Ein Versprechen muß man halten.
"Where nature's end of language is declined
and men talk only to conceal their minds."
(Eduard Young: "Universal Passion".)
Candy, die kleinste der Katzen in unserem Haushalt war in keiner Hinsicht
den anderen unterlegen. Sie passte sich den Gewohnheiten des Haushalts an,
ohne ihre beinah hoheitsvolle Haltung aufzugeben. Sogar Buenas Körbchen
pflegte sie ab und zu zu annektieren. Merkwürdigerweise gab es darüber
niemals Streit. Wer zuerst kam, hatte die ersten Rechte. Das hat uns
damals ziemlich verwundert; es war ja eigentlich Buenas "Höhle" und ihr
Eigentum und sehr persönliches Territorium. Sowohl Buena als auch Candy
teilten jede diesen Platz gern mit Cleo oder Jantje, gelegentlich auch,
aber seltener, mit einer der anderen Katzen, aber nie miteinander. Im
Palast ist Raum für einen König und viele Untertanen, aber nicht genug
Platz für zwei Könige.
Daran, daß Candy uns als Familie akzeptierte aber vor Fremden weiter Angst
hatte, gewöhnten wir uns. Es war auch kein Problem, sie durfte
schließlich im ganzen Hause herumlaufen, wo sie wollte, und wir hatten zum
Glück noch keine Ahnung von dem, was mit Candy an "publicity" auf uns
zukommen würde.
Jetzt wird es Zeit, daß ich von ein paar Ereignissen berichte, die sich
zwischenzeitlich zugetragen hatten. Sie erschienen auch erst nicht so
wichtig, aber sie hatten später doch einen ziemlich großen Einfluß auf den
weiteren Verlauf der Ereignisse.
Ich war, als stolze Besitzerin einer Abessinierkatze, Mitglied bei einem
dieser Vereine geworden, die - so steht meist in den Vereinsregeln- sich
die Erhaltung und die Zucht von Rassekatzen zum Ziel setzen. Der Verein
gab eine Zeitschrift heraus, in der man unter anderem lesen konnte, wann
und wo Katzenausstellungen stattfanden.
Dadurch ermutigt, hatte ich mich im Herbst 1961 mit Jantje und Cleoni auf
die Reise nach Paris gemacht zur - damals - größten Katzenausstellung in
Europa. Ich habe sehr schöne Erinnerungen an diese Reise: das
sonnig-herbstliche Paris, die Ausstellung in einer so freundlichen,
festlichen Atmosphäre, die mit den Ausstellungen heute nicht zu
vergleichen ist. Das Schönste war natürlich der "Erfolg", den ich mit
meinen beiden Lieblingen hatte. Der Preis, den Cleo damals gewonnen hat,
ein silberner Teller mit der Inschrift: "Cleoni, Paris 1961" steht heute
noch in meinem Wohnzimmer. Aber auch Jantje wurde vorzüglich beurteilt als
"Europäische Kurzhaarkatze, gefleckt". Sein Fleckenmuster sei fehlerlos,
so meldet der Richterbericht.
Dieser Erfolg ermutigte mich, nun auch an einer Ausstellung in Den Haag
teilzunehmen. Hier hatte Cleoni allerdings eine starke Konkurrenz. Sie
wurde "nur" zweite. Die erste wurde eine Abessinierkatze aus Deutschland:
"Assunta von Ras Daschan", die wirklich noch schöner war, als meine schöne
Cleoni. Ich gratulierte der Eigentümerin, Frau Dietze, und erzählte ihr
von meinem Briefwechsel mit Mrs. Winsor, die damals geschrieben hatte:
"Sie suchen die unmögliche Katze." Assunta, so meinte ich, sei dem
Prototyp der perfekten Abessinierkatze wohl wirklich sehr nah. Ich
verabschiedete mich später von Frau Dietze mit einem dieser leichten
Scherze, die man so macht: "Wenn Sie die Assunta einmal nicht mehr haben
wollen, Frau Dietze, dann lassen Sie sie bitte in meine Richtung laufen!"
- Gedacht habe ich mir dabei überhaupt nichts. Frau Dietze und Assunta
schienen mir unzertrennlich.
Mit Mrs. Winsor stand ich auch noch in lebhaftem Briefwechsel. Sie war
eine wundervolle Lady und jeder ihrer Briefe war eine Freude zu lesen. Für
"Our Cats", die englische Katzenzeitschrift, schrieb sie interessante
Artikel und sehr talentvolle Gedichte.
Jemand hatte mich auf den "Long Island Ocelot Club" in Amerika aufmerksam
gemacht. Ich wurde Mitglied und erhielt seitdem die Vereinszeitschrift.
Obschon die Mitglieder des Vereins durchwegs größere Wildkatzen hatten als
ich: Ozelots (richtige, die schlieβlich zweimal so groß sind, wie unsere
Buena), Pumas und ähnliches, so lernte ich doch ungeheuer viel aus den
Erfahrungen der Mitglieder, die in der Zeitschrift, dem "Long Island
Ocelot Newsletter" berichtet wurden. Ich habe später durch Briefwechsel,
die im Laufe der Zeit mit den Mitgliedern des Vereins entstanden, manchen
guten Rat erhalten.
So saß ich bald an den Abenden nicht mehr mit einer Strickarbeit zwischen
Mann und Katzen im Wohnzimmer, sondern schrieb Briefe an Katzenfreunde
überall auf der Welt. Oder ich las Katzenzeitschriften, die nun in
steigender Zahl ins Haus flatterten. Diese Beziehungen nun, so dachte ich
mir, würden mir zu Gute kommen, wenn ich mein Versprechen einlösen wollte,
das ich an Herrn Verolme gegeben hatte, als ich ihn um eine Wildkatze bat.
Ich hatte Candy schließlich unter der Bedingung bekommen, daß ich bei
allen Veröffentlichungen über sie den Namen "Verolme" nennen würde. Ich
war so glücklich über Candy, daß es mir geradezu eine Freude war, etwas
zum Dank zurück tun zu können.
Also schrieb ich begeisterte Berichte über meine Wildkatzen und schickte
sie in die Welt hinaus: erst an die holländische Vereinszeitschrift, dann
an "La Vie Feline" in Frankreich, an "Cats" in Amerika, an "Die Edelkatze"
in Deutschland und an "Our Cats" in England. Wenig wußte ich damals noch
von dem, was in Industriekreisen unter "publicity" verstanden wird.
Jedenfalls etwas anderes als ein Artikel in einer Katzenzeitschrift.
Es kam ein Anruf von einem Herrn van der Hoest, der sich als der
Pressechef der Firma Verolme vorstellte und fragte, ob er eine kleine
Reportage über meine Wildkatze aus Brasilien für die Betriebszeitschrift
der Firma Verolme machen könnte, wenn möglich gleich morgen Nachmittag.
Dann könne der Bericht noch in der nächsten Ausgabe der "Verolme Nieuws"
erscheinen.
Natürlich sagte ich, daß es mich freuen würde, und so stand Herr van der
Hoest am nächsten Tag pünktlich vor der Tür. Er war in Begleitung eines
Fotografen, den er allerdings genau so gut zu Hause hätte lassen können,
denn von Candy war nicht viel mehr zu sehen, als ein letztes Stückchen
Schwanz, das noch unter dem Schrank hervor sah. Als ich sie mit einem
Stückchen Fleisch hervorlocken wollte, kam sie erst, aber als sie die
fremden Leute sah, flog sie blitzschnell von der einen Ecke des Zimmers in
die andere, unter das Sofa. Der Herr Pressechef war aber sehr
verständnisvoll und freundlich und nahm vorlieb mit einem der Fotos, die
ich selbst schon gemacht hatte und mit dem, was ich über Candy erzählte.
Als er fort ging, hatte ich ihm versprochen, daß ich für eine spätere
Nummer der "Verolme Nieuws" einen ausführlichen Bericht schreiben würde.
In der Tür drehte Herr van der Hoest sich noch einmal um: "Ach ja, wir
werden auch wohl noch eine Nachricht an die Presseagentur herausgeben. Es
kann also sein, daß sie hier noch ein paar Reporter zu Besuch bekommen,
das ist ihnen doch sicher recht?.....
Ein Exemplar der "Verolme "Nieuws" mit dem Foto von Candy wurde mir
zugeschickt. Im Begleitartikel wurde erzählt, daß Herr Verolme mir auf
meine Bitte eine brasilianische Wildkatze mitgebracht hätte, die von mir
inzwischen in ein Spielzeugpantherchen verwandelt sei, das "wie ein
Häschen mit zwei Pfoten zugleich" jetzt durch mein Haus springen würde.
Obwohl hier der Wirklichkeit etwas Gewalt angetan wurde, war ich doch sehr
gerührt und habe mir dann für meinen vier Seiten langen Bericht für die
nächste Zeitschrift der "Verolme Nieuws" viel Mühe gegeben. Ich wußte
nämlich inzwischen, daß die gut versorgte Betriebszeitschrift der Verolme
Werften in verschiedenen Übersetzungen auch in den Schwesterbetrieben in
Irland, Brasilien, Mexico und Norwegen gelesen wurde. So konnte ich gleich
versuchen, für etwas mehr Verständnis für die südamerikanischen
Tigerkatzen zu werben.
Die "Presse" kam dann tatsächlich. Meist kam sie zu zweit, ein Reporter
bewaffnet mit Schreibmaterial, der andere mit einer Kamera. Sie stellten
sich als Reporter dieser oder jener Zeitung oder Zeitschrift vor und
fielen gleich mit den Fragen ins Haus. Ich pflegte dann Tee anzubieten zur
Entspannung der Atmosphäre und war naiv genug, um auf alle Fragen, oft
sehr persönliche, frei von der Leber weg zu antworten.
Tonbandkassetten, wie heutzutage, waren damals noch nicht so allgemein
üblich, es wurde noch eifrig Stenografiert. Da ich noch lange nicht
erfahren genug war, um vorher ein kleines Resümee aufzustellen, das ich
mitgeben konnte, waren die Resultate oft einigermaßen verblüffend. Ich
habe noch immer eine Mappe voll mit diesen Kuriositäten. Das Verzwickteste
an der ganzen Sache war natürlich, daß die Hauptperson, Candy, sich der
ganzen Publizität entzog. Wenn die Türglocke ging, verschwand sie gleich
unter dem erstbesten Schrank, in Buenas Körbchen, oder sie suchte volle
Deckung bei einer der anderen Katzen. Die Wohnzimmertür hielt ich meist
schon lange vorher geschlossen, damit Candy nicht nach oben ins Haus
flüchtete, was zweifellos eine Presse-Invasion in die oberen Geschosse
ausgelöst hätte. Aus ihrem Versteck hervor jagen wollte ich die arme Candy
nun auch nicht. Ich wußte wieviel Angst sie vor den fremden Leuten haben
würde.
So traf es sich gut, daß Buena den ganzen Rummel immer in vollen Zügen
genoß. Wie ich schon sagte, hatte sie einen ausgeprägten Sinn für Humor.
Sie stahl Handschuhe, Fototaschen und was sich sonstwie schleppen ließ.
Sie thronte auf der Garderobe, wenn die Besucher ihren Mantel anziehen
wollten und sich nicht trauten, ihn unter ihr fortzuziehen, oder sie
demonstrierte soziales Verhalten mit den anderen Katzen. Ab und zu gab sie
auch eine Nummer Akrobatik in den Gardinen zum besten.
Inzwischen erzählte ich gelassen, (ich war den ganzen Zauber inzwischen
gewöhnt), daß ich eine so schöne Wildkatze von Herrn Verolme bekommen
habe, die von der Verolme Werft in Jacuacanga komme. Obendrein sei Candy
nicht nur eine schöne, sondern auch sehr interessante Katze, eine Oncilla
(ja, O-N-C-I-L-L-A), also ein sehr seltenes Exemplar der zweitkleinsten
Wildkatzensorte der Welt. Die bisher kleinste Wildkatze ist Felis nigripes
(zu deutsch: Schwarzfußkatze) in Afrika. Ich ließ auch nicht unerwähnt,
daß über das Leben dieser kleinen Wildkatzen im Urwald fast noch nichts
bekannt sei. Daraufhin machte dann der Fotograf ein paar schöne Fotos von
Buena, die sich geradezu als Fotomodel anbot! Buena war inzwischen mehr
als einen Meter lang, allein der Schwanz nahm davon schon etwa 40 cm in
Anspruch, aber das fiel offenbar weiter nicht auf.
Am nächsten Tag stand Buena dann an Candys Stelle als "zweitkleinste
Wildkatze der Welt" strahlend in der jeweiligen Zeitschrift oder Zeitung.
So haben wir fröhlich und unverzagt zu der allgemeinen Verwirrung um die
Wildkatzen der dritten Welt beigetragen. Es ließ sich nicht verhindern.
Das war eine merkwürdige und manchmal mehr oder weniger amüsante Weise,
mich für Candy zu bedanken.
Nun ergab sich zwangsläufig, daß Gott und alle Welt von meinem
Wildkatzenfimmel wuβte und ich mich vor Besuchern, die "das" sehen
wollten, kaum mehr retten konnte. Ich teilte sie nach einer Weile in drei
Gruppen ein: die nur Neugierigen, die ernsthaft Interessierten und die
Interessanten.
Die Neugierigen sagten Dinge wie: "Ach, wie niedlich, wo kann man die
kaufen?" oder: "Richtige kleine Pelzmäntelchen." oder auch :"Beißen die?"
Auf die Dauer fand ich eine Methode, wie ich solche Leute höflich aber
bestimmt in kürzester Zeit wieder hinauskomplimentieren konnte. Buena
hatte bestimmte Sympathien und Antipathien gegenüber unseren Besuchern.
Manche liebte sie geradezu, andere wiederum hielt sie auf Abstand und
besah sie geradezu nachdenklich.
Und dann war da noch die Dame, die beim Anblick von Buena sagte: "Bah, das
ist ja zum Gruseln. Ich habe eine viel schönere Katze!" Sie hatte die
Fotos griffbereit in der Tasche und zeigte mir ihre Perserkatze von
rechts, links, vorne und hinten im Postkartenformat. Fast keine Nase,
Augen etwas tränend, sah sie ergeben den Zuschauer an. Mir tut sowas immer
leid, aber ich sagte höflich: "Wirklich wunderschön." ("Wat de ein sin Uhl
is, is de ander sin Nachtegal", dachte ich). Die Dame sah sich noch einmal
nach Buena um: "Nein, sowas käm' bei mir nicht ins Haus." Sie packte ihren
sprachlosen Mann, der Buena bewundernd ansah, beim Arm: "Kom, Wim!" und
verließ das Haus mit der Miene von jemand, der einen moralischen Sieg
davongetragen hat. Kurz vor der Haustür hörte ich sie noch sagen: "Normal
ist das nicht, oder?"
Ich hoffe sehr, daß sie recht hatte. Wie sagte Hermann Hesse doch so schön
und treffend: "Es gibt nichts so grausames, wie die Normalmenschen."
Aufrechtes Interesse zeigte zweifellos Frau Verolme, die schon bald kam,
um sich unsere kleine Brasilianerin anzusehen. Sie erzählte mir, daß sie
in Jacuacanga noch nie eine Wildkatze zu Gesicht bekommen habe. Die Leute
dort hätten es völlig unverständlich gefunden, daß sie eine LEBENDE
Oncilla haben wollte. "Wenn wir nach einer lebenden Ratte gefragt hätten,
wären die Leute sicher nicht weniger erstaunt gewesen." sagte Frau Verolme.
"Wildkatzen werden in Brasilien als Schädlinge angesehen, die gefangen und
getötet werden müssen. Von der Landbevölkerung in Brasilien werden viele
Hühner gehalten und alles was Hühner stehlen könnte, ist zum Feind
erklärt".
Wo genau Candy gefangen worden war, konnte Frau Verolme mir nicht sagen,
aber es müßte sicher in der Nähe der Werft gewesen sein. So ist das
Rätsel, wo Candy wirklich gelebt hat, ehe sie gefangen wurde, für immer
ungelöst geblieben. Es scheint mir unwahrscheinlich, daß eine Wildkatze,
die so scheu wie die Oncilla ist, in der Nähe der Menschen wohnt. Es
kostet mich Mühe, mir Oncillas als "Kulturfolger" vorzustellen.
Andererseits sind sie gute Mäuse- und Rattenfänger. Wenn man sie, dort wo
sie leben, besser kennen würde, dann brauchte man sie nicht zu verfolgen.
Eher würde man einsehen, daß sie genau wie die Hauskatze als Mäusefänger
"Erntebeschützer" und schon darum als nützlich einzustufen sind. Wenn das
Territorium der Tiere durch Kahlschlag oder Brand vernichtet ist, dann
wird der Hunger wohl auch viele Oncillas in die Nähe der Menschen und
damit in den Tod treiben. So könnte auch Candy in die Falle der
Werftarbeiter geraten sein. Schließlich ist jedes Stückchen Erde, wenn man
es recht betrachtet, ob nun eine Stadt, Landbaugelände oder
Industrieterrain, einmal ein Stück reine Natur gewesen, ehe der Mensch
davon Besitz nahm. So wird dort, wo die Verolme-Werft in Jacuacanga ist,
einmal brasilianischer Urwald gewesen sein, der viele Tiere beherbergte,
auch Oncillas. Das, was wir Zivilisation nennen, hat sie heimatlos
gemacht, und nun sind sie „Schädlinge“ in den Augen der neuen Bewohner.
Viele verwilderte Hunde hatte Frau Verolme in Brasilien gesehen, erzählte
sie. Armselige, magere Tiere, die von niemandem gefüttert wurden. Einige
von ihnen kamen gleich angelaufen, wenn die Familie Verolme in ihrem
Wohnhaus in Jacuacanga ankam. Sie wußten, daß sie dann endlich wieder
jemanden hatten, der ihnen Nahrung anbieten würde. "Es ist ein Tropfen auf
dem heißen Stein," sagte Frau Verolme, "Wenn wir fort sind, haben die
armen Tiere wieder niemand, der sich um sie kümmert."
Candy fühlte sicher, daß sie sich dieses Mal nicht völlig verstecken
dürfte. Im Schutz von Cleoni blieb sie auf ihrem Platz, unbewußt von der
Tatsache, daß ihre Lebensretterin bei uns zu Besuch war.
Ich erzählte Frau Verolme von unserer kleinen "Margaytje", die mit ihrem
so schnell erblühten Vertrauen zu uns unsere Herzen erobert hatte. Buena
unterhielt unseren Gast in gewohnter Freundlichkeit.
Ich habe gar nicht erst gewagt, Frau Verolme beim Abschied um Fürsprache
für den Erhalt der Wildkatzen in Brasilien zu bitten. Man soll nicht das
Unmögliche fragen. Aber ich war mir sicher, daß Tierfreunde wie Herr und
Frau Verolme jetzt doch versuchen würden, hier und da ein wenig mehr
Verständnis für diese schönen und nützlichen Tiere mit hinüber nach
Jacuacanga zu nehmen.
Der Schriftsteller Joost de Klerk, der mir den Rat gegeben hatte, mich an
Herrn Verolme zu wenden, kam ebenfalls, um Buena und Candy zu bewundern.
Candy blieb wieder einmal in ihrem Versteck unter dem Schrank, aber Buena
hielt es nicht für nötig, ihr Spiel des neuen Besuchers wegen zu
unterbrechen. Sein Dichterherz wurde gleich durch Buena erobert. "Ob er
auch ein solches Tier haben möchte?" war die Frage. "Aber sicher, das ist
für mich selbstverständlich." die prompte Antwort.
Aus dem Bericht von Joost de Klerk vom 7. April 1962:
"..........plötzlich kommt Buena angeglitten, so wie der Abend über das
Land kommt. Auf ihren Pelzkissenpfötchen spaziert sie in die Stube und
begibt sich zu dem halben Pfund Fleisch, das dort für sie bereit gehalten
liegt......
Jetzt hat sie sich bei ihrer Zwischenmahlzeit zu einem großen Bogen
aufgeschoben, sich zusammengezogen wie eine Spannerraupe, aber unendlich
viel geschmeidiger. Immer wieder wundere ich mich darüber, wie manierlich
die meisten Raubtiere ihr Fleisch verzehren.
Mit kleinem Kopfnicken beschäftigt sie sich mit ihrem Leckerbissen, als ob
sie sich wohl eine halbe Stunde Zeit dafür nehmen würde. Aber nach zwei
Minuten zieht sie sich wieder in das andere Zimmer zurück. Erst dachte
ich, daß sie ihr Fleisch nun mit in ihr Körbchen nehmen würde, aber es ist
bereits spurlos und geräuschlos in der Margay verschwunden.....
Ihre Bewegungen sind von einer unglaublichen Schönheit. Sie schreitet
davon, wie an einem stillen Sommerabend der letzte Wellenschlag eines
Bootes sich auf der Oberfläche des Wassers verliert, elegant und
geschmeidig."
Soweit die dichterlichen Worte von Joost de Klerk. Ich kann es nicht
lassen, sie der Vergessenheit zu entrücken.
Einige Zeit später kamen Herr Professor Leyhausen und seine Mitarbeiterin
und spätere Gattin, Frau Barbara Tonkin. Professor Leyhausen war der
Initiator, Direktor, Seele und Geist des Max-Planck-Institutes für
Verhaltensphysiologie in Wuppertal, in dessen geräumigen und von ihm
selbst entworfenen Behausungen vielerlei Wildkatzen auf ihr Verhalten
beobachtet wurden. Mein Mann und ich haben später die Freude gehabt das
Institut ein paarmal besuchen zu dürfen. Ich werde später noch davon
erzählen.
Herr Professor Leyhausen brachte ein kleines Gastgeschenk mit: zwei weiße,
tote Ratten, wie sie auch an die Wildkatzen im Zoo und im Institut
verfüttert werden. (Jedem, der sich jetzt aufregt, gebe ich zu bedenken,
daß diese Ratten speziell zu Futterzwecken gezüchtet werden, so wie für
uns Rinder, Schweine und Hühner. Nur geht es diesen Ratten zeitlebens
weitaus besser, als es leider den meisten Schlachttieren für unseren
menschlichen Konsum geht. Und außerdem haben sie einen schmerzloseren Tod.
Der Todesbiß einer Wildkatze vollzieht sich in Sekundenschnelle.)
Der Todesbiß war in diesem Fall überflüssig aber im übrigen gaben Buena
und Candy sich Mühe, unverfälschtes Wildkatzenverhalten zu demonstrieren.
Sie spielten das Beutespiel, hochwerfen, auffangen, schütteln.....Das
alles sehr zur Zufriedenheit der anwesenden Verhaltensexperten. Wir
brauchten nicht zu fürchten, daß unsere Wildkatzen im häuslichen Umgang
mit uns ihre Urwaldmanieren verlernt hatten. Das Beschleichen der Beute,
das Fangen, das Schütteln, das Töten, das alles sind Verhaltensweisen, die
für die Tiere lebensnotwendig sind, wenn sie in der freien Natur überleben
wollen. Professor Leyhausen hat das in seinem Buch "Katzen, eine
Verhaltenskunde" ausführlich beschrieben.
Buena und Candy zeigten sich, vielleicht unter Einfluß des Gastgeschenks,
von ihrer besten Seite. Daß Buena und Candy nicht nur mit unseren "Augen
der Liebe" gesehen, sondern auch in den Augen der Wissenschaft etwas
besonderes waren, machte mich natürlich froh und stolz. Daß es nur
sparsame Informationen über Oncillas wie Candy gäbe, weil sie fast nie
lebend in Gefangenschaft gerieten und eigentlich nur durch die Felle
bekannt waren, bestätigte auch Professor Leyhausen. Uns war das schon beim
Studium der wenigen informativen Bücher auf diesem Gebiet aufgefallen.
Bei Tiergärten ständen die kleinen Wildkatzen obendrein im Ruf, daß sie zu
schnell eingingen, weil sie den Streß der Gefangenschaft und die Nähe der
Menschen vor den Käfigen nicht lange vertragen, hörten wir. -In späteren
Studien von Professor Leyhausen und anderen hat sich übrigens auch
herausgestellt, daß kleine Wildkatzen in Gefangenschaft auch unter
relativ guten Bedingungen nach wenigen Generationen steril werden. Das
füge ich der Vollständigkeit halber schon jetzt ein.
In der freien Natur dagegen, im Tropenwald, waren zu der Zeit, als es noch
keine Infrarotfotos gab, Beobachtungen an Nachttieren so gut wie
unmöglich.
Buena hatte noch eine Extraüberraschung für unsere Gäste bereit. Wir
hörten grade andächtig den Erläuterungen von Professor Leyhausen zu, als
er plötzlich mitten im Satz verstummte. Fasziniert blickte er auf Buena,
die mit dem Kopf nach oben in die Gardinen geklettert war und nun mit dem
Kopf nach unten mühelos wieder herabkam. Für uns war das schon ein ganz
normaler Anblick, aber für unsere Besucher war es eine großartige
Demonstration von etwas, das sie zwar aus der Theorie kannten, das sie
aber in der Praxis noch nicht gesehen hatten. Bei der Gelegenheit bekamen
wir die Erklärung, die ich im Anfang schon kurz erwähnte, nämlich daß
Margays (und nur noch einige wenige andere Baumbewohner unter den
Wildkatzen z.B. der Nebelparder) ein weitaus beweglicheres Kniegelenk in
den Hinterpfoten als alle anderen Katzen haben, die mit dem Kopf oben
meist langsam und etwas unbeholfen nach unten klettern. Die Margay kann
ihre Hinterpfoten verdrehen, zur Not kann sie sogar an einer Hinterpfote
am Baum hängen, wie ein Äffchen. Das ist für einen Baumbewohner eine sehr
nützliche Fähigkeit. Später hat Professor Leyhausen das bei seinen beiden
Margays, über die ich noch berichten werde, gut beobachten können. In
seinem Buch und in "Grzimeks Tierleben" hat er das ausführlich
beschrieben.
Zum Schluß mußte ich noch versprechen, daß ich alle "wichtigen"
Beobachtungen an meinen Wildkatzen aufschreiben würde. Ich fürchte, das
ist kein durchschlagender Erfolg geworden, weil meine Beobachtungen meist
mehr emotioneller als wissenschaftlicher Natur waren.
"Nun müßten Sie eigentlich noch einen Bueno zu Ihrer Buena bestellen."
sagte Professor Leyhausen beim Abschied.
--einen BUENO?-- Mein Mann sah auf einmal etwas besorgt aus.
So konnten unsere Besucher zwei der vielen wunderschönen südamerikanischen
Wildkatzen kennenlernen, die viele von ihnen sonst vielleicht nie zu sehen
bekommen hätten. Das alles in einer Umgebung, in der die Tiere keine
Gefangenen waren. Wir dagegen konnten Menschen in den verschiedensten
Reaktionen erleben: Diejenigen, die rein berufsmäßig Informationen
sammelten, die Beschützenden, Mitfühlenden, oder die banal Neugierigen,
aber auch diejenigen, die mit dichterlichem Blick auf die Ästhetik der
Katzen schauten oder solche, die wissenschaftliches Interesse hatten. So
lernt man gegenseitig.
Inhaltsverzeichnis