Kurz vor Weihnachten gab es den
ersten Ärger in Ingen. Ich hörte auf einmal laute Schüsse und lief nach draußen.
Da scheuchte eine Horde junger Männer mit ihren Hunden die Hasen auf und ein
paar Männer mit Gewehren ballerte drauf los, als ob sie im Krieg dem ärgsten
Feind gegenüber ständen. Mich packte eine Mordswut. Ich lief zu den Leuten und
schrie sie an: "Schämen Sie sich nicht, daß Sie hilflose Tiere vor Ihre Füße
scheuchen lassen und sie dann ermorden?" - Ich sagte "ermorden" und das schien
die Leute sehr zu amüsieren.
Ich wurde nur noch böser: "Ich bin
die Eigentümerin dieses Stückchen Landes und wenn nur noch eine Kugel von Ihnen
über meinen Grund und Boden fliegt, oder wenn einer von Ihnen auch nur einen Fuß
auf mein Land setzt, dann rufe ich die Polizei und verklage Sie wegen
Hausfriedensbruchs." (Mein Mann erklärte mir später, daß ich die juristische
Sachlage nicht ganz richtig ausgedrückt habe, aber das wussten die so genannten
Jäger auch nicht.)
Irgend jemand von ihnen sagte etwas
zu den anderen und sie gingen zu meiner Erleichterung ein wenig weiter und
knallten da herum. Niemand war erstaunter als ich, daß meine Warnung so gewirkt
hatte.
Ich mußte mich erst einmal
abreagieren und das geht bei mir am besten an der Schreibmaschine. Ich ging ins
Haus und schrieb einen Leserbrief an die "Tielsche Courant", die Zeitung, die
dort am meisten gelesen wird. "Ich hätte gehofft“, schrieb ich, „daß ich in
Ingen in ein so friedliches Dörfchen gekommen sei, aber den Weihnachtsfrieden
kenne man dort wohl nicht. Es wäre einfach feige, wenn große, starke Männer sich
da hilflose Tiere vor die Füße jagen ließen, um die dann abzuknallen. Ich würde
ernsthaft erwägen, im Wiederholungsfalle die Polizei zu Hilfe zu rufen."
Der Brief wurde tatsächlich gedruckt.
Es stand noch ein zweiter Leserbrief darunter. In dem stand, daß der Schreiber
den Brief von Frau Falkena von der Zeitung zur Einsicht bekommen hätte und um
Kommentar gebeten sei. Er wisse, daß Frau Falkena gerade kürzlich aus der Stadt
zugezogen sei. Sie sei gewiss eine große Tierfreundin, aber sie kenne wohl noch
nicht den Unterschied zwischen Mord und Jagd. Dass man Hasen abschießen würde,
wäre sehr nützlich, denn die fräßen sonst die Ernte weg. Er habe zwar
Verständnis für meine Aufregung, aber er sei sicher, daß ich auf die Dauer das
alles noch lernen würde.
Die Polizei hätte ich übrigens nicht
zu rufen brauchen, die sei bereits dabei gewesen. Er, der Schreiber sei einer
der Jäger und zugleich der Polizeichef des Distrikts.
Und was sagte mein Mann, als er nach
Hause kam und das las? Er sagte: "Das hätte ich dir vorher sagen können, daß du
damit nichts erreichst."
Eine kleine, bescheidene Rache gelang
mir trotzdem. Als nämlich ein paar Tage später jemand an die Tür kam und mir
ein Los von einer Lotterie zugunsten des Musikvereins verkaufen wollte, habe ich
erst einmal nachgesehen, was man da gewinnen könnte, und was sah ich? Gewinnen
konnte man verschiedene "Festbraten", nämlich Hasen und Fasanen. Das waren also
die armen Viecher, die da gejagt und erschossen waren. Ich sagte zu dem Mann,
der die Lose verkaufte: "Sie können ihrem Verein bestellen, daß er, solange ich
hier wohne, keinen Cent von mir bekommen wird. Mir gefällt die Musik nicht, die
aus ihren Gewehren kommt."
Im Laufe des Jahres sagte dann eine
Bekannte zu mir: "Sie brauchen weiter gar nichts zu tun, als mit Ihrem
Fotoapparat nach draußen zu laufen, wenn die Jäger in der Nähe sind. Die wollen
nämlich gerade jetzt, wo so viele Stimmen gegen die Jagd erhoben werden, jede
Publizität vermeiden."
Das hat tatsächlich gewirkt. Danach
haben die Jäger immer einen großen Bogen um unser Grundstück gemacht. Sie
wollten scheinbar keinen Ärger haben. Manchmal fuhr ich auch, wenn ich die Jäger
sah, ein wenig mit meinem kleinen Morris Mini "spazieren", dort wo grade
gejagt wurde. Natürlich mußte ich immer tüchtig hupen, damit ich keine Jäger
oder ihre Hunde oder gar Hasen überfuhr! Ich hoffte, daß wenigstens die Hasen
davon so erschrecken würden, daß sie sich in Sicherheit bringen würden. Ich
habe immer gehofft, daß die Hasen unser Grundstück als Zufluchtsort ansehen
würden, aber ich habe nur sehr selten einen gesehen. Vielleicht hätten wir Kohl
anbauen sollen.
Es ist bekannt, daß Hasen, wenn sie
durch eine Hundemeute gejagt werden, zu den Menschen fliehen. Das ist natürlich
nicht so merkwürdig, wenn man bedenkt, daß die Hunde sie in Richtung der Jäger
hetzen. Der Hase sieht dort nur ein warmes, stillstehendes Wesen, das nicht
zähnefletschend hinter ihm her rennt und bei dem er Deckung vermutet. Ein
Hoffnungsschimmer vielleicht.
Der holländische Schriftsteller van
Zomeren beschreibt in seinem Bändchen „Sommer“, wie er durch einen Feldstecher
einen Hasen beobachtete, der so auf einen Jäger zu flüchtete, der sein Gewehr
schon über die Schulter gehängt hatte, und sich vor ihm hin duckte und still
sitzen blieb. Van Zomeren beschreibt, daß das Tier in dem Augenblick „wie ein
groβes, klopfendes Herz“ aussah. Der Jäger griff das Tier mit der einen Hand
an den Hinterläufen, hielt es hoch und mit der anderen Hand brach er ihm den
Hals. (Man erinnere sich bitte: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!!!“)
Der frühere deutsche Bundespräsident
Theodor Heuss hat seine Meinung über die Jagd mit diesen Worten ausgedrückt:
„Die Jägerei ist eine Form menschlicher Geisteskrankheit."
Mein persönlicher, kleiner Kampf
gegen die Jagd ist nun schon viele Jahre her. Vieles hat sich geändert, aber
noch immer jagen Menschen, trotz vielseitiger Proteste der Tierschützer,
wehrlose Tiere. Heute würde ich allerdings wahrscheinlich etwas sachlicher auf
die Ereignisse reagieren, obwohl ich noch immer gegen Treibjagden solcher Art
bin.
Über den Jagdinstinkt im Menschen
haben sich schon ganz andere den Kopf zerbrochen als ich. Er ist einer der
Urinstinkte nicht nur der Menschheit, sondern, wie wir wissen, alles dessen, was
lebt. Die Nahrungskette, das Fressen und gefressen werden, ist die Grundregel
des Lebens. Das müssen wir akzeptieren, ob es uns nun gefällt oder nicht.
Selbst Pflanzen leben nicht nur von Sonne, Sauerstoff und Wasser. Sie brauchen
Humus und der entsteht aus dem Überbleibsel gestorbener Pflanzen. Sie sind also
sozusagen pflanzliche Aasfresser.
Seit dem Mesolithikum (der mittleren
Steinzeit) hat der Mensch die Jagd nicht mehr wirklich nötig. Er lernte Pflanzen
zu „domestizieren“, sie als Nutzpflanzen selbst anzubauen und als Nahrungsquelle
zu nutzen. Er hat sich die „Nutztiere“ unterworfen für, unter anderem, seinen
Fleischkonsum. - Warum wird also doch noch gejagt?
Christian Vogel schreibt in „Vom
Töten zum Mord“: -„Der Löwe, der die Gazelle schlägt, sündigt nicht; der moderne
Jäger, der aus Lust am Töten eine Gazelle erschiet“, begeht eine Sünde, und
weiter: „Leiden und Sterben in der Prähumanen Revolution sind konstitutive
wertneutrale Faktoren der Evolution; vom Menschen verursachtes Leiden und
Sterben ist unter keinen Umständen mehr wertneutral, sondern muß sittlich
verantwortet werden....“ -daran ändern auch die modernen Ausreden der Jäger
unserer Tage nichts, die die ‚Trophäenjäger‘ verurteilen und für sich selbst die
Ausrede der ökologischen Jagd (sogenannt zur Rettung des Waldes) erfunden
haben. Kein Reh und kein Hirsch kann soviel Bäume zerstören, wie der Mensch mit
seinem Leben in der „Zivilisation“. Und wenn die Menschen die großen Wildtiere
nicht längst ausgerottet hätten, dann brauchten sie sich auch keine Sorgen um
das Gleichgewicht in der Natur zu machen. .
Anfang dieses Jahrhunderts gab es
noch kein einziges allgemeines Jagdgesetz. Jedes Fürstentum, jede kirchliche
Gemeinde hatte ihre eigenen Regeln. Tiere konnten nach Belieben und auf jede
Weise gejagt und getötet werden.
In Deutschland wurden Bison, Bär,
wilde Pferde, Adler und manche andere Tierart so gut wie ausgerottet. Erst das
neue Jagdgesetz von 1933 verbot, zuerst in Preuβen, später, ab dem 18. Januar
1934, auch in ganz Deutschland, die Jagd auf viele bedrohte Tierarten, wie z.B.
den Adler. Das „Jagen“ von Tieren mit Hilfe von Stahlfallen, Gift und
Kunstlicht wurde verboten. Jagdaufseher durfte nur der werden, von dem man
wußte, daß er gleichzeitig auch ein Tierfreund war. Diese deutschen Jagdgesetze
sind seitdem von mehreren europäischen Ländern ganz oder teilweise übernommen
worden. Wiederum sage ich: man sollte über den bösen Erinnerungen an die Mitte
dieses Jahrhunderts die Guten nicht ins Abseits manövrieren, das wäre dumm und
kurzsichtig.
Deutschland war auch Vorläufer auf
dem Gebiet der Naturreservate, die heutzutage die letzten Rettungsinseln so
mancher fast ausgestorbenen Tierart sind. Auf der Pommerschen Halbinsel Darss,
in Rominten in Ostpreußen und auf der Schorfheide bei Berlin entstanden
Naturreservate für Bison, Nachteulen, Birkenhühnern, Wildgänsen und die zu der
Zeit ebenfalls fast ausgestorbene Graugans. Sie waren die Vorläufer der
heutigen Naturreservate.
Ich habe den größten Teil meines
Lebens in Holland gelebt, in einer Zeit, in der es nicht leicht war, bei anderen
Verständnis für die immer gebliebene Liebe zur alten Heimat zu finden. Ich darf
aber wenigstens öffentlich bekennen, daß ich gerade auf dem Gebiet, das mir so
wichtig ist - dem Verhältnis der Menschen zu den Tieren - stolz darauf bin, daß
Deutschland einen weltweiten Einfluss auf gute Jagdgesetze und Artenschutz hatte
und wohl auch noch hat. Man denke da an die vielen deutschen Zoologen und
Biologen, die sich in Afrika für das Entstehen und den Erhalt der Wildreservate
eingesetzt haben. - Soviel zum Thema Jagd.
Im Sommer, der auf die winterliche
Eskapade folgte, besuchte uns eine ganz andere Sorte von Tieren. Ich hatte meine
Pläne vom giftfreien Garten in die Realität umgesetzt. Salat, Radieschen,
Zuckererbsen, Wurzeln und Spinat hatte ich angepflanzt. Es schmeckte den Raupen
und anderem Getier vorzüglich. Uns nicht so sehr, denn die Läuse ließen sich
nicht aus dem Salat waschen und die Raupen im Kohl waren nicht sehr
appetitanregend. Der Spinat war so winzig, daß man ihn für Gartenkresse hätte
halten können. Ich bin eigentlich nie dahinter gekommen, was ich falsch gemacht
habe. Ich hatte verschiedene Bücher über das Thema "Der naturgemäße Garten"
gelesen und alle Ratschläge nach bestem Können befolgt, aber es hatte nicht die
erwünschte Wirkung. -Wie wird man "eins mit der Natur"?
Da die biologische Gemüsezucht kein
durchschlagender Erfolg geworden war, versuchte ich es im nächsten Jahr mit
Obstbäumen. An der Längsseite des Graslandes, das sich links vom Haus wie ein
Keil zwischen Dorf- und Provinzweg erstreckte, pflanzte ich fünfzig
verschiedene Obstbäume, Pflaumen, Äpfel, verschiedene Sorten Birne und
Zwetschgen. An die Südseite des Hauses wurde ein Pfirsich-Spalierbaum gepflanzt,
und dort, wo erst der biologische Garten gewesen war, wurden zwanzig
Kirschbäume viel zu dicht bei einander angepflanzt, was sich erst
herausstellte, als sie schon groß und nicht mehr zu verpflanzen waren.
Alle Bäume blieben auch "naturgemäß",
d.h., sie durften so wachsen, wie ihnen zumute war, sie wurden nie gespritzt
oder hochgebunden und gestutzt. Trotzdem oder gerade deshalb trugen sie reiche
Früchte. Die Nachbarn betrachteten unsere Anpflanzungen mit Mißtrauen. Wir
machten in ihren Augen alles verkehrt. Obstbäume müßten schön ordentlich in Reih
und Glied gepflanzt, auf Maß gestutzt und regelmäßig gegen Ungeziefer gespritzt
werden. Daß die Bäume überhaupt wuchsen, war noch lange kein Beweis, daß wir
etwas von Obstbau verständen, unser Obst würde wohl nichts taugen, so
ungespritzt und überhaupt. Wir haben übrigens nie wurmstichige Äpfel oder Birnen
gehabt. Das lag daran, daß wir die Hecke stehen ließen, in der die Vögel
wohnten, die die besten Schädlingsbekämpfer waren. Mitten zwischen den
Apfelbäumen prunkte später noch als Prachtstück ein Walnußbaum, der zu meinem
Erstaunen schon nach ein paar Jahren die ersten Walnüsse trug. Zum Schluß kam
noch zur Landstraße hin eine Haselnußhecke, die in späteren Jahren schon im
frühen Frühling Haselkätzchen trug und im Herbst voller Haselnüsse war. Von
denen wurden allerdings die meisten von den Haselmäusen stibitzt, die immer
schneller waren als wir.
Schon gleich im nächsten Frühjahr
blühten die jungen Bäumchen, daß es eine Pracht war, und als sie nach ein paar
Jahren groß waren, trugen sie, zum Erstaunen der Nachbarn, Obst im Überfluß. Es
klingt vielleicht unglaublich, aber ich habe zu meinen Bäumen einen fast
persönlichen Kontakt gehabt. Zum Glück hat keiner von meinen damaligen Nachbarn
je gehört, daß ich mich bei jedem der Bäume bedankte, wenn ich das Obst
pflückte. Sie hätten mich für verrückt erklärt. Das Heranwachsen und auch das
Pflücken der Früchte hatte für mich etwas Feierliches. Mir war jeder Apfel, jede
Birne ein unverdientes Geschenk.
Schwieriger war es, die ergiebige
Ernte auch wieder an den Mann zu bringen. In der "Katzenwelt" hatte es sich
herum gesprochen, daß man einen gemütlichen Tag auf dem Land verbringen
konnte, wenn man nur Interesse an den Katzen an den Tag legte. "Kann ich einmal
bei Ihnen vorbei kommen? Ich möchte mich gern über die Haltung von Abessiniern
(Siamesen, Orientalen) informieren." Sie kamen mit erwartungsvoller
Kinderschar und brachten auch die Freunde mit oder Oma und Opa. Zu Anfang
empfing ich alle Besucher, wie man Besucher empfängt. Später stellte ich
Stühle in den Garten, bot Coca Cola an und sagte: "Sie entschuldigen mich
sicher, ich habe noch viel zu tun." Aber bei jedem konnte man das nicht tun.
Den Besuchern wurde nach Besichtigung
der Katzen angeboten, daß sie gern Obst mit nach Hause nehmen dürften. "Wie
reizend", sagten sie dann, "wo steht es?"
"Es steht nicht, es hängt am Baum und
Sie dürfen pflücken soviel sie wollen."
Dann pflückten sie eine Handvoll und
bedankten sich. "Nein, mehr brauchen wir wirklich nicht. Das kann man in der
Stadt doch alles auch kaufen." Bezahlen ist eben leichter als pflücken. Beim
Abschied sagten sie dann oft: "Ich beneide Sie, daß Sie so herrlich wohnen. Sie
haben eigentlich immer Ferien."
"Aber ja, ich weiß! Und kommen sie
gut nach Hause!" antwortete ich dann und bewunderte mich selbst um meine
Beherrschung. Dann ging ich schnell zurück zu den Katzen, zu Honey, zu meinen
Weckgläsern oder was sonst grade zu tun war.
Da hatte ich es mit den Kirschen
einfacher. In den zwanzig Jahren in Ingen habe ich nicht eine reife Kirsche von
unseren Bäumen gepflückt. Die hatten die Vögel schon im Morgengrauen "geerntet".
Früher, in der Schule, hatte ich gelernt, daß die lieben Vöglein ihre Tage damit
verbringen, daß sie das Lob des Herrn verkünden. Falsch: Kirschen stehlen sie.
Komischerweise gönnte ich es "unseren" Vögeln, aber wenn, was einige Male
passierte, eine Schar Krähen in der Morgendämmerung innerhalb von ein paar
Minuten den ganzen Kirschengarten vollkommen leer geplündert hatte, dann packte
mich eine richtige, absolut tierunfreundliche Wut. - Ich hatte die Kirschen
eigentlich nicht nötig. In den umliegenden Kirschgärten, in denen man
professionelle Vorkehrungen gegen die Vögel traf, gab es, wenigstens in den
ersten Jahren, Kirschen im Überfluß. Welcher Urinstinkt also machte mich so
böse, wenn "meine" Kirschen von den Krähen gestohlen wurden?
Das Gras wuchs so hoch, daß selbst
Honey darin verschwand. Abhilfe fanden wir in Gestalt der Schafe Schneewittchen
und Veronika. Sie schafften nur einen Teil der Arbeit. Deshalb kam im Jahr
darauf ein junger Ramm dazu, der nicht nur mit graste. Seine Tätigkeit bescherte
uns im nächsten Frühjahr die ersten Lämmchen. In späteren Jahren kam noch ein
schwarzes Schaf in die Familie und so bekamen wir zu den weißen auch schwarze
und schwarz-bunte Lämmchen.
Mein Mann zimmerte eine schöne Krippe
und dann auch gleich einen "Bungalow", in dem die Schafe bei Regen Schutz finden
konnten. Es war ein mit Teerpappe überdeckter Schuppen, der in der Mitte einen
ebenfalls überdeckten Eingang hatte. Diesen Zwischenraum nannten wir die
"Schafsterrasse".
Ab und zu wurde mal ein Lämmchen
geboren, das von der Mutter nicht angenommen wurde. Das mußte dann mit der
Flasche großgezogen werden. Honey fand das fabelhaft. Sie spielte sehr
vorsichtig mit den Kleinen. Nach dem Gesetz der Prägung hätte das Lämmchen seine
Schafmutter als Mutter erkennen müssen. Die hatte es immerhin als Erstes
gesehen, weil wir immer erst ein paar Mal versuchten, es der Mutter anzulegen.
Weit gefehlt: diese "Paplämmer", wie man die verstoßenen Lämmchen im Dorf
nannte, verstanden unsere gute Sorge völlig verkehrt und sahen in uns ihre
Mutter und in Honey und den Katzen ihre Spielgefährten. Wo man hinging, da
wollten auch sie hingehen, und wo man blieb, da wollten sie bleiben.
Die Milch zur Aufzucht der "Paplämmer"
holten wir beim "Nachbarn", das heißt, vom nächstgelegenen Bauernhof. Die
Bäuerin hatte gleich zu Anfang zu mir gesagt: "Wenn Sie einmal Hilfe brauchen,
dann kommen Sie ruhig zu uns. Wir sind hier sehr tolerant, auch zu Leuten, die
neu sind." ...und nach einigem Nachdenken fügte sie noch hinzu: "..auch wenn Sie
nicht zur Kirche gehen. Wir nehmen Ihnen das nicht übel, solange sie die
Sonntagsruhe nicht stören, z.B. indem Sie am Sonntag im Garten arbeiten".
Daran haben wir uns gehalten. Wie oft
hört man doch, wie die Stadtbewohner mit einer sicheren Überheblichkeit über die
Landbevölkerung sprechen. Ich habe in der Stadt ganz sicher niemals tolerantere
und großzügigere Nachbarn gekannt, als die im kleinen Dörfchen Ingen. Nicht
einmal habe ich ein geringschätziges Wort unseren Tieren gegenüber gehört,
niemals Kritik, weil für uns die Tiere zuerst kamen. Jeder verstand das und ließ
uns das wissen. Das gab ein gutes Gefühl.
Jetzt konnte ich herrliche, frische
Kuhmilch für meine Lämmchen dort holen, die ihnen vorzüglich schmeckte. Man sah
die Kleinen förmlich wachsen. Sobald sie anfingen, Gras zu fressen, mussten wir
sie in die Gruppe der anderen Schafe integrieren. Das war eine Geduldsprobe.
Meist hielten sie sich in der Nähe der Pforte auf in der Hoffnung, daß sie
hindurch schlüpfen könnten zu ihrer Menschenmutter, die sie nun auf einmal so
viel allein ließ. Dann mußte man standhaft bleiben, so schwer es auch fiel. Aber
eines Tages sah man dann doch, wie die kleinen "Paplämmer" mit den anderen
Lämmchen spielten. Das Eis war gebrochen, sie waren Mitglieder der Schafsfamilie
geworden. Trotzdem waren sie die ersten, die ankamen, wenn man "prrr" rief, was
bedeutete, daß es etwas extra Gutes gab. Obst z.B. oder ein Kraftfutter, das "Biks"
hieß.
Unsere Schafe waren eine der
Attraktionen, die wir unseren Besuchern zu bieten hatten. Die waren sehr
erstaunt, daβ alte und junge Schafe so schnell angelaufen kamen, wenn jemand am
Gitter stand. Unsere Schafe kannten noch kein "Böses" von den Menschen und
hatten darum auch keine Angst vor ihnen.
Die Kühe des Bauern, bei dem wir
unsere Milch für die Schafe holten, standen auf einer Wiese unserem Haus
gegenüber. Als wir nach Ingen kamen, hatten dort viele Apfelbäume gestanden,
aber inzwischen waren die meisten Baumplantagen verschwunden. Die Bauern
hatten vom Staat "Prämien" bekommen, wenn sie ihre Obstbäume rodeten. Alles
wurde auf Viehzucht umgestellt. In jedem Jahr gab es weniger Obstbäume und mehr
Kühe. "Butterberg" und "Milchüberschuß" waren noch keine bekannten Vokabeln.
Die Kühe sahen immer so traurig aus.
Ihr langes, klagendes "Muuhh" konnten wir oft tagelang hören. Erst wußte ich gar
nicht warum. Später verstand ich es. Sie mußten alljährlich "kalben", aber die
Kälber wurden ihnen gleich weggenommen, wenn sie die erste Milch getrunken
hatten. Die erste Milch enthält nämlich viele Antistoffe gegen Krankheiten. Es
ist also wichtig für die Gesundheit der Kälber, daß sie diese erste Milch
bekommen. Gleich danach werden sie allerdings von der Mutterkuh fortgenommen,
denn alle andere Milch ist für die "Milchproduktion", die Industrie also. Mit
dem ersten Trinken (aber darüber denkt der Bauer wohl nicht nach, er kann es
sich auch gar nicht leisten) entsteht das Band zwischen Mutter und Kind,
-beiderseitig. Die Mutter ist sich des Verrlustes ihres "Kindes“ in weitaus
größerem Maße bewusst, als wenn sie es erst gar nicht "kennen" würde. Und die
tiefe Bindung zwischen Mutter und Kind brauche ich nicht auf's Neue zu
beschreiben. So trauert eigentlich jede Kuh, die -nach städtischen Begriffen-
so niedlich "Muuhh" ruft, um ihr verlorenes Kind. Es kann nicht schaden, darüber
einmal nachzudenken.
Wenn ich die Milch für meine Lämmchen
holte, sagte der Bauer ab und zu: "Wollen Sie nicht mal eben meine jungen
Kälbchen sehen?" Mit liebevollem Stolz führte er mich zu den Boxen, in denen die
Kälber beieinander lagen. Ich sagte erwartungsgemäß: "Ach, wie süß", und dann
fragte ich: "Wann dürfen sie auf die Weide?"
"Die kommen nicht auf die Weide",
sagte der Bauer, sie werden übermorgen von der Kälbermästerei abgeholt."
Ich war entsetzt: "Aber das ist doch
schrecklich! Wissen Sie denn nicht, wie es da zugeht? Ich habe ein Heft von
einem Tierschutzverein, darin steht das ganz genau beschrieben. Ich kann es
Ihnen zeigen."
"Ja, ich weiß, aber das verstehen Sie
nicht. Die Kälbermästerei bezahlt eben viel mehr Geld für die Kälber." Das
sagte er, als wäre er sicher, daß er mich damit völlig überzeugt hätte. Dem
konnte man nichts mehr entgegen bringen, es war ein durchschlagendes Argument.
Der Bauer war weder arm noch gefühllos. Ich habe ihn in den zwanzig Jahren, in
denen ich in Ingen wohnte, erwachsen werden sehen. Er war ein freundlicher und
hilfsbereiter Nachbar. Er hat eine großartige Frau geheiratet und er erzog
später seine drei Kinder sehr liebevoll. Er konnte seinen Kindern ein Reitpferd
kaufen, er behandelte seinen Hund gut und ließ die gut gepflegten Hofkatzen
zeitig kastrieren und sterilisieren. Aber er hatte einfach nicht gelernt, über
die Gefühle von Kühen oder Kälbern nachzudenken, und seine Kirche lehrte ihn,
daß der Mensch sich die Tiere untertan machen soll.
Ich erinnere mich noch lebhaft an
einen Herbstabend in Ingen. Ich war noch eben nach draußen gegangen, nur um
noch etwas Luft zu schöpfen und den Fröschen und den Grillen zuzuhören. Beim
Bauern gegenüber stand ein Viehwagen. Ich sah, wie der Bauer mit drei Helfern
einen Stier in die Richtung des Wagens trieb und sie dazu die -vom Tierschutz
zurecht als grausam verurteilten- Stromstöcke benutzten.
Ich ging, wie zufällig, hin und sah
mir das mit unbeweglichem Gesicht an. Ich wußte, daß der Bauer meine Einstellung
dieser "Arbeitsweise" gegenüber genau kannte. Es geschah, was ich erwartet
hatte: obschon jeder andere Bauer mich einfach fortgejagt hätte, erhob er keinen
Einspruch gegen meine Gegenwart, dort wo ich in seinen Augen bestimmt nichts zu
suchen hatte. Er flüsterte kurz mit seinen Helfern und dann wurden die Stöcke
weggelegt und die vier starken Männer versuchten, den Stier mit nur ihrer
eigenen Kraft in den Viehwagen zu treiben. Es gelang ihnen nicht. Der Stier
blieb stehen wie eine Mauer und es wurde ein endloses und zermürbendes Gefecht
für beide Seiten. Ohne die "wunderbaren" technischen Mord- und Qualinstrumente,
die der Mensch sich erdacht hat, ist der Homo sapiens vielen Tieren gar nicht so
überlegen, wie er gern sein möchte.
Als mir bewußt wurde, daß ich dem
Stier mit meiner Gegenwart nicht helfen konnte, sondern ihm sogar nur einen
längeren Leidensweg besorgte, bin ich weggegangen. Aus der Ferne sah ich noch,
daß die Männer ihre Stromstöcke wieder aufgenommen hatten, und innerhalb weniger
Minuten war der Stier im Wagen. Für mich war das eine verwirrende und
ernüchternde Erfahrung. Zum ersten Mal wurde mir deutlich, daß kein Ziel des
Tierschutzes erreicht werden kann, wenn nicht die Einsichten der ganzen
Menschheit sich verändern. Solange es Menschen gibt, die Fleisch essen, das auf
diese Weise auf den Tisch kommt, solange darf man es dem Bauern nicht verargen,
daß er es "produziert". Die Grausamkeiten am "Nutztier" kommen nicht nur auf das
moralische Schuldkonto der "Produzenten", sondern zu gleichen Teilen auf das der
Verbraucher. Und der Verbraucher ist nun einmal von Natur aus kein reiner
Pflanzenesser.
Das ist eine der vielen Lehren, die
ich in den Jahren "auf dem Lande" gelernt habe: auch die Sache mit dem
Tierschutz hat seine zwei Seiten und oft ist die Seite, die wir sehen, das
Spiegelbild von unseren Idealen und die Rückseite, die wir nicht sehen wollen,
liegt gegrillt auf unserem Teller.
Zum Beispiel waren da noch unsere
Hühner. Daß wir die auch noch hatten, das kam so: Längst war es uns deutlich
geworden, daß in Tiergärten, in Kreisen von Züchtern Fleisch fressender Tiere,
in jener Zeit hauptsächlich ein Futter verbraucht wurde, das uns erst ziemlich
merkwürdig vorkam. Auch dieses "Tierfutter" hängt mit den menschlichen
Eßgewohnheiten zusammen. Hühnerfleisch, früher ein Genussmittel, war längst Teil
des normalen Fleischkonsums geworden. Die Hühnerzucht war zur Industrie
geworden. Noch war die Bioindustrie nicht das, was sie heute ist, eine
Ansammlung von Tierfabriken, sondern es gab riesige Hühnerfarmen, die sowohl vom
Fleischkonsum als auch von der steigenden Nachfrage nach Eiern profitierten.
Heute würde diese Form der Hühnerhaltung noch den Titel "artgemäß" erhalten,
weil die Hühner nicht in zu kleinen Stahlkäfigen, sondern in riesigen Scheunen
(selten mit anschließenden Freigehegen) gehalten wurden. Solche Hühnerkolonien
beherbergen natürlich eine große Zahl von Hühnern und nur einige Hähne. Die Eier
wurden und werden auch nicht von den Hühnern selbst ausgebrütet, sondern in
Brutmaschinen, die in Reihen in den Brutanstalten stehen. Wenn die Küken
schlüpfen, werden sie am laufenden Band sortiert. Es gibt Sorten, die nur zum
menschlichen Konsum gezüchtet werden, bei denen werden auch die Hähnchen
verwertet, aber die Hühnchen der Legesorten werden in Transportschachteln
getan, in denen sie zum Käufer im In- oder Ausland transportiert werden. Die
Hähnchen der Legerassen werden gleich nach dem Schlüpfen getötet. Diese
Hähnchen sind "Abfall", der höchstens noch als Tierfutter verwendet wird. Sie
werden zu Dosenfutter für Hunde und Katzen verarbeitet oder an Tiergärten,
Pelztierfarmen usw. verkauft. Manche Tierfutterläden verkaufen die Küken tiefgefroren per Kilo.
Wer aber eine solche Brutanstalt in
der Umgebung kennt, kann sie dort auch "frisch" abholen. Damit vermeidet man
Gefahren, wie Salmonellenbefall aus der Tiefkühltruhe.
Das Verfüttern von jungen Küken ist
absolut gewöhnungsbedürftig. Im Anfang sieht man in jedem toten Küken noch das
süße, kleine Küken. Aber das legt sich nach den ersten paar tausend, die man
verfüttert hat. Wer denkt schließlich noch nach beim gegrillten Brathähnchen?
Wer, außer den Vegetariern, philosophiert beim Studieren der Speisekarte über
das Recht auf Leben? Nur die Natur ist konsequent, wir Menschen haben
Ideologien, die unserer Natur nicht entsprechen.
Katzen sind Fleischfresser, so sind
sie gemacht. Und die Eintagshähnchen, so wurde uns damals versichert, waren ein
weitaus vollkommeneres Futter, als das Dosenfutter, das noch nicht so
wissenschaftlich zusammengestellt war, wie es heutzutage ist. Also hatte ich
mich über eine zuverlässige Adresse informiert, wo alles hygienisch und vom
Tierarzt und sogar vom Tierschutz kontrolliert wurde, und als ich sie bekommen
hatte, holte ich dort regelmäßig gröβere Portionen junger, geschlachteter
Hähnchen in einem Dorf nicht weit von der deutschen Grenze. Das war zwar
dreiviertel Stunden Autofahrt hin und wieder zurück, aber es hatte seine
Vorteile. Ich machte auf dem Hinweg einen Abstecher über die Grenze. Da, in
Emmerich, tätigte ich ein paar Einkäufe von Sachen, die man hier zu der Zeit
nicht, oder nach meiner Meinung nicht in gleicher Qualität, bekommen konnte. An
manche Nahrungsmittel hier hatte ich mich nie gewöhnen können, das Brot z.B.
Ich holte ich mir immer einen kleinen Vorrat deutsches Brot. Dann holte ich
meine Hähnchen für die Katzen und fuhr beladen und bepackt nach Hause. Wir
hatten ein paar große Tiefkühltruhen, darin wurden die Hähnchen eingefroren
aufbewahrt.
Eines Tages allerdings hatte ich auf
dem Heimweg ganz deutlich das Gefühl: "Bei mir piept's!" Ich mußte auf den
Verkehr achten und ließ es erst einmal piepen. Zu Hause angekommen stellte sich
dann heraus, daß der den Eigentümern der "Brut-Fabriken" vom Tierschutz
vorgeschriebene Apparat zum Einschläfern der Küken nicht ganz unfehlbar war.
Als ich mich umsah, liefen da ganze Scharen von lebenden Küken im Auto herum.
Jedenfalls, so schien es auf den ersten Blick. Bei näherer Kontrolle entdeckte
ich dann neunundzwanzig lebende Küken!
Was tun? Tote Küken (oder Hühner,
Tauben, Truthähne oder gar Teile von toten Rindern oder Schweinen) zu kaufen
ist zur Gewohnheit geworden, aber sie töten, das ist etwas ganz anderes. Es
ist unmöglich, ein Küken zu töten, wenn man es einmal in Aktion gesehen hat,
jedenfalls für den Normalverbraucher. Vielleicht hätten die Wildkatzen ihren
Urinstinkt entdeckt, wenn ich es darauf hätte ankommen lassen, ich weiß es
nicht. Selbst der Gedanke kam damals nicht in mir auf.
Der zufällig zu einer Reparatur
anwesende Schreiner wußte Rat. Er fabrizierte mir eine Art Mini-Arena für die
Küken. Er machte aus Faserkarton einen Ring von ca 2 m Durchmesser und montierte
eine Brutlampe in der Mitte darüber. Die Küken waren gerettet. Sie wurden mit
spezialem Kükenfutter ernährt und wuchsen zu 28 schönen, jungen Hähnchen heran.
Der neunundzwanzigste Hahn entpuppte sich als Hühnchen. Auch auf dem Gebiet war
also eine Fehlerquote möglich. Das Hühnchen wurde Amalia getauft, die Hähnchen
bekamen keine Namen. Man konnte sie auch kaum unterscheiden. Als sie etwa sechs
Wochen alt waren, fingen sie an zu streiten und sich gegenseitig zu verletzen,
bis zu unserem Entsetzen das erste Schlachtopfer fiel. Ein Nachbar wurde zu Rate
gezogen und hatte ernüchternden Kommentar zu unserem Traum von 28 schönen,
friedlichen Hähnchen, denen wir auf unserem Hof ein geschütztes Leben bereiten
wollten. Seine Lösung war rigoros aber in Wirklichkeit human dem gegenüber, was
den Hähnchen geblüht hätte, wenn wir sie zusammen gelassen hätten. Sie hätten
sich im Kampf eins nach dem anderen zerfleischt, bis der Stärkste übrig
geblieben wäre. Auch das war wieder eine Lehre über die Diskrepanz zwischen
unseren Idealen und den Gesetzen der Natur.
Eins der Hähnchen durfte als
Lebensgefährte von Amalia am Leben bleiben. Er war später allerdings ein so
feuriger Liebhaber, daß Bekannte mich deswegen der Tierquälerei bezichtigten
und mir eilends zur Ablenkung des Macho-Hahnes ein paar Zwerghühner brachten.
Es waren prächtige Tiere in allen Farben, goldfarbige, die fast wie kleine
Fasanen aussahen, rotbunte und schwarz-weiße. Sie flogen bis in die höchsten
Gipfel der Bäume ringsum. Wir weigerten uns, ihre Flügel zu stutzen, wie man uns
geraten hatte, und so war es nicht selten eine Überraschung für unsere Besucher,
wenn sie hier und da auch noch Tiere in unseren Bäumen sitzen sahen. Die hohen
Balken im sechseckigen Heuschober waren ihre bevorzugten Schlafplätze. In jedem
Frühjahr regnete es Überraschungen, wenn aus irgendeinem Versteck eins der
Hühner, das wir eine Zeitlang nicht gesehen hatten, mit einer Schar von kleinen
Küken zum Vorschein kam. Die Nachkommen von Amalia mischten sich frei mit denen
der Zwerghühner und produzierten so die schönsten Hühnervariationen. Manche
verwilderten etwas, andere allerdings wurden sehr zahm und ließen sich aus der
Hand füttern. Manche flogen auf meine Schulter und ließen sich so herumtragen.
Einzelne taten das sogar bei Fremden. Für meine Enkelkinder war es eine
Attraktion während eines Besuches bei uns, die zahmen Hühner zu füttern.
Wenn die Hühner brüteten, konnte man
ihnen besser nicht zu nahe kommen. Das hatte ich gleich bei der ersten brütenden
Henne entdeckt. Sie hatte ihre Eier ausgerechnet auf den in meinen Augen
unbequemsten und kältesten Platz im ganzen Heuschober gelegt, grade dort, wo
es durch eine Ritze zog. Ich wollte der Henne helfen und brachte eine handvoll
Heu, das ich ihr unterschieben wollte. Gleich flog das Huhn auf und attackierte
mich. Dabei hatte es ganz deutlich meine Augen zum Ziel. Ich hielt den Arm vor
mein Gesicht und schrie unwillkürlich. In der nächsten Sekunde, so schien es,
stand schon Honey neben mir. Gerade eben noch war sie am äußersten Ende der
Wiese gewesen. Mit ihrem lauten Gebell jagte sie das Huhn zurück. Ich war
gerettet.
Noch lange danach ging Honey keinen
Schritt von meiner Seite, wenn ich zu den Hühnern ging. Keins durfte in meine
Nähe kommen, wenn Honey dabei war.
Die meisten der Hühner brüteten nicht
im Stall oder unter dem Heuschober. Die verschwanden einfach für eine Zeitlang
irgendwo im Strauchgewächs und kamen dann nach einigen Wochen auf einmal mit
einer ganzen Schar von bunten Küken zum Vorschein. Da Hühner sehr früh
"erwachsen" werden, vermehrte unser Hühnerbestand sich auf diese Weise
automatisch und einigermaßen unübersichtlich. Die meisten kamen am Abend, wenn
ich Futter ausstreute, zum Stall. Auch im Sommer, wenn die Hühner genug
Grassamen und Herhabgefallene Früchte finden konnte, mußte man sie füttern, weil
man sie dadurch daran gewöhnte, beim Haus zu bleiben. Das wußte ich noch von
meinen Schulferien auf dem Bauernhof. In der Nacht schliefen sie Seite an Seite
auf den Balken des Heuschobers. Aber manche schliefen auch in den Ästen der
Bäumen rundherum.
Die Gänse kamen erst später. Eines
Tages sagte der junge Mann, der die Katzenräume sauber hielt: "Wissen sie
eigentlich, wie viele Hühner Sie haben?"
"Nein", sagte ich, "Ich habe keine
Ahnung."
"Dann merken Sie wohl auch nicht,
wenn eins fehlt? Ihre Hühner sind so zahm, daß verschiedene Leute hier am Ende
des Dorfes nicht selten einen gratis Sonntagsbraten haben. Die laufen denen ja
förmlich in die Arme."
Tatsächlich wurden die Hühner immer
zahmer. Sie zeigten auch vor Fremden keine Furcht. Als ich etwas besser aufpaßte,
merkte ich auch, daß manchmal gerade eins der zahmsten Hühner verschwunden war.
Aber das war ich gewohnt, weil sie schließlich auch zum Brüten oft wochenlang
verschwanden. Jetzt wußte ich also, daß es auch eine andere Möglichkeit gab.
Honey konnte sie nicht in der Nacht
bewachen. Nach der traurigen Erfahrung mit unserer ersten Honey ließen wir sie
auch tagsüber nie unbeaufsichtigt herumlaufen. Also beschlossen wir, eine
Leibwache für die Hühner anzuschaffen. Wir fingen mit zwei Gänsen an, einem
Pärchen. Der Rest läßt sich erraten. Schon im ersten Frühjahr brütete Mutter
Gans. Gänsemütter sind sehr sorgsam. Wenn man sie gewähren läßt, dann bleiben
sie die ganze Zeit auf ihren Eiern sitzen, ohne auch nur einmal zum Futterplatz
zu gehen. Zum Glück war unsere Gans so zahm, daß man ihr Futter und ein
Schälchen mit Wasser in Reichweite vor den Schnabel setzen konnte, ohne
attackiert zu werden.
Die Gans blieb auf den Eiern sitzen,
bis auch das Letzte ausgebrütet war. Aber nicht alle Gänseküken krochen
gleichzeitig aus. Die zuerst ausgebrüteten Gänsekinder wurden von Papa
Gänserich betreut. Er nahm sie mit auf die Wiese, wo sie Gras und gefallenes
Obst finden konnten. Wenn wir an warmen Sommerabenden noch eben im Garten
saßen, mußten wir immer ein paar Scheiben Brot dabei haben. Die Bröckchen nahmen
sie aus der Hand, das gehörte zum Ritual.
Wenn fremde Leute in die Nähe kamen,
dann schnatterten sie herzzerreißend. Wer auf das Gelände kam, konnte sich
besser nicht vor Gänsedrohgebärden fürchten. Gänse als Wachen, das hatte es
schon im alten Rom gegeben.
Es war alles schön und schade
zugleich. Als wir Pläne machten, nach Ingen zu ziehen, hatten wir an mehr Raum
für uns und die Katzen gedacht. Jetzt hatten wir Raum im Überfluß, aber Zeit war
Mangelware geworden. Allerdings, es würde uns hier bestimmt niemand der Tiere
wegen behelligen; wir wohnten schließlich in der "Agrarzone", da war es ganz
natürlich, Tiere zu halten. Aber was die Katzen betraf, so hatten wir intime
Nähe gegen Sicherheit eingetauscht. Nur so wie in Arnheim, wo wir mit den Katzen
ein geschlossenes Familienleben hatten, wurde es nicht mehr. Die Zeit, meine
Katzen selbst zu füttern und eben mit ihnen zu reden, ließ ich mir aber nicht
nehmen, und so bin ich sicher, daß uns bei aller Zeitknappheit die Liebe für
einander nie abhanden gekommen ist.
Als Honey zwölfjährig an Leberkrebs
erkrankte und wir sie zuletzt einschläfern lassen muβten, um ihr weiteres Leiden
zu ersparen, überlegten wir: sollten wir den Züchter anrufen und eine
Nachfolgerin für Honey bestellen?
Noch ehe wir einen Entschluβ fassen
konnten, spielte das Schicksal uns die Entscheidung zu. Wir hörten, daβ in
einem Doggenkennel, nicht weit von Ingen, eine Dogge "billig" (was bei Doggen so
billig heißt) abgegeben würde, die etwa fünf Jahre alt sei. Sie wäre nicht mehr
zur Zucht geeignet und der Züchter würde sie einschläfern lassen, wenn er sie
nicht verkaufen könnte. Ich beschloß dorthin zu fahren und mir das Tier
anzusehen.
Welch ein Unterschied zwischen diesem
Kennel und dem so gut versorgten, aus dem wir unsere beiden Honeys geholt
hatten! Der "billige" Preis für ein so abgelebtes Tier war zu hoch, aber ich
bezahlte ihn sofort und nahm Kim gleich mit. Kim hatte erst einmal eine
wahnsinnige Angst vor Händen. Wenn man sie streicheln wollte, zuckte sie
zusammen, als ob sie Schläge erwartete. Gleich am nächsten Tage gingen wir mit
ihr zum Tierarzt. Der konstatierte, daß sie eine Gebärmutterentzündung,
Brustwarzenentzündung, entzündete, schmutzige Ohren, Würme und Flöhe hatte. Er
gab ihr eine Penizillinkur und verschiedene andere Medizin und stellte einen
Nahrungsfahrplan für sie fest, mit Hilfe dessen sie wieder zu Kräften kommen
sollte. Aber er warnte uns: "Erwarten Sie nicht zu viel. Die Infektionen werde
ich wohl heilen können, aber ich kann Ihnen Ihre Kim nicht jünger machen. Sie
ist weit älter als fünf Jahr alt und vollkommen verbraucht."
Von Anfang an liebte Kim die Katzen.
Mit einer von ihnen, der lavendelfarbigen Artemis, befreundete sie sich ganz
besonders. Artemis war als erste zu Kim gegangen und hatte sich gleich neben
sie gelegt. Ich denke, daß es auch Artemis war, die Kim über ihre anfängliche
Angst vor Menschen hinweg geholfen hat.
Als Kim alle Medizin und alle
Impfungen überstanden hatte, wußte sie bereits, daß wir es gut mit ihr meinten.
Ihre Angst verwandelte sich in eine maßlose Liebe. Wenn sie sich auf ihrem
weichen Lager ausstreckte, dann stieß sie einen tiefen Seufzer aus, so wie
jemand, der eine lange Strecke gelaufen ist und jetzt heimkehrt. Nur zwei Jahre
lang haben wir Zeit gehabt, ein wenig von dem gut zu machen, was ihr im Kennel
angetan war. Eines Tages war mein Mann, wie immer am Abend, mit ihr spazieren
gegangen und, ebenfalls wie immer, lief Kim ihm auf dem Rückweg voraus zur Tür.
Mein Mann kam hinterher. Im Wohnzimmer hörte ich ihn ankommen und wollte gerade
zur Tür gehen, da rief er: "Maria, bitte hilf mir, Kim kann nicht mehr
aufstehen." Als ich die Tür öffnete, sah ich sofort, daß Kim tot vor der Tür
lag. Sie hatte einen Herzschlag erlitten, ihr verbrauchter Körper hatte den
Kampf aufgegeben.
Das war unsere letzte Dogge. Wir
hatten nicht den Mut, noch einmal so etwas durchzumachen. Eigentlich wollten wir
gar keinen Hund mehr, aber es kam dann doch noch einer. Ein Mischling, der im
Tierheim saß und schon viermal wieder zurück gebracht war, weil er nicht leicht
zu erziehen war. Als ich ihn beim Tierarzt impfen ließ, fragte ich: "Was für
Rassen stecken wohl hinter diesem Mischling?" und er antwortete: "Wenn sie mich
so fragen, alle."
Diese Hundedame hieβ Duschka und war
gar nicht so schwer zu erziehen, wie von ihr gesagt worden war. Nur hatte sie
scheinbar schlechte Zeiten gekannt, denn sie stahl alles was eßbar war, selbst
als sie bei uns schon viel zu dick geworden war. Das Fressen lag ihr einfach im
Blut.
Nichts war vor ihr sicher:
Schokolade mitsamt der Verpackung, Mayonnaise mitsamt einem Stück der Tube. Als
ich das entdeckte, ging ich mit ihr zum Tierarzt: "Kann das nicht schaden?" und
er sagte: "Ihr nicht, die ist das gewohnt." Ab und zu lief sie einfach weg und
dann mußten wir das ganze Dorf nach ihr absuchen. Sie hatte nichts Edles an
sich, wie unsere Doggen gehabt hatten, sie war im wahrsten Sinne des Wortes "ein
armer Hund". Es hat uns nie leid getan, daß wir sie vor dem "Einschläfern" im
Asyl gerettet haben und ihr noch ein paar gute Jahre gegeben haben. Sie war für
alles dankbar und liebte uns und die Katzen heiß und innig.
-Wie schnell doch alle diese Jahre
vergangen sind! Nach den langen Tagen der intensiven Beschäftigung mit Menschen,
Tieren und Pflanzen in Ingen gab es keine Schlafprobleme. Wenn man trotzdem
einmal in der frühen Dämmerung wach wurde, sang ganz nah vor unserem Fenster
eine Nachtigall. Es war die erste Nachtigall, die ich in meinem Leben gehört
hatte. Erst dachte ich sogar, daß ich mich geirrt hätte, daß ich vielleicht
einen ganz anderen Vogel gehört hatte, eine Lerche vielleicht. Die gab es genug
in den umliegenden Feldern und Weiden. Bis ich dann einmal ganz zufällig eine
Radiosendung hörte, die über Vogelstimmen berichtete. Auf einmal hörte ich die
Stimme "meiner" Nachtigall, zart und geheimnisvoll. Meine Vermutung war
bestätigt: "Es war die Nachtigall und nicht die Lerche."..
Daß wir eine Nachtigall oder
Nachtigallen hatten, war nicht so erstaunlich. Nachtigallen bevorzugen
Brutplätze dort, wo es viel Brombeeren und Brennesseln gibt. Wir hatten viele
Brombeersträucher, die uns mit noch mehr Früchten für Marmelade beschenkten,
und Brennesseln gab es gerade etwas zu viel bei uns. Erst waren es ein paar, die
wir mit Stumpf und Stiel auszurotten versuchten. Aber Brennnesseln haben
Wurzelstöcke und etwas davon bleibt immer hängen und sie vermehren sich in
erschreckender Zahl. Sie drohten das Grasland zu überwuchern, das wir jetzt
dringend für die Schafe brauchten.
Die Schafe fraßen keine Brennesseln,
so wurde das Verhältnis Gras-Brennesseln immer mehr zugunsten der Brennesseln
verschoben. Da half kein Naturbewußtsein, nur die so verpönte Chemie. Das ist
wieder der Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Wir hatten einfach die Wahl
zwischen den Schafen und den Brennesseln. Nur die Brennesseln an der Seite des
Hauses, wo der Pfirsichspalierbaum stand, gleich unter dem Schlafzimmerfenster,
störten niemand, die blieben stehen. Dort grasten keine Schafe. Die Nachtigall
hat noch lange ihr Lied vor unserem Fenster gesungen.
Im letzten Jahr ist sie auf einmal im
Frühjahr nicht zurückgekommen. Vielleicht ist sie, wie Millionen anderer
Zugvögel, ein Schlachtopfer der italienischen "Jäger" geworden. Internationale
Gruppen von Vogelschützern, darunter viele junge Deutsche, führen einen
vergeblichen Streit gegen den Vogelmord. Es ist eine schwierige Aufgabe, die sie
sich gestellt haben. Manche Vögel können sie befreien, darunter auch
Nachtigallen. Jedes kleine Leben ist der Mühe wert, aber die Arbeit der
Tierschützer wird durch die dortige Bevölkerung und sogar durch die
"Karabinieres" sehr erschwert. Sie müssen sich heftigen Aggressionen aussetzen,
bis hin zu tätlichen Angriffen. Ein deutsches Fernsehteam, das die Arbeit der
jungen Tierschützer filmen wollte, wurde sogar von den "Karabinieres" In Haft
genommen.
Die vielfältigen Aufrufe der
Vogelschützer, doch Italien als Ferienland so lange zu boykottieren, bis dieses
Gemetzel eingestellt wird, verhallen genau so ungehört wie die der Tierschützer,
die dazu aufrufen, Spanien zu Boykotten, so lange es dort Stierkämpfe gibt, oder
die Länder, in denen noch Tanzbären mit grausamsten Mitteln zu ihren
Qual-Tänzen gezwungen werden oder China, wo Bären erst ausgehungert und dann zu
grausamen Kämpfen aufeinander losgelassen werden, um sich, zum Vergnügen der
Zuschauer zu zerfleischen (Quelle WSPA u.a.)
Handelsboykott, Touristenboykott als
Druckmittel? ..........
Handel muß sein, sagt man sich und
was die Ferien betrifft:. ..."Also wirklich, wir können uns doch unsere
brotnötigen Ferien nicht für ein paar Tiere verderben lassen!".....
Nein, das gebe ich zu, das wäre
wirklich im wahrsten Sinne des Wortes UNMENSCHLICH !
In Gedanken höre ich sie noch
manchmal, "meine" Nachtigall, wenn ich in der Nacht an das alte Haus in Ingen
denke. Sie singt ein Lied vom Heimweh.
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