Das Obenstehende holländische
Sprichwort besagt es deutlich: Esel sind nicht so dumm, wie wir Menschen immer
gern behaupten. Allerdings sind sie meist außerordentlich gutmütig, was nicht
nur beim Esel oft mit Dummheit verwechselt wird. Störrisch sind sie allerdings,
das heißt, sie zeigen Charakter, auch in hoffnungslosen Fällen. Dazu gehört eine
gute Portion Mut. Aber der Esel wird immer vor dem Menschen verlieren, das sieht
man oft genug in den Sendungen und Berichten über den Esel als Lasttier, das
mit viel zu schweren Lasten arbeiten muss, bis es zusammenbricht und dann seinem
Schicksal überlassen wird. Keine Altersrente für überarbeitete Esel.
Wenn man vom Esel sagt, daß er nicht
zweimal an demselben Stein stößt, also nicht zweimal denselben Fehler macht,
dann geht daraus hervor, daß er wenigstens weniger dumm ist, als wir Menschen.
Wie oft stoßen wir uns nicht an demselben Stolperstein!
Ich selbst bin dafür ein gutes
Vorbild. Immer wieder bin ich über dieselben Steine gestolpert. So hatte ich
z.B. bei allen wichtigen Ereignissen, meinem Versprechen gemäß, der Presse alle
Auskünfte erteilt, nach denen ich gefragt wurde, auch die nicht relevanten, und
das hatte ab und zu etwas frappierende Resultate. Aber das war nicht das
Schlimmste, eher hatte meine eigene Mitteilsamkeit, die kleinen Berichte, die
ich für die Katzenmagazine schrieb, viele Neider gebracht und zwar gerade unter
den Leuten, von denen ich erwartet hatte, daß sie sich mit mir freuen würden. Im
Nachhinein war das eigentlich auch ganz logisch: Die Leser der
Vereinszeitschriften hatten selbst Katzen und es ist eine bekannte Tatsache, daß
jeder seine eigene Katze (oder seinen Hund, sein Pferd, seine Taube) das
schönste Tier von allen findet. So muss es auch sein, das hängt mit dem Kontakt
zu dem Tier zusammen, das einem anvertraut ist.
Immerhin, ein wenig hatte ich im Jahr
1966 aus den Ereignissen doch gelernt. Als nämlich im November 1966 Candy noch
einmal Nachkommen erwartete, erzählte ich es niemand. Nur die Familie, mein
Tierarzt und meine alte Freundin Hermien wurden unterrichtet. Als also am 7.
November die beiden Oncillakitten geboren wurden, die wir später Marius und
Sulla nannten, herrschte eine weitaus entspanntere Stimmung bei uns, als vor und
nach der Geburt von Victor und Victoria. Und siehe da, auch auf Candy schien
sich unsere ruhige Stimmung zu übertragen. Sie war keineswegs nervös und
mißtrauisch mehr, schleppte ihre Kitten nicht herum, warnte sie nur noch ein
ganz klein bisschen vor uns und stritt sich nicht einmal mit den anderen Katzen,
wenn die zufällig mal ins Babyzimmer kamen.
Milagro hielt ich trotzdem in den
ersten Wochen von ihr fern. Er hatte genug Gesellschaft an seinen älteren
Kindern und den anderen Katzen. Das Wichtigste aber war, daß ich gelernt hatte,
daß ich in der Zeit, in der die Jungtiere aufwuchsen, zu Hause bleiben mußte,
und daß ich mich täglich mit den Kleinen beschäftigen mußte. So wurden Marius
und Sulla zwei junge Oncillakinder, die zwar genau so schön waren, wie Victor
und Victoria, aber trotz aller Ähnlichkeit waren sie doch sehr verschieden von
ihrem großen Bruder und der Schwester. Sie gingen viel vertraulicher mit uns und
den anderen Katzen um.
Das Vertrauen der Tiere in ihre
Umwelt kann nur in einer Umgebung aufgebaut werden, die ruhig ist oder
wenigstens keine "artfremden" Geräusche erzeugt. In Tierfilmen kann man ab und
zu, allerdings immer seltener, die Bemerkung hören: "Hier haben die Tiere noch
Vertrauen zu den Menschen. Das kommt, weil hier nicht gejagt wird und keine
Touristen zugelassen sind." Ich bin dankbar, daß ich damals für unsere Tiere
eine Atmosphäre von Vertrauen habe schöpfen können. Ich glaube und behaupte,
daß unsere Tiere, trotz der räumlichen Grenzen, die Haus und Garten ihnen
auflegten, sich nie als Gefangene gefühlt haben. Innerhalb der vier Wände in
unserem Haus herrschte ein ungeschriebenes Gesetz gegenseitiger Toleranz.
Die Zeit, in der Marius und Sulla
aufwuchsen, habe ich als eine Periode von Ruhe und Freude in Erinnerung. Diese
beiden waren ihrer Mutter wie aus dem Fell geschnitten. Das kleingefleckte
Fell mit goldgelbem Untergrund und auch den feingliedrigen Typ hatten sie von
Candy. Und beide schienen ihren feinfühligen Charakter geerbt zu haben.
Sorgen hatten wir erst wieder, als
wir eines Tages entdeckten, daß Milagro Victoria deckte. Es war zu spät, um
dazwischen zu kommen, aber Freude kam nicht auf. Victoria war noch immer so
scheu wie eh und je und es ist eine feststehende Tatsache, daß Unsicherheit und
Misstrauen der Umgebung gegenüber eine schlechte Basis für mütterliche Gefühle
sind, besonders bei Wildtieren. Das eben ist der Hauptgrund, warum es in
Tiergärten so selten Nachwuchs von den kleinen Wildkatzenarten gibt.
Wir würden mit einer ähnlichen
Situation rechnen müssen, wie bei Victorias erstem Wurf, aber diesmal würde es
keine Miranda geben, die auch gerade Jungtiere haben würde und Stiefmutterpflichten übernehmen könnte. Mit Argusaugen beobachteten wir, seit Victoria
gedeckt war, unsere Abessinier, ob nicht eine davon rollig würde. Endlich, nach
etwa zwei oder drei Wochen, war es die noch junge, aber immerhin gerade ein Jahr
alte Nicolina, die sich meldete und natürlich sofort zum Kater Emir gebracht
wurde. Zum Glück wurde sie gleich schwanger.
Als Victoria ihr Baby bekam, geschah
was wir schon erwartet hatten. Sie deponierte es in ein Körbchen und ging ihrer
Wege. Wir waren schon froh, daß sie es ungeschoren ließ. Nicolinas Kitten waren
noch nicht geboren und so mußte ich den kleinen Kater erst einmal selbst mit
Kunstmilch am Leben erhalten. Alle zwei Stunden, Tag und Nacht eine Portion,
dann das Bäuchlein mit einem nassen Wattebäuschchen massieren, damit er auch
Verdauung hatte. -Wie war das noch mit der Prägung? - Wurde er auf mich geprägt
oder ich auf ihn? Wir haben uns Zeit seines, leider nur kurzen Lebens, sehr
geliebt.
Jetzt allerdings war alles, was ich
mit meiner Kunstnahrung erreichen konnte, daß er am Leben blieb. Sein Gewicht
nahm kaum zu und wir waren riesig erleichtert, als endlich Nicolina ihre drei
Babys bekam. Wir hatten mit viel List und Tücke ihr täglich ein
Vitamin-Kalzium-Präparat unter das Fleisch gemischt. Das war gegen Kalkmangel
vorbeugend aber, wie so manche gute Medizin, nicht schmackhaft. Darum war es
notwendig, sie mit kleinen Mengen an den Geschmack zu gewöhnen. Jetzt nahm sie
es ohne weiteres an und so hatten wir auch keine Probleme, als sie den kleinen
Oncillakater als Stiefkind dazu bekam. Wir nannten ihn Rex.
Rex war äußerlich "ganz der Vater".
Allerdings im Wesen war er das genaue Gegenteil. Milagro demonstrierte
unabhängige Selbstständigkeit, Rex dagegen war zärtlich und anhänglich,
spielerisch und voll Vertrauen zu Menschen und Katzen. Er blieb sein Leben lang
Nicolinas auserkorener Liebling. Seine Stiefgeschwister liebte er heiß und innig
und er spielte, als ob er sich seiner größeren Kraft voll bewußt wäre, und hielt
seine scharfen Krallen und Zähne unter Kontrolle. Unser Haus war seine Welt,
unser Garten sein Garten und wir alle, ohne Ausnahme, waren seine Familie.
Wir hatten jetzt acht Oncillas und
die Kapazität unseres Haushalts war damit reichlich ausgelastet. Dazu kam, daß
ich es immer noch nicht lassen konnte, ab und zu ein Nestchen von den
Rassekatzen haben zu wollen, ein Fehler, ein Stolperstein sozusagen, den ich
viel zu spät bereut habe, als wir schon mehr Katzen hatten, als gut für uns war.
Aus jedem Nestchen blieb eben mindestens eins bei uns, weil ich mich nicht davon
trennen konnte. Eine Ausrede dafür fand ich immer. Über diesen Stolperstein
bin ich immer und immer wieder gestolpert. Ein Esel hätte man sein müssen, dem
wäre das nicht passiert. Ich war, wie schon gesagt, zum Züchter nicht geeignet.
Schweren Herzens entschlossen wir
uns, Milagro kastrieren zu lassen, und auch Marius wurde, als er etwas älter als
ein Jahr war, kastriert. Dasselbe Los wurde dann auch später unserem kleinen
Rex zuteil. In all' den Jahren hatten wir niemand gefunden, der eine Oncilla
unter Bedingungen halten würde, wie wir sie für erforderlich hielten. Übelnehmen
konnte man das niemandem, denn wir wussten, wie viel Opfer man für die
einigermaßen freie Haltung der Wildkatzen bringen mußte. Mindestens einmal im
Jahr mussten unsere Möbel neu überzogen werden, ein großer Teil des Hauses war
den Tieren zur Verfügung gestellt und für andere Dinge blieb wenig Raum.
Trotzdem gehören diese "Opfer" zu dem
Teil meines Lebens, den ich wieder so machen würde, wenn ich noch einmal von
vorn anfangen könnte. Manches, nein, vieles andere, dem "normalen" Beschauer
weitaus Selbstverständlichere, würde ich dagegen gern ungeschehen wissen. Nichts
in meinem Leben hat sich so gelohnt, wie die Erfahrungen, die mir die
so genannten "Wilden" übermittelt haben. Die Erfahrungen dagegen mit der
so genannten zivilisierten Menschheit, mit den "Zahmen" also, sind nicht so ganz
ungetrübt.
Obwohl wir die Tierschutzinvasion an
meinem Geburtstag als ein amüsantes Intermezzo betrachteten, so war sie uns doch
ein Menetekel, das uns zeigte, wie verletzlich man ist, wenn man in unserer fest
geregelten Gesellschaft aus der Reihe tanzt, sicher wenn es um den Besitz von
lebenden Tieren geht. Man ist nicht nur "anders" als die meisten, man hat in
ihnen auch eine verletzliche Achillesferse.
Es kam noch etwas dazu, das ich noch
nicht erzählt habe, ein noch nicht aufgedeckter Stolperstein sozusagen. Ich
werde also jetzt beichten müssen. Dafür muss ich zum Frühjahr 1963 zurückgehen.
Cleonie hatte ihren ersten Wurf gehabt. Anuschka und ihr Bruder Nono waren bei
uns geblieben. Nono war ein zärtliches, anhängliches Katerchen, jetzt grade 6
Monate alt, und sollte gerade kastriert werden, als ich einen Brief von einer
Dame aus Schweden bekam, die nach einem Abessinierkater fragte. Ich schrieb
zurück, daß ich gerade keine Jungtiere hätte, nur einen jungen Kater, den ich
aber selbst behalten wolle. Die schwedische Dame versicherte mir in allen
Tonarten, daß sie den Kater so gern haben wolle und daß er ein liebevolles
Heim bei ihr finden würde. Allerdings durfte er damals nicht direkt nach
Schweden eingeflogen werden, weil dort Quarantäne bestand. Aber eine dänische
Bekannte der schwedischen Dame würde Nono für 6 Monate liebevoll versorgen
und danach würde er ohne Probleme nach Schweden weiter fliegen dürfen. Die Dame
in Dänemark hätte einen Siamesenzwinger und auch eine Tierpension, die
gleichzeitig Quarantänestation sei. Anders als in einer staatlichen
Quarantänestation seien die Tiere dort in persönlicher Obhut der Dänin. Es klang
alles sehr verlässlich. Also ließ ich mich überreden und versprach, Nono an die
Adresse in Dänemark zu schicken.
Leider viel zu spät und nach vielen
Stolpersteinen habe ich gelernt, daβ man eben nichts tun sollte, nur weil andere
das so gern wollen und weil man sich mit dem "nein-sagen" schwer tut.
Diesmal mußte ich nicht nach
Schiphol, um eine Katze zu holen, sondern um eine fort zu bringen. Nono saß
ruhig in seinem Körbchen, er vertraute mir noch vollkommen. Als ich ihn dort
allein zurücklassen mußte, überfiel mich das ganze Elend des Abschieds. Ich fuhr
weinend nach Hause. Trotzdem dachte ich noch immer, daß ich das Richtige getan
hatte. Wir hier hatten schon viel zu viele Katzen und dort war jemand, der Nono
so gern haben wollte. Sie können nämlich völlig harmlos aussehen, die
Stolpersteine, an denen man sich stößt. Schnell bekam ich den Bericht, daß Nono
gut in Dänemark angekommen sei, daß man ihn schön fände und ihn gleich einmal
ausstellen wolle. Zu dem und dem Datum wäre nämlich eine Ausstellung in
Kopenhagen.
Ich entschloss mich von dieser
Gelegenheit Gebrauch zu machen, um Nono noch einmal zu sehen. Ich nahm den
Nachtzug nach Kopenhagen, der gegen acht Uhr am Abend aus Arnheim abfuhr, und
war am nächsten Morgen in Kopenhagen. Dort nahm ich ein Taxi zur Ausstellung
und fand mit Hilfe eines Katalogs schnell den Käfig, in dem Nono saß. Ich ging
zu ihm und sprach ihn an: "Nono, kennst du mich noch?" Nono sah auf, schaute
mich mit traurigen Augen an und drehte mir den Rücken zu. So hat er den ganzen
Tag gesessen oder gelegen, bis ich am Abend wieder zum Zuge mußte. Ich weiß und
wußte damals schon, daß eine Katze ihre Verachtung und Abscheu auf diese Weise
zu erkennen gibt, indem sie jemandem den Rücken zudreht. Es war deutlich, daß
Nono mir nicht vergeben konnte, daß ich ihn im Stich gelassen hatte. Aber, und
das war viel schlimmer, ich wußte, daß er sehr unglücklich war. Bei uns zu Hause
war er ein so fröhliches Katerchen gewesen. Ich hatte das Gefühl, als ob ich
mein eigenes Kind verkauft hätte. Im Laufe des Tages kam auch die zeitliche
Gastfrau zum Käfig. Sie hatte gehört, daß ich aus Holland gekommen sei. Sie
begrüßte mich, d.h. sie sagte etwas, das sich wie Begrüßungsworte auf Dänisch
anhörte. Sie wollte mir Nono auf den Arm geben, aber es gelang ihr nicht, ihn
aus dem Käfig zu holen. Er wehrte sich und man sah, daß er sich vor ihr
fürchtete.
Ich deutete mit Gebärden an, daß sie
ihn im Käfig lassen sollte, und versuchte mit ihr zu reden. Erst Englisch, dann
Deutsch, dann mit dem bisschen Französisch, das mir grade noch gelingt, aber sie
sagte nur irgend etwas auf Dänisch und das verstand ich nun wieder nicht. So
blieb nur die Gebärdensprache zur Konversation übrig. Mir war deutlich, daß
alles, was ich noch für Nono tun konnte, war seine Gastfrau bei guter Laune zu
halten.
Auch das ist eine bekannte, wenn auch
traurige Tatsache, daß viele Leute ihre Sympathie oder Antipathie dem früheren
Eigentümer gegenüber -bewußt oder unbewußt- auf die Tiere übertragen. Also fing
ich erst einmal damit an, daß ich die dänische Dame zu "Smörrebröd" und Kaffee
einlud, und danach ging sie mit mir zu ihren Käfigen, in denen ihre Siamesen
saßen. Mit bewundernden Lauten und Gebärden deutete ich an, wie gut mir ihre
Tiere gefielen. Das war nicht schwer, denn die Siamesen, die sie mir zeigte,
waren wirklich wunderschön. Sie hatten eine Farbe, die ich noch nie gesehen
hatte: es waren lilac-point Siamesen. Die gab es in Holland zu der Zeit noch gar
nicht. Wir trennten uns als schweigende, aber (vielleicht gerade darum?) gute
Freunde, und ich konnte nur das Beste für Nono hoffen. Zurückbekommen würde ich
ihn nicht. Ich hatte ihn im wahrsten Sinne des Wortes "verraten und verkauft".
Etwa vier Monate nach meinem
betrüblichen Wiedersehen mit Nono in Kopenhagen kam ein Brief von der dänischen
Dame in englischer Sprache. Den hatte wohl irgend jemand für sie geschrieben.
In dem Brief stand, daß das siamesische Kätzchen, das ich auf der Ausstellung in
Kopenhagen bestellt hatte, jetzt groß genug sei, um verschickt zu werden und
dann und dann in Schiphol ankommen würde. Bezahlung bitte per Bankscheck. Sie
hatte meine gestikulierende Bewunderung dahingehend gedeutet, daß ich eins ihrer
Jungtiere kaufen wollte.
Ich sagte zu meinem Mann: "Das wird
wohl so vom Schicksal bestimmt sein....."und holte die kleine lilac-point
Siamesin vom Flughafen. Es gibt eben vielerlei Steine, über die man stolpern
kann. Diesmal war es ein Glücksstein. Die kleine Siamesin hieß Lilac Faidra. Sie
war zu Anfang sehr scheu aber später mit Hilfe von viel Liebe und Vitamin B sehr
anhänglich und lieb. Obendrein war sie eben die erste lilac-point Siamesin in
den Niederlanden.
Zu so einer seltsamen Katze gehört
dann doch ein passender Kater. Ein halbes Jahr später ergab sich die Gelegenheit
zum Erwerb eines lilac-point Katerchen. Es kam aus Finnland und hieß Polaris
Lila Liekki, was soviel heißt wie Lila Polarlicht. Liekki war bildschön und
lieb und wir hatten nun ein lilac-point Siamesen Pärchen, die ersten ihrer Art
in den Niederlanden.
Es war unsere erste Bekanntschaft mit
Siamesen als Hausgenossen. Der Kontrast der Hochgezüchteten Siamesen mit den so
dicht bei der Natur stehenden Wildkatzen war faszinierend. Die Bekanntschaft war
schnell gemacht. Beide Teile waren in Gruppen aufgezogen und "Mitbürger"
gewöhnt. Liekki machte seinem Namen alle Ehre. Er war genau so strahlend wie ein
Polarlicht.
Der Charakter der Siamesen ist gar
nicht so verschieden von dem der Abessinier, wie einerseits die
Siamesenbesitzer, andererseits die Abessinierfreunde gern behaupten. Beide
Rassen sind anhänglich, haben ein starkes Vertrauensverhältnis zum Eigentümer
und beide sind ganz schön lebhaft. Allerdings sind die Siamesen leichter zu
"erziehen", d.h. es liegt ihnen nicht so viel daran, um jeden Preis ihren Willen
durchzusetzen. Wenn man einer Abessinierkatze etwas verbietet, dann schaut sie
einen erstaunt an: "Du hast wohl nicht verstanden, was ich will?" Ein
Siamese wird, in den meisten Fällen, versuchen zu verstehen, was von ihm
verlangt wird, und sich danach richten. Generalisieren kann man das nicht. Ich
habe unter meinen Katzen außerordentlich schlaue Tiere und ganz liebe
Dummerchen gekannt. Auch mutige und ängstliche waren dabei. Alles ist
eigentlich genau wie bei den Menschen, nur gab es bei den Tieren keine bösen,
hinterhältigen und keine abartigen Exemplare.
Siamesen sind nicht gern allein, sie
haben einen Spielgefährten nötig und sie brauchen extra viel Wärme, weil sie
ein sehr feines Fell haben und auch die helle Fellfarbe keinen Kälteschutz
bietet. Zu der Zeit, von der ich erzähle, war der „Typ“, also die Form von Kopf
und Gliedmaßen, bei den Siamesen gar nicht so viel anders als der der
Abessinier. Die waren damals schlanker als heute und die Siamesen kräftiger.
Zurück zum Jahr 1978. Es stimmt,
unser Haus wurde zu klein. Irgendwann würden wir ernsthaft nach einem anderen
suchen müssen, vielleicht schon bald, denn unsere Nachbarn, nicht die Hühner
züchtenden, sondern die an der anderen Seite, kündigten an, daß sie umziehen
würden. Wer würde der neue Bewohner des Nachbarhauses werden? Würde es
Schwierigkeiten geben?
Wir machten Pläne. Wie würde das Haus
sein müssen, das uns und unseren ganzen Tierbestand aufnehmen könnte? Wo könnte
man ein Haus finden, das groß genug wäre, um den Katzen viel Freiraum zu geben?
Es durfte auch nicht zu weit von Arnheim entfernt sein. Schließlich hatte mein
Mann dort seine Praxis. Ach, eigentlich hatten wir uns auch so sehr in unser
Haus in Arnheim eingegraben, wie die Kaninchen in der Höhle. Wobei mir
auffällt, daß dieser Vergleich auch in Hinsicht des Katzenfamilienbestandes gar
nicht so schlecht geraten ist.
Unsere Tochter Marion hatte
inzwischen ihren Jugendfreund Gerard geheiratet. Gerard studierte, wie sie, in
Groningen und er war - das zählte hoch in unserer Beurteilung- ein großer
Tierfreund. Eine Wohnung war in der Universitätsstadt Groningen nicht zu
finden. Also wurde mein Mann aktiv und suchte und fand für die beiden einen
entzückenden, kleinen Bauernhof ganz in der Nähe von Groningen. Den bezog das
junge Paar und schon bald breitete sich ihr Haushalt bemerkenswert aus. Drei
Katzen waren schon immer auf dem Hof gewesen, eine vierte kam und blieb. Auch
der Hund Robbie hatte dem vorigen Eigentümer gehört. Er gewöhnte sich
erstaunlich schnell an seine neuen Besitzer und war ein lieber und treuer
Hausgenosse. Außerdem kamen dann noch schnell Liesbeth und Ramses, die beiden
Ziegen dazu. Sie waren zahm wie die Hündchen und ab und zu brachen sie aus dem
Stall aus, um im Wohnzimmer die Blumen auf ihre Essbarkeit zu untersuchen.
Es war eine Idylle da in Zuidwolde
bei Groningen, und wenn wir dort zu Besuch waren, sagte ich mehr als einmal zu
Marion: "Ich beneide euch richtig um ein Haus, das soviel Freiheit bietet. So
etwas müβten wir in der Nähe von Arnheim finden, aber das ist wohl unmöglich."
Eines Tages kam Marion wieder einmal
zu Besuch bei uns in Arnheim. Sie erzählte, daß ein befreundetes Ehepaar, das
ein Haus in der Nähe von Utrecht suchte, einen Bauernhof gesehen hatte, der etwa
dreißig Kilometer von Arnheim entfernt läge. "Für uns ist das zu weit von
Utrecht entfernt." hatten Marions Bekannte gesagt, "Aber für deine Eltern wäre
das einfach ideal. Das Haus hat eine große Diele und ein großes Nebengebäude,
das einmal als Pferdestall gedient hat. Ein Hektar Land gehört auch dazu."
So ganz im Ernst hatte wir an Umzug
doch gar nicht gedacht. Allerdings hatte das Schicksal in Gestalt der
Stadtplanung uns bereits eingeholt. Dort, wo früher das schöne Birkenwäldchen
stand, waren Häuser gebaut, eine ganze Straße war entstanden. Ich bedauerte das
sehr, trauerte "meinem" schönen Wäldchen nach.
Auch vor dem Haus hatte sich der
Verkehr gesteigert. Ich konnte längst keine Haustiere mehr frei auf der Straße
herumlaufen lassen, zu oft wurden dort Katzen, Hunde und manchmal sogar Igel
überfahren. Das alles machte Marions Vorschlag etwas weniger revolutionär.
Trotzdem: "Das Haus in Ingen
müsste
schon viele Vorteile haben, wenn ich mich mit allen meinen Katzen in einen Umzug
stürzen sollte." warf ich noch ein.
Marion ließ nicht locker: "Schaut es
euch doch mal an." sagte sie.
"O.K." sagten wir und vergaßen es
wieder..
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