"The time has come," the walrus said,
To talk of many things:
Of shoes and ships and sealing wax
Of cabbages and kings.
And why the sea is boiling hot
And whether pigs have wings."
(Lewis Caroll: "Alice in Wonderland")
Das Walroβ sprach: „Wir haben nun
viel zu besprechen wohl.
Von Schuhen, Schiffen, Siegelwachs
Von Königen und Kohl.
Warum schäumt nur die See so heiß?
Sind Schweineflügel weiß?“
Im Februar bekam Dalila ihre Babys, das Resultat des Weihnachtsbesuchs bei
Simba. Es waren wirklich wunderschöne Jungtiere, ganz wie wir erwartet
hatten, und Dalila war eine wundervolle Katzenmutter.
Auch das ist eins der Wunder, das wir jetzt wieder miterleben durften, und
zugleich ist es ganz natürlich: Katzen (Tiere überhaupt) können nichts
falsch machen bei der Erziehung ihrer Nachkommen. Ihnen ist ein festes
"Erziehungsprogramm" eingegeben und das führen sie richtig und sichtbar
gern aus. Sie haben auch gar keine andere Wahl. Es gibt zum Glück keinen
Katzen-Spock oder andere Seelenskulpturkünstler für Tiere. Die menschliche
Dressur, mit der man das Verhalten der Tiere zu manipulieren versucht,
reicht immer nur für das betroffene Tier und dringt nicht ins Erbgut ein.
Wie gut das ist....
Katzenmütter "wissen" auch genau, was sie tun müssen, wenn die Jungen
kommen, und die Jungen "wissen" auch, daß sie da ist und daß alles in
Ordnung ist. Später nimmt sie ihre Kleinen mit zum Futterteller, spielt
mit ihnen, ist gar nicht zimperlich dabei und zeigt ihnen die Umgebung.
Mit kleinen Locklauten dirigiert sie die Kleinen "ümmm" (hierhin jetzt),
"uh" (stop, das darfst du nicht!).
Das Programm verläuft bei Hauskatzen und Wildkatzen ähnlich, aber nicht
völlig gleich, wie ich später bei der Aufzucht von Wildkatzen feststellen
konnte. Das ist wohl so, weil sich im Laufe der Domestikation kleine
Veränderungen im Verhalten eingeschlichen haben werden. Bei Katzen, die
schon Generationen lang unter Menschen aufgewachsen sind, läßt vielleicht
die Alarmbereitschaft nach, aber sie verschwindet nicht völlig. Die
Futtersuche ist nicht mehr nötig und es sieht aus, als ob sie fast aus dem
Programm gestrichen wäre, aber die Bereitschaft dazu bleibt trotzdem.
Wenn die jungen Katzenkinder erst einmal an normales Futter gewöhnt sind,
werden sie wie auch Menschenkinder, eine Neigung haben, selbstständige
Erfahrungen zu sammeln und viel zu lernen. Aber sie kommen vorläufig immer
noch in dasselbe Körbchen oder Kistchen, in dem sie bei der Mutter
aufgewachsen sind, zurück.
Wenn sie dann aber trinken wollen, wird die Mutter sie jetzt bald
abwehren. Die Milch wird weniger und die Mutter zeigt deutlich und nicht
gerade zartfühlend, daβ sie jetzt ihre Ruhe haben will. Die
Mutter-Kind-Beziehung wird langsam oberflächlicher. Wenn die Mutterkatze
dann wieder rollig wird, kann sie ziemlich unfreundlich zu ihren Kindern
sein und ab und zu fallen auch schon einmal Hiebe. Man könnte denken, daß
sie sich nicht mehr mögen.
Katzenmütter lassen ihre Kinder schon früh los. Die Kinder haben ihre
festen Verhaltensregeln schon im Erbgut mitbekommen, darum genügt die
kurze Erziehungsperiode. Eins allerdings ist merkwürdig: wenn eines der
Jungtiere im Haushalt bleibt, dann wird die Mutter, die erst keinerlei
Notiz mehr von ihrem "Kind" genommen hatte, sofort wieder Annäherung
suchen, wenn das "Kind" selbst einmal Mutter wird. Auf einmal liegen die
zwei wieder auf einem Stuhl oder im selben Körbchen. Wenn dann die Tochter
sich anschickt, ihre Jungen zu bekommen, dann ist die Mutter dabei. Sie
leckt und beruhigt die Tochter, hält sie vorsichtig im Nackenfell fest und
trappelt mit den Hinterpfoten gegen die Lenden der "Wöchnerin". Ich habe
das wiederholt beobachtet und auch fotografiert. Das ist so eine Art
Schwangerschaftsmassage, mit der die Frucht langsam in die richtige Bahn
gelenkt wird.
Die alte Katze wird ihre "Enkelkinder" trocken lecken und der Tochter bei
der Erziehung helfen. Manchmal legt sie sich hin, als ob sie die Kleinen
mitsäugen will, und die spielen mit und saugen dort, wo eigentlich die
Milch sein müßte.
Das Wunderbarste habe ich auf diesem Gebiet einmal erlebt, als eine junge
Mutterkatze krank wurde und keine Milch mehr produzierte. Die Großmutter
nahm die Kleinen gleich "an Kindes Statt" an und ließ sie saugen. Sie
selbst hatte schon lange keine Jungen mehr gehabt, trotzdem kam
tatsächlich ein wenig Milch aus den Zitzen. Es war nicht genug, aber es
war unverkennbar Milch und es hat uns sehr geholfen, die Kleinen überleben
zu lassen. Wir brauchten sie nur ein wenig dazu zu füttern. Das Lecken
und den Rest der Erziehung besorgte "Oma". Mein Tierarzt allerdings, dem
ich von diesem Wunder erzählte, war nicht sehr beeindruckt. So etwas käme
vor, sagte er, bei Hunden auch.
Meine Freundin Hermien kam gleich nach der Geburt von Dalilas Babys zur
Taufe. Da es feststand, daß natürlich eins der beiden weiblichen Jungtiere
bei uns bleiben würde, suchten wir gemeinsam eins aus und Hermien durfte
ihm einen Namen geben. Das Kitten wurde Iris getauft und die Taufe mit
Kaffee und Kuchen gefeiert. Zusammen mit ihrer jüngeren Schwester würde
Iris auf einem Gebiet bekannt werden, von dem wir zu der Zeit noch keine
Ahnung hatten.
Hermien und ich bewunderten Dalilas geduldige Mutterschaft und bestaunten
das Wunder, daß Dalila so gut wußte, wie sie ihre Babys behandeln mußte,
ohne daß irgend jemand (außer ihrer eigenen Mutter natürlich) ihr ein
Vorbild gegeben hätte und ganz ohne eins dieser schönen Bücher "Wie
erziehe ich mein Kind?" oder "Wie werde ich eine perfekte Mutter?". Und
schon sprachen wir von den Unterschieden in der Erziehung von Katzen und
Menschenkindern. Hermien hatte zwei Kinder wie ich, nur waren die Beiden
etwas älter als unsere.
"So eine Katzenmutter hat es gut", sagte Hermien, "die braucht sich keine
Sorgen über die Zukunft ihrer Kinder zu machen. Sie bringt ihnen das
bißchen Verhalten bei, das sie nötig haben und die Kinder zweifeln nicht
an der Richtigkeit von Mutters Ratschlägen."
"Ach Hermien", meinte ich, "wir armen Menschenmütter müssen uns damit
abfinden, daß wir allerhand Gefahren für unsere Kinder fürchten, aber es
hilft wenig, wenn wir sie warnen. Sie wollen ihre eigenen Erfahrungen
machen. Sie haben als Menschen die freie Wahl der eigenen Entscheidung.
Die menschliche Entwicklung hat das schöne, feste Verhaltensmuster
abgeschaltet und jetzt trudeln wir auf eigene, freie Verantwortung durch
unser Leben und müssen das Beste daraus machen."
"Freie Verantwortung klingt gut, Maria, aber was bleibt davon übrig? Sie
fangen in der Schule, der Universität, im Verein auf, was andere denken
und übernehmen es einfach. Sie "lassen sich überzeugen" oder sie
"glauben". Wenn sie jemals soweit kommen, daß sie sich aus allen
Informationen, mit denen sie
überschüttet werden, ein ganz eigenes Weltbild formen können, das nur
ihnen selbst gehört und aus dem Inneren kommt, nicht von außen, dann haben
sie die Freiheit des Wollens und des Denkens erreicht, die du meinst. Aber
die meisten Menschen lassen sich doch vom ersten bis zum letzten Tage von
ihrer Umgebung prägen."
"Von unseren Kindern wollen wir doch hoffen, daß sie zu den Menschen
gehören, die sich etwas Eigenes zu schaffen wissen und nicht hinter
falschen Propheten herlaufen wie die Schafe hinter dem Leithammel."
"Oder wie die Wölfe," sagte Hermien, "vergiß das nicht. Deine Kätzchen
werden Katzen, sie bleiben ihrer Eigenart treu, wie alle Tiere, außer den
Menschen, die uns schon manchmal recht entartet vorkommen können, zum
Glück nicht nur im negativen Sinne. Die einen treiben oben und die anderen
unten im großen Brei der Menschheit. Leider ist das Verhältnis recht
ungleich. Das ist die Welt, in die wir unsere Kinder hinauslassen müssen,
ob wir wollen oder nicht. Du kannst Deine Kinder nicht bewahren vor dem,
was du "falsche Propheten" nennst, und auch nicht vor Konfrontationen mit
ihren Artgenossen. Sie können sich nicht einmal auf Bäume retten, wie
Buena oder der Kinkajou. Nur die Perspektive, aus der sie die Welt
betrachten wollen, die können sie sich selbst schaffen."
- So konnten wir endlos miteinander klönen über Kinder, Katzen und
Kinkajous.
Die jungen Dalilababys entwickelten sich großartig und kaum liefen sie
frei herum, da gesellte Sothis sich zur Familie und spielte den großen
Bruder. Ab und zu mußte ich sogar eingreifen, damit er den Kleinen nicht
auch noch die Milch wegtrank.
Die Kleinen hatten Spielgefährten genug. Alle anderen Katzen, Buena und
Candy und vor allem Kinka liebten sie sehr und alle spielten froh aber
heftig durch unser Haus. Das Los unserer Stehlampe, das ich in einer Serie
von Fotos verewigt habe, ist ein gutes Beispiel dafür. Die Lampe war zwar
zweckmäßig aber ziemlich häßlich und hatte wohl nichts besseres verdient.
Ich weiß nicht, ob Kinkas Vorbild einen Einfluß auf die
Verhaltensentwicklung der jungen Abessinier hatte. Ich habe bei denen, die
später in andere Hände übergingen, nie etwas Nachteiliges über ihr
Verhalten gehört. Kinkas Aktivitäten machten es aber leider notwendig, ihn
wenigstens einen Teil des Tages und auch in der Nacht in seinen Käfig zu
schließen. Allerdings war der Käfig, den wir für Kinka gebaut hatten nur
eine relativ gute Lösung. Kinka konnte nämlich, wie ein Äffchen, jeden
Verschluß öffnen. So wurde Kinka mit der Zeit der Herrscher über das ganze
Gästezimmer, in dem sich der Käfig befand.
Kinka war kein Sonnenanbeter; genau wie bei Buena waren seine runden Augen
für die Dunkelheit bestimmt. In der Dämmerung wurde er lebhaft und wollte
gern nach draußen. Das war möglich, denn das kleine Zimmer hatte einen
kleinen Balkon, der das Stückchen Terrasse hinter der Küche überdeckte.
Genau daneben war der Wintergarten und auf dem war auch ein größerer
Balkon. Beide grenzten aneinander, nur lag der Balkon des Wintergartens um
eine Stufe niedriger. Um für Kinka ein kleines Freigehege zu machen, wurde
der kleine Balkon mit Maschendraht abgesetzt. Allerdings mußte eine Tür
zum anderen Balkon, den wir sonst nicht mehr hätten erreichen können,
eingebaut werden. Natürlich wurde die Tür gut gesichert, zwei Riegel und
ein Windhaken mußten sie verschlossen halten. Vorläufig funktionierte das
auch, bis ich eines Tages Kinka nach unten holen wollte und ihn vergeblich
rief. Er kam immer gleich mit einem begeisterten "Tschiiiirrr" zu mir,
wenn ich "Kinka" rief. Jetzt blieb es still. Ich fing an zu suchen, aber
weder im Zimmer noch auf dem Balkon konnte ich Kinka entdecken. Ich sah,
daß die Balkontür offen stand, beide Riegel und der Haken waren geöffnet.
Völlig entsetzt lief ich nach unten: "Kinka ist weg!"
Sofort wurde nun erst einmal eine Suchaktion rund um das Haus herum
eingesetzt, danach, mit Erlaubnis der Nachbarn, in deren Gärten. Es gab
keine Spur vom Kinkajou. Als es dunkel wurde, mußten wir die Suche
aufgeben, es hatte keinen Zweck mehr. Ich glaube, ich war wohl nicht die
Einzige im Hause, die in dieser Nacht nicht geschlafen hat.
Schon früh am nächsten Morgen wurde weiter gesucht, ohne Erfolg. Els kam
auf den Gedanken, Zettel zu schreiben und in der Nachbarschaft zu
verteilen: "Wer hat unseren Kinkajou gesehen? Er sieht aus wie ein
Äffchen, ist braun und hat einen langen Schwanz. Man kann ihn mit Bananen
locken."
Telefonisch wurde jetzt auch Hermien von Kinkajous Verschwinden
benachrichtigt. Er war schließlich ihr ganz besonderer Liebling. Sie kam
gleich und vom Balkon aus rief sie: "Tshiiirrr", "Tschiiirrr" so lange,
bis eine Nachbarin in ihrem Garten so besorgt herüber blickte, daß ich
fürchtete, sie würde gleich den Notarzt rufen. Kinka jedenfalls reagierte
nicht.
Plötzlich kam mir eine Idee: ich rief unseren Freund von der "Arnhemse
Courant" an und bat ihn, doch einen Aufruf an die Leser zu schreiben, nach
unserem Rollschwanzbärchen aus zu schauen. Er sei völlig ungefährlich und
mit einer Banane leicht zu locken. Aber das wußte der Journalist bereits,
er war ja bei uns gewesen.
Am Tage darauf stand die Geschichte von Kinkas Verschwinden ausführlich in
der "Kroniek van de Dag" mit dem Titel "Moeder, moeder, de beer is
los...." (Mutter, Mutter, der Bär ist ausgebrochen!) das sind die
Anfangszeilen eines holländischen Kinderreims. Das Foto von Kinka, das der
Reporter bei seinem Besuch gemacht hatte, war wieder dabei.
Das war der dritte Tag. Am vierten, gegen Mittag, ging ich wieder auf den
Balkon, dessen Tür natürlich jetzt weit offen stand, für den Fall, daß
Kinka doch noch zurückkommen würde. Richtig daran glauben konnten wir
allerdings schon nicht mehr. Da hörte ich auf einmal ein "Tschiiirrr", "Tschiiirrr"
in der Ferne. Ich wußte nicht woher es kam, aber ich rief, so laut ich
konnte: "Kinka, Kinka!". Jetzt sah ich etwas in den Zweigen einer Birke im
Wäldchen hinter dem Garten bewegen.
"Tschiiirrr" rief er wieder und ich: "Komm, Kinka, komm!!" und er wieder
freundlich "Tschiiirrr". Das ging so eine Weile und dann flog auf einmal
etwas Braunes über den Maschendraht des Gartens, von da auf das Dach der
Garage, von dort wieder auf den "Wintergartenbalkon", dann auf den "Kinkabalkon"
und dort geradewegs in meine Arme. Ach, war das ein Wiedersehen!!!
Nachdem Kinka und ich uns ausgiebig durch Streicheln (ich ihn), Ohren und
Gesicht lecken (er bei mir) unsere Wiedersehensfreude bewiesen hatten,
setzte ich Kinka in seinen Käfig und lief ganz schnell zum einzigen
Gemüsehändler, den es auf dem "Hoogkamp" gab. "Ich möchte gern ein Pfund
frische Bananen."
Der Gemüsehändler war verlegen: "Ja, das ist schwierig," sagte er, "Sie
wissen ja, ich habe immer genügend Bananen für Sie vorrätig, aber seit
gestern Abend sind sie ausverkauft. Die Leute wollen doch alle ihren
Kinkajou fangen...."
Inhaltsverzeichnis