
Tyger! Tyger! burning bright
In the forests of the night,
What inmortal hand or eye
Could frame thy fearful symmetry?
In what distant deeps or skies
Burnt the fire of thine eyes?
On what wings dare he aspire?
What the hand dare sieze the fire?
And what shoulder, and what art,
Could twist the sinews of thy heart?
And when thy heart began to beat,
What dread had and what dread feet?
When the stars threw down their spears
And watere‘d heaven with their tears
Did he smile his work to see?
Did he, who made the Lamb make thee?
(William Blake-1757-1827-)
Das erste Ergebnis meiner vielseitigen Korrespondenz zeigte sich in den
ersten Septembertagen des Jahres 1961. Aus England kam meine erste
Abessinierkatze "Taishun Cleonie". Sie war gut drei Monate alt, sehr
anhänglich und zärtlich, und sie war so schön, wie ich gehofft hatte,
dass sie sein würde. Ein schlankes Körperchen, beweglich, elegant und
gehüllt in ein löwenfarbiges Fell.
Der Vergleich mit Löwen wird bei Abessiniern oft gemacht. Sie haben
einen geschmeidigen Körper und die etwas tänzelnden Bewegungen. Das
Fell der "wildfarbenen" Abessinier erinnert an die Farbe des
Löwenfelles. Das bringt ihnen dann auch den oft etwas scherzend
ausgesprochenen Namen "Miniaturlöwen" oder der kleinen "Salonlöwen" ein.
In Wirklichkeit stammen sie wohl - ebenso wie unsere Hauskatzen - von
den ägyptischen Falbkatzen ab, nur ist bei den Abessiniern bewusst auf
die "Fast-Kopie" der Falbkatze gezüchtet. Jedenfalls war das so in den
letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts, als die Abessinier in England
auftauchten bis noch zum zweiten Weltkrieg. Inzwischen hat
Katzenzüchter-Ehrgeiz und das Bedürfnis der Menschen die Natur "zu
verbessern" da so Einiges verändert.
Die Falbkatzen (Felis sivestris lybica), die bereits etwa im Jahre 2000
vor unserer Zeitrechnung gelebt haben sollen, waren sandfarbige,
gelbliche oder auch etwas rötliche, recht zierliche Wildkatzen, die sich
scheinbar leicht zähmen lieβen. Die Römer brachten sie zu Beginn unserer
Zeitrechnung nach Europa.
Über die weitere Entwicklung bestehen verschiedene Theorien, vielleicht
haben die hier in den Wäldern lebenden Europäischen Wildkatzen (Felis
silvestris) durch Paarung mit den von den Römern importierten Falbkatzen
ihren Beitrag zur Entstehung der Hauskatze in ihrer heutigen Form
beigetragen. Aber das ist ein umstrittenes Thema.
Die Abessinier dagegen sind, wie ihre Entstehungsgeschichte erzählt, den
kürzeren Weg gegangen. Die ersten ihrer Art, wahrscheinlich bereits
zahme Falbkatzen, wurden als Kriegsbeute von englischen Truppen von
Afrika nach England gebracht. Die Engländer führten 1868 einen kurzen,
aber heftigen Krieg gegen Äthiopien, den sie gewannen.
Die "Wildfarbe", die den Abessiniern einen so faszinierenden Eindruck
gibt, entsteht dadurch, dass jedes Haar auf ihrem löwenfarbigen Fell
noch ein schwarzes "ticking" trägt. Das "ticking" ist eine zwei- bis
dreifache Bänderung im gelblichen Haar und eine schwarze Haarspitze. Es
liegt wie ein Schleier über dem Fell und gibt den Katzen den speziellen
Wildkatzeneffekt. Der offizielle Name dieser Haarfärbung ist übrigens "agouti".
Dr. Rosemarie Wolff schreibt in ihrem Buch über Rassekatzen, dass die
Abessinier dem Wunschtraum nach einem "möglichst wildkatzenähnlichen
Hausgenossen" nahe kommen. Was mich betrifft, stimmt das sicher. Der
Anblick der kleinen Cleoni hatte geradezu etwas Tröstliches für meine
"Wildkatzensehnsucht".
Die kleine Cleo passte sich erstaunlich schnell unserem Katzenhaushalt
an. Sie war den Umgang mit anderen Katzen gewohnt und bei unseren
"Großen" gab es keinerlei Eifersucht.
Wir waren damals angenehm überrascht. Heute, nach mehr als dreißig
Jahren Erfahrung mit Katzen, hat sich mir immer wieder bestätigt, dass
das Verhalten der Tiere zum groβen Teil von ihren "Jugenderfahrungen"
abhängig ist. Eine Katze, die unter allerhand drohenden Gefahren, z.B.
auf einem Bauernhof, versteckt im Stroh, durch ihre Katzenmutter
groβgezogen ist, von ihr vielleicht sogar vor den Menschen gewarnt
wurde, wird sich nicht so schnell an einen Haushalt voller Menschen
gewöhnen, wie ein Jungtier, das in einem Haushalt aufgewachsen ist. Die
"Prägung" die den sozialen Kontakt mit der Umgebung im Katzengehirn
festlegt, findet eben in den ersten Lebenswochen statt und kann nicht
nachgeholt werden. Einen Lernprozess, der Erfahrungen (sogar die
Erfahrungen der Eltern) dazu fügen kann, gibt es allerdings und er kann
das Prägungsverhalten korrigieren.
Unser Jantje musste wohl eine sehr liebevolle Katzenmutter gehabt haben,
er bemutterte die kleine Cleo vom ersten Tag an, genau wie er es damals
mit unserem Margaytje tat.
Kaum eine Woche war unser Abessinierkätzchen bei uns, da überstürzten
sich die Ereignisse. Es kam ein Telegramm aus Ecuador: Die von uns
bestellte "Langschwanzkatze" würde am 15.September in Schiphol
eintreffen. - Eine "Langschwanzkatze" - nicht einmal den Namen hatten
wir vorher gehört. Bis zum 15. September waren es noch zwei Tage. In
denen würden wir wohl herausfinden müssen, was da auf uns zu kam.
In einem alten "Brehm" der zwanziger Jahre war zwar die Rede von einer
Langschwanzkatze, aber die sollte in Brasilien und Bolivien leben und
nicht in Ecuador. Auch in einem Buch von Dr. Haltenorth (aus dem Jahre
1957) und in einer Schrift von der Zoologin Ingrid Weigel wurde die
Langschwanzkatze genannt, gleich mit fünf verschiedenen Unterarten,
aber nicht eine davon mit dem Standort Ecuador. Schließlich fand ich
noch in einem anderen Buch die Zeichnung des Felles einer
Langschwanzkatze. Das sah aus, wie das Fell eines ausgewachsenen
Panthers.
Heute kam man in "Grzimeks Tierleben" und anderen Tier-Enzyklopädien
ausführliche Beschreibungen der "Margay", die auch "Langschwanzkatze"
oder "Baumozelot" genannt wird, nachlesen. Selbst im allerneusten
Informationsmittel, dem Internet, findet man sie. Im letzteren
allerdings nur in der Reihe der aussterbenden Arten. Welch ein
Menetekel! In der Zeit, über die ich erzähle, vor etwa vierzig Jahren,
waren die südamerikanischen Wildkatzen noch nicht vollständig
registriert, etwa zehn Jahre später beschrieb Professor Grzimek sie als
erster in seiner Enzyklopädie und heute, während ich dieses Buch aufs
neue bearbeite (ein alter Entwurf davon liegt seit zwölf Jahren
ungenützt in meiner Schublade), muss ich mich mit Informationen über
Restbestände der Wildkatzen begnügen, die als Spezies bereits fast
aufgegeben sind. Der korrekte lateinische Name der Baumozelots ist "Leopardus
wiedi" und Dr. Grzimek beruft sich bei der Beschreibung hauptsächlich
auf die beiden Baumozelots von Professor Leyhausen, von denen ich im
Laufe dieser Geschichte noch erzählen werde. Aber "Grzimeks Tierleben"
gibt es erst seit 1970 und wir lebten noch im Jahre 1961 und die beiden
Baumozelots von Professor Leyhausen, die später im "Max-Planck-
Institut" leben würden, waren zu dem Zeitpunkt noch gar nicht geboren.
Bestellt hatte ich eine "Margay", weil wir ja durch die falsche
Information des Tierarztes die erste kleine Wildkatze für eine Margay
gehalten hatten. Mir wurde kalt und heiß bei dem Gedanken, dass ich
durch meine vielleicht undeutliche Bestellung ein Raubtier ins Haus
bekommen könnte, das eine Gefahr für meine anderen Katzen sein könnte.
Auch mein Mann sah auf einmal etwas besorgt aus. Dabei waren es nur noch
zwei Tage, bis das Tier in Schiphol ankommen würde.
Am nächsten Tage rief mein Mann vom Büro aus an: "Es wird heute etwas
später, wartet nicht mit dem Essen auf mich, bitte." Spät am Abend kam
er endlich, hatte auch noch Arbeit dabei. "Das hier muss heute Abend
noch fertig werden, den Rest kann ich aufschieben und Gerichtstermine
habe ich morgen nicht. Ich denke, ich fahre doch besser morgen mit nach
Schiphol."
So fuhren wir dann zu zweit -Gott sei Dank zu zweit- am 13. September
zum Flughafen. Zuerst mussten wir zu einer Art Abfertigungsschalter, wo
man uns allerhand Papiere in die Hand drückte und unterschreiben ließ.
"Haben sie einen Zoo?" fragte der Beamte.
"Nein, wieso?"
Darauf ging er nicht ein. Er händigte uns noch ein Formular aus und
verwies uns zum Büro Nummer so und soviel. Dort mussten wir bezahlen.
Wofür weiß ich nicht mehr, ich glaube für den Transport und die
Einfuhrgebühren. Das alles taten wir in einer Art von Trance.
Dann endlich durften wir zum "Tierhotel", Käfige voll Papageien,
Affen.....an einen kleinen Hund erinnere ich mich noch und an einen
Käfig voller ganz winziger Vögel.
Uns übergab man eine verschlossene Holzkiste. Die hatte man wohl
vorsichtshalber gar nicht erst geöffnet. Sie war etwa 30x30x50 cm groß.
An der Vorderseite war Maschendraht, der Deckel war oben verriegelt.
Durch den Maschendraht sah man nur Stroh.
Sobald wir im Auto waren, öffneten wir den Deckel. Aus dem Kistchen
sahen uns zwei Augen an! Wirklich, zu Anfang sah man nur diese Augen!
Nie wieder in meinem Leben habe ich irgendwo auf der Welt so schöne
Augen gesehen. Groβ, dunkel und glänzend waren sie. Ohne Furcht, aber
auch ganz ohne Aggression sahen sie uns an, forschend, als ob sie sich
unser Bild gleich einprägen wollten. Der Rest war allerdings ein
armseliges Häufchen Katze, das struppig in dem gar nicht mehr sauberen
Kistchen saß und sich nicht rührte.

Margay "Buena" (Leopardus Weidi), auch
Baumozelot oder Langschwanzkatze genannt. Zu Anfang sah man nur diese
Augen!
Ehe wir nach Hause fuhren, gingen wir erst beim Tierarzt vorbei,
(unserem eigenen, nicht dem vom Tiergarten, versteht sich.) um unseren
kleinen Neuling gleich impfen zu lassen. Das wenigstens hatten wir schon
gelernt. Dort stellte sich heraus, dass die kleine Katze nicht stehen
konnte. Der ganze Hinterkörper war gelähmt.
Zu Hause erwarteten uns die Kinder schon. "Ich tippe auf Jaguar", hatte
Freerk gesagt, als wir abfuhren. Jetzt sahen sie zu, wie wir das
Kistchen öffneten und sagten wie aus einem Munde: "Ach, je!"
"Wenn die uns nur nicht auch wieder stirbt!" sagte Marion. "Was machen
wir dann?"
"Sie darf nicht sterben und sie wird nicht sterben!"
antwortete ich und war mir selbst nicht sicher.
In der ersten Etage unseres Hauses war ein kleines Gästezimmer. Dort
installierten wir unseren neuen "Gast" erst einmal. Wir machten die
Kleine sauber und legten sie in ein Körbchen. Sobald wir sie erst einmal
geputzt hatten, konnten wir sehen, was für ein wunderschönes Tierchen
sie war.
Gleich zu Anfang, als ich mir vornahm, diesen Bericht über meine
Wildkatzen zu schreiben, habe ich mir die strenge Auflage gestellt,
Worte wie "süß", "rührend", "entzückend" so weit wie möglich zu
vermeiden. Wer die Fotos sieht, wird verstehen, wie schwer das ist.
Das Gesichtchen war sanft und freundlich. Die groβen, dunklen Augen, die
uns überall folgten, die runden Öhrchen, die weichen Konturen und dann
das Fell! Es ist mir nie ganz gelungen, es zu meiner Zufriedenheit zu
beschreiben. Große, schwarze Flecken auf honigfarbenem Grund. Der lange
Schwanz war gelb mit breiten, schwarzen Ringen. Das alles sieht man auf
den Fotos. Was man nicht sehen kann und was so schwer zu beschreiben
ist, das war die Magie, die von der Berührung dieses Felles ausging.
Nein, ich bilde mir das nicht ein. Andere, die mich später besuchten und
eine meiner Wildkatzen streichelten, hatten genau dieselbe Erfahrung.
Grade weil dieses Tierchen so lieb und hilflos in seinem Körbchen lag,
hatte man das Bedürfnis, es zu streicheln. Zu unserer Überraschung
schien es das von Anfang an sogar angenehm zu finden. Ganz vorsichtig
rieb es sein Köpfchen gegen unsere Hand.
In einem Anfall von Optimismus tauften wir unser neues Baby "Buenaventura",
was dann im Alltagsgebrauch zu "Buena" abgekürzt wurde.
Buena bekam ein Tellerchen mit klein geschnittenem Fleisch, aber das
wollte sie nicht haben. Nur ein Schüsselchen mit Milch trank sie leer.
Jetzt hatten wir wieder eine Tigerkatze, aber wir würden viel Glück und
einen guten Tierarzt brauchen, wenn wir sie am Leben halten wollten.
Einen guten Tierarzt hatten wir tatsächlich. Dr. van Werven kam täglich,
gab Medizin, Vitaminspritzen und viele gute Ratschläge. Aber das Beste
was er tat war, dass er den Kot von unserer Buena zur Untersuchung zum
Zoologischen Institut in Utrecht schickte. Dort stellte sich heraus,
dass Buena viele tropische Parasiten hatte. Die Anweisung zur Bekämpfung
kam schnell und mit der Behandlung setzte auch Buenas Besserung langsam
ein. Die tropischen Parasiten übrigens waren für das Institut - wie ich
später hörte- auch noch interessant. Die "hatten sie noch nicht". Man
hat sie sorgfältig bewahrt und weiter gezüchtet als Lehrmaterial für die
Studenten.
Gleich nach Buenas Ankunft hatte ich auch wieder Herrn Professor
Leyhausen angerufen, der sehr freundlich und interessiert war und auch
jetzt wieder Tauben als beste Nahrung empfahl. Aber erst musste unser
"Raubtier" einmal lernen, Fleisch als Nahrung zu erkennen. Zu unserer
Freude kam sie schon bald auf den Geschmack und im gleichen Maße, in dem
ihr das Fleisch besser schmeckte, nahm ihr Interesse an der Milch ab.
Sie trank seitdem gern frisches Wasser.
Da das Körbchen für sie zum Gefängnis wurde, weil sie immer noch nicht
über den Rand klettern konnte, gaben wir ihr ein Kissen als Schlafplatz.
Mit den Vorderpfoten konnte sie sich dann zum Tellerchen schleppen. Im
Anfang halfen wir ihr. Aber der Tierarzt ermahnte uns, dass wir es ihr
nicht zu leicht machen dürften. Eine Art Bewegungstherapie war nötig. So
setzten wir ihr Tellerchen jedesmal ein wenig weiter entfernt vom Kissen
hin, damit sie sich üben musste. Und wie kooperativ sie war! Ihr
Lebenswille war ungebrochen und die für sie ungewohnte Umgebung schien
überhaupt kein Problem zu sein.

Wir gaben ihr ein Kissen statt des
Körbchens
In das Gästezimmer, das nun als Quarantäneraum herhalten musste, hatten
wir auch gleich ein Katzenklo gesetzt. Im Anfang setzten wir Buena
regelmäßig darauf und sie verstand auch bald, was von ihr verlangt
wurde. Nur konnte sie, weil die Hinterpfötchen erst noch wie leblose
Anhängsel unter ihr lagen, nicht verhindern, dass sie sich beschmutzte.
So mussten wir unser Baby nicht nur füttern, sondern auch sauber pflegen.
Das alles wird wohl zu dem Mutter-Kind-Verhältnis beigetragen haben, das
sich zwischen uns entwickelte. Nur war es das nicht allein. Anfang der
siebziger Jahre gab es in Amerika und Deutschland und vielleicht auch in
anderen Ländern so eine Art Wildkatzenboom. Aus den - leider meist
ziemlich traurigen- Berichten, die mir aus jener Zeit zu Ohren gekommen
sind, wird deutlich, dass grade diese Wildkatzen sich sehr stark an den
ersten Besitzer hängen, wenn dieser sie nur gut behandelt. Nur sind sie
nicht im Stande bei Besitzerwechsel eine zweite Beziehung aufzubauen.
Aber darauf komme ich später noch zurück.
Wenn man Buena auf den Arm nahm, hielt sie sich fest, wie ein
Klammeräffchen. Sie hatte ungeheuer starke Vorderpfoten. Junge Margays
(ihr anderer Name ist nicht ohne Grund Baumozelot) wachsen in der
Sicherheit der Bäume auf, wie ich vermute, meist in der Höhle eines
alten Baumstammes.

Sie hielt sich an mir fest wie ein
Klammeräffchen
Es gibt, oder gab viele alte Bäume im Regenwald. In welchem Alter die
jungen Margays zum ersten Mal hinunter dürfen, darüber gibt es, meines
Wissens, keine Informationen. Da sie erst ab etwa eineinhalb Monaten die
erste feste Nahrung zu sich nehmen, wird es wohl so sein, dass sie die
ersten zwei Monate dort oben im Baum verbringen und höchstens danach von
der Mutter in die Geheimnisse der Jagd eingeweiht werden. Leider scheint
es keinerlei Beobachtungen von Baumozelots in der freien Natur zu geben,
obwohl es doch sonst recht gute Berichte über Flora und Fauna im
Regenwald gibt. Es wird wohl daran liegen, dass das Fell der Baumozelots
ein so ausgezeichnetes Tarnmuster aufweist.
Solange die Jungtiere im Baum wohnen, müssen sie natürlich sorgen, dass
sie sich gut festhalten, entweder an der Mutter oder an den Ästen und
Zweigen. Dazu sind sie von der Natur mit diesen starken Pfoten
ausgerüstet. Für Buena war das jetzt extra praktisch. Was andere Katzen
auf vier Pfoten machen, das versuchte sie mit Hilfe ihrer Vorderpfoten
zu tun. Schon bald zog sie sich an der Decke des Bettes hoch, das im
Zimmer stand. Auch zum Katzenklo krabbelte sie bald "nach Bedarf". Und
gar nicht viel später ernannte sie unsere Beine zum Kletterbaum.
Die Medizin, die der Tierarzt ihr gab, wirkte großartig. Jeden Tag
konnten wir Fortschritte feststellen. Eines Tages, als ich in Buenas
Zimmer kam, stand sie, zwar etwas schwankend, aber doch auf allen vier
Beinen vor mir. Wir waren über den Berg!
Oft stand sie nun mit allen vier Pfötchen auf ihrem Teller, eine
Gebärde, die ich schon bei unserem "Margaytje" gesehen hatte und die mir
später bei unseren Oncillas genau so auffiel. Im Anfang lächelten wir
darüber, aber später verstanden wir, dass es eine ganz natürliche Sache
für eine Raubkatze ist, dass sie erst einmal über ihrer Beute steht.

Sie stand mit allen vier Pfoten über
dem Teller (der Beute!)
Bald wechselten wir nun das kleingeschnittene Fleisch mit ein paar
Stückchen von einer Taube ab. Die schmeckten ihr vorzüglich. In dieser
Zeit rief ich oft in Wuppertal bei Herrn Professor Leyhausen an. Immer
gab er mir freundlich Rat. Aber als ich ihm stolz erzählte, dass Buena
kleine Taubenstückchen bekäme, lachte er mich aus: "Wer, glauben sie,
rupft den Tieren im Urwald die Vögel und zerkleinert sie? Sie müssen
ungerupfte Tauben geben. Buena wird sie selbst rupfen und "anschneiden".
Das hat sie nötig."
Wieder einmal musste mein Mann zu einem vertraulichen Gespräch zum
Geflügelhändler. Ganze Tauben, unbearbeitet, musste er haben. -Es lieβ
sich machen. Es gab Tauben im Überfluss und zum Glück wurden sie damals
in Arnheim nicht mit Gift bekämpft wie anderswo oft. Und wenn ich im
Anfang einmal in die Versuchung kam, die Sache vom Standpunkt der Tauben
zu sehen, so war ich auch damals schon realistisch genug, um einzusehen,
dass es eines der Naturgesetze ist, dass manche Tiere auf Kosten von
anderen leben. Tiere fügen sich den ihnen angeborenen Gesetzen. Sie
können gar nicht anders sein. Nur der Mensch hat sich im Laufe der
Evolution aus dem natürlichen Rahmen gelöst, mit dem was er den freien
Willen nennt, und gebraucht und missbraucht die Natur mit den uns allen
bekannten Ergebnissen. Unser Nahrungsbedarf ist durch das ersetzt, was
wir Esskultur nennen. Die chemische Industrie profitiert davon.
Buena brauchte keine Hilfe beim Verzehr ihrer ersten "richtigen" Taube.
Sie rupfte sie fachkundig und verzehrte erst die Innereien, wie sich's
für eine Wildkatze gehört. Die Innereien enthalten nämlich wichtige
Vitamine und Fermente. Danach kam der Rest der Taube an die Reihe. Die
Knochen zermahlte sie wie wir ein Hustenbonbon zerkauen.

Die erste Taube
Der Tierarzt brauchte jetzt nicht mehr täglich zu kommen. Ich glaube, es
tat ihm fast leid. Er liebte Buena sehr. Wir bekamen Tabletten, die
Vitamine, Kalk und Minerale enthielten. Sie sollten für Buenas weitere
Gesundung und Stärkung sorgen.
Jeder, der einmal versucht hat, einer Katze Medizin einzugeben, wird
wissen, wie schwer das ist. Die meisten Katzen, auch wenn sie sonst sehr
lieb und zahm sind, wehren sich in einer solchen Situation und versuchen
zu kratzen oder zu beißen. Dass Buena sich so willig vom Tierarzt
behandeln lieβ, hatten wir zuerst ihrer Krankheit zugeschrieben. Als sie
aber gesund und immer stärker wurde, bemerkten wir, dass sie überhaupt
keine Spur von Aggression uns gegenüber aufbrachte. Zwar versuchte sie
sich zu verstecken, wenn sie bemerkte, dass es Tablettenzeit war, aber
wenn man ihr dann gut zuredete, ließ sie sich doch die Tablette ins
Mäulchen stecken. Niemals versuchte sie zu kratzen oder zu beißen.
Diese sanfte und friedliche Haltung uns gegenüber machte auch, dass wir
Buena, als sie zwar noch etwas unsicher, aber doch schon recht schnell
herumlaufen konnte, voller Vertrauen in unser Wohnzimmer brachten. Es
erschien uns, dass es Zeit wäre, sie mit den anderen Katzen bekannt zu
machen. Sowohl ihre Hinterbeine als auch ihr neues Selbstvertrauen
machten den Eindruck, dass sie diesem neuen Abenteuer gewachsen sein
würde.
Als ich sie die Treppen herunter ins Wohnzimmer trug, dachte ich daran,
dass wir gefürchtet hatten, ein wildes Tier in unser Haus zu bekommen,
das für die anderen Tiere eine Gefahr sein könnte. Jetzt war ich
besorgt, ob die anderen diesem noch immer etwas unsicher auf den Beinen
stehenden Katzenbaby wohl verständnisvoll genug begegnen würden.
Ein Baby war sie tatsächlich noch. Wir schätzten ihr Alter auf nun - im
Oktober- etwa drei Monate. Sie war also etwa gleichaltrig mit der im
Juni geborenen Cleo, aber schon die breiten Pfoten deuteten an, dass sie
einmal bedeutend größer werden würde. Die Krankheit und vor allem die
Parasiten hatten ihr Wachstum zweifellos negativ beeinflusst und
außerdem deckte sich unsere Vermutung mit den allerdings etwas
unsicheren Angaben aus Guayaquil. Später konnten wir am Zahnwechsel
feststellen, dass wir mit unserer Annahme wenigstens nicht weit von der
Wahrheit entfernt gewesen waren.
Nun hielt ich das "wilde Tier" in meinen Armen und entschloss mich, es
erst einmal in die bereits bekannte Sofaecke zu setzen. Prompt fiel sie
erst einmal um. Es fiel ihr noch immer schwer beim Sitzen das
Gleichgewicht zu bewahren. Bei solchen Gelegenheiten zeigte sich dann
übrigens zum ersten Mal ihr ausgesprochener Sinn für Humor. Sie zog eine
regelrechte Schau ab. Mit viel Gezappel versuchte sie ihr Gleichgewicht
wieder zu erlangen, halb Spiel, halb ernsthafte Anstrengung, und dann
setzte sie sich mit einem energischen Ruck wieder in die richtige
Position. Danach sah sie mich strahlend an mit einem Ausdruck, der zu
sagen schien: "Schau mal, was ich kann!"
Auf der Lehne des Sofas saßen die zwei Unzertrennlichen: Cleo und
Jantje. Der immer bereite Fotoapparat lag auf dem Tisch. Besser als
Worte zeigt die Fotoserie, die ich dann gemacht habe, mit welchem
Vertrauen die Begegnung zwischen diesen so verschiedenen Tieren sich
abspielte. Das eine aus einer Spezialzucht aus England, das andere aus
dem ecuadorianischen Urwald. Und Jantje, der Gute, wachte über allem,
sah zu wie "die Kinder" aufeinander zugingen und sah erkennbar keinen
Grund einzugreifen.

Auf der Lehne des Sofas saßen Cleo und
Jantje
Cleo kam vorsichtig von der Lehne herab, Buena streckte ihr Pfötchen
aus, - es war mehr Begrüßung als Abwehr. Cleo, die immer gut im
Nachahmen war, antwortete mit derselben Bewegung. Die zwei drehten sich
ein wenig umeinander herum und dann entdeckten sie den Spielgefährten.
Sie balgten sich in einer vollkommen entspannten Weise. Ich schwöre, das
keins von beiden auch nur einen Augenblick die Krallen herausholte. Nach
einer Weile schliefen sie dann in inniger Umarmung ein.

Cleo kam von der Lehne herab
Jetzt folgte die Zeit der groβen Abenteuer. Man konnte um den Tisch
herum Haschen spielen oder sich im Treppensteigen üben. An das
Wohnzimmer grenzte ein Wintergarten, in dem standen Blumen und
dazwischen ein Kaktus. - Unser Kaktus war wohl nur ein verarmtes
Familienmitglied der Kakteen in Ecuador, aber vielleicht hatte er doch
noch den authentischen Kakteenduft an sich. Ich weiß es nicht, aber
Buena liebte diesen Kaktus. Am liebsten wäre sie heraufgeklettert, aber
dem war nun wieder der Kaktus nicht gewachsen. So trieb sie ihren Possen
mit ihm.

Sie entdeckten den Spielgefährten

Nach einer Weile schliefen sie in
inniger Umarmung ein

Haschen spielen
Im Zimmer gab es auch einen ganz merkwürdigen "Kletterbaum", der war
sehr breit und wenn einer der Menschen davor saß und auf die Tasten
drückte, gab er ganz merkwürdige Töne von sich, die Buena aber weiter
nicht störten. Sie saß trotzdem gern dort oben. Ihr Leben lang hat sie
gern beim Klavierspielen zugehört, selbst wenn es nur Fingerübungen
waren. Wenn jemand spielte, kam sie und legte sich oben auf das Klavier.
Gegen Geigenmusik (die es allerdings bei uns nur per Schallplatte gab)
hatte sie eine ausgesprochene Abneigung. Wenn sie die hörte, sträubten
sich ihre Haare und sie zog sich auf ihren Schrank zurück. Ich konnte
das verstehen. Ich würde auch keine Musik mögen, die mit Hilfe von
Menschendärmen gemacht würde.
Wie eine ganz gewöhnliche Miezekatze stahl sie das Wollknäuel, wenn ich
zu stricken versuchte. Aber das Schönste gab es am Sonntag. Dann hatte
mein Mann einmal Zeit für ein Nachmittagsnickerchen. Von allen Katzen
war Buena die erste, die sich den beliebtesten Platz eroberte, auf dem
Kissen, an seinen Kopf geschmiegt.
Ich glaube, Buena liebte uns alle gleichermaβen. Aber ihre
Herzensfreundin war und blieb doch Cleo. Die zwei haben in der Zeit ganz
schön durch unser Haus getobt. Aber obschon Buena immer stärker wurde
und Cleo bald in Größe überflügelte, habe ich nicht einmal auch nur den
leisesten Schrei von Cleo gehört, der hätte vermuten lassen, dass Buena
ihre weitaus stärkeren Krallen oder Zähne gebrauchte. Sie waren zwei
ungleiche Partner, die beiden, aber es herrschte ein ungeschriebenes
Gesetz der Fairness zwischen ihnen. Auch mit Jantje, Vosje und den
anderen Hauskatzen schloss Buena schnell Freundschaft. Von soviel
Verträglichkeit hätte die Menschheit so einiges lernen können. Aber die
wusste zu dem Zeitpunkt eben noch gar nichts davon, dass wir in unserem
Hause ein kleines Paradies noch ganz für uns allein hatten.
Dass allerdings das Paradies kein Dauerzustand ist, das weiß man ja
bereits aus ganz anderen Geschichten.
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