Wieder wurden
Höhlen konstruiert und Körbchen mit weichen Kissen ausgepolstert. Dem Fleisch
wurden Vitamintropfen zugefügt, die immer liegen blieben, weil die Katzen um die
Stellen, die "unangenehm-" (nach Vitamin) rochen, schön säuberlich herum aßen.
- Der Ordnung halber stelle ich eben fest: ich spreche lieber von Essen bei
Katzen und nicht von Fressen. Man vergleiche: ein kaltes Buffet bei festlichen
Gelegenheiten und die von Joost de Klerk in Kapitel 6 beschriebene Weise der
Nahrungsaufnahme bei Raubtieren!
Wenn man viel zu
tun hat, vergeht die Zeit im Fluge. Der 15. August war drückend warm, einer
dieser Tage, an denen man sich nach einem kühlen Abend sehnt. Iris war den
ganzen Tag über unruhig gewesen. Alle Schränke und Ecken hatte sie ausprobiert
auf der Suche nach einem geeigneten Platz für ihre Jungen. Schließlich entschied
sie sich für das Sofa im Vorzimmer. Das war noch im "Besucherzustand", also
eigentlich nicht als Katzenwochenbett vorgesehen. Aber das war jetzt nicht
wichtig. Ich schob eine Moltondecke unter Iris und sie bemerkte es kaum. Langsam
fing ihr Bäuchlein an, sich rhythmisch zu bewegen.
Vom ersten bis zum
letzten Wurf meiner Katzen, der bei mir geboren wurde, ist es für mich immer
eine Sensation gewesen, wenn junge Kätzchen zur Welt kamen. Auch wenn, was
meistens der Fall war, die Geburt in der Nacht stattfand, bin ich immer dabei
geblieben. Meine Katzen zeigten mir auch deutlich, daß sie meine Gegenwart
schätzten. Sie wurden unruhig, sobald ich eben fort ging. Sie suchten meine Nähe
und fingen gleich an zu spinnen, wenn ich kam. Das Spinnen der Katzen ist nicht
nur ein Zeichen von Entspannung und Zufriedenheit, wie man so oft denkt, sondern
es kann, bei Gelegenheit, auch die Bitte um Hilfe sein.
Da saß ich nun
neben Iris, mit Handtüchern, Warmwasserschale und Schere bewaffnet, alles was
nötig ist, wenn eine noch junge Katzenmutter ihren ersten Wurf bekommt. Auch sie
weiß zwar schon (Erbgut), was sie zu tun hat, aber sie tut es oft noch so
ungeübt, daß ohne menschliche Hilfe doch manches Jungtier sterben würde. Auch
bei Hauskatzen sieht das erste Nest oft nach einer "Generalprobe" aus. Weder
Handtuch noch sterilisierte Schere konnten allerdings verhindern, daß meine
Gedanken auf den merkwürdigsten Fantasiewegen herumirrten. Iris würde gleich
Junge von Milagro bekommen, das allein war schon unglaublich genug. Wie würden
sie aussehen? Wie Abessinier? Wie Oncillas? Eine Kombination von beiden gab es
nicht, das war mir verschiedentlich von befugter Seite erklärt worden.
Totgeborene Mißgebilde? Das wäre schlimm für Iris und für uns. Ich würde mich
schuldig fühlen, weil ich die Deckung nicht verhindert hatte. - Oder würde doch
ein Wunder geschehen? Eins dieser Wunder, die man hinterher immer mit
natürlichen Ursachen erklären kann?
"Erwarte nicht zu
viel!" hatte mein Mann mindestens einmal täglich zu mir gesagt seit ich wußte,
dass Iris schwanger war. "Sonst bist du hinterher enttäuscht." Jetzt war ich
allein zu Hause. Immer war irgendwer da: mein Mann, Els, Hermien, aber jetzt
keiner. Im kritischen Augenblick war ich mutterseelenallein. Es war noch kaum
eine Stunde her, dass ich mich hier installiert hatte, mit Handtuch, Schere und
dem inzwischen schon ein paar Mal wieder kalt gewordenen Wasser. Es erschien mir
eine Ewigkeit.
"Ruhig nur, Iris,
wir schaffen das schon!" - Iris war ruhig genug, ich war es, die nervös war.
Plötzlich ein
heftiges Stoßen und Ziehen mit Bauch und Pfoten, ein Stöhnen von Iris und dann
war da auf einmal ein Köpfchen, ein vollständiges, winziges
Mini-Katzenkörperchen, viel kleiner als ich je ein neugeborenes Jungtier gesehen
hatte. Aber es war ein Kitten, mit Kopf, Schwanz und vier Beinen. Es war noch
nass und sah schwarz aus, aber man konnte sehen, daß es Flecken haben würde. Das
alles war der erste Eindruck.
Iris stellte sich
als eine ungeschickte und auch noch ziemlich gleichgültige Mutter heraus. Sie
hätte jetzt die Nabelschnur durchbeißen und das Kleine trocken lecken müssen,
aber sie tat gar nichts. Ich schnitt die Nabelschnur vorsichtig durch, trocknete
das Neugeborene ab und massierte es sanft, aber es lag nur schlapp in meiner
Hand. Das Kitten war totgeboren.
Nun, das hatten
wir erwartet und so war es gekommen. Warum war ich nun doch enttäuscht, sogar
traurig? Weil ETWAS tot war? -weil ich vielleicht doch etwas besonderes erwartet
hatte?
Iris lag auf der
Moltondecke, als wenn sie das alles gar nichts anginge. Ich legte das kleine
tote Tierchen auf ein Handtuch und ging zum Telefon um meinen Mann im Büro
anzurufen. "Bobby, es ist etwas Trauriges passiert. Iris hat ein Junges bekommen
und es ist tot. Es ist so hübsch."
"Du hattest doch
nichts anders erwartet, weißt du noch?"
"Ich weiß, ich
wollte es Dir nur erzählen."
Als ich zu Iris
zurückkam, mußte ich eben mit den Augen zwinkern. Neben Iris lag wieder ein
Kitten. Diesmal hatte sie es selbst trocken geleckt und die Nabelschnur
zerbissen, aber auch dieses Kleine war tot. Ich nahm es auf und legte es zu dem
anderen auf das Handtuch.
Herrn Professor
Leyhausen hatte ich versprochen, daß ich eventuell totgeborene Jungtiere für ihn
bewahren würde. Also packte ich die zwei kleinen Leichen in eine Plastiktüte und
legte das Päckchen in den Tiefkühlschrank.
Es war ein
trauriger Nachmittag, wenigstens bis dahin. Iris blieb still auf dem Sofa
liegen.
Es wurde Zeit für
mich, in die Küche zu gehen und mich um das Essen zu kümmern. Mein Mann würde
bald kommen. Aber erst einmal zerklopfte ich ein Ei mit etwas Sahne, mein
damaliges Hausmittel zur Stärkung von Katzenmüttern. Es war eben noch die lang
verflossene Zeit, in der man ruhig frische Eier verzehren konnte, ohne sich vor
Salmonellen fürchten zu müssen. Als ich mit dem Schüsselchen zu Iris kam, war
sie grade dabei noch ein Junges trocken zulecken. Es war genau so winzig wie die
anderen, aber....es bewegte sich! Sobald es etwas trocken war, konnte man sehen,
daß es ganz, ganz kleine Flecken hatte. Vorsichtig legte ich Iris mit ihrem
Baby in ein Körbchen, damit mir der Winzling nicht noch vom Sofa fallen würde.
Iris schien das zu begreifen, sie legte sich brav im Körbchen zurecht und nahm
sogar etwas von dem Ei-Sahne Gemisch.
Auf einmal wurde
mir klar, daß das Wunder tatsächlich geschehen war. Die Katze, die es nicht
geben konnte, war geboren! Als mein Mann nach Hause kam, saß ich grade wieder
bei Iris. Er kam näher und sah das Kitten: "Du sagtest doch, es wäre tot. Ich
finde, es sieht ziemlich lebendig aus."
"Nein, das erste
war tot. Und das zweite auch. Dieses ist grade eben geboren. Sag mal, wie soll
es denn heißen? Es ist ein Mädchen."
"Nenn es doch
Gloria." sagte mein Mann, "Für dich ist das doch eine glorreiche Überlistung
der Naturgesetze, oder nicht?"
Und so wurde die
Katze, die es nicht geben durfte, Gloria getauft und so ist sie auch in die
Katzengeschichte eingegangen, als die erste Kreuzung zwischen
südamerikanischen Tigerkatzen und Abessiniern.
Auf dem
allerersten Foto, das ich von Gloria gemacht habe, sieht sie noch ein wenig aus
wie eine Kaulquappe, aber ich füge es der Vollkommenheit wegen doch diesem
Bericht bei.
Gloria war kurz
nach der Geburt bedeutend kleiner als ein neugeborenes Abessinierkitten. Erst am
zweiten Tage wagte ich es, sie auf eine Briefwaage zu legen. Sie wog ganze 60
Gramm. Bei ihrer Geburt wird sie darum kaum mehr als 50 Gramm gewogen haben.
Kleine neugeborene Abessinier wiegen ca. 80 Gramm, Hauskatzen mindestens 100 bis
240 Gramm. Später sollte sich herausstellen, daß Gloria die Abessinier schnell
einholen und sogar überholen würde, aber zu Anfang war sie ein
Miniaturpantherchen.
Leider war Iris
sehr unruhig. Ich denke, daß sie doch noch nach ihren anderen Kindern suchte.
Eine Katze weiß es sehr gut, wenn man ihr ihre Jungen abgenommen hat. Dann sucht
sie sie und genau das tat Iris auch. Dass die verschwundenen Jungen tot sind,
kann sie scheinbar nicht glauben. Leider blieb dabei die kleine und doch recht
zarte Gloria viel zu lange allein und wurde oft ziemlich kalt. Ich erwog eine
Rettungsaktion. Es traf sich, daß gerade am Tage vor Glorias Geburt ein
Abessinierwurf geboren war. Anuschka, die Tochter von Cleonie und Sothis hatte
vier Babys bekommen. (Wie habe ich doch alle die schlaflosen Nächte ausgehalten?
frage ich mich heute).
Als Iris das
Körbchen einmal wieder verlassen hatte, brachte ich die kleine Gloria zu
Anuschka, die sie sofort liebevoll empfing und leckte. Katzenmütter versorgen
gern die Jungen anderer Katzen. Ich probierte Gloria an Anuschkas Zitzen zu
legen, aber gegen vier "dicke, fette" Abessinierbabys konnte sie sich nicht
durchsetzen. Sie wurde sofort zur Seite gedrängt und glitt von der Zitze ab.
Weil ich ihr doch die Möglichkeit geben wollte, sich an Anuschka zu gewöhnen,
nahm ich drei der vier Anuschka-Babys und brachte sie solange zu der gerade in
ihrem Korb zurückgekehrten Iris. Die war ganz begeistert. Sie leckte die Kleinen
und legte sich so hin, daß sie trinken konnten. Das waren wenigstens richtige
Kinder und dann gleich drei! Resultat: Gloria konnte nun bei Anuschka trinken,
aber jetzt wurde die unruhig. Da fehlte doch was? Das mußte sie erst einmal
suchen. Demonstrativ brachte ich ihr eins ihrer Kleinen zurück: "Schau mal,
Anuschka, da ist es ja!" Anuschka schnüffelte an dem Kitten, legte sich hin und
war zufrieden. Katzen können nicht "eins, zwei und drei" zählen, sie zählen:
"eins, zwei und viel". Auch Iris war zufrieden, sie hatte jetzt zwei Kinder und
obendrein etwas robustere Babys, bei denen man auch wirklich merkt, wenn sie
trinken. Ich setzte die Körbchen von Iris und Anuschka nebeneinander, für den
Fall, daß doch eine der Mütter eins ihrer Kinder suchen sollte. Jetzt herrschte
Frieden und Wohlbehagen im Wohnzimmer.
Endlich konnte ich
aufatmen, aber wie immer war keine Freude ungetrübt. Glorias Gewicht wollte
nicht den Vorschriften entsprechend zunehmen, Anuschkas liebevoller Sorge zum
Trotz.
Wieder einmal
beschloss ich einzugreifen und zwar mit einer kleinen Zwischenmahlzeit für
Gloria. Heutzutage kann man verschiedene Sorten künstlicher Katzenmilch beim
Händler kaufen. Vergleichbares gibt es auch für Hunde und, wie ich später
erfahren sollte, für Schafe. Aber 1964 gab es auf dem Gebiet nur ein Präparat
und von dem hatte ich wenig Gutes gehört. Der Tierarzt gab mir ein Rezept für
eine Milchmischung, die der Katzenmilch am nächsten kommen sollte. Ich erinnere
mich nur noch teilweise an die Zutaten, Kuhmilch, Sahne, Eigelb und ein
Vitamingemisch, das der Tierarzt zusammengestellt hatte. Ich glaube, ein
Kalkpräparat gehörte auch dazu. Das Ganze wurde gut gemischt und in ein
Puppenfläschchen gefüllt, das einen kleinen Nuckel hatte.
Zur Vorsicht
probierte ich es eben, es schmeckte prima. Nur Gloria war anderer Meinung. Sie
fand das Zeug abscheulich und spuckte es aus. Sie wehrte sich gegen das
Fläschchen mit ihren scharfen Nägeln. Es wurde ein Kampf von Mann zu Mann oder,
besser gesagt, von Frau zu Wunderkatze. Gloria war klein aber keineswegs
wehrlos. Es hat mich einige Tage gekostet, bis ich sie an den Geschmack der
Milchmischung gewöhnt hatte. Gleich darauf wurden die Rollen umgedreht. Jetzt
verlangte sie ihre Mahlzeit, wenn ich grade einmal nicht zur rechten Zeit zur
Stelle war. Dann "meckerte" sie laut und durchdringend. Die Stimme hatte sie vom
Vater, das stellte sich dabei heraus. Den starken Willen hatte sie wohl auch von
ihm geerbt. Sie hatte ihre drei Mütter (Iris, Anuschka und mich mit meinem
Fläschchen) vollkommen unter Kontrolle. Allerdings muss ich erkennen, daß ihre
leibliche Mutter Iris sich dadurch am allerwenigsten beeindrucken ließ.
Glorias Gewicht
machte erfreuliche Fortschritte, die Mühe war nicht ohne Resultat. Bei den
kleinen Abessiniern öffneten sich die Augen planmäßig zwischen dem zehnten und
zwölften Tage. Bei Gloria dauerte es ganze 16 Tage. Ab und zu holte eine der
Mütter ein Junges vom anderen Korb in den eigenen aber schon bald krabbelten
alle fünf fröhlich durchs Zimmer, alles unter den wachsamen Augen beider Mütter.
Das Tam-Tam der
modernen Welt ist das Telefon. Das wurde nun gleich heftig gebraucht. Die
Freunde, die aufrecht interessiert waren, wurden informiert. Hermien, die als
erste zur Besichtigung des neuen Raubtieres kam, sah sich das an und beschloss
sofort sich mit ihrem Buchhandel in Verbindung zu setzen. Sie würde lesend schon
dahinter kommen, warum jeder gedacht hatte, daß es etwas nicht gäbe, was es
schließlich doch gab. Und dann noch ausgerechnet bei uns.
Herr Professor
Leyhausen wurde schnellstens über den Stand der Dinge unterrichtet. Zusammen mit
Frau Barbara kam er schon drei Tage später, das Wunderwesen zu besichtigen und
die zwei toten Tierchen abzuholen. Aus dem Gespräch mit den beiden
Sachverständigen wurde mir erst richtig deutlich, dass da im Körbchen
tatsächlich eine Sensation quäkte. Es gäbe nicht einmal Berichte über die
Entwicklung von "echten" Oncillas und schon gar nicht über etwas so
ungewöhnliches wie Oncilla-Abessinier-Hybriden, sagte Professor Leyhausen. Die
zwei toten Kitten hat er nach Amerika geschickt. Da gab es einen berühmten
chinesischen Professor, der sich für so etwas interessierte und der die
Chromosomen und sonstige anatomische Besonderheiten der Kitten untersuchen
würde. Wenn ich daran zurück denke, wird mir erst deutlich, wie schnell die
Wissenschaft sich in den letzten vierzig Jahren entwickelt hat. Heute sind
solche Untersuchungen etwas ganz normales.
Frau Dr. Wolff kam
das Wunder bestaunen. Sie machte ganze Fotoserien von der trinkenden,
fauchenden, freundlichen und schlafenden Gloria. Ein paar Wochen später stand
ein Artikel in der „Edelkatze“. Das war die Zeitschrift eines Katzenvereins, von
der sie die Redaktion hatte. Der Titel hieß: "Sensationeller Zuchterfolg"!"
Untertitel: Die Geburt der Gloria. Frau Dr. Wolff war es auch, die mich
überredete, doch noch einmal eine Abessinierin durch Milagro decken zu lassen.
"Es wäre doch großartig, wenn dann auch noch ein Hybridenkaterchen geboren
würde. Dann wäre es möglich zu sehen, ob die zwei auch selbst Junge bekommen
könnten und wie die dann aussehen würden." fand sie. Dazu ließ ich mich gern
überreden, ich wollte das auch wohl wissen. Die Wissbegierde hat etwas
ansteckendes.
Gloria entwickelte
sich zu einer kleinen Schönheit. Ihre Flecken könnte man eher mit denen der
südamerikanischen Kleinfleckkatze vergleichen. Das Köpfchen war etwa so geformt
wie das der Abessinier, nur hatte es kleinere und runde Öhrchen mit dem weißen
Wildfleck der Oncillas. Der Körper war schon bald länger als der der Abessinier
und die Pfoten bedeutend kräftiger. Das hatte sie weder von den Abessiniern
noch von den Oncillas, die ausgesprochen zierliche Pfoten haben. Welch
unbekannter (vielleicht gemeinsamer?) Vorfahre manifestierte sich da? Wir haben
es nie erfahren, nur bestätigte sich später der daraus entstehende Verdacht,
dass Gloria ihren beiden Eltern wohl über den Kopf wachsen würde. Auch wenn sie
sich ein wenig schneller entwickelte als die Abessinier, so war sie doch immer
eine sportive und rücksichtsvolle Spielgefährtin für die anderen.
Zu uns Menschen
war sie von einer anspruchsvollen Anhänglichkeit. Schnell würden wir entdecken,
dass sich bei ihr die wachsame Beobachtungsgabe der Oncillas zu der
Unbefangenheit der Abessinier gefügt hatte.
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