Dass ich soviel Post bekam, lag
teilweise daran, daß ich immer neue Leute kennen lernte. Hauptsächlich aber kam
es daher, daß ich noch immer ein wenig für die Katzenmagazine schrieb. Längst
berichtete ich nicht mehr über die Oncillas, sondern über Abessinier, Siamesen
oder über die Farbschläge der Orientalen. Ich versuchte, mich mit der
Vererbungslehre der Katzen vertraut zu machen. Die Artikel lösten dann wieder
Briefe aus, in denen ganze Stammbaumkopien von den Katzen des Absenders
mitgeschickt wurden und die Fragen enthielten wie: welcher Kater passt zu dieser
Katze? Oder: wenn ich für meine Katze einen blue-point Kater als Partner wähle,
welche Farbe haben dann die Jungtiere? -Wenn ich alle diese Briefe hätte
beantworten wollen, dann hätte ich für meine Katzen kaum mehr Zeit gehabt. Also
tat ich die Briefe erst mal in eine Schachtel mit dem Etikett: "NOCH
BEANTWORTEN!" und manche auch in eine zweite Schachtel mit dem Etikett:
"DRINGEND BEANTWORTEN!". Wenn die Schachtel voll war, mußte eine Neue her. Nur
zum Beantworten kam ich immer weniger, schon deshalb, weil ich nicht gut wußte,
wo ich anfangen sollte bei den vielen liegen gebliebenen Briefen und auch, weil
mir am Abend die Augen zu fielen. Die allerbesten Freunde wussten das und griffen
zum Telefon.
Zu Weihnachten ließ ich Karten
drucken mit "Frohe Weihnachten" und einem Foto von einer meiner Katzen und unter
die meisten schrieb ich kurz: "Im neuen Jahr lasse ich von mir hören." Das
gehörte tatsächlich zum meinen guten Vorsätzen, den üblichen, die man im neuen
Jahr wieder vergisst.
Daß so auf die Dauer meine alten
Kontakte einschliefen, ist verständlich. Und so ist es wohl passiert, daß ich
von einer Entwicklung keine Ahnung hatte, die mir erst viele Jahre später
deutlich wurde. Von dem Trend in Deutschland (und vielleicht auch in anderen
Ländern), Wildkatzen als eine Art exotisches Haustier zu halten, auch dann, wenn
die Bedingungen keineswegs zureichend waren, in Etagenwohnungen z.B. oder in der
gepflegten Villa, wo kein Möbelstück beschädigt werden durfte, weswegen die
Tiere dann in Käfigen gehalten wurden.
Über die Situation der Wildkatzen im
Deutschland der siebziger Jahre gibt es einen ergreifenden Bericht von
Heide-Marie Fahrenholz in ihrem, leider längst vergriffenen Buch "Meine
Wildkatzen". Sie hat jahrelang in Bedrängnis geratene Wildkatzen
verschiedenster Art in ihr Haus geholt, die von ihren ersten Besitzern einfach
weg getan wurden, weil sie zu unbequem und lästig wurden. Wie ich schon sagte,
ist es so, daß Wildkatzen bereit sind, einem Menschen, der sie gut behandelt,
ihr Vertrauen zu schenken, aber wenn dieser sie "im Stich lässt", d.h. wenn er
sie in andere Hände gibt, dann ist alles Vertrauen in die Menschen schlechthin
zerstört. Die Katze kann dann kein zweites Vertrauensverhältnis mehr angehen.
Trotzdem ist es Frau Fahrenholz mit viel Geduld und Liebe gelungen, die meisten
ihrer Tiere zu "zähmen" und ein gutes Verhältnis mit ihnen aufzubauen. Aber sie
hatte leider nicht das Glück wie wir, einen Tierarzt zu finden, der zu ihr ins
Haus kam, wenn es nötig war. Das allein schon war ein Schwierigkeitsfaktor.
Die Geschichte von den Wildkatzen von
Frau Fahrenholz ist traurig. Das Buch endet damit, daß sie in Deutschland
einen "Freundeskreis exotischer Wildkatzen" errichtete, der den
hilfsbedürftigen, gestrandeten Wildkatzen helfen sollte. Als ich viel später
davon hörte, habe ich mir Vorwürfe gemacht, daß ich von allen diesen Dingen
nichts gewusst habe. Ich hätte es wissen können, wenn ich mich nicht so völlig
auf mein eigenes, kleines Paradies konzentriert hätte. Vielleicht hätte ich
doch das Eine oder Andere zur Rettung anderer Tiere beitragen können.
Andererseits haben mir diese Berichte bestätigt, daß es richtig war, unsere
Oncillas zu sterilisieren. So blieb ihren Nachkommen möglicherweise ein
Schicksal, wie das der von Frau Fahrenholz beschriebenen "Wegwerf-Exoten",
erspart.
Nicht nur alle Schreiberei wurde
vernachlässigt, auch an Marions Mitteilung, daß ihre Freundin ein für uns so
passendes Haus gesehen hätte, dachte ich längst nicht mehr. Als Marion eines
Tages später anrief und fragte, wie uns das Haus in Ingen gefallen hätte, mußte
ich sogar bekennen, daß der Zettel, auf dem die Adresse stand, verloren
gegangen war. Diesmal sorgte Marion dafür, daß mein Mann die Adresse aufschrieb.
Das Resultat war, daß er ein paar Tage danach später als sonst nach Hause kam
und sagte: "Es tut mir leid, aber ich war noch schnell in Ingen, um mir das Haus
anzusehen, von dem Marion so schwärmt. Hast Du nicht Lust, morgen einmal mit mir
hinzufahren, um es dir anzusehen? Es könnte wirklich ideal für uns sein."
Also fuhren wir am nächsten Tag
Richtung Ingen. Von dem kleinen Dorf Ingen hatte ich vorher noch nie etwas
gehört. Inzwischen wußte ich jetzt, daß es in der "Betuwe" liegt, dem
holländischen "Obstgarten". Als wir den Provinzweg Richtung Ingen eingeschlagen
hatten, reihte sich eine Obstplantage an die andere. Die Ernte was schon fast
vorbei, nur ein paar späte Apfelsorten hingen noch leuchtend rot an den Bäumen.
Hier und da wurde gepflückt. Ich entdeckte zum ersten Mal, daß Obstbäume im
Herbst sehr gut mit den herbstlich gefärbten Bäumen der Wälder konkurrieren
können. Die Apfel- und Birnbäume werden goldgelb, wie die Birken und Buchen,
die Kirschen dagegen bekommen leuchtend rotes Laub, noch strahlender als das der
Eichen.
Der Weg machte eine Kurve und mein
Mann sagte: "Da steht das Haus!"
"Wo steht es? Ich sehe keins." sagte
ich, "Oder steht es hinter dem Bauernhof da?"
„Der Bauernhof ist das Haus." lachte
mein Mann, "Ich hoffe, er wird reichen für deine Katzen."
Nicht lange danach hielten wir vor
einem Bauernhaus, das für jemanden, der aus der Stadt kommt, ungeheuer groß
erschien. Erst später erfuhr ich, daß es für einen Bauernhof etwa mittelmäßig
groß war. Es bestand aus zwei Gebäuden und es war ein, für meine Begriffe
"Riesengarten" darum herum. Auch der stellte sich später als ein, für
landwirtschaftliche Begriffe bescheidener, Hektar Landboden heraus, aber es war
immerhin ein Hektar Freiheit. Am Haus stand in gusseisernen Zahlen das Baujahr:
1837. Das Haus war unbewohnt, die Tür verschlossen. "Jetzt müssen wir erst
einmal zur Dorfschenke, um den Schlüssel zu holen, der dort bewahrt wird." sagte
mein Mann. Diese Dorfswirtschaft, "de kroeg" (Der Krug), war gleichzeitig das
einzige Hotel im Dorf. Van Esterik hieß der Eigentümer, der sich später als eine
Informationsquelle auf allen Gebieten des Dorfslebens erwies. Wir bekamen den
Schlüssel und gingen zurück zum alten Haus. Die Tür war farblos und ging
quietschend auf.
Unsere ersten Schritte in diesem Haus
gingen über Fliesen, die sicher genauso alt waren, wie das Haus selbst,
wundervolle, fein gemusterte Fliesen. Rechts eine paar Stufen zu einer "Opkamer",
einem höher gelegenen Zimmer. Links ein groβes Zimmer mit wundervollen alten
Eichenbalken an der Decke, einer Seitenwand aus handbearbeitetem Holz
und.....ein Holzfußboden, auf dem ein toter Vogel lag. Die Spinnen krochen an
den Wänden entlang, das ganze Haus war kalt und roch ein wenig muffig. Am
anderen Ende des Zimmers war wieder ein Treppchen, diesmal mit zwei Stufen, das
zu einem weiteren Zimmer führte. Dort war ein von Handbearbeitetem Holzrahmen
umsäumter Kamin und rechts wieder eine ebenfalls Handbearbeitete, prächtige
Holzwand mit drei Türen. Hinter den zwei großen, doppelten Türen rechts und
links, befanden sich Bettnischen, wie ich sie bisher nur im Freiluftmuseum
gesehen hatte. In alten Tagen schliefen die Menschen in einer Art von
Wandschränken, in die die Betten eingebaut waren. In der Mitte war eine
normale, groβe Tür, die zum Stall führte.
Es hatte alles etwas geisterhaftes.
Wir hatten beide noch nichts gesagt, waren nur durch die Räume gelaufen. Jetzt
sagte ich spontan zu meinem Mann: "Bobby, was fangen wir in Himmels Namen mit
diesem Haus an? Es sieht vollkommen verwahrlost aus, aber es hat eine Seele!"
"Wir müssen es natürlich umbauen",
sagte mein Mann, "Aber sieh erst einmal weiter."
Wir gingen über den Hausflur in die
große Küche. Es stand nichts darin, aber daß es eine Küche war, sah man am
Kamin. Wasser gab es nicht in dieser Küche. Das gab es in der Spülküche, gleich
nebenan. Von dort ging es zur Diele, die etwa 18 x 12 Meter groß war. Rechts und
links sah man noch die Balken, hinter denen die Kühe gestanden hatten, in der
Mitte eine riesige Tenne.
Durch eine Tür in der Spülküche kam
man nach draußen und von dort zu einem Nebengebäude. Dort hatten an der einen
Seite die Pferde, an der anderen die Schafe gestanden. Dort gab es auch die
"Milchkammer" mit noch einem zweiten Wasserleitungsanschluss. Da wurden
sicher früher die Milchkannen gereinigt.
Wir gingen draußen um das Haus herum,
an der einen Seite war ein "Bongerd", ein Baumgarten mit 48 Pflaumenbäumen,
sonst alles Wiese. An der gegenüberliegenden Seite des Provinzweges sah man auf
eine große Kirschenplantage. Ein sechseckiger Heuschober mit Strohdach sah aus
wie aus einem der Bilder von van Gogh herausgeschnitten. Wir waren gradewegs in
das vorige Jahrhundert versetzt.
Auf der Rückfahrt nach Arnheim
erzählte mir mein Mann die Geschichte des Hauses, wie er sie am Tage zuvor
gehört hatte. Es war Besitz der Familie van der B., die viel Grundbesitz in der
Umgebung dort hatte. Dieser Hof hatte schon viel mitgemacht. Im Krieg war er
beschädigt gewesen, die Reparaturstelle war noch zu sehen. Eine Wassernot hatte
das Haus überstanden und viele Generationen hatten dort gewohnt. Allerdings
hatte viel mehr Land dazu gehört, die Ländereien an der anderen Seite der
Provinzstraße gehörten ursprünglich dazu. Als die Verkehrsstraße angelegt
worden war, die mitten durch das Grundstück führte, hatte der Eigentümer sich
gegen die Zerstückelung seines Besitzes gewehrt, aber ohne Erfolg. Ein
Grundstück, durch das ein viel befahrener Autoweg führt, verliert für einen
Bauern seinen Wert. Das Vieh kann nicht vom Stall aus auf die Weide, das Obst
kann nur mit Mühe quer über die Straße zum Hof transportiert werden.
Also wurde die Kirschenplantage von
einem anderen Hof aus bewirtschaftet und das Haus blieb unbewohnt und das
Objekt eines jahrelangen Gerichtsverfahrens. Der Eigentümer wollte
Schadenersatz für die Wertverminderung seines Besitzes haben. Ein Bauernhaus
mit nur einem Hektar Land darum herum, Land das obendrein noch eine bizarre Form
hatte, denn es lief zwischen dem Provinzweg und der alten Dorfstrasse spitz zu,
wie ein zu groß geratenes Stück Torte, das hat für einen Landwirt nur wenig
Wert. Durch den Leerstand und die Vernachlässigung wurde das deutlich gemacht.
Die Provinz blieb stur und wollte nicht bezahlen, was der Bauer verlangte. Das
Problem war, daß wenn das Haus jetzt verkauft werden würde, das Argument der
Wertverminderung wegfallen würde. Für den Besitzer war das Haus eigentlich zu
nichts mehr nütze, aber andererseits wollte er sein Recht bekommen. Sein Recht
war eine Entschädigung für seine Verluste. Eigentlich wollte er darum gar nicht
verkaufen, auch wenn der Käufer den Preis bezahlen würde, den die Provinz sich
weigerte zu bezahlen.
Der Gemeinde dagegen war das leere
Haus am Rande des Dorfes ein Dorn im Auge. Die würde unserem Kauf nichts in den
Weg legen. Und daß wir das alte Haus kaufen würden, hatten wir schnell
beschlossen. Für einen Landwirt mag ein Hektar Land eine Lappalie sein, für uns
war er ein Stück Freiheit.
Fast zwei Monate lang hat mein Mann
mit dem Eigentümer immer wieder verhandelt, dann war Herr v.d.B. bereit, das
alte Haus an uns zu verkaufen. Vor Ende des Jahres waren wir die neuen
Eigentümer des "alten Hauses". Das Haus hatte sogar einen Namen, es hieß "De
Brei". "Breien" ist holländisch für Stricken. Die Dorfstraße, an der Vorderseite
des Hauses hieß auch "De Brei" und die Verlängerung der Straße hieß "Weverstraat",
d.h. Weberstrasse. Früher hatte man im Dorf Schafe gezüchtet und die Wolle
verkauft oder verarbeitet. Noch jetzt gibt es in der Umgebung Wolle- und
Textilindustrie.
Der Umbau konnte fast ausschließlich
von den noch altmodisch soliden und vorzüglichen Fachleuten im Dorf oder im
Nachbarort versorgt werden. Es mußte so ungefähr alles neu angelegt werden,
Elektrizität, Heizung, Wasserleitung, auch ein Badezimmer und eine Toilette
mußte kommen, wenn wir uns nicht mit dem kleinen Häuschen mit dem Herzen, das
draußen stand, begnügen wollten.
Die große Diele sollte zum Katzenhaus
umgebaut werden. Da eine Fußbodenheizung eingebaut werden sollte, mußte der
Boden erst einmal abgegraben und dann, nachdem die Fußbodenheizung angebracht
war, zementiert werden. Denn unsere Kätzchen sollten schön warme Füße haben.
Auf angemessener Höhe wurde eine Decke von Wärme isolierendem Material
angebracht. In die Seitenwand kamen kleine Luken mit Schiebetüren, durch die die
Katzen nach draußen konnten, denn an diese Seite sollte ein 10 x 12 Meter großes
Freigehege angebaut werden. Platz genug war vorhanden.
Die Kater, deren Unterbringung immer
am problematischsten ist, der Territoriumsmarkierungen wegen, die sie
naturbedingt immer anbringen müssen, bekamen eigene Räume im früheren
Pferdestall, ebenfalls mit Fußbodenheizung. Jeder Kater sollte seinen eigenen
Auslauf haben.
Um das alles zu bestellen und zu
organisieren, waren wir fast jeden Wochentag unterwegs. Die Katzen sahen uns
jetzt viel weniger, aber, so dachten wir, schließlich taten wir das alles ja für
sie und wenn wir erst einmal in Ingen installiert wären, dann hätten wir wieder
viel Zeit für sie.
Endlich war alles bestellt, das
Material ausführlich besprochen, die Farben, die Tapeten, die Fliesen für unser
Badezimmer ausgesucht. Wir hatten sogar im letzten Augenblick verhindern
können, daß der eifrige Zimmermann eine "schöne, moderne, weiße Zimmerdecke"
fabrizierte, die die herrlichen, alten Eichenbalken verdeckte. ("Die sind doch
ganz altmodisch, Mevrouw!") Nach den Weihnachtstagen würden wir aufatmen können
und abwarten, bis alles fertig sein würde, denn gleich im neuen Jahr würden die
Arbeiten beginnen, so hatte man uns versichert.
In der zweiten Woche im neuen Jahr
fuhr ich einmal hinaus, um zu sehen, wie weit man schon wäre. Im Haus war
niemand zu sehen. Hier und da war ein Anfang gemacht mit der Arbeit und im Stall
war jemand mit einer großen Maschine dabei den Fußboden, auf dem die Heizung
angelegt werden sollte, zu ebnen, aber weiter sah man nur am Zustand der Kiste
mit Bierflaschen, die wir auf Rat des allwissenden Dorfsgastwirts hingestellt
hatten, daß schon wirklich jemand dort tätig gewesen war. Ich ging zum
Zimmermann.....-- Wieso noch weiter nichts getan sei ?--
-- Ja, da waren noch ein paar Dinge
ungeklärt. Er müsste doch erst wissen, wie wir uns dies und das vorgestellt
hatten ?--
Ich fuhr zum Installateur.....-- Wieso
noch nichts am zukünftigen Badezimmer getan sei?--
...-- Also, da konnte ER erst etwas
tun, wenn der Maurer fertig sei mit den Wänden und den Fliesen. --
Ich ging zum Maurer: ...-- Warum er
noch nicht an der Arbeit wäre ?--
...-- Oh, an der Arbeit wäre er
schon. Nur erst noch an einem Neubau, der erst fertig gestellt werden
müsste. --
Ich fuhr nach Hause......"So geht das
nicht.", sagte ich zu meinem Mann. Es muss täglich einer von uns hinfahren. Aber
mein Mann hatte, ganz nebenbei, auch noch seine Arbeit. Er hatte sowieso schon
an den ganzen Feiertagen den Rückstand einzuholen versucht, den die
Verhandlungen und die vielen anderen Besuche in Ingen ihm eingebracht hatten.
Also mußte ich es sein, die herüber fuhr, fast täglich.
Im Frühjahr lernte ich die Betuwe in
ihrer ganzen Schönheit kennen. Der Weg nach Ingen führte mitten durch die
blühenden Obstgärten. Erst die durchsichtig weißen Kirschblüten, zart und
märchenhaft. Da kann man verstehen, daß die Japaner ein Fest von der
Kirschenblüte machen. Dann die etwas robusteren Pflaumenblüten, weiß mit einem
Hauch von rosa, und anschließend die rosafarbenen Apfelbäume, die so lange und
ergiebig blühen. Die ganze Gegend war davon erfüllt. Wir hatten ein Paradies
gefunden und würden für den Rest unseres Lebens darin wohnen dürfen. -- Wie war
das doch noch mit dem Paradies?.....
Wenn ich wieder nach Hause kam, sahen
mich die Katzen vorwurfsvoll an..... "Unser Frauchen liebt uns nicht mehr, es
ist immer weg." -Aber das würde anders werden, wenn wir erst einmal in Ingen
wohnten! Ohne die kleine Saskia, die jetzt immer mehr zur Bezugsperson für die
Katzen wurde, und die in diesen Tagen über sich hinauswuchs, wäre das alles
gar nicht möglich gewesen.
Der Bauernhof war nicht gerade einsam
gelegen, man konnte die nächsten Bauernhöhe sehr gut sehen. Aber keiner davon
lag auf Gehörabstand. Das genügte, um uns zu überzeugen, daß wir nun zum ersten
Mal einen Hund haben müssten. Ich erkundigte mich bei einem mir bekannten
Hundekenner nach den verschiedenen Hunderassen. Das Ergebnis war, daß ich mich
überzeugen ließ, daß zu unserem Haushalt nichts besser passen würde, als eine
Deutsche Dogge.
Wir bekamen auch gleich die Adresse
eines Züchters und fuhren dorthin, um uns zu orientieren. Ich muss sagen, daß mir
erst ziemlich blümerant zumute war, als wir zwischen Zwingern hindurch gingen,
hinter denen, wie es schien, riesige Hunde gegen die Gitter hochstanden und mit
gewaltigen Stimmen eine Bell-Symphonie anstimmten.
Der Züchter führte uns dann zu einem
Muttertier, das ganz kleine Junge hatte, sechs löwenfarbige, fast
abessinierfarbige, kleine Welpen lagen an ihren Zitzen. Der Hundezüchter gab
mir eins von den Kleinen auf den Arm. Es fühlte sich warm und hilflos an, es
zitterte ein wenig. Dann hob es das Köpfchen und sah mich aus braunen Babyaugen
an und ich, die Katzennärrin, verlor mein Herz an einen Hund. Der Hundezüchter
kannte seine Pappenheimer: "In sechs Wochen können sie ihn abholen, wenn sie ihn
haben wollen.", sagte er schlicht. Und ob ich wollte....
In sechs Wochen würde doch wohl
endlich alles fertig sein, dachten wir. Man soll ja immer positiv denken. Es war
natürlich viel zu positiv gedacht. Im Juni war noch immer nicht alles in
Ordnung und als die Ferien auf der Universität begannen, kamen Tochter und
Schwiegersohn zu Hilfe. Während ich mich in Arnheim der Packerei und den anderen
Vorbereitungen widmen konnte, siedelten sie sich provisorisch in Ingen an,
machten dort so eine Art Camping davon und sorgten, daß die Arbeit voran ging.
Selbst fassten sie auch mit an. Gerard, der Schwiegersohn, half beim Zimmern der
Freigehege, Marion nahm den Pinsel in die Hand und strich die Balken, die den
Maschendraht tragen mussten, schön grün an, und schließlich kam auch noch Sohn
Freerk aus Groningen und half beim Zimmern und Malen.
Den Hund holten Marion und Gerard
dann auch noch für uns ab. Mir fehlte einfach die Zeit dafür. Er würde erst
einmal in Arnheim bleiben müssen, weil sie unmöglich in Ingen auch noch auf so
ein junges Tier aufpassen konnten. Denn, Freiheit oder nicht, die
Provinzstrasse mit allem Verkehr war gefährlich. Wie sehr, das sollten wir
später noch schmerzlich erfahren.
Unser Wohngenuss in Arnheim hielt sich
immer mehr in Grenzen. Alle gepolsterten Sitzmöbel waren beim Möbelmacher. Sie
bekamen neue Polster und wurden frisch überzogen.
Für den Juli war dann der endgültige
Umzug geplant, auch wenn nicht alles ganz fertig wäre. Marion und Gerard würden
schließlich auch einmal zurück müssen und sie wollten doch noch beim Umzug
helfen. Sie hatten ihren Hund mitgebracht. Ihre Katzen und die Ziegen wurden von
Freunden versorgt.
Die Frage war: würden wir erst die
Katzen herüberbringen und dann die Möbel oder umgekehrt? Wir entschieden uns
dafür, daß wir in jedem Fall so bald wie möglich mit den Katzen beginnen würden
und dann würden wir schon sehen, wie schnell das zu schaffen war. Ich würde sie
in Gruppen von vier oder fünf herüberbringen. Es waren, alles zusammen, ein paar
Jungtiere, die von Ingen aus zu ihren neuen Besitzer wechseln würden,
mitgerechnet, jetzt fast fünfzig Tiere.
Ich entschloss mich, erst einmal einen
Teil der Haus- und Rassekatzen herüber zu bringen, damit die Wildkatzen etwas
Vertrautes vorfinden würden. Dann käme ihnen die neue Umgebung vielleicht etwas
weniger unheimlich vor. Die Kater würden als letzte übersiedeln müssen. Ihre
Räume waren die Stiefkinder der Handwerker gewesen, sie waren noch immer nicht
fertig.
Nun, die ersten Katzen eroberten den
neuen, groβen Raum zwar mit Misstrauen, aber doch ohne Panik. Sie beschnüffelten
alles und probierten die zahlreichen Liegeplanken aus, die überall an den Wänden
angebracht waren. Es schien gut zu gehen. Nur durch die Luken, die nach drauβen
führten, trauten sie sich noch nicht. Auch daran würden sie sich gewöhnen.
Mit der nächsten Gruppe ging alles
schon viel einfacher. Die sahen die anderen Katzen und taten, als ob sie sie
noch nie gesehen hatten. "Erst mal sehen, wer das ist? Ach ja, die kommt mir
doch bekannt vor. Da braucht man sich höchstens ein wenig um den besten Platz zu
streiten." Der beste Platz ist, bei Katzen, wie bei Menschen, immer der, auf
dem der andere sitzt.
Die meisten unserer Wildkatzen konnte
man nicht einfach in den Nacken greifen und in ein Körbchen stecken. Also
standen überall Trageboxen und -körbchen mit weichen Decken darin, einfach so
herum in der Hoffnung, daß die Oncillas sie als Schlafgelegenheit gebrauchen
würden. Dann würden wir schnell die Türchen schließen können.
Die erste, die in einem der Körbchen
"gefangen" wurde, war Candy. Ich nahm sie darin mit nach Ingen und öffnete das
Körbchen auf der Diele. Es war ungeheuer spannend, niemand konnte mir
voraussagen, wie eine, wenn auch zahme Oncilla auf eine plötzliche räumliche
Veränderung reagieren würde. Die anderen Katzen kamen angelaufen, um zu sehen,
wer diesmal gebracht wurde, aber Candy beachtete sie nicht. Sie lief geradewegs
auf eine Wand zu, schnüffelte, lief dann systematisch rund herum, an den Wänden
entlang, versuchte, ob man ohne Gefahr quer durch den Raum laufen könnte, bei
alledem stieß sie ihren typischen Frageschrei aus:“ ürrr, -was ist dies? - muss
ich hier bleiben? - Ist es hier gefährlich?"
Zuletzt sprang sie auf eine der
Liegeplanken und sah sich alles noch einmal von oben an.
Erst ein paar Tage später gelang es
mir, Marius und Sulla mit etwas Fleisch in eins der Körbchen zu locken. Schnell
packte ich auch noch ein paar von den "bequemen" Katzen in ein paar
bereitstehende Transportkörbchen, warf noch ein paar von den Dingen, die zum
Mitnehmen bereit standen, ins Auto und fuhr gleich nach Ingen.
Als ich das Körbchen mit Marius und
Sulla auf die Diele setzte, brauchte ich Candy nicht erst zu rufen. Sie stand
sofort vor dem Körbchen, noch ehe ich es öffnen konnte. Als es dann offen war,
rief sie ihre Kinder, wie sie sie in den Wochen der Erziehung gerufen hatte:
"Kommt hier, ich zeige Euch etwas." Und dann lief sie mit den Kindern hinter
sich her, dieselbe Route, die sie am ersten Tage gelaufen hatte. Alles mussten
sie erst ein paar Mal gesehen haben, dann legten sie sich zu dritt auf eine der
Liegeplanken. Genauso ging es bei jedem der Oncillakinder, die ich im Laufe der
Zeit brachte, und sogar bei Milagro. Buena allerdings orientierte sich
selbstständig und suchte sich die höchste Liegeplanke aus.
Es sah alles gut aus. Gleichzeitig
mit den Katzen hatte ich schon so allerhand Gegenstände mitgebracht, die man für
die Versorgung von Mensch und Tier nötig hatte. Vieles wurde auch weggeworfen.
Wir hatten ein paar dieser großen , damals noch eisernen Abfallcontainer extra
bekommen. Die wurden schon ganz schön schwer. Zwei Tage bevor der Möbelwagen
kommen sollte und auch noch die letzten Katzen in Arnheim waren, wollte ich
einen dieser Container auf einen anderen Platz setzen und bekam ihn auf meinen
Fuß. Die groβe Zehe schwoll sofort und sehr schmerzlich an und mir blieb nichts
anderes übrig, als zum Arzt zu gehen. Der sah sich die Zehe an und sagte: "Die
Zehe ist mit Sicherheit gebrochen. Ich gebe Ihnen einen Brief mit für das
Krankenhaus. Dort muss erst einmal ein Röntgenfoto gemacht werden."
"Ich bin mitten im Umzug, Herr
Doktor!"
"Ich weiß, aber es muss sein."
-Es mußte so vieles sein.....
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