Milagro war, wie schon gesagt, ein Macho. Während Candy
ihr Baby zur Welt brachte und wieder verlor und jetzt langsam den normalen
Rhythmus des Katzenlebens wieder aufnahm, machte er sich auf zu neuen
Abenteuern.
Iris, die älteste Tochter von Dalila, war längst erwachsen und nun grade
rollig. Sie hätte von Sothis gedeckt werden können, denn ihr Vater war
Simba von Gré Jebbink. Aber Sothis hielt sich abseits. Ganz geheuer war
ihm nicht vor Milagro. Milagro seinerseits war auf den Geschmack gekommen.
Rassenvorurteile kannte Milagro nicht, also machte er sich skrupellos an
Iris heran.
Zufällig war grade Besuch da: Frau Dr. Wolff besuchte uns. Ich hatte
gehofft, ihr ein Oncillababy zeigen zu können, aber das war nun tot.
Die Gartentür stand offen und Iris flüchtete vor Milagro in den Garten. Er
folgte ihr, griff sie im Nacken und schleifte sie durch den halben Garten.
Es sah ziemlich gewalttätig aus und ich wollte schon eingreifen, aber Frau
Wolff hielt mich zurück. "Laß ihn doch", sagte sie, "das ist doch
einmalig."
"Er könnte sie verletzen und was soll werden, wenn er sie wirklich deckt?
Da kann doch gar nichts Vernünftiges heraus kommen."
"Es wird wahrscheinlich auch nichts dabei herauskommen. Aber wenn es etwas
würde.....ich sage, WENN, dann wäre das doch eine Sensation."
Bei der nächsten Tasse Tee wurden wir Zeuge dieser seltsamen Vereinigung
des ungleichen Pärchens. Zur Vorsicht machte ich ein paar Fotos und
schrieb das Datum der Deckung auf. "Für den Fall, daß...."
Ich war in dieser Hinsicht skeptisch, auch darum, weil ich wußte, daß ich
mich von zukünftigen Oncillajungtieren niemals würde trennen können. Es
fiel mir schon schwer genug, einige der Abessinierbabys abzugeben. Von
jedem Wurf blieb zum Trost für den Abschied immer mindestens ein Jungtier
von den anderen zurück.
Frau Wolff dachte, daß man vielleicht Oncillas, die hier geboren waren,
wieder im brasilianischen Regenwald aussetzen könnte, um den
Wildkatzenbestand dort etwas wieder aufzufrischen.
Ich erzählte ihr alles, was ich so über die Haltung der Bevölkerung dort,
den Wildkatzen gegenüber, gehört hatte. "Obendrein, Oncillas, die hier
aufgewachsen wären, würden zahm sein und weniger vorsichtig den Menschen
gegenüber, als die frei aufgewachsenen Wildkatzen. Und selbst die werden
schon durch Jäger, Wilderer und die Bewohner der Niederlassungen dort in
ihrer Existenz bedroht. Es wäre grausam und sinnlos so etwas zu tun."
"Man könnte sie in das Innere des Urwalds bringen", sagte Frau Wolff.
"Und wie willst du sie dorthin bekommen? - Ach, es ist überhaupt kein
Problem, ich kann doch niemals ein Junges von Candy und Milagro in eine
unsichere Zukunft schicken. Das weiß ich genau."
Wenn ich jetzt unser Gespräch wiederhole, das ich ausführlich im Tagebuch
aufgezeichnet habe, dann habe ich das Gefühl, daß wir damals einfach in
einer anderen Welt gelebt haben müssen. Natürlich dachte man darüber nach,
daß es Tierarten gäbe, die in ihrer Existenz bedroht waren. Man hörte auch
von Waldbränden, die hier und da in Südamerika mutwillig angezündet
wurden. Aber an eine Bevölkerungsexplosion, wie sie sich inzwischen in den
Ländern der dritten Welt entwickelt hat, dachte man noch nicht.
Wenn uns damals jemand gesagt hätte, daß wir noch erleben würden, daß der
Südamerikanische Regenwald kurz vor seiner endgültgen Vernichtung steht,
den hätten wir für verrückt erklärt. Tigerkatzen in ihren ursprünglichen
Lebensraum zurückzubringen, das ist längst kein Thema mehr. In eins der
wenigen Reservate vielleicht, aber was man auch von denen hört, kommt
dabei niemals zur Sprache, daß man sich dort für den Erhalt der kleinen
Tigerkatzen einsetzt. Im Laufe der Zeit, als ich Notizen für dieses Buch
machte, habe ich Berichte vom WWF (World Wildelife Fund for Nature) und
anderen über den Zustand der Regenwälder gesammelt, aber sobald man sie
verwenden will, sind sie schon von schlimmeren, neuen Hiobsberichten
überholt.
"Der Tod des Regenwaldes bedeutet den Tod der Erde" schreibt Andrew Revkin.
Die Naturkatastrophen der letzten Jahre bestätigen das inzwischen. Nein,
für Oncillas gibt es keinen Platz mehr, genau so wenig wie für die vielen
anderen Tiere und Pflanzen, die dort zu Hause sind.
Seit Frau Rosemarie Wolff und ich so froh und zufrieden im Garten saßen,
Pläne machten und sogar die Wiedereinführung von Oncillas in den Regenwald
erwogen, sind fast vierzig Jahre vergangen, weniger als die Hälfte eines
Menschlebens!
Beim Abschied mußte ich Frau Wolff versprechen, "wichtige" Beobachtungen
zu notieren und ihr zu berichten.
Ein paar Tage später in diesem schönen Sommer 1964 kam auch Hermien wieder
einmal. Ich erzählte ihr alles, was sich inzwischen so ereignet hatte,
und sie sagte trocken: "Ich habe auch nicht erwartet, daß hier bei Euch
alles schön ruhig zuginge wie bei normalen Leuten."
"Wäre doch schrecklich", gab ich ihr zu bedenken.
Milagro war noch immer intensiv mit Iris beschäftigt. "Das ist keine
Hochzeit", sagte Hermien,"das ist ein Vulkanausbruch."
"Das ist die Natur und dient dem Erhalt der Spezies", verteidigte ich mein
Katerchen und Hermien fragte: "Welcher Sorte? Der der Oncillas oder der
der Hauskatzen, zu denen deine Abessinier schließlich auch gehören?"
"Ich weiß es wirklich nicht, Hermien. Vielleicht hätte ich es verhindern
sollen, aber dafür ist es jetzt zu spät."
"Ach, ein Afrikaner und ein Eskimo würden wohl auch Kinder bekommen, wenn
das grade so auskommt, und die kommen doch auch aus verschiedenen
Kontinenten. Paß auf, vielleicht bekommst du Oncilla-Abessinier."
"Bitte jage mir keinen Schrecken ein, Hermien. Die gibt es einfach nicht.
Und was deinen Vergleich betrifft: ein Schimpanse und ein Mensch bekommen
auch keine gemeinsamen Kinder, obwohl sie sich in vielen Dingen gleichen
und zu 98 % dieselben Gene tragen"
"Schade!" sagte Hermien und überließ mir die Deutung dieser Bemerkung.
Wenn ich nicht die Fotos gemacht hätte und das Deckdatum in mein Tagebuch
eingetragen hätte, wäre das Abenteuer von Iris erst einmal in
Vergessenheit geraten, denn, wie schon erwähnt, Candy wurde bereits zwei
Wochen nach dem Tode ihres Erstgeborenen wieder heiß und ich nahm mir
vor, alles daran zu setzen, daß sich diesmal alles wirklich zu einem
"freudigen Ereignis" entwickeln würde.
Hier kommt ein kleiner Auszug aus meinem Tagebuch:
21.6.64.
Candy ruft seit gestern im ganzen Hause herum. Sie schmeichelt an den
Abessiniern entlang und läßt sich von mir streicheln, was sie mir sonst so
selten erlaubt. Der Ruf, den sie ausstößt, klingt genau wie der, den wir
von ihr hören, wenn sie abends ihr Fleisch riecht, aber noch nicht gleich
bekommt, ungeduldig verlangend. Milagro, im Zimmer daneben, benimmt sich
sehr aufgeregt und spritzt.
22.6.64.
Heute ist Buena heiß. Sie knurrt laut und schmeichelt um meine Beine. Auf
einmal kommt Candy und macht es ihr nach. Nur kann sie nicht so laut
knurren. Ihr Knurren ist mehr ein sehr lautes Spinnen. Am Abend liegt
Buena wieder auf Bobbys Schultern. Er müßte unbedingt arbeiten, aber nicht
einmal eine Taube kann ihm einen Augenblick Ruhe verschaffen. Sie hat
keinen Hunger, sie will ihm immer nur ihre Liebe demonstrieren.
23.6.64.
Heute "präsentiert" Candy richtig. Sie richtet sich aber dabei nur an die
Abessinier. Wenn Milagro in ihre Nähe kommt, jagt sie ihn laut knurrend
fort. Einmal jagte sie ihn durchs ganze Haus und er flüchtete zuletzt
unter einen Schrank und stieβ von dort klägliche Lockrufe aus.
24.6.64.
Jetzt läßt Candy sich doch von Milagro decken. Erst schickte sie ihn noch
fort, aber ich streichelte sie und lenkte ihre Aufmerksamkeit ab. Da
merkte sie nicht, daß Milagro näher kam und auf einmal hatte er sie im
Nacken. Während der Deckung brummte Candy wieder laut, Milagro
"zwitscherte" aufgeregt, wie ein Vöglein, mit einer ganz hohen Piepstimme.
Unwillkürlich mußte ich an Schubert denken: "Flehend harr' ich dir
entgegen, komm, beglücke mich!" Milagro meinte genau dasselbe, nur war
sein "leises Flehen“ unverblümter. Wenn nicht gleich alles so klappte wie
er wollte, zog er Candy am Nackenfell im Zimmer herum und zwitscherte
dabei weiter, ohne sie loszulassen. Zwischen zwei Deckungen, die einander
sehr schnell folgen, tanzte er, immer zwitschernd, um sie herum, aufgeregt
und sehr wichtig tuend.
25.6.64
Sobald ich die beiden zusammenlasse, fängt Milagro wieder an, Candy zu
decken. Milagro ist jetzt viel selbstbewußter. Candy gibt sich gleich
gewonnen, wenn sie ihn sieht. Ich denke, ich muß sie doch bald wieder
trennen. Ich fürchte, daß sie übertreiben und krank werden könnten.
26.6.64
Noch immer derselbe Zustand. Weil ich nicht eingreifen will, ehe Candy
wirklich aufgenommen hat, lasse ich beide doch wieder einige Zeit
zusammen.
Einige Tage später schrieb ich:
30.6. Candy ist heute sehr ruhig. Ihr ganzes Benehmen ist auf einmal viel
selbstbewusster. Sie geht mir z.B. nicht aus dem Wege, zeigt mir, durch
welche Tür sie will usw. Das ist neu. Sie hat es früher nie gezeigt, wenn
sie etwas wollte.
Heute habe ich auch gesehen, daβ Candy zum ersten Mal das "Lockspiel"
macht, wie die anderen Katzen, die andere zum Spielen auffordern. Dazu
gehört wieder der Schrei, den sie jetzt so oft ausstößt, nur nicht so
laut, sondern etwas "singender".
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Soweit erst einmal meine Tagebucheintragungen. Sozusagen "live" aus der
Zeit, wo alles, was passierte, neu und sehr aufregend war.
Das "Lockspiel" übrigens ist etwas, das alle Katzen ausführen, wenn sie
jung und verspielt sind und einen Partner für ihre Balgereien suchen. Dann
stellen sie sich hin und machen ein kleines, herausforderndes Geräusch, so
ein "hümm", das "kommst du?" heißt. Sie springen ein wenig auf den anderen
zu oder laufen weg "fang mich." Am besten sieht man das Lockspiel bei
Katzenmüttern, die so ihre Jungen zum Spielen anregen. Das Spiel ist
schließlich die "Schule" der jungen Katzen. Die Intensität des Spieles ist
sogar der Gradmesser für die Intelligenz der Tiere und die Feliden gehören
nun einmal zu den intelligentesten unter den Predatoren.
Dass Candy jetzt auf einmal auf diese Weise die anderen lockte, war für
sie wohl eine Art Übung für später, wenn sie ihre Kinder zu erziehen haben
würde. Diesmal würde sie es sicher spielen können. Sie würde ganz bestimmt
ein lebendes Junges bekommen, da war ich mir sicher.
Ein Sommer voll Erwartungen, in einer fast sorglosen Zeit. Ach, warum kann
man die Zeit nicht wenigstens einmal in seinem Leben anhalten und einfach
genießen?
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