Neun Jahre haben wir mit unseren Katzen noch in dem kleinen Dorf am Rhein
gewohnt. Zwischen dem neuen Wintergarten und einer großen Garage wurde der
Garten mit einer hölzernen "Mauer" umgeben, die obendrein noch oben zur
Sicherheit einen Leichtstromdraht hatte, der bei Berührung einen leichten
Prickelstoß gab. Der wäre nicht nötig gewesen, denn keine der Katzen hat sich je
am glatten Holz herauf gewagt, aber er gab uns ein Gefühl von Sicherheit. Die
Garage wurde rundum isoliert und mit Heizung versehen. Auch die gehörte fortan
den Katzen, denn es waren noch immer zu viele, um sie alle zugleich im Hause
herumlaufen zu lassen. Das hätte, vor allem auf der Treppe, früher oder später
zu Unglücken geführt.
Die Katzen und wir gewöhnten uns schnell an die neue Umgebung. Wir hatten ein
Haus am Rande des Dorfes gekauft und zu Anfang konnten wir in der Ferne die
grünen Weiden mit grasenden Kühen und Pferden sehen. Neun Jahre später war so
viel um uns herum gebaut worden, daß wir fast das Gefühl hatten, in der Mitte
des Dorfes zu leben. Auch hier rückte die Menschheit vor.
In diesen neun Jahren hatten wir noch eine relativ große Katzenfamilie. Einige
alte Kätzchen starben, aber es kamen keine neuen mehr an ihre Stelle. Alles war
kastriert und sterilisiert, die Zeiten des "Vermehret Euch" waren vorbei.
Unsere Umzüge hatten immer unter dem Motto: "Jetzt wird alles schöner,
geräumiger, freier!" gestanden. Nur der letzte Umzug war schmerzlich, aber
unsere letzten Kätzchen und die Sorge um ihr Wohlergehen halfen uns über den
Abschied von unserem schönsten Lebensabschnitt hinweg. Katzen sind vorzügliche
Psychologen, sie wissen nur allzu gut, was ihre Menschen bewegt, ob sie froh
sind oder traurig oder gar krank. Dann kommen sie auf den Schoß und erzählen uns
spinnend, daß sie uns lieben und daß wir schließlich sie doch noch haben.
Man weiß längst, dass die Gesellschaft viel Geld für soziale Hilfe sparen
könnten, wenn alle älteren Leute Haustiere hätten. Viele Probleme, die durch
Einsamkeit entstehen, könnte man durch ein einfaches "Hausmittel" lösen: man
gebe einsamen Menschen ein Haustier, für das sie sorgen können und für das sie
sich verantwortlich fühlen, und es geht ihnen besser. Das wissen sogar die
Versicherungen und sozialen Einrichtungen. Hier in Holland wächst in schnellem
Tempo die Zahl der Seniorenheime, in denen es erlaubt ist, ein Haustier zu
halten. Die kleine Extramühe macht sich durch den besseren Gesundheitszustand
der Einwohner bezahlt.
Welch ein Glück, wenn ein einsamer, alter Mensch am Morgen aufsteht und einen
vierbeinigen oder auch geflügelten Hausgenossen vorfindet, der schon auf ihn
wartet. Nicht der leere Tag, den einsame Menschen oft vor sich liegen sehen,
sondern das Gefühl, für etwas Geliebtes sorgen zu dürfen, das sie ebenfalls
liebt... Diese Wechselwirkung von Liebe und Anhänglichkeit, von Sorge und
schmeichelnder oder Schwanzwedelnder Dankbarkeit, das ist die beste Medizin, die
es gibt.
Aber natürlich sind es nicht nur die Alten, deren Leben reicher wird, wenn sie
ein Haustier haben. Auch Familien mit Kindern, so hat man festgestellt, haben
eine festere soziale Struktur, wenn ein Haustier zugegen ist. Krankheiten
genesen schneller, wenn ein geliebtes Tier den Heilungsprozess beeinflussen kann.
Das wissen selbst Kinderkliniken gegenwärtig.
Wer gut beobachtet, wird feststellen, daß eine Familie mit einem oder mehreren
Tieren im Haus eine wärmere Atmosphäre ausstrahlt; es herrscht nicht die
Sterilität, die manche Haushalte so auszeichnet. Keine bessere Schulung zur
Toleranz als eine Katze oder ein Hund, die oder der seine Nägel oder Zähne in
den neuen Teppich setzt.
Fast alle meiner letzten Kätzchen waren Nachkommen meiner ersten Abessinier oder
Siamesen. Sie gaben mir das Gefühl, daß Assunta, Dalila, Cleo, Miranda, Sothis,
Iris, Faidra und Liekki nie ganz gestorben sind.
"Die Gene sind die Unsterblichen" sagt Richard Dawkins in einem der
interessantesten Bücher, die ich kenne: "The selfish Genes" (Die selbstsüchtigen
Gene). Das ist eine Theorie, die für meinen Verstand annehmbar ist, denn sie ist
nachweisbar, und auch für mein Gefühl, denn sie ist befriedigend. In diesem
Sinne haben meine Katzen doch ein wenig zum Weiterbestehen ihrer Art
beigetragen. Gerade so, wie unsere Kinder uns auch ein klein wenig unsterblich
machen.
Als wir etwa ein Jahr im neuen Haus wohnten, suchte ich eines Tages meine alten
Fotos heraus. Mein Mann besah sie mit mir und ich sagte zu ihm: "Kannst Du dir
vorstellen, daß wir hier Fotos von Tieren ansehen, die manche Menschen noch nie
gesehen haben? Man müsste eigentlich ein Fotobuch davon machen."
Mein Mann sagte: "Du hast doch deine alten Tagebücher. Sieh die doch auch einmal
wieder durch und schreib dann alle deine Erinnerungen auf. Zusammen mit den
Fotos könnte ein Buch daraus werden."
Die Idee habe ich aufgegriffen und begann, erst etwas zögernd, zu schreiben. Und
während des Schreibens fing alles wieder an, zu leben. Mein Mann las alles mit
und füllte es mit seinen Erinnerungen an.
Zeit zum Schreiben hatte ich jetzt, denn meine Aktivitäten im Katzensport hatte
ich fast gleichzeitig mit dem Umzug beendet. Zwischen 1961, als ich meine erste
Abessinierin bekam, und jetzt hat der Katzensport ein explosives Wachstum
erlebt. Dadurch ist ein Überschuss an Katzen entstanden, der für viele Katzen
verhängnisvoll ist. Tierschützer sind oft wahrhaft verzweifelt, wenn sie für die
vielen angebotenen Tiere keine Lösung finden können. Je länger je mehr darunter
sind auch Rassekatzen, deren man überdrüssig ist.
Die erste Rassekatzenausstellung fand 1887 im Crystal Palace in London statt.
Die erste amerikanische Katzenausstellung folgte 1895 und die erste deutsche
1897 in München. Damit startete das, was man die "Cat Fancy", oder, etwas
ehrlicher auf Deutsch: "Rassekatzenzucht" nennt. Zu Anfang gab es in jedem Land
nur einen Zuchtverein, aber schnell haben unterschiedliche Meinungen zu Spaltung
und zu immer mehr eigenständigen Vereinen geführt. Allein der FIFE (dem
Dachverband einer bestimmten Richtung in der Katzenzucht) gehören weit über
hundert Vereine auf dem europäischen Kontinent an, England nicht mitgezählt.
Unabhängige Katzenzuchtvereine gibt es allein in Europa mindestens dreimal
soviel. Überall auf der Welt
gibt es zahllose solche Zuchtvereine, von Südafrika bis Amerika und Canada, von
Neuseeland bis Australien. Es gibt sie auch in Rußland und Japan. Wenn man
bedenkt, daß ein solcher Verein jährlich hunderte, wahrscheinlicher noch
tausende von Stammbäumen ausstellt, dann wird einem erst die ungeheure Explosion
in der Katzenzucht deutlich. Das ist längst nicht mehr das niedliche Damenhobby
von einst. Ganze Industrien leben vom vorgefertigten Futter für die Millionen
Katzen, die da gezüchtet werden, und auch von den Luxusartikeln, die für sie
gekauft werden. Wen wundert es, wenn die Tierschützer verzweifelt um Verständnis
für den Überschuß und nach Mäßigung rufen? Innerhalb eines Jahrhunderts ist
Liebhaberei zur Industrie geworden. Ich habe die Entwicklung von 1960 bis fast
1990 verfolgt und frage mich heute, wie das weiter gehen soll. Es werden andere
sein, die eines Tages diese Frage beantworten müssen. Die neun Jahre in unserem
neuen Domizil in Driel dienten mir dazu, Abstand von alledem zu bekommen.
Ab und zu besuchten mein Mann und ich noch einmal unser geliebtes Ingen. Aber
auch dort war jetzt viel verändert. Wo einst Baumplantagen gestanden hatten,
standen jetzt neue Häuser. Unsere geliebten Bäume gab es nicht mehr, sogar der
schöne, alte Birnbaum, in dem die Eule gewohnt hatte, war gefällt. Die Hecke mit
ihren tausenden Vogelnestchen war auf ein Minimum herab geschnitten. Sogar der
antike, alte Heuschober stand nicht mehr da und der alte Brunnen war
verschwunden. Wo werden alle die Vögel geblieben sein, unsere Drosseln, die
Finken, Rotkehlchen, Meisen und Zaunkönige?
Mein Mann sagte auf einmal: "Das ist alles symbolisch für die Zeit, in der wir
leben. Von unseren alten Werten bleibt nicht viel mehr übrig. Unsere Zeit ist
vorbei."
So ist es wohl. In relativ kurzer Zeit ist die Zahl der Menschen so gestiegen,
daß für die Natur kein Platz mehr ist. Täglich sterben Tier- und Pflanzenarten
aus und damit ist das Ende dieser Erde in ihrer natürlichen Form
vorprogrammiert. Wie werden unsere Generationen einmal von unseren Nachkommen
beurteilt werden? Vorausgesetzt, daß sie dann im Kampf ums Überleben überhaupt
noch Zeit haben werden, darüber nachzudenken.
Es gibt eine Prognose des Umweltexperten John Cairnes von der Universität
Virginia. Er hat ausgerechnet, wie es um die Erde stehen würde, wenn es keine
Menschen mehr auf Erden gäbe.
Bereits nach drei Wochen würde der für Tiere so unangenehme Duft der Menschen
verschwunden sein. Tiere würden die leeren Häuser beziehen und sich über die
vielen nutzlosen Gegenstände darin wundern.
Nach etwa zwölf Wochen wären die Gärten wieder von Singvögeln, Hasen, Kaninchen
und Eichhörnchen bewohnt.
Schon dreißig Wochen danach würden die Biber wieder ihre Dämme in die Flüsse
bauen können, die Füchse würden die noch übrig gebliebenen Nahrungsreste der
Menschen aufstöbern und verzehren.
Zwei Jahre später wären dann unsere hässlichen Autobahnen wieder mit wilden
Pflanzen überwachsen. Die Wildtiere, die die Menschenherrschaft überlebt haben,
würden langsam zurückkommen.
Vier Jahre danach wüchsen schon junge Bäume an den Fassaden der Häuser entlang
und zwischen fünf und etwa zwanzig Jahre später würden Hirsche und Rehe und
andere Tiere die unverdauten Saatkörner von vielerlei Pflanzen über das Land
verbreiten; die allerschönsten wilden Bäume würden zurückkommen.
Andererseits würden auch Tiere aussterben, nämlich alle die, die vom Menschen
profitiert haben: die Ratten und Mäuse, Ungeziefer, alle die, die vom Abfall der
Menschen leben, sie würden, so sie nicht ganz verschwinden, doch erheblich
weniger werden. Andere Tierarten, die "zahm" waren, würden wieder in ihren
Naturzustand zurückfallen, wie z.B. die Schweine, Pferde, Katzen und Hunde.
Bereits nach hundert Jahren würde Europa aussehen, wie der Urwald von Mexico.
Nach tausend Jahren würden Präriegebiete die ganze nördliche Halbkugel der Erde
überdecken. Die Welt würde aussehen, wie ein einziges, großes Wildreservat. Dann
wäre das Paradies zurückgekommen ! ....
- So weit John Cairnes.
Wir hoffen natürlich, daß der Zukunftstraum von John Cairnes nicht zur Wahrheit
wird, schon unserer Nachkommen wegen. Wir stecken schließlich, bei aller Liebe
zu den Tieren, doch in unserer menschlichen Haut.
Ich habe jetzt ein langes Leben hinter mir, ein Leben, in dem unvergessliche
Tiere eine bedeutende Rolle gespielt haben. Ich bin dankbar, daß ich das alles
erleben durfte und fühle die Verpflichtung, meine Erfahrungen vor dem
Vergessenwerden zu bewahren. Ich bin auch dankbar, daß mir die Zeit gegönnt ist,
meine Erinnerungen aufzuschreiben. Ich hoffe, daß ich damit erreicht habe, daß
auch andere sich vorstellen können, wie viel Charakter und Fähigkeit zu Liebe und
Treue auch in den Tieren vorhanden war, die sinnlos vernichtet wurden und noch
werden.
Als 1975 der Herzspezialist zu meinem Mann sagte: "Wenn Sie nicht sofort
operiert werden, dann werden Sie höchstens noch drei Wochen leben, aber wenn Sie
sich operieren lassen, können wir damit Ihr Leben wohl um etwa zehn Jahre
verlängern.", waren wir sehr dankbar. Zehn Jahre erschienen uns wie ein Geschenk
der Vorsehung. Es sind 21 Jahre geworden, aber es waren zu wenig.
Noch immer komme ich ab und zu nach Ingen, dem Ort, wo wir so glückliche Jahre
verlebt haben. Dort, wo unsere Schafe grasten, grasen jetzt ein paar Esel. Unser
früherer Nachbar, der das Land gekauft hat, hält sie aus Liebhaberei. Seine Frau
sagte kürzlich zu mir: "Die meisten Esel auf der ganzen Welt haben ein so
trauriges Dasein. Diese hier sollen es wenigstens gut haben." So erfüllt unser
kleines Stückchen Erde, das wir so liebten, doch noch einen guten Zweck. Es ist
gut, das zu wissen.
Wenn ich in Ingen bin, blicke ich an unserem alten Haus vorbei über die Felder
zum weiten Horizont, an dem wir so oft den Sonnenuntergang beobachteten. Langsam
sinkt die Sonne hinab in das unbekannte Land in dem die Träume und die
Erinnerungen wohnen. Dann denke ich an das Wort von Marie von Ebner-Eschenbach:
"Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden
können!"
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