Die Zeitschrift,
die der Verein publizierte, der das Züchten und Liebhaben von Katzen befördern
wollte und bei dem ich Mitglied war, fragte immer wieder um Beiträge für seine
Zeitschrift. Trotz vieler Arbeit und einem chronischen Mangel an genügend
Schlaf, setzte ich mich ab und zu an die Schreibmaschine und schrieb meine Katzenzüchtererfahrungen auf.
Die Geschichte von
Miranda und ihrer Stieftochter Cilla erschien mir interessant genug zu sein, um
einen kleinen Bericht darüber zu verfassen. Das Schlimme war, daß auch wieder
eine Abessinierkatze genannt werden mußte. Miranda war schließlich die Heldin
der Geschichte. Dazu kam, daß ich gerade einen Bericht an eine Zeitschrift in
England geschickt hatte, in dem ich feurig für den Erhalt des ursprünglichen
Abessiniertyps plädiert hatte. Damit hatte ich mir bei denen Feinde gemacht,
die grade Abessinierkatzen aus den USA importiert hatten, die den ursprünglichen
kaum noch ähnlich sahen. Und obendrein hatten nicht nur Assunta und Dalila auf
Ausstellungen höchste Auszeichnungen errungen, sondern waren auch ihre
Nachkommen genauso schön und erfolgreich. Der Gefahr, die Erfolg mit sich
bringt, war ich mir damals noch nicht bewusst. Das sollte sich aber schnell
ändern.
Es war am 15.
März. Das weiß ich so genau, weil ich am 15. März Geburtstag habe. Ich hatte,
wie immer, eine Geburtstagstorte gebacken und dick mit Schlagsahne garniert,
denn die Vokabel "Cholesterinspiegel" gehörte zu der Zeit noch nicht zu meinem
Wortschatz. Die Torte stand mitten auf dem Tisch und ich stand noch in der Nähe
und bewunderte mein Werk.
Die Türglocke
klingelte. - So früh schon? -Blumen?, - die Post?
Ich öffnete. Zwei
Herren in grauen Anzügen standen vor der Tür. "Wir sind vom Tierschutzverein. Es
liegt eine Anzeige gegen sie vor. Sie sollen wilde Tiere in viel zu kleinen
Käfigen halten oder jedenfalls nicht artgemäß. Dürfen wir hereinkommen?"
- Hätte ich "nein"
sagen sollen? Hätte ich sagen sollen: "Wenn Sie nicht einmal die Namen der Tiere
kennen, deren Haltung Sie kontrollieren wollen, was tun Sie dann hier?" Es hätte
keinen Zweck gehabt und sowieso, warum? Es kamen schließlich eine Menge Leute,
um "das" zu sehen. Nur an meinem Geburtstag passte es nicht grade gut.
"Bitte, kommen sie
nur herein." Ich schloss die Haustür und öffnete die Tür zum Wohnzimmer.
Da stand die Torte
auf dem Tisch und da stand Milagro, sehr unartgemäß, mitten in der Torte mit
einem Schnäuzchen, das voller Schlagsahne war. Er störte sich auch nicht an den
fremden Leuten. Milagro störte sich an niemand.
Ehe ich nun den
Vorwurf bekommen würde, daß ich meine Katzen mit unartgemäßer Schlagsahne
misshandele, sagte ich matt: "Ich habe nämlich gerade Geburtstag. Darf ich Ihnen
ein Stück Torte anbieten?"
Die zwei übten
Chorsprechen: "Nein, danke!" sagten sie, wie aus einem Munde.
Mir zitterten noch
immer die Knie, ich rief in die Küche: "Saskia, bitte ruf mal schnell bei meinem
Mann an. Er soll so schnell wie möglich nach Hause kommen!"
"Eine Tasse
Kaffee, vielleicht?" fragte ich das Duo. Die wollten sie wohl annehmen.
Irgendwie merkte man, daß die Akzente sich langsam verschoben.
Saskia brachte den
Kaffee. - "Der in der Torte, das ist Milagro, ein Oncillakater", sagte ich,
"Und da, beim Fernseher, das ist eine von meinen Abessinierinnen, sie heißt Cleo.
Die rote, da oben auf dem Schrank, heißt Dalila. Da auf dem Sessel liegt Candy,
unser Oncillaweibchen, und neben ihr, das ist Scampolo. Den hat irgendwer mal im
Park Sonsbeek ausgesetzt. Eine Dame vom Tierschutz brachte ihn mir und seitdem
wohnt er hier, weil im Tierheim kein Platz für ihn war. Und da vor dem Fenster
sitzt Jantje. Der lag, etwa vier Wochen alt, auf dem Steinboden im Tierheim
ihres Tierschutzvereins, als ich ihn fand."
Ich dachte: "Man
muss doch Auskunft geben."
"Was bekommen Ihre
Katzen zu fressen, wenn sie nicht gerade Schlagsahne haben?" fragte der eine
Herr noch. Ich erzählte es ihm.
"Und wo schlafen
sie?"
"Och, eigentlich
überall hier im Haus. Sie haben alle ihre eigenen Gewohnheiten und feste
Schlafplätze. Das heißt, ganz oben, im dritten Stock, da schlafen nur mein Mann
und ich und Jantje. Der schläft immer auf unserem Bett."
"Haben Sie einen
Tierarzt für ihre Katzen?"
"Ich habe zwei,
Dr. van Werven und Dr. Evers. Sie sind beide ganz sicher bereit, Ihnen alle
Informationen über den Zustand meiner Katzen zu geben."
Die Herren standen
auf: "Es muss wohl ein Irrtum im Spiel sein."
Ich begleitete sie
hinaus. Im Flur kam Buena die Treppe herunter geschwebt. Sie schwebte immer
mehr, als daß sie lief. Ihre Beinmuskeln waren so stark, daß ihre Füße kaum den
Boden berührten.
Halbwegs auf der
Treppe blieb sie stehen. Sie sah die beiden Besucher an. Blieb nur stehen und
sah sie mit ihren blauschwarzen Scheinwerferaugen an. Diese stille
Beobachtungshaltung nannte ich immer ihre "Kontroll-Station".
Ich sagte: "Das
ist Buena, unser Baumozelot. Sie dürfen sie streicheln, wenn sie wollen. Sie tut
Ihnen nichts."
Der Tierschutz
verzichtete auf das Privileg, endlich einmal im Leben eine Margay streicheln zu
dürfen.
Mit der Hand auf
der Türklinke fragte ich dann: "Was hätten Sie getan, wenn meine Tierhaltung
ihren Ansprüchen nicht genügt hätte?"
"Wir hätten die
Tiere beschlagnahmt und ins Tierheim gebracht....oder in den Zoo....", sagte
der eine Herr mit einem Blick auf Buena. Es fehlte nur noch, daß er sagte: "Wir
hätten sie ZU IHREM BESTEN ins Tierheim gebracht." - in DAS Tierheim!
"Und würden Sie
mir bitte jetzt auch sagen, wer die Anzeige erstattet hat?"
"Nein, darüber
geben wir keine Auskunft."
Buena, die ein
genau so feines Gefühl für drohende Situationen hatte wie später meine Deutsche
Dogge "Honey" und die mich, genau so wie Honey, noch vor dem Teufel verteidigt
haben würde, Buena, die königliche, kam etwas näher. Mit einem eleganten Sprung
landete sie auf der Flurgarderobe. Die Herren machten einen Schritt weiter in
Richtung Haustür. Ich selbst stand noch immer mit dem Rücken gegen die Tür
gelehnt.
"Aber finden Sie
nicht, daß ich ein Recht darauf habe, zu wissen, wer mir und meinen Tieren so
etwas antun möchte?"
Sie sahen sich an.
Schließlich sagte der Eine: "Es war Mevrouw O. vom Verein F., bei dem Sie
Mitglied sind."
("Oh Gott", dachte
ich, "Frau O., die tapfere Verteidigerin des amerikanischen Typs der Abessinier,
die sich so über meinen Artikel aufgeregt hat!")
"Danke", sagte
ich, "und Guten Tag."
Buena zuckte ein
wenig zusammen, als ich die Tür hinter der Tierschutzdelegation schloss. Die Tür
war mir wohl etwas hart aus der Hand gerutscht. Buena war Geräuschen gegenüber
nun einmal empfindlich.
"Sei nicht böse,
Buena", sagte ich zu ihr, "Ich konnte nichts dafür, die Tür fiel mir aus der
Hand. Und die Leute, da eben, die konnten auch nichts dafür. Die taten nur ihre
Pflicht."
Gleich darauf kam
mein Mann: "Was ist los? Saskia rief an und sagte, daß ich ganz schnell nach
Hause kommen müsste. Sie tat, als ob das Haus in Brand stände."
"Es ist schon
vorbei", sagte ich, "Ich hatte Besuch. Willst Du ein Stückchen Torte? Viel Sahne
ist nicht mehr drauf."
Mein Mann legte
die Blumen, die er noch in der Hand hatte, weg und beklagte sich: "Und dafür
muss
ich also fast ein Strafmandat für Geschwindigkeitsübertretung riskieren?"
Beim Tässchen
Kaffee, während Milagro in aller Ruhe die Blumen Stück für Stück aus der Vase
zog, in die ich sie schnell gesetzt hatte, erzählte ich meinem Mann, was
vorgefallen war.
"Nette Freunde
hast du in deinem Katzenverein", sagte er.
"Sie sind nicht
alle so."
"L'enfer, c'est
les autres." sagte mein Mann.
"Wie bitte?"
"Sartre: 'Die
Hölle, das sind die anderen!'" sagte er wieder.
Und ich: "Sartre
muss Mitglied bei einem Katzenverein gewesen sein."
"Nein, nicht
nötig. Er war nur ein Mitglied der Menschheit....Gut, und wie geht's dir
jetzt?"
"Ich fühle mich,
als ob die Katzen und ich gerade dem Tode entronnen sind. Wie neugeboren,
reïnkarniert, sozusagen."
"Na dann, viel
Glück zum Geburtstag!“ sagte mein Mann.
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