Das "Gehet hin und vermehret Euch" war wohl (wenn überhaupt von jener
Instanz ausgesprochen, in deren Namen es zitiert wird) im Prinzip für alle
Lebewesen gemeint. Sie alle haben den Drang zur Erhaltung ihrer eigenen
Art. Die Menschen haben ihn am stärksten von allen Lebewesen. Sie
vermehren sich nicht nur im umgekehrten Verhältnis zu den vorhandenen
Möglichkeiten; sie betrachten vielfach auch noch den Rest der Natur,
soweit er ihnen nicht nützlich ist, als auszumerzende Konkurrenz.
Es ist eine glückliche Tatsache, daß es auch Menschen gibt die, wenn sie
auch in der Minderheit sind, sich nicht nur des Nutzens wegen für Flora
und Fauna einsetzen, sondern auch der Schönheit der Schöpfung selbst wegen
und aus der Überzeugung, daß alles was lebt ein Recht zu leben hat.
Allerdings schafft das oft Gegensätze und Probleme, Beispiele wie
Wildreservate versus Landbau, Wälder und Strände versus Tourismus sind
bekannt.
Von solchen Gegensätzen merkten wir vorerst allerdings nicht viel. Bei uns
gab es unangetastete Schönheit als tägliche Augenkost und fast natürlich
schlich sich da auch der Wunsch zum "vermehret sie" ein. Dieser Wunsch war
erfüllbar geworden, da meine schon früher erwähnte Freundin Gré Jebbink
den Abessinierkater Nigella Simba aus England hatte kommen lassen. Er
hatte inzwischen die Kapazitäten eines erwachsenen Katers. Der Besuch von
unserer Cleoni erfreute ihn "tatkräftig" und hatte das Resultat, daß
Cleoni am 6. September 1962 vier wunderschöne Abessinierbabys bekam.
Das erste Abessiniernestchen war natürlich eine Sensation und gab Grund zu
viel "Ach wie süß"- Ausrufen. Wir hatten trotz des Mäuse-Abenteuers uns
die vielseitigen Warnungen zu Herzen genommen und sicherheitshalber einen
provisorischen Käfig gebaut, in dem die Kleinen in den ersten Wochen
verblieben. Die beiden Wildkatzen konnten die Jungtiere zwar sehen, ihnen
aber nicht zu nahe kommen. Cleo durfte, wann immer sie wollte, heraus,
aber sie machte wenig Gebrauch davon. Sie war eine großartige Mutter und
pflegte ihre Babys liebevoll. Buena und Candy nahmen lebhaften Anteil und
bewunderten den Nachwuchs durch's Gitter.
Später haben wir uns wegen unseres Mißtrauens den beiden Wildkatzen
gegenüber geschämt. Sie hätten auch ohne Maschendraht den Kleinen nichts
getan, das hat sich viel später herausgestellt. Eins der Cleo-Kinder, die
schöne, kleine Anuschka, blieb später bei uns.
Auch Dalila hatte uns schon einige Male laut und deutlich zu erkennen
gegeben, daß sie "eine unbestimmte Sehnsucht" fühlte. "Denkst du, daβ
Simba später auch einmal Vater von roten Babys werden könnte?" fragte ich
Gré. Sie sah sich den Stammbaum von Simba an und bezweifelte, daß er rote
Vorfahren hätte. "Aber wunderschöne wildfarbige Babys würde sie von ihm
haben können und die ihrerseits würden dann wohl das "Rot" von Dalila
weitergeben", dachte sie.
Das waren so unsere ersten Schritte auf dem Wege zur Vererbungslehre. In
Wirklichkeit war grade bei den Abessiniern alles doch etwas komplizierter.
An einem eigenen Abessinierkater bestand also kein Bedarf, weil es Simba
gab, der seine Sache sehr gut gemacht hatte. Nun schrieb aber Mrs. Winsor
eines Tages, daß sie jetzt grade ein bildschönes kleines rotes
Abessinierkaterchen hätte. Das war eine große Versuchung, aber ich blieb
stark wie immer, wenn's gar nicht anders geht, und schrieb den
gebräuchlichen "Wie-schön-für-Sie-Brief" und sonst gar nichts.
Zwei Wochen später schrieb Mrs. Winsor dann wieder ganz stolz, daß "Tranby
Red Sothis" nun an eine französische Dame verkauft worden sei, die Dalila
auf der Ausstellung in Paris gesehen habe. In einigen Wochen würde er
herübergeschickt werden.
Das freute mich für Mrs. Winsor und für die roten Abessinier im
allgemeinen. Nur kam vierzehn Tage später wieder ein Brief aus England:
die französische Dame wollte Sothis nun doch nicht haben, denn sie wüßte
nicht, ob die rote Rassevariation der Abessinier wohl je in Frankreich
"anerkannt" werden würde und "nur so", sozusagen "un-anerkannt", nein, das
doch lieber nicht. Daß man grade zu der Zeit in England mit der
Anerkennung der roten Abessinier beschäftigt war, das war wohl nicht bis
nach Frankreich durchgedrungen.
Damals gab es noch keine Anti-Diskriminierungsgesetze für Menschen (für
Tiere gibt es die auch heute noch nicht) und so konnte ich ungestraft:
"Typisch französisch" denken und schrieb umgehend: "Darf ich bitte Sothis
kaufen?"--
In Schiphol saβ mein alter Freund am Schalter. Er ließ mich lange warten,
diesmal. "Was macht der Zoo?" fragte er. "Der ist mein Zuhause",
antwortete ich und er sah mich stirnrunzelnd an. Das war das letzte was
ich von ihm gesehen habe, beim nächsten Mal war er nicht mehr dort. Das
war wohl zu anstrengend, mit all den Verrückten, die da ihre Tiere
abholten.
Aus den Lautsprechern tönte ein Lied, das damals populär war: "Roses are
red, my love". Mit dem Lied ist für mich für immer die Erinnerung an die
erste Begegnung mit dem kleinen Sothis verbunden geblieben. Etwas
verhaltener, aber mit derselben Zärtlichkeit wie Dalila kam er mir im "Dierenhotel"
entgegen.
-Ach, und jetzt habe ich auf einmal das Gefühl, daß ich alle Worte von
Begeisterung und Bewunderung bei der Beschreibung der anderen Tiere schon
verbraucht habe. Dabei war er ein so zärtlicher, sanfter und anhänglicher
kleiner Kater, unser Sothis. "Sugar is sweet, my love, but nothing was as
sweet as you, Sothis. Du bist unvergessen."
Daran, daß es Probleme bei der Einbürgerung eines neuen Familienmitgliedes
geben könnte, dachten wir längst nicht mehr. Sothis war schnell bei uns zu
Hause. Mit Cleos Babys spielte er, als ob er ihr größerer Bruder wäre. Vor
allem Dalila, die ihn wohl der Farbe wegen an seine Mutter erinnerte,
wurde seine Bezugsperson unter den Katzen. In den dreißig Jahren, in denen
ich Rassekatzen verschiedener Farbe hatte, ist mir immer wieder
aufgefallen, daß Tiere derselben Farbe sich zueinander hingezogen fühlen,
auch dann, wenn sie nicht miteinander verwandt sind.
Buena und Candy beschnüffelten Sothis erst einmal ausführlich und danach
bestand ein Wettstreit, wer mit Sothis im Körbchen oder bei ihm auf dem
Stuhl liegen durfte. Spürten sie mit ihrem noch unverdorbenen Instinkt,
daß es sich hier um das erste männliche Mitglied der Katzenfamilie
handelte? Jantje, Panda, Vosje und Scampolo waren natürlich längst
kastriert.
An Sothis' Verhalten erkannten wir, wie viel Katzen von einander lernen.
Sein Umgang mit Buena war von auffallendem Einfluß auf ihn. Er war ein
ausgesprochen guter Kletterer und machte Sprünge wie Buena sie nicht
besser machte.
Aber noch würde Sothis nicht zum "vermehret sie" beitragen, er war einfach
noch ein weiteres Baby mehr in der Familie. Das "Gehet hin.." ist auch nur
im übertragenen Sinne passend. Es sind die Menschen, die "hingehen".
Unsere Tiere, wenn sie es gut bei uns haben und sie uns lieben, sie
bleiben bei uns, wenn man sie nur läßt.
Inhaltsverzeichnis