Der Sommer war so
schön. Unsere große Katzenfamilie genoss den Garten. Sie spielten miteinander und
waren fröhlich. Die drei Aurelia-Babys blieben ein unzertrennliches Trio.
Manchmal machte Gloria ein Quartett daraus, aber meist spielte sie mit den
Oncillas und den Abessiniern, mit denen sie aufgewachsen war, und vor allem mit
ihrer Herzensfreundin Niña.
Eine kleine
Schattenseite gab es: weil jetzt jeder, der es wissen wollte, von meinen jungen
Wildkatzen gelesen hatte, wurde ich mit Anfragen überschüttet, doch eine oder
mehrere zu verkaufen. Aber auch wenn das Paradies selbst angerufen hätte, so
hätte ich noch keine abgegeben. Sie waren so glücklich miteinander und liebten
sich. Das wollte ich nicht zerstören.
Eine Freundin
kündigte mir ihre Freundschaft, weil ich ihr keins meiner Tiere geben wollte.
Ihr Haushalt erschien mir zur Haltung von Wildkatzen nicht geeignet. Ihr ist es
später gelungen, anderweitig Wildkatzen zu bekommen, aber sie hat sie
tatsächlich auf die Dauer nicht behalten können. So sehr ich das bedauerte, war
ich doch froh, daß es nicht meine Tiere waren, mit denen sie diese Erfahrung
gemacht hat. So war ich wenigstens nicht schuldig am Schicksal dieser Tiere.
Später hat die Freundschaft sich dann sogar noch wieder eingerenkt.
Einmal kam sogar
das Fernsehen und machte das, was sie einen "Animatiefilm" nannten. Sie stellten
einen Tag lang das ganze Haus mit ihren Geräten auf den Kopf, räumten das ganze
Zimmer um, bis, vom Lärm verscheucht, überhaupt keine einzige Oncilla und selbst
keine Hybriden mehr zu sehen waren. Da mussten Buena und die Abessinier wieder
die Superstars spielen, was sie mit vollkommener Gelassenheit taten.
Die Kopie des
Filmchens, die ich mir erbat und bekam, ist heute auf eine Videokassette
übertragen und wird oft abgespielt. Ich habe selten hinterher soviel Freude an
irgendeiner Sache gehabt, die erst ein perfektes Chaos zu sein schien.
Ab und zu durften
die Kater ins Haus. An den Gedanken, da sie so allein wohnten, konnten wir uns
noch nicht gewöhnen. Erst später wurde mir deutlich, da für einen potenten Kater
ein eigenes Territorium sehr wichtig ist. Er kann besser allein sein, als mit
männlichen Artgenossen. Dummheit und Unkenntnis führen da oft zu ungewollter
Tierquälerei. Ich erinnere mich, da ich seinerzeit vergeblich die Eigentümerin
eines Katzenzwingers in Süddeutschland davon zu überzeugen versuchte, da man
nicht ungestraft zehn unkastrierte Kater oder mehr in einem Raum einschließen
darf. In solchen Fällen entsteht ein Zustand, in dem der Stärkere ein
gnadenloses Regime führt und die anderen, Schwächeren, die "underdogs" sind. Den
Tierschutz interessieren diese Dinge kaum, der hat ganz andere Sorgen. Erst in
allerletzter Zeit beginnt der Tierschutz sich für Hund- und Katzenzucht zu
interessieren und auch nur soweit es deren Produkte betrifft, nicht (oder noch
nicht) die Art der Tierhaltung, auch wenn es da so schöne Worte gibt wie
"artgerecht" usw. Die Realisierung der idealen Tierhaltung muss von der Einsicht
der Menschen selbst herkommen. Der Staat hat da gar keinen Zugriff. Auch da
wieder spielt die erziehende Aufgabe der Presse eine entscheidende Rolle.
Wenn unsere Kater
abwechselnd im Haus waren, mussten wir höllisch aufpassen, damit sie nicht gerade
eine rollige Katze erwischten, die keinesfalls gedeckt werden sollte. Noch ehe
wir es bemerkten, hatten die Kater es schon entdeckt, wenn eine der Katzen
empfängnisbereit war. Dann erzählte ein plötzlicher Schrei und eine sich
wälzende Katze, daß da "etwas passiert" war. Genau so erging es uns auch im
Herbst 1965 mit unserer kleinen Niña, die gerade ein Jahr alt war. Sie war zum
ersten Mal richtig heiß und wurde gleich von Sothis erwischt. Niña war ein
zartes, empfindsames kleines Wesen. Wenn man ihr einmal etwas verbieten mußte
oder "Nein, Niña!" rief, war sie gleich völlig unglücklich. Dann suchte sie
Trost bei Gloria, der unerschütterlichen, die sie dann tröstlich leckte und sich
zu ihr legte.
Eigentlich war
Niña noch viel zu jung, um schon Mutter zu werden, aber die "morning after"
Pille gab es noch nicht und das wäre auch wohl für ein so kleines Tierchen eine
Pferdekur gewesen. Also pflegten wir Niña besonders gut mit extra Vitaminen
usw. und hofften, da alles gut gehen würde.
-Es ging gut. Als
Niña zwei Monate später zeigte, da "ihre Zeit gekommen war", zog ich mit ihr in
ein Zimmer im ersten Stock und zeigte ihr das Körbchen, das dort für sie stand.
Ich blieb bei ihr, bis ihr einziges Baby trocken geleckt war und trank. Es war
ein wunderschönes, kleines, rotgoldenes Tierchen. Niña war eine liebevolle und
glückliche Mutter. Stolz drehte sie sich auf den Rücken und ließ es mich sehen.
Ich brachte das übliche zerquirlte Ei und frisches Fleisch mit Vitamintropfen.
Ich war froh, da alles so gut verlaufen war.
Auch am nächsten
Tag war es eine wahre Freude zu sehen, wie die kleine Niña vor Mutterglück
strahlte. Als ich am dritten Morgen wieder hinauf ging, stand die Tür zu dem
Zimmer, in dem Niña war, etwas offen. Mir kam das komisch vor. Ich wußte sicher,
da ich sie am Abend vorher gut hinter mir geschlossen hatte.
Ich ging ins
Zimmer und sah im ersten Augenblick nur, daß Kinka in Niñas Körbchen saß und
mich anstrahlte, wie immer wenn er mich sah. Einen kurzen Augenblick lang
dachte ich, da er sich zu den beiden gesetzt hatte. Dann sah ich seine
blutbefleckten Händchen und vor ihm lagen, in kleine blutige Stückchen zerfetzt,
die Reste von Niñas Baby. Jetzt erst sah ich Niña; sie saß da wie eine
Steinfigur, regungslos, die Augen starr, das schöne, rotgoldene Fell war in
einer Nacht bleich geworden. Ich weiß danach nur noch, da ich schrie, ich konnte
nicht denken, nur schreien. Mein Mann, der noch zu Hause war, stand auf einmal
neben mir. Er übersah die Situation und brachte als erstes den Kinkajou weg in
sein Zimmer. Ich ging zu Niña, um sie zu trösten, streichelte sie, sprach mit
ihr, aber sie rührte sich nicht. Ich nahm sie auf den Arm, sie zitterte. Es war
deutlich, sie hatte einen Schock. Mein Mann holte das Körbchen mit dem toten
Katzenbaby weg und ich brachte Niña, weil ich nichts anderes bedenken konnte,
nach unten. Aber auch dort saß sie nur still in einer Ecke des Sofas, bewegte
sich nicht, beachtete auch die anderen Katzen nicht. Nicht nur mir, auch meinem
Mann liefen die Tränen übers Gesicht. Es war so unsagbar traurig.
Mein Mann wußte,
da er mich in dieser Situation nicht allein lassen konnte. Er rief im Bureau an
und sagte, daß er erst am Nachmittag kommen würde. Dann setzten wir uns zusammen
und beratschlagten. In dem Augenblick waren wir uns darüber einig, daß so etwas
in unserem Hause nie wieder geschehen dürfte und daß der einzige Weg, das zu
verhindern, sein würde, den Kinkajou fort zu bringen. Vielleicht hat es meine
Entscheidungen beeinflusst, da Niña während der ganzen Zeit zitternd auf meinem
Schoß saß. Mitleid ist ein schlechter Ratgeber.
Wir wußten, Kinka
würde auch weiter Türen öffnen können. Das hatte uns schon dauernd Sorgen
gemacht. Wir mußten uns schließlich immer vor einer Begegnung zwischen ihm und
Buena fürchten, die bestimmt dramatisch verlaufen wäre. Auch Niña würde leiden,
wenn sie ihn wiedersehen würde. Kinka für immer hermetisch von den anderen zu
isolieren, wäre weder für ihn noch für uns eine gute Lösung, dachten wir. Er war
ein so geselliges Tierchen. Wir konnten keinen Gefangenen aus ihm machen.
Eine Stunde später
hatte mein Mann beim Arnheimer Zoo angerufen, mit dem Direktor gesprochen und
ihm unser Problem vorgetragen. Er bekam die Antwort, da man bereit wäre, den
Kinkajou dort aufzunehmen. Unser Kinka würde dort noch zwei Artgenossen
antreffen, mit denen er zusammen leben könnte. Am besten wäre es, wenn wir das
Tier gleich bringen würden, sagte der Herr, mit dem mein Mann sprach.
Wir hatten die für
damalige Zeit sehr schönen, großen Gehege der Affen dort im Zoo gesehen und
stellten uns vor, da Kinka auch in ein solches Gehege kommen würde, in dem er
mit seinen neuen Freunden herum klettern könnte. Es schien uns die beste Lösung
und weil wir auch dachten, einen solchen Entschluss gleich ausführen zu müssen,
packten wir Kinka in ein Körbchen und brachten ihn zum Zoo.
Es war alles wie
ein böser Traum und auch wir handelten wohl in einer Art Schockzustand. Ich
selbst jedenfalls war wie betäubt. Der Direktor des Zoos empfing uns
persönlich, versicherte uns, da Kinka es gut haben würde, und machte noch eine
Bemerkung, daß solche Tiere im Zoo besser aufgehoben wären als in Privathänden.
Als wir sagten, daß wir bald nach dem Kinkajou sehen würden, sagte er, daß wir
das besser vorläufig nicht tun sollten, denn das Tier könnte darunter leiden,
wenn es uns erkennen würde. Zum Abschied bekamen wir noch eine Wiederholung der
weisen Lehre, daß wilde Tiere in den Zoo gehörten und nicht in Privathände.
Mein Mann mußte
zum Bureau und ich hatte meine Hände voll zu tun, mich um Niña zu kümmern und
die übrige, nicht geringe Arbeit mit den Tieren zu erledigen. Das lenkte mich
erst einmal ab. Erst am Abend, als mir auf einmal bewusst wurde, da ich heute den
Kinka nicht für sein tägliches Wohnzimmerstündchen herunter zu holen und ihm
auch kein Obst zu bringen brauchte, wurde mir klar, welch eine Leere er
hinterlassen hatte. Aber ich hatte immerhin den Trost, da er jetzt bei seinen
Artgenossen wäre und es gut hätte. Mein Vertrauen in die gute Sorge des
Tiergartens war noch ungebrochen.
Niña brauchte
lange, bis sie wieder ein bisschen normal im Haushalt funktionierte. Langsam kam
auch ihre Farbe zurück. Ich hatte nie gedacht, daß ein Schock so deutlich
äußerliche Kennzeichen hinterlassen könnte. Von Menschen erzählt man so ab und
zu, daß sie nach einem Schreckerlebnis auf einmal graue Haare bekommen. Ich habe
das immer ein wenig für ein Märchen gehalten. Seit dem Drama mit Niña glaube ich
es.
Diesmal gab es zu
Weihnachten keinen Kinkajou, der die Plätzchen von den bunten Tellern stibitzte
oder das Lametta vom Weihnachtsbaum pflückte. Ich dachte viel an ihn, war aber
noch immer der Meinung, daß wir richtig gehandelt hatten. Nach diesem Erlebnis
mit Niñas Baby hätten wir keine ruhige Minute mehr gehabt. Schon die angespannte
Situation zwischen Buena und Kinka war aufreibend. Das hatte auch Buenas
Freiheit im Hause oft recht eingeschränkt. Und niemand weiß, was geschehen
wäre, wenn Kinka einmal auf eins der jungen Oncillas getroffen wäre. Auch wenn
Candy sich bisher ganz gut mit Kinka vertragen hatte, so bin ich doch überzeugt,
daß es ein Blutvergießen gegeben hätte, wenn der Kinkajou versucht hätte, Candys
Jungen etwas anzutun. Mit den halbwüchsigen Abessiniern hatte er sich immer so
gut vertragen, hatte mit ihnen gespielt. Darum hatten wir in dieser Hinsicht
auch niemals Sorgen gehabt. Er hatte mit ihnen von einem Tellerchen gegessen
und ihre Ohren und ihr Fell liebevoll beleckt. So würden wir ihn in Erinnerung
behalten müssen.
Unser gröbster
Fehler war es sicher gewesen, daß wir längst vergessen hatten, daß der Kinkajou
nicht einfach eine von unseren Katzen war, wenn auch eine mit etwas anderen
Gewohnheiten. Wir hatten uns an ihn gewöhnt, so wie er war. Die Einzige im
Haus, die gleich verstanden hatte, daß da etwas Fremdes zu uns gekommen war, das
war Buena gewesen. Sie hatte sich nicht von seiner Babyhaften, fast
menschlichen Erscheinung täuschen lassen. Für sie war er ein Fremder, einer
von einer anderen Art.
Noch jemand hatte
uns gewarnt: Herr Professor Leyhausen. Er hatte uns erklärt, daß der Kinkajou
zur Art der Bären gehöte, nicht zu den Feliden, die so harmonisch bei uns
zusammen lebten. Aber auch das hatten wir längst vergessen. Wir Menschen haben
immer den Mund so voll davon, daß man nicht scheiden soll, was zusammen gehört,
aber das dasjenige, was nicht zusammen gehört auch nicht künstlich
zusammengefügt werden sollte, das vergessen wir gern.
Kinka, der
hauptsächlich von Obst lebte, aß auch gern mit vom Dosenfutter der Katzen, also
auch von Fleisch. In der freien Natur würde er vielleicht sogar kleine Tiere
erbeuten und verzehren. Trotzdem kam das ganze Drama für uns unerwartet. Man
hatte uns Kinka ungefragt zugeschickt und wir hatten sein kindliches Benehmen
als eine Selbstverständlichkeit angenommen. Sogar als er sein Spielzeugbärchen zerriß, hatten wir nur "Ach, je" gesagt. Wir waren dumm und naiv gewesen.
Ich muß die
Geschichte zu Ende erzählen, so schwer es mir fällt. Erst nach fast zwei Jahren
gingen mein Mann und ich zum Zoo, um einmal nachzusehen, wie es Kinka ginge. Wir
waren sicher, daß er uns längst vergessen hatte und fröhlich mit seinen
Artgenossen spielen würde.
Es dauerte lange,
bis wir ihn fanden. Er saß in einem Glaskäfig, in einem dieser
"Nachttierhäuser". Ganz allein saß er in einer Ecke und rührte sich nicht. Es
waren keine andere Kinkajous im Käfig, es waren überhaupt keine anderen
Kinkajous im ganzen Zoo (mehr?). Der "Nachtkäfig" war sicher nicht größer als
das kleine Zimmer oben bei uns im Haus, in dem er zuletzt gewohnt hatte. Der
Käfig war dunkel und vorn mit einer Glaswand abgeschlossen. Von der anderen
Seite konnte man nicht in das Nachthaus kommen. Wir fragten uns, ob es wohl
überhaupt unser Kinka sei, der da säße. Automatisch rief ich: "Kinka!". Da
wurde er plötzlich wach, lief zur Glaswand und starrte uns an. Und dann fing er
an hin und her zu rennen, mit seinen kleinen Händchen kratzte er am Glas. Wir
erkannten ihn und er erkannte uns. Uns beiden sprangen die Tränen in die Augen.
Wir gingen ganz schnell weg, das schien uns weniger schlimm, als ihn sich weiter
quälen zu lassen.
Mein Mann und ich
haben uns danach noch bei allerhand Instanzen erkundigt, ob wir Kinka nicht
doch noch zurück bekommen könnten. Jeder riet uns, es gar nicht erst zu
versuchen. Ein Tier, das einmal im Zoo ist, wird nicht wieder abgegeben, solange
es ein Schau-Objekt für den Zoo ist, außer wenn es grade eins von der Art ist,
die mehr Junge gehabt hat, als der Zoo gebrauchen kann. Wir hatten alle Rechte
verspielt. Nie wieder würde er seine Ärmchen liebevoll um den Hals eines anderen
Wesens legen können und mit seinem Züngelchen ein Ohr streicheln, nie wieder
eine "extra" Süßigkeit bekommen, nie wieder an einer Gardinenstange hängen und
Grimassen nach den vorbeigehenden Leuten machen, nie wieder Versteck spielen mit
den kleinen Abessiniern. Mit einem Schlag war uns deutlich geworden, was wir ihm
angetan hatte. Wir hatten ihn zu lebenslanger Gefängnisstrafe verurteilt, auch
wenn wir es unbewusst getan hatten.
Erst viel später
hörte ich, daß die so hoch gepriesenen Nachthäuser in den Zoos, mit denen so
viel Werbung gemacht wird, zu den zahllosen Grausamkeiten gehören, die ein
Zugeständnis an die Besucher der Tiergärten sind. Sie werden für die Tiere
gebaut, die wie der Kinkajou oder auch manche Wildkatzen und verschiedene
andere Tierarten, gewohnt sind, in der Nacht zu jagen und am Tage zu schlafen.
Man hofft dadurch, daß man sie in der Nacht mit Hilfe von künstlichem Licht, das
ihnen vorgaukeln muß, es sei Tag, zum Schlafen anregen kann, um sie am Tage, im
verdunkelten Raum, den lieben Besuchern in voller Aktivität zeigen zu können.
Die Aktivität kann sich natürlich nur auf ein hin-und-her-Pendeln im engen Käfig
beschränken. Man sperrt sie lebenslang in klimatisierte Glaskäfige. Manche
dieser Glasgefängnisse haben wenigstens noch ein Freigehege, aber hier war das
nicht so.
Viele Jahre
später, als schon keine meiner Wildkatzen mehr lebte, war ich einmal im Züricher
Zoo. Dort sollte es zwei Margays geben, die ich gern sehen wollte. Sie wohnten
auch in einem Nachttierhaus, aber
hier war es
wenigstens einigermaßen geräumig und nicht völlig dunkel, sondern ein bisschen
dämmerig. Die Margays, ein Männchen und ein Weibchen, hatte jedes einen eigenen
Raum zur Verfügung. Darin waren viele Pflanzen, Bäume sogar, und in einem Baum
war eine tiefe Höhle. Die Margays waren gar nicht zu sehen, sie lagen sicher und
ruhig, tief in ihren Höhlen. An der Außenseite war ein Freigehege, genau so
groß wie der Innenraum, ebenfalls mit Bäumen und Sträuchern. Ich fragte einen
der Wächter, wann die Margays in den äußeren Gehegen sein würden und ob man sie
dort zu sehen bekommen würde, und ich bekam zu hören, daß sie dort erst am Abend
wären, wenn die Besucher fort wären. Obschon ich extra für die Margays gekommen
war, machte es mich fast froh, daß ich sie nicht zu sehen bekam, weil das
bedeutete, daß sie sich auch nicht den, wie ich übrigens bemerkte, im Vergleich
zu den hiesigen sich weitaus disziplinierter verhaltenden Besuchern zu
exponieren brauchten. Trotzdem würden sie am Abend ein wenig Freiheit haben,
wenn die auch nur ein tausendstel von der sein würde, die ihnen in der Natur
gegönnt war. Sie verbrachten ihr "lebenslänglich" wenigstens in einem
Luxusgefängnis im Vergleich zu den Tieren in manchen anderen Tiergärten.
Wie lange Kinka
noch unter seinen unwürdigen und grausamen Bedingungen gelebt hat, wissen wir
nicht. Als wir ein Jahr später wieder in den Zoo kamen, gab es dort keinen
Kinkajou mehr und niemand konnte oder wollte uns Auskunft geben. Ich kann nur
hoffen, daß der Tod seinem Leiden ein schnelles Ende gemacht hat. Er war kein
Mörder gewesen. Er hatte nur getan, was die Natur ihm eingegeben hatte. Wir
dagegen hatten mit Unverständnis und in Panik reagiert. Ich werde es mir mein
Leben lang nicht verzeihen.
Seitdem habe ich
viel über Tiergärten nachgedacht. Wer hat nicht ein paar schöne Erinnerungen an
unterhaltsame Nachmittage im Zoo, mit den Kindern oder einfach so an einem
sonnigen Sommertag? Es ist alles so hübsch und friedlich. Man geht über gut
versorgte Wege (am Morgen sind sie sogar noch ziemlich sauber, die Eisbecher und
Coladosen kommen erst im Laufe des Tages). Überall sieht man Bäume und
Blumenbeete. In den Gehegen sitzen die Tiere ruhig und scheinbar zufrieden.
Oder sie laufen ein bisschen "hin und her". Es gibt keinen Streit, keine Gefahr.
Am Abend bekommen sie ihr Futter. Welch ein schönes Leben und wir dürfen das
sehen! Ehe wir nach Haus gehen, gibt es noch schnell eine Cola und einen
Hamburger im Restaurant des Tiergartens. Das Fleisch auf dem Hamburger kommt
hauptsächlich von Kühen aus Südamerika, von den Weiden, die auf den Ruinen des
tropischen Regenwaldes angelegt sind. Aber wer will jetzt daran denken? Man hat
einmal berechnet, daß jeder Hamburger die Vernichtung von zwei Regenwaldbäumen
in Mittelamerika kostet. Das stand schon 1992 in "Panda" und "Panda" war in
jener Zeit das holländische Organ des Welt-Naturschutzbundes WWF (nr. 6 -
1992). Niemand kann sagen, daß der WWF und andere Institutionen die Menschheit
nicht seit langem vor den Folgen der Abholzung der Regenwälder gewarnt haben.
Inzwischen hat sich die Situation nur noch verschlechtert und die Folgen werden
im wahrsten Sinne des Wortes katastrophal sichtbar. Die europäische BSE-Krise
hat kürzlich die Nachfrage nach Fleisch aus Südamerika noch vergrößert.
Vor mir liegen
zwei Bücher über Tiergärten. Das eine ist ein holländisches. Es ist von einem
Dr. de Boer geschrieben und hat den Titel "Één wereld, één Natur." (Eine Welt,
eine Natur). Ein geschmackvoll ausgestattetes Buch auf Luxuspapier mit
wunderschönen Fotos und Zeichnungen. Der Autor wird als Direktor der Stiftung
"National Onderzoek Dierentuinen" (Nationale Forschung Tiergärten) vorgestellt.
Das klingt vertrauenerweckend.
Ich wage es nicht
gern, an der guten Absicht und oft auch Liebe zu den Tieren derer zu zweifeln,
die gerade in dieser Zeit die Tiergärten von den Tiergefängnissen von früher zu
einer Versammlung relativ verantwortlicher, geräumiger Tiergehege verändern
wollen. Ich kann verstehen, daß Dr. de Boer behauptet, daß man sich dort (ich
übersetze): "von der Tatsache bewusst werden kann, daß nicht nur in der
Menschenwelt alles von einander abhängt und zusammen gehört, und daß man dort
sehen kann, wie wichtig es ist, für den Erhalt jeden Räderchens in jenem
komplizierten Mechanismus, der Natur heißt, zu kämpfen. Und wäre es nur, um
unser eigenes Menschenrädchen drehend zu halten." (Unterstreichung von
mir.)
Er ist ganz sicher
nicht nur ein Tierkenner, sondern auch ein Menschenkenner, dieser Dr. de Boer,
das beweist er mit diesen letzten zehn Worten im ersten Kapitel seines Buches.
"Wenn es nur zum Nutzen der Menschheit ist, dann ist es gut.", so lautet doch
die menschliche Parole. Haben wir nicht in der Schule gelernt, daß der Mensch
über den Tieren steht? Verkünden Kirchen und die noch weitaus gerisseneren
Sekten der Neuzeit nicht lauthals, daß der Mensch über die Tiere herrschen
darf, selbst soll? Darwin kann uns viel erzählen, wir wissen es besser: wir
sind die Krone der Schöpfung, die Herrscher der Welt! Eine unser Ego
schmeichelnde Lehre, die wir nur allzu gern befolgen.
Tiergärten haben,
so habe ich aus dem oben genannten Buch und anderen Publikationen gelernt, in
der Hauptsache drei Funktionen. Die der Belehrung: die Menschen können lernen,
wie die Tiere aussehen (nicht, wie sie sich verhalten, denn im Tiergarten
verhalten Tiere sich nicht nach den natürlichen Regeln, sondern müssen sich an
ihre Situation anpassen). Die zweite Aufgabe der Tiergärten ist, Tiere zu
züchten, um sie vor dem Aussterben zu bewahren. Und dann die dritte Aufgabe:
(typisch für den Homo sapiens): sie wollen alles mögliche über die Tiere
erforschen. Im oben genannten Buch wird über Hormon- und Genuntersuchungen
gesprochen. Wir sind modern und können dem deshalb nicht viel entgegen stellen.
Es ist nun einmal unsere neuzeitliche Weise, Wissen zu versammeln. Viel wissen
ist auch viel verstehen. Ich bin sogar überzeugt, daß so etwas, wenn es dann
doch schon geschehen muss, noch immer besser im Zoo geschehen kann, als im
Laboratorium. Es ist das kleinere Übel. Nur ob es das Ziel eines Tierlebens
ist, unser Wissen zu bereichern, das ist eine ganz andere Frage.
Das zweite Buch,
das hier vor mir liegt, ist "nur" ein Taschenbuch, aber eins mit brisantem
Inhalt. Der italienische Autor ist Emilio Sanna (Dr. phil., Fernsehredakteur,
Autor von vielen Fernsehprogrammen, Autor von verschiedenen, sehr ernst zu
nehmenden Büchern). Ich habe die deutsche Übersetzung seines Buches über
Tiergärten. Sie trägt den Titel "Verrückt hinter Gittern", Untertitel "Vom
Leiden der Zootiere". Übersetzt ist das Buch von Sina Walden, die durch ihren
Kampf für Tierschutz und Tierrechte bekannt geworden ist. Von ihr gibt es ein
Aufsehen erregendes Buch "Endzeit für Tiere".
Ich muss gestehen,
daß das Buch von Emilio Sanna mich tief beeindruckt hat. Diesmal nicht die
Beschreibung eines schönen Spazierganges durch den Zoo, sondern eine
Beschreibung der Hintergründe von all dem Schönen. Wenn ich heute, etwa dreißig
Jahre nach den Geschehnissen mit dem Kinkajou, die ersten Sätze des Vorwortes
von Sina Walden lese, dann fühle ich, daß sie auch auf mich zutreffen.
"Unwissenheit und Überheblichkeit kennzeichnen das Verhältnis des Menschen zum
Tier. Die ungeheuren Leiden, die wir Tieren zufügen, sind so sehr Teil unseres
Selbstverständnisses, daß sie kaum wahrgenommen werden."
Emilio Sanna wirft
in seinem Buch einen Blick hinter die Kulissen der schönen Tiergartenidylle, die
sich dem nach Abwechslung verlangenden Besucher darbietet. Wir glauben Tiere zu
sehen, die dort "ruhig" und "friedlich" und gut versorgt in ihren Gehegen sitzen
oder liegen oder "hin und her spazieren". An die allererste Frage, die wir uns
stellen müssen, denken wir erst gar nicht. Sie lautet: "Wie sind eigentlich alle
diese Tiere hierher gekommen?
Jeder kleinste
Zuchterfolg in den Tiergärten kommt gleich ausgebreitet in die Zeitung, schon
der Reklame wegen. Jungtiere haben eine ungeheure Anziehungskraft auf das
bezahlende Publikum, darum bekommt man zu Unrecht den Eindruck, daß die
Tiergärten in punkto Nachwuchs Selbstversorger sind. Nichts ist weniger wahr.
Noch immer wird
"Nachschub" gefragt, schon darum, weil sehr viele Tiere, -man denke da an die
kleinen Wildkatzen, die dem Tiergartenstress schon schnell erliegen- dauernd
"nachgeliefert" werden müssen, wenn man sein vielfältiges Angebot beibehalten
will.
Emilio Sanna hat
einmal Tierfänger begleitet, hat mit angesehen, wie Zebras, Giraffen und - die
grausamste Prozedur- ein Elefantenjunges gefangen wurde. "Ich konnte mich des
Gedankens nicht erwehren, daß das Tier sich in diesem Moment der endgültigen
Wendung seiner Existenz voll bewusst war, daß es erkannte, alles verloren zu
haben, seine Freunde, seine Bindungen, die Erde auf der es aufgewachsen war,
seine Identität - um von nun an einem ungewissen Schicksal voller Angst und Qual
ausgeliefert zu sein." schreibt Emilio Sanna, und später: "Es ist nicht
ungewöhnlich, daß ein Tier nach der Gefangennahme zugrunde geht, ohne daß es
auch nur verletzt oder misshandelt worden ist."
Noch jetzt, auch
noch seitdem der Weltnaturschutz Listen mit bedrohten Tierarten publiziert,
werden Tiere in allen Erdteilen für Tiergärten und zu wissenschaftlichen
Zwecken gefangen. Der Einfuhrstopp gilt nämlich nur für Privatleute und nicht
für Tiergärten und andere Institutionen, die unter dem Titel „gemeinnützlich“
rangieren. Illegal wird diese Regelung noch immer am laufenden Band übertreten.
Alle diese Tiere erleiden unschuldig genau die Höllenqualen, die die Menschen,
die so gern von ihnen lernen wollen, selbst für ihren Egoismus verdienen. Als
wir seinerzeit unsere wilden Katzen von Südamerika hierher holten, wussten wir
von alledem nichts und das Buch von Emilio Sanna ist erst dreißig Jahre später
erschienen. Aber wenn wir sie auch unwissend aus ihrer Umgebung geholt haben,
dann habe ich doch den Trost, daß gerade diese Tiere ohne unsere Intervention
getötet worden wären und sie bei uns ein Leben ohne Furcht haben leben können.
Was aus ihren Nachkommen geworden wäre, wenn wir einige davon abgegeben hätten,
das wäre nicht zu kontrollieren gewesen. Vielleicht hätten auch einige davon
den Schrecken der Tiergärten erlebt, den der arme Kinka durch unsere damalige
Unkenntnis der wahren Zustände im Tiergarten erleiden mußte. Für mich steht
fest, daß der Eindruck, den wir hatten, als wir unseren armen Kinka im Zoo
wieder sahen, richtig war. Er war im Zoo, dem wir ihn anvertraut hatten, verrückt
geworden.
Die kleine
Behausung, die lärmenden Kinder, die man immer wieder in den Tiergärten sieht
(und vor allem hört!), müssen eine Qual für die geräusch-empfindlichen Ohren
aller Tiere sein. Die Wahrheit gebietet mir zu berichten, daß ich im schon
genannten Züricher Zoo eine Schulklasse ruhig und wohlerzogen mit ihrem Lehrer
an den Käfigen vorbeiziehen sah. - Sollten die Schweizer so rückständig sein, daß
sie nicht wissen, daß man Kinder nicht zu ruhigem, ordentlichem Benehmen
erziehen darf, weil sie sonst doch so ganz schrecklich frustriert werden? Und
wissen die Erwachsenen so wenig von der Lärmempfindlichkeit der Tiere, daß sie
ihre modernen, lärmenden Feste ausgerechnet in die Tiergärten oder in deren Nähe
verlegen? Und das noch obendrein mit dieser Art von Lärm, die gegenwärtig
"Musik" genannt wird und die so schädlich für die Ohren ist, daß die Zahl der
hörgeschädigten Menschen erschreckend steigt!
Im Tiergarten von
Kopenhagen ist im Sommer 1994 ein Okapi an einem Herzschlag gestorben, als im
benachbarten Park für eine Oper geprobt wurde. Laute Geräusche können für Tiere
tödlich sein, das haben ziemlich grausame Untersuchungen ergeben.
Meerschweinchen, Kaninchen und Ratten starben, wenn man sie bei Popkonzerten zu
nahe an die Musik setzte. In Käfigen, versteht sich, denn sonst hätten sie mehr
gesunden Verstand gehabt als die Menschen und wären geflohen. Dasselbe passierte
mit Tieren in einer Diskothek. Man stelle sich einmal vor, daß irgend jemand
solchen Lärm in einem Krankenhaus machen würde. Die Erreger solchen Ärgernisses
wären sofort an die frische Luft gesetzt. Mit Recht übrigens, auf kranke
Menschen muss man Rücksicht nehmen. Aber die körperlich und geistig gequälten
Tiere im Zoo mit ihren weitaus empfindlicherem Gehör sind täglich dem Lärm der
Zuschauer ausgesetzt und manchmal Ärgerem.
Emilio Sanna fasst
das alles so zusammen: "Diese Menschen, die in einer panischen Todesangst davon
stürzen würden, wenn sie eine dieser "Bestien" auch nur von weitem in Freiheit
erblickten, vergnügen sich daran, sie so wehrlos erniedrigt und entwürdigt zu
sehen. Sie rächen sich für ihre eigene Feigheit, indem sie die Tiere
provozieren, sie mit lauter Stimme anrufen. Und die Ermahnungen der Wärter
prallen ab an dem einzigen Argument: "Ich habe doch Eintritt bezahlt."
Wer wirklich
ernsthaft einen Blick hinter die Kulissen der Tiergärten werfen will, sollte das
Buch von Emilio Sanna lesen.
Der Erhalt der
Tierarten ist der Stolz der Tiergärten und ein wichtiger Teil ihrer
Legitimation. Zwar steht gegenwärtig in manchen Tiergärten ein erklärender Text
auf einem Schild, auf dem man lesen kann, daß man zwar bemüht ist, die Tierarten
zu erhalten, aber aus Platzmangel leider nicht immer alle Jungtiere dort
behalten kann. Die würden dann "anderweitig" untergebracht, steht da. Wie
"anderweitig" das sein kann, das ist vor einiger Zeit den bestürzten
Tierfreunden deutlich geworden, als der ARD einen Skandal aufdeckte, der die
Gemüter erregt hat. (Die erste Sendung zu dem Thema war am 6.9.93, später wurde
dieses Thema wiederholt.)
Damals hat sich
nämlich herausgestellt und es konnte bewiesen werden, daß manche Tiergärten
junge Bären, diese Publikumslieblinge, zwar aufziehen aber keineswegs "für die
Art erhalten" sondern sie an Schlachtereien verkaufen, wenn sie erst
einmal groß sind. Namen von bekannten Tiergärten wurden dabei öffentlich
genannt. Auch wurden Tiere an Tierhändler verkauft, die sie ihrerseits an
Wanderzirkusunternehmen und ähnliche Schauprojekte weiter verkauften. Eine
Liste von Tieren lag vor. Darauf, außer Bären: ein Sibirischer Tiger, ein
Ceylon-Leopard, ein Jaguar, ein Luchs! Nach meiner Meinung sind diese Tiere noch
weitaus erbärmlicher dran als diejenigen, die getötet wurden, denn die traurigen
Zustände der Tiere in kleinen Wanderzirkuskäfigen sind allgemein bekannt. (Sie
sollten auch den Regierungen bekannt sein, aber die haben ja bekanntlich für so
etwas keine Zeit!)
Die Heuchelei der
Zooleute, der so genannten Hüter der Wildtiere, die so stolz auf sich sind, weil
sie sich so für die bedrohte Tierwelt einsetzen, löst Empörung unter den wahren
Tierfreunden aus. Und wenn dann ein Zoodirektor im Fernsehen (Morgenmagazin,
22.9.1999) zugibt, daß das Klonen eines Jahrtausende alten
Mammutleichnams,
der in Sibirien im Eis gefunden wurde, nicht der Arterhaltung dienen kann, weil
zur Arterhaltung schließlich auch die Artenvielfalt gehört, sondern nur eine
Sensation ist und wenn er anschließend sagt, daß er ein solches, geklontes Tier
gern in seinem Zoo hätte, weil es schließlich viel Publikum anziehen würde, dann
wird mein Glaube an die Tierliebe und und Verpflichtung zur Erhaltung der Arten
aufs Neue auf die Probe gestellt. Noch abgesehen von der Elefantenkuh, die für
ein solches Experiment mit unbekanntem Ausgang missbraucht werden soll. Die
informative Aufgabe der Tiergärten ist da wohl ein zweischneidiges Schwert.
Auch wenn wir von
alledem damals keine Ahnung hatten und nach bestem Gewissen handelten, war es
doch schlimm und grausam, was wir unserem kleinen Kinkajou angetan haben, als
wir ihn in den Zoo brachten. Wir sind Schuld an seinem schrecklichen Lebensende.
Mein Mann dachte in solchen Sachen etwas nüchterner als ich. Er sagte: "Wir
wussten schließlich nicht, daß es Kinka so ergehen würde und wir waren überzeugt,
daß wir das Richtige taten. Also musst du dir auch keine Vorwürfe machen."
Für mich ist aber
gar nicht wichtig, ob ich mir selbst vergeben kann oder nicht. Daran hat
niemand etwas. Das Leid, das unserem kleinen Kinka angetan ist, kann man nicht
wieder gut machen. Kinkas Los ist so schrecklich wie das von vielen Tieren, aber
sein Los ist meine Schuld. Kinka hatte seine Ärmchen um meinen Hals gelegt und
mir vertraut. Einige Jahre später zogen wir aus der Stadt auf einen großen
Bauernhof. Dort hätten wir soviel Platz für Kinka gehabt, wie wir nur wollten.
Kinkajous können bis zu dreißig Jahre alt werden. Hermien hat weder meinem Mann
noch mir je vergeben, daß wir nicht erst nach einer anderen Lösung gesucht
haben. Ich verstehe sie.
Niña ist nie
wieder rollig geworden und hat nie wieder Junge bekommen.
Ich mußte dies
alles erzählen, auch die Fehler gehören zu meinem Bericht. Zurückdenkend bleibt
vor allem das Gefühl von Machtlosigkeit, das uns befiel, als wir entdeckten, daß
Kinka so maßlos unglücklich war und wir nichts für ihn tun konnten, weil wir vom
Zoo keinerlei Verständnis erwarten konnten. Es ist dieselbe Machtlosigkeit, die
einen Tierschützer überfällt, wenn er vom Martyrium der Laboratoriumstiere weiß
und sie nicht befreien kann, weil die anderen die Stärkeren sind. Oder die
Machtlosigkeit, die eine Dian Fossey überfiel, als man sechs der prächtigen
Gorillas tötete, die zusammen ein Gorillajunges verteidigten, das von einem
belgischen Tierhändler für den Zoo in Köln verschleppt wurde. Das ganze
Tierelend für ein Jahr im Zoo: nach einem Jahr war der junge Gorilla schon tot.
Es gibt hier in
Holland wie in Deutschland Gesetze, die sich mit der artgemäßen Haltung der
Tiere beschäftigen. Wenn man allerdings nach der Ausführung solcher Gesetze
sucht, findet man nur wenig Sichtbares. Ein paar Zentimeter mehr Raum für die
Opfer der Massentierhaltung sind eine Farce; und wie artgemäß ist ein Tiger, der
durch einen brennenden Reifen springt? Wer hätte schließlich gedacht, daß wir
"NUR-PRIVATE" einen Kinkajou aus dem Tropenwald immerhin weitaus artgemäßer
hätten versorgen können, auch wenn wir ihn von den Katzen getrennt gehalten
hätten, als der fachkundige Zoo?
So kann man in
letzter Zeit eine, wenn auch langsame, Wendung in de Einstellung der Tiergärten
wahrnehmen. Längst noch nicht überall, aber doch vielfältig werden Tiergärten
vergrößert, kommen große Freigehege anstelle der kleinen Käfige. Wenn dieser
Trend sich fortsetzt, sind Tiergärten noch immer nicht der ideale Platz für
Tiere, aber ein erträglicher. Hier in Holland gibt es ein sehr gutes Projekt im
Tiergarten Ouwehand in Rhenen. Dort gibt es ein großes, waldiges Gelände, das
man zum „Berenbos“ (Bärenwald) um gezaubert hat. Dort leben ausschließlich
Bären, die man aus grausamern Situationen befreit hat. Einer der Bären hatte im
russischen Staatszirkus „ausgedient“, zwei andere wurden von ihrem vorigen
Eigentümer blind gemartert als man sie zum Tanzbären „zähmen“ wollte. Bei fast
allen ist die Nase verstümmelt vom Ring, mit dem sie „gefesselt“ waren, usw.
Dieses Projekt ist das Beste, das ich je von einem Tiergarten gehört habe und
seit es besteht, hat es bereits vielerorts Nachfolge gefunden.
Eine ganze
Storchenkolonie gibt es bie Ouwehands. Die Bewohner sind ausschließlich Störche,
die man als Schlachtopfer von Stromleitungen and anderen Hindernissen gefunden
und genesen hat. So sollte der ideale Tiergarten handeln, wenn er die Menschen
„belehren“ will. Man kann ihnen die Tiere näher bringen, indem man sie ihnen
zeigt, und gleichzeitig Vorbild sein, indem man ihnen hilft, anstatt sie ihrer
Heimat zu berauben. Selbst die Tiergartenbesitzer, denen es nur um ihr eigenes
Portemonnaie geht, sollte so etwas tun, denn die Besucherzahl von „Ouwehand“ hat
sich seitdem vervielfältigt.
So gibt es noch
mehr gute Berichte. In Südafrika gibt es großzügige Projekte zum Schutz der
Wildtiere. Mir wurde aus Johannesburg der Gesetzentwurf zum Schutz von Löwen,
Leoparden und Cheetahs (Geparden) zugeschickt. (Parliamentary Proposal for the
Special Protection of Lion, Leopard and Cheetah), ein Dokument von 55 Seiten.
Wenn man es gelesen hat, wünscht man, daß es für unsere Europäischen Haustiere
genauso gute Gesetzt gäbe. Auch aus anderen Teilen der Welt erreichen uns
positive Nachrichten. Der ehemalige Tiergarten in Singapur hat sich zu einem
weltweiten Vorbild für ideale Tierhaltung und gleichzeitig Informationszentrum
für Wissbegierige verwandelt. Das Projekt wird als ein Mittelweg zwischen
Safaripark und Wildreservat beschrieben. Es gibt dort keine Gitter. Alle Tiere
leben in natürlicher Umgebung. Dort können die Besucher sogar die Nachttiere
sehen, weil künstlicher Mondschein den Wald mit einem sanften Lichtschein
übergießt. Die Besucher fahren in kleinen Zügen über das Territorium oder in
Booten über den Fluss. Das ist Information ohne Tiergefängnisse.
Wieder wird mir
dasjenige deutlich, was ich in einem langen Leben habe lernen müssen: nichts ist
schwarz oder weiß, gut oder schlecht. Das Schlechte kann sich zum Guten kehren,
wenn wir uns nur Mühe geben, es zu erkennen und zu unterscheiden. Und vor allem
müssen wir, d.h. diejenigen, die sich für das Schicksal alle Tiere
interessieren, unsere Stimme hören lassen.
Ab und zu sind
mein Mann und ich doch noch einmal in den Zoo von Arnheim gegangen. Es war kein
Vergnügungsausflug für uns, mehr ein Gedächtnisgang. Es gibt da jetzt ein
Gebäude mit einer Ausstellung aus dem Regenwald. Wie nützlich er ist, welche
Bodenschätze es dort gibt, die vielen Pflanzen aus denen man Medizin für die
Menschheit machen kann; das alles wird "in bunten Bildern" dargestellt. Und
natürlich werden auch die Tiere genannt, die im Regenwald leben. Die Margays,
Oncillas und Kinkajous hat man dabei leider vergessen, die werden gar nicht erst
erwähnt. Vielleicht weil es sie kaum noch gibt.
Das neue
Nachttierhaus ist größer als das alte. Man wird es wohl "schöner" finden. Man
geht selbst auch in die dunkle Nacht. Die Augen müssen sich erst an die
Dunkelheit gewöhnen: "Richtig echt!". Es gibt dort keinen Kinkajou mehr, wohl
eine Menge anderer Nachttiere. Niemand soll mir vorgaukeln, daß der Herr Dr. de
Boer und seine Freunde vom Holländischen Verein von Tiergärten sich nicht dessen
bewusst sind, daß Nachttiere sich nicht darum im Laufe der Evolution zu
Nachttieren entwickelt haben, weil sie ihr Leben in dunklen Glaskäfigen
verbringen sollen, anstatt im Wald.
Ist das nun die
Art und Weise "sich von der Tatsache bewusst zu werden, daß nicht nur in der
Menschenwelt, sondern auch in der Welt-Natur alles voneinander abhängt", wie
das in dem Buch so schön beschrieben wird?
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