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"In allen Menschen lebt ein tiefes,
unentrinnbares Verlangen nach Tieren,
ein dringendes Verlangen,
für das es keinen Ersatz gibt."
(Paul Sheppard: "Thinking animals")
Es gibt Leute die behaupten,
dass es rote Rosen für sie regnen sollte, andere gibt es, die beim ersten,
besten Missgeschick verkünden, dass sie nun einmal immer Pech haben. Da nun in
dieser Geschichte außer den Tieren auch die dazu gehörigen Menschen eine Rolle
spielen, kann ich wohl gleich etwas von mir verraten. Ich behaupte immer, dass
mir irgendeiner meiner Vorfahren ein "Durchhalte-Gen" vererbt haben
muss, das mir
in schlimmen Situationen immer eine große Hilfe war.
Schlimm war es wirklich. Ich
hatte etwas so Schönes, so paradiesisch Ursprüngliches besessen und wusste nur,
dass das nicht alles gewesen sein konnte. Also stürzte ich mich in die Arbeit.
Ich holte alles an Büchern ins Haus, das nur irgendwie mit Wildkatzen zu tun
hatte, wissenschaftliche Abhandlungen oder einfach Erzählungen, ich las alles
ganz wahllos. Ich besuchte alle Zoos, die erreichbar waren und fragte nach
Adressen, wo man eventuell eine südamerikanische Wildkatze kaufen könnte. Ich
wurde überall mehr oder weniger freundlich abgewiesen. Irgendeine verwöhnte
Frau, die sich in den Kopf gesetzt hatte, etwas besonderes haben zu wollen, die
musste man schnell wieder loswerden!
Eine Freundin, die das
Margay-Drama mit erlebt hatte, verstand meinen Kummer. Sie war Ärztin und sie
hatte einen Patienten, der einen jungen Löwen aufzog. Der kleine Löwe war im
Tiergarten von seiner Mutter verstoßen worden und sollte eigentlich von der
Hündin des Herrn F. gesäugt werden. Aber irgendwie hatte das nicht geklappt und
der Herr war selbst zur Löwenpflegemutter avanciert.

Verspielt wie ein
Kätzchen

Freerk durfte ihm
das Fläschchen geben
Meine Freundin, Gré Jebbink,
arrangierte einen Besuch bei der Löwen-Pflegefamilie für meinen Sohn Freerk und
mich. Und wieder war da diese Erfahrung ein Tier zu sehen, das uns früher immer
als "wildes Tier" vorgestellt wurde und dem man ansah, dass es völlig unberührt
von "gut" und "böse" und ganz unbefangen den Menschen gegenüber war. Seine
"Pflegemutter" gab ihm ein Fläschchen mit einer speziell zubereiteten Milch und
danach - zu unserem Erstaunen- leckte er dem Löwenbaby das Bäuchlein.
"Das hat er nötig", sagte Herr
F. "Das macht eine echte Löwenmutter auch."

Seine Ziehmutter
leckte ihn, wie es eine Löwenmutter auch getan haben würde
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Obwohl es zeitlich vorgreifend ist, muss ich die
Löwengeschichte doch zu Ende erzählen. Der kleine Löwe wuchs zu einem gesunden
Tier heran und wurde, sobald er von normaler Löwennahrung (Fleisch) leben
konnte, von dem Zoo, der ja der rechtmäßige Eigentümer war, zurück geholt.
Schließlich hatten die Pflegeeltern keinerlei Recht auf ihn. Noch einmal haben
sie ihn wieder gesehen. Weil er so zahm und menschenfreundlich war, hatte man ihn
an eine Warenhauskette verkauft oder vielleicht auch vermietet oder ausgeliehen.
Dort lag er im Schaufenster, mager, traurig und verängstigt.
Frage: hätte man ihn nicht
besser gleich im Zoo sterben lassen sollen, wenn man ihm später doch kein
löwenwürdiges Leben bieten wollte? Und wer ist nun hier böse, das schreckliche
Wildtier oder die nette Menschheit? Wo sind die wahren Wilden?

Der Kleine Löwe
Auf meiner Suche nach Adressen,
wo man mir eine südamerikanische Wildkatze vermitteln könnte, gab mir jemand
eine Anschrift in Ecuador. Dorthin schrieb ich, legte ein Foto von "Margaytje"
ein und erklärte, dass ich ein solches Tier, eine Margay, erwerben wolle. Von
dort hörte ich vorläufig erst einmal nichts.
Ich muß nun wohl einfügen, daß
es damals noch kein Einfuhrverbot für Wildkatzen oder andere exotische Tiere
gab, so wie es heute besteht. Selbst von den Gründen, derentwegen dieses Verbot
besteht, hatte man Anfang der sechziger Jahre, von denen ich erzähle, noch
nichts gehört. Wohl hatte ich darüber nachgedacht, ob man es einem Tier antun
dürfe, es aus seiner Umgebung zu holen. Die Antwort darauf gab mir ein
holländischer Missionar, der in Bolivien stationiert war und der gerade, wie man
mir mitgeteilt hatte, seine Eltern in Nijmegen besuchte. Ich bat ihn um ein
Gespräch und hörte, ich sei willkommen.
Ich erzählte ihm von meinem "Margaytje"
und zeigte ihm die Fotos. Er sah sie sich an und sagte: "Ja, solche Wildkatzen
gibt es in Bolivien auch, oder wenigstens ähnliche."
"Sind die auch so zahm?" fragte
ich ahnungslos. Und dann erzählte er mir, daß die Wildkatzen dort, wenn man sie
sichtet, erschossen, mit Pfeilen getötet oder in Schlingen gefangen werden.
Als ich entsetzt reagierte, sagte er nüchtern: "Das ist Broterwerb für die
Eingeborenen. Sie verkaufen die Felle und essen das Fleisch. Das schmeckt sehr
gut," sagte er, "ich habe es selbst gegessen. Der Geschmack ähnelt ein wenig dem
von Rehbraten."
"Vielfach sind es die säugenden
Katzen, die getötet werden.", fuhr er fort. "Sie wagen sich, weil der Hunger
sie unvorsichtig macht, auf der Suche nach Nahrung oft in die Nähe der
Menschen. Wenn die Mutterkatze getötet ist, machen sich die Kinder der Leute auf
die Suche nach den Jungtieren und holen sie, um damit zu spielen oder, wenn sie
Glück haben (die Kinder meinte er, nicht die Tiere, die fielen erkennbar
außerhalb seiner missionarischen Verantwortung), dann können sie die kleinen
Katzen am Hafen oder in der Stadt an Touristen verkaufen oder an einen
Tierhändler. Der verkauft sie dann wieder weiter, wenn sie ihm nicht vorher
eingehen."
Einem solchen Tierchen, das
sonst vielleicht sterben muss, die Chance zum Überleben zu geben, fand ich
gerechtfertigt und würde das auch heute noch finden. Meine späteren Erfahrungen
haben mir recht gegeben.
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In der Wochenzeitschrift "Elseviers
Weekblad" las ich einen Artikel von Joost de Klerk über südamerikanische
Jaguarundis, die er im Tiergarten Artis in Amsterdam gesehen hatte.
Gleich schrieb ich an Joost de
Klerk, ob er mir mitteilen könne, wie diese Jaguarundis nach Holland gekommen
seien und ob er mir helfen könne, eine südamerikanische Wildkatze zu bekommen.
Ich erzählte ihm von meinem kleinen Margaytje und schickte Fotos mit.
Schon bald bekam ich Antwort.
Den Importeur der Jaguarundis kenne er zwar nicht, aber er hätte da einen Tip.
Er wisse nämlich, dass die Firma Verolme eine Filiale in Jacuacanga in Brasilien
habe.
Die Firma Verolme war eine
große, wohl damals die größte holländische Werft. Der Eigentümer, Herr Cornelis
Verolme, war gleichzeitig der Gründer des Betriebes. Von ihm verriet Joost de
Klerk mir, dass er sehr viel Interesse am Besonderen habe, ein großer Tierfreund
sei und auch viel Interesse an allem habe, das der Publizität seiner Werften
diene. Wenn ich ihn darum bitten würde, mir aus Jacuacanga eine Wildkatze zu
besorgen und wenn ich dazu schreiben würde, daß ich bei allem, was ich darüber
publizieren würde, den Namen Verolme nennen wolle, dann wäre das vielleicht
eine Chance.
Jetzt hatte das Schicksal
wieder einmal zugeschlagen. Ich schrieb: "Sehr geehrter Herr Verolme, ich habe
da eine merkwürdige Bitte.........."
Von der Firma Verolme hörte
ich vorläufig einmal nichts und ich tröstete mich mit der Arbeit an der
Erfüllung meines "Alternativ-Wunsches", nämlich dem Erwerb einer
Abessinierkatze. Ich hatte einmal einen Abessinierkater auf einer
Katzenausstellung gesehen und ihn sehr bewundert.
Allerdings, Abessinierkatzen
waren damals beinah so selten wie Wildkatzen und man musste schon lange und
ausführlich mit -meist englischen- Züchtern korrespondieren, ehe man jemand
finden wollte, der Jungtiere hatte und obendrein auch noch bereit war, eine
davon zu verkaufen.
Ich besaß ein Katzenbuch, in
dem die Abessinier beschrieben wurden, komplett mit dem "Standard", also der
Beschreibung einer Abessinierkatze, so wie sie den Zucht- und
Ausstellungsanforderungen nach aussehen sollte. An eine renommierte, englische
Züchterin schrieb ich, dass ich so gern ein Abessinier-Jungtier kaufen möchte.
Um sicher zu sein, dass sie auch wusste, was für ein Tierchen ich meinte, schrieb
ich den Standard ab: so sollte sie aussehen!
Fast umgehend kam die Antwort:
"Dear Mrs. Falkena, I am afraid you are looking for the impossible cat!"
Vorläufig gäbe es sicher nirgendwo auf der Welt eine so vollkommene Katze, die
in allen Punkten dem Standard entspräche. Im Augenblick habe sie überhaupt keine
jungen wildfarbenen Abessinier, denn die seien noch außerordentlich selten und
man müsste sie eben bestellen und dann warten, bis so ein Jungtier geboren worden
sei.
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Sie selbst hätte im Augenblick
nur "rote" Abessinier, aber die wären noch nicht vom "Governing Counsel of the
Cat Fancy" anerkannt, d.h. sie bekämen noch keine Stammbäume und könnten nicht
auf Ausstellungen konkurrieren. Allerdings gab sie mir den Namen einer anderen
englischen Züchterin, die grade einen Wurf mit jungen Abessiniern hatte. Dort
könnte ich es ja einmal versuchen.
Die Adresse war dabei, also
schrieb ich wieder.
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