich.
418.
Für ein weniger materialistisches Zeitalter als das
unsrige wäre diese Bemerkung natürlich vollständig überflüssig.
419.
Gegenwärtig aber, wo es Leute gibt, die glauben: wenn wir
wissen, was Materie ist, werden wir auch wissen, wie die Materie denkt, muß
doch gesagt werden, daß man vom Denken reden kann, ohne sogleich mit der
Gehirnphysiologie in Kollision zu treten.
420.
Es wird heute sehr vielen Menschen schwer, den Begriff
des Denkens in seiner Reinheit zu fassen.
421.
Wer der Vorstellung, die ich hier vom Denken entwickelt
habe, sogleich den Satz des Cabanis entgegensetzt: «Das Gehirn sondert
Gedanken ab wie die Leber Galle, die Speicheldrüse Speichel usw.», der weiß
einfach nicht, wovon ich rede.
422.
Er sucht das Denken durch einen bloßen Beobachtungsprozeß
zu finden in derselben Art, wie wir bei anderen Gegenständen des Weltinhaltes
verfahren.
423.
Er kann es aber auf diesem Wege nicht finden, weil es
sich, wie ich nachgewiesen habe, gerade da der normalen Beobachtung entzieht.
424.
Wer den Materialismus nicht überwinden kann, dem fehlt
die Fähigkeit, bei sich den geschilderten Ausnahmezustand herbeizuführen, der
ihm zum Bewußtsein bringt, was bei aller andern Geistestätigkeit unbewußt
bleibt.
425.
Wer den guten Willen nicht hat, sich in diesen Standpunkt
zu versetzen, mit dem könnte man über das Denken so wenig wie mit dem Blinden
über die Farbe sprechen.
426.
Er möge nur aber nicht glauben, daß wir physiologische
Prozesse für Denken halten.
427.
Er erklärt das Denken nicht, weil er es überhaupt nicht
sieht.
428.
Für jeden aber, der die Fähigkeit hat, das Denken zu
beobachten — und bei gutem Willen hat sie jeder normal organisierte Mensch —,
ist diese Beobachtung die allerwichtigste, die er machen kann.
429.
Denn er beobachtet etwas, dessen Hervorbringer er selbst
ist; er sieht sich nicht einem zunächst fremden Gegenstande, sondern seiner
eigenen Tätigkeit gegenüber.
430.
Er weiß, wie das zustande kommt, was er beobachtet.
431.
Er durchschaut die Verhältnisse und Beziehungen.
432.
Es ist ein fester Punkt gewonnen, von dem aus man mit begründeter
Hoffnung nach der Erklärung der übrigen Welterscheinungen suchen kann.
433.
Das Gefühl, einen solchen festen Punkt zu haben,
veranlaßte den Begründer der neueren Philosophie, Renatus Cartesius, das ganze
menschliche Wissen auf den Satz zu gründen: Ich denke, also bin ich.
434.
Alle andern Dinge, alles andere Geschehen ist ohne mich
da; ich weiß nicht, ob als Wahrheit, ob als Gaukelspiel und Traum.
435.
Nur eines weiß ich ganz unbedingt sicher, denn ich bringe
es selbst zu seinem sichern Dasein: mein Denken.
436.
Mag es noch einen andern Ursprung seines Daseins haben,
mag es von Gott oder anderswoher kommen; daß es in dem Sinne da ist, in dem ich
es selbst hervorbringe, dessen bin ich gewiß.
437.
Einen andern Sinn seinem Satze unterzulegen hatte
Cartesius zunächst keine Berechtigung.
438.
Nur daß ich mich innerhalb des Weltinhaltes in meinem
Denken als in meiner ureigensten Tätigkeit erfasse, konnte er behaupten.
439.
Was das darangehängte: also bin ich heißen soll,
darüber ist viel gestritten worden.
440.
Einen Sinn kann es aber nur unter einer einzigen
Bedingung haben.
441.
Die einfachste Aussage, die ich von einem Dinge machen
kann, ist die, daß es ist, daß es existiert.
442.
Wie dann dieses Dasein näher zu bestimmen ist, das ist
bei keinem Dinge, das in den Horizont meiner Erlebnisse eintritt, sogleich im
Augenblicke zu sagen.
443.
Es wird jeder Gegenstand erst in seinem Verhältnisse zu
andern zu untersuchen sein, um bestimmen zu können, in welchem Sinne von ihm
als einem existierenden gesprochen werden kann.
444.
Ein erlebter Vorgang kann eine Summe von Wahrnehmungen,
aber auch ein Traum, eine Halluzination und so weiter sein.
445.
Kurz, ich kann nicht sagen, in welchem Sinne er
existiert.
446.
Das werde ich dem Vorgange selbst nicht entnehmen können,
sondern ich werde es erfahren, wenn ich ihn im Verhältnisse zu andern Dingen
betrachte.
447.
Da kann ich aber wieder nicht mehr wissen, als wie
er im Verhältnisse zu diesen Dingen steht.
448.
Mein Suchen kommt erst auf einen festen Grund, wenn ich
ein Objekt finde, bei dem ich den Sinn seines Daseins aus ihm selbst schöpfen
kann.
449.
Das bin ich aber selbst als Denkender, denn ich gebe
meinem Dasein den bestimmten, in sich beruhenden Inhalt der denkenden
Tätigkeit.
450.
Nun kann ich von da ausgehen und fragen: Existieren die andern
Dinge in dem gleichen oder in einem andern Sinne?
451.
Wenn man das Denken zum Objekt der Beobachtung macht,
fügt man zu dem übrigen beobachteten Weltinhalte etwas dazu, was sonst der
Aufmerksamkeit entgeht; man ändert aber nicht die Art, wie sich der Mensch auch
den andern Dingen gegenüber verhält.
452.
Man vermehrt die Zahl der Beobachtungsobjekte, aber nicht
die Methode des Beobachtens.
453.
Während wir die andern Dinge beobachten, mischt sich in
das Weltgeschehen — zu dem ich jetzt das Beobachten mitzähle — ein Prozeß, der
übersehen wird.
454.
Es ist etwas von allem andern Geschehen verschiedenes
vorhanden, das nicht mitberücksichtigt wird.
455.
Wenn ich aber mein Denken betrachte, so ist kein solches
unberücksichtigtes Element vorhanden.
456.
Denn was jetzt im Hintergrunde schwebt, ist selbst wieder
nur das Denken.
457.
Der beobachtete Gegenstand ist qualitativ derselbe wie
die Tätigkeit, die sich auf ihn richtet.
458.
Und das ist wieder eine charakteristische
Eigentümlichkeit des Denkens.
459.
Wenn wir es zum Betrachtungsobjekt machen, sehen wir uns
nicht gezwungen, dies mit Hilfe eines Qualitativ-Verschiedenen zu tun, sondern
wir können in demselben Element verbleiben.
460.
Wenn ich einen ohne mein Zutun gegebenen Gegenstand in
mein Denken einspinne, so gehe ich über meine Beobachtung hinaus, und es wird
sich darum handeln: was gibt mir ein Recht dazu?
461.
Warum lasse ich den Gegenstand nicht einfach auf mich
einwirken?
462.
Auf welche Weise ist es möglich, daß mein Denken einen
Bezug zu dem Gegenstande hat?
463.
Das sind Fragen, die sich jeder stellen muß, der über
seine eigenen Gedankenprozesse nachdenkt.
464.
Sie fallen weg, wenn man über das Denken selbst
nachdenkt.
465.
Wir fügen zu dem Denken nichts ihm Fremdes hinzu, haben
uns also auch über ein solches Hinzufügen nicht zu rechtfertigen.
466.
Schelling sagt: Die Natur erkennen, heißt die Natur
schaffen.
467.
— Wer diese
Worte des kühnen Naturphilosophen wörtlich nimmt, wird wohl zeitlebens auf
alles Naturerkennen verzichten müssen.
468.
Denn die Natur ist einmal da, und um sie ein zweites Mal
zu schaffen, muß man die Prinzipien erkennen, nach denen sie entstanden ist.
469.
Für die Natur, die man erst schaffen wollte, müßte man
der bereits bestehenden die Bedingungen ihres Daseins abgucken.
470.
Dieses Abgucken, das dem Schaffen vorausgehen müßte, wäre
aber das Erkennen der Natur, und zwar auch dann, wenn nach erfolgtem Abgucken
das Schaffen ganz unterbliebe.
471.
Nur eine noch nicht vorhandene Natur könnte man schaffen,
ohne sie vorher zu erkennen.
472.
Was bei der Natur unmöglich ist: das Schaffen vor dem
Erkennen; beim Denken vollbringen wir es.
473.
Wollten wir mit dem Denken warten, bis wir es erkannt
haben, dann kämen wir nie dazu.
474.
Wir müssen resolut darauf losdenken, um hinterher mittels
der Beobachtung des Selbstgetanen zu seiner Erkenntnis zu kommen.
475.
Der Beobachtung des Denkens schaffen wir selbst erst ein
Objekt.
476.
Für das Vorhandensein aller anderen Objekte ist ohne
unser Zutun gesorgt worden.
477.
Leicht könnte jemand meinem Satze: wir müssen denken,
bevor wir das Denken betrachten können, den andern als gleichberechtigt
entgegenstellen: wir können auch mit dem Verdauen nicht warten, bis wir den
Vorgang des Verdauens beobachtet haben.
478.
Das wäre ein Einwand ähnlich dem, den Pascal dem
Cartesius machte, indem er behauptete, man könne auch sagen: ich gehe
spazieren, also bin ich.
479.
Ganz gewiß muß ich auch resolut verdauen, bevor ich den
physiologischen Prozeß der Verdauung studiert habe.
480.
Aber mit der Betrachtung des Denkens ließe sich das nur
vergleichen, wenn ich die Verdauung hinterher nicht denkend betrachten, sondern
essen und verdauen wollte.
481.
Das ist doch eben auch nicht ohne Grund, daß das Verdauen
zwar nicht Gegenstand des Verdauens, das Denken aber sehr wohl Gegenstand des
Denkens werden kann.
482.
Es ist also zweifellos: in dem Denken halten wir das
Weltgeschehen an einem Zipfel, wo wir dabei sein müssen, wenn etwas
zustandekommen soll.
483.
Und das ist doch gerade das, worauf es ankommt.
484.
Das ist gerade der Grund, warum mir die Dinge so rätselhaft
gegenüberstehen: daß ich an ihrem Zustandekommen so unbeteiligt bin.
485.
Ich finde sie einfach vor; beim Denken aber weiß ich, wie
es gemacht wird.
486.
Daher gibt es keinen ursprünglicheren Ausgangspunkt für
das Betrachten alles Weltgeschehens als das Denken.
487.
Ich möchte nun einen weitverbreiteten Irrtum noch
erwähnen, der in bezug auf das Denken herrscht.
488.
Er besteht darin, daß man sagt: das Denken, so wie es an
sich selbst ist, ist uns nirgends gegeben.
489.
Das Denken, das die Beobachtungen unserer Erfahrungen
verbindet und mit einem Netz von Begriffen durchspinnt, sei durchaus nicht
dasselbe, wie dasjenige, das wir hinterher wieder von den Gegenständen der
Beobachtung herausschälen und zum Gegenstande unserer Betrachtung machen.
490.
Was wir erst unbewußt in die Dinge hineinweben, sei ein
ganz anderes, als was wir dann mit Bewußtsein wieder herauslösen.
491.
Wer so schließt, der begreift nicht, daß es ihm auf diese
Art gar nicht möglich ist, dem Denken zu entschlüpfen.
492.
Ich kann aus dem Denken gar nicht herauskommen, wenn ich
das Denken betrachten will.
493.
Wenn man das vorbewußte Denken von dem nachher bewußten
Denken unterscheidet, so sollte man doch nicht vergessen, daß diese
Unterscheidung eine ganz äußerliche ist, die mit der Sache selbst gar nichts zu
tun hat.
494.
Ich mache eine Sache dadurch überhaupt nicht zu einer
andern, daß ich sie denkend betrachte.
495.
Ich kann mir denken, daß ein Wesen mit ganz anders
gearteten Sinnesorganen und mit einer anders funktionierenden Intelligenz von
einem Pferde eine ganz andere Vorstellung habe als ich, aber ich kann mir nicht
denken, daß mein eigenes Denken dadurch ein anderes wird, daß ich es beobachte.
496.
Ich beobachte selbst, was ich selbst vollbringe.
497.
Wie mein Denken sich für eine andere Intelligenz ausnimmt
als die meine, davon ist jetzt nicht die Rede; sondern davon, wie es sich für
mich ausnimmt.
498.
Jedenfalls aber kann das Bild meines Denkens in
einer andern Intelligenz nicht ein wahreres sein als mein eigenes.
499.
Nur wenn ich nicht selbst das denkende Wesen wäre,
sondern das Denken mir als Tätigkeit eines mir fremdartigen Wesens
gegenüberträte, könnte ich davon sprechen, daß mein Bild des Denkens zwar auf
eine bestimmte Weise auftrete; wie das Denken des Wesens aber an sich selber
sei, das könne ich nicht wissen.
500.
Mein eigenes Denken von einem anderen Standpunkte aus
anzusehen, liegt aber vorläufig für mich nicht die geringste Veranlassung vor.
501.
Ich betrachte ja die ganze übrige Welt mit Hilfe des
Denkens.
502.
Wie sollte ich bei meinem Denken hiervon eine Ausnahme
machen?
503.
Damit betrachte ich für genügend gerechtfertigt, wenn ich
in meiner Weltbetrachtung von dem Denken ausgehe.
504.
Als Archimedes den Hebel erfunden hatte, da glaubte er
mit seiner Hilfe den ganzen Kosmos aus den Angeln heben zu können, wenn er nur
einen Punkt fände, wo er sein Instrument aufstützen könnte.
505.
Er brauchte etwas, was durch sich selbst, nicht durch
anderes getragen wird.
506.
Im Denken haben wir ein Prinzip, das durch sich selbst
besteht.
507.
Von hier aus sei es versucht, die Welt zu begreifen.
508.
Das Denken können wir durch es selbst erfassen.
509.
Die Frage ist nur, ob wir durch dasselbe auch noch etwas
anderes ergreifen können.
510.
Ich habe bisher von dem Denken gesprochen, ohne auf
seinen Träger, das menschliche Bewußtsein, Rücksicht zu nehmen.
511.
Die meisten Philosophen der Gegenwart werden mir
einwenden: bevor es ein Denken gibt, muß es ein Bewußtsein geben.
512.
Deshalb sei vom Bewußtsein und nicht vom Denken
auszugehen.
513.
Es gebe kein Denken ohne Bewußtsein.
514.
Ich muß dem gegenüber erwidern: Wenn ich darüber
Aufklärung haben will, welches Verhältnis zwischen Denken und Bewußtsein
besteht, so muß ich darüber nachdenken.
515.
Ich setze das Denken damit voraus.
516.
Nun kann man darauf allerdings antworten: Wenn der
Philosoph das Bewußtsein begreifen will, dann bedient er sich des
Denkens; er setzt es insoferne voraus; im gewöhnlichen Verlaufe des Lebens aber
entsteht das Denken innerhalb des Bewußtseins und setzt also dieses voraus.
517.
Wenn diese Antwort dem Weltschöpfer gegeben würde, der
das Denken schaffen will, so wäre sie ohne Zweifel berechtigt.
518.
Man kann natürlich das Denken nicht entstehen lassen,
ohne vorher das Bewußtsein zustande zu bringen.
519.
Dem Philosophen aber handelt es sich nicht um die
Weltschöpfung, sondern um das Begreifen derselben.
520.
Er hat daher auch nicht die Ausgangspunkte für das
Schaffen, sondern für das Begreifen der Welt zu suchen.
521.
Ich finde es ganz sonderbar, wenn man dem Philosophen
vorwirft, daß er sich vor allen andern Dingen um die Richtigkeit seiner
Prinzipien, nicht aber sogleich um die Gegenstände bekümmert, die er begreifen
will.
522.
Der Weltschöpfer mußte vor allem wissen, wie er einen
Träger für das Denken findet, der Philosoph aber muß nach einer sichern
Grundlage suchen, von der aus er das Vorhandene begreifen kann.
523.
Was frommt es uns, wenn wir vom Bewußtsein ausgehen und
es der denkenden Betrachtung unterwerfen, wenn wir vorher über die Möglichkeit,
durch denkende Betrachtung Aufschluß über die Dinge zu bekommen, nichts
wissen?
524.
Wir müssen erst das Denken ganz neutral, ohne Beziehung
auf ein denkendes Subjekt oder ein gedachtes Objekt betrachten.
525.
Denn in Subjekt und Objekt haben wir bereits Begriffe,
die durch das Denken gebildet sind.
526.
Es ist nicht zu leugnen: Ehe anderes begriffen werden
kann, muß es das Denken werden.
527.
Wer es leugnet, der übersieht, daß er als Mensch nicht
ein Anfangsglied der Schöpfung, sondern deren Endglied ist.
528.
Man kann deswegen behufs Erklärung der Welt durch
Begriffe nicht von den zeitlich ersten Elementen des Daseins ausgehen, sondern
von dem, was uns als das Nächste, als das Intimste gegeben ist.
529.
Wir können uns nicht mit einem Sprunge an den Anfang der
Welt versetzen, um da unsere Betrachtung anzufangen, sondern wir müssen von dem
gegenwärtigen Augenblick ausgehen und sehen, ob wir von dem Späteren zu dem
Früheren aufsteigen können.
530.
Solange die Geologie von erdichteten Revolutionen
gesprochen hat, um den gegenwärtigen Zustand der Erde zu erklären, solange
tappte sie in der Finsternis.
531.
Erst als sie ihren Anfang damit machte, zu untersuchen,
welche Vorgänge gegenwärtig noch auf der Erde sich abspielen und von diesen
zurückschloß auf das Vergangene, hatte sie einen sicheren Boden gewonnen.
532.
Solange die Philosophie alle möglichen Prinzipien
annehmen wird, wie Atom, Bewegung, Materie, Wille, Unbewußtes, wird sie in der
Luft schweben.
533.
Erst wenn der Philosoph das absolut Letzte als sein
Erstes ansehen wird, kann er zum Ziele kommen.
534.
Dieses absolut Letzte, zu dem es die Weltentwickelung
gebracht hat, ist aber das Denken.
535.
Es gibt Leute, die sagen: ob unser Denken an sich richtig
sei oder nicht, können wir aber doch nicht mit Sicherheit feststellen.
536.
Insoferne bleibt also der Ausgangspunkt jedenfalls ein
zweifelhafter.
537.
Das ist gerade so vernünftig gesprochen, wie wenn man Zweifel
hegt, ob ein Baum an sich richtig sei oder nicht.
538.
Das Denken ist eine Tatsache; und über die Richtigkeit
oder Falschheit einer solchen zu sprechen, ist sinnlos.
539.
Ich kann höchstens darüber Zweifel haben, ob das Denken richtig
verwendet wird, wie ich zweifeln kann, ob ein gewisser Baum ein entsprechendes
Holz zu einem zweckmäßigen Gerät gibt.
540.
Zu zeigen, inwieferne die Anwendung des Denkens auf die
Welt eine richtige oder falsche ist, wird gerade Aufgabe dieser Schrift sein.
541.
Ich kann es verstehen, wenn jemand Zweifel hegt, daß
durch das Denken über die Welt etwas ausgemacht werden kann; das aber ist mir
unbegreiflich, wie jemand die Richtigkeit des Denkens an sich anzweifeln kann.
542.
543.
Zusatz zur Neuausgabe 1918
544.
In den vorangehenden Ausführungen wird auf den
bedeutungsvollen Unterschied zwischen dem Denken und allen andern
Seelentätigkeiten hingewiesen als auf eine Tatsache, die sich einer wirklich
unbefangenen Beobachtung ergibt.
545.
Wer diese unbefangene Beobachtung nicht anstrebt, der
wird gegen diese Ausführungen versucht sein, Einwendungen zu machen wie diese:
wenn ich über eine Rose denke, so ist damit doch auch nur ein Verhältnis meines
«Ich» zur Rose ausgedrückt, wie wenn ich die Schönheit der Rose fühle.
546.
Es bestehe geradeso ein Verhältnis zwischen «Ich» und
Gegenstand beim Denken, wie zum Beispiel beim Fühlen oder Wahrnehmen.
547.
Wer diesen Einwand macht, der zieht nicht in Erwägung,
daß nur in der Betätigung des Denkens das «Ich» bis in alle
Verzweigungen der Tätigkeit sich mit dem Tätigen als ein Wesen weiß.
548.
Bei keiner andern Seelentätigkeit ist dies restlos der
Fall.
549.
Wenn zum Beispiel eine Lust gefühlt wird, kann eine
feinere Beobachtung sehr wohl unterscheiden, inwieferne das
550.
«Ich» sich mit einem Tätigen eins weiß und inwiefern in
ihm ein Passives vorhanden ist, so daß die Lust für das «Ich» bloß auftritt.
551.
Und so ist es auch bei den andern Seelenbetätigungen.
552.
Man sollte nur nicht verwechseln: «Gedankenbilder haben»
und Gedanken durch das Denken verarbeiten.
553.
Gedankenbilder können traumhaft, wie vage Eingebungen in
der Seele auftreten.
554.
Ein Denken ist dieses nicht.
555.
— Allerdings
könnte nun jemand sagen: wenn das Denken so gemeint ist, steckt das Wollen in
dem Denken drinnen, und man habe es dann nicht bloß mit dem Denken, sondern
auch mit dem Wollen des Denkens zu tun.
556.
Doch würde dies nur berechtigen zu sagen: das wirkliche
Denken muß immer gewollt sein.
557.
Nur hat dies mit der Kennzeichnung des Denkens, wie sie
in diesen Ausführungen gemacht ist, nichts zu schaffen.
558.
Mag es das Wesen des Denkens immerhin notwendig machen,
daß dieses gewollt wird: es kommt darauf an, daß nichts gewollt wird,
was, indem es sich vollzieht, vor dem «Ich» nicht restlos als seine eigene, von
ihm überschaubare Tätigkeit erscheint.
559.
Man muß sogar sagen, wegen der hier geltend
gemachten Wesenheit des Denkens erscheint dieses dem Beobachter als durch und
durch gewollt.
560.
Wer alles, was für die Beurteilung des Denkens in
Betracht kommt, wirklich zu durchschauen sich bemüht, der wird nicht umhin
können, zu bemerken, daß dieser Seelenbetätigung die Eigenheit zukommt, von der
hier gesprochen ist.
561.
Von einer Persönlichkeit, welche der Verfasser dieses
Buches als Denker sehr hochschätzt, ist ihm eingewendet worden, daß so, wie es
hier geschieht, nicht über das Denken gesprochen werden könne, weil es nur ein
Schein sei, was man als tätiges Denken zu beobachten glaube.
562.
In Wirklichkeit beobachte man nur die Ergebnisse einer
nicht bewußten Tätigkeit, die dem Denken zugrunde liegt.
563.
Nur weil diese nicht bewußte Tätigkeit eben nicht
beobachtet werde, entstehe die Täuschung, es bestehe das beobachtete Denken
durch sich selbst, wie wenn man bei rasch aufeinanderfolgender Beleuchtung
durch elektrische Funken eine Bewegung zu sehen glaubt.
564.
Auch dieser Einwand beruht nur auf einer ungenauen
Anschauung der Sachlage.
565.
Wer ihn macht, berücksichtigt nicht, daß es das «Ich»
selbst ist, das im Denken drinnen stehend seine Tätigkeit
beobachtet.
566.
Es müßte das «Ich» außer dem Denken stehen, wenn es so
getäuscht werden könnte, wie bei rasch aufeinanderfolgender Beleuchtung durch
elektrische Funken.
567.
Man könnte vielmehr sagen: wer einen solchen Vergleich
macht, der täuscht sich gewaltsam etwa wie jemand, der von einem in Bewegung begriffenen
Licht durchaus sagen wollte: es wird an jedem Orte, an dem es erscheint, von
unbekannter Hand neu angezündet.
568.
— Nein, wer in
dem Denken etwas anderes sehen will als das im «Ich» selbst als überschaubare
Tätigkeit Hervorgebrachte, der muß sich erst für den einfachen, der Beobachtung
vorliegenden Tatbestand blind machen, um dann eine hypothetische Tätigkeit dem
Denken zugrunde legen zu können.
569.
Wer sich nicht so blind macht, der muß erkennen, daß
alles, was er in dieser Art zu dem Denken «hinzudenkt», aus dem Wesen des
Denkens herausführt.
570.
Die unbefangene Beobachtung ergibt, daß nichts zum Wesen
des Denkens gerechnet werden kann, was nicht im Denken selbst gefunden
wird.
571.
Man kann nicht zu etwas kommen, was das Denken bewirkt,
wenn man den Bereich des Denkens verläßt.
572.
573. Kapitel 4 -
Die Welt als Wahrnehmung
574.
Durch das Denken entstehen Begriffe und Ideen.
575.
Was ein Begriff ist, kann nicht mit Worten gesagt werden.
576.
Worte können nur den Menschen darauf aufmerksam machen,
daß er Begriffe habe.
577.
Wenn jemand einen Baum sieht, so reagiert sein Denken auf
seine Beobachtung; zu dem Gegenstande tritt ein ideelles Gegenstück hinzu, und
er betrachtet den Gegenstand und das ideelle Gegenstück als zusammengehörig.
578.
Wenn der Gegenstand aus seinem Beobachtungsfelde verschwindet,
so bleibt nur das ideelle Gegenstück davon zurück.
579.
Das letztere ist der Begriff des Gegenstandes.
580.
Je mehr sich unsere Erfahrung erweitert, desto größer
wird die Summe unserer Begriffe.
581.
Die Begriffe stehen aber durchaus nicht vereinzelt da.
582.
Sie schließen sich zu einem gesetzmäßigen Ganzen
zusammen.
583.
Der Begriff «Organismus» schließt sich zum Beispiel an
die andern: «gesetzmäßige Entwickelung, Wachstum» an.
584.
Andere an Einzeldingen gebildete Begriffe fallen völlig
in eins zusammen.
585.
Alle Begriffe, die ich mir von Löwen bilde, fallen in den
Gesamtbegriff «Löwe» zusammen.
586.
Auf diese Weise verbinden sich die einzelnen Begriffe zu
einem geschlossenen Begriffssystem, in dem jeder seine besondere Stelle hat.
587.
Ideen sind qualitativ von Begriffen nicht verschieden.
588.
Sie sind nur inhaltsvollere, gesättigtere und
umfangreichere Begriffe.
589.
Ich muß einen besonderen Wert darauf legen, daß hier an
dieser Stelle beachtet werde, daß ich als meinen Ausgangspunkt das Denken bezeichnet
habe und nicht Begriffe und Ideen, die erst durch das Denken
gewonnen werden.
590.
Diese setzen das Denken bereits voraus.
591.
Es kann daher, was ich in bezug auf die in sich selbst
ruhende, durch nichts bestimmte Natur des Denkens gesagt habe, nicht einfach
auf die Begriffe übertragen werden.
592.
(Ich bemerke das hier ausdrücklich, weil hier meine
Differenz mit Hegel liegt.
593.
Dieser setzt den Begriff als Erstes und Ursprüngliches.)
594.
Der Begriff kann nicht aus der Beobachtung gewonnen
werden.
595.
Das geht schon aus dem Umstande hervor, daß der heranwachsende
Mensch sich langsam und allmählich erst die Begriffe zu den Gegenständen
bildet, die ihn umgeben.
596.
Die Begriffe werden zu der Beobachtung hinzugefügt.
597.
Ein vielgelesener Philosoph der Gegenwart (Herbert
Spencer) schildert den geistigen Prozeß, den wir gegenüber der Beobachtung
vollziehen, folgendermaßen:
598.
«Wenn wir an einem Septembertag durch die Felder
wandelnd, wenige Schritte vor uns ein Geräusch hören und an der Seite des
Grabens, von dem es herzukommen schien, das Gras in Bewegung sehen, so werden
wir wahrscheinlich auf die Stelle losgehen, um zu erfahren, was das Geräusch
und die Bewegung hervorbrachte.
599.
Bei unserer Annäherung flattert ein Rebhuhn in den
Graben, und damit ist unsere Neugierde befriedigt: wir haben, was wir eine
Erklärung der Erscheinungen nennen.
600.
Diese Erklärung läuft, wohlgemerkt, auf folgendes hinaus:
weil wir im Leben unendlich oft erfahren haben, daß eine Störung der ruhigen
Lage kleiner Körper die Bewegung anderer zwischen ihnen befindlicher Körper begleitet,
und weil wir deshalb die Beziehungen zwischen solchen Störungen und solchen
Bewegungen verallgemeinert haben, so halten wir diese besondere Störung für
erklärt, sobald wir finden, daß sie ein Beispiel eben dieser Beziehung
darbietet.»
601.
Genauer besehen stellt sich die Sache ganz anders dar,
als sie hier beschrieben ist.
602.
Wenn ich ein Geräusch höre, so suche ich zunächst den
Begriff für diese Beobachtung.
603.
Dieser Begriff erst weist mich über das Geräusch hinaus.
604.
Wer nicht weiter nachdenkt, der hört eben das Geräusch
und gibt sich damit zufrieden.
605.
Durch mein Nachdenken aber ist mir klar, daß ich ein
Geräusch als Wirkung aufzufassen habe.
606.
Also erst wenn ich den Begriff der Wirkung mit der
Wahrnehmung des Geräusches verbinde, werde ich veranlaßt, über die
Einzelbeobachtung hinauszugehen und nach der Ursache zu suchen.
607.
Der Begriff der Wirkung ruft den der Ursache hervor, und
ich suche dann nach dem verursachenden Gegenstande, den ich in der Gestalt des
Rebhuhns finde.
608.
Diese Begriffe, Ursache und Wirkung, kann ich aber
niemals durch bloße Beobachtung, und erstrecke sie sich auf noch so viele
Fälle, gewinnen.
609.
Die Beobachtung fordert das Denken heraus, und erst
dieses ist es, das mir den Weg weist, das einzelne Erlebnis an ein anderes
anzuschließen.
610.
Wenn man von einer «streng objektiven Wissenschaft»
fordert, daß sie ihren Inhalt nur der Beobachtung entnehme, so muß man zugleich
fordern, daß sie auf alles Denken verzichte.
611.
Denn dieses geht seiner Natur nach über das Beobachtete
hinaus.
612.
Nun ist es am Platze, von dem Denken auf das denkende
Wesen überzugehen.
613.
Denn durch dieses wird das Denken mit der Beobachtung
verbunden.
614.
Das menschliche Bewußtsein ist der Schauplatz, wo Begriff
und Beobachtung einander begegnen und wo sie miteinander verknüpft werden.
615.
Dadurch ist aber dieses (menschliche) Bewußtsein zugleich
charakterisiert.
616.
Es ist der Vermittler zwischen Denken und Beobachtung.
617.
Insoferne der Mensch einen Gegenstand beobachtet, erscheint
ihm dieser als gegeben, insoferne er denkt, erscheint er sich selbst als tätig.
618.
Er betrachtet den Gegenstand als Objekt, sich
selbst als das denkende Subjekt.
619.
Weil er sein Denken auf die Beobachtung richtet, hat er
Bewußtsein von den Objekten; weil er sein Denken auf sich richtet, hat er
Bewußtsein seiner selbst oder Selbstbewußtsein.
620.
Das menschliche Bewußtsein muß notwendig zugleich
Selbstbewußtsein sein, weil es denkendes Bewußtsein ist.
621.
Denn wenn das Denken den Blick auf seine eigene Tätigkeit
richtet, dann hat es seine ureigene Wesenheit, also sein Subjekt, als Objekt
zum Gegenstande.
622.
Nun darf aber nicht übersehen werden, daß wir uns nur mit
Hilfe des Denkens als Subjekt bestimmen und uns den Objekten entgegensetzen
können.
623.
Deshalb darf das Denken niemals als eine bloß subjektive
Tätigkeit aufgefaßt werden.
624.
Das Denken ist jenseits von Subjekt und Objekt.
625.
Es bildet diese beiden Begriffe ebenso wie alle anderen.
626.
Wenn wir als denkendes Subjekt also den Begriff auf ein
Objekt beziehen, so dürfen wir diese Beziehung nicht als etwas bloß Subjektives
auffassen.
627.
Nicht das Subjekt ist es, welches die Beziehung
herbeiführt, sondern das Denken.
628.
Das Subjekt denkt nicht deshalb, weil es Subjekt ist;
sondern es erscheint sich als ein Subjekt, weil es zu denken vermag.
629.
Die Tätigkeit, die der Mensch als denkendes Wesen
ausübt, ist also keine bloß subjektive, sondern eine solche, die weder
subjektiv noch objektiv ist, eine über diese beiden Begriffe hinausgehende.
630.
Ich darf niemals sagen, daß mein individuelles Subjekt
denkt; dieses lebt vielmehr selbst von des Denkens Gnaden.
631.
Das Denken ist somit ein Element, das mich über mein
Selbst hinausführt und mit den Objekten verbindet.
632.
Aber es trennt mich zugleich von ihnen, indem es mich
ihnen als Subjekt gegenüberstellt.
633.
Darauf beruht die Doppelnatur des Menschen: er denkt und
umschließt damit sich selbst und die übrige Welt; aber er muß sich mittels des
Denkens zugleich als ein den Dingen gegenüberstehendes Individuum bestimmen.
634.
Das nächste wird nun sein, uns zu fragen: Wie kommt das
andere Element, das wir bisher bloß als Beobachtungsobjekt bezeichnet haben,
und das sich mit dem Denken im Bewußtsein begegnet, in das letztere?
635.
Wir müssen, um diese Frage zu beantworten, aus unserem
Beobachtungsfelde alles aussondern, was durch das Denken bereits in dasselbe
hineingetragen worden ist.
636.
Denn unser jeweiliger Bewußtseinsinhalt ist immer schon
mit Begriffen in der mannigfachsten Weise durchsetzt.
637.
Wir müssen uns vorstellen, daß ein Wesen mit vollkommen entwickelter
menschlicher Intelligenz aus dem Nichts entstehe und der Welt gegenübertrete.
638.
Was es da gewahr würde, bevor es das Denken in Tätigkeit
bringt, das ist der reine Beobachtungsinhalt.
639.
Die Welt zeigte dann diesem Wesen nur das bloße
zusammenhanglose Aggregat von Empfindungsobjekten: Farben, Töne, Druck-,
Wärme-, Geschmacks- und Geruchsempfindungen; dann Lust und Unlustgefühle.
640.
Dieses Aggregat ist der Inhalt der reinen, gedankenlosen
Beobachtung.
641.
Ihm gegenüber steht das Denken, das bereit ist, seine
Tätigkeit zu entfalten, wenn sich ein Angriffspunkt dazu findet.
642.
Die Erfahrung lehrt bald, daß er sich findet.
643.
Das Denken ist imstande, Fäden zu ziehen von einem
Beobachtungselement zum andern.
644.
Es verknüpft mit diesen Elementen bestimmte Begriffe und
bringt sie dadurch in ein Verhältnis.
645.
Wir haben oben bereits gesehen, wie ein uns begegnendes
Geräusch mit einer anderen Beobachtung dadurch verbunden wird, daß wir das
erstere als Wirkung der letzteren bezeichnen.
646.
Wenn wir uns nun daran erinnern, daß die Tätigkeit des
Denkens durchaus nicht als eine subjektive aufzufassen ist, so werden wir auch
nicht versucht sein zu glauben, daß solche Beziehungen, die durch das Denken
hergestellt sind, bloß eine subjektive Geltung haben.
647.
Es wird sich jetzt darum handeln, durch denkende
Überlegung die Beziehung zu suchen, die der oben angegebene unmittelbar
gegebene Beobachtungsinhalt zu unserem bewußten Subjekt hat.
648.
Bei dem Schwanken des Sprachgebrauches erscheint es mir
geboten, daß ich mich mit meinem Leser über den Gebrauch eines Wortes
verständige, das ich im folgenden anwenden muß.
649.
Ich werde die unmittelbaren Empfindungsobjekte, die ich
oben genannt habe, insoferne das bewußte Subjekt von ihnen durch Beobachtung
Kenntnis nimmt, Wahrnehmungen nennen.
650.
Also nicht den Vorgang der Beobachtung, sondern das Objekt
dieser Beobachtung bezeichne ich mit diesem Namen.
651.
Ich wähle den Ausdruck Empfindung nicht, weil
dieser in der Physiologie eine bestimmte Bedeutung hat, die enger ist als die
meines Begriffes von Wahrnehmung.
652.
Ein Gefühl in mir selbst kann ich wohl als Wahrnehmung,
nicht aber als Empfindung im physiologischen Sinne bezeichnen.
653.
Auch von meinem Gefühle erhalte ich dadurch Kenntnis, daß
es Wahrnehmung für mich wird.
654.
Und die Art, wie wir durch Beobachtung Kenntnis von
unserem Denken erhalten, ist eine solche, daß wir auch das Denken in seinem
ersten Auftreten für unser Bewußtsein Wahrnehmung nennen können.
655.
Der naive Mensch betrachtet seine Wahrnehmungen in dem
Sinne, wie sie ihm unmittelbar erscheinen, als Dinge, die ein von ihm ganz
unabhängiges Dasein haben.
656.
Wenn er einen Baum sieht, so glaubt er zunächst, daß
dieser in der Gestalt, die er sieht, mit den Farben, die seine Teile haben
usw., dort an dem Orte stehe, wohin der Blick gerichtet ist.
657.
Wenn derselbe Mensch morgens die Sonne als eine Scheibe
am Horizonte erscheinen sieht und den Lauf dieser Scheibe verfolgt, so ist er
der Meinung, daß das alles in dieser Weise (an sich) bestehe und vorgehe, wie
er es beobachtet.
658.
Er hält so lange an diesem Glauben fest, bis er anderen
Wahrnehmungen begegnet, die jenen widersprechen.
659.
Das Kind, das noch keine Erfahrungen über Entfernungen
hat, greift nach dem Monde und stellt das, was es nach dem ersten Augenschein
für wirklich gehalten hat, erst richtig, wenn eine zweite Wahrnehmung sich mit
der ersten im Widerspruch befindet.
660.
Jede Erweiterung des Kreises meiner Wahrnehmungen nötigt
mich, mein Bild der Welt zu berichtigen.
661.
Das zeigt sich im täglichen Leben ebenso wie in der
Geistesentwickelung der Menschheit.
662.
Das Bild, das sich die Alten von der Beziehung der Erde
zu der Sonne und den andern Himmelskörpern machten, mußte von Kopernikus durch
ein anderes ersetzt werden, weil es mit Wahrnehmungen, die früher unbekannt waren,
nicht zusammenstimmte.
663.
Als Dr. Franz einen Blindgeborenen operierte, sagte
dieser, daß er sich vor seiner Operation durch die Wahrnehmungen seines
Tastsinnes ein ganz anderes Bild von der Größe der Gegenstände gemacht habe.
664.
Er mußte seine Tastwahrnehmungen durch seine
Gesichtswahrnehmungen berichtigen.
665.
Woher kommt es, daß wir zu solchen fortwährenden
Richtigstellungen unserer Beobachtungen gezwungen sind?
666.
Eine einfache Überlegung bringt die Antwort auf diese
Frage.
667.
Wenn ich an dem einen Ende einer Allee stehe, so
erscheinen mir die Bäume an dem andern, von mir entfernten Ende kleiner und
näher aneinandergerückt als da, wo ich stehe.
668.
Mein Wahrnehmungsbild wird ein anderes, wenn ich den Ort
ändere, von dem aus ich meine Beobachtungen mache.
669.
Es ist also in der Gestalt, in der es an mich herantritt,
abhängig von einer Bestimmung, die nicht an dem Objekte hängt, sondern die mir,
dem Wahrnehmenden, zukommt.
670.
Es ist für eine Allee ganz gleichgültig, wo ich stehe.
671.
Das Bild aber, das ich von ihr erhalte, ist wesentlich
davon abhängig.
672.
Ebenso ist es für die Sonne und das Planetensystem
gleichgültig, daß die Menschen sie gerade von der Erde aus ansehen.
673.
Das Wahrnehmungsbild aber, das sich diesen darbietet, ist
durch diesen ihren Wohnsitz bestimmt.
674.
Diese Abhängigkeit des Wahrnehmungsbildes von unserem
Beobachtungsorte ist diejenige, die am leichtesten zu durchschauen ist.
675.
Schwieriger wird die Sache schon, wenn wir die
Abhängigkeit unserer Wahrnehmungswelt von unserer leiblichen und geistigen
Organisation kennen lernen.
676.
Der Physiker zeigt uns, daß innerhalb des Raumes, in dem
wir einen Schall hören, Schwingungen der Luft stattfinden, und daß auch der
Körper, in dem wir den Ursprung des Schalles suchen, eine schwingende Bewegung
seiner Teile aufweist.
677.
Wir nehmen diese Bewegung nur als Schall wahr, wenn wir
ein normal organisiertes Ohr haben.
678.
Ohne ein solches bliebe uns die ganze Welt ewig stumm.
679.
Die Physiologie belehrt uns darüber, daß es Menschen gibt,
die nichts wahrnehmen von der herrlichen Farbenpracht, die uns umgibt.
680.
Ihr Wahrnehmungsbild weist nur Nuancen von Hell und
Dunkel auf.
681.
Andere nehmen nur eine bestimmte Farbe, zum Beispiel das
Rot, nicht wahr.
682.
Ihrem Weltbilde fehlt dieser Farbenton, und es ist daher
tatsächlich ein anderes als das eines Durchschnittsmenschen.
683.
Ich möchte die Abhängigkeit meines Wahrnehmungsbildes von
meinem Beobachtungsorte eine mathematische, die von meiner Organisation eine
qualitative nennen.
684.
Durch jene werden die Größenverhältnisse und
gegenseitigen Entfernungen meiner Wahrnehmungen bestimmt, durch diese die
Qualität derselben.
685.
Daß ich eine rote Fläche rot sehe — diese qualitative
Bestimmung — hängt von der Organisation meines Auges ab.
686.
Meine Wahrnehmungsbilder sind also zunächst subjektiv.
687.
Die Erkenntnis von dem subjektiven Charakter unserer
Wahrnehmungen kann leicht zu Zweifeln darüber führen, ob überhaupt etwas
Objektives denselben zum Grunde liegt.
688.
Wenn wir wissen, daß eine Wahrnehmung, zum Beispiel die
der roten Farbe, oder eines bestimmten Tones nicht möglich ist ohne eine
bestimmte Einrichtung unseres Organismus, so kann man zu dem Glauben kommen,
daß dieselbe, abgesehen von unserem subjektiven Organismus, keinen Bestand
habe, daß sie ohne den Akt des Wahrnehmens, dessen Objekt sie ist, keine Art
des Daseins hat.
689.
Diese Ansicht hat in George Berkeley einen
klassischen Vertreter gefunden, der der Meinung war, daß der Mensch von dem
Augenblicke an, wo er sich der Bedeutung des Subjekts für die Wahrnehmung bewußt
geworden ist, nicht mehr an eine ohne den bewußten Geist vorhandene Welt
glauben könne.
690.
Er sagt: «Einige Wahrheiten liegen so nahe und sind so
einleuchtend, daß man nur die Augen zu öffnen braucht, um sie zu sehen.
691.
Für eine solche halte ich den wichtigen Satz, daß der
ganze Chor am Himmel und alles, was zur Erde gehört, mit einem Worte alle die
Körper, die den gewaltigen Bau der Welt zusammensetzen, keine Subsistenz
außerhalb des Geistes haben, daß ihr Sein in ihrem Wahrgenommen- oder
Erkanntwerden besteht, daß sie folglich, solange sie nicht wirklich von mir
wahrgenommen werden oder in meinem Bewußtsein oder dem eines anderen
geschaffenen Geistes existieren, entweder überhaupt keine Existenz haben oder
in dem Bewußtsein eines ewigen Geistes existieren.»
692.
Für diese Ansicht bleibt von der Wahrnehmung nichts mehr
übrig, wenn man von dem Wahrgenommenwerden absieht.
693.
Es gibt keine Farbe, wenn keine gesehen, keinen Ton, wenn
keiner gehört wird.
694.
Ebensowenig wie Farbe und Ton existieren Ausdehnung,
Gestalt und Bewegung außerhalb des Wahrnehmungsaktes.
695.
Wir sehen nirgends bloße Ausdehnung oder Gestalt, sondern
diese immer mit Farbe oder andern unbestreitbar von unserer Subjektivität
abhängigen Eigenschaften verknüpft.
696.
Wenn die letzteren mit unserer Wahrnehmung verschwinden,
so muß das auch bei den ersteren der Fall sein, die an sie gebunden sind.
697.
Dem Einwand, daß, wenn auch Figur, Farbe, Ton usw. keine
andere Existenz als die innerhalb des Wahrnehmungsaktes haben, es doch Dinge
geben müsse, die ohne das Bewußtsein da sind und denen die bewußten
Wahrnehmungsbilder ähnlich seien, begegnet die geschilderte Ansicht damit, daß
sie sagt: eine Farbe kann nur ähnlich einer Farbe, eine Figur ähnlich einer
Figur sein.
698.
Unsere Wahrnehmungen können nur unseren Wahrnehmungen,
aber keinerlei anderen Dingen ähnlich sein.
699.
Auch was wir einen Gegenstand nennen, ist nichts anderes
als eine Gruppe von Wahrnehmungen, die in einer bestimmten Weise verbunden
sind.
700.
Nehme ich von einem Tische Gestalt, Ausdehnung, Farbe
usw., kurz alles, was nur meine Wahrnehmung ist, weg, so bleibt nichts mehr
übrig.
701.
Diese Ansicht führt, konsequent verfolgt, zu der
Behauptung: Die Objekte meiner Wahrnehmungen sind nur durch mich vorhanden, und
zwar nur insoferne und solange ich sie wahrnehme; sie verschwinden mit dem
Wahrnehmen und haben keinen Sinn ohne dieses.
702.
Außer meinen Wahrnehmungen weiß ich aber von keinen
Gegenständen und kann von keinen wissen.
703.
Gegen diese Behauptung ist so lange nichts einzuwenden,
als ich bloß im allgemeinen den Umstand in Betracht ziehe, daß die Wahrnehmung
von der Organisation meines Subjektes mitbestimmt wird.
704.
Wesentlich anders stellte sich die Sache aber, wenn wir
imstande wären, anzugeben, welches die Funktion unseres Wahrnehmens beim
Zustandekommen einer Wahrnehmung ist.
705.
Wir wüßten dann, was an der Wahrnehmung während des
Wahrnehmens geschieht, und könnten auch bestimmen, was an ihr schon sein muß,
bevor sie wahrgenommen wird.
706.
Damit wird unsere Betrachtung von dem Objekt der Wahrnehmung
auf das Subjekt derselben abgeleitet.
707.
Ich nehme nicht nur andere Dinge wahr, sondern ich nehme
mich selbst wahr.
708.
Die Wahrnehmung meiner selbst hat zunächst den Inhalt,
daß ich das Bleibende bin gegenüber den immer kommenden und gehenden Wahrnehmungsbildern.
709.
Die Wahrnehmung des Ich kann in meinem Bewußtsein stets
auftreten, während ich andere Wahrnehmungen habe.
710.
Wenn ich in die Wahrnehmung eines gegebenen Gegenstandes
vertieft bin, so habe ich vorläufig nur von diesem ein Bewußtsein.
711.
Dazu kann dann die Wahrnehmung meines Selbst treten.
712.
Ich bin mir nunmehr nicht bloß des Gegenstandes bewußt,
sondern auch meiner Persönlichkeit, die dem Gegenstand gegenüber steht und ihn
beobachtet.
713.
Ich sehe nicht bloß einen Baum, sondern ich weiß auch,
daß ich es bin, der ihn sieht.
714.
Ich erkenne auch, daß in mir etwas vorgeht, während ich
den Baum beobachte.
715.
Wenn der Baum aus meinem Gesichtskreise verschwindet,
bleibt für mein Bewußtsein ein Rückstand von diesem Vorgange: ein Bild des
Baumes.
716.
Dieses Bild hat sich während meiner Beobachtung mit
meinem Selbst verbunden.
717.
Mein Selbst hat sich bereichert; sein Inhalt hat ein
neues Element in sich aufgenommen.
718.
Dieses Element nenne ich meine Vorstellung von dem
Baume.
719.
Ich käme nie in die Lage, von Vorstellungen zu sprechen,
wenn ich diese nicht in der Wahrnehmung meines Selbst erlebte.
720.
Wahrnehmungen würden kommen und gehen; ich ließe sie
vorüberziehen.
721.
Nur dadurch, daß ich mein Selbst wahrnehme und merke, daß
mit jeder Wahrnehmung sich auch dessen Inhalt ändert, sehe ich mich
gezwungen, die Beobachtung des Gegenstandes mit meiner eigenen
Zustandsveränderung in Zusammenhang zu bringen und von meiner Vorstellung zu
sprechen.
722.
Die Vorstellung nehme ich an meinem Selbst wahr, in dem
Sinne, wie Farbe, Ton usw. an andern Gegenständen.
723.
Ich kann jetzt auch den Unterschied machen, daß ich diese
andern Gegenstände, die sich mir gegenüberstellen, Außenwelt nenne,
während ich den Inhalt meiner Selbstwahrnehmung als Innenwelt bezeichne.
724.
Die Verkennung des Verhältnisses von Vorstellung und
Gegenstand hat die größten Mißverständnisse in der neueren Philosophie
herbeigeführt.
725.
Die Wahrnehmung einer Veränderung in uns, die
Modifikation, die mein Selbst erfährt, wurde in den Vordergrund gedrängt und
das diese Modifikation veranlassende Objekt ganz aus dem Auge verloren.
726.
Man hat gesagt: wir nehmen nicht die Gegenstände wahr,
sondern nur unsere Vorstellungen.
727.
Ich soll nichts wissen von dem Tische an sich, der
Gegenstand meiner Beobachtung ist, sondern nur von der Veränderung, die mit mir
selbst vorgeht, während ich den Tisch wahrnehme.
728.
Diese Anschauung darf nicht mit der vorhin erwähnten
Berkeleyschen verwechselt werden.
729.
Berkeley behauptet die subjektive Natur meines
Wahrnehmungsinhaltes, aber er sagt nicht, daß ich nur von meinen Vorstellungen
wissen kann.
730.
Er schränkt mein Wissen auf meine Vorstellungen ein, weil
er der Meinung ist, daß es keine Gegenstände außerhalb des Vorstellens gibt.
731.
Was ich als Tisch ansehe, das ist im Sinne Berkeleys nicht
mehr vorhanden, sobald ich meinen Blick nicht mehr darauf richte.
732.
Deshalb läßt Berkeley meine Wahrnehmungen unmittelbar
durch die Macht Gottes entstehen.
733.
Ich sehe einen Tisch, weil Gott diese Wahrnehmung in mir
hervorruft.
734.
Berkeley kennt daher keine anderen realen Wesen als Gott
und die menschlichen Geister.
735.
Was wir Welt nennen, ist nur innerhalb der Geister
vorhanden.
736.
Was der naive Mensch Außenwelt, körperliche Natur nennt,
ist für Berkeley nicht vorhanden.
737.
Dieser Ansicht steht die jetzt herrschende Kantsche
gegenüber, welche unsere Erkenntnis von der Welt nicht deshalb auf unsere
Vorstellungen einschränkt, weil sie überzeugt ist, daß es außer diesen
Vorstellungen keine Dinge geben kann, sondern weil sie uns so organisiert
glaubt, daß wir nur von den Veränderungen unseres eigenen Selbst, nicht von den
diese Veränderungen veranlassenden Dingen an sich erfahren können.
738.
Sie folgert aus dem Umstande, daß ich nur meine
Vorstellungen kenne, nicht, daß es keine von diesen Vorstellungen unabhängige
Existenz gibt, sondern nur, daß das Subjekt eine solche nicht unmittelbar in
sich aufnehmen, sie nicht anders als durch das «Medium seiner subjektiven
Gedanken imaginieren, fingieren, denken, erkennen, vielleicht auch nicht
erkennen kann» (O. Liebmann, Zur Analysis der Wirklichkeit, Seite 28).
739.
Diese Anschauung glaubt etwas unbedingt Gewisses zu
sagen, etwas, was ohne alle Beweise unmittelbar einleuchtet.
740.
«Der erste Fundamentalsatz, den sich der Philosoph zu
deutlichem Bewußtsein zu bringen hat, besteht in der Erkenntnis, daß unser
Wissen sich zunächst auf nichts weiter als auf unsere Vorstellungen
erstreckt.
741.
Unsere Vorstellungen sind das Einzige, was wir
unmittelbar erfahren, unmittelbar erleben; und eben weil wir sie unmittelbar
erfahren, deswegen vermag uns auch der radikalste Zweifel das Wissen von
denselben nicht zu entreißen.
742.
Dagegen ist das Wissen, das über unser Vorstellen — ich
nehme diesen Ausdruck hier überall im weitesten Sinne, so daß alles psychische
Geschehen darunter fällt — hinausgeht, vor dem Zweifel nicht geschützt.
743.
Daher muß zu Beginn des Philosophierens alles über
die Vorstellungen hinausgehende Wissen ausdrücklich als bezweifelbar
hingestellt werden», so beginnt Volkelt sein Buch über «Immanuel Kants
Erkenntnistheorie».
744.
Was hiermit so hingestellt wird, als ob es eine
unmittelbare und selbstverständliche Wahrheit sei, ist aber in Wirklichkeit das
Resultat einer Gedankenoperation, die folgendermaßen verläuft: Der naive Mensch
glaubt, daß die Gegenstände, so wie er sie wahrnimmt, auch außerhalb seines
Bewußtseins vorhanden sind.
745.
Die Physik, Physiologie und Psychologie scheinen aber zu
lehren, daß zu unseren Wahrnehmungen unsere Organisation notwendig ist, daß wir
folglich von nichts wissen können, als von dem, was unsere Organisation uns von
den Dingen überliefert.
746.
Unsere Wahrnehmungen sind somit Modifikationen unserer
Organisation, nicht Dinge an sich.
747.
Den hier angedeuteten Gedankengang hat Eduard von
Hartmann in der Tat als denjenigen charakterisiert, der zur Überzeugung von
dem Satze führen muß, daß wir ein direktes Wissen nur von unseren Vorstellungen
haben können (vergleiche dessen «Grundproblem der Erkenntnistheorie», S.
16-40).
748.
Weil wir außerhalb unseres Organismus Schwingungen der
Körper und der Luft finden, die sich uns als Schall darstelle n, so wird
gefolgert, daß das, was wir Schall nennen, nichts weiter sei als eine
subjektive Reaktion unseres Organismus auf jene Bewegungen in der Außenwelt.
749.
In derselben Weise findet man, daß Farbe und Wärme nur
Modifikationen unseres Organismus seien.
750.
Und zwar ist man der Ansicht, daß diese beiden
Wahrnehmungsarten in uns hervorgerufen werden durch die Wirkung von Vorgängen
in der Außenwelt, die von dem, was Wärmeerlebnis oder Farbenerlebnis ist,
durchaus verschieden sind.
751.
Wenn solche Vorgänge die Hautnerven meines Körpers
erregen, so habe ich die subjektive Wahrnehmung der Wärme, wenn solche Vorgänge
den Sehnerv treffen, nehme ich Licht und Farbe wahr.
752.
Licht, Farbe und Wärme sind also das, womit meine
Sinnesnerven auf den Reiz von außen antworten.
753.
Auch der Tastsinn liefert mir nicht die Gegenstände der
Außenwelt, sondern nur meine eigenen Zustände.
754.
Im Sinne der modernen Physik könnte man etwa denken, daß
die Körper aus unendlich kleinen Teilen, den Molekülen bestehen, und daß diese
Moleküle nicht unmittelbar aneinandergrenzen, sondern gewisse Entfernungen
voneinander haben.
755.
Es ist also zwischen ihnen der leere Raum.
756.
Durch diese wirken sie aufeinander mittelst anziehender
und abstoßender Kräfte.
757.
Wenn ich meine Hand einem Körper nähere, so berühren die
Moleküle meiner Hand keineswegs unmittelbar diejenigen des Körpers, sondern es
bleibt eine gewisse Entfernung zwischen Körper und Hand, und was ich als
Widerstand des Körpers empfinde, das ist nichts weiter als die Wirkung der
abstoßenden Kraft, die seine Moleküle auf meine Hand ausüben.
758.
Ich bin schlechthin außerhalb des Körpers und nehme nur
seine Wirkung auf meinen Organismus wahr.
759.
Ergänzend zu diesen Überlegungen tritt die Lehre von den
sogenannten spezifischen Sinnesenergien, die J. Müller (1801-1858)
aufgestellt hat.
760.
Sie besteht darin, daß jeder Sinn die Eigentümlichkeit
hat, auf alle äußeren Reize nur in einer bestimmten Weise zu antworten.
761.
Wird auf den Sehnerv eine Wirkung ausgeübt, so entsteht
Lichtwahrnehmung, gleichgültig ob die Erregung durch das geschieht, was wir
Licht nennen, oder ob ein mechanischer Druck oder ein elektrischer Strom auf
den Nerv einwirkt.
762.
Andrerseits werden in verschiedenen Sinnen durch die
gleichen äußeren Reize verschiedene Wahrnehmungen hervorgerufen.
763.
Daraus scheint hervorzugehen, daß unsere Sinne nur das
überliefern können, was in ihnen selbst vorgeht, nichts aber von der Außenwelt.
764.
Sie bestimmen die Wahrnehmungen je nach ihrer Natur.
765.
Die Physiologie zeigt, daß auch von einem direkten Wissen
dessen keine Rede sein kann, was die Gegenstände in unseren Sinnesorganen
bewirken.
766.
Indem der Physiologe die Vorgänge in unserem eigenen
Leibe verfolgt, findet er, daß schon in den Sinnesorganen die Wirkungen der
äußeren Bewegung in der mannigfaltigsten Weise umgeändert werden.
767.
Wir sehen das am deutlichsten an Auge und Ohr.
768.
Beide sind sehr komplizierte Organe, die den äußeren Reiz
wesentlich verändern, ehe sie ihn zum entsprechenden Nerv bringen.
769.
Von dem peripherischen Ende des Nervs wird nun der schon
veränderte Reiz weiter zum Gehirn geleitet.
770.
Hier erst müssen wieder die Zentralorgane erregt werden.
771.
Daraus wird geschlossen, daß der äußere Vorgang eine
Reihe von Umwandlungen erfahren hat, ehe er zum Bewußtsein kommt.
772.
Was da im Gehirne sich abspielt, ist durch so viele
Zwischenvorgänge mit dem äußeren Vorgang verbunden, daß an eine Ähnlichkeit mit
demselben nicht mehr gedacht werden kann.
773.
Was das Gehirn der Seele zuletzt vermittelt, sind weder
äußere Vorgänge, noch Vorgänge in den Sinnesorganen, sondern nur solche
innerhalb des Gehirnes.
774.
Aber auch die letzteren nimmt die Seele noch nicht
unmittelbar wahr.
775.
Was wir im Bewußtsein zuletzt haben, sind gar keine
Gehirnvorgänge, sondern Empfindungen.
776.
Meine Empfindung des Rot hat gar keine Ähnlichkeit mit
dem Vorgange, der sich im Gehirn abspielt, wenn ich das Rot empfinde.
777.
Das letztere tritt erst wieder als Wirkung in der Seele
auf und wird nur verursacht durch den Hirnvorgang.
778.
Deshalb sagt Hartmann (Grundproblem der Erkenntnistheorie,
S. 37): «Was das Subjekt wahrnimmt, sind also immer nur Modifikationen seiner
eigenen psychischen Zustände und nichts anderes.»
779.
Wenn ich die Empfindungen habe, dann sind diese aber noch
lange nicht zu dem gruppiert, was ich als Dinge wahrnehme.
780.
Es können mir ja nur einzelne Empfindungen durch das
Gehirn vermittelt werden.
781.
Die Empfindungen der Härte und Weichheit werden mir durch
den Tast-, die Farben- und Lichtempfindungen durch den Gesichtssinn vermittelt.
782.
Doch finden sich dieselben an einem und demselben
Gegenstande vereinigt.
783.
Diese Vereinigung muß also erst von der Seele selbst
bewirkt werden.
784.
Das heißt, die Seele setzt die einzelnen durch das Gehirn
vermittelten Empfindungen zu Körpern zusammen.
785.
Mein Gehirn überliefert mir einzeln die Gesichts-, Tast-
und Gehörempfindungen, und zwar auf ganz verschiedenen Wegen, die dann die
Seele zu der Vorstellung Trompete zusammensetzt.
786.
Dieses Endglied (Vorstellung der Trompete) eines
Prozesses ist es, was für mein Bewußtsein zu allererst gegeben ist.
787.
Es ist in demselben nichts mehr von dem zu finden, was
außer mir ist und ursprünglich einen Eindruck auf meine Sinne gemacht hat.
788.
Der äußere Gegenstand ist auf dem Wege zum Gehirn und
durch das Gehirn zur Seele vollständig verlorengegangen.
789.
Es wird schwer sein, ein zweites Gedankengebäude in der
Geschichte des menschlichen Geisteslebens zu finden, das mit größerem
Scharfsinn zusammengetragen ist, und das bei genauerer Prüfung doch in nichts
zerfällt.
790.
Sehen wir einmal näher zu, wie es zustande kommt.
791.
Man geht zunächst von dem aus, was dem naiven Bewußtsein
gegeben ist, von dem wahrgenommenen Dinge.
792.
Dann zeigt man, daß alles, was an diesem Dinge sich
findet, für uns nicht da wäre, wenn wir keine Sinne hätten.
793.
Kein Auge: keine Farbe.
794.
Also ist die Farbe in dem noch nicht vorhanden, was auf
das Auge wirkt.
795.
Sie entsteht erst durch die Wechselwirkung des Auges mit
dem Gegenstande.
796.
Dieser ist also farblos.
797.
Aber auch im Auge ist die Farbe nicht vorhanden; denn da
ist ein chemischer oder physikalischer Vorgang vorhanden, der erst durch den
Nerv zum Gehirn geleitet wird, und da einen andern auslöst.
798.
Dieser ist noch immer nicht die Farbe.
799.
Sie wird erst durch den Hirnprozeß in der Seele
hervorgerufen.
800.
Da tritt sie mir noch immer nicht ins Bewußtsein, sondern
wird erst durch die Seele nach außen an einen Körper verlegt.
801.
An diesem glaube ich sie endlich wahrzunehmen.
802.
Wir haben einen vollständigen Kreisgang durchgemacht.
803.
Wir sind uns eines farbigen Körpers bewußt geworden.
804.
Das ist das Erste.
805.
Nun hebt die Gedankenoperation an.
806.
Wenn ich keine Augen hätte, wäre der Körper für mich
farblos.
807.
Ich kann die Farbe also nicht in den Körper verlegen.
808.
Ich gehe auf die Suche nach ihr.
809.
Ich suche sie im Auge: vergebens; im Nerv: vergebens; im
Gehirne: ebenso vergebens; in der Seele: hier finde ich sie zwar, aber nicht
mit dem Körper verbunden.
810.
Den farbigen Körper finde ich erst wieder da, wo ich
ausgegangen bin.
811.
Der Kreis ist geschlossen.
812.
Ich glaube das als Erzeugnis meiner Seele zu erkennen,
was der naive Mensch sich als draußen im Raume vorhanden denkt.
813.
So lange man dabei stehen bleibt, scheint alles in
schönster Ordnung.
814.
Aber die Sache muß noch einmal von vorne angefangen
werden.
815.
Ich habe ja bis jetzt mit einem Dinge gewirtschaftet: mit
der äußeren Wahrnehmung, von dem ich früher, als naiver Mensch, eine ganz
falsche Ansicht gehabt habe.
816.
Ich war der Meinung: sie hätte so, wie ich sie wahrnehme,
einen objektiven Bestand.
817.
Nun merke ich, daß sie mit meinem Vorstellen
verschwindet, daß sie nur eine Modifikation meiner seelischen Zustände ist.
818.
Habe ich nun überhaupt noch ein Recht, in meinen
Betrachtungen von ihr auszugehen?
819.
Kann ich von ihr sagen, daß sie auf meine Seele wirkt?
820.
Ich muß von jetzt ab den Tisch, von dem ich früher
geglaubt habe, daß er auf mich wirkt und in mir eine Vorstellung von sich
hervorbringt, selbst als Vorstellung behandeln.
821.
Konsequenterweise sind dann aber auch meine Sinnesorgane
und die Vorgänge in ihnen bloß subjektiv.
822.
Ich habe kein Recht, von einem wirklichen Auge zu
sprechen, sondern nur von meiner Vorstellung des Auges.
823.
Ebenso ist es mit der Nervenleitung und dem Gehirnprozeß
und nicht weniger mit dem Vorgange in der Seele selbst, durch den aus dem Chaos
der mannigfaltigen Empfindungen Dinge aufgebaut werden sollen.
824.
Durchlaufe ich unter Voraussetzung der Richtigkeit des
ersten Gedankenkreisganges die Glieder meines Erkenntnisaktes nochmals, so
zeigt sich der letztere als ein Gespinst von Vorstellungen, die doch als solche
nicht aufeinander wirken können.
825.
Ich kann nicht sagen: meine Vorstellung des Gegenstandes
wirkt auf meine Vorstellung des Auges, und aus dieser Wechselwirkung geht die
Vorstellung der Farbe hervor.
826.
Aber ich habe es auch nicht nötig.
827.
Denn sobald mir klar ist, daß mir meine Sinnesorgane und
deren Tätigkeiten, mein
828.
Nerven- und Seelenprozeß auch nur durch die Wahrnehmung
gegeben werden können, zeigt sich der geschilderte Gedankengang in seiner
vollen Unmöglichkeit.
829.
Es ist richtig: für mich ist keine Wahrnehmung ohne das
entsprechende Sinnesorgan gegeben.
830.
Aber ebensowenig ein Sinnesorgan ohne Wahrnehmung.
831.
Ich kann von meiner Wahrnehmung des Tisches auf das Auge
übergehen, das ihn sieht, auf die Hautnerven, die ihn tasten; aber was in diesen
vorgeht, kann ich wieder nur aus der Wahrnehmung erfahren.
832.
Und da bemerke ich denn bald, daß in dem Prozeß, der sich
im Auge vollzieht, nicht eine Spur von Ähnlichkeit ist mit dem, was ich als
Farbe wahrnehme.
833.
Ich kann meine Farbenwahrnehmung nicht dadurch
vernichten, daß ich den Prozeß im Auge aufzeige, der sich während dieser
Wahrnehmung darin abspielt.
834.
Ebensowenig finde ich in den Nerven- und Gehirnprozessen
die Farbe wieder; ich verbinde nur neue Wahrnehmungen innerhalb meines
Organismus mit der ersten, die der naive Mensch außerhalb seines Organismus
verlegt.
835.
Ich gehe nur von einer Wahrnehmung zur andern über.
836.
Außerdem enthält die ganze Schlußfolgerung einen Sprung.
837.
Ich bin in der Lage, die Vorgänge in meinem Organismus
bis zu den Prozessen in meinem Gehirne zu verfolgen, wenn auch meine Annahmen
immer hypothetischer werden, je mehr ich mich den zentralen Vorgängen des
Gehirn es nähere.
838.
Der Weg der äußeren Beobachtung hört mit dem
Vorgange in meinem Gehirne auf, und zwar mit jenem, den ich wahrnehmen würde,
wenn ich mit physikalischen, chemischen usw.
839.
Hilfsmitteln und Methoden das Gehirn behandeln könnte.
840.
Der Weg der inneren Beobachtung fängt mit der
Empfindung an und reicht bis zum Aufbau der Dinge aus dem Empfindungsmaterial.
841.
Beim Übergang von dem Hirnprozeß zur Empfindung ist der
Beobachtungsweg unterbrochen.
842.
Die charakterisierte Denkart, die sich im Gegensatz zum
Standpunkte des naiven Bewußtseins, den sie naiven Realismus nennt, als
kritischen Idealismus bezeichnet, macht den Fehler, daß sie die eine Wahrnehmung
als Vorstellung charakterisiert, aber die andere gerade in dem Sinne hinnimmt,
wie es der von ihr scheinbar widerlegte naive Realismus tut.
843.
Sie will den Vorstellungscharakter der Wahrnehmungen beweisen,
indem sie in naiver Weise die Wahrnehmungen am eigenen Organismus als objektiv
gültige Tatsachen hinnimmt und zu alledem noch übersieht, daß sie zwei
Beobachtungsgebiete durcheinander wirft, zwischen denen sie keine Vermittlung
finden kann.
844.
Der kritische Idealismus kann den naiven Realismus nur
widerlegen, wenn er selbst in naiv- realistischer Weise seinen eigenen
Organismus als objektiv existierend annimmt.
845.
In demselben Augenblicke, wo er sich der vollständigen
Gleichartigkeit der Wahrnehmungen am eigenen Organismus mit den vom naiven
Realismus als objektiv existierend angenommenen Wahrnehmungen bewußt wird, kann
er sich nicht mehr auf die ersteren als auf eine sichere Grundlage stützen.
846.
Er müßte auch seine subjektive Organisation als bloßen
Vorstellungskomplex ansehen.
847.
Damit geht aber die Möglichkeit verloren, den Inhalt der
wahrgenommenen Welt durch die geistige Organisation bewirkt zu denken.
848.
Man müßte annehmen, daß die Vorstellung «Farbe» nur eine
Modifikation der Vorstellung «Auge» sei.
849.
Der sogenannte kritische Idealismus kann nicht bewiesen
werden, ohne eine Anleihe beim naiven Realismus zu machen.
850.
Der letztere wird nur dadurch widerlegt, daß man dessen
eigene Voraussetzungen auf einem anderen Gebiete ungeprüft gelten läßt.
851.
Soviel ist hieraus gewiß: durch Untersuchungen innerhalb
des Wahrnehmungsgebietes kann der kritische Idealismus nicht bewiesen, somit
die Wahrnehmung ihres objektiven Charakters nicht entkleidet werden.
852.
Noch weniger aber darf der Satz: «Die wahrgenommene
Welt ist meine Vorstellung» als durch sich selbst einleuchtend und keines
Beweises bedürftig hingestellt werden.
853.
Schopenhauer beginnt sein Hauptwerk «Die Welt als
Wille und Vorstellung» mit den Worten: «‹Die Welt ist meine Vorstellung:› —
dies ist die Wahrheit, welche in Beziehung auf jedes lebende und erkennende
Wesen gilt; wiewohl der Mensch allein sie in das reflektierte abstrakte
Bewußtsein bringen kann: und tut er dies wirklich, so ist die philosophische
Besonnenheit bei ihm eingetreten.
854.
Es wird ihm dann deutlich und gewiß, daß er keine Sonne
kennt und keine Erde; sondern immer nur ein Auge, das eine Sonne sieht, eine
Hand, die eine Erde fühlt; daß die Welt, welche ihn umgibt, nur als Vorstellung
da ist, das heißt durchweg nur in Beziehung auf ein Anderes, das Vorstehende,
welches er selbst ist.
855.
— Wenn irgend
eine Wahrheit a priori ausgesprochen werden kann, so ist es diese: denn sie ist
die Aussage derjenigen Form aller möglichen und erdenklichen Erfahrung, welche
allgemeiner als alle andern, als Zeit, Raum und Kausalität ist: denn alle diese
setzen jene eben schon voraus ...»
856.
— Der ganze Satz
scheitert an dem oben bereits von mir angeführten Umstande, daß das Auge und
die Hand nicht weniger Wahrnehmungen sind als die Sonne und die Erde.
857.
Und man könnte im Sinne Schopenhauers und mit Anlehnung
an seine Ausdrucksweise seinen Sätzen entgegenhalten: Mein Auge, das die Sonne
sieht, und meine Hand, die die Erde fühlt, sind meine Vorstellungen gerade so
wie die Sonne und die Erde selbst.
858.
Daß ich damit aber den Satz wieder aufhebe, ist ohne
weiteres klar.
859.
Denn nur mein wirkliches Auge und meine wirkliche Hand
könnten die Vorstellungen Sonne und Erde als ihre Modifikationen an sich haben,
nicht aber meine Vorstellungen Auge und Hand.
860.
Nur von diesen aber darf der kritische Idealismus
sprechen.
861.
Der kritische Idealismus ist völlig ungeeignet, eine
Ansicht über das Verhältnis von Wahrnehmung und Vorstellung zu gewinnen.
862.
Die auf Seite 66 f. angedeutete Scheidung dessen,
was an der Wahrnehmung während des Wahrnehmens geschieht und was an ihr schon
sein muß, bevor sie wahrgenommen wird, kann er nicht vornehmen.
863.
Dazu muß also ein anderer Weg eingeschlagen werden.
864.
865.
Kapitel 5 - Das Erkennen der Welt
866.
Aus den vorhergehenden Betrachtungen folgt die
Unmöglichkeit, durch Untersuchung unseres Beobachtungsinhalts den Beweis zu
erbringen, daß unsere Wahrnehmungen Vorstellungen sind.
867.
Dieser Beweis soll nämlich dadurch erbracht werden, daß
man zeigt: wenn der Wahrnehmungsprozeß in der Art erfolgt, wie man ihn gemäß
den naiv-realistischen Annahmen über die psychologische und physiologische
Konstitution unseres Individuums sich vorstellt, dann haben wir es nicht mit
Dingen an sich, sondern bloß mit unseren Vorstellungen von den Dingen zu tun.
868.
Wenn nun der naive Realismus, konsequent verfolgt, zu
Resultaten führt, die das gerade Gegenteil seiner Voraussetzungen darstellen,
so müssen diese Voraussetzungen als ungeeignet zur Begründung einer
Weltanschauung bezeichnet und fallen gelassen werden.
869.
Jedenfalls ist es unstatthaft, die Voraussetzungen zu
verwerfen und die Folgerungen gelten zu lassen, wie es der kritische Idealist
tut, der seiner Behauptung: die Welt ist meine Vorstellung, den obigen
Beweisgang zugrunde legt.
870.
(Eduard von Hartmann gibt in seiner Schrift «Das
Grundproblem der Erkenntnistheorie» eine ausführliche Darstellung dieses
Beweisganges.)
871.
Ein anderes ist die Richtigkeit des kritischen
Idealismus, ein anderes die Überzeugungskraft seiner Beweise.
872.
Wie es mit der ersteren steht, wird sich später im
Zusammenhange unserer Ausführungen ergeben.
873.
Die Überzeugungskraft seines Beweises ist aber gleich
Null.
874.
Wenn man ein Haus baut, und bei Herstellung des ersten Stockwerkes
bricht das Erdgeschoß in sich zusammen, so stürzt das erste Stockwerk mit.
875.
Der naive Realismus und der kritische Idealismus
verhalten sich wie dies Erdgeschoß zum ersten Stockwerk.
876.
Wer der Ansicht ist, daß die ganze wahrgenommene Welt nur
eine vorgestellte ist, und zwar die Wirkung der mir unbekannten Dinge auf meine
Seele, für den geht die eigentliche Erkenntnisfrage natürlich nicht auf die nur
in der Seele vorhandenen Vorstellungen, sondern auf die jenseits unseres
Bewußtseins liegenden, von uns unabhängigen Dinge.
877.
Er fragt: Wieviel können wir von den letzteren mittelbar
erkennen, da sie unserer Beobachtung unmittelbar nicht zugänglich
sind?
878.
Der auf diesem Standpunkt Stehende kümmert sich nicht um
den inneren Zusammenhang seiner bewußten Wahrnehmungen, sondern um deren nicht
mehr bewußte Ursachen, die ein von ihm unabhängiges Dasein haben, während, nach
seiner Ansicht, die Wahrnehmungen verschwinden, sobald er seine Sinne von den
Dingen abwendet.
879.
Unser Bewußtsein wirkt, von diesem Gesichtspunkte aus,
wie ein Spiegel, dessen Bilder von bestimmten Dingen auch in dem Augenblicke
verschwinden, in dem seine spiegelnde Fläche ihnen nicht zugewandt ist.
880.
Wer aber die Dinge selbst nicht sieht, sondern nur ihre
Spiegelbilder, der muß aus dem Verhalten der letzteren über die Beschaffenheit
der ersteren durch Schlüsse indirekt sich unterrichten.
881.
Auf diesem Standpunkte steht die neuere
Naturwissenschaft, welche die Wahrnehmungen nur als letztes Mittel benutzt, um
Aufschluß über die hinter denselben stehenden und allein wahrhaft seienden
Vorgänge des Stoffes zu gewinnen.
882.
Wenn der Philosoph als kritischer Idealist überhaupt ein
Sein gelten läßt, dann geht sein Erkenntnisstreben mit mittelbarer Benutzung
der Vorstellungen allein auf dieses Sein.
883.
Sein Interesse überspringt die subjektive Welt der
Vorstellungen und geht auf das Erzeugende dieser Vorstellungen los.
884.
Der kritische Idealist kann aber so weit gehen, daß er
sagt: ich bin in meine Vorstellungswelt eingeschlossen und kann aus ihr nicht
hinaus.
885.
Wenn ich ein Ding hinter meinen Vorstellungen denke, so
ist dieser Gedanke doch auch weiter nichts als meine Vorstellung.
886.
Ein solcher Idealist wird dann das Ding an sich entweder
ganz leugnen oder wenigstens davon erklären, daß es für uns Menschen gar keine
Bedeutung habe, das ist, so gut wie nicht da sei, weil wir nichts von ihm
wissen können.
887.
Einem kritischen Idealisten dieser Art erscheint die
ganze Welt als ein Traum, dem gegenüber jeder Erkenntnisdrang einfach sinnlos
wäre.
888.
Für ihn kann es nur zwei Gattungen von Menschen geben:
Befangene, die ihre eigenen Traumgespinste für wirkliche Dinge halten, und
Weise, die die Nichtigkeit dieser Traumwelt durchschauen, und die nach und nach
alle Lust verlieren müssen, sich weiter darum zu bekümmern.
889.
Für diesen Standpunkt kann auch die eigene Persönlichkeit
zum bloßen Traumbilde werden.
890.
Gerade so wie unter den Bildern des Schlaftraums unser
eigenes Traumbild erscheint, so tritt im wachen Bewußtsein die Vorstellung des
eigenen Ich zu der Vorstellung der Außenwelt hinzu.
891.
Wir haben im Bewußtsein dann nicht unser wirkliches Ich,
sondern nur unsere Ichvorstellung gegeben.
892.
Wer nun leugnet, daß es Dinge gibt, oder wenigstens, daß
wir von ihnen etwas wissen können: der muß auch das Dasein beziehungsweise die
Erkenntnis der eigenen Persönlichkeit leugnen.
893.
Der kritische Idealist kommt dann zu der Behauptung:
«Alle Realität verwandelt sich in einen wunderbaren Traum, ohne ein Leben, von
welchem geträumt wird, und ohne einen Geist, dem da träumt; in einen Traum, der
in einem Traume von sich selbst zusammenhängt» (vergleiche Fichte, Die
Bestimmung des Menschen).
894.
Gleichgültig, ob derjenige, der das unmittelbare Leben
als Traum zu erkennen glaubt, hinter diesem Traum nichts mehr vermutet, oder ob
er seine Vorstellungen auf wirkliche Dinge bezieht: das Leben selbst muß für
ihn alles wissenschaftliche Interesse verlieren.
895.
Während aber für denjenigen, der mit dem Traume das uns
zugängliche All erschöpft glaubt, alle Wissenschaft ein Unding ist, wird für
den andern, der sich befugt glaubt, von den Vorstellungen auf die Dinge zu
schließen, die Wissenschaft in der Erforschung dieser «Dinge an sich» bestehen.
896. Die erstere
Weltansicht kann mit dem Namen absoluter Illusionismus bezeichnet
werden, die zweite nennt ihr konsequentester Vertreter, Eduard von Hartmann, transzendentalen
Realismus. (1)
897.
Fußnoten: (1) Transzendental
wird im Sinne dieser Weltanschauung eine Erkenntnis genannt, welche sich
bewußt glaubt, daß über die Dinge an sich nicht direkt etwas ausgesagt werden
könne, sondern welche indirekt Schlüsse von dem bekannten Subjektiven auf das
Unbekannte, jenseits des Subjektiven Liegende (Transzendente) macht. Das Ding
an sich ist nach dieser Ansicht jenseits des Gebietes der uns unmittelbar erkennbaren
Welt, d.i. transzendent. Unsere Welt kann aber auf das Transzendente
transzendental bezogen werden. Realismus heißt Hartmanns Anschauung, weil sie
über das Subjektive, Ideale hinaus, auf das Transzendente, Reale geht.
898.
Diese beiden Ansichten haben mit dem naiven Realismus das
gemein, daß sie Fuß in der Welt zu fassen suchen durch eine Untersuchung der
Wahrnehmungen.
899.
Sie können aber innerhalb dieses Gebietes nirgends einen
festen Punkt finden.
900.
Eine Hauptfrage für den Bekenner des transzendentalen
Realismus müßte sein: wie bringt das Ich aus sich selbst die Vorstellungswelt
zustande?
901.
Für eine uns gegebene Welt von Vorstellungen, die
verschwindet, sobald wir unsere Sinne der Außenwelt verschließen, kann ein
ernstes Erkenntnisstreben sich insofern erwärmen, als sie das Mittel ist, die
Welt des an sich seienden Ich mittelbar zu erforschen.
902.
Wenn die Dinge unserer Erfahrung Vorstellungen wären,
dann gliche unser alltägliches Leben einem Traume und die Erkenntnis des wahren
Tatbestandes dem Erwachen.
903.
Auch unsere Traumbilder interessieren uns so lange, als
wir träumen, folglich die Traumnatur nicht durchschauen.
904.
In dem Augenblicke des Erwachens fragen wir nicht mehr
nach dem inneren Zusammenhange unserer Traumbilder, sondern nach den
physikalischen, physiologischen und psychologischen Vorgängen, die ihnen zum
Grunde liegen.
905.
Ebensowenig kann sich der Philosoph, der die Welt für
seine Vorstellung hält, für den inneren Zusammenhang der Einzelheiten in
derselben interessieren.
906.
Falls er überhaupt ein seiendes Ich gelten läßt, dann
wird er nicht fragen, wie hängt eine seiner Vorstellungen mit einer anderen
zusammen, sondern was geht in der von ihm unabhängigen Seele vor, während sein
Bewußtsein einen bestimmten Vorstellungsablauf enthält.
907.
Wenn ich träume, daß ich Wein trinke, der mir ein Brennen
im Kehlkopf verursache und dann mit Hustenreiz aufwache (vergleiche Weygandt,
Entstehung der Träume, 1893), so hört im Augenblicke des Erwachens die
Traumhandlung auf, für mich ein Interesse zu haben.
908.
Mein Augenmerk ist nur noch auf die physiologischen und
psychologischen Prozesse gerichtet, durch die der Hustenreiz sich symbolisch in
dem Traumbilde zum Ausdruck bringt.
909.
In ähnlicher Weise muß der Philosoph, sobald er von dem
Vorstellungscharakter der gegebenen Welt überzeugt ist, von dieser sofort auf
die dahinter steckende wirkliche Seele überspringen.
910.
Schlimmer steht die Sache allerdings, wenn der
Illusionismus das Ich an sich hinter den Vorstellungen ganz leugnet, oder es
wenigstens für unerkennbar hält.
911.
Zu einer solchen Ansicht kann sehr leicht die Beobachtung
führen, daß es dem Träumen gegenüber zwar den Zustand des Wachens gibt, in dem
wir Gelegenheit haben, die Träume zu durchschauen und auf reale Verhältnisse zu
beziehen, daß wir aber keinen zu dem wachen Bewußtseinsleben in einem ähnlichen
Verhältnisse stehenden Zustand haben.
912.
Wer zu dieser Ansicht sich bekennt, dem geht die Einsicht
ab, daß es etwas gibt, das sich in der Tat zum bloßen Wahrnehmen verhält wie
das Erfahren im wachen Zustande zum Träumen.
913.
Dieses Etwas ist das Denken.
914.
Dem naiven Menschen kann der Mangel an Einsicht, auf den
hier gedeutet wird, nicht angerechnet werden.
915.
Er gibt sich dem Leben hin und hält die Dinge so für
wirklich, wie sie sich ihm in der Erfahrung darbieten.
916.
Der erste Schritt aber, der über diesen Standpunkt hinaus
unternommen wird, kann nur in der Frage bestehen: wie verhält sich das Denken
zur Wahrnehmung?
917.
Ganz einerlei, ob die Wahrnehmung in der mir gegebenen
Gestalt vor und nach meinem Vorstellen weiterbesteht oder nicht: wenn ich
irgend etwas über sie aussagen will, so kann es nur mit Hilfe des Denkens
geschehen.
918.
Wenn ich sage: die Welt ist meine Vorstellung, so habe
ich das Ergebnis eines Denkprozesses ausgesprochen, und wenn mein Denken auf
die Welt nicht anwendbar ist, so ist dieses Ergebnis ein Irrtum.
919.
Zwischen die Wahrnehmung und jede Art von Aussage über
dieselbe schiebt sich das Denken ein.
920.
Den Grund, warum das Denken bei der Betrachtung der Dinge
zumeist übersehen wird, haben wir bereits angegeben (vergleiche Seite
42 f.).
921.
Er liegt in dem Umstande, daß wir nur auf den Gegenstand,
über den wir denken, nicht aber zugleich auf das Denken unsere Aufmerksamkeit
richten.
922.
Das naive Bewußtsein behandelt daher das Denken wie etwas,
das mit den Dingen nichts zu tun hat, sondern ganz abseits von denselben steht
und seine Betrachtungen über die Welt anstellt.
923.
Das Bild, das der Denker von den Erscheinungen der Welt
entwirft, gilt nicht als etwas, was zu den Dingen gehört, sondern als ein nur
im Kopfe des Menschen existierendes; die Welt ist auch fertig ohne dieses Bild.
924.
Die Welt ist fix und fertig in allen ihren Substanzen und
Kräften; und von dieser fertigen Welt entwirft der Mensch ein Bild.
925.
Die so denken, muß man nur fragen: mit welchem Rechte
erklärt ihr die Welt für fertig, ohne das Denken?
926.
Bringt nicht mit der gleichen Notwendigkeit die Welt das
Denken im Kopfe des Menschen hervor, wie die Blüte an der Pflanze?
927.
Pflanzet ein Samenkorn in den Boden.
928.
Es treibt Wurzel und Stengel.
929.
Es entfaltet sich zu Blättern und Blüten.
930.
Stellet die Pflanze euch selbst gegenüber.
931.
Sie verbindet sich in eurer Seele mit einem bestimmten
Begriffe.
932.
Warum gehört dieser Begriff weniger zur ganzen Pflanze
als Blatt und Blüte?
933.
Ihr saget: die Blätter und Blüten sind ohne ein
wahrnehmendes Subjekt da; der Begriff erscheint erst, wenn sich der Mensch der
Pflanze gegenüberstellt.
934.
Ganz wohl.
935.
Aber auch Blüten und Blätter entstehen an der Pflanze
nur, wenn Erde da ist, in die der Keim gelegt werden kann, wenn Licht und Luft
da sind, in denen sich Blätter und Blüten entfalten können.
936.
Gerade so entsteht der Begriff der Pflanze, wenn ein
denkendes Bewußtsein an die Pflanze herantritt.
937.
Es ist ganz willkürlich, die Summe dessen, was wir von einem
Dinge durch die bloße Wahrnehmung erfahren, für eine Totalität, für ein Ganzes
zu halten, und dasjenige, was sich durch die denkende Betrachtung
ergibt, als ein solches Hinzugekommenes, das mit der Sache selbst nichts zu tun
habe.
938.
Wenn ich heute eine Rosenknospe erhalte, so ist das Bild,
das sich meiner Wahrnehmung darbietet, nur zunächst ein abgeschlossenes.
939.
Wenn ich die Knospe in Wasser setze, so werde ich morgen
ein ganz anderes Bild meines Objektes erhalten.
940.
Wenn ich mein Auge von der Rosenknospe nicht abwende, so
sehe ich den heutigen Zustand in den morgigen durch unzählige Zwischenstufen
kontinuierlich übergehen.
941.
Das Bild, das sich mir in einem bestimmten Augenblicke
darbietet, ist nur ein zufälliger Ausschnitt aus dem in einem fortwährenden
Werden begriffenen Gegenstande.
942.
Setze ich die Knospe nicht in Wasser, so bringt sie eine
ganze Reihe von Zuständen nicht zur Entwickelung, die der Möglichkeit nach in
ihr lagen.
943.
Ebenso kann ich morgen verhindert sein, die Blüte weiter
zu beobachten und dadurch ein unvollständiges Bild haben.
944.
Es ist eine ganz unsachliche, an Zufälligkeiten sich
heftende Meinung, die von dem in einer gewissen Zeit sich darbietenden Bilde
erklärte: das ist die Sache.
945.
Ebensowenig ist es statthaft, die Summe der
Wahrnehmungsmerkmale für die Sache zu erklären.
946.
Es wäre sehr wohl möglich, daß ein Geist zugleich und
ungetrennt von der Wahrnehmung den Begriff mitempfangen könnte.
947.
Ein solcher Geist würde gar nicht auf den Einfall kommen,
den Begriff als etwas nicht zur Sache Gehöriges zu betrachten.
948.
Er müßte ihm ein mit der Sache unzertrennlich verbundenes
Dasein zuschreiben.
949.
Ich will mich noch durch ein Beispiel deutlicher machen.
950.
Wenn ich einen Stein in horizontaler Richtung durch die
Luft werfe, so sehe ich ihn nacheinander an verschiedenen Orten.
951.
Ich verbinde diese Orte zu einer Linie.
952.
In der Mathematik lerne ich verschiedene Linienformen
kennen, darunter auch die Parabel.
953.
Ich kenne die Parabel als eine Linie, die entsteht, wenn
sich ein Punkt in einer gewissen gesetzmäßigen Art bewegt.
954.
Wenn ich die Bedingungen untersuche, unter denen sich der
geworfene Stein bewegt, so finde ich, daß die Linie seiner Bewegung mit der
identisch ist, die ich als Parabel kenne.
955.
Daß sich der Stein gerade in einer Parabel bewegt, das
ist eine Folge der gegebenen Bedingungen und folgt mit Notwendigkeit aus
diesen.
956.
Die Form der Parabel gehört zur ganzen Erscheinung, wie
alles andere, was an derselben in Betracht kommt.
957.
Dem oben beschriebenen Geist, der nicht den Umweg des
Denkens nehmen müßte, wäre nicht nur eine Summe von Gesichtsempfindungen an
verschiedenen Orten gegeben, sondern ungetrennt von der Erscheinung auch die
parabolische Form der Wurflinie, die wir erst durch Denken zu der
Erscheinung hinzufügen.
958.
Nicht an den Gegenständen liegt es, daß sie uns zunächst
ohne die entsprechenden Begriffe gegeben werden, sondern an unserer geistigen
Organisation.
959.
Unsere totale Wesenheit funktioniert in der Weise, daß
ihr bei jedem Dinge der Wirklichkeit von zwei Seiten her die Elemente
zufließen, die für die Sache in Betracht kommen: von seiten des Wahrnehmens und
des Denkens.
960.
Es hat mit der Natur der Dinge nichts zu tun, wie ich
organisiert bin, sie zu erfassen.
961.
Der Schnitt zwischen Wahrnehmen und Denken ist erst in
dem Augenblicke vorhanden, wo ich, der Betrachtende, den Dingen gegenübertrete.
962.
Welche Elemente dem Dinge angehören und welche nicht,
kann aber durchaus nicht davon abhängen, auf welche Weise ich zur Kenntnis
dieser Elemente gelange.
963.
Der Mensch ist ein eingeschränktes Wesen.
964.
Zunächst ist er ein Wesen unter anderen Wesen.
965.
Sein Dasein gehört dem Raum und der Zeit an.
966.
Dadurch kann ihm auch immer nur ein beschränkter Teil des
gesamten Universums gegeben sein.
967.
Dieser beschränkte Teil schließt sich aber ringsherum sowohl
zeitlich wie räumlich an anderes an.
968.
Wäre unser Dasein so mit den Dingen verknüpft, daß jedes
Weltgeschehen zugleich unser Geschehen wäre, dann gäbe es den
Unterschied zwischen uns und den Dingen nicht.
969.
Dann aber gäbe es für uns auch keine Einzeldinge.
970.
Da ginge alles Geschehen kontinuierlich ineinander über.
971.
Der Kosmos wäre eine Einheit und eine in sich
beschlossene Ganzheit.
972.
Der Strom des Geschehens hätte nirgends eine
Unterbrechung.
973.
Wegen unserer Beschränkung erscheint uns als Einzelheit,
was in Wahrheit nicht Einzelheit ist.
974.
Nirgends ist zum Beispiel die Einzelqualität des Rot
abgesondert für sich vorhanden.
975.
Sie ist allseitig von anderen Qualitäten umgeben, zu
denen sie gehört, und ohne die sie nicht bestehen könnte.
976.
Für uns aber ist es eine Notwendigkeit, gewisse
Ausschnitte aus der Welt herauszuheben, und sie für sich zu betrachten.
977.
Unser Auge kann nur einzelne Farben nacheinander aus
einem vielgliedrigen Farbenganzen, unser Verstand nur einzelne Begriffe aus
einem zusammenhängenden Begriffssysteme erfassen.
978.
Diese Absonderung ist ein subjektiver Akt, bedingt durch
den Umstand, daß wir nicht identisch sind mit dem Weltprozeß, sondern ein Wesen
unter anderen Wesen.
979.
Es kommt nun alles darauf an, die Stellung des Wesens, das
wir selbst sind, zu den anderen Wesen zu bestimmen.
980.
Diese Bestimmung muß unterschieden werden von dem bloßen
Bewußtwerden unseres Selbst.
981.
Das letztere beruht auf dem Wahrnehmen wie das
Bewußtwerden jedes anderen Dinges.
982.
Die Selbstwahrnehmung zeigt mir eine Summe von
Eigenschaften, die ich ebenso zu dem Ganzen meiner Persönlichkeit
zusammenfasse, wie ich die Eigenschaften: gelb, metallglänzend, hart usw. zu
der Einheit «Gold» zusammenfasse.
983.
Die Selbstwahrnehmung führt mich nicht aus dem Bereiche
dessen hinaus, was zu mir gehört.
984.
Dieses Selbstwahrnehmen ist zu unterscheiden von dem denkenden
Selbstbestimmen.
985.
Wie ich eine einzelne Wahrnehmung der Außenwelt durch das
Denken eingliedere in den Zusammenhang der Welt, so gliedere ich die an mir
selbst gemachten Wahrnehmungen in den Weltprozeß durch das Denken ein.
986.
Mein Selbstwahrnehmen schließt mich innerhalb bestimmter
Grenzen ein; mein Denken hat nichts zu tun mit diesen Grenzen.
987.
In diesem Sinne bin ich ein Doppelwesen.
988.
Ich bin eingeschlossen in das Gebiet, das ich als das
meiner Persönlichkeit wahrnehme, aber ich bin Träger einer Tätigkeit, die von
einer höheren Sphäre aus mein begrenztes Dasein bestimmt.
989.
Unser Denken ist nicht individuell wie unser Empfinden
und Fühlen.
990.
Es ist universell.
991.
Es erhält ein individuelles Gepräge in jedem einzelnen
Menschen nur dadurch, daß es auf sein individuelles Fühlen und Empfinden
bezogen ist.
992.
Durch diese besonderen Färbungen des universellen Denkens
unterscheiden sich die einzelnen Menschen voneinander.
993.
Ein Dreieck hat nur einen einzigen Begriff.
994.
Für den Inhalt dieses Begriffes ist es gleichgültig, ob
ihn der menschliche Bewußtseinsträger A oder B faßt.
995.
Er wird aber von jedem der zwei Bewußtseinsträger in
individueller Weise erfaßt werden.
996.
Diesem Gedanken steht ein schwer zu überwindendes
Vorurteil der Menschen gegenüber.
997.
Die Befangenheit kommt nicht bis zu der Einsicht, daß der
Begriff des Dreieckes, den mein Kopf erfaßt, derselbe ist, wie der durch den
Kopf meines Nebenmenschen ergriffene.
998.
Der naive Mensch hält sich für den Bildner seiner
Begriffe.
999.
Er glaubt deshalb, jede Person habe ihre eigenen
Begriffe.
1000.Es ist eine
Grundforderung des philosophischen Denkens, dieses Vorurteil zu überwinden.
1001.Der eine einheitliche
Begriff des Dreiecks wird nicht dadurch zu einer Vielheit, daß er von vielen
gedacht wird.
1002.Denn das Denken der
Vielen selbst ist eine Einheit.
1003.In dem Denken haben
wir das Element gegeben, das unsere besondere Individualität mit dem Kosmos zu
einem Ganzen zusammenschließt.
1004.Indem wir empfinden
und fühlen (auch wahrnehmen), sind wir einzelne, indem wir denken, sind wir das
all-eine Wesen, das alles durchdringt.
1005.Dies ist der tiefere
Grund unserer Doppelnatur: Wir sehen in uns eine schlechthin absolute Kraft zum
Dasein kommen, eine Kraft, die universell ist, aber wir lernen sie nicht bei
ihrem Ausströmen aus dem Zentrum der Welt kennen, sondern in einem Punkte der
Peripherie.
1006.Wäre das erstere der
Fall, dann wüßten wir in dem Augenblicke, in dem wir zum Bewußtsein kommen, das
ganze Welträtsel.
1007.Da wir aber in einem
Punkte der Peripherie stehen und unser eigenes Dasein in bestimmte Grenzen
eingeschlossen finden, müssen wir das außerhalb unseres eigenen Wesens gelegene
Gebiet mit Hilfe des aus dem allgemeinen Weltensein in uns hereinragenden Denkens
kennen lernen.
1008.Dadurch, daß das
Denken in uns übergreift über unser Sondersein und auf das allgemeine
Weltensein sich bezieht, entsteht in uns der Trieb der Erkenntnis.
1009.Wesen ohne Denken
haben diesen Trieb nicht.
1010.Wenn sich ihnen andere
Dinge gegenüberstellen, so sind dadurch keine Fragen gegeben.
1011.Diese anderen Dinge
bleiben solchen Wesen äußerlich.
1012.Bei denkenden Wesen
stößt dem Außendinge gegenüber der Begriff auf.
1013.Er ist dasjenige, was
wir von dem Dinge nicht von außen, sondern von innen empfangen.
1014.Den Ausgleich, die
Vereinigung der beiden Elemente, des inneren und des äußeren, soll die Erkenntnis
liefern.
1015.Die Wahrnehmung ist
also nichts Fertiges, Abgeschlossenes, sondern die eine Seite der totalen
Wirklichkeit.
1016.Die andere Seite ist
der Begriff.
1017.Der Erkenntnisakt ist
die Synthese von Wahrnehmung und Begriff.
1018.Wahrnehmung und
Begriff eines Dinges machen aber erst das ganze Ding aus.
1019.Die vorangehenden
Ausführungen liefern den Beweis, daß es ein Unding ist, etwas anderes Gemeinsames
in den Einzelwesen der Welt zu suchen, als den ideellen Inhalt, den uns das
Denken darbietet.
1020.Alle Versuche müssen
scheitern, die nach einer anderen Welteinheit streben als nach diesem in sich
zusammenhängenden ideellen Inhalt, welchen wir uns durch denkende Betrachtung
unserer Wahrnehmungen erwerben.
1021.Nicht ein
menschlich-persönlicher Gott, nicht Kraft oder Stoff, noch der ideenlose Wille
(Schopenhauers) können uns als eine universelle Welteinheit gelten.
1022.Diese Wesenheiten gehören
sämtlich nur einem beschränkten Gebiet unserer Beobachtung an.
1023.Menschlich begrenzte
Persönlichkeit nehmen wir nur an uns, Kraft und Stoff an den Außendingen wahr.
1024.Was den Willen
betrifft, so kann er nur als die Tätigkeitsäußerung unserer beschränkten
Persönlichkeit gelten.
1025.Schopenhauer will es
vermeiden, das «abstrakte» Denken zum Träger der Welteinheit zu machen und
sucht statt dessen etwas, das sich ihm unmittelbar als ein Reales darbietet.
1026.Dieser Philosoph
glaubt, daß wir der Welt nimmermehr beikommen, wenn wir sie als Außenwelt
ansehen.
1027.«In der Tat würde die
nachgeforschte Bedeutung der mir lediglich als meine Vorstellung
gegenüberstehenden Welt, oder der Übergang von ihr, als bloßer Vorstellung des
erkennenden Subjekts, zu dem, was sie noch außerdem sein mag, nimmermehr zu
finden sein, wenn der Forscher selbst nichts weiter als das rein erkennende
Subjekt (geflügelter Engelskopf ohne Leib) wäre.
1028.Nun aber wurzelt er
selbst in jener Welt, findet sich nämlich in ihr als Individuum, das
heißt sein Erkennen, welches der bedingende Träger der ganzen Welt als
Vorstellung ist, ist dennoch durchaus vermittelt durch einen Leib, dessen
Affektionen, wie gezeigt, dem Verstande der Ausgangspunkt der Anschauung jener
Welt sind.
1029.Dieser Leib ist dem
rein erkennenden Subjekt als solchem eine Vorstellung wie jede andere, ein
Objekt unter Objekten: die Bewegungen, die Aktionen desselben sind ihm insoweit
nicht anders als wie die Veränderungen aller anderen anschaulichen Objekte
bekannt, und wären ihm ebenso fremd und unverständlich, wenn die Bedeutung
derselben ihm nicht etwa auf eine ganz andere Art enträtselt wäre. ...
1030.Dem Subjekt des
Erkennens, welches durch seine Identität mit dem Leibe als Individuum auftritt,
ist dieser Leib auf zwei ganz verschiedene Weisen gegeben: einmal als
Vorstellung in verständiger Anschauung, als Objekt unter Objekten, und dem
Gesetzen dieser unterworfen; sodann aber auch zugleich auf eine ganz andere
Weise, nämlich als jenes jedem unmittelbar Bekannte, welches das Wort Wille bezeichnet.
1031.Jeder wahre Akt seines
Willens ist sofort und unausbleiblich auch eine Bewegung seines Leibes: er kann
den Akt nicht wirklich wollen, ohne zugleich wahrzunehmen, daß er als Bewegung
des Leibes erscheint.
1032.Der Willensakt und die
Aktion des Leibes sind nicht zwei objektiv erkannte verschiedene Zustände, die
das Band der Kausalität verknüpft, stehen nicht im Verhältnis der Ursache und
Wirkung; sondern sie sind eines und dasselbe, nur auf zwei gänzlich
verschiedene Weisen gegeben: einmal ganz unmittelbar und einmal in der
Anschauung für den Verstand.»
1033.Durch diese
Auseinandersetzungen glaubt sich Schopenhauer berechtigt, in dem Leibe
des Menschen die «Objektität» des Willens zu finden.
1034.Er ist der Meinung, in
den Aktionen des Leibes unmittelbar eine Realität, das Ding an sich in
concreto zu fühlen.
1035.Gegen diese
Ausführungen muß eingewendet werden, daß uns die Aktionen unseres Leibes nur
durch Selbstwahrnehmungen zum Bewußtsein kommen und als solche nichts voraus
haben vor anderen Wahrnehmungen.
1036.Wenn wir ihre
Wesenheit erkennen wollen, so können wir dies nur durch denkende Betrachtung,
das heißt durch Eingliederung derselben in das ideelle System unserer Begriffe
und Ideen.
1037.Am tiefsten
eingewurzelt in das naive Menschheitsbewußtsein ist die Meinung: das Denken sei
abstrakt, ohne allen konkreten Inhalt.
1038.Es könne höchstens ein
«ideelles» Gegenbild der Welteinheit liefern, nicht etwa diese selbst.
1039.Wer so urteilt, hat
sich niemals klar gemacht, was die Wahrnehmung ohne den Begriff ist.
1040.Sehen wir uns nur
diese Welt der Wahrnehmung an: als ein bloßes Nebeneinander im Raum und
Nacheinander in der Zeit, ein Aggregat zusammenhangloser Einzelheiten erscheint
sie.
1041.Keines der Dinge, die
da auftreten und abgehen auf der Wahrnehmungsbühne, hat mit dem andern
unmittelbar etwas zu tun, was sich wahrnehmen läßt.
1042.Die Welt ist da eine
Mannigfaltigkeit von gleichwertigen Gegenständen.
1043.Keiner spielt eine
größere Rolle als der andere im Getriebe der Welt.
1044.Soll uns klar werden,
daß diese oder jene Tatsache größere Bedeutung hat als die andere, so müssen
wir unser Denken befragen.
1045.Ohne das
funktionierende Denken erscheint uns das rudimentäre Organ des Tieres, das ohne
Bedeutung für dessen Leben ist, gleichwertig mit dem wichtigsten Körpergliede.
1046.Die einzelnen Tatsachen
treten in ihrer Bedeutung in sich und für die übrigen Teile der Welt erst
hervor, wenn das Denken seine Fäden zieht von Wesen zu Wesen.
1047.Diese Tätigkeit des
Denkens ist eine inhaltvolle.
1048.Denn nur durch einen
ganz bestimmten konkreten Inhalt kann ich wissen, warum die Schnecke auf einer
niedrigeren Organisationsstufe steht als der Löwe.
1049.Der bloße Anblick, die
Wahrnehmung gibt mir keinen Inhalt, der mich über die Vollkommenheit der
Organisation belehren könnte.
1050.Diesen Inhalt bringt
das Denken der Wahrnehmung aus der Begriffs- und Ideenwelt des Menschen
entgegen.
1051.Im Gegensatz zum
Wahrnehmungsinhalte, der uns von außen gegeben ist, erscheint der
Gedankeninhalt im Innern.
1052.Die Form, in der er
zunächst auftritt, wollen wir als Intuition bezeichnen.
1053.Sie ist für das
Denken, was die Beobachtung für die Wahrnehmung ist.
1054.Intuition und
Beobachtung sind die Quellen unserer Erkenntnis.
1055.Wir stehen einem
beobachteten Dinge der Welt so lange fremd gegenüber, so lange wir in unserem
Innern nicht die entsprechende Intuition haben, die uns das in der Wahrnehmung
fehlende Stück der Wirklichkeit ergänzt.
1056.Wer nicht die
Fähigkeit hat, die den Dingen entsprechenden Intuitionen zu finden, dem bleibt
die volle Wirklichkeit verschlossen.
1057.Wie der Farbenblinde nur
Helligkeitsunterschiede ohne Farbenqualitäten sieht, so kann der Intuitionslose
nur unzusammenhängende Wahrnehmungsfragmente beobachten.
1058.Ein Ding erklären,
verständlich machen heißt nichts anderes, als es in den Zusammenhang hinein
versetzen, aus dem es durch die oben geschilderte Einrichtung unserer
Organisation herausgerissen ist.
1059.Ein von dem Weltganzen
abgetrenntes Ding gibt es nicht.
1060.Alle Sonderung hat
bloß subjektive Geltung für unsere Organisation.
1061.Für uns legt sich das
Weltganze auseinander in: oben und unten, vor und nach, Ursache und Wirkung,
Gegenstand und Vorstellung, Stoff und Kraft, Objekt und Subjekt usw. Was uns in
der Beobachtung an Einzelheiten gegenübertritt, das verbindet sich durch die
zusammenhängende, einheitliche Welt unserer Intuitionen Glied für Glied; und
wir fügen durch das Denken alles wieder in eins zusammen, was wir durch das
Wahrnehmen getrennt haben.
1062.Die Rätselhaftigkeit
eines Gegenstandes liegt in seinem Sonderdasein.
1063.Diese ist aber von uns
hervorgerufen und kann, innerhalb der Begriffswelt, auch wieder aufgehoben
werden.
1064.Außer durch Denken und
Wahrnehmen ist uns direkt nichts gegeben.
1065.Es entsteht nun die
Frage: wie steht es gemäß unseren Ausführungen mit der Bedeutung der
Wahrnehmung?
1066.Wir haben zwar
erkannt, daß der Beweis, den der kritische Idealismus für die subjektive Natur
der Wahrnehmungen vorbringt, in sich zerfällt; aber mit der Einsicht in die
Unrichtigkeit des Beweises ist noch nicht ausgemacht, daß die Sache selbst auf
einem Irrtume beruht.
1067.Der kritische Idealismus
geht in seiner Beweisführung nicht von der absoluten Natur des Denkens aus,
sondern stützt sich darauf, daß der naive Realismus, konsequent verfolgt, sich
selbst aufhebe.
1068.Wie stellt sich die
Sache, wenn die Absolutheit des Denkens erkannt ist?
1069.Nehmen wir an, es
trete eine bestimmte Wahrnehmung, zum Beispiel Rot, in meinem Bewußtsein auf.
1070.Die Wahrnehmung
erweist sich bei fortgehender Betrachtung in Zusammenhang stehend mit anderen
Wahrnehmungen, zum Beispiel einer bestimmten Figur, mit gewissen Temperatur-
und Tastwahrnehmungen.
1071.Diesen Zusammenhang
bezeichne ich als einen Gegenstand der Sinnenwelt.
1072.Ich kann mich nun
fragen: was findet sich außer dem angeführten noch in jenem Raumausschnitte, in
dem mir obige Wahrnehmungen erscheinen.
1073.Ich werde mechanische,
chemische und andere Vorgänge innerhalb des Raumteiles finden.
1074.Nun gehe ich weiter
und untersuche die Vorgänge, die ich auf dem Wege von dem Gegenstande zu meinem
Sinnesorgane finde.
1075.Ich kann
Bewegungsvorgänge in einem elastischen Mittel finden, die ihrer Wesenheit nach
nicht das geringste mit den ursprünglichen Wahrnehmungen gemein haben.
1076.Das gleiche Resultat
erhalte ich, wenn ich die weitere Vermittelung vom Sinnesorgane zum Gehirn
untersuche.
1077.Auf jedem dieser
Gebiete mache ich neue Wahrnehmungen; aber was als bindendes Mittel sich durch
alle diese räumlich und zeitlich auseinanderliegenden Wahrnehmungen
hindurchwebt, das ist das Denken.
1078.Die den Schall
vermittelnden Schwingungen der Luft sind mir gerade so als Wahrnehmungen gegeben
wie der Schall selbst.
1079.Nur das Denken
gliedert alle diese Wahrnehmungen aneinander und zeigt sie in ihren
gegenseitigen Beziehungen.
1080.Wir können nicht davon
sprechen, daß es außer dem unmittelbar Wahrgenommenen noch anderes gibt, als
dasjenige, was durch die ideellen (durch das Denken aufzudeckenden)
Zusammenhänge der Wahrnehmungen erkannt wird.
1081.Die über das bloß
Wahrgenommene hinausgehende Beziehung der Wahrnehmungsobjekte zum
Wahrnehmungssubjekte ist also eine bloß ideelle, das heißt nur durch Begriffe
ausdrückbare.
1082.Nur in dem Falle, wenn
ich wahrnehmen könnte, wie das Wahrnehmungsobjekt das Wahrnehmungssubjekt
affiziert, oder umgekehrt, wenn ich den Aufbau des Wahrnehmungsgebildes durch
das Subjekt beobachten könnte, wäre es möglich, so zu sprechen, wie es die
moderne Physiologie und der auf sie gebaute kritische Idealismus tun.
1083.Diese Ansicht
verwechselt einen ideellen Bezug (des Objekts auf das Subjekt) mit einem
Prozeß, von dem nur gesprochen werden könnte, wenn er wahrzunehmen wäre.
1084.Der Satz «Keine Farbe
ohne farbenempfindendes Auge» kann daher nicht die Bedeutung haben, daß das
Auge die Farbe hervorbringt, sondern nur die, daß ein durch das Denken
erkennbarer ideeller Zusammenhang besteht zwischen der Wahrnehmung Farbe und
der Wahrnehmung Auge.
1085.Die empirische
Wissenschaft wird festzustellen haben, wie sich die Eigenschaften des Auges und
die der Farben zueinander verhalten; durch welche Einrichtungen das Sehorgan
die Wahrnehmung der Farben vermittelt usw.
1086.Ich kann verfolgen,
wie eine Wahrnehmung auf die andere folgt, wie sie räumlich mit andern in
Beziehung steht; und dies dann in einen begrifflichen Ausdruck bringen; aber
ich kann nicht wahrnehmen, wie eine Wahrnehmung aus dem Unwahrnehmbaren
hervorgeht.
1087.Alle Bemühungen,
zwischen den Wahrnehmungen andere als Gedankenbezüge zu suchen, müssen
notwendig scheitern.
1088.Was ist also die
Wahrnehmung?
1089.Diese Frage ist, im
allgemeinen gestellt, absurd.
1090.Die Wahrnehmung tritt
immer als eine ganz bestimmte, als konkreter Inhalt auf.
1091.Dieser Inhalt ist
unmittelbar gegeben, und erschöpft sich in dem Gegebenen.
1092.Man kann in bezug auf
dieses Gegebene nur fragen, was es außerhalb der Wahrnehmung, das ist: für das
Denken ist.
1093.Die Frage nach dem
«Was» einer Wahrnehmung kann also nur auf die begriffliche Intuition gehen, die
ihr entspricht.
1094.Unter diesem
Gesichtspunkte kann die Frage nach der Subjektivität der Wahrnehmung im Sinne
des kritischen Idealismus gar nicht aufgeworfen werden.
1095.Als subjektiv darf nur
bezeichnet werden, was als zum Subjekte gehörig wahrgenommen wird.
1096.Das Band zu bilden
zwischen Subjektivem und Objektivem kommt keinem im naiven Sinn realen Prozeß,
das heißt einem wahrnehmbaren Geschehen zu, sondern allein dem Denken.
1097.Es ist also für uns
objektiv, was sich für die Wahrnehmung als außerhalb des Wahrnehmungssubjektes
gelegen darstellt.
1098.Mein
Wahrnehmungssubjekt bleibt für mich wahrnehmbar, wenn der Tisch, der soeben vor
mir steht, aus dem Kreise meiner Beobachtung verschwunden sein wird.
1099.Die Beobachtung des Tisches
hat eine, ebenfalls bleibende, Veränderung in mir hervorgerufen.
1100.Ich behalte die
Fähigkeit zurück, ein Bild des Tisches später wieder zu erzeugen.
1101.Diese Fähigkeit der
Hervorbringung eines Bildes bleibt mit mir verbunden.
1102.Die Psychologie bezeichnet
dieses Bild als Erinnerungsvorstellung.
1103.Es ist aber dasjenige,
was allein mit Recht Vorstellung des Tisches genannt werden kann.
1104.Es entspricht dies
nämlich der wahrnehmbaren Veränderung meines eigenen Zustandes durch die
Anwesenheit des Tisches in meinem Gesichtsfelde.
1105.Und zwar bedeutet sie
nicht die Veränderung irgendeines hinter dem Wahrnehmungssubjekte stehenden
1106.«Ich an sich», sondern
die Veränderung des wahrnehmbaren Subjektes selbst.
1107.Die Vorstellung ist
also eine subjektive Wahrnehmung im Gegensatz zur objektiven Wahrnehmung bei
Anwesenheit des Gegenstandes im Wahrnehmungshorizonte.
1108.Das Zusammenwerfen
jener subjektiven mit dieser objektiven Wahrnehmung führt zu dem
Mißverständnisse des Idealismus: die Welt ist meine Vorstellung.
1109.Es wird sich nun
zunächst darum handeln, den Begriff der Vorstellung näher zu bestimmen.
1110.Was wir bisher über
sie vorgebracht haben, ist nicht der Begriff derselben, sondern weist nur den
Weg, wo sie im Wahrnehmungsfelde zu finden ist.
1111.Der genaue Begriff der
Vorstellung wird es uns dann auch möglich machen, einen befriedigenden
Aufschluß über das Verhältnis von Vorstellung und Gegenstand zu gewinnen.
1112.Dies wird uns dann
auch über die Grenze führen, wo das Verhältnis zwischen menschlichem Subjekt
und der Welt angehörigem Objekt von dem rein begrifflichen Felde des Erkennens
hinabgeführt wird in das konkrete individuelle Leben.
1113.Wissen wir erst, was
wir von der Welt zu halten haben, dann wird es ein leichtes sein, auch uns
danach einzurichten.
1114.Wir können erst mit voller
Kraft tätig sein, wenn wir das der Welt angehörige Objekt kennen, dem wir
unsere Tätigkeit widmen.
1115.
1116.Zusatz zur Neuausgabe
1918
1117.Die Anschauung, die
hier gekennzeichnet ist, kann als eine solche angesehen werden, zu welcher der
Mensch wie naturgemäß zunächst getrieben wird, wenn er beginnt, über sein
Verhältnis zur Welt nachzudenken.
1118.Er sieht sich da in
eine Gedankengestaltung verstrickt, die sich ihm auflöst, indem er sie bildet.
1119.Diese
Gedankengestaltung ist eine solche, mit deren bloßer theoretischer Widerlegung
nicht alles für sie Notwendige getan ist.
1120.Man muß sie durchleben,
um aus der Einsicht in die Verirrung, in die sie führt, den Ausweg zu finden.
1121.Sie muß in einer
Auseinandersetzung über das Verhältnis des Menschen zur Welt erscheinen nicht
darum, weil man andere widerlegen will, von denen man glaubt, daß sie über
dieses Verhältnis eine unrichtige Ansicht haben, sondern weil man kennen muß,
in welche Verwirrung sich jedes erste Nachdenken über ein solches Verhältnis
bringen kann.
1122.Man muß die Einsicht
gewinnen, wie man sich selbst in bezug auf dieses erste Nachdenken
widerlegt.
1123.Von einem solchen
Gesichts punkte aus sind die obigen Ausführungen gemeint.
1124.Wer sich eine
Anschauung über das Verhältnis des Menschen zur Welt erarbeiten will, wird sich
bewußt, daß er mindestens einen Teil dieses Verhältnisses dadurch herstellt,
daß er sich über die Weltdinge und Weltvorgänge Vorstellungen macht.
1125.Dadurch wird sein
Blick von dem, was draußen in der Welt ist, abgezogen und auf seine
Innenwelt, auf sein Vorstellungsleben gelenkt.
1126.Er beginnt sich zu
sagen: ich kann zu keinem Ding und zu keinem Vorgang eine Beziehung haben, wenn
nicht in mir eine Vorstellung auftritt.
1127.Von dem Bemerken dieses
Tatbestandes ist dann nur ein Schritt zu der Meinung: ich erlebe aber doch nur
meine Vorstellungen; von einer Welt draußen weiß ich nur, insofern sie
Vorstellung in mir ist.
1128.Mit dieser Meinung ist
der naive Wirklichkeitsstandpunkt verlassen, den der Mensch vor allem
Nachsinnen über sein Verhältnis zur Welt einnimmt.
1129.Von diesem Standpunkt
aus glaubt er, er habe es mit den wirklichen Dingen zu tun.
1130.Von diesem Standpunkt
drängt die Selbstbesinnung ab.
1131.Sie läßt den Menschen
gar nicht hinblicken auf eine Wirklichkeit, wie sie das naive Bewußtsein vor
sich zu haben meint.
1132.Sie läßt ihn bloß auf
seine Vorstellungen blicken; diese schieben sich ein zwischen die eigene
Wesenheit und eine etwa wirkliche Welt, wie sie der naive Standpunkt glaubt
behaupten zu dürfen.
1133.Der Mensch kann nicht
mehr durch die eingeschobene Vorstellungswelt auf eine solche Wirklichkeit
schauen.
1134.Er muß annehmen: er
sei blind für diese Wirklichkeit.
1135.So entsteht der
Gedanke von einem für die Erkenntnis unerreichbaren «Ding an sich».
1136.— Solange man bei der Betrachtung des Verhältnisses
stehenbleibt, in das der Mensch durch sein Vorstellungsleben mit der Welt zu
treten scheint, wird man dieser Gedankengestaltung nicht entgehen können.
1137.Auf dem naiven
Wirklichkeitsstandpunkt kann man nicht bleiben, wenn man sich dem Drang nach
Erkenntnis nicht künstlich verschließen will.
1138.Daß dieser Drang nach
Erkenntnis des Verhältnisses von Mensch und Welt vorhanden ist, zeigt, daß
dieser naive Standpunkt verlassen werden muß.
1139.Gäbe der naive
Standpunkt etwas, was man als Wahrheit anerkennen kann, so könnte man diesen
Drang nicht empfinden.
1140.— Aber man kommt nun nicht zu etwas anderem, das man als
Wahrheit ansehen könnte, wenn man bloß den naiven Standpunkt verläßt, aber —
ohne es zu bemerken — die Gedankenart beibehält, die er aufnötigt.
1141.Man verfällt in einen
solchen Fehler, wenn man sich sagt: ich erlebe nur meine Vorstellungen, und
während ich glaube, ich habe es mit Wirklichkeiten zu tun, sind mir nur meine
Vorstellungen von Wirklichkeiten bewußt; ich muß deshalb annehmen, daß
außerhalb des Umkreises meines Bewußtseins erst wahre Wirklichkeiten, «Dinge an
sich» liegen, von denen ich unmittelbar gar nichts weiß, die irgendwie an mich
herankommen und mich so beeinflussen, daß in mir meine Vorstellungswelt auflebt.
1142.Wer so denkt, der
setzt in Gedanken zu der ihm vorliegenden Welt nur eine andere hinzu; aber er
müßte bezüglich dieser Welt eigentlich mit seiner Gedankenarbeit wieder von
vorne beginnen.
1143.Denn das unbekannte
«Ding an sich» wird dabei gar nicht anders gedacht in seinem Verhältnisse zur
Eigenwesenheit des Menschen als das bekannte des naiven
Wirklichkeitsstandpunktes.
1144.— Man entgeht der Verwirrung, in die man durch die
kritische Besonnenheit in bezug auf diesen Standpunkt gerät, nur, wenn man
bemerkt, daß es innerhalb dessen, was man innen in sich und außen in der
Welt wahrnehmend erleben kann, etwas gibt, das dem Verhängnis gar nicht
verfallen kann, daß sich zwischen Vorgang und betrachtenden Menschen die
Vorstellung einschiebt.
1145.Und dieses ist
das Denken.
1146.Dem Denken gegenüber kann
der Mensch auf dem naiven Wirklichkeitsstandpunkt verbleiben.
1147.Tut er es nicht, so
geschieht das nur deshalb, weil er bemerkt hat, daß er für anderes diesen
Standpunkt verlassen muß, aber nicht gewahr wird, daß die so gewonnene Einsicht
nicht anwendbar auf das Denken ist.
1148.Wird er dies gewahr,
dann eröffnet er sich den Zugang zu der anderen Einsicht, daß im Denken
und durch das Denken dasjenige erkannt werden muß, wofür sich der Mensch
blind zu machen scheint, indem er zwischen der Welt und sich das
Vorstellungsleben einschieben muß.
1149.— Von durch den Verfasser dieses Buches sehr geschätzter
Seite ist diesem der Vorwurf gemacht worden, daß er mit seiner Ausführung über
das Denken bei einem naiven Realismus des Denkens stehenbleibe, wie ein solcher
vorliege, wenn man die wirkliche Welt und die vorgestellte Welt für eines hält.
1150.Doch der Verfasser
dieser Ausführungen glaubt eben in ihnen erwiesen zu haben, daß die Geltung
dieses «naiven Realismus» für das Denken sich aus einer unbefangenen
Beobachtung desselben notwendig ergibt; und daß der für anderes nicht geltende
naive Realismus durch die Erkenntnis der wahren Wesenheit des Denkens
überwunden wird.
1151.Die Hauptschwierigkeit
bei der Erklärung der Vorstellungen wird von den Philosophen in dem Umstande
gefunden, daß wir die äußeren Dinge nicht selbst sind, und unsere Vorstellungen
doch eine den Dingen entsprechende Gestalt haben sollen.
1152.Bei genauerem Zusehen
stellt sich aber heraus, daß diese Schwierigkeit gar nicht besteht.
1153.Die äußeren Dinge sind
wir allerdings nicht, aber wir gehören mit den äußeren Dingen zu ein und
derselben Welt.
1154.Der Ausschnitt aus der
Welt, den ich als mein Subjekt wahrnehme, wird von dem Strome des allgemeinen
Weltgeschehens durchzogen.
1155.Für mein Wahrnehmen
bin ich zunächst innerhalb der Grenzen meiner Leibeshaut eingeschlossen.
1156.Aber was da drinnen
steckt in dieser Leibeshaut, gehört zu dem Kosmos als einem Ganzen.
1157.Damit also eine
Beziehung bestehe zwischen meinem Organismus und dem Gegenstande außer mir, ist
es gar nicht nötig, daß etwas von dem Gegenstande in mich hereinschlüpfe oder
in meinen Geist einen Eindruck mache, wie ein Siegelring in Wachs.
1158.Die Frage: wie bekomme
ich Kunde von dem Baume, der zehn Schritte von mir entfernt steht, ist völlig
schief gestellt.
1159.Sie entspringt aus der
Anschauung, daß meine Leibesgrenzen absolute Scheidewände seien, durch die die
Nachrichten von den Dingen in mich hereinwandern.
1160.Die Kräfte, welche
innerhalb meiner Leibeshaut wirken, sind die gleichen wie die außerhalb
bestehenden.
1161.Ich bin also wirklich
die Dinge; allerdings nicht Ich, insoferne ich Wahrnehmungssubjekt bin, aber
ich, insofern ich ein Teil innerhalb des allgemeinen Weltgeschehens bin.
1162.Die Wahrnehmung des
Baumes liegt mit meinem Ich in demselben Ganzen.
1163.Dieses allgemeine
Weltgeschehen ruft in gleichem Maße dort die Wahrnehmung des Baumes hervor, wie
hier die Wahrnehmung meines Ich.
1164.Wäre ich nicht
Welterkenner, sondern Weltschöpfer, so entstünde Objekt und Subjekt
(Wahrnehmung und Ich) in einem Akte.
1165.Denn sie bedingen
einander gegenseitig.
1166.Als Welterkenner kann
ich das Gemeinsame der beiden als zusammengehöriger Wesenseiten nur durch
Denken finden, das durch Begriffe beide aufeinander bezieht.
1167.Am schwierigsten aus
dem Felde zu schlagen werden die sogenannten physiologischen Beweise für die
Subjektivität unserer Wahrnehmungen sein.
1168.Wenn ich einen Druck
auf die Haut meines Körpers ausführe, so nehme ich ihn als Druckempfindung
wahr.
1169.Denselben Druck kann
ich durch das Auge als Licht, durch das Ohr als Ton wahrnehmen.
1170.Einen elektrischen
Schlag nehme ich durch das Auge als Licht, durch das Ohr als Schall, durch die
Hautnerven als Stoß, durch das Geruchsorgan als Phosphorgeruch wahr.
1171.Was folgt aus dieser
Tatsache?
1172.Nur dieses: Ich nehme
einen elektrischen Schlag wahr (respektive einen Druck) und darauf eine
Lichtqualität, oder einen Ton beziehungsweise einen gewissen Geruch und so
weiter.
1173.Wenn kein Auge da
wäre, so gesellte sich zu der Wahrnehmung der mechanischen Erschütterung in der
Umgebung nicht die Wahrnehmung einer Lichtqualität, ohne die Anwesenheit eines
Gehörorgans keine Tonwahrnehmung usw.
1174.Mit welchem Rechte
kann man sagen, ohne Wahrnehmungsorgane wäre der ganze Vorgang nicht vorhanden?
1175.Wer von dem Umstande,
daß ein elektrischer Vorgang im Auge Licht hervorruft, zurückschließt: also ist
das, was wir als Licht empfinden, außer unserem Organismus nur ein mechanischer
Bewegungsvorgang, — der vergißt, daß er nur von einer Wahrnehmung auf die andere
übergeht und durchaus nicht auf etwas außerhalb der Wahrnehmung.
1176.Ebensogut wie man
sagen kann: das Auge nimmt einen mechanischen Bewegungsvorgang seiner Umgebung
als Licht wahr, ebenso gut kann man behaupten: eine gesetzmäßige Veränderung
eines Gegenstandes wird von uns als Bewegungsvorgang wahrgenommen.
1177.Wenn ich auf den
Umfang einer rotierenden Scheibe ein Pferd zwölfmal male, und zwar genau in den
Gestalten, die sein Körper im fortgehenden Laufe annimmt, so kann ich durch
Rotieren der Scheibe den Schein der Bewegung hervorrufen.
1178.Ich brauche nur durch
eine Öffnung zu blicken und zwar so, daß ich in den entsprechenden
Zwischenzeiten die aufeinanderfolgenden Stellungen des Pferdes sehe.
1179.Ich sehe nicht zwölf
Pferdebilder, sondern das Bild eines dahineilenden Pferdes.
1180.Die erwähnte
physiologische Tatsache kann also kein Licht auf das Verhältnis von Wahrnehmung
und Vorstellung werfen.
1181.Wir müssen uns auf
andere Weise zurechtfinden.
1182.In dem Augenblicke, wo
eine Wahrnehmung in meinem Beobachtungshorizonte auftaucht, betätigt sich durch
mich auch das Denken.
1183.Ein Glied in meinem
Gedankensysteme, eine bestimmte Intuition, ein Begriff verbindet sich mit der
Wahrnehmung.
1184.Wenn dann die
Wahrnehmung aus meinem Gesichtskreise verschwindet: was bleibt zurück?
1185.Meine Intuition mit
der Beziehung auf die bestimmte Wahrnehmung, die sich im Momente des
Wahrnehmens gebildet hat.
1186.Mit welcher
Lebhaftigkeit ich dann später diese Beziehung mir wieder vergegenwärtigen kann,
das hängt von der Art ab, in der mein geistiger und körperlicher Organismus
funktioniert.
1187.Die Vorstellung ist
nichts anderes als eine auf eine bestimmte Wahrnehmung bezogene Intuition, ein
Begriff, der einmal mit einer Wahrnehmung verknüpft war, und dem der Bezug auf
diese Wahrnehmung geblieben ist.
1188.Mein Begriff eines
Löwen ist nicht aus meinen Wahrnehmungen von Löwen gebildet.
1189.Wohl aber ist meine
Vorstellung vom Löwen an der Wahrnehmung gebildet.
1190.Ich kann jemandem den
Begriff eines Löwen beibringen, der nie einen Löwen gesehen hat.
1191.Eine lebendige Vorstellung
ihm beizubringen, wird mir ohne sein eigenes Wahrnehmen nicht gelingen.
1192.Die Vorstellung ist
also ein individualisierter Begriff.
1193.Und nun ist es uns
erklärlich, daß für uns die Dinge der Wirklichkeit durch Vorstellungen
repräsentiert werden können.
1194.Die volle Wirklichkeit
eines Dinges ergibt sich uns im Augenblicke der Beobachtung aus dem
Zusammengehen von Begriff und Wahrnehmung.
1195.Der Begriff erhält
durch eine Wahrnehmung eine individuelle Gestalt, einen Bezug zu dieser
bestimmten Wahrnehmung.
1196.In dieser
individuellen Gestalt, die den Bezug auf die Wahrnehmung als eine
Eigentümlichkeit in sich trägt, lebt er in uns fort und bildet die Vorstellung
des betreffenden Dinges.
1197.Treffen wir auf ein
zweites Ding, mit dem sich derselbe Begriff verbindet, so erkennen wir es mit
dem ersten als zu derselben Art gehörig; treffen wir dasselbe Ding ein zweites
Mal wieder, so finden wir in unserem Begriffssysteme nicht nur überhaupt einen
entsprechenden Begriff, sondern den individualisierten Begriff mit dem ihm eigentümlichen
Bezug auf denselben Gegenstand, und wir erkennen den Gegenstand wieder.
1198.Die Vorstellung steht
also zwischen Wahrnehmung und Begriff.
1199.Sie ist der bestimmte,
auf die Wahrnehmung deutende Begriff.
1200.Die Summe desjenigen,
worüber ich Vorstellungen bilden kann, darf ich meine Erfahrung nennen.
1201.Derjenige Mensch wird
die reichere Erfahrung haben, der eine größere Zahl individualisierter Begriffe
hat.
1202.Ein Mensch, dem jedes
Intuitionsvermögen fehlt, ist nicht geeignet, sich Erfahrung zu erwerben.
1203.Er verliert die
Gegenstände wieder aus seinem Gesichtskreise, weil ihm die Begriffe fehlen, die
er zu ihnen in Beziehung setzen soll.
1204.Ein Mensch mit gut
entwickeltem Denkvermögen, aber mit einem infolge grober Sinneswerkzeuge
schlecht funktionierenden Wahrnehmen, wird ebensowenig Erfahrung sammeln
können.
1205.Er kann sich zwar auf
irgendeine Weise Begriffe erwerben; aber seinen Intuitionen fehlt der lebendige
Bezug auf bestimmte Dinge.
1206.Der gedankenlose
Reisende und der in abstrakten Begriffssystemen lebende Gelehrte sind gleich
unfähig, sich eine reiche Erfahrung zu erwerben.
1207.Als Wahrnehmung und
Begriff stellt sich uns die Wirklichkeit, als Vorstellung die subjektive
Repräsentation dieser Wirklichkeit dar.
1208.Wenn sich unsere
Persönlichkeit bloß als erkennend äußerte, so wäre die Summe alles Objektiven
in Wahrnehmung, Begriff und Vorstellung gegeben.
1209.Wir begnügen uns aber
nicht damit, die Wahrnehmung mit Hilfe des Denkens auf den Begriff zu beziehen,
sondern wir beziehen sie auch auf unsere besondere Subjektivität, auf unser
individuelles Ich.
1210.Der Ausdruck dieses
individuellen Bezuges ist das Gefühl, das sich als Lust oder Unlust auslebt.
1211.Denken und Fühlen entsprechen
der Doppelnatur unseres Wesens, der wir schon gedacht haben.
1212.Das Denken ist
das Element, durch das wir das allgemeine Geschehen des Kosmos mitmachen; das Fühlen
das, wodurch wir uns in die Enge des eigenen Wesens zurückziehen können.
1213.Unser Denken verbindet
uns mit der Welt; unser Fühlen führt uns in uns selbst zurück, macht uns erst
zum Individuum.
1214.Wären wir bloß
denkende und wahrnehmende Wesen, so müßte unser ganzes Leben in
unterschiedloser Gleichgültigkeit dahinfließen.
1215.Wenn wir uns bloß als
Selbst erkennen könnten, so wären wir uns vollständig gleichgültig.
1216.Erst dadurch, daß wir
mit der Selbsterkenntnis das Selbstgefühl, mit der Wahrnehmung der Dinge Lust
und Schmerz empfinden, leben wir als individuelle Wesen, deren Dasein nicht mit
dem Begriffsverhältnis erschöpft ist, in dem sie zu der übrigen Welt stehen,
sondern die noch einen besonderen Wert für sich haben.
1217.Man könnte versucht
sein, in dem Gefühlsleben ein Element zu sehen, das reicher mit Wirklichkeit
gesättigt ist als das denkende Betrachten der Welt.
1218.Darauf ist zu
erwidern, daß das Gefühlsleben eben doch nur für mein Individuum diese reichere
Bedeutung hat.
1219.Für das Weltganze kann
mein Gefühlsleben nur einen Wert erhalten, wenn das Gefühl, als Wahrnehmung an
meinem Selbst, mit einem Begriffe in Verbindung tritt und sich auf diesem
Umwege dem Kosmos eingliedert.
1220.Unser Leben ist ein
fortwährendes Hin, und Herpendeln zwischen dem Mitleben des allgemeinen
Weltgeschehens und unserem individuellen Sein.
1221.Je weiter wir
hinaufsteigen in die allgemeine Natur des Denkens, wo uns das Individuelle
zuletzt nur mehr als Beispiel, als Exemplar des Begriffes interessiert, desto
mehr verliert sich in uns der Charakter des besonderen Wesens, der ganz
bestimmten einzelnen Persönlichkeit.
1222.Je weiter wir
herabsteigen in die Tiefen des Eigenlebens und unsere Gefühle mitklingen lassen
mit den Erfahrungen der Außenwelt, desto mehr sondern wir uns ab von dem
universellen Sein.
1223.Eine wahrhafte
Individualität wird derjenige sein, der am weitesten hinaufreicht mit seinen
Gefühlen in die Region des Ideellen.
1224.Es gibt Menschen, bei
denen auch die allgemeinsten Ideen, die in ihrem Kopfe sich festsetzen, noch
jene besondere Färbung tragen, die sie unverkennbar als mit ihrem Träger im
Zusammenhange zeigt.
1225.Andere existieren,
deren Begriffe so ohne jede Spur einer Eigentümlichkeit an uns herankommen, als
wären sie gar nicht aus einem Menschen entsprungen, der Fleisch und Blut hat.
1226.Das Vorstellen gibt
unserem Begriffsleben bereits ein individuelles Gepräge.
1227.Jedermann hat ja einen
eigenen Standort, von dem aus er die Welt betrachtet.
1228.An seine Wahrnehmungen
schließen sich seine Begriffe an.
1229.Er wird auf seine
besondere Art die allgemeinen Begriffe denken.
1230.Diese besondere
Bestimmtheit ist ein Ergebnis unseres Standortes in der Welt, der an unseren Lebensplatz
sich anschließenden Wahrnehmungssphäre.
1231.Dieser Bestimmtheit
steht entgegen eine andere, von unserer besonderen Organisation abhängige.
1232.Unsere Organisation
ist ja eine spezielle, vollbestimmte Einzelheit.
1233.Wir verbinden jeder
besondere Gefühle, und zwar in den verschiedensten Stärkegraden mit unseren
Wahrnehmungen.
1234.Dies ist das
Individuelle unserer Eigenpersönlichkeit.
1235.Es bleibt als Rest
zurück, wenn wir die Bestimmtheiten des Lebensschauplatzes alle in Rechnung
gebracht haben.
1236.Ein völlig gedankenleeres
Gefühlsleben müßte allmählich allen Zusammenhang mit der Welt verlieren.
1237.Die Erkenntnis der
Dinge wird bei dem auf Totalität angelegten Menschen Hand in Hand gehen mit der
Ausbildung und Entwickelung des Gefühlslebens.
1238.Das Gefühl ist das
Mittel, wodurch die Begriffe zunächst konkretes Leben gewinnen.
1239.
1240.Kapitel 7 - Gibt es
Grenzen des Erkennens?
1241.Wir haben
festgestellt, daß die Elemente zur Erklärung der Wirklichkeit den beiden
Sphären: dem Wahrnehmen und dem Denken zu entnehmen sind.
1242.Unsere Organisation
bedingt es, wie wir gesehen haben, daß uns die volle, totale Wirklichkeit,
einschließlich unseres eigenen Subjektes, zunächst als Zweiheit erscheint.
1243.Das Erkennen
überwindet diese Zweiheit, indem es aus den beiden Elementen der Wirklichkeit:
der Wahrnehmung und dem durch das Denken erarbeiteten Begriff das ganze Ding
zusammenfügt.
1244.Nennen wir die Weise,
in der uns die Welt entgegentritt, bevor sie durch das Erkennen ihre rechte
Gestalt gewonnen hat, die Welt der Erscheinung im Gegensatz zu der aus Wahrnehmung
und Begriff einheitlich zusammengesetzten Wesenheit.
1245.Dann können wir sagen:
Die Welt ist uns als Zweiheit (dualistisch) gegeben, und das Erkennen
verarbeitet sie zur Einheit (monistisch).
1246.Eine Philosophie, welche
von diesem Grundprinzip ausgeht, kann als monistische Philosophie oder Monismus
bezeichnet werden.
1247.Ihr steht gegenüber
die Zweiweltentheorie oder der Dualismus.
1248.Der letztere nimmt
nicht etwa zwei bloß durch unsere Organisation auseinandergehaltene Seiten der
einheitlichen Wirklichkeit an, sondern zwei voneinander absolut verschiedene
Welten.
1249.Er sucht dann
Erklärungsprinzipien für die eine Welt in der andern.
1250.Der Dualismus beruht
auf einer falschen Auffassung dessen, was wir Erkenntnis nennen.
1251.Er trennt das gesamte
Sein in zwei Gebiete, von denen jedes seine eigenen Gesetze hat, und läßt diese
Gebiete einander äußerlich gegenüberstehen.
1252.Einem solchen
Dualismus entspringt die durch Kant in die Wissenschaft eingeführte und bis
heute nicht wieder herausgebrachte Unterscheidung von Wahrnehmungsobjekt und
«Ding an sich».
1253.Unseren Ausführungen
gemäß liegt es in der Natur unserer geistigen Organisation, daß ein besonderes
Ding, nur als Wahrnehmung gegeben sein kann.
1254.Das Denken überwindet dann
die Besonderung, indem es jeder Wahrnehmung ihre gesetzmäßige Stelle im
Weltganzen anweist.
1255.Solange die
gesonderten Teile des Weltganzen als Wahrnehmungen bestimmt werden, folgen wir
einfach in der Aussonderung einem Gesetze unserer Subjektivität.
1256.Betrachten wir aber
die Summe aller Wahrnehmungen als den einen Teil und stellen diesem dann einen
zweiten in den
1257.«Dingen an sich»
gegenüber, so philosophieren wir ins Blaue hinein.
1258.Wir haben es dann mit
einem bloßen Begriffsspiel zu tun.
1259.Wir konstruieren einen
künstlichen Gegensatz, können aber für das zweite Glied desselben keinen Inhalt
gewinnen, denn ein solcher kann für ein besonderes Ding nur aus der Wahrnehmung
geschöpft werden.
1260.Jede Art des Seins,
das außerhalb des Gebietes von Wahrnehmung und Begriff angenommen wird, ist in
die Sphäre der unberechtigten Hypothesen zu verweisen.
1261.In diese Kategorie
gehört das «Ding an sich».
1262.Es ist nur ganz
natürlich, daß der dualistische Denker den Zusammenhang des hypothetisch
angenommenen Weltprinzipes und des erfahrungsmäßig Gegebenen nicht finden kann.
1263.Für das hypothetische
Weltprinzip läßt sich nur ein Inhalt gewinnen, wenn man ihn aus der
Erfahrungswelt entlehnt und sich über diese Tatsache hinwegtäuscht.
1264.Sonst bleibt es ein
inhaltsleerer Begriff, ein Unbegriff, der nur die Form des Begriffes hat.
1265.Der dualistische
Denker behauptet dann gewöhnlich: der Inhalt dieses Begriffes sei unserer
Erkenntnis unzugänglich; wir könnten nur wissen, daß ein solcher Inhalt
vorhanden ist, nicht was vorhanden ist.
1266.In beiden Fällen ist
die Überwindung des Dualismus unmöglich.
1267.Bringt man ein paar
abstrakte Elemente der Erfahrungswelt in den Begriff des Dinges an sich hinein,
dann bleibt es doch unmöglich, das reiche konkrete Leben der Erfahrung auf ein
paar Eigenschaften zurückzuführen, die selbst nur aus dieser Wahrnehmung
entnommen sind.
1268.Du Bois-Reymond denkt, daß die
unwahrnehmbaren Atome der Materie durch ihre Lage und Bewegung Empfindung und
Gefühl erzeugen, um dann zu dem Schlusse zu kommen: Wir können niemals zu einer
befriedigenden Erklärung darüber kommen, wie Materie und Bewegung Empfindung
und Gefühl erzeugen, denn «es ist eben durchaus und für immer unbegreiflich,
daß es einer Anzahl von Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, usw.
Atomen nicht sollte gleichgültig sein, wie sie liegen und sich bewegen, wie sie
lagen und sich bewegten, wie sie liegen und sich bewegen werden.
1269.Es ist in keiner Weise
einzusehen, wie aus ihrem Zusammenwirken Bewußtsein entstehen könne».
1270.Diese Schlußfolgerung
ist charakteristisch für die ganze Denkrichtung.
1271.Aus der reichen Welt
der Wahrnehmungen wird abgesondert: Lage und Bewegung.
1272.Diese werden auf die
erdachte Welt der Atome übertragen.
1273.Dann tritt die
Verwunderung darüber ein, daß man aus diesem selbstgemachten und aus der Wahrnehmungswelt
entlehnten Prinzip das konkrete Leben nicht herauswickeln kann.
1274.Daß der Dualist, der
mit einem vollständig inhaltleeren Begriff vom Ansich arbeitet, zu keiner
Welterklärung kommen kann, folgt schon aus der oben angegebenen Definition
seines Prinzipes.
1275.In jedem Falle sieht
sich der Dualist gezwungen, unserem Erkenntnisvermögen unübersteigliche
Schranken zu setzen.
1276.Der Anhänger einer
monistischen Weltanschauung weiß, daß alles, was er zur Erklärung einer ihm
gegebenen Erscheinung der Welt braucht, im Bereiche der letztem liegen müsse.
1277.Was ihn hindert, dazu
zu gelangen, können nur zufällige zeitliche oder räumliche Schranken oder
Mängel seiner Organisation sein.
1278.Und zwar nicht der
menschlichen Organisation im allgemeinen, sondern nur seiner besonderen
individuellen.
1279.Es folgt aus dem
Begriffe des Erkennens, wie wir ihn bestimmt haben, daß von Erkenntnisgrenzen
nicht gesprochen werden kann.
1280.Das Erkennen ist keine
allgemeine Weltangelegenheit, sondern ein Geschäft, das der Mensch mit sich
selbst abzumachen hat.
1281.Die Dinge verlangen
keine Erklärung.
1282.Sie existieren und
wirken aufeinander nach den Gesetzen, die durch das Denken auffindbar sind.
1283.Sie existieren in
unzertrennlicher Einheit mit diesen Gesetzen.
1284.Da tritt ihnen unsere Ichheit
gegenüber und erfaßt von ihnen zunächst nur das, was wir als Wahrnehmung
bezeichnet haben.
1285.Aber in dem Innern
dieser Ichheit findet sich die Kraft, um auch den andern Teil der Wirklichkeit
zu finden.
1286.Erst wenn die Ichheit die
beiden Elemente der Wirklichkeit, die in der Welt unzertrennlich verbunden
sind, auch für sich vereinigt hat, dann ist die Erkenntnisbefriedigung
eingetreten: das Ich ist wieder bei der Wirklichkeit angelangt.
1287.Die Vorbedingungen zum
Entstehen des Erkennens sind also durch und für das Ich.
1288.Das letztere gibt sich
selbst die Fragen des Erkennens auf.
1289.Und zwar entnimmt es
sie aus dem in sich vollständig klaren und durchsichtigen Elemente des Denkens.
1290.Stellen wir uns
Fragen, die wir nicht beantworten können, so kann der Inhalt der Frage nicht in
allen seinen Teilen klar und deutlich sein.
1291.Nicht die Welt stellt
an uns die Fragen, sondern wir selbst stellen sie.
1292.Ich kann mir denken,
daß mir jede Möglichkeit fehlt, eine Frage zu beantworten, die ich irgendwo
aufgeschrieben finde, ohne daß ich die Sphäre kenne, aus der der Inhalt der
Frage genommen ist.
1293.Bei unserer Erkenntnis
handelt es sich um Fragen, die uns dadurch aufgegeben werden, daß einer durch
Ort, Zeit und subjektive Organisation bedingten Wahrnehmungssphäre eine auf die
Allheit der Welt weisende Begriffssphäre gegenübersteht.
1294.Meine Aufgabe besteht
in dem Ausgleich dieser beiden mir wohlbekannten Sphären.
1295.Von einer Grenze der
Erkenntnis kann da nicht gesprochen werden.
1296.Es kann zu irgendeiner
Zeit dieses oder jenes unaufgeklärt bleiben, weil wir durch den
Lebensschauplatz verhindert sind, die Dinge wahrzunehmen, die dabei im Spiele
sind.
1297.Was aber heute nicht
gefunden ist, kann es morgen werden.
1298.Die hierdurch
bedingten Schranken sind nur vergängliche, die mit dem Fortschreiten von
Wahrnehmung und Denken überwunden werden können.
1299.Der Dualismus begeht
den Fehler, daß er den Gegensatz von Objekt und Subjekt, der nur innerhalb des
Wahrnehmungsgebietes eine Bedeutung hat, auf rein erdachte Wesenheiten außerhalb
desselben überträgt.
1300.Da aber die innerhalb
des Wahrnehmungshorizontes gesonderten Dinge nur solange gesondert sind, als
der Wahrnehmende sich des Denkens enthält, das alle Sonderung aufhebt und als
eine bloß subjektiv bedingte erkennen läßt, so überträgt der Dualist
Bestimmungen auf Wesenheiten hinter den Wahrnehmungen, die selbst für diese
keine absolute, sondern nur eine relative Geltung haben.
1301.Er zerlegt dadurch die
zwei für den Erkenntnisprozeß in Betracht kommenden Faktoren, Wahrnehmung und
Begriff, in vier: 1. Das Objekt an sich; 2. die Wahrnehmung, die das Subjekt
von dem Objekt hat; 3. das Subjekt; 4. den Begriff, der die Wahrnehmung auf das
Objekt an sich bezieht.
1302.Die Beziehung zwischen
dem Objekt und Subjekt ist eine reale; das Subjekt wird wirklich
(dynamisch) durch das Objekt beeinflußt.
1303.Dieser reale Prozeß
soll nicht in unser Bewußtsein fallen.
1304.Aber er soll im
Subjekt eine Gegenwirkung auf die vom Objekt ausgehende Wirkung hervorrufen.
1305.Das Resultat dieser
Gegenwirkung soll die Wahrnehmung sein.
1306.Diese falle erst ins
Bewußtsein.
1307.Das Objekt habe eine
objektive (vom Subjekt unabhängige), die Wahrnehmung eine subjektive Realität.
1308.Diese subjektive
Realität beziehe das Subjekt auf das Objekt.
1309.Die letztere Beziehung
sei eine ideelle.
1310.Der Dualismus spaltet
somit den Erkenntnisprozeß in zwei Teile.
1311.Den einen, Erzeugung
des Wahrnehmungsobjektes aus dem «Ding an sich», läßt er außerhalb, den
andern, Verbindung der Wahrnehmung mit dem Begriff und Beziehung desselben auf
das Objekt, innerhalb des Bewußtseins sich abspielen.
1312.Unter diesen
Voraussetzungen ist es klar, daß der Dualist in seinen Begriffen nur subjektive
Repräsentanten dessen zu gewinnen glaubt, was vor seinem Bewußtsein
liegt.
1313.Der objektiv-reale
Vorgang im Subjekte, durch den die Wahrnehmung zustande kommt, und um so mehr
die objektiven Beziehungen der «Dinge an sich» bleiben für einen solchen
Dualisten direkt unerkennbar; seiner Meinung nach kann sich der Mensch nur
begriffliche Repräsentanten für das objektiv Reale verschaffen.
1314.Das Einheitsband der
Dinge, das diese unter sic h und objektiv mit unserem Individualgeist (als
«Ding an sich») verbindet, liegt jenseits des Bewußtseins in einem Wesen an
sich, von dem wir in unserem Bewußtsein ebenfalls nur einen begrifflichen
Repräsentanten haben könnten.
1315.Der Dualismus glaubt
die ganze Welt zu einem abstrakten Begriffsschema zu verflüchtigen, wenn er
nicht neben den begrifflichen Zusammenhängen der Gegenstände noch reale
Zusammenhänge statuiert.
1316.Mit andern Worten: dem
Dualisten erscheinen die durch das Denken auffindbaren Idealprinzipien zu
luftig, und er sucht noch Realprinzipien, von denen sie gestützt werden können.
1317.Wir wollen uns diese
Realprinzipien einmal näher anschauen.
1318.Der naive Mensch
(naive Realist) betrachtet die Gegenstände der äußeren Erfahrung als
Realitäten.
1319.Der Umstand, daß er
diese Dinge mit seinen Händen greifen, mit seinen Augen sehen kann, gilt ihm
als Zeugnis der Realität.
1320.«Nichts existiert, was
man nicht wahrnehmen kann», ist geradezu als das erste Axiom des naiven
Menschen anzusehen, das ebensogut in seiner Umkehrung anerkannt wird: «Alles,
was wahrgenommen werden kann, existiert.»
1321.Der beste Beweis für
diese Behauptung ist der Unsterblichkeits- und Geisterglaube des naiven
Menschen.
1322.Er stellt sich die
Seele als feine sinnliche Materie vor, die unter besonderen Bedingungen sogar
für den gewöhnlichen Menschen sichtbar werden kann (naiver Gespensterglaube).
1323.Dieser seiner realen
Welt gegenüber ist für den naiven Realisten alles andere, namentlich die Welt
der Ideen, unreal, «bloß ideell».
1324.Was wir zu den
Gegenständen hinzudenken, das ist bloßer Gedanke über die Dinge.
1325.Der Gedanke fügt
nichts Reales zu der Wahrnehmung hinzu.
1326.Aber nicht nur in bezug
auf das Sein der Dinge hält der naive Mensch die Sinneswahrnehmung für das
einzige Zeugnis der Realität, sondern auch in bezug auf das Geschehen.
1327.Ein Ding kann, nach
seiner Ansicht, nur dann auf ein anderes wirken, wenn eine für die
Sinneswahrnehmung vorhandene Kraft von dem einen ausgeht und das andere
ergreift.
1328.Die ältere Physik
glaubte, daß sehr feine Stoffe von den Körpern ausströmen und durch unsere
Sinnesorgane in die Seele eindringen.
1329.Das wirkliche Sehen
dieser Stoffe ist nur durch die Grobheit unserer Sinne im Verhältnis zu der
Feinheit dieser Stoffe unmöglich.
1330.Prinzipiell gestand
man diesen Stoffen aus demselben Grunde Realität zu, warum man es den
Gegenständen der Sinnenwelt zugesteht, nämlich wegen ihrer Seinsform, die
derjenigen der sinnenfälligen Realität analog gedacht wurde.
1331.Die in sich beruhende
Wesenheit des ideell Erlebbaren gilt dem naiven Bewußtsein nicht in gleichem
Sinne als real wie das sinnlich Erlebbare.
1332.Ein in der «bloßen
Idee» gefaßter Gegenstand gilt so lange als bloße Schimäre, bis durch die
Sinneswahrnehmung die Überzeugung von der Realität geliefert werden kann.
1333.Der naive Mensch
verlangt, um es kurz zu sagen, zum ideellen Zeugnis seines Denkens noch das
reale der Sinne.
1334.In diesem Bedürfnisse
des naiven Menschen liegt der Grund zur Entstehung der primitiven Formen des
Offenbarungsglaubens.
1335.Der Gott, der durch
das Denken gegeben ist, bleibt dem naiven Bewußtsein immer nur ein «gedachter»
Gott.
1336.Das naive Bewußtsein verlangt
die Kundgebung durch Mittel, die der sinnlichen Wahrnehmung zugänglich sind.
1337.Der Gott muß
leibhaftig erscheinen, und man will auf das Zeugnis des Denkens wenig geben,
nur etwa darauf, daß die Göttlichkeit durch sinnenfällig konstatierbares Verwandeln
von Wasser in Wein erwiesen wird.
1338.Auch das Erkennen
selbst stellt sich der naive Mensch als einen den Sinnesprozessen analogen
Vorgang vor.
1339.Die Dinge machen einen
Eindruck in der Seele, oder sie senden Bilder aus, die durch die Sinne
eindringen und so weiter.
1340.Dasjenige, was der
naive Mensch mit den Sinnen wahrnehmen kann, das hält er für wirklich, und
dasjenige, wovon er keine solche Wahrnehmung hat (Gott, Seele, das Erkennen
usw.), das stellt er sich analog dem Wahrgenommenen vor.
1341.Will der naive Realismus
eine Wissenschaft begründen, so kann er eine solche nur in einer genauen Beschreibung
des Wahrnehmungsinhaltes sehen.
1342.Die Begriffe sind ihm
nur Mittel zum Zweck.
1343.Sie sind da, um
ideelle Gegenbilder für die Wahrnehmungen zu schaffen.
1344.Für die Dinge selbst
bedeuten sie nichts.
1345.Als real gelten dem
naiven Realisten nur die Tulpenindividuen, die gesehen werden, oder gesehen
werden können; die eine Idee der Tulpe gilt ihm als Abstraktum, als das unreale
Gedankenbild, das sich die Seele aus den allen Tulpen gemeinsamen Merkmalen
zusammengefügt hat.
1346.Den naiven Realismus
mit seinem Grundsatz von der Wirklichkeit alles Wahrgenommenen widerlegt die
Erfahrung, welche lehrt, daß der Inhalt der Wahrnehmungen vergänglicher Natur
ist.
1347.Die Tulpe, die ich
sehe, ist heute wirklich; nach einem Jahr wird sie in Nichts verschwunden sein.
1348.Was sich behauptet
hat, ist die Gattung Tulpe.
1349.Diese Gattung ist aber
für den naiven Realismus «nur» eine Idee, keine Wirklichkeit.
1350.So sieht sich denn
diese Weltanschauung in der Lage, ihre Wirklichkeiten kommen und verschwinden
zu sehen, während sich das nach ihrer Meinung Unwirkliche dem Wirklichen
gegenüber behauptet.
1351.Der naive Realismus
muß also neben den Wahrnehmungen auch noch etwas Ideelles gelten lassen.
1352.Er muß Wesenheiten in
sich aufnehmen, die er nicht mit den Sinnen wahrnehmen kann.
1353.Er findet sich dadurch
mit sich selbst ab, daß er deren Daseinsform analog mit derjenigen der
Sinnesobjekte denkt.
1354.Solche hypothetisch
angenommenen Realitäten sind die unsichtbaren Kräfte, durch die die sinnlich
wahrzunehmenden Dinge aufeinander wirken.
1355.Ein solches Ding ist
die Vererbung, die über das Individuum hinaus fortwirkt, und die der Grund ist,
daß sich aus dem Individuum ein neues entwickelt, das ihm ähnlich ist, wodurch
sich die Gattung erhält.
1356.Ein solches Ding ist
das den organischen Leib durchdringende Lebensprinzip, die Seele, für die man
im naiven Bewußtsein stets einen nach Analogie mit Sinnesrealitäten gebildeten
Begriff findet, und ist endlich das göttliche Wesen des naiven Menschen.
1357.Dieses göttliche Wesen
wird in einer Weise wirksam gedacht, die ganz dem entspricht, was als
Wirkungsart des Menschen selbst wahrgenommen werden kann:
anthropomorphisch.
1358.Die moderne Physik
führt die Sinnesempfindungen auf Vorgänge der kleinsten Teile der Körper und
eines unendlich feinen Stoffes, des Äthers oder auf Ähnliches zurück.
1359.Was wir zum Beispiel
als Wärme empfinden, ist innerhalb des Raumes, den der wärmeverursachende
Körper einnimmt, Bewegung seiner Teile.
1360.Auch hier wird wieder
ein Unwahrnehmbares in Analogie mit dem Wahrnehmbaren gedacht.
1361.Das sinnliche Analogon
des Begriffs «Körper» ist in diesem Sinne etwa das Innere eines allseitig
geschlossenen Raumes, in dem sich nach allen Richtungen elastische Kugeln
bewegen, die einander stoßen, an die Wände an- und von ihnen abprallen und so
weiter.
1362.Ohne solche Annahmen
zerfiele dem naiven Realismus die Welt in ein unzusammenhängendes Aggregat von
Wahrnehmungen ohne gegenseitige Beziehungen, das sich zu keiner Einheit
zusammenschließt.
1363.Es ist aber klar, daß
der naive Realismus nur durch eine Inkonsequenz zu dieser Annahme kommen kann.
1364.Wenn er seinem
Grundsatz: nur das Wahrgenommene ist wirklich, treu bleiben will, dann darf er
doch, wo er nichts wahrnimmt, kein Wirkliches annehmen.
1365.Die unwahrnehmbaren
Kräfte, die von den wahrnehmbaren Dingen aus wirken, sind eigentlich
unberechtigte Hypothesen vom Standpunkte des naiven Realismus.
1366.Und weil er keine
anderen Realitäten kennt, so stattet er seine hypothetischen Kräfte mit
Wahrnehmungsinhalt aus.
1367.Er wendet also eine
Seinsform (das Wahrnehmungsdasein) auf ein Gebiet an, wo ihm das Mittel fehlt,
das allein über diese Seinsform eine Aussage zu machen hat: das sinnliche
Wahrnehmen.
1368.Diese in sich
widerspruchsvolle Weltanschauung führt zum metaphysischen Realismus.
1369.Der konstruiert neben
der wahrnehmbaren Realität noch eine unwahrnehmbare, die er der erstem analog
denkt.
1370.Der metaphysische
Realismus ist deshalb notwendig Dualismus.
1371.Wo der metaphysische
Realismus eine Beziehung zwischen wahrnehmbaren Dingen bemerkt (Annäherung
durch Bewegung, Bewußtwerden eines Objektiven usw.), da setzt er eine Realität
hin.
1372.Die Beziehung, die er
bemerkt, kann er jedoch nur durch das Denken ausdrücken, nicht aber wahrnehmen.
1373.Die ideelle Beziehung
wird willkürlich zu einem dem Wahrnehmbaren Ähnlichen gemacht.
1374.So ist für diese
Denkrichtung die wirkliche Welt zusammengesetzt aus den Wahrnehmungsobjekten,
die im ewigen Werden sind, kommen und verschwinden, und aus den unwahrnehmbaren
Kräften, von denen die Wahrnehmungsobjekte hervorgebracht werden, und die das
Bleibende sind.
1375.Der metaphysische
Realismus ist eine widerspruchsvolle Mischung des naiven Realismus mit dem
Idealismus.
1376.Seine hypothetischen
Kräfte sind unwahrnehmbare Wesenheiten mit Wahrnehmungsqualitäten.
1377.Er hat sich
entschlossen, außer dem Weltgebiete, für dessen Daseinsform er in dem
Wahrnehmen ein Erkenntnismittel hat, noch ein Gebiet gelten zu lassen, bei dem
dieses Mittel versagt, und das nur durch das Denken zu ermitteln ist.
1378.Er kann sich aber
nicht zu gleicher Zeit auch entschließen, die Form des Seins, die ihm das
Denken vermittelt, den Begriff (die Idee), auch als gleichberechtigten Faktor
neben der Wahrnehmung anzuerkennen.
1379.Will man den
Widerspruch der unwahrnehmbaren Wahrnehmung vermeiden, so muß man zugestehen,
daß es für die durch das Denken vermittelten Beziehungen zwischen den
Wahrnehmungen für uns keine andere Existenzform als die des Begriffes gibt.
1380.Als die Summe von
Wahrnehmungen und ihrer begrifflichen (ideellen) Bezüge stellt sich die Welt
dar, wenn man aus dem metaphysischen Realismus den unberechtigten Bestandteil
hinauswirft.
1381.So läuft der
metaphysische Realismus in eine Weltanschauung ein, welche für die Wahrnehmung
das Prinzip der Wahrnehmbarkeit, für die Beziehungen unter den Wahrnehmungen
die Denkbarkeit fordert.
1382.Diese Weltanschauung
kann kein drittes Weltgebiet neben der Wahrnehmungs- und Begriffswelt gelten
lassen, für das beide Prinzipien, das sogenannte Realprinzip und das
Idealprinzip, zugleich Geltung haben.
1383.Wenn der metaphysische
Realismus behauptet, daß neben der ideellen Beziehung zwischen dem
Wahrnehmungsobjekt und seinem Wahrnehmungssubjekt noch eine reale Beziehung
zwischen dem «Ding an sich» der Wahrnehmung und dem «Ding an sich» des
wahrnehmbaren Subjektes (des sogenannten Individualgeistes) bestehen muß, so
beruht diese Behauptung auf der falschen Annahme eines den Prozessen der
Sinnenwelt analogen, nicht wahrnehmbaren Seinsprozesses.
1384.Wenn ferner der
metaphysische Realismus sagt: Mit meiner Wahrnehmungswelt komme ich in ein
bewußt-ideelles Verhältnis; mit der wirklichen Welt kann ich aber nur in ein
dynamisches (Kräfte-) Verhältnis kommen, — so begeht er nicht weniger den schon
gerügten Fehler.
1385.Von einem
Kräfteverhältnis kann nur innerhalb der Wahrnehmungswelt (dem Gebiete des
Tastsinnes), nicht aber außerhalb desselben die Rede sein.
1386.Wir wollen die oben
charakterisierte Weltanschauung, in die der metaphysische Realismus zuletzt
einmündet, wenn er seine widerspruchsvollen Elemente abstreift, Monismus nennen,
weil sie den einseitigen Realismus mit dem Idealismus zu einer höheren Einheit
vereinigt.
1387.Für den naiven
Realismus ist die wirkliche Welt eine Summe von Wahrnehmungsobjekten; für den
metaphysischen Realismus kommt außer den Wahrnehmungen auch noch den
unwahrnehmbaren Kräften Realität zu; der Monismus setzt an die Stelle von
Kräften die ideellen Zusammenhänge, die er durch sein Denken gewinnt.
1388.Solche Zusammenhänge
aber sind die Naturgesetze.
1389.Ein Naturgesetz ist ja
nichts anderes als der begriffliche Ausdruck für den Zusammenhang gewisser
Wahrnehmungen.
1390.Der Monismus kommt gar
nicht in die Lage, außer Wahrnehmung und Begriff nach anderen
Erklärungsprinzipien der Wirklichkeit zu fragen.
1391.Er weiß, daß sich im
ganzen Bereiche der Wirklichkeit kein Anlaß dazu findet.
1392.Er sieht in der
Wahrnehmungswelt, wie sie unmittelbar dem Wahrnehmen vorliegt, ein halbes
Wirkliches; in der Vereinigung derselben mit der Begriffswelt findet er die
volle Wirklichkeit.
1393.Der metaphysische Realist
kann dem Anhänger des Monismus einwenden: Es mag sein, daß für deine
Organisation deine Erkenntnis in sich vollkommen ist, daß kein Glied fehlt; du
weißt aber nicht, wie sich die Welt in einer Intelligenz abspiegelt, die anders
organisiert ist als die deinige.
1394.Die Antwort des
Monismus wird sein: Wenn es andere Intelligenzen gibt als die menschlichen,
wenn ihre Wahrnehmungen eine andere Gestalt haben als die unsrigen, so hat für
mich Bedeutung nur dasjenige, was von ihnen zu mir durch Wahrnehmen und Begriff
gelangt.
1395.Ich bin durch mein
Wahrnehmen, und zwar durch dieses spezifische menschliche Wahrnehmen als
Subjekt dem Objekt gegenübergestellt.
1396.Der Zusammenhang der
Dinge ist damit unterbrochen.
1397.Das Subjekt stellt
durch das Denken diesen Zusammenhang wieder her.
1398.Damit hat es sich dem
Weltganzen wieder eingefügt.
1399.Da nur durch unser
Subjekt dieses Ganze an der Stelle zwischen unserer Wahrnehmung und unserem
Begriff zerschnitten erscheint, so ist in der Vereinigung dieser beiden auch
eine wahre Erkenntnis gegeben.
1400.Für Wesen mit einer
andern Wahrnehmungswelt (zum Beispiel mit der doppelten Anzahl von
Sinnesorganen) erschiene der Zusammenhang an einer andern Stelle unterbrochen,
und die Wiederherstellung müßte demnach auch eine diesen Wesen spezifische Gestalt
haben.
1401.Nur für den naiven und
den metaphysischen Realismus, die beide in dem Inhalte der Seele nur eine
ideelle Repräsentation der Welt sehen, besteht die Frage nach der Grenze des
Erkennens.
1402.Für sie ist nämlich
das außerhalb des Subjektes Befindliche ein Absolutes, ein in sich Beruhendes,
und der Inhalt des Subjektes ein Bild desselben, das schlechthin außerhalb
dieses Absoluten steht.
1403.Die Vollkommenheit der
Erkenntnis beruht auf der größeren oder geringeren Ähnlichkeit des Bildes mit
dem absoluten Objekte.
1404.Ein Wesen, bei dem die
Zahl der Sinne kleiner ist, als beim Menschen, wird weniger, eines, bei dem sie
größer ist, mehr von der Welt wahrnehmen.
1405.Das erstere wird
demnach eine unvollkommenere Erkenntnis haben als das letztere.
1406.Für den Monismus liegt
die Sache anders.
1407.Durch die Organisation
des wahrnehmenden Wesens wird die Gestalt bestimmt, wo der Weltzusammenhang in
Subjekt und Objekt auseinandergerissen erscheint.
1408.Das Objekt ist kein
absolutes, sondern nur ein relatives, in bezug auf dieses bestimmte Subjekt.
1409.Die Überbrückung des
Gegensatzes kann demnach auch nur wieder in der ganz spezifischen, gerade dem
menschlichen Subjekt eigenen Weise geschehen.
1410.Sobald das Ich, das in
dem Wahrnehmen von der Welt abgetrennt ist, in der denkenden Betrachtung wieder
in den Weltzusammenhang sich einfügt, dann hört alles weitere Fragen, das nur
eine Folge der Trennung war, auf.
1411.Ein anders geartetes
Wesen hätte eine anders geartete Erkenntnis.
1412.Die unsrige ist
ausreichend, um die durch unser eigenes Wesen aufgestellten Fragen zu
beantworten.
1413.Der metaphysische
Realismus muß fragen: Wodurch ist das als Wahrnehmung Gegebene gegeben; wodurch
wird das Subjekt affiziert?
1414.Für den Monismus ist
die Wahrnehmung durch das Subjekt bestimmt.
1415.Dieses hat aber in dem
Denken zugleich das Mittel, die durch es selbst hervorgerufene Bestimmtheit
wieder aufzuheben.
1416.Der metaphysische
Realismus steht vor einer weiteren Schwierigkeit, wenn er die Ähnlichkeit der Weltbilder
verschiedener menschlicher Individuen erklären will.
1417.Er muß sich fragen:
Wie kommt es, daß das Weltbild, das ich aus meiner subjektiv bestimmten
Wahrnehmung und meinen Begriffen aufbaue, gleichkommt dem, das ein anderes
menschliches Individuum aus denselben beiden subjektiven Faktoren aufbaut?
1418.Wie kann ich überhaupt
aus meinem subjektiven Weltbilde auf das eines andern Menschen schließen?
1419.Daraus, daß die
Menschen sich miteinander praktisch abfinden, glaubt der metaphysische Realist
die Ähnlichkeit ihrer subjektiven Weltbilder erschließen zu können.
1420.Aus der Ähnlichkeit
dieser Weltbilder schließt er dann weiter auf die Gleichheit der den einzelnen
menschlichen Wahrnehmungssubjekten zugrunde liegenden Individualgeister oder
der den Subjekten zugrunde liegenden «Ich an sich».
1421.Dieser Schluß ist also
ein solcher aus einer Summe von Wirkungen auf den Charakter der ihnen zugrunde
liegenden Ursachen.
1422.Wir glauben aus einer
hinreichend großen Anzahl von Fällen den Sachverhalt so zu erkennen, daß wir
wissen, wie sich die erschlossenen Ursachen in andern Fällen verhalten werden.
1423.Einen solchen Schluß
nennen wir einen Induktionsschluß.
1424.Wir werden uns
genötigt sehen, die Resultate desselben zu modifizieren, wenn in einer weitern
Beobachtung etwas Unerwartetes sich ergibt, weil der Charakter des Resultates
doch nur durch die individuelle Gestalt der geschehenen Beobachtungen bestimmt
ist.
1425.Diese bedingte
Erkenntnis der Ursachen reiche aber für das praktische Leben vollständig aus,
behauptet der metaphysische Realist.
1426.Der Induktionsschluß
ist die methodische Grundlage des modernen metaphysischen Realismus.
1427.Es gab eine Zeit, in
der man aus Begriffen glaubte etwas herauswickeln zu können, was nicht mehr
Begriff ist.
1428.Man glaubte aus den
Begriffen die metaphysischen Realwesen, deren der metaphysische Realismus
einmal bedarf, erkennen zu können.
1429.Diese Art des
Philosophierens gehört heute zu den überwundenen Dingen.
1430.Dafür aber glaubt man,
aus einer genügend großen Anzahl von Wahrnehmungstatsachen auf den Charakter des
Dinges an sich schließen zu können, das diesen Tatsachen zugrunde liegt.
1431.Wie früher aus dem
Begriffe, so meint man heute das Metaphysische aus den Wahrnehmungen
herauswickeln zu können.
1432.Da man die Begriffe in
durchsichtiger Klarheit vor sich hat, so glaubte man aus ihnen auch das
Metaphysische mit absoluter Sicherheit ableiten zu können.
1433.Die Wahrnehmungen
liegen nicht mit gleich durchsichtiger Klarheit vor.
1434.Jede folgende stellt
sich wieder etwas anders dar, als die gleichartigen vorhergehenden.
1435.Im Grunde wird daher
das aus den vorhergehenden Erschlossene durch jede folgende etwas modifiziert.
1436.Die Gestalt, die man
auf diese Weise für das Metaphysische gewinnt, ist also nur eine relativ
richtige zu nennen; sie unterliegt der Korrektur durch künftige Fälle.
1437.Einen durch diesen
methodischen Grundsatz bestimmten Charakter trägt die Metaphysik Eduard von
Hartmanns, der als Motto auf das Titelblatt seines ersten Hauptwerkes gesetzt
hat: «Spekulative Resultate nach induktiv naturwissenschaftlicher Methode.»
1438.Die Gestalt, die der
metaphysische Realist gegenwärtig seinen Dingen an sich gibt, ist eine durch
Induktionsschlüsse gewonnene.
1439.Von dem Vorhandensein
eines objektiv-realen Zusammenhanges der Welt neben dem «subjektiven» durch
Wahrnehmung und Begriff erkennbaren, ist er durch Erwägungen über den
Erkenntnisprozeß überzeugt.
1440.Wie diese objektive
Realität beschaffen ist, das glaubt er durch Induktionsschlüsse aus seinen
Wahrnehmungen heraus bestimmen zu können.
1441.
1442.Zusatz zur Neuausgabe
1918
1443.Für die unbefangene
Beobachtung des Erlebens in Wahrnehmung und Begriff, wie sie in den
vorangehenden Ausführungen zu schildern versucht worden ist, werden gewisse
Vorstellungen immer wieder störend sein, die auf dem Boden der Naturbetrachtung
entstehen.
1444.Man sagt sich, auf diesem
Boden stehend, durch das Auge werden im Lichtspektrum Farben wahrgenommen vom
Rot bis zum Violett.
1445.Aber über das Violett
hinaus liegen im Strahlungsraum des Spektrums Kräfte, welchen keine
Farbwahrnehmung des Auges, wohl aber eine chemische Wirkung entspricht; ebenso
liegen über die Grenze der Rotwirksamkeit hinaus Strahlungen, die nur
Wärmewirkungen haben.
1446.Man kommt durch
Überlegungen, die auf solche und ähnliche Erscheinungen gerichtet sind, zu der
Ansicht: der Umfang der menschlichen Wahrnehmungswelt ist durch den Umfang der
Sinne des Menschen bestimmt, und dieser würde eine ganz andere Welt vor sich
haben, wenn er zu den seinigen noch andere, oder wenn er überhaupt andere Sinne
hätte.
1447.Wer sich ergehen mag
in den ausschweifenden Phantasien, zu denen, nach dieser Richtung hin,
namentlich die glänzenden Entdeckungen der neueren Naturforschung eine recht
verführerische Veranlassung bieten, der kann wohl zu dem Bekenntnisse kommen:
In des Menschen Beobachtungsfeld fällt doch nur dasjenige herein, was auf die
aus seiner Organisation heraus gestalteten Sinne zu wirken vermag.
1448.Er hat kein Recht,
dieses von ihm durch seine Organisation begrenzte Wahrgenommene als irgendwie
maßgeblich für die Wirklichkeit anzusehen.
1449.Jeder neue Sinn müßte
ihn vor ein anderes Bild der Wirklichkeit stellen.
1450.— Dies alles ist, in den entsprechenden Grenzen gedacht,
eine durchaus berechtigte Meinung.
1451.Wenn aber jemand sich
durch diese Meinung in der unbefangenen Beobachtung des in diesen Ausführungen geltend
gemachten Verhältnisses von Wahrnehmung und Begriff beirren läßt, so verbaut er
sich den Weg zu einer in der Wirklichkeit wurzelnden Welt- und
Menschenerkenntnis.
1452.Das Erleben der
Wesenheit des Denkens, also die tätige Erarbeitung der Begriffswelt ist etwas
durchaus anderes als das Erleben eines Wahrnehmbaren durch die Sinne.
1453.Welche Sinne immer der
Mensch noch haben könnte: keiner gäbe ihm eine Wirklichkeit, wenn er nicht das
durch ihn vermittelte Wahrgenommene denkend mit Begriffen durchsetzte; und
jeder wie immer geartete Sinn gibt, so durchsetzt, dem Menschen die
Möglichkeit, in der Wirklichkeit drinnen zu leben.
1454.Mit der Frage: wie der
Mensch in der wirklichen Welt steht, hat die Phantasie von dem möglichen ganz
anderen Wahrnehmungsbild bei anderen Sinnen nichts zu tun.
1455.Man muß eben einsehen,
daß jedes Wahrnehmungsbild seine Gestalt erhält von der Organisation des
wahrnehmenden Wesens, daß aber das von der erlebten denkenden Betrachtung
durchsetzte Wahrnehmungsbild den Menschen in die Wirklichkeit führt.
1456.Nicht die
phantastische Ausmalung, wie anders eine Welt für andere als die menschlichen
Sinne aussehen müßte, kann den Menschen veranlassen, Erkenntnis zu suchen über
sein Verhältnis zur Welt, sondern die Einsicht, daß jede Wahrnehmung nur
einen Teil der in ihr steckenden Wirklichkeit gibt, daß sie also von ihrer eigenen
Wirklichkeit hinwegführt.
1457.Dieser Einsicht tritt
dann die andere zur Seite, daß das Denken in den durch die Wahrnehmung an ihr
selbst verborgenen Teil der Wirklichkeit hineinführt.
1458.Störend für die
unbefangene Beobachtung des hier dargestellten Verhältnisses zwischen
Wahrnehmung und denkend erarbeitetem Begriff kann auch werden, wenn im Gebiete
der physikalischen Erfahrung sich die Nötigung ergibt, gar nicht von
unmittelbar anschaulich-wahrnehmbaren Elementen, sondern von unanschaulichen
Größen wie elektrischen oder magnetischen Kraftlinien und so weiter zu
sprechen.
1459.Es kann scheinen,
als ob die Wirklichkeitselemente, von denen die Physik spricht, weder mit dem
Wahrnehmbaren, noch mit dem im tätigen Denken erarbeiteten Begriff etwas zu tun
hätten.
1460.Doch beruhte eine
solche Meinung auf einer Selbsttäuschung.
1461.Zunächst kommt es
darauf an, daß alles in der Physik Erarbeitete, insofern es nicht
unberechtigte Hypothesen darstellt, die ausgeschlossen bleiben sollten, durch
Wahrnehmung und Begriff gewonnen ist.
1462.Was scheinbar
unanschaulicher Inhalt ist, das wird aus einem richtigen Erkenntnisinstinkt des
Physikers heraus durchaus in das Feld versetzt, auf dem die Wahrnehmungen
liegen, und es wird in Begriffen gedacht, mit denen man sich auf diesem Felde
betätigt.
1463.Die Kraftstärken im
elektrischen und magnetischen Felde und so weiter werden, dem Wesen nach,
nicht durch einen andern Erkenntnisvorgang gewonnen als durch denjenigen, der
sich zwischen Wahrnehmung und Begriff abspielt.
1464.— Eine Vermehrung oder Andersgestaltung der menschlichen
Sinne würde ein anderes Wahrnehmungsbild ergeben, eine Bereicherung oder
Andersgestaltung der menschlichen Erfahrung; aber eine wirkliche Erkenntnis
müßte auch dieser Erfahrung gegenüber durch die Wechselwirkung von
Begriff und Wahrnehmung gewonnen werden.
1465.Die Vertiefung der
Erkenntnis hängt von den im Denken sich auslebenden Kräften der Intuition (vergleiche Seite 95) ab.
1466.Diese Intuition kann
in demjenigen Erleben, das im Denken sich ausgestaltet, in tiefere oder
weniger tiefe Untergründe der Wirklichkeit tauchen.
1467.Durch die Erweiterung des
Wahrnehmungsbildes kann dieses Untertauchen Anregungen empfangen und auf diese
Art mittelbar gefördert werden.
1468.Allein niemals sollte
das Tauchen in die Tiefe, als das Erreichen der Wirklichkeit, verwechselt
werden mit dem Gegenüberstehen von weiterem oder engerem Wahrnehmungsbild, in
dem stets nur eine halbe Wirklichkeit, wie sie von der erkennenden
Organisation bedingt wird, vorliegt.
1469.Wer nicht in Abstraktionen
sich verliert, der wird einsehen, wie auch die Tatsache für die Erkenntnis
des Menschenwesens in Betracht kommt, daß für die Physik im Wahrnehmungsfelde
Elemente erschlossen werden müssen, für welche nicht ein Sinn wie für
Farbe oder Ton unmittelbar abgestimmt ist.
1470.Das konkrete Wesen
des Menschen ist nicht nur durch dasjenige bestimmt, was er durch seine
Organisation sich als unmittelbare Wahrnehmung gegenüberstellt, sondern auch
dadurch, daß er anderes von dieser unmittelbaren Wahrnehmung ausschließt.
1471.Wie dem Leben neben dem
bewußten Wachzustande der unbewußte Schlafzustand notwendig ist, so ist dem
Sich-Erleben des Menschen neben dem Umkreis seiner Sinneswahrnehmung notwendig
ein — viel größerer sogar — Umkreis von nicht sinnlich wahrnehmbaren Elementen
in dem Felde, aus dem die Sinneswahrnehmungen stammen.
1472.Dies alles ist
mittelbar schon ausgesprochen in der ursprünglichen Darstellung dieser Schrift.
1473.Deren Verfasser fügt
hier diese Erweiterung des Inhaltes an, weil er die Erfahrung gemacht hat, daß
mancher Leser nicht genau genug gelesen hat.
1474.— Bedacht sollte auch werden, daß die Idee von der Wahrnehmung,
wie sie in dieser Schrift entwickelt wird, nicht verwechselt werden darf mit
derjenigen von äußerer Sinneswahrnehmung, die nur ein Spezialfall von ihr ist.
1475.Man wird aus dem schon
Vorangehenden, aber noch mehr aus dem später Ausgeführten ersehen, daß hier
alles sinnlich und geistig an den Menschen Herantretende als Wahrnehmung
aufgefaßt wird, bevor es von dem tätig erarbeiteten Begriff erfaßt ist.
1476.Um Wahrnehmungen seelischer
oder geistiger Art zu haben, sind nicht Sinne von gewöhnlich gemeinter Art
nötig.
1477.Man könnte sagen,
solche Erweiterung des üblichen Sprachgebrauches sei unstatthaft.
1478.Allein sie ist unbedingt
notwendig, wenn man sich nicht auf gewissen Gebieten eben durch den
Sprachgebrauch in der Erkenntniserweiterung fesseln lassen will.
1479.Wer von Wahrnehmung nur
im Sinne von sinnlicher Wahrnehmung spricht, der kommt auch über diese sinnliche
Wahrnehmung nicht zu einem für die Erkenntnis brauchbaren Begriff.
1480.Man muß manchmal
einen Begriff erweitern, damit er auf einem engeren Gebiete seinen ihm
angemessenen Sinn erhält.
1481.Man muß auch zuweilen
zu dem, was in einem Begriffe zunächst gedacht wird, anderes hinzufügen, damit
das so Gedachte seine Rechtfertigung oder auch Zurechtrückung findet.
1482.So findet man auf Seite
107 dieses Buches gesagt: «Die Vorstellung ist also ein individualisierter
Begriff.»
1483.Demgegenüber wurde mir
eingewendet, das sei ein ungewöhnlicher Wortgebrauch.
1484.Aber dieser
Wortgebrauch ist notwendig, wenn man dahinterkommen will, was Vorstellung
eigentlich ist.
1485.Was sollte aus dem
Fortgang der Erkenntnis werden, wenn man jedem, der in die Notwendigkeit
versetzt ist, Begriffe zurechtzurücken, den Einwand machte: «Das ist ein
ungewöhnlicher Wortgebrauch.»
1486.
1487.Teil II — Die
Wirklichkeit der Freiheit
1488.
1489.Kapitel 8 - Die
Faktoren des Lebens
1490.Rekapitulieren wir das
in den vorangehenden Kapiteln Gewonnene.
1491.Die Welt tritt dem
Menschen als eine Vielheit gegenüber, als eine Summe von Einzelheiten.
1492.Eine von diesen
Einzelheiten, ein Wesen unter Wesen, ist er selbst.
1493.Diese Gestalt der Welt
bezeichnen wir schlechthin als gegeben, und insofern wir sie nicht durch
bewußte Tätigkeit entwickeln, sondern vorfinden, als Wahrnehmung.
1494.Innerhalb der Welt der
Wahrnehmungen nehmen wir uns selbst wahr.
1495.Diese
Selbstwahrnehmung bliebe einfach als eine unter den vielen anderen
Wahrnehmungen stehen, wenn nicht aus der Mitte dieser Selbstwahrnehmung etwas
auftauchte, das sich geeignet erweist, die Wahrnehmungen überhaupt, also auch
die Summe aller anderen Wahrnehmungen mit der unseres Selbst zu verbinden.
1496.Dieses auftauchende
Etwas ist nicht mehr bloße Wahrnehmung; es wird auch nicht gleich den
Wahrnehmungen einfach vorgefunden.
1497.Es wird durch Tätigkeit
hervorgebracht.
1498.Es erscheint zunächst
an das gebunden, was wir als unser Selbst wahrnehmen.
1499.Seiner inneren
Bedeutung nach greift es aber über das Selbst hinaus.
1500.Es fügt den einzelnen Wahrnehmungen
ideelle Bestimmtheiten bei, die sich aber aufeinander beziehen, die in einem
Ganzen gegründet sind.
1501.Das durch
Selbstwahrnehmung Gewonnene bestimmt es auf gleiche Weise ideell wie alle
andern Wahrnehmungen und stellt es als Subjekt oder «Ich» den Objekten
gegenüber.
1502.Dieses Etwas ist das
Denken, und die ideellen Bestimmtheiten sind die Begriffe und Ideen.
1503.Das Denken äußert sich
daher zunächst an der Wahrnehmung des Selbst; ist aber nicht bloß subjektiv;
denn das Selbst bezeichnet sich erst mit Hilfe des Denkens als Subjekt.
1504.Diese gedankliche
Beziehung auf sich selbst ist eine Lebensbestimmung unserer Persönlichkeit.
1505.Durch sie führen wir
ein rein ideelles Dasein.
1506.Wir fühlen uns durch
sie als denkende Wesen.
1507.Diese Lebensbestimmung
bliebe eine rein begriffliche (logische), wenn keine anderen Bestimmungen
unseres Selbst hinzuträten.
1508.Wir wären dann Wesen,
deren Leben sich in der Herstellung rein ideeller Beziehungen zwischen den
Wahrnehmungen untereinander und den letztem und uns selbst erschöpfte.
1509.Nennt man die
Herstellung eines solchen gedanklichen Verhältnisses ein Erkennen, und den
durch dieselbe gewonnenen Zustand unseres Selbst Wissen, so müßten wir uns beim
Eintreffen der obigen Voraussetzung als bloß erkennende oder wissende Wesen
ansehen.
1510.Die Voraussetzung
trifft aber nicht zu.
1511.Wir beziehen die
Wahrnehmungen nicht bloß ideell auf uns, durch den Begriff, sondern auch noch
durch das Gefühl, wie wir gesehen haben.
1512.Wir sind also nicht
Wesen mit bloß begrifflichem Lebensinhalt.
1513.Der naive Realist
sieht sogar in dem Gefühlsleben ein wirklicheres Leben der Persönlichkeit als
in dem rein ideellen Element des Wissens.
1514.Und er hat von seinem
Standpunkte aus ganz recht, wenn er in dieser Weise sich die Sache zurechtlegt.
1515.Das Gefühl ist auf
subjektiver Seite zunächst genau dasselbe, was die Wahrnehmung auf objektiver
Seite ist.
1516.Nach dem Grundsatz des
naiven Realismus: Alles ist wirklich, was wahrgenommen werden kann, ist daher
das Gefühl die Bürgschaft der Realität der eigenen Persönlichkeit.
1517.Der hier gemeinte
Monismus muß aber dem Gefühle die gleiche Ergänzung angedeihen lassen, die er
für die Wahrnehmung notwendig erachtet, wenn sie als vollkommene Wirklichkeit
sich darstellen soll.
1518.Für diesen Monismus
ist das Gefühl ein unvollständiges Wirkliches, das in der ersten Form, in der
es uns gegeben ist, seinen zweiten Faktor, den Begriff oder die Idee, noch
nicht mitenthält.
1519.Deshalb tritt im Leben
auch überall das Fühlen gleichwie das Wahrnehmen vor dem Erkennen auf.
1520.Wir fühlen uns zuerst als
Daseiende; und im Laufe der allmählichen Entwickelung ringen wir uns erst zu
dem Punkte durch, wo uns in dem dumpf gefühlten eigenen Dasein der Begriff
unseres Selbst aufgeht.
1521.Was für uns erst
später hervortritt, ist aber ursprünglich mit dem Gefühle unzertrennlich
verbunden.
1522.Der naive Mensch gerät
durch diesen Umstand auf den Glauben: in dem Fühlen stelle sich ihm das Dasein
unmittelbar, in dem Wissen nur mittelbar dar.
1523.Die Ausbildung des
Gefühlslebens wird ihm daher vor allen andern Dingen wichtig erscheinen.
1524.Er wird den
Zusammenhang der Welt erst erfaßt zu haben glauben, wenn er ihn in sein Fühlen
aufgenommen hat.
1525.Er sucht nicht das
Wissen, sondern das Fühlen zum Mittel der Erkenntnis zu machen.
1526.Da das Gefühl etwas
ganz Individuelles ist, etwas der Wahrnehmung gleichkommendes, so macht der
Gefühlsphilosoph ein Prinzip, das nur innerhalb seiner Persönlichkeit eine
Bedeutung hat, zum Weltprinzipe.
1527.Er sucht die ganze
Welt mit seinem eigenen Selbst zu durchdringen.
1528.Was der hier gemeinte
Monismus im Begriffe zu erfassen strebt, das sucht der Gefühlsphilosoph mit dem
Gefühle zu erreichen, und sieht dieses sein Zusammensein mit den Objekten als
das unmittelbarere an.
1529.Die hiermit
gekennzeichnete Richtung, die Philosophie des Gefühls, wird oft als Mystik bezeichnet.
1530.Der Irrtum einer bloß
auf das Gefühl gebauten mystischen Anschauungsweise besteht darinnen, daß sie erleben
will, was sie wissen soll, daß sie ein Individuelles, das Gefühl, zu einem
Universellen erziehen will.
1531.Das Fühlen ist ein
rein individueller Akt, die Beziehung der Außenwelt auf unser Subjekt, insofern
diese Beziehung ihren Ausdruck findet in einem bloß subjektiven Erleben.
1532.Es gibt noch eine
andere Äußerung der menschlichen Persönlichkeit.
1533.Das Ich lebt durch
sein Denken das allgemeine Weltleben mit; es bezieht durch dasselbe rein ideell
(begrifflich) die Wahrnehmungen auf sich, sich auf die Wahrnehmungen.
1534.Im Gefühl erlebt es
einen Bezug der Objekte auf sein Subjekt; im Willen ist das Umgekehrte
der Fall.
1535.Im Wollen haben wir
ebenfalls eine Wahrnehmung vor uns, nämlich die des individuellen Bezugs
unseres Selbstes auf das Objektive.
1536.Was am Wollen nicht
rein ideeller Faktor ist, das ist ebenso bloß Gegenstand des Wahrnehmens wie
das bei irgendeinem Dinge der Außenwelt der Fall ist.
1537.Dennoch wird der naive
Realismus auch hier wieder ein weit wirklicheres Sein vor sich zu haben
glauben, als durch das Denken erlangt werden kann.
1538.Er wird in dem Willen
ein Element erblicken, in dem er ein Geschehen, ein Verursachen unmittelbar gewahr
wird, im Gegensatz zum Denken, das das Geschehen erst in Begriffe faßt.
1539.Was das Ich durch
seinen Willen vollbringt, stellt für eine solche Anschauungsweise einen Prozeß
dar, der unmittelbar erlebt wird.
1540.In dem Wollen glaubt
der Bekenner dieser Philosophie das Weltgeschehen wirklich an einem Zipfel
erfaßt zu haben.
1541.Während er die anderen
Geschehnisse nur durch Wahrnehmen von außen verfolgen kann, glaubt er in seinem
Wollen ein reales Geschehen ganz unmittelbar zu erleben.
1542.Die Seinsform, in der
ihm der Wille innerhalb des Selbst erscheint, wird für ihn zu einem Realprinzip
der Wirklichkeit.
1543.Sein eigenes Wollen
erscheint ihm als Spezialfall des allgemeinen Weltgeschehens; dieses letztere
somit als allgemeines Wollen.
1544.Der Wille wird zum
Weltprinzip wie in der Gefühlsmystik das Gefühl zum Erkenntnisprinzip.
1545.Diese Anschauungsweise
ist Willensphilosophie (Thelismus).
1546.Was sich nur
individuell erleben läßt, das wird durch sie zum konstituierenden Faktor der
Welt gemacht.
1547.So wenig die
Gefühlsmystik Wissenschaft genannt werden kann, so wenig kann es die
Willensphilosophie.
1548.Denn beide behaupten
mit dem begrifflichen Durchdringen der Welt nicht auskommen zu können.
1549.Beide fordern neben
dem Idealprinzip des Seins noch ein Realprinzip.
1550.Das mit einem gewissen
Recht.
1551.Da wir aber für diese
sogenannten Realprinzipien nur das Wahrnehmen als Auffassungsmittel haben, so
ist die Behauptung der Gefühlsmystik und der Willensphilosophie identisch mit
der Ansicht: Wir haben zwei Quellen der Erkenntnis: die des Denkens und die des
Wahrnehmens, welches letztere sich im Gefühl und Willen als individuelles
Erleben darstellt.
1552.Da die Ausflüsse der
einen Quelle, die Erlebnisse, von diesen Weltanschauungen nicht direkt in die
der andern, des Denkens, aufgenommen werden können, so bleiben die beiden
Erkenntnisweisen, Wahrnehmen und Denken ohne höhere Vermittlung nebeneinander
bestehen.
1553.Neben dem durch das
Wissen erreichbaren Idealprinzip soll es noch ein zu erlebendes nicht im Denken
erfaßbares Realprinzip der Welt geben.
1554.Mit andern Worten: die
Gefühlsmystik und Willensphilosophie sind naiver Realismus, weil sie dem Satz
huldigen: Das unmittelbar Wahrgenommene ist wirklich.
1555.Sie begehen dem
ursprünglichen naiven Realismus gegenüber nur noch die Inkonsequenz, daß sie
eine bestimmte Form des Wahrnehmens (das Fühlen, beziehungsweise Wollen) zum
alleinigen Erkenntnismittel des Seins machen, während sie das doch nur können,
wenn sie im allgemeinen dem Grundsatz huldigen: Das Wahrgenommene ist wirklich.
1556.Sie müßten somit auch
dem äußeren Wahrnehmen einen gleichen Erkenntniswert zuschreiben.
1557.Die Willensphilosophie
wird zum metaphysischen Realismus, wenn sie den Willen auch in die Daseinssphären
verlegt, in denen ein unmittelbares Erleben desselben nicht wie in dem eigenen
Subjekt möglich ist.
1558.Sie nimmt ein Prinzip
außer dem Subjekt hypothetisch an, für das das subjektive Erleben das einzige
Wirklichkeitskriterium ist.
1559.Als metaphysischer
Realismus verfällt die Willensphilosophie der im vorhergehenden Kapitel
angegebenen Kritik, welche das widerspruchsvolle Moment jedes metaphysischen
Realismus überwinden und anerkennen muß, daß der Wille nur insofern ein
allgemeines Weltgeschehen ist, als er sich ideell auf die übrige Welt bezieht.
1560.
1561.Zusatz zur Neuausgabe
1918
1562.Die Schwierigkeit, das
Denken in seinem Wesen beobachtend zu erfassen, liegt darin, daß dieses Wesen
der betrachtenden Seele nur allzu leicht schon entschlüpft ist, wenn diese es
in die Richtung ihrer Aufmerksamkeit bringen will.
1563.Dann bleibt ihr nur
das tote Abstrakte, die Leichname des lebendigen Denkens.
1564.Sieht man nur auf
dieses Abstrakte, so wird man leicht ihm gegenüber sich gedrängt finden, in das
«lebensvolle» Element der Gefühlsmystik, oder auch der Willensmetaphysik
einzutreten.
1565.Man wird es
absonderlich finden, wenn jemand in «bloßen Gedanken» das Wesen der
Wirklichkeit ergreifen will.
1566.Aber wer sich dazu
bringt, das Leben im Denken wahrhaft zu haben, der gelangt zur Einsicht,
daß dem inneren Reichtum und der in sich ruhenden, aber zugleich in sich
bewegten Erfahrung innerhalb dieses Lebens das Weben in bloßen Gefühlen
oder das Anschauen des Willenselementes nicht einmal verglichen werden kann,
geschweige denn, daß diese über jenes gesetzt werden dürften.
1567.Gerade von diesem
Reichtum, von dieser inneren Fülle des Erlebens rührt es her, daß sein
Gegenbild in der gewöhnlichen Seeleneinstellung tot, abstrakt aussieht.
1568.Keine andere
menschliche Seelenbetätigung wird so leicht zu verkennen sein wie das Denken.
1569.Das Wollen, das
Fühlen, sie erwarmen die Menschenseele auch noch im Nacherleben ihres
Ursprungszustandes.
1570.Das Denken läßt nur
allzuleicht in diesem Nacherleben kalt; es scheint das Seelenleben
auszutrocknen.
1571.Doch dies ist eben nur
der stark sich geltend machende Schatten seiner lichtdurchwobenen, warm in die Welterscheinungen
untertauchenden Wirklichkeit.
1572.Dieses Untertauchen
geschieht mit einer in der Denkbetätigung selbst dahinfließenden Kraft, welche
Kraft der Liebe in geistiger Art ist.
1573.Man darf nicht
einwendend sagen, wer so Liebe im tätigen Denken sieht, der verlegt ein Gefühl,
die Liebe, in dasselbe.
1574.Denn dieser Einwand
ist in Wahrheit eine Bestätigung des hier geltend Gemachten.
1575.Wer nämlich zum wesenhaften
Denken sich hinwendet, der findet in demselben sowohl Gefühl wie Willen,
die letztern auch in den Tiefen ihrer Wirklichkeit; wer von dem Denken sich ab,
und nur dem «bloßen» Fühlen und Wollen zuwendet, der verliert aus diesen die
wahre Wirklichkeit.
1576.Wer im Denken intuitiv
erleben will, der wird auch dem gefühlsmäßigen und willensartigen Erleben
gerecht; nicht aber kann gerecht sein gegen die intuitiv-denkerische
Durchdringung des Daseins die Gefühlsmystik und die Willensmetaphysik.
1577.Die letztem werden nur
allzuleicht zu dem Urteil kommen, daß sie im Wirklichen stehen; der
intuitiv Denkende aber gefühllos und wirklichkeitsfremd in «abstrakten
Gedanken» ein schattenhaftes, kaltes Weltbild formt.
1578.Kapitel 9 - Die Idee
der Freiheit
1579.Der Begriff des Baumes
ist für das Erkennen durch die Wahrnehmung des Baumes bedingt.
1580.Ich kann der
bestimmten Wahrnehmung gegenüber nur einen ganz bestimmten Begriff aus dem
allgemeinen Begriffssystem herausheben.
1581.Der Zusammenhang von
Begriff und Wahrnehmung wird durch das Denken an der Wahrnehmung mittelbar und
objektiv bestimmt.
1582.Die Verbindung der
Wahrnehmung mit ihrem Begriffe wird nach dem Wahrnehmungsakte erkannt; die
Zusammengehörigkeit ist aber in der Sache selbst bestimmt.
1583.Anders stellt sich der
Vorgang dar, wenn die Erkenntnis, wenn das in ihr auftretende Verhältnis des
Menschen zur Welt betrachtet wird.
1584.In den vorangehenden
Ausführungen ist der Versuch gemacht worden, zu zeigen, daß die Aufhellung
dieses Verhältnisses durch eine auf dasselbe gehende unbefangene Beobachtung
möglich ist.
1585.Ein richtiges
Verständnis dieser Beobachtung kommt zu der Einsicht, daß das Denken als eine
in sich beschlossene Wesenheit unmittelbar angeschaut werden kann.
1586.Wer nötig findet, zur
Erklärung des Denkens als solchem etwas anderes herbeizuziehen, wie etwa
physische Gehirnvorgänge, oder hinter dem beobachteten bewußten Denken liegende
unbewußte geistige Vorgänge, der verkennt, was ihm die unbefangene Beobachtung
des Denkens gibt.
1587.Wer das Denken
beobachtet, lebt während der Beobachtung unmittelbar in einem geistigen, sich
selbst tragenden Wesensweben darinnen.
1588.Ja, man kann sagen,
wer die Wesenheit des Geistigen in der Gestalt, in der sie sich dem Menschen zunächst
darbietet, erfassen will, kann dies in dem auf sich selbst beruhenden
Denken.
1589.Im Betrachten des
Denkens selbst fallen in eines zusammen, was sonst immer getrennt auftreten muß:
Begriff und Wahrnehmung.
1590.Wer dies nicht
durchschaut, der wird in an Wahrnehmungen erarbeiteten Begriffen nur
schattenhafte Nachbildungen dieser Wahrnehmungen sehen können, und die
Wahrnehmungen werden ihm die wahre Wirklichkeit vergegenwärtigen.
1591.Er wird auch eine
metaphysische Welt nach dem Muster der wahrgenommenen Welt sich auferbauen; er
wird diese Welt Atomenwelt, Willenswelt, unbewußte Geistwelt und so weiter
nennen, je nach seiner Vorstellungsart.
1592.Und es wird ihm entgehen,
daß er sich mit alledem nur eine metaphysische Welt hypothetisch nach dem
Muster seiner Wahrnehmungswelt auferbaut hat.
1593.Wer aber durchschaut,
was bezüglich des Denkens vorliegt, der wird erkennen, daß in der Wahrnehmung
nur ein Teil der Wirklichkeit vorliegt und daß der andere zu ihr gehörige Teil,
der sie erst als volle Wirklichkeit erscheinen läßt, in der denkenden
Durchsetzung der Wahrnehmung erlebt wird.
1594.Er wird in demjenigen,
das als Denken im Bewußtsein auftritt, nicht ein schattenhaftes Nachbild einer
Wirklichkeit sehen, sondern eine auf sich ruhende geistige Wesenhaftigkeit.
1595.Und von dieser kann er
sagen, daß sie ihm durch Intuition im Bewußtsein gegenwärtig wird.
1596.Intuition ist das im
rein Geistigen verlaufende bewußte Erleben eines rein geistigen Inhaltes.
1597.Nur durch eine
Intuition kann die Wesenheit des Denkens erfaßt werden.
1598.Nur wenn man sich zu
der in der unbefangenen Beobachtung gewonnenen Anerkennung dieser Wahrheit über
die intuitive Wesenheit des Denkens hindurchgerungen hat, gelingt es, den Weg
frei zu bekommen für eine Anschauung der menschlichen leiblich-seelischen
Organisation.
1599.Man erkennt, daß diese
Organisation an dem Wesen des Denkens nichts bewirken kann.
1600.Dem scheint zunächst
der ganz offenbare Tatbestand zu widersprechen.
1601.Das menschliche Denken
tritt für die gewöhnliche Erfahrung nur an und durch diese Organisation auf.
1602.Dieses Auftreten macht
sich so stark geltend, daß es in seiner wahren Bedeutung nur von demjenigen
durchschaut werden kann, der erkannt hat, wie im Wesenhaften des Denkens nichts
von dieser Organisation mitspielt.
1603.Einem solchen wird es
dann aber auch nicht mehr entgehen können, wie eigentümlich geartet das
Verhältnis der menschlichen Organisation zum Denken ist.
1604.Diese bewirkt nämlich
nichts an dem Wesenhaften des Denkens, sondern sie weicht, wenn die Tätigkeit
des Denkens auftritt, zurück; sie hebt ihre eigene Tätigkeit auf, sie macht
einen Platz frei; und an dem freigewordenen Platz tritt das Denken auf.
1605.Dem Wesenhaften, das
im Denken wirkt, obliegt ein Doppeltes: Erstens drängt es die menschliche
Organisation in deren eigener Tätigkeit zurück, und zweitens setzt es sich
selbst an deren Stelle.
1606.Denn auch das erste, die
Zurückdrängung der Leibesorganisation, ist Folge der Denktätigkeit.
1607.Und zwar desjenigen
Teiles derselben, der das Erscheinen des Denkens vorbereitet.
1608.Man ersieht aus
diesem, in welchem Sinne das Denken in der Leibesorganisation sein Gegenbild
findet.
1609.Und wenn man dieses
ersieht, wird man nicht mehr die Bedeutung dieses Gegenbildes für das Denken
selbst verkennen können.
1610.Wer über einen
erweichten Boden geht, dessen Fußspuren graben sich in dem Boden ein.
1611.Man wird nicht
versucht sein, zu sagen, die Fußspurenformen seien von Kräften des Bodens, von
unten herauf, getrieben worden.
1612.Man wird diesen Kräften
keinen Anteil an dem Zustandekommen der Spurenformen zuschreiben.
1613.Ebensowenig wird, wer
die Wesenheit des Denkens unbefangen beobachtet, den Spuren im Leibesorganismus
an dieser Wesenheit einen Anteil zuschreiben, die dadurch entstehen, daß das
Denken sein Erscheinen durch den Leib vorbereitet. (1)
1614.Fußnoten: (1) Wie innerhalb der Psychologie, der Physiologie usw. sich die obige
Anschauung geltend macht, hat der Verfasser in Schriften, die auf dieses Buch
gefolgt sind, nach verschiedenen Richtungen dargestellt. Hier sollte nur das
gekennzeichnet werden, was die unbefangene Beobachtung des Denkens selbst
ergibt.
1615.Aber eine
bedeutungsvolle Frage taucht hier auf.
1616.Wenn an dem Wesen des
Denkens der menschlichen Organisation kein Anteil zukommt, welche Bedeutung hat
diese Organisation innerhalb der Gesamtwesenheit des Menschen?
1617.Nun, was in dieser
Organisation durch das Denken geschieht, hat wohl mit der Wesenheit des Denkens
nichts zu tun, wohl aber mit der Entstehung des Ich-Bewußtseins aus diesem
Denken heraus.
1618.Innerhalb des
Eigenwesens des Denkens liegt wohl das wirkliche «Ich», nicht aber das
Ich-Bewußtsein.
1619.Dies durchschaut
derjenige, der eben unbefangen das Denken beobachtet.
1620.Das «Ich» ist
innerhalb des Denkens zu finden; das «Ich-Bewußtsein» tritt dadurch auf, daß im
allgemeinen Bewußtsein sich die Spuren der Denktätigkeit in dem oben
gekennzeichneten Sinne eingraben.
1621.(Durch die
Leibesorganisation entsteht also das Ich-Bewußtsein.
1622.Man verwechsele das
aber nicht etwa mit der Behauptung, daß das einmal entstandene Ich-Bewußtsein
von der Leibesorganisation abhängig bleibe.
1623.Einmal entstanden,
wird es in das Denken aufgenommen und teilt fortan dessen geistige Wesenheit.)
1624.Das «Ich-Bewußtsein»
ist auf die menschliche Organisation gebaut.
1625.Aus dieser erfließen
die Willenshandlungen.
1626.In der Richtung der
vorangegangenen Darlegungen wird ein Einblick in den Zusammenhang zwischen Denken,
bewußtem Ich und Willenshandlung nur zu gewinnen sein, wenn erst beobachtet
wird, wie die Willenshandlung aus der menschlichen Organisation hervorgeht. (2)
1627.Fußnoten: (2) S. 145 bis zur obigen Stelle ist Zusatz, beziehungsweise Umarbeitung
für die Neuausgabe 1918.
1628.Für den einzelnen
Willensakt kommt in Betracht: das Motiv und die Triebfeder.
1629.Das Motiv ist ein
begrifflicher oder vorstellungsgemäßer Faktor; die Triebfeder ist der in der
menschlichen Organisation unmittelbar bedingte Faktor des Wollens.
1630.Der begriffliche
Faktor oder das Motiv ist der augenblickliche Bestimmungsgrund des Wollens; die
Triebfeder der bleibende Bestimmungsgrund des Individuums.
1631.Motiv des Wollens kann
ein reiner Begriff oder ein Begriff mit einem bestimmten Bezug auf das Wahrnehmen
sein, das ist eine Vorstellung.
1632.Allgemeine und
individuelle Begriffe (Vorstellungen) werden dadurch zu Motiven des Wollens,
daß sie auf das menschliche Individuum wirken und dasselbe in einer gewissen
Richtung zum Handeln bestimmen.
1633.Ein und derselbe
Begriff, beziehungsweise eine und dieselbe Vorstellung wirkt aber auf
verschiedene Individuen verschieden.
1634.Sie veranlassen
verschiedene Menschen zu verschiedenen Handlungen.
1635.Das Wollen ist also
nicht bloß ein Ergebnis des Begriffes oder der Vorstellung, sondern auch der
individuellen Beschaffenheit des Menschen.
1636.Diese individuelle
Beschaffenheit wollen wir — man kann in bezug darauf Eduard von Hartmann folgen
— die charakterologische Anlage nennen.
1637.Die Art, wie Begriff
und Vorstellung auf die charakterologische Anlage des Menschen wirken, gibt
seinem Leben ein bestimmtes moralisches oder ethisches Gepräge.
1638.Die charakterologische
Anlage wird gebildet durch den mehr oder weniger bleibenden Lebensgehalt
unseres Subjektes, das ist durch unseren Vorstellungs- und Gefühlsinhalt.
1639.Ob mich eine in mir
gegenwärtig auftretende Vorstellung zu einem Wollen anregt, das hängt davon ab,
wie sie sich zu meinem übrigen Vorstellungsinhalte und auch zu meinen
Gefühlseigentümlichkeiten verhält.
1640.Mein
Vorstellungsinhalt ist aber wieder bedingt durch die Summe derjenigen Begriffe,
die im Verlaufe meines individuellen Lebens mit Wahrnehmungen in Berührung
gekommen, das heißt zu Vorstellungen geworden sind.
1641.Diese hängt wieder ab von
meiner größeren oder geringeren Fähigkeit der Intuition und von dem Umkreis
meiner Beobachtungen, das ist von dem subjektiven und dem objektiven Faktor der
Erfahrungen, von der inneren Bestimmtheit und dem Lebensschauplatz.
1642.Ganz besonders ist
meine charakterologische Anlage durch mein Gefühlsleben bestimmt.
1643.Ob ich an einer
bestimmten Vorstellung oder einem Begriff Freude oder Schmerz empfinde, davon
wird es abhängen, ob ich sie zum Motiv meines Handelns machen will oder nicht.
1644.— Dies sind die Elemente, die bei einem Willensakte in
Betracht kommen.
1645.Die unmittelbar
gegenwärtige Vorstellung oder der Begriff, die zum Motiv werden, bestimmen das
Ziel, den Zweck meines Wollens; meine charakterologische Anlage bestimmt mich,
auf dieses Ziel meine Tätigkeit zu richten.
1646.Die Vorstellung, in
der nächsten halben Stunde einen Spaziergang zu machen, bestimmt das Ziel
meines Handelns.
1647.Diese Vorstellung wird
aber nur dann zum Motiv des Wollens erhoben, wenn sie auf eine geeignete
charakterologische Anlage auftrifft, das ist, wenn sich durch mein bisheriges
Leben in mir etwa die Vorstellungen gebildet haben von der Zweckmäßigkeit des
Spazierengehens, von dem Wert der Gesundheit, und ferner, wenn sich mit der
Vorstellung des Spazierengehens in mir das Gefühl der Lust verbindet.
1648.Wir haben somit zu
unterscheiden: 1. Die möglichen subjektiven Anlagen, die geeignet sind,
bestimmte Vorstellungen und Begriffe zu Motiven zu machen; und 2. die möglichen
Vorstellungen und Begriffe, die imstande sind, meine charakterologische Anlage
so zu beeinflussen, daß sich ein Wollen ergibt.
1649.Jene stellen die Triebfedern,
diese die Ziele der Sittlichkeit dar.
1650.Die Triebfedern der
Sittlichkeit können wir dadurch finden, daß wir nachsehen, aus welchen
Elementen sich das individuelle Leben zusammensetzt.
1651.Die erste Stufe des
individuellen Lebens ist das Wahrnehmen, und zwar das Wahrnehmen der
Sinne.
1652.Wir stehen hier in
jener Region unseres individuellen Lebens, wo sich das Wahrnehmen unmittelbar, ohne
Dazwischentreten eines Gefühles oder Begriffes in Wollen umsetzt.
1653.Die Triebfeder des
Menschen, die hierbei in Betracht kommt, wird als Trieb schlechthin
bezeichnet.
1654.Die Befriedigung
unserer niederen, rein animalischen Bedürfnisse (Hunger, Geschlechtsverkehr
usw.) kommt auf diesem Wege zustande.
1655.Das Charakteristische
des Trieblebens besteht in der Unmittelbarkeit, mit der die Einzelwahrnehmung
das Wollen auslöst.
1656.Diese Art der
Bestimmung des Wollens, die ursprünglich nur dem niedrigeren Sinnenleben eigen
ist, kann auch auf die Wahrnehmungen der höheren Sinne ausgedehnt werden.
1657.Wir lassen auf die
Wahrnehmung irgendeines Geschehens in der Außenwelt, ohne weiter nachzudenken
und ohne daß sich uns an die Wahrnehmung ein besonderes Gefühl knüpft, eine Handlung
folgen, wie das namentlich im konventionellen Umgange mit Menschen geschieht.
1658.Die Triebfeder dieses
Handelns bezeichnet man als Takt oder sittlichen Geschmack.
1659.Je öfter sich ein
solches unmittelbares Auslösen einer Handlung durch eine Wahrnehmung vollzieht,
desto geeigneter wird sich der betreffende Mensch erweisen, rein unter dem
Einfluß des Taktes zu handeln, das ist: der Takt wird zu seiner
charakterologischen Anlage.
1660.Die zweite Sphäre des
menschlichen Lebens ist das Fühlen.
1661.An die Wahrnehmungen
der Außenwelt knüpfen sich bestimmte Gefühle.
1662.Diese Gefühle können
zu Triebfedern des Handelns werden.
1663.Wenn ich einen
hungernden Menschen sehe, so kann mein Mitgefühl mit demselben die Triebfeder
meines Handelns bilden.
1664.Solche Gefühle sind
etwa: das Schamgefühl, der Stolz, das Ehrgefühl, die Demut, die Reue, das
Mitgefühl, das Rache- und Dankbarkeitsgefühl, die Pietät, die Treue, das
Liebes- und Pflichtgefühl. (3)
1665.Fußnoten: (3) Eine vollständige Zusammenstellung der Prinzipien der Sittlichkeit
findet man (vom Standpunkte des metaphysischen Realismus aus) in Eduard von
Hartmanns «Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins».
1666.Die dritte Stufe des
Lebens endlich ist das Denken und Vorstellen.
1667.Durch bloße Überlegung
kann eine Vorstellung oder ein Begriff zum Motiv einer Handlung werden.
1668.Vorstellungen werden
dadurch Motive, daß wir im Laufe des Lebens fortwährend gewisse Ziele des
Wollens an Wahrnehmungen knüpfen, die in mehr oder weniger modifizierter
Gestalt immer wiederkehren.
1669.Daher kommt es, daß
bei Menschen, die nicht ganz ohne Erfahrung sind, stets mit bestimmten
Wahrnehmungen auch die Vorstellungen von Handlungen ins Bewußtsein treten, die
sie in einem ähnlichen Fall ausgeführt oder ausführen gesehen haben.
1670.Diese Vorstellungen
schweben ihnen als bestimmende Muster bei allen späteren Entschließungen vor,
sie werden Glieder ihrer charakterologischen Anlage.
1671.Wir können die damit
bezeichnete Triebfeder des Wollens die praktische Erfahrung nennen.
1672.Die praktische
Erfahrung geht allmählich in das rein taktvolle Handeln über.
1673.Wenn sich bestimmte
typische Bilder von Handlungen mit Vorstellungen von gewissen Situationen des
Lebens in unserem Bewußtsein so fest verbunden haben, daß wir gegebenen Falles
mit Überspringung aller auf Erfahrung sich gründenden Überlegung unmittelbar
auf die Wahrnehmung hin ins Wollen übergehen, dann ist dies der Fall.
1674.Die höchste Stufe des
individuellen Lebens ist das begriffliche Denken ohne Rücksicht auf einen
bestimmten Wahrnehmungsgehalt.
1675.Wir bestimmen den
Inhalt eines Begriffes durch reine Intuition aus der ideellen Sphäre heraus.
1676.Ein solcher Begriff
enthält dann zunächst keinen Bezug auf bestimmte Wahrnehmungen.
1677.Wenn wir unter dem
Einflusse eines auf eine Wahrnehmung deutenden Begriffes, das ist einer
Vorstellung, in das Wollen eintreten, so ist es diese Wahrnehmung, die uns auf
dem Umwege durch das begriffliche Denken bestimmt.
1678.Wenn wir unter dem
Einflusse von Intuitionen handeln, so ist die Triebfeder unseres Handelns das reine
Denken.
1679.Da man gewohnt ist,
das reine Denkvermögen in der Philosophie als Vernunft zu bezeichnen, so ist es
wohl auch berechtigt, die auf dieser Stufe gekennzeichnete moralische
Triebfeder die praktische Vernunft zu nennen.
1680.Am klarsten
hat von dieser Triebfeder des Wollens Kreyenbühl (Philosophische
Monatshefte, Bd. XVIII, Heft 3) gehandelt.
1681.Ich rechne seinen
darüber geschriebenen Aufsatz zu den bedeutsamsten Erzeugnissen der
gegenwärtigen Philosophie, namentlich der Ethik.
1682.Kreyenbühl bezeichnet
die in Rede stehende Triebfeder als praktisches Apriori, das heißt
unmittelbar aus meiner Intuition fließenden Antrieb zum Handeln.
1683.Es ist klar, daß ein
solcher Antrieb nicht mehr im strengen Wortsinne zu dem Gebiete der
charakterologischen Anlagen gerechnet werden kann.
1684.Denn was hier als
Triebfeder wirkt, ist nicht mehr ein bloß Individuelles in mir, sondern der
ideelle und folglich allgemeine Inhalt meiner Intuition.
1685.Sobald ich die
Berechtigung dieses Inhaltes als Grundlage und Ausgangspunkt einer Handlung
ansehe, trete ich in das Wollen ein, gleichgültig ob der Begriff bereits
zeitlich vorher in mir da war, oder erst unmittelbar vor dem Handeln in mein
Bewußtsein eintritt, das ist: gleichgültig, ob er bereits als Anlage in mir
vorhanden war oder nicht.
1686.Zu einem wirklichen
Willensakt kommt es nur dann, wenn ein augenblicklicher Antrieb des Handelns in
Form eines Begriffes oder einer Vorstellung auf die charakterologische Anlage
einwirkt.
1687.Ein solcher Antrieb
wird dann zum Motiv des Wollens.
1688.Die Motive der
Sittlichkeit sind Vorstellungen und Begriffe.
1689.Es gibt Ethiker, die
auch im Gefühle ein Motiv der Sittlichkeit sehen; sie behaupten zum Beispiel,
Ziel des sittlichen Handelns sei die Beförderung des größtmöglichen Quantums
von Lust im handelnden Individuum.
1690.Die Lust selbst aber
kann nicht Motiv werden, sondern nur eine vorgestellte Lust.
1691.Die Vorstellung eines
künftigen Gefühles, nicht aber das Gefühl selbst kann auf meine
charakterologische Anlage einwirken.
1692.Denn das Gefühl selbst
ist im Augenblicke der Handlung noch nicht da, soll vielmehr erst durch die
Handlung hervorgebracht werden.
1693.Die Vorstellung des
eigenen oder fremden Wohles wird aber mit Recht als ein Motiv des Wollens
angesehen.
1694.Das Prinzip, durch
sein Handeln die größte Summe eigener Lust zu bewirken, das ist: die
individuelle Glückseligkeit zu erreichen, heißt Egoismus.
1695.Diese individuelle
Glückseligkeit wird entweder dadurch zu erreichen gesucht, daß man in
rücksichtsloser Weise nur auf das eigene Wohl bedacht ist und dieses auch auf
Kosten des Glückes fremder Individualitäten erstrebt (reiner Egoismus), oder
dadurch, daß man das fremde Wohl aus dem Grunde befördert, weil man sich dann
mittelbar von den glücklichen fremden Individualitäten einen günstigen Einfluß
auf die eigene Person verspricht, oder weil man durch Schädigung fremder
Individuen auch eine Gefährdung des eigenen Interesses befürchtet
(Klugheitsmoral).
1696.Der besondere Inhalt
der egoistischen Sittlichkeitsprinzipien wird davon abhängen, welche
Vorstellung sich der Mensch von seiner eigenen oder der fremden Glückseligkeit
macht.
1697.Nach dem, was einer
als ein Gut des Lebens ansieht (Wohlleben, Hoffnung auf Glückseligkeit,
Erlösung von verschiedenen Übeln usw.), wird er den Inhalt seines egoistischen
Strebens bestimmen.
1698.Als ein weiteres Motiv
ist dann der rein begriffliche Inhalt einer Handlung anzusehen.
1699.Dieser Inhalt bezieht
sich nicht wie die Vorstellung der eigenen Lust auf die einzelne Handlung
allein, sondern auf die Begründung einer Handlung aus einem Systeme sittlicher
Prinzipien.
1700.Diese Moralprinzipien
können in Form abstrakter Begriffe das sittliche Leben regeln, ohne daß der
einzelne sich um den Ursprung der Begriffe kümmert.
1701.Wir empfinden dann
einfach die Unterwerfung unter den sittlichen Begriff, der als Gebot über
unserem Handeln schwebt, als sittliche Notwendigkeit.
1702.Die Begründung dieser
Notwendigkeit überlassen wir dem, der die sittliche Unterwerfung fordert, das
ist der sittlichen Autorität, die wir anerkennen (Familienoberhaupt, Staat,
gesellschaftliche Sitte, kirchliche Autorität, göttliche Offenbarung).
1703.Eine besondere Art
dieser Sittlichkeitsprinzipien ist die, wo das Gebot sich nicht durch eine
äußere Autorität für uns kundgibt, sondern durch unser eigenes Innere
(sittliche Autonomie).
1704.Wir vernehmen dann die
Stimme in unserem eigenen Innern, der wir uns zu unterwerfen haben.
1705.Der Ausdruck dieser
Stimme ist das Gewissen.
1706.Es bedeutet einen
sittlichen Fortschritt, wenn der Mensch zum Motiv seines Handelns nicht einfach
das Gebot einer äußeren oder der inneren Autorität macht, sondern wenn er den
Grund einzusehen bestrebt ist, aus dem irgendeine Maxime des Handelns als Motiv
in ihm wirken soll.
1707.Dieser Fortschritt ist
der von der autoritativen Moral zu dem Handeln aus sittlicher Einsicht.
1708.Der Mensch wird auf
dieser Stufe der Sittlichkeit die Bedürfnisse des sittlichen Lebens aufsuchen
und sich von der Erkenntnis derselben zu seinen Handlungen bestimmen lassen.
1709.Solche Bedürfnisse
sind: 1. das größtmögliche Wohl der Gesamtmenschheit rein um dieses Wohles
willen; 2. der Kulturfortschritt oder die sittliche Entwickelung der
Menschheit zu immer größerer Vollkommenheit; 3. die Verwirklichung rein
intuitiv erfaßter individueller Sittlichkeitsziele.
1710.Das größtmögliche
Wohl der Gesamtmenschheit wird natürlich von verschiedenen Menschen in
verschiedener Weise aufgefaßt werden.
1711.Die obige Maxime
bezieht sich nicht auf eine bestimmte Vorstellung von diesem Wohl, sondern
darauf, daß jeder einzelne, der dies Prinzip anerkennt, bestrebt ist, dasjenige
zu tun, was nach seiner Ansicht das Wohl der Gesamtmenschheit am meisten
fördert.
1712.Der Kulturfortschritt erweist sich
für denjenigen, dem sich an die Güter der Kultur ein Lustgefühl knüpft, als ein
spezieller Fall des vorigen Moralprinzips.
1713.Er wird nur den
Untergang und die Zerstörung mancher Dinge, die auch zum Wohle der Menschheit
beitragen, mit in Kauf nehmen müssen.
1714.Es ist aber auch
möglich, daß jemand in dem Kulturfortschritt, abgesehen von dem damit
verbundenen Lustgefühl, eine sittliche Notwendigkeit erblickt.
1715.Dann ist derselbe für
ihn ein besonderes Moralprinzip neben dem vorigen.
1716.Sowohl die Maxime des
Gesamtwohles wie auch jene des Kulturfortschrittes beruht auf der Vorstellung,
das ist auf der Beziehung, die man dem Inhalt der sittlichen Ideen zu
bestimmten Erlebnissen (Wahrnehmungen) gibt.
1717.Das höchste denkbare
Sittlichkeitsprinzip ist aber das, welches keine solche Beziehung von
vornherein enthält, sondern aus dem Quell der reinen Intuition entspringt und
erst nachher die Beziehung zur Wahrnehmung (zum Leben) sucht.
1718.Die Bestimmung, was zu
wollen ist, geht hier von einer andern Instanz aus als in den vorhergehenden
Fällen.
1719.Wer dem sittlichen
Prinzip des Gesamtwohles huldigt, der wird bei allen seinen Handlungen zuerst
fragen, was zu diesem Gesamtwohl seine Ideale beitragen.
1720.Wer sich zu dem
sittlichen Prinzip des Kulturfortschrittes bekennt, wird es hier ebenso machen.
1721.Es gibt aber ein
höheres, das in dem einzelnen Falle nicht von einem bestimmten einzelnen
Sittlichkeitsziel ausgeht, sondern welches allen Sittlichkeitsmaximen einen
gewissen Wert beilegt, und im gegebenen Falle immer fragt, ob denn hier das
eine oder das andere Moralprinzip das wichtigere ist.
1722.Es kann vorkommen, daß
jemand unter gegebenen Verhältnissen die Förderung des Kulturfortschrittes,
unter andern die des Gesamtwohls, im dritten Falle die Förderung des eigenen
Wohles für das richtige ansieht und zum Motiv seines Handelns macht.
1723.Wenn aber alle andern
Bestimmungsgründe erst an zweite Stelle treten, dann kommt in erster Linie die
begriffliche Intuition selbst in Betracht.
1724.Damit treten die
andern Motive von der leitenden Stelle ab, und nur der Ideengehalt der Handlung
wirkt als Motiv derselben.
1725.Wir haben unter den
Stufen der charakterologischen Anlage diejenige als die höchste bezeichnet, die
als reines Denken, als praktische Vernunft wirkt.
1726.Unter den Motiven
haben wir jetzt als das höchste die begriffliche Intuition bezeichnet.
1727.Bei genauerer
Überlegung stellt sich alsbald heraus, daß auf dieser Stufe der Sittlichkeit
Triebfeder und Motiv zusammenfallen, das ist, daß weder eine vorher bestimmte
charakterologische Anlage, noch ein äußeres, normativ angenommenes sittliches
Prinzip auf unser Handeln wirken.
1728.Die Handlung ist also
keine schablonenmäßige, die nach irgendwelchen Regeln ausgeführt wird, und auch
keine solche, die der Mensch auf äußeren Anstoß hin automatenhaft vollzieht,
sondern eine schlechthin durch ihren idealen Gehalt bestimmte.
1729.Zur Voraussetzung hat
eine solche Handlung die Fähigkeit der moralischen Intuitionen.
1730.Wem die Fähigkeit
fehlt für den einzelnen Fall die besondere Sittlichkeitsmaxime zu erleben, der
wird es auch nie zum wahrhaft individuellen Wollen bringen.
1731.Der gerade Gegensatz
dieses Sittlichkeitsprinzips ist das Kantsche: Handle so, daß die Grundsätze
deines Handelns für alle Menschen gelten können.
1732.Dieser Satz ist der
Tod aller individuellen Antriebe des Handelns.
1733.Nicht wie alle Menschen
handeln würden, kann für mich maßgebend sein, sondern was für mich in dem individuellen
Falle zu tun ist.
1734.Ein oberflächliches
Urteil könnte vielleicht diesen Ausführungen einwenden: Wie kann das Handeln
zugleich individuell auf den besonderen Fall und die besondere Situation
geprägt und doch rein ideell aus der Intuition heraus bestimmt sein?
1735.Dieser Einwand beruht
auf einer Verwechselung von sittlichem Motiv und wahrnehmbarem Inhalt der
Handlung.
1736.Der letztere kann Motiv
sein, und ist es auch zum Beispiel beim Kulturfortschritt, beim Handeln aus
Egoismus usw.; beim Handeln auf Grund rein sittlicher Intuition ist er es nicht.
1737.Mein Ich richtet
seinen Blick natürlich auf diesen Wahrnehmungsinhalt, bestimmen läßt es
sich durch denselben nicht.
1738.Dieser Inhalt wird nur
benützt, um sich einen Erkenntnisbegriff zu bilden, den dazu gehörigen moralischen
Begriff entnimmt das Ich nicht aus dem Objekte.
1739.Der Erkenntnisbegriff
aus einer bestimmten Situation, der ich gegenüberstehe, ist nur dann zugleich
ein moralischer Begriff, wenn ich auf dem Standpunkte eines bestimmten
Moralprinzips stehe.
1740.Wenn ich auf dem Boden
der allgemeinen Kulturentwickelungsmoral allein stehen möchte, dann ginge ich
mit gebundener Marschroute in der Welt umher.
1741.Aus jedem Geschehen,
das ich wahrnehme und das mich beschäftigen kann, entspringt zugleich eine sittliche
Pflicht; nämlich mein Scherflein beizutragen, damit das betreffende Geschehen
in den Dienst der Kulturentwickelung gestellt werde.
1742.Außer dem Begriff, der
mir den naturgesetzlichen Zusammenhang eines Geschehens oder Dinges enthüllt,
haben die letztem auch noch eine sittliche Etikette umgehängt, die für mich,
das moralische Wesen, eine ethische Anweisung enthält, wie ich mich zu benehmen
habe.
1743.Diese sittliche
Etikette ist in ihrem Gebiete berechtigt, sie fällt aber auf einem höheren
Standpunkte mit der Idee zusammen, die mir dem konkreten Fall gegenüber
aufgeht.
1744.Die Menschen sind dem
Intuitionsvermögen nach verschieden.
1745.Dem einen sprudeln die
Ideen zu, der andere erwirbt sie sich mühselig.
1746.Die Situationen, in
denen die Menschen leben, und die den Schauplatz ihres Handelns abgeben, sind
nicht weniger verschieden.
1747.Wie ein Mensch
handelt, wird also abhängen von der Art, wie sein Intuitionsvermögen einer
bestimmten Situation gegenüber wirkt.
1748.Die Summe der in uns
wirksamen Ideen, den realen Inhalt unserer Intuitionen, macht das aus, was bei
aller Allgemeinheit der Ideenwelt in jedem Menschen individuell geartet ist.
1749.Insofern dieser
intuitive Inhalt auf das Handeln geht, ist er der Sittlichkeitsgehalt des
Individuums.
1750.Das Auslebenlassen
dieses Gehalts ist die höchste moralische Triebfeder und zugleich das höchste
Motiv dessen, der einsieht, daß alle andern Moralprinzipien sich letzten Endes
in diesem Gehalte vereinigen.
1751.Man kann diesen
Standpunkt den ethischen Individualismus nennen.
1752.Das Maßgebende einer
intuitiv bestimmten Handlung im konkreten Falle ist das Auffinden der
entsprechenden, ganz individuellen Intuition.
1753.Auf dieser Stufe der
Sittlichkeit kann von allgemeinen Sittlichkeitsbegriffen (Normen, Gesetzen) nur
insofern die Rede sein, als sich diese aus der Verallgemeinerung der
individuellen Antriebe ergeben.
1754.Allgemeine Normen
setzen immer konkrete Tatsachen voraus, aus denen sie abgeleitet werden können.
1755.Durch das menschliche
Handeln werden aber Tatsachen erst geschaffen.
1756.Wenn wir das Gesetzmäßige
(Begriffliche in dem Handeln der Individuen, Völker und Zeitalter) aufsuchen,
so erhalten wir eine Ethik, aber nicht als Wissenschaft von sittlichen Normen,
sondern als Naturlehre der Sittlichkeit.
1757.Erst die hierdurch
gewonnenen Gesetze verhalten sich zum menschlichen Handeln so wie die
Naturgesetze zu einer besonderen Erscheinung.
1758.Sie sind aber durchaus
nicht identisch mit den Antrieben, die wir unserm Handeln zugrunde legen.
1759.Will man erfassen,
wodurch eine Handlung des Menschen dessen sittlichem Wollen entspringt,
so muß man zunächst auf das Verhältnis dieses Wollens zu der Handlung sehen.
1760.Man muß zunächst
Handlungen ins Auge fassen, bei denen dieses Verhältnis das Bestimmende ist.
1761.Wenn ich oder ein anderer
später über eine solche Handlung nachdenken, kann es herauskommen, welche
Sittlichkeitsmaximen bei derselben in Betracht kommen.
1762.Während ich handle,
bewegt mich die Sittlichkeitsmaxime, insoferne sie intuitiv in mir leben kann;
sie ist verbunden mit der Liebe zu dem Objekt, das ich durch meine
Handlung verwirklichen will.
1763.Ich frage keinen
Menschen und auch keine Regel: soll ich diese Handlung ausführen?— sondern ich
führe sie aus, sobald ich die Idee davon gefaßt habe.
1764.Nur dadurch ist sie meine
Handlung.
1765.Wer nur handelt, weil
er bestimmte sittliche Normen anerkennt, dessen Handlung ist das Ergebnis der
in seinem Moralkodex stehenden Prinzipien.
1766.Er ist bloß der
Vollstrecker.
1767.Er ist ein höherer
Automat.
1768.Werfet einen Anlaß zum
Handeln in sein Bewußtsein, und alsbald setzt sich das Räderwerk seiner
Moralprinzipien in Bewegung und läuft in gesetzmäßiger Weise ab, um eine
christliche, humane, ihm selbstlos geltende, oder eine Handlung des
kulturgeschichtlichen Fortschrittes zu vollbringen.
1769.Nur wenn ich meiner
Liebe zu dem Objekte folge, dann bin ich es selbst, der handelt.
1770.Ich handle auf dieser
Stufe der Sittlichkeit nicht, weil ich einen Herrn über mich anerkenne, nicht
die äußere Autorität, nicht eine sogenannte innere Stimme.
1771.Ich erkenne kein äußeres
Prinzip meines Handelns an, weil ich in mir selbst den Grund des Handelns, die
Liebe zur Handlung gefunden habe.
1772.Ich prüfe nicht
verstandesmäßig, ob meine Handlung gut oder böse ist; ich vollziehe sie, weil
ich sie liebe.
1773.Sie wird «gut», wenn
meine in Liebe getauchte Intuition in der rechten Art in dem intuitiv zu
erlebenden Weltzusammenhang drinnensteht; «böse», wenn das nicht der Fall ist.
1774.Ich frage mich auch
nicht: wie würde ein anderer Mensch in meinem Falle handeln? — sondern ich
handle, wie ich, diese besondere Individualität, zu wollen mich veranlaßt sehe.
1775.Nicht das allgemein
Übliche, die allgemeine Sitte, eine allgemeinmenschliche Maxime, eine sittliche
Norm leitet mich in unmittelbarer Art, sondern meine Liebe zur Tat.
1776.Ich fühle keinen Zwang,
nicht den Zwang der Natur, die mich bei meinen Trieben leitet, nicht den Zwang
der sittlichen Gebote, sondern ich will einfach ausführen, was in mir liegt.
1777.Die Verteidiger der
allgemeinen sittlichen Normen könnten etwa zu diesen Ausführungen sagen: Wenn
jeder Mensch nur darnach strebt, sich auszuleben und zu tun, was ihm beliebt,
dann ist kein Unterschied zwischen guter Handlung und Verbrechen; jede
Gaunerei, die in mir liegt, hat gleichen Anspruch sich auszuleben, wie die
Intention, dem allgemeinen Besten zu dienen.
1778.Nicht der Umstand, daß
ich eine Handlung der Idee nach ins Auge gefaßt habe, kann für mich als
sittlichen Menschen maßgebend sein, sondern die Prüfung, ob sie gut oder böse
ist.
1779.Nur im ersteren Falle
werde ich sie ausführen.
1780.Meine Entgegnung auf
diesen naheliegenden und doch nur aus einer Verkennung des hier Gemeinten
entspringenden Einwand ist diese: Wer das Wesen des menschlichen Wollens
erkennen will, der muß unterscheiden zwischen dem Weg, der dieses Wollen bis zu
einem bestimmten Grad der Entwickelung bringt, und der Eigenart, welche das
Wollen annimmt, indem es sich diesem Ziele annähert.
1781.Auf dem Wege zu diesem
Ziele spielen Normen ihre berechtigte Rolle.
1782.Das Ziel besteht in
der Verwirklichung rein intuitiv erfaßter Sittlichkeitsziele.
1783.Der Mensch erreicht
solche Ziele in dem Maße, in dem er die Fähigkeit besitzt, sich überhaupt zum
intuitiven Ideengehalte der Welt zu erheben.
1784.Im einzelnen Wollen
wird zumeist anderes als Triebfeder oder Motiv solchen Zielen beigemischt sein.
1785.Aber Intuitives kann
im menschlichen Wollen doch bestimmend oder mitbestimmend sein.
1786.Was man soll,
das tut man; man gibt den Schauplatz ab, auf dem das Sollen zum Tun wird;
eigene Handlung ist, was man als solche aus sich entspringen läßt.
1787.Der Antrieb kann da
nur ein ganz individueller sein.
1788.Und in Wahrheit kann
nur eine aus der Intuition entspringende Willenshandlung eine individuelle
sein.
1789.Daß die Tat des
Verbrechers, daß das Böse in gleichem Sinne ein Ausleben der Individualität
genannt wird wie die Verkörperung reiner Intuition, ist nur möglich, wenn die
blinden Triebe zur menschlichen Individualität gezählt werden.
1790.Aber der blinde Trieb,
der zum Verbrechen treibt, stammt nicht aus Intuitivem, und gehört nicht zum
Individuellen des Menschen, sondern zum Allgemeinsten in ihm, zu dem, was bei
allen Individuen in gleichem Maße geltend ist und aus dem sich der Mensch durch
sein Individuelles heraus arbeitet.
1791.Das Individuelle in
mir ist nicht mein Organismus mit seinen Trieben und Gefühlen, sondern das ist
die einige Ideenwelt, die in diesem Organismus aufleuchtet.
1792.Meine Triebe,
Instinkte, Leidenschaften begründen nichts weiter in mir, als daß ich zur
allgemeinen Gattung Mensch gehöre; der Umstand, daß sich ein Ideelles in
diesen Trieben, Leidenschaften und Gefühlen auf eine besondere Art auslebt,
begründet meine Individualität.
1793.Durch meine Instinkte,
Triebe bin ich ein Mensch, von denen zwölf ein Dutzend machen; durch die
besondere Form der Idee, durch die ich mich innerhalb des Dutzend als Ich
bezeichne, bin ich Individuum.
1794.Nach der
Verschiedenheit meiner tierischen Natur könnte mich nur ein mir fremdes Wesen
von andern unterscheiden; durch mein Denken, das heißt durch das tätige
Erfassen dessen, was sich als Ideelles in meinem Organismus auslebt,
unterscheide ich mich selbst von andern.
1795.Man kann also von der
Handlung des Verbrechers gar nicht sagen, daß sie aus der Idee hervorgeht.
1796.Ja, das ist gerade das
Charakteristische der Verbrecherhandlungen, daß sie aus den außerideellen
Elementen des Menschen sich herleiten.
1797.Eine Handlung wird als
eine freie empfunden, soweit deren Grund aus dem ideellen Teil meines
individuellen Wesens hervorgeht; jeder andere Teil einer Handlung,
gleichgültig, ob er aus dem Zwange der Natur oder aus der Nötigung einer
sittlichen Norm vollzogen wird, wird als unfrei empfunden.
1798.Frei ist nur der
Mensch, insofern er in jedem Augenblicke seines Lebens sich selbst zu folgen in
der Lage ist.
1799.Eine sittliche Tat ist
nur meine Tat, wenn sie in dieser Auffassung eine freie genannt werden
kann.
1800.Hier ist zunächst die
Rede davon, unter welchen Voraussetzungen eine gewollte Handlung als eine freie
empfunden wird; wie diese rein ethisch gefaßte Freiheitsidee in der
menschlichen Wesenheit sich verwirklicht, soll im folgenden sich zeigen.
1801.Die Handlung aus
Freiheit schließt die sittlichen Gesetze nicht etwa aus, sondern ein; sie
erweist sich nur als höherstehend gegenüber derjenigen, die nur von diesen
Gesetzen diktiert ist.
1802.Warum sollte meine
Handlung denn weniger dem Gesamtwohle dienen, wenn ich sie aus Liebe getan
habe, als dann, wenn ich sie nur aus dem Grunde vollbracht habe, weil
dem Gesamtwohle zu dienen ich als Pflicht empfinde?
1803.Der bloße
Pflichtbegriff schließt die Freiheit aus, weil er das Individuelle nicht
anerkennen will, sondern Unterwerfung des letztem unter eine allgemeine Norm
fordert.
1804.Die Freiheit des
Handelns ist nur denkbar vom Standpunkte des ethischen Individualismus aus.
1805.Wie ist aber ein
Zusammenleben der Menschen möglich, wenn jeder nur bestrebt ist, seine Individualität
zur Geltung zu bringen?
1806.Damit ist ein Einwand
des falsch verstandenen Moralismus gekennzeichnet.
1807.Dieser glaubt, eine
Gemeinschaft von Menschen sei nur möglich, wenn sie alle vereinigt sind durch
eine gemeinsam festgelegte sittliche Ordnung.
1808.Dieser Moralismus
versteht eben die Einigkeit der Ideenwelt nicht.
1809.Er begreift nicht, daß
die Ideenwelt, die in mir tätig ist, keine andere ist, als die in meinem
Mitmenschen.
1810.Diese Einheit ist
allerdings bloß ein Ergebnis der Welterfahrung.
1811.Allein sie muß ein
solches sein.
1812.Denn wäre sie durch
irgend etwas anderes als durch Beobachtung zu erkennen, so wäre in ihrem
Bereich nicht individuelles Erleben, sondern allgemeine Norm geltend.
1813.Individualität ist nur
möglich, wenn jedes individuelle Wesen vom andern nur durch individuelle
Beobachtung weiß.
1814.Der Unterschied
zwischen mir und meinem Mitmenschen liegt durchaus nicht darin, daß wir in zwei
ganz verschiedenen Geisteswelten leben, sondern daß er aus der uns gemeinsamen
Ideenwelt andere Intuitionen empfängt als ich.
1815.Er will seine Intuitionen
ausleben, ich die meinigen.
1816.Wenn wir beide
wirklich aus der Idee schöpfen und keinen äußeren (physischen oder geistigen)
Antrieben folgen, so können wir uns nur in dem gleichen Streben, in denselben
Intentionen begegnen.
1817.Ein sittliches
Mißverstehen, ein Aufeinanderprallen ist bei sittlich freien Menschen
ausgeschlossen.
1818.Nur der sittlich
Unfreie, der dem Naturtrieb oder einem angenommenen Pflichtgebot folgt, stößt
den Nebenmenschen zurück, wenn er nicht dem gleichen Instinkt und dem gleichen
Gebot folgt.
1819.Leben in der Liebe
zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens ist die
Grundmaxime der freien Menschen.
1820.Sie kennen kein
anderes Sollen als dasjenige, mit dem sich ihr Wollen in intuitiven
Einklang versetzt; wie sie in einem besonderen Falle wollen werden, das
wird ihnen ihr Ideenvermögen sagen.
1821.Läge nicht in der
menschlichen Wesenheit der Urgrund zur Verträglichkeit, man würde sie ihr durch
keine äußeren Gesetze einimpfen! Nur weil die menschlichen Individuen eines
Geistes sind, können sie sich auch nebeneinander ausleben.
1822.Der Freie lebt in dem
Vertrauen darauf, daß der andere Freie mit ihm einer geistigen Welt angehört
und sich in seinen Intentionen mit ihm begegnen wird.
1823.Der Freie verlangt von
seinen Mitmenschen keine Übereinstimmung, aber er erwartet sie, weil sie in der
menschlichen Natur liegt.
1824.Damit ist nicht auf
die Notwendigkeiten gedeutet, die für diese oder jene äußeren Einrichtungen
bestehen, sondern auf die Gesinnung, auf die Seelenverfassung,
durch die der Mensch in seinem Sich-Erleben unter von ihm geschätzten
Mitmenschen der menschlichen Würde am meisten gerecht wird.
1825.Es wird viele geben,
die da sagen: der Begriff des freien Menschen, den du da entwirfst, ist
eine Schimäre, ist nirgends verwirklicht.
1826.Wir haben es aber mit
wirklichen Menschen zu tun, und bei denen ist auf Sittlichkeit nur zu hoffen,
wenn sie einem Sittengebote gehorchen, wenn sie ihre sittliche Mission als
Pflicht auffassen und nicht frei ihren Neigungen und ihrer Liebe folgen.
1827.—
Ich
bezweifle das keineswegs.
1828.Nur ein Blinder könnte
es.
1829.Aber dann hinweg mit
aller Heuchelei der Sittlichkeit, wenn dieses letzte Einsicht sein
sollte.
1830.Saget dann einfach:
die menschliche Natur muß zu ihren Handlungen gezwungen werden, solange
sie nicht frei ist.
1831.Ob man die Unfreiheit
durch physische Mittel oder durch Sittengesetze bezwingt, ob der Mensch unfrei
ist, weil er seinem maßlosen Geschlechtstrieb folgt oder darum, weil er in den
Fesseln konventioneller Sittlichkeit eingeschnürt ist, ist für einen gewissen
Gesichtspunkt ganz gleichgültig.
1832.Man behaupte aber nur
nicht, daß ein solcher Mensch mit Recht eine Handlung die seinige nennt,
da er doch von einer fremden Gewalt dazu getrieben ist.
1833.Aber mitten aus der
Zwangsordnung heraus erheben sich die Menschen, die freien Geister, die sich
selbst finden in dem Wust von Sitte, Gesetzeszwang, Religionsübung und so
weiter.
1834.Frei sind sie,
insofern sie nur sich folgen, unfrei, insofern sie sich unterwerfen.
1835.Wer von uns kann
sagen, daß er in allen seinen Handlungen wirklich frei ist?
1836.Aber in jedem von uns
wohnt eine tiefere Wesenheit, in der sich der freie Mensch ausspricht.
1837.Aus Handlungen der
Freiheit und der Unfreiheit setzt sich unser Leben zusammen.
1838.Wir können aber den
Begriff des Menschen nicht zuende denken, ohne auf den freien Geist als
die reinste Ausprägung der menschlichen Natur zu kommen.
1839.Wahrhaft Menschen sind
wir doch nur, insofern wir frei sind.
1840.Das ist ein Ideal,
werden viele sagen.
1841.Ohne Zweifel, aber ein
solches, das sich in unserer Wesenheit als reales Element an die Oberfläche
arbeitet.
1842.Es ist kein erdachtes
oder erträumtes Ideal, sondern ein solches, das Leben hat und das sich auch in
der unvollkommensten Form seines Daseins deutlich ankündigt.
1843.Wäre der Mensch ein
bloßes Naturwesen, dann wäre das Aufsuchen von Idealen, das ist von Ideen, die
augenblicklich unwirksam sind, deren Verwirklichung aber gefordert wird, ein
Unding.
1844.An dem Dinge der
Außenwelt ist die Idee durch die Wahrnehmung bestimmt; wir haben das unserige
getan, wenn wir den Zusammenhang von Idee und Wahrnehmung erkannt haben.
1845.Beim Menschen ist das
nicht so.
1846.Die Summe seines
Daseins ist nicht ohne ihn selbst bestimmt; sein wahrer Begriff als sittlicher
Mensch (freier Geist) ist mit dem Wahrnehmungsbilde «Mensch» nicht im
voraus objektiv vereinigt, um bloß nachher durch die Erkenntnis festgestellt zu
werden.
1847.Der Mensch muß
selbsttätig seinen Begriff mit der Wahrnehmung Mensch vereinigen.
1848.Begriff und
Wahrnehmung decken sich hier nur, wenn sie der Mensch selbst zur Deckung
bringt.
1849.Er kann es aber nur,
wenn er den Begriff des freien Geistes, das ist seinen eigenen Begriff gefunden
hat.
1850.In der objektiven Welt
ist uns durch unsere Organisation ein Grenzstrich gezogen zwischen Wahrnehmung
und Begriff; das Erkennen überwindet diese Grenze.
1851.In der subjektiven
Natur ist diese Grenze nicht minder vorhanden; der Mensch überwindet sie im
Laufe seiner Entwickelung, indem er in seiner Erscheinung seinen Begriff zur
Ausgestaltung bringt.
1852.So führt uns sowohl
das intellektuelle wie das sittliche Leben des Menschen auf seine Doppelnatur:
das Wahrnehmen (unmittelbares Erleben) und Denken.
1853.Das intellektuelle
Leben überwindet die Doppelnatur durch die Erkenntnis, das sittliche durch die
tatsächliche Verwirklichung des freien Geistes.
1854.Jedes Wesen hat seinen
eingeborenen Begriff (das Gesetz seines Seins und Wirkens); aber er ist in den
Außendingen unzertrennlich mit der Wahrnehmung verbunden und nur innerhalb
unseres geistigen Organismus von dieser abgesondert.
1855.Beim Menschen selbst
ist Begriff und Wahrnehmung zunächst tatsächlich getrennt, um von ihm
ebenso tatsächlich vereinigt zu werden.
1856.Man kann einwenden:
unserer Wahrnehmung des Menschen entspricht in jedem Augenblicke seines Lebens
ein bestimmter Begriff, so wie jedem anderen Dinge auch.
1857.Ich kann mir den
Begriff eines Schablonenmenschen bilden und kann einen solchen auch als
Wahrnehmung gegeben haben; wenn ich zu diesem auch noch den Begriff des freien
Geistes bringe, so habe ich zwei Begriffe für dasselbe Objekt.
1858.Das ist einseitig
gedacht.
1859.Ich bin als
Wahrnehmungsobjekt einer fortwährenden Veränderung unterworfen.
1860.Als Kind war ich ein
anderer, ein anderer als Jüngling und als Mann.
1861.Ja, in jedem
Augenblicke ist mein Wahrnehmungsbild ein anderes als in den vorangehenden.
1862.Diese Veränderungen
können sich in dem Sinne vollziehen, daß sich in ihnen nur immer derselbe
(Schablonenmensch) ausspricht, oder daß sie den Ausdruck des freien Geistes
darstellen.
1863.Diesen Veränderungen
ist das Wahrnehmungsobjekt meines Handelns unterworfen.
1864.Es ist in dem
Wahrnehmungsobjekt Mensch die Möglichkeit gegeben, sich umzubilden, wie im
Pflanzenkeim die Möglichkeit liegt, zur ganzen Pflanze zu werden.
1865.Die Pflanze wird sich
umbilden wegen der objektiven, in ihr liegenden Gesetzmäßigkeit; der Mensch
bleibt in seinem unvollendeten Zustande, wenn er nicht den Umbildungsstoff in
sich selbst aufgreift, und sich durch eigene Kraft umbildet.
1866.Die Natur macht aus
dem Menschen bloß ein Naturwesen; die Gesellschaft ein gesetzmäßig handelndes;
ein freies Wesen kann er nur selbst aus sich machen.
1867.Die Natur läßt den
Menschen in einem gewissen Stadium seiner Entwickelung aus ihren Fesseln los;
die Gesellschaft führt diese Entwickelung bis zu einem weiteren Punkte; den
letzten Schliff kann nur der Mensch selbst sich geben.
1868.Der Standpunkt der
freien Sittlichkeit behauptet also nicht, daß der freie Geist die einzige
Gestalt ist, in der ein Mensch existieren kann.
1869.Sie sieht in der
freien Geistigkeit nur das letzte Entwickelungsstadium des Menschen.
1870.Damit ist nicht
geleugnet, daß das Handeln nach Normen als Entwickelungsstufe seine
Berechtigung habe.
1871.Es kann nur nicht als
absoluter Sittlichkeitsstandpunkt anerkannt werden.
1872.Der freie Geist aber
überwindet die Normen in dem Sinne, daß er nicht nur Gebote als Motive
empfindet, sondern sein Handeln nach seinen Impulsen (Intuitionen) einrichtet.
1873.Wenn Kant von der
Pflicht sagt: «Pflicht! du erhabener, großer Name, der du nichts Beliebtes, was
Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung
verlangst», der du «ein Gesetz aufstellst ..., vor dem alle Neigungen
verstummen, wenn sie gleich in Geheim ihm entgegenwirken», so erwidert der
Mensch aus dem Bewußtsein des freien Geistes: «Freiheit! du freundlicher,
menschlicher Name, der du alles sittlich Beliebte, was mein Menschentum am
meisten würdigt, in dir fassest, und mich zu niemandes Diener machst, der du
nicht bloß ein Gesetz aufstellst, sondern abwartest, was meine sittliche Liebe
selbst als Gesetz erkennen wird, weil sie jedem nur auferzwungenen Gesetze
gegenüber sich unfrei fühlt.»
1874.Das ist der Gegensatz
von bloß gesetzmäßiger und freier Sittlichkeit.
1875.Der Philister, der in
einem äußerlich Festgestellten die verkörperte Sittlichkeit sieht, wird in dem
freien Geist vielleicht sogar einen gefährlichen Menschen sehen.
1876.Er tut es aber nur,
weil sein Blick eingeengt ist in eine bestimmte Zeitepoche.
1877.Wenn er über dieselbe
hinausblicken könnte, so müßte er alsbald finden, daß der freie Geist ebenso
wenig nötig hat, über die Gesetze seines Staates hinauszugehen, wie der
Philister selbst, nie aber sich mit ihnen in einen wirklichen Widerspruch zu
setzen.
1878.Denn die Staatsgesetze
sind sämtlich aus Intuitionen freier Geister entsprungen, ebenso wie alle
anderen objektiven Sittlichkeitsgesetze.
1879.Kein Gesetz wird durch
Familienautorität ausgeübt, das nicht einmal von einem Ahnherrn als solches
intuitiv erfaßt und festgesetzt worden wäre; auch die konventionellen Gesetze
der Sittlichkeit werden von bestimmten Menschen zuerst aufgestellt; und die
Staatsgesetze entstehen stets im Kopfe eines Staatsmannes.
1880.Diese Geister haben
die Gesetze über die anderen Menschen gesetzt, und unfrei wird nur der, welcher
diesen Ursprung vergißt, und sie entweder zu außermenschlichen Geboten, zu
objektiven vom Menschlichen unabhängigen sittlichen Pflichtbegriffen oder zur
befehlenden Stimme seines eigenen falsch mystisch zwingend gedachten Innern
macht.
1881.Wer den Ursprung aber
nicht übersieht, sondern ihn in dem Menschen sucht, der wird damit rechnen als
mit einem Gliede derselben Ideenwelt, aus der auch er seine sittlichen
Intuitionen holt.
1882.Glaubt er bessere zu
haben, so sucht er sie an die Stelle der bestehenden zu bringen; findet er diese
berechtigt, dann handelt er ihnen gemäß, als wenn sie seine eigenen wären.
1883.Es darf nicht die
Formel geprägt werden, der Mensch sei dazu da, um eine von ihm abgesonderte
sittliche Weltordnung zu verwirklichen.
1884.Wer dies behauptete, stünde
in bezug auf Menschheitswissenschaft noch auf demselben Standpunkt, auf dem
jene Naturwissenschaft stand, die da glaubte: der Stier habe Hörner, damit er
stoßen könne.
1885.Die Naturforscher
haben glücklich einen solchen Zweckbegriff zu den Toten geworfen.
1886.Die Ethik kann sich
schwerer davon frei machen.
1887.Aber so wie die Hörner
nicht wegen des Stoßens da sind, sondern das Stoßen durch die
Hörner, so ist der Mensch nicht wegen der Sittlichkeit da, sondern die
Sittlichkeit durch den Menschen.
1888.Der freie Mensch
handelt sittlich, weil er eine sittliche Idee hat; aber er handelt nicht, damit
Sittlichkeit entstehe.
1889.Die menschlichen
Individuen mit ihren zu ihrem Wesen gehörigen sittlichen Ideen sind die
Voraussetzung der sittlichen Weltordnung.
1890.Das menschliche Individuum
ist Quell aller Sittlichkeit und Mittelpunkt des Erdenlebens.
1891.Der Staat, die
Gesellschaft sind nur da, weil sie sich als notwendige Folge des
Individuallebens ergeben.
1892.Daß dann der Staat und
die Gesellschaft wieder zurückwirken auf das Individualleben, ist ebenso
begreiflich, wie der Umstand, daß das Stoßen, das durch die Hörner da ist,
wieder zurückwirkt auf die weitere Entwickelung der Hörner des Stieres, die bei
längerem Nichtgebrauch verkümmern würden.
1893.Ebenso müßte das
Individuum verkümmern, wenn es außerhalb der menschlichen Gemeinschaft ein
abgesondertes Dasein führte.
1894.Darum bildet sich ja
gerade die gesellschaftliche Ordnung, um im günstigen Sinne wieder zurück auf
das Individuum zu wirken.
1895.
1896.Kapitel 10 -
Freiheitsphilosophie und Monismus
1897.Der naive Mensch, der
nur als wirklich gelten läßt, was er mit Augen sehen und mit Händen greifen
kann, fordert auch für sein sittliches Leben Beweggründe, die mit den Sinnen
wahrnehmbar sind.
1898.Er fordert ein Wesen,
das ihm diese Beweggründe auf eine seinen Sinnen verständliche Weise mitteilt.
1899.Er wird von einem
Menschen, den er für weiser und mächtiger hält als sich selbst, oder den er aus
einem andern Grunde als eine über ihm stehende Macht anerkennt, diese
Beweggründe als Gebote sich diktieren lassen.
1900.Es ergeben sich auf
diese Weise als sittliche Prinzipien die schon früher genannten der Familien-,
staatlichen, gesellschaftlichen, kirchlichen und göttlichen Autorität.
1901.Der befangenste Mensch
glaubt noch einem einzelnen andern Menschen; der etwas fortgeschrittenere läßt
sich sein sittliches Verhalten von einer Mehrheit (Staat, Gesellschaft)
diktieren.
1902.Immer sind es
wahrnehmbare Mächte, auf die er baut.
1903.Wem endlich die
Überzeugung aufdämmert, daß dies doch im Grunde ebenso schwache Menschen sind
wie er, der sucht bei einer höheren Macht Auskunft, bei einem göttlichen Wesen,
das er sich aber mit sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften ausstattet.
1904.Er läßt sich von
diesem Wesen den begrifflichen Inhalt seines sittlichen Lebens wieder auf
wahrnehmbare Weise vermitteln, sei es, daß der Gott im brennenden Dornbusche
erscheint, sei es, daß er in leibhaftig- menschlicher Gestalt unter den
Menschen wandelt und ihren Ohren vernehmbar sagt, was sie tun und nicht tun
sollen.
1905.Die höchste
Entwickelungsstufe des naiven Realismus auf dem Gebiete der Sittlichkeit ist
die, wo das Sittengebot (sittliche Idee) von jeder fremden Wesenheit abgetrennt
und hypothetisch als absolute Kraft im eigenen Innern gedacht wird.
1906.Was der Mensch zuerst
als äußere Stimme Gottes vernahm, das vernimmt er jetzt als selbständige Macht
in seinem Innern und spricht von dieser innern Stimme so, daß er sie dem
Gewissen gleichsetzt.
1907.Damit ist aber die
Stufe des naiven Bewußtseins bereits verlassen, und wir sind eingetreten in die
Region, wo die Sittengesetze als Normen verselbständigt werden.
1908.Sie haben dann keinen
Träger mehr, sondern werden zu metaphysischen Wesenheiten, die durch sich
selbst existieren.
1909.Sie sind analog den
unsichtbar-sichtbaren Kräften des metaphysischen Realismus, der die
Wirklichkeit nicht durch den Anteil sucht, den die menschliche Wesenheit im
Denken an dieser Wirklichkeit hat, sondern der sie hypothetisch zu dem Erlebten
hinzudenkt.
1910.Die außermenschlichen
Sittennormen treten auch immer als Begleiterscheinung dieses metaphysischen
Realismus auf.
1911.Dieser metaphysische
Realismus muß auch den Ursprung der Sittlichkeit im Felde des außermenschlichen
Wirklichen suchen.
1912.Es gibt da
verschiedene Möglichkeiten.
1913.Ist das vorausgesetzte
Wesen als ein an sich gedankenloses, nach rein mechanischen Gesetzen wirkendes
gedacht, wie es das des Materialismus sein soll, dann wird es auch das
menschliche Individuum durch rein mechanische Notwendigkeit aus sich
hervorbringen samt allem, was an diesem ist.
1914.Das Bewußtsein der
Freiheit kann dann nur eine Illusion sein.
1915.Denn während ich mich
für den Schöpfer meiner Handlung halte, wirkt in mir die mich zusammensetzende
Materie und ihre Bewegungsvorgänge.
1916.Ich glaube mich frei;
alle meine Handlungen sind aber tatsächlich nur Ergebnisse der meinem
leiblichen und geistigen Organismus zugrunde liegenden materiellen Vorgänge.
1917.Nur weil wir die uns
zwingenden Motive nicht kennen, haben wir das Gefühl der Freiheit, meint diese
Ansicht.
1918.«Wir müssen hier
wieder hervorheben, daß dieses Gefühl der Freiheit auf der Abwesenheit äußerer
zwingender Motive ... beruht.»
1919.«Unser Handeln ist
necessitiert wie unser Denken.» (Ziehen, Leitfaden der physiologischen
Psychologie Seite 207 f.) (1)
1920.Fußnoten: (1) Über die Art, wie hier von «Materialismus»
gesprochen wird, und die Berechtigung, von ihm so zu sprechen, vgl. «Zusatz» zu
diesem Kapitel am Schluß desselben.
1921.Eine andere
Möglichkeit ist die, daß jemand in einem geistigen Wesen das hinter den
Erscheinungen steckende außermenschliche Absolute sieht.
1922.Dann wird er auch den
Antrieb zum Handeln in einer solchen geistigen Kraft suchen.
1923.Er wird die in seiner
Vernunft auffindbaren Sittenprinzipien für einen Ausfluß dieses Wesens an sich
ansehen, das mit dem Menschen seine besonderen Absichten hat.
1924.Die Sittengesetze
erscheinen dem Dualisten dieser Richtung als von dem Absoluten diktiert, und
der Mensch hat durch seine Vernunft einfach diese Ratschlüsse des absoluten
Wesens zu erforschen und auszuführen.
1925.Die sittliche
Weltordnung erscheint dem Dualisten als wahrnehmbarer Abglanz einer hinter
derselben stehenden höheren Ordnung.
1926.Die irdische
Sittlichkeit ist die Erscheinung der außermenschlichen Weltordnung.
1927.Nicht der Mensch ist
es, auf den es in dieser sittlichen Ordnung ankommt, sondern auf das Wesen an
sich, auf das außermenschliche Wesen.
1928.Der Mensch soll das,
was dieses Wesen will.
1929.Eduard von Hartmann, der das
Wesen an sich als Gottheit vorstellt, für die das eigene Dasein Leiden ist,
glaubt, dieses göttliche Wesen habe die Welt erschaffen, damit es durch
dieselbe von seinem unendlich großen Leiden erlöst werde.
1930.Dieser Philosoph sieht
daher die sittliche Entwickelung der Menschheit als einen Prozeß an, der dazu
da ist, die Gottheit zu erlösen.
1931.«Nur durch den Aufbau
einer sittlichen Weltordnung von seiten vernünftiger selbstbewußter Individuen
kann der Weltprozeß seinem Ziel entgegengeführt ... werden.»
1932.«Das reale
Dasein ist die Inkarnation der Gottheit, der Weltprozeß die Passionsgeschichte
des fleischgewordenen Gottes, und zugleich der Weg zur Erlösung des im Fleische
Gekreuzigten; die Sittlichkeit aber ist die Mitarbeit an der Abkürzung
dieses Leidens- und Erlösungsweges.» (Hartmann, Phänomenologie des
sittlichen Bewußtseins S.871).
1933.Hier handelt der
Mensch nicht, weil er will, sondern er soll handeln, weil Gott erlöst
sein will.
1934.Wie der
materialistische Dualist den Menschen zum Automaten macht, dessen Handeln nur
das Ergebnis rein mechanischer Gesetzmäßigkeit ist, so macht ihn der
spiritualistische Dualist (das ist derjenige, der das Absolute, das Wesen an
sich, in einem Geistigen sieht, an dem der Mensch mit seinem bewußten Erleben
keinen Anteil hat) zum Sklaven des Willens jenes Absoluten.
1935.Freiheit ist innerhalb
des Materialismus sowie des einseitigen Spiritualismus, überhaupt innerhalb des
auf Außermenschliches als wahre Wirklichkeit schließenden, diese nicht
erlebenden metaphysischen Realismus, ausgeschlossen.
1936.Der naive wie dieser
metaphysische Realismus müssen konsequenterweise aus einem und demselben Grunde
die Freiheit leugnen, weil sie in dem Menschen nur den Vollstrecker oder
Vollzieher von notwendig ihm aufgedrängten Prinzipien sehen.
1937.Der naive Realismus
tötet die Freiheit durch Unterwerfung unter die Autorität eines wahrnehmbaren
oder nach Analogie der Wahrnehmungen gedachten Wesens oder endlich unter die
abstrakte innere Stimme, die er als «Gewissen» deutet; der bloß das
Außermenschliche erschließende Metaphysiker kann die Freiheit nicht anerkennen,
weil er den Menschen von einem «Wesen an sich» mechanisch oder moralisch bestimmt
sein läßt.
1938.Der Monismus wird
die teilweise Berechtigung des naiven Realismus anerkennen müssen, weil er die
Berechtigung der Wahrnehmungswelt anerkennt.
1939.Wer unfähig ist, die
sittlichen Ideen durch Intuition hervorzubringen, der muß sie von andern empfangen.
1940.Insoweit der Mensch
seine sittlichen Prinzipien von außen empfängt, ist er tatsächlich unfrei.
1941.Aber der Monismus
schreibt der Idee neben der Wahrnehmung eine gleiche Bedeutung zu.
1942.Die Idee kann aber im
menschlichen Individuum zur Erscheinung kommen.
1943.Insofern der Mensch
den Antrieben von dieser Seite folgt, empfindet er sich als frei.
1944.Der Monismus spricht
aber der bloß schlußfolgernden Metaphysik alle Berechtigung ab, folglich auch
den von sogenannten «Wesen an sich» herrührenden Antrieben des Handelns.
1945.Der Mensch kann nach
monistischer Auffassung unfrei handeln, wenn er einem wahrnehmbaren äußeren
Zwange folgt; er kann frei handeln, wenn er nur sich selbst gehorcht.
1946.Einen unbewußten,
hinter Wahrnehmung und Begriff steckenden Zwang kann der Monismus nicht
anerkennen.
1947.Wenn jemand von einer
Handlung seines Mitmenschen behauptet: sie sei unfrei vollbracht, so muß
er innerhalb der wahrnehmbaren Welt das Ding, oder den Menschen, oder die Einrichtung
nachweisen, die jemand zu seiner Handlung veranlaßt haben; wenn der Behauptende
sich auf Ursachen des Handelns außerhalb der sinnlich und geistig wirklichen
Welt beruft, dann kann sich der Monismus auf eine solche Behauptung nicht
einlassen.
1948.Nach monistischer
Auffassung handelt der Mensch teils unfrei, teils frei.
1949.Er findet sich als
unfrei in der Welt der Wahrnehmungen vor und verwirklicht in sich den freien
Geist.
1950.Die sittlichen Gebote,
die der bloß schlußfolgernde Metaphysiker als Ausflüsse einer höheren Macht
ansehen muß, sind dem Bekenner des Monismus Gedanken der Menschen; die
sittliche Weltordnung ist ihm weder der Abklatsch einer rein mechanischen
Naturordnung, noch einer außermenschlichen Weltordnung, sondern durchaus freies
Menschenwerk.
1951.Der Mensch hat nicht
den Willen eines außer ihm liegenden Wesens in der Welt, sondern seinen eigenen
durchzusetzen; er verwirklicht nicht die Ratschlüsse und Intentionen eines
andern Wesens, sondern seine eigenen.
1952.Hinter den handelnden
Menschen sieht der Monismus nicht die Zwecke einer ihm fremden Weltenlenkung,
die die Menschen nach ihrem Willen bestimmt, sondern die Menschen verfolgen,
insofern sie intuitive Ideen verwirklichen, nur ihre eigenen, menschlichen Zwecke.
1953.Und zwar verfolgt jedes
Individuum seine besonderen Zwecke.
1954.Denn die Ideenwelt
lebt sich nicht in einer Gemeinschaft von Menschen, sondern nur in menschlichen
Individuen aus.
1955.Was als gemeinsames
Ziel einer menschlichen Gesamtheit sich ergibt, das ist nur die Folge der
einzelnen Willenstaten der Individuen, und zwar meist einiger weniger
Auserlesener, denen die anderen, als ihren Autoritäten, folgen.
1956.Jeder von uns ist
berufen zum freien Geiste, wie jeder Rosenkeim berufen ist, Rose zu
werden.
1957.Der Monismus ist also
im Gebiete des wahrhaft sittlichen Handelns Freiheitsphilosophie.
1958.Weil er
Wirklichkeitsphilosophie ist, so weist er ebenso gut die metaphysischen,
unwirklichen Einschränkungen des freien Geistes zurück, wie er die physischen
und historischen (naiv- wirklichen) des naiven Menschen anerkennt.
1959.Weil er den Menschen
nicht als abgeschlossenes Produkt, das in jedem Augenblicke seines Lebens sein
volles Wesen entfaltet, betrachtet, so scheint ihm der Streit, ob der Mensch
als solcher frei ist oder nicht, nichtig.
1960.Er sieht in dem
Menschen ein sich entwickelndes Wesen und fragt, ob auf dieser
Entwickelungsbahn auch die Stufe des freien Geistes erreicht werden kann.
1961.Der Monismus weiß, daß
die Natur den Menschen nicht als freien Geist fix und fertig aus ihren Armen
entläßt, sondern daß sie ihn bis zu einer gewissen Stufe führt, von der aus er
noch immer als unfreies Wesen sich weiter entwickelt, bis er an den Punkt
kommt, wo er sich selbst findet.
1962.Der Monismus ist sich
klar darüber, daß ein Wesen, das unter einem physischen oder moralischen Zwange
handelt, nicht wahrhaftig sittlich sein kann.
1963.Er betrachtet den
Durchgang durch das automatische Handeln (nach natürlichen Trieben und
Instinkten) und denjenigen durch das gehorsame Handeln (nach sittlichen Normen)
als notwendige Vorstufen der Sittlichkeit, aber er sieht die Möglichkeit ein,
beide Durchgangsstadien durch den freien Geist zu überwinden.
1964.Der Monismus befreit
die wahrhaft sittliche Weltanschauung im allgemeinen von den innerweltlichen
Fesseln der naiven Sittlichkeitsmaximen und von den außerweltlichen
Sittlichkeitsmaximen der spekulierenden Metaphysiker.
1965.Jene kann er nicht aus
der Welt schaffen, wie er die Wahrnehmung nicht aus der Welt schaffen kann,
diese lehnt er ab, weil er alle Erklärungsprinzipien zur Aufhellung der
Welterscheinungen innerhalb der Welt sucht und keine außerhalb derselben.
1966.Ebenso wie der
Monismus es ablehnt, an andere Erkenntnisprinzipien als solche für Menschen
auch nur zu denken (vergleiche S. 126 f.), so
weist er auch den Gedanken an andere Sittlichkeitsmaximen als solche für
Menschen entschieden zurück.
1967.Die menschliche
Sittlichkeit ist wie die menschliche Erkenntnis bedingt durch die menschliche
Natur.
1968.Und so wie andere
Wesen unter Erkenntnis etwas ganz anderes verstehen werden als wir, so werden
andere Wesen auch eine andere Sittlichkeit haben.
1969.Sittlichkeit ist dem
Anhänger des Monismus eine spezifisch menschliche Eigenschaft, und Freiheit die
menschliche Form, sittlich zu sein.
1970.
1971.1. Zusatz
zur Neuausgabe 1918
1972.Eine Schwierigkeit in der
Beurteilung des in beiden vorangehenden Abschnitten Dargestellten kann dadurch
entstehen, daß man sich einem Widerspruch gegenübergestellt glaubt.
1973.Auf der einen Seite
wird von dem Erleben des Denkens gesprochen, das von allgemeiner, für jedes
menschliche Bewußtsein gleich geltender Bedeutung empfunden wird; auf der
andern Seite wird hier darauf hingewiesen, daß die Ideen, welche im sittlichen
Leben verwirklicht werden und die mit den im Denken erarbeiteten Ideen von
gleicher Art sind, auf individuelle Art sich in jedem menschlichen Bewußtsein
ausleben.
1974.Wer sich gedrängt
fühlt, bei dieser Gegenüberstellung als bei einem «Widerspruch» stehen zu
bleiben, und wer nicht erkennt, daß eben in der lebendigen Anschauung dieses
tatsächlich vorhandenen Gegensatzes ein Stück vom Wesen des Menschen
sich enthüllt, dem wird weder die Idee der Erkenntnis, noch die der Freiheit im
rechten Lichte erscheinen können.
1975.Für diejenige Ansicht,
welche ihre Begriffe bloß als von der Sinneswelt abgezogen (abstrahiert) denkt
und welche die Intuition nicht zu ihrem Rechte kommen läßt, bleibt der hier für
eine Wirklichkeit in Anspruch genommene Gedanke als ein «bloßer Widerspruch»
bestehen.
1976.Für eine Einsicht, die
durchschaut, wie Ideen intuitiv erlebt werden als ein auf sich selbst
beruhendes Wesenhaftes, wird klar, daß der Mensch im Umkreis der Ideenwelt beim
Erkennen sich in ein für alle Menschen Einheitliches hineinlebt, daß er
aber, wenn er aus dieser Ideenwelt die Intuitionen für seine Willensakte
entlehnt, ein Glied dieser Ideenwelt durch dieselbe Tätigkeit individualisiert,
die er im geistig-ideellen Vorgang beim Erkennen als eine allgemeinmenschliche
entfaltet.
1977.Was als logischer
Widerspruch erscheint, die allgemeine Artung der Erkenntnis-Ideen und die individuelle
der Sitten-Ideen: das wird, indem es in seiner Wirklichkeit angeschaut
wird, gerade zum lebendigen Begriff.
1978.Darin liegt ein
Kennzeichen der menschlichen Wesenheit, daß das intuitiv zu Erfassende im
Menschen wie im lebendigen Pendelschlag sich hin- und herbewegt zwischen
der allgemein geltenden Erkenntnis und dem individuellen Erleben dieses
Allgemeinen.
1979.Wer den einen
Pendelausschlag in seiner Wirklichkeit nicht schauen kann, für den bleibt das
Denken nur eine subjektive menschliche Betätigung; wer den andern nicht
erfassen kann, für den scheint mit der Betätigung des Menschen im Denken alles
individuelle Leben verloren.
1980.Für einen Denker der
erstem Art ist das Erkennen, für den andern das sittliche Leben eine
undurchschaubare Tatsache.
1981.Beide werden für die
Erklärung des einen oder des andern allerlei Vorstellungen beibringen, die alle
unzutreffend sind, weil von beiden eigentlich die Erlebbarkeit des Denkens
entweder gar nicht erfaßt, oder als bloß abstrahierende Betätigung verkannt
wird.
1982.
1983.2. Zusatz zur
Neuausgabe 1918
1984.Auf S. 175 f. wird von Materialismus gesprochen.
1985.Es ist mir wohl
bewußt, daß es Denker gibt — wie der eben angeführte Th.
1986.Ziehen —, die sich
selbst durchaus nicht als Materialisten bezeichnen, die aber doch von dem in
diesem Buche geltend gemachten Gesichtspunkte mit diesem Begriffe bezeichnet
werden müssen.
1987.Es kommt nicht darauf
an, ob jemand sagt, für ihn sei die Welt nicht im bloß materiellen Sein
beschlossen; er sei deshalb kein Materialist.
1988.Sondern es kommt
darauf an, ob er Begriffe entwickelt, die nur auf ein materielles Sein
anwendbar sind.
1989.Wer ausspricht: «Unser
Handeln ist necessitiert wie unser Denken», der hat einen Begriff hingestellt,
der bloß auf materielle Vorgänge, aber weder auf das Handeln, noch auf das Sein
anwendbar ist; und er müßte, wenn er seinen Begriff zu Ende dächte, eben
materialistisch denken.
1990.Daß er es nicht tut,
ergibt sich nur aus derjenigen Inkonsequenz, die so oft die Folge des nicht zu
Ende geführten Denkens ist.
1991.— Man hört jetzt oft, der Materialismus des
19. Jahrhunderts sei wissenschaftlich abgetan.
1992.In Wahrheit ist er es
aber durchaus nicht.
1993.Man bemerkt in der
Gegenwart oft nur nicht, daß man keine anderen Ideen als solche hat, mit denen
man nur an Materielles heran kann.
1994.Dadurch verhüllt sich
jetzt der Materialismus, während er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
sich offen zur Schau gestellt hat.
1995.Gegen eine geistig die
Welt erfassende Anschauung ist der verhüllte Materialismus der Gegenwart nicht
weniger intolerant als der eingestandene des vorigen Jahrhunderts.
1996.Er täuscht nur viele,
die da glauben, eine auf Geistiges gehende Weltauffassung ablehnen zu dürfen,
weil ja die naturwissenschaftliche den «Materialismus längst verlassen hat». —
1997.
1998.Kapitel 11 - Weltzweck
und Lebenszweck (Bestimmung des Menschen)
1999.Unter den
mannigfaltigen Strömungen in dem geistigen Leben der Menschheit ist eine zu
verfolgen, die man nennen kann die Überwindung des Zweckbegriffes auf Gebieten,
in die er nicht gehört.
2000.Die Zweckmäßigkeit ist
eine bestimmte Art in der Abfolge von Erscheinungen.
2001.Wahrhaft wirklich ist
die Zweckmäßigkeit nur dann, wenn im Gegensatz zu dem Verhältnis von Ursache
und Wirkung, wo das vorhergehende Ereignis ein späteres bestimmt, umgekehrt das
folgende Ereignis bestimmend auf das frühere einwirkt.
2002.Dies liegt zunächst
nur bei menschlichen Handlungen vor.
2003.Der Mensch vollbringt
eine Handlung, die er sich vorher vorstellt, und läßt sich von dieser
Vorstellung zur Handlung bestimmen.
2004.Das Spätere, die
Handlung, wirkt mit Hilfe der Vorstellung auf das Frühere, den handelnden
Menschen.
2005.Dieser Umweg durch das
Vorstellen ist aber zum zweckmäßigen Zusammenhange durchaus notwendig.
2006.In dem Prozesse, der
in Ursache und Wirkung zerfällt, ist zu unterscheiden die Wahrnehmung von dem
Begriff.
2007.Die Wahrnehmung der
Ursache geht der Wahrnehmung der Wirkung vorher; Ursache und Wirkung blieben in
unserem Bewußtsein einfach nebeneinander bestehen, wenn wir sie nicht durch
ihre entsprechenden Begriffe miteinander verbinden könnten.
2008.Die Wahrnehmung der
Wirkung kann stets nur auf die Wahrnehmung der Ursache folgen.
2009.Wenn die Wirkung einen
realen Einfluß auf die Ursache haben soll, so kann dies nur durch den
begrifflichen Faktor sein.
2010.Denn der
Wahrnehmungsfaktor der Wirkung ist vor dem der Ursache einfach gar nicht
vorhanden.
2011.Wer behauptet, die
Blüte sei der Zweck der Wurzel, das heißt, die erstere habe auf die letztere
einen Einfluß, der kann das nur von dem Faktor an der Blüte behaupten, den er
durch sein Denken an derselben konstatiert.
2012.Der Wahrnehmungsfaktor
der Blüte hat zur Zeit der Entstehungszeit der Wurzel noch kein Dasein.
2013.Zum zweckmäßigen
Zusammenhange ist aber nicht bloß der ideelle, gesetzmäßige Zusammenhang des
Späteren mit dem Früheren notwendig, sondern der Begriff (das Gesetz) der
Wirkung muß real, durch einen wahrnehmbaren Prozeß die Ursache beeinflussen.
2014.Einen wahrnehmbaren
Einfluß von einem Begriff auf etwas anderes können wir aber nur bei den
menschlichen Handlungen beobachten.
2015.Hier ist also der
Zweckbegriff allein anwendbar.
2016.Das naive Bewußtsein,
das nur das Wahrnehmbare gelten läßt, sucht — wie wir wiederholt bemerkt — auch
dorthin Wahrnehmbares zu versetzen, wo nur Ideelles zu erkennen ist.
2017.In dem wahrnehmbaren
Geschehen sucht es wahrnehmbare Zusammenhänge oder, wenn es solche nicht
findet, träumt es sie hinein.
2018.Der im subjektiven
Handeln geltende Zweckbegriff ist ein geeignetes Element für solche erträumte
Zusammenhänge.
2019.Der naive Mensch weiß,
wie er ein Geschehen zustandebringt und folgert daraus, daß es die Natur ebenso
machen wird.
2020.In den rein ideellen
Naturzusammenhängen sieht er nicht nur unsichtbare Kräfte, sondern auch
unwahrnehmbare reale Zwecke.
2021.Der Mensch macht seine
Werkzeuge zweckmäßig; nach demselben Rezept läßt der naive Realist den Schöpfer
die Organismen bauen.
2022.Nur ganz allmählich
verschwindet dieser falsche Zweckbegriff aus den Wissenschaften.
2023.In der Philosophie
treibt er auch heute noch ziemlich arg sein Unwesen.
2024.Da wird gefragt nach dem
außerweltlichen Zweck der Welt, nach der außermenschlichen Bestimmung (folglich
auch dem Zweck) des Menschen und so weiter.
2025.Der Monismus weist den
Zweckbegriff auf allen Gebieten mit alleiniger Ausnahme des menschlichen
Handelns zurück.
2026.Er sucht nach Naturgesetzen,
aber nicht nach Naturzwecken.
2027.Naturzwecke sind
willkürliche Annahmen wie die unwahrnehmbaren Kräfte (S.
121 f.).
2028.Aber auch
Lebenszwecke, die der Mensch sich nicht selbst setzt, sind vom Standpunkte des
Monismus unberechtigte Annahmen.
2029.Zweckvoll ist nur
dasjenige, was der Mensch erst dazu gemacht hat, denn nur durch Verwirklichung
einer Idee entsteht Zweckmäßiges.
2030.Wirksam im
realistischen Sinne wird die Idee aber nur im Menschen.
2031.Deshalb hat das
Menschenleben nur den Zweck und die Bestimmung, die der Mensch ihm gibt.
2032.Auf die Frage: was hat
der Mensch für eine Aufgabe im Leben?
2033.kann der Monismus nur
antworten: die, die er sich selbst setzt.
2034.Meine Sendung in der
Welt ist keine vorherbestimmte, sondern sie ist jeweilig die, die ich mir erwähle.
2035.Ich trete nicht mit
gebundener Marschroute meinen Lebensweg an.
2036.Ideen werden
zweckmäßig nur durch Menschen verwirklicht.
2037.Es ist also
unstatthaft, von der Verkörperung von Ideen durch die Geschichte zu sprechen.
2038.Alle solche Wendungen
wie: «die Geschichte ist die Entwickelung der Menschen zur Freiheit», oder die
Verwirklichung der sittlichen Weltordnung und so weiter sind von monistischen
Gesichtspunkten aus unhaltbar.
2039.Die Anhänger des
Zweckbegriffes glauben mit demselben zugleich alle Ordnung und Einheitlichkeit
der Welt preisgeben zu müssen.
2040.Man höre zum Beispiel Robert
Hamerling (Atomistik des Willens, II. Band, S. 201): «Solange es Triebe in
der Natur gibt, ist es Torheit, Zwecke in derselben zu leugnen.»
2041.«Wie die Gestaltung
eines Gliedes des menschlichen Körpers nicht bestimmt und bedingt ist
durch eine in der Luft schwebende Idee dieses Gliedes, sondern durch den
Zusammenhang mit dem größeren Ganzen, dem Körper, welchem das Glied angehört,
so ist die Gestaltung jedes Naturwesens, sei es Pflanze, Tier, Mensch, nicht
bestimmt und bedingt durch eine in der Luft schwebende Idee desselben,
sondern durch das Formprinzip des größeren, sich zweckmäßig auslebenden und
ausgestaltenden Ganzen der Natur.»
2042.Und Seite 191
desselben Bandes: «Die Zwecktheorie behauptet nur, daß trotz der tausend
Unbequemlichkeiten und Qualen dieses kreatürlichen Lebens eine hohe Zweck- und
Planmäßigkeit unverkennbar in den Gebilden und in den Entwicklungen der Natur
vorhanden ist — eine Plan — und Zweckmäßigkeit jedoch, welche sich nur
innerhalb der Naturgesetze verwirklicht, und welche nicht auf eine
Schlaraffenwelt abzielen kann, in welcher dem Leben kein Tod, dem Werden kein
Vergehen mit allen mehr oder weniger unerfreulichen, aber schlechterdings unvermeidlichen
Mittelstufen gegenüberstünde.»
2043.«Wenn die Gegner des
Zweckbegriffs ein mühsam zusammengebrachtes Kehrichthäufchen von halben oder
ganzen, vermeintlichen oder wirklichen Unzweckmäßigkeiten einer Welt von
Wundern der Zweckmäßigkeit, wie sie die Natur in allen Bereichen aufweist,
entgegenstellen, so finde ich das ebenso drollig.»
2044.Was wird hier
Zweckmäßigkeit genannt?
2045.Ein Zusammenstimmen
von Wahrnehmungen zu einem Ganzen.
2046.Da aber allen
Wahrnehmungen Gesetze (Ideen) zugrunde liegen, die wir durch unser Denken
finden, so ist das planmäßige Zusammenstimmen der Glieder eines
Wahrnehmungsganzen eben das ideelle Zusammenstimmen der in diesem
Wahrnehmungsganzen enthaltenen Glieder eines Ideenganzen.
2047.Wenn gesagt wird, das
Tier oder der Mensch sei nicht bestimmt durch eine in der Luft schwebende
Idee, so ist das schief ausgedrückt, und die verurteilte Ansicht verliert
bei der Richtigstellung des Ausdruckes von selbst den absurden Charakter.
2048.Das Tier ist
allerdings nicht durch eine in der Luft schwebende Idee, wohl aber durch eine
ihm eingeborene und seine gesetzmäßige Wesenheit ausmachende Idee bestimmt.
2049.Gerade weil die Idee
nicht außer dem Dinge ist, sondern in demselben als dessen Wesen wirkt, kann
nicht von Zweckmäßigkeit gesprochen werden.
2050.Gerade derjenige, der
leugnet, daß das Naturwesen von außen bestimmt ist (ob durch eine in der Luft
schwebende Idee oder eine außerhalb des Geschöpfes im Geiste eines
Weltschöpfers existierende ist in dieser Beziehung ganz gleichgültig), muß
zugeben, daß dieses Wesen nicht zweckmäßig und planvoll von außen, sondern
ursächlich und gesetzmäßig von innen bestimmt wird.
2051.Eine Maschine gestalte
ich dann zweckmäßig, wenn ich die Teile in einen Zusammenhang bringe, den sie
von Natur aus nicht haben.
2052.Das Zweckmäßige der
Einrichtung besteht dann darin, daß ich die Wirkungsweise der Maschine als
deren Idee ihr zugrunde gelegt habe.
2053.Die Maschine ist
dadurch ein Wahrnehmungsobjekt mit entsprechender Idee geworden.
2054.Solche Wesen sind auch
die Naturwesen.
2055.Wer ein Ding deshalb
zweckmäßig nennt, weil es gesetzmäßig gebildet ist, der mag die Naturwesen eben
auch mit dieser Bezeichnung belegen.
2056.Nur darf diese
Gesetzmäßigkeit nicht mit jener des subjektiven menschlichen Handelns
verwechselt werden.
2057.Zum Zweck ist eben
durchaus notwendig, daß die wirkende Ursache ein Begriff ist, und zwar der der
Wirkung.
2058.In der Natur sind aber
nirgends Begriffe als Ursachen nachzuweisen; der Begriff erweist sich stets nur
als der ideelle Zusammenhang von Ursache und Wirkung.
2059.Ursachen sind in der
Natur nur in Form von Wahrnehmungen vorhanden.
2060.Der Dualismus kann von
Welt- und Naturzwecken reden.
2061.Wo für unsere
Wahrnehmung eine gesetzmäßige Verknüpfung von Ursache und Wirkung sich äußert,
da kann der Dualist annehmen, daß wir nur den Abklatsch eines Zusammenhanges
sehen, in dem das absolute Weltwesen seine Zwecke verwirklichte.
2062.Für den Monismus
entfällt mit dem absoluten nicht erlebbaren, sondern nur hypothetisch
erschlossenen Weltwesen auch der Grund zur Annahme von Welt- und Naturzwecken.
2063.
2064.Zusatz zur Neuausgabe
1918
2065.Man wird bei
vorurteilslosem Durchdenken des hier Ausgeführten nicht zu der Ansicht kommen
können, daß der Verfasser dieser Darstellung mit seiner Ablehnung des
Zweckbegriffs für außermenschliche Tatsachen auf dem Boden derjenigen Denker
stand, die durch das Verwerfen dieses Begriffes sich die Möglichkeit schaffen,
alles außerhalb des Menschenhandelns liegende — und dann dieses selbst — als nur
natürliches Geschehen aufzufassen.
2066.Davor sollte schon der
Umstand schützen, daß in diesem Buche der Denkvorgang als ein rein geistiger
dargestellt wird.
2067.Wenn hier auch für die
geistige, außerhalb des menschlichen Handelns liegende Welt der
Zweckgedanke abgelehnt wird, so geschieht es, weil in dieser Welt ein höheres
als der Zweck, der sich im Menschentum verwirklicht, zur Offenbarung kommt.
2068.Und wenn von einer
nach dem Muster der menschlichen Zweckmäßigkeit gedachten zweckmäßigen
Bestimmung des Menschengeschlechtes als von einem irrigen Gedanken gesprochen
ist, so ist gemeint, daß der Einzelmensch sich Zwecke setzt, aus diesen setzt
sich das Ergebnis der Gesamtwirksamkeit der Menschheit zusammen.
2069.Dieses Ergebnis ist
dann ein höheres als seine Glieder, die Menschenzwecke.
2070.
2071.Kapitel 12 - Die
moralische Phantasie (Darwinismus und Sittlichkeit)
2072.Der freie Geist handelt
nach seinen Impulsen, das sind Intuitionen, die aus dem Ganzen seiner Ideenwelt
durch das Denken ausgewählt sind.
2073.Für den unfreien
Geist liegt der Grund, warum er aus seiner Ideenwelt eine bestimmte
Intuition aussondert, um sie einer Handlung zugrunde zu legen, in der ihm
gegebenen Wahrnehmungswelt, das heißt in seinen bisherigen Erlebnissen.
2074.Er erinnert sich,
bevor er zu einem Entschluß kommt, daran, was jemand in einem dem seinigen
analogen Falle getan oder zu tun für gut geheißen hat, oder was Gott für diesen
Fall befohlen hat und so weiter, und danach handelt er.
2075.Dem freien Geist sind
diese Vorbedingungen nicht einzige Antriebe des Handelns.
2076.Er faßt einen
schlechthin ersten Entschluß.
2077.Es kümmert ihn dabei
ebensowenig, was andere in diesem Falle getan, noch was sie dafür befohlen
haben.
2078.Er hat rein ideelle
Gründe, die ihn bewegen, aus der Summe seiner Begriffe gerade einen bestimmten
herauszuheben und ihn in Handlung umzusetzen.
2079.Seine Handlung wird
aber der wahrnehmbaren Wirklichkeit angehören.
2080.Was er vollbringt,
wird also mit einem ganz bestimmten Wahrnehmungsinhalte identisch sein.
2081.Der Begriff wird sich
in einem konkreten Einzelgeschehnis zu verwirklichen haben.
2082.Er wird als Begriff diesen
Einzelfall nicht enthalten können.
2083.Er wird sich darauf
nur in der Art beziehen können, wie überhaupt ein Begriff sich auf eine
Wahrnehmung bezieht, zum Beispiel wie der Begriff des Löwen auf einen einzelnen
Löwen.
2084.Das Mittelglied
zwischen Begriff und Wahrnehmung ist die Vorstellung (vgl. S. 106 ff.).
2085.Dem unfreien Geist ist
dieses Mittelglied von vornherein gegeben.
2086.Die Motive sind von
vornherein als Vorstellungen in seinem Bewußtsein vorhanden.
2087.Wenn er etwas
ausführen will, so macht er das so, wie er es gesehen hat, oder wie es ihm für
den einzelnen Fall befohlen wird.
2088.Die Autorität wirkt
daher am besten durch Beispiele, das heißt durch Überlieferung ganz
bestimmter Einzelhandlungen an das Bewußtsein des unfreien Geistes.
2089.Der Christ handelt
weniger nach den Lehren als nach dem Vorbilde des Erlösers.
2090.Regeln haben für das
positive Handeln weniger Wert als für das Unterlassen bestimmter Handlungen.
2091.Gesetze treten nur
dann in die allgemeine Begriffsform, wenn sie Handlungen verbieten, nicht aber
wenn sie sie zu tun gebieten.
2092.Gesetze über das, was
er tun soll, müssen dem unfreien Geiste in ganz konkreter Form gegeben werden:
Reinige die Straße vor deinem Haustore! Zahle deine Steuern in dieser
bestimmten Höhe bei dem Steueramte X! und so weiter.
2093.Begriffsform haben die
Gesetze zur Verhinderung von Handlungen: Du sollst nicht stehlen! Du
sollst nicht ehebrechen! Diese Gesetze wirken auf den unfreien Geist
aber auch nur durch den Hinweis auf eine konkrete Vorstellung, zum Beispiel die
der entsprechenden zeitlichen Strafen, oder der Gewissensqual, oder der ewigen
Verdammnis, und so weiter.
2094.Sobald der Antrieb zu
einer Handlung in der allgemeinbegrifflichen Form vorhanden ist (zum Beispiel:
du sollst deinen Mitmenschen Gutes tun! du sollst so leben, daß du dein
Wohlsein am besten beförderst!), dann muß in jedem einzelnen Fall die konkrete
Vorstellung des Handelns (die Beziehung des Begriffes auf einen
Wahrnehmungsinhalt) erst gefunden werden.
2095.Bei dem freien
Geiste, den kein Vorbild und keine Furcht vor Strafe usw. treibt, ist diese
Umsetzung des Begriffes in die Vorstellung immer notwendig.
2096.Konkrete Vorstellungen
aus der Summe seiner Ideen heraus produziert der Mensch zunächst durch die
Phantasie.
2097.Was der freie Geist
nötig hat, um seine Ideen zu verwirklichen, um sich durchzusetzen, ist also die
moralische Phantasie.
2098.Sie ist die Quelle für
das Handeln des freien Geistes.
2099.Deshalb sind auch nur
Menschen mit moralischer Phantasie eigentlich sittlich produktiv.
2100.Die bloßen
Moralprediger, das ist: die Leute, die sittliche Regeln ausspinnen, ohne sie zu
konkreten Vorstellungen verdichten zu können, sind moralisch unproduktiv.
2101.Sie gleichen den
Kritikern, die verständig auseinanderzusetzen wissen, wie ein Kunstwerk
beschaffen sein soll, selbst aber auch nicht das geringste zustande bringen
können.
2102.Die moralische
Phantasie muß, um ihre Vorstellung zu verwirklichen, in ein bestimmtes Gebiet
von Wahrnehmungen eingreifen.
2103.Die Handlung des
Menschen schafft keine Wahrnehmungen, sondern prägt die Wahrnehmungen, die
bereits vorhanden sind, um, erteilt ihnen eine neue Gestalt.
2104.Um ein bestimmtes
Wahrnehmungsobjekt oder eine Summe von solchen, einer moralischen Vorstellung
gemäß, umbilden zu können, muß man den gesetzmäßigen Inhalt (die bisherige
Wirkungsweise, die man neu gestalten oder der man eine neue Richtung geben
will) dieses Wahrnehmungsbildes begriffen haben.
2105.Man muß ferner den
Modus finden, nach dem sich diese Gesetzmäßigkeit in eine neue verwandeln läßt.
2106.Dieser Teil der moralischen
Wirksamkeit beruht auf Kenntnis der Erscheinungswelt, mit der man es zu tun
hat.
2107.Er ist also zu suchen
in einem Zweige der wissenschaftlichen Erkenntnis überhaupt.
2108.Das moralische Handeln
setzt also voraus neben dem moralischen Ideenvermögen (1) und der moralischen
Phantasie die Fähigkeit, die Welt der Wahrnehmungen umzuformen, ohne ihren
naturgesetzlichen Zusammenhang zu durchbrechen.
2109.Diese Fähigkeit ist moralische
Technik.
2110.Sie ist in dem Sinne
lernbar, wie Wissenschaft überhaupt lernbar ist.
2111.Im allgemeinen sind
Menschen nämlich geeigneter, die Begriffe für die schon fertige Welt zu finden,
als produktiv aus der Phantasie die noch nicht vorhandenen zukünftigen
Handlungen zu bestimmen.
2112.Deshalb ist es sehr
wohl möglich, daß Menschen ohne moralische Phantasie die moralischen
Vorstellungen von andern empfangen und diese geschickt der Wirklichkeit
einprägen.
2113.Auch der umgekehrte
Fall kann vorkommen, daß Menschen mit moralischer Phantasie ohne die technische
Geschicklichkeit sind und sich dann anderer Menschen zur Verwirklichung ihrer
Vorstellungen bedienen müssen.
2114.Fußnoten: (1) Nur Oberflächlichkeit könnte im Gebrauch des Wortes Vermögen an dieser
und andern Stellen dieser Schrift einen Rückfall in die Lehre der alten
Psychologie von den Seelenvermögen erblicken. Der Zusammenhang mit dem S. 95 f.
Gesagten ergibt genau die Bedeutung des Wortes.
2115.Insofern zum
moralischen Handeln die Kenntnis der Objekte unseres Handelnsgebietes notwendig
ist, beruht unser Handeln auf dieser Kenntnis.
2116.Was hier in Betracht
kommt, sind Naturgesetze.
2117.Wir haben es mit
Naturwissenschaft zu tun, nicht mit Ethik.
2118.Die moralische
Phantasie und das moralische Ideenvermögen können erst Gegenstand des Wissens
werden, nachdem sie vom Individuum produziert sind.
2119.Dann aber regeln sie
nicht mehr das Leben, sondern haben es bereits geregelt.
2120.Sie sind als wirkende
Ursachen wie alle andern aufzufassen (Zwecke sind sie bloß für das Subjekt).
2121.Wir beschäftigen uns
mit ihnen als mit einer Naturlehre der moralischen Vorstellungen.
2122.Eine Ethik als
Normwissenschaft kann es daneben nicht geben.
2123.Man hat den normativen
Charakter der moralischen Gesetze wenigstens insofern halten wollen, daß man
die Ethik im Sinne der Diätetik auffaßte, welche aus den Lebensbedingungen des
Organismus allgemeine Regeln ableitet, um auf Grund derselben dann den Körper
im besonderen zu beeinflussen (Paulsen, System der Ethik).
2124.Dieser Vergleich ist
falsch, weil unser moralisches Leben sich nicht mit dem Leben des Organismus
vergleichen läßt.
2125.Die Wirksamkeit des
Organismus ist ohne unser Zutun da; wir finden dessen Gesetze in der Welt
fertig vor, können sie also suchen, und dann die gefundenen anwenden.
2126.Die moralischen
Gesetze werden aber von uns erst geschaffen.
2127.Wir können sie nicht
anwenden, bevor sie geschaffen sind.
2128.Der Irrtum entsteht
dadurch, daß die moralischen Gesetze nicht in jedem Momente inhaltlich neu
geschaffen werden, sondern sich forterben.
2129.Die von den Vorfahren übernommenen
erscheinen dann gegeben wie die Naturgesetze des Organismus.
2130.Sie werden aber
durchaus nicht mit demselben Rechte von einer späteren Generation wie
diätetische Regeln angewendet.
2131.Denn sie gehen auf das
Individuum und nicht wie das Naturgesetz auf das Exemplar einer Gattung.
2132.Als Organismus bin ich
ein solches Gattungsexemplar, und ich werde naturgemäß leben, wenn ich die
Naturgesetze der Gattung in meinem besonderen Falle anwende; als sittliches
Wesen bin ich Individuum und habe meine ganz eigenen Gesetze. (2)
2133.Fußnoten: (2) Wenn Paulsen (S. 15 des angeführten
Buches) sagt: «Verschiedene Naturanlagen und Lebensbedingungen erfordern wie
eine verschiedene leibliche so auch eine verschiedene geistig-moralische Diät»,
so ist er der richtigen Erkenntnis ganz nahe, trifft aber den entscheidenden
Punkt doch nicht. Insofern ich Individuum bin, brauche ich keine Diät. Diätetik
heißt die Kunst, das besondere Exemplar mit den allgemeinen Gesetzen der
Gattung in Einklang zu bringen. Als Individuum bin ich aber kein Exemplar der
Gattung.
2134.Die hier vertretene
Ansicht scheint in Widerspruch zu stehen mit jener Grundlehre der modernen
Naturwissenschaft, die man als Entwickelungstheorie bezeichnet.
2135.Aber sie scheint es
nur.
2136.Unter Entwickelung wird
verstanden das reale Hervorgehen des Späteren aus dem Früheren auf
naturgesetzlichem Wege.
2137.Unter Entwickelung in
der organischen Welt versteht man den Umstand, daß die späteren
(vollkommeneren) organischen Formen reale Abkömmlinge der früheren
(unvollkommenen) sind und auf naturgesetzliche Weise aus ihnen hervorgegangen
sind.
2138.Die Bekenner der
organischen Entwickelungstheorie müßten sich eigentlich vorstellen, daß es auf
der Erde einmal eine Zeitepoche gegeben hat, wo ein Wesen das allmähliche
Hervorgehen der Reptilien aus den Uramnioten mit Augen hätte verfolgen können,
wenn er damals als Beobachter hätte dabei sein können und mit entsprechend
langer Lebensdauer ausgestattet gewesen wäre.
2139.Ebenso müßten sich die
Entwickelungstheoretiker vorstellen, daß ein Wesen das Hervorgehen des
Sonnensystems aus dem Kant-Laplaceschen Urnebel hätte beobachten können, wenn
es während der unendlich langen Zeit frei im Gebiet des Weltäthers sich an
einem entsprechenden Orte hätte aufhalten können.
2140.Daß bei solcher
Vorstellung sowohl die Wesenheit der Uramnioten wie auch die des
Kant-Laplaceschen Weltnebels anders gedacht werden müßte als die
materialistischen Denker dies tun, kommt hier nicht in Betracht.
2141.Keinem
Entwickelungstheoretiker sollte es aber einfallen, zu behaupten, daß er aus seinem
Begriffe des Uramniontieres den des Reptils mit allen seinen Eigenschaften
herausholen kann, auch wenn er nie ein Reptil gesehen hat.
2142.Ebensowenig sollte aus
dem Begriff des Kant-Laplaceschen Urnebels das Sonnensystem abgeleitet werden,
wenn dieser Begriff des Urnebels direkt nur an der Wahrnehmung des Urnebels
bestimmt gedacht ist.
2143.Das heißt mit anderen
Worten: der Entwickelungstheoretiker muß, wenn er konsequent denkt, behaupten,
daß aus früheren Entwickelungsphasen spätere sich real ergeben, daß wir, wenn
wir den Begriff des Unvollkommenen und den des Vollkommenen gegeben
haben, den Zusammenhang einsehen können; keineswegs aber sollte er zugeben, daß
der an dem Früheren erlangte Begriff hinreicht, um das Spätere daraus zu
entwickeln.
2144.Daraus folgt für den
Ethiker, daß er zwar den Zusammenhang späterer moralischer Begriffe mit
früheren einsehen kann; aber nicht, daß auch nur eine einzige neue moralische
Idee aus früheren geholt werden kann.
2145.Als moralisches Wesen
produziert das Individuum seinen Inhalt.
2146.Dieser produzierte
Inhalt ist für den Ethiker gerade so ein Gegebenes, wie für den Naturforscher
die Reptilien ein Gegebenes sind.
2147.Die Reptilien sind aus
den Uramnioten hervorgegangen; aber der Naturforscher kann aus dem Begriff der
Uramnioten den der Reptilien nicht herausholen.
2148.Spätere moralische
Ideen entwickeln sich aus früheren; der Ethiker kann aber aus den sittlichen
Begriffen einer früheren Kulturperiode die der späteren nicht herausholen.
2149.Die Verwirrung wird
dadurch hervorgerufen, daß wir als Naturforscher die Tatsachen bereits vor uns
haben und hinterher sie erst erkennend betrachten; während wir beim sittlichen
Handeln selbst erst die Tatsachen schaffen, die wir hinterher erkennen.
2150.Beim
Entwickelungsprozeß der sittlichen Weltordnung verrichten wir das, was die
Natur auf niedrigerer Stufe verrichtet: wir verändern ein Wahrnehmbares.
2151.Die ethische Norm kann
also zunächst nicht wie ein Naturgesetz erkannt, sondern sie muß
geschaffen werden.
2152.Erst wenn sie da ist,
kann sie Gegenstand des Erkennens werden.
2153.Aber können wir denn
nicht das Neue an dem Alten messen?
2154.Wird nicht jeder
Mensch gezwungen sein, das durch seine moralische Phantasie Produzierte an den
hergebrachten sittlichen Lehren zu bemessen?
2155.Für dasjenige, was als
sittlich Produktives sich offenbaren soll, ist das ein ebensolches Unding, wie
es das andere wäre, wenn man eine neue Naturform an der alten bemessen wollte
und sagte: weil die Reptilien mit den Uramnioten nicht übereinstimmen, sind sie
eine unberechtigte (krankhafte) Form.
2156.Der ethische
Individualismus steht also nicht im Gegensatz zu einer recht verstandenen
Entwickelungstheorie, sondern folgt direkt aus ihr.
2157.Der Haeckelsche
Stammbaum von den Urtieren bis hinauf zum Menschen als organisches Wesen müßte
sich ohne Unterbrechung der natürlichen Gesetzlichkeit und ohne eine
Durchbrechung der einheitlichen Entwickelung heraufverfolgen lassen bis zu dem
Individuum als einem im bestimmten Sinne sittlichen Wesen.
2158.Nirgends aber würde
aus dem Wesen einer Vorfahrenart das Wesen einer nachfolgenden
Art sich ableiten lassen.
2159.So wahr es aber ist,
daß die sittlichen Ideen des Individuums wahrnehmbar aus denen seiner Vorfahren
hervorgegangen sind, so wahr ist es auch, daß dasselbe sittlich unfruchtbar
ist, wenn es nicht selbst moralische Ideen hat.
2160.Derselbe ethische
Individualismus, den ich auf Grund der vorangehenden Anschauungen entwickelt
habe, würde sich auch aus der Entwickelungstheorie ableiten lassen.
2161.Die schließliche
Überzeugung wäre dieselbe; nur der Weg ein anderer, auf dem sie erlangt ist.
2162.Das Hervortreten
völlig neuer sittlicher Ideen aus der moralischen Phantasie ist für die
Entwickelungstheorie gerade so wenig wunderbar, wie das Hervorgehen einer neuen
Tierart aus einer andern.
2163.Nur muß diese Theorie
als monistische Weltanschauung im sittlichen Leben ebenso wie im natürlichen
jeden bloß erschlossenen, nicht ideell erlebbaren jenseitigen (metaphysischen)
Einfluß abweisen.
2164.Sie folgt dabei
demselben Prinzip, das sie antreibt, wenn sie die Ursachen neuer organischer
Formen sucht und dabei nicht auf das Eingreifen eines außerweltlichen Wesens
sich beruft, das jede neue Art nach einem neuen Schöpfungsgedanken durch
übernatürlichen Einfluß hervorruft.
2165.So wie der Monismus
zur Erklärung des Lebewesens keinen übernatürlichen Schöpfungsgedanken brauchen
kann, so ist es ihm auch unmöglich, die sittliche Weltordnung von Ursachen
abzuleiten, die nicht innerhalb der erlebbaren Welt liegen.
2166.Er kann das Wesen
eines Wollens als eines sittlichen nicht damit erschöpft finden, daß er es auf
einen fortdauernden übernatürlichen Einfluß auf das sittliche Leben (göttliche
Weltregierung von außen) zurückführt, oder auf eine zeitliche besondere
Offenbarung (Erteilung der zehn Gebote) oder auf die Erscheinung Gottes auf der
Erde (Christi).
2167.Was durch alles dieses
geschieht an und in dem Menschen, wird erst zum Sittlichen, wenn es im
menschlichen Erlebnis zu einem individuellen Eigenen wird.
2168.Die sittlichen
Prozesse sind dem Monismus Weltprodukte wie alles andere Bestehende und ihre
Ursachen müssen in der Welt, das heißt, weil der Mensch der Träger der
Sittlichkeit ist, im Menschen gesucht werden.
2169.Der ethische
Individualismus ist somit die Krönung des Gebäudes, das Darwin und Haeckel
für die Naturwissenschaft erstrebt haben.
2170.Er ist vergeistigte
Entwickelungslehre auf das sittliche Leben übertragen.
2171.Wer dem Begriff des Natürlichen
von vornherein in engherziger Weise ein willkürlich begrenztes Gebiet
anweist, der kann dann leicht dazu kommen, für die freie individuelle Handlung
keinen Raum darin zu finden.
2172.Der konsequent
verfahrende Entwickelungstheoretiker kann in solche Engherzigkeit nicht
verfallen.
2173.Er kann die natürliche
Entwickelungsweise beim Affen nicht abschließen und dem Menschen einen
«übernatürlichen» Ursprung zugestehen; er muß, auch indem er die natürlichen
Vorfahren des Menschen sucht, in der Natur schon den Geist suchen; er kann auch
bei den organischen Verrichtungen des Menschen nicht stehen bleiben und nur
diese natürlich finden, sondern er muß auch das sittlich-freie Leben als
geistige Fortsetzung des organischen ansehen.
2174.Der
Entwickelungstheoretiker kann, seiner Grundauffassung gemäß, nur behaupten, daß
das gegenwärtige sittliche Handeln aus anderen Arten des Weltgeschehens
hervorgeht; die Charakteristik des Handelns, das ist seine Bestimmung als eines
freien, muß er der unmittelbaren Beobachtung des Handelns
überlassen.
2175.Er behauptet ja auch
nur, daß Menschen aus noch nicht menschlichen Vorfahren sich entwickelt haben.
2176.Wie die Menschen
beschaffen sind, das muß durch Beobachtung dieser selbst festgestellt werden.
2177.Die Ergebnisse dieser
Beobachtung können nicht in Widerspruch geraten mit einer richtig angesehenen
Entwickelungsgeschichte.
2178.Nur die Behauptung,
daß die Ergebnisse solche sind, die eine natürliche Weltordnung ausschließen,
könnte nicht in Übereinstimmung mit der neueren Richtung der Naturwissenschaft
gebracht werden. (3)
2179.Fußnoten: (3) Daß wir Gedanken (ethische Ideen) als Objekte der Beobachtung
bezeichnen, geschieht mit Recht. Denn wenn auch die Gebilde des Denkens während
der gedanklichen Tätigkeit nicht mit ins Beobachtungsfeld eintreten, so können
sie doch nachher Gegenstand der Beobachtung werden. Und auf diesem Wege haben
wir unsere Charakteristik des Handelns gewonnen.
2180.Von einer sich selbst
verstehenden Naturwissenschaft hat der ethische Individualismus nichts zu
fürchten: die Beobachtung ergibt als Charakteristikum der vollkommenen Form des
menschlichen Handelns die Freiheit.
2181.Diese Freiheit muß dem
menschlichen Wollen zugesprochen werden, insoferne dieses rein ideelle
Intuitionen verwirklicht.
2182.Denn diese sind nicht
Ergebnisse einer von außen auf sie wirkenden Notwendigkeit, sondern ein auf
sich selbst Stehendes.
2183.Findet der Mensch, daß
eine Handlung das Abbild einer solchen ideellen Intuition ist, so
empfindet er sie als eine freie.
2184.In diesem Kennzeichen
einer Handlung liegt die Freiheit.
2185.Wie steht es nun, von
diesem Standpunkte aus, mit der bereits oben (S. 22 und
16) erwähnten
Unterscheidung zwischen den beiden Sätzen: «Frei sein heißt tun können,
was man will» und dem andern: «nach Belieben begehren können und nicht begehren
können sei der eigentliche Sinn des Dogmas vom freien Willen»?
2186.Hamerling begründet
gerade seine Ansicht vom freien Willen auf diese Unterscheidung, indem er das
erste für richtig, das zweite für eine absurde Tautologie erklärt.
2187.Er sagt: «Ich kann tun,
was ich will.
2188.Aber zu sagen: ich
kann wollen, was ich will, ist eine leere Tautologie.»
2189.Ob ich tun, das heißt,
in Wirklichkeit umsetzen kann, was ich will, was ich mir also als Idee meines
Tuns vorgesetzt habe, das hängt von äußeren Umständen und von meiner
technischen Geschicklichkeit (vgl. S. 193 f.)
ab.
2190.Frei sein heißt die
dem Handeln zugrunde liegenden Vorstellungen (Beweggründe) durch die moralische
Phantasie von sich aus bestimmen können.
2191.Freiheit ist
unmöglich, wenn etwas außer mir (mechanischer Prozeß oder nur erschlossener
außerweltlicher Gott) meine moralischen Vorstellungen bestimmt.
2192.Ich bin also nur dann
frei, wenn ich selbst diese Vorstellungen produziere, nicht, wenn ich
die Beweggründe, die ein anderes Wesen in mich gesetzt hat, ausführen kann.
2193.Ein freies Wesen ist
dasjenige, welches wollen kann, was es selbst für richtig hält.
2194.Wer etwas anderes tut,
als er will, der muß zu diesem anderen durch Motive getrieben werden, die nicht
in ihm liegen.
2195.Ein solcher handelt
unfrei.
2196.Nach Belieben wollen
können, was man für richtig oder nicht richtig hält, heißt also: nach Belieben
frei oder unfrei sein können.
2197.Das ist natürlich
ebenso absurd, wie die Freiheit in dem Vermögen zu sehen, tun zu können, was
man wollen muß.
2198.Das letztere aber
behauptet Hamerling, wenn er sagt: Es ist vollkommen wahr, daß der Wille immer
durch Beweggründe bestimmt wird, aber es ist absurd zu sagen, daß er deshalb
unfrei sei; denn eine größere Freiheit läßt sich für ihn weder wünschen noch
denken, als die, sich nach Maßgabe seiner eigenen Stärke und Entschiedenheit zu
verwirklichen.
2199.— Jawohl: es läßt sich eine größere Freiheit wünschen, und
das ist erst die wahre.
2200.Nämlich die: sich die
Gründe seines Wollens selbst zu bestimmen.
2201.Von der Ausführung
dessen abzusehen, was er will, dazu läßt sich der Mensch unter Umständen
bewegen.
2202.Sich vorschreiben zu
lassen, was er tun soll, das ist, zu wollen, was ein andrer und nicht er
für richtig hält, dazu ist er nur zu haben, insofern er sich nicht frei fühlt.
2203.Die äußeren Gewalten
können mich hindern, zu tun, was ich will.
2204.Dann verdammen sie
mich einfach zum Nichtstun oder zur Unfreiheit.
2205.Erst wenn sie meinen
Geist knechten und mir meine Beweggründe aus dem Kopfe jagen und an deren
Stelle die ihrigen setzen wollen, dann beabsichtigen sie meine Unfreiheit.
2206.Die Kirche wendet sich
daher nicht bloß gegen das Tun, sondern namentlich gegen die unreinen
Gedanken, das ist: die Beweggründe meines Handelns.
2207.Unfrei macht sie mich,
wenn ihr alle Beweggründe, die sie nicht angibt, als unrein erscheinen.
2208.Eine Kirche oder eine
andere Gemeinschaft erzeugt dann Unfreiheit, wenn ihre Priester oder Lehrer
sich zu Gewissensgebietern machen, das ist, wenn die Gläubigen sich von ihnen
(aus dem Beichtstuhle) die Beweggründe ihres Handelns holen müssen.
2209.
2210.Zusatz zur
Neuausgabe 1918
2211.In diesen Ausführungen
über das menschliche Wollen ist dargestellt, was der Mensch an seinen
Handlungen erleben kann, um durch dieses Erlebnis zu dem Bewußtsein zu kommen:
mein Wollen ist frei.
2212.Von besonderer
Bedeutung ist, daß die Berechtigung, ein Wollen als frei zu bezeichnen, durch
das Erlebnis erreicht wird: in dem Wollen verwirklicht sich eine ideelle
Intuition.
2213.Dies kann nur
Beobachtungsresultat sein, ist es aber in dem Sinne, in dem das
menschliche Wollen sich in einer Entwickelungsströmung beobachtet, deren Ziel
darin liegt, solche von rein ideeller Intuition getragene Möglichkeit des
Wollens zu erreichen.
2214.Sie kann erreicht
werden, weil in der ideellen Intuition nichts als deren eigene auf sich gebaute
Wesenheit wirkt.
2215.Ist eine solche
Intuition im menschlichen Bewußtsein anwesend, dann ist sie nicht aus den
Vorgängen des Organismus heraus entwickelt (s. S. 145
ff.), sondern die organische Tätigkeit hat sich zurückgezogen, um der
ideellen Platz zu machen.
2216.Beobachte ich ein
Wollen, das Abbild der Intuition ist, dann ist auch aus diesem Wollen die
organisch notwendige Tätigkeit zurückgezogen.
2217.Das Wollen ist frei.
2218.Diese Freiheit des
Wollens wird der nicht beobachten können, der nicht zu schauen vermag, wie das
freie Wollen darin besteht, daß erst durch das intuitive Element das
notwendige Wirken des menschlichen Organismus abgelähmt, zurückgedrängt, und an
seine Stelle die geistige Tätigkeit des idee-erfüllten Willens gesetzt wird.
2219.Nur wer diese Beobachtung
der Zweigliedrigkeit eines freien Wollens nicht machen kann, glaubt an die
Unfreiheit jedes Wollens.
2220.Wer sie machen kann,
ringt sich zu der Einsicht durch, daß der Mensch, insofern er den
Zurückdämmungsvorgang der organischen Tätigkeit nicht zu Ende führen kann,
unfrei ist; daß aber diese Unfreiheit der Freiheit zustrebt, und diese Freiheit
keineswegs ein abstraktes Ideal ist, sondern eine in der menschlichen Wesenheit
liegende Richtkraft.
2221.Frei ist der Mensch in
dem Maße, als er in seinem Wollen dieselbe Seelenstimmung verwirklichen kann,
die in ihm lebt, wenn er sich der Ausgestaltung rein ideeller (geistiger)
Intuitionen bewußt ist.
2222.
2223.Kapitel 13 - Der Wert
des Lebens (Pessimismus und Optimismus)
2224.Ein Gegenstück zu der
Frage nach dem Zwecke oder der Bestimmung des Lebens (vgl.
S. 184 ff.) ist die nach dessen Wert.
2225.Zwei entgegengesetzten
Ansichten begegnen wir in dieser Beziehung, und dazwischen allen denkbaren
Vermittlungsversuchen.
2226.Eine Ansicht sagt: Die
Welt ist die denkbar beste, die es geben kann, und das Leben und Handeln in
derselben ein Gut von unschätzbarem Werte.
2227.Alles bietet sich als
harmonisches und zweckmäßiges Zusammenwirken dar und ist der Bewunderung wert.
2228.Auch das scheinbar
Böse und Üble ist von einem höheren Standpunkte als gut erkennbar; denn es
stellt einen wohltuenden Gegensatz zum Guten dar; wir können dies um so besser
schätzen, wenn es sich von jenem abhebt.
2229.Auch ist das Übel kein
wahrhaft wirkliches; wir empfinden nur einen geringeren Grad des Wohles als
Übel.
2230.Das Übel ist
Abwesenheit des Guten; nichts was an sich Bedeutung hat.
2231.Die andere Ansicht ist
die, welche behauptet: das Leben ist voll Qual und Elend, die Unlust überwiegt
überall die Lust, der Schmerz die Freude.
2232.Das Dasein ist eine
Last, und das Nichtsein wäre dem Sein unter allen Umständen vorzuziehen.
2233.Als die Hauptvertreter
der ersteren Ansicht, des Optimismus, haben wir Shaftesbury und Leibniz,
als die der zweiten, des Pessimismus, Schopenhauer und Eduard von
Hartmann aufzufassen.
2234.Leibniz meint, die
Welt ist die beste, die es geben kann.
2235.Eine bessere ist
unmöglich.
2236.Denn Gott ist gut und
weise.
2237.Ein guter Gott will
die beste der Welten schaffen; ein weiser kennt sie; er kann sie von
allen anderen möglichen schlechteren unterscheiden.
2238.Nur ein böser oder unweiser
Gott könnte eine schlechtere als die bestmögliche Welt schaffen.
2239.Wer von diesem
Gesichtspunkte ausgeht, wird leicht dem menschlichen Handeln die Richtung
vorzeichnen können, die es einschlagen muß, um zum Besten der Welt das Seinige
beizutragen.
2240.Der Mensch wird nur
die Ratschlüsse Gottes zu erforschen und sich danach zu benehmen haben.
2241.Wenn er weiß, was Gott
mit der Welt und dem Menschengeschlecht für Absichten hat, dann wird er auch
das Richtige tun.
2242.Und er wird sich glücklich
fühlen, zu dem andern Guten auch das Seinige hinzuzufügen.
2243.Vom optimistischen
Standpunkt aus ist also das Leben des Lebens wert.
2244.Es muß uns zur
mitwirkenden Anteilnahme anregen.
2245.Anders stellt sich Schopenhauer
die Sache vor.
2246.Er denkt sich den Weltengrund
nicht als allweises und allgütiges Wesen, sondern als blinden Drang oder
Willen.
2247.Ewiges Streben,
unaufhörliches Schmachten nach Befriedigung, die doch nie erreicht werden kann,
ist der Grundzug alles Wollens.
2248.Denn ist ein
erstrebtes Ziel erreicht, so entsteht ein neues Bedürfnis und so weiter.
2249.Die Befriedigung kann
immer nur von verschwindend kleiner Dauer sein.
2250.Der ganze übrige
Inhalt unseres Lebens ist unbefriedigtes Drängen, das ist Unzufriedenheit,
Leiden.
2251.Stumpft sich der
blinde Drang endlich ab, so fehlt uns jeglicher Inhalt; eine unendliche
Langeweile erfüllt unser Dasein.
2252.Daher ist das relativ
Beste, Wünsche und Bedürfnisse in sich zu ersticken, das Wollen zu ertöten.
2253.Der Schopenhauersche
Pessimismus führt zur Tatenlosigkeit, sein sittliches Ziel ist Universalfaulheit.
2254.In wesentlich anderer
Art sucht Hartmann den Pessimismus zu begründen und für die Ethik
auszunutzen.
2255.Hartmann sucht, einem
Lieblingsstreben unserer Zeit folgend, seine Weltanschauung auf Erfahrung zu
begründen.
2256.Aus der Beobachtung
des Lebens will er Aufschluß darüber gewinnen, ob die Lust oder die Unlust
in der Welt überwiege.
2257.Er läßt, was den
Menschen als Gut und Glück erscheint, vor der Vernunft Revue passieren, um zu
zeigen, daß alle vermeintliche Befriedigung bei genauerem Zusehen sich als Illusion
erweist.
2258.Illusion ist es, wenn
wir glauben, in Gesundheit, Jugend, Freiheit, auskömmlicher Existenz, Liebe
(Geschlechtsgenuß), Mitleid, Freundschaft und Familienleben, Ehrgefühl, Ehre,
Ruhm, Herrschaft, religiöser Erbauung, Wissenschafts- und Kunstbetrieb,
Hoffnung auf jenseitiges Leben, Beteiligung am Kulturfortschritt — Quellen des
Glückes und der Befriedigung zu haben.
2259.Vor einer nüchternen
Betrachtung bringt jeder Genuß viel mehr Übel und Elend als Lust in die Welt.
2260.Die Unbehaglichkeit
des Katzenjammers ist stets größer als die Behaglichkeit des Rausches.
2261.Die Unlust überwiegt
bei weitem in der Welt.
2262.Kein Mensch, auch der
relativ glücklichste, würde, gefragt, das elende Leben ein zweites Mal
durchmachen wollen.
2263.Da nun aber Hartmann
die Anwesenheit des Ideellen (der Weisheit) in der Welt nicht leugnet, ihm
vielmehr eine gleiche Berechtigung neben dem blinden Drange (Willen) zugesteht,
so kann er seinem Urwesen die Schöpfung der Welt nur zumuten, wenn er den Schmerz
der Welt in einen weisen Weltzweck auslaufen läßt.
2264.Der Schmerz der
Weltwesen sei aber kein anderer als der Gottesschmerz selbst, denn das Leben
der Welt als Ganzes ist identisch mit dem Leben Gottes.
2265.Ein allweises Wesen
kann aber sein Ziel nur in der Befreiung vom Leid sehen, und da alles Dasein
Leid ist, in der Befreiung vom Dasein.
2266.Das Sein in das weit
bessere Nichtsein überzuführen, ist der Zweck der Weltschöpfung.
2267.Der Weltprozeß ist ein
fortwährendes Ankämpfen gegen den Gottesschmerz, das zuletzt mit der
Vernichtung alles Daseins endet.
2268.Das sittliche Leben
der Menschen wird also sein: Teilnahme an der Vernichtung des Daseins.
2269.Gott hat die Welt
erschaffen, damit er sich durch dieselbe von seinem unendlichen Schmerze
befreie.
2270.Diese ist
«gewissermaßen wie ein juckender Ausschlag am Absoluten zu betrachten», durch
den dessen unbewußte Heilkraft sich von einer innern Krankheit befreit, «oder
auch als ein schmerzhaftes Zugpflaster, welches das all-eine Wesen sich selbst
appliziert, um einen innern Schmerz zunächst nach außen abzulenken und für die
Folge zu beseitigen».
2271.Die Menschen sind
Glieder der Welt.
2272.In ihnen leidet Gott.
2273.Er hat sie geschaffen,
um seinen unendlichen Schmerz zu zersplittern.
2274.Der Schmerz, den jeder
einzelne von uns leidet, ist nur ein Tropfen in dem unendlichen Meere des
Gottesschmerzes (Hartmann, Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins, S. 866
ff.).
2275.Der Mensch hat sich
mit der Erkenntnis zu durchdringen, daß das Jagen nach individueller
Befriedigung (der Egoismus) eine Torheit ist, und hat sich einzig von der
Aufgabe leiten zu lassen, durch selbstlose Hingabe an den Weltprozeß der
Erlösung Gottes sich zu widmen.
2276.Im Gegensatz zu dem
Schopenhauers führt uns Hartmanns Pessimismus zu einer hingebenden Tätigkeit
für eine erhabene Aufgabe.
2277.Wie steht es aber mit
der Begründung auf Erfahrung?
2278.Streben nach
Befriedigung ist Hinausgreifen der Lebenstätigkeit über den Lebensinhalt.
2279.Ein Wesen ist hungrig,
das heißt, es strebt nach Sättigung, wenn seine organischen Funktionen zu ihrem
weiteren Verlauf Zuführung neuen Lebensinhaltes in Form von Nahrungsmitteln
verlangen.
2280.Das Streben nach Ehre
besteht darin, daß der Mensch sein persönliches Tun und Lassen erst dann für
wertvoll ansieht, wenn zu seiner Betätigung die Anerkennung von außen kommt.
2281.Das Streben nach
Erkenntnis entsteht, wenn dem Menschen zu der Welt, die er sehen, hören usw.
kann, solange etwas fehlt, als er sie nicht begriffen hat.
2282.Die Erfüllung des
Strebens erzeugt in dem strebenden Individuum Lust, die Nichtbefriedigung
Unlust.
2283.Es ist dabei wichtig
zu beobachten, daß Lust oder Unlust erst von der Erfüllung oder Nichterfüllung
meines Strebens abhängt.
2284.Das Streben selbst
kann keineswegs als Unlust gelten.
2285.Wenn es sich also
herausstellt, daß in dem Momente des Erfüllens einer Bestrebung sich sogleich
wieder eine neue einstellt, so darf ich nicht sagen, die Lust hat für mich
Unlust geboren, weil unter allen Umständen der Genuß das Begehren nach seiner
Wiederholung oder nach einer neuen Lust erzeugt.
2286.Erst wenn dieses
Begehren auf die Unmöglichkeit seiner Erfüllung stößt, kann ich von Unlust
sprechen.
2287.Selbst dann, wenn ein
erlebter Genuß in mir das Verlangen nach einem größeren oder raffinierteren
Lusterlebnis erzeugt, kann ich von einer durch die erste Lust erzeugten Unlust
erst in dem Augenblicke sprechen, wenn mir die Mittel versagt sind, die größere
oder raffiniertere Lust zu erleben.
2288.Nur dann, wenn als
naturgesetzliche Folge des Genusses Unlust eintritt, wie etwa beim Geschlechtsgenuß
des Weibes durch die Leiden des Wochenbettes und die Mühen der Kinderpflege,
kann ich in dem Genuß den Schöpfer des Schmerzes finden.
2289.Wenn Streben als
solches Unlust hervorriefe, so müßte jede Beseitigung des Strebens von Lust
begleitet sein.
2290.Es ist aber das
Gegenteil der Fall.
2291.Der Mangel an Streben
in unserem Lebensinhalte erzeugt Langeweile, und diese ist mit Unlust
verbunden.
2292.Da aber das Streben
naturgemäß lange Zeit dauern kann, bevor ihm die Erfüllung zuteil wird und sich
dann vorläufig mit der Hoffnung auf dieselbe zufriedengibt, so muß anerkannt
werden, daß die Unlust mit dem Streben als solchem gar nichts zu tun hat,
sondern lediglich an der Nichterfüllung desselben hängt.
2293.Schopenhauer hat also
unter allen Umständen unrecht, wenn er das Begehren oder Streben (den Willen)
an sich für den Quell des Schmerzes hält.
2294.In Wahrheit ist sogar
das Gegenteil richtig.
2295.Streben (Begehren) an
sich macht Freude.
2296.Wer kennt nicht den
Genuß, den die Hoffnung auf ein entferntes, aber stark begehrtes Ziel bereitet?
2297.Diese Freude ist die
Begleiterin der Arbeit, deren Früchte uns in Zukunft erst zuteil werden sollen.
2298.Diese Lust ist ganz
unabhängig von der Erreichung des Zieles.
2299.Wenn dann das Ziel
erreicht ist, dann kommt zu der Lust des Strebens die der Erfüllung als etwas
Neues hinzu.
2300.Wer aber sagen wollte:
zur Unlust durch ein nichtbefriedigtes Ziel kommt auch noch die über die
getäuschte Hoffnung und mache zuletzt die Unlust an der Nichterfüllung doch
größer, als die etwaige Lust an der Erfüllung, dem ist zu erwidern: es kann
auch das Gegenteil der Fall sein; der Rückblick auf den Genuß in der Zeit des
unerfüllten Begehrens wird ebenso oft lindernd auf die Unlust durch
Nichterfüllung wirken.
2301.Wer im Anblicke
gescheiterter Hoffnungen ausruft: Ich habe das Meinige getan! der ist ein
Beweisobjekt für diese Behauptung.
2302.Das beseligende
Gefühl, nach Kräften das Beste gewollt zu haben, übersehen diejenigen, welche
an jedes nichterfüllte Begehren die Behauptung knüpfen, daß nicht nur allein
die Freude an der Erfüllung ausgeblieben, sondern auch der Genuß des Begehrens
selbst zerstört ist.
2303.Erfüllung eines
Begehrens ruft Lust und Nichterfüllung eines solchen Unlust hervor.
2304.Daraus darf nicht
geschlossen werden: Lust ist Befriedigung eines Begehrens, Unlust Nichtbefriedigung.
2305.Sowohl Lust wie Unlust
können sich in einem Wesen einstellen, auch ohne daß sie Folgen eines Begehrens
sind.
2306.Krankheit ist Unlust,
der kein Begehren vorausgeht.
2307.Wer behaupten wollte:
Krankheit sei unbefriedigtes Begehren nach Gesundheit, der beginge den Fehler,
daß er den selbstverständlichen und nicht zum Bewußtsein gebrachten Wunsch,
nicht krank zu werden, für ein positives Begehren hielte.
2308.Wenn jemand von einem
reichen Verwandten, von dessen Existenz er nicht die geringste Ahnung hatte,
eine Erbschaft macht, so erfüllt ihn diese Tatsache ohne vorangegangenes
Begehren mit Lust.
2309.Wer also untersuchen
will, ob auf Seite der Lust oder der Unlust ein Überschuß zu finden ist, der
muß in Rechnung bringen: die Lust am Begehren, die an der Erfüllung des
Begehrens, und diejenige, die uns unerstrebt zuteil wird.
2310.Auf die andere Seite
des Kontobuches wird zu stehen kommen: Unlust aus Langeweile, solche aus nicht
erfülltem Streben, und endlich solche, die ohne unser Begehren an uns
herantritt.
2311.Zu der letzteren
Gattung gehört auch die Unlust, die uns aufgedrängte, nicht selbst gewählte
Arbeit verursacht.
2312.Nun entsteht die
Frage: welches ist das rechte Mittel, um aus diesem Soll und Haben die
Bilanz zu erhalten?
2313.Eduard von Hartmann
ist der Meinung, daß es die abwägende Vernunft ist.
2314.Er sagt zwar
(Philosophie des Unbewußten, 7. Auflage II. Band, S. 290): «Schmerz und Lust sind
nur, insofern sie empfunden werden.»
2315.Hieraus folgt, daß es für
die Lust keinen andern Maßstab gibt als den subjektiven des Gefühles.
2316.Ich muß empfinden,
ob die Summe meiner Unlustgefühle zusammengestellt mit meinen Lustgefühlen in
mir einen Überschuß von Freude oder Schmerz ergibt.
2317.Dessen ungeachtet
behauptet Hartmann: «Wenn ... der Lebenswert jedes Wesens nur nach seinem
eigenen subjektiven Maßstabe in Anschlag gebracht werden kann ..., so ist doch
damit keineswegs gesagt, daß jedes Wesen aus den sämtlichen Affektionen seines
Lebens die richtige algebraische Summe ziehe, oder mit anderen Worten,
daß sein Gesamturteil über sein eigenes Leben ein in bezug auf seine
subjektiven Erlebnisse richtiges sei.»
2318.Damit wird
doch wieder die vernunftgemäße Beurteilung des Gefühles zum Wertschätzer
gemacht. (1)
2319.Fußnoten: (1) Wer ausrechnen will, ob die Gesamtsumme der Lust oder die der Unlust
überwiegt, der beachtet eben nicht, daß er eine Rechnung anstellt über etwas,
das nirgends erlebt wird. Das Gefühl rechnet nicht, und für die wirkliche
Bewertung des Lebens kommt das wirkliche Erlebnis, nicht das Ergebnis einer
erträumten Rechnung in Betracht.
2320.Wer sich der
Vorstellungsrichtung solcher Denker wie Eduard von Hartmann mehr oder weniger
genau anschließt, der kann glauben, er müsse, um zu einer richtigen Bewertung
des Lebens zu kommen, die Faktoren aus dem Wege räumen, die unser Urteil über
die Lust- und Unlustbilanz verfälschen.
2321.Er kann das auf zwei
Wegen zu erreichen suchen.
2322.Erstens indem er
nachweist, daß unser Begehren (Trieb, Wille) sich störend in unsere nüchterne
Beurteilung des Gefühlswertes einmischt.
2323.Während wir uns zum
Beispiel sagen müßten, daß der Geschlechtsgenuß eine Quelle des Übels ist,
verführt uns der Umstand, daß der Geschlechtstrieb in uns mächtig ist, dazu,
uns eine Lust vorzugaukeln, die in dem Maße gar nicht da ist.
2324.Wir wollen genießen;
deshalb gestehen wir uns nicht, daß wir unter dem Genusse leiden.
2325.Zweitens indem er die
Gefühle einer Kritik unterwirft und nachzuweisen sucht, daß die Gegenstände, an
die sich die Gefühle knüpfen, vor der Vernunfterkenntnis sich als Illusionen
erweisen, und daß sie in dem Augenblicke zerstört werden, wenn unsere stets
wachsende Intelligenz die Illusionen durchschaut.
2326.Er kann sich die Sache
folgendermaßen denken.
2327.Wenn ein Ehrgeiziger
sich darüber klar werden will, ob bis zu dem Augenblicke, in dem er seine
Betrachtung anstellt, die Lust oder die Unlust den überwiegenden Anteil an
seinem Leben gehabt hat, dann muß er sich von zwei Fehlerquellen bei seiner
Beurteilung frei machen.
2328.Da er ehrgeizig ist,
wird dieser Grundzug seines Charakters ihm die Freuden über Anerkennung seiner
Leistungen durch ein Vergrößerungsglas, die Kränkungen durch Zurücksetzungen
aber durch ein Verkleinerungsglas zeigen.
2329.Damals, als er die
Zurücksetzungen erfuhr, fühlte er die Kränkungen, gerade weil er ehrgeizig ist;
in der Erinnerung erscheinen sie in milderem Lichte, während sich die Freuden
über Anerkennungen, für die er so zugänglich ist, um so tiefer einprägen.
2330.Nun ist es zwar für
den Ehrgeizigen eine wahre Wohltat, daß es so ist.
2331.Die Täuschung
vermindert sein Unlustgefühl in dem Augenblicke der Selbstbeobachtung.
2332.Dennoch ist seine
Beurteilung eine falsche.
2333.Die Leiden, über die
sich ihm ein Schleier breitet, hat er wirklich durchmachen müssen in ihrer
ganzen Stärke, und er setzt sie somit in das Kontobuch seines Lebens
tatsächlich falsch ein.
2334.Um zu einem richtigen
Urteile zu kommen, müßte der Ehrgeizige für den Moment seiner Betrachtung sich
seines Ehrgeizes entledigen.
2335.Er müßte ohne Gläser
vor seinem geistigen Auge sein bisher abgelaufenes Leben betrachten.
2336.Er gleicht sonst dem
Kaufmanne, der beim Abschluß seiner Bücher seinen Geschäftseifer mit auf die
Einnahmeseite setzt.
2337.Er kann aber noch
weiter gehen.
2338.Er kann sagen: Der
Ehrgeizige wird sich auch klarmachen, daß die Anerkennungen, nach denen er
jagt, wertlose Dinge sind.
2339.Er wird selbst zur
Einsicht kommen, oder von andern dazu gebracht werden, daß einem vernünftigen
Menschen an der Anerkennung von seiten der Menschen nichts liegen könne, da man
ja «in allen solchen Sachen, die nicht Lebensfragen der Entwickelung, oder gar
von der Wissenschaft schon endgültig gelöst sind», immer darauf schwören kann,
«daß die Majoritäten unrecht und die Minoritäten recht haben».
2340.«Einem solchen Urteile
gibt derjenige sein Lebensglück in die Hände, welcher den Ehrgeiz zu seinem
Leitstern macht.» (Philosophie des Unbewußten, II. Band, S. 332.)
2341.Wenn sich der
Ehrgeizige das alles sagt, dann muß er als eine Illusion bezeichnen, was ihm
sein Ehrgeiz als Wirklichkeit vorgestellt hat, folglich auch die Gefühle, die
sich an die entsprechenden Illusionen seines Ehrgeizes knüpfen.
2342.Aus diesem Grunde
könnte dann gesagt werden: es muß auch noch das aus dem Konto der Lebenswerte
gestrichen werden, was sich an Lustgefühlen aus Illusionen ergibt; was dann übrig
bleibt, stelle die illusionsfreie Lustsumme des Lebens dar, und diese sei gegen
die Unlustsumme so klein, daß das Leben kein Genuß, und Nichtsein dem Sein
vorzuziehen sei.
2343.Aber während es
unmittelbar einleuchtend ist, daß die durch Einmischung des ehrgeizigen Triebes
bewirkte Täuschung bei Aufstellung der Lustbilanz ein falsches Resultat
bewirkt, muß das von der Erkenntnis des illusorischen Charakters der
Gegenstände der Lust Gesagte jedoch bestritten werden.
2344.Ein Ausscheiden aller
an wirkliche oder vermeintliche Illusionen sich knüpfenden Lustgefühle von der
Lustbilanz des Lebens würde die letztere geradezu verfälschen.
2345.Denn der Ehrgeizige
hat über die Anerkennung der Menge wirklich seine Freude gehabt, ganz
gleichgültig, ob er selbst später, oder ein anderer diese Anerkennung als
Illusion erkennt.
2346.Damit wird die
genossene freudige Empfindung nicht um das geringste kleiner gemacht.
2347.Die Ausscheidung aller
solchen «illusorischen» Gefühle aus der Lebensbilanz stellt nicht etwa unser
Urteil über die Gefühle richtig, sondern löscht wirklich vorhandene Gefühle aus
dem Leben aus.
2348.Und warum sollen diese
Gefühle ausgeschieden werden?
2349.Wer sie hat, bei dem
sind sie eben lustbereitend; wer sie überwunden hat, bei dem tritt durch das
Erlebnis der Überwindung (nicht durch die selbstgefällige Empfindung: Was bin
ich doch für ein Mensch! — sondern durch die objektiven Lustquellen, die in der
Überwindung liegen) eine allerdings vergeistigte, aber darum nicht minder
bedeutsame Lust ein.
2350.Wenn Gefühle aus der
Lustbilanz gestrichen werden, weil sie sich an Gegenstände heften, die sich als
Illusionen entpuppen, so wird der Wert des Lebens nicht von der Menge der Lust,
sondern von der Qualität der Lust und diese von dem Werte der die Lust
verursachenden Dinge abhängig gemacht.
2351.Wenn ich den Wert des
Lebens aber erst aus der Menge der Lust oder Unlust bestimmen will, das es mir
bringt, dann darf ich nicht etwas anderes voraussetzen, wodurch ich erst wieder
den Wert oder Unwert der Lust bestimme.
2352.Wenn ich sage: ich will
die Lustmenge mit der Unlustmenge vergleichen und sehen, welche größer ist,
dann muß ich auch alle Lust und Unlust in ihren wirklichen Größen in Rechnung
bringen, ganz abgesehen davon, ob ihnen eine Illusion zugrunde liegt oder
nicht.
2353.Wer einer auf Illusion
beruhenden Lust einen geringeren Wert für das Leben zuschreibt, als einer
solchen, die sich vor der Vernunft rechtfertigen läßt, der macht eben den Wert
des Lebens noch von anderen Faktoren abhängig als von der Lust.
2354.Wer die Lust deshalb
geringer veranschlägt, weil sie sich an einen eitlen Gegenstand knüpft, der
gleicht einem Kaufmanne, der das bedeutende Erträgnis einer Spielwarenfabrik
deshalb mit dem Viertel des Betrages in sein Konto einsetzt, weil in derselben
Gegenstände zur Tändelei für Kinder produziert werden.
2355.Wenn es sich bloß
darum handelt, die Lust- und Unlustmenge gegeneinander abzuwägen, dann ist also
der illusorische Charakter der Gegenstände gewisser Lustempfindungen völlig aus
dem Spiele zu lassen.
2356.Der von Hartmann
empfohlene Weg vernünftiger Betrachtung der vom Leben erzeugten Lust- und
Unlustmenge hat uns also bisher so weit geführt, daß wir wissen, wie wir die
Rechnung aufzustellen haben, was wir auf die eine, was auf die andere Seite
unseres Kontobuches zu setzen haben.
2357.Wie soll aber nun die
Rechnung gemacht werden?
2358.Ist die Vernunft auch
geeignet, die Bilanz zu bestimmen?
2359.Der Kaufmann hat in
seiner Rechnung einen Fehler gemacht, wenn der berechnete Gewinn sich
mit den durch das Geschäft nachweislich genossenen oder noch zu genießenden
Gütern nicht deckt.
2360.Auch der Philosoph
wird unbedingt einen Fehler in seiner Beurteilung gemacht haben, wenn er den
etwa ausgeklügelten Überschuß an Lust beziehungsweise Unlust in der Empfindung
nicht nachweisen kann.
2361.Ich will vorläufig die
Rechnung der auf vernunftgemäße Weltbetrachtung sich stütz enden Pessimisten
nicht kontrollieren; wer aber sich entscheiden soll, ob er das Lebensgeschäft
weiterführen soll oder nicht, der wird erst den Nachweis verlangen, wo der
berechnete Überschuß an Unlust steckt.
2362.Hiermit haben wir den
Punkt berührt, wo die Vernunft nicht in der Lage ist, den Überschuß an
Lust oder Unlust allein von sich aus zu bestimmen, sondern wo sie diesen
Überschuß im Leben als Wahrnehmung zeigen muß.
2363.Nicht in dem Begriff
allein, sondern in dem durch das Denken vermittelten Ineinandergreifen von
Begriff und Wahrnehmung (und Gefühl ist Wahrnehmung) ist dem Menschen das
Wirkliche erreichbar (vgl. S. 88 ff.).
2364.Der Kaufmann wird ja
auch sein Geschäft erst dann aufgeben, wenn der von seinem Buchhalter
berechnete Verlust an Gütern sich durch die Tatsachen bestätigt.
2365.Wenn das nicht der
Fall ist, dann läßt er den Buchhalter die Rechnung nochmals machen.
2366.Genau in derselben
Weise wird es der im Leben stehende Mensch machen.
2367.Wenn der Philosoph ihm
beweisen will, daß die Unlust weit größer ist als die Lust, er jedoch das nicht
empfindet, dann wird er sagen: du hast dich in deinem Grübeln geirrt, denke die
Sache nochmals durch.
2368.Sind aber in einem
Geschäfte zu einem bestimmten Zeitpunkte wirklich solche Verluste vorhanden,
daß kein Kredit mehr ausreicht, um die Gläubiger zu befriedigen, so tritt auch
dann der Bankerott ein, wenn der Kaufmann es vermeidet, durch Führung der
Bücher Klarheit über seine Angelegenheiten zu haben.
2369.Ebenso müßte es, wenn das
Unlustquantum bei einem Menschen in einem bestimmten Zeitpunkte so groß würde,
daß keine Hoffnung (Kredit) auf künftige Lust ihn über den Schmerz hinwegsetzen
könnte, zum Bankerott des Lebensgeschäftes führen.
2370.Nun ist aber die Zahl
der Selbstmörder doch eine relativ geringe im Verhältnis zu der Menge
derjenigen, die mutig weiterleben.
2371.Die wenigsten Menschen
stellen das Lebensgeschäft der vorhandenen Unlust willen ein.
2372.Was folgt daraus?
2373.Entweder, daß es nicht
richtig ist, zu sagen, die Unlustmenge sei größer als die Lustmenge, oder daß
wir unser Weiterleben gar nicht von der empfundenen Lust- oder Unlustmenge
abhängig machen.
2374.Auf eine ganz
eigenartige Weise kommt der Pessimismus Eduard von Hartmanns dazu, das Leben
wertlos zu erklären, weil darinnen der Schmerz überwiegt, und doch die
Notwendigkeit zu behaupten, es durchzumachen.
2375.Diese Notwendigkeit
liegt darin, daß der oben (S. 207 f.)
angegebene Weltzweck nur durch rastlose, hingebungsvolle Arbeit der Menschen
erreicht werden kann.
2376.Solange aber die Menschen
noch ihren egoistischen Gelüsten nachgehen, sind sie zu solcher selbstlosen
Arbeit untauglich.
2377.Erst wenn sie sich
durch Erfahrung und Vernunft überzeugt haben, daß die vom Egoismus erstrebten
Lebensgenüsse nicht erlangt werden können, widmen sie sich ihrer eigentlichen
Aufgabe.
2378.Auf diese Weise soll
die pessimistische Überzeugung der Quell der Selbstlosigkeit sein.
2379.Eine Erziehung auf
Grund des Pessimismus soll den Egoismus dadurch ausrotten, daß sie ihm seine
Aussichtslosigkeit vor Augen stellt.
2380.Nach dieser Ansicht
liegt also das Streben nach Lust ursprünglich in der Menschennatur begründet.
2381.Nur aus Einsicht in
die Unmöglichkeit der Erfüllung dankt dieses Streben zugunsten höherer
Menschheitsaufgaben ab.
2382.Von der sittlichen
Weltanschauung, die von der Anerkennung des Pessimismus die Hingabe an
unegoistische Lebensziele erhofft, kann nicht gesagt werden, daß sie den
Egoismus im wahren Sinne des Wortes überwinde.
2383.Die sittlichen Ideale
sollen erst dann stark genug sein, sich des Willens zu bemächtigen, wenn der
Mensch eingesehen hat, daß das selbstsüchtige Streben nach Lust zu keiner
Befriedigung führen kann.
2384.Der Mensch, dessen
Selbstsucht nach den Trauben der Lust begehrt, findet sie sauer, weil er sie
nicht erreichen kann: er geht von ihnen und widmet sich einem selbstlosen
Lebenswandel.
2385.Die sittlichen Ideale
sind, nach der Meinung der Pessimisten, nicht stark genug, den Egoismus zu
überwinden; aber sie errichten ihre Herrschaft auf dem Boden, den ihnen vorher
die Erkenntnis von der Aussichtslosigkeit der Selbstsucht frei gemacht hat.
2386.Wenn die Menschen
ihrer Naturanlage nach die Lust erstrebten, sie aber unmöglich erreichen
können, dann wäre Vernichtung des Daseins und Erlösung durch das Nichtsein das
einzig vernünftige Ziel.
2387.Und wenn man der Ansicht
ist, daß der eigentliche Träger des Weltschmerzes Gott sei, so müßten die
Menschen es sich zur Aufgabe machen, die Erlösung Gottes herbeizuführen.
2388.Durch den Selbstmord
des einzelnen wird die Erreichung dieses Zieles nicht gefördert, sondern
beeinträchtigt.
2389.Gott kann
vernünftigerweise die Menschen nur geschaffen haben, damit sie durch ihr
Handeln seine Erlösung herbeiführen.
2390.Sonst wäre die
Schöpfung zwecklos.
2391.Und an
außermenschliche Zwecke denkt eine solche Weltansicht.
2392.Jeder muß in dem allgemeinen
Erlösungswerke seine bestimmte Arbeit verrichten.
2393.Entzieht er sich
derselben durch den Selbstmord, so muß die ihm zugedachte Arbeit von einem
andern verrichtet werden.
2394.Dieser muß statt ihm
die Daseinsqual ertragen.
2395.Und da in jedem Wesen
Gott steckt als der eigentliche Schmerzträger, so hat der Selbstmörder die
Menge des Gottesschmerzes nicht im geringsten vermindert, vielmehr Gott die
neue Schwierigkeit auferlegt, für ihn einen Ersatzmann zu schaffen.
2396.Dies alles setzt voraus,
daß die Lust ein Wertmaßstab für das Leben sei.
2397.Das Leben äußert sich
durch eine Summe von Trieben (Bedürfnissen).
2398.Wenn der Wert des
Lebens davon abhinge, ob es mehr Lust oder Unlust bringt, dann ist der Trieb
als wertlos zu bezeichnen, der seinem Träger einen Überschuß der letzteren
einträgt.
2399.Wir wollen einmal
Trieb und Lust daraufhin ansehen, ob der erste durch die zweite gemessen werden
kann.
2400.Um nicht den Verdacht
zu erwecken, das Leben erst mit der Sphäre der «Geistesaristokratie» anfangen zu
lassen, beginnen wir mit einem «rein tierischen» Bedürfnis, dem Hunger.
2401.Der Hunger entsteht,
wenn unsere Organe ohne neue Stoffzufuhr nicht weiter ihrem Wesen gemäß
funktionieren können.
2402.Was der Hungrige
zunächst erstrebt, ist die Sättigung.
2403.Sobald die
Nahrungszufuhr in dem Maße erfolgt ist, daß der Hunger aufhört, ist alles
erreicht, was der Ernährungstrieb erstrebt.
2404.Der Genuß, der sich an
die Sättigung knüpft, besteht fürs erste in der Beseitigung des Schmerzes, den
der Hunger bereitet.
2405.Zu dem bloßen
Ernährungstriebe tritt ein anderes Bedürfnis.
2406.Der Mensch will durch
die Nahrungsaufnahme nicht bloß seine gestörten Organfunktionen wieder in
Ordnung bringen, beziehungsweise den Schmerz des Hungers überwinden: er sucht
dies auch unter Begleitung angenehmer Geschmacksempfindungen zu
bewerkstelligen.
2407.Er kann sogar, wenn er
Hunger hat und eine halbe Stunde vor einer genußreichen Mahlzeit steht, es
vermeiden, durch minderwertige Kost, die ihn früher befriedigen könnte, sich
die Lust für das Bessere zu verderben.
2408.Er braucht den Hunger,
um von seiner Mahlzeit den vollen Genuß zu haben.
2409.Dadurch wird ihm der
Hunger zugleich zum Veranlasser der Lust.
2410.Wenn nun aller in der
Welt vorhandene Hunger gestillt werden könnte, dann ergäbe sich die volle
Genußmenge, die dem Vorhandensein des Nahrungsbedürfnisses zu verdanken ist.
2411.Hinzuzurechnen wäre
noch der besondere Genuß, den Leckermäuler durch eine über das Gewöhnliche
hinausgehende Kultur ihrer Geschmacksnerven erzielen.
2412.Den denkbar größten
Wert hätte diese Genußmenge, wenn kein auf die in Betracht kommende Genußart
hinzielendes Bedürfnis unbefriedigt bliebe, und wenn mit dem Genuß nicht
zugleich eine gewisse Menge Unlust in den Kauf genommen werden müßte.
2413.Die moderne
Naturwissenschaft ist der Ansicht, daß die Natur mehr Leben erzeugt, als sie
erhalten kann, das heißt, auch mehr Hunger hervorbringt, als sie zu befriedigen
in der Lage ist.
2414.Der Überschuß an
Leben, der erzeugt wird, muß unter Schmerzen im Kampf ums Dasein zugrunde
gehen.
2415.Zugegeben: die
Lebensbedürfnisse seien in jedem Augenblicke des Weltgeschehens größer, als den
vorhandenen Befriedigungsmitteln entspricht, und der Lebensgenuß werde dadurch
beeinträchtigt.
2416.Der wirklich
vorhandene einzelne Lebensgenuß wird aber nicht um das geringste kleiner
gemacht.
2417.Wo Befriedigung des
Begehrens eintritt, da ist die entsprechende Genußmenge vorhanden, auch wenn es
in dem begehrenden Wesen selbst oder in andern daneben eine reiche Zahl
unbefriedigter Triebe gibt.
2418.Was aber dadurch
vermindert wird, ist der Wert des Lebensgenusses.
2419.Wenn nur ein Teil der
Bedürfnisse eines Lebewesens Befriedigung findet, so hat dieses einen
dementsprechenden Genuß.
2420.Dieser hat einen um so
geringeren Wert, je kleiner er ist im Verhältnis zur Gesamtforderung des Lebens
im Gebiete der in Frage kommenden Begierden.
2421.Man kann sich diesen
Wert durch einen Bruch dargestellt denken, dessen Zähler der wirklich
vorhandene Genuß und dessen Nenner die Bedürfnissumme ist.
2422.Der Bruch hat den Wert
1, wenn Zähler und Nenner gleich sind, das heißt, wenn alle Bedürfnisse auch
befriedigt werden.
2423.Er wird größer als 1,
wenn in einem Lebewesen mehr Lust vorhanden ist, als seine Begierden fordern;
und er ist kleiner als 1, wenn die Genußmenge hinter der Summe der Begierden
zurückbleibt.
2424.Der Bruch kann aber
nie Null werden, solange der Zähler auch nur den geringsten Wert hat.
2425.Wenn ein Mensch vor
seinem Tode den Rechnungsabschluß machte, und die auf einen bestimmten Trieb
(zum Beispiel den Hunger) kommende Menge des Genusses sich über das ganze Leben
mit allen Forderungen dieses Triebes verteilt dächte, so hätte die erlebte Lust
vielleicht nur einen geringen Wert; wertlos aber kann sie nie werden.
2426.Bei gleichbleibender
Genußmenge nimmt mit der Vermehrung der Bedürfnisse eines Lebewesens der Wert
der Lebenslust ab.
2427.Ein gleiches gilt für
die Summe alles Lebens in der Natur.
2428.Je größer die Zahl der
Lebewesen ist im Verhältnis zu der Zahl derer, die volle Befriedigung ihrer
Triebe finden können, desto geringer ist der durchschnittliche Lustwert des
Lebens.
2429.Die Wechsel auf den
Lebensgenuß, die uns in unseren Trieben ausgestellt sind, werden eben billiger,
wenn man nicht hoffen kann, sie für den vollen Betrag einzulösen.
2430.Wenn ich drei Tage
lang genug zu essen habe und dafür dann weitere drei Tage hungern muß, so wird der
Genuß an den drei Eßtagen dadurch nicht geringer.
2431.Aber ich muß mir ihn
dann auf sechs Tage verteilt denken, wodurch sein Wert für meinen
Ernährungstrieb auf die Hälfte herabgemindert wird.
2432.Ebenso verhält es sich
mit der Größe der Lust im Verhältnis zum Grade meines Bedürfnisses.
2433.Wenn ich Hunger für
zwei Butterbrote habe, und nur eines bekommen kann, so hat der aus dem einen
gezogene Genuß nur die Hälfte des Wertes, den er haben würde, wenn ich nach der
Aufzehrung satt wäre.
2434.Dies ist die Art, wie im
Leben der Wert einer Lust bestimmt wird.
2435.Sie wird bemessen an
den Bedürfnissen des Lebens.
2436.Unsere Begierden sind
der Maßstab; die Lust ist das Gemessene.
2437.Der Sättigungsgenuß
erhält nur dadurch einen Wert, daß Hunger vorhanden ist; und er erhält einen
Wert von bestimmter Größe durch das Verhältnis, in dem er zu der Größe des
vorhandenen Hungers steht.
2438.Unerfüllte Forderungen
unseres Lebens werfen ihre Schatten auch auf die befriedigten Begierden und
beeinträchtigen den Wert genußreicher Stunden.
2439.Man kann aber auch von
dem gegenwärtigen Wert eines Lustgefühles sprechen.
2440.Dieser Wert ist um so
geringer, je kleiner die Lust im Verhältnis zur Dauer und Stärke unserer
Begierde ist.
2441.Vollen Wert hat für
uns eine Lustmenge, die an Dauer und Grad genau mit unserer Begierde
übereinstimmt.
2442.Eine gegenüber unserem
Begehren kleinere Lustmenge vermindert den Lustwert; eine größere erzeugt einen
nicht verlangten Überschuß, der nur so lange als Lust empfunden wird, als wir
während des Genießens unsere Begierde zu steigern vermögen.
2443.Sind wir nicht
imstande, in der Steigerung unseres Verlangens mit der zunehmenden Lust
gleichen Schritt zu halten, so verwandelt sich die Lust in Unlust.
2444.Der Gegenstand, der
uns sonst befriedigen würde, stürmt auf uns ein, ohne daß wir es wollen, und
wir leiden darunter.
2445.Dies ist ein Beweis
dafür, daß die Lust nur so lange für uns einen Wert hat, als wir sie an unserer
Begierde messen können.
2446.Ein Übermaß von
angenehmem Gefühl schlägt in Schmerz um.
2447.Wir können das
besonders bei Menschen beobachten, deren Verlangen nach irgendeiner Art von
Lust sehr gering ist.
2448.Leuten, deren
Nahrungstrieb abgestumpft ist, wird das Essen leicht zum Ekel.
2449.Auch daraus geht
hervor, daß die Begierde der Wertmesser der Lust ist.
2450.Nun kann der
Pessimismus sagen: der unbefriedigte Nahrungstrieb bringe nicht nur die Unlust
über den entbehrten Genuß, sondern positive Schmerzen, Qual und Elend in die
Welt.
2451.Er kann sich hierbei
berufen auf das namenlose Elend der von Nahrungssorgen heimgesuchten Menschen;
auf die Summe von Unlust, die solchen Menschen mittelbar aus dem Nahrungsmangel
erwächst.
2452.Und wenn er seine
Behauptung auch auf die außermenschliche Natur anwenden will, kann er hinweisen
auf die Qualen der Tiere, die in gewissen Jahreszeiten aus Nahrungsmangel
verhungern.
2453.Von diesen Übeln
behauptet der Pessimist, daß sie die durch den Nahrungstrieb in die Welt
gesetzte Genußmenge reichlich überwiegen.
2454.Es ist ja zweifellos,
daß man Lust und Unlust miteinander vergleichen und den Überschuß
der einen oder der andern bestimmen kann, wie das bei Gewinn und Verlust
geschieht.
2455.Wenn aber der
Pessimismus glaubt, daß auf Seite der Unlust sich ein Überschuß ergibt, und er
daraus auf die Wertlosigkeit des Lebens schließen zu können meint, so ist er
schon insofern im Irrtum, als er eine Rechnung macht, die im wirklichen Leben
nicht ausgeführt wird.
2456.Unsere Begierde
richtet sich im einzelnen Falle auf einen bestimmten Gegenstand.
2457.Der Lustwert der
Befriedigung wird, wie wir gesehen haben, um so größer sein, je größer die Lustmenge
im Verhältnis zur Größe unseres Begehrens ist. (2)
2458.Von der Größe unseres
Begehrens hängt es aber auch ab, wie groß die Menge der Unlust ist, die wir mit
in Kauf nehmen wollen, um die Lust zu erreichen.
2459.Wir vergleichen die
Menge der Unlust nicht mit der der Lust, sondern mit der Größe unserer
Begierde.
2460.Wer große Freude am
Essen hat, der wird wegen des Genusses in besseren Zeiten sich leichter über
eine Periode des Hungers hinweghelfen, als ein anderer, dem diese Freude an der
Befriedigung des Nahrungstriebes fehlt.
2461.Das Weib, das ein Kind
haben will, vergleicht nicht die Lust, die ihm aus dessen Besitz erwächst, mit
den Unlustmengen, die aus Schwangerschaft, Kindbett, Kinderpflege und so weiter
sich ergeben, sondern mit seiner Begierde nach dem Besitz des Kindes.
2462.Fußnoten: (2) Von dem Falle, wo durch übermäßige Steigerung der Lust diese in Unlust
umschlägt, sehen wir hier ab.
2463.Wir erstreben niemals
eine abstrakte Lust von bestimmter Größe, sondern die konkrete Befriedigung in einer
ganz bestimmten Weise.
2464.Wenn wir nach einer
Lust streben, die durch einen bestimmten Gegenstand oder eine bestimmte
Empfindung befriedigt werden muß, so können wir nicht dadurch befriedigt
werden, daß uns ein anderer Gegenstand oder eine andere Empfindung zuteil wird,
die uns eine Lust von gleicher Größe bereitet.
2465.Wer nach Sättigung
strebt, dem kann man die Lust an derselben nicht durch eine gleich große, aber
durch einen Spaziergang erzeugte ersetzen.
2466.Nur wenn unsere
Begierde ganz allgemein nach einem bestimmten Lustquantum strebte, dann müßte
sie sofort verstummen, wenn diese Lust nicht ohne ein sie an Größe überragendes
Unlustquantum zu erreichen wäre.
2467.Da aber die
Befriedigung auf eine bestimmte Art erstrebt wird, so tritt die Lust mit der
Erfüllung auch dann ein, wenn mit ihr eine sie überwiegende Unlust in Kauf
genommen werden muß.
2468.Dadurch, daß sich die
Triebe der Lebewesen in einer bestimmten Richtung bewegen und auf ein konkretes
Ziel losgehen, hört die Möglichkeit auf, die auf dem Wege zu diesem Ziele sich
entgegenstellende Unlustmenge als gleichgeltenden Faktor mit in Rechnung zu
bringen.
2469.Wenn die Begierde nur
stark genug ist, um nach Überwindung der Unlust — und sei sie absolut genommen
noch so groß — noch in irgendeinem Grade vorhanden zu sein, so kann die Lust an
der Befriedigung doch noch in voller Größe durchgekostet werden.
2470.Die Begierde bringt
also die Unlust nicht direkt in Beziehung zu der erreichten Lust, sondern
indirekt, indem sie ihre eigene Größe (im Verhältnis) zu der der Unlust in eine
Beziehung bringt.
2471.Nicht darum handelt es
sich, ob die zu erreichende Lust oder Unlust größer ist, sondern darum, ob die
Begierde nach dem erstrebten Ziele oder der Widerstand der entgegentretenden
Unlust größer ist.
2472.Ist dieser Widerstand
größer als die Begierde, dann ergibt sich die letztere in das Unvermeidliche,
erlahmt und strebt nicht weiter.
2473.Dadurch, daß
Befriedigung in einer bestimmten Art verlangt wird, gewinnt die mit ihr
zusammenhängende Lust eine Bedeutung, die es ermöglicht, nach eingetretener
Befriedigung das notwendige Unlustquantum nur insofern in die Rechnung
einzustellen, als es das Maß unserer Begierde verringert hat.
2474.Wenn ich ein
leidenschaftlicher Freund von Fernsichten bin, so berechne ich niemals: wieviel
Lust macht mir der Blick von dem Berggipfel aus, direkt verglichen mit der
Unlust des mühseligen Auf- und Abstiegs.
2475.Ich überlege aber: ob
nach Überwindung der Schwierigkeiten meine Begierde nach der Fernsicht noch
lebhaft genug sein wird.
2476.Nur mittelbar durch
die Größe der Begierde können Lust und Unlust zusammen ein Ergebnis liefern.
2477.Es fragt sich also gar
nicht, ob Lust oder Unlust im Übermaße vorhanden ist, sondern ob das Wollen der
Lust stark genug ist, die Unlust zu überwinden.
2478.Ein Beweis für die Richtigkeit
dieser Behauptung ist der Umstand, daß der Wert der Lust höher angeschlagen
wird, wenn sie durch große Unlust erkauft werden muß, als dann, wenn sie uns
gleichsam wie ein Geschenk des Himmels in den Schoß fällt.
2479.Wenn Leiden und Qualen
unsere Begierde herabgestimmt haben, und dann das Ziel doch noch erreicht wird,
dann ist eben die Lust im Verhältnis zu dem noch übriggebliebenen
Quantum der Begierde um so größer.
2480.Dieses Verhältnis
stellt aber, wie ich gezeigt habe, den Wert der Lust dar (vgl. S. 221 f.).
2481.Ein weiterer Beweis
ist dadurch gegeben, daß die Lebewesen (einschließlich des Menschen) ihre
Triebe so lange zur Entfaltung bringen, als sie imstande sind, die
entgegenstehenden Schmerzen und Qualen zu ertragen.
2482.Und der Kampf ums
Dasein ist nur die Folge dieser Tatsache.
2483.Das vorhandene Leben
strebt nach Entfaltung, und nur derjenige Teil gibt den Kampf auf, dessen
Begierden durch die Gewalt der sich auftürmenden Schwierigkeiten erstickt
werden.
2484.Jedes Lebewesen sucht
so lange nach Nahrung, bis der Nahrungsmangel sein Leben zerstört.
2485.Und auch der Mensch
legt erst Hand an sich selber, wenn er (mit Recht oder Unrecht) glaubt, die ihm
erstrebenswerten Lebensziele nicht erreichen zu können.
2486.Solange er aber noch
an die Möglichkeit glaubt, das nach seiner Ansicht Erstrebenswerte zu
erreichen, kämpft er gegen alle Qualen und Schmerzen an.
2487.Die Philosophie müßte
dem Menschen erst die Meinung beibringen, daß Wollen nur dann einen Sinn hat,
wenn die Lust größer als die Unlust ist; seiner Natur nach will er die
Gegenstände seines Begehrens erreichen, wenn er die dabei notwendig werdende
Unlust ertragen kann, sei sie dann auch noch so groß.
2488.Eine solche
Philosophie wäre aber irrtümlich, weil sie das menschliche Wollen von einem
Umstande abhängig macht (Überschuß der Lust über die Unlust), der dem Menschen
ursprünglich fremd ist.
2489.Der ursprüngliche
Maßstab des Wollens ist die Begierde, und diese setzt sich durch, solange sie
kann.
2490.Man kann die Rechnung,
welche das Leben, nicht eine verstandesmäßige Philosophie, anstellt,
wenn Lust und Unlust bei Befriedigung eines Begehrens in Frage kommen, mit dem
folgenden vergleichen.
2491.Wenn ich gezwungen
bin, beim Einkaufe eines bestimmten Quantums Apfel doppelt so viele schlechte
als gute mitzunehmen — weil der Verkäufer seinen Platz frei bekommen will — so
werde ich mich keinen Moment besinnen, die schlechten Apfel mitzunehmen, wenn
ich den Wert der geringeren Menge guter für mich so hoch veranschlagen darf,
daß ich zu dem Kaufpreis auch noch die Auslagen für Hinwegschaffung der
schlechten Ware auf mich nehmen will.
2492.Dies Beispiel
veranschaulicht die Beziehung zwischen den durch einen Trieb bereiteten Lust-
und Unlustmengen.
2493.Ich bestimme den Wert
der guten Apfel nicht dadurch, daß ich ihre Summe von der der schlechten subtrahiere,
sondern danach, ob die ersteren trotz des Vorhandenseins der letzteren noch
einen Wert behalten.
2494.Ebenso wie ich bei dem
Genuß der guten Apfel die schlechten unberücksichtigt lasse, so gebe ich mich
der Befriedigung einer Begierde hin, nachdem ich die notwendigen Qualen
abgeschüttelt habe.
2495.Wenn der Pessimismus
auch recht hätte mit seiner Behauptung, daß in der Welt mehr Unlust als Lust
vorhanden ist: auf das Wollen wäre das ohne Einfluß, denn die Lebewesen streben
nach der übrigbleibenden Lust doch.
2496.Der empirische
Nachweis, daß der Schmerz die Freude überwiegt, wäre, wenn er gelänge, zwar
geeignet, die Aussichtslosigkeit jener philosophischen Richtung zu zeigen, die
den Wert des Lebens in dem Überschuß der Lust sieht (Eudämonismus), nicht aber
das Wollen überhaupt als unvernünftig hinzustellen; denn dieses geht nicht auf
einen Überschuß von Lust, sondern auf die nach Abzug der Unlust noch
übrigbleibende Lustmenge.
2497.Diese erscheint noch
immer als ein erstrebenswertes Ziel.
2498.Man hat den
Pessimismus dadurch zu widerlegen versucht, daß man behauptete, es sei
unmöglich, den Überschuß von Lust oder Unlust in der Welt auszurechnen.
2499.Die Möglichkeit einer
jeden Berechnung beruht darauf, daß die in Rechnung zu stellenden Dinge ihrer
Größe nach miteinander verglichen werden können.
2500.Nun hat jede Unlust
und jede Lust eine bestimmte Größe (Stärke und Dauer).
2501.Auch Lustempfindungen
verschiedener Art können wir ihrer Größe nach wenigstens schätzungsweise
vergleichen.
2502.Wir wissen, ob uns eine
gute Zigarre oder ein guter Witz mehr Vergnügen macht.
2503.Gegen die
Vergleichbarkeit verschiedener Lust- und Unlustsorten, ihrer Größe nach, läßt
sich somit nichts einwenden.
2504.Und der Forscher, der es
sich zur Aufgabe macht, den Lust- oder Unlustüberschuß in der Welt zu
bestimmen, geht von durchaus berechtigten Voraussetzungen aus.
2505.Man kann die
Irrtümlichkeit der pessimistischen Resultate behaupten, aber man darf die
Möglichkeit einer wissenschaftlichen Abschätzung der Lust- und Unlustmengen und
damit die Bestimmung der Lustbilanz nicht anzweifeln.
2506.Unrichtig aber ist es,
wenn behauptet wird, daß aus dem Ergebnisse dieser Rechnung für das menschliche
Wollen etwas folge.
2507.Die Fälle, wo wir den
Wert unserer Betätigung wirklich davon abhängig machen, ob die Lust oder die
Unlust einen Überschuß zeigt, sind die, in denen uns die Gegenstände, auf die
unser Tun sich richtet, gleichgültig sind.
2508.Wenn es sich mir darum
handelt, nach meiner Arbeit mir ein Vergnügen durch ein Spiel oder eine leichte
Unterhaltung zu bereiten, und es mir völlig gleichgültig ist, was ich zu diesem
Zwecke tue, so frage ich mich: was bringt mir den größten Überschuß an Lust?
2509.Und ich unterlasse
eine Betätigung unbedingt, wenn sich die Waage nach der Unlustseite hin neigt.
2510.Bei einem Kinde, dem
wir ein Spielzeug kaufen wollen, denken wir bei der Wahl nach, was ihm die
meiste Freude bereitet.
2511.In allen anderen
Fällen bestimmen wir uns nicht ausschließlich nach der Lustbilanz.
2512.Wenn also die
pessimistischen Ethiker der Ansicht sind, durch den Nachweis, daß die Unlust in
größerer Menge vorhanden ist als die Lust, den Boden für die selbstlose Hingabe
an die Kulturarbeit zu bereiten, so bedenken sie nicht, daß sich das
menschliche Wollen seiner Natur nach von dieser Erkenntnis nicht beeinflussen
läßt.
2513.Das Streben der
Menschen richtet sich nach dem Maße der nach Überwindung aller Schwierigkeiten
möglichen Befriedigung.
2514.Die Hoffnung auf diese
Befriedigung ist der Grund der menschlichen Betätigung.
2515.Die Arbeit jedes
einzelnen und die ganze Kulturarbeit entspringt aus dieser Hoffnung.
2516.Die pessimistische
Ethik glaubt dem Menschen die Jagd nach dem Glücke als eine unmögliche
hinstellen zu müssen, damit er sich seinen eigentlichen sittlichen Aufgaben
widme.
2517.Aber diese sittlichen
Aufgaben sind nichts anderes als die konkreten natürlichen und geistigen
Triebe; und die Befriedigung derselben wird angestrebt trotz der Unlust, die
dabei abfällt.
2518.Die Jagd nach dem
Glücke, die der Pessimismus ausrotten will, ist also gar nicht vorhanden.
2519.Die Aufgaben aber, die
der Mensch zu vollbringen hat, vollbringt er, weil er sie kraft seines Wesens,
wenn er ihr Wesen wirklich erkannt hat, vollbringen will.
2520.Die pessimistische
Ethik behauptet, der Mensch könne erst dann sich dem hingeben, was er als seine
Lebensaufgabe erkennt, wenn er das Streben nach Lust aufgegeben hat.
2521.Keine Ethik aber kann
je andere Lebensaufgaben ersinnen als die Verwirklichung der von den
menschlichen Begierden geforderten Befriedigungen und die Erfüllung seiner
sittlichen Ideale.
2522.Keine Ethik kann ihm
die Lust nehmen, die er an dieser Erfüllung des von ihm Begehrten hat.
2523.Wenn der Pessimist
sagt: strebe nicht nach Lust, denn du kannst sie nie erreichen; strebe nach
dem, was du als deine Aufgabe erkennst, so ist darauf zu erwidern: das ist
Menschenart, und es ist die Erfindung einer auf Irrwegen wandelnden
Philosophie, wenn behauptet wird, der Mensch strebe bloß nach dem Glücke.
2524.Er strebt nach
Befriedigung dessen, was sein Wesen begehrt und hat die konkreten Gegenstände
dieses Strebens im Auge, nicht ein abstraktes «Glück»; und die Erfüllung ist
ihm eine Lust.
2525.Was die pessimistische
Ethik verlangt: nicht Streben nach Lust, sondern nach Erreichung dessen, was du
als deine Lebensaufgabe erkennst, so trifft sie damit dasjenige, was der Mensch
seinem Wesen nach will.
2526.Der Mensch braucht
durch die Philosophie nicht erst umgekrempelt zu werden, er braucht seine Natur
nicht erst abzuwerfen, um sittlich zu sein, Sittlichkeit liegt in dem Streben
nach einem als berechtigt erkannten Ziel; ihm zu folgen, liegt im
Menschenwesen, solange eine damit verknüpfte Unlust die Begierde danach nicht
lähmt.
2527.Und dieses ist das
Wesen alles wirklichen Wollens.
2528.Die Ethik beruht nicht
auf der Ausrottung alles Strebens nach Lust, damit bleichsüchtige abstrakte
Ideen ihre Herrschaft da aufschlagen können, wo ihnen keine starke Sehnsucht
nach Lebensgenuß entgegensteht, sondern auf dem starken, von ideeller
Intuition getragenen Wollen, das sein Ziel erreicht, auch wenn der Weg
dazu ein dornenvoller ist.
2529.Die sittlichen Ideale
entspringen aus der moralischen Phantasie des Menschen.
2530.Ihre Verwirklichung
hängt davon ab, daß sie von dem Menschen stark genug begehrt werden, um
Schmerzen und Qualen zu überwinden.
2531.Sie sind seine Intuitionen,
die Triebfedern, die sein Geist spannt; er will sie, weil ihre
Verwirklichung seine höchste Lust ist.
2532.Er hat es nicht nötig,
sich von der Ethik erst verbieten zu lassen, daß er nach Lust strebe, um sich
dann gebieten zu lassen, wonach er streben soll.
2533.Er wird nach
sittlichen Idealen streben, wenn seine moralische Phantasie tätig genug ist, um
ihm Intuitionen einzugeben, die seinem Wollen die Stärke verleihen, sich gegen
die in seiner Organisation liegenden Widerstände, wozu auch notwendige Unlust
gehört, durchzusetzen.
2534.Wer nach Idealen von
hehrer Größe strebt, der tut es, weil sie der Inhalt seines Wesens sind, und
die Verwirklichung wird ihm ein Genuß sein, gegen den die Lust, welche die
Armseligkeit aus der Befriedigung der alltäglichen Triebe zieht, eine
Kleinigkeit ist.
2535.Idealisten schwelgen
geistig bei der Umsetzung ihrer Ideale in Wirklichkeit.
2536.Wer die Lust an der
Befriedigung des menschlichen Begehrens ausrotten will, muß den Menschen erst
zum Sklaven machen, der nicht handelt, weil er will, sondern nur, weil er soll.
2537.Denn die Erreichung
des Gewollten macht Lust.
2538.Was man das Gute nennt,
ist nicht das, was der Mensch soll, sondern das, was er will,
wenn er die volle wahre Menschennatur zur Entfaltung bringt.
2539.Wer dies nicht anerkennt,
der muß dem Menschen erst das austreiben, was er will, und ihm dann von
außen das vorschreiben lassen, was er seinem Wollen zum Inhalt zu geben
hat.
2540.Der Mensch verleiht
der Erfüllung einer Begierde einen Wert, weil sie aus seinem Wesen entspringt.
2541.Das Erreichte hat
seinen Wert, weil es gewollt ist.
2542.Spricht man dem Ziel
des menschlichen Wollens als solchem seinen Wert ab, dann muß man die
wertvollen Ziele von etwas nehmen, das der Mensch nicht will.
2543.Die auf den
Pessimismus sich aufbauende Ethik entspringt aus der Mißachtung der moralischen
Phantasie.
2544.Wer den individuellen
Menschengeist nicht für fähig hält, sich selbst den Inhalt seines Strebens zu
geben, nur der kann die Summe des Wollens in der Sehnsucht nach Lust suchen.
2545.Der phantasielose Mensch
schafft keine sittlichen Ideen.
2546.Sie müssen ihm gegeben
werden.
2547.Daß er nach
Befriedigung seiner niederen Begierden strebt: dafür aber sorgt die physische
Natur.
2548.Zur Entfaltung des ganzen
Menschen gehören aber auch die aus dem Geiste stammenden Begierden.
2549.Nur wenn man der
Meinung ist, daß diese der Mensch überhaupt nicht hat, kann man behaupten, daß
er sie von außen empfangen soll.
2550.Dann ist man auch
berechtigt, zu sagen, daß er verpflichtet ist, etwas zu tun, was er nicht will.
2551.Jede Ethik, die von dem
Menschen fordert, daß er sein Wollen zurückdränge, um Aufgaben zu erfüllen, die
er nicht will, rechnet nicht mit dem ganzen Menschen, sondern mit einem
solchen, dem das geistige Begehrungsvermögen fehlt.
2552.Für den harmonisch
entwickelten Menschen sind die sogenannten Ideen des Guten nicht außerhalb,
sondern innerhalb des Kreises seines Wesens.
2553.Nicht in der
Austilgung eines einseitigen Eigenwillens liegt das sittliche Handeln, sondern
in der vollen Entwickelung der Menschennatur.
2554.Wer die sittlichen
Ideale nur für erreichbar hält, wenn der Mensch seinen Eigenwillen ertötet, der
weiß nicht, daß diese Ideale ebenso von dem Menschen gewollt sind, wie die
Befriedigung der sogenannten tierischen Triebe.
2555.Es ist nicht zu
leugnen, daß die hiermit charakterisierten Anschauungen leicht mißverstanden
werden können.
2556.Unreife Menschen ohne
moralische Phantasie sehen gerne die Instinkte ihrer Halbnatur für den vollen
Menschheitsgehalt an, und lehnen alle nicht von ihnen erzeugten sittlichen
Ideen ab, damit sie ungestört «sich ausleben» können.
2557.Daß für die
halbentwickelte Menschennatur nicht gilt, was für den Vollmenschen richtig ist,
ist selbstverständlich.
2558.Wer durch Erziehung
erst noch dahin gebracht werden soll, daß seine sittliche Natur die Eischalen der
niederen Leidenschaften durchbricht: von dem darf nicht in Anspruch genommen
werden, was für den reifen Menschen gilt.
2559.Hier sollte aber nicht
verzeichnet werden, was dem unentwickelten Menschen einzuprägen ist, sondern
das, was in dem Wesen des ausgereiften Menschen liegt.
2560.Denn es sollte die
Möglichkeit der Freiheit nachgewiesen werden; diese erscheint aber nicht an
Handlungen aus sinnlicher oder seelischer Nötigung, sondern an solchen, die von
geistigen Intuitionen getragen sind.
2561.Dieser ausgereifte Mensch
gibt seinen Wert sich selbst.
2562.Nicht die Lust
erstrebt er, die ihm als Gnadengeschenk von der Natur oder von dem Schöpfer
gereicht wird; und auch nicht die abstrakte Pflicht erfüllt er, die er als
solche erkennt, nachdem er das Streben nach Lust abgestreift hat.
2563.Er handelt, wie er
will, das ist nach Maßgabe seiner ethischen Intuitionen; und er empfindet die
Erreichung dessen, was er will, als seinen wahren Lebensgenuß.
2564.Den Wert des Lebens
bestimmt er an dem Verhältnis des Erreichten zu dem Erstrebten.
2565.Die Ethik, welche an
die Stelle des Wollens das bloße Sollen, an die Stelle der Neigung die bloße
Pflicht setzt, bestimmt folgerichtig den Wert des Menschen an dem Verhältnis
dessen, was die Pflicht fordert, zu dem, was er erfüllt.
2566.Sie mißt den Menschen
an einem außerhalb seines Wesens gelegenen Maßstab.
2567.— Die hier entwickelte Ansicht weist den Menschen auf sich
selbst zurück.
2568.Sie erkennt nur das
als den wahren Wert des Lebens an, was der einzelne nach Maßgabe seines Wollens
als solchen ansieht.
2569.Sie weiß ebensowenig
von einem nicht vom Individuum anerkannten Wert des Lebens wie von einem nicht
aus diesem entsprungenen Zweck des Lebens.
2570.Sie sieht in dem
allseitig durchschauten wesenhaften Individuum seinen eigenen Herrn und seinen
eigenen Schätzer.
2571.
2572.Zusatz zur Neuausgabe
1918
2573.Verkennen kann man das
in diesem Abschnitt Dargestellte, wenn man sich festbeißt in den scheinbaren
Einwand: das Wollen des Menschen als solches ist eben das Unvernünftige; man müsse
ihm diese Unvernünftigkeit nachweisen, dann wird er einsehen, daß in der
endlichen Befreiung von dem Wollen das Ziel des ethischen Strebens liegen
müsse.
2574.Mir wurde von
berufener Seite allerdings ein solcher Schein-Einwand entgegengehalten, indem
mir gesagt wurde, es sei eben die Sache des Philosophen, nachzuholen, was die
Gedankenlosigkeit der Tiere und der meisten Menschen versäumt, eine wirkliche
Lebensbilanz zu ziehen.
2575.Doch wer diesen
Einwand macht, sieht eben die Hauptsache nicht: soll Freiheit sich
verwirklichen, so muß in der Menschennatur das Wollen von dem intuitiven Denken
getragen sein; zugleich aber ergibt sich, daß ein Wollen auch von anderem als
von der Intuition bestimmt werden kann, und nur in der aus der
Menschenwesenheit erfließenden freien Verwirklichung der Intuition ergibt sich
das Sittliche und sein Wert.
2576.Der ethische
Individualismus ist geeignet, die Sittlichkeit in ihrer vollen Würde
darzustellen, denn er ist nicht der Ansicht, daß wahrhaft sittlich ist, was in
äußerer Art Zusammenstimmung eines Wollens mit einer Norm herbeiführt, sondern
was aus dem Menschen dann ersteht, wenn er das sittliche Wollen als ein Glied
seines vollen Wesens in sich entfaltet, so daß das Unsittliche zu tun ihm als
Verstümmelung, Verkrüppelung seines Wesens erscheint.
2577.
2578.Kapitel 14 -
Individualität und Gattung
2579.Der Ansicht, daß der
Mensch zu einer vollständigen in sich geschlossenen, freien Individualität
veranlagt ist, stehen scheinbar die Tatsachen entgegen, daß er als Glied
innerhalb eines natürlichen Ganzen auftritt (Rasse, Stamm, Volk, Familie,
männliches und weibliches Geschlecht), und daß er innerhalb eines Ganzen wirkt
(Staat, Kirche und so weiter).
2580.Er trägt die
allgemeinen Charaktereigentümlichkeiten der Gemeinschaft, der er angehört, und
gibt seinem Handeln einen Inhalt, der durch den Platz, den er innerhalb einer
Mehrheit einnimmt, bestimmt ist.
2581.Ist dabei überhaupt
noch Individualität möglich?
2582.Kann man den Menschen
selbst als ein Ganzes für sich ansehen, wenn er aus einem Ganzen herauswächst,
und in ein Ganzes sich eingliedert?
2583.Das Glied eines Ganzen
wird seinen Eigenschaften und Funktionen nach durch das Ganze bestimmt.
2584.Ein Volksstamm ist ein
Ganzes, und alle zu ihm gehörigen Menschen tragen die Eigentümlichkeiten an sich,
die im Wesen des Stammes bedingt sind.
2585.Wie der einzelne
beschaffen ist und wie er sich betätigt, ist durch den Stammescharakter
bedingt.
2586.Dadurch erhält die
Physiognomie und das Tun des einzelnen etwas Gattungsmäßiges.
2587.Wenn wir nach dem
Grunde fragen, warum dies und jenes an dem Menschen so oder so ist, so werden
wir aus dem Einzelwesen hinaus auf die Gattung verwiesen.
2588.Diese erklärt es uns,
warum etwas an ihm in der von uns beobachteten Form auftritt.
2589.Von diesem
Gattungsmäßigen macht sich aber der Mensch frei.
2590.Denn das menschlich
Gattungsmäßige ist, vom Menschen richtig erlebt, nichts seine Freiheit
Einschränkendes, und soll es auch nicht durch künstliche Veranstaltungen sein.
2591.Der Mensch entwickelt
Eigenschaften und Funktionen an sich, deren Bestimmungsgrund wir nur in ihm
selbst suchen können.
2592.Das Gattungsmäßige
dient ihm dabei nur als Mittel, um seine besondere Wesenheit in ihm
auszudrücken.
2593.Er gebraucht die ihm
von der Natur mitgegebenen Eigentümlichkeiten als Grundlage und gibt ihm die
seinem eigenen Wesen gemäße Form.
2594.Wir suchen nun
vergebens den Grund für eine Äußerung dieses Wesens in den Gesetzen der
Gattung.
2595.Wir haben es mit einem
Individuum zu tun, das nur durch sich selbst erklärt werden kann.
2596.Ist ein Mensch bis zu
dieser Loslösung von dem Gattungsmäßigen durchgedrungen, und wir wollen alles,
was an ihm ist, auch dann noch aus dem Charakter der Gattung erklären, so haben
wir für das Individuelle kein Organ.
2597.Es ist unmöglich,
einen Menschen ganz zu verstehen, wenn man seiner Beurteilung einen
Gattungsbegriff zugrunde legt.
2598.Am hartnäckigsten im
Beurteilen nach der Gattung ist man da, wo es sich um das Geschlecht des
Menschen handelt.
2599.Der Mann sieht im
Weibe, das Weib in dem Manne fast immer zuviel von dem allgemeinen Charakter
des anderen Geschlechtes und zu wenig von dem Individuellen.
2600.Im praktischen Leben
schadet das den Männern weniger als den Frauen.
2601.Die soziale Stellung
der Frau ist zumeist deshalb eine so unwürdige, weil sie in vielen Punkten, wo
sie es sein sollte, nicht bedingt ist durch die individuellen
Eigentümlichkeiten der einzelnen Frau, sondern durch die allgemeinen
Vorstellungen, die man sich von der natürlichen Aufgabe und den Bedürfnissen
des Weibes macht.
2602.Die Betätigung des
Mannes im Leben richtet sich nach dessen individuellen Fähigkeiten und
Neigungen, die des Weibes soll ausschließlich durch den Umstand bedingt sein,
daß es eben Weib ist.
2603.Das Weib soll der
Sklave des Gattungsmäßigen, des Allgemein-Weiblichen sein.
2604.Solange von Männern
darüber debattiert wird, ob die Frau «ihrer Naturanlage nach» zu diesem oder
jenem Beruf tauge, solange kann die sogenannte Frauenfrage aus ihrem
elementarsten Stadium nicht herauskommen.
2605.Was die Frau ihrer
Natur nach wollen kann, das überlasse man der Frau zu beurteilen.
2606.Wenn es wahr ist, daß
die Frauen nur zu dem Berufe taugen, der ihnen jetzt zukommt, dann werden sie
aus sich selbst heraus kaum einen anderen erreichen, Sie müssen es aber selbst
entscheiden können, was ihrer Natur gemäß ist.
2607.Wer eine Erschütterung
unserer sozialen Zustände davon befürchtet, daß die Frauen nicht als
Gattungsmenschen, sondern als Individuen genommen werden, dem muß entgegnet
werden, daß soziale Zustände, innerhalb welcher die Hälfte der Menschheit ein
menschenunwürdiges Dasein hat, eben der Verbesserung gar sehr bedürftig sind.
(1)
2608.Fußnoten: (1) Man hat mir auf die obigen Ausführungen gleich beim Erscheinen (1894)
dieses Buches eingewendet, innerhalb des Gattungsmäßigen könne sich die Frau schon
jetzt 50 individuell ausleben, wie sie nur will, weit freier als der Mann, der
schon durch die Schule und dann durch Krieg und Beruf entindividualisiert
werde. Ich weiß, daß man diesen Einwand vielleicht heute noch stärker erheben
wird. Ich muß die Sätze doch hier stehen lassen und möchte hoffen, daß es auch
Leser gibt, die verstehen, wie stark ein solcher Einwand gegen den
Freiheitsbegriff, der in dieser Schrift entwickelt wird, verstößt, und die
meine obigen Sätze an anderem beurteilen als an der Entindividualisierung des
Mannes durch die Schule und den Beruf.
2609.Wer die Menschen nach
Gattungscharakteren beurteilt, der kommt eben gerade bis zu der Grenze, über
welcher sie anfangen, Wesen zu sein, deren Betätigung auf freier
Selbstbestimmung beruht.
2610.Was unterhalb dieser
Grenze liegt, das kann natürlich Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung
sein.
2611.Die Rassen-, Stammes-,
Volks- und Geschlechtseigentümlichkeiten sind der Inhalt besonderer
Wissenschaften.
2612.Nur Menschen, die
allein als Exemplare der Gattung leben wollten, könnten sich mit einem
allgemeinen Bilde decken, das durch solche wissenschaftliche Betrachtung
zustande kommt.
2613.Aber alle diese
Wissenschaften können nicht vordringen bis zu dem besonderen Inhalt des
einzelnen Individuums.
2614.Da, wo das Gebiet der
Freiheit (des Denkens und Handelns) beginnt, hört das Bestimmen des Individuums
nach Gesetzen der Gattung auf.
2615.Den begrifflichen
Inhalt, den der Mensch durch das Denken mit der Wahrnehmung in Verbindung
bringen muß, um der vollen Wirklichkeit sich zu bemächtigen (vgl. S. 88 ff.), kann niemand ein für allemal
festsetzen und der Menschheit fertig hinterlassen.
2616.Das Individuum muß
seine Begriffe durch eigene Intuition gewinnen.
2617.Wie der einzelne zu
denken hat, läßt sich nicht aus irgendeinem Gattungsbegriffe ableiten.
2618.Dafür ist einzig und
allein das Individuum maßgebend.
2619.Ebensowenig ist aus
allgemeinen Menschencharakteren zu bestimmen, welche konkrete Ziele das
Individuum seinem Wollen vorsetzen will.
2620.Wer das einzelne
Individuum verstehen will, muß bis in dessen besondere Wesenheit dringen, und
nicht bei typischen Eigentümlichkeiten stehen bleiben.
2621.In diesem Sinne ist
jeder einzelne Mensch ein Problem.
2622.Und alle Wissenschaft,
die sich mit abstrakten Gedanken und Gattungsbegriffen befaßt, ist nur eine
Vorbereitung zu jener Erkenntnis, die uns zuteil wird, wenn uns eine
menschliche Individualität ihre Art, die Welt anzuschauen, mitteilt, und zu der
anderen, die wir aus dem Inhalt ihres Wollens gewinnen.
2623.Wo wir die Empfindung
haben: hier haben wir es mit demjenigen an einem Menschen zu tun, das frei ist
von typischer Denkungsart und gattungsmäßigem Wollen, da müssen wir aufhören,
irgendwelche Begriffe aus unserem Geiste zu Hilfe zu nehmen, wenn wir sein
Wesen verstehen wollen.
2624.Das Erkennen besteht in
der Verbindung des Begriffes mit der Wahrnehmung durch das Denken.
2625.Bei allen anderen
Objekten muß der Beobachter die Begriffe durch seine Intuition gewinnen; beim
Verstehen einer freien Individualität handelt es sich nur darum, deren
Begriffe, nach denen sie sich ja selbst bestimmt, rein (ohne Vermischung mit
eigenem Begriffsinhalt) herüberzunehmen in unseren Geist.
2626.Menschen, die in jede
Beurteilung eines anderen sofort ihre eigenen Begriffe einmischen, können nie
zu dem Verständnisse einer Individualität gelangen.
2627.So wie die freie
Individualität sich frei macht von den Eigentümlichkeiten der Gattung, so muß
das Erkennen sich frei machen von der Art, wie das Gattungsmäßige verstanden
wird.
2628.Nur in dem Grade, in
dem der Mensch sich in der gekennzeichneten Weise frei gemacht hat vom
Gattungsmäßigen, kommt er als freier Geist innerhalb eines menschlichen
Gemeinwesens in Betracht.
2629.Kein Mensch ist
vollständig Gattung, keiner ganz Individualität.
2630.Aber eine größere oder
geringere Sphäre seines Wesens löst jeder Mensch allmählich ab, ebenso von dem
Gattungsmäßigen des animalischen Lebens, wie von den ihn beherrschenden Geboten
menschlicher Autoritäten.
2631.Für den Teil, für den
sich der Mensch aber eine solche Freiheit nicht erobern kann, bildet er ein
Glied innerhalb des Natur- und Geistesorganismus.
2632.Er lebt in dieser
Hinsicht, wie er es andern abguckt, oder wie sie es ihm befehlen.
2633.Einen im wahren Sinne
ethischen Wert hat nur der Teil seines Handelns, der aus seinen Intuitionen
entspringt.
2634.Und was er an moralischen
Instinkten durch Vererbung sozialer Instinkte an sich hat, wird ein Ethisches
dadurch, daß er es in seine Intuitionen aufnimmt.
2635.Aus individuellen
ethischen Intuitionen und deren Aufnahme in Menschengemeinschaften entspringt
alle sittliche Betätigung der Menschheit.
2636.Man kann auch sagen:
das sittliche Leben der Menschheit ist die Gesamtsumme der moralischen
Phantasieerzeugnisse der freien menschlichen Individuen.
2637.Dies ist das Ergebnis
des Monismus.
2638.
2640.
2641.Die Konsequenzen des
Monismus
2642.Die einheitliche
Welterklärung oder der hier gemeinte Monismus entnimmt der menschlichen
Erfahrung die Prinzipien, die er zur Erklärung der Welt braucht.
2643.Die Quellen des
Handelns sucht er ebenfalls innerhalb der Beobachtungswelt, nämlich in der
unserer Selbsterkenntnis zugänglichen menschlichen Natur, und zwar in der
moralischen Phantasie.
2644.Er lehnt es ab, durch
abstrakte Schlußfolgerungen die letzten Gründe für die dem Wahrnehmen und
Denken vorliegende Welt außerhalb derselben zu suchen.
2645.Für den Monismus ist
die Einheit, welche die erlebbare denkende Beobachtung zu der mannigfaltigen
Vielheit der Wahrnehmungen hinzubringt, zugleich diejenige, die das menschliche
Erkenntnisbedürfnis verlangt und durch die es den Eingang in die physischen und
geistigen Weltbereiche sucht.
2646.Wer hinter dieser so
zu suchenden Einheit noch eine andere sucht, der beweist damit nur, daß er die
Übereinstimmung des durch das Denken Gefundenen mit dem vom Erkenntnistrieb
Geforderten nicht erkennt.
2647.Das einzelne
menschliche Individuum ist von der Welt nicht tatsächlich abgesondert.
2648.Es ist ein Teil der
Welt, und es besteht ein Zusammenhang mit dem Ganzen des Kosmos der
Wirklichkeit nach, der nur für unsere Wahrnehmung unterbrochen ist.
2649.Wir sehen fürs erste
diesen Teil als für sich existierendes Wesen, weil wir die Riemen und Seile
nicht sehen, durch welche die Bewegung unseres Lebensrades von den Grundkräften
des Kosmos bewirkt wird.
2650.Wer auf diesem
Standpunkt stehen bleibt, der sieht den Teil eines Ganzen für ein wirklich
selbständig existierendes Wesen, für die Monade an, welches die Kunde von der
übrigen Welt auf irgendeine Weise von außen erhält.
2651.Der hier gemeinte
Monismus zeigt, daß die Selbständigkeit nur so lange geglaubt werden kann, als
das Wahrgenommene nicht durch das Denken in das Netz der Begriffswelt
eingespannt wird.
2652.Geschieht dies, so
entpuppt sich die Teilexistenz als ein bloßer Schein des Wahrnehmens.
2653.Seine in sich
geschlossene Totalexistenz im Universum kann der Mensch nur finden durch
intuitives Denkerlebnis.
2654.Das Denken zerstört
den Schein des Wahrnehmens und gliedert unsere individuelle Existenz in das
Leben des Kosmos ein.
2655.Die Einheit der
Begriffswelt, welche die objektiven Wahrnehmungen enthält, nimmt auch den
Inhalt unserer subjektiven Persönlichkeit in sich auf.
2656.Das Denken gibt uns
von der Wirklichkeit die wahre Gestalt, als einer in sich geschlossenen
Einheit, während die Mannigfaltigkeit der Wahrnehmungen nur ein durch unsere
Organisation bedingter Schein ist (vgl. S. 86 ff.).
2657.Die Erkenntnis des
Wirklichen gegenüber dem Schein des Wahrnehmens bildete zu allen Zeiten das
Ziel des menschlichen Denkens.
2658.Die Wissenschaft
bemühte sich, die Wahrnehmungen durch Aufdeckung der gesetzmäßigen
Zusammenhänge innerhalb derselben als Wirklichkeit zu erkennen.
2659.Wo man aber der
Ansicht war, daß der von dem menschlichen Denken ermittelte Zusammenhang nur
eine subjektive Bedeutung habe, suchte man den wahren Grund der Einheit in
einem jenseits unserer Erfahrungswelt gelegenen Objekte (erschlossener Gott,
Wille, absoluter Geist usw.).
2660.— Und, auf diese Meinung gestützt, bestrebte man sich zu
dem Wissen über die innerhalb der Erfahrung erkennbaren Zusammenhänge noch ein
zweites zu gewinnen, das über die Erfahrung hinausgeht, und den Zusammenhang
derselben mit den nicht mehr erfahrbaren Wesenheiten aufdeckt (nicht durch
Erleben, sondern durch Schlußfolgerung gewonnene Metaphysik).
2661.Den Grund, warum wir
durch geregeltes Denken den Weltzusammenhang begreifen, sah man von diesem
Standpunkte aus darin, daß ein Urwesen nach logischen Gesetzen die Welt
aufgebaut hat, und den Grund für unser Handeln sah man in dem Wollen des
Urwesens.
2662.Doch erkannte man
nicht, daß das Denken Subjektives und Objektives zugleich umspannt, und daß in dem
Zusammenschluß der Wahrnehmung mit dem Begriff die totale Wirklichkeit
vermittelt wird.
2663.Nur solange wir die
die Wahrnehmung durchdringende und bestimmende Gesetzmäßigkeit in der
abstrakten Form des Begriffes betrachten, solange haben wir es In der Tat mit
etwas rein Subjektivem zu tun.
2664.Subjektiv ist aber
nicht der Inhalt des Begriffes, der mit Hilfe des Denkens zu der Wahrnehmung
hinzugewonnen wird.
2665.Dieser Inhalt ist
nicht aus dem Subjekte, sondern aus der Wirklichkeit genommen.
2666.Er ist der Teil der Wirklichkeit,
den das Wahrnehmen nicht erreichen kann.
2667.Er ist Erfahrung, aber
nicht durch das Wahrnehmen vermittelte Erfahrung.
2668.Wer sich nicht
vorstellen kann, daß der Begriff ein Wirkliches ist, der denkt nur an die
abstrakte Form, wie er denselben in seinem Geiste festhält.
2669.Aber in solcher
Absonderung ist er ebenso nur durch unsere Organisation vorhanden, wie die
Wahrnehmung es ist.
2670.Auch der Baum, den man
wahrnimmt, hat abgesondert für sich keine Existenz.
2671.Er ist nur innerhalb
des großen Räderwerkes der Natur ein Glied, und nur in realem Zusammenhang mit
ihr möglich.
2672.Ein abstrakter Begriff
hat für sich keine Wirklichkeit, ebensowenig wie eine Wahrnehmung für sich.
2673.Die Wahrnehmung ist
der Teil der Wirklichkeit, der objektiv, der Begriff derjenige, der subjektiv
(durch Intuition, vgl. Seite 95 ff.) gegeben
wird.
2674.Unsere geistige
Organisation reißt die Wirklichkeit in diese beiden Faktoren auseinander.
2675.Der eine Faktor
erscheint dem Wahrnehmen, der andere der Intuition.
2676.Erst der Zusammenhang
der beiden, die gesetzmäßig sich in das Universum eingliedernde Wahrnehmung,
ist volle Wirklichkeit.
2677.Betrachten wir die
bloße Wahrnehmung für sich, so haben wir keine Wirklichkeit, sondern ein
zusammenhangloses Chaos; betrachten wir die Gesetzmäßigkeit der Wahrnehmungen
für sich, dann haben wir es bloß mit abstrakten Begriffen zu tun.
2678.Nicht der abstrakte
Begriff enthält die Wirklichkeit; wohl aber die denkende Beobachtung, die weder
einseitig den Begriff, noch die Wahrnehmung für sich betrachtet, sondern den
Zusammenhang beider.
2679.Daß wir in der
Wirklichkeit leben (mit unserer realen Existenz in derselben wurzeln), wird
selbst der orthodoxeste subjektive Idealist nicht leugnen.
2680.Er wird nur
bestreiten, daß wir ideell mit unserem Erkennen auch das erreichen, was wir real
durchleben.
2681.Demgegenüber zeigt der
Monismus, daß das Denken weder subjektiv, noch objektiv, sondern ein beide
Seiten der Wirklichkeit umspannendes Prinzip ist.
2682.Wenn wir denkend beobachten,
vollziehen wir einen Prozeß, der selbst in die Reihe des wirklichen Geschehens
gehört.
2683.Wir überwinden durch
das Denken innerhalb der Erfahrung selbst die Einseitigkeit des bloßen
Wahrnehmens.
2684.Wir können durch
abstrakte, begriffliche Hypothesen (durch rein begriffliches Nachdenken) das
Wesen des Wirklichen nicht erklügeln, aber wir leben, indem wir zu den
Wahrnehmungen die Ideen finden, in dem Wirklichen.
2685.Der Monismus sucht zu
der Erfahrung kein Unerfahrbares (Jenseitiges), sondern sieht in Begriff und
Wahrnehmung das Wirkliche.
2686.Er spinnt aus bloßen
abstrakten Begriffen keine Metaphysik, weil er in dem Begriffe an sich nur die eine
Seite der Wirklichkeit sieht, die dem Wahrnehmen verborgen bleibt und nur
im Zusammenhang mit der Wahrnehmung einen Sinn hat.
2687.Er ruft aber in dem
Menschen die Überzeugung hervor, daß er in der Welt der Wirklichkeit lebt und
nicht außerhalb seiner Welt eine unerlebbare höhere Wirklichkeit zu suchen hat.
2688.Er hält davon ab, das
Absolut-Wirkliche anderswo als in der Erfahrung zu suchen, weil er den Inhalt
der Erfahrung selbst als das Wirkliche erkennt.
2689.Und er ist befriedigt
durch diese Wirklichkeit, weil er weiß, daß das Denken die Kraft hat, sie zu
verbürgen.
2690.Was der Dualismus erst
hinter der Beobachtungswelt sucht, das findet der Monismus in dieser selbst.
2691.Der Monismus zeigt,
daß wir mit unserem Erkennen die Wirklichkeit in ihrer wahren Gestalt
ergreifen, nicht in einem subjektiven Bilde, das sich zwischen den Menschen und
die Wirklichkeit einschöbe.
2692.Für den Monismus ist
der Begriffsinhalt der Welt für alle menschlichen Individuen derselbe (vgl. S. 89 ff.).
2693.Nach monistischen
Prinzipien betrachtet ein menschliches Individuum ein anderes als
seinesgleichen, weil es derselbe Weltinhalt ist, der sich in ihm auslebt.
2694.Es gibt in der einigen
Begriffswelt nicht etwa so viele Begriffe des Löwen, wie es Individuen gibt,
die einen Löwen denken, sondern nur einen.
2695.Und der Begriff, den A
zu der Wahrnehmung des Löwen hinzufügt, ist derselbe, wie der des B, nur durch
ein anderes Wahrnehmungssubjekt aufgefaßt (vgl. S. 90
f.).
2696.Das Denken führt alle
Wahrnehmungssubjekte auf die gemeinsame ideelle Einheit aller Mannigfaltigkeit.
2697.Die einige Ideenwelt
lebt sich in ihnen als in einer Vielheit von Individuen aus.
2698.Solange sich der
Mensch bloß durch Selbstwahrnehmung erfaßt, sieht er sich als diesen besonderen
Menschen an; sobald er auf die in ihm aufleuchtende, alles Besondere
umspannende Ideenwelt blickt, sieht er in sich das absolut Wirkliche lebendig
aufleuchten.
2699.Der Dualismus bestimmt
das göttliche Urwesen als dasjenige, was alle Menschen durchdringt und in ihnen
allen lebt.
2700.Der Monismus findet
dieses gemeinsame göttliche Leben in der Wirklichkeit selbst.
2701.Der ideelle Inhalt
eines andern Menschen ist auch der meinige, und ich sehe ihn nur so lange als
einen andern an, als ich wahrnehme, nicht mehr aber, sobald ich denke.
2702.Jeder Mensch umspannt
mit seinem Denken nur einen Teil der gesamten Ideenwelt, und insofern
unterscheiden sich die Individuen auch durch den tatsächlichen Inhalt ihres
Denkens.
2703.Aber diese Inhalte
sind in einem in sich geschlossenen Ganzen, das die Denkinhalte aller Menschen
umfaßt.
2704.Das gemeinsame
Urwesen, das alle Menschen durchdringt, ergreift somit der Mensch in seinem
Denken.
2705.Das mit dem
Gedankeninhalt erfüllte Leben in der Wirklichkeit ist zugleich das Leben in
Gott.
2706.Das bloß erschlossene,
nicht zu erlebende Jenseits beruht auf einem Mißverständnis derer, die glauben,
daß das Diesseits den Grund seines Bestandes nicht in sich hat.
2707.Sie sehen nicht ein,
daß sie durch das Denken das finden, was sie zur Erklärung der Wahrnehmung
verlangen.
2708.Deshalb hat aber auch
noch keine Spekulation einen Inhalt zutage gefördert, der nicht aus der uns
gegebenen Wirklichkeit entlehnt wäre.
2709.Der durch abstrakte
Schlußfolgerung angenommene Gott ist nur der in ein Jenseits versetzte Mensch;
der Wille Schopenhauers die verabsolutierte menschliche Willenskraft; das aus
Idee und Wille zusammengesetzte unbewußte Urwesen Hartmanns eine
Zusammensetzung zweier Abstraktionen aus der Erfahrung.
2710.Genau dasselbe ist von
allen anderen auf nicht erlebtem Denken ruhenden jenseitigen Prinzipien zu
sagen.
2711.Der menschliche Geist
kommt in Wahrheit nie über die Wirklichkeit hinaus, in der wir leben, und er
hat es auch nicht nötig, da alles in dieser Welt liegt, was er zu ihrer
Erklärung braucht.
2712.Wenn sich die
Philosophen zuletzt befriedigt erklären mit der Herleitung der Welt aus
Prinzipien, die sie der Erfahrung entlehnen und in ein hypothetisches Jenseits
versetzen, so muß eine solche Befriedigung auch möglich sein, wenn der gleiche
Inhalt im Diesseits belassen wird, wohin er für das erlebbare Denken gehört.
2713.Alles Hinausgehen über
die Welt ist nur ein scheinbares, und die aus der Weit hinausversetzten
Prinzipien erklären die Welt nicht besser, als die in derselben liegenden.
2714.Das sich selbst
verstehende Denken fordert aber auch gar nicht zu einem solchen Hinausgehen
auf, da ein Gedankeninhalt nur innerhalb der Welt, nicht außerhalb derselben
einen Wahrnehmungsinhalt suchen muß, mit dem zusammen er ein Wirkliches bildet.
2715.Auch die Objekte der
Phantasie sind nur Inhalte, die ihre Berechtigung erst haben, wenn sie zu
Vorstellungen werden, die auf einen Wahrnehmungsinhalt hinweisen.
2716.Durch diesen Wahrnehmungsinhalt
gliedern sie sich der Wirklichkeit ein.
2717.Ein Begriff, der mit
einem Inhalt erfüllt werden sollte, der außerhalb der uns gegebenen Welt liegen
soll, ist eine Abstraktion, der keine Wirklichkeit entspricht.
2718.Ersinnen können wir
nur die Begriffe der Wirklichkeit; um diese selbst zu finden, bedarf es
auch noch des Wahrnehmens.
2719.Ein Urwesen der Welt,
für das ein Inhalt erdacht wird, ist für ein sich selbst verstehendes
Denken eine unmögliche Annahme.
2720.Der Monismus leugnet nicht
das Ideelle, er sieht sogar einen Wahrnehmungsinhalt, zu dem das ideelle
Gegenstück fehlt, nicht für volle Wirklichkeit an; aber er findet im ganzen
Gebiet des Denkens nichts, das nötigen könnte, aus dem Erlebnisbereich des
Denkens durch Verleugnung der objektiv geistigen Wirklichkeit des Denkens
herauszutreten.
2721.Der Monismus sieht in
einer Wissenschaft, die sich darauf beschränkt, die Wahrnehmungen zu
beschreiben, ohne zu den ideellen Ergänzungen derselben vorzudringen, eine
Halbheit.
2722.Aber er betrachtet
ebenso als Halbheiten alle abstrakten Begriffe, die ihre Ergänzung nicht in der
Wahrnehmung finden und sich nirgends in das die beobachtbare Welt umspannende
Begriffsnetz einfügen.
2723.Er kennt daher keine
Ideen, die auf ein jenseits unserer Erfahrung liegendes Objektives hindeuten,
und die den Inhalt einer bloß hypothetischen Metaphysik bilden sollen.
2724.Alles, was die
Menschheit an solchen Ideen erzeugt hat, sind ihm Abstraktionen aus der
Erfahrung, deren Entlehnung aus derselben von ihren Urhebern nur übersehen
wird.
2725.Ebensowenig können
nach monistischen Grundsätzen die Ziele unseres Handelns aus einem
außermenschlichen Jenseits entnommen werden.
2726.Sie müssen, insofern
sie gedacht sind, aus der menschlichen Intuition stammen.
2727.Der Mensch macht nicht
die Zwecke eines objektiven (jenseitigen) Urwesens zu seinen individuellen
Zwecken, sondern er verfolgt seine eigenen, ihm von seiner moralischen
Phantasie gegebenen.
2728.Die in einer Handlung
sich verwirklichende Idee löst der Mensch aus der einigen Ideenwelt los und
legt sie seinem Wollen zugrunde.
2729.In seinem Handeln
leben sich also nicht die aus dem Jenseits dem Diesseits eingeimpften Gebote
aus, sondern die der diesseitigen Welt angehörigen menschlichen Intuitionen.
2730.Der Monismus kennt
keinen solchen Weltenlenker, der außerhalb unserer selbst unseren Handlungen
Ziel und Richtung setzte.
2731.Der Mensch findet
keinen solchen jenseitigen Urgrund des Daseins, dessen Ratschlüsse er
erforschen könnte, um von ihm die Ziele zu erfahren, nach denen er mit seinen
Handlungen hinzusteuern hat.
2732.Er ist auf sich selbst
zurückgewiesen.
2733.Er selbst muß seinem
Handeln einen Inhalt geben.
2734.Wenn er außerhalb der
Welt, in der er lebt, nach Bestimmungsgründen seines Wollens sucht, so forscht
er vergebens.
2735.Er muß sie, wenn er
über die Befriedigung seiner natürlichen Triebe, für die Mutter Natur
vorgesorgt hat, hinausgeht, in seiner eigenen moralischen Phantasie suchen,
wenn es nicht seine Bequemlichkeit vorzieht, von der moralischen Phantasie
anderer sich bestimmen zu lassen, das heißt: er muß alles Handeln unterlassen
oder nach Bestimmungsgründen handeln, die er sich selbst aus der Welt seiner
Ideen heraus gibt, oder die ihm andere aus derselben heraus geben.
2736.Er wird, wenn er über
sein sinnliches Triebleben und über die Ausführung der Befehle anderer Menschen
hinauskommt, durch nichts, als durch sich selbst bestimmt.
2737.Er muß aus einem von
ihm selbst gesetzten, durch nichts anderes bestimmten Antrieb handeln.
2738.Ideell ist dieser
Antrieb allerdings in der einigen Ideenwelt bestimmt; aber faktisch kann er nur
durch den Menschen aus dieser abgeleitet und in Wirklichkeit umgesetzt werden.
2739.Für die aktuelle
Umsetzung einer Idee in Wirklichkeit durch den Menschen kann der Monismus nur
in dem Menschen selbst den Grund finden.
2740.Daß eine Idee zur
Handlung werde, muß der Mensch erst wollen, bevor es geschehen kann.
2741.Ein solches Wollen hat
seinen Grund also nur in dem Menschen selbst.
2742.Der Mensch ist dann
das letzte Bestimmende seiner Handlung.
2743.Er ist frei.
2744.
2745.1. Zusatz zur
Neuausgabe 1918
2746.Im zweiten Teile
dieses Buches wurde versucht, eine Begründung dafür zu geben, daß die Freiheit
in der Wirklichkeit des menschlichen Handelns zu finden ist.
2747.Dazu war notwendig,
aus dem Gesamtgebiete des menschlichen Handelns diejenigen Teile auszusondern,
denen gegenüber bei unbefangener Selbstbeobachtung von Freiheit gesprochen
werden kann.
2748.Es sind diejenigen
Handlungen, die sich als Verwirklichungen ideeller Intuitionen darstellen.
2749.Andere Handlungen wird
kein unbefangenes Betrachten als freie ansprechen.
2750.Aber der Mensch wird
eben bei unbefangener Selbstbeobachtung sich für veranlagt halten müssen zum
Fortschreiten auf der Bahn nach ethischen Intuitionen und deren Verwirklichung.
2751.Diese unbefangene
Beobachtung des ethischen Wesens des Menschen kann aber für sich keine letzte
Entscheidung über die Freiheit bringen.
2752.Denn wäre das
intuitive Denken selbst aus irgendeiner andern Wesenheit entspringend, wäre
seine Wesenheit nicht eine auf sich selbst ruhende, so erwiese sich das aus dem
Ethischen fließende Freiheitsbewußtsein als ein Scheingebilde.
2753.Aber der zweite Teil
dieses Buches findet seine naturgemäße Stütze in dem ersten.
2754.Dieser stellt das
intuitive Denken als erlebte innere Geistbetätigung des Menschen hin.
2755.Diese Wesenheit des
Denkens erlebend verstehen, kommt aber der Erkenntnis von der Freiheit
des intuitiven Denkens gleich.
2756.Und weiß man, daß
dieses Denken frei ist, dann sieht man auch den Umkreis des Wollens, dem die
Freiheit zuzusprechen ist.
2757.Den handelnden
Menschen wird für frei halten derjenige, welcher dem intuitiven
Denkerleben eine in sich ruhende Wesenheit auf Grund der inneren Erfahrung
zuschreiben darf.
2758.Wer solches nicht
vermag, der wird wohl keinen irgendwie unanfechtbaren Weg zur Annahme der
Freiheit finden können.
2759.Die hier geltend
gemachte Erfahrung findet im Bewußtsein das intuitive Denken, das nicht
bloß im Bewußtsein Wirklichkeit hat.
2760.Und sie findet damit
die Freiheit als Kennzeichen der aus den Intuitionen des Bewußtseins fließenden
Handlungen.
2761.
2762.2. Zusatz zur Neuausgabe
1918
2763.Die Darstellung dieses
Buches ist aufgebaut auf dem rein geistig erlebbaren intuitiven Denken, durch
das eine jegliche Wahrnehmung in die Wirklichkeit erkennend hineingestellt
wird.
2764.Es sollte in dem Buche
mehr nicht dargestellt werden, als sich von dem Erlebnis des intuitiven Denkens
aus überschauen läßt.
2765.Aber es sollte auch
geltend gemacht werden, welche Gedankengestaltung dieses erlebte Denken
erfordert.
2766.Und es fordert, daß es
im Erkenntnisvorgang als in sich ruhendes Erlebnis nicht verleugnet werde.
2767.Daß ihm die Fähigkeit
nicht abgesprochen werde, zusammen mit der Wahrnehmung die Wirklichkeit zu
erleben, statt diese erst zu suchen in einer außerhalb dieses Erlebens
liegenden, zu erschließenden Welt, der gegenüber die menschliche Denkbetätigung
nur ein Subjektives sei.
2768.— Damit ist in dem Denken das Element gekennzeichnet, durch
das der Mensch in die Wirklichkeit sich geistig hineinlebt.
2769.(Und niemand sollte
eigentlich diese auf das erlebte Denken gebaute Weltanschauung mit einem bloßen
Rationalismus verwechseln.) Aber andrerseits geht doch wohl aus dem ganzen
Geiste dieser Darlegungen hervor, daß das Wahrnehmungselement für die
menschliche Erkenntnis eine Wirklichkeitsbestimmung erst erhält, wenn es im
Denken ergriffen wird.
2770.Außer dem Denken
kann die Kennzeichnung als Wirklichkeit nicht liegen.
2771.Also darf nicht etwa
vorgestellt werden, daß die sinnliche Art des Wahrnehmens die einzige
Wirklichkeit verbürge.
2772.Was als Wahrnehmung
auftritt, das muß der Mensch auf seinem Lebenswege schlechterdings erwarten.
2773.Es könnte sich nur
fragen: darf aus dem Gesichtspunkte, der sich bloß aus dem intuitiv erlebten
Denken ergibt, berechtigt erwartet werden, daß der Mensch außer dem
Sinnlichen auch Geistiges wahrnehmen könne?
2774.Dies darf erwartet
werden.
2775.Denn, wenn auch einerseits
das intuitiv erlebte Denken ein im Menschengeiste sich vollziehender
tätiger Vorgang ist, so ist es andererseits zugleich eine geistige, ohne
sinnliches Organ erfaßte Wahrnehmung.
2776.Es ist eine
Wahrnehmung, in der der Wahrnehmende selbst tätig ist, und es ist eine
Selbstbetätigung, die zugleich wahrgenommen wird.
2777.Im intuitiv erlebten
Denken ist derMensch in eine geistige Welt auch als Wahrnehmender versetzt.
2778.Was ihm innerhalb
dieser Welt als Wahrnehmung so entgegentritt wie die geistige Welt seines
eigenen Denkens, das erkennt der Mensch als geistige Wahrnehmungswelt.
2779.Zu dem Denken hätte diese
Wahrnehmungswelt dasselbe Verhältnis wie nach der Sinnenseite hin die
sinnliche Wahrnehmungswelt.
2780.Die geistige
Wahrnehmungswelt kann dem Menschen, sobald er sie erlebt, nichts Fremdes sein,
weil er im intuitiven Denken schon ein Erlebnis hat, das rein geistigen
Charakter trägt.
2781.Von einer solchen
geistigen Wahrnehmungswelt sprechen eine Anzahl der von mir nach diesem Buche
veröffentlichten Schriften.
2782.Diese «Philosophie der
Freiheit» ist die philosophische Grundlegung für diese späteren Schriften.
2783.Denn in diesem Buche
wird versucht, zu zeigen, daß richtig verstandenes Denk-Erleben schon
Geist-Erleben ist.
2784.Deshalb scheint es dem
Verfasser, daß derjenige nicht vor dem Betreten der geistigen Wahrnehmungswelt
haltmachen wird, der in vollem Ernste den Gesichtspunkt des Verfassers dieser
«Philosophie der Freiheit» einnehmen kann.
2785.Logisch ableiten —
durch Schlußfolgerungen — läßt sich aus dem Inhalte dieses Buches allerdings
nicht, was in des Verfassers späteren Büchern dargestellt ist.
2786.Vom lebendigen
Ergreifen des in diesem Buche gemeinten intuitiven Denkens wird sich aber
naturgemäß der weitere lebendige Eintritt in die geistige Wahrnehmungswelt
ergeben.
2787.
2788.Erster Anhang — Zusatz
zur Neuausgabe 1918
2789.Einwendungen, die mir
gleich nach dem Erscheinen dieses Buches von philosophischer Seite her gemacht
worden sind, veranlassen mich, die folgende kurze Ausführung dieser Neuausgabe
hinzuzufügen.
2790.Ich kann mir gut
denken, daß es Leser gibt, die für den übrigen Inhalt dieses Buches Interesse
haben, die aber das Folgende als ein ihnen überflüssiges und fernliegendes
abstraktes Begriffsgespinst ansehen.
2791.Sie können diese kurze
Darstellung ungelesen lassen.
2792.Allein innerhalb der
philosophischen Weltbetrachtung tauchen Probleme auf, die mehr in gewissen
Vorurteilen der Denker als im naturgemäßen Gang jedes menschlichen Denkens
selbst ihren Ursprung haben.
2793.Was sonst in diesem Buche
behandelt ist, das scheint mir eine Aufgabe zu sein, die jeden Menschen
angeht, der nach Klarheit ringt in bezug auf das Wesen des Menschen und dessen
Verhältnis zur Welt.
2794.Das Folgende aber ist
mehr ein Problem, von dem gewisse Philosophen fordern, daß es behandelt werde,
wenn von den in diesem Buche dargestellten Dingen die Rede ist, weil diese
Philosophen sich durch ihre Vorstellungsart gewisse nicht allgemein vorhandene
Schwierigkeiten geschaffen haben.
2795.Geht man ganz an
solchen Problemen vorbei, so sind dann gewisse Persönlichkeiten schnell mit dem
Vorwurf des Dilettantismus und dergleichen bei der Hand.
2796.Und es entsteht die
Meinung, als ob der Verfasser einer Darstellung wie der in diesem Buche
gegebenen mit Ansichten sich nicht auseinandergesetzt hätte, die er in dem
Buche selbst nicht besprochen hat.
2797.Das Problem, das ich
hier meine, ist dieses: Es gibt Denker, welche der Meinung sind, daß sich eine
besondere Schwierigkeit ergäbe, wenn man begreifen will, wie ein anderes
menschliches Seelenleben auf das eigene (des Betrachters) wirken könne.
2798.Sie sagen: meine
bewußte Welt ist in mir abgeschlossen; eine andere bewußte Welt ebenso in sich.
2799.Ich kann in die
Bewußtseinswelt eines andern nicht hineinsehen.
2800.Wie komme ich dazu,
mich mit ihm in einer gemeinsamen Welt zu wissen?
2801.Diejenige Weltansicht,
welche es für möglich hält, von der bewußten Welt aus auf eine unbewußte zu
schließen, die nie bewußt werden kann, versucht diese Schwierigkeit in der
folgenden Art zu lösen.
2802.Sie sagt: die Welt,
die ich in meinem Bewußtsein habe, ist die in mir repräsentierte Welt einer von
mir bewußt nicht zu erreichenden Wirklichkeitswelt.
2803.In dieser liegen die
mir unbekannten Veranlasser meiner Bewußtseinswelt.
2804.In dieser liegt auch
meine wirkliche Wesenheit, von der ich ebenfalls nur einen Repräsentanten in
meinem Bewußtsein habe.
2805.In dieser liegt aber
auch die Wesenheit des andern Menschen, der mir gegenüber tritt.
2806.Was nun im Bewußtsein
dieses andern Menschen erlebt wird, das hat seine von diesem Bewußtsein
unabhängige entsprechende Wirklichkeit in seiner Wesenheit.
2807.Diese wirkt in dem
Gebiet, das nicht bewußt werden kann, auf meine prinzipielle unbewußte
Wesenheit, und dadurch wird in meinem Bewußtsein eine Repräsentanz geschaffen
für das, was in einem von meinem bewußten Erleben ganz unabhängigen Bewußtsein
gegenwärtig ist.
2808.Man sieht: es wird
hier zu der von meinem Bewußtsein erreichbaren Welt eine für dieses im Erleben
unerreichbare hypothetisch hinzugedacht, weil man sonst sich zu der Behauptung
gedrängt glaubt, alle Außenwelt, die ich meine vor mir zu haben, sei nur meine
Bewußtseinswelt, und das ergäbe die — solipsistsche — Absurdität, auch die
andern Personen lebten nur innerhalb meines Bewußtseins.
2809.Klarheit über diese
durch manche erkenntnistheoretische Strömungen der neueren Zeit geschaffene
Frage kann man gewinnen, wenn man vom Gesichtspunkte der geistgemäßen
Beobachtung, der in der Darstellung dieses Buches eingenommen ist, die Sache zu
überschauen trachtet.
2810.Was habe ich denn
zunächst vor mir, wenn ich einer andern Persönlichkeit gegenüberstehe?
2811.Ich sehe auf das
nächste.
2812.Es ist die mir als
Wahrnehmung gegebene sinnliche Leibeserscheinung der andern Person; dann noch
etwa die Gehörwahrnehmung dessen, was sie sagt, und so weiter.
2813.Alles dies starre ich
nicht bloß an, sondern es setzt meine denkende Tätigkeit in Bewegung.
2814.Indem ich denkend vor
der andern Persönlichkeit stehe, kennzeichnet sich mir die Wahrnehmung
gewissermaßen als seelisch durchsichtig.
2815.Ich bin genötigt, im
denkenden Ergreifen der Wahrnehmung mir zu sagen, daß sie dasjenige gar nicht
ist, als was sie den äußeren Sinnen erscheint.
2816.Die Sinneserscheinung
offenbart in dem, was sie unmittelbar ist, ein anderes, was sie mittelbar ist.
2817.Ihr Sich-vor-mich
Hinstellen ist zugleich ihr Auslöschen als bloße Sinneserscheinung.
2818.Aber was sie in diesem
Auslöschen zur Erscheinung bringt, das zwingt mich als denkendes Wesen, mein
Denken für die Zeit ihres Wirkens auszulöschen und an dessen Stelle ihr Denken
zu setzen.
2819.Dieses ihr Denken
aber ergreife ich in meinem Denken als Erlebnis wie mein eigenes.
2820.Ich habe das Denken
des andern wirklich wahrgenommen.
2821.Denn die als
Sinneserscheinung sich auslöschende unmittelbare Wahrnehmung wird von meinem
Denken ergriffen, und es ist ein vollkommen in meinem Bewußtsein liegender
Vorgang, der darin besteht, daß sich an die Stelle meines Denkens das andere
Denken setzt.
2822.Durch das
Sich-Auslöschen der Sinneserscheinung wird die Trennung zwischen den beiden
Bewußtseinssphären tatsächlich aufgehoben.
2823.Das repräsentiert sich
in meinem Bewußtsein dadurch, daß ich im Erleben des andern Bewußtseinsinhaltes
mein eigenes Bewußtsein ebensowenig erlebe, wie ich es im traumlosen Schlafe
erlebe.
2824.Wie in diesem mein
Tagesbewußtsein ausgeschaltet ist, so im Wahrnehmen des fremden Bewußtseinsinhaltes
der eigene.
2825.Die Täuschung, als ob
dies nicht so sei, rührt nur davon her, daß im Wahrnehmen der andern Person
erstens an die Stelle der Auslöschung des eigenen Bewußtseinsinhaltes nicht
Bewußtlosigkeit tritt wie im Schlafe, sondern der andere Bewußtseinsinhalt, und
zweitens, daß die Wechselzustände zwischen Auslöschen und Wieder-Aufleuchten
des Bewußtseins von mir selbst zu schnell aufeinander folgen, um für gewöhnlich
bemerkt zu werden.
2826.— Das ganze hier vorliegende Problem löst man nicht durch
künstliche Begriffskonstruktionen, die von Bewußtem auf solches schließen, das
nie bewußt werden kann, sondern durch wahres Erleben dessen, was sich in der
Verbindung von Denken und Wahrnehmung ergibt.
2827.Es ist dies bei sehr
vielen Fragen der Fall, die in der philosophischen Literatur auftreten.
2828.Die Denker sollten den
Weg suchen zu unbefangener geistgemäßer Beobachtung; statt dessen schieben sie
vor die Wirklichkeit eine künstliche Begriffskonstruktion hin.
2829.In einer Abhandlung
Eduard von Hartmanns «Die letzten Fragen der Erkenntnistheorie und Metaphysik»
(in der Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, 108. Bd. S. 55
ff.) wird meine «Philosophie der Freiheit» in die philosophische
Gedankenrichtung eingereiht, die sich auf einen «erkenntnistheoretischen
Monismus» stützen will.
2830.Ein solcher Standpunkt
wird von Eduard von Hartmann als ein unmöglicher abgelehnt.
2831.Dem liegt folgendes
zugrunde.
2832.Gemäß der
Vorstellungsart, welche sich in dem genannten Aufsatze zum Ausdruck bringt,
gibt es nur drei mögliche erkenntnistheoretische Standpunkte.
2833.Entweder man bleibt
auf dem naiven Standpunkt stehen, welcher die wahrgenommenen Erscheinungen als
wirkliche Dinge außer dem menschlichen Bewußtsein nimmt.
2834.Dann fehlte es einem
an kritischer Erkenntnis.
2835.Man sehe nicht ein,
daß man mit seinem Bewußtseinsinhalt doch nur in dem eigenen Bewußtsein sei.
2836.Man durchschaue nicht,
daß man es nicht mit einem «Tische an sich» zu tun habe, sondern nur mit dem
eigenen Bewußtseinsobjekte.
2837.Wer auf diesem
Standpunkte bleibe oder durch irgendwelche Erwägungen zu ihm wieder
zurückkehre, der sei naiver Realist.
2838.Allein dieser
Standpunkt sei eben unmöglich, denn er verkenne, daß das Bewußtsein nur seine
eigenen Bewußtseinsobjekte habe.
2839.Oder man durchschaue
diesen Sachverhalt und gestehe sich ihn voll ein.
2840.Dann werde man
zunächst transzendentaler Idealist.
2841.Man müsse dann aber
ablehnen, daß von einem «Dinge an sich» jemals etwas im menschlichen Bewußtsein
auftreten könne.
2842.Dadurch entgehe man
aber nicht dem absoluten Illusionismus, wenn man nur konsequent genug dazu sei.
2843.Denn es verwandelt
sich einem die Welt, der man gegenübersteht, in eine bloße Summe von
Bewußtseinsobjekten, und zwar nur von Objekten des eigenen Bewußtseins.
2844.Auch die anderer
Menschen sei man dann — absurderweise — gezwungen, nur als im eigenen
Bewußtseinsinhalt allein anwesend zu denken.
2845.Ein möglicher
Standpunkt sei nur der dritte, der transzendentale Realismus.
2846.Dieser nimmt an, es
gibt «Dinge an sich», aber das Bewußtsein kann in keiner Weise im unmittelbaren
Erleben mit ihnen zu tun haben.
2847.Sie bewirken jenseits
des menschlichen Bewußtseins auf eine Art, die nicht ins Bewußtsein fällt, daß
in diesem die Bewußtseinsobjekte auftreten.
2848.Man kann auf diese «Dinge
an sich» nur durch Schlußfolgerung aus dem allein erlebten, aber eben bloß
vorgestellten Bewußtseinsinhalt kommen.
2849.Eduard von Hartmann
behauptet nun in dem genannten Aufsatze, ein «erkenntnistheoretischer
Monismus», als den er meinen Standpunkt auffaßt, müsse sich in Wirklichkeit zu
einem der drei Standpunkte bekennen; er tue es nur nicht, weil er die
tatsächlichen Konsequenzen seiner Voraussetzungen nicht ziehe.
2850.Und dann wird in dem
Aufsatz gesagt: «Wenn man herausbekommen will, welchem erkenntnistheoretischen
Standpunkt ein angeblicher erkenntnistheoretischer Monist angehört, so braucht
man ihm nur einige Fragen vorzulegen und ihn zur Beantwortung derselben zu
zwingen.
2851.Denn von selbst läßt
sich kein solcher zur Äußerung über diese Punkte herbei, und auch der
Beantwortung direkter Fragen wird er auf alle Weise auszuweichen suchen, weil
jede Antwort den Anspruch auf erkenntnistheoretische Monismus als einen von den
drei anderen verschiedenen Standpunkt aufhebt.
2852.Diese Fragen sind
folgende: 1. Sind die Dinge in ihrem Bestande kontinuierlich oder intermittierend?
2853.Wenn die Antwort
lautet: sie sind kontinuierlich, so hat man es mit irgendeiner Form des naiven
Realismus zu tun.
2854.Wenn sie lautet: sie
sind intermittierend, so liegt transzendentaler Idealismus vor.
2855.Wenn sie aber lautet:
sie sind einerseits (als Inhalte des absoluten Bewußtseins, oder als unbewußte
Vorstellungen oder als Wahrnehmungsmöglichkeiten) kontinuierlich, andererseits
(als Inhalte des beschränkten Bewußtseins) intermittierend, so ist transzendentaler
Realismus konstatiert.
2856.— 2. Wenn drei Personen an einem Tisch sitzen, wieviele
Exemplare des Tisches sind vorhanden?
2857.Wer antwortet: eines,
ist naiver Realist; wer antwortet: drei, ist transzendentaler Idealist; wer
aber antwortet: vier, der ist transzendentaler Realist.
2858.Es ist dabei
allerdings vorausgesetzt, daß man so ungleichartiges wie den einen Tisch als
Ding an sich und die drei Tische als Wahrnehmungsobjekte in den drei
Bewußtseinen unter die gemeinsame Bezeichnung
2859.«Exemplare des Tisches»
zusammenfassen dürfe.
2860.Wem dies als eine zu
große Freiheit erscheint, der wird die Antwort «einer und drei» geben müssen,
anstatt «vier».
2861.— 3. Wenn zwei Personen allein in einem Zimmer zusammen
sind, wieviel Exemplare dieser Personen sind vorhanden?
2862.Wer antwortet: zwei,
ist naiver Realist; wer antwortet: vier (nämlich in jedem der beiden
Bewußtseine ein Ich und ein anderer), der ist transzendentaler Idealist; wer
aber antwortet: sechs (nämlich zwei Personen als Dinge an sich und vier
Vorstellungsobjekte von Personen in den zwei Bewußtseinen), der ist
transzendentaler Realist.
2863.Wer den
erkenntnistheoretischen Monismus als einen von diesen drei Standpunkten
verschiedenen erweisen wollte, der müßte auf jede dieser drei Fragen eine
andere Antwort geben; ich wüßte aber nicht wie diese lauten könnte.»
2864.Die Antworten der
«Philosophie der Freiheit» müßten so lauten:
2865.1. Wer von den Dingen
nur die Wahrnehmungsinhalte erfaßt und diese für Wirklichkeit nimmt, ist naiver
Realist, und er macht sich nicht klar, daß er eigentlich diese
Wahrnehmungsinhalte nur so lange für bestehend ansehen dürfte, als er auf
die Dinge hinsieht, daß er also, was er vor sich hat, als intermittierend
denken müßte.
2866.Sobald er sich aber
klar darüber wird, daß Wirklichkeit nur im gedankendurchsetzten Wahrnehmbaren
vorhanden ist, gelangt er zu der Einsicht, daß der als intermittierend auftretende
Wahrnehmungsinhalt durchsetzt von dem im Denken Erarbeiteten sich als
kontinuierlich offenbart.
2867.Als kontinuierlich muß
also gelten: der von dem erlebten Denken erfaßte Wahrnehmungsgehalt, von dem
das, was nur wahrgenommen wird, als intermittierend zu denken wäre, wenn es —
was nicht der Fall ist — wirklich wäre.
2868.— 2. Wenn drei Personen an einem Tisch sitzen, wieviel
Exemplare des Tisches sind vorhanden?
2869.Es ist nur ein Tisch
vorhanden; aber so lange die drei Personen bei ihren Wahrnehmungsbildern
stehen bleiben wollten, müßten sie sagen: diese Wahrnehmungsbilder sind
überhaupt keine Wirklichkeit.
2870.Sobald sie zu dem in
ihrem Denken erfaßten Tisch übergehen, offenbart sich ihnen die eine Wirklichkeit
des Tisches; sie sind mit ihren drei Bewußtseinsinhalten in dieser Wirklichkeit
vereinigt.
2871.— 3. Wenn zwei Personen allein in einem Zimmer zusammen
sind, wieviel Exemplare dieser Personen sind vorhanden?
2872.Es sind ganz gewiß
nicht sechs — auch nicht im Sinne des transzendentalen Realisten — Exemplare
vorhanden, sondern nur zwei.
2873.Nur hat jede der
Personen zunächst sowohl von sich wie von der anderen Person nur das unwirkliche
Wahrnehmungsbild.
2874.Von diesen Bildern sind
vier vorhanden, bei deren Anwesenheit in den Denktätigkeiten der zwei Personen
sich die Ergreifung der Wirklichkeit abspielt.
2875.In dieser Denktätigkeit
übergreift eine jede der Personen ihre Bewußtseinssphäre; die der anderen und
der eigenen Person lebt in ihr auf.
2876.In den Augenblicken
dieses Auflebens sind die Personen ebensowenig in ihrem Bewußtsein beschlossen
wie im Schlafe.
2877.Nur tritt in den
anderen Augenblicken das Bewußtsein von diesem Aufgehen in dem andern wieder
auf, so daß das Bewußtsein einer jeden der Personen im denkenden Erleben sich
und den andern ergreift.
2878.Ich weiß, daß der
transzendentale Realist dieses als einen Rückfall in den naiven Realismus
bezeichnet.
2879.Doch habe ich bereits
in dieser Schrift darauf hingewiesen, daß der naive Realismus für das erlebte
Denken seine Berechtigung behält.
2880.Der transzendentale
Realist läßt sich auf den wahren Sachverhalt im Erkenntnisvorgang gar nicht
ein; er schließt sich von diesem durch ein Gedankengespinst ab und verstrickt
sich in diesem.
2881.Es sollte der in der
«Philosophie der Freiheit» auftretende Monismus auch nicht
«erkenntnistheoretischer» genannt werden, sondern, wenn man einen Beinamen
will, Gedanken-Monismus.
2882.Das alles wurde durch
Eduard von Hartmann verkannt.
2883.Er ging auf das
Spezifische der Darstellung in der «Philosophie der Freiheit» nicht ein,
sondern behauptete: ich hätte den Versuch gemacht, den Hegelschen
universalistischen Panlogismus mit Humes individualistischem
Phänomenalismus zu verbinden (S. 71 der Zeitschrift für Philosophie, 108. Bd.,
Anmerkung), während in der Tat die «Philosophie der Freiheit» als solche gar
nichts mit diesen zwei Standpunkten, die sie angeblich zu vereinigen bestrebt
ist, zu tun hat.
2884.(Hier liegt auch der
Grund, warum es mir nicht naheliegen konnte, mich zum Beispiel mit dem
«erkenntnistheoretischen Monismus» Johannes Rehmkes auseinanderzusetzen.
2885.Es ist eben der
Gesichtspunkt der «Philosophie der Freiheit» ein ganz anderer, als was Eduard
von Hartmann und andere erkenntnistheoretischen Monismus nennen.)
2886.
2888.In dem Folgenden wird
in allem Wesentlichen wiedergegeben, was als eine Art «Vorrede» in der ersten
Auflage dieses Buches stand.
2889.Da es mehr die
Gedankenstimmung gibt, aus der ich vor fünfundzwanzig Jahren das Buch
niederschrieb, als daß es mit dem Inhalte desselben unmittelbar etwas zu tun
hätte, setze ich es hier als «Anhang» her.
2890.Ganz weglassen möchte
ich es aus dem Grunde nicht, weil immer wieder die Ansicht auftaucht, ich habe
wegen meiner späteren geisteswissenschaftlichen Schriften etwas von meinen
früheren Schriften zu unterdrücken.
2891.Unser
Zeitalter kann die Wahrheit nur aus der Tiefe des menschlichen Wesens
schöpfen wollen. (1)
2892.Von Schillers
bekannten zwei Wegen:
2893.«Wahrheit suchen wir
beide, du außen im Leben,
ich innen In dem Herzen, und so findet sie jeder gewiß.
Ist das Auge gesund, so begegnet es außen dem Schöpfer;
Ist es das Herz, dann
gewiß spiegelt es innen die Welt»
2898.wird der Gegenwart
vorzüglich der zweite frommen.
2899.Eine Wahrheit, die uns
von außen kommt, trägt immer den Stempel der Unsicherheit an sich.
2900.Nur was einem jeden
von uns in seinem eigenen Innern als Wahrheit erscheint, daran mögen wir
glauben.
2901.Fußnoten: (1) Ganz weggelassen sind hier nur die allerersten Eingangssätze (der
ersten Auflage) dieser Ausführungen, die mir heute ganz unwesentlich
erscheinen. Was aber des weiteren darin gesagt ist, scheint mir auch
gegenwärtig trotz der naturwissenschaftlichen Denkart unserer Zeitgenossen, ja
gerade wegen derselben, zu sagen notwendig.
2902.Nur die Wahrheit kann
uns Sicherheit bringen im Entwickeln unserer individuellen Kräfte.
2903.Wer von Zweifeln
gequält ist, dessen Kräfte sind gelähmt.
2904.In einer Welt, die ihm
rätselhaft ist, kann er kein Ziel seines Schaffens finden.
2905.Wir wollen nicht mehr
bloß glauben; wir wollen wissen.
2906.Der Glaube fordert
Anerkennung von Wahrheiten, die wir nicht ganz durchschauen.
2907.Was wir aber nicht
ganz durchschauen, widerstrebt dem Individuellen, das alles mit seinem tiefsten
Innern durchleben will.
2908.Nur das Wissen befriedigt
uns, das keiner äußeren Norm sich unterwirft, sondern aus dem Innenleben der
Persönlichkeit entspringt.
2909.Wir wollen auch kein
solches Wissen, das in eingefrorenen Schulregeln sich ein für allemal
ausgestaltet hat, und in für alle Zeiten gültigen Kompendien aufbewahrt ist.
2910.Wir halten uns jeder
berechtigt, von seinen nächsten Erfahrungen, seinen unmittelbaren Erlebnissen
auszugehen, und von da aus zur Erkenntnis des ganzen Universums aufzusteigen.
2911.Wir erstreben ein
sicheres Wissen, aber jeder auf seine eigene Art.
2912.Unsere
wissenschaftlichen Lehren sollen auch nicht mehr eine solche Gestalt annehmen,
als wenn ihre Anerkennung Sache eines unbedingten Zwanges wäre.
2913.Keiner von uns möchte
einer wissenschaftlichen Schrift einen Titel geben, wie einst Fichte:
«Sonnenklarer Bericht an das größere Publikum über das eigentliche Wesen der
neuesten Philosophie.
2914.Ein Versuch, die Leser
zum Verstehen zu zwingen.»
2915.Heute soll niemand zum
Verstehen gezwungen werden.
2916.Wen nicht ein
besonderes, individuelles Bedürfnis zu einer Anschauung treibt, von dem fordern
wir keine Anerkennung, noch Zustimmung.
2917.Auch dem noch unreifen
Menschen, dem Kinde, wollen wir gegenwärtig keine Erkenntnisse eintrichtern, sondern
wir suchen seine Fähigkeiten zu entwickeln, damit es nicht mehr zum Verstehen gezwungen
zu werden braucht, sondern verstehen will.
2918.Ich gebe mich keiner
Illusion hin in bezug auf diese Charakteristik meines Zeitalters.
2919.Ich weiß, wie viel
individualitätloses Schablonentum lebt und sich breit macht.
2920.Aber ich weiß ebenso
gut, daß viele meiner Zeitgenossen im Sinne der angedeuteten Richtung ihr Leben
einzurichten suchen.
2921.Ihnen möchte ich diese
Schrift widmen.
2922.Sie soll nicht «den einzig
möglichen» Weg zur Wahrheit führen, aber sie soll von demjenigen erzählen,
den einer eingeschlagen hat, dem es um Wahrheit zu tun ist.
2923.Die Schrift führt
zuerst in abstraktere Gebiete, wo der Gedanke scharfe Konturen ziehen muß, um
zu sichern Punkten zu kommen.
2924.Aber der Leser wird
aus den dürren Begriffen heraus auch in das konkrete Leben geführt.
2925.Ich bin eben durchaus
der Ansicht, daß man auch in das Ätherreich der Begriffe sich erheben muß, wenn
man das Dasein nach allen Richtungen durchleben will.
2926.Wer nur mit den Sinnen
zu genießen versteht, der kennt die Leckerbissen des Lebens nicht.
2927.Die orientalischen
Gelehrten lassen die Lernenden erst Jahre eines entsagenden und asketischen
Lebens verbringen, bevor sie ihnen mitteilen, was sie selbst wissen.
2928.Das Abendland fordert
zur Wissenschaft keine frommen Übungen und keine Askese mehr, aber es verlangt
dafür den guten Willen, kurze Zeit sich den unmittelbaren Eindrücken des Lebens
zu entziehen, und in das Gebiet der reinen Gedankenwelt sich zu begeben.
2929.Der Gebiete des Lebens
sind viele.
2930.Für jedes einzelne
entwickeln sich besondere Wissenschaften.
2931.Das Leben selbst aber
ist eine Einheit, und je mehr die Wissenschaften bestrebt sind, sich in die
einzelnen Gebiete zu vertiefen, desto mehr entfernen sie sich von der
Anschauung des lebendigen Weltganzen.
2932.Es muß ein Wissen
geben, das in den einzelnen Wissenschaften die Elemente sucht, um den Menschen
zum vollen Leben wieder zurückzuführen.
2933.Der wissenschaftliche
Spezialforscher will sich durch seine Erkenntnisse ein Bewußtsein von der Welt
und ihren Wirkungen erwerben; in dieser Schrift ist das Ziel ein
philosophisches: die Wissenschaft soll selbst organisch-lebendig werden.
2934.Die
Einzelwissenschaften sind Vorstufen der hier angestrebten Wissenschaft.
2935.Ein ähnliches
Verhältnis herrscht in den Künsten.
2936.Der Komponist arbeitet
auf Grund der Kompositionslehre.
2937.Die letztere ist eine
Summe von Kenntnissen, deren Besitz eine notwendige Vorbedingung des
Komponierens ist.
2938.Im Komponieren dienen
die Gesetze der Kompositionslehre dem Leben, der realen Wirklichkeit.
2939.Genau in demselben
Sinne ist die Philosophie eine Kunst.
2940.Alle wirklichen
Philosophen waren Begriffskünstler.
2941.Für sie wurden die
menschlichen Ideen zum Kunstmateriale und die wissenschaftliche Methode zur
künstlerischen Technik.
2942.Das abstrakte Denken
gewinnt dadurch konkretes, individuelles Leben.
2943.Die Ideen werden
Lebensmächte.
2944.Wir haben dann nicht
bloß ein Wissen von den Dingen, sondern wir haben das Wissen zum realen, sich
selbst beherrschenden Organismus gemacht; unser wirkliches, tätiges Bewußtsein
hat sich über ein bloß passives Aufnehmen von Wahrheiten gestellt.
2945.Wie sich die
Philosophie als Kunst zur Freiheit des Menschen verhält, was die
letztere ist, und ob wir ihrer teilhaftig sind oder es werden können: das ist
die Hauptfrage meiner Schrift.
2946.Alle anderen
wissenschaftlichen Ausführungen stehen hier nur, weil sie zuletzt Aufklärung
geben über jene, meiner Meinung nach, den Menschen am nächsten liegenden
Fragen.
2947.Eine «Philosophie
der Freiheit» soll in diesen Blättern gegeben werden.
2948.Alle Wissenschaft wäre
nur Befriedigung müßiger Neugierde, wenn sie nicht auf die Erhöhung des Daseinswertes
der menschlichen Persönlichkeit hinstrebte.
2949.Den wahren Wert erhalten
die Wissenschaften erst durch eine Darstellung der menschlichen Bedeutung ihrer
Resultate.
2950.Nicht die Veredlung
eines einzelnen Seelenvermögens kann Endzweck des Individuums sein, sondern die
Entwickelung aller in uns schlummernden Fähigkeiten.
2951.Das Wissen hat nur
dadurch Wert, daß es einen Beitrag liefert zur allseitigen Entfaltung
der ganzen Menschennatur.
2952.Diese Schrift faßt
deshalb die Beziehung zwischen Wissenschaft und Leben nicht so auf, daß der
Mensch sich der Idee zu beugen hat und seine Kräfte ihrem Dienst weihen soll,
sondern in dem Sinne, daß er sich der Ideenwelt bemächtigt, um sie zu seinen menschlichen
Zielen, die über die bloß wissenschaftlichen hinausgehen, zu gebrauchen.
2953.Man muß sich der Idee
erlebend gegenüberstellen können; sonst gerät man unter ihre
Knechtschaft.