Ein Buch wie dieses muß notgedrungen zum groβen Teil autobiografisch
werden, wie jedes Buch über Tiere, das nicht fiktiv oder ein reines
Sachbuch ist. Das Los der Tiere, die man "besitzt" (ein Wort gegen das
mein Gefühl sich sträubt, das aber immer noch Gültigkeit hat), hängt eng
mit unserem Los zusammen. Sie sind, soweit man ihnen nicht die Freiheit
läßt, d.h. lassen kann, in fast allem von uns abhängig. Die Freiheit ist
gegenwärtig aber fast nirgendwo mehr "frei". In den Städten gibt es kaum
Lebensraum genug für die alles überherrschenden Menschen und noch weniger
für Tiere und die Wälder werden abgeholzt und verschwinden.
Das Schicksal der Tiere ist an unseres gekettet und wie sehr wird unseres
oft durch Zufälle geleitet. Meinen Mann lernte ich kennen, weil ich meinen
Fahrradschlüssel verloren hatte. Sonst wäre ich ihm wohl nie begegnet. Und
wer auf Erden hätte mir Katzennärrin je soviel Spielraum für meine
Liebhaberei gegeben und sogar aktiv daran teilgenommen? Damals also
entschied sich insgeheim nicht nur mein Schicksal, sondern auch das
Schicksal meiner Katzen bis heute.
Sogar ein so leicht dahin geworfener Satz, wie ich ihn zu Frau Dietze auf
der Ausstellung in Den Haag sagte: "Wenn Sie Assunta einmal nicht mehr
haben wollen, dann schicken Sie sie zu mir." war schicksalbestimmend.
Assunta nicht mehr haben zu wollen, das gehörte zu den absoluten
Unmöglichkeiten. Ich hätte ebensogut sagen können: "Wenn Ihre Katzen
einmal Flügel bekommen, will ich das gern sehen." oder irgend etwas
anderes vollkommen Unsinniges. Doch hat dieser Satz mein ganzes Leben weit
mehr beeinflusst, als ich es für möglich gehalten hätte. - Ob zum Guten
oder zum Schlechten? - man weiß ja nie, wie es sonst anders verlaufen
wäre.....
Der Frühling 1962 war freundlich und sonnig. Oft konnten schon die Türe
zum Garten den ganzen Tag über offen bleiben. Pfirsich- und Morellenbaum
blühten und Buena und Candy benutzten sie als Kletterbäume. Wieder fiel
uns auf, welch eine gute Tarnung ihr geflecktes Fell war. Im Laub konnte
man sie manch mal erst dann entdecken, wenn man genau hinsah. Die
schwarzen Flecken auf dem goldgelben Untergrund waren wie Sonne und
Schatten im Sommerwald.
Es wurde immer schwieriger Buena und Candy am Abend zu bewegen, ins Haus
zurückzukommen. Unsere Nachttiere wollten die Nacht gar zu gern in der
freien Natur verbringen. Aber ganz abgesehen davon, daß die Nächte noch
ziemlich kalt waren, würden wir uns auch nicht getraut haben, sie da
draußen zu lassen. Buena hatte, wenn es dunkel wurde, so ein
abenteuerliches Glitzern in den Augen, das unser Vertrauen in die absolute
Sicherheit des Maschendrahtes etwas ins Wanken brachte. Dann saß sie da
auf dem Kletterbaum oder der Leiter, die wir zum Klettern in den Garten
gestellt hatten und ihre Ohren waren heftig in Bewegung, um alle
nächtlichen Geräusche aufzunehmen.
Zu Anfang hatten diese Ohrbewegungen uns übrigens ziemlich beunruhigt. Wir
dachten, daß Buena Schmerzen an den Ohren hätte oder Jucken. Wir
untersuchten sie genau, aber die Ohren sahen völlig gesund aus. Bis wir
dann endlich entdeckten, daß ihre Ohren nur dann still standen, wenn es
ganz ruhig im Zimmer war. Das haben wir dann ausprobiert, -bei jedem
Geräusch, das wir machten oder das sonstwie zu hören war, fingen ihre
Ohren wieder an, sich heftig zu bewegen. Allerdings hatte sie ein viel
schärferes Gehör als wir. Dagegen hatten wir den Eindruck, daß ihr
Sehvermögen am Tage nicht grade überdurchschnittlich war. In der Dämmerung
dagegen sah sie Dinge, die wir nicht entdecken konnten.
Dinge, wie wir nicht sehen konnten, sah Buena allerdings auch oft am Abend
im Zimmer. Oft geschah es, daß sie völlig fasziniert in eine Ecke des
Zimmers blickte, etwas verfolgte, das wir beim besten Willen nicht sehen
konnten. Zu Anfang wirkte das auf uns fast ein wenig unheimlich.
Das gab dann Anregung zu Diskussionen zwischen meinem Mann und mir. Mein
Mann, der aus dem nördlichen Holland stammt und eigentlich der nüchternere
von uns beiden sein müßte, fand es ganz natürlich, daß Buena Dinge sehen
konnte, die nicht für unsere Augen bestimmt waren. Ich dagegen weigerte
mich, an "sowas" zu glauben und behauptete, daß da irgendein Insekt
herumfliegen müßte, das so klein wäre, daß wir es nicht sehen könnten.
-Ich schiebe das endgültige Urteil immer noch auf.
Eine Woche vor Pfingsten bekam ich einen Anruf aus Deutschland von Frau
Dietze. "Frau Falkena, Sie sagten doch auf der Ausstellung, daβ Sie sich
so sehr für meine Assunta interessierten? Leider muß ich aus persönlichen
Gründen alle meine Katzen abgeben. Wollen sie Assunta immer noch haben?
Sie ist inzwischen Champion." Frau Dietze nannte den Preis und der war für
damalige Zeiten nicht gering, aber dem besonderen Wert eines so schönen
Tieres entsprechend.
Ich sagte, daß ich das erst einmal mit meinem Mann besprechen müßte.
Meinem Mann hatte ich lange und begeistert von der schönen Abessinierin
vorgeschwärmt, die ich in Den Haag gesehen hatte. Er wußte, wovon ich
sprach. Er hörte sich die Geschichte an und sagte etwas, was typisch für
ihn war. "Man weiß nie, ob es richtig ist, das zu bekommen, was man sich
grade wünscht. Aber wenn du dieses Kätzchen jetzt nicht kaufst, wirst du
dein Leben lang denken, daß du es hättest tun sollen. Also kauf es." Das
war so seine Art die Dinge zu sehen und man mußte schon einen starken
Charakter haben, um dann noch zu sagen: "Nein, danke. Ich muß noch einmal
darüber nachdenken."
Zu Pfingsten kam Frau Dietze und brachte Assunta mit. Wir hatten
verabredet, daß sie sich erst einmal persönlich davon überzeugen sollte,
daß von Seiten der Wildkatzen für Assunta keine Gefahr drohte. Nun, die
Wildkatzen benahmen sich vorbildlich und keineswegs "wild" und Assunta saß
bei Frau Dietze auf dem Schoß, als ob sie mit ihr zusammen bei uns zu
Besuch wäre. Sie war ja schon oft mit ihrem Frauchen auf Reisen gewesen,
um Ausstellungen zu besuchen.
Frau Dietze blieb ein paar Stunden, dann mußte sie wieder nach Hause und
ließ Assunta bei uns. Assunta wollte mit zur Tür gehen ("Jetzt gehen wir
also zusammen wieder fort"...) aber wir schlossen die Tür schnell vor ihr.
Ich brachte Frau Dietze zum Auto, winkte ihr nach und ging wieder in die
Stube. Da saß Assunta auf der Fensterbank und sah dem verschwindenden Auto
nach. Wir wollten sie streicheln, trösten, aber sie bemerkte uns kaum.
Zwei Tage lang hat sie dort fast ununterbrochen gesessen, auf dem Platz
vor dem Fenster, dann endlich konnten wir sie dazu bewegen, etwas Futter
von uns anzunehmen. Wenn Frau Dietze sie hätte behalten können, dann hätte
ich sie ihr gleich zurückgebracht, so leid tat mir das arme Tier. Später
hat Assunta uns gegenüber dieselbe Anhänglichkeit gezeigt, wie ihrer
ersten Besitzerin gegenüber. Sie liebte uns und wir liebten sie. Sie war
eine ausgesprochene "Menschenkatze", die gern auf den Schoss kam. Sie
lebte zwar in Frieden mit den anderen Katzen, aber sie hat sich nie so
innig mit den anderen befreundet, wie wir es von denen gewohnt waren, die
immer die Nähe der anderen suchten, immer zu zweit oder zu dritt auf
Stühlen und in Körbchen lagen. Buena gebrauchte wieder ihr altes
Zaubermittel, mit dem sie "die Neue" von ihren guten Absichten überzeugte:
sie machte sich kleiner als sie war oder suchte sich einen tiefer
gelegenen Sitzplatz.
Auf der ersten Ausstellung, zu der ich Assunta brachte, bekam sie ihr
erstens CACIB (das ist einer von drei Schritten zum internationalen
Champion). Aber als ich dachte, daß die Schau vorbei war und ich Assunta
schon in ihr Transportkörbchen gepackt hatte, wurde auf einmal mein Name
gerufen und der von Assunta. Als ich nachfragte, was man von mir wollte,
wurde mir gesagt, daß ich mit Assunta auf die Bühne kommen müßte, Assunta
wäre "Best in Show" geworden, d.h. sie wurde als die beste von allen
Katzen auf der Ausstellung beurteilt. Assunta und ich ernteten an jenem
Tage viel Lob, eine Goldmedaille und eine Menge Neid. Die beiden letzteren
erwiesen sich als äußerst haltbar.
Ein vernünftiger Mensch hätte die Ausstellungsabenteuer in diesem
Augenblick beendet, als es am Schönsten war. Leider bin ich kein
vernünftiger Mensch. Erst war ich nur so zum Spaß zu den Ausstellungen
gefahren, jetzt war es fast eine Verpflichtung, Assunta überall zu zeigen.
Diese Abessinierin war so vollkommen, wie aus dem Bilderbuch. Immer wurde
sie bewundert. Auch ihre Nachkommen waren fast ohne Ausnahme schön und
erfolgreich. Das alles brachte mir damals in Holland den Namen ein, daß
ich der Abessinierzucht viele Impulse gegeben hätte. Ich habe das damals
in vollen Zügen genossen, mich voller Begeisterung in die Welt des
Katzensports gestürzt.
Das alles hatte ich nicht geahnt, als ich Assunta kaufte. Es hat mein
Leben grundlegend verändert und mich erst endgültig in die Arme des
Katzensports getrieben. So schlägt das Schicksal manchmal zu. - Gute oder
schlechte Erfahrung: lernen kann man in jedem Fall davon.
Die Welt des Katzensports ist eine bunte und sehr verschiedenartige Welt.
Die unterschiedlichsten Menschentypen zieht sie in ihren Bann. Für mich
hatten diese Ausstellungen auch noch darum eine besondere Anziehungskraft,
weil sie eine ausgesprochene internationale Atmosphäre ausstrahlten. Ich
war in einer Zeit als Deutsche nach Holland gekommen, die nicht grade die
günstigste war, ein Jahr nach dem Kriege.
Es war nicht leicht, da mit einem deutschen Akzent durchs Leben zu gehen.
Ich hatte das Gefühl, daß ich nicht nur Bürger zweier Nationen, sondern
eher Bürger zweier Welten war. Meine kleine Welt zu Hause war harmonisch
genug, daran hatten auch die Tiere ihren Anteil. Aber "da draußen" sah
alles ganz anders aus. Mir wurde ungefragt ein kleiner Nach-Krieg
aufgelegt, sobald ich mit Fremden ins Gespräch kam. Das gab mir ein Gefühl
der Wehrlosigkeit.
Von deutscher Seite war wenig zu erwarten, da war man in der "mea culpa"
Phase. Die lag mir nicht so, zu der fühlte ich mich auch nicht
verpflichtet. Ich hatte keine Lust mir ein Bußkleid anzuziehen, weil
andere vor mir irgendwelche schrecklichen Dinge getan oder auch nicht
getan hatten. Andere, die sowieso nicht auf mich gehört hätten, wenn ich
mir Gedanken über ihr Tun und Lassen gemacht hätte. Eine Demutshaltung, so
wie Buena sie bei Candy annahm, also gegenüber den Schwächeren, ist sicher
großartig und hilfreich, aber dem Stärkeren, dem Sieger gegenüber ist sie
unsinnig und entehrend. Das ist wenigstens meine Meinung. Den Stärkeren
braucht man nicht aufzubauen, der baut sich selbst schon auf.
Sicher, ich hatte in den ersten Jahren ein paar liebe und gute Freunde
gewonnen, aber beim Einkaufen z.B. oder in ganz unerwarteten Situationen
konnte man doch ziemlich diskriminiert werden. So suchte ich nach einer
Relativierung der in Kriegs- und Nachkriegszeiten aufgeputschten
Nationalitätsgefühle, von denen ich umgeben war, und fand sie auf den
Katzenausstellungen. Dort war man nicht Holländer oder Franzose oder
Deutscher, sondern der Züchter oder die Züchterin von der und der Katze
von dieser oder jener Rasse. Das war sehr wohltuend.
Ich erinnere mich noch gern an ein Erlebnis, das ich auf der ersten
Ausstellung in Paris hatte: Ich stand vor dem Käfig von Cleoni und
plötzlich stand ein Herr vor mir, der auf fliessend Französisch ein
Loblied auf Cleonie sang, "Une chatte si douce et élégante, n'est-ce pas?"
Da von den vielen Mühen, die unsere gute Frau Dr .Schulz sich mit uns
kleinen Mädchen im Städtischen Oberlyzeum zu Minden gegeben hatte, uns die
Geheimnisse der französischen Sprache zu offenbaren, nicht viel mehr übrig
geblieben war und das wenige sich auch nur sporadisch manifestierte, hielt
ich es bei einem zustimmenden: "C'est vrai!" und sonst nichts. Das
wiederum hatte einen neuen Strom von neuen französischen Vokabeln zur
Folge, deren Sinn mir nun doch nicht mehr ganz deutlich wurde. Fest
entschlossen versuchte ich dem Gespräch eine Wendung zu geben mit einem: "Could
we speak English, please?"
Der Herr sah aus, als ob das kein Problem für ihn wäre und das war es auch
nicht. Er ging sofort fliessend auf Englisch über. Jetzt verstand ich ihn
und konnte ihm antworten. Aber irgendwie ist mir im Laufe des Gespräches
doch wohl ein deutsches Wort in einen der Sätze geschlichen, was den
höflichen Herrn sofort zu einem: "Wenn Sie lieber Deutsch sprechen
wollen.?...."anregte.
"Gern," sagte ich, und er: "Sind Sie Deutsche?"
"Von Geburt, ja. Seit meiner Heirat bin ich Holländerin."
"Dan kunnen wij ook nog Nederlands praten" ("Dann können wir auch noch
Holländisch reden"), sagte mein Gesprächspartner und er erzählte mir, daß
er in Holland geboren sei, aber jetzt schon lange in der Schweiz lebe.
So international waren die Ausstellungen und grade das tat mir gut.
In den letzten zwölf Jahren, in denen ich noch zu Ausstellungen fuhr, war
ich oft nicht mit meinen eigenen Katzen, sondern als Mitglied der Jury
dabei. In der Zeit habe ich viele herrliche Tiere gesehen, manche so
schön, daß noch jetzt ab und zu auf einmal ein Bild in meiner Erinnerung
auftaucht. Auch viele Menschen habe ich kennengelernt, in verschiedenen
Ländern habe ich Freunde gewonnen, mit denen ich noch heute in Kontakt
stehe. Aber leider habe ich auch viele Menschen erlebt, die meine Meinung
über die Menschheit im Allgemeinen nicht gerade verbessert haben. Die
Katzen haben da besser abgeschnitten.
Wenn ich heute noch einmal dort anfangen könnte, an jenem Pfingsttag, als
Assunta zu uns kam, dann würde ich sie wieder zu mir nehmen, ich würde
Abessinier um mich herum haben wollen, als Freunde für mich und für meine
Wildkatzen. Aber ich würde, statt Rassekatzen zu züchten, deren es
heutzutage durch "Überproduktion" ohnehin mehr als genug gibt, mich lieber
für den Erhalt der Wildkatzen einsetzen. Aber wie konnte ich damals ahnen,
daß ich es noch erleben würde, daß die südamerikanischen und alle anderen
Wildkatzen heute vom Aussterben bedroht sind, soweit sie nicht bereits
ausgestorben sind?
Meinem kleinen Paradies zu Hause schienen meine Reisen nicht zu schaden.
Ich hatte eine sehr reizende und liebevolle Assistentin, die die Tiere
genau so liebte wie wir und die sie zusammen mit meiner Familie zärtlich
versorgte.
Einen Versuch zum Erhalt der Wildkatzen habe ich trotzdem gemacht, indem
ich noch einmal nach Ecuador schrieb. Ich schickte Fotos von Buena mit und
erkundigte mich nach einem kleinen Margaykater, einem BUENO für Herrn
Professor Leyhausen. Damit spielte ich leider Schicksal für ein Tier
völlig anderer Art, ganz ohne es zu wollen. Das ist leider eine traurige
Geschichte, die mir noch heute weh tut.
Assunta hat noch zehn Jahre bei uns gelebt, dann mußten wir sie
einschläfern lassen, weil sie Brustkrebs hatte. Ich habe um sie getrauert,
wie um einen Menschen. Ohne sie wäre mein Leben wohl völlig anders
verlaufen. Es wird schon einen Sinn gehabt haben, daß sie zu uns kam.
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