Es war mir
aufgefallen, daß Candy sich jedes Mal, wenn sich Emeralda selbst zur
Verteidigerin ernannt hatte, bei Emeralda "bedankte". Das geschah auch jetzt
wieder mit der Gebärde, die ich bereits beschrieb: Candy rieb ihr Köpfchen an
Emeraldas Fell und gab auf diese Weise etwas von ihrem Duft an ihre Freundin.
"Du bist ein Teil von mir, bist erkennbar am Familienduft, du gehörst zur
Familie."
Eine andere Frage
kam auf: wäre Candy Eindringlingen gegenüber toleranter gewesen, wenn sie zum
kritischen Zeitpunkt allein gewesen wäre? Schließlich hatte jedes Mal Emeralda
den Anstoß zur Rauferei gegeben. Diese Frage wurde schon bald beantwortet.
Schon tagelang hatte Milagro vor Candys Zimmer hin und her gependelt, an der
Türschwelle geschnüffelt und probiert, ob er die Tür nicht öffnen könnte. Das
ging natürlich nicht und ich war sehr vorsichtig gewesen, wenn ich ins
Kinderzimmer ging.
Die Berichte über
die väterlichen Gefühle der Feliden sind sehr unterschiedlich. Die meisten
Wildkatzenmütter ziehen ihre Jungen allein groß. Bei manchen Tierarten müssen
die Mütter ihre Jungen sogar ausgesprochen vor dem Vater oder auch vor andern
Männchen beschützen, um zu verhüten, daß die Kleinen getötet werden.
Ein Muttertier,
das seine Jungen verloren hat, ist meist schon bald wieder bereit, sich decken
zu lassen. Das sieht man im Allgemeinen als den Grund für das aggressive
Verhalten der männlichen Tiere an. Früher dachte man, daß manche Löwenweibchen
sich erstaunlich bald schon wieder von den männlichen Tieren decken ließen, auch
wenn sie Junge haben. Aber in Vitus Dröschers "Spielregeln der Macht im
Tierreich" las ich, daß die Löwenmütter dabei sehr wohldurchdacht handeln. Sie
verstecken nämlich ihre Jungen erst schnell vor den sie bedrohenden Männchen
und versuchen diese dann von der Verfolgung abzuleiten, indem sie ihnen ihren
größten Wunsch erfüllen: sie lassen sich decken. Das tun sie sogar auch dann,
wenn sie nicht "heiß", also nicht empfängnisbereit sind. Wahrscheinlich ist das
sogar ein im rein physischen Sinn schmerzhaftes Opfer, das sie für ihre Jungen
bringen, aber es funktioniert. Der so hinters Licht geführte Löwe wird meist
weiter ziehen. Er profitiert also von der Mutterliebe der Löwin.
Bei den meisten
Säugetieren - nicht bei allen, wie wir gesehen haben- muss das männliche Tier die
Tatsache akzeptieren, daß das Weibchen sich nur dann decken lässt, wenn die
Deckung einen Sinn hat, nämlich den, daß sie zur Geburt von Nachkommen führt,
die die Art erhalten und das Erbgut des Stärkeren weiter geben. Denn nur der
Stärkste wird ein Weibchen erobern können. Ich halte es für möglich, daß diese
sinnvolle Einrichtung der Natur darum möglich ist, weil die meisten
weiblichen Säugetiere so stark sind, daß sie im Stande sind, ihre Jungen allein
zu ernähren und sich unerwünschte Feinde vom Leibe zu halten.
Weibchen in der
Tierwelt brauchen sich auch nicht viel Mühe zu geben, um ihre Verehrer zu
verführen. Weder Lippenstift noch Mascara, keine neue Frisur, nicht einmal ein
verführerisches Lächeln ist nötig. Es sind fast ausnahmslos die Männchen, die
sich in Positur setzen. Milagro war ein typisches Vorbild für männliche
Selbstdarstellung. Candy blieb immer Unbewogen.
"Wenn das kein
schönes Vorbild für Emanzipation ist, was ist es dann?" fragte Hermien, als wir
das besprachen.
Was eine
zukünftige Begegnung von Milagro mit seinen Nachkommen betraf, so wollte ich
vorläufig lieber nichts riskieren. Trotzdem geschah wieder einmal das Ungewollte
und Unerwartete. Wenn man mit einem Teller voll Fleisch durch eine Tür will,
kann es eben doch versehentlich geschehen, daß eine Katze, die erst irgendwo
weit weg saß, plötzlich einen Anlauf nimmt und einem zwischen den Füßen hindurch
ins Zimmer flitzt. Diesmal war es Milagro, dem der Coup gelang. In einem Anfall
von Urvertrauen dachte ich: "Es wird schon gut gehen. Schließlich ist Milagro
der Familienvater. Er hat das Recht, seine Kinder zu sehen."
Das war zum
soundsovielten Mal wieder ein so richtig dummer Menschengedanke. Ganz ohne
Emeraldas Vorbild wurde unsere sanftmütige Candy von einer Sekunde zur anderen
zur Furie. Ich konnte mich nicht so schnell um meine eigene Achse drehen, wie
Candy Milagro im Zimmer herum jagte. Ein zu Tode erschrockener Milagro voraus,
eine fauchende, vor Wut schnaubende, knurrende Candy hinterher.
Man stelle sich
bitte vor: zwei Katzen, die sich unter normalen Umständen nur selten anfassen
lassen, spielen im Zimmer römische Arena! Milagro brauchte Hilfe, die ich ihm
nicht geben konnte. In einem Reflex öffnete ich die Tür zum Flur und bei der
nächsten Fluchtrunde konnte Milagro zum Glück den Dreh nach draußen kriegen.
Candy lief noch ein paar Schritte hinter ihm her, aber dann drehte sie sich um
und ging, den gesträubten Schwanz heftig schwingend, zu ihren Kindern zurück.
Der Feind war verjagt. Jetzt erwartete ich eigentlich auch ein "Köpfchen" zum
Dank, aber Candy würdigte mich keines Blickes. Ich hatte schließlich Milagro
nicht nur hinaus, sondern auch erst hinein gelassen.
Väter waren also
im Kinderzimmer der Oncillas nicht erwünscht. Ob Milagro wirklich eine Gefahr
für seine eigenen Nachkommen gewesen wäre, das haben wir glücklicherweise nie in
Erfahrung gebracht.
Candy hatte mit
der Erziehung ihrer Nachkommen "alle Hände voll" zu tun. Wie man weiß, werden
junge Katzenkinder mit geschlossenen Augen geboren. Erst um den zehnten Tag
herum gehen die Augen auf. Die Iris ist dann noch blau. Der Zustand wird
„Milchstar“ genannt, weil die blaue Farbe verschwindet, sobald die Jungtiere
andere Nahrung als Muttermilch zu sich nehmen. Langsam verändert sich das Blau
in die bleibende Farbe, gelb, grün, manchmal auch kupferfarbig oder "echtes"
blau bei Siamesen.
Die Augen der
kleinen Oncillas öffneten sich erst nach zwei Wochen und dann dauerte es noch
ganze drei Tage bis sie völlig offen waren. Blau, wie die Augen der jungen
Hauskätzchen waren sie nicht, eher dunkelviolett, sowie Buenas Augen gewesen
waren, als sie zu uns kam.
Dass die Kleinen
auch in der "Milchstar"-Periode ausgezeichnet sehen konnten, stellte sich
schnell heraus. Zuerst hatten sie nur gefaucht, wenn sie mich hörten oder wenn
ich sie anfasste. Jetzt fauchten sie schon, wenn sie mich nur sahen. "Die sind
wenigstens noch echt!" würde Hermien dazu gesagt haben, wenn sie das gesehen
hätte, aber ich traute mich noch nicht, sie ins Kinderzimmer zu lassen. Candy
fühlte sich noch viel zu schnell bedroht.
Die jungen
Oncillas waren fest entschlossen, die Welt jetzt und keine Minute später zu
erobern. Sie wurden
immer beweglicher
und ab und zu fiel einmal eins aus dem Schrank. Dann trug Candy es sofort
zurück. Als Victor zum dritten Mal aus dem Schrank fiel, bekam er "Strafe".
Candy hielt ihn im
Nackenfall fest
und trug ihn immer rundherum durchs Zimmer. Ich habe auf die Uhr gesehen, es
waren ganze acht Minuten. Danach brachte sie ihn wieder in den Schrank zurück
und er blieb völlig ruhig und brav liegen.
Am nächsten Tag
kam ich ins Zimmer und sah, daß im Laufe der Nacht einige der Pullover, die noch
unten in dem Schränkchen aufbewahrt wurden, aus dem Fach gezogen waren und vor
dem Schrank auf der Erde lagen. Ich hatte zu viel zu tun, um grade jetzt die
Pullover weg zu räumen, also legte ich sie zurück in den Schrank und ging fort.
Es gab immer Arbeit und Gloria mußte obendrein noch regelmäßig ihr Fläschchen
haben. So vergaß ich das Ganze.
Einen Tag später
lagen wieder ein paar Pullover auf dem Fußboden . Ich nahm sie auf und brachte
sie in den Wäschekorb. Erst als am dritten Tag die restlichen Pullover vor dem
Schrank lagen und gerade, als ich ins Zimmer kam, eins der Jungtiere aus dem
Schrank fiel, wußte ich wie schlau Candy gewesen war und wie dumm ich war. Das
Kleine war schön sanft auf die Pullover gefallen. Candy hatte haargenau die Zone
mit den Pullovern gepolstert, in die die Kinder fallen konnten. Sie hatte das
erste, beste genommen, was sie dafür zu fassen bekam. Natürlich ließ ich die
Pullover jetzt liegen. Was sind schon ein paar Pullover im Vergleich zu zwei
Oncilla-Babys?
Am Tag danach
hatte Candy ihre Kinder umquartiert. Die ganze Familie wohnte jetzt auf den
Pullovern. Dort blieben sie vorläufig und von dort aus machten die Kleinen ihre
ersten Ausflüge in die "Umgebung". Nur einmal, als unsere Heizung uns eines
Tages im Stich ließ, verließ sie das Pulloverhaus. Wir hatten, schon der
Wildkatzen wegen, immer eine ziemlich hohe Temperatur in der Wohnung. Jetzt
wurde es schnell kühler. Wieder zeigte Candy, wie resolut sie neue Situationen
zu meistern wußte. Sie nahm schnell entschlossen ihre Kinder und zog mit ihnen
zurück in den Schrank. Als nach ungefähr zwei Stunden der Schaden an der
Heizung behoben war und es langsam wieder wärmer wurde, kam sie mit den beiden
wieder zum Vorschein und installierte sich aufs Neue auf den Pullovern. Das war
eine Vorsichtsmaßnahme von Candy, wie man sie oft in der Natur wahrnimmt. Sie
wird einfach so selbstverständlich erwähnt: "Sie bringen ihre Nachkommen in
Sicherheit". Der Prozess der Erwägungen, Einschätzungen, der daran voraus geht,
wird selten ausführlich in Betracht gezogen.
Wenn man bedenkt,
daß Candy bei uns keine Ernährungssorgen kannte, nicht zu jagen brauchte oder
sogar wie viele Tiere in der Natur sich ganze Tage ohne Nahrung durchschlagen
mußte, daß es keine ernst zu nehmende Feinde gab, gegen die sie ihre Jungen
verteidigen mußte, und daß sie trotzdem genug mit der Erziehung ihrer Kinder zu
tun hatte, dann erst versteht man, welch eine großartige Leistung wilde Tiere
vollbringen müssen, die ihre Nachkommen in der Wildnis aufziehen. Sie müssen
meist stundenlang auf Beutefang, wenn sie überleben wollen. Geparden zum
Beispiel sind höchstens in einem von fünf Fällen erfolgreich mit ihrer
anstrengenden Jagd nach wenigstens dem einen Beutetier, das das Minimum ist,
wenn sie nicht verhungern wollen. Das weiß man aus rezenten Beobachtungen.
Natürlich gibt es über Oncillas keine dementsprechenden Wahrnehmungen. Niemand
hat sich je die Mühe genommen, sie in freier Wildbahn zu beobachten oder zu
filmen, wie das mit so vielen anderen, auch sehr kleinen Wildtieren geschehen
ist.
Kaum eine Minute
ließ Candy ihre Kinder aus den Augen. Die Kleinen wurden immer zutraulicher und
kamen angelaufen, wenn ich ins Zimmer kam. Dann war ein kurzer, heller Ausruf
von Candy genug, um sie direkt wieder zurückzurufen. Oder wenn sie wollte, daß
die Kinder endlich vom Fleisch mitessen sollten, gab sie auch wieder ein kurzes
"ürrr" von sich und schon standen sie gehorsam neben dem Teller. Dann
schnüffelten sie am Fleisch und rümpften die Nase: "Fleisch riecht überhaupt
nicht gut." Trotzdem blieben sie sitzen und sahen geduldig zu, wie Candy ihre
Portion verspeiste. Unzählige Gefahren konnten drohen....Bei jedem Geräusch sah
Candy auf, schaute sich um: "Alles in Ordnung? Gut, dann kann ich weiter essen."
Gerade dadurch
machten die Wildkatzen zu Anfang auf uns einen unkonzentrierten Eindruck. Das
geringste Geräusch konnte sie ablenken. So also würde Candy gelebt haben, wenn
sie ihre Kinder "zu Hause" bekommen hätte, immer auf der Hut vor Gefahr, immer
bereit zu flüchten. Die im Erbgut verankerte, alerte Haltung ist nicht durch ein
wenig "Zähmung" zu unterdrücken.
Konzentration auf
eine ganz bestimmte Sache ist ein Luxus unserer Zivilisation. Nur wer sich
vollkommen sicher fühlt, kann sich ganz auf seine Arbeit konzentrieren. Ich
weiß nicht, ob man je untersucht hat, ob es einen Zusammenhang zwischen der
Konzentrationsfähigkeit und Angst und Unsicherheit bei Kindern gibt. Ich würde
wetten, es gibt ihn. Ich glaube, daß man ungeheurer viel vom Umgang mit (wilden)
Tieren lernen kann.
Alles, was ich mit
Candy in diesen Tagen erlebt habe, hat mir nicht nur Bewunderung vor ihren
unermüdlichen Bemühungen abgezwungen, sondern auch vor ihrer Intelligenz. Wenn
man bedenkt, daß sie für ein Leben zwischen Bäumen und Sträuchern "programmiert"
war, dann erst versteht man, wie viel Anpassungsgabe dafür nötig war, ihr
Erziehungsprogramm nach den Gesetzen ihrer Art durchzuführen, während ihr nicht
mehr als ein Zimmer zur Verfügung stand. Das Wechseln der Wohnung, vom Schrank
zum Schränkchen, das Pullovernest anstelle von Moos und Blättern, die
Erziehungsrunden, immer im Zimmer herum, anstatt durch das Gestrüpp, das alles
war ein Beweis ihrer Kreativität.
Wer möchte
bestreiten, daß Kreativität ein Beweis von Intelligenz ist? Man muss sich einmal
den umgekehrten Fall vorstellen: eine Art moderner Genoveva, hier geboren und
erzogen, - wie würde die sich zurecht finden, wenn sie ihre Kinder allein im
Regenwald groß bringen müsste? Besser als Candy könnte sie wohl nicht
improvisieren.
Die Pullover
hatten mit der Zeit an Glanz verloren, nachdem die Familie etwa eine Woche
darauf gewohnt hatte. Ich holte eine Apfelkiste ins Zimmer, die ich schön warm
ausgepolstert hatte, und setzte sie neben die Heizung. Candy verstand sofort was
gemeint war. Sie rief ihre Kinder "ürrr, ürrr!" und dann mussten die Kinder
hinter ihr her laufen, ein gutes Training im Schnell-Lauf. Sie mussten lernen, sich
zu verteidigen oder flüchten. Victor war bei allem frech und selbstbewusst. Er
fing Mutters Schwanz und biß hinein, sprang ihr auf den Rücken und versuchte, in
ihre Ohren zu beißen. Victoria war ängstlich und zögernd, ein etwas
schüchternes, kleines Mädchen. Wenn Victor mit ihr dieselben wilden Spiele
spielen wollte wie mit seiner Mutter, dann fauchte sie und versteckte sich
hinter Candy.
Dann, eines Tages,
tat Victor den ersten Schritt zur Selbstständigkeit: er ging zum Teller, nahm
ein Stück Fleisch und schleppte es in eine Ecke des Zimmers. Dort aß er es auf.
Ich war so begeistert, daß ich gleich ein weiteres Stückchen nahm und es ihm
geben wollte, aber Candy drehte sich abrupt nach mir um und "schlittschuhte" mit
den Hinterpfoten. Sie legte ihre Ohren zurück und schlug mit dem Schwanz. Zum
ersten Mal, seit sie bei uns war, drohte sie mir. "Kümmere Dich um deine eigenen
Sachen. Dies hier geht dich nichts an. Ich erziehe meine Kinder selbst!"
Jeden Abend war
Sportstunde. Die Kinder wurden immer wilder. Manchmal kletterten sie auf meinem
Rücken und sprangen von dort mit einem Satz wieder auf den Fußboden. Manchmal
ließ Candy sie gewähren, aber dann wieder rief sie sie zur Ordnung. Das hing
ganz von ihrer Laune ab oder vielleicht auch von ihrer Beurteilung der
Situation.
Ein anderer
Programmpunkt war das "Spazierengehen". Candy lief im Zimmer hin und her und die
Kinder im Gänsemarsch hinterher. Erst Victor und dann Victoria. Mit kleinen
Lauten gab Candy die Richtung an: "hierhin", "dorthin". Dann liefen sie auch
manchmal im Kreis um mich herum, erst große Kreise, dann immer kleinere. Ich
erwartete, daß Candy die Kinder zu mir führen würde, aber das geschah nie.
Trotzdem wurden die Kleinen mit jedem Tag zutraulicher. Vor allem für Victor
war ich so eine Art Kletterbaum. Seine spitzen, kleinen Krallen brachten mir
manchen Kratzer ein. Man gewöhnte sich daran, merkte es schon gar nicht mehr.
Victoria war etwas vorsichtiger im Umgang mit menschlichen Wesen, aber sie ließ
sich doch von mir streicheln, wenn ich mit dem Futter kam.
Oft kam Emeralda
jetzt mit mir ins Kinderzimmer, mal mit, mal ohne ihre kleine Niña. Emeralda war
etwas wie eine Tante für die kleinen Oncillas geworden. Sogar in Candys
Apfelkistenhaus wurde sie geduldet. Das war ein großes Vorrecht. Niña war
längst ein geliebter Spielgefährte für die Kleinen.
Das Klappbett
stand noch immer im Zimmer. Die Nächte bei den Oncillas hatten mich ziemlich
geschafft, zu oft hatte ich mich nicht getraut zu schlafen, um nur nichts zu
verpassen. Also schlief ich jetzt in der Nacht wieder im eigenen Bett. Nur am
Nachmittag legte ich mich für ein halbes Stündchen auf das Klappbett, so konnte
ich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Das Angenehme war es, die
Jungtiere zu beobachten, das Nützliche, daß ich ein wenig ausruhte.
Oft, wenn ich kam,
lag Candy mit ihren Kitten jetzt auf dem Bett. Wenn ich dann selbst darauf
liegen wollte, mußte ich mich an die Seite drücken oder die Familie Oncilla
etwas wegschieben. Das nahm Candy mir sehr übel. Als ich einmal die Kitten von
"ihrem" Platz weg schob, fauchte sie in meine Richtung, griff Victoria mit der
Schnauze und brachte sie in die Apfelkiste. Victor wollte bei mir bleiben, aber
ein kleiner Ruf von Candy genügte und er folgte ihr gehorsam in die Apfelkiste.
Als ich am selben
Abend das Futter brachte, war Candy mir böse, sie fauchte in meine Richtung,
ging mir demonstrativ aus dem Weg und weigerte sich, etwas vom Fleisch zu
nehmen.
Zum Glück war sie
am nächsten Tag wieder etwas gnädiger und ich durfte die Kitten sogar anfassen.
Das gehörte zu den Zugeständnissen, die sie mir zuliebe machte. Im Übrigen war
sie äußerst konsequent. Das Ergebnis waren dann auch sehr gehorsame und - im
Oncillasinn - brave Kinder.
"Völlig anders,
als bei uns Menschen" bemerkte Hermien, "Candys Kinder sind einfach
vorprogrammiert, gute Oncillas zu sein. Wie schön wäre es, wenn wir auch so
programmiert wären, menschlich zu sein, - human meine ich, im besten Sinne des
Wortes. Wie schön wäre es, wenn unsere Kinder auch von selbst immer das Richtige
täten."
"Aufstrebend
musst
du dich bemühen,
doch ohne Mühe
sinkest du.
Der liebe Gott
muss
immer ziehen,
dem Teufel fällt's
von selber zu."
zitierte ich
Wilhelm Busch.
"Ob es nun der
liebe Gott ist, der ziehen muss, oder die Erzieher, es kommt auf dasselbe raus.
Kinder zu anständigen Menschen zu erziehen, ist gar nicht so einfach. Bestrafen
ist unmodern und genetisch ist der Mensch nicht so "gut", wie wir ihn gern
hätten. Darum denke ich manchmal, daß bei der Entwicklung der Menschheit etwas schiefgegangen ist, sonst gäbe es keine Kriege, keine Verbrechen und keine
Menschen- und Tierquälerei."
...Und damit war
Hermien ihrer Zeit weit voraus. Die Stellung der genetischen Fehlentwicklung der
Menschen wurde erst im letzten Jahrzehnt wirklich populär, auch wenn Wilhelm
Busch und andere, etwas ernstere Philosophen das natürlich längst wussten. Nur
drücken die Wissenschaftler das meist etwas komplizierter und vorsichtiger aus.
Als die kleinen
Oncillas sechs Wochen alt waren, wurden sie zum ersten Mal geïmpft. Der Tierarzt
kam und ich war recht nervös, wie die kleinen Wilden sich benehmen würden und
auch wie Candy diesen Übergriff auf ihre Rechte auffassen würde. Ich hätte mich
nicht zu fürchten brauchen. Die Kleinen betrugen sich verhältnismäßig
zivilisiert. Sie kratzten oder bissen nicht, nur Victoria fauchte
leidenschaftlich.
Candy zog sich
zurück und beobachtete alles mit zurückgelegten Ohren und nervösem
Schwanzklopfen, aber ohne weitere Protestkundgebungen. Ich vermute, sie
erkannte die Obermacht von zwei großen Menschen. Innerhalb von wenigen Minuten
war alles vorüber. Der Tierarzt ging fort, nicht ohne seine Begeisterung über
den Nachwuchs von Candy zu äußern, jener Candy, der er einst das Leben gerettet
hatte mit seiner Joghurt-Kur.
Die Babys waren
keine Babys mehr, sondern junge Oncillas und sie würden nun bald mit den anderen
Katzen im Haus Bekanntschaft machen müssen. Dann würde ich auch meine
Aktivitäten wieder etwas gleichmäßiger über den Haushalt verteilen können,
der je länger je mehr von den Vierbeinern beherrscht wurde.
Hermien hatte die
Kleinen zwar bis jetzt nur eben von draußen durch die Fenster gesehen, aber sie
nahm lebhaften Anteil an ihrem Ergehen und ich erzählte ihr alles ausführlich.
"Alles was wir
hier erleben ist doch ein klarer Beweis, daß die Tiere dieselben Regungen und
Erwägungen haben, wie wir Menschen." war ihr Kommentar. "Nur denken sie
unkomplizierter, zweifeln nicht erst lange, ob sie dies tun sollen oder
vielleicht doch das. Viele Leute wollen das wohl hauptsächlich darum nicht
einsehen, weil sie ihr Privilegium, das einzige intelligente Lebewesen auf der
Erde zu sein, nicht aufgeben wollen. Leute, die den Tieren Verstand und
dasjenige, was wir so schön Seele nennen, bestreiten, sind in meinen Augen
dümmer als die Tiere. Dumm, weil sie so auf sich selbst fixiert sind, daß sie
nicht einmal im Stande sind, sich in die Regungen der Tiere zu versetzen."
"Vergiss nicht, daß
die Schuld dafür bei den Lehrmeistern liegt, die diese Thesen verkünden."
"Wobei wir wieder
bei unserem Lieblingsthema sind, dem des selbstständigen Denkens, statt
blindlings den falschen Propheten zu folgen."
Viele Jahre später
haben Hermien und ich noch einmal an das Gespräch zurück gedacht. Die
Erkenntnisse der modernen Wissenschaft bestätigen unsere Wahrnehmungen von
damals. Tiere wissen, können denken und fühlen viel mehr, als die Menschheit bis
vor Kurzem in ihrer egozentrischen (anthropozentrischen) Haltung dem Rest der
Schöpfung gegenüber eingesehen hatte. Diejenigen, die mit den
verschiedenartigsten Heillehren diese Sonderstellung des Menschen innerhalb der
Schöpfung verkündet haben, kämpfen einen verlorenen Streit für ein Dogma, das
durch die Realität der Wissenschaft bereits entlarvt ist.
Hermien und ich
erinnern uns auch, daß im Grunde in jenen Tagen der Gedanke an dieses Buch
entstanden ist. Es war Hermiens Idee, als sie zum ersten Mal die kleinen
Oncillas ansehen konnte. Sie sagte nachdenklich: "Jetzt bin ich einer der ganz
wenigen Menschen auf dieser Erde, der Junggeborene Oncillas gesehen hat. Die
meisten Menschen kennen nicht einmal den Namen. Und wenn sie ihn hören, dann nur
als den Namen vom Material, aus dem Pelzmäntel gemacht werden. Wer weiß schon,
daß eine junge Oncilla eine ganz besondere Persönlichkeit ist? Dass sie sich
anpassen kann, sich zu etwas entschließen, lieb haben oder sich fürchten? Ich
fühle mich bevorzugt, weil ich das anschauen darf. Eigentlich müsstest du ganz
vielen Menschen dieses Wunder zeigen!“
"Um Gottes Willen,
davon würden die armen Viecher wohl völlig durchdrehen", sagte ich und dachte
heimlich "..und ich auch!"
...und Hermien
wieder: "Aber du könntest wenigstens alles, was du mit den Tieren erlebt hast,
als Buch zusammen fassen. Damit würdest du doch auch andere teilnehmen
lassen."
"Wie stellst du
dir das vor? Ich habe so schon zu wenig Schlaf und weiß manchmal nicht, wo mir
der Kopf steht."
"Ich verstehe,
aber führe wenigstens Tagebuch, damit du später nichts vergessen hast, wenn du
einmal mehr Zeit hast." sagte Hermien, die ziemlich beharrlich ist. Noch immer
ist sie das übrigens, denn sie ist, zusammen mit meinem Mann, die treibende
Kraft, die mich immer wieder zum Schreiben anhält.
Wenn ich damals
nicht wußte, wo mir der Kopf stand, dachte ich an die Worte von Konrad Lorenz,
der von den Unbequemlichkeiten erzählt, die seine Frau dadurch erdulden mußte,
daß er seine vielen Tiere frei im Hause hielt.
"Man wird mich
fragen, ist denn das alles unbedingt notwendig? Und meine Antwort wird ein
lautes und deutliches "Ja" sein. Gewiß kann man Tiere auch in salonfähigen
Käfigen halten. Kennen lernen jedoch kann man höhere und geistig regsame Tiere
nur dann, wenn sie sich frei bewegen dürfen." (Konrad Lorenz: "Er redete mit dem
Vieh, den Vögeln und den Fischen.")
Wir haben viele
Jahre bürgerlicher Durchschnitts-Politur gegen eine Erfahrung eingetauscht, die
uns das Wesen der Tiere näher brachte. Mein Mann und ich haben das nie bereut.
Ich hoffe so sehr, daß ich ein wenig von unseren Erfahrungen weiter geben kann,
gerade jetzt, wo es höchst unwahrscheinlich ist, daß noch viele Menschen
Oncillas beobachten können, da deren Existenz mehr denn je bedroht ist. Die
kleinen Tigerkatzen wie Candy und Milagro stehen nicht einmal auf der Liste der
bedrohten Tierarten, dazu sind sie viel zu unbekannt und für die meisten
Menschen zu unbedeutend. Noch immer sieht man Pelzmäntel mit dem Muster der
Kleinfleckkatzen.
Der englische
Zoologe Paul Appleby hat ein Buch geschrieben "Wildside Rainforests", deutsche
Übersetzung: "Leben in den Regenwäldern". Darin gibt es ein schönes Foto von
einer Margay. Appleby schreibt u.a. "Das gröβte Problem liegt darin, daß man
ein Fell eines geschützten jungen Ozelots kaum unterscheiden kann vom Fell
einer nicht geschützen Langschwanzkatze. Außerdem werden die meisten
Katzen in der Wildnis in Fallen gefangen und Fallen können nicht zwischen
"geschützt" und "ungeschützt" entscheiden. Für den einen Mantel müssen 40
bis 50 Langschwanzkatzen gefangen und getötet werden."
Wie viele von den
Kleinkatzen wie Oncillas und Kleinfleckkatzen für einen Pelzmantel sterben,
schreibt Mr. Appleby gar nicht erst, aber es werden ungezweifelt mindestens
zweimal so viel sein. Und jedes dieser Felle war Teil eines Wesens mit gleich
viel Recht auf Leben, wie wir es zu haben behaupten, und jedes würde, wenn wir
es kennen lernten, einen genau so fantastischen Charakter haben wie Candy und
Buena.
Wilde Katzen,
große und kleine sind hoch intelligente, wertvolle Lebewesen. Auch für sie
gelten die Worte von Jacques Cousteau im Zusammenhang mit den Grausamkeiten, die
die Menschen an Walfischen begehen: "Kaum hat der Mensch bei einem anderen
Wesen Intelligenz entdeckt, da versucht er es schon in seine eigene Dummheit zu
verstricken."
Inhaltsverzeichnis