|
"Wenn wir unseren
Kindern diese Welt erhalten wollen, dann müssen wir wieder lernen, in Harmonie
mit der Natur zu leben."
Da steht er,
dieser schöne Satz. Ich wollte nicht auf ihn verzichten. Er ist nicht von mir.
In Zeitungen, Magazinen, Büchern habe ich ihn gelesen. Ich habe ihn im Fernsehen
von Naturschützern und Politikern gehört. In Schulen und Universitäten wird
man ihn hören können. Er ist Allgemeingut, also darf ich ihn auch gebrauchen;
schließlich spricht er die Wahrheit aus und nichts als die Wahrheit. Allerdings
hört man ihn schon sehr lange und trotzdem noch immer. Das deutet auf
Schwierigkeiten bei der Realisierung des Projektes.
Es ist ein Thema,
bei dem ich mitsprechen kann. Unser Umzug war ein "Heraus aus der Stadt, - hinein
in die Natur." Bei dem Gedanken an einen Bauernhof stand mir das Bild meiner
Kindheitsferien vor Augen: ausgestreckte Felder, Sonne (es kann damals nie
geregnet haben, sonst müsste ich mich dessen doch erinnern!), Freiheit,
Freundlichkeit und vor allem: Tiere! Hühner, die man füttern durfte, Katzen und
Hunde, mit denen man spielen konnte, Kühe, deren Milch wie Sahne schmeckte, ganz
anders, als die Milch in der Stadt. Und dann die Pferde! Auf dem sanftesten der
Pferde mußte man reiten lernen, wenn man nicht ausgelacht werden wollte. Das
ging erst zögernd und ängstlich, später mit Freude. Es war ein paradiesisches
Leben in meinen Augen, dort auf dem Bauernhof meiner Kinderferien. Es muss dort
auch Probleme gegeben haben, wie überall, es waren schließlich die dreißiger
Jahre. Aber ich habe nichts davon gemerkt. Ich hatte Ferien und das war's.
Jetzt hatten wir
selbst einen Bauernhof und konnten alles ganz nach unserem Geschmack gestalten.
Es war die Erfüllung eines Kindertraumes. Ein Haus, in dem man laut falsch
singen kann und keiner hört es. Ungespritztes Gemüse, eigenes Obst, viel Raum
für die Tiere, gesunde Luft... was weiß ich noch alles!
"Nimm' dir nicht
zu viel zugleich vor! Geh lieber erst einmal zum Arzt mit deinem Fuß." sagte
mein Mann und ging wieder an seine Arbeit.
Honey, die
deutsche Dogge, war bezaubernd in ihrer Bereitschaft zu Liebe und Gehorsam. Sie
war tatsächlich ein Hund, der mir die Wünsche von den Augen ablesen wollte,
genau wie man es mir vorausgesagt hatte.
"Wer eine Dogge
erziehen will, der sollte niemals harte Befehle geben" so hatte mir mein
Bekannter versichert. "Eine Dogge will, wenn sie einen Menschen liebt, nichts
lieber, als ihm jeden Gefallen tun. Eine freundliche Bitte wirkt da besser, als
ein Kommando."
Später merkte ich,
wie recht mein Bekannter gehabt hatte. Meine Doggen lasen mir nicht nur die
Wünsche von den Augen ab, sie lasen sogar meine Gedanken. Honey machte sehr
schnelle Fortschritte, sie kam schon, wenn ich ihren Namen rief. Das war
wichtig, sie sollte in Ingen auf dem Anwesen frei herum laufen können, dachte
ich. Darum mußte sie wissen, daß sie nicht auf die Straße durfte. Sie fuhr jetzt
immer mit mir hin und her von der Jacob Marislaan in Arnheim nach Ingen, oft
ein- bis zweimal täglich. Meine gebrochene Zehe saß glücklicherweise am linken
Fuß, den brauchte man etwas weniger beim Fahren.
Das Umzugsauto
kam, lud alles ein und ich fuhr hinterher, mit Honey neben mir und noch den
letzten drei Katzen in Körben auf den Sitzplätzen hinter mir.
"....Den Schrank
in dieses Zimmer, die Betten hierher, bitte!" Eine Kiste fiel. Da war das
Porzellan drin. Zwei antike Schalen, Erbstücke, waren zerbrochen, wie sich
später herausstellte. Komisch, daß ich das noch so gut weiß. Der Rest war noch
heile. Bis auf meine Zehe....und bis auf meinen Magen, der die vielen
schmerzstillenden Tabletten fast nicht mehr ertrug. - Räumen, Verändern, Zähne
zusammen beißen...
Ich hatte
Schmerzen, schlimme Schmerzen beim Gehen beim Stehen, immer jede scheußliche
Sekunde. Aber der Umzug ließ sich nicht aufhalten. Der rollte einfach weiter,
rollte jede Minute über meine Zehe, meinen Fuß. Ich schluckte weiter massenhaft
Tabletten, ich schnitt ein Stück aus meiner Sandale, damit das Monster, das
meine Zehe geworden war, frei kam. Ich kühlte mit Borwasser, mit Eis, mit
irgendwas. Was sollte ich anders tun? Saskia war in Arnheim zurückgeblieben.
Ohne Auto war die Fahrt von Arnheim nach Ingen etwa eine halbtägige
Unternehmung.
Am Abend ging ich
zu den Katzen in die neuen Katzenräume und sagte: "Habt Geduld mit mir. Sobald
ich wieder richtig laufen kann, werden wir wieder schön miteinander spielen."
Zwischendurch
mußte der kleine Hund lernen, sich wie ein guter Hund zu benehmen. Die Erziehung
eines Hundes ist viel schwieriger als die einer Katze. Katzen benehmen sich von
Natur aus, wie gute Katzen. Sie lernen von der Mutter, sauber zu sein, sie
lernen schnell, was sie in einem Menschenhaushalt tun können und was man besser
lassen soll, wenigstens solange man erwischt werden könnte. Auf der Wiese hinter
dem Haus übte ich mit meinem Hundebaby: "Honey, komm hier". "Bring zurück,
Honey!", "Brav, Honey". Das konnte ich im Sitzen tun, es stand dazu ein Schemel
bereit. Stehen konnte ich nicht lange.
Mein Mann wußte
längst nicht mehr, wo ihm der Kopf stand. Der weite Weg zu seinem Büro, viel
Arbeit dort, der Umzug, bei dem seine Hilfe auch überall nötig war, es wurde
das Äußerste von ihm gefragt. Das von dem Röntgenfoto, das der Arzt mir
verordnet hatte und zu dem ich nicht hingegangen war, hatte ich ihm erst gar
nicht gesagt. Das ersparte ihm die Predigt, die er mir irgendwo zwischen Arnheim
und Ingen gehalten hätte. Aber er sah mir an, daß ich Schmerzen hatte.
Zum Glück fanden
sich schnell Hilfskräfte. Ein junger Mann war bereit, alle Reinigungsarbeiten
und was sonst anfallen würde, für uns zu tun.
"Aber beim
Schlachten helfe ich nicht." sagte er.
"Schlachten, was
schlachten?"
"Na, die Katzen,
wozu züchten Sie die denn sonst?" - Ich konnte auch auf der Nerzfarm Arbeit
finden, aber da hätte ich beim Schlachten helfen müssen. Das konnte ich nicht."
Das war doch schon was. Ich erklärte ihm, daß man Katzen aus Liebhaberei züchtet
und nicht, weil man die Felle haben will. Wir wenigstens. Er glaubte es mir,
aber der Sinn der Sache entging ihm trotzdem wohl. Er ist im Ganzen elf Jahr
geblieben, die ersten Jahre waren vielleicht die besten, später wurde es ein
wenig Gewohnheitssache. Zu den Katzen war er freundlich, ohne wirklichen Kontakt
zu ihnen zu bekommen.
Es fand sich auch
jemand, der den Garten bearbeiten wollte. Das alles hatte der Dorfwirt
vermittelt. Der so genannte Gärtner fragte als Erstes: "Sie sind sicher nicht von
hier?" Mein Akzent verriet mich immer.
"Ich stamme
ursprünglich aus Deutschland." sagte ich.
"Machen Sie sich
nichts draus, dafür können Sie ja nichts. - Meine Frau ist auch nicht von hier."
"Tatsächlich?"
fragte ich, meine Interesse demonstrierend. "Woher kommt Ihre Frau denn?"
"Aus Kesteren"
erklärte er mit einem Hauch von Entschuldigung. (Kesteren ist ein Dorf acht
Kilometer östlich von Ingen.) Ich hatte wieder einmal etwas gelernt. "Hier",
das war Ingen und sonst nichts.
Der waschechte
Ingener sah mich humpeln und sagte: "Sie haben sicher schlimme Schmerzen?"
Das mußte ich
eingestehen, es war nicht zu verbergen. Er gab mir die Adresse des nächsten
Arztes, zwei Dörfer weiter, in Lienden. Der hörte sich meine Geschichte an und
war nicht überzeugt.
"Wenn die Zehe
wirklich gebrochen wäre, dann hätten Sie nicht so lange darauf herum laufen
können."
Es hatte keinen
Zweck, ihm einen Vortrag über die Schwierigkeiten bei einem Umzug mit Tieren im
Allgemeinen und über die Abhängigkeit von Oncillas vom Besitzer im Besonderen
zu halten.
"Ich habe die Zehe
kurz vor dem Umzug gebrochen. Durch den Umzug konnte ich nicht eher kommen.
Können Sie mir einen Termin im Krankenhaus besorgen, für eine Röntgenaufnahme?"
"Die Zehe ist ganz
sicher nicht gebrochen, aber wenn sie wollen, werde ich Ihnen einen Termin beim
Chirurgen besorgen. Der kann sich das ja einmal ansehen."
Zu Hause erzählte
ich dem Ur-Ingenbewohner und Gärtner, daß ich übermorgen zu dem Chirurgen Dr.X
gehen würde.
"Sie Ärmste",
sagte er, "vor Dr.X haben selbst die stärksten Männer hier im Dorf Angst."
Ich dachte, er
würde wohl übertreiben.
Am Abend erzählte
ich meinen Katzen beim Füttern, daß ich nun bald wieder besser sein würde. "Und
dann haben wir wieder viel Zeit für einander, wartet nur ab." -- Katzen haben
immer so etwas philosophisches im Blick, wenn man ihnen etwas verspricht. Da
hatten sie völlig recht, denn nichts wurde besser.
Im Wartezimmer am
nächsten Tag saß neben mir eine junge Frau mit einem kleinen Kind. Sie war vor
mir an der Reihe. Das Kind wurde geholt, sie wollte mitgehen, aber es wurde ihr
nicht erlaubt. Das Kind kreischte vor Angst. Ich sagte zu der jungen Mutter:
"Gehen Sie hinein, es ist Ihr gutes Recht, dabei zu sein, wenn Ihr Kind
behandelt wird." Sie traute sich nicht.
Als ich dann
danach aufgerufen wurde, war ich wütend: "Seien Sie froh, daß das nicht mein
Kind war!" waren meine ersten Worte. Kein guter Anfang bei einem Arzt, bei dem
selbst starke Männer das Fürchten lernen. Er hat es mich auch gelehrt. Die Zehe
sei nicht gebrochen, wußte er, ich habe den Nagel einwachsen lassen und nun sei
alles entzündet. Er schnitt ohne Betäubung in meine Zehe. Ich schrie vor
Schmerzen auf und er sagte: "Schreien Sie nur, das sind wir hier gewohnt."
Danach wurde
alles, wenn möglich, noch schlimmer. Ich konnte kaum noch laufen, lag nur auf
dem Sofa und hielt meinen Fuß hoch oder badete in Sodawasser. Verlorene Zeit.
Das nächste Mal
ging mein Mann mit zum Krankenhaus. Mein Mann konnte jemand so ansehen, daß man
ihn nicht an der Tür zurück schickte. Seine männliche Gegenwart stellte das
Gleichgewicht im Behandlungszimmer her, aber brachte mir nur eine Penicillinkur
ein, die meine gebrochene Zehe nicht heilte. Noch mehr Zeit verloren. Durch
Vermittlung einer Freundin fand ich aber bald danach einen Chirurgen in einer
anderen Stadt, der bereit war, ein Röntgenfoto von meinem Fuß zu machen und der
feststellte, daß der Bruch inzwischen verkehrt verheilt war. Die Operation in
Tiel sei dilettantisch ausgeführt und dadurch entzündet. Er operierte aufs Neue
und vier Wochen später war mein Fuß fast wie neu. Aber ich hatte gut drei Monate
meines Lebens verloren.
Jetzt hätte ich
wieder mehr Zeit für die Tiere haben sollen, nur war durch die lange
Bewegungsabstinenz so kurz nach dem Umzug vieles liegen geblieben. Trotzdem
versuchte ich am Abend wieder Buenas Taube fortzuwerfen und sie brachte sie auch
treu zurück, aber es war nicht mehr dasselbe. Mir fiel auf, daß die Wildkatzen
dadurch, daß wir die Türchen zu den Auβengehegen in den warmen Sommernächten
offen gelassen hatten, einen neuen Tag- und Nachtrhythmus bekommen hatten. Sie
schliefen am Tage mehr als früher in Arnheim, wo sie am Geschehen des Haushalts
teilnahmen, und verbrachten die Nächte oft draußen.
Die Dogge Honey
hatte gelernt zu kommen, wenn ich rief: "Komm hier, Honey." Sie konnte sogar
schon einen Stock apportieren. Ihre Ergebenheit war bedingungs- und grenzenlos.
Wir liebten uns sehr. Eines Tages im frühen Herbst war Marion zu Besuch bei uns.
Als sie fortgehen wollte, war ich grade mit Honey hinter dem Haus. Marion fragte
nach etwas, was ich ihr noch mitgeben wollte. Ich lief noch schnell ins Haus, um
es vom Boden zu holen. Ein paar Minuten später kam Marion nach oben gestürzt: "Mammie,
Honey ist tot."
Ich glaubte es
natürlich nicht: "Unsinn, Honey ist hinter dem Haus." Trotzdem lief ich hinter
ihr her. Auf der Landstraße lag Honey blutend auf der Erde. Das Auto hatte nicht
einmal angehalten. Marion hatte gesehen, wie alles geschehen war. Sie war grade
nach draußen gekommen, als sie hörte, wie die Arbeiter, die gegenüber mit den
Bäumen beschäftigt waren, gerufen hatten: "Honey komm hier!" Die hatten sich
wohl über meine Übungen mit dem Hund amüsiert. Meine noch so junge, tollpatschige Honey war dem Ruf nachgekommen und jetzt war sie tot. Vom Fahrer
des Autos war nichts mehr zu sehen. Ich liebe Honey noch heute.
Mein Vater hat
einmal zu mir gesagt: "Menschen und Tiere und sogar die Dinge, die wir lieben,
sind solange unsterblich, wie jemand da ist, in dessen Gedanken sie fortleben!“
- So wird es wohl sein.
Den Züchtern von
Honey hatte ich versprochen, sie von der Entwicklung von Honey auf dem Laufenden
zu halten. Jetzt war ich verpflichtet, ihnen zu berichten, daß ich mit meiner
Verantwortung für Honey versagt hatte. Weinend rief ich den Züchter an und
erzählte ihm, was geschehen war. Er riet mir, sofort einen anderen Hund zu
kaufen, weil ich sonst noch lange Zeit nur die schrecklichen letzten Minuten mit
mir herumtragen würde. Er hätte leider im Augenblick keinen Wurf junger
Doggen, vielleicht könnte ich irgendwo anders einen Hund bekommen.
Das wollte ich auf
keinen Fall. "Wenn Sie jetzt keinen Hund für mich haben, dann warte ich lieber.
Ich will, wenn überhaupt, nur einen Hund aus derselben Linie, aus der mein
Honey stammte. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es so etwas Liebes auch
irgendwo anders gibt."
Der Züchter
dachte eine Weile nach und sagte dann: "Bitte rufen Sie mich heute Abend noch
einmal an. Ich muss etwas mit meiner Frau besprechen."
Am Abend sagte er
dann am Telefon: "Also meine Frau ist einverstanden. Ich habe da nämlich eine
Idee, aber ich konnte das nicht allein entscheiden. Wir haben hier eine junge
Dogge, die sechs Monate alt ist. Sie ist schon ein bisschen erzogen und wird
vielleicht etwas weniger Probleme geben. Es ist eine "Nestwahl" aus dem Wurf bei
einem anderen Züchter, aber der Vater ist derselbe Rüde, der auch Honeys Vater
war. Wir wollten die Hündin zur Zucht behalten, aber wir sind bereit, sie Ihnen
zu verkaufen, weil es uns so leid tut, daß Sie solches Pech gehabt haben. (Er
sagte: "Pech." und ich hatte Schuldgefühle, wie jemand, der am Tod seines
Kindes schuldig war, weil ich nicht gut auf sie aufgepasst hatte.)
Ein paar Tage
später holten mein Mann und ich Honey Nr. 2 bei dem Züchter ab. Eigentlich hieß
diese Dogge anders, aber wir nannten sie auch Honey und auf die Dauer vermischte
sich ihr Bild mit dem unserer ersten Honey in unserer Erinnerung. Es war schon
richtig, daß wir sie so schnell geholt hatten. Honey Nr.2 war ein sehr
tröstlicher Hund mit derselben herzlichen Anhänglichkeit und Treue wie die erste
Honey. Auf Honey 2 haben wir dann besser aufgepasst. Sie wurde 12 Jahre alt. Das
ist für eine Dogge ein beachtliches Alter.
Im Herbst holten
wir die erste Ernte ein: rote Victoriapflaumen, überdimensionale Weinpflaumen
und die aromatischen "Reine Claude", die im Dorf "groentje" genannt wurden, was
ich nicht besser übersetzen kann, als "Grünlinge".
Da wir viel zu
viel Obst hatten, sagte ich zum meinen Hilfskräften und einem etwas entfernt
wohnenden Nachbarn, daß sie sich etwas davon pflücken könnten, wenn sie wollten.
Das Resultat war, daß die sich untereinander stritten, wer welche Pflaumen haben
sollte und wie viel und wann. Das war also nicht gerade ein Erfolg. Ich
fabrizierte Pflaumentorte, bis wir keine mehr essen mochten, machte Pflaumenmus
und kochte Pflaumen ein. Beim Pflücken half Honey, die mich auf Schritt und
Tritt begleitete. Die Zeit verging im Fluge. In Arnheim hatte meine ganze Zeit
den Katzen gehört.
Gleich im ersten
Winter merkten wir, daß das Leben auf dem Lande härter ist, als das in der
Stadt. Das Anwesen lag scheinbar in einer Windschneise. Schon beim ersten
Herbststurm wurden vier der Pflaumenbäume umgeweht. Ich lernte, daß
Pflaumenbäume, wie alles was lebt, eine bestimmte Lebensdauer haben. Wenn sie
alt werden, dann werden ihre Wurzeln immer kürzer und schwächer und dann kann
ein Sturm sie fällen.
Zum Glück blieb
der einzige Birnbaum stehen, der im Garten stand. Er sah sehr alt und würdig
aus, und ich liebte ihn sehr. Oft saß eine Eule in seinen Zweigen. Erst viel
später entdeckten wir, daß sie im Birnbaum wohnte. Der alte Birnbaum hatte
viele Höhlen in seinem verwitterten Stamm. Seine Birnen waren von einer Sorte,
die es jetzt nicht mehr gibt. Es waren kleine, sehr aromatische Früchte. Auch
die hatte ich eingekocht und von nun an konnte uns niemand mehr besuchen, dem
nicht beim Abschied ein paar Gläser Eingemachtes förmlich aufgezwungen wurden.
Bis zum Winter
hatte es sich herumgesprochen, daß da ein paar Verrückte ihr Haus für eine
Unzahl von Katzen umgebaut hatten. Es kamen neue Besucher, die "das" sehen
wollten. Auch die Presse kam wieder. Diesmal die Presse mit einem kleinen "p",
die Dorfsnachrichten, Provinzberichte brachte und deren Haupteinnahmequelle die
Anzeigen der in der Nähe liegenden Geschäfte waren.
"Wie viel Tiere
haben Sie eigentlich? war die Hauptfrage.
"Ich haben einen
Hund und fünfzig Katzen.", sagte ich der Einfachheit halber. Runde Zahlen sind
immer bequem.
"Frau Falkena in
Ingen hat hundertfünfzig Katzen" stand in der nächsten Nummer der Zeitung. Na
wenn schon, wer sieht schon auf hundert Katzen mehr oder weniger?
Einer der Reporter
fragte mich rund heraus, was soviel Katzen mich eigentlich kosten würden. Ich
sagte ihm, daß ich es nicht genau wüsste, aber ich gab ihm einen Überblick über
die finanziellen Konsequenzen der Katzenhaltung.
Vor allem waren
hier auf dem Bauernhof die Heizungskosten weitaus größer als die in der Stadt.
Wir mussten schließlich außer dem Wohnhaus an der Vorderseite als auch die
Fußbodenheizung der großen Diele und - über eine unter der Erde laufende
Leitung- auch die Flurheizung der Boxen im früheren Pferdestall, wo die Kater
wohnten, erwärmen. Soviel Heizungskosten kann man in der Stadt nicht haben. Dort
hatten wir auch nicht soviel Autokosten, denn das Futter mußte schließlich von
weither geholt werden. Dann wäre da auch noch der Tierarzt mit allen Impfungen,
Vitaminpräparaten und gelegentlichen Krankheitsfällen. Das ist ein Posten, den
man nicht so ohne Weiteres berechnen kann. Den Umbau der Katzengebäude müsste
man eigentlich auch dazu rechnen. "Nein, ich weiß es wirklich nicht", sagte ich
schließlich, "Ich will es auch gar nicht wissen."
Der Reporter wurde
auf einmal richtig missionarisch. Also, wenn ich das Geld, statt an meine
Katzen, an arme Kinder geben würde oder an einen anderen "guten Zweck", wäre das
nicht besser?
Oft rege ich mich
nicht auf, es strengt so an. Aber diesmal platzte mir, wie man so schön sagt,
der Kragen: "Erstens, würden Sie das auch zu jemandem sagen, der diesen
Bauernhof zu einer Luxusbehausung umgebaut hätte, wie es so oft mit dieser Art
Häusern geschieht? Wäre es besser, wenn große Partys darin gefeiert würden?
Sollen wir lieber unser Geld für teure Rennwagen oder für eine Luxusjacht
ausgeben? Geben Sie solche Ratschläge auch den Leuten, die große Flugreisen in
fremde Länder machen, um dort die armen Leute anzustaunen oder ihr Geld in
Casinos und Bars auszugeben? Oder zu den Vielen, die Millionen für Feuerwerk
in die Luft prasseln, während andere hungern, oder zu denen, die im Karneval ihr
Geld wegschmeißen für Alkohol und Prunkwagen? --- Meine Tiere haben nur meinen
Mann und mich, sie können ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen und sie
bezahlen uns mit Liebe und Anhänglichkeit zurück, was man von Menschen nicht
unbedingt immer erwarten darf."
Ich redete mich
richtig in Feuer: "Ich habe in Arnheim ab und zu einmal bei jährlichen Kollekten
geholfen, manchmal für "Pro Juventute" (Kinderschutz) dann wieder für den
Tierschutz. Sie hätten einmal sehen sollen, wie gerührt die Leute aussahen, wenn
man sagte: "Es ist für arme Kinder." und wie schwer es dagegen war, Mitgefühl
für Tiere zu erwecken. Tiere sind eben keine Artgenossen! Aber Leiden, Hunger,
Durst, Schmerz spüren sie genau so gut, wie wir, das weiß niemand besser als
wir, die wir mit und zwischen Tieren leben. Außerdem sind sie nicht nur in der
Poesie, sondern auch genetisch unsere Brüder und Schwestern. Warum sollte ich
also "meine Familie" nicht in mein Haus holen und ernähren? Das tun Sie mit
Ihrer doch auch an erster Stelle. Ich bin sicher, daß es nicht wenige Leute
gibt, die an einem Abend für eine Party mehr Geld ausgeben, als wir im Monat für
die Versorgung unserer Katzen."
Ich hatte längst
meinen Vorsatz, nicht zu viel zu sagen, wenn jemand von der Presse da ist,
vergessen. Zum Glück wechselte der Reporter jetzt selbst das Thema: "Die
Wildkatzen sind wohl nicht so intelligent, wie die Hauskatzen?"
"Wie kommen sie
denn darauf?"
"Die Hauskatzen
haben doch so allerhand von den Menschen gelernt. Sie sind doch domestiziert."
"Grade darum sind
sie nicht mehr so intelligent. Die Domestikation ist ja Unterwerfung an die
menschliche Zivilisation. Nur wir Menschen halten die Zivilisation für ein
Produkt unserer Intelligenz. Wenn die Natur uns ihre Meinung sagen könnte, dann
würden wir etwas ganz anderes hören. Eine Katze, die nur Dosenfutter bekommt,
verliert dadurch schon einen Teil ihres natürlichen Wissens, desselben Wissens,
das wir längst verloren haben. Die wilden Katzen sind noch intelligent genug,
daß sie ihre eigenen Maβstäbe anlegen können. Was denken sie, wie intelligent
man sein muss, um in der Natur zu überleben? Wie viel Improvisation, Wachsamkeit,
Wehrfähigkeit, Erkennen von Situationen, von Möglichkeiten dazu gehört? Die
moderne Intelligenz des Menschen würde dazu nicht ausreichen. Sein Gehör, sein
Sehvermögen, seine Schnelligkeit, das alles sind Fähigkeiten, in denen er den
Tieren weit unterlegen ist. Wir sind zuviel darauf geprägt, uns etwas darauf
einzubilden, daß wir das einzige Lebewesen sind, das die Sprache beherrscht.
Dabei sind wir nicht einmal im Stande, die - ebenfalls vorhandene - Sprache der
Tiere zu verstehen, zu erkennen.
Wir haben uns
daran gewöhnt, dasjenige Intelligenz zu nennen, was uns den technischen
Fortschritt gebracht hat, der uns ermöglicht, Atome zu spalten, auf den Mond zu
reisen, mechanisiert zu töten, vielleicht sogar die ganze Welt zu vernichten.
Im Übrigen glauben wir, was uns vorgebetet wird, egal was es ist, und wenn wir
erst einmal etwas glauben, dann sind wir auch überzeugt, daß wir jetzt die eine
und einzige Weisheit gefunden haben. Nur weil wir die Macht in der Hand haben,
können wir unsere Haustiere manipulieren, uns unterordnen. Der Hund muss
"Männchen" machen, die Katze, die so lieb und babiehaft "süß" ist, daß sie nicht
mehr Initiative entfaltet als ein Sofakissen, das alles sind degenerierte Tiere.
Wir gebrauchen, oder besser missbrauchen die Tiere zur Nahrungsproduktion in
Massentierhaltung, für die Pelzindustrie, wir lassen sie bis zum Tode für uns
schuften, oft unter erbärmlichen Umständen. Das alles glauben wir tun zu dürfen,
weil wir so "intelligent" sind. Dabei sieht es ganz danach aus, als ob wir schon
angefangen hätten, die wahre Welt zu vernichten und wissen es nur noch nicht."
(Heute, so viele
Jahre später, während ich dieses Buch schreibe, wissen wir es längst. Das gehört
zu den Veränderungen, die sich in diesen letzten Jahrzehnten vollzogen haben.)
Als der Reporter
mich verließ, nachdem ich mich zu diesen Ausbrüchen hatte hinreißen lassen,
dachte ich, daß ich wohl eine verheerende Beurteilung in den "Betuwe-Nachrichten"
bekommen würde. Ich hatte ab und zu einmal eine Pause gemacht, um Atem zu holen
und ihm die Zeit zu geben, das mit zu schreiben, es mußte doch mal gesagt
werden, egal, was er davon machen würde.
.
Zu meiner Freude
wurde es dann doch ein sehr vernünftiger Artikel. Mein Reporter war scheinbar
doch ein wenig Journalist. Er hatte verstanden, was ich ihm sagen wollte, das
merkte man an dem Artikel, den er geschrieben hatte. „Het dier is geen leidend
voorwerp." zegt mevrouw Falkena uit Ingen, stand da. ("Das Tier ist kein
passives Objekt" sagt Frau Falkena aus Ingen.) So lautete die Überschrift und
so etwas Ähnliches habe ich schließlich auch gesagt. Alle diese
Zeitungsausschnitte habe ich bis heute bewahrt.
Das war im Herbst,
kurz vor Wintereinbruch. Die holländischen Winter sind meist gar nicht so
schlimm. Es regnet viel, aber lange Frostperioden im Seeklima sind eine
Ausnahme. Solch eine Ausnahme war natürlich gleich der erste Winter, den wir in
Ingen erleben sollten. Es fror und schneite. Den Heizungsmotor hörte man den
ganzen Tag über. Zum Glück hatten die Katzen es herrlich warm. Aber daran, daß
man gleich vor der Tür fast sibirische Temperaturen hatte, mußte man sich noch
gewöhnen und auch daran, daß man aufpassen mußte, mit dem Auto nicht rechts oder
links in einen der Gräben zu gleiten, die alle Grundstücke umgaben.
Am Graben an der
Vorderseite des Hauses entlang war eine hohe, etwas verwilderte Buchenhecke. Von
der Seite war unser Haus und Grundstück vom Winde ab geschützt. Leider war das
die Südseite, und im Winter kommt der Wind nun einmal am heftigsten von Westen
und Norden. Trotzdem war die Hecke uns sehr wertvoll. Hecke und Graben zusammen
formten eine Symbiose von Pflanzen und Tieren, wie wir sie noch nicht erlebt
hatten. Im Sommer und Herbst konnte man am Abend die Frösche quaken hören, die
Vögel sangen und die Grillen zirpten, dass es eine wahre Lust war.
Wer uns besuchen
wollte, mußte durch eine Pforte in der Hecke, die immer völlig zuzuwachsen
drohte, wenn man sie nicht regelmäßig stutzte. Wenn man es vergaß, dann gab das
eine Art Dornröschen-Effekt.
Den Nachbarn war
diese Hecke ein Dorn im Auge. Die hätte schön säuberlich kurz geschnitten werden
müssen oder besser noch, völlig weggetan werden sollen.
"Man kann Sie
überhaupt nicht sehen und Sie sehen so doch auch gar nicht, wer vorbei kommt.
Wie langweilig." sagten sie.
"Ach, ich habe
doch gar keine Zeit, um auf die Straße zu sehen, ob da einer vorbei kommt.
Obendrein ist die Hecke ein Nistplatz für zahllose Vögel. Das ist doch viel
wichtiger."
- Erstauntes
Kopfschütteln. Diese neuen Leute (Import, wie man dort sagte) waren doch
irgendwie komisch.
Im Sommer hatten
wir schon den Gesang der vielen Vögel genossen, wenn wir am Abend noch ein
Stündchen im Garten saßen. Jetzt im Winter wussten wir erst richtig, wie dicht
bevölkert unsere Hecke war. Jetzt kamen die Vögel zum Vorschein und pickten das
Futter, das wir streuten. Drosseln, viele verschieden gefärbte Meisen,
Rotkehlchen, sogar ein paar Zaunkönige und natürlich jede Menge Spatzen. Ab und
zu landete, im strengsten Winter, auch einmal ein Reiher auf unserer Wiese. Die
wilden Tauben, die in der großen Buche wohnten, waren im Winter auch zahm genug,
sich füttern zu lassen. Aber wenn es richtig kalt wurde, kamen vom nahe
gelegenen
Rhein her die Möwen und stahlen den kleineren Vögeln alles weg.
Die Katerräume im
früheren Pferdestall hatten sich schon im Sommer gut bewährt. Jeder Kater hatte
seine eigene Box und einen eigenen Auslauf. Die Ausläufe waren durch
Maschendraht getrennt, so konnten die Kater einander sehen und fühlten sich
nicht einsam, aber sie konnten sich nicht verletzen, wenn sie eifersüchtig waren
und streiten wollten, was allerdings, das muss zu ihrer Ehre gesagt werden, nur
selten vorkam. Wahrscheinlich war das ein Zeichen, das wir ihnen ausreichend
eigenes Territorium gegeben hatten.
Die Flurheizung in
den Katerboxen hielt sie schön warm und sollte, wie man uns versichert hatte,
auch gesundheitsfördernd sein. Wenn wir am Abend noch einmal zu den Katern
gingen, um nach dem Rechten zu sehen und mit ein paar Streicheinheiten "Gute
Nacht" zu sagen, dann huschte oft ein Igel ganz schnell vor uns weg. Der wohnte
im Heu, das da noch von früher lag. Nachdem wir den Igel entdeckt hatten,
stellten wir oft ein Schüsselchen Milch für ihn in den Stall oder einen Apfel.
Das schmeckte ihm.
So wuchs langsam
aber sicher die Zahl unserer mehr oder weniger zahmen Tiere. Im Frühjahr wuchs
sie noch mehr, denn im Dorf hatte sich herumgesprochen, daß Katzen bei uns hoch
im Wert standen. So wurden die überzähligen Katzen des ganzen Dorfes einfach bei
uns ausgesetzt. Es waren meist bildschöne Hauskatzen. Viele rote und rotbunte
waren dabei. Die tiefe Farbe der meisten von ihnen übertraf bei weitem die der
auf Ausstellungen roten oder „tortie“ genannten Rassekatzen. Die Natur ist eben
doch der beste Züchter.
Man wußte nie, wer
die Katzen gebracht hatte. Einmal stand ein Kistchen mit gleich einer ganzen
Katzenfamilie vor der Tür, ein Kater, eine Katze und zwei Junge. Es blieb uns
nichts anderes übrig, als sie aufzunehmen. Nur einmal bin ich höllisch wütend
geworden. Da stand ein kleiner Junge vor unserer Tür mit einer von diesen
Margarineschachteln, wie man sie im Supermarkt bekommt. Darin saßen vier
piepende, magere Katzenbabys.
"Moeder zee as dat
u ze niet neemt, dan most ik ze verzupen" sagte er. ("Mutter sach, as daß sie se
nich nehme, dann muß ich se versäufe" – so ungefähr)
Ich hatte keine
Lust freundlich zu dem Jungen zu sein: "Sag deiner Mutter, daß sie sich schämen
soll. Sie soll Eure Katze lieber beim Tierarzt sterilisieren lassen. Das bezahlt
sogar der Tierschutz, wenn Ihr's nicht könnt. Dann brauchst du auch keine
kleinen Kätzchen zu versaufen." Es war natürlich völlig sinnlos. Ich denke, daß
er das Wort "sterilisieren" nicht mal aussprechen konnte.
Der Junge machte
schnell, daß er weg kam, und ich suchte ein Körbchen für die Kleinen und war
gerade dabei, etwas Milch warm zu machen, als die Türglocke wieder ging. - Da
stand der Junge wieder. "Aha", dachte ich, "Es hat geholfen. Er holt die
Kätzchen zurück, weil es ihm leid tut." Aber nein, er sagte: "Ik most van moeder
het döske terug brengen". ("Ich muss von Mutter die Schachtel zurückbringen!")
- Das war die einzige Gelegenheit, bei der ich jemand unter Androhung von Gewalt
von unserem Grundstück gejagt habe!
Die meisten der
bei uns ausgesetzten Katzen bemerkten sofort, daß es gut bei uns weilen war, und
blieben ohne lange Gewöhnungsperiode. Manche waren bereit, in unser Haus zu
kommen, aber die meisten waren die Freiheit des Bauernhofes gewohnt. So
brachten wir eine kleine Katzenluke in der Tür des Gebäudes an, das wir noch
immer "Paardestal" (Pferdestall) nannten, und stellten drinnen Futter und Wasser
auf. Stroh und Heu lagen reichlich auf dem Heuschober und gaben warme
Schlafplätze. Die Katzen akzeptierten alles dankbar, manche wurden sogar sehr
lieb und zahm, kamen auch ab und zu ins Haus und befreundeten sich mit den
anderen Katzen. Andere fürchteten sich vor zu viel menschlicher Nähe und
richteten sich im "Pferdestall" für immer ein. Die brachten uns zum Dank die
vielen Mäuse, die sie in der Nacht gefangen hatten, und legten sie vor unsere
Küchentür. Manchmal war sogar eine Ratte dabei, die sie wohl in den Gräben rund
herum gefangen hatten. Diese an sich sehr verehrende Gebärde des Dankes für
Unterkunft und Versorgung war für uns gewöhnungsbedürftig, aber wir wussten, wie
sie gemeint war. Schließlich sind auch manche Geschenke, die man von
menschlichen guten Freunden bekommt, recht gewöhnungsbedürftig.
Leider lebten die
meisten unserer freilaufenden Katzen immer nur ein paar Jahre. Früher oder
später erschien wieder die eine oder andere nicht zum Füttern und dann suchten
wir überall, bis wir sie fanden. Viele waren an der einen oder der anderen
Straße überfahren.
Schlimmer war es,
wenn wir sie nicht fanden. Dann war zu befürchten, daß sie in eine der Fangeisen
geraten waren, die für die Hasen in den herumliegenden Feldern aufgestellt
wurden. Diese Fangeisen gehören zu den grausamsten Methoden menschlicher
Erfindung. Sie werden überall auf der Welt aufgestellt, um Tiere für die
Pelzindustrie zu fangen, aber auch um Hasen, wilde Kaninchen und andere Tiere zu
töten, weil sie vielleicht den Landbaugewächsen Schaden zufügen könnten. Es
sagte einmal jemand: "Wer wissen will, wie groß der Schmerz ist, den die so
gefangenen Tiere bis zum Tod empfinden, der soll einmal die Tür seines Autos
zuschlagen und seine Hand mindestens 24 Stunden dazwischen lassen." Als ich das
einmal an jemand weiter erzählte, der für den Naturschutz arbeitete, sagte der
mir: "Unsinn, es ist weitaus schlimmer!"
Diese Fangeisen zu
finden, ist uns trotz langen, verzweifelten Suchens immer unmöglich gewesen. Es
war wie die bekannte Nadel im Heuberg. Kilometer weit streckten sich Felder,
Obstplantagen und dergleichen rundherum aus.
Die freilaufenden
Hofkatzen hatten ein abenteuerlicheres und freieres Leben als unsere Haus- und
Rassekatzen, aber ein gefährlicheres. Sogar auf der Dorfstraße "de Brei" wurde
im Rennbahntempo gefahren. Es war eine grade Straße, die unbeherrschte
Autofahrer zum Rasen verführte und das obschon in den Bauernhöfen rund herum
auch Kinder wohnten. Der Tempolimit von 50 Kilometern fing erst ein ganzes Stück
weiter in Richtung Dorf an.
Wir wohnten
außerhalb des Dorfkerns und unser Haus war das erste am Rande des Dorfes. Leider
gewöhnen sich Katzen nur selten an die Gefahren des Autoverkehrs, sie nehmen ihn
scheinbar gar nicht wahr. Traurig waren wir um jede von ihnen, die starb.
Inhaltsverzeichnis
|