Wenn Besucher
kamen, wurden sie in das immer noch ziemlich makellose Wohnzimmer geführt. Die
"Katzenleute" (wie Hermien sie immer nannte) sagten dann mit kritischer Miene:
"Bei uns dürfen die Katzen ins Wohnzimmer, sie leben mit uns", und die
Nichtkatzenliebhaber sagten: "Schade um das schöne Haus, alles für die Katzen."
Hermien dagegen
war begeistert: "Das habt Ihr prima gemacht, so hat jeder, was er braucht. Mach
dir nichts draus, was die Leute sagen. Leute gibt es so viele, Margays und
Oncillas nur wenig. Was findest du wichtiger?"
Das untere
Katzenzimmer wurde nun erst einmal als Wochenstube für Candy umgebaut. Dieses
Mal wollte ich kein einziges Risiko eingehen. Es wurde ein Klappbett
hereingesetzt, damit ich auch in der Nacht bei Candy sein könnte, wenn das große
Ereignis sich anmeldete. Die aus dem ehemaligen Mottenschrank geschaffene
"Höhle" wurde neu gepolstert. Ein schönes Körbchen wurde hineingesetzt, das
"höhlenartig" geformt war. Mehr konnten wir jetzt nicht tun.
Am 7. September
wurde Candy auf einmal ganz unruhig, sie lief hin und her, machte dauernd
Runden durch das Zimmer. Dabei hatte sie in den letzten Tagen fast nur
geschlafen. Es war elf Uhr in der Nacht, ich konnte nichts für sie tun, wollte
nur in ihrer Nähe sein. Auf einmal ging sie zur Tür des Wintergartens, in dem
Buena mit ein paar anderen Katzen war, und machte ein ganz komisches Geräusch.
Es klang fast wie das Bellen eines kleinen Hundes. Ich hatte so einen Laut noch
nie von ihr gehört. Ich hatte den Eindruck, daß sie Buena warnen wollte, jetzt
nur nicht in ihre Nähe zu kommen. Nach einer Weile wurde Candy ruhiger und
irgendwann muss ich auch eingeschlafen sein.
Gegen Morgengrauen
des nächsten Tages wurde ich durch einen Laut geweckt, der wie ein Quäken klang,
ziemlich laut, jedenfalls viel lauter als das Piepen eines neugeborenen
Abessinierbabys. Dann hörte ich Candy lecken und etwas zerbeißen. Das Quäken
dauerte wohl eine halbe Stunde lang an. Ich wagte nicht, mich zu rühren. Candy
hatte in keiner Weise den Eindruck gemacht, daß sie mich nötig hätte. Aber
einschlafen konnte ich nicht mehr, dazu war ich zu aufgeregt.
Es muss wohl etwa
eine halbe Stunde später gewesen sein, da zerbiss Candy wieder etwas und
schleckte danach etwas auf. Aber diesmal quäkte nichts. Vielleicht war es ein
totgeborenes Kitten und Candy fraß es auf? So etwas sollte vorkommen, hatte ich
gehört. Ich konnte nichts tun, nur mich ganz still verhalten. Sogar den Atem
hielt ich an, mein Herz klopfte so laut, daß ich dachte, es könnte Candy stören.
Wieder verging
eine Weile, da hörte ich auf einmal wieder dieses Quäken, diesmal zweistimmig,
eine kräftige Stimme und eine, die etwas höher und etwas kläglich darüber lag.
Ich konnte und durfte noch immer nichts unternehmen. Ich hielt die Spannung
nicht mehr aus. Auf Zehenspitzen schlich ich mich aus dem Zimmer, ging ins
Badezimmer, um zu duschen und mich anzuziehen, und machte mich zu früher Stunde
an die Arbeit.
Im Laufe des Tages
ging ich ein paar Mal auf Zehenspitzen in das Zimmer, wo Candy war. Es war still
in der Höhle, auch Candy rührte sich nicht. Man hätte denken können, daß nichts
und niemand im Zimmer wäre. Erst am Abend traute ich mich näher an die Höhle
heran. Eine halbe Taube brachte ich als Friedenspfand und Abendmahlzeit. Ich
legte die Taube hin und sah, daß Candy das Köpfchen hob. Sie zeigte nicht, daß
sie die Taube überhaupt gesehen hatte. Aber als ich eine halbe Stunde später
zurückkam, saß Candy vor ihrer Höhle und kaute an der Taube. Ich hatte eine
Taschenlampe mitgebracht, mit der leuchtete ich kurz in das Körbchen und sah
zwei winzig kleine Köpfchen, die gleich anfingen zu fauchen, als der Lichtstrahl
auf sie fiel oder vielleicht auch, weil sie mich hörten. So begrüßten mich
Victor und Victoria, unser Oncillanachwuchs.
Es waren, so war
mir von allen Seiten versichert, soweit man wußte, die ersten unter menschlicher
Obhut geborenen Oncillas! Vielleicht war es so. Von den Jaguarundis, den Margays
und den Ozelots wird gesagt, daß die Indianer sie früher auch ab und zu gefangen
hielten und zähmten. Es gibt keine Berichte dieser Art über Oncillas.
Ich muss auf die
nun folgende Zeit etwas ausführlicher eingehen, denn sie ist das
Interessanteste, was dieses Buch zu bieten hat.
Schon am nächsten
Tag saß Candy, als ich ins Zimmer kam, oben auf dem Schränkchen, annex "die
Höhle". Sie ließ ihre Kinder also so schnell schon allein. Zu Anfang erschrak
ich, weil ich dachte, daβ die Kleinen vielleicht tot wären. Abessiniermütter
rühren sich nämlich in den ersten Tagen nach der Geburt ihrer Jungen nicht vom
Fleck. Das geht so weit, daß ich oft das Futter so nah herantragen mußte, daß
sie es im Körbchen gleich verzehren konnten.
Candy war von Haus
aus eine wilde Katze, die Abessinier sind Rasse-, bzw. Hauskatzen, die seit
Generationen von Menschen gezüchtet und zwischen Menschen aufgewachsen sind.
Über die Diskrepanz im Nestverhalten dieser beiden Katzenarten haben wir viel
nachgedacht. Die einfachste Antwort ist wohl diese: die Abessinier rechnen
darauf, daß sie von den Menschen gefüttert werden, die Oncillas nicht. Eine
andere Antwort wäre: die Abessinier sind wachsamer, was ihre Jungen betrifft,
als die Oncillas. Eine völlig unsinnige Annahme, denn die Abessinierjungen
konnten wir ruhig in die Hand nehmen, die jungen Oncillas keineswegs. Außerdem
ist Nestverhalten etwas sehr tief verwurzeltes, nicht etwas das der einzelnen
Situation angepasst wird. Schließlich mussten wir auch die Möglichkeit erwägen,
daß wir uns geirrt haben, wenn wir dachten, daß Oncillas ihre Jungen am Boden,
versteckt unter Sträuchern bekommen, sondern, wie die Margays, im Geäst der
Bäume. Das würde erklären, warum Candy eine Art Aufsichtswache hielt, sichtbar
ohne zu befürchten, daß ihre Kinder in Gefahr sein könnten.
Ich hatte drei
Katzentoiletten aufgestellt, eine nah bei der Höhle, die anderen in den Ecken
des Zimmers. Es stellte sich heraus, daß Candy diejenige benutzte, die am
weitesten vom Nest entfernt war. Sie wollte also ihre Spuren so weit wie möglich
vom Nest entfernt zurücklassen, dafür riskierte sie es, länger vom Nest entfernt
zu sein.
Ich bewachte das
Kinderzimmer wie ein Zerberus. Außer meinem Mann durfte niemand hinein. Die
Katzen wurden sorgfältig vom Eingang des Zimmers ferngehalten. Ich hatte keine
Ahnung was passieren würde, wenn eine, wenn auch noch so kleine Wildkatze
meinte, ihre Jungen verteidigen zu müssen. Natürlich hatte ich nicht mit dem
Erfindungsreichtum der Abessinier gerechnet. Emeralda, Assuntas Tochter, war
grade eine Woche vor der Geburt von Candys Babys Mutter eines winzigen
Abessinierbabys geworden, das wir Nina getauft hatten. Ob das Rufen der kleinen
Oncillas Emeraldas Mutterinstinkt geweckt hatte oder ob es reine Neugier war,
weiβ ich nicht. Jedenfalls war, zu meinem Schrecken, ehe ich es überhaupt
merkte, Emeralda mit mir in Candys Kinderzimmer gelaufen.
Emeralda war sehr
gut mit Candy befreundet. Die beiden schliefen oft zusammen in einem Körbchen
und spielten miteinander. Candy spielte nur mit von ihr Auserkorenen und das
waren ausschließlich Abessinier. Trotzdem fand ich die Situation gar nicht
geheuer, wollte aber nicht eingreifen, ehe überhaupt irgend etwas geschah. (Im
Ernstfall erst einmal ruhig bleiben!!!)
Emeralda ging zum
"Höhlenschrank", schnüffelte daran und sprang dann oben auf den Schrank. Dort
saß sie und blickte von oben herab auf Candy und die Oncillajungen. Candy tat
als ob sie gar nichts bemerkte und blieb ruhig bei ihren Kindern. Ich war
beruhigt und ging hinaus, um noch etwas zu holen. Da schlüpfte auch noch Romy,
eine unserer Hauskatzen, ins Zimmer, einfach zwischen meinen Füßen durch. "Geht
eins gut, dann geht auch das andere gut, Candy hat sich noch nie mit Romy
gestritten", dachte ich, aber ich hatte es noch nicht zu Ende gedacht, da
stürzte sich, nein, nicht Candy, sondern Emeralda auf Romy und attackierte sie
furchtbar.
Das war das Signal
für Candy, die nun auch in Aktion kam und ebenfalls auf die arme Romy zustürzte.
Wenn ich Romy nicht schnell gefangen und aus dem Zimmer gebracht hätte, dann
weiß ich nicht, was aus ihr geworden wäre. Romy hat nie wieder versucht, in das
Zimmer zu gehen, solange die Oncillakitten klein waren und die Tür geschlossen.
Das Ganze lieferte genug Gesprächsstoff mit meinem Mann, als er nach Hause kam,
und auch ein paar Tage später mit Hermien.
Dass Candy Emeralda
in der Nähe ihrer Jungen duldete und die anderen Katzen nicht, das konnte eine
Folge der Freundschaft sein, dachten wir. Aber warum fühlte Emeralda sich
verpflichtet, Candys Nachkommen zu verteidigen? Warum entschloss Candy sich erst
zur Verteidigung ihrer Jungen, nachdem Emeralda das Startzeichen gegeben hatte?
Warum verteidigte Emeralda Candys Kitten gegenüber den anderen Katzen, während
sie ihr eigenes Baby im anderen Zimmer inmitten von anderen Katzen zurück
gelassen hatte? Warum überhaupt formierten sich immer öfter die Wildkatzen und
die Abessinier einerseits und die übrigen Katzen andererseits zu zwei Gruppen,
die sich zwar nicht stritten, aber doch eine deutliche Zusammengehörigkeit mit
der eigenen Gruppe zu haben schienen? Eine Erklärung dafür habe ich nie
gefunden. Selbst Hermien wußte auf alle diese Fragen keine Antwort.
Emeralda besuchte
Candy nun oft, aber sie brachte ihr eigenes Kitten, die kleine Nina, zu Anfang
nicht mit. Später hat sich noch einmal dieselbe Situation mit fast demselben
Ablauf abgespielt, als die Hauskatze Pücky unerwartet in "Candys Zimmer"
schlüpfte. Wieder wurde sie erst von Emeralda attackiert, dann von Candy.
Genau eine Woche
waren Victor und Victoria alt, als Candy ihre beiden Babys schlafend zurückließ
und aus dem Zimmer ging. Das gab mir Gelegenheit, die Kitten endlich einmal in
die Hand zu nehmen. Es ist wichtig, junge Katzen (übrigens auch Hunde) schon
früh zu berühren und aufzunehmen, wenn man will, daß sie später zahm und
zutraulich sein werden. Sie gewöhnen sich dann an den Duft der Menschen und
erfahren ihn so später nicht als etwas Bedrohliches, Fremdes.
Als ich die
Winzlinge in der Hand hatte, sah ich, wie schön goldfarbig das Fell war mit
schon richtigen kleinen Pantherflecken. Es waren allerdings noch dichte
Flecken, nicht offenen Ringe wie bei Candy. Ich wußte, daß die Flecken sich
erst später "öffnen" würden. Ich legte die Jungen auf die Waage und siehe da,
sie hatten ein gutes Gewicht: Victor wog ganze 250 Gramm und Victoria immerhin
195 Gramm. Keine junge Mutter hätte stolzer sein können als ich. Ich zog das
Körbchen etwas aus dem Schrank, um die ersten Fotos von den Beiden zu machen.
Die Fotos sind, wie man sehen kann, ganz gut gelungen, wenn man bedenkt, wie
klein die zu fotografierenden Objekte waren und die Fotoapparate noch nicht die
Perfektion der heutigen hatten..
Während ich die
Fotos machte, sah ich, daß das Flanelltuch, das in dem Körbchen lag, sehr
schmutzig war. Es lag da schließlich seit der Geburt der Jungtiere. Ich nahm ein
neues, holte das alte aus dem Korb und legte meine Schätze schön säuberlich auf
das frische Tuch. Dann setzte ich das Körbchen zurück. Candy würde sich freuen,
daß ich so gut für sie sorgte, dachte ich. Die Abessinier liebten es
schließlich auch immer, wenn sie gleich nach der Geburt der Jungen saubere
Tücher bekamen. Sie räkelten sich dann wohlig auf dem weichen, warmen Stoff.
Ich hatte mich
gründlich geirrt. Nach einer Weile kam Candy zurück ins Zimmer und dann war
gleich die Hölle los. Sie ging auf das Körbchen zu, schnüffelte, fauchte, holte
eins der Kitten aus dem Korb, warf es richtig heraus, griff das andere, das
verzweifelt schrie. Das erste versuchte zu flüchten. Candy biß es so fest, daß
ich sie anschrie: "Candy, lass los! Las los, Candy!" So böse hatte ich noch nie
mit ihr gesprochen. Sie erschrak, ließ das Kitten fallen, aber sie packte es
gleich wieder zurück. Ich hätte das Kleine "retten" wollen, aber ich wußte, daß
ich damit alles noch schlimmer machen würde. Candy schleppte ausgerechnet das
zartere Kitten, Victoria, im Zimmer herum, immer rund herum, an den Wänden
entlang, wohl eine Viertelstunde. Auf meine beruhigenden Worte reagierte sie
überhaupt nicht. Ich existierte einfach nicht für sie.
In meiner
Verzweiflung rief ich in Wuppertal an, bei Herrn Professor Leyhausen. "Schnell
das alte Tuch zurückholen, es wieder in den Korb legen und Candy völlig in Ruhe
lassen!" riet er mir. Das Tuch lag in der Mülltonne aber es mußte wieder her.
Ich legte es einfach über das saubere Tuch und ging schnell aus dem Zimmer.
Erst am Abend
traute ich mich wieder hinein. Ich ging zur Höhle, sah hinein... sie war leer!
Im Zimmer stand
ein halbhoher Schrank. Er hatte etwa die Höhe einer Kommode, aber er hatte nur
oben eine Schublade, darunter zwei Fächer. Im oberen Fach bewahrte ich die
Flanelltücher, von denen ich eins für das Körbchen genommen hatte. Unten lagen
in zwei Stapeln einige Pullover, die gerade nicht gebraucht wurden. In der Eile
hatte ich die Tür des Schränkchens offen gelassen. Ich sah hinein und bemerkte,
daß sich im oberen Fach etwas bewegte. Candy war umgezogen, mit beiden Kindern
lag sie nun auf den (sauberen, - wer sagt's denn?)
Flanelltüchern. Sie hatte nach der "Zerstörung" ihres alten Hauses ein neues
gesucht. Als ich sah, daß beide Kitten sich bewegten, war ich sehr erleichtert.
Erst später
begriff ich, was sich da eigentlich aus der Sicht von Candy zugetragen hatte.
Sie hatte ihre Kinder in einer Höhle bekommen, die sie selbst gewählt hatte und
die ihr Sicherheit bot. Als sie auf "Beutesuche" war, hatte man ihr das Haus im
wahrsten Sinne des Wortes "entfremdet", denn ein Haus das den vertrauten Duft
nicht mehr hat, ist fremd geworden. Die Kinder mussten dringend lernen, sich
nicht mit "Fremden" abzugeben. Darum mussten sie gestraft werden. Das
Herumtragen als Strafe habe ich später noch öfter bei Candy gesehen. Es ist
genau dasselbe wie früher die Leibstrafe mit der Rute bei der menschlichen
Erziehung. Denn wenn ein Kitten nicht im Wohnzimmer, sondern im Strauchgewächs
des Urwalds herumgetragen würde, dann würde es tatsächlich von den Sträuchern
seine Hiebe bekommen.
Auch daß Candy
jetzt das Haus wechselte, hatte seinen Grund. Schließlich hatte "der Feind" ja
ihr altes Haus entdeckt und könnte es wieder überfallen. Da mußte man schnell
ein neues Versteck suchen.
So zeigte Candy
uns alles, was man wissen muss, wenn man ein Vertrauensverhältnis zu einem wilden
Tier aufbauen und erhalten will. Man kann mit viel Geduld und Liebe erreichen,
daß es einem vertraut, aber man kann das Erbgut des Tieres damit nicht
verändern. Und das diktiert ihm, daß man so und nicht anders verfahren muss, wenn
man seine Kinder vor den Gefahren der Welt beschützen will. Das Gefühl des
Schutzes von Seiten der Menschen oder gar ein Gefühl des Schutzes von Seiten
unserer Zivilisation (oder dem, was wir so gern als Zivilisation sehen wollen)
ist mit gutem Grund nicht einprogrammiert.
Der Homo sapiens
hat noch eine Menge zu lernen.