Kapitel 2

 

 Intermezzo

 

"In allen Menschen lebt ein tiefes,
unent­rinnba­res Ver­langen nach Tieren,
ein dringendes Verlangen,
für das es keinen Ersatz gibt."
(Paul Sheppard: "Thinking animals")
 
 

Es gibt Leute die behaupten, dass es  rote Rosen für sie regnen sollte, andere gibt es, die beim ersten, besten Missgeschick verkünden, dass sie nun einmal immer Pech haben. Da nun in dieser Geschichte außer den Tieren auch die dazu gehöri­gen Menschen eine Rolle spielen, kann ich wohl gleich etwas von mir verraten. Ich behaupte immer, dass mir irgendeiner meiner Vorfahren ein "Durchhalte-Gen" vererbt haben muss, das mir in schlimmen Situationen immer eine große Hilfe war.

 

Schlimm war es wirklich. Ich hatte etwas so Schönes, so paradiesisch Ursprüngliches besessen und wusste nur, dass das nicht alles gewesen sein konnte. Also stürzte ich mich in die Arbeit. Ich holte alles an Bü­chern ins Haus, das nur irgendwie mit Wildkatzen zu tun hatte, wissenschaftliche Abhandlungen oder einfach Erzählun­gen, ich las alles ganz wahllos. Ich besuchte alle Zoos, die erreichbar waren und fragte nach Adressen, wo man eventu­ell eine südamerikanische Wildkatze kaufen könnte. Ich wurde überall mehr oder weniger freundlich abgewiesen. Irgendeine verwöhnte Frau, die sich in den Kopf gesetzt hatte, etwas besonderes haben zu wollen, die musste man schnell wieder loswerden!

 

Eine Freundin, die das Margay-Drama mit erlebt hatte, verstand meinen Kummer. Sie war Ärztin und sie hatte einen Patienten, der einen jungen Löwen aufzog. Der kleine Löwe war im Tiergar­ten von seiner Mutter verstoßen worden und sollte eigentlich von der Hündin des Herrn F. gesäugt werden. Aber irgendwie hatte das nicht geklappt und der Herr war selbst zur Löwen­pflegemutter avanciert.

 

 

Verspielt wie ein Kätzchen

 

 

 

Freerk durfte ihm das Fläschchen geben

 

Meine Freundin, Gré Jebbink, arrangierte einen Besuch bei der Löwen-Pflegefamilie für meinen Sohn Freerk und mich. Und wieder war da diese Erfahrung ein Tier zu sehen, das uns früher immer als "wildes Tier" vorgestellt wurde und dem man ansah, dass es völlig unberührt von "gut" und "böse" und ganz unbefangen den Menschen gegenüber war. Seine "Pflegemutter" gab ihm ein Fläschchen mit einer speziell zubereiteten Milch und danach - zu unserem Erstaunen- leckte er dem Löwenbaby das Bäuchlein.

 

"Das hat er nötig", sagte Herr F. "Das macht eine echte Löwen­mutter auch."

 

 

 

Seine Ziehmutter leckte ihn, wie es eine Löwenmutter auch getan haben würde

 

 

10

 

Obwohl es zeitlich vorgreifend ist, muss ich die Löwenge­schich­te doch zu Ende erzählen. Der kleine Löwe wuchs zu einem gesunden Tier heran und wurde, sobald er von normaler Löwen­nahrung (Fleisch) leben konnte, von dem Zoo, der ja der rechtmäßige Eigentümer war, zurück geholt. Schließlich hatten die Pflegeeltern keinerlei Recht auf ihn. Noch einmal haben sie ihn wieder gesehen. Weil er so zahm und menschenfreundlich war, hatte man ihn an eine Warenhauskette verkauft oder vielleicht auch vermietet oder ausgeliehen. Dort lag er im Schaufenster, mager, traurig und verängstigt.

 

Frage: hätte man ihn nicht besser gleich im Zoo sterben lassen sollen, wenn man ihm später doch kein löwenwürdiges Leben bieten wollte? Und wer ist nun hier böse, das schreckliche Wildtier oder die nette Menschheit? Wo sind die wahren Wilden?

 

Der Kleine Löwe

Auf meiner Suche nach Adressen, wo man mir eine südamerikani­sche Wildkatze vermitteln könnte, gab mir jemand eine An­schrift in Ecuador. Dorthin schrieb ich, legte ein Foto von "Margayt­je" ein und erklärte, dass ich ein solches Tier, eine Margay, erwerben wolle. Von dort hörte ich vorläufig erst einmal nichts.

 

Ich muß nun wohl einfügen, daß es damals noch kein Ein­fuhrverbot für Wildkatzen oder andere exotische Tiere gab, so wie es heute besteht.  Selbst von den Gründen, derentwegen dieses Verbot besteht, hatte man Anfang der sechziger Jahre, von denen  ich erzähle, noch nichts gehört. Wohl hatte ich darüber nachgedacht, ob man es einem Tier antun dürfe, es aus seiner Umgebung zu holen. Die Antwort darauf gab mir ein holländischer Missionar, der in Bolivien stationiert war und der gerade, wie man mir mitgeteilt hatte, seine Eltern in Nijmegen besuchte. Ich bat ihn um ein Gespräch und hörte, ich sei willkommen.

 

Ich erzählte ihm von meinem "Margaytje" und zeigte ihm die Fotos. Er sah sie sich an und sagte: "Ja, solche Wildkatzen gibt es in Bolivien auch, oder wenigstens ähnliche."

"Sind die auch so zahm?" fragte ich ahnungslos. Und dann erzählte er mir, daß die Wildkatzen dort, wenn man sie sich­tet, erschossen, mit Pfeilen getötet oder in Schlingen gefan­gen werden. Als ich entsetzt reagierte, sagte er nüchtern: "Das ist Broterwerb für die Eingeborenen. Sie verkaufen die Felle und essen das Fleisch. Das schmeckt sehr gut," sagte er, "ich habe es selbst gegessen. Der Geschmack ähnelt ein wenig dem von Rehbraten."

 

"Vielfach sind es die säugenden Katzen, die getötet werden.",  fuhr er fort. "Sie wagen sich, weil der Hunger sie unvorsich­tig macht, auf der Suche nach Nahrung oft in die Nähe der Menschen. Wenn die Mutterkatze getötet ist, machen sich die Kinder der Leute auf die Suche nach den Jungtieren und holen sie, um damit zu spielen oder, wenn sie Glück haben (die Kinder meinte er, nicht die Tiere, die fielen erkennbar außerhalb seiner missionarischen Verantwortung), dann können sie die kleinen Katzen am Hafen oder in der Stadt an Touristen verkaufen oder an einen Tierhändler. Der verkauft sie dann wieder weiter, wenn sie ihm nicht vorher eingehen."

 

Einem solchen Tierchen, das sonst vielleicht sterben muss, die Chance zum Überleben zu geben, fand ich gerechtfertigt und würde das auch heute noch finden. Meine späteren Erfahrungen haben mir recht gegeben.

 

 

11

 

 

In der Wochenzeitschrift "Elseviers Weekblad" las ich einen Artikel von Joost de Klerk über südamerika­nische Jaguarundis, die er im Tiergarten Artis in Amsterdam gesehen hatte.

 

Gleich schrieb ich an Joost de Klerk, ob er mir mitteilen könne, wie diese Jaguarundis nach Holland gekommen seien und ob er mir helfen könne, eine südamerikanische Wildkatze zu bekommen. Ich erzählte ihm von meinem kleinen Margaytje und schickte Fotos mit.

 

Schon bald bekam ich Antwort. Den Importeur der Jaguarundis kenne er zwar nicht, aber er hätte da einen Tip. Er wisse nämlich, dass die Firma Verolme eine Filiale in Jacuacanga in Brasilien habe.

 

Die Firma Verolme war eine große, wohl damals die größte holländische Werft. Der Eigentümer, Herr Cornelis Verolme, war gleichzeitig der Gründer des Betriebes. Von ihm verriet Joost de Klerk mir, dass er sehr viel Interesse am Besonderen habe, ein großer Tierfreund sei und auch viel Interesse an allem habe, das der Publizität seiner Werften diene. Wenn ich ihn darum bitten würde, mir aus Jacuacanga eine Wildkatze zu besorgen und wenn ich dazu schreiben würde, daß ich bei allem, was ich darüber publizie­ren würde, den Namen Verolme nennen wolle, dann wäre das vielleicht eine Chance.

 

Jetzt hatte das Schicksal wieder einmal zugeschlagen. Ich schrieb: "Sehr geehrter Herr Verolme, ich habe da eine merk­würdige Bitte.........."

 

Von der Firma Verolme  hörte ich vorläufig einmal nichts und ich trös­tete mich mit der Arbeit an der Erfüllung meines "Alternativ-Wunsches", nämlich dem Erwerb einer Abessinierkatze. Ich hatte einmal einen Abessinierkater auf einer Katzenausstellung gesehen und ihn sehr bewundert.

 

Allerdings, Abessinierkatzen waren damals beinah so selten wie Wildkatzen und man musste schon lange und ausführlich mit -meist englischen- Züchtern korrespondieren, ehe man jemand finden wollte, der Jungtiere hatte und obendrein auch noch bereit war, eine davon zu verkaufen.

 

Ich besaß ein Katzenbuch, in dem die Abessinier beschrieben wurden, komplett mit dem "Standard", also der Beschreibung einer Abessinierkatze, so wie sie den Zucht- und Ausstellungs­­anforderungen nach aussehen sollte. An eine renommierte, englische Züchterin schrieb ich, dass ich so gern ein Abessinier-Jungtier kaufen möchte. Um sicher zu sein, dass sie auch wusste, was für ein Tierchen ich meinte, schrieb ich den Standard ab: so sollte sie aussehen!

 

Fast umgehend kam die Antwort: "Dear Mrs. Falkena, I am af­raid you are looking for the impossible cat!" Vorläufig gäbe es sicher nirgendwo auf der Welt eine so voll­kommene Katze, die in allen Punkten dem Standard entspräche. Im Augenblick habe sie überhaupt keine jungen wildfarbenen Abessinier, denn die seien noch außerordentlich selten und man müsste sie eben bestellen und dann warten, bis so ein Jungtier geboren worden sei.

 

 

 

 

12

 

 

Sie selbst hätte im Augenblick nur "rote" Abessinier, aber die wären noch nicht vom "Gover­ning Counsel of the Cat Fancy" anerkannt, d.h. sie bekämen noch keine Stammbäume und könnten nicht auf Ausstellungen konkurrieren. Allerdings gab sie mir den Namen einer anderen englischen Züchterin, die grade einen Wurf mit jungen Abessi­niern hatte. Dort könnte ich es ja einmal versuchen.

 

Die Adresse war dabei, also schrieb ich wieder.

 

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