Wieder einmal stand Weihnachten im Zeichen einer Wildkatze. Nur hatten wir
diesmal die Angst der Krankheitsperiode hinter uns und durften ernsthaft
hoffen, dass wir unser Wildkatzenbaby groß (wie groß?) bekommen würden.
Das Dreigespann Jantje, Cleo und Buena half mir beim Heraussuchen des
Weihnachtsschmuckes. Allerdings, die Kerzen haben nicht lange gebrannt. Es
war zu gefährlich mit den beiden Kleinen, deren schnelle Bewegungen nicht
voraussehbar waren. Buena liebte den Weihnachtsbaum, aber sie hatte
schnell begriffen, daβ sie nicht hineinklettern durfte. Wie immer tat sie
alles gern so wie wir es wollten, wenn sie nur erst wußte, was von ihr
erwartet wurde, wenn auch unsere Zivilisationsmaßstäbe ihren noch
unverdorbenen nicht immer entsprachen. Als ihr klar geworden war, daß der
Stachelbaum nicht zum klettern geeignet war, legte sie sich brav daneben
in den offenen Bücherschrank, zwischen Fotos und die ausgestopfte "Margaytje".
In dem Jahr hatten wir zum letzten Mal echte Kerzen im Weihnachtsbaum. Wir
nahmen uns vor, zum nächsten Weihnachtsfest die weitaus katzensichere,
elektrische Beleuchtung einzuführen.

Der interessante Weihnachtsbaum
Auch sonst machten wir in jenen Weihnachtstagen Pläne für das neue Jahr.
Hinter unserem Garten, dort wo jetzt Häuser und Straßen sind, war damals
noch ein etwas verwildertes Wäldchen. Ich erinnere mich noch an Birken,
die im Herbst goldüberzogen schienen, an Buchen und eine Edelkastanie,
deren Früchte die Kinder im Spätherbst pflückten.
Mit wachsendem Katzenbestand hatten wir unseren Garten zwar umzäunt, aber
die Katzen überkletterten den Zaun mit Leichtigkeit. Das war kein so
großes Problem, denn die Gegend war damals noch ungefährlich für
freilaufende Katzen und das Wäldchen war ein geliebter Spielplatz für sie.
Jetzt würden wir bessere Sicherungen anbringen müssen, denn weder Buena
noch Cleoni würde man mit einem einfachen Gitterzaun im Garten halten
können und sie in der Gegend herumlaufen zu lassen ging entschieden zu
weit.
So wurde der Plan gefaßt, den ganzen Garten mit kräftigem Maschenzaun zu
sichern und auch ein Dach von Maschenzaun anzubringen, sodaß der ganze
Garten ein großer Zwinger werden würde. Gleich im Frühjahr sollte die
Arbeit beginnen.
Der Januar war feuchtkalt, wie die holländischen Wintertage so sind. Aber
Buena machte sich nichts daraus. Das Haus war gleichmäßig zentral geheizt
und es war für sie noch voller Abenteuer.
Am 10. Januar 1962 hatte der Nebel lange vor dem Fenster gehangen. Es war
einer dieser zähen Wintertage, an denen man das Gefühl hat, daß man gar
nicht richtig wach ist. Die Zeit würde sich irgendwie hinschleppen.
Gegen Mittag ging das Telefon. Als ich abnahm, meldete sich eine
freundliche Stimme: "Hier spricht Frau Verolme. Ich will Ihnen nur
mitteilen, daß in Schiphol eine Überraschung auf Sie wartet. Können Sie
hinfahren oder soll ich einen Chauffeur schicken?"
Ich konnte selbst fahren, mein Mann hatte am Morgen das Auto stehen
lassen, des Nebels wegen. Was ich geantwortet habe, weiß ich nicht mehr.
Es wird wohl irgend etwas Unzusammenhängendes gewesen sein.
Ich informierte schnell die Kinder: "Wenn Pappi eher als ich nach Hause
kommt, sagt nur, daß ich eben nach Schiphol gefahren bin."
Wie ich überhaupt nach Schiphol gekommen bin, ist mir ein Rätsel. Mir
gingen die unwahrscheinlichsten Gedanken durch den Kopf. Auf dem Flugplatz
kannte ich mich inzwischen aus: das heißt, auf dem alten von damals. Auf
dem heutigen kann sich wohl niemand mehr ohne Hilfe zurechtfinden. Ich
ging gleich zur Abfertigung.
Als wir Buena abgeholt hatten, hatte der Beamte gefragt, ob wir einen Zoo
hätten. Diesmal fragte er: "Für wen holen sie das Tier? Es ist eine
Warnung dabei, es soll sehr gefährlich sein."
"Ich hole es für mich selbst." sagte ich.
"Und was wollen sie damit machen?" fragte er jetzt.
"Liebhaben!" sagte ich so gleichgültig wie möglich.
Er sah mich an mit dem Blick eines Beamten, der aus Erfahrung gelernt hat,
mit Verrückten umzugehen.
"Aha" war alles, was er dazu zu sagen hatte und er reichte mir die
Papiere. "Bitte hier unterzeichnen und hier und dort noch einmal. Der Zoll
und die Transportkosten sind bereits bezahlt."
"Aha" sagte ich jetzt meinerseits und machte mich auf den Weg über die
langen Gänge und Treppen zum Tierhotel um das "gefährliche" Tier
abzuholen. Dabei dachte ich an Buena und an das Margaytje, die zwei
anderen "wilden" Tiere, die meine Hilfe so nötig gehabt hatten. Aber
diesmal war eben doch alles ganz anders.
Die Kiste, die ich ausgeliefert bekam, war etwa 80x80x80 cm groβ und sehr
schwer. Einer der jungen Leute, die dort arbeiteten, half mir, sie in mein
Auto zu tragen. Dieses Mal machte ich keinen Versuch, hineinzusehen.
Selbst wenn die Kiste nicht so fest zugenagelt gewesen wäre, hätte ich
mich nicht getraut.
Fast eineinhalb Stunden fuhr man von Schiphol bis zu unserem Haus in
Arnheim. Es war längst dunkel, als ich zu Hause ankam. Die Kinder warteten
schon auf mich. Wir trugen die Kiste in das Wohnzimmer und schlossen die
Schiebetür zum Eβzimmer, in dem die anderen Katzen grade waren. Freerk
holte Geräte, um die Kiste zu öffnen. Endlich ging der Deckel
hoch.........
In dieser dickwandigen, groβen Holzkiste saβ ein Tierchen, so klein wie
ein etwa vier Wochen altes Kätzchen. Es hatte ein breites Lederhalsband um
und daran war eine dicke, eiserne Kette befestigt, die am anderen Ende
wiederum an der Kiste festgemacht war.
Margaytje hatte gefaucht und gekratzt. Buena war das verkörperte Elend
gewesen, als sie ankam, aber dieses Tierchen war nichts als panische
Angst, Aggressivität und - übrigens berechtigte- Wut. Und diese Wut kehrte
sich nun gegen uns. Sie fauchte, raste, versuchte anzufallen. Es war
unmöglich, ihr das Halsband abzunehmen. Freerk holte seine
Winterhandschuhe und eine Eisensäge. Marion und ich lenkten mit Gebärden
die Aufmerksamkeit des Kätzchens ab und es gelang Freerk irgendwo in der
Mitte die Kette durchzusägen. Dann sahen wir nur noch einen Flitz und die
Katze und der Rest der Kette waren schon unter einem Schrank verschwunden.
Als mein Mann nach Hause kam, fand er im Wohnzimmer eine leere Kiste und
daneben seine Frau und Kinder, die alle drei den Tränen nah waren. Wir
beschlossen, daβ wir nichts Besseres für das Tierchen tun konnten, als es
in Ruhe zu lassen. Wir stellten eine kleine Schale mit Wasser und ein
Tellerchen mit Fleisch vor den Schrank, machten das Licht aus und gingen
ins andere Zimmer.
Jetzt kam die Frage auf, was für ein Tier wir jetzt wieder im Hause
hatten. Wir hatten natürlich inzwischen alle möglichen Bücher über
Wildkatzen gekauft, aber die Informationen darin waren so verschiedenartig
und manchmal sogar widersprüchlich, daβ es für den Laien wirklich
verwirrend war. Ich erzählte bereits, daβ es für die Margay drei
verschiedene Namen gab: Baumozelot, Langschwanzkatze und Margay, noch
abgesehen von den lateinischen Namen, "Leopardus wiedi" bei neuzeitlichen
Autoren, oder noch "Leopardus tigrinus wiedi" in älteren Büchern. Wie
schon gesagt, es gab leider noch kein "Grzimeks Tierleben", in dem alles
gut übersichtlich nachzuschlagen ist.
Auf dem Frachtbrief stand als Inhaltsangabe "un tigrillo". Das an sich war
eigentlich schon ein Wunder, weil in Südamerika meist für die wilden Tiere
der Sammelname "bicho" oder "bichito" für ein kleines Wildtier gebraucht
wird. Zahme Haustiere heiβen "animales". Mit der Bezeichnung "tigrillo"
hatten wir wenigstens schon einen Anhaltspunkt für weitere
Nachforschungen.
Es stellte sich heraus, daβ "tigrillo" die volkstümliche Bezeichnung für
die "Zwergtigerkatze" oder "Oncilla" ist. "Onca" ist der lateinische Name
für den Jaguar, eine Oncilla ist also ein kleiner Jaguar. Ein sehr kleiner
allerdings. Ab und zu liest man auch in den älteren Büchern noch den Namen
"Kleinjaguar". Oncilla ist gegenwärtig der anerkannte Name und die
lateinische Bezeichnung ist jetzt offiziell "Leopardus tigrinus", aber
niemand soll erstaunt sein, wenn er auch noch einmal die Bezeichnungen "Leopardus
pardinoïdes" oder "Oncifelis pardinoïdes" findet. Das ganze Durcheinander
wird wohl daher kommen, daβ die liebe Menschheit sich bislang in weitaus
gröβerem Maβe für die Felle der Tigerkatzen interessiert hat, als für die
Katzen selbst. Inzwischen sind sie dann auch so gut wie ausgerottet.
Wir einigten uns darauf, daβ wir unserem neuen Kätzchen, unserer ONCILLA,
den Namen "Candida di Jacuacanga" geben würden. Schlieβlich kam sie aus
Jacuacanga und Candida ist in Südamerika ein ganz normaler Name. Ihr
Rufname sollte Candy sein.
Am nächsten Tage rief ich Frau Verolme an, um mich zu bedanken. Ich sagte
aber auch, daβ ich ein schrecklich schlechtes Gewissen hätte, weil ich dem
Tierchen mit meiner Bitte wohl etwas sehr Schlimmes angetan hätte.
"Darüber brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen," sagte Frau Verolme.
"Es war ziemlich schwierig, den Leuten dort in Brasilien beizubringen, daβ
wir ein lebendes Tier haben wollten. Wenn das nicht so gewesen wäre, hätte
man sie totgeschlagen. Sie werden alle getötet, die in die Nähe der
Siedlungen kommen, wenn man sie erwischt. Man betrachtet sie als
Schädlinge, die Hühner stehlen."
Von dem Augenblick an nahm ich mir vor, daβ ich an diesem einen Tier
wenigstens etwas gutmachen würde, was die Menschen ihren Artgenossen
angetan haben und noch antun. Es sollte ein gutes Leben bei uns haben, ob
es nun wild oder zahm werden würde. Wenn ich heute zurückblicke, weiβ ich,
daβ mir dieses Vornehmen gelungen ist. Dafür bin ich dankbar.
Aber genau so dankbar bin ich für alle Liebe und Freude, die sie mir
gegeben hat, die kleine, nun wirklich wilde Tigerkatze aus Brasilien.
Menschen und Tiere könnten immer in vollkommener Freundschaft leben, wenn
der Mensch nur seine Ängste und Aggressionen und vor allem seine
Überheblichkeit den Tieren gegenüber abbauen könnte. Es ist wohl so, daβ
während der Mensch sich im Laufe der Evolution auf den Weg machte, sich
zum "Homo sapiens" emporzuarbeiten, ihm der Stolz auf seine Leistungen so
zu Kopfe gestiegen ist, daβ er beschloss sich die ganze Erde zu
unterwerfen. Dieses verwerfliche Unterwerfen wurde dann auch noch eben
durch das Motto "Der Mensch soll sich die Erde untertan machen!"
legalisiert und nur zu gern akzeptiert. Wer allerdings selbst mit Tieren
zusammenlebt, lernt auch über sie nachzudenken und sieht schnell ein, wie
sehr wir in die Irre geführt werden sollen.
Das Fleisch hatte Candy in der ersten Nacht nicht angerührt. Auch sonst
deutete nichts darauf, daβ das Tierchen sich von der Stelle gerührt hatte.
Am Abend setzte ich wieder frisches Fleisch vor den Schrank und das war am
nächsten Morgen wirklich fort. Nun gab es am dritten Abend bei uns wieder
eine Portion Fleisch, aber diesmal setzte ich den Teller nicht unter den
Schrank, sondern in die Mitte des Zimmers. Das Licht machte ich nun nicht
aus und ich ging auch nicht fort. Mit meiner Strickarbeit machte ich es
mir in einem Sessel in der Nähe des Fleischtellers bequem. Jetzt zeigte
sich wieder, daβ ich eigentlich ein Nachtmensch bin. Ich kann ganz gut bis
in die späten Stunden arbeiten und sogar dieses Buch wurde hauptsächlich
in den späten Stunden geschrieben, wenn alles so schön ruhig ist.
So saβ ich ungefähr bis drei Uhr früh. Dann kam auf einmal ein ängstliches
Köpfchen unter dem Schrank hervor und fauchte zur Sicherheit erst einmal
in meine Richtung. Schnell lief Candy an mir vorbei zum Teller mit dem
Fleisch. Mit einem drohenden Knurren packte sie ein Stückchen und
verschwand damit unter dem Schrank. Das wiederholte sich bis zum letzten
Brocken und mir gab es Gelegenheit die ersten Fotos von meinem neuen
Kätzchen zu machen.
Wir hatten ein Kistchen mit einem Kissen nicht weit vom Schrank
aufgestellt. Als ich gegen vier Uhr zu Bett ging, hatte Candy es noch
nicht beachtet. Aber als ich am nächsten Morgen in unser Wohnzimmer kam,
lag sie auf dem Kissen. Das war der erste Erfolg.

Das Kistchen mit dem Kissen als erster
Zufluchtsort
Ich verständigte den Tierarzt Dr. van Werven von unserem neuen
Hausgenossen und er war der Meinung, daβ das Tierchen, ob es nun wild oder
zahm sei, direkt geimpft werden müsse.
"Aber wie wollen sie das machen?" fragte ich. "Sie ist unhantierbar."
"Warten sie es ab." sagte er und kam noch am gleichen Tage.
Er verlangte eine feste Wolldecke von mir, kroch auf Händen und Füβen halb
unter den Schrank und erschien mit der zappelnden Decke wieder, die ich
an einer Stelle, die er mir anwies, fest herunterdrücken muβte. Er fand
ein kleines Stückchen Candy unter der Decke, - ich glaube, es war die
Hinterpfote- in das er den Impfstoff spritzen konnte. Es war groβartig. Es
gelang ihm sogar irgendwie, die Kette los zu bekommen. Nur das Halsband
hat er nicht mehr geschafft, das blieb erst einmal wo es war.
Nun saβ ich jede Nacht bis drei, vier Uhr neben dem Fleischtellerchen,
eine Kaffeekanne in Reichweite, mein Strickzeug dabei, um eine
Beschäftigung zu haben, und den Fotoapparat griffbereit. Nach ein paar
Tagen nahm ich das Tellerchen auf den Schoβ und packte jedes mal ein Stück
Fleisch und lieβ meine Hand damit über die Lehne des Sessels hängen. Ab
und zu sagte ich leise: "Candy", damit sie sich an ihren Namen gewöhnte.
Dann dauerte es sehr lange bis Candy wie ein Blitz entlang rannte, im
Spurt das Fleisch aus meinen Fingern riss und damit verschwand. Aber das
Ganze flöβte ihr doch noch immer panische Angst ein, eine Angst, die ich
ihr unbedingt nehmen wollte.
Es gibt eine Erzählung von Manfred Kyber, darin zieht ein Eremit in den
Wald, um dort bei den Tieren zu wohnen. Aber als er dort lebt, bemerkt er,
daβ alle Tiere groβe Angst vor ihm haben. Und dann "schämt er sich ein
Mensch zu sein". So ungefähr fühlte ich mich, wenn ich die Stunden dort
im nächtlichen Zimmer mit Candy verbrachte...."Was hat man dir und deinen
armen Artgenossen angetan, Candy, daβ du dich so sehr fürchten musst?" Eins
wusste ich sicher: Candy würde lernen müssen, uns zu vertrauen, wenn ihr
Leben bei uns erträglich werden sollte.
Unerwartete Hilfe kam von Cleoni. Ich erwähnte schon einmal, daβ die
Abessinier ein ganz ungeheures Zärtlichkeitsbedürfnis haben. Auβerdem
wissen sie sehr gut, was sie wollen und sorgen dafür, daβ sie es wenn nur
irgend möglich auch bekommen.
Alle anderen Katzen im Haus hatten längst neugierig an der Türschwelle
geschnüffelt, hinter der "die Neue" sich befand. Aber es schien mir noch
viel zu früh, sie hereinzulassen. Dabei hatte ich natürlich nicht mit dem
Trickrepertoire der Abessinier gerechnet. Wenn die nämlich in ein Zimmer
kommen wollen, in das sie nicht herein sollen, dann setzen sie sich mit
gleichgültiger Miene hin und zeigen für alles Mögliche Interesse auβer für
die bewusste Tür, durch die sie nicht hindurch dürfen. Im Augenblick, in
dem man dann den ersten Spalt der Tür geöffnet hat, sind sie schon hinein
geflitzt. So auch Cleo eines Abends, als ich zu Candy ging. Und dann zog
sie vor der halb erstarrten Candy eine Superschau ab. Sie gab Köpfchen,
leckte mein Gesicht, zog an meinen Haaren, spielte mit einer Feder von Buenas Taube.
Ich bin überzeugt, daβ das die Nacht war, die die groβe Wende brachte. Die
schlimmste Spannung war gewichen. Cleos gutes Vorbild hatte eine Spur von
aufkommendem Vertrauen hervorgezaubert, die wie ein zarter Sonnenstrahl
durch die dunkle Atmosphäre der Angst und Panik zog.

Der erste Beweis von Vertrauen
Von nun an wurden Candy und Cleo zusammen gefüttert. Ich stellte einen
Teller mit einer doppelten Portion Fleisch auf die Lehne des Sofas und
lieβ es dort stehen. Ich setzte es so hoch, weil ich damit Candy etwas aus
ihrer Reserve zu locken hoffte. Zu meiner Freude hatte ich Erfolg, Cleo
begann zu futtern und dann kam Candy - die ihren Nahrungsrückstand noch
immer nicht eingeholt hatte- schnell dazu und beide teilten sich den
Schmaus. So sehr verlor Candy ihre Angst vor mir, wenn sie Cleo so
unbefangen mit mir umgehen sah, daβ sie sogar bald, ohne groβe Panik zu
zeigen, kleine Stücke Fleisch aus meiner Hand annahm. Diesen so sichtbaren
Fortschritt hat mein Mann schnell fotografiert.
Candy und Cleo wurden zusammen gefüttert
Meine Familie hat mich damals ab und zu ausgelacht, weil ich den ganzen
Tag über meine Katzen fotografierte. Ich hätte jeden dieser Augenblicke
unsterblich machen wollen. Heute bin ich froh über meine vielen Fotos. Sie
bedeuten mir viel und wer würde mir nach den vielen Jahren meine
Geschichte noch glauben, wenn ich sie nicht mit Fotos belegen könnte?

Candy und Cleo beim Spiel
Eine Woche lang ging alles vorzüglich. Cleo erfand immer neue Spielchen,
die Candys Neugierde weckten. Längst hatte Candy katzenprogrammgemäβ ihre
Untersuchungsrunden durch das Zimmer gemacht, sie wechselte ihre
Schlafplätze, was ich als Zeichen wachsender Sicherheit auffasste, -da
geschah etwas Unerwartetes. Als Cleo und ich am Abend mit dem Futter
kamen, lag Candy apathisch in ihrem Kistchen und rührte sich nicht. Sie
atmete schwer, das Fell stand offen. Ich durfte sie sogar anfassen, sie
schien es kaum wahrzunehmen. Es bestand kein Zweifel, Candy war krank.
Wieder beschlich mich diese Angst, die wohl ein jeder kennt. Sie zieht
durch den ganzen Körper, durch alle Glieder, wie eine Lähmung, während
zugleich durch die Gedanken alle Befürchtungen, Möglichkeiten, alle
Notwendigkeiten und alle Hoffnungen jagen.
Der Tierarzt kam in den frühen Morgenstunden. Die Decke war nicht nötig,
um Candy eine Spritze zu geben. Ein Antibiotikum gab er, denn er
vermutete, daβ Candy von einer Infektion befallen wäre. Näheres konnte er
nicht sagen, denn er konnte Candy nicht genau untersuchen. Vielleicht sei
die Umstellung die Ursache, vielleicht irgendein Virus, das den anderen
Katzen bei uns gar nichts ausmachte, gegen das Candy aber keine Abwehr
aufgebaut haben könnte.
Am nächsten Tag bekam Candy wieder eine Spritze und am dritten Tag noch
einmal. Ganz langsam sahen wir die ersten Zeichen von Besserung. Erst
trank sie etwas Wasser, dann nahm sie ein kleines Stückchen Taubenfleisch.
Ihr Appetit besserte sich mit jedem Tage. Wir wollten uns grade freuen, da
bekam sie einen ganz fürchterlichen Durchfall. Sie wurde unsauber und man
merkte, wie sehr sie das quälte.
Es gelang mir sie in ihrem Kistchen nach oben zu bringen. Im Badezimmer
war der Fuβboden besser zu reinigen. Diesmal gab der Tierarzt mir kleine
Tabletten, die sollte ich ihr eingeben oder sie unter das Fleisch mischen.
Natürlich gelang es nicht, die Tabletten einzugeben, das hätte mich wohl
meine Finger gekostet, aber ich steckte die Medizin in kleine Stückchen
Fleisch. Jedes mal ein Stückchen füttern und wenn die Tablette ausgespuckt
wird, sie in das nächste Stückchen stecken, so lange bis sie sie aus
Versehen doch mit herunterschluckte. Es war eine zeitraubende, aber
erfolgreiche Aktion.
Das Schlimme war, es half nichts. Der Durchfall wurde immer schlimmer.
Jetzt schickte der Tierarzt wieder einmal "etwas" zum Labor der
Tierärztlichen Fakultät in Utrecht. Gleich am nächsten Tage bekam er
telefonisch Bericht: sofort alle Medizin absetzen! Die Katze hätte keine
Spur von Darmflora mehr. Empfehlung: die Katze solle Joghurt trinken.
Sofort wurde Joghurt geholt und Candy auf einem Schüsselchen angeboten.
Sie stürzte sich darauf und trank die ganze Portion in einem Zuge auf.

Nie wieder in ihrem Leben hat Candy Joghurt angerührt. Wir haben ihn ihr
ab und zu einmal angeboten. Sie mochte ihn nicht. Aber in dem Augenblick
wusste sie was gut für sie war.
Sofort trat Besserung ein. Gleichzeitig erwachte bei Candy wieder das
Interesse an ihrer Umgebung und vor allem an ihrer geliebten Cleo. Der
Augenblick war angebrochen, wo wir sie mit den andern Hausgenossen
bekannt machen konnten.

Ängstliche Erforschung der Umgebung
Das war natürlich schrecklich spannend, denn Candy war zwar die Kleinste
im Haus, aber gleichzeitig diejenige, deren Vorgeschichte, die man sich
aus ihrer anfänglichen Angst und Aggressivität gut vorstellen konnte, doch
zur Vorsicht mahnte.
Also brachte ich sie in ihrem vertrauten Kistchen herunter, damit sie in
dem Kistchen ein Stück eigenes Territorium haben würde, das ihr etwas
Sicherheit geben würde. Ich setzte es in eine Ecke neben Buenas "Schrank"
und was jetzt geschah war vollkommen unerwartet. Buena, die auf einem
Sessel lag, wurde sofort wach, schnupperte und flog auf das Kistchen zu.
Candy hatte im Nu die Situation erkannt, fühlte sich wohl im Kistchen ohne
Fluchtmöglichkeit bedroht und war in einem Satz oben auf der Kiste. Buena
machte zum ersten Mal, seit sie bei uns war, eine deutliche Drohgebärde:
gekrümmter Rücken, gesträubte Haare und heftig peitschender Schwanz. Sie
stieβ einen ganz merkwürdigen, halb knurrenden, halb rufenden Laut aus.
Aber Candy oben auf der Kiste, und mit deren Hilfe jetzt gröβer als Buena,
fauchte nicht, aber sie flüchtete auch nicht. Sie sah sich das an, wie man
ab und zu einmal jemand ansieht, der sich schrecklich aufregt und zu dem
man sagen möchte: "Weiβt du was, reg dich wieder ab!"

Candy flüchtete erst einmal auf ihre
Kiste
Es war absolut lächerlich, nur Buena schien das nicht grade so zu sehen.
Eine kurzer Blickwechsel, bei dem Candy deutlich die Überlegene war, und
dann zog sich Buena, unsere groβe, starke, beinah erwachsene Buena, auf
ihren Lieblingsplatz zurück. Candys Neugier war nun erwacht, sie ging ihr
nach, aber dann kam Cleo dazwischen, die sich des Ernstes der Situation
gar nicht bewusst war, und verlangte mit Candy zu spielen.
Wir haben viel über Buenas Verhalten nachgedacht und gesprochen. Es passt
eigentlich gar nicht in das Schema eines Raubtieres, das "von Vögeln und
kleinen Säugetieren" lebt. In der Natur würde Candy für Buena wenn nicht
sogar Beute, dann wenigstens eine Konkurrentin im Kampf um die Nahrung
sein.
Heute verstehe ich kaum noch, daβ ich damals so viel Vertrauen in den
guten Ablauf der Ereignisse hatte. Es hat sich als berechtigt erwiesen,
aber aus welcher Quelle ich mein Vertrauen damals geschöpft habe, ist mir
noch ein Rätsel. Der Gedanke daran, daβ etwas schief gehen könnte, kam
einfach nicht in mir auf. Vielleicht hatte das sogar einen guten Einfluss.
Daβ die Katzen und vor allem die Wildkatzen stark auf unsere Gedanken
reagieren, habe ich mehr als einmal deutlich erfahren.

Buena zog sich zurück, Candy folgte
ihr
Es kann Buenas zweifellose Gutmütigkeit sein, Margays werden allgemein die
zutraulichsten unter den Wildkatzen genannt. Das ist allerdings als
Antwort nicht genug. Aus Candys Einstellung Gefahren oder Feinden
gegenüber, - und zu den Feinden gehörten im Anfang naturgemäβ auch wir-
erklärt sich ihre anfängliche Bereitschaft, sich gegen alles, was fremd
war, zu verteidigen.
Bei Buena dagegen hatten ihre Jugenderfahrungen, als sie klein, hilflos
und krank bei uns ankam und von uns gepflegt wurde, einen groβen Einfluss
auf ihr späteres Verhalten. Dazu kommt die Tatsache, daβ sie zwar gröβer
war, aber jünger und "im Kampf unerfahrener" als Candy. Buena blieb Candy
gegenüber für lange Zeit die rangniedrigere.
Der holländische Biologe Dr. C. Naaktgeboren schreibt in seinem Buch "Mens
en Huisdier" (Mensch und Haustier) über gestutztes Verhalten und meint
damit, daβ Domestikation, Erziehung (Dressur), aber auch, bei wilden
Tieren, häuslicher Umgang ohne weiteres eine Hemmung im natürlichen
Verhalten bewirken.
Buena zeigte ihre -scheinbare- Unterlegenheit und Bereitschaft zum
Frieden, indem sie sich kleiner machte als Candy. Zu Anfang nahm sie
grundsätzlich einen niedrigen Platz ein, der einen kleinen Abstand
zwischen ihr und Candy lieβ. Später suchte sie die Nähe von Candy und
machte sich dort klein, während Candy darauf reagierte, indem sie sich
grade recht groβ machte. Sie streckte richtig ihren Hals dabei.

Buena sagt: "Ich werde Dir nichts tun,
sieh, ich bin ganz klein!"
Die Verhaltensforscher nennen die Gebärde, wie Buena sie zeigte, die
"Demutshaltung". Hunde halten dem überlegenen Gegner ihre Halsschlagader
so hin, daβ es dem Gegner leicht fallen würde, den tödlichen Biβ zu tun.
Gerade diese Demutshaltung aber hat den Effekt, eine Hemmung auszulösen,
die Frieden stiftend wirkt. Es ist genug der Überlegene zu sein. Die Natur
kennt da eine gewisse Fairness. Der andere wird erst einmal in Ruhe
gelassen, d.h. wenn man ihn nicht gerade fressen will.
Bei manchen Vogelarten duckt sich der unterliegende Kampfpartner und
sperrt seinen Schnabel auf, als ob er erwartete, gefüttert zu werden. Das
wirkt "entwaffnend" auf den anderen: "Gegen Kinder kämpfe ich nicht!"
Die allerorts bekannte Ethologin Jane Goodall, die jahrelang Schimpansen
im Urwald beobachtete und zuletzt als Mitglied der Gruppe akzeptiert
wurde, hatte dabei viele Schwierigkeiten zu überwinden. Sie hatte zum
Glück die Anstandsregeln der Schimpansen im Zoo erst gut studiert, ehe sie
in den Urwald ging. Trotzdem passierte es ihr eines Tages, daβ eine Gruppe
von Schimpansen sie angreifen wollte. Schnell setzte sie sich auf den
Boden, damit sagte sie in der Schimpansensprache: "Ich sitze hier ruhig,
von dieser Position aus kann ich keine Bedrohung für euch sein." Trotzdem
wurde sie scheinbar als Eindringling angesehen. Eine Gruppe von
Schimpansenmännchen kam mit Knüppeln aus abgebrochenen Ästen (also
bewaffnet!) auf sie zu. Es blieb ihr nichts anderes übrig als die
deutlichste Demutshaltung der Affen einzunehmen. Sie warf sich flach auf
den Boden und blieb so regungslos liegen. Bald darauf beruhigten sich
ihre Angreifer. Jane Goodall hatte ihre "Unschädlichkeitsprobe"
bestanden. Sie beschreibt dieses und andere Erlebnisse aus ihrer
Beobachtungszeit mit Schimpansen in ihrem Buch "Wilde Schimpansen" (In the
shadow of men), das auch verfilmt ist.
Solche Gebärden der Demut gibt es bei den meisten Tieren und, wie man
weiβ, auch bei Menschen. Wenn Affen einander begegnen, reichen sie sich
die Hand, als Gebärde der Friedfertigkeit, genau wie wir. Die Gebärde des
andächtig Sitzens mit niedergeschlagenen Augen erkennen wir aus der
früheren Schulzeit und der Kirche. Der Knicks und die Verbeugung sind
erst ganz kürzlich aus dem täglichen Leben verschwunden und in Hofkreisen
gibt es sie noch immer. Sogar die völlige Ergebung, das sich dem Boden
nähern bis hin zum knien und eventuell sogar zum Erde küssen erkennen wir
im Ritual mancher Religionen, als Gebärde der Demut. (siehe: Desmond
Morris "Der nackte Affe").
Das alles ist, nach meiner Meinung, bei Tieren eine Gebärde des
Schwächeren dem Stärkeren gegenüber, nach dem Kampf oder nach der
Drohung. Bei Menschen sehe ich das genau so. Regierungen und Religionen,
aber auch die Köpfe von Vereinen oder Betrieben üben ebenfalls eine
Macht aus, - die dem Menschen nach Belieben helfen oder ihn vernichten
kann. Diese Macht erzeugt massenhaft Demutshaltungen , man sieht sie
überall, wenn man nur hinschaut. Das haben wir eben noch von unseren
Vorfahren, den Affen.
Anders war es in unserem Fall. Buena war die physisch stärkere unserer
beiden Wildkatzen. Sie hatte keine Demutsgebärde nötig. Sie fühlte sich
auch sicher genug, Candy nicht als gefährlichen Eindringling zu sehen,
brauchte ihr also nicht zu drohen. Ich habe ihre Haltung, - die im
Klavierfoto am deutlichsten zum Ausdruck kommt- immer gern "freiwillige
Kapitulation" genannt. Ein Gefühl der Sicherheit kombiniert mit viel
gutem Willen kann Berge des Misstrauens versetzen. Auch eine freiwillige
Kapitulation kann ein Sieg sein.
Auf die Dauer war das ganze Verhältnis zwischen Buena, Candy und den
anderen Katzen völlig entspannt und gleichberechtigt und ohne Rivalität.

Candy durfte sogar in Buenas Körbchen
Uns Menschen gegenüber verhielt Candy sich jetzt zwar zurückhaltend aber
nicht mehr scheu. Sie lief nicht mehr vor uns fort und zeigte keine Angst.
Aber sie hatte auch kein Bedürfnis an körperlichem Kontakt, wie Buena es
hatte, die sich bei jeder Gelegenheit an uns Menschen schmiegte.

Friedliches Beieinander
Wenn ich zu anderen über Candy sprach, wurde ich ab und zu einmal gefragt:
"Ist sie lieb?" Dann antwortete ich: "Ja, sie ist sehr lieb!" und dann kam
prompt eine Bemerkung wie: "Also, dann kann man sie sicher streicheln und
auf den Schoβ nehmen?" - "Nein", sagte ich dann, "wenn das Ihre Definition
von "lieb" ist, dann ist sie in dem Sinne nicht lieb. Diese Art von Liebe,
bei der wir unser Bedürfnis an Zärtlichkeit an den Tieren abreagieren
wollen, mag sie nicht. Aber sie gibt mir etwas viel Wertvolleres: ihr
Vertrauen. Und das habe ich als Mitglied der Menschheit keineswegs
verdient."
Solche Gespräche verliefen nicht immer befriedigend.
Candy selbst hielt sich da raus. Sie verschwand, sobald fremde Leute zu
Besuch kamen. Sie vertraute uns, aber sie hütete sich, das Vertrauen auch
auf andere auszubreiten.
Candy war eben eine sehr kluge Katze.
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