Die vier Hybriden entwickelten
sich zu wunderschönen, harmonischen Tieren. Als sie etwa die Größe der Oncillas
hatten, waren sie ihren Verwandten von Vaters Seite am ähnlichsten. Aber schnell
überflügelten sie die Oncillas an Größe und auch an Substanz. Sie waren
ungeheuer muskulös, wie Tiere, die sich "im Leben draußen" absolut behaupten
könnten, wenn es nötig wäre. Auch als sie die Größe der Abessinier hatten,
hörten sie nicht auf zu wachsen. Es war, als hätten sie für alles die doppelten
Reserven mitbekommen. Nun sind Abessinier kleiner und zierlicher als Hauskatzen,
aber Iris und Aurelia waren immerhin beide größer als Milagro. Wir nahmen also
an, daß die Hybriden dieser so verschiedenartigen Eltern dem einen oder dem
anderen Elternteil in Format gleichkommen würden. Aber sie überflügelten beide
bei weitem. Sie wurden sogar größer als die Hauskatzen. Das lag vor allem am
lang gestreckten Körper und den hohen Beinen. Schnell war es so, daβ sie allen
anderen die Schau stahlen. Wer sie sah, hielt den Atem an. Sie waren nicht nur
stark und muskulös, sie imponierten einfach. Sie hatten das gewisse Etwas, das
man gegenwärtig gern "Ausstrahlung" nennt. Sie sprangen niemals auf Schultern,
machten keinerlei Annäherungsversuche, aber sie liefen auch nicht vor den
Menschen fort. Sie brauchten nur sich selbst zu sein, um Eindruck zu machen,
-beneidenswert!
Es gibt keinerlei Fotos von
ihnen, auf denen sie mit den Hauskatzen zusammen sind. Mit denen gaben sie sich
nicht ab. Es war wie im "House of Lords": vornehme Zurückhaltung. Sie waren in
einem Hause geboren, in dem es Oncillas, eine große Buena und noch andere Katzen
gab. So sah die Welt nun einmal aus, aber man ignorierte sie. Gloria und Gladys
waren nicht ganz so vornehm, sie mochten gern Späße machen von der Art, die
Buena auch liebte: Dinge wegschleppen und verstecken, unter dem Tisch an den
Zehen von Menschen knabbern, die so dumm waren, Sandalen zu tragen, und
Ähnliches. Überhaupt waren merkwürdigerweise diese zwei Halbschwestern einander
am ähnlichsten, sowohl äußerlich als im Charakter. Glamour hielt sich meist
vornehm zurück. Nur Glauca war eine wilde Problemkatze. Sie war streitlustig,
schnell beleidigt und wollte von uns Menschen nichts wissen.
In der Familie Oncilla dagegen
gab es ernsthafte Probleme. Milagro betrachtete mehr und mehr seine Tochter
Victoria als ein Weibchen, das im großzügigsten Sinne des Wortes "sein" war.
Immer versuchte er, sie zu decken, und wenn sie dann erschrocken kreischte und
ihn fortzujagen versuchte, mischte Victor sich ein und verteidigte sie. Dann gab
es Streit zwischen Milagro und Victor. Auch bei den Mahlzeiten gab es noch
immer Wetteifer zwischen den beiden, um die Vorrangstellung und darum, wer
Victoria ihre Portion bringen durfte. Vorläufig blieb es bei kleinen
Streitereien, aber die Aussichten auf ein weiteres harmonisches Familienleben
waren gering und wurden immer geringer. Victor war jetzt schon größer als
Milagro, er hatte eine wärmere Fellfarbe und ein perfektes Fleckenmuster. Zum
Glück war er sich seiner körperlichen Überlegenheit Milagro gegenüber noch nicht
bewusst. Eine typisch männliche Rivalität in Zukunft schien aber unvermeidlich.
Das wiederum führte bei uns zu
der Überlegung, ob es nicht besser sei, entweder Milagro oder Victor kastrieren
zu lassen. Wir entschieden uns für Victor, schon der Möglichkeit wegen, daß
einer von beiden doch einmal Victoria decken würde. Wenn Milagro der
"Glückliche" wäre, dann wäre das höchstens "Linienzucht" und nicht "Inzucht",
wie die Terminologien heißen, die eifrig in der Züchterwelt gebraucht werden.
Mit anderen Worten: nur das Erbbild von Milagro würde doppelt in der nächsten
Generation vorhanden sein und nicht wie bei einer Bruder-Schwester-Kombination
beide Erbbilder. Das kleinere Übel also. Außerdem war Victor körperlich schon
ausgewachsen, aber noch nicht sexuell an den Weibchen interessiert und er war
auch noch nicht aggressiv. Das Gen für Aggressivität liegt nämlich bei Katzen
(im übrigen halte ich mich da raus) auf dem Chromosom, das den (männlichen) Sex
steuert, so habe ich gelesen. Das ist auch ganz gut zu verstehen. Bei den
meisten Tieren ist es das Männchen, das die Gruppe oder die Familie verteidigen
muss. Das ist ganz nützlich in der Natur, aber bei Tieren, die beschützt im Haus
aufwachsen, hat es weder Sinn noch ist es angenehm. Für uns war sicher: mit der
Kastration würde dieser Teil von Victors Entwicklung zum Stillstand kommen und
das würde dem Frieden und der allgemeinen Harmonie in der Oncillafamilie zugute
kommen.
Die Kastration einer Wildkatze
ist immer ein Risiko und darum für den Besitzer ein schwerer Entschluss. Die
Frage ist, wie wird das Tier die Narkose überstehen? Wildkatzen sind viel
narkoseempfindlicher als andere Katzen. Das gilt für alle Wildkatzen, nicht nur
für Oncillas, und wir wussten das.
Für diesen Eingriff konnte der
Tierarzt nun nicht zu uns kommen, sondern wir mussten zur Praxis. Es wurde eine
Zeit verabredet, in der keine anderen Patienten dort sein würden, damit Victor
nicht auch noch fremde Leute oder gar fremde Tiere zu sehen bekäme. Mein Mann
hatte einen Druckkäfig entworfen, etwa 70 cm lang und ca. 30 cm hoch und breit.
An der Vorderseite eine Tür aus grobem Maschendraht, an der Rückseite eine
Schiebetür, die blockiert oder aber auch nach vorn geschoben werden konnte,
damit der Kater eng gegen das Gitter gedrückt werden konnte. Dann konnte man ihm
schnell eine Narkosespritze geben. Dieser praktische Druckkäfig ist uns noch oft
sehr nützlich gewesen.
Im Auto war Victor erst sehr
ängstlich und unruhig gewesen. Beim Tierarzt wehrte er sich erst so sehr, daß
die Assistentin und ich kaum die Schiebetür nach vorn drücken konnten. Die
Spritze wirkte dann aber unheimlich schnell und schon nach ein paar Minuten lag
Victor bewegungslos auf dem Operationstisch, und mich erfasste eine panische
Angst. Die Kastration ging schnell und schon wurde der völlig regungslose
Victor wieder in sein Kistchen gelegt. Der Tierarzt beruhigte mich, es sei ganz
normal, daß die Narkose so tief sei. Victor würde wohl schon bald wieder
aufwachen.
Während des ganzen Rückweges
rührte er sich nicht. Sobald sich eine Parklücke bot, hielt ich an und fühlte,
ob ich seinen Herzschlag spüren konnte, -nichts! Da fiel mir der kleine Spiegel
ein, den ich in der Handtasche hatte. Den hielt ich ihm vor die Nase und ja, er
beschlug. Also atmete Victor, wenn auch nur schwach und oberflächlich. So
schnell wie möglich fuhr ich nach Hause und legte Victor im Wohnzimmer auf eine
warme Decke in ein Körbchen, das ich in eine dunkle Ecke neben dem Sofa stellte.
Alles so, wie der Tierarzt es mir gesagt hatte. Ich setzte mich dazu und konnte
nichts anderes tun als warten.
Die Wohnzimmertür hatte ich
etwas offen gelassen, damit ich im "Ohrkontakt" mit dem Rest der Familie wäre,
aber ich hörte nichts. Sie waren wohl alle im Garten, es war ein warmer Tag.
Nach einer Weile kam Jantje und legte sich still neben mich. Ich bemerkte, daß
jetzt bei mir die Reaktion auf die Spannung kam und auch darauf, daß ich in der
Nacht aus Angst vor diesem Tage nicht gut geschlafen hatte. Ich wurde etwas
schläfrig und streckte mich auf dem Sofa aus.
Wie lange ich geschlafen habe,
weiß ich nicht. Als ich wach wurde, sah ich zuerst Buena. Sie saß auf etwa einem
Meter Abstand von Victor entfernt und sah ihn an, unbewegt, so wie sie oft die
Jungtiere beobachtet hatte oder Menschen, deren Benehmen ihr komisch vorkam,
ganz ohne sich zu rühren, aber auch ohne sich auch nur eine Bewegung entgehen zu
lassen. Victor hatte die Augen offen, bewegte sich und wollte aus dem Körbchen
krabbeln, aber er fiel gleich wieder um. Beim nächsten Versuch kam er zwar aus
dem Körbchen heraus, lag nun aber ziemlich hilflos auf dem Teppich. Wie ein
Trunkenbold versuchte er sich aufzurichten.
In dem Augenblick kam auch
Candy in die Stube, wie immer mit Victoria in der Nachhut. Candy schnüffelte an
Victor und fauchte gleich darauf. Der fremde Duft, den er mitbrachte, störte
sie sichtbar. Victoria kam auch zu Victor, aber sie erschrak vor ihm, drehte
sich um und flüchtete mit einem großen Bogen um mich herum aus dem Zimmer. Sie
gab mir wohl die Schuld an dem Unerklärlichen, das sich da abspielte. Recht
hatte sie.
Candy blieb, aber sie postierte
sich zur Vorsicht etwas hinter Buena. Ich nahm die Gelegenheit wahr, Victor
einmal zu streicheln, was er in "nüchternem" Zustand nur selten mehr
gestattete. Es dauerte noch wohl eine Stunde, bis Victor wieder einigermaßen
normal laufen konnte.
Als mein Mann nach Hause kam,
war seine erste Frage: "Wie geht es Victor?"
"Er lebt", sagte ich, "aber das
verspreche ich dir, ich werde niemals wieder einen Oncillakater kastrieren
lassen!" -Ein Versprechen, das ich schon bald und noch mehrere Male gebrochen
habe.
Noch am gleichen Abend nahm
Victor brav seine extra Portion Fleisch zu sich. Das war Balsam auf meine Wunde
des schlechten Gewissens.
Als Hermien am nächsten Tage
kam, erkundigte sie sich zuerst nach dem Patienten, der schon gar kein Patient
mehr war. Ich war noch ziemlich deprimiert und in Reuestimmung. Hermien tröstete
mich: "Dein Victor wird nun mehr oder weniger ein Kind bleiben. Was kann ihm
besseres passieren?"
Sie hatte recht. Victor war
zeitlebens ein freundlicher, liebenswürdiger Kater, sowohl für alle Katzen als
auch für uns Menschen.
Wenn Buena rollig wurde, sahen
wir uns an: "Sollen wir doch einmal mit ihr nach Wuppertal fahren und versuchen,
sie von Bueno decken zu lassen?"
Bueno hatte im
Max-Planck-Institut in Wuppertal inzwischen eine Partnerin bekommen, eine Margay,
die Bonita getauft war. Herr Professor Leyhausen hatte sie in sehr verwahrlostem
Zustand in einem Tiergeschäft entdeckt und sofort gekauft. Sie und Bueno waren
ein schönes Paar und verstanden sich gut. Nachkommen hatten sie allerdings noch
nicht miteinander. Bonita wurde wohl ab und zu heiß, aber sie verhielt sich
ähnlich, wie unsere Buena. Sie schenkte ihre Liebe an Frau Leyhausen, die ihr
nach allem Elend wieder mit guter Sorge über den Berg geholfen hatte.
Margays scheinen Gutes, das
ihnen angetan ist, genau so wenig zu vergessen wie Elefanten. Wenn Bonita rollig
war, wollte sie Frau Leyhausen ihre Liebe schenken, so wie Buena meinem Mann.
Wie würde unsere Buena sich
Bueno gegenüber verhalten, wenn wir mit ihr eine so lange Reise unternehmen
würden? Wir dachten, daß es ziemlich sinnlos wäre, sie der Strapaze
auszusetzen. Ganz bestimmt wäre sie viel zu durcheinander und ängstlich, als
daß sie sich von Bueno decken lassen würde. Und obendrein: wenn sie, so
unwahrscheinlich das sein möchte, doch junge Margays bekommen würde, dann
wussten
wir im voraus, daß wir uns nie und nimmer von ihnen trennen könnten. Und unser
Haus war schon jetzt kaum noch groß genug für alle kätzischen und menschlichen
Bewohner. Vielleicht hätte es irgendwo auf der Welt Tierliebhaber gegeben, die
bereit gewesen wären, dieselben Opfer zu bringen, die nun einmal nötig sind,
wenn man so ein Tier in sein Haus nimmt. Wenn es sie gibt, dann kannten wir sie
jedenfalls nicht.
Später habe ich noch über viel
Tierelend gehört, als in den siebziger und achtziger Jahren in vielen Ländern
als Folge des Wohlstandes eine "Wildtier-Rage" ausgebrochen war und manches
Tier, das man erst seiner Schönheit wegen ins Haus geholt hatte, sich als
keineswegs pflegeleicht erwies. Fast ohne Ausnahme enden alle Geschichten, die
ich darüber hörte, mit Enttäuschung der Menschen und einem traurigen Schicksal
der Tiere. Es waren nicht einmal immer die Besitzer der Tiere, die ihre Aufgabe,
die sie auf sich genommen hatten, nicht durchführen konnten oder wollten. Es
waren vor allem auch die Mitmenschen, die Familienmitglieder, die Nachbarn, mit
einem Wort, die Gesellschaft, die sie zwang, wieder zu einem "normalen" Leben
zurückzukehren.
Ein normales Leben ist in der
heutigen Gesellschaft ein Leben in engster Gemeinschaft, in großen, überfüllten
Städten, wo der eigene Lebensraum (das Territorium) durch andere bedrohlich
überschritten wird. Aus der Tierwelt wissen wir, daß so etwas notgedrungen zu
Aggressionen führen muss. Unsere Regierungsleiter haben leider im
Biologieunterricht nicht gut aufgepasst, sonst wüssten sie, daß sie selbst mit
ihrer Unkenntnis der ursprünglichen, menschlichen Natur, die Verursacher der
Missstände sind, die sie so scheinheilig verurteilen. Für Tiere ist in einer so
explosiven Gesellschaft kaum noch Platz mehr. Hundebesitzer in der Stadt können
ein Liedchen davon singen.
Von den heute überbekannten
Entwicklungen, die nicht nur viele Tierarten, sondern die Existenz der ganzen
Erde bedrohen, hatten wir natürlich in der Zeit, von der ich erzähle, noch
keine Ahnung. Wir hätten jemandem, der ein solches Zukunftsbild gezeichnet
hätte, auch nicht geglaubt Alles war gut und würde immer besser werden.
Allgemeines Wachstum war die Parole.
Nein, es ist schon gut, daß es
bei unserem Traum von einer großen Margayfamilie geblieben ist, dem Traum und
den Erinnerungen, die ich weiter geben darf, damit das Leben unserer Wildkatzen
ein doppeltes Geschenk war: das Glück, das sie uns geschenkt haben und die
Botschaft, die hoffentlich ein wenig zum Verständnis ihres Wesens führen kann.
Wie gut, daß man nicht in die
Zukunft sehen kann. Die Liebe, die - wie man behauptet- eine Himmelsmacht sein
soll, beherrschte unser ganze Katzenhaus immer mehr. Zum Trost ließen wir Buena,
wenn sie heiß war, mit Milagro zusammen im Wintergarten. Ein kleines Männchen
würde vielleicht besser sein als gar keins. Das ging dann so, daß Buena erst
ihn an- fauchte, dann er Buena, oder umgekehrt. Danach bedachte Buena sich und
präsentierte vor Milagro. Der kriegte einen Mordsschreck und flüchtete, soweit
er konnte. Das wiederholte sich, bis ich aus Mitleid mit Milagro die Tür vom
Wintergarten wieder öffnete und die Hauptdarsteller der Aufführung sich in
verschiedenen Richtungen davon machten.
Das war also nichts. Aber bald
vergaßen wir diese Frage über einer neuen, die sich anbot: als erste von den
drei Hybriden wurde Gladys heiß und zwar sehr sichtbar und lautstark. Sie rollte
über den Fuβboden, stieß heisere Schreie aus und benahm sich überhaupt recht
unübersehbar. Sie schien damit genau Milagros Geschmack zu treffen, der wie ein
Pfeil aus dem Bogen auf sie flog. Trotz des Größenunterschiedes gab es hier
überhaupt keine Kontaktprobleme und in uns wurden die schönsten Hoffnungen
wach. -Wie würden die Nachkommen von Milagro und Gladys aussehen? Wie zahm oder
wild würden sie sein?
Nun, wir hätten uns die Mühe
des Rätselratens ersparen können. Drei Wochen später war Gladys wieder rollig.
Sie war also keineswegs schwanger. Gleichzeitig mit ihr war diesmal auch Gloria
heiß. Da gerade Gloria immer mehr Zuneigung für die Abessinier gehabt hatte,
lockten wir sie mit Sothis in einen Raum und Milagro mit Gladys in einen
anderen. Diesmal würde es klappen. Vielleicht war die Verbindung mit den
Abessiniern das Richtige.
Noch einmal drei Wochen später
waren sowohl Gladys als Gloria wieder rollig und obendrein die beiden anderen
Hybriden auch. Ich rief den Tierarzt an und fragte um Rat. Er schlug
Hormonspritzen vor. Die Hormonforschung war damals natürlich noch nicht so weit
wie heute, aber es gab immerhin eine Hormonkur, die die Ovulation bei Katzen
stimulieren konnte. Diese Kur bekamen drei von den vier Hybriden. Es war nicht
so schlimm, nur ein kleiner Einstich und sie merkten nicht viel davon, aber der
doch schon so reizbaren Glauca wollten wir das nicht zumuten.
Viele Jahre sind seitdem
vergangen und heute, mit dem gebührenden Abstand zu den Ereignissen jener
Jahre, frage ich mich, warum wir uns soviel Mühe gaben, gerade diese Jungtiere
zu bekommen. Wir hatten die Oncillababys, wir konnten weitaus mehr junge
Abessinier haben, als wir beherbergen konnten. Wir fanden es einfach
interessant, und daß das so war, das war wohl der Einfluss derer, die uns immer
wieder versicherten, wie einmalig diese Tiere waren. Es wäre wichtig zu wissen,
ob man Nachkommen von Milagro und diesen Hybriden bekommen würde und wie die
dann aussähen. Das dachte ich jedenfalls , -damals.
Zurückblickend finde ich es
allerdings wichtiger, daß es uns gelungen ist, den Tieren ein möglichst gutes
Leben zu bereiten, als dass sie der Wissenschaft zu Informationen verholfen
haben. Kein Mensch, den ich kannte, dachte damals daran, daß wir einer Zeit
entgegen lebten, in der saurer Regen, "totes Wasser", zerstörte Wälder und ein
Ozonloch den Tages- und Wochenzeitungen genügend Stoff zum Schreiben liefern
würden. In einer Zeit, wo es um den Erhalt der letzten, knapp gewordenen
Lebensräume für die Tiere geht, ist wohl jedes Stückchen Regenwald wichtiger,
als die Zahl der Chromosomen derer, die mit dem Aussterben bedroht sind. Denn
die Zahl der Chromosomen spielte bei der Geschichte eine ganz entscheidende
Rolle, wie wir noch sehen werden.
Nun, die Hormonspritzen
wirkten. Und wie die wirkten! Gloria, Gladys und Glamour wurden gleichzeitig und
lautstark so heiß, wie ein Backofen auf Stand 250, und Glauca "ungespritzt"
wurde aus Solidarität genau so heiß. Wir hatten weder soviel Zimmer frei, noch
Kater für jede einzelne Hybride, also ließen wir sie alle in ein Zimmer und
brachten den einigermaßen verblüfften Milagro dazu. Zu locken brauchten wir ihn
nicht, das taten Gloria & Co ganz allein. Was sich danach tat, kann man am
besten mit dem Wort "Pandämonium" beschreiben.
Wenn wir auch nicht schlafen
konnten, des Lärmes wegen, eins muß man Milagro nachsagen: er behielt die
Übersicht und die Oberhand. Nachweislich und von uns kontrolliert haben wir
mindestens jede der Katzen ein bis zweimal unter seinen Pfoten dahin schmelzen
sehen.
So! Jetzt würden wir unseren
biologisch so interessierten Freunden weitere Einblicke in die Verwandtschaft
zwischen den Katzen der alten und der neuen Welt verschaffen können. Mindestens
eine der Hybriden müsste nun doch Nachkommen bekommen. Es würde die Welt
erschüttern!
Nun, erschüttert waren nur wir,
als wir nach einiger Zeit entdeckten, daß keine der vier Hybriden schwanger war.
Zurück blieb die Erinnerung an eine außerordentlich hektische Periode in
unserem Leben, nach deren Wiederholung niemand verlangte.
Unsere Hybriden hatten also der
Wissenschaft keine neuen Erkenntnisse zufügen können. Was das erste tote Kitten
von Candy, das von Professor Leyhausen nach Amerika geschickt war, an
Erkenntnissen gebracht hatte, haben wir nie erfahren. Ich habe aber die starke
Vermutung, daß entweder der amerikanische Professor nicht sehr mitteilsam
gewesen sein mußte, oder aber -und das scheint mir wahrscheinlicher, das
Kitten, als es erst einmal das Land der unbeschränkten Möglichkeiten erreicht
hatte, nicht mehr in einem Zustand war, in dem es noch wissenschaftliche
Ergebnisse zu liefern im Stande war. Jedenfalls hatten wir nichts mehr davon
gehört und ich weiß sicher, daß Professor Leyhausen es uns erzählt hätte, wenn
er etwas Neues aus Amerika erfahren hätte.
Nach jenen so
leidenschaftlichen Szenen mit den Hybriden und nach verschiedenen Manövern, die
notwendig waren, um die Abessinierkatzen vor neuen Annäherungsversuchen von
Milagro zu beschützen, war schon ab und zu einmal flüsternd so zwischen Suppe
und Hauptmahlzeit das Wort Kastration gefallen. Aber das wäre dann doch wohl zu
endgültig gewesen, und so konnte es passieren, daß Milagro im schönen Mai 1966
eines Tages zum Ehemann seiner Tochter Victoria wurde. Nach weiteren drei Wochen
war uns deutlich: Victoria war schwanger. Das war an sich kein Problem, Victoria
war jetzt zwei Jahre alt. Allerdings war sie noch immer so scheu und würde sich
im Notfall wohl kaum helfen lassen.
Den anderen Katzen gegenüber
wurde sie jetzt fast unfreundlich. Sie jagte Buena fort, wenn die sich ihr
näherte, so daß die Arme, trotz ihrer gröβenmäßigen Überlegenheit vor Schreck
auf ihren Schrank flüchtete, und sie war ausgesprochen aggressiv Milagro
gegenüber. Nur Victor hatte die Ehre, seiner Schwester weiterhin das Fleisch
anreichen zu dürfen, und Candy wurde leidsam geduldet. Da ich mich längst von
den Strapazen des Oncillanestchens erholt hatte, freute ich mich ungeheurer auf
den neuen Nachwuchs.
In meinem Tagebuch aus jener
Zeit sind die Seiten bis zum letzen Millimeter voll geschrieben und außerdem
liegen allerhand lose Zettelchen zwischen den Seiten. Ich muss damals so
miteilungsbedürftig gewesen sein, daß die Mitglieder des Haushalts nicht
ausreichten. Nur Hermien hatte so viel Zeit, daß sie mir immer geduldig zuhörte
und ihr verdanke ich auch genau wie meinem Mann viele Hilfe beim Zurückrufen der
Erinnerungen.
Immer wieder steht da, wie
unzertrennlich in den verschiedensten Situationen die Familie der Oncillas war,
zu denen Buena manchmal wohl und dann wieder nicht zu gehören schien. Aber nur
für Buena und Candy war ich die Bezugsperson. Victor und Victoria hatten Candy,
die ihr Schutzengel und ihre beste Freundin war, und Milagro fühlte sich
verantwortlich für seine Familie (ohne Buena), aber er stellte sich völlig
unabhängig von uns auf.
Als Candy ihre Jungen
erwartete, hatten sie und ich eine fabelhafte Zusammenarbeit gehabt, bei der
ich meine Grenzen kannte, aber die doch effektiv genug war, um auf die
Geschehnisse einzuwirken. Ich hatte ihr ihre "Höhle" gezeigt, ihr neue
Schlafplätze angeboten, wenn die alten "verbraucht" waren, und sie wie immer
gefüttert.
Jetzt bei Victoria hatte ich
nichts von meinen schönen, höchst persönlichen Weisheiten "Kleiner Leitfaden für
Leute, deren Oncillas Junge im Wohnzimmer bekommen." Victoria war nicht wie
Candy und Buena mit schlechten Erfahrungen in der Welt "da draußen" zu uns
gekommen. Für sie waren wir weder die Retter aus Bedrängnis noch ein
unerwartetes Refugium. Eigentlich waren wir eine völlig unwichtige
Selbstverständlichkeit in der Welt, die sie kannte: unser Haus. Und die
wichtigen Personen in dieser Welt waren ihre Verwandten. Sie wurde von Victor
gefüttert oder von Milagro. Candy verteidigte sie gegen alles, was ihr zu nahe
kommen könnte. Dass ich das Futter geliefert hatte und daß ich nur gar zu gern
ihr einen sicheren Platz einräumen würde, an dem sie ihre Jungen zur Welt
bringen konnte, nahm sie überhaupt nicht zur Kenntnis. Wie sollte ich sie nur
in ein Zimmer oben locken können, in dem sie ihre Jungen in Ruhe zur Welt
bringen könnte? Denn daß sie sie bestimmt nicht inmitten der anderen Katzen
aufziehen könnte, das war sonnenklar.
Der Anfang der Aktion war
deutlich: ich mußte die Kisten und Körbe und vor allem die Mottenschrankhöhle
nach oben in das kleine Zimmer bringen. Victoria mußte dort Dinge vorfinden, die
sie als Nest oder Höhle gebrauchen könnte. Aber Victoria war so mit sich selbst
beschäftigt, sie nahm nicht einmal Notiz von meinen Bemühungen. Mir wurde klar:
mein einziger Bundgenosse war Candy mit ihrer Intelligenz. Ich rief sie und sie
kam auch hinter mir her, wie immer, wenn ich: "Candy, komm!" rief. Oben zeigte
ich ihr die "Höhle". "Voor de kindjes" sagte ich und sie unterzog alles einer
Inspektion und ich hoffte, daß ihr halb spinnendes, halb fragendes: "ürrrr"
wohlwollende Zustimmung ausdrückte.
Das war etwa vier oder fünf
Tage vor dem Datum, an dem ich erwartete, daß Victorias Jungen geboren werden
sollten. Es wurde also höchste Zeit, daβ Victoria in das Zimmer zog, damit sie
noch Zeit hatte, sich daran zu gewöhnen. Ich rief Candy und sagte "Candy, breng
Victoria".
Das funktionierte nicht.
"Candy, breng kindjes".
"Wieso?" fragten ihre Ohren und
ihr Schwanz, der langsam hin und her schwengelte.
"Candy, bring Victoria, bring
das Kind!"
Endlich schien Candy begriffen
zu haben, sie ging halbwegs die Treppe herab und kam bald danach zurück, - mit
Victor!
"Nein, Candy, nicht Victor,
bring Victoria, bring anderes Kind!"
Mit einem leisen "rrrunk-iiii",
das ganz tief aus der Kehle kam und mit ihren Ohren fragte Candy: "Was ist los?"
Ich ging ihr vor nach unten;
sie und Victor hinterher. Dann ging ich wieder rauf mit Candy ohne Victoria und
wieder rauf mit Victor usw., bis ich auf eine Idee kam, die ich eher hätte
haben sollen.
Ich nahm das Körbchen aus der
Höhle mit herunter, stellte es, so nah es ging, in Richtung Victoria, nahm es
auf, rief: "Kom Candy, breng Victoria!!!" -und ja, es wirkte. Sie kam mit einer
zögernden Victoria langsam die Treppe herauf. Ich habe noch nie mit soviel
Genugtuung eine Zimmertür geschlossen, wie die an dem Tag hinter Candy und
Victoria, genau vor Victors Nase übrigens. Männer waren hierbei überflüssig.
Den Eintragungen in meinem Tagebuch zufolge, hat die ganze Aktion mit kleinen
Unterbrechungen mehr als zwei Stunden gedauert.
Victoria fand die Höhle und
schien sich wohl darin zu fühlen. Sie legte sich hinein und Candy legte sich
ganz nah an ihre Seite. Beide sahen sehr glücklich aus und ich hörte Candy leise
spinnen. Vielleicht war es auch Victoria. Jetzt hatten sie nur eins nötig: gutes
Futter und Ruhe. Also brachte ich in den nächsten Tagen Taubenstückchen und
etwas frisches Fleisch mit Vitamintropfen, gab frisches Wasser, machte auf
Zehenspitzen gehend ein wenig sauber und ließ sie im übrigen allein und in Ruhe.
Es dauerte eine ganze Woche und
nichts geschah. Dann am Morgen des 14. Juli kam ich in das Zimmer und da lag
Victoria ganz ruhig und neben ihr ein winziges Oncillababy. In solchen
Augenblicken verdoppelt sich der Herzschlag. Das ist und bleibt ein Wunder.
Candy lief etwas unruhig im Zimmer hin und her, als ob sie etwas zu erledigen
hätte und vergessen hätte, was und wo. Als ich ihr das Futter anreichte, nahm
sie es und brachte es zu Victoria. Aber die nahm keine Notiz davon. Sie lag
völlig ruhig und zufrieden da. Alles schien wundervoll zu sein.
Auch am Abend nahm Candy wieder
das Fleisch an und brachte es an Victoria. Ich dachte, daß die es wohl eher
annehmen würde, wenn ich nicht dabei wäre und zog mich diskret zurück.
Am Tag darauf ging das Leben
erst seinen gewohnten Gang. Ich bereitete das Katzenfrühstück. Irgendwo unten im
Haus summte der Staubsauger. Zwei Katzen zankten sich ziemlich lautstark um
irgend etwas und ich wollte gerade meinen Teller mit dem Oncillafrühstück nehmen
und heraufbringen, da hörte ich einen durchdringenden Oncillaschrei. Ich lief
zum kleinen Zimmer und öffnete die Tür. Da stand Candy vor der Tür und schrie
wieder, schrie mich an und lief mir vor zu Victorias Höhle. Da lag das schöne,
kleine Kitten mit Bißwunden an Hals und Rücken und daneben eine vollkommen
gleichgültige Victoria, die es nicht einmal mehr ansah.
Ich hatte die Tür in der
Aufregung offen gelassen und Candy lief immer noch laut schreiend die Treppe
herunter. Es war wie ein Protestschrei; anders kann ich es nicht beschreiben.
Nachdem ich das verletzte
Kitten in ein Handtuch gewickelt hatte, rief ich den Tierarzt an. Er kam sehr
schnell, gab mit der Spritze ein ganz klein wenig von einem Antibiotikum der
Wunden wegen und riet mir, das Tierchen jede Stunde mit ein wenig von dem
bewuβten Milch-Ei-Vitamingemisch zu füttern. Eineinhalb Tage und zwei Nächte, in
denen ich das Kitten neben meinem Bett hatte und jede Stunde fütterte, habe ich
den kleinen Kater noch am Leben halten können. Dann ist er doch noch
gestorben.
In der zweiten Nacht hatte ich
noch eine andere Beschäftigung: meine ganz entzückende rote Abessinierkatze
Miranda, eine der allerliebsten von den vielen Lieben, bekam ihre ersten Kitten,
zwei Katerchen und zwei Kätzchen. Alle vier waren so strahlend rotgolden wie
ihre Mutter. Miranda war wieder einmal eine der Katzenmütter, die "von selbst"
wussten, was zu tun sei. Noch ein Problem wäre auch wohl zu viel für mich
gewesen. Ich hatte Sorgen genug, erst einmal den Kummer um den kleinen
Oncillakater, um den ich so gekämpft hatte, und dann auch noch um Victoria.
Die weigerte sich nämlich, das kleine Zimmer oben zu verlassen. Ihr Futter ließ
sie stehen. Candy dagegen weigerte sich, noch einmal wieder zu ihr gebracht zu
werden.
Ich dachte darüber nach, wie es
geschehen konnte, daß Victoria auf einmal ihr Kitten attackiert hatte. Denn daß
es Victoria war und nicht etwa Candy, das war aus der ganzen Situation
sichtbar. Candy war eine zur Oncilla gewordene Entrüstung. Sie wollte nichts
mehr von Victoria wissen und auch in den ersten Tagen nichts von mir. Sie gab
mir wohl die Schuld daran, daß ich nicht zur Stelle gewesen war, als sie schrie;
jedenfalls kam es mir so vor und ich kannte meine Candy recht gut. Vielleicht
hielt sie mich auch sowieso für alles verantwortlich, was geschah. Victoria,
die Scheue, mußte wohl durch den Lärm im Hause nervös geworden sein, und für den
war ich tatsächlich auch verantwortlich.
Trotz alledem machte sich der
Schlafmangel in den vorhergehenden beiden Nächten jetzt bemerkbar. Am Tag
darauf verschlief ich mich. Als mich die Dusche und viel starker Kaffee
einigermaßen wieder munter gemacht hatten und ich endlich wieder wußte, wer ich
war, mußte ich erst einmal nach Miranda sehen, die ihr extra-junge-Mutter
Frühstück bekam. Dann machte ich die Runde zu Buena und den Oncillas und erst
danach ging ich nach oben zu Victoria. Victoria saß auf der Fensterbank und
schaute etwas verächtlich auf den Teller mit Fleisch, den ich auf den Boden
stellte. Ganz zufällig warf ich einen Blick in die Höhle......da lag ein
kleines, sichtbar erst vor ganz kurzem geborenes Oncillakitten!
Es war einer der Augenblicke,
in denen man völlig unvorbereitet eine Entscheidung treffen muss. Sollte ich
Candy rufen? Aber sie hatte auch dem ersten Kitten nicht helfen können. Sollte
ich hoffen, daß doch noch mütterliche Gefühle in Victoria erwachten? Sie sah
nicht danach aus und es gab für mich auch keine Möglichkeit, sie zu dem Kitten
zu bringen, wenn sie es selbst nicht wollte, und man sah, sie wollte nicht.
Mir fiel der Ausdruck von
Professor Leyhausen ein: "Das erste Nest ist nur eine Generalprobe." Das mag in
der Natur so seinen Sinn haben, aber ich hatte keine Lust, dieses kleine
Tierchen auch noch sterben zu lassen, -es gab eine Lösung.
Schnell nahm ich das winzige
Etwas auf und brachte es nach unten zu Miranda. -Wie würde sie reagieren? Nun,
sie reagierte fast gar nicht. Sie schaute eben auf, leckte das Kleine etwas
zerstreut kurz mit der Zunge übers Köpfchen und legte sich spinnend wieder
zurecht. Ich legte das Kleine zwischen die vier anderen Babies und zu meinem
Erstaunen fand es sofort eine Zitze und fing fast gierig an zu trinken. Die
kleinen Pfötchen kneteten, das Mündchen saugte. Das war die erste Demonstration
der Lebenslust unserer "Cilla", von deren Aktivitäten wir noch eine Menge
merken sollten. "Das ist wenigstens eine Sorge weniger", dachte ich. Und so
schien es auch, -vorläufig.
Das tote Kitten hatte ich in
Plastik verpackt und für Herrn Professor Leyhausen bewahrt. Er holte es bald ab
und hat es diesmal zu einem Institut in Bonn geschickt. Dort wurde es untersucht
und es wurde später festgestellt, daß es nur 18 Chromosomenpaare hatte, im
Gegensatz zu unseren Hauskatzen. Die Hauskatzen, zu denen auch die
verschiedenen Rassekatzen gehören, haben 19 Paar Chromosomen. (Wir Menschen
besitzen 23 Chromosomenpaare.) Das war also die Antwort auf unsere Frage, warum
es zwar Nachkommen von den Abessiniern mit dem Oncillakater hatte geben können,
aber keine Nachkommen von den Hybriden. Das war also so eine Art
"Mauleselproblem". Die Maulesel, die Nachkommen von der Kombination von Pferd
und Esel sind nicht fruchtbar. Die Natur ist da sehr wachsam, was die Produkte
ihrer Entwicklung im Laufe der Evolution betrifft. Es ist schade, daß wir
Menschen gerade solche Naturgesetze je länger, je mehr, auf allen Gebieten
missachten. Ein Extremfall ist wohl die moderne Gen-Technik, die der Natur
ins Handwerk pfuscht Niemand kann die Folgen davon noch übersehen.
Auch in der Welt der
Biologiewissenschaft gibt es ein "Tam-Tam". Ein paar Jahr später meldeten einige
Bücher schon, daß es Feliden mit 18 Chromsomenpaaren gibt. Ich selbst sah es zum
ersten Mal in "Genetics for Cat Breeders" von Roy Robinson, das 1977 erschien.
Heute gehört das alles zu den normalen Erkenntnissen der Wissenschaft.
Komischerweise sind es, soviel
ich erfahren konnte, vier Katzenarten, die nur 18 Chromsomenpaare haben. Alle
vier leben oder lebten in den südamerikanischen Regenwäldern. Es sind die
Ozelots, ihre kleinen Verwandten, die Margays (Baumozelots), die Oncillas
(Zwergozelots oder Tigerkatzen heißen sie auch hier und da) und die
Kleinfleckkatzen (auch Salzkatzen genannt). Sie alle haben natürlich regionale
Unterarten.
Alle anderen Katzen, wild oder
zahm, groβ oder klein, ob es nun unsere Hauskatzen sind oder die Löwen, die
Tiger oder sogar die Luchse, die Geparden und Servale, ja selbst der
südamerikanische Jaguar haben 19 Chromsomenpaare. Es ist, als ob die Evolution
mit den vier kleinen südamerikanischen Katzenarten und ihren Unterarten einen
eigenen Weg eingeschlagen hat, der sich ausschließlich in den Regenwäldern
von Südamerika entwickeln konnte.
Mich würde interessieren,
wie viel Chromosomen die Schleichkatzen (Zibethkatzen, Genetten) haben. Die
Wissenschaft ist sich nicht darüber einig, ob sie wohl oder nicht zu den
direkten Vorfahren unserer heutigen Feliden gehören, oder mehr oder weniger ein
eigener Zweig der Felidenfamilie sind, der sich in Langverflossener Vorzeit
selbstständig gemacht hat. Der Zoologe Beverly Halstead ist sehr positiv in
seinem Urteil: "Die primitiven Feliden, aus denen die wahren Katzen sich
entwickelten, waren die Zibethkatzen.“ -Es würde mich nicht wundern, wenn ich
eines Tages irgendwo lesen würde, daß auch sie nur 18 Chromosomenpaare haben.
Ich glaube sogar, daß die Anzahl der Chromosomen uns auch etwas über das
Lebensalter der ganzen Art erzählt.
Professor Grzimek hat einmal
eine (zahme?) Zibethkatze in seinem Hause gehabt und berichtet darüber in seiner
Enzyklopädie "Grzimeks Tierleben". Es gibt noch mehr Berichte über die
Schleichkatzen, die in oder bei den Häusern der Menschen gehalten wurden, z.B.
im alten Ägypten, wo sie genau wie andere Katzen zur Bekämpfung der Mäuse und
Ratten eingesetzt wurden.
Ich finde das alles so
interessant, weil Abbildungen von gefleckten Genetten mich ein wenig an die
Oncillas erinnern. Manche sind auch vertikal gestreift, wie unsere Oncillas.
Weitläufige Verwandtschaft? Aber, ganz gleich, ob die Zibethkatzen und die
Genetten nun mehr oder weniger zur großen Katzenfamilie gehören, eins ist
sicher erwähnenswert: sie haben sich über mehr als 25 Millionen Jahren in
Stand gehalten, fast unverändert, wenn auch mit vielen Subspezies. Genetten
können wir gegenwärtig noch ab und zu im südlichen Europa finden und sogar, wenn
auch seltener, in Südfrankreich und Süddeutschland. Es wird sogar behauptet, daß
man schon einmal das eine oder andere Exemplar in Holland oder in Belgien
gesehen haben will. - Eine 25 000 000 Jahr alte Art! Ist das nicht etwas, worüber
man einmal nachdenken sollte? Wenn man bedenkt, daβ der Homo sapiens erst vor
ca dreißig tausend (30 000) Jahren erschienen ist und die gemeinsamen Vorfahren
der Affen und Menschen höchstens vor dreieinhalb Menschen (3 500 000) Jahren
ganz vorsichtig anfingen, auf den Hinterbeinen zu balancieren, ohne ihre Arme
zur Fortbewegung zu gebrauchen, dann gebührt es sich wohl, den Zibethkatzen
einigen Respekt zu zollen, denke ich so. Aber ja, die sind auch mit allen ihren
vier Pfoten auf der Erde geblieben. Sie haben keine Wälder vernichtet, keine
giftigen Stoffe in die Luft gejagt und keine Atome gespalten. Wir haben uns
laufend verändert, bis wir uns voll Stolz den "Homo sapiens" oder noch
schlimmer: den "Homo sapiens sapiens" nannten, und das wird wohl der Grund
sein, weshalb es ganz danach aussieht, daß wir die 30 Millionen Jahre niemals
schaffen werden. Die ersten Feliden dagegen, soweit sie nicht in die Hände der
Menschen gefallen sind, haben der Evolution standgehalten.
Es sieht ganz danach aus, daß
die Entwicklung der kleinen südamerikanischen Wildkatzen und ihrer Unterarten
einen eigenen Weg gegangen ist, der sich ausschließlich in den tropischen
Regenwäldern vollziehen konnte. Mit der Vernichtung derselben Regenwälder, die
längst nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, wird, zusammen mit unzähligen
anderen Tierarten und Pflanzen, auch dieser Zweig der Feliden aussterben. In
einem Zeitraum, der im Vergleich zur Erdenevolution wie eine Sekunde ist, haben
wir Menschen einen Vernichtungsfeldzug größten Ausmaßes geführt.
Ich habe zu drei Exemplaren
dieser Katzengruppe in engstem häuslichen Kontakt gestanden: zu Buena, der
Margay, zu meiner Oncillafamilie und, trotz der nur kurzen Zeit, in der wir sie
kennen lernen durften, zu "Margaytje", die den Namen Margaytje zu Unrecht trug,
weil sie eine Kleinfleckkatze war. Außerdem kenne ich verschiedene Leute, teils
persönlich, teils durch Briefkontakt, die einen Ozelot im Haus hatten. Von allen
vier Katzenarten kann man sagen, daß sie außerordentlich intelligent, aber
auch, wenn man sie richtig behandelt, friedfertig und treu den Menschen
gegenüber sind. Selbst die scheueste unter unseren Oncillas, unsere Victoria,
ist in ihrem ganzen Leben nicht ein einziges Mal Menschen gegenüber aggressiv
gewesen.
Unser kleiner, toter
Oncillakater war der erste in der Reihe der 18-Chromosomen-Träger, der zu der
Erkenntnis dieses Unterschiedes zwischen den vier kleinen Wildkatzenarten und
den übrigen Feliden beigetragen hat. Und so hat der kleine Namenlose doch noch
ein wenig zoologische Geschichte gemacht.
Inhaltsverzeichnis