Wir waren von der Stadt in eine ländliche Umgebung gezogen, in der wir Ruhe und
Freiheit zu finden hofften. Meinem Mann war inzwischen durch seine Operation ein
neues Leben geschenkt. Wir hatten das Gefühl, daß wir noch einmal ganz von vorn
anfangen könnten. Inzwischen war viel Zeit vergangen, nur waren wir uns durch
die sich überstürzenden Ereignisse kaum dessen bewusst geworden, daß über allem
Leben der Schleier des "Niemals wieder" liegt. Kein Tag, keine Minute wird je
zurückkommen, außer in unserer Erinnerung.
Wenn ich heute auf die Jahre meines niemals ruhigen Lebens zurückblicke, dann
ziehen die Ereignisse an mir vorbei wie ein Traum oder ein Film. Freude, Kummer,
Liebe, Neid, kleine und große Kriege, aber auch oft unerwartete, wunderschöne
Überraschungen. Vor allem waren es aber die unerwarteten Geschehnisse, die den
Kurs unseres Lebens bestimmten.
Noch immer halte ich mich an meine, höchst persönliche Abwandlung der Worte von
Konfuzius: Was nicht wert ist, daß man sich erinnert, das soll man vergessen.
Die echte Liebe, der echte Schmerz sind im Herzen verwurzelt. Alles was
liebenswert war, Menschen, Tiere, Pflanzen und sogar Dinge, lebt in unseren
Gedanken fort. Nur das zählt und nur davon möchte ich erzählen.
Ein Katzenleben dauert kaum länger als zehn, höchstens fünfzehn bis zwanzig
Jahre. Unsere ersten Hauskatzen und auch die ersten Abessinier lebten schon
nicht mehr. Cleo war an einer Nierenerkrankung gestorben, Assunta hatte im Alter
von zehn Jahren Brustkrebs bekommen, Sothis und Dalila wurden beide elf Jahre
alt. Über die Lebenserwartungen von Margays und Oncillas war uns nichts bekannt.
Nach den beiden Unfällen von Rex und Milagro hatten wir sehr aufgepasst, dass
keine der Katzen mehr eine Maus fangen würde, aber ganz sicher konnte man dessen
nicht sein, solange sie in die Freigehege durften. Und die liebten sie sehr.
Durch den Tod von Milagro und Candy begann die Oncillafamilie auseinander zu
fallen. Die Nachkommen von Candy und Milagro wurden im Durchschnitt zwölf Jahre
alt. Die Hybriden starben etwas jünger, aber keine wurde weniger als zehn Jahre
alt. Nur Glauca, die "wildeste" von den vieren, wurde, als sie ungefähr acht
Jahre alt war, so schwierig und aggressiv den anderen Katzen gegenüber, daß wir
vor der Wahl standen, sie entweder in einen Raum allein zu schließen oder sie
einschläfern zu lassen. Das war ein schwieriger Entschluss, den sie uns selbst
abnahm, weil sie eines Tages eine der jungen Orientalen, ein sehr sanftes
Kätzchen, so heftig verwundet hatte, daß der Tierarzt mir riet, Glauca
einschläfern zu lassen, ehe noch Schlimmeres geschehen würde. Es war die bessere
von zwei schlechten Möglichkeiten, denn Glauca allein einzuschließen, wäre für
sie weitaus grausamer gewesen. Trotz ihrer oft ganz unerwartet auftretenden
Aggressivität, war sie nämlich eine sehr soziale Katze.
Buena und Candy schlossen sich immer mehr aneinander. Es war, als ob sie sich
trösteten oder wie ein paar Senioren, die die Vergangenheit bewahren wollen,
indem sie alles Neue ignorieren. Sie schlossen keine neuen Freundschaften mehr.
Eines Morgens kam ich zu den Katzen und sah, daß Buena nicht auf ihrem Platz
saß, und als ich näher kam, sah ich, daß sie auf der Erde lag und sich nicht
bewegte. Ich kam zu ihr, wollte sie hochheben, da schrie sie laut auf, sie hatte
sichtbar Schmerzen. Ich holte schnell eine Decke und schob sie ihr ganz
vorsichtig unter. Dann sagte ich zu ihr: "Buena, sei ganz ruhig, ich hole den
Tierarzt."
Aber sobald ich mich von ihr fortbewegte, schrie sie laut; ich durfte nicht
fortgehen, sie wollte nicht allein gelassen werden. Ich legte meine Hand unter
ihr Köpfchen und setzte mich zu ihr. Mir wurde auf einmal deutlich, daß der
Tierarzt ihr nicht mehr helfen konnte. Sie lag im Sterben und ich konnte nichts
anders tun, als bei ihr zu bleiben. Ich saß neben ihr auf dem Boden und wagte
nicht, meine Hand fortzuziehen. Sobald ich mich auch nur ein wenig bewegte,
schrie sie laut auf und ihre Augen sahen mich an, als wollte sie sagen: "Bleib
bei mir!" Auf einmal fing Buena ganz laut an zu schnurren.
Professor Leyhausen ist der erste unter den Biologen, die sich mit Katzen
beschäftigt haben, der entdeckte, daß Katzen mit dem Schnurren (dem Spinnen)
nicht nur, wie die allgemeine Meinung ist, ihr Wohlbehagen ausdrücken, sondern
auch um Hilfe bitten. Ich bin der festen Überzeugung, daß Buena mit diesem
Spinnen Abschied von mir nahm.
Die ganze Zeit raste ein Satz durch meine Gedanken, der aus einem Lied stammt,
das ich einmal gehört habe: "Ihr letzter Tag wird ewig Nacht.." Es war wie
Wahnsinn und ich war auch wie wahnsinnig vor Angst. Immer und immer wieder, wie
eine zerbrochene Schallplatte: "Ihr letzter Tag wird ewig Nacht...". Und
zwischendurch konnte ich nur immer sagen: "Buena, liebe Buena, bleib bei mir!"
Sie antwortete mit einem immer leiser werdenden Spinnen. Auf einmal reckte sie
sich aus und ich sah, sie war tot. Das schönste und wunderbarste Geschöpf, das
ich je gekannt hatte, hatte mich verlassen.
Wir hatten uns geliebt, wie zwei Lebewesen sich nur lieben konnten. Ihre Liebe
war so ehrlich und unvoreingenommen gewesen. Sie liebte mich nicht, weil ich
"das Kind" war, oder "unsere Mutter" oder "meine Frau". Sie liebte mich, weil
ich ich war, das Lebewesen, dem sie vertraute, ohne Bedingung, ohne etwas von
mir zu verlangen. Das wenige, das ich ihr geben konnte, ihre Nahrung und eine
Unterkunft, das hätte sie sich in der Natur leicht selbst und besser besorgen
können. Von den Gefahren, vor denen ich sie zu bewahren versuchte, wußte sie
nichts. Ihre Liebe war Vertrauen und das ist die beste Liebe, die es gibt. Liebe
ohne Vertrauen ist wie Talmi, ist etwas, das den falschen Namen trägt. Buenas
Vertrauen zu uns kannte keine Grenzen. Und ich hatte sie geliebt, weil sie so
schön war, so klug und so aufrichtig gut. Ihre Kraft gebrauchte sie nie für
Aggression, ihre Anhänglichkeit war ohne Berechnung, ihre Schönheit ohne
Eitelkeit. Das alles starb mit Buena. Sie war grade vierzehn Jahre alt, als sie
starb.
So lange es Menschen gibt, werden Buenas Brüder und Schwestern in den
Regenwäldern sterben. Es gibt keine Hand, die sie in ihren letzten Minuten
tröstet. Ihre Mörder wissen nicht einmal, was sie vernichten. Sie ahnen nicht,
daß sie Geschöpfe töten, die zu unendlich viel Liebe und Vertrauen im Stande
sind. Es ist Buenas Vermächtnis, das ich austragen muss, zu sagen, zu schreiben,
daß man doch endlich einsehen müsste, daß man mit den Wäldern prächtige Geschöpfe
wie Buena und unzählige andere Tiere, nebst uralten, unersetzlichen Bäumen und
Pflanzen, ja eigentlich die wahren Wunder dieser Welt vernichtet. Ohne sie wird
dieser Planet einst ein kalter Stern voller technischer Monster sein.
Jedes Menschenleben kennt seine Schmerzen und alle Schmerzen werden mit der Zeit
gelindert. Und doch ist meine Trauer um Buena nie weniger geworden, sie hat mich
mein Leben lang begleitet.
Einmal noch habe ich geglaubt, Buenas Stimme zu hören. Ich hatte eine schwere
Operation hinter mir. Als ich aus der Narkose erwachte, fühlte ich Buena neben
mir liegen. Sie lag ganz nah bei meinem Kopf auf dem Kissen und ich hörte ihr
tiefes, warmes Schnurren. Ich träumte nicht, ich war hell wach. Ich blieb ganz
still liegen, um den Zauber nicht zu durchbrechen. Dann kam auf einmal die
Schwester herein und fragte in ihrem munteren Schwesternjargon: "So, sind wir
endlich wach? Das hat lange gedauert." Und damit war alles vorbei, weg. Als die
Schwester endlich gegangen war, versuchte ich krampfhaft in die Stille hinein zu
hören, aber da war nichts, ich war allein.
Ich suche gern nach einer rationalen Erklärung für alles. Dieses merkwürdige
Erlebnis erkläre ich mir so, daß, wie man weiß, eine Narkose die zutiefst
versteckten Gefühle aus unserem Unterbewusstsein hervorholt. So muss bei mir wohl
das an die Oberfläche gekommen sein, was sich mir am tiefsten eingeprägt hat:
die Erinnerung an Buena und ihre Stimme, die von mir Abschied nahm.
Wir haben Buena im Garten begraben, dort wo schon die anderen Oncillas lagen,
und ich glaubte zu wissen: "Jetzt können wir hier nie mehr fort, ich kann Buena
hier nicht zurücklassen."
Candy wurde jetzt einsam. Es gab genug andere Katzen, auch Abessinier, aber sie
schloss sich bei niemand mehr an. Allein saß sie meist oben auf dem Schrank in
der Küche. Das war ihr einsames Refugium. Nur, wenn sie auf die Katzenschale
gehen mußte, kam sie herunter, denn bis auf den letzte Tag blieb sie so sauber
wie immer. Zuletzt stellte ich sogar ihr Futter zu ihr oben auf den Schrank, sie
fand es nicht mehr der Mühe wert, für das bißchen, was sie noch aß,
herunterzukommen. Sie war so lebensmüde und passiv, wie man es bei alten
Menschen auch oft sieht. Sie lebte noch, aber sie liebte das Leben nicht mehr.
Eines Tages stand ich in der Küche an der Anrichte. Ich glaube, daß ich mit
irgendwelchem Obst beschäftigt war, ich weiβ es nicht mehr genau. Auf einmal kam
Candy vom Schrank herunter und setzte sich neben meine Füße. Ich sah, daß die
Beule, die sie noch immer an ihrem Schwanz hatte, plötzlich blutete und sagte zu
ihr: "Candy, altes Mädchen, du wirst doch auf deine alten Tage nicht noch einmal
rollig werden?" Schließlich war sie jetzt sechzehn Jahre alt. Sie kam noch näher
und legte ihr Köpfchen auf meinen Schuh. Ich blieb still stehen, weil sie da so
zufrieden lag, und arbeitete weiter. Als ich fertig war, trocknete ich meine
Hände an einem Tuch ab und bückte mich, um Candy zu streicheln. Sie reagierte
nicht. Auf einmal fühlte ich, daß Candy, meine Candy, tot vor mir lag. Sie war
mit ihrem Köpfchen auf meinem Fuß für immer eingeschlafen.
Wie kann man Schmerz beschreiben? Ich kann es nicht. Ich kann nur hoffen, daß
meine Worte irgend jemand erreichen, der mit mir fühlen kann. Auch mit Candy
starb ein Stück reiner, bedingungsloser Liebe. Gerade Candy, die die Gefahren,
die von Menschen ausgehen, zweifellos schon erfahren hatte, hatte uns, als sie
zu uns kam, ihre Liebe als Geschenk angeboten.
Wie viel Bereitschaft zur Liebe stirbt an jedem Tag, in jeder Minute auf der
Welt? Was ist doch mit den Menschen geschehen, daß sie das Wort Liebe
gebrauchen, wie ein paar alte Schuhe, die man ausziehen oder wegwerfen kann?
Liebe als Wegwerfware. Die sich selbstsüchtig immer maßloser vermehrende
Menschheit geht in einer kalten Welt an der Tatsache vorbei, daß ihr Wohlstand
auf getöteter Liebe basiert ist.
Das ist es, was ich von meinen "wilden Tieren" gelernt habe: die wilden Tiere
sind nicht wirklich wild. Sie sind, jedes in seiner Art, anders als wir. Sie
vertrauen jedem, der sich als vertrauenswürdig erweist, innerhalb der ihnen von
der Natur gestellten Grenzen. Die Natur ist ihr Gesetz. Wir haben uns einen
"lieben Gott" erdacht, dem wir auch noch die Schuld für alles geben. Er hat
schließlich alles so gemacht, hat uns die Welt geschenkt. Wie sollen wir uns das
eigentlich vorstellen? Soll der Initiator allen Lebens nun sagen: "Das einzige
meiner Geschöpfe, das so entartet ist, daß es die Kreaturen, die der ihnen von
mir gegebenen Natur treu geblieben sind, vernichtet, gerade dieses Geschöpf ist
mein auserkorener Liebling?" Der Gedanke allein schon ist absurd. Wir wollen uns
den Urgeist des Universums, weil er von unserem Verstand nicht zu erfassen ist,
als einen "Gott" vorstellen. Diesem Gott, der obendrein - welch eine Anmaßung! -
uns nach seinem Ebenbild erschaffen haben soll, haben wir den totalen Krieg
erklärt. Die wahren Wilden, das sind wir doch selbst mit unserem ungezähmten
Drang zur Vernichtung!
Der Friede, von dem wir so gern reden, kann nur dann über die Erde kommen, wenn
wir lernen, die ganze Schöpfung mit Liebe zu umfassen. Das Einanderverstehen und
Dulden, alle Natur inbegriffen, ist dazu die Voraussetzung. Ich darf und muss das
sagen zum Gedächtnis an meine "zahmen, wilden" Tiere. Es ist eine Verpflichtung,
die ihre Liebe mir auferlegt hat.
Von den alten Getreuen lebte nur noch Jantje. Er hat alle seine alten Freunde
überlebt, obschon er mit neun Jahren eine schwere Blasenoperation durchgemacht
hatte. Der Tierarzt hatte ihn schon aufgegeben, aber mein Jantje kämpfte sich
durch alles hin. Es war als ob er sich seiner Aufgabe, mir bei allem zur Seite
zu stehen, voll bewusst wäre. Er ist achtzehn Jahre alt geworden und bis zum
letzten Tag schlief er am Fußende meines Bettes. Mit seinem feinen Gespür wußte
er, ob ich froh oder traurig war. Dann tröstete er mich auf seine Weise.
Als Jantjes Nieren versagten, sagte der Tierarzt: "Ich kann ihm nicht helfen. Es
wäre besser, ihn einzuschläfern." Noch heute schäme ich mich dafür, aber ich
konnte es nicht. Es war egoistisch, aber ich nahm ihn wieder mit nach Hause.
Vollkommen unlogisch hoffte ich auf ein Wunder. -Es gibt keine Wunder: -Jantje
schlief ein paar Tage später in meinen Armen ein. Wir haben ihn neben Candy
begraben.
Nach dem Tod von Jantje dachte ich, daß ich das nicht auch noch ertragen könnte.
Nicht auch dieses letzte noch! Das alles war doch mein Leben! Ich hatte und habe
noch viele mir sehr liebe Kätzchen, aber zu der Gruppe von Buena, Candy und
ihrer Familie, Dalila und Cleo hatte ich eine ganz besondere Verbindung. Sie
hatten das Wunder in mein Leben gebracht, das ich erleben durfte. Aber man ist
immer stärker als man selbst glaubt, man muss es sein. Den Schmerz vergräbt man
irgendwo im Inneren, ob wir das nun Seele nennen wollen oder Herz oder
Unterbewusstsein. Es ist der Platz, der uns allein gehört.
Auf die Gräber von Buena, Jantje und den Oncillas habe ich viele Schneeglöckchen
gepflanzt. Sie blühten im ersten Frühjahr und dann pflückte ich einen Strauß
davon und stellte ihn in unser Wohnzimmer. Als wir Jahre später Ingen doch
verlassen mussten, habe ich einen Teil davon ausgegraben und in meinen neuen
Garten gepflanzt.
Der Dichter Max Dauthendey, der heutzutage wohl nicht mehr so bekannt ist,
schrieb einst an seinen Sohn: "Mein liebes Kind, wenn wir scheinbar von dir
fortgehen und du uns eine lange Zeit nicht sehen solltest, wir bleiben doch in
allen Dingen, die du siehst, um dich herum.....Vielleicht werden wir Singvögel,
vielleicht eine Blume in deinem Blumentopf..... Denn sieh, du bist so gut wie
wir in und bei allen Dingen zu Hause und solltest dich darum vor keinem Leben
fürchten...."
Inhaltsverzeichnis