Es gibt Millionen Menschen auf der Welt, die keine einzige Wildkatze wirklich
gekannt haben. -Was sage ich ?- Millionen? -- Milliarden sind es. Sie alle leben
ganz ruhig dahin, haben ihre Sorgen und Freuden. Vielleicht weiß ich's nur
nicht, aber ich denke, daß höchstens ein winziger Teil von ihnen mit dem Gefühl
im Herzen lebt, daß ihnen dadurch etwas ungeheuer Wichtiges fehlt. Aber was weiß
ein Blindgeborener von Farben, was ein Taubgeborener von Musik? Ich wußte, was
mir fehlte, ich hatte es gehabt und ich fühlte es noch immer, jeden Tag, jede
Stunde.
Gegen Kummer gibt es eine Medizin und die heißt: Arbeit. Nun, Arbeit gab es jede
Menge, Arbeit mit den Tieren, dem Garten, mit der Korrespondenz. Aber ich
stürzte mich auch in allerhand neue Aktivitäten.
Gleich nachdem ich in den neuen Katzenzüchterverein eingetreten war, hatte man
mir angeboten, dort Katzenrichter zu werden. Auf jeder Katzenausstellung gibt es
eine Jury, deren Mitgliedern, den "Richtern", die Beurteilung der Katzen
obliegt. Sie bestimmen, welche Katze den ersten Preis bekommt, welche zum
"Champion" geeignet ist usw. Katzenrichter zu werden ist nicht übertrieben
schwierig. Man muss sich mit den "Standards" vertraut machen, die bei jeder
Katzenrasse verschieden sind, wobei man bitte das Wort Rasse nicht gar zu
wörtlich nehmen möge, denn die "Rasse" in diesem Zusammenhang ist keine
biologische Definition, sondern das Ergebnis der Überlegungen der Offiziellen im
Katzensport. Sie bestimmen: wenn eine Katze diese und jene sichtbaren, erblichen
Merkmale hat, die sie von anderen unterscheidet, dann geben wir ihr eine
"Rassennummer" und einen eigenen Standard. Das Ergebnis ist nicht immer das
biologischer Kenntnis oder gar Logik, sondern eher eins des Einflusses derer,
die an der Spitze sitzen. So haben z.B. eine schwarze und eine rote oder eine
weiße Perserkatze verschiedene Rassennummern, aber schwarze, braune oder weiße
Orientale tragen die gleiche Rassennummer, nur mit einem a oder b oder c
dahinter. Für den Laien ist das ein ziemliches Durcheinander, aber wenn man sich
einmal daran gewöhnt, lässt sich damit arbeiten, d.h. "richten".
Ein Biologe sagte mir einmal: "Ihre so genannten Rassen sind alle nur
Abwandlungen ein und derselben Rasse; der Felis catus oder, nach Leyhausen, "Felis
silvestris libyca forma catus". Professor Leyhausen will damit auf die (von mir
bereits in einem früheren Kapitel erwähnte) Abstammung der Hauskatzen von der
afrikanischen Falbkatze hinweisen. Der nicht mehr akademische Name "Felis
domestica" wird übrigens noch immer hier und dort gebraucht. Man sieht, auch was
die Hauskatze betrifft, gibt es verschiedene Auffassungen und Benennungen.
Die Rassekatzenwelt benutzt aber weiter den Begriff „Rasse“ für die vielen
züchterischen Variationen der Hauskatze, die gegenwärtig gezüchtet werden. Viele
dieser Rassen sind aus spontanen Mutationen, vor allem in Haarfarbe und
Haarlänge, entstanden. Andere haben ihren Ursprung in erblichen Defekten, die
man "schön" findet: Katzen ohne Haare, ohne Schwanz, mit kurzen Dackelpfoten,
mit denen die Tiere sich kaum fortbewegen können, oder mit - bei Persern- so
kurzer Nasenpartie und dicken Köpfen, daß die Tiere keine Tränendrüsen mehr
haben und mit verklebten Augen herumlaufen, und mit so kurzer Schnauze, daß die
Jungen nicht mehr bei der Mutter saugen können und künstlich großgezogen werden
müssen. In den letzten Jahren haben sich auf dem Gebiet Exzesse entwickelt, die,
- nach meiner Meinung zurecht- vom Tierschhutz und in letzter Zeit auch vom
Gesetzgeber als Qualzucht bezeichnet und abgewiesen werden. Wie ich die Welt der
Katzenzüchter kenne, wird es aber für die Vorkämpfer erbgesunder Katzenrassen
noch ein langer Weg sein, bis man auch diejenigen zur Einsicht bringen wird, die
gerade das Unnatürliche schön finden.
Wie viele Rassen es gibt, entzieht sich meiner Beurteilung. Zu der Zeit als ich
noch Katzenrichter war, werden es etwa vierzig gewesen sein, aber das ist jetzt
mehr als ein Jahrzehnt her und die züchterische Fantasie hat nicht still
gestanden.
Die "Standards" der Rassen muss man als Katzenrichter kennen und die Katzen ohne
Vorurteil danach bewerten. Außerdem muss man die Grundsätze der Vererbungslehre
kennen und - wenigstens hier in Holland- mindestens eine der gangbaren
Fremdsprachen (Deutsch, Englisch oder Französisch) so gut beherrschen, daß man
darin einen Richterbericht anfertigen und eventuell auch mündlich verteidigen
kann.
Wie gesagt, die Ansprüche sind nicht erheblich, aber ohne diese zu erfüllen,
bekommt man kein Richterdiplom. Die eigentliche Routine kommt, wie bei so
vielem, mit der praktischen Ausführung des Erlernten. Darum gehört auch eine Art
Praktikum dazu, das man auf verschiedenen Ausstellungen im In- und Ausland
absolvieren muss. Das wiederum erfordert eine gewisse Beweglichkeit und
Reisefreudigkeit.
Als ich die vorgeschriebene Ausbildung hinter mir hatte, legte ich mein Examen
als Richter ab. Es gab damals noch nicht genug Richter für Kurzhaarkatzen und
deshalb war an Einladungen, auf Ausstellungen im In- und Ausland zu richten,
kein Mangel.
Der Wechsel vom Aussteller zum Richter ist eine spaßige Erfahrung. Ich hatte
bestimmte Gesichter in Erinnerung, die einigermaßen missmutig blickten, wenn ich
mit meinen Abessiniern und später auch mit einigen meiner Siamesen und
Orientalen auf der Bildfläche erschien. Ich war Konkurrenz. Nun auf einmal
lächelten dieselben Gesichter mich außerordentlich freundlich an: "Guten Tag,
Frau Falkena, wie geht's? Welche Rassen richten sie heute?" "Guten Tag,
entschuldigen Sie, vor dem Richten darf ich keinen Kontakt zu Ausstellern
haben." So oder ähnlich. Nach dem Richten dann gab es wieder zweierlei
Begrüßungen, freundliche von denen, die gewonnen hatten, und weniger freundliche
von denen, die verloren hatten. Allerdings gab ich mir Mühe, auf jedem
Richterbericht etwas Positives von der betreffenden Katze zu schreiben, und das
wirkte immer sehr versöhnend. Und die positive Bemerkung kam sehr oft mehr von
Herzen, als die stereotype Standardbeurteilung. Die Katzen, die nicht zur Elite
gehörten, waren oft die liebsten..
Ich habe durch den ganzen Ausstellungszauber einen ganz neuen Einblick in die
menschliche Psyche bekommen. Irgendwie waren die Ausstellungen ein Spiegel des
menschlichen Lebens überhaupt. Irgendwas muss man haben, was man ungeheuer
wichtig findet, das einen beschäftigt. Und wenn es auch nur der perfekte Stand
der Ohren einer Siamesin ist oder der tragische weiße Fleck im braunen Fell, der
-laut Standard- so schrecklich verboten isst. Im "normalen" Leben will eben jeder
"sein Schäfchen ins Trockene bringen" und auf den Ausstellungen will jeder gern
„seine Katze auf die Bühne" bringen, zur Preisverleihung.
Im großen und ganzen haben sich diese Erinnerungen in meinem Gedächtnis zu einem
Erinnerungsbrei verdichtet. Übrig geblieben sind hauptsächlich die Bilder von
den Reisen hin und zurück zu den Ausstellungen: Reisen am Rhein entlang,
Flugreisen, bei denen man "über den Wolken" am Fenster sitzen und beim Landen
die Alpen oder die nordischen Fjorde oder das Meer sehen konnte. Ich gab mir
Mühe, wenn es eben ging, allein zu reisen. Nur dann kann man in Ruhe die Weite
genießen und seinen Gedanken nachgehen, ohne daß einer einem dazwischenredet.
Hier und da lernte ich wirklich gute und feine Menschen kennen. Mit einigen
davon stehe ich noch heute in Verbindung. Aber die Katzen, von denen einige noch
in meiner Erinnerung einen Platz haben, waren und bleiben das Beste an dieser
Periode in meinem Leben.
Das allerbeste allerdings war doch das "Nachhausekommen", zu meinem Mann, zu den
Tieren und zu dem schönen, alten Haus mit seinem Zauber und zu den Bäumen und
Blumen. Dann wußte ich, daß es nicht ehrlich ist, um Verlorenes zu trauern, wenn
noch so viel Liebenswertes übrig geblieben ist.
Trotzdem dachte ich darüber nach, ob ich mir noch einmal eine Wildkatze besorgen
sollte. Ich wußte inzwischen, daß man sich besser nicht mit einem Zoohandel in
Verbindung stellen darf. Auch wenn man damit ein Tier finden könnte, das sonst
vielleicht in verkehrte Hände käme, so ist es doch gefährlich, dem Handel das
Gefühl zu geben, daß es einen "Markt" für wilde Tiere gibt. Aber irgendeins
aufzunehmen, das gerade ein liebevolles Zuhause nötig hat, das wäre für beide
Teile eine Lösung.
Als meine Tochter mit ihrer Familie zu einer Reise nach Peru und Bolivien
startete, habe ich sie ganz bewusst nicht gebeten, mir eine Wildkatze von dort
mitzubringen, wenn das möglich sei. Ich wußte, daß ich sie mit einer solchen
Bitte nur belasten würde und fürchtete außerdem, daß es, wenn sie sich nach
einer Margay auch nur erkundigen würde, vielleicht einem Muttertier das Leben
kosten könnte. Es wäre immerhin möglich, daß jemand denkt: "Da gibt es etwas zu
verdienen."
Heute gibt es EG-Gesetze, die den Import von bedrohten Tierarten verbieten,
grundsätzlich mit Recht, schon darum, weil es die Vernichtung der Arten zu
bekämpfen gilt und auch, weil die meisten Tiere der Heimat entrissen werden und
dadurch einem unglücklichen Leben entgegengehen. Aber diese Gesetze gab es zu
der Zeit noch nicht.
Peru, das war für mich das Land der schönen Berge, der seltsamen Pflanzen und
Tiere. Es würden zweifellos auch kleine Wildkatzen dort vorkommen, dachte ich.
Wir waren sehr gespannt auf die Berichte. Es kamen auch regelmäßig Briefe. Sie
waren lange unterwegs gewesen. Jedes Mal sagten mein Mann und ich dann zu
einander: "Nun wissen wir wenigstens, daß sie vor zwei Wochen noch alle gelebt
haben." Internet und E-Mail gab es schließlich damals noch nicht.
Die Briefe erzählten von der Schönheit der Landschaft dort, der Armut der
Menschen und dem Bedauern, daß die "Entwicklungshilfe" so wenig ausrichtet. Die
Erforschung der Effektivität der holländischen Entwicklungshilfe war nämlich das
Ziel der Studienreise. Dementsprechend waren die Berichte von Marion. Von Tieren
schrieb sie zu meinem Erstaunen gar nichts. Ihre Beobachtungen waren völlig auf
Menschen programmiert.
Erst viel später, als die Familie schon lange wieder zu Hause war, erzählte
Marion mir, daß sie eine einzige Margay in Peru gesehen hätte. Das sehr junge
Tierchen saß auf der Schulter eines jungen Mannes, war angekettet und wurde zum
Kauf angeboten. Sie haben sie nicht für mich gekauft und das hat mich doch
ziemlich traurig gemacht. -Was wird aus dem Tierchen geworden sein? Hat sie ihre
Gefangenschaft an der Kette überlebt? Hat irgend jemand sie gekauft, der sie
verstand und gut versorgte? Ist sie in einem Zoo gelandet oder bei diesen
schrecklichen Leuten in Amerika, die wilde Tiere kaufen, um sie in einer Bar
oder in Geschäften als Reklame-Attraktion zur Schau zu stellen? Das geschieht
auch mit Affen, Papageien, selbst mit großen Raubtieren, wie Löwen, Pumas und
sogar mit Tigern. Ich las einen Bericht von einem Äffchen, das blind in einer
Bar saß. Es war von den vielen Blitzlichtaufnahmen erblindet, die mit Touristen
"zum Spaß und zur Erinnerung" von ihm gemacht waren. Die Proteste der
Tierschutzorganisationen richten nichts aus, und die Regierungen haben andere
Probleme, die sie auch nicht bewältigen können.
Wie dem auch sei, der kleinen Margay dort in Peru habe ich nicht helfen können,
so gern ich es getan hätte. Sicher ist, daß sie ihre Freiheit nicht
zurückbekommen hat, sie war schließlich schon ein Handelsobjekt.
Einmal habe ich versucht, mit einem "Verein zur Rettung der Wildkatzen" in
Deutschland Kontakt aufzunehmen, dessen Anschrift ich bekommen hatte. Ich habe
erklärt, daß ich sechzehn Jahre lang südamerikanische Wildkatzen gehabt hätte
und wie ich sie versorgt habe. Leider habe ich auf meinen Brief niemals Antwort
bekommen, obschon mir zu Ohren gekommen war, daß man dort dringend
Auffangadressen für "abgedankte" Wildkatzen suchte. Die meisten der
Abstandswildkatzen waren in der Hoffnung erworben, ein Haustier aus ihnen zu
machen, das die schönen Möbel und andere Kostbarkeiten in der Wohnung
respektierte. Wenn das nicht klappte, wurden sie einfach wieder abgedankt.
Unser Glück war es, daß wir mit unseren Tieren in einem so toleranten Ort wie
Ingen leben durften. Genau zwanzig Jahre haben wir dort gewohnt. Mein Mann hatte
schließlich seine Praxis verkauft. Sein Herz war zwar repariert, aber doch nicht
mehr dem Stress der anstrengenden Arbeit in seinem Beruf gewachsen. Da war es
wirklich ein Segen, daß er nicht, wie so manche Pensionäre, in ein Vakuum fiel,
sondern gesunde Beschäftigung genug in und um den Bauernhof fand. Die Tiere
freuten sich, daß er jetzt immer für sie da war. Und er verlagerte sein
Organisationstalent vom Büro auf das Haus. In den ersten Jahren fing ein großer
Teil seiner Aussprachen mit den Worten an: "Findest du nicht, daß man das so
viel praktischer machen kann?" Meist hatte er sogar recht.
Die Jahre, die darauf folgten, waren ruhig und schön. Wir waren immer
beschäftigt und alles, was wir taten, hatte mit dem Leben zu tun. Junge Katzen,
junge Lämmchen, Küken, aber auch die Freude, wenn man am Morgen in den Garten
ging und feststellte: "Die Kirschen blühen!" oder: "Die Himbeeren sind reif!"
Die Winter allerdings fielen uns immer schwerer zu ertragen. Der ständige
Wechsel vom warmen Haus durch Wind und Schnee zu den verschiedenen Behausungen
der Tiere; so vieles, das draußen getan werden mußte, -es ging uns immer
mühseliger ab. Als sich dann die ersten Anzeichen von Asthma bei mir meldeten
und mich eine Dauerbronchitis quälte, fiel zum ersten Mal das Wort "Umzug".
Schließlich stellte sich bei einem Allergietest bei mir auch noch heraus, daß
ich allergisch gegen Federn bin....
"Haben Sie ein Federbett oder Federkissen" fragte der Lungenarzt "oder
vielleicht einen Kanarienvogel?"
"Das Federbett werde ich wegwerfen und einen Kanarienvogel habe ich nicht.",
konnte ich nach Wahrheit antworten.
Die Tauben für die Wildkatzen, die Küken, die ich wöchentlich im Auto von der
Brutanstalt holte, der enge Kontakt mit den zahmsten meiner inzwischen vielen
Hühner, das alles habe ich ihm lieber verschwiegen. Aber das hatte meine Lungen
angegriffen und mir nur noch einen Bruchteil des normalen Atmungsvorganges
gelassen. Ein Lungenemphysem heißt so etwas.
Mein Kontakt zum Tierarzt ist immer besser gewesen als der zu den
Menschenärzten. Um genaueres über das Wort Emphysem zu erfahren, fragte ich bei
der nächsten Gelegenheit meine Tierärztin: "Ein Lungenemphysem, kommt das auch
bei Tieren vor?"
"Ja, bei Pferden kommt es oft vor", antwortete sie. "vor allem, bei Rennpferden,
die ihr Äußerstes geben müssen, aber auch bei sehr intensiv gebrauchten
Arbeitspferden."
"Aha, und womit werden die behandelt?"
"- Behandelt? Gar nicht. Wenn sie Emphysem haben, werden sie geschlachtet. Warum
fragen sie das eigentlich?"
"Och, ich habe auch ein Lungenemphysem, aber mein Arzt hat noch nichts von
schlachten gesagt."
Peinliche Stille, dann: "Oh!"
-Pferde, meine Schicksalsgenossen! Nicht, weil sie sich freiwillig angestrengt
haben, wie ich, die ich immer alles selbst tun wollte, alles halten und
behalten, nichts delegieren. Das war meine eigene freie Wahl. Aber Pferde, die
für ein freies Leben geschaffen sind, wurden von Menschen zum
Gebrauchsgegenstand gemacht. Es ist unbegreiflich, daß man das normal findet.
Immer schon und noch heute. - "Der Held stürzte sich hoch zu Rosse in die blutige
Schlacht." Solche schönen Sätze findet man nicht nur in den Geschichtsbüchern.
Wer hat im Kriegesrausch je darüber nachgedacht, was ein Pferd empfindet, wenn
es im Kugelhagel gegen die anderen, ihm keineswegs feindlich gesinnten Pferde
eingesetzt wird? Ein Rotes Kreuz für Pferde gab es früher natürlich nicht. Wenn
sie Glück hatten, bekamen sie den "Gnadenschuss", wenn sie so verwundet waren,
daß sie nicht mehr "brauchbar" waren.
Im 2.Weltkrieg waren allein auf deutscher Seite 2,75 Millionen Pferde im
Einsatz, davon 2 Millionen an der Ostfront. Sie zogen mit den Landsern tausende
Kilometer durch das riesige Land. Durch Staub, Schlamm und Schnee... Gefallen
sind von den zwei Millionen 1,7 Millionen. Ihre Arbeit und vor allem ihre Not
wären ein Denkmal wert!.. (Zahlen aus „Unternehmen BARBAROSSA/1978 von Paul
Carell)
Im August 1944 schoss bei Witebsk ein durchgebrochen russischer Panzerspähtrupp
das Pferdelazarett des 6. Korps zusammen. Panzer gegen Pferde! ...Man denkt beim
Russlandkrieg immer an Panzer -aber das Pferd war sein Wahrzeichen.
Dies ist nur ein Vorbild von einem Kriege, einem in dem es schon Fahrzeuge gab,
die motorisiert waren. Die Zahl der Pferde, die, seit Menschen Kriege führen,
und das ist wohl ungefähr so lange es Menschen gibt, in allen Kriegen der Welt
gelitten haben und gestorben sind, muss ins Unendliche gehen.
Arbeitspferde werden überall auf der Welt bis zur Erschöpfung ausgebeutet,
Rennpferde rennen sich, im wahrsten Sinne des Wortes, die Seele aus dem Leib.
Sogar die wenigstens mit gutem Willen relativ ausreichend versorgten Tiere in
der Manege leben im Durchschnitt nicht länger als ca. sieben Jahre, während ein
Steppenpferd in der freien Natur bis zu dreißig Jahre alt werden kann.
Wie unverschämt die Spezies „Mensch“ doch ist, daß sie sich so zum
Schicksalsbeherrscher aller anderen Geschöpfe selbst ernennt!
Wenn je eine Tierart vom Menschen zum Sklaven gemacht worden ist, dann sind es
die Pferde und das in einer Zeit, in der das Wort Sklavenhalter zum Schimpfwort
geworden ist. Zehn Millionen Jahre lang wussten Pferde, daß etwas, das auf ihren
Rücken sprang, ein Raubtier war, das sie zerfleischen würde. Das Raubtier
Mensch, das von nun an auf seinen Rücken springen wollte, jagte ihm
unaussprechliche Angst ein. Vor sechstausend Jahren fing der Mensch an, das
Pferd als Transportmittel für sich und seine Lasten zu gebrauchen. Dazu mussten
Pferde "gezähmt" werden. Das geschah mit den grausamsten Methoden, die man sich
vorstellen kann. Der Wille der stolzen Tiere mußte gebrochen werden. Darum hieß
die "Zähmungsmethode" auch "break the horse".
Nirgendwo wird die Grausamkeit der menschlichen Natur deutlicher, als beim
Umgang mit den edelsten und treuesten Tieren der Welt, den Pferden. Erst in
diesem Jahrhundert sind ein paar Pferdefreunde auf die Idee gekommen, daß man
mit Pferden in "ihrer Sprache", einer Gebärdensprache, reden kann man das
Vertrauen des Tieres gewinnen und sich seine freiwillige Mitarbeit versichern.
In dem Buch, "Der Pferdeflüsterer", wurde diese Methode beschrieben. Es sind
darin die Erfahrungen verschiedener Menschen, die auf diese Weise mit Pferden
arbeiten, zusammengebracht. Das Buch wurde kürzlich auch verfilmt. Einen
besseren Beweis als die Geschichte vom Pferdeflüsterer gibt es gar nicht dafür,
daß der Spruch von de Saint Exupéry eine große Wahrheit enthält: "Zähmen, das
heißt sich vertraut machen!" Es wird noch lange dauern, bis Menschen lernen, daß
sie, so weit sie es überhaupt wert sind, das Vertrauen aller Tiere hätten
erwerben können, auch derer, die sie "wild" finden. Vielleicht ist es dazu
bereits zu spät.
Die "Freunde der Menschen" werden die Pferde genannt. Aber auch diese
Freundschaft ist ein von Menschenseite gebrochener Kontrakt. Welch ein Glück für
mich, daß der Unterschied von nur ein paar Genen mich zum Menschen gemacht hat!
Trotzdem fühle ich mich mit den Pferden verbunden, wenn auch mein Emphysem sehr
fachkundig behandelt wird und bisher noch immer niemand mit Schlachtung gedroht
hat. Meine "Schlachtbank" war die Erkenntnis, daß ich die Aufgabe, die ich mir
gestellt hatte, nicht mehr fortführen können würde.
- Gab es ein Leben fern von unserem geliebbten alten Haus, den vielen Tieren, den
Bäumen? Es schien undenkbar. Aber unser Hausarzt hatte immer mehr Bedenken
hinsichtlich unserer Kraft, das alles weiter durchzustehen: "Sie müssen sich
mehr schonen!"
"Schonen, was ist das?"
Wir hatten gelernt, daß man zwar vieles einer bezahlten Hilfskraft überlassen
konnte, aber die persönliche Sorge für die Tiere nicht. Wer würde schon an
unserer Stelle in der Nacht bei einem Schaf bleiben, das werfen muss? Wer würde
bei Frost spät am Abend und sehr früh am Morgen warmes Trinkwasser zu den
Schafen bringen, wenn das Wasser, selbst im Stall, gefroren war? Oder wer würde,
an einem frostigen Abend, mit Leiter und Taschenlampe bewaffnet, Hühner aus
Bäumen fangen und sie in den Stall bringen, damit in der Nacht ihre Füße nicht
erfrieren würden? Ich hatte da eine höchst persönlich Methode entwickelt. Am
Tage kann man Freifliegende Hühner nämlich nicht fangen. Im Dunkeln sind sie
blind und trauen sich nicht, zu fliegen. Dann muss man sie kurz mit der
Taschenlampe lokalisieren, schnell das Licht löschen, auf eine Leiter klettern
und eins der Hühner greifen und in den Stall bringen. Das alles ....zig mal. Man
wird, trotz der Kälte, ganz schön warm dabei und es ist bestimmt genau so gute
Körperbewegung wie Jogging, d.h. wenn man nicht zufällig allergisch gegen
Hühnerfedern ist. Auf die Dauer wurde ich zum Hühnerfangexperten. Für solche
Tätigkeiten findet man niemand anders.
In langen, schwierigen Gesprächen haben wir uns zu einem Entschluss
durchgerungen. Dann wussten wir: es mußte sein! Zwei Jahre lang habe ich noch im
ganzen Land nach einem passenden Haus für uns gesucht. Endlich fand ich eins,
das zwar kleiner als das Haus an der Jacob Marislaan in Arnheim war, aber
ungefähr dieselbe Einteilung hatte. Nur der Wintergarten fehlte und den haben
wir noch angebaut. Vor allem war das Haus, im Vergleich zum alten Haus in Ingen,
ungeheuer pflegeleicht. Es lag genau mitten zwischen Arnheim und Ingen, in einem
Dörfchen, das Driel hieß und auch am Rhein lag, wie Arnheim und Ingen auch. Das
Beste daran war, daß es einen relativ großen Garten hatte mit einer doppelten
Garage, die als Katzenvilla umgebaut werden konnte. So bot es uns die
Möglichkeit, wenigstens die Katzen mitzunehmen. Für die anderen Tiere mußte ich
neue Liebhaber finden. Das war ein sehr schmerzlicher Prozess.
Das Märchen vom alten Haus hatte genau zwanzig Jahre gedauert.
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