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Margaytje
Die Sprache ist das Kennzeichen der
Einmaligkeit des Menschen,
und sie treibt ihn gleichzeitig in
eine Isolation:
Die persönlichste Emotion bleibt
unübertragbar."
(F.G.Droste "Het taaldier mens.")
War es Glück oder nur Zufall,
dass das Schicksal mir das Vorrecht gegönnt hat, die südamerikanischen
Tigerkatzen kennen lernen zu dürfen? Ich weiß es nicht. Mit ihnen habe ich
vieles erfahren, das einzigartig ist und sich wohl kaum irgendwo auf der Welt
in dieser Form wiederholen wird.
Diese Wildkatzen stehen längst
auf der Liste der bedrohten, leider nicht auch auf der der beschützten
Tierarten. Sie leben oder lebten in den Urwäldern von Ecuador, Bolivien und
Brasilien. Mit jedem Quadratmeter Regenwald vermindern sich ihr Lebensraum und
ihre Überlebenschancen als Art drastisch. Meine so seltsamen Erfahrungen mit
ihnen verpflichten mich geradezu von der Zeit zu berichten, wo sie, später mit
noch manchen anderen Tieren, Teil unserer Familie waren.
Ich habe sechzehn Jahre mit den
Wildkatzen zusammen gelebt und finde, dass sie verdient haben durch meine
Geschichte fortzubestehen, wie sie in meiner Erinnerung immer noch leben.
Zur Verwirklichung dieser
Aufgabe stehen mir zwei Mittel zur Verfügung: die Fotos, die ich damals gemacht
habe und meine Erinnerungen, die durch alte Tagebucheintragungen und durch das
gute Gedächtnis meines Mannes unterstützt werden.
Ich hoffe sehr, daß ich die
richtigen Worte finden werde um denen, die dieses lesen, das Wunder erklären zu
können, das ich mit meinen zahmen Wilden erlebt habe. Sie waren nicht nur
faszinierend schön, sie hatten auch Persönlichkeit, Intelligenz,
Anpassungsfähigkeit und einen absoluten Realitätssinn.
Ich schreibe dies alles aber
auch zum Andenken an alle die Tiere, die mir mein Leben lang die besten Freunde
und Weggenossen waren. Sie alle haben meinem Leben Inhalt gegeben und von ihnen
habe ich mehr über die Schöpfung gelernt als aus allen Büchern während und nach
meiner Schulzeit.
Angefangen hat das alles im
Jahre 1951 mit einer ganz normalen Hauskatze, die wir uns anschafften, weil
unsere Kinder so gern ein Kätzchen haben wollten. Auf dem „Hoogkamp“ in Arnheim
wurde ein junges Katerchen angeboten. Der Hoogkamp war für uns am anderen
Ende der Stadt. Wir fuhren hin und holten das sehr junge Tierchen in einem Haus
an der "Jacob Marislaan" ab. Genau in dieser Straße, schräg gegenüber der
Geburtsstätte unseres ersten Katerchens, sollte sich später die Geschichte
abspielen, die ich erzählen will.
Der kleine Kater war einer
dieser Straßenschönheiten, grau getigert mit weiβem Lätzchen und Pfoten. Aber
wir fanden ihn schön und nannten ihn groβzügig "Tiger".
Als wir vier Jahre später ein
Haus an der Jacob Marislaan bezogen, ging Tiger mit und war ganz
selbstverständlich gleich dort zu Hause. Er war ein gutes Vorbild dafür, dass die
Annahme, dass eine Katze sich nur an das Haus und nicht an die Menschen
gewöhnt, falsch ist. Bald hatte Tiger eine Frau gefunden, "Snoesje" hieß sie,
was soviel heiβt wie "Süße". Sie kam und blieb und bekam gar bald zwei noch
süβere Kinderchen. Wir waren zu der Zeit auf dem Gebiet der Katzenhaltung noch
nicht viel gewohnt und vier Kätzchen erschienen uns absolut zu viel. Also rief
ich den Tierschutz an: ob man nicht ein gutes Heim bei lieben Menschen für zwei
reizende kleine Katzenbabys wisse. Die Tierschutzdame erkundigte sich
ausführlich danach, wie wir die Kätzchen wohl versorgten und als sie alles
gehört hatte, vom Hackfleisch bis zu den Vitamintropfen, verabschiedete sie
sich mit ein paar freundlichen Worten und ließ vorläufig nichts mehr von sich
hören. Es gab wohl Tiere, die ihre Sorge dringender nötig hatten. Aber das alles musste ich erst später lernen.

Die beiden Kinder von Tiger und
der Süßen blieben also bei uns und wurden "Fleckje" und "Leeuwtje" getauft. (Leeuw
ist holländisch für Löwe.) Nach einer Weile hörte ich dann doch wieder etwas von
der Tierschutzdame. Im Park Sonsbeek sei so ein armes, verwahrlostes
Kätzchen gefunden worden. Das Tierheim wäre voll und das Tierchen würde wohl
eingeschläfert werden müssen, wenn man keine Bleibe dafür fände. Ob ich es nicht
"für eine ganz kleine Weile" aufnehmen könnte, bis eine passende Adresse für es
gefunden sei? Wer kann da schon "nein" sagen? Das Katerchen war plump,
ungleichmäßig gezeichnet, struppig, kurz gesagt, das genaue Gegenteil von einer
Schönheit. Aber grade das gab ihm etwas Rührendes. Es wurde von einer
Tierschutzdame gebracht, die Frau Reinemann hieß und in unserer Nähe wohnte. Sie
gehört zu den Schicksalsfiguren dieser Geschichte. Das Katerchen nannten wir "Scampolo".
Tiger

Frau Reinemann brachte uns
später auch den schwarz-weißen "Panda", der so sanft und anhänglich war und die
fröhliche "Pückie", die erste Katze in unserem Haushalt, die Türen öffnen
konnte, indem sie auf die Türklinke sprang. Panda wollte ihr das nachmachen,
aber er hatten den Kniff nicht im Griff. Er sprang vor der Tür herum, wenn er
heraus wollte, aber das funktionierte nicht. Ab und zu kam Pückie ihm zu Hilfe.
Pukkie, Scampolo,
Romy und Panda
"Romy", die wir so nannten, weil
sie ein so liebes,
freundliches Gesichtchen
hatte, fand ich selbst im Tierheim, das ich inzwischen wöchentlich besuchte.
Sie stand auf der "Einschläferliste", wobei man mir das Wort "einschläfern"
vergeben möge. In Wirklichkeit geschah das "einschläfern“ mit sehr
schmerzhaften Strychnin-Injektionen, die aber billig waren. Dass ich dagegen
protestierte, brachte mir Streit ein und ich verhielt mich weiter still, weil
man drohte, mir sonst den Zugang zum Tierheim zu verweigern.
Im Frühjahr 1960 waren wieder
einmal alle Käfige im Tierheim voll besetzt mit "einzuschläfernden" Katzen,
hauptsächlich Mutterkatzen mit Jungen. Gleich als ich herein kam, sah ich
im obersten Käfig eine tote Katze mit zwei Jungen, die vergeblich bei der toten
Mutter zu trinken versuchten. Auf dem Steinfußboden krabbelte noch ein ganz
kleines Tierchen herum, das wohl aus einem der Käfige gefallen war. Ich nahm die
zwei aus dem oberen Käfig und legte sie "so lange" zu einer der anderen
Mutterkatzen.
Den Kleinen vom Fuβboden nahm
ich auf und steckte ihn in meinen Mantel. Er war etwa vier Wochen alt. Den
Tierarzt, der grade kam, fragte ich: "Wie kann ich den am besten füttern, um ihn
groß zu kriegen?" - "Lassen sie den nur hier," sagte er, "der geht ihnen doch
ein."
Also nahm ich den Kleinen mit
und fütterte ihn, sehr unsachgemäß aber mit Erfolg mit einer Diät von gehacktem
Steak und Sahne und hatte danach in ihm für achtzehn Jahre den treuesten Freund,
den je ein Mensch gehabt hat. Wir nannten den kleinen Kater "Jantje".

Jantje, der
unvergessene beste Freund
Inzwischen war ich längst
Mitglied beim Tierschutz geworden und der Kontakt mit den beiden
Tierschutzdamen war unvermeidlich. Sie berichteten mir treu wann dringend
Hilfstruppen für die Kollekte am 4.Oktober gesucht wurde oder wenn jemand mit
Auto gebraucht wurde, weil irgendwo ein Kätzchen, ein Hund oder ein
Meerschweinchen in mehr oder weniger beschädigtem Zustand abgeholt werden musste.
Frau Reinemann war es auch
wieder, die eines Tages einen wunderschönen, roten Kater fand, der - so war aus
dem Fundort und seinen Verwundungen ersichtlich- am verkehrsreichen "Amsterdamerweg"
überfahren worden war. Ein Bein war gebrochen. Es war zu spät für eine
Operation, also lief er weiter, etwas hinkend aber trotzdem unbehindert, durch's
Leben -natürlich in unserem Haushalt!
Inzwischen könnte man natürlich
fragen, was das denn für eine Familie sei, die einen so rapiden Zuwachs des
Katzenbestandes im Haushalt duldet. Nun, das war mein sehr tierliebender Mann,
die Tochter Marion, der Sohn Freerk und ich. Die beiden Kinder waren wohl
auf dem Gebiet der Tierliebe erblich belastet.
Soweit die Vorgeschichte. Der
tatsächliche Anfang spielte sich in der ersten Dezemberwoche des Jahres 1960 ab,
genau gesagt am 5. Dezember, dem holländischen Nikolaustag. An diesem Tag kam
nämlich Frau Reinemann wieder einmal mit einem Kätzchen zu uns, das ich
aufnehmen sollte.
Ich sehe sie da noch sitzen, auf
dem Sofa. Den Mantel hatte sie nicht ausgezogen, denn darin versteckte sich
etwas das ich erst für ein Plüschtier hielt. Merkwürdigerweise hatte Frau
Reinemann sogar ihre Handschuhe angelassen, als sie in unser Wohnzimmer kam. Mit
behandschuhten Händen holte sie nun das Fellbündel aus ihrem Mantel und hatte
einen kleinen Winzling in den Händen, der wütend kratzte und in ihre Handschuhe
biss. Sie ließ das kleine, fauchende Etwas los und es flog verängstigt unter ein
Kissen in der Ecke des Sofas, auf dem Frau Reinemann saß. "Ich habe da ein
Kätzchen gefunden" sagte sie etwas matt, und ich: "Kätzchen ist gut!
Was ist
das in Himmels Namen? Ein Miniaturpanther?" Ich sah noch ein Stück Fell unter
dem Kissen hervorgucken. Goldgelb war es, mit schwarzen Ringen.
Jetzt hörte ich die Geschichte:
Frau Reinemann war in ihrer Funktion als Tierschutzkontaktperson angerufen
worden und hatte gehört, dass man irgendwo eine Katze abholen sollte, die auf
einem ungeheizten Dachboden gehalten würde. Sie war von einem Matrosen aus
Südamerika mitgebracht worden, aber die Eltern des jungen Mannes wollten sie
nicht mehr haben. Sie wäre bösartig, hatte man gesagt und außerdem wollte sie
nicht einmal Milchbrei fressen. Mit viel Mühe hatte Frau Reinemann das Tierchen
eingefangen und brachte es nun zu mir, da ich ja sowieso im Ruf stand, ein
Katzennarr zu sein.
"Ich will versuchen, ob ich mit
ihr fertig werde" versprach ich. "Aber ob ich sie behalten kann, hängt davon ab,
wie sie sich mit meinen anderen Katzen verträgt."
Mit sichtlicher Erleichterung
ging Frau Reinemann fort und gab mir nur noch den Rat, die kleine Furie nicht
ohne Handschuhe anzufassen.
Nun trage ich grundsätzlich
keine Handschuhe im Wohnzimmer. Also zog ich unbewaffnet und wehrlos das Kissen
von dem "wilden Tier" herunter. In diesem Augenblick sah ich zum ersten Mal
eine Tigerkatze.
Sie saß da, winzig klein, wie
erstarrt, fauchte auch nicht mehr, sie war nur die verkörperte Angst. Ich hatte
auch keine Zeit, sie zu bewundern, erst musste ich ihr Gelegenheit geben, mich
kennen zu lernen.
Ich hielt ganz vorsichtig meine
Hand in ihre Nähe. Sofort ging sie jetzt zum Angriff über, kratzte, blies,
fauchte, biss in die Hand. Aber das merkwürdige Ding, das da vor ihr lag, rührte
sich nicht. So setzte sie sich hin und besah und beschnüffelte meine Finger,
dann gingen ihre Augen an meinem Arm entlang und über die ganze Gestalt, die
daran fest saß. Und was sie da sah, musste sie einer gründlichen Untersuchung
unterziehen. So richtete sie sich auf, saß auf den Hinterpfoten und schaute von
rechts nach links und wieder zurück mit einer Bewegung, wie man sie bei den
Bären im Zoo beobachten kann, wie ein Metronom, nur langsamer. Diese
"Beobachtungshaltung" habe ich später bei meinen Tigerkatzen immer wieder
wahrgenommen.

Meine erste
Tigerkatze war eine Geoffroykatze,(Leopardus
geoffroyi)
Jetzt endlich konnte ich mein
neues "Kätzchen" gut ansehen. Ihr Fell war goldgelb, am Bauch mehr cremefarbig
und überall ganz gleichmäßig gefleckt. Die Zeichnung am Kopf war eigentlich
genauso wie die von allen getigerten oder gefleckten Katzen, mit der M-förmigen
Zeichnung auf der Stirn, wie alle getigerten Katzen, wild oder zahm, sie haben.
Sie hatte runde, kleine Öhrchen mit einem weißen Fleck auf der Rückseite, wie
die Tiger ihn haben. Ihre Augen waren warmbraun und vom ersten Augenblick an
fiel mir auf, wie intelligent sie dreinschauten.

auch
Kleinfleckkatze oder Salzkatze genannt
Ich habe versucht, meine erste
Tigerkatze nun ganz nüchtern zu beschreiben. Was ich allerdings nicht ausdrücken
kann, ist die Ausstrahlung, die von diesem winzig kleinen Tier ausging. Ein
Hauch von Urwald war es, eine Kombination von Wildtier und hilfloser Kreatur,
ein Stückchen Urschöpfung, die mir bisher verborgen geblieben war. Ich habe
später bei vielen anderen, die sie oder auch meine anderen Wildkatzen sahen,
dieselbe Reaktion wahrgenommen. Sie war eine atemberaubende Winzigkeit.
Viel Zeit zum Bewundern gab es
vorläufig nicht. Es war klar, dass unser Gast erst einmal etwas Nahrhaftes
bekommen musste und ganz sicher keinen Milchbrei. Eines der Kinder holte rohes
Rindfleisch: Vitamintropfen waren im Haus. Das Fleisch wurde in kleine Würfel
geschnitten (sehr überflüssigerweise, wie sich später herausstellte) und die
Vitamintropfen darüber getröpfelt. Das Ganze wurde auf ein Tellerchen gelegt und
auf den Fußboden gestellt. Und dann hörten wir zum ersten Mal den Ruf einer
kleinen Tigerkatze! Ich habe seither oft und vergeblich versucht diese Stimme
zu beschreiben. Immer wieder komme ich nicht weiter als zu sagen, dass sie mich
in erster Instanz an den Ruf eines Pfauen erinnert. Ein heiserer Ruf, in weitaus
höherer Tonlage als der Schrei eines Panthers, aber doch die "Melodie", die
Tonart. Sie gleicht überhaupt nicht der Stimme der Hauskatzen.
Also diesen Schrei stieß sie
aus, stürzte sich auf den Teller mit Fleisch, biss in den Rand, sprang mit allen
vier Pfoten auf den Teller, ergriff eins der Fleischstückchen und rannte damit
quer durch's Zimmer unter einen Schrank. Dieses Schauspiel wiederholte sich,
bis der Teller leer war. Danach legte sie sich in unseren Bücherschrank und
schlief lange.
Am Abend war Familierat. Wir
waren uns einig, dass am nächsten Tag ein Tierarzt kommen müsste und zwar nicht
der, der unsere Hauskatzen geïmpft hatte, sondern einer, der auch die Tiere im
Zoologischen Garten betreute. Er würde das Kätzchen impfen müssen, uns
Ratschläge für die Versorgung geben und auch wohl sagen können, was für ein Tier
das überhaupt sei.
Der Tierarzt kam auch. Er sagte,
dass wir nur weiter rohes Fleisch mit Vitaminen füttern sollten, kam zu dem
Schluss, daβ das Tierchen wohl eine junge Margay sei und fand sie noch zu jung,
um geïmpft zu werden. Und damit hatte er unserem Kätzchen schon das Todesurteil
ausgesprochen.
Viel später erwies sich übrigens
auch seine Bestimmung der Katze als falsch. Es war eine Kleinfleckkatze (Leopardus
geoffroyi) die uns ins Haus geschneit war. Aber den Namen hatten wir damals noch
nie gehört. Der Zoo-Tierarzt scheinbar auch nicht.
Vorläufig war alles noch eitel
Sonnenschein. Der Name Margay gefiel uns so gut, dass wir ihn zum Rufnamen der
Kleinen machten und sie gewöhnte sich bald an ihren Namen, den sie wohl mit
Futter assoziierte. Am zweiten Tage lief sie schon hinter mir her, am dritten
wagte ich es, sie mit den anderen Katzen bekannt zu machen. Es war ein
Riesenerfolg. Sie lief auf die Hauskatzen zu, beschnüffelte sie und stieß dabei
wieder diesen merkwürdigen Schrei aus. Für uns sah es ganz so aus, als ob sie
unter ihnen nach ihrer Mutter suchte. Eine Ersatzmutter fand sie dann in Kater
Jantje, der sie sofort liebevoll betreute. Er leckte sie, spielte mit ihr, ließ
sie zwischen seinen Pfoten schlafen. Beim Spielen gab es ab und zu einmal einen
Schrei, denn die Kleine hatte weitaus schärfere Nägel und Zähne als eine
Hauskatze. Aber sehr schnell hatte sie begriffen was erlaubt war und was sie
besser unterlassen könnte. Nach ein paar Tagen hielt sie ihre Zähne und Nägel
unter Kontrolle.
Überhaupt lernte sie alles in
einem unglaublich schnellen Tempo. Uns erstaunte das damals. Erst viel später,
als in unserem Hause eine Oncilla-Kinderstube war, erkannten wir, wie
ungeheuer diszipliniert junge Wildkatzen erzogen werden, eine Maßregel, die wohl
zum Überleben im Urwald eine absolute Notwendigkeit ist.
Ihre Intelligenz war bedeutend
größer, als die einer Hauskatze. Als sie eine Woche bei uns war, wußte sie
alles, was eine "anständige" Hauskatze wissen muss. Bei den meisten Dingen
imitierte sie einfach die anderen Katzen. Sie konnte von einem Tellerchen
fressen, ohne erst in den Rand zu beißen, passte sich dem Tag- und
Nachtrhythmus an, ging sogar -und das war wirklich sehr bemerkenswert- auf das
Katzenklo, spielte mit einem Tischtennisbällchen und sah vor allem uns Menschen
nicht mehr als ihre Feinde, sondern wohl als etwas komische Mit-Tiere.
Sehr auffallend war ihr
Geruchssinn. Es ist mir ein paar mal passiert, dass ich in der Küche das Fleisch
für die Katzen geschnitten hatte und danach ins Zimmer kam, um noch etwas zu
holen, die Vitamintropfen oder ein Tellerchen. Noch aus der entferntesten Ecke
kam sie dann angerannt, kletterte an meinen Strümpfen, meinen Kleidern hoch und
biss iin die Hand, mit der ich das Fleisch
angefasst hatte. Im Anfang biss
sie dabei recht fest zu, später, als sie gelernt hatte, dass sie vorsichtig sein
musste, nur ganz zart und dann leckte sie meine Finger.

Die
Beobachtungshaltung
Erstaunlich war auch ihre
Schnelligkeit und ihr Reaktionsvermögen. Nachdem sie ein paar Tage bei uns war,
hatte sie sich angewöhnt, auf unseren Schoß zu klettern und dort laut spinnend
einzuschlafen. Das tat sie auch einmal, als wir zu Tisch saßen. Dem Anschein
nach lag sie in tiefem Schlaf und völlig regungslos auf meinem Schoß. Dann, auf
einmal, im Bruchteil einer Sekunde, so schien es, schoss sie wie ein Blitzstrahl
über den Tisch und saß im nächsten Augenblick in der Ecke des Zimmers mit ihrer
Beute: der Bockwurst, die noch ein paar Augenblicke zuvor auf dem Teller
meiner Tochter gelegen hatte!
Auch ihr Anpassungsvermögen war
bemerkenswert. Schon am dritten Tag ihres Aufenthalts bei uns, an dem Tage an
dem sie die anderen Katzen kennen gelernt hatte, lief sie der Gruppe nach, die,
der Gewohnheit gemäß, ihr Abendfutter in dem geräumigen Badezimmer bekam, wo die
Katzen auch ihre Schlafkörbchen für die Nacht hatten. Dort nestelte sie sich mit
Jantje in ein Körbchen.
In unserer Familie habe ich den
Ruf, eine Art Weihnachtsfanatiker zu sein. Ein paar Wochen vor dem Fest
beginnen schon die Vorbereitungen und zum Fest ist das ganze Haus mit Tannengrün
und Kerzen geschmückt. Die Weihnachtskarten hängen an einer langen Leine im
Wohnzimmer. Diese Gewohnheit aus meiner Jugend hatte ich mit nach Holland
genommen, als ich dorthin übersiedelte, obschon zu der Zeit Weihnachten in
Holland noch mehr ein religiöses Fest war als ein fröhliches Familienfest. Heute
ist das holländische Weihnachtsfest kaum noch vom deutschen zu unterscheiden.
Aber die Geschenke bekommt man noch immer nicht zu Weihnachten sondern am 5.
Dezember vom Nikolaus. Nun, zum Nikolaus hatten wir das allerschönste Geschenk
bekommen: unser "Margaytje" und zu Weihnachten war sie der Mittelpunkt des
Festes. Alles hatte ihre Aufmerksamkeit. Der Weihnachtsbaum war ein einziges
Abenteuer. Zum Glück habe ich noch ein paar Fotos aus jenen Tagen.

Mit Jantje unter
dem Weihnachtsbaum
Gleich nach Weihnachten wurde
Margaytje krank. Sie wollte nichts mehr fressen und lag lustlos in ihrem
Körbchen. Der Tierarzt kam und schüttelte den Kopf: "Vielleicht hätten wir sie
doch impfen sollen." sagte er. Er gab mir ein paar Tabletten, die ich ihr
eingeben musste und hatte Eile wieder fort zu kommen. Ich hätte ihn ermorden
können, wenn ich nur gewusst hätte, wie man so etwas macht und wenn es geholfen
hätte.
Krampfhaft suchten wir noch nach
Hilfe. Mein Mann rief beim Tiergarten Artis in Amsterdam an, dem damals größten
holländischen Zoo. Aber dort gab man sich zurückhaltend. Wildtiere gehörten nun
einmal nicht in Privathände und übrigens sei da der Tierarzt zuständig.
Irgend jemand gab uns die
Adresse von Herrn Professor Leyhausen vom Max- Planck-Institut in Wuppertal. Ich
rief ihn an und er war hilfsbereit und freundlich. Viel Trost konnte er uns
allerdings nicht geben. "Wenn die kleine Katze die Katzenseuche hat, wird es
wohl kein Mittel geben, sie zu retten. Grade gegen Katzenseuche sind diese
Wildkatzen außerordentlich empfindlich. Aber wenn es sich um eine
Verdauungsstörung handelt, dann rate ich ihnen dringend, ihr eine
schlachtwarme Taube zu besorgen. Tauben sind das ideale Futter für Wildkatzen."
Wo findet man in einer Stadt
eine schlachtwarme Taube? Mein Mann fand schließlich ein Geflügelgeschäft, das
Tauben verkaufte. Schlachtwarm war die Taube nicht, die er mit nach Hause
brachte, aber es war immerhin eine Taube. Ein kleines Stückchen
Taubenfleisch war das Einzige, das noch ein wenig Interesse bei unserem Margaytje erwecken konnte. Aber das kleine Häppchen, das sie gefressen hatte,
brach sie gleich wieder aus. Mit dem Köpfchen hing sie über der Wasserschüssel
und konnte doch nicht trinken. Fünf Tage hat sie so gelitten und wir mit ihr.
Dann war sie tot und meine Welt, der sie einen exotischen Glanz verliehen hatte,
war leer und sinnlos. So verängstigt war sie gewesen und so schnell hatte sie
uns ihr Vertrauen geschenkt und damit unsere Liebe gewonnen. Ich konnte es nicht
fassen, dass das alles vorbei sein sollte.
Einmal früher hatte ich in
meinem Leben eine solche Verzweiflung gefühlt. Ich weiß es noch, als ob es
gestern gewesen wäre. Meine erste Katze.... Ich hatte sie gefunden, als
ich etwa zehn Jahre alt war. Es war ein kleines, halb verhungertes Tierchen, das
ich auf dem Schulweg fand. Ich nahm es auf, brachte es schnell nach Hause:
"Bitte bewahrt es, wenigstens bis ich aus der Schule komme!"
Am Mittag hatte "Pussy" sich
dann schon in den Arm meiner Mutter genestelt, die krank war und im Rollstuhl
saß. Natürlich durfte das Kätzchen bleiben. Es war ein liebes, anhängliches
Tierchen, das seine Zuneigung ehrlich zwischen meiner Mutter und den anderen
Familienmitgliedern teilte. Es war Anfang der dreißiger Jahre und wir wussten
noch nichts von Kastration und Katzenseuchenimpfung. Als "Pussy" zu einem
stattlichen Kater heranwuchs, zog es ihn ab und zu nach draußen, wir mussten ihn
hinauslassen. Eines Tages kam er zurück und war krank. Damals dachten wir, dass
er vergiftet sei. Es kann so gewesen sein. Es gab nicht nur katzenfreundliche
Leute in der Nachbarschaft. Aber vielleicht hatte er auch die Katzenseuche. Ich
weiβ nur noch, dass er nach drei traurigen Tagen starb. Es war meine erste
Begegnung mit dem Tod und ich konnte und wollte das nicht akzeptieren. Pussy
hatte doch grade noch gelebt, das konnte doch nicht einfach vorbei sein!
-Haben wir das nicht alle ein
wenig, auch wenn wir älter sind und längst die Realität des Todes erfahren
haben? Dieses "Nein", wenn wir hören, dass jemand gestorben ist? Ich denke, dass
meine Familie es damals nicht leicht mit mir gehabt hat.
Als man mir dann erklärte, dass
meine Pussy begraben werden sollte, habe ich mich gewehrt, gekämpft. Das konnte
man nicht tun, meine Pussy unter die Erde stecken, das ging nicht!
Auf meinem Schulweg kam ich
jeden Tag an einer Kürschnerei vorbei. Dort hatte ich oft vor dem Schaufenster
gestanden. Ein ausgestopfter Fuchs stand da und ein Eichhörnchen und viele
Vögel. Wenn meine Pussy nicht mehr leben konnte, dann sollte sie wenigstens so
erhalten bleiben, wie diese Tiere, dann würde ich sie immer noch streicheln
können.
Ich hatte sehr gütige Erzieher.
Pussy wurde in einen Pappkasten gelegt und ich durfte sie zum Kürschnerbringen.
Der sagte, dass ich in drei Wochen zurück kommen solle und Pussy abholen.
Es verging eine lange Zeit, weit
mehr als drei Wochen. Ich fürchtete mich vor dem Wiedersehen.
Irgendwas stimmte nicht mit meinem Plan, das fühlte ich und wusste nicht, was es
war. Dann musste ich endlich zum Kürschner. Der nahm das Geld an und gab mir ein
Päckchen. Aufsetzen hätte er die Katze nicht können, dazu sei das Fell zu
schlecht gewesen, weil sie wohl krank gewesen sei. Aber er habe das Fell
präpariert. Das war wohl aufgerollt in dem Päckchen, das er mir gab.
Zu meinem Zimmer gehörte ein
Erker und darin stand ein etwas abgedanktes Sofa, auf dem durfte ich spielen. In
jeder Ecke lag ein Kissen. Unter eins der Kissen stopfte ich das ungeöffnete
Päckchen und saß fortan in der anderen Ecke. Wochen später erst traute ich mich,
einmal vorsichtig unter das Kissen zu sehen: das Päckchen war fort........
Jetzt war es 1961. Ich war eine
erwachsene Frau, die den Krieg erlebt hatte mit allen seinen Schrecken und dem
groβen Sterben. Aber dieses "Nein" dem Tode gegenüber, diese Auflehnung gegen
das "Niemals wieder", die war auf einmal wieder da. Und wieder ging ich zum
Kürschner. Diesmal konnte das Tierchen aufgesetzt werden und wieder einmal musste
ich erkennen, dass man den Tod nicht überlisten kann. Das Fell war gut, aber das
Köpfchen war nicht im entferntesten das Gesichtchen von unserer kleinen Margaytje. Ich stellte sie mit dem Kopf zur Wand in einen offenen Bücherschrank
und dort hat sie wie eine Reliquie bis zu unserem Umzug nach Ingen, gestanden.
Beim Umzug ist sie dann irgendwie verloren gegangen, aber zu der Zeit hatten wir
auch schon unsere ganze Wildkatzenfamilie.
Denn die Geschichte fängt jetzt
erst richtig an.
Inhaltsverzeichnis
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