Am liebsten würde ich dieses Buch hier abschließen. Einfach schreiben:....und
sie lebten noch lange und glücklich. Leider erzähle ich kein Märchen, sondern
ich habe, so gut ich konnte, alles so erzählt, wie es sich begeben hat. Nur: das
Ende ist soviel schwieriger als der Anfang. Mit wie viel Begeisterung hatte ich
mich nicht in das Abenteuer des Zusammenlebens mit meinen Tieren gestürzt!
Vielleicht hätte ich damals einen Ring ins Meer werfen sollen, wie weiland
Polykrates. Aber das hat dem Herrscher schließlich auch nichts genutzt, er
konnte schon ein Jahr später seinem Erzfeind Satrop Orötes nicht entkommen. Das
war vor etwa 2500 Jahren und die Grilligheit menschlichen Schicksals ist noch
immer die gleiche. So rollten unsere symbolischen Ringe uns von ganz allein
davon.
Die Katzen liebten die geräumigen Außengehege sehr. Im Sommer hatte die Luken zu
den Freigehegen oft auch in der Nacht offen gestanden. Die Katzen liebten ihren
"Urwald", das hohe Gras, in dem sie Insekten fangen und Versteckspielen konnten.
Auch die unkastrierten Kater waren zufrieden mit ihren Unterkünften und den
Ausläufen, in denen sie einander sehen konnten, ohne sich zu verletzen, in die
sich ab und zu Schmetterlinge verirrten, wo es Sonne und Schatten gab und viel
zu sehen. Sie hatten rechts und links freien Ausblick auf die umliegenden
Felder, auf denen früher die Obstbäume gestanden hatten, und vor ihnen lag unser
eigener Obstgarten, in dessen Zweigen immer höchst interessante Vögel
herumturnten. Auch der Hund lief dort herum oder manchmal auch die Schafe oder
die Hühner.
Im Spätherbst, wenn die Nächte zu kalt wurden, mussten wir die Katzen mit
Futter, guten Worten, List und Tücke hereinlocken. Vor allem die Oncillas waren
da sehr behände. Die schnappten sich ihr Futter und schleppten es nach draußen,
ehe man sich's versah.
Eines Tages wollte unser kleiner, sehr anhänglicher Rex nicht kommen. Gerade er
kam sonst immer schnell, wenn man ihn rief. Endlich erschien er. Er hatte eine
Ratte im Mäulchen.
Wir wussten, daß es Ratten in den Gräben ringsherum gab. Die Gräben waren
Eigentum der Gemeinde und bildeten gleichzeitig die Grenze für unseren Besitz.
Ab und zu konnte man in der Dämmerung einmal eine Ratte am Wasser entlang
huschen sehen. In regelmäßigen Abständen sah man, wie Gemeindebeamte sich an den
Gräben zu schaffen machten. Sie legten irgendein Rattengift in die Höhlen dort
and dann war wieder für einige Zeit Ruhe. In die Nähe unseres Hauses kamen
sowieso keine Ratten, dafür sorgten schon unsere tüchtigen Hauskatzen. Diesmal
mußte sich doch eine Ratte zu uns verirrt haben und Rex hatte sie gefangen. Wir
waren sofort alarmiert. Unter den Hauskatzen hatten wir nur einen
"Rattenfänger", einen kastrierten Kater, und der tötete die Ratten zwar, legte
sie aber dann vor unserer Küchentür ab, wie das so üblich ist bei jagenden
Katzen. Aber bei Rex waren wir nicht so sicher, was er mit der Ratte tun würde.
Wir versuchten ihm die Ratte abzunehmen, aber er war schneller als wir. Er
flüchtete zurück nach draußen und wollte nicht wieder hereinkommen. Mein Mann
ging ins Freigehege, aber er konnte nichts mehr sehen, musste erst eine
Taschenlampe holen, fand dann Rex in seinem Versteck und endlich gelang es ihm,
Rex ins Haus zu dirigieren.
Ich machte schnell das Türchen zu. Wir waren sehr erleichtert, daß Rex die Ratte
scheinbar verloren hatte. Am nächsten Morgen würden wir sie suchen müssen, ehe
die Türen zum Freigehege geöffnet wurden. Rex benahm sich ganz normal und sah
sehr stolz aus. Wir gingen beruhigt schlafen.
Am nächsten Morgen sahen wir, daß Candy und noch zwei der Oncillas auf der Diele
um etwas herumsaßen, und als wir näher kamen, sahen wir, daß das "Etwas" unser
lieber, kleiner Rex war und er war tot. Er war so zärtlich gewesen und voll
Vertrauen zu uns. Es war die erste erwachsene Oncilla, die wir verloren, und es
war sehr schlimm für uns. Rex war im Frühjahr von 1967 geboren. Jetzt war er
grade viereinhalb Jahr alt, noch so jung. Wir machten uns große Vorwürfe, daß
wir die Katzen nicht eher hereingerufen hatten. Aber wer hätte so etwas ahnen
können?
Wir begruben Rex im Garten und pflanzten eine Rose auf sein Grab, eine
vollkommen irrationale Gebärde, wie man sie nun einmal nötig hat, um die Härte
des Unveränderlichen mit etwas Lebendem zu bedecken.
Von nun an wurden die Katzen am Abend eher hereingerufen, so leid uns das auch
tat. Sie waren gerade in der Dämmerung so gern im hohen Gras, ihrem
"Privat-Urwald".
Die Trauer um Rex war nicht meine einzige Sorge. Schon in Arnheim hatte mein
Mann Probleme mit seinem Herzen. Er bekam zwar Medizin, aber die wirkte immer
weniger. Eines Abends kam er nach Hause und sah kreidebleich aus. Ein Stunde
später lag er schon im Krankenhaus mit einem Herzinfarkt. Es war, als ob mir der
Boden unter den Füßen weggeschlagen wäre. Wir taten immer alles zusammen,
fütterten gemeinsam die Katzen, auch wenn er noch so viel Arbeit hatte. - Diese
lähmende Angst!
Als ich aus dem Krankenhaus nach Hause kam, war es schon Nacht. Ich mußte den
Katzen noch ihre Abendmahlzeit bringen. Wenn wir einmal mit Verspätung
fütterten, dann waren die Katzen immer sehr ungeduldig, miauten, sprangen gegen
die Tür. Heute waren sie auffallend still, als ich allein hereinkam. Buena sah
mich mit ihren großen Augen an, als wollte sie fragen: "Wo hast du meinen besten
Freund gelassen?" Sie wollte ihr Fleisch nicht annehmen. Es war, als ob meine
Sorgen auf sie übergesprungen wären. Mehr noch als alle Katzen überhaupt, hatte
sie ein unerhörtes Gespür für unsere Stimmungen. Eine rationale Erklärung dafür
habe ich niemals finden können. Solche unerklärlichen Erfahrungen habe ich of
mit meinen Katzen gemacht. Ich habe den Eindruck, daß Katzen in einem
ausgesprochen sensiblen Kontakt mit ihren Menschen stehen und deren Gedanken
oder Stimmungen auffangen.
Nachdem ich unsere Kinder angerufen hatte und ihnen erzählt hatte, was passiert
war, gab ich auch Jantje sein Futter und ging in mein Bett. Jantje ging zum Bett
meines Mannes, kam dann wieder zu mir, legte sich in meinen Arm und leckte mir
die Tränen vom Gesicht. Wir haben alle beide nur wenig geschlafen in dieser
Nacht.
Zum Glück erholte sich mein Mann bald und schon nach einer Woche sagte die
Krankenschwester: "Ihrem Mann geht es schon wieder so gut, daß er sein Bureau
scheinbar ins Krankenhaus verlegt hat." Es sah tatsächlich so aus. Der Tisch in
seinem Zimmer lag voller Akten, das Telefon neben ihm klingelte in regelmäβigen
Abständen. Ich sprach mit dem Arzt darüber, aber der sagte: "Wenn wir Ihrem Mann
die Arbeit verbieten, regt er sich nur noch mehr auf. Fahren sie, so bald er aus
dem Krankenhaus entlassen wird, mit ihm in die Ferien, möglichst weit weg von
seinem Büro."
Also wurden Ferienpläne gemacht. Nur, wer passte auf die Tiere auf? Meine
Hilfskräfte waren zwar fleißig, aber die Verantwortung für die Gesundheit und
Sicherheit der Tiere konnte ich ihnen nicht überlassen. Marion hatte inzwischen
den eineinhalbjährigen kleinen Sohn Maarten und ihren kurz zuvor geborenen Sohn
Wouter zu versorgen. Einen zweiten Hund hatten sie jetzt auch noch, eine kleine
Corgihündin Silky. So hatte Marion alle Hände voll zu tun, aber Gerard war
bereit, zwei Wochen seiner Ferien zu opfern und bei uns "aufzupassen". Es gefiel
ihm gut auf unserem Hof und er liebte alle unsere Tiere sehr und wusste, was sie
nötig hatten. Wir konnten ruhigen Herzens für vierzehn Tage in die Schweiz
fahren.
Jeden Abend riefen wir zu Hause an und in der ersten Woche waren alle Berichte
gut. Aber eines Abends klang Gerard am Telefon völlig verstört. Er war zu den
Katzen gekommen und da hatte Milagro tot auf der Erde gelegen.
"Ich verstehe das nicht, gestern war er noch so fröhlich. Ich glaube, er hatte
sogar eine Maus gefangen!", sagte Gerard. Das mußte also tagsüber geschehen
sein, denn gerade Gerard holte die Tiere zeitig herein, weil er sich so sehr für
sie verantwortlich fühlte. Zu unserer Trauer um Milagro kam noch, daß es uns so
leid für Gerard tat, der sich so viele Mühe gab und nun eine so erschreckende
Erfahrung gemacht hatte. Die Ferien waren uns gründlich verdorben und wir
überlegten, ob wir sie abbrechen sollten. Aber es würde doch nichts mehr ändern
und mein Mann hatte die Erholung so nötig. Auch wenn wir jetzt gleich nach Hause
gefahren wären, hätten wir damit Milagro nicht mehr retten können. Wir hatten
mit unseren Tieren die Freiheit und die Natur aufsuchen wollen, aber die
"Zivilisation" hatte uns auch dort eingeholt.
Als ich wieder zu Hause war, lief ich als erstes zu den Katzen, sah mich um, als
ob ich nicht doch Milagro noch irgendwo auf seinem Lieblingsplatz sehen würde.
Der menschliche Geist hat eben Mühe, die Dinge zu akzeptieren, die er nicht
selbst erlebt hat und die er eigentlich nicht akzeptieren will.
Hermien, die seit Jahren meine beste Freundin gewesen war, hätte mich jetzt sehr
getröstet, wenn wir noch in Arnheim gewohnt hätten. Nun schien sie eine Welt
weit entfernt zu leben. Wir telefonierten zwar noch oft, aber der Abstand machte
sich bemerkbar. Sie hatte uns kurz nach dem Umzug besucht und die Einrichtungen
für die Katzen entsprechend bewundert. Aber die "Trennung von Tisch und Bett"
von unseren Katzen gäbe ihr ein ungutes Gefühl, sagte sie. Das schöne
Bauernzimmer, in das meine alten Möbel, Familienstücke, die schon seit
Generationen in der Familie waren, so gut passten, gefiel ihr nicht so gut wie
den meisten unserer Besucher.
"Ich vermisse die Katzen auf jedem Stuhl und Schrank. Du hast Dich den Gesetzen
des gesellschaftlichen Durchschnittsgeschmacks unterworfen", sagte sie. "Lohnt
sich das?"
"Ich hatte keine Wahl", war meine Antwort. "Ich habe mich angepasst, aber denkst
du nicht, daß ich auch unser glückliches Tohuwabohu, das liebevolle Miteinander
mit den Tieren in Arnheim gern so erhalten hätte? Aber du weißt genau wie ich,
daß die "Guten", die "Ordentlichen" das Gesetz auf ihrer Seite haben. Und
ordentlich ist man, wenn man nicht nach den Maßstäben des Wohlbefindens der
Tiere lebt, sondern nach den Maßstäben der gutbürgerlichen, meist ziemlich
kleingeistigen menschlichen Gesellschaft. Die findet "wilde" Tiere in einem
Wohnhaus gefährlich, weil sie sie eben nicht kennt und nicht weiß, daß die
wirklichen Wilden draußen herum lauern und sich mokieren. Es bestand schließlich
die Möglichkeit, daß ich auf die Dauer in der Stadt mit meinen vielen Tieren den
Kürzeren gezogen hätte. Du hast ja an meinem Geburtstag gesehen, wozu Eifersucht
und Bosheit führen können. Dem habe ich zuvorkommen wollen. Wenn jemand uns
Buena und die Oncillas weggenommen und sie in einen Zoo gesperrt hätte, weil sie
"dahin gehören", dann wäre das für die Tiere und für uns weitaus schlimmer
gewesen, als das veränderte Leben hier."
"Möglich", sagte Hermien, "aber warum hast du nicht mit deinem dummen
Katzensport aufgehört, diesem Hobby, in dem du schließlich nicht nur nette Leute
triffst? Dann hätte sich dein Tierbestand in Grenzen gehalten und ihr hättet in
Arnheim bleiben können. Dein Haus war für mich immer etwas ganz Besonderes, eine
Symbiose von Zivilisation und Natur. Ihr wart glücklich und die Tiere waren
glücklich. Mit deiner so genannten Anpassung hast du das aufgegeben."
"Ich habe Sicherheit dafür eingetauscht. Hier ist agrarisches Gebiet. Niemand
wird hier gegen Tiere, von welcher Art auch, protestieren. Und ich muss dir
ehrlich sagen, daß ich mich noch nirgendwo so zu Hause gefühlt habe wie hier in
diesem alten Haus. Es ist mein Traumhaus. Und die Tiere haben es hier gut und
viel mehr Platz.“
"...und weniger Kontakt mit Eurem Leben.", sagte Hermien und ging bald wieder.
Wir blieben gute Freunde, aber wir sahen uns nur noch sehr selten.
Wir waren noch nicht am Ende unserer Pechsträhne. Es war ein schwülwarmer Tag im
Sommer 1972. Am Abend zog ein Gewitter auf. Als die ersten Blitze am Horizont zu
sehen waren und sich ein Regenschauer ankündigte, fiel mir ein, daß ich die
Wäsche noch draußen hängen hatte. Gerade in dem Augenblick klingelte das
Telefon. Unser Telefon klingelte den ganzen Tag über, seit ich mich in die Welt
des Katzensports gestürzt hatte, oft sogar noch spät am Abend, und keines der
Gespräche war kurz. Sie kosteten mich mehr Zeit, als ich dafür übrig hatte und
während der Krankheit meines Mannes waren sie ausgesprochen hinderlich gewesen.
Da ich aber nicht energisch genug bin, um lange Gespräche kurz abzubrechen, zog
ich den Telefonstecker am Abend aus der Steckdose, wenn mir nicht nach
Telefonieren zu Mute war. So auch jetzt. Herrlich, Ruhe!
Am nächsten Morgen früh schloss ich, wie immer, gleich das Telefon wieder an und
sofort klingelte es. Meine Schwiegertochter war am Apparat: "Wir haben die ganze
Nacht über versucht, Euch zu erreichen. Marions Haus ist heute Nacht abgebrannt,
ein Blitz ist eingeschlagen. Sie sind alle gesund, aber alles andere ist
verbrannt. Freerk und ich fahren jetzt hin, um zu sehen, ob wir helfen können.
Sie sind bei Freunden, die Telefonnummer ist:...."
Das sind so Dinge, die man nicht gleich erfassen kann. In Romanen haben die
Menschen immer Vorgefühle von sich näherndem Unheil. Dieser Blitz traf uns alle
im wahrsten Sinne des Wortes aus heiterem Himmel. Er hat mehr Unglück gebracht,
als man so Erzählenderweise wiedergeben kann.
Ich rief sofort die Nummer der Freunde an, die die Familie von Marion
aufgenommen hatte. Es war eine ganz andere, wie betäubte Marion, deren Stimme
ich hörte. Sie sagte mir, daß die Kinder, Gerard und sie unverletzt seien, daß
auch der Hund Robbie sich in Sicherheit hätte bringen können, aber daß die arme,
kleine Silky, die Corgihündin mit ihren kurzen Pfötchen, in den Flammen
umgekommen sei. Ich konnte das alles einfach nicht fassen, aber ich versuchte
ruhig zu bleiben und sagte als erstes: "Marion, bitte mach eine Liste der
Sachen, die Du jetzt am nötigsten brauchst." Sie sagte: "Mammie, ich hätte nicht
einmal das Papier und den Bleistift, um es aufzuschreiben."
Merkwürdigerweise ist dieser kurze Satz derjenige, der mir am deutlichsten in
Erinnerung geblieben ist. Dieses NICHTS. Wenn ich heute die Bilder von Menschen
sehe, die flüchten müssen, deren Besitz in einem der immer irgendwo wütenden
Kriege auf der Welt oder durch Naturkatastrophen oder andere Unglücke verloren
gegangen ist, dann ärgere ich mich vor allem schrecklich, wenn im Kommentar
gesagt wird: "Zum Glück sind Menschenleben nicht zu beklagen." ZUM GLÜCK! Welch
ein Unsinn! Es gibt kein Glück in solchen Situationen, höchstens eine
Reduzierung des Leidens. Von Glück im Zusammenhang solcher Situationen zu
sprechen, klingt fast wie Ironie. Das Glück ist nicht nur das bloße Leben. Noch
einmal abgesehen von der Tatsache, daß nur selten vom Leid der auch betroffenen
Tiere bei solchen Unglücken gesprochen wird, ist den Menschen doch ein Stück
ihres Lebens verloren gegangen, ihr Heim, ihr ihnen lieb gewordenes Eigentum mit
den dazu gehörigen Erinnerungen, ihre vertraute Umgebung, das alles ist mit
einem Schlag verschwunden. Das Glück ist mit der Umgebung zerstört, weitaus
mehr, als wir uns da im bequemen Sessel vor dem Fernseher vorstellen können.
Ich kenne noch Leute meiner Generation, die im zweiten Weltkrieg Haus und Besitz
verloren haben, entweder durch Bomben oder als Vertriebene aus den östlichen
Teilen Deutschlands. Sie alle haben das "Damals" nie vergessen und sie alle
leiden darunter, daß aus den jüngeren Generationen kaum noch irgend jemand
Verständnis für ihre Gefühle aufbringt. Ein Teil ihres Lebens ist ihnen verloren
gegangen. Jeder Flüchtling, ob es ein Mensch ist oder ein Tier, dem der Baum
zerstört, der Wald verbrannt ist, das gefangen genommen und verschleppt wird,
hat im wahrsten Sinne des Wortes "den Boden unter den Füßen verloren". Selbst
ein Baum stirbt, wenn man ihm seine Grundlage entzieht. Auch Menschen können
durch Unglücke "entwurzelt" werden, und nur wer innerlich stark ist, kann einer
solchen Situation Herr werden.
Später hörte ich, wie alles geschehen war. Etwa zu der Zeit, als ich in Ingen
das Gewitter in der Ferne am Horizont bewunderte, saßen Marion und Gerard
während des Gewitters im Wohnzimmer. Plötzlich fiel das Licht aus. Gerard dachte
noch einen Augenblick lang, daß eine Sicherung durchgeschlagen wäre und wollte
durch die Küche zum Schaltbrett gehen, aber da stand die Küche schon in Flammen.
Er rannte zurück, rief nur: "Marion, das Haus brennt, nimm du Wouter, ich nehme
Maarten!" Sie mussten durch die brennende Küche zur anderen Seite des Hauses,
griffen jeder eins der Kinder und konnten nicht mehr zurück. Über die
Fensterbank konnten sie gerade noch ins Freie klettern, da war das ganze Haus
mit seinem Strohdach schon ein Flammenmeer. Die beiden Hunde hatten bei ihnen im
Wohnzimmer gelegen. Sie müssen wohl hinter ihnen hergelaufen sein. Robbie, der
größere, hat wohl den Sprung über die Fensterbank geschafft, die kleine Silky
mit ihren kurzen Pfötchen konnte so hoch nicht springen und musste in den
Flammen zurückbleiben. Das Auto stand etwas entfernt vom Haus geparkt, darin
konnten sie erst einmal die Kinder in Sicherheit bringen. Als Gerard merkte,
dass Silky nicht bei ihnen war, wollte er noch ins Haus zurück, aber es war zu
spät. Das ganz Haus brannte lichterloh!
Die Nachbarn erzählten später, daß sie gesehen hätten, daß ein Kugelblitz genau
auf das Haus zugekommen war und dass das ganze Strohdach innerhalb von ein paar
Sekunden in Flammen gestanden hätte. Innerhalb weniger Minuten war alles
vernichtet, was sie so liebevoll aufgebaut hatten. Trotzdem: die Trauer um die
kleine Silky und die Sorge darum, wie die Kinder auf den Schock reagieren
würden, waren bei allem das Schlimmste. Der Jüngste war noch so klein, daß der
Umfang der Katastrophe ihm nicht wirklich deutlich wurde. Aber der zwei Jahre
alte Maarten trauerte um sein Spielzeug. Er wollte keine neuen Spielsachen, denn
:"Das verbrennt ja doch alles wieder", war seine kindliche Reaktion. Eins ist
mir aufgefallen: Die ganze Familie hat eine Eigenschaft aus dieser Zeit
zurückbehalten, die so typisch für alle Lebewesen ist, die ihr Zuhause verloren
haben: sie alle haben ihr Herz nie mehr so stark an die sie umgebenden Dinge
hängen können, so tapfer sie sonst auch waren.
Niemand beschreibt das großartiger als Christine Brückner in ihrer Trilogie vom
Leben der Maximiliane von Quindt, die mit ihren Kindern aus Pommern flüchten
musste und alles zurücklassen muss. Wie ein roter Faden zieht sich durch die
Lebensbeschreibung die Bemerkung; "Habe ich das wirklich nötig?" Nichts will sie
haben, was nicht unbedingt gebraucht wird. Die Dinge zum Liebhaben sind für alle
Zeit verloren gegangen.
Wieder denke ich in diesem Zusammenhang auch an die Worte von Emilio Sanna, der
die Gefangennahme des kleinen Elefanten beschreibt: "Ich konnte mich des
Gedankens nicht erwehren, dass das Tier sich in diesem Moment der endgültigen
Wendung seiner Existenz voll bewusst war. Dass es erkannte, alles verloren zu
haben - seine Freunde, seine Bindungen, die Erde, auf der es aufgewachsen war,
seine Identität." Aber, Menschen finden fast immer Menschen, die ihnen
weiterhelfen. Tiere werden von Menschen ihres normalen Lebens beraubt und gehen
fast immer der Einsamkeit, meist sogar lebenslangen Quälereien entgegen, dem
Vergnügen oder dem Wohlsein der Menschheit zuliebe.
Das Drama, daß der Familie unserer Tochter widerfahren war, war für einen
Herzpatienten wie meinen Mann nicht gerade die beste Medizin. Er ging schon
wieder regelmäßig zum Büro, aber es fiel ihm alles schwer. Anwaltspraxen waren
zu der Zeit noch keine "Rechtsfabriken" wie heute. Die Kanzleien bestanden meist
aus ein, zwei oder drei Juristen. Nach dem Tode seines sehr geschätzten Kollegen
hatte mein Mann erst keinen anderen Mitarbeiter im Büro dabei haben wollen. Die
Westfriesen sind so: "Ich mache das lieber allein." Für den Sohn machte er
allerdings eine Ausnahme. Unser Sohn, der sein Jurastudium inzwischen beendet
hatte, absolvierte seine drei Jahre "Stage" in der Praxis meines Mannes. Das war
ein Glück im Unglück, als mein Mann erkrankte. So war jemand da, der ihn
vertreten konnte.
Das Füttern der Tiere am Abend musste ich je länger, je mehr allein besorgen.
Mein Mann war zu müde und kraftlos. Er hatte sich erholen sollen, aber es ging
ihm immer schlechter. Fast zwei Jahre später beschlossen die Ärzte, ihn zum
ersten holländischen "Herzzentrum" in Utrecht zu schicken. Es war die Zeit, in
der Professor Barnard seine ersten Herztransplantationen in Südafrika
verrichtete. Die Herzmedizin stand am Anfang der revolutionären Entwicklung, die
sie seitdem durchgemacht hat. Im St. Antonius Krankenhaus in Utrecht stellte
sich heraus, dass drei der Kranzschlagadern am Herzen meines Mannes völlig
verstopft waren. Lebenserwartung: noch etwa drei Wochen! Die Prozedur des "Dotterns"
war noch nicht erfunden worden. Wenn mein Mann gerettet werden sollte, musste
ganz schnell ein chirurgischer Eingriff vorgenommen werden. Es gab ein ganz
neues Verfahren: eine "Bypass-Operation". Das könnte die einzige Rettung für
meinen Mann sein, mit der Betonung auf könnte. Ohne Garantie natürlich, man
hatte schließlich noch wenig Erfahrung. Natürlich habe die Operation sofort zu
geschehen, sonst wäre es zu spät. Aber im günstigsten Fall könnte sie ihm wohl
noch bis zu zehn Lebensjahre schenken.
"Sofort....aber das geht doch nicht. Meine Praxis!" hatte mein Mann gesagt und
die Antwort war gewesen: "Die können Sie schnell vergessen, wenn Sie sich nicht
sofort operieren lassen!".
Unser Sohn hatte seine Stagezeit gerade beendet. Er wollte nicht in der
Anwaltspraxis bleiben, er hatte andere Berufspläne. Aber er sagte sofort alle
anderen Verpflichtungen ab. Trotz des Risikos, eine wundervolle Berufschance zu
verlieren, übernahm er die Praxis. Er tat es aus Liebe zu seinem Vater, aber er
hat dadurch nicht nur meines Mannes und meine Zukunft gerettet, sondern auch die
unserer Tiere.
Die Operation war riskant und für uns angst einjagend. Trotzdem: mein Leben lang
werde ich nicht vergessen, mit wie viel Fachkenntnis, Sorge und Verständnis dort
in Utrecht gearbeitet wurde. Auch wir, die Familie, wurden "begleitet". Am Tage
der Operation, die einschließlich der komplizierten Vorbereitungen fast den
ganzen Tag dauerte, waren wir im Krankenhaus. In einem extra für uns
reservierten Raum bekamen wir alle halbe Stunde von einer Schwester Bericht über
den Stand der Operationsvorgänge. Wir saßen schweigend da und die Zeit wurde zur
Ewigkeit. Erst am Abend wußten wir, dass die Operation gelungen war und mein
Mann auf die Intensivstation gebracht worden war. Am nächsten Tag würden wir ihn
sehen dürfen Die Narkose dauerte damals noch drei bange Tage, an denen wir ihn
wie leblos liegen sahen, angeschlossen an vielerlei Geräte. Aber danach setzte
langsam die Besserung ein.
Mein Mann war am 4. Dezember operiert, am Tage vor dem holländischen
Nikolausfest. Die ganze Weihnachtszeit über fuhr ich jeden Tag hin und zurück
nach Utrecht. Vor den Fenstern standen Weihnachtsbäume. "-Wird es für uns noch
einmal ein Weihnachtsfest geben?" fragte ich mich. Erst Anfang Januar konnte ich
meinen Mann nach Hause holen. Es hat noch lange gedauert, bis mein Mann sich
erholt hatte, aber er war gerettet.
Diese Zeit der Sorge hat sich für immer in mein Gedächtnis eingeprägt, unzählige
Male habe ich daran zurückgedacht. Aber auch an das Gefühl der Dankbarkeit, daß
mein Mann uns zurückgegeben wurde. Wir
haben aus dieser Periode einen enormen Respekt vor dem Können der Ärzte und der
Wissenschaft überhaupt übrig behalten. Das muß man auch einmal ehrlich sagen,
wenn man auf die Wissenschaft schimpft, der Tierversuche wegen. Es hat eben
alles seine zwei Seiten. Wie kompliziert es doch ist, eine objektive Meinung zu
haben!
In diesen schweren Zeiten wurden die Tiere zwar gut versorgt, aber viel Zeit,
mich extra mit ihnen zu bemühen, hatte ich natürlich nicht. Ich hatte, glaube
ich, immer das Gefühl: Einmal wird es wieder so wie früher. Dabei ist ein
Katzenleben so relativ kurz und die Jahre gingen dahin. Wie oft denke ich noch
heute: Wenn ich doch nur jeden Tag hätte genießen können, als ich diese
herrlichen Tiere, die ich so liebte und die mich so liebten, noch hatte!
Dies sollte ein Buch über Tiere werden. Während des Schreibens ist mir
deutlicher denn je geworden, wie sehr das Los unserer Tiere mit dem der Menschen
verbunden ist. Nicht nur das der Tiere, die in ihrer eigenen Umgebung von den
Menschen bedroht werden, nein, auch das derer, die wir zu uns geholt haben, um
sie zu lieben und zu versorgen. Ihre Sicherheit und ihr Wohlergehen ist an unser
Schicksal gebunden.
Inhaltsverzeichnis